Vergissmeinnicht

Es gibt 85 Antworten in diesem Thema, welches 16.442 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Vayrasin.

  • @Jennagon Also zu den meisten Sachen, die du ansprichst, kann ich nicht viel sagen außer, dass ich noch darauf eingehen werde und alles von dir angesprochene bedacht habe.
    Was das hinknien des Arztes angeht muss ich zugeben, dass du mich eiskalt erwischt hast. Das war ein Fehler und ich habe es geändert. :)


    PS: Freut mich, dass die Story euch zum Spekulieren anregt @Phi @Kyelia


    @Phi Ja, der Name wird in Kapitel 1 genannt (es ist Arkadius)

    100% Konsequent!

  • Eine bisher sehr rätselhafte Geschichte, die Spannung steigt.


    Die nächsten Minuten verbrachte ich damit, aus dem Fenster zu sehen. Ich hatte einen guten Blick auf den Hinterhof des Krankenhauses, der zu zwei Seiten von dem Gebäude selbst und zu zwei Seiten von einer kleinen Mauer begrenzt wurde.


    Was mir beim Lesen jedoch oft ins Auge sticht sind die vielen ichs. Es ist schwer, in der ich Form zu schreiben, ohne sich ständig zu wiederholen. ;)


    Die beiden Sätze oben habe ich als Beispiel genommen, weil man hier die ich Wiederholung schnell rausbekommt. Und zwar, wenn du dich im zweiten Satz auf das Fenster beziehst. ...aus dem Fenster zu sehen. Es bot einen guten Blick auf den Hinterhof....


    Gerade in längeren Erzählerpassagen ohne Dialog empfiehlt es sich, so kleine Tricks anzuwenden.


    Ich schätze sie alle im Alter zwischen sieben und zehn. Ob man mich in der Kinderstation untergebracht hatte? Ich war schließlich schon fünfzehn.
    Das ferne Klingen von Kirchenglocken riss mich aus meinen Gedanken. Ich zählte die Schläge ab und kam auf elf. Es musste also noch Morgen sein.


    Gerade als Satzanfang will man nicht immer ICH lesen, denn da wirkt es besonders dominant.


    Ich schätzte sie alle im Alter zwischen sieben und zehn. Ob man mich in der Kinderstation untergebracht hatte? Obwohl ich schon fünfzehn war? Das ferne Klingen von Kirchenglocken riss mich aus meinen Gedanken. Elf Schläge konnte ich zählen. Es musste also noch Morgen sein.



    So halbe Sätze wie : Obwohl ich schon fünfzehn war? sind in der Ich Erzählform erlaubt, da du im Text ja direkt die Gedanken und Empfindungen deines Protas wiedergibst.


    Die Perspektive des Ich Erzählers ist super, um dem Leser den Prota nahe zu bringen, verlangt aber beim Schreiben viel Aufmerksamkeit. Am Besten guckst du direkt nach dem Schreiben nochmal die Passagen genau aufs "ich" durch und versuchst, es klein zu halten.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Kapitel 4: DAS MÄDCHEN IN SCHWARZ




    Ich stand eine ganze Weile vor der nun unverschlossenen Tür, doch irgendetwas hinderte mich daran, einfach auf den Flur hinauszutreten. Womöglich die Erinnerung an das letzte Mal, als ich den Raum verlassen hatte.

    Ich begann meinen Kopf mit den Fingern abzutasten, wie ich es schon oft getan hatte, seit ich mich wieder an den Sturz erinnern konnte. An meinen Armen hatte ich Narben gefunden, doch mein Kopf schien vollkommen unversehrt. Auch fühlte ich keinerlei Schmerzen. Wie konnte das sein? Ein Schlag, heftig genug, Gedächtnisschwund zu verursachen, musste doch Spuren hinterlassen. Und nun erzählte mir dieser Rexroth, dass ich keine Gehirnerschütterung hatte.


    Gleich nach seinem ersten Besuch hatte ich beschlossen, dass ich den Doktor nicht mochte. Er fragte mich ständig, wie es mir ging, schien sich aber dennoch herzlich wenig um meine Gesundheit zu scheren. Nicht einmal die einfache Frage, was mir fehlte, hatte er beantworten können. Nein, stattdessen hatte er mich nur noch mehr verunsichert.
    Das war es, was ich an diesem Krankenhaus am meisten hasste. Die Unsicherheit. Woher kamen die Bilder? Was fehlte mir? Wo war Julia?


    Julia. Wieder erinnerte ich mich an meinen Traum. Julia in dem grünen Kleid, die mir Blumen brachte. Ich beschloss, nach ihr zu suchen. Wenn sie nicht im Hof und nicht im Zimmer war, konnte sie eigentlich nur im Gang oder in einem der anderen Zimmer sein. Dass man sie entlassen hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, schließlich behielt man mich auch hier und ich hatte ja nicht einmal eine schwere Verletzung.
    Als ich die Tür öffnete, drangen allerlei Geräusche vom Gang in mein Zimmer. Ich hörte leise Musik, die von einem Kinderlachen und mehreren Stimmen übertönt wurde. Irgendwo zischte eine Kaffeemaschine und eine Tür wurde zugeschlagen. Dem lauten Knall folgte ein kieksender Aufschrei, der aus dem Zimmer neben mir zu kommen schien.


    Der grüne Linoleumboden des Gangs war derselbe wie jener in meinem Zimmer und an den Wänden prangten die händchenhaltenden Figuren, die ich schon im Hinterhof gesehen hatte.
    Ich bewohnte den letzten Raum auf der linken Seite, weshalb mir nur die Wahl blieb, nach links abzubiegen. Anders als in der Nacht, rannte ich jedoch nicht, sondern sah mich gemütlich um.
    Die Hälfte der Türen, an denen ich vorbeilief, war offen und ich warf einen Blick hinein. Anscheinend hatte man mich nicht in der Intensivstation untergebracht, denn ich sah in keinem der Räume Beatmungsgeräte oder sonstige medizinische Apparaturen. Ich musste mich aber, wie vermutet, in der Kinderstation befinden, denn in den Räumen, die nicht leer waren, befanden sich nur Kinder zwischen zehn und fünfzehn Jahren. Einige lagen in ihren Betten, andere spielten am Boden. Häufig standen Erwachsene bei ihnen, die ihre Eltern sein mussten.


    Ob meine Eltern mich besucht hatten, als ich ausgeknockt gewesen war? Hatten sie womöglich all die Bilder aufgehängt?
    Ich bog um die Ecke, als mir die junge Frau entgegenkam, die mir die Blumen gebracht hatte. Sie trug ein Tablett voller Plastikbecher, welches ihr in dem Moment herunterfiel, als sie mich bemerkte. Die Becher klatschen auf den Boden und Orangensaft ergoss ich über das Linoleum und bespritze meine Hose.
    „Hoppla!“, sagte ich erschrocken. Die Frau stand da, die gefalteten Hände vorm Gesicht, den Blick auf die Pfütze, die sich langsam ausbreitete. Ich ging auf die Knie und begann, die Becher aufzuheben.
    „Tut mir Leid, falls ich Sie erschreckt habe. Ich habe nur meine Schwester ges…“
    Die Frau war fort, als ich aufsah. Vielleicht war sie ja gegangen, um Putzsachen zu holen. Einen Bogen um die Orangensaft-Pfütze machend, ging ich weiter den Flur hinab.


    Zu meiner Linken befanden sich Aufzüge und direkt daneben der Eingang zum Treppenhaus, in das ich in der Nacht geflüchtet war. Rechts war ein Zimmer, größer als alle anderen. Es wurde durch eine Glaswand vom Flur getrennt, daher konnte ich hineinsehen. Drinnen standen einige Tische und der Boden war kein Linoleum sondern Parkett. In einer Ecke befand sich eine kleine Einbauküche, in der anderen standen Regale voller Bücher und Bastelutensilien. Davor hockten drei Jungen und spielten mit Modellautos. Der Raum hatte eine Art Wintergarten, in dem Topfpflanzen, eine Tafel und ein paar Staffeleien standen. Durch die großen Fenster konnte man hinaussehen.
    Auf der Küchentheke stand eine Karaffe mit Wasser und einige Becher, bei deren Anblick mir bewusst wurde, wie durstig ich war. Durch eine Glastür ging ich in den Raum, nahm mir einen Becher und schenkte etwas Wasser ein. Als ich trank, bemerkte ich, dass die Jungen am Boden neugierig zu mir herübersahen. Ich beschloss, sie zu ignorieren und trank den Becher aus.


    „Sieh mal einer an, wer da ist!“, hörte ich eine weibliche Stimme sagen. Einen kurzen Moment hoffte ich, es wäre Julia, dann wurde mir klar, dass die Stimme viel zu alt für ein vierjähriges Mädchen klang.
    Ich drehte mich um, konnte jedoch die Quelle der Stimme nicht ausmachen. Da waren nur die drei Jungen am Boden. Durch die Glaswand sah ich, wie sich einer der Aufzüge öffnete und zwei Erwachsene – anscheinend ein Paar – auf den Flur traten.
    „Hier hinten, du Wirrkopf!“, sagte die Stimme wieder. Diesmal fuhr ich in die andere Richtung herum.
    In dem Wintergarten – leicht versteckt hinter einer Topfpflanze – saß eine Teenagerin auf dem Boden. Sie hatte lange violette Haare und war ganz in Schwarz gekleidet. Einen Moment lang kam es mir so vor, als würde ich sie irgendwoher kennen, aber vermutlich sah sie einfach aus wie alle anderen Emos auf der Welt.
    „Was ist denn?“, fragte ich.
    Sie stand auf und musterte mich mit ihren violett und schwarz geschminkten Augen. Dann legte sie ein hämisches Grinsen auf.
    „Haben sie dich also endlich rausgelassen?“
    Woher wusste die denn, dass ich eingesperrt gewesen war?
    „Hast du mich heute Nacht gehört?“
    „Heute Nacht, gestern Nacht und in der Nacht davor“, sagte sie und klang dabei wie ein Grundschüler, der etwas aufzählen musste.
    Mein Herz setzte einen Schlag aus.


    „Wie lange bin ich schon hier?“, fragte ich und meine Stimme überschlug sich fast.
    Die Schwarze lächelte wieder dieses hämische Lächeln. Ihre Lippen waren mit schwarzem Lippenstift bedeckt und ihr fehlte ein Stück von ihrem rechten Schneidezahn.
    „Ich hab die Tage nicht mitgezählt“, antwortete sie.
    Für einen Augenblick konnte ich nicht sprechen. Tage? Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ich schon tagelang hier war.
    „Es tut mir leid, falls ich dich heute Nacht gestört habe.“ Etwas anderes fiel mir im Moment nicht ein.
    „Ist schon gut. Ich war sowieso wach.“
    Irgendetwas an dieser Emotante gefiel mir nicht. Egal, was sie sagte, es klang stets, als würde sie einen anlügen und sich darüber freuen, dass man nicht dahinterkam.
    „Wieso bist du hier?“, fragte ich sie. „Wegen dem Zahn?“
    „Gefällt er dir?“ Sie fuhr sich mit der Zunge über die Zähne ihres Oberkiefers. „Habe ich meinem Vater zu verdanken. Dem Arschloch. Nein, deswegen bin ich nicht hier.“


    Sie hob ihre Hände und zeigte mir die tiefen Narben an ihren Unterarmen. Es waren dutzende kleine Schnitte, von denen die meisten noch mit Wundschorf bedeckt waren.
    „Deswegen bin ich hier. Rasierklinge und so, du weißt ja, wie das ist.“
    Das wusste ich in der Tat. In meiner Klasse hatte es einmal ein Mädchen gegeben, das sich geritzt hatte. Als ich sie auf die Narben angesprochen hatte, war sie in Tränen ausgebrochen. Danach hatte ich dem Schulsozialarbeiter Bescheid gesagt und am nächsten Tag war das Mädchen nicht mehr zur Schule gekommen. Manche behaupteten, sie habe sich umgebracht, aber es war wahrscheinlicher, dass man sie eingewiesen hatte.
    Deshalb wollte ich das Mädchen in Schwarz nicht nach dem Grund für seine Selbstverstümmelung fragen.
    Stattdessen sagte ich: „Bei mir ist es der Kopf.“
    Sie begann zu lachen.


    „Was ist so witzig?“ Ihre Reaktion provozierte mich, doch ich bemühte mich, dies zu verbergen. Sie war die Art von Mensch, die es genoss, andere zu provozieren, das sah man ihr an.
    „Gar nichts“, antwortete sie und machte eine abweisende Geste mit der Hand.
    „Ich glaube, es ist eine Gehirnerschütterung. Aber die Ärzte sagen, dass das nicht stimmt.“
    Diesmal erbebte sie unter schallendem Gelächter.
    „Junge…“, sie versuchte sich zu beruhigen, „…du hast keine…“, wieder musste sie kichern, „… das was du hast, ist viel schlimmer!“ Sie lachte immer noch.
    „Woher willst du das denn wissen?“ Ihre Worte machten mich wütend. Sie wollte mich offenbar einfach nur ärgern.
    „HÖR AUF ZU LACHEN!“


    Das Paar, das aus dem Aufzug gekommen war und jetzt bei einem der Jungs am Boden saß, schaute zu mir herüber. Sofort lief ich rot an. Ich hatte nicht schreien wollen. Der Mann nahm seinen Jungen auf den Arm und die Familie verließ den Raum.
    „Muss schön sein, wenn die Eltern einen besuchen“, sagte das Mädchen mit gespielter Sehnsucht. „Meine Eltern haben mich nie besucht. Zum Glück. Ich hasse sie.“
    Ihre Worte schockierten mich. Wie konnte man denn so über die eigenen Eltern reden?
    „Meine Eltern werden mich bestimmt bald besuchen kommen“, sagte ich und das Mädchen brach erneut in Gelächter aus.
    „Du bist echt ‘ne Nummer!“, sagte sie.


    Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. Meine rechte Hand begann zu zucken. Eigentlich wollte ich gar nicht auf ihre dummen Sprüche eingehen, doch schließlich fragte ich: „Wie meinst du das? Nur weil deine Eltern dich scheiße behandeln, heißt das noch lange nicht, dass meine das auch tun!“
    „Die kommen nicht.“ Sie konnte vor Lachen kaum sprechen. „Deine Mutter erträgt es nicht mehr, hab ich sie sagen hören. Sie erträgt dich nicht mehr!“
    Wie fremdgesteuert schnellte meine Hand nach vorne und traf ihre Wange. Es war kein Klaps; ich hatte meine ganze Kraft in den Schlag gelegt. Sie stürzte zu Boden und als sie nicht aufhörte zu lachen, begann ich, auf sie einzutreten. Ein Nebel aus Wut und Tränen nahm mir die Sicht. Ich war wie im Rausch, als plötzlich eine scharfe Stimme den Nebel durchdrang.
    „AUFHÖREN!“


    Eine Hand packte mich und riss mich herum. Ich starrte ins Gesicht des Riesen, der mich in der Nacht festgehalten hatte.
    „Es tut mir leid“, stammelte ich, während das Mädchen noch immer lachte.
    „Halt ihn gut fest, Jonathan. Diesem Rexroth werde ich was erzählen!“ In der Tür stand die junge Frau, die den Saft vergossen hatte. Sie war außer Atmen und schickte die anderen Kinder nach draußen.
    „Hab ich da meinen Namen gehört?“ Doktor Rexroth kam den Gang entlanggelaufen und hielt vor der Frau an.
    „Wo ist das Problem?“, fragte er und sah durch die Glaswand zu mir herüber.
    „Der ist das Problem!“, keifte die Frau, noch immer außer Atem. „Haben Sie ihn etwa rausgelassen?“
    Rexroth machte eine Geste, mit der er die Frau dazu brachte, leiser zu sprechen. Jetzt konnte ich nichts mehr verstehen. Die beiden führten eine kurze aber heftige Diskussion, dann warf die Frau die Hände in die Luft und kam ins Zimmer.


    Sie half dem Mädchen auf, dessen Lippe aufgeplatzt war und begleitete es nach draußen. Rexroth flüsterte den beiden im Vorbeigehen etwas zu, dann kam er herein.
    „Jonathan, lass ihn los“, befahl er dem Riesen. Dieser zögerte kurz, ließ dann aber von mir ab. Wenn dieser Jonathan stand, überragte er den Doktor um gut dreißig Zentimeter. Rexroth musste den Kopf in den Nacken legen, um mit ihm zu sprechen.
    „Lass uns doch bitte kurz allein“, sagte er.
    Der Riese warf mir einen kurzen Blick zu, dann schüttelte er den Kopf und ging hinaus. Nun waren der Doktor und ich ganz allein.
    „Du hast dein Versprechen gebrochen, Arkadius“, sagte Rexroth. Er klang eher traurig als zornig.





    100% Konsequent!

    4 Mal editiert, zuletzt von Unor ()

  • Woher wusste die denn, dass ich eingesperrt gewesen war.

    Fragezeichen am Schluss


    „Heute Nacht, gestern Nacht und in der Nacht davor!“ Sagte sie

    !", sagte sie


    Ein wenig verwirrt war ich, (weil das Mädchen gesessen hatte und nicht aufgestanden war) dass sie von seinem Schlag fiel. Da fehlt iwo die Info, dass sie inzwischen aufgestanden war.



    Ein sehr aufschlussreicher Teil und auch sehr gut geschrieben! :thumbsup:
    Es scheint, als sitzt Arkadius in der Psychiatrie. Und so schnell, wie er das Mädchen gewaltsam angegangen ist, mache ich mir echt Sorgen, was mit seiner Schwester geschehen sein könnte. 8|
    :stick:

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

    • Offizieller Beitrag

    Auf der Küchentheke stand eine Karaffe mir Wasser und einige Becher, bei deren Anblick mir bewusst wurde, wie durstig ich war.

    mit

    Sie hatte lange violette Haare und war ganz in schwarze gekleidet

    schwarz


    Mir scheint, der Gute ist ein wenig gewalttätig, wenn er das Mädchen nach dem eigentlich harmlosen Lachen schon so aggressiv angeht. Kein Wunder, dass man ihn eingesperrt hat. :hmm:
    Es ist und bleibt verwirrend und ich frage mich, ob der Arzt nun mal mit der Sprache herausrückt. Ihn im Unwissen zu lassen, scheint ja wenig zu bringen. Nur, dass er noch wütender wird.


    LG, Kyelia

  • @melli Danke, dass du mir die Leichtsinnsfehler rausgefischt hast! :) Ich habe übrigens an einer Stelle erwähnt, dass sie aufsteht:




    Zitat von Unor

    Sie stand auf und musterte mich mit ihren violett und schwarz geschminkten Augen.

    @Kyelia Na ja, ob man das jetzt harmloses Lachen nennen kann. Immerhin macht sie sich über seine doch ziemlich schlimme Situation lustig. Versteh mich nicht falsch, seine Reaktion war trotzdem unangebracht. Vielleicht muss ich es auch nochmal überarbeiten, damit deutlicher rüberkommt, dass sie sich über ihn lustig macht. Was meinst du?

    100% Konsequent!

    • Offizieller Beitrag

    @Kyelia Na ja, ob man das jetzt harmloses Lachen nennen kann. Immerhin macht sie sich über seine doch ziemlich schlimme Situation lustig. Versteh mich nicht falsch, seine Reaktion war trotzdem unangebracht. Vielleicht muss ich es auch nochmal überarbeiten, damit deutlicher rüberkommt, dass sie sich über ihn lustig macht. Was meinst du?

    Nein, man merkt schon, dass sie sich über ihn lustig macht. ^^
    Ich bin auch etwas gewaltbereit und sehr leicht genervt, aber das hätte mich noch nicht dazu gebracht, jemanden zu schlagen. Vielleicht stehe ich mittlerweile auch nur drüber, wenn mich jemand auslacht, aber ich konnte es eben nicht ganz nachvollziehen.
    Und im Nachhinein weiß ich auch, woran es liegt. :hmm:

    Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. Meine rechte Hand begann zu zucken. Eigentlich wollte ich gar nicht auf ihre dummen Sprüche eingehen, doch schließlich fragte ich: „Wie meinst du das? Nur weil deine Eltern dich scheiße behandeln, heißt das noch lange nicht, dass meine das auch tun!“
    „Die kommen nicht.“ Sie konnte vor Lachen kaum sprechen. „Deine Mutter erträgt es nicht mehr, hab ich sie sagen hören. Sie erträgt dich nicht mehr!“
    Wie fremdgesteuert schnellte meine Hand nach vorne und traf das Mädchen im Gesicht. Es war kein Klaps; ich hatte meine ganze Kraft in den Schlag gelegt. Sie stürzte zu Boden und als sie nicht aufhörte zu lachen, begann ich, auf sie einzutreten. Ein Nebel aus Wut und Tränen nahm mir die Sicht. Ich war wie im Rausch, als plötzlich eine scharfe Stimme den Nebel durchdrang.
    „AUFHÖREN!“

    Das sind alles Gesten, die du beschreibst - keine Gefühle, nichts was innerlich passiert. Da fehlt etwas der innerliche Druck, der Reiz, der diese Reaktionen hervorruft. Sprich: fühlt er sich durch ihre Worte beengt? Beleidigt? Ängstlich? Panisch, weil er spürt, dass sie recht hat, es aber einfach nicht wahr haben will? Das scheint mir ein Moment zu sein, in dem sich in seinem Inneren einfach alles schlagartig zusammenzieht und er nicht mehr weiß, was genau er da eigentlich macht. Es fehlt die Emotion hinter seinem Tun. :hmm:


    EDIT: Verstehst du, was ich hier vor mich hingelabbert habe? xD 8|


  • Ob meine Eltern mich besucht hatten, als ich ausgeknockt gewesen war?

    Wieso fragt er sich das erst jetzt? Ich hätte spätestens bei der Erinnerung an eine Schwester erwartet, dass einem im selben Atemzug die Eltern einfallen.

    „Meine Eltern werden mich bestimmt bald besuchen kommen“, sagte ich und das Mädchen brach erneut in Gelächter aus.

    Immer noch zu wenig Gefühle. Hier oder beim Zitat oben wäre z.B. ein wunderbarer Moment, um Arkadius mal ein bisschen besser kennen zu lernen. Macht er sich Sorgen, wieso seine Eltern nicht da waren? Wünscht er sich, dass sie kommen oder ist er lieber auf sich allein gestellt? Vermisst er vielleicht das Lachen seiner Mutter, während er eher Angst vor seinem grummeligen Vater hat? Gib deiner Figur mehr Tiefe und rassel nicht emotionslos die Ereignisse herunter!


    Ich für meinen Teil kann zwar sehr gut verstehen, wieso er gleich so ausrastet, aber ein bisschen mehr Text schadet trotzdem nicht. Hier gilt dasselbe wie oben: GEFÜHLE! Rastet er so aus, weil er tief in sich drin immer das Gefühl hatte, für seine Eltern nicht wichtig zu sein? Oder rastet er aus, weil es eine so dreiste Lüge ist, da seine Eltern die liebsten und tollsten der Welt sind? Fühlt er eher Wut oder hilflose Verzweiflung?
    Als er stammelt, dass es ihm Leid tut - tut es ihm wirklich Leid? Ist er schockiert über sich selbst? Fühlt er jetzt auf sich ebenso eine Wut wie vorher auf das Mädchen? Oder denkt er in Wirklichkeit, dass sie es nicht anders verdient hat?


    Ich würde mir wünschen, dass du beim nächsten Abschnitt nach dem Durchlesen dir nochmal die Zeit nimmst, es ein zweites mal Durchzulesen. Dabei solltest du nach Gelegenheiten Ausschau halten, an denen du private Gedanken von Arkadius einbringen könntest. Natürlich muss man nicht nach jedem "dort stand eine Topfpflanze" beschreiben, in welchem emotionalen Verhältnis er zu dieser Topfpflanze steht :P Aber sowas wie die zwei Situationen oben kann man schon nutzen.


    Außerdem befürchte ich langsam wie Jenna schon vorher, dass du dich verstricken könntest... man weiß es ja nicht, aber nach und nach scheint es ja doch immer eindeutiger eine psychatrische Anstalt zu sein. Dass der Doktor die Tür einfach auflässt bei einem scheinbar gefährlichen und noch sehr verwirrten Patienten... jaaaaaa, kann man vielleiiiicht mit geistiger Umnachtung zurechtreden. Dass einem verwirrten und durchaus auch etwas verängstigten Patienten aber nichtmal eine Diagnose, ein klärendes Gespräch, IRGENDWAS gegeben wird... das halte ich doch für sehr sehr zweifelhaft. Oder dass zu keinem Gespräch mit den Erziehungsberechtigten bestellt wird.
    Wer weiß, wie du dir das alles ausgedacht hast, aber für den Fall der Fälle.. wollte ich es mal wie Jenna vorher erwähnt haben ^^


    Sometimes, you read a book and it fills you with this weird evangelical zeal, and you become convinced that the shattered world will never be put back together unless and until all living humans read the book.

  • @Kyelia Ich denke, ich kann ohne zu viel zu verraten sagen, dass er selbst nicht weiß, warum ihre Worte ihn so wütend machen (er kann seine Reaktion also selbst nicht nachvollziehen)

    100% Konsequent!

  • Kapitel 5: ZURÜCK INS ZIMMER


    „Es tut mir so leid“, sagte ich beschämt. Meine Hände zitterten heftig und nun da die Wut verschwunden war, fühlte ich mich schwach und kränklich. Als würde ich jeden Moment zusammenbrechen.

    Dr. Rexroth betrachtete den kleinen Blutfleck, der dort zurückgeblieben war, wo das Mädchen auf den Kopf gestürzt war.

    „Selina hat sich in ihrem Leben schon oft genug selbst verletzt, da musst du sie nicht auch noch verprügeln!“ Er klang zornig und frustriert.
    „Es tut mir doch leid!“ Meine Stimme bebte und ich spürte, wie mir Tränen in die Augen traten. „Es war nur…“, ich schluchzte, „sie hat so gemeine Sachen gesagt! Sie…“ Der Doktor trat einen Schritt zu mir und schloss mich in die Arme. Mit einer Hand hielt er meinen Hinterkopf.
    „Pst“, wisperte er.
    „Sie hat gesagt…“
    „Zerbrich dir nicht den Kopf. Selina sagt manchmal Dinge, die nicht sehr nett sind. Deswegen ist sie ja hier.“
    Ich fand es ein wenig seltsam, dass der Arzt mich in den Arm genommen hatte, doch es fühlte sich irgendwie richtig an und deswegen ließ ich es zu. So standen wir eine ganze Weile, bis Rexroth schließlich sagte: „Komm, ich bringe dich in dein Zimmer zurück.“


    Er hielt mir die Hand hin. Normalerweise hasste ich es, einen Erwachsenen an der Hand zu halten, weil man wie ein kleines Kind wirkte. Aber ich war so verletzt und hilflos, dass ich mich wirklich wie ein Kleinkind fühlte, also nahm ich die Hand des Arztes.
    An der Tür wurden wir von einem jungen Mann abgepasst, der zügig den Gang entlangkam. Er trug ein T-Shirt, löchrige Jeans und alte Sportschuhe.
    „Dr. Rexroth“, japste er. Der Doktor blieb stehen und ich ließ seine Hand los.
    „Was gibt’s, Jonas?“, fragte er.
    „Doktor Wolf will Sie unbedingt sprechen.“
    „Ich komme gleich.“
    Dr. Rexroth wollte schon weiterlaufen, da trat der Junge ihm in den Weg.
    „Dr. Wolf hat gesagt, ich soll Sie gleich mitbringen, wenn ich Sie finde.“
    Seufzend nahm der Doktor seine Brille ab und massierte sich den Nasenrücken mit der linken Hand. Als er die Brille wieder aufgesetzt hatte, sah er kurz zu mir und dann herüber zu dem Jungen.
    „Ok, dann bring du Arkadius doch bitte wieder auf sein Zimmer, ja?“


    Der Blick des Jungen huschte kurz in meine Richtung. Ich musste ziemlich erbärmlich aussehen, wie ich dastand, zitternd und schluchzend.
    „Ja, kann ich schon machen.“
    „Prima“, sagte Dr. Rexroth mit einem Lächeln. „Dann wollen mir mal sehen, was ich für den Chef tun kann.“
    Zum Abschied klopfte er mir behutsam auf die Schulter, dann verschwand er mit zügigen Schritten ins Treppenhaus.
    Der Junge fragte: „In welchem Zimmer bist du denn?“
    Ich zuckte mit den Schultern, weil ich die Nummer nicht kannte.
    „Ich werde mal nachsehen. Warte hier!“
    Ich wartete. Vor der Glaswand hatten sich einige Leute – Kinder wie auch Erwachsene – versammelt. Die Großen gaben sich Mühe, mich nicht direkt anzusehen, während die Kleinen weniger subtil waren. Ein Mädchen beugte sich zu einem Jungen, der fragte, was geschehen war, und sagte: „Der hat ein Mädchen voll verdroschen. Ohne Grund!“ Daraufhin warf mir der Junge einen schockierten Blick zu und drängte das Mädchen, mit ihm zu verschwinden.
    Am liebsten wäre ich im Boden versunken.


    Seit ich in der Nacht aufgewacht war, hatte ich mich nicht mehr so allein und hilflos gefühlt. Ich hoffte, was ich dem Mädchen gesagt hatte, stimmte und meine Eltern würden mich wirklich bald besuchen kommen. Zumindest meine Mutter konnte nicht lange auf sich warten lassen. Sie war schon immer sehr behütend gewesen und normalerweise mochte ich das nicht. Doch jetzt musste ich grinsen, als ich daran dachte, wie sie mich immer fünfmal daran erinnerte, eine Regenjacke anzuziehen oder bei Geburtstagen und Partys die Finger von Drogen zu lassen.


    Der Junge mit der löchrigen Jeans kam zurück und hielt einen Notizzettel in die Luft, wie ein Schiedsrichter die rote Karte.
    „Ich hab’s gefunden. Hab im Computer nachgesehen. Komm mit!“ Er freute sich etwas zu sehr über diese doch eher bescheidene Leistung. Ich vermutete, dass er ein Praktikant oder so war, der einfach glücklich war, mal etwas alleine hingekriegt zu haben.
    Auch er wollte mich an die Hand nehmen, doch ich ging nicht darauf ein, da er geschätzt nur ein bis zwei Jahre älter war als ich.
    Wortlos folgte ich ihm, hielt jedoch inne, als er den Knopf des Aufzugs drückte.
    „Wo gehen wir hin?“
    Der Junge blinzelte verwirrt.
    „In dein Zimmer.“
    „Mein Zimmer ist aber in diesem Stockwerk“, sagte ich und zeigt zu dem Gang von dem ich gekommen war.
    „Nein, dein Zimmer ist im Keller. Du musst dich im Wohnbereich geirrt haben.“
    „Wohnbereich?“ Es war doch nicht möglich, dass ich ohne es gemerkt zu haben in ein anderes Stockwerk gegangen war. Ich wollte noch einmal widersprechen, doch da stand ich schon im Aufzug und die Tür glitt zu.
    „Hören Sie mal…“
    „Sag ruhig Du zu mir.“
    „Was?“
    „Du darfst mich duzen, hab ich gesagt.“
    „Es ist doch nicht möglich, dass ich ohne es zu merken in den Fahrstuhl steige und im falschen Stock spazieren gehe?“ Mir schwindelte etwas, während der Aufzug hinabglitt.
    Der Junge musste lächeln.
    „Vielleicht hast du einfach einen schlechten Tag. Bist womöglich mit dem falschen Fuß aufgestanden.“
    Wieder setzte ich zum Widersprechen an, doch ich wurde von dem Pling der aufgleitenden Fahrstuhltür unterbrochen.


    Der Gang, der sich vor mir auftat, sah um einiges weniger einladend aus, als der, vor meinem eigentlichen Zimmer.
    Keine lachenden Figuren und großen Fenster an den Wänden, stattdessen beige Fließen am Boden, graue Tapeten und flackerndes Licht. Die Türen rechts und links waren weiß und sahen schwer aus. Nur widerwillig trat ich aus dem Aufzug.
    „Hinten links“, meinte der Junge.
    „Hier ist nicht mein Zimmer, glauben Sie mir doch. Ich werde doch wissen, wie mein Zimmer aussieht.“
    „Ja, ja…“
    Seine Gleichgültigkeit reizte mich, doch ich schluckte die Wut herunter. Noch immer war ich zu schockiert von meinem Ausbruch. Ich hoffte, dem Mädchen ging es einigermaßen gut.


    Ich kam zu dem Schluss, dass es nichts brachte, mit diesem Praktikanten zu reden. Ich würde mich einfach zu dem falschen Zimmer bringen lassen und wenn dort schon ein anderer Patient läge, würde ich auf ihn zeigen und sagen: „Ich hab’s doch gesagt!“
    Wir schienen uns unter der Erde zu befinden, denn in dem Gang war es ruhig und ein Fenster war nirgends zu sehen.
    Dieses Krankenhaus gefiel mir immer weniger.


    Das Zimmer, welches der Junge fälschlicherweise für das meine hielt, war da vorletzte auf der linken Seite des Gangs. Der Lack blätterte bereits von der Tür, auf die man mit dicken schwarzen Zahlen „47“ geschrieben hatte.
    Es war nicht abgeschlossen. Der Junge drückte die Klinke nach unten und schob die schwere Tür auf. Zu meinem Bedauern stellte ich fest, dass der Raum, der sich dahinter verbarg, leer war. Wie sollte ich jetzt beweisen, dass dies nicht mein Zimmer war?


    „Home sweet home“, sagte der Praktikant und machte eine einladende Geste. Ich trat zurück. Misstrauisch musterte ich den Raum. Die Wände waren nicht tapeziert, sondern von einer blassrosafarbenen Schaummasse bedeckt, die auch an der Decke angebracht war. Der Boden war mit Teppichen ausgelegt. Es gab keinerlei Möbel, bis auf ein Bett gegenüber der Tür.
    „Na, komm schon!“ Der Junge wurde ungeduldig. Vielleicht sollte ich einfach hineingehen und warten bis Dr. Rexroth den Fehler bemerkte. Einen Fuß hatte ich schon im Raum, als ich plötzlich innehielt. Mein Blick war auf das Bett gerichtet, an dessen Kopf–und Fußende dicke Lederriemen mit Metallschnallen angebracht waren. Mir stockte der Atem. Hatte man mich hereingelegt? Würden sie mich festzurren, weil ich das Mädchen verprügelt hatte?
    Ich sah zu dem Jungen, der mein Unbehagen zu bemerken schien und schützend die Hände in die Höhe hielt.
    „Ganz ruhig. Es ist doch alles gut.“


    Ich konnte nicht schon wieder davonlaufen, oder doch? Schon einmal hatte ich mich schrecklich getäuscht und einen Narren aus mir gemacht. Es handelte sich bloß um das falsche Zimmer. Der Praktikant kam einen Schritt auf mich zu und ich wich drei zurück. Dr. Rexroth würde das Problem sicher lösen können. Ich bräuchte ihn nur zu finden, doch dieser Junge würde mich wohl nicht weglassen.
    Schließlich floh ich doch.


    Wie angewurzelt blieb der Praktikant stehen, als ich mich umdrehte und losrannte. In wenigen Sekunden war ich bei den Aufzügen. Wieder und wieder drückte ich den Knopf, als würde es dann schneller gehen und hinter mir hörte ich schon die Schritte des Jungen.
    Gerade wollte ich mich nach ihm umsehen, da öffneten sich die schweren Stahltüren. Ich sprang in den Aufzug und klickte die Taste für den zweiten Stock. Als die Türen wieder zugingen, sah ich den Jungen. Er war ganz knapp davor, seinen Arm in den Aufzug zu stecken und so die Türen anzuhalten, doch er war um Sekunden zu langsam.
    „Warte doch!“, hörte ich seinen vom Stahl gedämpften Ruf.


    Mir war unwohl, weil ich schon wieder davongerannt war, aber es half ja doch nichts. Als sich die Türen wieder öffneten, trat ich auf den Gang und fand ihn leer vor. Vielleicht war es dem Jungen ja peinlich zu gestehen, dass ich ihm entkommen war und niemand würde je von meiner Flucht erfahren, wenn ich mich einfach zurück in mein Zimmer begäbe.


    „Und wo ist Arkadius? Hm?“
    Ich hielt inne, als ich meinen Namen hörte. Vorsichtig spähte ich um die Ecke, in den Flur, wo ich eigentlich untergebracht war. Vor meinem Zimmer stand Doktor Rexroth und unterhielt sich mit einem Mann in Latzhose und Holzfällerhemd.
    „Keine Ahnung“, sagte dieser sichtlich nervös. „Ich soll hier nur umräumen.“
    „Hören Sie auf damit!“
    „Aber Dr. Wolf hat gesagt…“
    „Ich weiß, was er gesagt hat“, fauchte Rexroth. „ Er hat es mir vor drei Minuten persönlich mitgeteilt. Aber er irrt sich nun einmal und daher werden Sie jetzt…“
    „Doktor Rexroth!“ Ein Mann, der aus dem Treppenhaus gekommen und an mir vorbeigelaufen war, ohne dass ich es bemerkt hatte, ging schnurstracks und mit rotem Gesicht auf den Doktor zu. „Was hat das hier zu bedeuten? Wo ist der Patient?“
    „Dr. Wolf, ich bitte Sie! Sagen Sie diesen Männern, dass es mehr als wichtig ist, dass…“
    „Genug jetzt! Nichts mehr davon. Sie können froh sein, dass ich den Knaben nicht in sein altes Zimmer zurückschicke! Wo ist er denn nun?“


    Erst jetzt erkannte ich den Mann. Er war mit Dr. Rexroth auf den Flur gekommen und gleich wieder gegangen, als ich in der Nacht davongelaufen war. Er trug immer noch dieselbe Weste.
    „Ich habe Jonas gesagt, er soll…“
    „Jonas?“ Dr. Wolf tobte. Rexroths Mund bewegte sich, Worte kamen jedoch nicht heraus.
    „Sie passen besser auf, Rexroth! Ich sage, das Zimmer bleibt zu, Sie schließen es auf. Ich sage, keine Gläser oder Porzellan und Sie stellen ihm eine Vase hin. Ich…“
    „Aber das Experiment…“, unterbrach Rexroth.
    „Von Anfang an habe ich diese, diese… Maßnahme missbilligt!“ Spucketröpfchen flogen aus Dr. Wolfs Mund. Hier und da öffneten sich Türen und Leute spähten auf den Gang.
    Zwei Männer kamen aus meinem Zimmer, einer von ihnen hielt eine Einkaufstüte in der Hand, der andere einen Werkzeugkasten.


    Wolf schimpfte weiter. Meine Abwesenheit schien den Doktor in große Schwierigkeiten zu bringen und obwohl ich ihn nicht mochte, tat er mir Leid. Daher trat ich hinter der Ecke hervor und hob meine Hände, wie ein Verbrecher, der sich der Polizei stellte.
    „Ich bin hier drüben!“, sagte ich lächelnd, in der Hoffnung, die Situation etwas zu entschärfen. Dr. Wolf sah mich mit aufgerissenen Augen an. Sein Blick hatte etwas von einer Bulldogge, ebenso wie sein Gesicht. Auf seinem puterroten Glatzkopf pulsierte eine Ader.
    „Da bist du ja“, sagte er und klang dabei viel ruhiger als erwartet. „Dr. Rexroth hat dich vermisst.“


    Ich ging auf die beiden Männer zu. Vor Dr. Rexroth blieb ich stehen und sagte: „Es tut mir Leid. Ich bin dem Praktikanten davongelaufen, weil er mich ins falsche Zimmer bringen wollte.“
    Er atmete erleichtert auf und legte mir wieder die Hand auf die Schulter.
    „Dann geh doch bitte wieder rein“, sagte er und machte auf dem Absatz kehrt.


    Kaum war ich im Zimmer, da wurde die Tür hinter mir geschlossen.
    Für einen kurzen Moment dachte ich, ich wäre schon wieder in einem falschen Raum.
    Alle Bilder waren von den Wänden genommen und man hatte die Blumenvase entfernt. Auch der Stuhl war nicht mehr da. Nun wirkte mein Zimmer noch karger als zuvor. Es sah fast so aus, wie das im Keller. Seufzend schmiss ich mich aufs Bett.
    Sollte das meine Strafe sein?

    100% Konsequent!

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    • Offizieller Beitrag

    @Kyelia Ich denke, ich kann ohne zu viel zu verraten sagen, dass er selbst nicht weiß, warum ihre Worte ihn so wütend machen (er kann seine Reaktion also selbst nicht nachvollziehen)

    Dann kannst du die Verwirrung vielleicht noch etwas verdeutlichen. Dann weiß jeder bescheid. ^^


    Der Teil verwirrt mich noch mehr, als die anderen davor. Experiment? Neues Zimmer? Ein Praktikant?
    Vielleicht eine Psychiatrie, die Experimente durchführt, mit bestimmten Patienten? Aber ziemlich auffällig, wenn die das über den Flur plärren, also wahrscheinlich eher nicht. xD Ich finde das ja wirklich schon etwas mysteriös und verwirrend, das hin und her gelaufe.
    Ich frage mich, wann du die Sache auflösen wirst und vor allem, was denn nun dort losgeht. :hmm:
    Erstmal war gut, das diesmal deutlich mehr Gefühle drin waren. Noch immer Platz nach oben, aber schon deutlich besser. :thumbsup:


    LG, Kyelia

  • Zu Kapitel 3:


    „Lassen Sie bitte offen. Ich erinnere mich wieder! Ich lauf schon nicht weg!“


    Dr. Rexroth zögerte einen Moment. Dann kam er wieder herein und legte mir eine Hand auf die Schulter.
    „Du musst mir versprechen, dass du dich benimmst. Dann lass ich die Tür auf.“

    Hier war ich genauso verwirrt wie die anderen. Ich weiß, im aktuellen Teil kommt ansatzweise eine Erklärung, aber das geht doch zu schnell und ohne wirkliches Zögern. Bei einem Patienten, der sicher nicht ohne Grund eingeschlossen wurde, wäre es trotz aller Hoffnung auf Besserung immer ratsam, nicht zu vertrauen. Da reicht ein "Ich lauf schon nicht weg." nicht aus.


    Zu Kapitel 4:


    Die Unsicherheit. Woher kamen die Bilder? Was fehlte mir? Wo war Julia?

    Ich gebe Phi und den anderen recht, hier ist noch gewaltig Potential nach oben. Wie zeigt sich die Unsicherheit? Schwitzende Hände? Flatterndes Herz? Innere Unruhe?

    Anscheinend hatte man mich nicht in der Intensivstation untergebracht, denn ich sah in keinem der Räume Beatmungsgeräte oder sonstige medizinische Apparaturen.

    Ich weiß ja nicht, ob du schon einmal auf einer Intensivstation warst, Arkadius war es sicher noch nie. xD' Schon allein vom Aufbau der Zimmerflucht wäre deutlich, dass es keine sein kann, da muss man nicht erst nach Apparaturen Ausschau halten. Kinderlachen und Musik wäre auch eher unangebracht. Außerdem könnte er da nicht so einfach herumspazieren. ^^''

    Ob meine Eltern mich besucht hatten, als ich ausgeknockt gewesen war? Hatten sie womöglich all die Bilder aufgehängt?

    Auch hier gebe ich Phi recht: Warum kommt ihm der Gedanke erst jetzt? Außerdem hat er den Gedanken und puff - ist er schon wieder verschwunden. Macht er sich da nicht mehr Sorgen, wo sie stecken könnten und warum ihm niemand genauer Bescheid gibt? Da fehlen mir noch einige Gedanken seinerseits.
    Aus der Ich-Perspektive zu schreiben verlangt viel, vor allem viel Innenleben. Und erst recht Gefühl, denn als Leser ist man auf die Sicht dieser Person beschränkt. Wenn ich dann nicht ansatzweise nachvollziehen kann, was in ihm vorgeht, dann fällt es im Laufe der Zeit unsagbar schwer, Taten nachzuvollziehen.

    Manche behaupteten, sie habe sich umgebracht, aber es war wahrscheinlicher, dass man sie eingewiesen hatte.

    Und spätestens an der Stelle hätte es bei ihm beginnen können zu rattern. Entweder ist er ein ganz gescheiter Blitzmerker *hüstel* oder sein Kopf ist ärger in Mitleidenschaft gezogen als bisher angenommen. (Ja, ich denke und hoffe, dass du darauf noch eingehen wirst.)

    Ihre Reaktion provozierte mich, doch ich bemühte mich, dies zu verbergen. Sie war die Art von Mensch, die es genoss, andere zu provozieren, das sah man ihr an.

    Wie provoziert es ihn? Was löst es in ihm aus? Dröhnen im Kopf, Kloß im Hals? Ballt er die Hände zu Fäusten, runzelt er die Stirn oder zieht er die Brauen zusammen, weil er sich denkt: Was für einen Dünnpfiff labert die da eigentlich?

    Ihre Worte machten mich wütend.

    Wie? Klar reicht manchmal auch einfach ein "er ist wütend", aber gerade in dieser Situation verschenkst du viel Potential, sein Innenleben, von mir aus auch seine Verwirrung deutlicher zu machen.

    „HÖR AUF ZU LACHEN!“


    Das Paar, das aus dem Aufzug gekommen war und jetzt bei einem der Jungs am Boden saß, schaute zu mir herüber. Sofort lief ich rot an. Ich hatte nicht schreien wollen. Der Mann nahm seinen Jungen auf den Arm und die Familie verließ den Raum.
    „Muss schön sein, wenn die Eltern einen besuchen“, sagte das Mädchen mit gespielter Sehnsucht. „Meine Eltern haben mich nie besucht. Zum Glück. Ich hasse sie.“

    Hier hat mich der Umschwung im Tonfall des Mädchen etwas aus der Bahn geworfen. Erst lacht es noch über ihn, dann bezieht es sich plötzlich auf die Eltern. Entweder du schiebst noch etwas über den Umschwung hinein oder du lässt Arkadius selbst merken, wie die Stimmung für den Moment umschwingt. Lass das Mädchen seufzen, sich eine Träne aus den Augen wischen oder sonstiges.


    Nebenbei: Am Anfang traut er sich nicht aus dem Zimmer, aber nur Bruchteile später beschließt er, nach seiner Schwester zu suchen und geht einfach hinaus? Hier fehlt wieder ein Zusammenhang, von mir aus auch ein kleiner innerer Monolog oder ein Streitgespräch, a la "Ich muss wissen, was hier los ist blablablabla."


    Zu Kapitel 5:
    Hier habe ich weitaus weniger zu bemängeln. Es sind deutlich mehr Gefühle drin, aber wie Kyelia auch schon sagte: Luft nach oben ist immer. ^^


    Wieder und wieder drückte ich den Knopf, als würde es dann schneller gehen und hinter mir hörte ich schon die Schritte des Jungen.

    Auch hier bietet sich wieder eine super Stelle, um näher auf sein Innenleben einzugehen. Zittern ihm die Hände, geht sein Atem schneller?


    Ansonsten ist das alles mysteriös. Arakdius war also mal in einem anderen Zimmer untergebracht? Und ein Experiment? So geheim scheint das aber wirklich nicht zu sein, wenn sie das auf offener Flur besprechen. Hm.
    Er ist definitiv in einer psychiatrischen Klinik, aber die Umstände sind noch immer suspekt. Ich würde gerne noch etwas mehr spekulieren, aber mir sprintet die Zeit etwas davon, von daher komm ich darauf dann beim nächsten Kapitel wieder zurück. ^^

  • @Phi @Kitsune @Kyelia @Jennagon Erstmal: Danke für all die ausführlichen Reviews. Die sind eine Riesenhilfe, gerade weil das hier meine erste "veröffentlichte" Geschichte ist.


    Es sind jetzt in mehreren Reviews die gleichen Fragen gestellt worden und das waren gute Fragen. Deswegen möchte ich jetzt mal versuchen (selbstverständlich spoilerfrei) die Fragen so gut es geht zu beantworten.


    1) Das Aufschließen ist ziemlich dumm, oder? - Ich kann nur sagen, dass es eine Erklärung für das Verhalten von Dr. Rexroth gibt (und die lautet nicht "Er ist blöd" :D)
    2) Warum ist er nicht besorgter um seine Eltern? - Ich muss euch auf jeden Fall recht geben, was die Beschreibung seiner Gefühle angeht, aber das mit den Eltern kann ich erklären. Es ist wichtig, dass man beim Lesen der Geschichte die Timeline nicht außer Acht lässt. Seit seinem Aufwachen (ca. 3 Uhr morgens) bis zum Ende von Kapitel 5 sind nur ungefähr 10 Stunden vergangen, von denen er acht verschlafen hat. Es ist also nicht so, als wären seine Eltern seit Tagen nicht gekommen. Er glaubt einfach, sie werden ihm am Nachmittag besuchen und er glaubt auch, dass sie bereits da waren (und die Bilder aufgehängt haben).
    Dasselbe gilt für seine Schwester (obwohl er sich um die mehr Sorgen macht, weil sie ja mit ihm im Krankenhaus ist)
    3) Vorgehensweisen in psychiatrischen Einrichtungen: Ich kann sagen, dass alle "Fehler" in der Beschreibung der Umgebung und des Vorgehens des Personals auf Recherche basieren und sehr bewusst so geschrieben wurden.


    So, das war's erstmal. Wenn ihr noch mehr solcher Fragen habt, freue ich mich, wenn ihr sie mir zukommen lasst, da sie mich vor möglichen Fehlern im Plot usw. bewahren.


    Mit freundlichen Grüßen an meine hilfsbereite Leserschaft,
    Unor :)

    100% Konsequent!

  • Ich finde den Char gerade deshalb authentisch, WEIL er so wenig fühlt. Wie die Szene mit dem Mädchen zeigt,hat er seine Gefühle nicht im Griff - wenn sie kommen, überwältigen sie ihn und er kann nichts dagegen machen. Der Junge ist psychisch krank!! Er hat gar kein normales Innenleben. Von daher vermisse ich die Schilderungen von Nervosität oder zitternden Händen überhaupt nicht. Wenn Arkadius die Hände zittern, steht er vermutlich kurz davor, wieder jemanden anzufallen...



    Arkadius scheint gefährlich zu sein. Das Zimmer im Keller war eine "Gummizelle". Rexroth bekommt Druck von seinem Chef, weil er Arkadius "Unterbringungsbedingungen" geändert hat: offene Türe, Bilder, eine Vase und ein Stuhl- das sind alles Dinge, mit denen man sich oder andere verletzen kann. Einerseits scheint das insofern geholfen zu haben, dass Arkadius bewusst zu handeln in der Lage ist, andererseits hat er durch seine Prügelattacke gleich bewiesen, dass er gefährlich bleibt. Und ich frage mich immer noch, was mit seiner Schwester ist. Denn anscheinend hat er lange "normal" gelebt und dann ist die Krankheit eruptiv ausgebrochen, wobei er sich anscheinend ja an viele Dinge nicht erinnern kann.


    Ich finde die Geschichte hochspannend :thumbsup:

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • (Ich hab doch wieder Zeit gefunden, yippie.)

    Ich finde den Char gerade deshalb authentisch, WEIL er so wenig fühlt. Wie die Szene mit dem Mädchen zeigt,hat er seine Gefühle nicht im Griff - wenn sie kommen, überwältigen sie ihn und er kann nichts dagegen machen. Der Junge ist psychisch krank!! Er hat gar kein normales Innenleben. Von daher vermisse ich die Schilderungen von Nervosität oder zitternden Händen überhaupt nicht. Wenn Arkadius die Hände zittern, steht er vermutlich kurz davor, wieder jemanden anzufallen...

    Aber selbst wenn er wenig fühlt, fehlt da etwas. Er muss nicht ständig zittern oder irgendwas. Ein normales Innenleben ist sicher schwer, aber ich denke, an der Stelle geht es uns eigentlich gar nicht darum. ^^ Bei mir zumindest. Hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass ich unglaublich auf solche Details wie Körpersprache achte. Auch psychisch kranke Menschen besitzen sie, auch wenn sie noch so minimal ist. Selbst wenn es nur ein starrer Blick ist. oô Und wenn es nur Leere ist, die er im Kopf, in den Gliedern fühlt. Ich hoffe, man versteht, was ich damit meine.
    Irgendetwas bei Arkadius muss sich ja verändert haben - davon zeugt auch sein Gedächtnisschwund. Und gerade deswegen kommt die angesprochene Unsicherheit bei mir nicht an.

    2) Warum ist er nicht besorgter um seine Eltern? - Ich muss euch auf jeden Fall recht geben, was die Beschreibung seiner Gefühle angeht, aber das mit den Eltern kann ich erklären. Es ist wichtig, dass man beim Lesen der Geschichte die Timeline nicht außer Acht lässt. Seit seinem Aufwachen (ca. 3 Uhr morgens) bis zum Ende von Kapitel 5 sind nur ungefähr 10 Stunden vergangen, von denen er acht verschlafen hat. Es ist also nicht so, als wären seine Eltern seit Tagen nicht gekommen. Er glaubt einfach, sie werden ihm am Nachmittag besuchen und er glaubt auch, dass sie bereits da waren (und die Bilder aufgehängt haben).

    Es ist schwer einen so konkreten Zeitfluss im Blick zu behalten, wenn man nicht ständig mit Uhrzeiten bombardiert werden möchte. Umso besser kann man das mit Lichtverhältnis einpegeln. Dass seit seinem Erwachen nicht viel Zeit vergangen ist, ist klar. Ebenso, dass er nicht gleich nach dem Aufwachen und in seiner Panik an seine Eltern denkt. Auch klar. Die Schwester scheint wichtiger, weil sie schon allein durch den Traum präsenter ist.
    Ich sag's so: Ich lehne mich jetzt erst einmal zurück und warte ab. Es hat sicher einen Grund, warum du Dinge so geschehen lässt, wie sie geschehen. :)

  • Kurze Zwischeninfo, da gestern zum ersten Mal kein Kapitel erschienen ist.
    Mir sind die "Vorratskapitel" ausgegangen, aber ich bin schon fleißig am weitermachen. Heute kommt vermutlich auch nix mehr, morgen sieht's aber ganz gut aus.


    LG, Unor

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  • :whistling: was ist denn nu mit Nachschub?

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Kapitel 6: MITTAGESSEN



    Nachdem man mich erneut eingesperrt und das Zimmer leer geräumt hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als mich ins Bett zu legen und zur weißen Decke hinaufzublicken. Ich versuchte vergeblich, meine Gedanken zu ordnen, doch alles, was ich an diesem Morgen gehört und gesehen hatte, war auf solch erschlagende Weise verwirrend gewesen, dass ich nach wenigen Minuten Kopfschmerzen bekam. Es war die Art von Schmerz, bei der man fühlen konnte, wie das Blut im Schädel pulste. Mit Zeige-und Mittelfinger jeder Hand massierte ich meine Schläfen, doch es wurde nicht besser. Stattdessen pochte es heftiger und heftiger, als versuche ein Gedanke, den ich bisher in irgendeine Ecke meines Hirns verdrängt hatte, aus mir herauszuplatzen.


    Schließlich hörte ich mit dem Massieren auf und fuhr hoch. Zu schnell. Nun drehte sich alles und vor meinem inneren Auge erschienen tausend kleine schwarze Punkte. Wie Regentropfen, die auf Asphalt prasseln, wurden es immer mehr, bis schließlich alles schwarz wurde.

    Das, was du hast, ist viel schlimmer!

    Sie erträgt es nicht mehr!

    Irgendwo in meinem Kopf echoten die Worte, fast übertönt von einem monotonen Rauschen. Wie das von alten Fernsehern.

    Wo ist meine Schwester? Wo ist…

    „Julia!“ Ich schnellte nach oben und sah mich schwer atmend im Zimmer um. War ich ohnmächtig geworden? Mein T-Shirt klebte an mir, Schweißtropfen liefen meine Stirn hinab und brannten in den Augen. War es schon die ganze Zeit so heiß gewesen? Die Luft im Zimmer war so drückend warm, dass es sich anfühlte, als ersticke man, wenn man sie einatmete.


    Ich schwang die Beine über die Bettkante und stand langsam auf. Meine Kopfschmerzen waren besser geworden, dafür fühlte ich mich jetzt schwer wie Blei und mein Rachen war ausgetrocknet. Träge schlurfte ich zum Fenster. Fast hatte ich schon die Hand am Griff, da wurde mir erneut klar, dass es sich nicht ohne Schlüssel öffnen ließ.
    Plötzlich empfand ich einen glühenden Hass auf das Krankenhaus. Was sperrten die mich in dieser beschissenen Sauna ein, wo man die Fenster nicht öffnen konnte? Nahmen meine Bilder und meine Möbel weg. Durften die das überhaupt? Ich konnte kaum erwarten, dass meine Eltern kamen. Denen würde ich so einiges erzählen. Wenn mein Vater hörte, wie man mich behandelte, würde er mich garantiert mit nachhause nehmen.
    Es klopfte.


    Auf halbem Weg zur Tür wurde mir bewusst, dass auch diese sich nicht öffnen ließ. Ich hielt inne und sagte laut: „Herein!“
    Draußen klimperten Schlüssel und das Schloss klackte. Mittlerweile hasste ich dieses Geräusch. Die Türklinke wurde hinuntergedrückt, schnellte aber unmittelbar wieder nach oben, als sei die Person draußen mit der Hand abgerutscht. Ein weiteres Mal wurde die Klinke nach unten bewegt und Dr. Rexroth kam zum Vorschein. Er schob mit der linken Schulter die Tür beiseite, da er in beiden Händen ein Tablett hielt. Darauf befand sich eine Plastikabdeckhaube, unter der sich Essen befinden musste.
    „Mittagessen“, sagte der Doktor, als er im Zimmer stand und die Tür hinter ihm zufiel. Ich wollte ihn schon wegschicken, als mir auffiel, dass ich wirklich hungrig war. Tatsächlich konnte ich mich noch nicht mal an meine letzte Mahlzeit erinnern.


    „Wo soll ich denn essen?“ fragte ich.
    Dr. Rexroth ging zum Abstelltisch und stellte seine Fracht ab. Auf dem Tablett lag ein Plastiklöffel neben der Haube. Etwas zu trinken sah ich nicht.
    „Was soll ich trinken?“
    Dr. Rexroth machte ein Gesicht, als sei ihm gerade etwas Wichtiges eingefallen. Während seine Zunge aus dem rechten Mundwinkel hervorlugte, durchwühlte er die Taschen seiner Cordjacke. Er holte eine kleine Flasche Fruchtsaft aus der einen und einen Becher Joghurt aus der anderen, dann stellte er beides auf den Abstelltisch und hob die Plastikhaube wie der Kellner in einem schicken Restaurant. Es kam eine dampfende Schüssel Kartoffelsuppe zum Vorschein. Ich hätte bei der Hitze etwas Kühleres bevorzugt, aber bei meinem Hunger war mir alles recht. Also trat ich zum Doktor, nahm mir die Suppe, setzte mich auf die Bettkante und begann, sie auszulöffeln.


    Nach kurzer Zeit hielt ich inne und sah zu Rexroth, der, die Hände in den Taschen, vor mir stand und mich beobachtete. Ich mochte es überhaupt nicht, wenn man mich beim Essen beobachtete.
    „Gibt es ein Problem?“, fragte ich und stellte die Suppe aufs Tablett zurück. Dr. Rexroth grinste.
    „Was soll es denn für ein Problem geben? Ich möchte dir nur Gesellschaft leisten, wenn das ok ist.“
    Unter anderen Umständen hätte ich ihn gebeten zu gehen, aber ich wollte mich beim Personal nicht noch unbeliebter machen, daher zuckte ich nur mit den Schultern und aß weiter. Rexroth sagte kein Wort, bis ich die leere Schüssel abstellte.
    „Hat es geschmeckt?“
    „Schon.“
    „Hast du Lust, etwas zu arbeiten?“
    Ich stutzte. „Was denn für Arbeit?“
    „Kopfarbeit.“
    „Ich weiß nicht. Ich habe irgendwie Kopfschmerzen und…“
    Rexroth unterbrach mich mit einer wischenden Geste. „Das macht nichts. Dagegen können wir was tun. Lege dich bitte zurück.“


    Da er Arzt war, tat ich wie geheißen. Womöglich würde ich endlich erfahren, wozu man mich dabehielt.
    „Schließ die Augen, Arkadius.“
    Ich tat wie geheißen, auch wenn ich nicht genau wusste, worauf der Doktor hinauswollte. In meinem Kopf drehte es sich noch immer und es schien schlimmer zu werden, als ich die Augen zumachte.

    „Arkadius, ich will, dass du dich entspannst.“

    „Was soll das de…“
    „Pst.“
    Meine Gliedmaßen fühlten sich noch immer träge an, und das ruhige Atmen fiel mir schwer.
    „Können wir etwas lüften?“, fragte ich mit geschlossen Augen.
    „Natürlich.“ Ich hörte wie Dr. Rexroth zum Fenster lief und es mit klimpernden Schlüsseln aufschloss. Sofort spürte ich auf meiner schweißnassen Haut den kühlen Hauch des Windes. Gierig sog ich die frische Luft ein und blies sie wieder aus.
    „Arkadius, du bist in letzter Zeit sehr aufgewühlt. Ich kann das verstehen.“
    „Es ist, weil ich mich nicht erinnere…“
    „Pst. Ich will, dass du dir vorstellst, dass du auf einer Wiese liegst.“
    „Was denn für eine Wiese?“ Der Sinn der Übung erschloss sich mir nicht.
    „Irgendeine. Lass deiner Fantasie freien Lauf.“


    Viel Fantasie hatte ich nie, doch als ich mich etwas konzentrierte, erschien vor mir die Blumenwiese aus meinem Traum. Mit Nelken und Vergissmeinnicht bedeckt, soweit das Auge reicht.
    „Ja, jetzt kann ich eine sehen. Sie ist groß und…“
    „Ich muss nicht wissen, wie sie aussieht“, unterbrach mich Rexroth. „Es ist nur wichtig, dass du sie siehst. Arkadius, warum bist du hier bei uns?“
    Ich öffnete die Augen.
    „Wie meinen Sie das?“
    „Lass die Augen bitte zu. Warum bist du bei uns?“
    Meine Augen schlossen sich wieder und ich suchte nach der Wiese, doch ich fand sie nicht mehr.
    „Wegen einer Kopfverletzung?“
    „Rate nicht. Sag es mir.“
    „Ich kann mich doch nicht erinnern“, sagte ich leicht gereizt.
    „Was ist das letzte, das du weißt?“
    In meinen Gedanken tauchte das Bild der Wiese plötzlich wieder auf. Diesmal waren auch der Wald und das Haus aus meinem Traum dabei.
    „Ich bin aufgewacht und…“
    „Nein. Davor. Versuche dich an das zu erinnern, was davor war. Versuche, nicht nur an Bilder zu denken. Denke an Geräusche. Gerüche.“ Die Stimme des Arztes klang sehr beruhigend.


    Ich kniff die Augen noch enger zusammen und versuchte, mir das Rauschen des Windes in den Bäumen und den Geruch des Grases vorzustellen. Es funktionierte. Aber da war noch etwas anderes. Ein vertrauter Geruch in der Ferne, den ich aber nicht zuordnen konnte. Unwillkürlich begannen meine Finger zu zucken. Und dann kam es mir.
    „Lasagne“, flüsterte ich.
    „Wie bitte?“, sagte der Doktor, immer noch mit ruhiger Stimme.
    „Ich rieche Lasagne.“
    „Gut, sehr gut. Versuche ein Bild zu dieser Erinnerung hervorzuholen. Oder ein Geräusch.“
    Das Geräusch kam zuerst. Ein leises Summen, das eigentlich nichts mit Lasagne zu tun hat. Dann kam das Bild, welches alles erklärte. Ich sah einen Kühlschrank. Einen geöffneten Kühlschrank und darin eine Auflaufform mit Lasagne.


    „Wärme es auf, wenn ihr Hunger bekommt.“, hörte ich meine Mutter sagen. Um den Kühlschrank herum formte sich die Dunkelheit zu einem Abbild unserer Küche. Ich sah meine Mutter in der Tür und Julia, wie sie auf der Arbeitsfläche saß und die Beine baumeln ließ.
    „Passt auf euch auf“, sagte Mama. Ich griff nach Julia, doch als meine Hände sie berührten, gab ihr Körper unter dem Druck meiner Finger nach und zerfiel. Das Fleisch wurde zu Brei und klatschte auf den Boden, in meinen Händen hielt ich rote Klumpen. Dann hörte ich ein schrilles Geräusch aus der Ferne und ein grelles Licht blendete mich.


    Schreiend riss ich die Augen auf. Ich wollte mich aufsetzen, doch Dr. Rexroth drückte mich in die Matratze.
    „Ganz ruhig“, sagte er gelassen.
    „Was soll diese Scheiße?“, fragte ich aufgebracht und löste mich aus seinem Griff. Ich hob die Hände und sah sie an. Kein roter Brei.
    „Arkadius, beruhige dich“, sagte Rexroth mit leicht erhobener Stimme.
    „Ich beruhige mich“, meine Stimme überschlug sich, „wenn Sie mir sagen, was mit mir los ist!“
    Dr. Rexroth betrachtete mich nachdenklich, dann trat er einen Schritt zurück und fragte: „Was hast du gesehen?“
    „Einen Scheiß hab ich gesehen!“ Mein Atem ging schneller vor Aufregung. „Sagen Sie mir, was los ist?“


    Rexroth schwieg, dann sagte er: „Das musst du selbst herausfinden.“
    Das war genug. Mehr konnte ich nicht ertragen.
    „Sie sind ein ARZT!“, fauchte ich. „SIE sollen mir sagen, was los ist. Also sagen Sie schon. Wie schlimm kann es sein? Ich bin gestürzt!“
    „Du erinnerst dich also doch“, stellte Rexroth fest.
    „Lenken Sie jetzt nicht wieder ab!“
    „Arkadius…“
    „Nein, raus jetzt mit der Sprache!“ Alles platzte aus mir heraus. Fast schon tat es mir Leid, dass Rexroth alles auf einmal abbekam.


    „Trink deinen Saft. Wir reden ein anderes Mal.“ Der Doktor ging zum Fenster und schloss es wieder ab. Ich war fassungslos, wollte schon zu einer weiteren Schimpftirade ansetzen, da bemerkte ich den seltsam verletzten Ausdruck in den Augen des Arztes. Als schäme er sich dafür, mir nichts zu sagen. Oder, als ob er Angst hätte? Er bemerkte meinen Blick, wandte sich ab und ging herüber zum Abstelltisch.
    „Willst du den Joghurt noch?“, fragte er nüchtern.
    „Nein.“


    Er trug das Tablett hinaus und schloss die Tür ab. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich einigermaßen beruhigte. Die seltsam ausweichende Haltung des Personals verunsicherte mich. Wenn ich eins nicht mochte, dann wenn man mich behandelte, als wären meine Probleme unwichtig und meine Wut unberechtigt. Die Einzige, die mir irgendetwas zu meinem Zustand gesagt hatte, war Selina, das Emo-Mädchen.

    „Das, was du hast, ist viel schlimmer!“

    Konnte es etwas so Schlimmes sein, dass selbst die Ärzte es nicht sagen wollten? So schlimm, dass meine Mutter es nicht ertrug, mich zu besuchen? Was konnte denn so schlimm…


    Und da traf es mich. Ob es eine böse Vorahnung war, die schon lange in meinem Unterbewusstsein gelauert hatte oder eine plötzliche Eingebung, konnte ich nicht sagen. Der Gedanke war einfach da und ich versuchte ihn wieder abzuschütteln, aber es ging nicht. Zu viel ergab nun Sinn.
    Kopfschmerzen, seltsame Träume, eingebildete Gerüche und Bilder, Erinnerungsverlust.
    Hatte ich einen Hirntumor?
    Hatte man mir den Kopf geröntgt, nachdem ich gestürzt war und ihn dabei entdeckt? Hatte man mein Zimmer leer geräumt, weil ich bald sterben würde? Sagte mir keiner was, weil sie es nicht noch schlimmer machen wollten?
    Konnte das sein? Ich wollte es nicht glauben, der Gedanke erschien zu plötzlich. Zusammenhanglos. Ein Produkt meiner Verunsicherung. Es konnten doch so viele andere Dinge sein.
    Oder?

    100% Konsequent!

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  • Na endlich :D . Sehr überzeugend, wie Arkadius weiter versucht, seinen Erinnerungen aus dem Weg zu gehen. Und ich wette immer noch, das etwas Schlimmes mit seiner Schwester passiert ist und er entweder Täter war oder zusehen musste. :thumbsup:

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • So, ich fahre zwei Wochen in Urlaub. Hab kein Netz, aber ich werde fleißig schreiben. Wenn alles läuft, könnte die Geschichte fertig hochgeladen werden, wenn ich zurückkomme.

    100% Konsequent!