Der Zauberer Huroon

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    • Der Zauberer Huroon




      Hallo, liebe Leute
      ich stelle noch ein weiteres Kapitel ein (das 6.), in dem man erfahren kann, woher die kleinen
      Kinder kommen und noch einiges mehr...


      Eine wahrhaftig unglaubliche Geschichte von einem Magier
      und einem schönen Knaben, in den sich seltsame Himmelsgeschöpfe
      verlieben, und der nebenbei die erstaunlichsten Dinge erfährt.



      Kap.1 erzählt von einer seltsamen Lichterscheinung und von der Himmelfahrt eines Erdlings.


      Schon seit Stunden braute sich am Himmel etwas zusammen. Schwarzgraue Wolkenmassen türmten sich auf und fielen wieder auseinander. Das Wolkenmeer brodelte und waberte wie kochender Teer. Die Luft war drückend und schwül; nicht nur das Atmen, auch das Denken fiel schwer.
      Während der Himmel tobte, erschien die Erde wie erstarrt. Nicht ein Grashalm bog sich, nicht ein Blatt bewegte sich. Die Wäsche auf der Leine hing völlig unbeweglich, wie gefroren. Das Unheimlichste aber war diese Stille. Das Wolkendrama spielte sich in gespenstiger Lautlosigkeit ab, und auch das sonst so umtriebige Dorf war verstummt.
      Ich saß auf der Terrasse und betrachtete das himmlische Schauspiel. Gleich wird es blitzen, und dann kommt der Regen, dachte ich hoffnungsvoll. Die Erde dürstete nach Regen. Seit Wochen war kein Tropfen mehr gefallen. Doch nichts dergleichen geschah. Obwohl die Wolken prall und schwer wie gefüllte Kartoffelsäcke niederhingen, fiel nicht der kleinste Tropfen.
      Eine Maus flitzte über den Rasen. Mitten im Lauf hielt sie plötzlich inne, schnupperte und verschwand blitzschnell in einem Loch.
      Fast betäubt von der Hitze stand ich auf, um ins Haus zu gehen. Wo war denn der Hund? Eben hatte er doch noch unter meinen Stuhl gelegen und laut geschnarcht. Doch bevor ich nach ihm Ausschau halten konnte, geschah etwas Seltsames. Es wurde auf einmal gleißend hell. Verblüfft blickte ich nach oben. Die Wolkendecke war aufgerissen, der Himmel sah wie gespalten aus, und aus dem Spalt brach eine fast schmerzhafte Helligkeit. Und jetzt vermeinte ich sogar eine ferne Musik zu hören, zart und fein wie die Klänge einer Glasharfe.
      Wie angewurzelt blieb ich stehen und lauschte. Tatsächlich, da waren Klänge, und jetzt auch Stimmen, zart und fein wie Zuckerwatte. Deutlich hörte ich die Worte:


      Schöner Knabe, fürchte dich nicht,
      komm herauf zu uns, zum Licht,
      wir singen dir feine Lieder vor,
      wir, der wunderbare Elfenchor.

      Schöner Knabe! Ich muss nicht erst in den Spiegel schauen um festzustellen, dass ich erstens nicht schön und zweitens kein Knabe mehr bin, höchstens ein ‚alter Knabe’.

      Zunächst dachte ich an eine Sinnestäuschung. Ich führte sie auf den Luftdruck zurück, der in den letzten Minuten stark gefallen sein musste, wodurch einem manchmal die Ohren klingen. Da erklang schon eine andere Stimme, etwas tiefer als die Stimmchen eben, doch kaum weniger zart.


      Was zögerst du, mein Sohn?
      Breite deine Flügel aus,
      verlasse Hof und Haus.
      Flieg her zum Zauberer Huroon!

      Nun bestand kein Zweifel mehr. Es war keine Sinnestäuschung. Es war die pure Realität!

      „Ja!“ rief ich begeistert, „Zauberer Huroon, ich komme!“

      Ohne viel zu überlegen breitete ich die Arme aus und bewegte sie kräftig auf und ab. Langsam entfernte sich der Erdboden unter mir, und schon schwebte ich über dem Dachfirst. Der Nachbarin, die gerade die Wäsche abnahm, winkte ich zu. Doch sie sah mich nicht. Sie schien auch die Helligkeit nicht bemwerkt zu haben, denn sie war ganz mit ihrer Wäsche beschäftigt.
      Mehr Glück hatte ich beim Wetterhahn auf der Kirchturmspitze. Er blinzelte mir zu und wackelte mit dem Schwanz. Und immer höher stieg ich auf, höher und höher. Die Welt unter mir: Bald wie Spielzeug so klein.

      Dichter, dunkler Nebel umhüllte mich, und für eine Weile kam ich mir wie blind vor. Doch dann wurde es wieder hell, und unversehens stand ich auf einer unübersehbaren schneeweißen Ebene. Am fernen Horizont ragte ein Gebirge aus Eis und Schnee, über dem gerade die Sonne aufging, in den schwarzblauen Himmel. Die Sonnenstrahlen schossen wie goldene Pfeile durch die Luft. Viele zerschellten an den Sternen;die Bruchstücke der Sonnenstrahlen fielen als hauchfeine goldene Stäbe zu Boden.

      Kap. 2. Der Zauberer Huroon und ein virtuelles Schinkenrührei. Dem Erdling geht ein Licht auf.

      „Willkommen, Erdling!“

      Ich drehte mich um. In einem Kahn aus Eis saß ein kleiner Mann mit schneeweißen Haaren. Er war in ein weißes Gewand gehüllt, das von einer goldenen Spange zusammengehalten wurde. Ich erkannte: Die Spange war aus herabgefallenen Sonnenstrahlen gefertigt.
      „Steig ein“, sagte der Greis, „hier können wir nicht bleiben.“
      Er drückte mir die Ruder in die Hände. „Rudere du“, sagte er, „ich bin von der Herfahrt zu erschöpft.“
      Ich setzte die Ruder in Bewegung, und schon glitten wir über schneeweiße Nebelbänke und glitzernde Eisflächen.
      „Bist du der Zauberer Huroon?“, fragte ich.
      „Ja. Und wer bist du?“
      „Ach, nenne mich doch einfach weiter Erdling.“
      Eine Weile glitten wir schweigend dahin. Dann fragte ich: „Warum hast du mich gerufen?“
      „Wir laden jedes Jahr zur Sommersonnenwende einen verständigen jungen Erdling ein, um ihm unsere Welt zu zeigen. Und dich haben wir diesmal ausgewählt, weil deine Mutter die Sonne und dein Vater der Mond ist.“
      „Na gut“, sagte ich, „das mit der Sonnenmutter ist okay, schließlich bin ich am Frühlingsanfang geboren, aber das mit dem Mond musst du mir erklären.“
      „Denke nach“, sagte der Greis, „dann kommst du selber drauf."
      Ich dachte nach. Und plötzlich ging mir ein Licht auf.
      „Du meinst den runden Regenbogen mit dem vollen Mond mittendrin?“
      „Genau das meine ich.“
      Also doch! Als ich vor ein paar Tagen vor dem kreisrunden Regenbogen gestanden hatte, in dem wie ein riesiges Auge der Vollmond leuchtete, fühlte ich mich von einer himmlischen Macht beobachtet. Für einen Moment hatte ich sogar das Gefühl, dass mich diese Macht für etwas Außerordentliches vorsah. Es war also doch keine Einbildung gewesen. Und meinen leiblichen Vater hatte ich tatsächlich nie kennengelernt.
      „Es gibt schlechtere Väter als den Mond“, sagte ich.

      Allmählich machte mich das Rudern hungrig, denn ich hatte unten noch nicht gefrühstückt.
      Ich sah den Greis an. „Du kannst wirklich zaubern?“
      „Aber natürlich! Hier, mein Zaubererdiplom!“ Er griff unter sein Gewand.
      „Lass es gut sein! Ich glaube dir! Hmm... Dann zaubere mir doch mal ein ordentliches Frühstück mit Schinken, Rührei und einer Tasse Kaffee mir Sahnehäubchen! Ich hab´ einen Bärenhunger!“
      Das Männlein lachte. Es hörte sich wie das Meckern eines Zickleins an. „Dass ihr Erdlinge immer an Essen und Trinken denken müsst! In diesen Dingen bin ich nicht der richtige Ansprechpartner. Da musst du dich an die Leute von Tischlein Deck Dich wenden.“
      „Und wo finde ich die?“
      „Hier jedenfalls nicht.“ Es klang ziemlich verschnupft.
      „Wenn du also kein Frühstück zaubern kannst“, sagte ich enttäuscht, „was zauberst du dann?“
      „Alles, was du dir vorstellen kannst!“
      „Aber ich stelle mir doch gerade vor, wie ich ein Schinkenrührei esse und eine Tasse Kaffee trinke!“ rief ich, "aber die Vorstellung allein macht nicht satt!"
      "Bist du sicher?"
      "Ja natürlich! Da bin ich ganz -" Ich stutze. Was war denn auf einmal mit meinem Magen los?
      „Siehst du, der Zauber wirkt schon.“
      Ich muss wohl ziemlich dämlich geguckt haben, denn wieder lachte das Männchen auf seine ulkige Art. „Hast du immer noch Hunger?“
      „Wo du so fragst... nein, der Hunger ist weg! Ich komme mir wie genudelt vor.“
      Der Kleine klatschte vergnügt in die Hände. „Was willst du mehr?“


      Fortsetzung folgt

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    • Kap. 3. Im Wetterhimmel. Der Chor der Eis-Elfen. Später: Erstaunliche Erkenntnisse.

      Inzwischen war die Sonne voll aufgegangen. Sie hing wie eine weißglühende Münze am Himmel, der über der schneeweißen Fläche fast schwarz erschien. Doch sonderbar: Trotz ihrer strahlenden Helligkeit wärmte sie nicht. Es war eine kalte Sonne.
      „Wohin fahren wir?“, fragte ich.
      „Zu meiner Frau in den Wetterhimmel.“
      „Zur Wetterhexe?“
      „Sage das nie wieder!“ rief das Männchen zornig. „Wetterhexe! Das Wort ist eine Beleidigung für jede ehrliche Wettermacherin!“
      Noch ehe ich eine Entschuldigung stammeln konnte, erklang wieder diese seltsame Musik. Neugierig blickte ich in die Richtung, aus der die Töne kamen. Ich sah: Vor dem schwarzen Himmel bewegte sich im Rhythmus der Musik eine Gruppe durchsichtiger Gestalten mit Musikinstrumenten in den Händen. Ich musste genau hinschauen, denn alles wirkte überaus zart und fein. Trotzdem erkannte ich deutlich Geigen, Flöten und eine Harfe. Und jetzt sang auch wieder der Chor:

      Süßer Knabe im lockigen Haar,
      noch nie in den Welten zuvor
      sahen wir einen wie dich:
      Einen reinen Tor!
      „Sind die Gestalten aus Glas?“, fragte ich.
      „Nein, es sind Eis-Elfen.“
      „Verstehe! Deshalb die kalte Sonne. Aber wen meinen sie? Mich doch nicht. Ich hab´glatte Haare.“
      „Schau in den Spiegel.“
      Der Zauberer brach ein Stück Eis ab und hielt es mir vor. Tatsächlich! Mein Gesicht war umrahmt von einem Schwall gelockter Haare. Ich blickte den Zauberer an. Der grinste.
      „Na schön“, sagte ich, „aber was ist ein reiner Tor?“
      „Das erklär´ ich dir später. Meine Frau wartet.“

      Auf alles war ich gefasst gewesen, nur nicht das, was ich jetzt sah! Von wegen Wetterhexe! Vor mir stand eine himmelhohe Gestalt, ganz in ein blaues Gewand gehüllt, das mit goldenen Sternen und Bruchstücken der Sonnenstrahlen bedeckt war. Auf dem Kopf trug sie eine gezackte Krone aus Eis, und ihre Hände waren mit glitzernden Eiskristallen bedeckt.

      „Willkommen in meinem Reich!“, sagte sie. Ihre Stimme war so stark, dass sich von einem nahen Schneeberg eine Lawine löste und zu Tal donnerte.
      Ich sah voraus, dass eine Unterhaltung auf Augenhöhe mit dieser Dame schwierig werden würde. Doch da murmelte ihr Mann, der Zauberer, etwas, und schon fing sie an zu schrumpfen und war bald nicht viel größer als er.
      „Ich hoffe, ich habe dich nicht allzu sehr erschreckt“, sagte sie mit feiner Stimme.
      „Nein“, sagte ich, „zeige mir dein Reich.“
      Wir stiegen alle in den Kahn ein, ich ruderte.
      Bald kamen wir in hügeliges Gelände. Aus den Hügeln wurden allmählich Berge, Berge aus Schnee und Hagelkörnern. Auf einem dieser Schneeberge stand eine Gestalt und winkte uns zu.
      „Der Schneewächter“, sagte Frau Huroon.
      „Der Schneewächter?“
      „Ja. Es kommt immer wieder vor,dass Eindringlinge Schnee stehlen, weil sie unbedingt weiße Weihnacht haben wollen. Sie fahren mit riesigen Lastkähnen vor, und ruckzuck ist so ein Schneeberg aufgeladen und abtransportiert.“
      „Ja aber... Es ist doch genug Schnee da“, wandte ich ein, „warum gönnt ihr ihnen nicht die paar Flocken?“
      „Paar Flocken ist gut“, sagte der Zauberer, „du hast ja keine Ahnung, wie kompliziert die Herstellung von Schneeflocken ist. Außerdem brauchen wir den Schnee selber.“
      „Hier liegt doch genug.“
      „Hier schon! Aber nicht im Freudenhimmel.“
      Ehe ich fragen konnte, sagte seine Frau: „Wir müssen ja nicht nur die Erde beliefern, sondern auch noch den Schicksalshimmel und den Freudenhimmel. Und der geht vor.“
      „Und warum hortet ihr Hagelkörner?“
      „Hagelkörner sind die einzigen Möglichkeit, große Mengen Wasser trocken zu lagern.“
      „Als Reserve für den Freudenhimmel.“
      „Du sagst es!“
      Jetzt wurde mir klar, warum es unten in meiner Gegend immer weniger regnet und immer seltener schneit. Es wird alles für den Freudenhimmel benötigt. Aber ich wollte keinen Streit anfangen und sagte nichts.

      Wir fuhren weiter. Am Horizont tauchten Gebäude auf, die ich zunächst für mittelalterliche Burgen hielt. Doch es zeigte sich, dass es Silos aus Eis waren, von hohen Mauern aus Eis umgeben.
      Von einigen dieser Türme lief das Wasser, und ein gedämpftes Brausen war zu vernehmen.

      „Wir stehen hier vor den Windsilos“, sagte die Wettermacherin. „In den Türmen dort bewahren wir die kalten Winde auf, und in den schwitzenden die warmen.“
      „Aha!“, sagte ich, „und damit sie niemand stiehlt –“
      „Falsch, junger Freund“, unterbrach mich Huroon, „ die Winde versuchen manchmal, auszubrechen. Und damit wir sie wieder einfangen können, haben wir diese Mauern errichtet.“
      Die Wetterfrau ergänzte: „Manchmal allerdings, wenn wir den Eindruck haben, dass eine Meuterei bevorsteht, öffnen wir einige Silos und lassen die Winde teilweise heraus.“
      „Aber doch nicht etwa in den Freudenhimmel?“, bemerkte ich augenzwinkernd.
      „Wo denkst du hin! Die kalten Winde bleiben hier, die warmen lenken wir zur Erde!“
      „Wer ist wir?“
      „Mein Mann, ich und die Leute vom Wetterdienst.“

      Kap. 4. Aufbruch ins Ungewisse. Die durchsichtigen Frauen und eine Menge Handküsschen.

      Ich hatte genug gesehen, und im Grunde auch nichts Neues erfahren. Wo man auch hinschaut: Selbstbedienungsmentalität. Aber dass sogar der Himmel mit diesem Virus infiziert ist, damit hatte ich nun nicht gerechnet.
      Schon seit einiger Zeit war die Musik verstummt. Ich blickte nach oben. Die Gestalten waren kaum mehr zu erkennen. Dafür näherte sich jetzt eine Art Kugel – ich blickte verblüfft genauer hin – kein Zweifel: Es war ein Fesselballon mit einem Korb. Gleichzeitig verspürte ich den unwiderstehlichen Drang, einzusteigen und mit diesem Ballon in den nächsten Himmel aufzufahren. Ich stellte mir lebhaft vor...
      Ich sah den Zauberer an. „Woher wusstest du -?“
      „Hast du es schon wieder vergessen? Was du dir vorstellst, gewähre ich dir, Erdling.“
      Wir stiegen ein, und der Fesselballon hob ab. Der Blick weitete sich, und ich sah jetzt, dass der Wetterhimmel keineswegs so tischeben war, wie ich unten angenommen hatte. Da gab es Berge in allen nur denkbaren Formen, weite und enge Täler, Flüsse, die sich verzweigten und wieder vereinten, Städte mit breiten Plätzen und langen Straßen... Und diese Herrlichkeit, in makelloser Reinheit, sah aus, als bestehe sie aus Schlagsahne oder Zuckerwatte, von der Abendsonne rosig überhaucht.
      Und dann – mir stockte der Atem – welch ein Gegensatz! Die Wolkendecke war an einer Stelle aufgerissen und gab den Blick auf die Erde frei. In grausiger Tiefe: Ein graues, farbloses Einerlei aus Siedlungen, Wäldern und Ackerflächen.
      In der Ferne glitzerte ein See. An seinen Ufern gewahrte ich viele kleine weiße Gestalten, die eifrig hin und her liefen.
      Der Zauberer hatte wohl meinen Blick bemerkt. „Der Regensee“, sagte er.
      „Und was machen die Leute da?“
      „Tja, das ist nicht so leicht zu erklären.“
      „Dann versuch es wenigstens“, sagte ich.
      „Du darfst mir aber nicht böse sein.“
      „Warum sollte ich?“
      „Sie versuchen, den See leer zu schöpfen. Sein Boden ist undicht und muss repariert werden.“
      „Woraus besteht der Boden denn?“
      „Aus Gewitterwolken.“
      „Und wo bleibt das Wasser, das die Leute abschöpfen?“
      „Sie schütten es einfach in ein Wolkental.“
      Jetzt war mir einiges klar. Zum Beispiel, warum es in Süddeutschland schon seit Wochen unaufhörlich regnete.

      Wir flogen jetzt an den Eis-Elfen vorbei. Sie schienen geschlafen zu haben. Als sie uns kommen hörten, wachten sie auf. Sie winkten begeistert und warfen mir Handküsschen zu. Jetzt sah ich, dass es, trotz ihrer gläsernen Durchsichtigkeit, richtige junge Frauen waren, mit allem Drum und Dran. Sie lachten und sangen:

      Schönster Knabe,
      welch holde Gabe,
      dein Antlitz zu schau´n!

      Dein roter Mund
      tut Liebe kund.
      Auch wir sind Frau´n!
      Antlitz! Hat sich was! Ich dachte an die Sorgenfalten an meiner Stirn, an das leicht herabhängende rechte Augenlid und sah Huroon ernst an. „Hast du schon wieder –“
      Der grinste. „Ja warum denn nicht? Ein bisschen Schönheit steht jedem gut. Sogar dir!“
      Allmählich wurde ich müde. Tatsächlich muss ich kurz eingeschlafen sein, denn Huroons Ruf; „Wir sind da!“ ließ mich hochfahren.

      Kap.5. Laokoons Burg. Die Schicksalsschmiede. Flucht des Erdlings.

      Ein blassgelber Vollmond hing über der weiten Ebene. Trotzdem war es taghell. In der Ferne erstrahlte ein fantastisches Gebilde. Es schwebte über der Ebene wie eine atemberaubende Fata Morgana. Hoch auf ragten seine Mauern und Türme. Sie flimmerten im Morgendunst wie ein Traum aus Tausend und einer Nacht, oder wie ein stark verfremdetes Neuschwanstein.
      „Laokoons Burg“, sagte der Zauberer.
      Der Boden war mit Steinen übersät. Ich blickte auf meine Füße. War ich ohne Schuhe aufgefahren? Jedenfalls hatte ich jetzt keine an, und die Steine taten mir weh. Ich dachte an den langen Weg und seufzte.
      „Warum seufzt du, mein Freund?“, fragte der Magier.
      „Kannst du dir das nicht vorstellen?“, fragte ich zurück.
      „Nein.“
      Und ehe ich mich versah, standen wir vor einem mächtigen, eisenbeschlagenen Tor, das sich knarrend öffnete.

      Wir betraten den Innenhof der Burg. Ich staunte. Eben war noch alles wüstenhaft kahl gewesen – und jetzt? Jetzt blickte ich in einen großen Garten unter einem heiteren Himmel. Da waren blühende Bäume, in denen die Vögel zwitscherten, irgendwo plätscherte ein Brunnen, ein warmer Wind umschmeichelte meine Wangen.
      Auf einer Steintreppe stand ein Mann und winkte uns zu.
      Laokoon.
      Huroon hatte mir erklärt, dass Laokoon schon vor der Erschaffung der Welt existiert habe. Dementsprechend hatte ich ihn mir vorgestellt: Als würdigen Greis mit rosigem Gesicht, Rauschebart und silbergrauen Haaren, nach alter Art in weiße Tücher gehüllt. Doch wieder einmal belehrte mich die Realität eines besseren. Wir traten auf einen Mann in den besten Jahren zu, glatt rasiert und mit modischem Haarschnitt. Er trug ein offenes, aber maßgeschneidertes Hemd und einen ebenfalls maßgeschneiderten, dezenten Nadelstreifenanzug.

      „Ich habe euch schon erwartet“, sagte Laokoon und gab mir die Hand. Seine Stimme klang dunkel, doch außerordentlich melodisch. Sofort erfasste mich eine große innere Ruhe.
      Eigenartige Szenerie: Obwohl die Burg aus mächtigen Steinquadern gefügt war, konnte ich durch die Wände hindurchsehen, als wären sie aus getöntem Glas.
      Plötzlich öffnete sich, wie von Geisterhand bewegt, eine Tür. Wie absurd! Keine Wand, aber eine Tür! Wir betraten eine Art Fabrikhalle. Ich staunte: An den eisernen Tragwerken der Decke hingen zu Hunderten dicht gedrängt bizarre Gebilde. Da waren silbrig glänzende, durchlöcherte Knotenstöcke, wunderlich verdrehte Flaschenkürbisse in allen nur möglichen Formen und Farben, eigenartige Gewächse, wie Posaunen geformt, filigrane, hauchdünne Gespinste, keulenförmige, schwarze blasenförmige Gebilde ...
      „Wir befinden uns hier in der Schicksalsschmiede“, erklärte unser Führer. „In dieser Halle werden die Schicksalsrohlinge bis zu ihrer Verwendung aufbewahrt.“
      Einer dieser grünen Flaschenkürbisse begann zu schaukeln, dann schwebte er davon und verschwand durch eine Öffnung in der Wand.
      „Was du hier hängen siehst“, fuhr Laokoon fort, „sind nur die Grundmodelle. Sie müssen noch bearbeitet werden. Denn obwohl sich, über einen längeren Zeitraum betrachtet, die Schicksale der Menschen scheinbar ähneln, sind sie doch alle unterschiedlich. Das da eben war das Grundmodell 'Umweltschützer'. Es wird jetzt für den täglichen Gebrauch zurechtgemacht. Komm, ich zeig´s dir.“
      Laokoon öffnete eine Tür. Ein entsetzlicher Lärm ließ mich zurückfahren. Da wurde gehämmert, gefeilt, gebohrt, gehobelt,Kreissägen kreischten, Fräsen sangen... Huroon klatschte in die Hände, und schon war es totenstill.
      Wir traten ein. Männer und Frauen in weißen Kitteln standen oder saßen an Maschinen und Werkbänken. Über Transportbänder an der Decke schwebten immer neue Schicksalsmodelle herein. Und all das geschah jetzt in absoluter Lautlosigkeit.
      Eine junge Arbeiterin war gerade dabei, Löcher in den grünen Flaschenkürbis zu bohren.
      „Warum macht sie das?“, fragte ich.
      „In die Löcher kommen die persönlichkeits-spezifischen Module hinein. Denn schließlich ist Umweltschützer nicht gleich Umweltschützer. Mache halten bis zum Schluss durch, andere geben vorher auf.“
      Wir gingen weiter. Auf einem Tisch lagen, zu Paaren angeordnet und wie Würste mit einer Schnur zusammengebunden, weitere Modelle.
      „Die sind sicherlich für eineiige Zwillinge bestimmt!“ rief ich.
      „Sehr gut! Du lernst schnell, junger Erdling!“
      Das Lob spornte mich an. „Habt ihr auch schon Modelle für geklonte Menschen?“ Zwar wusste ich, dass es noch keine solchen Menschen gab und möglicherweise auch nie geben würde, trotzdem fand ich die Frage interessant.
      „Freilich!“
      Plötzlich hatte Laokoon ein kegelförmiges Gebilde in der Hand. „Was du hier siehst, ist das Grundmodell für einen ganzen Klon. Es wird im Bedarfsfall in Serie hergestellt und muss dann nur noch geringfügig abgewandelt werden.“
      Ehe ich weitere Fragen stellen konnte, befanden wir uns, wie durch Zauberhand bewegt, in einer anderen Halle. Verblüfft blickte ich mich um. Die Halle war dunkel und angefüllt mit kurzen schwarzen Stäben in abgerundeten Formen. Sie stecken zu Tausenden in den Wänden, in der Decke, sogar im Boden. Kleine rote Lichtpunkte leuchteten aufund verlöschten wieder; es war ein ständiges Geflacker und Geflimmer. Geradezu unheimlich.
      „Diese Halle enthält die Steuer-Sticks für die Persönlichkeits-Module“, sagte unser Führer. „Die Sticks enthalten die jeweilige Software für die individuelle Entwicklung.“
      Im Hintergrund der Halle fegten zwei schwarz vermummte Gestalten anscheinend heruntergefallene Sticks zu einem Haufen zusammen. „Das sind unsere Totengräber“, sagte Laokoon. „Die Sticks stammen von Verstorbenen und werden entsorgt. Es ist wirtschaftlicher, neue herzustellen als die alten umzuprogrammieren.“
      Schon seit einiger Zeit wurde ich das Gefühl nicht los, dass an den Erklärungen Laokoons etwas nicht stimmte. Aber ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Eine zyklopenhaft wuchtige Mauer löst sich auf und gab den Blick in eine weitere Halle frei, in der ein bewegter, milchiger Lichtschein hin und her sprang. Die Herkunft dieses Lichts in dem anscheinend fensterlosen riesigen Raumblieb mir zunächst unklar. Doch dann erkannte ich: Die hohen Wände waren bis zur Decke mit Monitoren bedeckt, wie bei Installationen von Unterhaltungselektronik-Messen, nur in viel größerem Ausmaß. Auch zeigen die Monitore nicht alle dasselbe Bild; auf den ersten Blick konnte ich zwar nicht genau erkennen, was sich auf den Mattscheiben abspielt, aber auf manchen ging es anscheinend hoch her, auf anderen flimmerte es nur. Viele der Mattscheiben jedoch waren schwarz, wie TOT... Die riesige Halle war menschenleer, nicht eine einziger dieser vermummten Gestalten waren zu sehen... Das ganze Geflimmer schien niemanden zu interessieren... Und über allem lag wieder diese unheimliche, gespenstische Stille.
      Ich trat an einen der Monitore heran. Zunächst konnte ich nichts Genaues erkennen, doch dann sah ich etwas, das mir die Haare zu berge stehen ließ. Eine entsetzliche Angst überfiel mich. Um die Angst zu bezwingen, stellte ich mir eine blühende Wiese im Mai vor...

      Forts. folgt

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    • Hallo @wunderkind
      Ich habe mal Kapitel eins und zwei gelesen. Für den Anfang einer Geschichte gar nicht so schlecht. Deine Beschreibungen sind gut formuliert. Ein bisschen zu viele kurze Sätze für meinen Geschmack, der den Lesefluss etwas negativ beeinflusst, was aber auch wieder Geschmackssache sein könnte, denke ich. Außerdem finde ich, dass es etwas zu schnell voran geht. Plötzlich ist da das Licht, dann fliegt der Erdling auf einmal schon hoch und trifft den Zauberer. Der Erdling glaubt das auch etwas zu schnell. Würde es nicht ein bisschen besser sein, wenn er noch etwas geschockt ist oder etwas mehr stutz?


      LG Sora
      "Niemand weiß, was er kann, wenn er es nicht versucht." Zitat von Publilius Syrus


      Meine Geschichte: Erbin der Mächtigen ;)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Sora ()

    • Kap. 5. Im Kampfhimmel. Apokalypse now. Der Turm der Un-Menschen. Im Purgatorium. Erneute Flucht des Erdlings.


      Huroon saß auf einer bröckelnden Mauer und grinste mir entgegen. Er sah aus, als habe er auf mich gewartet. Seine weißen Haare flatterten im Wind.
      „Da bist du ja endlich, Erdling!“ rief er ungeduldig, „wurde auch langsam Zeit.“
      „Umgekehrt wird ein Schuh draus“, versetzte ich, „ich habe dich gesucht, aber du warst nicht da.“
      „Nein, das meine ich nicht. Ich meine, es hat ziemlich lange gedauert, bis du den Wunsch verspürtest, von Laokoons Burg wegzukommen. Wie du siehst, habe ich schon vor dir das Weite gesucht.“
      Jetzt erinnerte ich mich an die Szenen auf dem Monitor und an meine Angst, die jetzt allerdings völlig verflogen war.
      „Da war ein Monitor mit entsetzlichen –“
      „Weiß ich, weiß ich! Ich kenne den Betrieb! Ihr Erdlinge seid euch eben selbst die größten Feinde. Traurig, aber wahr. Sogar Laokoon leidet darunter. Aber er kommt gegen diese Teufel in der Schicksalsschmiede nicht an. Mittlerweile hat es es aufgegeben, noch auf Besserung zu hoffen. Er sorgt dafür, dass die Burg nicht verfällt, aber alles andere kümmert ihn nicht mehr.“
      „Wo du es jetzt sagst... Ich hatte den gleichen Eindruck... Auch mich wirkte er ziemlich niedergeschlagen, von irgendetwas deprimiert.“
      „Ja, er hat schon mal besser ausgesehen.“

      Ein Geräusch wie Schlachtengetümmel lag in der Luft. Es schien von oben zu kommen. Ich blickte hoch. Der Himmel war grau und wolkenverhangen, so wie ich es von der Erde kannte. Die Wolken zogen in Staffeln dahin. In der Ferne blitze es ununterbrochen, das Rollen der Donner war bis hierhin zu hören. An einer Stelle stieg schwefelgelber Rauch auf, an einer anderen flackerte roter Feuerschein.
      „Wird dahinten gekämpft?“, fragte ich.
      „So sieht es jedenfalls aus.“
      „Im Himmel wird gekämpft?“
      Huroon lachte sein Zicklein-Lachen. „Ja warum denn nicht? Schließlich befinden wir uns im Kampfhimmel!“
      Ich verstand die Welt – nein, ich verstand den Himmel nicht mehr. Nun ja, Hand aufs Herz: Dergleichen über- und unterirdische Dinge wie Himmel und Hölle hatten mich bisher auch nicht sonderlich interessiert. Aber das es einen Kampfhimmel geben soll – ich war platt. Und neugierig.
      „Das würde ich mir gerne mal von Nahem anschauen“, sagte ich.
      Schon änderte sich das Bild. Wir standen jetzt auf einem hohen Berg, von dem aus man weit ins Land blicken konnte. Das hügelige Gelände war von Kriegsspuren übersät. Ich erkannte Burgruinen, Kirchenruinen, zerschossene Dörfer, brennende Häuser, Städte mit rauchenden Trümmern, verbrannte Wälder und Äcker mit vernichteten Ernten. Dazwischen wogte eine unübersehbare Menschenmenge, viele schrien, andere rangen die Hände oder schwangen die Fäuste, Mütter hielten kleine zappelnde Kinder hoch. Manche schleppten sich auf Krücken dahin, viele wurden getragen. Blutige Verbände hingen in Fetzen herunter, anderen fehlte ein Arm oder ein Bein. Mitten in diese jammervollen Gestalten platzten Granaten hinein und ließen die Körper schreiend und mit wilden Verrenkungen durch die Luft fliegen. Und als sei des Schrecklichen noch nicht genug getan, lösten sich aus einer Wolkenstaffel zehn oder zwölf silberner Punkte, die schnell größer wurden: Kampfflugzeuge mit Maschinengewehren bewaffnet, deren Feuergarben in die Menschenmenge hinein rasten.
      Verstört schlug ich die Hände vors Gesicht. Ich war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Mir war übel. Das war ja entsetzlicher noch als der schlimmste Film von Arnold Schwarzenegger!
      Und wieder erklang Huroons ekelhaftes Gemecker.
      Jetzt war meine Geduld zuende. „Du alter Giftzwerg!“ schrie ich ihn, mit dem Fuß aufstampfend und von dem Anblick aufs Tiefste erschüttert, wütend an, „du hast die Stirn, darüber auch noch zu lachen? Du... du... du wahnsinniger Sadist! Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben!“ Letzteres war natürlich dummes Zeug, denn wer anders als er konnte mich von diesem verruchten Ort weg und wieder zur Erde bringen. Aber ich war zu erregt, um noch klar denken zu können.
      „Halt die Beine still, nimm die Hände herunter und schau wieder hin“, befahl der Meister kalt.
      Ich blickte wieder hin – das Spektakel war verschwunden. Stattdessen erblickte ich einen gläsernen Turm, in dem etliche Gestalten, über mehrere Etagen verteilt, aufgeregt hin und her liefen. Andere hockten auf dem Boden, den Kopf in die Hände gestützt. Die Landschaft drum herum war eine triste Einöde ohne die geringste Spur von Leben. Der Himmel darüber dunkelte in hoffnungslosem Novembergrau. Ein Friedhof war dagegen eine Oase.
      „Mach das bitte nicht nochmal“, sagte ich und ließ mich erschöpft auf einen großen Stein fallen.
      „Mich kannst du nicht meinen! Wer wollte sich das Kampfgetümmel denn von Nahem anschauen, he? Du oder ich? Na also!“
      „Entschuldige, tut mir Leid... Aber versteh doch... Ich –“
      „Schwamm drüber. Du bist nicht der erste, dem bei diesem Anblick die Knie weich werden. Aber wer A sagt, muss auch B sagen.“
      „Das heißt in diesem Fall?“
      „Zunächst solltest du dir anhören, was es mit diesem Turm auf sich hat.“
      „Und dann?“
      „Nicht so voreilig, junger Freund. Alles zu seiner Zeit.“
      „Okay. Ich höre.“
      Während Huroon berichtete, schwebte der Turm auf uns zu, sodass ich Einzelheiten erkennen konnte. Mir fiel sofort auf, dass sich im Inneren des Turms nicht der kleinste Einrichtungsgegenstand befand. Figuren schwebten darin herum wie Goldfische in einem Glas Wasser.
      „Wer sind diese Leute?“, fragte ich.
      „Schau genau hin!“
      „Der eine da kommt mir bekannt vor... sag mal... könnte das Hitler sein?“
      „Bingo! Es ist sein Astralleib. Und die Figur neben ihm erkennst du sicherlich auch.“
      „Stalin! Und wer ist der Kleine da, der ständig gegen eine unsichtbare Wand läuft?“
      „Napoleon.“
      Ein scharfer Wind kam auf. Wir verließen unseren Aussichtspunkt und zogen uns in ein Kellergewölbe zurück.
      „Es ist der Turm der Un-Menschen, in dem sich die Astralleiber der schlimmsten Kriegsverbrecher befinden. Hitler, Stalin und Napoleon sind nur die prominentesten, vielleicht noch Alexander, der im Basement des Turms untergebracht ist. Sie büßen dort für die Verbrechen, die sie an der Menschheit begangen haben, jeder auf eine spezifische Weise.“
      „Was meinst du damit?“
      „Nehmen wir Napoleon. Ist dir bekannt, dass dieser ruhmreiche Feldherr sich immer dann feige von seinen Truppen entfernte, wenn es sich abzeichnetet, dass eine Schlacht verlorenging? So war es in Ägypten, so war es an der Beresina. Bei seinen Feldzügen hat dieser Feigling Millionen Menschen ins Unglück gestürzt, nur um sich vor der Welt als großer Stratege zu beweisen. Und immer dann, wenn er am Nötigsten gebraucht wurde, war er nicht da. Zur Strafe muss er jetzt ewig mit ansehen, wie seine Soldaten in der Beresina ertrinken, und er kommt nicht weg.“
      „Hmm... Und wie wird Hitler bestraft?“
      „Du sahst vorhin die zerstörte Stadt... Stalingrad... Aber du konntest in der kurzen Zeit nicht erkennen, was sich dort abspielt. Aber Hitler erkennt es, weil er es weiß... Wenn er woanders hinschauen will, dreht sich der Turm, und er blickt wieder auf Stalingrad... Für alle Zeiten Stalingrad, nichts als Stalingrad...“
      „Verstehe... Wofür dann diese vielen Menschen, dieses grauenhafte Kriegsgeschehen?“
      „Im Turm sind zweihundert der schlimmsten Kriegsverbrecher aller Zeiten untergebracht. Und für alle Zeiten wird ihnen vorgeführt, welches Unheil sie angerichtet haben und ihresgleichen immer noch anrichtet. Und damit sie sich nicht an den Anblick gewöhnen, wird das Geschehen immer wieder unterbrochen.“
      Huroon schwieg.
      Nach einiger Zeit fragte ich: „Bist du der Teufel?“
      Der Meister blickte mich erstaunt an. „Wie kommst du denn darauf? Ich bin der Zauberer Huroon und ein Freund Laokoons.“
      „Ich dachte nur... Man sagt doch, dass die Seelen der Unmenschen in die Unterwelt fahren und dort von Teufeln gequält werden.“
      „Wer hat dir denn das erzählt? Das ist völliger Unsinn. Jede Seele steigt nach oben, denn eine Seele ist leichter als Luft. Und sogar Schwerstverbrecher haben Seelen, die leichter als Luft sind. Und gequält wird hier niemand. Dann würde ich mich ja mit diesen Leuten auf eine Stufe stellen.“
      Ich muss sagen, mit dem spezifischen Gewicht von Seelen hatte ich mich noch nicht beschäftigt, und ehrlich gesagt, es interessierte mich auch nicht die Bohne. In diesem Moment erscholl wieder der Kriegslärm und schwoll zu einem unheimlichen Getöse an. Jetzt ich hatte die Nase endgültig voll. Das war ja nicht auszuhalten! Deshalb stellte ich mir intensiv eine blühende Wiese im Mai vor – doch nichts geschah.
      „Erst will ich dir noch das Purgatorium zeigen“, sagte Huroon, „und dann geht´ab in den Mai. Es ist gar nicht weit von hier, strenggenommen stehen wir drauf.“
      Wir stiegen eine steinerne Wendeltreppe hinunter, die zunächst kein Ende nehmen wollte. Endlich gelangten wir in einen gewölbten Raum, in dem eine Unzahl Kerzen brannten. In einer Seitennische kniete ein Mann vor einer steinernen Figur, deren Gesicht, so ähnlich wie bei Halloween, von innen leuchtete. Der Mann hatte den Kopf in die Hände gestützt und und schien zu schlafen. Er trug schulterlange, braune Haare und war in eine Art Jägeranzug gekleidet. An der Wand neben der Betbank lehnte ein wuchtiger Knotenstock.
      „Das ist Franzi“, flüsterte Huroon, „sein bürgerlicher Name ist Heiliger Franziskus. Er meditiert wieder einmal. Gleich ist er bei uns.“
      In der Tat, schon kam Bewegung in die Gestalt. Franzi stand auf, ergriff seinen Knotenstock und kam auf uns zu. Aber ich hatte nicht den Eindruck, dass er wirklich schon bei uns war. In seinen wunderbar blauen Augen lag der Ausdruck innerer Abwesenheit.
      Franzi verbeugte sich leicht, wies auf eine Tür und sagte: „Bitte!“
      Es brauchte eine Weile, bis ich begriff, dass wir in einer Kirche standen, oder besser gesagt in einem Dom. Alles war grün. Sogar das Licht. Mehrere Reihen mächtiger, grün schimmernder Pfeiler zogen sich endlos dahin und schienen in der Ferne zusammenzulaufen. Der Kirchenboden bestand aus einer sauber gemähten, sattgrünen Rasenfläche. Ich blickte nach oben, in Richtung des Lichteinfalls. Ein Dach war nicht vorhanden. Die mächtigen Pfeiler ragten nutzlos in einen grünlich schimmernden Himmel. Auch ein Teil der Wände fehlte, und was noch stand, war von dichtem, dunkelgrünem Efeu bedeckt.
      Franzi ging voran, wir folgten. Auch draußen standen überall einsame Säulen herum. Die Luft war erfüllt von einem eigenartigen Singsang, der von einem Jammern begleitet wurde, das mich an das Wimmern kleiner Kinder erinnerte. Allmählich wurde das Jammern lauter, und wir standen vor einem hohen, schmiedeeisernen Gitter. Franzi stieß mit dem Stock auf den Boden, und das Jammern verstummte, doch der Gesang blieb.
      „Was ist das für ein Gesang, und wer singt ihn?“ fragte ich.
      „Es sind Gregorianische Choräle“, sagte Franzi. „Ihnen wohnt die Kraft der Läuterung inne. Die Sänger sind die Astralleiber von verstorbenen Mönchen, welche freiwillig die Seelen schon Geläuterter aufgenommen haben – schau dich um!“
      Ich erblickte eine steinerne, üppig verzierte Kanzel, die frei in der Luft schwebte. Dicht gedrängt standen dort ätherisch wirkende Gestalten, alle mit weißen Kapuzen über dem Kopf. Ihre Münder bewegten sich im Rhythmus des Gesanges.
      Ich wandte mich wieder dem Gitter zu. Dahinter lag ein Teich, aus dem mich Hunderte goldener Augenpaare anstarrten. Ab und zu sprang eines diese Augenpaare hoch – ich traute meinen Augen nicht – es waren froschähnliche Tiere nie gesehenen Ausmaßes.
      „Es sind die Seelen von Verbrechern in der Gestalt von Unken“, belehrte mich der Meister.Er war neben mich getreten und blickte fasziniert auf das Gewimmel. „Es ist eine Idee von Laokoon. Da diese Verbrecher zu Lebzeiten nie über ihre Untaten geweint haben, sind sie dazu verdammt, bis zu ihrer Erlösung zu jammernund Gregorianische Choräle anzuhören.“ Er gab Franzi ein Zeichen. Der stieß mit dem Stock auf den Boden, und wieder begann das entsetzliche Gewimmer. Ein neuer Stoß – und schon herrschte Ruhe.
      Nun ja, ich war mir nicht so sicher, was sie wirklich beweinten – ihre Untaten oder die Aussicht, bis ans Ende der Welt diese eintönigen Choräle anhören zu müssen.
      „Aber sie weinen wenigstens“, fuhr Huroon fort, „die im Turm können noch nicht einmal das. Noch nicht eine einzige Träne haben diese Un-Menschen bisher vergossen. Im Gegenteil. Anfangs behaupteten sie noch, sie hätten nur das Beste für ihr Land gewollt. Für ihr Land! Dass ich nicht lache! Soll heißen: Für ihr monströses Ego!“ Huroon lachte jetzt tatsächlich. „Doch mittlerweile sind einige so dement, dass sie noch nicht einmal solchen Schwachsinn zustande bringen. Hitler zum Beispiel kennt nur noch zwei Wörter: Endlösung und Gröfaz, die er ständig vor sich hin brabbelt.“
      „Was bedeutet denn Gröfaz?“
      „Gröfaz ist die Abkürzung von Größter Feldherr aller Zeiten.“
      Franzi lachte kurz auf und versank wieder in Schweigen.
      Huroon schüttelte sich. „Ach, lassen wir das. Es ist zu unerfreulich. Bei diesen hier besteht wenigstens noch Hoffnung, dass sie irgendwann einmal erlöst werden.“
      Als hätten die Unken Huroons Worte verstanden, sprangen sie jetzt wild durcheinander, das Wasser schäumte. Einige klatschten neben dem Teich auf den Boden und wurden von Franzi wieder zurückgetrieben.
      Irgendwie hatte ich Mitleid mit diesen bedauerlichen Geschöpfen. Was konnten sie dafür, dass sie die Seelen von Verbrechern aufnehmen mussten!
      „Wie würde diese Erlösung denn aussehen?“, fragte ich.
      „Nun, die gereinigte Seele würde diesen Ort der Läuterung verlassen und ins Meer zurückkehren, dahin, wo sie hergekommen ist. Es sei denn, ein anderes, mildtätiges Wesen nimmt sie auf.“
      „Und wer könnte so etwas bewirken?“
      Der Meister sah mich eigenartig an. „Jemand wie du. Ein reiner Tor.“
      Ich blickte auf den Teich. Wieder starrten mich die Augenpaare an. In ihren Blicken lag jetzt erwartungsvolle Aufmerksamkeit.
      „Aha!“, sagte ich, „ich bin also ein reiner Tor. Und was ist ein reiner Tor?“
      „Jemand, der unverzagt die Menschen liebt, obwohl er schon oft enttäuscht wurde.“
      „Du kennst mich anscheinend besser als ich mich selbst.“ Aber ich wollte kein Spielverderber sein und sagte: „Und was müsste ich dann tun?“
      „Du müsstest für einen Moment ganz fest an das Gute im Menschen glauben.“
      „Na gut. Ich glaube!“
      Franzi sprang vor. „Nein! Doch nicht alle auf einmal“ riefer aufgeregt und hämmerte mit seinem Knotenstock wie wild auf den Boden. Aber es war bereits zu spät. Ein ein herzzerfetzendes Gewimmer brach los, das eiserne Gitter löste sich auf, die Unken hüpften aus dem Teich und krochen mit schauerlich hervorquellenden Augen auf mich zu.
      Ich war so perplex, dass ich wie angewurzelt stehen blieb. Schon hatten die ersten meine Füße erreicht und versuchten, an mir hochzuspringen. Ihre Schallblasen bewegten sich wie Blasebälge,ihre Bäuche glänzten feuerrot. Bald war ich von den triefenden und wimmernden Unken umringt. Die frechsten stiegen auf die Rücken der Genossen unter ihnen und versuchten, mir die Hände zu küssen. Einige machten sogar Anstalten, mir insGesicht zu springen. Ich fühlte, wie mir etwas Kaltes und Klebriges den Rücken hoch kroch. Entsetzt schüttelte ich das ekelhafte Gewimmel ab und rannte in langen Sätzen durch die Kirche in das unterirdische Gewölbe zurück.
      Doch die Wendeltreppe war verschwunden.
      Wütend und enttäuscht hockte ich mich auf die Andachtsbank und dachte nach. Dieser elende Zauberer! Schon wieder hatte er mich an der Nase herumgeführt! Von wegen Erlösung durch einen reinen Toren! Ich war kein reiner Tor, sondern ein dummer Narr, weil ich an diesen Schabernack geglaubt hatte!
      Wild entschlossen stand ich wieder auf, um Huroon zur Rede zu stellen. Doch da trat der Zauberer mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt aus der Wand heraus.
      „Ha, da bist du ja, elender greiser Wicht!“ rief ich, „du bist durchschaut! So handelt kein Freund, so handelt ein Schurke! Glaube nicht, dass mir deine Kunststückchen noch imponieren!“ Es klang ziemlich pathetisch, doch in meinem Zorn fiel mir nichts besseres ein.
      „Ich verstehe nicht“, sagte er und schwang sich auf einen Vorsprung, der in halber Raumhöhe plötzlich aus der Wand herausragte. „Erdling, was wirfst du mir vor?“
      „Komm runter da, so kann ich nicht mit dir reden.“
      „Nein, du kommst herauf zu mir! Seit wann kommt der Berg zur Maus?“
      Ich fühlte mich hochgehoben, aber ich kam ihm nicht näher. In dem Maße, wie ich aufstieg, stieg auch er auf.
      „Lass das, ich meine es ernst!“
      Schon sauste er herunter. Von Fahrtwind standen seine Haare senkrecht hoch, und ich musste grinsen. Es wirkte überaus komisch. „Dir kann man einfach nicht böse sein“, sagte ich halbwegs versöhnt, „aber was sollte diese Komödie vorhin?“
      „Es war keine Komödie“, erwiderte der Zauberer ernst, „die Erlösung ist geglückt! Du hast ganze Arbeit geleistet. Die Seelen sind bereits wieder in der Nordsee.“
      „Ja... aber... ich... was hab ich denn groß getan? Schließlich bin ich doch sogar weggelaufen!“
      „Muss man denn immer etwas Großes tun, um etwas zu erreichen? Du hattest Mitleid, und du hast an das Gute im Menschen geglaubt. Na ja, ganz überzeugt warst du nicht, mein Lieber, aber Franzi und ich haben ein Auge zugedrückt. Franzi braucht Platz für die nächste Sendung Verbrecherseelen. Und ein Großteil ihrer Schuld hatten sie ja schon abgebüßt.“
      „Und warum hat Franzi so ein Theater gemacht?“
      „Er sah voraus, dass sich alle auf einmal auf dich stürzen würden, um dir ihre Dankbarkeit zu bezeugen. Das Ergebnis ist ja bekannt.“
      Ich musste lachen. „Allerdings! Aber weißt du was? Mir reicht´s jetzt. Dieser Kampfhimmel geht mir langsam auf den Keks! Immer nur Schuld und Sühne. Hast du nichts Unbeschwertes anzubieten? Etwas Heiter-Frühlingshaftes? Etwas ohne Un-Menschen, Schwerverbrecher-Seelen und wimmernde Unken?“
      „Dein Wunsche sei mir Befehl!“
      Huroon schwebte zu Boden und stieß mit dem Fuß eine Tür auf, die eben noch nicht da war. „Nach dir, Erdling“, sagte er.

      Kap. 6. Im Himmel der verwirklichten Träume. Die ungeborenen Kinder. Besteigung des Schokoladenbergs. Das Narrenschiff. Aufstieg zum Blutmond.


      Eine weite, von Tau glänzende Wiesenlandschaft tat sich vor uns auf, über der sich in der Ferne purpur-violette Wolkengeblide auftürmten. Eine Lichtgestalt schwebte über der Ebene, in ein Gewand aus Rosenblüten gehüllt. Ihr Haar loderte wie Feuer. In der erhobenen rechten Hand hielt sie einen gläsernen Kelch, aus dem eine weiße Lilie entsprang. Auf dem Kelchrand saßen Kinderpaare, klein und pausbäckig wie Posaunenengel, die ihre Hände in den Himmel streckten. Ich erkannte, was die Kinder so faszinierte: Es war der Morgenstern in einer glitzernden Kristallschale, die zwei rosig überhauchte Knaben in den Händen hielten. Eine wunderbare Musik ertönte, von schwebenden Engelsgestalten musiziert.
      „Wer ist die Lichtgestalt?“, fragte ich.
      „Die Göttin der Unschuld.“
      Ich starrte die Gestalt an. Die Rosenblüten ihres Kleides öffneten sich, und bald hüllte mich ein unbeschreiblich schöner Duft ein. Ich sank auf die Knie und rief: „Heil dir, Göttin! Dein Anblick ist bezaubernd schön!“
      „Komm“, sagte Huroon, „wir haben noch viel vor uns!“
      Warum die plötzliche Eile, dachte ich. Klingt da etwa Neid mit?


      Bald gelangten wir an einen See mit einer Blumeninsel mitten drin. Rechts und links der Insel segelten Schwäne, die langen Hälse harmonisch gebogen. Ihr weißes Gefieder glich halb geöffneten Blütenkelchen. Über dem See, hinter Wolken wie Zuckerwatte, die Sonne, deren Glanz sich in den Wellen brach.
      Geplätscher und heiteres Kinderlachen erklang. Eine Delphinschule schwamm auf uns zu, mit Kindern auf den Rücken. Die Kinder lachten und winkten, und wir winkten zurück.
      Ich war wie verzaubert. Der Sonnenschein, die weite Seefläche, in der sich die Wolken spiegelten, das Spiel der Wellen, die schwimmenden Schwäne, die Harfenklänge in der kristallklaren Luft, die Lichtgestalten – zum ersten Mal, seit ich mit dem Zauberer unterwegs war, kam mir der Verdacht, dass ich träumte. Aber es kann doch nicht sein, dachte ich sofort, zu real sind die Gegenstände, zu glaubhaft ist die Stimmung.
      Wir gingen weiter.
      Schon von Weitem leuchtete uns eine rote Fläche entgegen. Es war ein riesiges Feld mit blühendem Klatschmohn. In den Blüten saßen singende Kinder und schaukelten mit den Blüten im Wind. Kleine Mädchen mit Flöten an den Lippen, die Körper zauberhaft rötlich angestrahlt, erzeugten Töne wie Grillenzirpen.
      „Wo sind wir hier?“, fragte ich verwirrt.
      „Im Himmel der ungeborenen Kinder“, antwortete der Meister schlicht.
      Eine Weile gingen wir schweigend nebeneinander her. Dann sagte Huroon: „Setzten wir uns auf die beiden Steine dort. Ich muss mich eine Weile ausruhen.“
      Wir setzten uns, und die Steine verwandelten sich flugs in bequeme Ohrensessel.
      „Diese Kinder hier“, sagte der Meister und legte die Beine übereinander, „warten auf ihre Geburt. Du wirst bemerkt haben, dass sie im Gesicht alle gleich aussehen und keine wirkliche Hautfarbe besitzen. Was sie so rosig oder weiß erscheinen lässt ist der Widerschein der Blüten. Erst im Mutterleib erhalten sie ihre Gesichtszüge und ihre Körperfarbe.“
      „Das ist vernünftig“ pflichtete ich bei, „so wird verhindert, dass es bei der Hautfarbe zu Irrtümern bei der Verteilung kommt.“
      Huroon blickte betreten auf seine Füße.
      „Leider hat es in der letzten Zeit Verwechselungen gegeben“, sagte er bedrückt. „Zwei farbige Frauen haben blütenweiße Kinder zur Welt gebracht. Ich weiß nicht, wieso es immer wieder zu solchen Verwechselungen kommt. Auch Laokoon weiß keinen Rat.“
      „Dann müsst ihr bei der Auswahl der Kinder eben sorgfältiger vorgehen.“
      Huroon stand auf. Er schien beleidigt.
      „Entschuldige, Meister“, sagte ich, während wir weitergingen, „es war nicht so gemeint. Ich könnte mir vorstellen –“
      „Für die Wahrheit muss sich niemand entschuldigen!“, unterbrach er mich aufgeregt, „ich ärgere mich über mich selbst. Weißt du welches Schicksal diesen Kindern blüht? Stell dir vor, du bist das einzige weiße Kind in einem abgelegenen Buschdorf unter lauter schwarzen!“
      Ich versuchte, es mir vorzustellen, aber ich kam zu keinem Ergebnis. Mir fiel der Begriff: 'Schwarzes Schaf' ein, aber dieser Vergleich erschien mir dann doch zu weit hergeholt.
      Um uns auf andere Gedanken zu bringen, fragte ich: „Wovon ernähren sich diese vielen Kinder hier eigentlich? Ich habe noch keines essen oder trinken gesehen.“
      „Ihre täglich Brot ist die Freude, ihr Getränk die Milch der Unschuld.“
      Ich blickte den Zauberer von der Seite an. Das konnte er doch unmöglich ernst gemeint haben!
      Doch der blickte mit ernster Miene stur geradeaus.
      „Okay, das mit der Unschuld sehe ich ein. Aber worauf freuen sie sich denn? Besser als hier können sie es unten auf der Erde doch garnicht haben!“
      „Drum freuen sie sich ja!“


      Am Horizont tauchte ein Höhenzug auf, von dem ein brauner Glanz ausging. Sogar die Luft und die Wolken über ihm schimmerten braun. Ehe ich´s versah, standen wir schon davor. Ein hoher brauner Berg erhob sich vor unseren Augen, auf dem überall Kinder und Jugendliche in allen möglichen Schattierungen von hellbraun bis schwarz herum kletterten. Sie brachen von den Felsen kleine Stücke ab und steckten sie in den Mund.
      „Wir stehen vor dem Schokoladenberg“, sagte Huroon ungefragt. „Diese Kinder und Jugendlichen haben ihrem Leben noch keine Tafel Schokolade gegessen.“
      „Warum sind denn die meisten Farbige?“, fragte ich, „ich sehe nur ganz wenige Weiße.“
      „Die Kinder kommen hauptsächlich aus Ländern der Dritten Welt, in denen Kakao angebaut wird. Aber die Ernten werden sofort in die reichen Länder verschifft, wo auch die Schokolade hergestellt wird. Natürlich gibt es auch bei ihnen Schokolade zu kaufen, aber zu welchem Preis? Die wenigsten der Eltern dort können es sich leisten, Geld für Schokolade auszugeben.
      „Die Kleinen werden sich noch den Magen verderben“, bemerkte ich etwas unüberlegt.
      „Du redest wie ein Oberlehrer, Erdling!“ rief Huroon ärgerlich, „was ist ein verdorbener Magen gegen die Freude, sich endlich einmal an Schokolade satt essen zu können.“
      Wir stiegen hoch. Überall hockten Kinder und stopften sich mit leuchtenden Augen Schokolade in den Mund. Manche waren über und über beschmiert – die reinsten Sarotti-Mohren.
      Ich brach ein kleines Stück von einer Felskante ab, kostete und spuckte aus. „Das soll Schokolade sein?“ rief ich und blickte den Meister angewidert an, „das schmeckt ja nach Seife!“
      Huroon brach in ein wüstes Ziegengemecker aus. „Das kommt davon, wenn man anderen die Freude nicht gönnt! Ich habe den Geschmack verwandelt, damit du nicht zu viel davon isst und dir noch den Magen verdirbst!“
      Beschämt schwieg ich.
      Endlich standen wir auf dem Gipfel des Schokoladenberges. Von hier aus hatte man einen weiten Blick ins Land hinaus. Überall ragten Hügel und niedrige Berge aus der Ebene, dazwischen schimmerten wie blitzende Augen Teiche und kleine Seen. Alles erstrahlte in den verführerischsten Farben. Gerade fiel ein Bündel Sonnenstrahlen auf einen weißen Berg in der Nähe, der nun in betörendem Glanz aufleuchtete. Auch dort ein Gewimmel von kleinen und größeren Gestalten.
      „Das da ist doch sicherlich der Marzipanberg“, bemerkte ich auf gut Glück.
      „Du lernst schnell“, sagte der Meister und nickte anerkennend.
      Eine eigenartig geformte Wolke, die mehrmals Farbe und Gestalt änderte, kam auf uns zu. Eben hatte sie wie ein großes grünes Kissen ausgesehen. Als sie über den Marzipanberg segelte, wurde sie weiß, und es sah aus, als bestehe sie ganz aus Schlagsahne. Jetzt hielt sie vor uns an und ich sah, was es wirklich war: Ein mit Puderzucker bestreuter Windbeutel, auf dem meine Eis-Elfen saßen und sich die Hände vor die Augen hielten. Sie sangen:

      „Ahoy, ahoy, Schoko-Boy!
      Dein Anblick erschreckt,
      und Trauer erweckt!
      Deiner Locken Pracht
      schwarz wie die Nacht!
      Das Rot deiner Wangen
      mit Schleiern verhangen.
      Was ist geschehn,
      dass wir dich so sehn?“


      Ich blickte den Zauberer verdutzt an. „Was meinen sie?“
      „Schau an dir herunter!“
      Ich tat es. Verdammt! Ich war über und über mit Schokolade beschmiert. Meine Haare waren steif und verkrustet. Ich sah aus, als hätte ich sie in flüssiger Schokolade gebadet.
      „Meister, was soll das!“ rief ich aufgebracht „das machst du sofort wieder weg!“
      „Entschuldige, Erdling! Kleiner Scherz!“
      Und schon sah ich wieder normal aus.
      „Solche Scherze liebe ich nicht“, sagte ich immer noch grollend.
      Die Eis-Elfen nahmen die Hände vom Gesicht und brachen in ein fröhliches Gelächter aus. Der Windbeutel löste sich auf, und die Eis-Elfen schwebten davon. Dabei riefen sie:


      „Ade, ade! Wie ist mir weh!
      Nie wieder ich dich seh!
      Von deiner Locken Pracht
      träum ich zur Nacht!
      Kehrst bald zur Erde zurück,
      denn da liegt den Glück!
      Ade, ade...“


      Die letzten Worte verhallten in der Weite des Himmels.
      Seltsame Geschöpfe, dachte ich. Erst machen sie sich über dich lustig, jetzt können sie sich vor Trauer kaum fassen. Verstehe einer die Frauen!
      Obwohl am Himmel nur dünne Wolkenschleier zu sehen waren, begann es heftig zu regnen.
      „Lass uns gehen“, sagte ich, „bevor wir ins Rutschen kommen oder sich der Berg hier auflöst.“ Außerdem hatte ich von Schokolade die Nase voll.
      Huroon schüttelte den Kopf. „Der löst sich nicht auf. Nicht von den Tränen der Eis-Elfen.“
      Trotzdem begannen wir den Abstieg, und schneller als gedacht waren wir wieder unten. Wir waren noch keine zwei Minuten gegangen, da tauchte vor uns eine hohe Mauer auf, die fast vollständig von blauen und roten Blüten bedeckt war. Am Fuß der Mauer wuchsen große weiße Pilze, die wie Bälle aussahen. Dahinter erhob sich eine Burg, oder besser ein Schloss, das mir wie eine Erzählung aus Tausend und einer Nacht vorkam. Ich sah blendend weiße Mauern, hell erleuchtete Fenster, in denen sich die Sonne spiegelte, grün schimmernde Zinnen, schlanke Türme mit vergoldeten Kuppeln. An einigen Stellen ragten die Kronen herrlich blühender Bäume ins Himmelsblau.
      Fasziniert blieb ich stehen und lauschte. Erklang da hinter der Mauer nicht fröhliches Lachen und heiteres Rufen? Hörte ich da nicht Klänge, wie ich sie von Schulfesten kannte? Ich wollte gerade meine Vermutung äußern, da flog ein Fußball über die Mauer und mir vor die Füße. Ich bückte mich, um ihn zurückzuwerfen, da sagte Huroon: „Lass ihn ruhig liegen. Er ist nicht der erste Fußball, der über die Mauer fliegt, und auch nicht der letzte. Für Ersatz ist jederzeit gesorgt.“ Jetzt sah ich auch, dass die vermeintlichen Pilze keine Pilze, sondern Fuß- und Handbälle waren, die überall herumlagen.
      „Du irrst“, sagte Huroon, der wieder einmal meine Gedanken erraten hatte, „was du da hörst ist kein Schulfest. Wir stehen vor dem Paradies der Kindersoldaten.“
      Das Paradies der Kindersoldaten!
      Ich schlug mir mit der flachen Hand vor die Stirn. Warum war ich nicht von selbst darauf gekommen! Ein Leben ohne Kindheit, mit einem Gewehr statt eines Teddybärs im Arm, ist doch unvergleichlich grausamer als ein Leben ohne Schokolade und Marzipan! Wenn nicht diese bedauerlichen Kinder, wer dann hätte Anspruch auf einen unbeschwerten Aufenthalt im Paradies!
      „Ich würde gerne einen Blick über die Mauer werfen“, sagte ich erschüttert.
      „Natürlich, mein Freund! Deshalb sind wir ja hier. Du steigst als Erster hoch.“
      „Aber Meister, ich sehe keine Leiter!“
      „Dann wünsch dir eine!“
      Ich wünschte mir eine, und schon saß ich oben auf der Mauer.
      „Was siehst du?“, fragte Huroon von unten herauf.
      „Hmm... Nichts besonderes. Ich sehe einen langweiligen Schulhof, einen öden Sportplatz und viele junge Leute, die kreuz und quer laufen.“
      „Mehr nicht?“
      Ich hatte mich umgedreht und blickte jetzt wieder geradeaus. „Schnöder Schelm!“ rief ich verärgert, „musst du mich immer an der Nase herumführen?“
      „Schrei nicht so, ich bin nicht schwerhörig!“ kam es von der Seite. Huroon saß neben mir und lächelte mich mit Unschuldsmiene an.
      Von wegen langweiliger Schulhof und öder Sportplatz! Vor mir lag ein weites Feld mit beblümten Rasenflächen, Sandkästen, Klettergerüsten und allen möglichen Dingen, auf und mit denen Kinder gerne spielen. Das blaue Wasser eines Schwimmbeckens leuchtete herüber, auf einem Fußballfeld wurden die Spieler heftig angefeuert. Dazwischen standen bunte Buden, in denen Erfrischungen angeboten wurden.
      Aus dem Tor des Schlosses kam eine Prozession kleinerer und größerer Gestalten, alle in weiße Gewänder gehüllt. Sie verteilten sich auf die angrenzenden Wiesen und ließen sich nieder.
      „Unterricht findet meistens im Freien statt“, sagte Huroon, „hier regnet es selten.“
      „Und auch nur, wenn die Eis-Elfen weinen“, meinte ich.
      „Das Schloss ist die Schule“, fuhr Huroon fort, ohne auf meine Bemerkung einzugehen. „Nun ja, die Ausstattung lässt noch zu wünschen übrig, aber die Kinder sind glücklich, überhaupt eine Schule zu haben.“ Er machte eine Bewegung, als wolle er von der Mauer springen. „Wir sollten sie besichtigen.“
      „Lieber nicht“, erwiderte ich, „ich habe selbst lange genug unter einer schlecht ausgestatteten Schule gelitten. Lass uns lieber weitergehen.“

      Wir setzten also unseren Weg fort.
      „Gibt es eigentlich auch einen Freudenhimmel für Erwachsene?“, fragte ich nach einer Weile. „Bisher habe ich nur Kinder und Jugendliche gesehen. Ich denke mir –“
      Es ging alles so schnell, dass mir schwindlig wurde. Im ICE-Tempo flog die Landschaft an uns vorbei, und plötzlich fand ich mich auf einer Gartenbank wieder, die um den Stamm einer uralten Linde herum gebaut war. Auf dem Rasenplatz davor standen Tische, an denen Männer und Frauen aus aller Herren Länder saßen, angeregt plauderten und aus zierlichen Tassen tranken. Der Duft, der über dem Platz lag belehrte mich: Wir waren im Himmel der Kaffeetrinker angelangt. Aber nirgendwo war eine Bedienung zu sehen, ich entdeckte weder Kaffeekannen auf den Tischen noch Sahnekännchen.
      Ich wollte den Zauberer gerade danach fragen, das standen einige der Gäste auf und gingen mit der Kaffeetasse in der Hand auf einen der beiden Teiche zu, die ich jetzt erst bemerkte, und auf dem eine Unzahl kleiner weißer Schwäne schwamm. Die Leute hockten sich hin und füllten ihre Tassen mit der dampfenden braunen Flüssigkeit, einige rupften den Schwänen ein paar Federn aus und taten sie in die Tassen, andere wiederum gingen zu dem anderen Teich und bedienten sich mit –
      „Kaffeesahne!“, kicherte Huroon, „was denn sonst. Und die Federn sind keine Federn sondern Zucker. Und eh du fragst: Die Teiche werden mit Erdwärme geheizt, das Vergnügen ist also völlig umweltneutral!“
      Ich musste lachen. „Erdwärme! Hier im Himmel!“
      Zum ersten mal sah ich den Meister um eine Antwort verlegen. Er fuchtelte mit seinen kurzen Armen in der Luft herum, aber er brachte kein Wort hervor. Doch ehe die Situation für uns beide peinlich wurde, wurden wir von lautem Gelächter und markigen Gesängen abgelenkt, die von einem Kahn ausgingen, der sich von rechts näherte, und in dem sich dicht Frauen und Männer drängten. Einige lagen sich in den Armen, andere waren den Mast hoch geklettert und winkten, alle hatten Flaschen in den Händen, aus denen sie immer wieder tranken. In den geöffneten Mündern der Sänger blitzten Reihen weißer Zähne. Viele waren verkleidet und trugen Larven.
      „Das Narrenschiff“, sagte Huroon, froh über die Ablenkung, „eine Abordnung aus dem Jeckenparadies. Sie fahren über Land, um anderen ihre Freude mitzuteilen. Aber wie du siehst mit wenig Erfolg. Kaum einer kümmert sich um die Jecken dort. Jeder ist zu sehr mit seinen eigenen Sehnsüchten beschäftigt, und die Narren merken es nicht.“
      Die Jecken hatten den Zauberer bemerkt, und das Hallo und Helau verstärkte sich noch. Die Frauen warfen ihm Handküsschen zu, die Männer riefen: „Hoch lebe der Zauberer Huroon!“ Kurz darauf setzte sich der Kahn in Bewegung und entschwand. Doch noch lange waren das Lachen und die Gesänge zu hören.
      Der Meister stand auf.
      „Lass mich raten“, schlug ich vor, „als nächstes zeigst du mir das Paradies der Auto-Narren, dann das der Smartphone-Narren, dann das der –“
      „Nein!“
      Huroon klopfte sich mit seiner niedlichen Faust aufs Knie. Es sah drollig aus. „Höre mich an! Steht irgendwo geschrieben, dass es im Paradies Autos oder Smartphones gegeben hat? Na also! Noch sind die Himmel, Laokoon sei´s gedankt, frei von diesen Dingen!“ Er blickte bekümmert vor sich hin. „Allerdings, wer weiß wie lange noch.“
      „Also, wohin geht die Reise?“
      „Lass dich überraschen!“
      Auf einmal wurde es dunkel, und ein blutroter Mond stand am Himmel, umgeben von einem Kranz rötlich schimmernder Wolken: Ein Blutmond. Ich hatte solch einen Mond schon einmal von der Erde aus gesehen; angeblich hat es etwas mit dem Stand von Sonne und Erde zu tun. An den Mond lehnte eine Leiter, die mir bis vor die Füße reichte.
      „Was soll ich denn auf dem Mond? Da gibt es doch nichts als Staub und Steine!“
      „Lass dich überraschen! Auf geht´s!“

      Der Aufstieg war ziemlich mühsam. Die Leiter wollte kein Ende nehmen. Nach hundert Metern blickte ich nach unten, denn über dem Horizont stieg eine riesige Rauchwolke auf. „Ein Vulkanausbruch!“ rief ich.
      „Nein. Das Raucherparadies.“
      „Ich hätte es mir denken können! Aber mal was anderes. Ich wundere mich schon die ganze Zeit: Die Laster, denen die Leute hier ungehemmt nachgehen, dieser ewige Verzehr von Kaffee, Alkohol, das Rauchen, das ist doch alles in hohem Maße gesundheitsschädlich! Warum lässt Laokoon das zu!
      Auch die Kinder machen mir Sorgen. Die viele Schokolade, die süßen Getränke – habt ihn nicht Angst, dass den Kleinen in ein paar Jahren die Zähne ausfallen? Ach ja, jetzt begreife ich!“ Ich schlug mir mit der Hand vor die Stirn, dabei wäre ich fast von der Leiter gefallen. „Die Menschen hier sind ja alle schon gestorben!“
      „Wer sagt denn, dass sie gestorben sind? Sie träumen!“
      „Sie träumen?“ Ich war baff. „Wie soll ich das verstehen?“
      „So, wie ich es sage! Sie liegen in ihren Betten oder sonst wo und träumen von Dingen, die sie sich wünschen. Die Träume steigen auf und werden in diesem Himmel Wirklichkeit.“
      „Dann sind die ungeborenen Kinder – “
      „Die Träume von Eltern, die sich sehnlichst ein Kind wünschen.“

      Kap. 7. Ein winkender Wetterhahn und glückliche Kühe. Das Paradies und ein veganes Krokodil. Besuch bei Adam und Eva. Erdlings Heimkehr.

      Hatte mich eben noch matter Mondschein umgeben – jetzt trat ich hinaus in den hellsten Sonnenschein. Fasziniert blickte ich in eine blühende Landschaft unter einem strahlenden Maihimmel. Zwischen honiggelben Rapsfeldern und lindgrünen Birkenwäldern lagen friedliche Dörfer mit roten Dächern und spitzen Kirchtürmen. Ihre Wetterhähne blitzten in der Sonne. Einer winkte mir zu. Im Gezweig blühender Sträucher zwitscherten die Vögel, auf den Wiesen weideten glückliche Kühe.
      Ich drehte mich um und sagte: „Gut gemacht, Meister! Genau so –“
      Doch der Meister war wieder einmal verschwunden.
      Also setzte ich, ein lustig Lied auf den Lippen, meinen Weg alleine fort. Ein warmer Wind bog Gras und Blumen am Wege sanft zur Seite. Bald überkam mich eine unendliche Heiterkeit. War´s die Landschaft, war´s die Bewegung in der freien Natur, war´s die Gewissheit, endlich diesem furchtbaren Lasterhimmel entkommen zu sein – einerlei: Noch nie hatte ich mich so ausgeglichen gefühlt wie jetzt.

      „Himmelblau, maienblau,
      verschwunden das Wolkengrau!
      O welcher Augenblick
      voll von Wonne und Glück!
      Schöner Knabe im lockigen Haar,
      dein Auge – wie wunderbar –
      das Rot deine Wangen
      es hält mich gefangen!“

      Ich blickte hoch. Die Eis-Elfen! Vor dem makellosen, azurblauen Himmel hoben sich ihre durchsichtigen Körper deutlich ab. Ich winkte ihnen zu und rief: „Nun übertreibt nicht schon wieder!“ Doch sie sahen und hörten mich nicht. Ich nahm mir vor, demnächst ein Wörtchen mit dem Meister zu reden, denn die Eis-Elfen ließen nicht locker. Schon wieder erklang ihr Gesang:

      „Himmelblau, maienblau,
      verschwunden das Wolkengrau!
      O welcher Augenblick...“

      Ich hörte nicht mehr hin und setzte meinen Weg fort. Ein See kam in Sicht, über dem silberne Pfeile hin und her schossen. Im Näherkommen erkannte ich: Es waren Delphine, die aus dem Wasser sprangen und Purzelbäume drehten.
      Was war das? Brüllte da nicht ein Löwe? War da nicht das Geheul von Wölfen?
      O Schreck!
      Ein Krokodil, mit fürchterlich spitzen Zähnen im weit aufgerissenen Maul und mit dicken Hornplatten gepanzert, kam auf mich zu. Ich drehte mich um, um Reißaus zu nehmen. Da tauchten zwei Wölfe auf, die mich lüstern beäugten. Die langen Fangzähne in ihren halb geöffneten Mäulern blinkten bedrohlich. An Wegrennen war nicht zu denken.
      „Meister hilf!“, rief ich, „ich glaub´, sie wollen mich fressen!“
      „Unsinn!“
      Huroon kam hinter einem Baum hervor und lachte meckernd. „Niemand will dich fressen! Sie wollen nur gestreichelt werden.“ Er warf mir einen Apfel, eine Birne und eine Banane zu. „Die Banane gibst du dem Krokodil, die beiden anderen Früchte sind für die Wölfe. Als Gastgeschenke.“
      Zitternd vor Angst näherte ich mich dem Ungeheuer und hielt ihm die Banane hin. Es nahm sie behutsam an, warf sie hoch in die Luft und fing sie mit weit geöffnetem Rachen auf.
      Huroon klatschte vergnügt in die Hände. „Nun streichle es!“ rief er, „nur Mut! Es tut dir nichts!“
      Vorsichtig rieb ich an einer dieser dicken Hornplatten an seinem Kopf. Das Krokodil klappte das Maul zu, schnurrte wie eine satte Katze und machte mir schöne Augen.
      Im Hintergrund erklang fröhlicher Trompetenschall. Eine Elefantenherde, mit hoch erhobenen Rüsseln, lief im Kreis herum. Plötzlich blieb der Anführer, ein dicker Bulle, stehen, und die anderen liefen sich gegenseitig hinten drauf.
      „Wo sind wir?“, fragte ich verblüfft.
      „Na wo wohl! Im Freudenhimmel.“
      „Und dies hier ist das Paradies!“
      „Ja.“
      „Und wo sind Adam und Eva?“
      „Die geben gerade den Löwen ihre tägliche Heuration.“
      „Heu? Seit wann fressen Löwen denn Heu?“
      „Ursprünglich waren alle Tiere Vegetarier. Doch dann –“
      Wir wurden unterbrochen. Zwei kleine Buben liefen auf Huroon zu und riefen: „Hallo, Onkel!
      Zauberst du uns heute wieder etwas?“ Sie sprangen um den Meister herum und stimmten ein Indianergeheul an.
      „Später, Kinder, später! Jetzt muss ich mich erst um meinen Gast kümmern.“
      Sie blieben stehen und starrten mich an. „Wo kommst du her?“, fragte der Ältere.
      „Von der Erde“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
      „Erde? Wo liegt denn das?“
      „Nun aber ab, ihr beiden!“ sagte Huroon, „das erklär´ ich euch später!“ Die beiden trabten davon.
      Ich musste grinsen. Lästige Fragesteller wurden im Paradies anscheinend nicht anders gehandelt als auf der Erde.

      Ein Mann mit nacktem Oberkörper kam uns entgegen, eine leere Schubkarre vor sich her schiebend. In seinem vollen Haar steckten ein paar Strohhalme. Dahinter ging eine Frau mit kurzen Haaren, eine Mistforke über der Schulter. Ihre langen Ohrgehänge klimperten. Plötzlich blieb sie stehen und rief: „Kain, willst du wohl aufhören, den Abel zu ärgern?“
      Huroon und der Mann begrüßten sich wie alte Freunde. „Lange nicht mehr gesehen, alter Zauberkünstler! Wird Zeit, dass du mal wieder vorbeischaust. Die Kinder haben schon ein paarmal nach dir gefragt. Wie geht´s denn so?“
      „Na ja, man wird nicht jünger, aber noch geht´s. Und wie steht´s bei dir?“ Huroon wartete die Antwort nicht ab und rief: „Mein Gott, Eva! Du wirst ja immer jünger!“ Er stellte sich auf die Zehenspitzen, nahm ihre Hand und küsste sie.
      Der Kleine kam angerannt. „Mammaaa!!! Kain hat mich geschlagen!“
      „Kain! Sofort ab ins Haus!“ donnerte Adam, denn wer sollte er sonst sein.
      Ich traute Augen und Ohren nicht. Im Paradies ging es anscheinend nicht anders zu als auf der Erde: Geistloser Smalltalk und Kindergebrüll. Langsam überkamen mich Zweifel, ob es überhaupt richtig gewesen war, aufzufahren. Diese Himmelstour wurde langsam zum Alptraum. Die Reise hätte ich mir sparen können. Zudem, viel Erheiterndes hatte ich nicht erlebt. Erst Eis und Schnee, dann eine himmlische Hölle, und jetzt auch noch das.
      „Darf ich euch meinen Freund Erdling vorstellen“, sagte der Meister.
      Adam gab mir eine schwielige Hand und sagte: „Angenehm!“
      Aber es war alles andere als angenehm. Der Mann roch stark nach Schweiß.
      Eva nickte gnädig mit dem Kopf und sagte: „Hi!“
      Ich dachte: Puh...
      „Gehen wir rein“, sagte Eva, „die Suppe wird kalt.“
      Huroon schnalzte mit der Zunge. „Was gibt es denn diesmal?“
      „Linsensuppe.“
      „Schon wieder?“

      „Ade, ade! Wie ist mir weh!
      Nie wieder ich dich seh!
      Von deiner Locken Pracht
      träum ich zur Nacht!
      Kehrst zur Erde zurück,
      denn da liegt den Glück!
      Ade, ade...“

      Die Eis-Elfen sangen ihr Abschiedslied. Ich wurde traurig, denn ich ahnte: Irgendwie würden sie mir fehlen.
      Ich blickte nach oben. In dem überaus klaren Himmel waren sie kaum noch zu erkennen. Aber ich sah, dass sie mir zuwinkten.

      Schmerzhaft stieß ich mit der Stirn an einen Türbalken. Ein Geräusch wie zersplitterndes Glas...

      *

      Benommen sah ich mich um. Der Garten kam mir bekannt vor, sehr bekannt sogar. Ich blickte nach oben. Immer noch war der Himmel wolkenverhangen, und geregnet hatte es anscheinend auch nicht. Ich wollte mir die Stirn reiben und fasste in etwas Klebriges. Marmelade. Ich war mit der Stirn in den Marmeladenrest auf dem Frühstücksteller gefallen. Auf dem Boden lagen die Scherben meiner Kaffeetasse.
      Befreit atmete ich auf. Dann doch lieber Erdling.
      Ich stand auf, um ein Kehrblech zu holen.

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    • Textkritik

      wunderkind schrieb:

      Eine wahrhaftig unglaubliche Geschichte von einem Magier
      und einem schönen Knaben, in den sich seltsame Himmelsgeschöpfe
      verlieben, und der nebenbei die erstaunlichsten Dinge erfährt.
      Ich finde diese Überschrift/ Einleitung etwas hochgegriffen. Denn meiner Auffassung nach ist die Geschichte weder wahrhaftig unglaublich (auf Phantastik bezogen), noch erzählt sie von seltsamen Himmelsgeschöpfen, die sich in einen Knaben verlieben (Inhalt). Deine Einleitung ist für mich wieder ein klassischer Fall purer Selbstüberschätzung. Das machte mich natürlich sofort neugierig, ob du auch einhältst, was du versprichst. Leider wurde ich schon bei den ersten Kapiteln massiv enttäuscht.
      Natürlich muss ich dazu sagen, dass ich zuerst genauso kritisch an deine Geschichte ran gehen wollte, wie du es in deinen Kritiken bei anderen Schreibern getan hast. Aber das hätte dann nicht für einen Beitrag gereicht und bei Weitem die Obergrenze an Zeichen gesprengt! Darum beschränke ich es mal auf ein Minimum.

      Deine Kapiteltitel
      Sie haben absolut gar nichts mit dem jeweiligen Kapitel zu tun. Ferner noch haben sie mehr Inhalt als die Kapitel selbst! Sicherlich, jeder einzelne Titel machte Lust auf's Lesen und drückte meine Erwartungen sehr hoch. Leider konntest du die Erwartungen dann nicht mehr erfüllen, das macht mich sehr traurig. All das, was in den Titeln aufgelistet ist, wird oftmals nur in einem Satz nebenbei eingeworfen oder gar nicht erst erwähnt. Zumindest nicht so, wie ich es laut Titel aufgefasst habe.

      wunderkind schrieb:

      Kap.1 erzählt von einer seltsamen Lichterscheinung und von der Himmelfahrt eines Erdlings.
      Ich nehme an, diese seltsame Lichterscheinung war das gleißende Licht, das der Protagonist am Himmel gesehen hat. Nunja, so seltsam fand ich es dann aber doch nicht, dass man es in den Titel reinpacken müsste. Oder wolltest du damit andeuten, dass dies und die Himmelfahrt des Erdlings die einzigen beiden Ereignisse sind, die in diesem Kapitel von Relevanz sind?
      Der Protagonist glaubt mir etwas zu schnell an Huroon und seine Existenz. Ebenso finde ich, dass du generell sehr wenig Liebe in Details und Emotionen gesteckt hast. Ich war sehr enttäuscht, dass alles so schnell erzählt war und doch irgendwie nichts passiert war, was für mich herausragend wirkte. Sicherlich hast du schon Phantastik geliefert, aber sie glänzt für meinen Geschmack nicht genug. Ich habe von dir einfach viel mehr Kraft erwartet.

      wunderkind schrieb:

      Kap. 2. Der Zauberer Huroon und ein virtuelles Schinkenrührei. Dem Erdling geht ein Licht auf.
      Das Schinkenrührei war meiner Auffassung nach gar nicht virtuell. Zumal diese Szene so maginal zum Rest des Inhalts ist, dass sie für mich gar nichts in der Überschrift zu suchen hat. Wenn du schon vorher die besten Szenen aus den Kapiteln in die Überschrift packst, dann hat es doch kaum noch Sinn, die Kapitel überhaupt zu lesen. Bei dem kleinen Detail mit dem Regenbogen und dem Mond habe ich mich gefragt, ob du das wirklich im realen Leben mal gesehen hast, denn genau diese Sache hast du auch in deinem Vorstellungsthread erwähnt. Das war eine gute Stelle. :thumbup: Leider wieder viel zu platt rübergebracht, sodass ich keinerlei Emotionen dabei verspüren konnte, die mich mehr an die Geschichte fesseln hätten können. Und die Sache mit dem, dass dem Erdling ein Licht aufgeht, musst du mir erklären. Ich habe keine Stelle gefunden, wo meiner Auffassung nach genau dieses Ereignis so eingetreten ist, wie ich es mir vorgestellt habe.

      wunderkind schrieb:

      Kap. 3. Im Wetterhimmel. Der Chor der Eis-Elfen. Später: Erstaunliche Erkenntnisse.
      Erstaunlicherweise ist Kapitel 3 gar nicht so schlecht. Der Wetterhimmel wurde gut beschrieben, wenn auch für meinen Geschmack nicht ausführlich genug. Aber grundsätzlich finde es aus ausreichend, um sich alles gut vorstellen zu können. Ich fand es aber etwas schade, dass du der Wetterhexe so wenig Individualität zugeschrieben hast. Hätte sie nicht einfach groß bleiben können, dann wäre sie mir auch präsenter und prachtvoller vorgekommen. Das hätte auch einen guten Kontrast zu ihrem Mann Huloon gegeben, der ja recht klein ist. Außerdem mag ich starke Frauen und eine überdimensional große starke Frau hätte mir persönlich noch mehr Satisfaktion gegeben. Aber das ist Geschmackssache. :alien:
      Am geilsten fand ich die Stelle, wo die Eiselfen zu ihm singen und er sich allen Ernstes fragt, was ein reiner Tor ist. Der Typ ist schon sehr betagt und weiß nicht, was ein Tor ist? Ich meine jetzt nicht das (Scheunen)Tor, sondern den Tor! Ich hätte es verstanden bei einer jungen Person, denn dieser Begriff "Tor" ist schon recht altmodisch. Sicherlich kann es sein, dass der Protagonist mit diesem Begriff nichts anfangen kann, aber dass er selbst jener Tor ist, war mir seit dieser Stelle sofort klar. Diesbezüglich muss ich meinen Hut vor dir ziehen, dass du es so wunderbar geschafft hast, den Protagonisten diese Eigenschaft anmerken zu lassen. :hi1:
      Die erstaunlichen Erkenntnisse musst du mir leider wieder näher erläutern. Ich fand keine Stelle, an der diese Erkenntnisse (vermutlich auf den Protagonisten bezogen) vorgekommen sein sollen.

      wunderkind schrieb:

      Kap. 4. Aufbruch ins Ungewisse. Die durchsichtigen Frauen und eine Menge Handküsschen.
      Was ist das Ungewisse gewesen? Ich habe nichts dergleichen gefunden, das mir jenes Gefühl einer Ungewissheit gab. Allein die Sache, dass es ins Himmelreich geht, das du aber schon vorher angerissen hast, könnte man als Ungewisses auffassen.
      Die Sache mit den durchsichtigen Frauen und einer Menge Handküsschen wurde genau so erwähnt, aber auch nur so nebenbei in einem Satz, der auch noch im Text völlig unterging. Weder beschreibst du ihr Aussehen genauer, noch ihren Charakter. Ich kann sie mir nicht vorstellen. Das ist aber kein Beweis dafür, dass es unvorstellbar oder unglaublich ist, sondern, dass du es einfach nicht beschrieben hast. Und wenn du mir jetzt damit kommst, dass man ihr Aussehen ja nicht genauer beschreiben kann, weil sie durchsichtig sind, dann komme ich dir damit, dass du einfach keine Vorstellungskraft hast! Denn ein guter Schriftsteller hätte irgendeine Lösung gefunden, sie genauer zu beschreiben , ohne, dass ihnen ihre Transparenz nimmt.
      Ich hätte mich so sehr gefreut, etwas über diese wundervollen Frauen zu erfahren, aber es kam nichts.

      wunderkind schrieb:

      Kap.5. Laokoons Burg. Die Schicksalsschmiede. Flucht des Erdlings.
      Die Schicksalsschmiede fand ich recht kurzweilig und erfrischend. An einigen Stellen habe ich mir zwar gedacht "Das ist mir zu stupide umgesetzt", aber dennoch war es ausreichend für eine solche kurze Geschichte. Ich persönlich hätte natürlich alles viel ausführlicher geschrieben und viel mehr auf die Emotionen und Personen eingegangen. Aber vermutlich wolltest du keine so umfassende Story entwickeln, dass sie den Rahmen einer Kurzgeschichte gesprängt hätte können. Alles in allem ein gutes Kapitel mit einigen kleinen neckischen Details, die mich haben schmunzeln lassen.
      Aber irgendwie ist mir die Flucht des Erdling entfallen. Die hast du wieder nicht angedeutet.

      wunderkind schrieb:

      Kap. 5. Im Kampfhimmel. Apokalypse now. Der Turm der Un-Menschen. Im Purgatorium. Erneute Flucht des Erdlings.
      Für meinen Geschmack übertrieben dramatisiert, oder sehr schwach umgesetzt. Klar, ein Kriegsschauplatz ist passend gewählt. Aber du hättest ihn viel dramatischer gestalten können. Nicht so distanziert. Ich bin sicher, mit deiner Lebenserfahrung (falls dein Alter korrekt angegeben ist) hast du so einige Aspekte der Gewalt miterleben müssen/können. Warum nutztest du das nicht dafür? Vielmehr greifst du auf die typischen Schemata zurück und nimmst einfach mal die drei bekanntesten Kriegsverbrecher. Hitler, Stalin und Napoleon! Warum?! || Ich habe es nicht verstanden, warum du ausgerechnet diese und nur diese Art von Personen herangezogen hast. Hättest du nicht zumindest einen dieser drei Gestalten durch eine Person ersetzen können, die nichts mit Krieg zu tun hat, zum Beispiel einen Serienmörder oder Bankenbetrüger, um eben die Palette zu erweitern und mehr Fassetten einzubringen?
      Für mich ist dieses Thema "Hitler" und "Stalin" schon so extrem ausgelutscht. Jeder 0815-Bürger kommt mit diesem Argument, das mich schon lange nicht mehr ausreichend interessiert. Erstrecht nicht in einer Fantasy-Geschichte! Wenn ich etwas über deren grauenhafte Taten erfahren will, schalte ich N-TV und N24 nach Mitternacht ein. Da läuft das ja ständig bis zum Erbrechen.
      Dies war dann auch der Punkt, an dem das Kapitel für mich zäher als Kaugummi wurde und mir das überzeugte Lesen schwer machte.

      wunderkind schrieb:

      Kap. 6. Im Himmel der verwirklichten Träume. Die ungeborenen Kinder. Besteigung des Schokoladenbergs. Das Narrenschiff. Aufstieg zum Blutmond.
      Das hast du neu hinzugefügt. Das habe ich noch nicht gelesen und lasse es auch bei dieser Kritik mal außen vor.

      wunderkind schrieb:

      Kap. 7. Ein winkender Wetterhahn und glückliche Kühe. Das Paradies und ein veganes Krokodil. Besuch bei Adam und Eva. Erdlings Heimkehr.
      Ein winkender Wetterhahn und glückliche Kühe. EIN WINKENDER WETTERHAHN UND GLÜCKLICHE KÜHE. :this: Das ist so absurd irrelevant! Was interessieren mich glückliche Kühe oder ein winkender Wetterhahn in solch einer Geschichte, wo es um Eis-Elfen, durchsichtige Frauen und einen Zauberer geht? Und mit dem veganen Krokodil hast du mich echt gekillt! Das wurde mit einem einzigen Satz abgetan. Nicht mal eine Erklärung, warum es vegan ist, hast du ansatzweise gebracht. Du hast wie meistens die für mich (vermutlich auch andere Leser) interessante Aspekte einfach nicht weiter ausgeführt und strikt dahinplätschern lassen.
      Und dann schnurrte das Krokodil auch noch wie eine satte KATZE und machte dem Erdling schöne Augen. Hätten wenigstens die Löwen geschnurrt, dann wäre zumindest noch halbwegs realistisch gewesen. Diese ganze Szenerie grenzte für mich an plumpe Humorist. Und ich kann mit so stumpfer Humoristik absolut gar nichts anfangen.
      Und dann kam der Besuch bei Adam und Eva.
      ...
      Und dann war es auch schon wieder vorbei.
      Auf einmal wacht der Erdling zuhause auf und Ende.

      Wortwiederholungen
      Es war kaum anders zu erwarten, wenn ich deine Kritiken bei anderen Geschichten ansehe, dass du von Synonymen nicht viel hältst und lieber dieselben Worte mehrmals in aufeinanderfolgenden Sätzen verwendest. Denn laut meiner Interpretation deiner Aussagen können die Bedeutungen der Wörter nicht auf andere Wörter übertragbar sein, weshalb jedes Wort nur für einen bestimmten Zweck verwendet werden kann und das Verwenden von Synonymen, die etwas Abwechslung in den Text bringen sollen, ist überflüssig.
      Besonders schlimm ist mir das bei den ersten 3 bis 4 Kapiteln aufgefallen. "zart" und "fein", sowie "Himmel" und "Wolke".

      Logiklücken
      Ich werde jetzt hier keine Logiklücken zitieren, denn das wären einfach zu viele Zitate! Es sind aber wirklich viele Szenen, die unlogisch sind und auch mit dem Fantasy-Argument bei mir nicht mehr ziehen. Du darfst nicht vergessen, dass du bei mir auch vieles zu Unrecht angekreidet hast. Ich bin deshalb überkritisch an deine Geschichte rangegangen. Aber weil ich kein Unmensch bin, verzichte ich darauf, den Rotstift zu zücken und zeilenweise Text einzufärben. Es macht jetzt auch keinen Sinn, den Text so hart durchzukauen, dass er nur noch aus losen Zellen bestehen würde. Das bringt uns beide nicht weiter. Ich will dir damit nur einen Denkanstoß geben, auf dass du in Zukunft wirklich wahre Logiklücken in anderen Geschichten hinweist und nicht einfach jede Szene infrage stellst.


      Fazit zur Geschichte.
      Ich fand sie ganz okay. Nichts Herausragendes. Sie hätte mir auch noch besser gefallen, wärst du nicht so kritisch bei anderen Schreibern gewesen. Denn ich hatte nun sehr hohe Erwartungen, die du nicht erfüllen konntest. Ich denke nicht, dass du ein schlechter Schreiber bist, aber du hast dein Potential nicht komplett ausgenutzt. Die Ansätze waren da, Phantasie hast du Unmengen, aber an der Umsetzung haperte es meines Erachtens nach. Es wirkte einfach zu plump auf mich, um als wahrhaftig unglaubliche Geschichte durchzugehen. Ich habe es gelesen, aber konnte vieles nicht bei mir behalten und musste einiges nochmal nachlesen. Es war mir zu unspektakulär erzählt, um dass es sich fest genug in meinem Kopf einprägen konnte. Die Geschichte ist grundsätzlich lesenswert, wie eigentlich die meisten Geschichten, aber einen großartigen Preis würde ich dir dafür trotzdem nicht geben. Du brauchst jetzt auch nicht wieder alles von meinem Kommentar auseinander pflücken und ankreiden und mich damit konfrontieren, weil es ohnehin nebensächlich ist, denn ich gehe einfach davon aus, dass es dich kaum tangiert, was ich von deiner Geschichte halte. Das soll nicht heißen, dass es so ist, aber es ist mein Eindruck von dir, den du mir mit deinen Kritiken bei anderen Schreibern vermittelt hast. Dass ich immer mit diesem Argument komme, tut mir ja auch leid.
      Ich bin mir nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.

      -Albert Einstein-
      ___________________
      Helios III (Arbeitstitel)
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      Purpur
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      Big City Life
    • Hallo Wunderkind,

      ich bin neu in diesem Forum und schaue mich mal etwas um. Ich habe die ersten beiden Kapitel gelesen, die anderen nehme ich mir später mal vor. Gefällt mir, besonders der ruhige Erzählton. Könnte mit vorstellen, dass auch Kinder soetwas mögen und dass einzelne Kapitel vorgelesen im Kinderzimmer für Ruhe sorgen könnten. :)
      MfrGr
      McFee

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