Alfons und das Glasauge

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    • Alfons und das Glasauge

      Hier mal der Versuch eines Krimis :)

      Alfons und das Glasauge

      Die Sonne hing niedrig über den kahlen Ästen der Bäume im Park. Die Februarkälte überreifte die umliegenden Wiesen, zwischen denen breite ungepflasterte Wege mäanderten. Mit heiserem Schrei stiegen zwei Krähen in den wolkenlosen Himmel.
      Der hochgeschlagene Kragen ließ die schlanke Gestalt unter dem schmalrandigen Hut fast bizarr aussehen. Der Atem ging stoßweise und bildete kleine Wolken, während der Mann seine Hände tiefer in die Taschen stieß.
      Geradeaus erstreckte sich eine lange Allee, an deren Ende, die Sonne ungehindert auf die stille Wasseroberfläche eines kleinen Sees fiel.
      Der Mann verharrte im Licht und genoss entspannt die zarte Wärme auf dem Gesicht.
      Ein plötzliches Scharren ließ ihn luftschnappend herumfahren.
      Sein Schatten fiel auf einen untersetzten Mann, unter dessen Schuhen der Kies knirschte. Ein dunkelroter Wollschal hob ein rundes stoppeliges Doppelkinn aus dem Mantel hervor.
      Zögernd und mit leicht zusammengekniffenen Augen traten beide einen Schritt näher aufeinander zu. Ihre Schatten krochen über das Gras. Schweigend musterten sie sich und mit einer Kopfbewegung forderte der Schlanke den anderen heraus. Der Kurze senkte zögernd der Blick, zog dann langsam und mit abgespreizten Fingern etwas aus der Manteltasche.
      Seine hellen Wurstfinger hielten eine in Zeitungspapier eingewickelte Zigarrenschachtel. Wieder maßen sich beide, dann streckte der Schlanke genauso langsam die Linke aus und griff zu.
      Sofort stopfte der Dicke seine Hand wieder zurück, während der andere fast unschlüssig, den Gegenstand hin und her drehte und dann doch verstaute.
      Kurz tippte er sich an den Hut, bewegte sich vorsichtig einige Schritte rückwärts. Das wurde mit einem Schulterzucken quittiert und allein schritt der Untersetzte die Allee hinunter, in den morgendlichen Sonnenschein hinein.

      Im Grunde fand er die Art des Treffens eher lächerlich, aber wenn sein Kunde es wünschte, dann eben so. Allerdings hatte es etwas gutes, der Sonnenaufgang war erst gegen 8 Uhr morgens gewesen und so brauchte Alfons Friedrich nicht zu zeitig aus den Federn. Fast hätte er aber verschlafen und ärgerte sich, in den Eile seine Handschuhe vergessen zu haben.
      Einerlei, dachte Alfons, als der Motor seines schwarzen BMW 518 ansprang und er leise bibbernd die Heizung hochdrehte.
      Hauptsache, dieser Spinner hält sich an die Abmachung und überweist schnell die zweite Hälfte des Honorars.
      Aus der Not heraus, zu wenig Aufträge zu haben, hatte Alfons beim ersten Gespräch mit dem Schlanken alles auf eine Karte gesetzt. Zu seinem Erstaunen ging Paul Quinders, der bekannte Besitzer mehrerer Autohäuser auf die weitaus höhere als übliche Pauschale ein.
      Wenigsten konnte er nun wieder seine Schreibkraft Eva bezahlen, die sich um das Büro der - Detektei Friedrich- kümmerte. Aber immer nur so, wie eben Aufträge und vor allem Zahlungen eingingen.
      Die geschiedene Mutter hatte keinen festen Job, sondern besserte sich ihr staatliches Einkommen mit privater Fußpflege, Putzaufträgen und dem Papierkram der Detektei auf, denn zwei Kinder sind teuer.
      Dann war da noch Robert, Alfons‘ bester und einziger Freund.
      Er, seit dreißig Jahren Postbote, kannte die Stadt besser als jeder Taxifahrer.
      Beide hatten sich vor langer Zeit auf Eva’s letzter Hochzeit kennen gelernt und dabei festgestellt, als junge Männer die gleiche Berufsschule besucht zu haben.
      Fast dreißig Jahre später hatte beider Leben völlig andere Wendungen genommen und am Ende der Hochzeitsfeier gab Alfons bereitwillig und geschäftstüchtig seine auf stabilem, beigem Papier gedruckten Visitenkarten aus.
      -Detektivbüro A.Friedrich- stand dort in schwungvollen Lettern.
      Etwas kleiner in Druckbuchstaben –Ob eheliche oder finanzielle Untreue, ob Rotlicht oder Zwielicht – Ihre Zufriedenheit ist uns wichtig-
      Die rechte Augenbraue leicht kritisch in die Höhe gezogen, hatte Robert das gelesen. Detektive kannte er nur aus Filmen oder Romanen und Alfons sah wie keiner von denen aus. Nicht größer als 1,75m, ließ etwas Übergewicht das schlecht sitzende Sakko spannen, die Hose dazu leicht verknittert. Allerdings waren Alfons‘ schwarzen Schuhe auf Hochglanz poliert. Aus dem runden vollen Gesicht blickten zwei erwartungsvolle graue Augen, die aschfahle blonde Haarpracht gab auf dem Hinterkopf langsam ihre Fülle auf.
      Der freundliche Postbote hingegen war groß, dunkelhaarig und unverheiratet, hatte also selbst wenig Probleme mit einer eigenen untreuen Ehefrau. Dagegen gab es in manchen Straßen seines recht großen Bezirkes solche Damen.
      Ob Alfons ihn schon mal beobachtet hatte?, fragte er sich. Manche Ehemänner kommen auf die wunderlichsten Gedanken.
      Unschlüssig drehte er die Visitenkarte hin und her und schaute Alfons nach, der schon vorher auf dem Weg zur Toilette hier und da versucht hatte, unauffällig einige dieser Karten auf den Tischen zu platzieren.
      Auf dem Rückweg kreuzte er jetzt den Weg der Braut, die ihm, durch zuviel Sekt hochrot und in bester Stimmung um den Hals fiel.
      „Schön, dass Du auch da bist ...“, brachte sie, etwas lallend hervor und drückte ihm einen dicken Schmatzer auf die glattrasierte und nach billigem Aftershave riechende Wange. Hoffentlich hat sie nicht gemerkt, dass ich nur mit einem Blumenstrauß vom Händler am Bahnhof hier aufgetaucht bin, dachte er und zwang sein Gesicht zum Lächeln.
      Eva, damals Ende Zwanzig, einmal geschieden mit Kind, kam aus eher unteren Verhältnissen. Zwischen einer alleinstehenden Mutter sowie zwei Brüdern und einer Schwester, hatte die große, dralle Rothaarige zeitig gelernt, sich durchzubeißen. Mit dieser Hochzeit eines zukünftigen Erben eines Möbelhauses sah sie sich am Ziel. Leider kam einige Zeit später Alfons in ihrem Auftrag zu einem Einsatz und der Unterhaltsstreit zog sich bis heute.
    • 1.Kapitel :)
      Schwere dunkle Wolken ließen Wassertropfen die Fensterscheiben hinabrollen.
      Zurückgelehnt lungerte Alfons in seinem abgewetzten Bürostuhl und legte die Füße auf die niedrige Fensterbank. Stundenlang verfolgten seine Augen das Leben unten auf der Hauptstraße.
      Das kleine muffige Büro selbst strahlte den Charme vergangener Jahrzehnte aus. Die Tapeten verblichen, die Auslegware von unbestimmter dunkler Farbe und von vielen Schuhen ausgetreten.
      Etwas neuer dagegen der fast zierliche Sekretär seiner Bürokraft, im rechten Winkel zu Alfons‘ massigem Schreibtisch. Neben der Tür eine kleine Anrichte mit der unvermeidlichen Kaffeemaschine, über der ein abgegriffener Stadtplan hing, hier und da mit bunten Stecknadeln gespickt, alte Aufträge, schon lange her. Gegenüber ein vergilbtes Zirkusplakat, auf dem die Sonne über die Jahre aus „Gargantua – The Great“ einen zur Hälfte grauen Gorilla gemacht hatte. Und das obwohl das vielstöckige Bürogebäude gegenüber kaum Licht durch die beiden großen Fenster hereinließen.
      Ein zufriedenes Lächeln glitt über Alfons‘ Gesicht, als Eva ihm die Post mit den neuen Kontoauszügen überreichte. Die Zahlung für die Übergabe letzte Woche war eingegangen und die Miete somit gesichert. Wenn er streng mit sich war, sogar für zwei Monate.
      Die Maschine röhrte leise und der Duft frischen Kaffees lag in der Luft. Geschickt goss sich Eva eine Tasse davon ein, um dann an ihrem Schreibtisch die Ablage zu ordnen. Alfons versuchte, ihren Blick zu erhaschen, aber sie kannte das Spiel und blieb davon ungerührt. Mit einem Grunzen quälte er sich aus dem Stuhl und schlurfte los, sich seinen Kaffee selbst zu holen.
      „Zucker is alle“, brummte er über die Schulter, missmutig die leere Packung in den Papierkorb werfend.
      „Unten im Supermarkt gibt’s genug davon, die verkaufen den da sogar.“
      Seine Sekretärin sah es schon lange nicht mehr ein, die notwendigen Bürodinge aus eigener Tasche zu bezahlen.
      Alfons drehte sich vorsichtig schlürfend um, beobachtete sie. Heute trug sie ihre Haare streng gescheitelt und zu einem dicken Zopf geflochten.
      „Bin in einer halben Stunde wieder weg“, sagte sie, ohne von ihren Papieren aufzublicken. „Der Junge muss zum Fußball und meine Tochter hat Nachhilfe.“
      Alfons erwiderte nichts, der Andrang nach seinen Dienstleistungen hielt sich seit Jahren in Grenzen.
      Plötzlich flog mit lautem Knall die Bürotür auf.
      Mit einem Schreckensschrei sprang Eva auf, presste ihren Rücken an die Wand. Alfons war zusammengezuckt und hatte sich verschluckt. Sein Kaffee wurde den Flecken der Auslegware hinzugefügt.
      Ein schwarzer Maßanzug füllte den Rahmen aus. Leicht den stiernackigen Hals einziehend, trat ein glatzköpfiger Hüne ein.
      Mit kleinen, tiefliegenden Augen musterte er die Anwesenden und machte einen Schritt beiseite, wobei er Alfons in Richtung seines Schreibtisches schob.
      Dessen Hustenanfall war sofort vorbei, als er die leise, aber feste Stimme seines letzten Klienten hörte.
      „Guten Tag, Herr Friedrich.“ Mit diesen Worten bewegte sich eine dunkle Gestalt an dem Hünen vorbei.
      Vor Evas Schreibtisch blieb er stehen, wandt ihr den Kopf etwas zu und sagte, ohne den Blick von Alfons zu lassen: „Ich denke, Sie haben jetzt Feierabend.“
      Mit aufgerissenen Augen, eilig ihre Jacke von der Stuhllehne reißend, die Handtasche unter dem Arm klemmend, verschwand sie.
      Ein große Pranke schloss behutsam die Tür und der Hüne postierte sich davor. Sein leerer Blick ging an Alfons vorbei aus dem Fenster.
      „Herr Quinders ...“, stammelte dieser.
      Leicht ironisch lächelnd wies der Angesprochene mit einer Handbewegung den Büroinhaber an, Platz zu nehmen. Zitternd fiel Alfons in seinen Sessel.
      Der Gast nahm den Hut ab und warf ihn im eleganten Schwung dem Bodyguard zu. Jeden Finger einzeln, zog er die Handschuhe aus, klopfte andeutungsweise mit diesen die Sitzfläche des Gästesessels ab und ließ sich mit übereinandergeschlagenen Beinen nieder. Hörbar quietschte eine Feder.
      „Schön, dass Sie sich noch erinnern, Herr ... Friedrich“, wobei der Nachname fast schneidend ausgesprochen wurde.
      Alfons drehte die Tasse in seiner Hand, als sähe er sie zum ersten Mal und ließ sie schnell in einer Schublade verschwinden.
      „Wie kann ich Ihnen diesmal helfen?“
      Der Detektiv lächelte verkrampft und räusperte sich, denn für einen Moment klang er wie im Stimmbruch.
      „Kaffee vielleicht?“ Er wollte sich wieder erheben, aber Quinders zwang ihn mit einer kurzen Handbewegung zurück in den Stuhl.
      Der Klient schaute umher, als ob er die richtigen Worte suchen würde. Dann holte er Luft:
      „Leider bin ich bei der Überweisung Ihres Honorars etwas voreilig gewesen.“
      Alfons war baff. Wollte der Typ etwa sein Geld wiederhaben? Das würde schwierig.
      „Wie das? Alle Kunden waren bisher mit meinen Dienstleistungen zufrieden. Ich habe hier Referenzen ...“ Geräuschvoll hatte er eine andere Schublade aufgezogen und wühlte darin.
      „Nicht nötig, Herr Friedrich“, verschaffte sich Quinders mit einem Klaps der Handschuhe auf der Tischplatte wieder Aufmerksamkeit.
      „Nur, um es kurz nochmals zu rekapitulieren: Beschaffen Sie mir Beweise gegen meine untreue Frau.“
      „Genau das war der Auftrag“, fiel ihm Alfons hastig ins Wort, aber ein einziger Blick ließ ihn wieder verstummen. Kleine Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn.
      „Also legten Sie sich auf die Lauer und es gelang Ihnen, einen Reihe Fotos zu schießen. Bilder eines Pärchens im Bett.“
      Wie ein hypnotisiertes Kaninchen nickte Alfons nur.
      Quinders streckte die Hand zur Seite und der Hüne reichte ihm eine Schachtel, die Bilder daraus ergossen sich über den Schreibtisch.
      Alfons kannte sie, es war seinen Freund Robert mit einer wohlgeformten Brünetten. Zunächst in einer Bar, dann beim Liebesspiel in einem Hotelzimmer. Extra für Letzteres hatte der Detektiv sich schon vor Jahren ein Spezialobjektiv gekauft und die beiden nebeneinanderliegenden Hotelzimmer waren auch schon des Öfteren zum Einsatz gekommen.
      Quinders strahlte eine Kälte aus, die Alfons frösteln ließ. Fast meinte er, seinen Atem sehen zu können.
      „Was fällt Ihnen an diesen Bildern auf?“
      Mit fahrigen Fingern ging Alfons die Fotos durch.
      Große Fotografierkunst war es nicht, aber man sah alles, was man sehen sollte. Oder wollte. Und konnte. Bei solchen Fällen beneidete der Detektiv den Postboten, denn die Frau des Klienten war jung und äußerst betörend.
      „Nun?“
      Alfons schreckte aus seinen Gedanken hoch. Hoffentlich hatte er sich jetzt nicht verraten, strich sich verlegen durch die Haare.
      „Also ... ich sehe hier einen Ehebruch, denn aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass eine Person der beiden verheiratet ist.“
      „Und welche sollte das sein?“
      Quinders Frage drückte unangenehm in die Magengrube des Detektivs, während ihn dessen Augen lauernd durchbohrten.
      „Die Frau ... Ihre Frau, nehme ich an.“
      „Soso, das nehmen Sie an.“
      „Hören Sie, ich weiß nicht, worauf Sie hinaus wollen. Die Dame war zu der von Ihnen genannten Zeit in dieser Bar und
      ließ sich einladen und ...“
      Fast wäre ihm –Abschleppen- rausgerutscht, aber er hielt inne und suchte ein anderes Wort, „ ... und war Weiterem nicht abgeneigt. Und wenn ich das Foto daneben legen, welches Sie mir zur besseren Identifizierung gaben, kann ich nur sagen: Auftrag erfüllt!“
      Mit einer ausbreitenden Handbewegung wollte Alfons dieses Kapitel schließen.
      So, dachte er, das hat gesessen.
      Quinders stützte seine Ellenbogen auf die leise knarrende Sessellehne und verschränkte die Finger vor der Brust.
      „Friedrich, Sie sind ein lausiger Detektiv.“
      Alfons hob den Kopf und ließ sich zurücksinken.
      Was hat der vor? Seine Augen irrten umher. Er nahm das Porträtbild der Frau und eines jenes besagten Abends. Dann ein anderes und hielt sie nebeneinander. Beim Vierten dann dämmerte es ihm.
      „Das verstehe ich nicht ...“, sagte er hilflos und halblaut. „Es hat doch alles gestimmt ...“
      „Bis auf den Umstand, dass das dort nicht meine Frau, sondern meine Schwägerin ist. Wie erklären Sie sich das?“
      „Die Ähnlichkeit ist aber schon groß“, versuchte der Detektiv, sich zu erklären. Jetzt trat ihm deutlich der Schweiß auf die Stirn.
      „Natürlich! Sie sind Zwillinge! Trotzdem sieht man den Unterschied, sogar im Dunklen.“ Quinders hatte seine Stimme erhoben.
      „Ich kenne mich in Ihren Familienverhältnissen nicht so aus ...“, murmelte Alfons ertappt, er war geschlagen in sich zusammen gesunken.
      „Meine Frau hat mich ausgelacht! Ausgelacht, Herr Friedrich! Entweder Sie liefern mir Ergebnisse oder“, er senkte seine Stimme, „ich bekomme mein Geld zurück!“
      Die zittrigen Knie trugen ihn kaum, die Gedanken rasten durch Alfons‘ Kopf. Wie konnte es nur zu dieser Verwechslung kommen?
      „Nun, was wäre, wenn Ihre Frau Wind von Ihrem Misstrauen bekommen und diesen Plan mit ihrer Schwester geschmiedet hätte? Das kann doch kein Zufall sein.“ Eine imposante Pose versuchend, stützte er sich wie ein Gorilla mit beiden Fäusten auf die Tischplatte.
      Sein Klient fixierte ihn scharf und schien zu überlegen. „Dann finden Sie das raus.“
      „Ein neuer Auftrag?“, fragte Alfons, die Augenbrauen hochziehend. Plötzlich fühlte er sich wieder sicher.
      Die Männer schätzten sich ab.
      „Wenn Sie brauchbares Material liefern, mit dem mein Anwalt etwas anfangen kann, könnte ich mir eine Bonuszahlung vorstellen.“
      „Aber bis dahin habe ich laufende Ausgaben ...“
      „Die habe ich auch, schließlich wohnt meine Frau weiterhin unter meinem Dach. Ändern Sie das und es soll Ihr Schaden nicht sein.“
      Der Detektiv entspannte sich sichtlich, richtete sich zur vollen Größe auf. Quinders drehte sich gewandt aus dem Sessel und schritt zur Tür.
      „Bitte vergessen Sie nicht, lieber Friedrich ...“, dabei zog er seine Handschuhe über und griff nach dem gereichten Hut. „Falls die Sache daneben geht, wird Michail hier“, dabei klopfte er dem Hünen leicht vor die Brust, „mit der Rechnung meines Anwalts bei Ihnen vorbei kommen.“
      Für einen Moment waren die Augen des Riesen lebendig und hefteten sich auf Alfons. War da ein winziges Lächeln? Hastig blickte der Detektiv zu Boden, in der Hoffnung, den Mann nicht zu provozieren.
      Michail öffnete die Tür und sein Arbeitgeber tippte sich zum Abschied mit zusammengepressten Lippen an den Hut.
      Alfons fiel erschöpft in seinen Sessel zurück. Das konnte nicht gut enden.
    • 2.Kapitel :)
      „Denkst Du denn, ich lass mir vorher den Ausweis zeigen?“
      Ohne Schuldgefühle sah Robert auf seinen Freund herab.
      In ihrer schummrigen Stammkneipe "Zur Schwarzen Katze", hockten beide an ihrem Tisch in der Ecke unter den unzähligen Bierreklamen aus Blech und Papier. Wie immer roch es nach kaltem Zigarettenrauch, schalem Bier und Küchendünsten.
      Mit eifrigen Fingern suchte Alfons zwischen den Fotos nach Offensichtlichkeiten.
      „Hier! Und hier!“ Demonstrativ wurden Robert die Beweise seines Fehlers vorgelegt. Der wackelte mit dem Kopf und hielt die Bilder näher an die trübe hässliche Lampe über ihren Köpfen.
      „Hm ... so richtig kann ich nicht erkennen, was Du meinst“, sagte er. Genüsslich betrachtete er die nackte Frau neben dem Hotelbett stehend, auf dem er selber lag.
      „So ein Muttermal kann man doch nicht übersehen!“
      Alfons hielt das Urlaubsfoto der Quinders neben seine Aufnahme.
      Robert schüttelte energisch den Kopf: „Was? Das ist kaum größer als ein Daumenabdruck. Das könnte auch am Papier liegen. Wer achtet schon auf solche Kleinigkeiten ...“
      Dann hob er seine Hand, um der Bedienung ein Zeichen zu geben. Diana, die blonde Tochter des Wirts, kam lächelnd herüber.
      Alfons hatte Mühe, die Fotos umzudrehen oder zu bedecken. So etwas muss eine 18-Jährige nicht sehen.
      Das runde Tablett unter den Arm geklemmt, nahm sie beider Bestellung auf und verschwand wieder, während Robert ihr genussvoll auf den Hintern schaute.
      Alfons erzählte ihm nun genau, was am Nachmittag vorgefallen war. Am Telefon hatte er keine Details genannt und Robert wusste nur, dass sein Freund meinte, die Sache wäre schiefgelaufen. Das sah er natürlich anders.
      „Bedeutet das jetzt, dass ich auch noch die richtigen Frau Quinders flachlegen muss?“, fragte er lachend. Aber Alfons fand das schon lange nicht mehr witzig.
      „Verstehst Du denn nicht? Wahrscheinlich wurden wir in eine Falle gelockt! Das hat die Quinders so inszeniert. Die wußte, dass ihr Alter bei mir war oder zumindest, dass er irgendwas versucht, um sie loszuwerden.“
      „Dann soll er sie einfach rausschmeißen.“
      „Er will das zum Nulltarif, Du ...“ Er wurde von Diana unterbrochen, die freundlich das Essen servierte. Mit einem breiten Grinsen dankte Robert und schaute ihr wieder nach. Mann, dachte er, ist die Jeanshose eng.
      Alfons stieß ihn an. „Hier spielt die Musik. Kannst Du Dich auch mal nicht nur auf Deinen Schwanz konzentrieren?“
      „Immerhin hat der Dir bei der Arbeit geholfen“, wandt dieser ein. „Geholfen? Wohl eher reingeritten, wenn Deine einäugige Schlange ne Brille braucht.“
      „Das nächste Mal können wir tauschen und ich bin der Fotograf“, versetzte Robert fast beleidigt.
      Stumm kauten beide ihre Schnitzel.
      „Soweit muss es ja nicht kommen“, lenkte Alfons nach einer Weile ein. Im Grunde war er froh, dass sein Freund ihm bei solchen Unternehmungen zur Seite stand.
      „Das klang gerade aber ganz anders…“ Alfons winkte die Bedienung nochmals heran und ließ großes Bier für ihn kommen. Er wusste ihn leicht zu versöhnen.
      „Vielleicht bin ich die ganze Sache falsch angegangen?“, sagte Alfons halblaut, als beide sich satt zurücklehnten.
      „Also ich hab sie richtig angepackt. Aber wirklich!“, prahlte Robert, aber der Detektiv ging nicht darauf ein.
      „Was wissen wir eigentlich über die Frau? Vielleicht hat sie irgendeine Leiche im Keller.“
      „Viele können das aber nicht sein, so jung wie die ist.“
      „Immerhin hat sie es geschafft, sich einen erfolgreichen Geschäftsmann zu angeln. Das wird wohl kaum an der Bushaltestelle passierte sein.“
    • Danke :)
      Sind die Charaktere zu blass?
      Wie empfindet ihr die Dialoge?
      Ist die Story zu schlapp?

      3.Kapitel
      „Es ist an einer Haltestelle passiert. Sie hatte nach der Vorlesung den Bus verpasst und stand da im Regen. Quinders ist ein Samariter.“ Kopfschüttelnd legte Alfons den Telefonhörer auf. Das Gespräch mit seinem Dauerkunden war nur wenig erhellend gewesen.
      „Was hat sie denn studiert?“, fragte Eva, die dabei war, ihr Make-up aufzufrischen.
      „BWL und … Wirtschaftspsychologie.“
      Er las es nochmals in seinem schmuddeligen Block. „Keine Ahnung, was das ist. Irgend so ein neumodischer Kram.“
      Die Sekretärin zog ihren Lippenstift nach.
      „Vielleicht plant sie schon ihre Zukunft nach Quinders. So wie der Typ agiert, steht wohl einiges auf dem Spiel. Sag mal, weißt Du wie viele Autohäuser der hat?“, murmelte Alfons.
      „Überall im Land, glaube ich.“ Eva packte ihre Utensilien zusammen.
      „Und warum will er seine Frau loswerden? Den Bildern nach, drehen sich wahrscheinlich alle Männer nach ihr um.“
      Alfons wusste keine Antwort und versank wieder in seinem Stuhl. Sein Blick ging aus dem Fenster.
      Gegenüber stand ein LKW, aus dem vollgepackte Kleiderständer ausgeladen und die breite Auffahrt ins Lager des Warenhauses geschoben wurden.
      „Da wird wohl gerade die Herbstkollektion geliefert“, sagte er in Gedanken halblaut.
      „Also hat er eine andere!“, beantwortete Eva ihre eigene Frage. „Die müsste dann aber ein echtes Fotomodel sein!?“
      Ihr Chef reagierte immer noch nicht.
      Fasziniert beobachte er, wie die Passanten einen Bogen um den LKW machten und dabei über eine große Pfütze hüpfen mussten. Das gelang nicht jedem und plötzlich lachte Alfons auf, als ein Mann den Bordstein verfehlte und das Regenwasser hochspritzte.
      Dann drehte er sich um und sah sie fragend an. „Was hast Du gesagt?“, was ihm einen abfälligen Blick einbrachte.
      „Was muss das für eine Frau sein, wegen der Quinders zu solchen Mitteln greift?“ Eva zog sich ihren Mantel über.
      „Wer sagt, dass eine andere Frau dahinter steckt?“
      „Quinders war schon dreimal verheiratet, der kann nicht alleine sein.“
      Alfons lehnte sich zurück, denn er fühlte, dass seine Sekretärin nicht Unrecht hatte. Dann sprang er auf, dass sein Stuhl knarrte.
      „Vielleicht erfahre ich in der Uni was.“ Und war an der verwunderten Sekretärin vorbei.
    • Hallo @Eegon2! Ich habe alle Parts gelesen und finde sie grundsätzlich solide. Es ist leichte Lektüre, der man ohne große Probleme folgen kann. Aber das finde ich wiederum auch etwas schade. :/ Irgendwie finde ich es bisher immer noch recht unspektakulär.
      Schwer zu erklären, aber ich bin ein Typ, der sich liebendgern auch eine Frau in einer Hauptrolle wünscht. Die Sekretärin und die Bedienung sind mir noch zu wenig. Aber das ist halt Geschmackssache.
      Vielleicht kommt ja noch Frau Quinders zu Alfons mit einem Auftrag, ihren noch Mann betreffend. :hmm: Das fände ich dann sehr spannend.
      Andererseits finde ich, dass du häufig neue Schauplätze oder Charaktere zu schnell zu genau beschreibst. Da schaltet mein Hirn ab. Vielleicht die Beschreibungen etwas mehr im Text verstreuen, um den Gedanken mehr Pausen zu verschaffen. :hmm:
      Was ich noch nicht ganz verstehe ist die Sache mit Alfons, Robert und der Schwägerin. Stecken also nun Alfons und Robert unter einer Decke und spielen abwechselnd Dedektiv und Lockvogel? Oder war das als Scherz aufzufassen?
      Die Übergänge zwischen den einzelnen Parts und Kapiteln finde ich auch nicht so pralle gut gelöst. Für mich waren es eher Szenenwechsel und weniger Kapitel. Die Handlung blieb ja immer einigermaßen gleich. Oft warf mich der unangekündigten Szenenwechsel raus, weil ich gedanklich noch bei der Szene zuvor war.

      Kommentierst du eigentlich auch bei anderen Schreibern? Vielleicht hilft das, neue Leser zu finden? :alien:
      Ich bin mir nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.

      -Albert Einstein-
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      Helios III (Arbeitstitel)
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      Purpur
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      Big City Life
    • Heyho,

      hab mir auch alles durchgelesen. Mir gefallen deine Beschreibungen zu Anfang sehr gut, recht düster, grau, irgendwie frustrierend, aber das hat was von King und ich mag das. Außerdem passts ja auch gut zum Setting. Cool fand ich auch, dass der Hauptcharakter mal nicht der drahtig, schneidige Typ im Anzug ist, der alles kann, sondern ein kleiner, untersetzter Mann mit schütterem Haar, der als Detektiv scheinbar nur mittelmäßig arbeitet oder sogar mit unlauteren Methoden.
      Der Cut nach dem ersten Abschnitt kommt mir allerdings sehr unpassend vor, als Überleitung?
      Sehr gut gefällt mir anschließend die erste Beschreibung des heruntergekommenen Büros. Bekomme irgendwie einen richtigen 80er Jahre Flair, die hohe Zeit der Privatdetektive :) (auch wenn es wahrscheinlich heutzutage spielt).
      Dialoge scheinen dir nicht ganz so gut zu liegen, irgendwie wirken die ein bisschen abgezwungen und unrund. Vielleicht nochmal rüber gehen und ein paar Wortwiederholungen und ähnliches korrigieren, zwischendurch ein paar Gedanken Alfons' einfließen lassen, dann wird das ganze möglicherweise ein wenig authentischer. Aber bei Dialogen kann ich dir insgesamt leider schlecht behilflich sein, das ist auch meine Achillesferse.
      Die Tatsache, dass seine Frau eine Zwillingsschwester hat, hätte Quinders im Vorfeld ja mal erwähnen können. So eine Detektivarbeit beginnt ja nicht aus dem Nichts, sondern mit allen möglichen Vorabinformationen, da muss er sich dann gar nicht wundern.
      Zur Story kann ich bisher nichts sagen, ist ja erstmal nichts besonderes, was da so passiert. Durch ein paar mehr Gedanken von Alfons könntest du das ganze etwas mysteriöser gestalten, wie bspw. "Weshalb hatte Quinders ihm nichts von der Schwägerin erzählt?" oder "Sonst unterliefen ihm solche Fehler nicht. Er lehnte sich zurück und fuhr sich mit der Hand über das Kinn. Was wurde hier gespielt? Er traute weder Quinders über den Weg, noch seiner Frau." Oder so was ähnliches halt.
      Generell könnte Alfons als Protagonist ein klein wenig mehr innere Ausarbeitung vertragen, ansonsten find ich es bisher aber eigentlich ganz gut. :)
    • Danke, ich werde versuchen, dass Feedback in die Fortsetzungen einfließen zu lassen :)
      @Zarkas: Du hast recht, es ist unspektakulär. Es soll auch kein Reißer werden, obwohl ich hoffe, dass ich die weitere Geschichte spannend gestalten konnte. Dafür brauche ich auch euer Feedback ;)
      Ich möchte nicht zuviel verraten, aber Frau Quinders wird noch den einen oder anderen Auftritt haben ;)
      Ich muss gestehen, als Mann traue ich mich nicht an eine Frau als Hauptrolle, dass Innenleben erscheint mir zu kompliziert und wer in einer Beziehung steckt, wird das vllt. nachvollziehen können :D
      Ja, Alfons und Robert "arbeiten" zusammen, da Alfons bei weitem kein "Bachelor" ist.
      Das mit der Kapiteleinteilung war ursprünglich nicht drin, hab ich hier versucht, ist wieder raus ;)
      Ich habe hier und da im Forum schon gelesen und kritisiert, aber auch mein Tag hat auch nur 24h.

      @aval: Wirklich gefreut habe ich mich, dass das mit dem Büro "funktioniert" hat. Wie ihr vllt. bemerkt habt, sind bisher keine Handys und Computer in der Geschichte vorgekommen, weil die Geschichte Ende der 1970er/Anfang 1980er angelegt ist.
      Den letzten Absatz Deines Postings habe ich sofort in meinen Text (allerdings nicht hier) eingearbeitet, das hat mir richtig gut gefallen.
      Wie gesagt, ich lerne jeden Tag dazu und ich hoffe, dass man am Ende der Geschichte Fortschritte sieht. Oder bei der nächsten Geschichte ;)
      Jetzt geht es weiter:

      Gruppen von Studenten füllten den Vorplatz, ein ständiges Kommen und Gehen. Alfons blickte an dem hohen Gebäudekomplex aus Glas, Beton und Stahl empor, die reflektierte Mittagssonne ließ ihn die Augen zukneifen. Mit schnellen Schritten betrat den breiten, von vielen Glastüren durchbrochenen Eingang.
      Die Menschenmenge und das Stimmengewirr erinnerte ihn an die Vorhalle des Hauptbahnhofs. Außer, dass es hier keine unverständlichen Zugdurchsagen gab.
      Den Essensgeruch der Mensa ließ er nach einigen Schritten links liegen und erstieg die Stufen in den zweiten Stock.
      „Ruhe bitte!“ Das Schild wies darauf hin, dass die gegenüberliegende zweiflügelige Tür zur Universitätsbibliothek führte.
      Hilfsbereit hielt Alfons diese auf, um eine Handvoll junger, kichernder Damen durchzulassen. Gedämpft fiel hinter ihm ins Schloss.
      Im Halbrund erstreckte sich ein Tresen, dort waren zwei Männer und eine Frau mit Unmengen Büchern und Karteikarten beschäftigt.
      Alfons stellte sich eben jene kurze Schlange vor der Frau an und wartete geduldig. Dabei ließ er einige neugierige Blicke der anwesenden Studenten über sich ergehen und erwiderte sie mit einem freundlichen Kopfnicken.
      Wieder und wieder reckte er den kurzen Hals, vielleicht konnte er einen Blick von ihr erhaschen? Würde sie ihn wiedererkennen?
      Der blonden Bibliothekarin hatte er vor Jahren geholfen, einen unliebsamen Verehrer loszuwerden, der sie schon nach nur einem Treffen mit Briefen und Anrufen verfolgte. Da die Polizei nichts tun konnte oder wollte, hatten die maskierten Alfons und Robert ihm eines Tages aufgelauert und durch eine gebrochene Nase den Mann überzeugt, von Karin abzulassen.
      Obwohl das noch nie Alfons Arbeitsweise gewesen war, hatte er sich von seinem Freund für diese Art Abkürzung überreden lassen. Tief in sich hatte ein wenig gehofft, sie damit beeindrucken zu können.
      „Hallo Alfons!“ Karins Worte rissen ihn aus den Gedanken.
      Er musste sich einen Moment sammeln und lächelte ihr in die dunkelbraunen Augen.
      „Hallo Karin“, antwortete er mit einer unwillkürlich tieferen Stimme.
      „Schön, Dich zu sehen.“
      Ihr Augenaufschlag war fast scheu.
      „Ist schon eine Weile her.“
      Alfons schätzte sie auf etwas jünger, als er selbst war.
      „Wahrscheinlich ist alles okay bei Dir. Ich meine, Du hast Dich seit damals nicht mehr gemeldet ...“
      Ein Anflug von Röte zeigte sich auf ihren Wangen.
      „Stimmt, ich hatte viel zu tun.“
      Dagegen fand er keine Erwiderung.
      „Das freut mich“, meinte er ehrlich und strahlte sie an, kramte dabei in seinen Manteltaschen und förderte einen zerknitterten Zettel zu Tage.
      „Heute bräuchte ich mal was über ... Wirtschaftspsychologie!“, sagte er stolz.
      Ihre Augen schauten erstaunt: „Oh, das gibt es noch nicht so lange.“
      Flink zog sie einen der unzähligen Karteikästen hinter sich auf und ließ ihre schlanken Finger über die Karten gleiten. Dann nahm sie einen Stift und einen Notizzettel, vermerkte in kleiner schwungvoller Schrift den Gang und das Regal des Gesuchten und reichte ihn über den Tresen. Ohne sie aus den Augen zu lassen, nahm er eine seiner Visitenkarten und schien zu überlegen. Mit einem Wink bat er um ihren Stift und schrieb etwas auf deren Rückseite.
      „Falls es okay ist ... Ich würde mich freuen ...“
      Zögernd schaute sie auf seine private Telefonnummer, dann in sein Gesicht.
      Er war sich unsicher, ob er zu forsch gewesen war, den verschiedene Emotionen schienen in ihr zu arbeiten.
      „Nichts für ungut“, beendete er die peinliche Stille, hob dankend den Zettel zum Gruß und wandt sich ab. So konnte er nicht sehen, wie sie kurz Luft holte, um etwas zu erwidern, aber dann stand schon der nächste Student vor ihr.
      Es dauerte eine Weile, bis Alfons sich orientiert und durchgefragt hatte. Mit schiefgelegtem Kopf ging er die Reihe ab und zog an verschiedenen Stellen ein dickes und mehrere schmalere Bücher heraus.
      Mit diesem Stapel unter dem Arm suchte er sich einen Stuhl an einem der langen und weniger besetzten Tische. Seinen Mantel hängte er über die Lehne, bevor er Platz nahm. Etwas klapperte in einer der Taschen und er ertastete eine kleine runde Blechdose.
      Ursprünglich goldfarben, war sie im Laufe der Jahre abgegriffen und leicht verbeult geworden. „Almas Caviar“ war halbrund in verblichenen Buchstaben kunstvoll über einem stilisierten störähnlichen Fisch gedruckt.
      Sein Vater hatte ihm damals erklärt, dass dies der teuerste Kaviar der Welt sei, aber Alfons konnte sich nur noch an den leicht salzigen Geschmack erinnern. Und dass ihn der kleine Löffel voll zu dem hartgekochten Ei nicht satt gemacht hatte. Er liebte diese Dose, ein Stück Vergangenheit, welches er seit Jahren mit kleinen Minzbonbons füllte. Der scharfe frische Geschmack im Mund machte ihn munter und er legte die Dose vor sich auf den Tisch. Dann schlug er das dickste der Bücher auf und versuchte in Teilen zu verstehen, was Patricia Quinders vor nicht allzu langer Zeit studiert hatte.
      Plötzlich fiel ein leichter Schatten auf ihn und aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung neben sich wahr.
      Irritiert schaute er auf. Eine Frau, weder alt noch jung, in einem dünnen Sommermantel stand neben ihm. Langsam, fast verlegen berührte sie die schwarzen Locken, die ihre linke Gesichtshälfte verdeckten.
      Erwartungsvoll blickte Alfons sie an.
      „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er halblaut und erntete dafür eine rigoroses Zischen von allen Seiten.
      Etwas leiser wiederholte er die Frage, aber die Frau schien abzuwarten und ihr hellbraunes Auge musterte ihn eingehend.
      Sie neigte ihren Mund in die Nähe seines fleischigen Ohres.
      „Ärzte haben es am besten von allen Berufen“, flüsterte sie unvermittelt. Für einen Moment war Alfons ratlos. Dann hellte sich seine Miene auf und er sah ihr ins Gesicht: „Ihre Erfolge laufen herum und ihre Misserfolge werden begraben.“ Dann fügte er stolz hinzu: „Ich liebe Jaques Tati!“
      Sie richtete sich auf und schien für einen Moment unschlüssig, griff aber dann in ihre Manteltasche und holte eine gleiche goldfarbene Dose „Almas Caviar“ heraus. Ihre war weit weniger benutzt, ja fast neu.
      Sie legte sie neben Alfons’ und steckte dafür dessen ein. Verdattert über den Tausch versuchte er, ihre Hand festhalten, aber geschickt entwandt sie sich ihm. Ihr Auge sprühte Unverständnis. Er wollte aufspringen, fühlte sich aber sanft zurückgedrückt.
      „Machen Sie hier kein Aufsehen!“, zischte sie. Dabei bemerkte er ihren Akzent. Osteuropäisch? Er war sich nicht sicher.
      Der Druck auf seiner Schulter löste sich, sie drehte sich um und verschwand zwischen den zahlreichen hohen Regalreihen.
      Alfons war perplex und schaute ihr nach. Kaum jemand schien diesen Vorfall bemerkt zu haben. Dann fiel sein Blick auf die Dose, er griff nach ihr. Sie fühlte sich leichter an als seine. Vorsichtig horchend schüttelte er sie, nichts. Er drehte den Deckel auf und fast wäre ihm alles aus den Händen geglitten. Sorgfältig in Watte gebettet, blickte ihn ein hellbraunes Glasauge an.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Eegon2 ()

    • Aije, das sieht mir ja nach einer ungünstigen Verwechslung aus. ;) Ich hätte die Dose aber schon vorher in die Geschichte eingebaut (vllt im Büro) dann wirkt die Situation weniger konstruiert. Bin mal gespannt, was es mit dem Glasauge auf sich hat, das man ihm da jetzt untergejubelt hat und mit was für Leuten er jetzt vermutlich unfreiwillig im Clinch liegt^^
      Ich verstehe aber nicht genau, weshalb er jetzt in die Uni geht, um etwas über Wirtschaftspsychologie zu erfahren (witziges Detail, dass du erwähnst, dass die Disziplin gerade neu ist) und sich dann einen Stapel Bücher holt und da random reinguckt. Ja ok, es gibt kein Internet xD Aber ich meine der Begriff ist ja halbwegs selbsterklärend, inwiefern soll ihm da Recherche über das Fach weiterhelfen, ich hätte ja eher Leute befragt bezügl. Frau Quinders?
    • aval.b.bado schrieb:

      Aije, das sieht mir ja nach einer ungünstigen Verwechslung aus. ;) Ich hätte die Dose aber schon vorher in die Geschichte eingebaut (vllt im Büro) dann wirkt die Situation weniger konstruiert. Bin mal gespannt, was es mit dem Glasauge auf sich hat, das man ihm da jetzt untergejubelt hat und mit was für Leuten er jetzt vermutlich unfreiwillig im Clinch liegt^^
      Ich verstehe aber nicht genau, weshalb er jetzt in die Uni geht, um etwas über Wirtschaftspsychologie zu erfahren (witziges Detail, dass du erwähnst, dass die Disziplin gerade neu ist) und sich dann einen Stapel Bücher holt und da random reinguckt. Ja ok, es gibt kein Internet xD Aber ich meine der Begriff ist ja halbwegs selbsterklärend, inwiefern soll ihm da Recherche über das Fach weiterhelfen, ich hätte ja eher Leute befragt bezügl. Frau Quinders?
      Das mit der Dose ist notiert, Danke :)
      Alfons kann mit diesem Begriff nichts anfangen, auch wenn er für Dich selbsterklärend ist. Eine Bekannte von mir hat das studiert und das Gebiet, sowie die späteren Jobmöglichkeiten sind doch vielfältig. Dazu kommt, dass Frau Quinders noch recht jung ist. Da kann ich Alfons verstehen, wenn er sich, doppelt so alt, eher von den Kommilitonen fern hält. Auch muss er sie durch solche Aktionen nicht mit der Nase darauf stoßen. Und er ist neugierig, denn er hofft, das dieses Studium zukunftsorientiert ist. Es hätte auch etwas ausgesagt, wenn sie Sinologie oder Physik studiert hätte ;)
    • Eegon2 schrieb:

      Alfons kann mit diesem Begriff nichts anfangen, auch wenn er für Dich selbsterklärend ist. Eine Bekannte von mir hat das studiert und das Gebiet, sowie die späteren Jobmöglichkeiten sind doch vielfältig. Dazu kommt, dass Frau Quinders noch recht jung ist. Da kann ich Alfons verstehen, wenn er sich, doppelt so alt, eher von den Kommilitonen fern hält. Auch muss er sie durch solche Aktionen nicht mit der Nase darauf stoßen. Und er ist neugierig, denn er hofft, das dieses Studium zukunftsorientiert ist
      Das ist ne gute nachvollziehbare Erklärung, die uns in der Geschichte aber nicht so präsentiert wird ;) Lass ihn vielleicht einfach zwei Gedanken dazu haben, dann ist das dem Leser glaube ich absolut verständlich. Auch solltest du mitunter vielleicht erwähnen, dass die Geschichte in den 80ern spielt, sonst fragt sich spätestens jetzt jemand, weshalb er nicht im Internet recherchiert. Wenn du es dezent halten willst, könntest du im Büro ja einfach das Radio laufen lassen und eine Nachricht einblenden, die den zeitlichen Kontext der Handlung andeutet.
    • Danke :)
      Ich muss zugeben, dass meine Hinweise auf die Zeit der Handlung sehr dezent gesetzt sind ;) Ob ich das mit den Medien mache, bin ich mir noch nicht schlüssig, das erscheint mir (noch) zu holzhammermäßig. Das lasse ich mal reifen ;)

      Für heute nur eine kurze Fortsetzung:

      „Muss ja aus Glas sein“, meinte Robert. Wieder saßen er und Alfons in der Stammkneipe.
      Der andere verstand nicht.
      „Sonst kann man doch nicht durchgucken, Mensch!“ Robert feixte, sein Freund winkte müde ab und verschloss die Dose wieder.
      „Was soll ich damit? Und wieso klaut die mir meine Minzbonbons?“ Alfons wies mit einer ratlosen Handbewegung auf den Tisch.
      „Sie hat gesehen, dass Du Dir der richtige Durchblick fehlt. Ganz einfach.“
      In diesem Moment brachte Diana das Übliche und schnell steckte Alfons die Dose wieder ein.
      „Das kann nur eine Verwechslung sein.“
      "Oder ein Hinweis auf irgendwas". Schnell hatte Robert sein Bier zur Hälfte geleert.
      „Sie kam aus dem Nichts. Und sprach mich an.“
      „Da hast Du es! Eine Verwechslung! Warum sonst sollte eine Frau Dich ansprechen?“
      Missbilligend schaute Alfons von seinen Pommes auf.
      „Nicht jeder ist ein Adonis. Und ich bin kein Quasimodo. Es gibt auch Frauen, die mich interessant finden.“
      „Aha“, antwortete Robert einsilbig und zwischen den Bissen seines Schnitzels sagte er: „Musst Du also jetzt eine einäugige Person finden.“
      „Muss ich nicht. Im Moment habe ich andere Sorgen. Auf jeden Fall weiß ich jetzt, dass die Quinders recht gut mit Personal umgehen kann. Ich hab natürlich nicht alles verstanden, was in den Büchern stand, aber wenigstens so ungefähr die Richtung.“
      „Hat die denn Personal?“
      „Keine Diener oder was Du meinst, höchstens ne Hausangestellte. Vielleicht will sie mal in einer Firma was zu sagen haben. Irgendwelche Angestellte auf Trab halten.“
      „Also mein Abteilungsleiter hat das nicht studiert und kann das trotzdem.“ Robert unterdrückte mit Mühe einen Rülpser.
      „Das ist wohl etwas komplizierter.“
      „Nö, isses nicht.“
      Alfons ging nicht darauf ein, es erschien ihm sinnlos.
      Robert sprach weiter: „Fakt ist, sie will auf jeden Fall ein Stück vom Kuchen ihres Mannes. Darauf ist sie vorbereitet. Und sie ist schlau. Die Falle mit den Fotos hat sie gerochen und nichts anbrennen lassen.“
      „Das konnte sie nicht riechen! Wir hatten erst zwei Tage davor davon gesprochen.“
      Alfons lehnte sich zurück und sah seinen Freund herausfordernd an. „Wir haben es zwei Tage vorher beschlossen. Gesprochen haben wir schon oft darüber.“
      „Stimmt“, pflichtete Robert ihm bei. „War doch nicht das erste Mal, dass ich Dir mit vollem Körpereinsatz helfen musste.“ Dabei grinste er wie immer breit.
      „Wie konnte sie wissen, dass wir so vorgehen würden?“
      Es klang wie ein Selbstgespräch, dann blickten sich beide an und wie aus einem Mund: „Gregor Fischer!“
    • Hey @Eegon2 :)

      Ich bin jetzt bis Anfang Kapitel 3 gekommen und bisher gefällt mir die kleine Geschichte sehr gut. Du hast wirklich ein Händchen dafür, Orte und Personen zu beschreiben, gerade am Anfang finde ich die Szene mit der Übergabe sehr gelungen. Und das 70er/80er-feeling kommt sehr gut rüber. Ich steh auf alte Krimis. Die Geschichte hat so einen speziellen, ganz eigenen Unterton, den ich ziemlich gut finde. :)

      Alfons ist ja ein spezielles Kerlchen. Find ich gut, dass er ein Typ ist, der genau weiß, dass er so Frauen wie die seines Mandanten nicht selbst abschleppen kann und viel mit unmoralischen Mitteln arbeitet, um seinen Auftrag zu erfüllen. Welcher andere Detektiv schickt schon seinen Kumpel los, damit jemand gezielt Ehebruch begeht :D

      Die Sekretärin gefällt mir auch. Du gibst in relativ wenigen Zeilen ein gutes Bild von ihr ab und den Rest erfahren wir aus ihrer Interaktion mit Alfons. Mag ich sehr. Mich störts auch nicht, dass es keine weibliche Hauptperson gibt. Das muss ja nicht immer sein, finde ich.

      Das einzige, was mich etwas stört, ist die Story. Ich halte Alfons nach deinen Beschreibungen nicht für einen Idioten, er wird doch vorher recherchiert haben, dass die Frau seines Klienten eine Zwillingsschwester hat und sichergehen, dass die richtige flachgelegt wird. Eine Verwechslung könnte ich mir nur vorstellen, wenn beide in der Bar gewesen wären und Robert da einfach die Falsche mitgenommen hat.
    • Oriane schrieb:

      Hey @Eegon2 :)

      Das einzige, was mich etwas stört, ist die Story. Ich halte Alfons nach deinen Beschreibungen nicht für einen Idioten, er wird doch vorher recherchiert haben, dass die Frau seines Klienten eine Zwillingsschwester hat und sichergehen, dass die richtige flachgelegt wird. Eine Verwechslung könnte ich mir nur vorstellen, wenn beide in der Bar gewesen wären und Robert da einfach die Falsche mitgenommen hat.
      Danke :) Ein sehr guter Einwand! Ich werde mal ein paar Szenarien durchspielen und in mein Manuskript einarbeiten :thumbsup:
    • :)
      Patricia Quinders stand verloren in ihrem Ankleidezimmer. Eine Unzahl von teuren und exklusiven Kleidern in verschiedenen Schnitten und Farben zu allen Anlässen, machten ihr die Auswahl für den heutigen Abend schwer. Die Größe dieses Raumes dankte sie ihren Vorgängerinnen, die ebenfalls nichts dagegen gehabt hatten, dass Paul Quinders ein Heer an erfolgreichen Autoverkäufern unterhielt.
      Langsam gingen ihre Finger über die Roben, Blusen und Röcke und ab und zu zog sie eines der Kleidungsstücke hervor. Kritisch beäugte sie es, um am Ende festzustellen: „Ich habe nichts anzuziehen!“, und sah sich gezwungen, etwas kaufen zu müssen.
      In der Vorhalle der Quinders-Villa warf sie sich einen ihrer italienischen Designermäntel um, schlüpfte in ebensolche Pumps, griff die Handtasche, die so teuer wie Mantel und Schuhe zusammen gewesen war und rief laut: „Bin nochmal eben ins Kaiserviertel. Ich brauche noch was für heute Abend!“
      Einen Moment lauerte sie auf eine Antwort. Dann hörte sie, wie ein schwerer Stuhl gerückt wurde und ihr Mann erschien eilenden Schrittes am oberen Treppenabsatz.
      „Niemand hat so viel teures Zeug wie Du und es ist nichts für die Premiere dabei?“
      Quinders versuchte mühsam, sich unter Kontrolle zu halten, das Weiß seiner Fingerknöchel, die das Geländer umkrampften, trat deutlich hervor.
      „Aber Schatz“, sagte seine Frau lächelnd und unterdrückte den scheinheiligen Ton ihrer Stimme. „Willst Du, dass die Leute mit dem Finger auf mich zeigen? Das hab ich doch alles schon getragen. Wenn ich mit etwas Altem da erscheine, denken die doch sofort, Dein Geschäft läuft schlecht.“
      Mit etwas Altem tauche ich da so oder so auf, dachte sie.
      Quinders Kiefer mahlte, seine Schläfenadern traten leicht hervor. Er fühlte kribbelnd Wut in sich aufsteigen, hatte aber keine Lust auf eine Auseinandersetzung.
      Beherrscht sagte er: „Wahrscheinlich hast Du recht. Geh und kauf Dir was Schönes.“ Und ersticke daran, fügte er in Gedanken hinzu.
      „Mach ich“, antwortete sie mit zuckersüßem Ton und nach dem Türenklappen hörte er, wie draußen der schwarze Sportwagen ansprang und die Einfahrt verließ.
      Zähneknirschend setzte er sich wieder an den Schreibtisch, auf dem sich zahlreiche Papiere und Unterlagen stapelten. Vor seinem geistigen Auge sah er, wie sich tagtäglich sein Kontostand verringerte, je länger er mit dieser Frau verheiratet war.
      Wieso war der Detektiv so träge? Freunde hatten ihn empfohlen, aber bisher konnte Quinders diesem Alfons Friedrich keine guten Noten ausstellen. Wahrscheinlich musste er am Ende alles selbst in die Hand nehmen.
      Michail? Nein, diesen Gedanken verwarf er sofort. Da konnte er sie auch gleich selbst mit einer Axt erschlagen. Es muss doch einen anderen Weg geben, sie loszuwerden. Ein Unfall in der Küche oder im Haushalt schied schon mal aus, dafür hatte er eine Bedienstete. Niemand würde glauben, dass Patricia beim Fensterputzen abgestürzt oder sie beim Gemüseschneiden aus Versehen in die Pulsadern abgerutscht wäre.
      Es müsste schon etwas sein, was ganz alltäglich und normal erscheint. Der Föhn in der Badewanne? Zu alt, zu offensichtlich.
      Gift? Davon hatte er zu wenig Ahnung, das konnte nur schief gehen. Vielleicht erstickt sie von irgendwas beim Essen? Oder das Auto? Es müsste aber sehr geschickt angestellt sein, also fielen die Bremsleitungen schon mal weg.
      In diesem Moment klingelte das Telefon.
      „Ach, Herr Friedrich. Ich habe gerade an Sie gedacht“, antwortete er.
      Dann blieb Quinders einige Momente stumm, lauschte, sein Blick verriet plötzliches Erstaunen.
      „Und diesen Herrn Fischer kennen Sie persönlich?“, fragte er.
      Als Alfons geendet hatte, legte Quinders langsam und ohne hinzusehen, den Hörer auf. Sein Blick war nach innen gekehrt, die Hände ruhten auf der Tischplatte und seine Gedanken rasten: Weiß sie, dass ich sie loswerden will?
      Quinders ging die letzten Tage und Wochen durch, um heraus zu finden, wo er einen Fehler gemacht haben könnte.
      Seit er einen Brief ohne Absender, DEN Brief erhalten hatten, zwang er sich in ihrer Gegenwart zur Normalität, in der Hoffnung sie mit der Scheidung zu überraschen. Wenn sie ihm doch nur einen Grund oder Anlass liefern würde! Ihr musste unbedingt die Schuld zufallen, sonst gingen große Teile seines Besitzes an sie und das kam unter gar keinen Umständen in Frage. Am Anfang ihrer Beziehung war er so blöd, so hormongesteuert gewesen, jetzt hatte sich alles gedreht.
      Er ging zum übergroßen Ölbildnis seines Großvaters an der Wand und klappte es auf. Mit knappen Bewegungen stellte er die Kombination des Safes ein, die kleine schwere Tür öffnete sich gedämpft.
      Quinders atmete hörbar auf, alles schien unberührt. Zögernd griff er nach dem Kuvert, auf dem mit schwungvollen Kurven sein Name und die Adresse standen. Vorsichtig kniffen seine Finger die Falz nach, als ob er den Brief so wieder verschließen könnte, den Geist zurück in die Flasche zwängen. Gedankenverloren hob er ihn an die Nase, der schwache Duft von Climat von Lacome versetzte ihn mit einem Schlag mehr als zehn Jahre in die Vergangenheit. Er spürte, wie sein Herz zu schmelzen begann, wieder machten ihn die Gedanken an die Absenderin wehmütig. Seine Schultern wurden schwer, eine Last zwang ihn, sich zu beugen. Alles war damals so leicht, so frisch, so einfach gewesen. Sollte ihm das nun zum Verhängnis werden?
    • :)
      Alfons hatte wieder seinen Platz am Fenster im Büro eingenommen und lutschte ein Minzbonbon aus einer brandneuen Plastikdose, die fast widerstrebend gekauft und noch keines eingehenden Blickes gewürdigt hatte. Fast wehmütig dachte er an das kleine Kaviarbehältnis, welches ihm auf fast dreiste Weise genommen worden war.
      Draußen brach die Dämmerung über die Stadt herein, aber er hatte kein Licht eingeschaltet. Dafür gingen auf der Straße die gelben Lampen der Laternen an und spiegelten sich vereinzelt in kleinen flachen Pfützen. Die Schaufenster der Geschäfte waren hell erleuchtet und er beobachtete die Fußgänger. Manche hasteten, einige gingen allein, Paare schlenderten, obwohl die Temperatur nur wenig über zehn Grad betragen konnte. Die meisten Menschen trugen Mäntel, manche einen bunten Schal oder ein Tuch um den Hals. Sehr viele Hüte oder Mützen.
      Alfons‘ Gedanken kreisten um Gregor Fischer. Beide kannten sich noch aus der Schule, waren Nachbarskinder und eigentlich so etwas wie beste Freunde gewesen. Rein äußerlich hätten beide Brüder sein können, denn eine körperliche Ähnlichkeit war nicht von der Hand zu weisen. Diese Verbindung hielt noch weit bis ins Erwachsenenalter hinein und führte schließlich zur „F & F Detektei - Vertrauen gegen Vertrauen“.
      Anfangs lief es ganz gut. Hier ein untreuer Ehemann, da eine weggelaufene Tochter. Einmal waren sie mehrere Monate damit beschäftigt gewesen, Erben für eine Testamentsvollstreckung ausfindig zu machen. Allerdings stellte sich dann heraus, dass im Prinzip nur Schulden vererbt worden waren und dieser Fall nicht nur den Anwalt an den Rand der Existenz brachten. Auch F & F blieben auf einem Teil der Kosten sitzen und das führte zu ersten Spannungen.
      Im nächsten Fall wurden beide von einem Firmenbesitzer in dessen Betrieb eingeschleust, um Lagerdiebstähle aufzuklären. Sie fanden Zutritt zu einem Verbrecherring, der sich darauf spezialisiert hatte, Toiletten, Waschbecken und Badewannen auf eigene Kosten zu vertreiben. Leider hatte Alfons das Gefühl, dass die meiste Arbeit an ihm hängenblieb, während Gregor damit beschäftigt war, mit der Tochter des Chefs anzubandeln. Dieser hatte ihr solche Kontakte zu seinen Angestellten ausdrücklich untersagt, was umso herausfordernder war. Nachdem der ungesetzliche Handel mit der Sanitärkeramik aufgeklärt worden war und der Auftraggeber in bester Laune schien, überkam es Fischer, die heimliche Beziehung öffentlich zu machen.
      Was erneut zu einer Auftragsflaute führte, denn offensichtlich hielt der Fabrikant Detektive für seine Tochter eher ungeeignet und wollte in Zukunft nichts mehr mit F & F zu tun haben. Dabei wurde er nicht müde, dies auch in seinem Bekanntenkreis kundzutun.
      Da die Beziehung für die Tochter schnell jedes Prickeln des Verbotenen verloren hatte, war dann in kurzer Zeit Schluss. Und im Streit über unprofessionelles Verhalten sowie deshalb ausbleibende Aufträge, ging F & F kurz danach den gleichen Weg.
      Inzwischen war es dunkel geworden. Der Verkehr hatte zugenommen und die Scheinwerfer des vorbeifahrenden Autos rissen die Passanten für Sekunden aus dem Schatten. Alfons‘ Gedanken wanderte zu dem Glasauge, sein Blick folgte. Es lag offen in seiner Dose einsam auf dem Schreibtisch.
      Leicht reflektierte das Glas den einfallenden Lichtschein.
      Die Iris starrte als großer dunkler Kreis zurück. Alfons versuchte sich, die Einzelheiten der Begegnung mit der Frau nochmals vorzustellen. Wie aus dem Nichts war sie aufgetaucht. Eine Studentin vielleicht?
      Vom Alter her keinesfalls, eher die Mutter eines Studenten. Die schwarzen, gescheitelten Haare. Mittelgroß, normale Figur. Saubere Hände, kein Nagellack. Der Mantel schien zu dünn. Warum?
      Sie hatte nicht arm ausgesehen, also war das eine bewusste Wahl?
      Oder sie kam irgendwoher, wo es wärmer war und hatte die falschen Sachen dabei? Die helle Strumpfhose und die Schuhe mit niedrigem Absatz gaben keinen Hinweis.
      War es ihr Glasauge? Er hatte nur das unbedeckte, offenbar echte sehen können. Was erwartete sie in seiner Dose? Was war klein genug und konnte von Wert sein? Geld? Diamanten? Auf jeden Fall keine Minzbonbons.
      Vielleicht noch ein Glasauge? Gab es so etwas wie einen Tauschhandel? Suche blaues Auge biete braunes?
      Das tat er als Quatsch ab. Sie würde mit der Dose irgendwohin gehen und dort ihren Irrtum bemerken. Wenn es um einen Wert für sie ging, war sie leer ausgegangen. War sie eine Art Kurier, steckte sie jetzt in Schwierigkeiten.
      Warum die Bibliothek? Er hatte dort nur durch Karin Zutritt bekommen. Ansonsten dürfen da nur Studenten und Lehrkräfte verkehren. Dass er und sie Jaques Tati kannten, war wohl der größte Zufall gewesen. Auf jeden Fall war dies ein Erkennungscode und er hatte den Test bestanden. Gedankenverloren drehte er den Glaskörper vorsichtig zwischen den Fingern hin und her. So leicht, dachte er. Und wenn sie morgen wieder da wäre und versuchte, das Missgeschick zu beheben?
      Seine Gedanken wurden von leise gegen die Scheiben schlagenden Tropfen unterbrochen. Durch dieses Geräusch wie aufgeweckt, legte Alfons das Auge zurück, schloss die Dose und schaute wieder aus dem Fenster.
      Durch den beginnenden Regen begannen sich die Menschen da unten schneller zu bewegen.
      Er stutzte. Diesen hellen Mantel da hatte er heute schon mal gesehen. Er riss das Fenster auf, spürte den Niesel im Gesicht, der Wind griff ihm in die Strähnen.
      Eben dieser Wind ließ einen Wust von schwarzen Haaren wehen, die über den Kragen jenes Mantels quollen. Die Frau eilte, ohne links und rechts zu schauen, die Straße entlang. Schon konnte Alfons sie nur noch von hinten sehen und er hielt es für zwecklos, sie zu rufen. Zwar stürzte er sogleich aus seinem Büro, die Treppe nach unten, aber dort stand er nach ein paar Schritten eher hilflos und regennass auf dem sich leerenden Bordstein.