Die Erben des Krieges (Arbeitstitel)

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    • Offizieller Beitrag

    Guten Mittag alle miteinander,


    Jahre ist es her, gefühlt oder tatsächlich, dass ich zuletzt eine Geschichte im Forum gepostet habe. Na ja, zumindest eine ohne CoAutor :rofl:

    Seit einiger Zeit arbeite ich wieder an etwas, was ich als Nebenprojekt und "Ventil für Hirndünnschiss" bezeichnen würde. Ich habe auch erstmal ein bisschen geschrieben, um sicher zu sein, dass es nach drei Seiten nicht direkt wieder im Mülleimer landet. :schiefguck:

    Lustig ist dabei, dass ich alte Werke von mir einfach komplett miteinander vermischt habe, weil ich sie nicht weiterführen, aber auch nicht "töten" wollte. Geschüttelt, nicht gerührt - quasi.


    Es ist vermutlich in das Subgenre "Abenteuer" einzugliedern, obwohl auch ein bisschen Humor, Drama ect. drin sein wird. Ohne Humor geht leider bei mir selten - zumindest wenn es sich anbietet.


    Mal schauen, wo es hingeht :rofl:


    An Art der Kommentare habe ich nichts bestimmtes im Sinn. Das kann jeder machen wie er kann, will, bockig ist ... 8o Ob ich das mal einreichen würde irgendwo, wenn es brauchbar wird, weiß ich nicht. Daher betrachte ich das Geschriebene recht objektiv.


    Liebe Grüße

    Jenna



    Prolog



    Schwarze Wolken verhangen den Himmel, während Rauchschwaden über den Boden waberten. Lautlos begruben sie die bereits Gefallenen unter einer zarten Decke, als wollte sie diese vor den weiteren Geschehnissen verbergen. Schreie erklangen zwischen dem Klirren von Metall auf Metall, und das tiefe Raunen von brennenden Geschossen ging nahezu im Lärm unter.

    Verzweifelt versuchten die Männer, ihre Linien zu halten, wurden aber von den plötzlich auftauchenden Blitzen immer wieder auseinandergerissen. Es war kein fairer Kampf, der stattfand, obwohl sich gut ausgebildete Soldaten unter den Kämpfenden befanden. In einer Welt, in der ein einzelner Zauber über Leben und Tod entscheiden konnte, hatte ein Mann mit Schwert und Schild nicht viel entgegenzusetzen. Sie konnten nur auf ihre Überzahl hoffen. Ein jeder der tapferen Männer hielt Ausschau nach dem Ursprung der donnernden Magie, der sich nicht zeigen wollte. Ein jeder von ihnen wollte die Klinge führen, die den Kopf des Krieges von dessen Hals trennte. Das Einzige, was diese Soldaten besaßen, war ihr Mut. Mit ihren Schilden preschten sie vor, drängten die bereits ermüdeten Magier zurück und trampelten sie nieder, während nachkommende Männer sie mit ihren Lanzen erstachen.

    Befehle hallten über das einst grüne Tal von Efrenheim, und Blut färbte den Boden vom Land der Sonnenkinder in ein warmes Rot.

    Sie gaben nicht auf! Wankten nicht! Sie ließen die Furcht nicht über sich herfallen wie ein Wolf über ein Schaf! Man hatte ihnen beigebracht, dass ihr Tod einem höheren Zweck diente. Es sollte Frieden für sie geben. Für sie, ihre Kinder und Kindeskinder. Frieden, sobald der Krieg fallen würde - und mit ihm sein Gefolge.


    Und dann zeigte sich das Monstrum der Schlacht.

    Finsternis umhüllte die fremde Gestalt, und es kam den Männern vor, als stammte der dichte Nebel allein von ihr.

    An einer Anhöhe schulterte der Krieg mit seiner Rechten das Schwert und griff mit der Linken demonstrativ gen Himmel, als wollte die geborene Schlacht nach den Wolken fassen. Blitze umhüllten den Arm bis zur Schulter, welche kurz darauf durch eine Armbewegung über das Feld freigelassen wurden.

    Erneut erklangen Schreie, und in unmittelbarer Nähe des Krieges fielen die Männer wie Asche zu Boden. Es war unmöglich, zu sehen, ob die Person unter ihrer Rüstung dabei irgendwelche Regungen zeigte. Ob Mitleid oder ein Zögern vorhanden waren. Der pechschwarze Helm mit den zwei silbernen Stierhörnern verdeckte das Gesicht bis auf winzige Öffnungen an den Augen, die aus der Ferne nicht einzusehen waren.

    Mit einer unheimlichen Gelassenheit stieg der Krieg von der Anhöhe hinunter; über glühende Tote hinweg, bis er an der vordersten Linie der feindlichen Soldaten innehielt.

    Die noch stehenden Männer erhoben zum Schutz ihre Schilde, die mit heiligen Runen bemalt waren, an denen Feuer und Blitz abprallten, als sei es ein schwacher Windzug. Aber das nur, so lange sie unbeschädigt blieben.

    Der Krieg schwang sein Schwert und rammte es vor sich in den aufgeweichten Boden, woraufhin die Erde aufgerissen wurde wie brechendes Eis. Die Risse wurden immer größer, wuchsen zu Schluchten heran und verschlangen die freien Männer der Sonnenbergfeste.

    Als alles verloren schien, kaum ein Soldat sich noch auf den Beinen halten konnte, hörten sie das Wiehern eines Pferdes. Ein Ritter mit einem Bärenkopf als Wappen galoppierte über das Aschefeld, bewaffnet mit einer einzelnen Lanze, die er ohne zu zögern dem Krieg entgegenwarf ...

  • Hallo Jennagon

    Lustig ist dabei, dass ich alte Werke von mir einfach komplett miteinander vermischt habe, weil ich sie nicht weiterführen, aber auch nicht "töten" wollte. Geschüttelt, nicht gerührt - quasi.

    Das Vermengen mehrere Ideen, welche man nicht komplett aufgeben will mag ich persönlich auch sehr gerne, auch wenn es manchmal schwer sein kann. :)


    Insgesamt finde ich diesen Anfang schon einmal ziemlich vielversprechend. Er ist schön bildlich dargestellt und ich hätte gerne weitergelesen, wenn es schon ein wenig mehr zum Lesen gegeben hätte. :)))

    • Offizieller Beitrag

    Vielen Dank für deinen Kommentar :blush: <3 <3

    Das Vermengen mehrere Ideen, welche man nicht komplett aufgeben will mag ich persönlich auch sehr gerne, auch wenn es manchmal schwer sein kann.

    Ja, da ich viel im High Fantasy unterwegs bin, ist es da "machbar". Natürlich nicht alles Wort für Wort, aber man kann es etwas umbasteln. :D

    Insgesamt finde ich diesen Anfang schon einmal ziemlich vielversprechend. Er ist schön bildlich dargestellt und ich hätte gerne weitergelesen, wenn es schon ein wenig mehr zum Lesen gegeben hätte. :)))

    Hahaha, ja, habe vor zwei Stunden erst den Prolog online gestellt. 8) Meist postet man in gewissen Abständen, um Lesern eine Chance zu geben, es lesen zu können. Ein zu großer Output kann manchmal dazu führen, dass Leser nicht hinterherkommen. Vielleicht bekomme ich den ersten Part vom 1. Kapitel morgen gepostet. :blush:


    Liebe Grüße

    Jenna

  • Vielleicht bekomme ich den ersten Part vom 1. Kapitel morgen gepostet. :blush:

    Mach hinne :)

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

    • Offizieller Beitrag

    Mach hinne

    Okay, okay :rofl:


    Kapitel 1 – Rückkehr der Männer



    „Unheilvoll ... unheilvoll ... unheilvoll!“, wiederholte Astrid immer lauter werdend, während sie das dicke Buch in ihrer linken Hand balancierte und mahnend ihren rechten Zeigefinger hob. Die Zuhörerinnen starrten sie gebannt an. Zumindest die anderen beiden Zofen Sonia und Odette. Aber diejenige, die unterhalten werden sollte, zog lediglich ihre Brauen nach oben und wirkte verwirrt.

    „Was genau ist so unheilvoll an der Sommernachtfeier?“, wollte Nathalie wissen.

    „Hoheit? Habt Ihr mir nicht zugehört?“, fragte Astrid gespielt ernst.

    „Ab dem Teil mit dem Bärenkraut konnte ich nicht mehr folgen“, entgegnete Nathalie und sah den Rest ihrer Zofen fragend an.

    Lachend ließ sich Astrid in den gepolsterten Sessel fallen und schob sich eine rote Haarsträhne zurück unter ihre weiße Haube. „Es geht eigentlich nur darum, die Sonne zu feiern. Wer das nicht macht, hat ein ganzes Jahr Pech.“

    „Und das muss in diesem Buch über die hießige Folklore so ausgiebig erklärt werden? Das weiß doch jedes Kind“, erwiderte Nathalie und seufzte. In ihren Augen hätte das der Schreiber des Buches auch in wenigen Sätzen zusammenfassen können, eben so, wie es sich die Landsleute erzählten. Dazu hätte es keine neun Kapitel gebraucht.

    „Tut mir leid, Prinzessin, ein anderes Buch, das wir alle nicht bereits in- und auswendig kennen, habe ich nicht gefunden.“

    „Der Rest ist auch ziemlich trocken“, merkte Sonia an und rückte sich ihre Garderobe zurecht.

    „Der ganze Alltag ist trocken“, fügte Nathalie hinzu und rutschte in ihrem Sessel tiefer. Es gab kaum ein Buch, das sie nicht kannte, kaum einen Weg, den sie nicht schon gelaufen war. Nach achtzehn Jahren im Schloss und in der Umgebung, schien es nichts mehr zu geben, das sich zu entdecken lohnte.

    „Wir könnten uns rausschleichen und auf den Feldern vorbei spazieren gehen“, schlug Odette vor und kicherte. „Da hätten wir wenigstens was zu gucken.“

    Astrid warf ein Kissen nach Odette, die wieder mehr Interesse an den jungen Männern außerhalb der Feste besaß.

    „Ich halte euch nicht auf“, sagte Nathalie und erhob sich aus ihrem Sessel. „Irgendwie hat mich das Buch hungrig gemacht. Wir könnten in die Küche schleichen und uns etwas vom Festmahl stibitzen.“

    „Ihr wollt doch nur Eduards Festtagsordnung durcheinanderbringen. Ansonsten könnten wir auch einen Kammerdiener bitten, uns etwas zu bringen.“ Astrid grinste und hatte Nathalie wieder einmal durchschaut.

    Nathalie zuckte mit ihren Schultern. Das war besser, als gar keine Unterhaltung, bis das Fest pünktlich gegen Nachmittag begann. Der Koch und die Küchenjungen hatten alle Hände voll damit zu tun, für König Eckbert und sein Gefolge alles herzurichten. Vermutlich waren alle viel zu beschäftigt, um zu bemerken, dass etwas fehlen würde.

    Odette stimmte dem Plan direkt zu, da sie vermutlich wusste, dass Nathalie nach dem morgendlichen Mahl nicht vorhatte, Brot zu stehlen. Sonia hatte wie meist keine eigene Meinung zu allem, während sich Astrid gegen das Vorhaben aussprach. Aber schlussendlich hatte Nathalie ohnehin das letzte Wort. Der Vorteil daran, die Prinzessin zu sein.

    Die jungen Frauen erhoben sich und verließen das Zimmer zusammen mit der Prinzessin. Sie folgten den langen steinernen Fluren, deren eintöniges Grau nur durch bunte Wandteppiche unterbrochen wurden. An jeder Ecke lauerte ein gepanzerter Soldat, der die Sicherheit der königlichen Gemächer sicherstellen sollte. Nathalie besaß einen ganzen Flügel für sich, da der König und die Königin keine weiteren Kinder hatten. Warum das so war, das wusste Nathalie nicht. Sie hörte allerdings die Kammerdiener der Königin häufig spekulieren. Darüber, dass die Geburt von Nathalie so anstrengend gewesen sei, dass die Königin danach unfähig gewesen war, weiterhin Kinder zu empfangen. Somit musste sich der König mit Nathalie zufriedengeben. Und das tat er anscheinend. Er hatte weder ihr noch der Königin jemals das Fehlen eines Sohnes nachgetragen.

    Die Zimmer für Geschwisterkinder der Prinzessin waren nun teils die Zimmer ihrer Zofen, die anderen lagen brach und verstaubten ungenutzt.

    Nachdem die jungen Frauen den Flügel verlassen hatten, stiegen sie die Stufen der Treppen hinunter, die sie Richtung Schlossküche brachten und wanden sich an den etlichen Bediensteten vorbei, die für das Fest alles in der Sonnenhalle herrichteten. Bei der Küche angekommen, in der Eduards Stimme laut zu hören war, hielten sie kurz inne. Die Rufe des Kochs überwarfen sich regelrecht, bei all den Anweisungen, die er erteilte. Odette schaute vorsichtig um die Ecke und musterte das vorhandene Gut. „Von Eisbein bis hin zu gebratenen Tauben ist alles da“, zählte sie grinsend auf.

    „Das können wir auch später essen“, meinte Nathalie und schielte selbst um die Ecke. „Seht ihr den Holzkasten auf dem Tisch neben den gefüllten Tomaten? Wie wäre es mit vier Flaschen Wein?“

    „So viel?“, hakte Astrid überrascht nach.

    „Was wollen wir denn zu viert mit einer Flasche?“, fragte Odette und war mit der Idee der Prinzessin sichtlich einverstanden.

    „Zwei würden auch reichen“, wandte Sonia ein, aber wurde nur von Nathalie und Odette skeptisch angesehen. „Na schön, dann vier“, gab sie nach.

    „Auf mein Zeichen sausen wir an dem Kasten vorbei und jeder nimmt sich eine Flasche. Danach geht es direkt aus dem Boteneingangin den Hof und dann in den Garten“, erklärte Nathalie ihren Plan.

    „Welches Zeichen?“, hinterfragte Astrid, aber ehe sie eine Antwort bekommen hatte, marschierte Nathalie los. Das war vermutlich das Zeichen.

    An brennenden Öfen und herumhängendem Kochwerkzeug vorbei, bahnten sich die vier Frauen zu dem Holzkasten hindurch. Der Dampf der kochenden Töpfe mit Wasser umhüllte sie unterdessen, sodass sie für Eduard nicht umgehend zu sehen waren. Jede der jungen Frauen ergriff im Vorbeigehen eine der aufgestapelten Flaschen, nur Astrid zögerte, als sie als letzte an der Reihe war. Nathalie und der Rest befanden sich schon am Ausgang, als sie das Fehlen der Zofe bemerkten und drehten sich alle zeitgleich um.

    „Jetzt mach schon!“, forderte Odette so leise sie konnte, aber zu spät.

    Ein lauter Ruf ging durch die Küche, nachdem Eduard die kleine Gruppe entdeckt hatte. Der korpulente Koch mit der Halbglatze forderte die Frauen auf, umgehend die Flaschen in Ruhe zu lassen. „Der Wein ist nur für die Männer gedacht!“, schrie er.

    Astrid ergriff nun doch eilig eine Flasche und eilte zum Boteneingang.

    „Die trinken genug!“, krakeelte Odette während sie sich von der Tür entfernte.

    Eduard schickte zwei Küchenjungen den Frauen nach, um die Flaschen zurückzuholen, aber diese verfolgten die Gruppe nur mit mäßiger Mühe, bis sie nach wenigen Metern aufgaben.

    Die Zofen rannten indes so schnell, dass sich ihre Hauben von den Köpfen lösten, und auch Nathalies sorgfältig gestaltete Hochsteckfrisur verwehrte ihren Dienst. Das brünette Haar der Prinzessin löste sich und peitschte ihr unkontrolliert über das Gesicht. Lachend und mit angehobenem Saum ihrer Kleider bogen sie in den Schlossgarten ein. Der Kies unter ihren Füßen war rutschig, aber die Aussicht mit der Beute davonzukommen, ließ sie alle Vorsicht vergessen.

    „Guten Morgen, Euer Hoheit“, stieß Astrid urplötzlich aus und kam vor Königin Marlen zum Stehen.

    Die restliche Gruppe musste umgehend anhalten, um nicht in Astrid hinein zu rennen.

    „Guten Morgen, Fräulein Astrid“, erwiderte die Königin, und die restlichen jungen Frauen schluckten trocken.

  • Oh, Jenna fängt gerade zu dem Zeitpunkt an was Neues zu schreiben, wo ich versuche mich aus meiner Gruft zu erheben 8o Welch Glückes Geschick ^^

    Es ist vermutlich in das Subgenre "Abenteuer" einzugliedern, obwohl auch ein bisschen Humor, Drama ect. drin sein wird. Ohne Humor geht leider bei mir selten - zumindest wenn es sich anbietet.

    Das will ich doch stark hoffen! Ich erinnere mich an so viele schöne Momente in deinen Geschichten - allen voran an einen riesigen Stinkefinger aus Eis, der einem Gargoyle in die Fresse geklatscht wurde :rofl:

    „Welches Zeichen?“, hinterfragte Astrid, aber ehe sie eine Antwort bekommen hatte, marschierte Nathalie los. Das war vermutlich das Zeichen.

    Stumpf ist Trumpf :rofl:


    Schöner Kontrast zwischen epischen high Fantasy Prolog und der verspielten Atmosphäre am Königshof mit der Prinzessin und den Zofen :) Liest sich wie immer top. Kopfkino da, Lesefluss da, Abwechslung im Stil da.

    Ich freue mich auf mehr und hoffe einfach deinem Output zeitlich irgendwie hinterherzukommen :fox:

  • Ich kann mich Alo nur anschließen. Ich stelle beim Lesen fest, dass mir dein Stil trotz meiner langer Abwesenheit so vertraut ist, dass ich einen Text von dir auch erkennen würde, wenn er anonym daherkäme. Genauso vertraut wird dir sein, dass ich ne Kleinigkeit zu meckern finde, sonst wäre es nicht ich :D

    Das brünette Haar der Prinzessin löste sich und peitschte ihr ungehalten über das Gesicht.

    "ungehalten" ist ein anderes Wort für "verärgert" - auch, wenn du es hier sehr wörtlich genommen hast, hat es mich am Anfang etwas irritiert.

    Ansonsten: :thumbsup: :stick: Nachschub, bitte!

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Jennagon Ich mag es wie du nach dem hook am Anfang übergehst zur normalen Lebenssituation der Protagonistin, bevor was auch immer passieren mag wohl passieren wird... Der Aufbau, den ich persönlich bei Büchern am liebsten mag.

    Außerdem mag ich es wie du einige Dinge sehr schön nebenbei erklärst, während der Leser immer noch mitten in der Szene steckt. Bin gespannt wie es weitergeht. :)

  • Nachdem ich ja auch schon mal versucht habe, eine Geschichte über eine Prinzessin zu schreiben (die mir nicht richtig gelungen ist, weshalb sie erstmal in der Versenkung schmort), finde ich dein Thema und auch die Umsetzung sehr gelungen und bleibe gerne mal dran.

    Der Prolog war nicht so direkt etwas für meinen Geschmack, weil eher so ein allgemeines Schlachtfeld beschrieben wurde und keine Person, mit der ich mitgehen konnte. Auch wenn der personifizierte Krieg es zugegeben interessant gemacht hat.

    Aber der Part mit der Prinzessin und ihren Zofen ist wirklich gut, und er bekommt durch den Prolog auch einen Hintergrund und eine gewisse Erwartungshaltung.

    Die Art, wie die Prinzessin und die Zofen miteinander umgehen, ist so nett und ungezwungen und das habe ich gerne gelesen.

    Nathalie besaß einen ganzen Flügel für sich, da der König und die Königin keine weiteren Kinder besaßen.

    Dass Nathalie einen Flügel besitzt, ist okay, aber für die Kinder würde ich ein anderes Verb wählen.


    Eduard schickte zwei Küchenjungen den Frauen nach, um die Flaschen zurückzuholen, aber diese verfolgten die Gruppe nur mit mäßiger Mühe, bis jene nach wenigen Metern aufgaben.

    "diese" bezieht sich auf die Küchenjungen, aber mit "jene" ist streng grammatikalisch jemand anders weiter weg gemeint, in dem Fall würde sich das auf "die Gruppe" beziehen, also die Zofen. Das hast du vermutlich nicht so gemeint

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin *

    • Offizieller Beitrag

    Danke erstmal an alle für eure Anmerkungen und Kommentare. Ich habe alles übernommen und ausgebessert. :D

    "ungehalten" ist ein anderes Wort für "verärgert" - auch, wenn du es hier sehr wörtlich genommen hast, hat es mich am Anfang etwas irritiert.

    Da hast du vollkommen recht. Ich meinte auch "unkontrolliert" xD Habe es ersetzt. :patsch:

    Oh, Jenna fängt gerade zu dem Zeitpunkt an was Neues zu schreiben, wo ich versuche mich aus meiner Gruft zu erheben 8o Welch Glückes Geschick

    Ja, schon ... merkwürdig, was?! xD Du bist da, melli ist hier ... the good old days ...

    Schöner Kontrast zwischen epischen high Fantasy Prolog und der verspielten Atmosphäre am Königshof mit der Prinzessin und den Zofen :) Liest sich wie immer top. Kopfkino da, Lesefluss da, Abwechslung im Stil da.

    Das freut mich und ist auch das Wichtigste. :D

    Ich freue mich auf mehr und hoffe einfach deinem Output zeitlich irgendwie hinterherzukommen :fox:

    Keine Sorge, mein Output ist nicht mehr so wie früher. :rofl:

    Ich kann mich Alo nur anschließen. Ich stelle beim Lesen fest, dass mir dein Stil trotz meiner langer Abwesenheit so vertraut ist, dass ich einen Text von dir auch erkennen würde, wenn er anonym daherkäme. Genauso vertraut wird dir sein, dass ich ne Kleinigkeit zu meckern finde, sonst wäre es nicht ich

    Damit kann ich vollkommen leben XD Und gut, dass mein Stil eine Konstante ist. Darum gehts ja irgendwie :sekt:

    Außerdem mag ich es wie du einige Dinge sehr schön nebenbei erklärst, während der Leser immer noch mitten in der Szene steckt. Bin gespannt wie es weitergeht.

    Danke :D Und ja, ich versuche immer, Informationen so zu platzieren, dass sie mit dem Geschehen auch selbst zu tun haben. Meine Erfahrung ist dahingehend, dass sich die meisten Leser so die Informationen auch besser merken können. Wie unbewusste Eselsbrücken. :D

    Der Prolog war nicht so direkt etwas für meinen Geschmack, weil eher so ein allgemeines Schlachtfeld beschrieben wurde und keine Person, mit der ich mitgehen konnte. Auch wenn der personifizierte Krieg es zugegeben interessant gemacht hat.

    Ja, diese Draufsicht habe ich absichtlich gewählt, weil es vielleicht so in einem der Bücher innerhalb der Geschichte erzählt werden würde. Wie das am Anfang bei den Zofen. Warum, erfährt man :D

    Deine Anmerkungen habe ich ausgebessert. ^^



    So und weiter ... :blush:



    Die Königin stand mit dem Rücken zur Sonne. Nathalie fiel gleich auf, wie sehr das hochgesteckte Haar ihrer Mutter von dieser beschienen wurde. Das dunkelbraune Haar leuchtete golden und kupfern. Als stünde die Sonnengöttin persönlich vor ihnen. Ihr beinah weißes Kleid untermauerte diesen Eindruck umso mehr. Nathalie machte sich keine falschen Hoffnungen, irgendwann ebenso erhaben durch irgendwelche Gärten zu wandern. Dazu besaß sie ein vollkommen anderes Gemüt. Zudem sah sie nie lange genug so ordentlich gekleidet aus.

    Musternd betrachtete die Königin die Hände aller und lächelte spitzbübisch. „Ihr wisst, dass der Wein von den Hängen Efrenheims nur für die Männer gedacht ist“, wies sie auf den alten Brauch hin und betrachtete dann abschätzig ihre Tochter.

    Natürlich wusste das Nathalie nur zu gut, aber auf das Entwenden von ein paar Flaschen stand nicht die Todesstrafe. Ihr Vater war noch nicht mit den Gästen heimgekehrt, und Eduard, so ernst wie er war, hatte die Prinzessin und ihr Gefolge noch nie verraten. Vermutlich befürchtete er, dass er selbst bestraft werden würde. Immerhin war er für die Küche verantwortlich und scheiterte regelmäßig an ein paar jungen Frauen.

    Nathalie trat aus der Reihe ihrer Zofen heraus und nickte. „Es sind doch bloß vier Flaschen. Eine für jede von uns. Bei den Männern ist es umgedreht. Von ihnen trinkt sicherlich jeder vier.“

    „Mindestens“, ergänzte die Königin lachend und dachte sichtlich nach. „Geht schon.“

    „Wirklich?“, versicherte sich Nathalie. Sie wusste, ihre Mutter war gütig und mild, aber diese Worte verwunderten sie. Lag es vielleicht am Fest?

    „Ja, wirklich. Vergnügt euch heute ruhig etwas.“

    Nathalie fiel auf, dass ihre Mutter ehrlich lächelte, aber dass das Lächeln nicht ihre Augen erreichte. Sie ahnte, woran es lag, aber sprach es nicht aus. Sie wollte die Stimmung nicht trüben. Das sollte der Tag sicherlich von alleine schaffen.

    Die Zofen gingen zögerlich weiter. Keine von ihnen traute der Ruhe, während Nathalie ihre Mutter noch einmal ansah.

    „Jetzt macht schon!“, wiederholte die Königin eindringlich.

    Die jungen Frauen bogen um eine mannshohe Hecke, wodurch sich der Blick auf die Königin verlor.

    Nathalie bekam das Gefühl, dass auch ihre Zofen bemerkt hatten, dass irgendetwas im Blick der Königin anders gewesen war. Die Prinzessin ahnte, dass es ebenso wie sie, keiner aussprach, weil es niemand aussprechen musste.

    „Vielleicht liegt es an den ganzen Vorbereitungen“, meinte Astrid schließlich. „Die Königin ist für das Fest verantwortlich, und wenn es einem der hohen Gäste nicht gefällt, erntet sie den Spott und Ärger.“

    „Du weißt genau, woran es liegt. Zudem glaube ich kaum, dass sich jemand in König Eckberts Gegenwart getraut, schlecht über das Sommernachtfest zu sprechen“, erwiderte Odette und versuchte, Herrin über ihre blonden Locken zu werden.

    „Wisst Ihr denn mittlerweile, wer alles am Fest teilnimmt?“, wollte Sonia wissen und lenkte so geschickt den Fokus auf das Fest selbst.

    Die kleine Gruppe setzte sich unter einen Baum im Garten, damit die Sonne nicht in voller Pracht auf die Frauen hinunter schien. Sie alle zogen mit ihren Zähnen den Korken aus ihren Flaschen und stießen an. Nachdem jede von ihnen einen Schluck getrunken hatte, schauten sie Nathalie erwartungsvoll an und erhofften sich eine Antwort.

    „Nein, nicht wirklich“, erwiderte Nathalie und nahm gleichauf einen weiteren Schluck aus der Flasche. „Ich habe gehört, dass Zimmer für Gäste aus Bärenfels hergerichtet werden. Genauso wie für Ulmenthal.“

    „Bärenfels?“, wiederholte Astrid. „Glaubt Ihr, König Bram kommt auch?“

    „Wohl eher sein Sohn!“, frotzelte Odette. „Er soll hochgewachsen und sehr beliebt bei den Frauen sein.“

    „Odette ...“, erwiderte Astrid lachend.

    Nathalie zuckte mit ihren Schultern. „Ich weiß es nicht.“

    Ein bitteres Schweigen legte sich über die Gruppe. Jede der Frauen schien zu überlegen, was sie sagen sollte. Das schien angesichts der Zukunft nicht einfach.

    „Oh, bitte. Wir wissen doch alle, dass so ziemlich jeder junge Mann hier auftauchen wird, der irgendwie von Bedeutung ist. Warum tun wir so, als wüssten wir das nicht?“, durchbrach Odette die Stille. „Wir sollten aus diesem Grund erstrecht feiern.“

    „In wenigen Tagen wird man uns trennen“, ergänzte Sonia und schaute betrübt auf ihre Flasche hinunter, ehe sie von ihr trank.

    Nathalie überlegte. „Aber das heißt nicht, dass wir uns nicht mehr wiedersehen werden. Eure Familien werden euch nach mir verheiraten. Es wird etliche Feste und Anlässe geben, an denen wir uns wiedersehen.“

    „Das ist wahr. Und wir können uns täglich schreiben“, stimmte Astrid freudig zu. „Allerdings waren wir seit über zehn Winter nicht getrennt. Es wird ... seltsam sein.“

    „Ich werde verheiratet, ich sterbe nicht“, fügte Nathalie hinzu und hielt ihren Zofen, nein, vielmehr Schwestern, die Flasche entgegen. „Darauf, dass uns auch in der Zukunft nichts wirklich trennen kann.“

    „Weder die Zeit noch die Ehemänner!“, ergänzte Odette und lachte.

    Laut klirrend, prallten die Weinflaschen aneinander, und kurz darauf stand Odette auf und zog sich die Schuhe von den Füßen. „Lasst uns von der Klippe springen!“, schlug sie vor.

    „Jetzt? Heute?“, fragte Astrid überrascht.

    „Warum nicht?“, wollte Nathalie wissen und zog sich ebenfalls die Schuhe aus. Sonia zuckte mit ihren Schultern. „Es könnte das letzte Mal sein?“

    Astrid rollte mit ihren Augen. „Na schön, aber nicht lange. Ich habe Höhenangst, das wisst ihr.“

    Die jungen Frauen ließen prompt die leeren Flaschen an Ort und Stelle zurück. Barfüßig rannten sie einen grasbewachsenen Hügel hinunter, der an einer brusthohen Mauer endete.

    Nathalie bestieg sie zuerst und schloss die Augen. Für dieses Spiel, was sie bereits seit ihrer Kindheit betrieben, brauchte sie nicht viel Konzentration. Geboren mit Fähigkeiten, die viele nicht besaßen, verstärkte sie lediglich den Wind, der ohnehin gegen die Felsen unterhalb der Mauer prallte. Nathalie lächelte, nachdem der auftreibende Wind so stark geworden war, wie sie es brauchte. Mit ausgebreiteten Armen sprang sie voraus und wurde vom Wind hoch in die Luft befördert. Odette stieg umgehend hinterher und warf sich todesmutig in Tiefen. Danach Sonia und zuletzt Astrid. Schwebend, wie Vögel, verweilten die jungen Frauen im Wind und breiteten allesamt ihre Arme aus, um sich an den Händen fassen zu können.

    „Höher!“, schrie Odette, während ihre blonden Locken ihr die Sicht nahmen.

    „Nicht höher!“, widersprach Astrid.

    Nathalie grinste. „Was sagt Ihr, Fräulein Sonia?“

    „Ich glaube, aus mir spricht der Wein ... Höher!“, schrie Sonia und lachte.

    Noch einmal verstärkte Nathalie den Wind, sodass es sich für alle anfühlte, mit der weit entfernten Gebirgskette auf Augenhöhe zu sein. Geschrei und Jubel schwängerten die Luft, während Astrid um Gnade winselte.

    Doch urplötzlich erklangen die Fanfaren aus der Ferne. Das hieß, dass König Eckbert nach Hause kam.

    Nathalie verpasste der Gruppe einen windigen Stoß, sodass sie über die Mauer hinweg, zum Hügel schwebten. Alle landeten sicher auf ihren Füßen und sahen sich gegenseitig an. Sie lachten erneut, als ihnen auffiel, wie zerzaust sie alle aussahen. Selbst Sonias sonst so glattes schwarzes Haar stand wüst von ihrem Kopf ab.

    „Es ist soweit!“, sagte Astrid und richtete sich derweil ihre Kleidung. „Wir sollten uns herrichten und dann die Gäste begrüßen.“

    „Herrichten? Seid Ihr nicht neugierig?“, wollte Nathalie wissen und lief zurück zu ihren Schuhen. Die anderen folgten ihr und zogen sich wie sie, ihre Schuhe wieder an die Füße.

    „Schon, nur wir sehen nicht gerade sehr ... ordentlich aus“, erwiderte Astrid und versuchte, sich ihre Haube aufzuziehen, die wie eine Kapuze in ihrem Nacken verweilt hatte.

    Odette schien ihre im Wind verloren zu haben, denn sie fand sie nicht.

    „Wir schauen uns an, wer anreist und machen uns danach zurecht“, erwiderte Nathalie, die voller Ungeduld war. Immerhin handelte es sich bei den Gästen nicht um einfache Besucher. Sie wollte einen Blick auf die Männer werfen, die an dem morgigen Turnier um ihre Hand kämpfen würden.

  • Ja, schon ... merkwürdig, was?! xD Du bist da, melli ist hier ... the good old days ...

    Das Trio Infernale :D ja, das waren gute Zeiten

    „Ich werde verheiratet, ich sterbe nicht“,

    Das kommt ganz auf die folgende Ehe an, würde ich sagen 😅 ich vermute, sie wird ihren Gemahl erstmal nicht ausstehen können xD

    Geschrei und Jubel schwängerten die Luft, während Astrid um Gnade winselte.

    I feel you, Astrid 😅


    Wieder ein schöner Part. Dieser hat was von einem letzten melancholischen Treffen, wo alle noch mal die Gemeinschaft feiern, und doch spüren, dass jetzt eine Veränderung ansteht, von der man nicht so recht weiß, ob man die begrüßen soll oder nicht. Sehr stimmungsvoll geschrieben :thumpsup:

    • Offizieller Beitrag

    Wieder ein schöner Part. Dieser hat was von einem letzten melancholischen Treffen, wo alle noch mal die Gemeinschaft feiern, und doch spüren, dass jetzt eine Veränderung ansteht, von der man nicht so recht weiß, ob man die begrüßen soll oder nicht. Sehr stimmungsvoll geschrieben :thumpsup:

    Ich danke dir. xD Und ja, so sollte das rüberkommen. :D

    Das kommt ganz auf die folgende Ehe an, würde ich sagen 😅 ich vermute, sie wird ihren Gemahl erstmal nicht ausstehen können xD

    Das bleibt wohl abzuwarten. :sarcastic: Aber gib demjenigen ne Chance :rofl:



    So, dann mal weiter im Text. Vermutlich der letzte Teil bis nächste Woche :thumbsup: Wochenende ist immer einiges los.



    Nathalie eilte voraus. Nachdem sie den Schlossgarten verlassen hatte, durchschritt sie den großen Hof. An der hohen Mauer entlang, befanden sich unzählige Ställe, eine Schmiede und hölzerne Unterstände. Etwas entfernt konnte sie bereits sehen, wie der König und seine Gäste das riesige Tor passierten. Kutschen, von einem Doppelgespann gezogen, folgten. Ebenso Karren mit dem Gefolge der Gäste. Nathalie bekam den Eindruck, dass der Einzug der Gäste gar kein Ende nahm.

    „Das sind viele“, stellte auch Astrid fest, die völlig außer Puste neben Nathalie stehen blieb.

    „Ich sehe ein Banner mit einem Bären und ein Banner mit einer ... Eule“, sagte Odette und zeigte mit dem Finger abwechselnd auf beide.

    „Ich sehe ein Banner mit einem Habicht“, ergänzte Sonia. „Das ist wohl Ulmenthal.“

    „Bärenfels und Eichenhain“, nuschelte Nathalie.

    „Das heißt wohl, König Bram hat tatsächlich seinen Sohn geschickt. Wie hieß er gleich? Es war ein Name mit ‚U‘, glaube ich.“ Odette runzelte ihre Stirn, während sie nachdachte.

    „Uli?“, fragte Sonia, ohne nachzudenken.

    „Uli?“, empörte sich Astrid. „Welcher König nennt denn seinen Sohn Uli? Prinz Uli von Bärenfels.“

    „Uther ...“, korrigierte Nathalie geistesabwesend. Sie kannte alle Prinzen mit Vornamen. Es wäre auch unhöflich gewesen, sie nicht zu kennen. Allerdings ging sie davon aus, dass laut den Wappen ebenso Prinz Iven von Ulmenthal und Prinz Thorben von Eichenhain anwesend waren. Das sollte eine interessante Mischung werden. Sie vermochte nicht zu sagen, wer der heimliche Favorit des morgigen Turniers sein könnte. Sicherlich spekulierte das Gefolge bereits großzügig darüber.

    „Ach du meine Güte“, stieß Odette mit hoher Stimme aus. „Sieh dir mal diesen Bär von Mann an.“ Die Zofe rüttelte wild an Nathalies Arm und zeigte auf einen Reiter, der gerade von einem braunen Pferd abstieg. Er überragte die restlichen Herren um knapp einen halben Kopf. Da er keine Rüstung trug, konnten die jungen Frauen ihn gut erkennen. Sein dunkelblondes Haar war stramm durch mehrere Zöpfe am Kopf entlang geflochten und die Zöpfe vereinigten sich ab dem Nacken zu einem dicken. Seine Statur erweckte den Eindruck, als könnte er mit bloßen Händen ganze Bäume entwurzeln. Trotzdem wirkte er nicht verwildert. Sein Gesicht schien säuberlich rasiert zu sein, und seine Kleidung war eines Prinzen würdig. Samtweiß und mit einem nahezu echt aussehenden Habicht auf der Brust.

    „Ich glaube, wir kennen unseren Gewinner“, stellte Astrid lachend fest.

    Nathalie rang diese Feststellung lediglich ein Lächeln ab. Immerhin ging es um die Männer, von denen sie einen heiraten sollte. Es war ein merkwürdiges Gefühl, sie jetzt leibhaftig vor sich zu sehen. Sie hatte die Prinzen seit ihrer Kindheit nicht mehr zu Gesicht bekommen. Früher hatte sie der König immer zu den Festen mitgenommen, aber je älter Nathalie wurde, desto weniger hatte sie die Sonnenbergfeste verlassen. Ihr Vater erklärte ihr, dass es ihrem Schutz diente. Auch, um ungewollte Gerüchte – oder unangebrachte Vorkommnisse – zu vermeiden. Nathalie war irgendwann alt genug gewesen, um zu verstehen, was er meinte. Es wäre nicht von Vorteil gewesen, wenn sie einen Favoriten gehabt hätte. Und wenn sich die Prinzen auf der Sonnenbergfeste befanden, hatten Nathalies Zofen dafür Sorge zu tragen, dass sie ihren Flügel nicht verließ. So blieb den jungen Frauen immer nur der flüchtige Blick aus einem der Fenster. Aber Nathalie bedauerte das nicht. Ihre Mutter war ähnlich aufgezogen worden und damals hatte ihr Vater das Turnier gewonnen – zur Schande König Brams. Jeder hatte damals darauf Wetten abgeschlossen, dass er das Turnier gewinnen würde, da er der Sohn des Helden von Efrenheim war. Aber diesen Sieg konnte Bärenfels nicht erringen. Nathalie erinnerte sich dabei gerne an die Worte ihrer Großmutter, der Mutter ihres Vaters. Immer, wenn sie Nathalie diese Geschichte erzählt hatte, meinte sie, dass Heldentaten sich nicht vererben lassen, aber ebenso wenig Schandtaten. Das Letztere bedeutete, dass niemand Königin Marlen nachtrug, dass ihr Vater, Nathalies Großvater, der Krieg gewesen war. Jedoch war es zur damaligen Zeit vermutlich von Vorteil gewesen, dass Königin Marlen keine magischen Fähigkeiten besaß. Anders als Nathalie, die mit den Fähigkeiten ihres Großvaters geboren worden war.

    „Ich sehe Prinz Uther und Prinz Thorben“, sprach Astrid, und riss Nathalie aus ihren Gedanken.

    Nathalie folgte dem Blick ihrer Zofe und erkannte einen Reiter, der vollständig von einer geschwärzten Rüstung eingehüllt war. Auf dem Brustpanzer war ein goldener Bärenkopf zu erkennen, was den Reiter zumindest aus Bärenfels kommen ließ. Ob es sich bei ihm wirklich um Prinz Uther handelte, stand nicht auf der Rüstung geschrieben. Allerdings erkannte sie Prinz Thorben sofort. Er war seit ihrem letzten Aufeinandertreffen nicht wirklich gewachsen und stand neben Prinz Iven. Dadurch wirkte der Prinz aus Eichenhain beinahe winzig, wobei sein Körperumfang ihn zumindest nicht mädchenhaft aussehen ließ. Er war überaus gut genährt. Nathalie fand aber nicht, dass ihn das irgendwie unansehnlich machte. Es verlieh dem Prinzen vielmehr etwas Sympathisches, und seine sepiafarbene Haut zudem etwas Warmes.

    Abgelenkt von Prinz Iven und Prinz Thorben, merkten die Frauen nicht, dass der Reiter mit der geschwärzten Rüstung auf sie zuhielt.

    „Tretet beiseite!“, erklang es gedämpft unter dem Helm, und erschrocken wandten sich die Zofen und die Prinzessin um.

    Der Rappe trat ungeduldig auf der Stelle, während die jungen Frauen den Weg zu den Ställen versperrten.

    „Entschuldigt“, stieß Astrid beschwichtigend aus und zog Nathalie sowie Odette zur Seite.

    Ohne weitere Worte ritt der Mann weiter, was Odette anscheinend unhöflich fand. „Hoheit? Wollt Ihr die Prinzessin nicht zumindest gebührend begrüßen?“, wandte sie vorlaut ein.

    Der augenscheinliche Prinz blieb stehen, drehte sich aber nicht herum. „Wenn die Prinzessin als solche begrüßt werden möchte, sollte sie auch als eine erkennbar sein!“, antwortete er und setzte seinen Weg fort.

    Die Zofen und die Prinzessin sahen sich gegenseitig mit hochgezogenen Augenbrauen an. Diese Antwort hatte wohl keine von ihnen erwartet.

    „Er hat recht“, meinte Astrid daraufhin. „Wir bekommen noch Ärger, wenn Ihr wie eine Schankmagd herumrennt. Euer beiges Kleid ist voller grüner Flecke.“

    „Wir sollten gehen!“, pflichtete Sonia bei.

    Nathalie sah Prinz Uther hinterher, der seinen Rappen selbst in den Stall brachte, anstatt das von den Stalljungen erledigen zu lassen. Dann wandte sie sich ihren Zofen zu. „Ja, ihr habt recht. Lasst uns gehen!“

    Eilig, und bevor König Eckbert noch seine Tochter entdeckte, liefen sie zurück in die Gemächer der Prinzessin, um sie zu waschen und neu einzukleiden.

    Nathalie saß in Gedanken versunken auf einem Stuhl vor einem Spiegel, während Sonia ihre Fingernägel säuberte, Odette die Haare bändigte und Astrid den Schmuck zurechtlegte.

    Nathalie versuchte, sich an die Prinzen zu erinnern. Die Erinnerungen an Prinz Thorben waren leichter als bei den anderen beiden zu finden. Er war gesellig gewesen, vor allem, da er auch magische Fähigkeiten besaß, aber welche waren Nathalie entfallen. Er hatte nichts dagegen gehabt, sich auch mit kleinen Mädchen zu unterhalten, während die anderen Prinzen damit beschäftigt waren, mit Holzschwertern durch die Gärten zu rennen.

    Die Prinzessin durchforstete ihre Gedanken. Als Nathalie ihr letztes Fest in Eichenhain besucht hatte, war sie zehn Winter alt gewesen. Zu dieser Zeit waren die meisten Prinzen, abgesehen von deren Geschwister, bereits Männer – oder galten als solche. Sie rannten nicht mehr durch die Gegend. Sie saßen und tranken.

    Nathalie konnte nicht sagen, welche der Erinnerung echt oder bloß ein alter Traum war. Sie glaubte, sich zu erinnern, dass Prinz Iven immer auf seine Größe angesprochen worden war. Dass andere Adlige seinen Vater, König Elfred, fragten, ob er bereits die Türen des Schlosses vergrößern ließ.

    Als Kind hatte sie die Erwachsenen um sich herum nicht immer beachtet.

    Nachdem das Gewicht auf ihrem Kopf zugenommen hatte, widmete sich Nathalie wieder der Gegenwart. Astrid hatte ihr die Krone aufgesetzt, um die herum Odette versuchte, das lange Haar zu frisieren.

    „Könnt ihr euch noch an die Prinzen erinnern?“, fragte Nathalie schließlich, denn immerhin waren ihre Zofen bei einigen Festen dabei gewesen.

    „Prinz Iven hielt ich früher von hinten für eine Frau in Hosen“, gestand Odette und lachte. „Das würde mir heute nicht mehr passieren.“

    „Hat Prinz Thorben nicht mal eine übellaunige Schlosswache dazu gebracht, uns alle mit Kuchen und Gebäck zu versorgen?“, fragte Astrid.

    Nathalie riss ihre Augen auf. „Das ist wahr!“, stimmte sie zu. „Er ist ein Geistmagier, das hatte ich vollkommen vergessen.“

    „Ich weiß noch, dass ich das unheimlich fand“, gestand Sonia und ihr fuhr sichtlich ein kalter Schauder über den Rücken. „Ein Magier, der Menschen dazu bringen kann, Dinge zu tun.“

    „Geistmagier können nicht wahllos jeden Geist beeinflussen“, erklärte Nathalie und versuchte, ihre Zofe zu beruhigen. „Das funktioniert nur, wenn der Geist geschwächt ist oder es zulässt. Und sie können ebenso verstärken oder abschwächen, was bereits da ist.“

    „Stimmt, die übellaunige Wache war vollkommen betrunken, bevor Prinz Thorben sie beeinflusste“, erinnerte sich Astrid weiter.

    „Und Prinz Uther?“, hakte Nathalie nach. „Erinnert sich irgendwer an Prinz Uther?“

    Zuerst schwiegen die Zofen, aber dann räusperte sich Astrid. „I... Ich bin mir nicht sicher, aber ... war er es nicht, der uns allesamt in einen Zierbrunnen auf Schloss Bärenfels geworfen hat?“

    Nathalie sah in den Spiegel und dachte nach. Diese Erinnerung war mehr als vernebelt. Das musste der erste Sommer gewesen sein, den die jungen Frauen miteinander verbracht hatten. Schlussendlich zuckte Nathalie mit ihren Schultern. Sie konnte sich nicht mehr erinnern. Das war auch eigentlich alles nicht mehr wichtig. Sie würde jeden einzelnen Prinzen kennenlernen und sich so ein Bild von ihnen machen können.

    „Fertig“, verkündete Odette und begutachtete noch einmal ihr Werk.

  • Schöne Teile und angenehm flüssig zu lesen, Kopfkino rattert mit. Wenn ich eine ganze Flasche Wein leeren würde, wäre bei mir übrigens mehr in Unordnung als nur die Frisur. Deine Mädels scheinen recht trinkfest zu sein. Ich hätte mich wahrscheinlich an Uthers Pferd festhalten müssen und ihm vor die Hufe gekotzt oder so :rofl:

    „Erinnert sich irgendwer an Prinz Uther?“

    Zuerst schwiegen die Zofen, aber dann räusperte sich Astrid. „I... Ich bin mir nicht sicher, aber ... war er es nicht, der uns allesamt in einen Zierbrunnen auf Schloss Bärenfels geworfen hat?“

    Das klingt doch wie der Beginn einer langen und glücklichen Beziehung. :sekt:

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

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    Wenn ich eine ganze Flasche Wein leeren würde, wäre bei mir übrigens mehr in Unordnung als nur die Frisur. Deine Mädels scheinen recht trinkfest zu sein. Ich hätte mich wahrscheinlich an Uthers Pferd festhalten müssen und ihm vor die Hufe gekotzt oder so

    Also mit 18 hätte ich die auch noch weggeatmet, aber heute ... (Es sind keine Wein-Weinflaschen - eher so Mauerertod-Bierflaschen 0,5l ;) Darauf gehe ich aber beim Fest genauer ein ;) ) Wenn mich die Kopfschmerzen nicht killen, dann das Sodbrennen :rofl: Was das Festhalten und Kotzen angeht: DAS wäre ein super erster Eindruck gewesen.

  • Die Geschichte ist einfach wunderhübsch. Die Mädels sind so erfrischend unkokett und unprinzesslich! Obwohl es hier ja die übliche Einleitung ist, Prinzessin soll über ihren Kopf hinweg verheiratet werden, bringst du alles so frisch und unvorhergesehen. Ja, ich tippe natürlich nach der sympathischen Vorstellung dieses Uther auch darauf, dass wir den noch näher kennen lernen werden und er vermutlich (hoffentlich) noch viel mehr abstoßende Seiten an sich hat, mit denen Nathalie dann gezwungen sein wird, sich anzufreunden. Oder auch nicht.

    Aber ich lasse mich gerne überraschen.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin *

  • Der schwarze Prinz Uther scheint bisher der unangenehmste zu sein xD aber ich kenne dich ja, solche Charaktere sind bei dir nie so wie man denkt, da steckt immer noch viel mehr dahinter. Dann bin ich mal auf das Turnier gespannt :fox:

    • Offizieller Beitrag

    Die Geschichte ist einfach wunderhübsch. Die Mädels sind so erfrischend unkokett und unprinzesslich! Obwohl es hier ja die übliche Einleitung ist, Prinzessin soll über ihren Kopf hinweg verheiratet werden, bringst du alles so frisch und unvorhergesehen.

    Ich danke dir, Kirisha Ich versuche mir vorzustellen, wie junge Frauen vielleicht auch "damals" waren. Immerhin sagte niemand, dass man früher nicht auch schon gelästert oder sich gewissen Regeln widersetzt hat. :rofl: Ich halte diese romantische Vorstellung von immer gut erzogenen Töchter für ein Gerücht. :evilgrin:

    Gerade, wenn eine Horde Gleichaltriger aufeinander trifft.

    Ja, ich tippe natürlich nach der sympathischen Vorstellung dieses Uther auch darauf, dass wir den noch näher kennen lernen werden und er vermutlich (hoffentlich) noch viel mehr abstoßende Seiten an sich hat, mit denen Nathalie dann gezwungen sein wird, sich anzufreunden. Oder auch nicht.

    Aber ich lasse mich gerne überraschen.

    Seid nicht so streng mit ihm :rofl: Nur, weil jemand zum Lachen in den Kerker geht, heißt das nicht, dass er nicht auch freundlich sein kann :whistling: Bleibt wohl abzuwarten, wie der so drauf ist. :rofl:

    Der schwarze Prinz Uther scheint bisher der unangenehmste zu sein xD aber ich kenne dich ja, solche Charaktere sind bei dir nie so wie man denkt, da steckt immer noch viel mehr dahinter. Dann bin ich mal auf das Turnier gespannt

    Ja :rofl: Da hast du mich schon gut durchschaut. 8)



    Dann mal weiter, damit man auch mal Prinz Uther ... erliest. :phatgrin:



    Die goldene Krone thronte auf Nathalies Kopf und war mit unzähligen Edelsteinen bestückt. Diesmal würde Prinz Uther sie als Prinzessin erkennen, da waren sich alle sicher.

    Odette hatte Nathalies Haar, das sich um ihr Gesicht befand, nach hinten gesteckt, damit der Blick auf ihr Gesicht frei war. Das beigefarbene Kleid, das Nathalie trug, war allein für diesen Tag geschneidert worden. Die Wildblumenstickereien am Saum wiederholten sich am Brustteil oberhalb des Korsetts. Es sollte der Prinzessin etwas Mädchenhaftes verleihen – genauso wie ihr größtenteils offenes Haar. Das alles hatten die Zofen nicht aus Intuition getan, das war eine Anordnung von König Eckbert gewesen.

    Nachdem die Zofen mit Nathalie fertig waren, klopfte es an der Tür. Ein Kammerdiener verkündete ihnen, dass König Eckbert bereits seine Tochter im großen Sonnensaal erwartete.

    „Wir kommen sofort“, antworte Astrid hastig und schaute danach in die Runde. Sie hatten einige Zeit gebraucht, um Nathalie zu säubern; der Wein hatte sicherlich seinen Teil dazu beigetragen, dass sie nicht so schnell waren wie sonst.

    Kaum war der Kammerdiener verschwunden, rannten die Zofen in ihre Zimmer, um sich selbst saubere Kleider anzuziehen.

    Nathalie begann, in ihrem Zimmer lauthals zu lachen. Sie war nicht davon ausgegangen, dass dieser Tag ohne Hektik ablaufen würde. Dazu war er viel zu wichtig. Sie begab sich in den Flur und beschloss, außerhalb ihres Zimmers auf ihre Zofen zu warten. Nathalie atmete tief durch und ging unruhig den Gang auf und ab. Sie versuchte, ihre eigene Nervosität hinunterzuschlucken, aber gänzlich gelang ihr das nicht. In wenigen Augenblicken sollte sie neben ihren Eltern Platz nehmen und würde sicherlich von allen gemustert.

    Astrid war wie zu erwarten die Erste, die sich umgezogen hatte. Danach folgten Sonia und Odette. Odette stopfte ihre blonde Lockenmähne noch rasch unter ihre Haube, während sie sich in Richtung Sonnensaal begaben.

    Kurz bevor die Wachen die beiden großen Tore aufzogen, richteten die Zofen noch einmal Nathalies Körperhaltung. Gerader Rücken, Arme vor der Taille angewinkelt und die Hände ineinandergreifend. Alles besaß seine Ordnung – sogar das Eintreten in den Saal. Nathalie wollte ihren Zofen keine Schande machen und ließ die Prozedur einfach über sich ergehen. Dabei versuchte sie, die gerade Körperhaltung beizubehalten. Ihr Körper zog sich jedoch immer wieder zusammen, als könnte sie sich so kleinmachen und verstecken.

    Nachdem Astrid den Wachen zugenickt hatte, öffnete diese die Saaltore.

    Der riesige Saal, an dessen kuppelartige Decke eine große Sonne gemalt war, war voller Menschen. Tische und Bänke säumten den Bereich um die Mitte, sodass ein Gang frei war.

    Nathalie betrat den schmalen Flur zwischen all den Gästen und schaute nicht nach links oder rechts. Ihr Herz schlug ihr bis in den Kopf und sie wollte gar nicht sehen, wer sie alles ansah.

    „Langsamer ...“, flüsterte Astrid hinter Nathalie. „Ihr rennt viel zu sehr.“

    Nathalie schluckte trocken und versuchte, ihren Gang zu verlangsamen. Aber wer konnte es ihr verübeln, dass sie lieber zum Thron gerannt wäre?

    Das rettende Ufer, das Podest mit ihren Eltern, war in greifbarer Nähe. Der König und die Königin hatten sich bereits aufgerichtet, um ihre Tochter zu begrüßen.

    Sie trugen weiße Festtagskleider, auf deren Brust das Sonnenwappen prangte. Nathalie war absichtlich das Wappen nicht auf ihr Kleid genäht worden. So wurde symbolisiert, dass ab jetzt nicht feststand, welches Wappen sie in Zukunft tragen würde. Jedoch wurden die drei Kleider neben Nathalies Thron aufgestellt, von denen sie eines vor dem morgigen Sonnenuntergang tragen sollte. Diese hatten die Prinzen mitgebracht, und waren von den jeweiligen höfischen Schneidern angefertigt worden. Das Kleid aus Bärenfels war schwarz mit einem dunkelroten Saum. Natürlich trug dieses Kleid ein goldener Bärenkopf. Ulmenthal hatte ein weißes Kleid anfertigen lassen, auf dessen Brustteil der Habicht zu sehen war. Das Kleid aus Eichenhain war dagegen samtgrün und eine Eule befand sich oberhalb der Taille.

    Nathalie konnte nicht sagen, ob ihr ein Kleid besser als ein anderes gefiel. Sie alle hatten etwas Endgültiges. Da war es wohl egal, wie sie aussahen.

    König Eckbert reichte Nathalie die Hand, um ihr die Stufen hinauf zu helfen. „Geht es Euch gut?“, fragte er leise. „Ihr seht blass aus.“

    „Ich bin nur nervös“, antwortete Nathalie ehrlich und lächelte. „Ihr müsst Euch keine Sorgen machen.“

    König Eckbert erwiderte das Lächeln, küsste Nathalies Stirn und ließ sie ihre Mutter begrüßen.

    Königin Marlen strich ihrer Tochter sanft über ihre Wange und stieß ein leises Lachen aus. „Nicht Ihr solltet nervös sein. Vielmehr ist dieses Recht den Anwärtern vorbehalten.“

    Nathalie blieb vor ihrem Thron stehen und wandte ihren Blick zum ersten Mal den Gästen zu. Ihre Zofen blieben unterhalb des Podestes und hatten ihre Sitzplätze auf der Bank vor der Prinzessin. Das verstärkte Nathalies Gefühl, bald alleine zu sein. Trotzdem musste sie erhobenen Hauptes dastehen und durfte ihren Ängsten keinen Raum bieten. Am Hof ihres zukünftigen Ehemannes würden ihr neue Gesellschafterinnen an die Seite gestellt werden. Frauen adliger Abstammung, die sich bereits mit Geburten und Kindern auskannten.

    „Willkommen ... willkommen ...“, durchbrach König Eckberts erfreute Stimme die vorherrschende Stille. „Ich begrüße alle Gäste auch im Namen meiner Königin und meiner Tochter.“

    Ein Kammerdiener reichte dem König einen goldenen Becher, der sichtlich mit ausreichend Wein gefüllt war.

    „Welch schöneren Anlass gibt es für ein Fest, als jenen, sein einziges Kind einem würdigen Ehemann zu übergeben? Vor rund zwanzig Wintern gewann ich das Turnier, das wir in gleicher Art morgen stattfinden lassen ...“

    Nathalie verkniff sich ein leises Lachen, als sich ihr Vater in einer allumfassenden Rede verlor. Darüber, dass nicht nur Stärke, sondern auch Geschicklichkeit und ein eiserner Wille gefragt war. Zwischen drin fragte sie sich, ob sein Arm nicht anfing, wehzutun, da er ihn während der ganzen Ansprache hoch erhoben hielt.

    Nach einer Weile räusperte sich die Königin und lächelte ihren Gatten an.

    König Eckbert unterbrach sich, sah zu seiner Ehefrau und danach wieder in die Menge. „Wohl an ... Ich scheine den Hoheiten zu viel zu reden“, gab er lachend zu. „Dann möchte ich mich abschließend, bevor der Wein und das Bier noch schal wird, bei den angereisten Prinzen bedanken ...“

    König Eckbert machte mit Prinz Iven den Anfang, welcher sich erhob und den Toast mit einer leichten Verbeugung entgegennahm. Dann folgte Prinz Uther, den Nathalie noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Zumindest nicht ohne Rüstung.

    Auch Prinz Uther erhob sich in etwas Entfernung und sein Anblick sorgte dafür, dass Nathalie die Begrüßung von Prinz Thorben kaum mitbekam.

    Prinz Uther, der laut Odette ein gewisses Ansehen bei Frauen genoss, sah anders aus, als sie sich ihn vorgestellt hatte. Sein dunkelbraunes Haar trug er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, aber lediglich sein Haupthaar. Das an den Seiten war bis auf die Haut kahl rasiert. Hinzu kam die Augenklappe, die sein linkes Auge verdeckte. Eine Narbe schien sich darunter kreuzartig entlangzuziehen. Aber das war nicht die einzige Narbe in seinem Gesicht. Eine Sichelförmige befand sich auf seiner rechten Wange. Nathalie konnte nicht behaupten, dass er deswegen abscheulich aussah, aber wie ein Mann seines Standes wirkte er auch nicht.

    Nachdem König Eckbert die Begrüßungen abgeschlossen hatte, galt das Fest als eröffnet, und jeder sollte so viel essen und trinken, wie er konnte oder wollte.

    Nathalies Aufgabe war dabei, einfach nur dazusitzen. Noch immer sollte sie keinen Favoriten wählen, weswegen ihr Gespräche mit den Prinzen verboten waren. Erst bei den Festlichkeiten am nächsten Tag durfte sie tanzen und feiern. Natürlich war dabei ausschließlich dem Gewinner des Turniers vergönnt, mit seiner zukünftigen Frau zu tanzen.

    Jedoch durften Nathalies Zofen das Podest wieder betreten, die keinen Wimpernschlag verstreichen ließen, um das zu tun. Ihr Geschnatter überforderte Nathalie zunächst, aber es nahm ihr etwas die Aufregung.

    „Ich bin immer noch für Prinz Iven“, teilte Odette ganz unverblümt mit.

    „Ich schließe mich Odette an“, gab Sonia kleinlaut zu. „Prinz Thorben wirkt langweilig und Prinz Uther ...“

    „Der sieht aus, als sei er unter einen Pferdekarren geraten“, unterbrach Odette Sonia.

    „Nicht nur einmal“, fügte Astrid hinzu.

    Alle sahen Astrid erstaunt an. Hatten sie sich verhört?

    „Solche Worte von Euch?“, hinterfragte Nathalie.

    Astrid zuckte mit ihren Schultern. „Es ist bloß die Wahrheit. Gegen die habe ich nichts.“

    Nathalie atmete tief durch. „Wir sollten nicht an Äußerlichkeiten festmachen, wer sie sind. Sicherlich sind sie alle gütig und ihrem Volk wohlgesonnen. Immerhin müssen sie sich auch mit mir zufriedengeben. Und wer weiß, was sie über mich denken?“

    „Es ist traurig, dass Ihr nicht mit ihnen reden dürft“, gestand Astrid.

    „Unsere Hoheit nicht, aber wir“, warf Odette ein und grinste verschlagen.

  • „Prinz Thorben wirkt langweilig und Prinz Uther ...“

    „Der sieht aus, als sei er unter einen Pferdekarren geraten“, unterbrach Odette Sonia.

    „Nicht nur einmal“, fügte Astrid hinzu.

    :rofl:


    Ich bin mir nun ziemlich sicher, dass Prinz Uther auch gewinnen wird. Der sieht aus, als ob er nicht nur zu Hause im Graten Holzschwerter geschwungen, sondern in schon etwas heftigeren Auseinandersetzungen gekämpft hat. Ein Turnier sollte für ihn leicht zu gewinnen sein.

    Dann mal sehen, was die Zofen so über ihn herausfinden können :)

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    Alopex Lagopus Dein Zitat fällt wohl unter Läster-Schwestern. :rofl:

    Ich bin mir nun ziemlich sicher, dass Prinz Uther auch gewinnen wird. Der sieht aus, als ob er nicht nur zu Hause im Graten Holzschwerter geschwungen, sondern in schon etwas heftigeren Auseinandersetzungen gekämpft hat. Ein Turnier sollte für ihn leicht zu gewinnen sein.

    Dann mal sehen, was die Zofen so über ihn herausfinden können :)

    Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage, dass es vermutlich etwas anders läuft, als du dir das gerade denkst :rofl: Aber ja, Chancen hat er auf jedenfall.

    Ganz ehrlich, bei Prinz Iven muss ich ab und zu an Shrek 2 denken. :patsch: "Tragt Ihr Lipgloss?" "Kirschgeschmack, wollt Ihr probieren?" Und ja, ich weiß, Prinz Iven wird nicht selbstverliebt dargestellt, aber ... ich kann nichts für mein Hirn, dass das alle durch den Kakao zieht.





    Nathalie fiel es wie Schuppen von den Augen. Es gab drei Anwärter und sie besaß drei Zofen. Das passte gut zusammen.

    Natürlich meldete sich Odette umgehend freiwillig, Prinz Iven genauer zu befragen. Sonia bestand umgehend auf Prinz Thorben, sodass für Astrid nur Prinz Uther übrigblieb.

    Astrid rollte genervt mit ihren Augen. „Er wird mich nicht fressen“, sagte sie, aber es wirkte, als würde sie sich das mehr einreden wollen, als dass sie es selbst glaubte.

    „Dann geht!“, scheuchte Nathalie ihre Zofen ungeduldig, und die drei Frauen verteilten sich gleichauf im Sonnensaal.

    Nathalie saß geduldig da und wartete ab.

    Astrid fiel es sichtlich schwer, sich in die Nähe von Prinz Uther zu setzen, der sich nur wenig mit den Männern an seinem Tisch unterhielt. Auch die Weinflasche, die vor ihm stand, fand nur selten den Weg an seine Lippen. Vermutlich wollte er sich nicht betrinken, wenn er morgen kämpfen musste. Allerdings hätte die eine Flasche wohl kaum gereicht, irgendjemanden betrunken zu machen. In ihnen befand sich etwas mehr Wein, als die Diener in einen Becher füllen konnten. Es war ein Wiedererkennungszeichen für diese bestimmte Sorte, dass sie nicht in einem Fass mitten im Raum stand. Der Wein symbolisierte zudem das vergossene Blut im Tal von Efrenheim. So ziemlich jeder in diesem Saal hatte jemanden bei der Schlacht verloren, weswegen der Wein ausschließlich für die Männer war; jene waren immerhin dort gefallen und deshalb nur ihren Nachkommen vergönnt, den Wein zu trinken.

    „Es war ein kluger Zug, Eure Zofen zu den Prinzen zu schicken“, flüsterte Königin Marlen ihrer Tochter zu. „Aber bedenkt, dass das Bild, das sie von einer Person haben, nicht das Bild sein muss, dass Ihr haben werdet.“

    Nathalie lächelte. „Ich weiß“, antwortete sie, „aber für einen ersten Eindruck wird es reichen.“

    „Dann hättet Ihr auch mich fragen können“, wandte die Königin ein. „Immerhin kenne ich die Prinzen persönlich.“

    Nathalie starrte ihre Mutter an. Natürlich kannte sie die Prinzen. Ihr war es nicht verboten gewesen, allerhand Feste zu besuchen. „Und?“, fragte sie lauter als gewollt. „Welchen Eindruck machen sie auf Euch?“

    Die Königin lachte. „Das Einzige, das Ihr wissen müsst, ist, dass es keine falsche Wahl gibt. Sie alle besitzen ihre Vorzüge, aber auch ihre Nachteile. Prinz Thorben ist weise und geduldig, allerdings ist er wegen seiner magischen Fähigkeiten nie im Kampf ausgebildet worden. Militärische Strategien sind nicht sein Fachgebiet. Prinz Iven ist gütig und freundlich, aber auch etwas naiv. Er ruht sich sehr auf seiner körperlichen Überlegenheit aus. Prinz Uther ist still, er wirkt fast etwas streng, aber dafür ist er ein guter Anführer. Und damit habe ich schon mehr verraten, als ich sollte.“

    Nathalie wandte ihren Blick den Feiernden zu. Sonia lauschte sichtlich interessiert Prinz Thorbens Geschichten. Er schien den ganzen Tisch zu unterhalten, denn immer wieder schienen die Menschen zu lachen oder auf irgendetwas anzustoßen. Genaueres bekam die Prinzessin aber wegen der lauten Musik nicht mit. Prinz Iven widmete sich Odette. Anscheinend verstand er die Absicht der Zofe, denn immer wieder schauten beide zu Nathalie. Allzu naiv schien er dann doch nicht zu sein. Die arme Astrid hingegen pirschte sich an Prinz Uther heran, wie ein Wolf an ein Kaninchen. Zuerst saß sie sechs Sitzplätze rechts von ihm, nun waren es nur noch drei. Aber kaum stand einer der Männer auf, sodass Astrid nur noch zwei Sitzplätze entfernt war, richtete sich Prinz Uther auf, ging zu Astrid und flüsterte ihr etwas zu, ehe er aus dem Saal verschwand. Nicht nur Astrid schaute verwirrt drein. Auch Nathalie verstand nicht, was los war.

    Zögerlich stand Astrid auf und kehrte zur Prinzessin zurück.

    „Was hat er gesagt?“, wollte Nathalie umgehend wissen, und Astrid atmete tief ein.

    „Er meinte, dass wir unser kindisches Spiel bei ihm vergessen könnten“, antwortete Astrid kleinlaut.

    Nathalie zog überrascht ihre Brauen hoch. „I... Ich hörte bereits, dass er ... streng sein soll.“

    „Streng waren unsere Lehrer, aber selbst diese würden bei diesem Fest keine Miene ziehen, als hätte ihnen jemand ihre Bücher gestohlen.“

    „Sehr klug von Prinz Uther, sich bereits zurückzuziehen“, lallte König Eckbert, während er von den Gästen kurz abließ und zu seiner Familie kam. „Er will sicherlich ausgeruht sein, sobald das Turnier beginnt.“

    „Das sollte unsere Tochter auch sein“, antwortete die Königin und wandte sich ihrer Tochter zu. „Die morgige Feier wird sicherlich bis in die Morgenstunden andauern.“

    Nathalie sah sich um. Ihre Mutter hatte recht. Zudem saß sie ohnehin nur herum. Allerdings wollte sie ihren Zofen nicht verbieten, noch etwas auf dem Fest zu bleiben. Sie selbst konnte getrost zu Bett gehen. Deshalb schickte sie Astrid zu den anderen beiden, um ihnen mitteilen zu lassen, dass sie am nächsten Morgen alles hören wollte, was es zu den Prinzen zu erzählen gab. Danach begleitete lediglich Astrid die Prinzessin zurück zu ihren Gemächern und half ihr aus den Kleidern, bevor sie selbst zu Bett ging.


    Nathalie lag in ihrem Bett und starrte seit einer gefühlten Ewigkeit den Himmel dessen an. Egal, wie sie sich drehte oder hinlegte, sie konnte nicht einschlafen. Zu viel ging ihr im Kopf herum. Noch immer konnte sie die Musik aus dem Saal und die Gespräche hören, was dem Schlaf auch nicht förderlich war.

    Die Prinzessin rollte sich kraftlos aus ihrem Bett; vielleicht würde frische Luft helfen. Nathalie zog sich einen fliederfarbenen Mantel aus Tarlatan über und begab sich zu ihrem Balkon. Leise – damit es keine Zofe mitbekam – zog sie die beiden schweren Holztüren auf, um nach draußen zu gelangen.

    Die Nacht war schwül und es roch nach Regen. Tief sog Nathalie die Luft ein und erhoffte sich so, ruhiger zu werden. Der Blick auf den Schlossgarten und den entfernten Wald beruhigten sie zumindest. Bald würde ein Blick aus dem Fenster eine andere Landschaft zeigen, und sie hoffte, dass er nicht weniger schön war. Vielleicht auf einen kleinen Wald oder einen Teich. Hier oben in den Bergen gab es nur die Bäume, die von Gärtnern gepflanzt worden waren. Um große Wälder zu sehen, musste sie ins Tal. Die Sonnenbergfeste war auf einem Plateau errichtet worden, das viel Platz bot, aber wenig Vielfalt besaß. Das Schloss im Inneren der Festung war dafür noch nicht sonderlich alt. Nicht so alt wie die Mauern und Türme drum herum.

    Nathalie lehnte sich auf das steinerne Geländer und sah ein paar Glühwürmchen zu, die wirr vor ihr herumflogen. Auf den ersten Blick schien nichts diese Ruhe stören zu können, bis Nathalie aus der Ferne Stimmen wahrnahm. In der Dunkelheit des Schlossgartens schienen sich Männer zu unterhalten. Angestrengt lauschte sie den Stimmen, wovon eine lauter war als der Rest, aber erkennen konnte sie aus der Ferne nichts. Es war schlichtweg zu dunkel, und der Mond war von dicken Wolken verhangen. Kurz war sie versucht, nach den Wachen zu rufen, bis sie erkannte, dass die Männer lachten. Es schien sich um Übungskämpfe zu handeln. Denn die deutlichste Stimme korrigierte die Haltung und den Stand der anderen Anwesenden. Das war wohl auch eine gute Methode, um sich müde zu machen. Allerdings kam das für die Prinzessin nicht infrage. Sie musste sich mit dem Blick in die Ferne zufriedengeben.

    Eine ganze Weile hörte sie den Stimmen zu; hörte Holzschwerter aufeinanderprallen oder gelegentlich einen Ausstoß des Schmerzes, auf den meist Gelächter folgte.

    Irgendwann nahm der Wind zu und es wurde kühler. Nathalie zog den Mantel enger um sich, aber mit dem Wind kamen auch die ersten Regentropfen. Es wurde Zeit für sie, sich zurückzuziehen, da sie sich nicht erkälten wollte.

    Ebenso leise, wie sie die Holztüren geöffnet hatte, zog sie jene wieder hinter sich zu und ging ins Bett. Es dauerte nicht lange, da hörte Nathalie in etwas Entfernung bereits das erste Donnergrollen, aber der Regen schien wieder aufgehört zu haben. Vermutlich blieb das Gewitter irgendwo an den Bergen hängen und würde so für noch schwülere Luft sorgen.

    Nathalie hielt sich ihre rechte Hand vor ihr Gesicht; drehte und wendete sie, während winzige Blitze ihre Fingerspitzen berührten. Die Blitze kitzelten und sorgten für ein kribbelendes Gefühl in den Fingern. Die Luft war erfüllt von der Elektrizität, die sie durch das Gewitter heraufbeschwören konnte. Aber plötzlich ertönte ein dumpfer Knall, der Nathalie aufschrecken ließ. Ein Blitz verirrte sich nach oben und durchstach den mit Stoff bezogenen Himmel ihres Bettes. Erschrocken fuhr sie mit ihrer Hand zum Mund und betrachtete das leicht glimmende Loch über sich. Erst im zweiten Moment stand Nathalie eilig auf und ging sicher, dass sie nicht noch ihr Bett in Brand steckte.

    „Was war das?“, fragte sie sich selbst und war sich sicher, dass der Knall aus Richtung des Balkons gekommen war. Noch einmal öffnete sie vorsichtig beide Türen, sah hinaus, aber fand niemanden vor ... oder etwas. Die Stimmen in der Ferne waren verstummt; niemand befand sich im Garten oder unterhalb ihres Balkons. Hatte sie sich das nur eingebildet? War ein Vogel gegen ihre Tür geflogen? Nathalie schob es auf ihre Erschöpfung und Nervosität. Aber nachdem sie sich umgedreht hatte, erkannte sie, dass eine Wurfaxt in ihrer Holztür steckte. Diesmal setzte sie bereits zu einem ausgedehnten Schrei an, ehe von der Axt ein Blütenblatt zu Boden fiel. Kurz bevor sie losschreien wollte, stoppte Nathalie und ließ die eingesogene Atemluft lautlos wieder entweichen. Um sich herum sah sie noch zwei weitere Blütenblätter liegen. Skeptisch näherte sie sich der Wurfaxt und erkannte die Quelle der Blätter. Jemand hatte zwei blaufarbene Hyazinthen an die Axt gebunden.

    Nathalie band die beiden Blumen los und brauchte beide Hände, um die Axt danach aus dem Holz zu lösen. Noch einmal schaute sie sich um und verschwand dann rasch in ihrem Zimmer, bevor noch jemand mit Pfeilen auf sie schoss.

    Auf ihrem Bett sitzend, betrachtete sie beide Dinge. Sollte das eine romantische Geste sein? Wer warf denn mit Kriegswaffen nach einer Prinzessin, nicht wissend, ob sie noch einmal die Türen zum Balkon öffnete? Die Axt hätte ihr den Schädel spalten können. Kalt durchzuckte es Nathalie bei diesem Gedanken. Allerdings waren die Blumen eine nette Geste, und da sie mit niemanden sprechen durfte ... Nur wer hatte die Axt geworfen?

  • Du hast Nathalies Stimmung gut eingefangen, dieses Nachdenkliche, Abschied nehmende. Ein Verehrer, der die Blumen per Axt wirft - scheint ja eher ein wortkarger Typ zu sein. :rofl:

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker