Seemannsgarn

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  • Nelli lehnte sich zufrieden grinsend zurück. Der Abend lief genauso ab, wie sie sich das gewünscht hatte. Es war schließlich an der Zeit, dass sie endlich zusammen wuchsen, wie man das als solch eine Reise-Gemeinschaft tun sollte. Jeder ging seinen eigenen Weg und dabei sollten sie sich doch als Gruppe zusammen reißen. Und nie lernte man sich besser kennen, als über so ein Spiel und eine gute Menge Alkohol.

    Nun lag ihr wacher Blick auf der jungen Magierin, die sie gerade beim Flunkern erwischt hatte.

    Nun gut, ihr seid dran. Also...Wann genau habt ihr fest gestellt, dass ihr euch nicht so sehr für das männliche Geschlecht interessiert?“ fragte sie und zog amüsiert eine Augenbraue nach oben, ein leichtes Schmunzeln auf ihren Lippen. Trevor verschluckte sich daraufhin an seinem Schnaps, so dass die Hexe ihm sacht auf den Rücken klopfte, während Edmund interessiert seine Fingernägel anstarrte.

    Esther wandte ihren Blick auf den Tisch und eine Röte schlich sich auf ihre Wangen. Ein Schweigen breitete sich aus und kurz dachte Nelli, dass sie gar keine Antwort bekommen würde, ehe die Adlige tief Luft holte.

    Ich interessiere mich sehr wohl für Männer, aber seit einiger Zeit verspüre ich das Bedürfnis nach keinem...Mann“, antwortete sie schließlich ganz leise und schluckte schwer. Nelli runzelte die Stirn und notierte sich im Hinterkopf, dass sie Esther noch mal unter vier Augen mit ihr sprechen würde. Ihre Fühler sagten ihr, dass da etwas im Argen war.

    Jedenfalls noch nicht...“ fügte Esther noch leise hinzu und sorgte dafür, dass wieder ein leichtes Grinsen auf Nellis Lippen trat.

    Damit ließ sie das Thema auf sich beruhen und begann die nächste Runde zu würfeln. Ihr war bewusst, dass nun sie selbst an der Reihe war. Sie hob irgendwann den Becher und schaute in die Runde.

    Sechser Pasch“, log sie und schaute Edmund auffordernd an.

    • Offizieller Beitrag

    Nelli blickte ihn auffordernd an. Es dauerte einige Sekunden, bis er überhaupt bemerkte, dass sie gewürfelt hatte. Verriet sie sich nun schon selbst? Oder war genau das die Finte? Wollte sie, dass er sie als Lügnerin hinstellte, nur um dann selbst zu verlieren, weil er sie fälschlicherweise beschuldigt hatte?
    Die anderen beiden schienen mit ähnlichen Überlegungen beschäftigt zu sein. Wobei er bei Esthers tomatenrotem Blick nicht ganz sicher war, ob sie nicht noch an Nellis Frage und ihrer Antwort knobelte. Ihre zögerlichen Worte und ihre unsicheren Reaktionen der letzten Tage standen im starken Kontrast zu ihrem ersten Eindruck im Anwesen ihres Vaters. Sie war stark, das hatte sie während der Schlägerei bewiesen. Aber sie hatte auch etwas Unschuldiges an sich, das man ihr gar nicht wegnehmen wollte. Die Adlige war vielschichtiger als andere.
    Irgendwie niedlich …
    Trevor schien es aber auch nicht besser zu gehen. Seit seinen Antworten wirkte er etwas in sich gekehrt. Edmund wusste nicht recht, ob er ihn wegen seines bisherigen Lebens bemitleiden sollte oder dafür bewundern, dass er sich für diese Frau geopfert hat. Wohlwissend, was mit Formwandlern in der Regel passierte. Ob er etwas aus diesem Leben bereute? Oder war er dennoch zufrieden gewesen? Es klang auf jeden Fall traurig. War er nun besser dran?
    Vielleicht wenn ich ihn weniger wie einen Diener behandeln würde? Aber was ist er dann?
    Edmund nippte am Glas und blickte wieder zu Nelli, ehe er noch auf die Idee kam, eine Gruppenumarmung vorzuschlagen.

    Dieser blöde Schnaps!
    „Ich glaube, sie lügt“, meinte er schließlich in die Stille hinein, auf die Gefahr hin, falsch zu liegen.
    Und wenn er falsch lag, war es das auch irgendwie wert. Oder? Weil die anderen dann etwas zum Lachen hatten und nicht mehr irgendeiner Trübsinnigkeit nachhingen oder ihre Antworten hinterfragten?
    Bisher hatte er allerdings erstaunliches Glück bei diesem dummen Spiel gehabt. Irgendwann hatte er sogar einen kurzen Gedanken daran verschwendet, dass dieser Umstand dem Kompass in seiner Tasche zuzuschreiben war. Allerdings war ebendieser Gedanke schnell wieder verworfen worden und schließlich im Alkohol ertrunken.
    „Denke ich auch“, stimmte ihm Trevor nach einiger Überlegung zu.
    „Ach? Wie kommt ihr denn darauf? Beschuldigt eine arme alte Frau der Lüge.“ Ihr Theater wirkte übertrieben dramatisch. Davon abgesehen. Hatte sie in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut?
    „Ich stimme den beiden zu“, mischte sich auch Esther wieder ein. Die unschuldige Röte war aus ihrem Gesicht gewichen.
    „Tja, da seid ihr drei euch wohl einig.“ Nelli zuckte sichtlich zufrieden die Schultern und gab die Würfel und damit ihre Lüge Preis.
    „Mhh“, machte Edmund. Es überraschte ihn nicht, dass Nelli gelogen hatte, aber es überraschte ihn doch, dass sie offenbar beabsichtigt hatte, dass sie es herausfanden. Warum?
    Von den anderen machte keiner Anstalten eine Frage zu stellen, oder vielleicht versuchten sie nur ihre Frage auszuwählen. Auch Edmund hatte deutlich mehr als eine Frage im Kopf. Angeführt von „Warum bist du überhaupt hier“, bis „Wann gehst du endlich“ war alles dabei. Allerdings waren diese auch schon ein wenig überholt.
    Schließlich entschied er sich für die Frage, die ihn seit dem Moment in der Küche mit am meisten beschäftigte, dicht gefolgt von: Was zum Teufel?
    „Wie alt bist du nun wirklich?“, bohrte er schließlich nach, ehe einer der anderen ihm die Chance auf eine Antwort nehmen konnte. Eine Frage, die er unter den Augen seines Vaters niemals IRGENDWEM hätte stellen dürfen.
    Egal!
    Ihr aktuelles Aussehen gab dahingehend genug Stoff. Was war nun echt? Die Lederhaut oder das junge Äußere?
    „So etwas fragt man eine Dame nicht.“
    „Ich weiß“
    , nur saß da keine Dame vor ihm, sondern eine Hexe, so viel war er sich sicher, „Also?“
    „Seit gestern 179 Jahre alt, wenn ihr es genau wissen wollt."

    Edmund holte Luft, blinzelte und musste die Information dann erstmal sacken lassen. Das hatte er nicht erwartet.

    Verwirrt sah er in die ebenso verwirrten Gesichter der beiden anderen. Esther runzelte die Stirn und wog dann anerkennend den Kopf.
    179 Jahre?! Wie um alles in der Welt wurde man so alt? Und warum sollte man das wollen? Oder begann die Alte mit ihrer komischen Zauberei – oder was auch immer sie gemacht hatte, um wieder jung auszusehen – immer wieder von vorn?
    „Seit gestern?“, warf Trevor, der seine Fassung zuerst wiedergefunden hatte, lächelnd ein. „Das heißt, du hattest Geburtstag, Oma.“
    „Ja“, kicherte diese.
    „179 Jahre", mischte sich Edmund wieder ein, „Also wirklich eine Hexe!“ Er sah sich bestätigt.
    „Scheint so.“ Nelli wirkte weder von der Frage überrascht, noch irgendwie überrannt. Grinsend lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück. Dennoch lag irgendwas in ihrem Blick, als glaubte sie, dass er gleich Fackeln und Mistgabeln holen und sie davonjagen würde. Vermutlich hätte er es versucht, wenn auch nur die geringste Möglichkeit bestanden hätte, dass es funktionierte.
    Edmund zuckte die Schultern. Sollte sie doch alt - jung - und Hexe sein, wie sie wollte, solang sie ihn damit in Ruhe ließ. Schließlich hatte er recht behalten. Das war, was zählte.
    Und für Fackeln und Mistgabeln schwankte der Boden gerade viel zu sehr.
    „Dann nochmal alles Gute nachträglich, Oma.“ Trevor hob sein Glas.
    „Und auf die nächsten 179 Jahre?“, schob Esther etwas unsicher hinterher. Auch sie reckte ihr Glas in die Mitte.
    Hoffentlich nicht, kommentierte Edmund gedanklich.
    Zögernd schloss er sich den beiden an, stumm mit der Überlegung beschäftigt, ob die Speisevorräte des Schiffes irgendwelche Kostbarkeiten beinhalteten - hatte der Koch nicht irgendwas von Pilzen und frischen Kräutern erzählt? -, um Nelli am nächsten Tag irgendwas Besonderes zu kochen. So hatte es seine Mutter immer an seinem Geburtstag gemacht.
    „Auf die Hexe“, sprach er dann laut.
    Nelli betrachtete sie drei eine Weile, wie sie ihre Gläser hochhielten, lang genug, dass Edmund beinahe einen Krampf im Arm bekommen hätte, dann lachte sie vergnügt und stieß mit ihnen an.
    „Bleibt das jetzt eigentlich für immer so?“, fragte Edmund, als das Klirren verklungen war und versuchte dabei so gleichgültig wie möglich zu klingen.
    Er tauschte sein Getränk gegen den Becher mit den Würfeln.
    „Im Grunde ist das eine neue Frage.“
    Edmund hob lediglich die Augenbrauen, schüttelte aber derweil den Becher. Sollte sie doch antworten, oder nicht. Es war ihm gleich.
    „Nein“, meinte Nelli lachend.
    Na immerhin etwas …
    Den derzeitigen Anblick ertrug er noch weniger als das Faltengesicht.


    Es verging eine Runde, ehe Edmund mit seiner gewürfelten Zahl verlor. Mittlerweile setzte ihm der Alkohol zu sehr zu, als dass ihn dieser Umstand noch gestört hätte.
    Er verschränkte die Arme und lehnte sich abwartend zurück. Was er auch immer für eine Frage bekam, niemand hatte gesagt, dass er die Wahrheit sagen musste.

    • Offizieller Beitrag

    Trevor hielt sich ein Auge zu. So langsam fiel es ihm schwer, nur ein Würfelpaar zu sehen.
    Lass die Finger weg von dem Gesöff, bevor du dich noch lächerlich machst …
    Er hatte bereits Esther seine halbe Lebensgeschichte runtergeeiert. Wo sollte das noch hinführen? Allerdings beruhigte es ihn, dass niemand anfing, sich über sein Leben lustig zu machen. Von eingefleischten Piraten hätte er dafür nur ein müdes Lächeln kassiert, oder sie hätten ihn gar als Jammerlappen beschimpft. Denn kaum einer von ihnen hatte ein besseres Leben vorzuweisen. Trotzdem musste er innerlich zugeben, dass es Spaß gemacht hatte, auf die Fragen der Adligen zu antworten. Immerhin kam es selten vor, dass sich Ihresgleichen für einen niederen Menschen interessierten. Aber aus irgendeinem Grund wollte er gerade deshalb auch nicht schwächlich wirken.
    Zu spät vermutlich.
    Wie eine verweichlichte Mimose, die nach einer Flasche Schnaps rührselig wurde. Er wusste um sein Kampfgeschick. Er war schon oft über seine Schmerzgrenzen hinausgegangen, was laut Johnny ebenso ein Lernprozess war wie das Kämpfen selbst. Der Wille, der über den Körper obsiegen musste! Das gleiche versuchte er jetzt bei dem Alkohol, der immer mehr seinen Geist vernebelte - und der sich über ihn lustig machte.
    „Eure Frage …“, wandte Edmund ein, und riss Trevor so aus seinem beginnenden Delirium.
    Nelli schien zu überlegen und hatte bereits ein schelmisches Grinsen aufgelegt.
    Esther hingegen atmete tief durch und prustete dann über ihre Unterlippe die Luft aus ihren Lungen. Sie schien ähnlich wie Trevor Probleme damit zu haben, klare Gedanken zu fassen.
    Aber dann fiel Trevor eine Frage ein. Eine, die ihm unbewusst bereits die ganze Zeit im Kopf herumging. „Dürfte isch?“, fragte er deshalb in die Runde.
    „Nur zu“, antwortete Nelli und schenkte sich noch etwas zu trinken ein.
    Wie kann die Alte so viel weghauen? Ich sehe bereits blaue Elefanten …
    „Mach nur“, gestand auch Esther ihm zu, die interessiert ihre Handfläche beobachtete. Vermutlich versuchte sie, ihr Sichtfeld zu kontrollieren. Schaute aber schließlich wieder jeden in der Runde abwartend an.
    Trevor lehnte sich auf den Tisch, rutschte zunächst mit seinem Ellenbogen einmal an der Kante ab, ehe er sein Gleichgewicht wiederfand. „Fühlt Ihr Euch dieser Reise eigentlich gewachsen?“, fragte Trevor. „Ich meine, mit all den Gefahren und Bürden, die sie mit sich bringt?“
    Edmund hob seine Brauen. Anscheinend hatte er mit einer Frage anderen Art gerechnet und begann, zu überlegen. „Das ist schon alles in Ordnung“, antwortete er schließlich. „Das ist gar kein Problem.“ Edmund winkte ab. „Ich habe es immerhin bald geschafft. Samira rückt näher.“ Das Lachen, was daraufhin vom Händlersohn kam, klang alles andere als überzeugend.
    Aber Trevor verstand, dass Edmund nur ungern zugeben würde, dass er mit der Aufgabe überfordert war. Was würde es ihm auch bringen?
    „Also, ich würde mich jeden Tag selbst in den Schlaf wiegen“, gab hingegen Trevor zu. „Isch meine, Euer Vater hätte Euch einen erfahrenen Kapitän an die Seite stellen können. Hat er aber nischt. Ich war … der erste Maat auf dem Schiff von Johnny, aber niemals Kapitän. Vor so einer Aufgabe würde ich mich einscheißen. Da ist es egal, wie viele Schlachten Mann geschlagen oder wie viel Menschen Mann auf dem Gewissen hat. Ein Fehler, und die Mannschaft bindet einem hübsche Kanonenkugeln um die Füße und schickt einen schwimmen …“
    Auf Edmunds Stirn sammelten sich Schweißperlen. „Ich schaff das schon!“, schien er sich selbst Mut zuzusprechen.
    Trevor nickte. „Ich bin aber zuvor nie mit einer Magierin und einer Hexe gereist, das muss ich zugeben.“
    „Und einer Nymphe …“, gab Esther kichernd zu.
    Trevor hob seine Brauen und schaute dann wieder zu Edmund. „Einer Nymphe?“, hakte er nach.
    „Meine Urgroßmutter war eine Nymphe“, stellte Edmund klar und atmete tief durch.
    „Das erklärt einiges“, musste Trevor zugeben. Da war immerhin immer diese Art Aura, die Art von Edmund, die Trevor dazu brachte, ihm tatsächlich zu folgen. Und irgendwie auch Gefallen daran zu finden. Er konnte ihm selten Böse sein, obwohl er teils eine sehr arrogante Art an sich hatte – die sich auch wiederum dadurch erklärte, dass er Nymphenblut in sich trug. Diese Wesen wussten um ihr Erscheinungsbild. Sie wussten ebenso um ihre Fähigkeit, Menschen zu beeinflussen.
    „Das hatte ich bereits auch geahnt …“, fügte Nelli hinzu. „Sein Gesicht ist fast etwas zu perfekt für einen Menschen.“
    „Das finde ich auch!“, stimmte Edmund grinsend zu. „Schön, dass du das erkennst.“
    Nelli lachte. „Bilde dir darauf aber nichts ein. Schönheit vergeht!“
    Daraufhin mussten Trevor und Esther lachen. Nachdem Nelli gestanden hatte, dass ihre Magie nicht lange anhielt, war das wohl eine passende Antwort.
    „Ich habe mal eine richtige Nymphen gesehen“, erinnerte sich Trevor. „Wenn ich es recht bedenke, sind die gruselig. Schön … wunderschön, aber gruselig. Es ist fast unglaublich, dass sich das Nymphenblut in Euch befindet, und nicht das Blut Eurer Vorfahren in der Nymphe. Wie bei einer Gottesanbeterin … Schwubb, Kopf ab!“
    „Es soll sich wohl um Liebe gehandelt haben“, stellte Edmund klar. „Sie blieb immerhin bei meinem Großvater an Land.“
    „Da wird einem ja schlecht!“, warf Nelli ein und leerte einen weiteren Becher und lachte. „Liebe …“
    „Ich finde das schön“, widersprach Esther der Meinung der Hexe. „Da sieht man doch, dass selbst Nymphen nicht alle gleich sind.“
    „Ich wäre skeptisch geblieben“, hörte sich Trevor sagen und wunderte sich über seine Worte. Eigentlich besaß er durchaus eine romantische Ader. Diese schien aber auch ein Ende zu haben. Vor allem dann, wenn Mann sich nach dem Sexakt ausgeweidet im Bett wiederfinden konnte. Obwohl es dafür nicht mal eine Garantie unter Menschen gab.
    Dafür müsste sich erstmal jemand in dich verlieben, oder du in eine andere Person, du Klappstuhl! Aber tu gerne so, als wüsstest du irgendetwas über dieses Thema ...
    „Das wäre mir zu unwahrscheinlich gewesen“, fuhr Trevor, ob seiner Gedanken, fort. „Wir haben mit den Rudern auf sie eingeknüppelt, nachdem sie versucht haben, sich an unserem Beiboot zu schaffen zu machen. Na gut, die Mannschaft hat auf sie eingehauen. Ich war erst dreizehn und schrie wie ein kleines Mädchen.“
    Die Gruppe begann zu lachen, und sie alle leerten ihre restlichen Becher.
    „Ich kann nicht mehr“, erwiderte Esther, nachdem sie ihren Becher auf dem Tisch abgestellt hatte. „Diesmal will ich wissen, wie ich ins Bett gekommen bin.“
    „Auf dem Weg nach Samira sollten wir vielleicht auch nicht komplett neben der Fahrt sein“, pflichtete ihr Trevor bei.
    „Das Spiel begann, mich ohnehin langsam zu langweilen“, sagte Edmund und gähnte ausgiebig, während er seine Arme von sich streckte.
    „Diese Jugend“, gab Nelli stöhnend von sich, „verträgt gar nichts mehr.“
    „Deine Leber hat auch hundertfünfzig Jahre Vorsprung“, entgegnete Edmund. „Vermutlich hat euch das Gesöff sogar konserviert.“
    Nelli antwortete darauf nur mit einem leisen lachen und erhob sich wie der Rest. „Viel Spaß später beim Frühstückmachen, Söhnchen.“
    Edmund funkelte Nelli mit bösem Blick an, während Trevor und Esther leise kichern mussten.
    Stimmt, Trevor musste nicht kochen. Somit konnte er den Rausch etwas länger ausschlafen. Aber vielleicht würde er sich erbarmen, Edmund zu helfen. So konnte er sich zumindest auch etwas von Edmunds Kochkünsten abschauen. Sie hatten zusammen getrunken, also wollte der Pirat das auch zusammen mit seinem „Herrn“ ausbaden. Das hatte er ihm immerhin zugestanden. Und bis Trevor die Hilfe zurückbezahlt hatte, würde es ohnehin noch eine Weile dauern.

    Sie alle wankten zu Bett – außer Nelli. Die schien noch geradeaus laufen zu können. Esther schloss kichernd die Tür hinter sich, nachdem sie alle Mühe damit gehabt hatte, die Bewegungen des Schiffes auszugleichen; sie wankte von einer Flurwand zur anderen.
    Trevor hatte es vorgezogen, einfach an der Wand entlang zu schleifen. Dabei entging ihm aber nicht, dass Edmund das auf der anderen Seite auch getan hatte. Beide waren jeweils in entgegengesetzter Richtung in Seitenlage gelaufen, bis sie an ihren Türen angekommen waren.
    Ich muss aufhören, so viel zu trinken. Johnny würde das nicht gutheißen! So kann ich nicht kämpfen … Kein Alkohol die nächsten Tage! Vor allem nicht vor Samira … Und keine Gefühlsduseleien mehr! Johnny ist tot, genauso wie der Rest der Mannschaft. Leb damit, dass du noch lebst ...

  • Nachdenklich stand Esther an der Reling und sah auf die schimmernden Wellen hinab. Die Hitze drückte ihnen allen auf das Gemüt und sogar ihr stand der Schweiß auf der Stirn, dabei herrschte auch in Silberberg stetig warmes Wetter. Sie verfluchte sich innerlich dafür, dass sie sich in ihre Korsage gezwängt hatte.

    Für wen ziehe ich das Teil eigentlich an?

    Seufzend lehnte sie sich mit den Unterarmen auf die Reling.

    Schleppend waren die letzten beiden Tage vorübergezogen. Für sie gab es bisher nichts zu tun und das sorgte, dass Esther sich immer wieder in düsteren Gedanken vergrub.

    Seit der Spielrunde und Nellis Frage war es, als hinge ein grauer Schleier über ihre Laune.

    Plötzlich stieß etwas gegen ihren Hinterkopf, woraufhin sie sich verwundert umdrehte und in Nellis Gesicht blickte. Diese verlor aber keine Zeit mit Begrüßungen, sondern klopfte ihr erneut mit ihrem Stock gegen die Stirn.

    „Aua!“, empörte Esther sich. „Was soll das?“

    Die Hexe zuckte die Schultern. „Ich wollte nur sichergehen, dass ihr noch lebt.“

    Das war ja wohl …

    Sie rieb sich die schmerzende Stelle und sah die alte Frau grimmig an, drehte sich wieder um und sah auf die offene See hinaus.

    Eine Weile geschah nichts, dann stellte Nelli sich aber neben sie und schnaufte hörbar. „Welche Gedanken quälen Euch?“, fragte sie geradeheraus. „Ich habe bemerkt, dass Ihr seit meiner Frage während des Würfelspiels bedrückt seid.“

    Esther warf einen verwunderten Blick auf die Hexe. Stand es ihr so offensichtlich auf der Stirn geschrieben? Und selbst wenn. Sollte sie Nelli wirklich erzählen, was mit ihr los war? Einerseits ging es die Alte nun wirklich nichts an, andererseits hatte Esther hier nicht wirklich jemand anderen, mit dem sie darüber sprechen konnte.

    Sie sah kurz über ihre Schulter, um sich zu vergewissern, dass niemand sonst sie hören konnte. Auf keinen Fall wollte sie, dass Edmund oder Trevor das mitbekamen. Und schon gar nicht einer der anderen Matrosen.

    „Als ich in der Gilde war, um die Magie zu erlernen“, begann sie leise, „hatte ich bereits eine … Erfahrung … mit einem Mann gesammelt. Keine Schöne, um ehrlich zu sein.“ Sie erzählte kurz, aber ziemlich eindeutig, wie der Kerl sie angefasst hatte und wie sie dem schließlich mit einem magischen Schild ein Ende gesetzt hatte.

    Während Esther die Tränen in den Augen brannten, spürte sie eine sanfte Berührung an ihrem Oberarm. Als sie sich herumwandte, konnte sie eine Mischung aus Schock, Mitleid und Wut in den Augen der Hexe erkennen. „Es tut mir so leid, dass du so etwas erleben musstest, Mädchen.“

    Esther sagte darauf nichts. Was sollte sie auch antworten?

    „Wenn Ihr wollt“, meinte Nelli dann, „könnte ich diesem … Ihr wisst schon … einen netten Fluch aufbinden.“

    Ungewollt musste Esther lächeln, obwohl ihr nicht danach zumute war. Sie schüttelte den Kopf. „Das ist lieb gemeint, aber er hat durch meinen Schild bereits drei Finger verloren.“

    An Nellis Gesichtsausdruck erkannte sie, dass der Hexe das nicht Bestrafung genug war. Plötzlich schloss die Ältere sie in eine Umarmung, der Esther kaum entkommen konnte – und sie musste zugeben, dass sie das gebraucht hatte. Außerdem tat es gut, also ließ sie es einfach zu. Sie spürte, wie etwas von dem schweren Gefühl auf ihrer Seele schwand und sachte lösten sich die beiden Frauen voneinander.

    Esther starrte kurz auf den Boden. „Danke, dass Ihr mir zugehört habt.“ Sie brachte ein zaghaftes Lächeln zustande, woraufhin auch Nelli zufrieden wirkte.

    Auf eine Art, die Esther nicht erklären konnte, fühlte sie sich der Hexe verbunden. Und auch wenn Nelli offenbar den Schalk im Nacken sitzen hatte, spürte Esther etwas wie großmütterliche Liebe.

    „Jederzeit, Liebchen. Und sollte Euch jemand zu nahe kommen, sagt einfach Bescheid. Ich habe meine Mittel und Wege...“, antwortete die Hexe und ein schelmischer Ausdruck huschte über ihre Züge

    Schweigend standen sie nebeneinander an der Reling, ließen sich die Sonne auf das Gesicht scheinen und hingen ihren Gedanken nach.

    „Nelli?“, durchschnitt Esther die Stille und sie lächelte, als die Hexe sie ansah. „Ich möchte nicht mehr, dass Ihr mich förmlich anredet.“

    Die Heilerin lächelte breit. „Ganz wie du möchtest, Kind.“ Sie nickte ihr zufrieden zu, das ganze Gesicht ein einziges zufriedenes Grinsen. Esther erwiderte das.

  • Edmund stand neben dem Steuermann und betrachtete den entfalteten Teil der Seekarte. Mittlerweile hatte er es aufgegeben dem Mann Anweisungen zu geben. Zumindest er schien zu wissen, was er tat. Irgendwie…
    „Südwestlich von hier soll es Riffe dicht unter der Oberfläche geben“, meinte der Steuermann in diesem Moment. Der Kerl lunzte ebenfalls auf die Karte und paffte nebenbei an seiner Pfeife. Hatte der Kerl das Ding eigentlich auch beim Schlafen im Mund? Ein Wunder, dass das Schiff noch nicht in Flammen stand.
    Ärgerlich schüttelte Edmund etwas Asche von dem Pergament.
    „Also sollten wir das Gebiet großzügig auf Steuerbord umfahren.“
    Das konnte sie gut einen Tag kosten. Andererseits hatten sie bereits derart viel Zeit vertrödelt, dass es darauf nicht ankam. Außerdem hätte das bedeutet, dass sich Edmund irgendwas aus den zeitlichen Vorgaben seines Vaters gemacht hätte. Was nicht der Fall war. Selbst wenn er die Reise an einem Tag geschafft hätte, dem alten Herrn wäre es bitter aufgestoßen.
    Der Steuermann nickte nachdenklich und die Sorge im Blick des Kerls machte ihn langsam noch wahnsinnig. Diesen Blick sah er mittlerweile bei etwa zwei Drittel der Besatzung. Was ihn selbst auch nervös machte.
    „Wusstet Ihr, dass das Gebiet, durch das Ihr wollt, im Volksmund auch der Schwarze Fleck genannt wird?“
    Und da haben wir es!
    Edmund verdrehte genervt die Augen. Zum einen konnte von wollen nicht die Rede sein und außerdem: „Die meisten der Geschichten, die man hört, basieren auf dummen Gewäsch und Aberglaube.“
    Das war es also, was die Laune der Leute verschlechtert hatte? Angst? Was waren das denn für Seeleute, die ihm sein Vater da an den Hintern gebastelt hatte? Er wünschte, er hätte irgendein Mitspracherecht gehabt!
    Zwar gab auch er sich nicht der Illusion hin, dass all das, was man sich erzählte nur Blödsinn war, aber wegen ein paar übertriebenen Geschichten, würde er nicht gleich in Panik ausbrechen.
    „Sicher ist viel davon erfunden“, begann der Seemann mit einer Erzählerstimme, die klar machte, dass es länger dauern würde und blies eine Wolke von sich, „aber es ist Fakt, dass alle Seekarten in diesem Gebiet unvollständig oder nicht korrekt sind. Es kommen nicht genug Schiffe zurück, um diese zu vervollständigen. Untiefen, Strömungen und Seeungeheuer.“
    Edmund verkniff sich die bissige Bemerkung, die ihm auf den Lippen lag.

    Seeungeheuer. Klar ... Das einzige Ungeheuer, an das er glaubte, war das Dienstmädchen seiner Mutter, das es wahnsinnig witzig fand, vor Sonnenaufgang mit dem Besen gegen seine Zimmertür zu stoßen. Mehrmals!
    „Dann sind wir eben eines der wenigen Schiffe, die sich von solchen albernen Sachen nicht versenken lassen.“
    Der skeptische Blick, der ihn traf, tat irgendwie weh.
    Was? Ganz so unfähig bin ich auch nicht! Auch … wenn ich mir dank Trevor da selbst nicht mehr so sicher bin. Wegen dessen tollen Ausführungen schlief er seit Tagen nicht mehr richtig! Aber das der Mannschaft jetzt noch zu zeigen, macht die Sache sicherlich nicht besser …
    Der Steuermann lehnte sich zurück.
    „Es heißt, der Schwarze Fleck ist von Strömungen umgeben, die immer wieder mächtige Stürme verursachen.“
    Zumindest diesem Teil der Angaben konnte man wohl glauben. Jedenfalls mehr als deen mit Riesenkraken und Wasserdrachen so groß wie Inseln.
    Edmund sah zu den Segeln empor, die von einigen Matrosen geprüft, erneuert oder frisch versiegelt wurden. Immerhin dahingehend hatte man mal auf ihn gehört! Wenn auch erst NACH der Abfahrt!
    Wenn er so darüber nachdachte, fragte er sich, warum sein Vater ihm kein wehrhafteres Schiff für die Reise gegeben hatte. Irgendwas robusteres, irgendwas, das gegen einen Sturm – oder eine erfundene Riesenkrake - mehr Chancen hatte, als eine schmale Karacke. Damit würde er sich wahrscheinlich auch sicherer fühlen.
    Vielleicht besteht die Möglichkeit, dass sich die Seemonster und Stürme kaputt lachen…
    „Wir sollten den Himmel im Auge behalten“, meinte er dann laut. „Um frühzeitig reagieren zu können.“
    Sein Blick fiel auf Trevor, der behände mit einem Eimer an der Takelage vom Mast zurück an Deck kletterte. Der Anblick des Wandlers rief ihm einen weiteren Gedanken, der ihm seit dem Abend ebenfalls im Kopf herumspukte – neben der Tatsache, dass der Kerl ihm aufgezeigt hatte, dass er absolut überfordert mit der Situation war (was er natürlich niemals zugeben würde) – in Erinnerung.


    Er ließ den Steuermann stehen und holte zu Trevor auf. Dann zögerte er aber, ehe er ihn ansprach. Was tat er eigentlich? Noch konnte er einfach gehen, ohne, dass es peinlich wurde.
    „Ich will mit dir reden“, hörte er sich dann jedoch zum eigenen Verdruss sagen.
    Nein, willst du nicht!
    „Unter vier Augen“, fügte er mit Nachdruck hinzu, als er sich Francis und dessen gespitzten Ohren bewusst wurde. Unweit von ihnen hatte er mit seiner Arbeit aufgehört und betrachtete nun äußerst interessiert seine Bürste.
    Nein, du willst nicht mit ihm reden! Geh einfach!
    „Troll dich!“, stieß Edmund aus. Francis zuckte zusammen, rannte davon und tat nun an einer anderen Stelle des Schiffs so, als würde er arbeiten.
    „Habe ich etwas … falsch gemacht?“, fragte Trevor verunsichert.
    Nein. Obwohl.
    „Wenn es um die Frage in dem Spiel geht…“
    Die Frage war nicht das Problem, du Idiot!
    „Nicht direkt.“ Er wog den Kopf und vergewisserte sich, dass sie allein waren. Er hatte darüber nachgedacht, was Trevor an dem Abend über sich erzählt hatte. Offenbar war er in ein Leben gezwungen worden, das er so nicht hatte führen wollen. Und dann war man ihm auch noch in den Rücken gefallen, weil er ein Formwandler war. Statt aber die Freiheit zu nutzen, nachdem er ihn freigekauft hatte, hatte er sich ihm wegen irgendeines blöden Pflichtgefühls angeschlossen. Nun war er gezwungen, wieder zur See zu fahren. Im Nachhinein hatte es Edmund doch gerne gemacht, oder? Ihm zu helfen? Es gab keinen Grund, ihm nun irgendwas schuldig zu sein. Für was auch?

    „Du bist mir nichts schuldig, das ist dir klar, oder?" Er musterte den Wandler eindringlich. „Du musst das Geld nicht zurückzahlen.“

    Erst sah Trevor ihn verwirrt an, als wusste er gar nicht um was es ging. Zugegeben, kam es wohl auch etwas aus dem Nichts. Aber Edmund wollte es nun geklärt haben.

    „Muss ich nicht?"

    „Irgendwie bekomme ich die Ausgaben schon gegenüber meinem Vater erklärt.“
    Edmund zuckte die Schultern. Er musste es ihm schließlich nicht verraten. Ein >Ich habe mich in Silberberg über den Tisch ziehen lassen, einen Formwandler für 30 Silberschilling gekauft und ihn dann nicht gewinnbringend wieder VERkauft, weil ich ihn aus seiner Pflicht entlassen habe< würde bei dem Alten jedenfalls überhaupt nicht gut wegkommen.
    „Darum geht es mir neben dem Formwandler-Kodex gar nicht. Also, um das Zurückzahlen. Irgendwie finde ich das Reisen an Eurer Seite besser, als das, was ich die letzten Jahre getan habe."
    Edmund blinzelte verwirrt, ehe er sich wieder fing. Da wollte er dem Kerl einen Gefallen tun und er ignorierte es einfach! Am Arsch mit diesem blöden Kodex!
    „Vergiss deinen Kodex. Einigen wir uns darauf, dass du mir nichts schuldest, du wegen meiner Hilfe keine Verpflichtung gegenüber mir hast und ich meine Socken zukünftig selbst wasche?“ Er sah Trevor fragend an. Wo kam das her? Warum um alles in der Welt sollte er seine Socken selbst waschen? Erst kochen, jetzt waschen? Am Ende putzte er auch noch die Schuhe selbst, oder was? „Es gibt keine Schuld, du kannst so lang bleiben, wie du willst. Du bist ein freier Mensch.“ Er zögert kurz. „Wobei, es wäre schon schön ...", er räusperte sich, weiter auf deine Hilfe vertrauen zu können?"
    Trevor musterte ihn mit erhobenen Augenbrauen. Und so langsam kam sich Edmund richtig bescheuert vor. Wahrscheinlich lachte ihn der Formwandler innerlich gerade aus. Er musste immer noch Restalkohol intus haben. Seit vier Tagen!

    Warum sonst plapperte er sonst solchen Schwachsinn?
    „Ihr könnt jederzeit auf meine Hilfe vertrauen."
    Edmund reichte ihm die Hand zum Einschlagen. „Okay."
    „Dann eben nur nicht als Untergebenen, sondern als ... Freund“,
    meinte Trevor.
    „Freund?“ Sie beide? Verwirrt sah Edmund Trevor an. „Ein Händler und ein Pirat?"
    Sehe nur ich die Ironie?
    Davon abgesehen war das ein viel zu großer Standesunterschied. Und man brauchte auch keine Freunde. Wozu sollten die gut sein?
    „Oder Nymphe und Formwandler ...“
    „Das macht es besser?“
    Seine Gedanken dazu als skeptisch zu bezeichnen, war untertrieben. Außerdem tat ihm langsam der Arm weh.
    „Zumindest interessant, oder nicht?“ Trevor schlug endlich ein und beendete damit die Folter, dumm mit erhobener Hand mitten auf dem Schiff herumzustehen. Zwar interessierte sich niemand für ihr Gespräch – was auch gut war, denn wie genau sollte er das erklären? Er verstand es ja selbst nicht. Wie ein Gestörter allerdings die ganze Zeit die Hand zwischen ihnen zu halten, sah dann doch … bescheuert aus.
    „Keine Ahnung, ich hatte noch nie Freunde.“ Hatte er das soeben wirklich zugegeben? Warum?
    Musste man da irgendwas beachten? Irgendwas unterschreiben? Etwas bezahlen?
    „Dann haben wir etwas gemeinsam", lachte Trevor.
    Edmund zögerte.
    „Immerhin etwas.“

    Auch, wenn er ihm nicht recht glauben wollte.
    „Freunde müssen nicht in allem gleich sein“
    , bemerkte Trevor amüsiert.
    Edmund ließ die Hand los und zupfte seinen Ärmel zurecht.
    „Jetzt bin ich aber erleichtert", gab er sarkastisch von sich, „Ich hatte schon befürchtet, jetzt muss ich auch in der Takelage herumklettern und die Segel reparieren.“ Er wies auf die Seile, die zum Großsegel hinaufführten, und an denen Trevor zuvor heruntergeklettert war. Bei seinem Glück würde er noch mit dem Fuß in einem der Seile hängenbleiben.
    „Lieber nicht. Nicht, dass Ihr es nicht könntet, aber ... Ihr werdet gebraucht. Der Wind kann da oben ziemlich rau sein.“
    Edmund blies die Wangen auf. Das war ja wohl die Höhe. Was sollte das Aber? Warum sprach er an der Stelle nicht weiter? Hatte er ihm gerade indirekt sagt, dass er es ihm nicht zutraute? Es nicht machen zu wollen, war ja wohl ein Unterschied zu nicht können.
    „Du glaubst wohl, ich schaff das nicht?!“ Es war eine Feststellung, keine Frage. „Als würde mich ein wenig Wind stören.“
    Was tust du da? Natürlich stört dich Wind!
    „Doch. Nur zu."
    Scheiße!
    Edmund blickte nach oben. Wie peinlich wäre ein Rückzieher?


    Wie peinlich ein Rückzieher sein konnte, wusste er nicht, als er schließlich Jacke und Schuhe an Deck zurückgelassen hatte und stattdessen sein eigenes Körpergewicht über die rauen Seile schleppt. Das würde Schwielen und blutige Wunden geben!

    Wie sich stechende und schadenfrohe Blicke von amüsierten Matrosen anfühlten, wusste er nun aber sehr wohl. Mittlerweile musste wohl jeder seine seltendumme Aktion beobachten. Die beiden Frauen amüsierten sich vermutlich ebenso köstlich.

    Der Wind, der ihm um die Ohren pfiff, entging ihm auch nicht. Wie auch? Er brachte ihm die Friseur durcheinander und tat in den Ohren weh.
    Ich hasse Wind!

    Und ich hasse mich dafür, eine Wette mit dem Kerl eingegangen zu sein!

    Wenn er jetzt fiel, dann konnte er sich sicher sein, jeglichen Respekt verloren zu haben, den er je besessen hatte. Selbst den vor sich selbst.
    Bitte fall nicht runter! Bitte fall nicht runter! Bitte fall nicht runter!

    „Ihr schafft das schon. Nur weiter. Und wenn nicht, ist auch okay, dann werde ich mich zukünftig darüber freuen, dass Ihr meine Socken wascht!“
    Edmund blickte sauer zu Trevor, der neben ihm herkletterte, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Und dabei auch noch lachte!
    „Schnauze!“
    Und hör auf zu wackeln!

    Edmund glich das Gewicht aus, und kletterte weiter. Wann hatte er das eigentlich zuletzt gemacht? Als Kind, wenn er sich recht erinnerte. Bei irgendeinem der älteren Schiffe seines Vaters, als es im Hafen gelegen hatte. Im Hafen war sowas definitiv anders, als auf offener See! Davon abgesehen störte so etwas als Kind wohl einfach weniger. Nun spürte er jedoch Muskeln von denen er nicht einmal wusste, dass er dort Muskeln besaß.

    Vor allem aber erinnerte er sich an die Strafe, die er damit bekommen hatte, als man ihn erwischt hatte.

    Wo ist jetzt dieser Riesenkrake, der das Schiff in die Tiefe zieht?

    Stur kletterte er weiter. Sich weiter still verfluchend, dass er darauf eingegangen war. Vermutlich wollte Trevor ihn nur umbringen! Deshalb kletterte auch neben ihm! Von wegen Absicherung.


    Erschöpft kämpfte er sich schließlich die letzten Zentimeter. Blutige Finger.

    Zweimal wäre er tatsächlich beinahe abgerutscht, konnte sich aber gerade noch festhalten.

    „Ich wusste, Ihr schafft das!“, lachte Trevor, als er sich neben ihm auf das Eselshaupt fallen ließ. Er bot kaum genug Platz für sie beide, reichte aber für eine Verschnaufpause, wenn man sich festhielt.

    Wenn Edmund auch nur daran dachte, den Weg wieder nach unten nehmen zu müssen, war ein Sprung in den Tod vielleicht doch eine Option.
    „Ich überlasse das in Zukunft gerne dir.“ Edmund ließ die Beine baumeln und ignorierte für einen Moment den Wind, die Schmerzen und genoss stattdessen das weite Meer, das sich unter ihm erstreckte. Derjenige, der dem Schiff ihren Namen gegeben hatte, musste in diesem Moment auch von hier oben auf das Meer geblickt haben. Jedenfalls entschädigte der Ausblick die Schinderei. Teilweise. Ein klein wenig.

    Neben ihm lachte Trevor auf.
    „Gebt Ihr etwa auf? Ihr müsstet eigentlich noch über das Bramrah zu den Segelenden, um diese zu prüfen.“
    Edmund blickte über die Querstange, an der das Großsegel befestigt war. Was hatte ihn nochmal geritten, eine Wette einzugehen?
    „Einigen wir uns auf unentschieden?“
    Trevor lachte erneut auf.
    „Ich bin Pirat, da müsst Ihr schon etwas bieten, wenn Ihr wollt, dass ich einen Schatz aufgebe.“
    Edmund blickte nachdenklich zum Deck hinunter, auf dem die Matrosen nun teils wie Insekten wirkten.

    Nelli und Esther standen neben dem Steuermann und sahen sichtlich besorgt zu ihnen beiden hoch.
    „Wie wäre es mit dem Namen? Kein „Ihr“ mehr.“
    Trevor wog den Kopf, als müsste er darüber wirklich nachdenken. Was gab es da nachzudenken!?
    „Einverstanden. Unentschieden.“



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Nelli ächzte als sie die Treppen nach oben an Deck stieg. Ihre schmerzenden Knochen machten ihr Sorgen, wusste sie doch, dass das ein untrügliches Zeichen dafür war, dass sich das Wetter ändern würde. Die sonnigen Tage schienen vorbei, die Hitze war auch schon mehr drückend und schwül geworden, sodass sie sehr darunter litt.

    Nach Edmunds Ausflug an die Spitze des Mastes, hatte sie seine blutigen Hände versorgt, dieses Mal auch ohne einen abfälligen Kommentar zu machen. Egal, wie sehr sie ihn ärgerte und neckte und wie oft er sie beleidigte, es hatte ihr imponiert, dass er das wirklich durchgezogen hatte. Der verwöhnte Schnösel hatte auf jeden Fall Mut und Durchhaltevermögen. Mit seiner Sturheit und seinem Willen, sich zu beweisen, erinnerte er sie ein bisschen an sich selbst, als sie jünger gewesen war.

    Überhaupt waren ihr mittlerweile alle drei ihrer Mitreisenden ans Herz gewachsen. Esther war eine kluge Frau, die noch viel auf ihrem Weg lernen würde und Nelli war durchaus gewillt, ihr Wissen mit ihr zu teilen, weswegen sie ihr immer öfter Rezepte beibrachte und ihr zeigte, wie man die kleinen Wehwechen der Besatzung linderte. Sie ergänzten sich gut und die Alter genoss es sogar, mal wieder einen Lehrling zu haben.

    Trevor hingegen erinnerte sie an einen Hund, den man vielleicht ein Mal zu oft geschlagen hatte. Seine Lebensgeschichte hatte sie berührt und hatte ihren Respekt für ihn noch weiter gesteigert. Sie hatte schon einige Wandler getroffen, doch noch nie hatte einer von ihnen so sehr gegen seine innere Stimme gekämpft wie der junge Pirat. Noch dazu war er einfach ein herzlicher und hilfsbereiter Mensch. Der Einzige, bei dem sie es zu ließ, dass er sie „Oma“ nannte.

    Um so mehr besorgte sie die Tatsache, dass ihr Körper ihr eindeutig vermittelte, dass sie geradewegs in ein Unwetter steuerten. Als sie es endlich mühevoll unter Stöhnen nach oben an Deck geschafft hatte, begegnete ihr Esther, die ihr einen besorgten Blick zu warf. Mit einem Lächeln auf den Lippen winkte sie ab.

    Mach dir keine Sorgen, Kindchen. Nur die Hitze und der Körper einer alten Frau“, wiegelte sie die Besorgnis ab und stellte sich an die Reling um den Horizont abzusuchen. Und tatsächlich waren in der Ferne bereits schon die ersten dunklen Wolken zu sehen und Nelli bemerkte, dass auch der Wind deutlich zugenommen hatte. Sie runzelte ihre Stirn und kniff die Lippen zusammen. Ihr Gefühl sagte ihr, dass das nicht einfach werden würde, ihre morschen Knochen hatten sie noch nie betrogen. Sie wandte sich erneut an die junge Magierin.

    Du solltest dich ausruhen, Mädchen. Ich denke, wir werden deine Hilfe schon sehr bald benötigen, wenn wir heil ankommen wollen.“ Sie tätschelte Esthers Schulter und ging auf die Suche nach Edmund. Er sollte wissen, in was für eine Misere sie geradewegs schifften.

    Sie fand ihn über die Karten gebeugt, neben sich den Kompass liegen, den Trevor ihm geschenkt hatte.

    Ich dachte, es interessiert Euch vielleicht, dass wir in einen Sturm steuern. Und der wird nicht so ein kleines Windchen wie neulich“, kam sie direkt zum Punkt und ließ ihren wachen Blick auf ihm ruhen. Edmund schaute auf und seine Augenbrauen schnellten in die Höhe. Ein tiefes Seufzen kam über seine Lippen und er schüttelte den Kopf. Alles in seiner Haltung zeugte von Abneigung und auch, wie sehr er genervt von diesem Gespräch war, bevor es überhaupt begonnen hatte. Anscheinend war sie nicht die erste, die ihn warnen wollte

    Nicht Ihr auch noch. Jetzt hat sogar die Hexe Angst vorm schwarzen Fleck. Ich will mit diesem Aberglauben nichts zu tun haben“, brummte er unwillig und wedelte abwehrend mit den Händen. Nelli legte den Kopf schief und verengte ihre Augen zu Schlitzen.

    Es ist mir ernst. Mein Gefühl hat mich noch nie betrogen und...“ begann sie ehe der Händlersohn sie mit einer Geste unterbrach.

    Euer Gefühl? Ich vertraue doch nicht dem schlechten Bauchgefühl einer alten Vettel. Den letzten sogenannten Sturm haben wir auch problemlos überwunden, ich gehe davon aus, dass wir das auch dieses Mal schaffen“, wimmelte er sie ab und widmete sich wieder den Karten. Nelli sog scharf Luft ein und beobachtete ihn einen Moment.

    Ich habe Euch gewarnt. Tut damit, was ihr wollt. Ich hoffe jedoch für Euch, dass ihr standfest seid. Wäre zu schade, wenn Ihr bei so einem Unwetter über Bord geht“, fügte sie noch trocken hinzu und ließ ihn stehen, bevor er darauf reagieren konnte. Innerlich schimpfte sie über den kleinen Schnösel, der glaubte, so viel Ahnung zu haben und im Endeffekt nichts wusste. Es würde ihm wirklich nicht weh tun, gelegentlich den Ratschlag oder Hinweis von jemand anderem anzunehmen, doch vermutlich hinderte sein Stolz ihn daran. Irgendwann würde dieser Stolz ihn umbringen oder er unter der Last, vermeintlich alles allein machen zu müssen, zusammenbrechen. Immerhin hatte er ja schon zugegeben, sich mit der Reise überfordert zu fühlen. Doch Hilfe annehmen wollte er auch nicht. Also würde er aus seinen eigenen Fehlern lernen müssen.

    Mühsam kämpfte Alte sich wieder unter Deck, wo sie begann ihre Sachen für die unvermeidlichen Verletzten vorzubereiten. Innerhalb weniger Stunden merkte sie, wie das Schiff immer unruhiger wurde und der Seegang an Stärke deutlich zu nahm. Taumelnd kletterte sie wieder oben und fand sich inmitten schwarzer Wolken und Blitzen wieder. Innerhalb weniger Augenblicke war sie völlig durchnässt, während das Schiff durchs Wasser gewirbelt wurde als wäre es ein Spielzeug.

  • Das nächste Mal hörte Esther lieber gleich auf Nelli.

    Statt sich auszuruhen, wie von der Hexe vorgeschlagen, hatte sie mal wieder über die Magiesteine nachgedacht, in ihren Büchern gelesen oder einfach die Zeit totgestarrt. Nach und nach war ihr der veränderte Seegang aufgefallen. Das Schiff schlingerte immer heftiger und schließlich veranlasste sie weit entferntes Donnergrollen dazu, ihre Lektüre zu beenden. Noch während sie sich komplett anzog und die Haare notdürftig zusammensteckte, schien es, als bräche das Unheil höchstselbst über die Eleftheria hinein.

    Sicherheitshalber steckte sie die Magiesteine und das Auge von Zydderfon ein. Sie konnte zwar beides nicht benutzen, aber es erschien ihr sicherer, sie mitzunehmen. Sie befürchtete, dass die Steine wegen des Seeganges wegrollen könnten.

    Mehr taumelnd als gehend hechtete Esther durch das Unterdeck, wobei sie sich mehrere Male irgendwo stieß, gegen die Wand schlug oder einfach stolperte. In der einen Hand hielt sie bereits ihren Zauberstab, die andere krallte sich überall fest, wo nur möglich. Bereits in ihrer Kabine war ihr die Lautstärke des Sturms aufgefallen, doch je näher sie dem Ausgang kam, desto heftiger wurde es. Sie hörte, wie sich die Männer über den tosenden Wind Befehle und Anweisungen zubrüllten.

    Ob Edmund und Trevor auch draußen sind?

    Nelli hockte mit Sicherheit in ihrer Kabine und saß das Unwetter aus.

    Ohne, dass sie genau wusste warum, erweckte der Gedanke daran, dass die beiden Männer sich dem Sturm stellten, eine gewisse Besorgnis in ihr. Automatisch beschleunigte sie ihre Schritte. Sie wollte nicht, dass sich irgendjemand von den beiden verletzte, weil sie nicht rechtzeitig kam.

    Du hättest schon längst oben sein müssen!

    Auf dem Oberdeck peitschte ihr heftiger Regen und starke Böen entgegen. Sofort war ihre Kleidung klitschnass. Blinzelnd versuchte sie die Situation zu überblicken, erschuf dann schnell einen Schild um sich, der sie vor dem wütenden Wetter schützte. Dunkle, tief hängende Wolken rollten über sie hinweg und schienen die Eleftheria mit sich ziehen zu wollen.

    Verzweifelt versuchten die Männer die Segel einzuholen und umherfliegende Gegenstände zu sichern. Offenbar waren sie alle von dem Unwetter überrascht worden.

    Immer wieder gerieten die Besatzungsmitglieder ins Schleudern, weil das Schiff sich auf die Seite warf oder eine Welle über das Deck rollte. Gerade als die Männer eines der Segel bändigen konnten, blähte der Wind es wieder auf.

    Sie dachte nicht länger nach.

    Während alle um sie herum um einen sicheren Stand bemüht waren, rannte sie fast leichtfüßig über das nasse und rutschige Holz, geschützt durch ihren Schild. Sie musste weit nach vorne, wo sie ihre Magie besser kontrollieren und lenken konnte. Außerdem würde sie niemandem im Weg stehen. Zwar konnte sie nicht verhindern, dass die Männer der Eleftheria ordentlich durchgeschüttelt werden, aber sie konnte den Schaden begrenzen und dafür sorgen, dass keiner ums Leben kam.

    Am Bug angekommen, packte sie eines der Taue, um sich daran festzuhalten, und sammelte ihre Kräfte. Der Regen hatte ihre Kleidung hoffnungslos durchnässt und Haarsträhnen klebten ihr im Gesicht.

    Ein Blitz erhellte für einen Lidschlag die dunkle Umgebung und ließ furchterregende Schatten am Himmel tanzen. Donner grollte über sie hinweg, drohend und laut.

    Esther schloss kurz die Augen, konzentrierte sich und noch bevor ein neuerlicher Blitz die Eleftheria treffen konnte, streckte sie ihren Stab in die Höhe.

    Augenblicklich sperrte ihr Schild aus reiner, leuchtender Energie den heftigen Wind und den Regen aus, nur das Schaukeln des Schiffes blieb. Dies konnte sie jedoch nicht beeinflussen. Sie wusste auch, dass diese Art der Barriere nicht lange halten würden, aber der Mannschaft genügend Zeit verschaffte.

    Während sie noch immer ihren Stab erhoben hielt, drehte sie sich um und blickte auf die Besatzung herab. Unter ihnen entdeckte sie auch Trevor, deren Kleidung ebenfalls nass an ihm herabhing. Edmund sah sie nicht. Sofort stieg unerklärliche Panik in ihr auf und ihr Herz klopfte heftig. Sie hoffte, dass niemand ihre aufsteigende Unsicherheit bemerkte. Esther ließ ihren Blick über die Männer schweifen, die sie anstarrten, als wäre sie ein Ungeheuer.

    „Macht schon!“, schrie sie über das Donnergrollen hinweg und wandte sich wieder der unbarmherzigen Schwärze der See zu.

    Esther wusste, dass sie alle sterben würden, wenn sie jetzt versagte, doch sie spürte, wie ihr bereits jetzt schon erhebliche Energie entzogen wurde.

    Wacker hielt sie sich an der Bugleine fest und streckte den Zauberstab in die Höhe. Das Wasser knallte erbarmungslos gegen ihren Schutzschild, der mittlerweile die gesamte Eleftheria umrundete.

    Doch wenn der Sturm nicht langsam abflaute oder die Männer nicht langsam fertig wurden, würde sie ihre Barriere nicht mehr lange halten können. Bei jeder Welle, die gegen das Schiff brach, spürte sie ein Vibrieren in ihrem Inneren. Jeder Blitzeinschlag riss weitere bedenkliche Löcher in ihren Schutzschild.

    Sie musste nur durchhalten, bis die Männer die Ladung gesichert hatten.

    Ein Schrei ließ sie herumfahren, ohne aber ihre Barriere aus dem Augenmerk zu verlieren. Die Eleftheria geriet erneut in Schräglage, weshalb Esther sich schnell am Tau festkrallte, um nicht selber über Bord zu gehen. Gerade rechtzeitig schnellte ihr Zauberstab vor und errichtete einen kleineren Schild, der Stiev davor bewahrte von umherfliegenden Fässern erschlagen zu werden. Zwei der Geschosse fanden ihren Weg über die Schiffswand, das Dritte zerschmetterte an der Reling, knapp neben Stiev. Der kauerte sich auf dem Boden zusammen, die Arme schützend über den Kopf erhoben.

    Esther bemerkte, wie ein weiterer Teil ihrer Energie wich und ihr Schild schwächer wurde. Dann schaffte es der peitschende Regen durch ihre Barriere und begann, das Deck zu fluten. Wieder wurde das Schiff zur anderen Seite geworfen und für einen Moment fühlte es sich für Esther an, als hätte die Eleftheria den Kampf verloren. Torkelnd verloren die Männer ihren Halt und schlitterten über das Oberdeck. Einige retteten sich, indem sie sich irgendwo festhielten. Einem anderen Mann blieb dieses Glück nicht vergönnt, denn er rollte bis zur Reling und drohte hinüberzufallen.

    Wieder gelang es Esther nur um Haaresbreite, einen Schutzschild zu errichten, der den Mann zurück auf die Eleftheria beförderte.

    Der stetige Entzug ihrer körpereigenen Energie sorgte dafür, dass ihre Beine zitterten und ihr Blick verschwamm. Trotzdem sie auf ein Knie sank, straffte sie sich und legte erneut Kraft in ihren Schild.

    Wenn mich der Sturm nicht umbringt, wird es meine eigene Magie mit Sicherheit tun.

    • Offizieller Beitrag

    Trevor hielt das alles für einen makabren Scherz der Meeresgötter. Nass hing seine Arbeitskleidung an ihm herunter. Einzelne Strähnen seines Haares klebten ihm im Gesicht. Die Magierin hatte einen Schutzschild um das Schiff aufgebaut, der ihnen Zeit verschaffte, die Segel einzuholen und alles zu sichern. Trevor wollte diese Zeit nicht verschwenden, die ihnen geschenkt worden war und feuerte die Mannschaft an. Seine eigenen Hände waren vom Regen und der Taue aufgeweicht; es bildenten sich Blasen, die er nicht zum ersten Mal hatte. Zum Jammern war aber keine Zeit. Das Schiff schaukelte wild von einer Seite zur nächsten. Durch die Wellen bekam die Nussschale immer wieder heftige Schlagseite.
    Ich glaube nicht, dass Esther das lange aufrechterhalten kann …
    „Hol weg …“, schrie Trevor die Mannschaft an und zog am Tau. „Hol weg!“
    Neben Trevors Stimme war auch von die von Edmund zu hören. Er koordinierte die restlichen Männer, damit sie die Ladung, die an Deck stand, ordentlich festzurrten. Es ging zu wie in einem Ameisenhaufen. Alle rannten herum.
    „Das ist der schwarze Fleck“, schrie einer der Männer. „Ganz sicher!“
    „Hör auf, so einen Blödsinn zu reden“, schimpfte Trevor. „Das ist das Meer!“
    „Trevor hat recht“, stimmte Stiev zu. „Das Meer ist mal gnädig und mal gnadenlos. Das hat aber nichts mit einem Ammenmärchen zu tun.“
    Die Segel waren eingeholt, als eine großen Welle das Schiff traf, begleitet von Blitzen und Donnergrollen. Es kam kaum Wasser zu ihnen durch, aber Trevor und der Rest der Männer, die am Tau gezogen hatten, wurden in die Mitte des Decks geworfen.
    Esther sah anscheinend, wie sich einige Kisten aus der Verankerung lösten und geradewegs auf die Männer zuhielt. Sie schaffte es, einen weiteren Schild aufzubauen, der die Männer vor diesen Kisten schützte.
    Gut gemacht, Gräfin …
    Trevor richtete sich wie die anderen Männer auf und nickte ihr zu.
    Sie lächelte angestrengt und richtete dann wieder ihre Konzentration auf ihren großen Schild.
    „Das muss schneller gehen!“, rief Edmund. „Schafft die Kisten wieder an ihren Platz!“
    Die Männer begannen, sofort die Kisten wieder an ihren Platz zu schieben und verzurrten sie erneut.
    Dieser Sturm spielte mit ihnen Trevor fuhr sich mit seiner Hand über sein Gesicht; schnappte sich ein Seil und warf es sich um die Schulter.
    Das ist zu unsicher … Sie steht unsicher …
    Er begab sich rasch zum Bug. Er hatte alle Mühe damit, sicheren Stand auf den nassen Dielen zu bekommen, aber das war nicht der erste Sturm, den er miterlebte. Seine Erfahrung machte sich dahingehend bezahlt, sodass er nicht direkt von Bord ging. Das hoffte er zumindest.
    Bei Esther angekommen, nahm er das Seil zur Hand und band es am Ankerspill fest. Dann ging er zu Magierin und legte eine großzügige Schlaufe um ihre Hüfte. „Ihr könnt jederzeit aus dem Seil herausschlüpfen, aber es schützt Euch etwas und Ihr müsst Euch nicht die ganze Zeit an dem Seil festhalten“, schrie er gegen den Wind.
    Die Magierin sah überrascht auf das Seil hinunter und danach Trevor an. „Danke“, brachte sie schwach und krächzend hervor, was dem Formwandler zeigte, dass die Schilde einiges an Energie kosteten.
    Wie lange sie das wohl schafft? Wie lange wir es wohl schaffen?
    Er band das andere Ende des Seils danach ebenso fest wie das zuvor. „Nichts zu danken. Hauptsache, Ihr bleibt an Bord.“
    Trevor begab sich sofort auf den Weg zurück zu den Leuten und war gerade auf Höhe des Fockmastes angekommen, als er erneut das peitschende Geräusch eines reisenden Seiles hörte.
    Die große Kiste voll Werkzeug, Besen und Eimer hatte sich gelöst und raste durch eine Welle angetrieben geradewegs auf einen alten Seemann zu.
    „Diese scheiß Fracht!“, hörte Trevor noch Edmund aus der Ferne schimpfen, während der alte Seemann bei dem Anblick der herannahenden Kiste zu einer Salzsäule erstarrte.
    „Schaff deinen Arsch aus der Bahn!“, rief Trevor, aber bevor er seinen Satz beendet hatte, hatte er sich schon in Bewegung gesetzt und hechtete auf den Alten zu.
    Gerade noch, schaffte es der Formwandler, den alten Mann aus der Bahn zu schupsen, während er selbst nicht so viel Glück besaß. Mit voller Wucht erwischte Trevor die brusthohe Kiste und schleuderte ihn gegen die Zimmermannswerkstatt. Das Holz gab nach und so verklemmte sich die Kiste an einer Seite. Trevor spürte den Schmerz in seiner Brust und knurrte.
    Das waren mindestens zwei Rippen … Ich Idiot.
    Er bekam zunächst kaum Luft. Kurz wollte ihn Übelkeit übermannen, aber Trevor riss sich zusammen. Er konnte jetzt nicht den sterbenden Schwan spielen!
    „Ich brauche hier Hilfe“, rief der alte Mann, der sich wieder aufgerappelt hatte, den anderen Seemännern zu.
    Auch Edmund eilte zum eingekeilten Trevor. „Was machst du da?“, wollte er wissen.
    „Pause! Wonach sieht es denn aus?“
    „Geht es dir gut?“

    Sofort versuchten Edmund und einige andere, die Kiste zu bewegen, aber das war alles andere als angenehm.
    „Seid vorsichtig. Die hängt mir ziemlich in den Eingeweiden.“
    Trevor spuckte Blut in die Kiste, und Edmund schaute ihn beinahe besorgt an. „Hab mir auf die Zunge gebissen“, beruhigten der Formwandler den Händlersohn. Das war sogar wahr. Er hatte sich beim Aufprall auf die Zunge gebissen.
    Urplötzlich erschien vor Trevor ein helles Licht und kurz dachte er, der Moment sei gekommen, in dem er vom Tod eingeholt werden würde. Das Licht stellte sich aber als Schild der Magierin heraus. Der Schild schob vorsichtig die Kiste von Trevor weg, sodass er freikam. Tief atmete der Formwandler durch, als er es wieder konnte und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Oberkörper.
    Edmund stützte ihn, aber zum Verschnaufen war keine Zeit.
    „Edmund …“, kam Trevor stöhnend über die Lippen. „Du musst zum Steuermann. Dieser verkalkte Greis hat das Schiff immer noch nicht in den Wind gedreht …“
    Trevor wusste, dass Edmund diesen Befehl bereits gegeben hatte. Aber entweder wusste der Alte nicht, von wo der Wind kam – oder er wollte das Schiff gar nicht retten.
    „Kann man dich alleine lassen?“, fragte Edmund, und Trevor nickte.
    „Ich habe schon Schlimmeres überlebt, keine Sorge. Ich muss nur … durchatmen.“
    Edmund zögerte einen Moment, aber nickte ebenfalls. „Dann mache ich mich auf den Weg!“
    Trevor stützte sich an der zerborstenen Werkstatt ab und sah Edmund hinterher, der einem herumrollenden Fass auswich.

    Denk daran, dich später bei Esther zu bedanken ...

    Noch konnte sich Trevor keine Pause gönnen. Kaum hatte er es geschafft, den Schmerz einigermaßen zu ignorieren, schaute er, wo er als nächstes gebraucht wurde.
    Heute wird noch nicht gestorben …

  • Das Schiff wurde von den meterhohen Wellen wie ein Spielzeug umhergeworfen. Und alles, was sich auf ihm befand - ebenfalls.
    Der Sturm war scheinbar aus dem Nichts gekommen. Hätte Nelli nichts gesagt, wären sie von diesem Chaos völlig überrascht worden. Innerhalb weniger Minuten hatte sich der Himmel zugezogen und seither war so gut wie Nacht. Und er hatte den Überblick verloren.
    Beim nächsten Mal hörst du gleich auf die Hexe, statt dir noch eine Stunde Zeit zu lassen!
    „Was stimmt nicht mit dir!“, brüllte Edmund gegen das Rauschen der Wellen den Steuermann an. „Dreh das Schiff endlich in den Wind, du Schwachkopf!“ Hinter ihm krachte und knarrte irgendwas. Vermutlich hatte sich erneut eines der Fässer gelöst. Dabei hatten sie den Großteil noch vor dem Sturm unter Deck schaffen können. „Als Tipp“, rief er, „dass ist die Richtung, aus der die riesigen Wellen über das Schiff rollen!“ Edmund gestikulierte nach Backbord.
    „Ich versuche es, ja!“, brüllte der Steuermann zurück. „Aber es lässt sich nicht bewegen! Irgendwas muss sich verklemmt haben, oder die Strömung ist zu stark!“
    Der Steuermann, Troy, so weit er mitbekommen hatte, hing mittlerweile an einer Seite des Steuerrades mit dem kompletten Gewicht – und zog und zerrte.
    „Was ist?“, rief die dunkle Stimme des Kochs hinter ihm. Edmund wandte den Blick nur kurz über die Schulter. Der bärtige Kerl sah ebenso durchweicht aus wie alle anderen. Und mindestens genauso mitgenommen, wie sich Edmund fühlte.
    „Wir müssen das Schiff in den Wind drehen“, brüllte Edmund zurück.
    „Aber das verdammte Steuerrad lässt sich nicht bewegen!“ Troy spuckte aus und strich sich die grauen Haare aus der Stirn, ehe er sich erneut mit aller Kraft gegen das Steuerrad warf. „Und ich habe meine Pfeife verloren!“
    Man kann ja nicht nur Pech haben.
    Der Koch eilte Troy zu Hilfe. Sie zerrten und Schoben an dem Steuerrad und schimpften wild darauf ein. Doch das Steuerrad blieb davon recht unbeeindruckt. Es leistete stur Widerstand, weshalb Edmund seinerseits über die Planken schlitterte, um fast an den beiden Männern vorbei zu rutschen und sein eigenes jämmerliches Gewicht ebenfalls an das Steuerrad zu hängen.
    In dem Moment schwankte die Eleftheria gefährlich zur Seite. Er krallte sich am Steuerrad fest, während von irgendwoher Schreie erklangen und wieder verklangen.
    Neben ihm fluchten Koch und Steuermann.
    Auf der anderen Seite des Schiffes baute sich eine riesige Welle auf, in deren Ausläufern sich die Eleftheria nun zur Seite neigte.
    „Wenn die Welle über dem Schiff zusammenbricht, kentern wir!“, schrie Troy.
    „Das seh‘ ich selbst!“, gab Edmund zurück und versuchte, sich seine Panik nicht anmerken zu lassen. Leichter gesagt als getan.
    „Dann sollen wir aufhören zu quatschen!“, brüllte der Koch.
    Sie drückten sich zu Dritt gegen das Steuerrad und endlich bewegte sich das Schiff ächzend. Ein erleichtertes Aufstöhnen kam vom Steuermann und mit einem Mal ließ sich das Steuerrad wieder drehen, erst langsam dann immer schneller, weshalb sie sich nun in die entgegengesetzte Richtung stützen mussten, um es wieder anzuhalten. Als das Rad zum Stillstand kam, wurde endlich das Heck der Eleftheria angehoben und sie fuhren mit der Welle. Allerdings nicht lang, denn zeitgleich stürzte die Welle auf das Schiff und spülte mit aller Gewalt über das Deck.
    Edmund riss es die Beine weg, er rutsche ab und wurde mitgerissen. Er schlug mit dem Knie irgendwo an, dann mit dem Fuß und dem Kopf. Als er an der Reling zum Stillstand kam, trat ihm kurz schwarz vor die Augen, dann holte er Luft.
    Während er noch hoffte, dass die Mannschaft sich irgendwie an Bord hatte halten können, wurde der Koch an ihm vorbei und über die Reling gespült. Einem Reflex folgend, ergriff Edmund die Kleidung des Mannes, dann riss der Kerl ihn hinter sich her.

    Irgendwie gelang es ihm noch, sich mit dem Fuß in einer Nische zu verkeilen, dann presste sich Holz in seinen Bauch. Das Gewicht des Mannes schmetterte ihn nach unten und mit einem widerlichen Plopp sprang ihm das Gelenk aus der Schulter. Der Schmerz, der ihn daraufhin durchzuckte, ließ selbst ihn nach Luft schnappen und beinahe hätte er den Koch doch noch losgelassen. Er packte mit der anderen Hand ebenfalls zu. Dann sah er nach unten und schloss sofort die Augen.
    Das Bild bekomme ich nie wieder aus meinem Kopf.
    Bei seinem Glück hatte er den Koch natürlich ausgerechnet am Gürtel erwischen müssen, sodass dieser nun wie ein nasser Sack unter ihm baumelte und dabei deutlich mehr Hintern zeigte, als man von dem Kerl sehen wollte.
    Ich muss nur loslassen und kann der Welt den Anblick ersparen. Und sein Essen.
    Er spürte wie sich Hände um seine Hüfte schlossen und an ihm zerrten.
    Chance vertan.
    Edmund stemmte sich zurück und mit dem Fuß gegen die Reling, kaum, dass er selbst wieder fest stand und gemeinsam zerrten sie den Koch zurück an Bord.
    Keuchend ließ er sich auf den Boden fallen, direkt neben Stiev. Der Koch landete auf seiner anderen Seite.
    „Ihr macht es einem aber auch nicht leicht, Herr“, stieß Stiev aus.
    Ich geb‘ mir Mühe.
    „Danke“, keuchte der Koch.
    „Bedankt euch, wenn wir das überstanden haben.“ Edmund verzog das Gesicht, als er sich erhob. Seine linke Schulter und sein Arm wurden taub. Dafür blieb ihm später noch Zeit.
    Um kurz Luft zu holen, sah er über das Deck. Nun, da die Wellen nicht mehr die Längsseiten des Schiffes trafen, war die Fahrt noch immer ungemütlich, aber sie drohten nicht mehr jeden Moment zu kippen. Davon abgesehen, schienen alle noch an Deck zu sein.
    Sein Blick glitt zu Esther, die an ihrem Seil festgebunden, verbissen versuchte, das Gröbste von der Eleftheria abzuhalten. Aber ihre Schutzschilde wurden sichtlich und spürbar schwächer.
    Leider gab auch das Meer sich weiterhin Mühe, möglichst wild zu bleiben. Wellen rissen weiter alles mit sich, während der Himmel von dunklen Wolken verdeckt blieb und unablässig Wassermassen ausspie. Kein Lichtfleck war zu erkennen. Kein Zeichen, dass es bald ein Ende hatte. Ganz im Gegenteil ...

    Edmund schluckte eine Panikattacke hinunter.
    „Hey“, brüllte er über das Schiff, „Bug!“ Er zeigte zum Anfang des Schiffes, wo sich in einiger Entfernung ein unheilvoller Wirbel aus dem Himmel schraubte. Der Strudel wuchs schnell und bugsierte Wassermassen in die Höhe und wenn sie Pech hatten, nicht nur die.
    Die Matrosen erstarrten, ehe wieder Bewegung ihn sie kam. Einige liefen panisch umher, andere machten schneller mit ihren Aufgaben weiter.
    Edmund wandte sich zurück an Troy. „Versucht auf Backbord an dem Ding vorbeizusteuern!“ Der Sturm würde sich im Uhrzeigersinn drehen, sie konnten also den Wind nutzen, um daran vorbeizufahren, statt auf der rechten Seite gegen Wind und Strömung zu kämpfen und vielleicht noch in den Sturm gesogen zu werden.
    Der Steuermann nickte erschöpft und gemeinsam mit dem Koch stemmte er sich wieder gegen das Steuerrad.
    Edmund schlitterte derweil mehr als dass er lief zum Anfang des Schiffes. Esther stand dort nach wie vor allein und er wusste nicht, ob sie ihn über das Rauschen der Wellen gehört hatte. Auch, wenn ihm gerade jeder Muskeln in seinem Körper sagte, er sollte den Hintern gefälligst in die entgegengesetzte Richtung schwingen!
    Das stürmische Meer ließ ihn nach vorn oder nach hinten rutschen, weshalb ein Vorankommen fast unmöglich war. Den anderen ging es aber auch nicht besser. Zweimal rutschte ein alter Kerl an ihm vorbei. Einmal auf dem Hosenboden und auf dem Rückweg mit dem Gesicht.
    Edmund hätte sich nur allzu gern unter Deck versteckt. Dort war es wenigstens trocken. Aber das brachte ihm reichlich wenig, wenn sie auf dem Meeresboden endeten. Dann lieber sehenden Auges in den Sturm. Auch, wenn ihm das Herz gerade in die Schuhe gerutscht war.

    Wir werden hier sterben!
    Völlig erschöpft kam er bei Esther an. Edmund machte sich nichts vor, ohne sie wäre die Eleftheria wohl bereits gesunken. Allerdings war er sich langsam nicht mehr sicher, wer gegen wen kämpfte. Esther gegen das Wetter, das Wetter gegen Esther oder die Erschöpfung gegen die Magierin. Sie war kreidebleich im Gesicht und schien zu zittern. Vor Anstrengung oder vor Angst wusste er nicht. Er jedenfalls zitterte nur vor Anstrengung ...
    „Haltet Ihr noch durch?“, brüllte er ihr zu.
    Sie nickte, wenn auch mit verkniffenem Gesicht.
    Das glaube ich nicht.
    Er sah nach vorn, wo sich aus dem kleinen Wirbel immer schneller ein ausgewachsener Windstrudel in den Himmel schraubte.



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Am liebsten hätte sie bei Edmunds Frage laut aufgelacht. Jeder Blinde dürfte sehen, dass ihre Schilde kaum mehr Kraft besaßen. Und bei dem, was vor ihnen lag, brauchte sie davon eigentlich noch jede Menge.

    Ein neuerlicher Wellenschlang rüttelte das Schiff durch. Esther taumelte und auch Edmund neben ihr suchte nach Halt.

    Er schien erstaunlich standfest zu sein. Auf seinem Gesicht lag ein grimmiger Ausdruck, aber auch Angst glänzte in seinen Augen. Angst, die auch sie verspürte.

    Sie schob dieses erdrückende Gefühl in den Hintergrund und konzentrierte sich auf das Chaos vor sich. Viel zu schwerfällig änderte die Eleftheria ihre Fahrtrichtung.

    Sie wollten an dem Strudel vorbeisegeln.

    Esther überlegte.

    Es musste dafür Sorge getragen werden, dass der Mannschaft dieses Manöver gelang.

    Doch bevor sie ihren Zauber umlenken konnte, schlug ein Blitz krachend auf ihren Schild ein. Sengender Schmerz jagte durch ihren Körper und lähmte sie für einen Augenblick. Tränen schossen ihr in die Augen und sie schrie auf.

    Grollend lachte Donner sie aus und erneut traf ein Blitz ihre Barriere.

    Sie spürte ihre Magie unter der Last bröckeln.

    Verdammt! Lange kann ich es nicht mehr halten!

    Von Schwindel gepackt, sackte sie zusammen und kauerte sich auf den nassen Brettern zusammen.

    Edmund ergriff ihre Schulter. „Esther?!“

    Als sie zu ihm aufblickte, sah sie echte Sorge in seinen Augen.

    Ob dieses Gefühl ihr galt oder einfach der Gesamtsituation geschuldet war, konnte sie nicht sagen. Sie wusste nur, dass sie etwas tun musste.

    Noch immer trieb das Schiff auf den massiven Strom zu.

    Für die Strömung schien die Eleftheria zu leicht zu sein, was bedeutete, dass sie hoffnungslos hineingezogen werden würden.

    Wie von selbst griff sie in ihre Gürteltasche und holte einen der Magiesteine hervor.

    Für irgendwas müssen die Dinger ja gut sein!

    Ein weiterer Blitzeinschlag ließ ihren Schild endgültig verschwinden und brachte den brutalen Wind zurück.

    Während Edmund einen Schritt zurückwich, erhob sie sich. Die Schlinge rutschte ihr von der Hüfte und sie blinzelte gegen den starken Regen an. Sie hörte zwar das Geräusch der wütenden See, die Donnerschläge und die panischen Rufe der Mannschaft, konzentrierte sich aber nur auf ihre Aufgabe.

    Nun ließ sie auch das Tau los und um einen festen Stand bemüht, reckte sie dem Strom aus Wasser und Wind den Stab entgegen. Mit der anderen Hand umklammerte sie diesen – dreimal verfluchten – Magiestein.

    Ob ihre Augen wegen des Regens brannten oder weil sie tatsächlich weinte, konnte sie nicht sagen. Wie in Trance murmelte sie ihren Spruch. Nichts geschah.

    Ich habe mich verausgabt, gestand sie sich selbst ein.

    Sie wiederholte den Spruch. Einmal, dann ein zweites und drittes Mal.

    Gerade als Verzweiflung sie unbarmherzig packte, spürte sie eine ungewohnte, pulsierende Kraft in sich, die von dem Magiestein über den Arm in ihren Körper floss. Wärme fing sie ein.

    Komm schon! Konzentriere dich!

    Abermals sagte sie ihren Spruch auf.

    Ganz langsam breitete sich unmittelbar vor ihr ein Silber leuchtender Schild aus. Geformt wie die Linse eines Fernrohrs wuchs er stetig an und pulsierte dabei, als würde er ihren eigenen Herzschlag imitieren.

    Plötzlich rauschte eine Welle der Energie durch sie hindurch. Sie schloss kurz die Augen, atmete tief ein und während sie die Luft wieder ausstieß, breitete sich der Schild rasend schnell aus und umwölbte einen Lidschlag später die gesamte Eleftheria. Feine Fäden, die wie filigrane Zweige aussahen, wanderten über ihre Barriere und ließen die Umgebung aufleuchten.

    Sie wusste sofort, dass sie das kaum würde halten können. Aber das bewahrte sie im Moment alle vor dem sicheren Tod. Und wenn sie sich beeilte, schaffte sie es vielleicht, das Schiff vor dem gefährlichen Sog zu retten.

    Entschlossen machte sie einen Schritt vor und presste ihren Schild gegen den Wirbel.

    „Lasst das … Steuerrad … los“, befahl sie, bemerkte aber, dass ihre Stimme viel zu leise war. Edmund jedoch hatte sie gehört und brüllte über das Deck hinweg. Sie hörte, wie der Befehl von einem zum anderen getragen wurde und hoffte, dass er sein Ziel schlussendlich erreichte.

    Dann änderte sie ihren Zauber. Zusätzlich zu ihrem großen Schild, formte sich eine zweite, kugelartige Barriere. Damit begann sie, das Schiff langsam von dem Strudel wegzudrücken. Kurz schien die Eleftheria deshalb in Stillstand zu geraten, dann aber bewegte sie sich von dem reißenden Strom weg.

    Ein Brennen in ihrer Handfläche ließ Esther zusammenzucken, was sie zunächst ausblendete und sich weiter auf ihre Magie konzentrierte .

    Sie wankte, als das Schiff sich aufbäumte und gleich darauf auf einer Welle hinabsauste. Das krachende Geräusch war ohrenbetäubend.

    Esther stolperte einige Schritte vor, kam direkt an der Reling zum Stehen und starrte geradewegs in den schwarzen Abgrund hinein.

    Sie hätte die Schlaufe behalten sollen …

    Das Zittern in den Knien ignorierend, verkrampfte sich die schmerzende Hand um den Stein. Sie lenkte all ihre Aufmerksamkeit dorthin.

    Ein Blitz traf ihren Schild und ließ ihn erzittern, ein Keuchen entrang sich ihrer Kehle.

    Dann spürte sie Wärme in ihrer Hand und Energie, die erneut ihren Körper flutete. Diesmal fühlte es sich allerdings … falsch an.

    Ein silbernes Leuchten durchzog das Holz ihres Zauberstabes.

    Immer mehr Energie schoss durch ihren Körper, viel zu schnell als das sie diese sorgsam bündeln konnte. Die anfängliche Wärme wandelte sich in gleißende Hitze um und lähmte ihre Sinne. Plötzlicher Kopfschmerz plagte sie und vor ihren Augen tanzten Sterne.

    Die Energie, die sie freigelassen hatte, jagte zurück in ihren Körper. Schmerz ließ sie aufschreien und zwang sie zum Rückzug.

    Ihr Schild krachte buchstäblich zusammen.

    Als das Schiff erneut in er abrupten Bewegung die Richtung änderte, kippte sie haltlos nach vorne und konnte sich wieder nur im letzten Moment an der Reling abstützen. Auch Edmund stürzte und rutschte einige Schritte über das nasse Deck.

    Haarscharf schrammte das Heck der Eleftheria an dem Strudel vorbei.

    Hatte sie es geschafft?

    Ihre Hand schmerzte mittlerweile so stark, als hätte ihr jemand einen Dolch hineingejagt. Prüfend betrachtete sie ihre Handfläche, von der die Überreste des Magiesteins wie ein zerbröselter Keks zerfielen und wie Asche vom Wind fortgetragen wurden. Blut troff von ihren Fingern auf die Holzbohlen und vermischte sich dort mit dem Wasser.

    Sie schluckte den sauren Speichel einfach herunter und versuchte, sich aufzurichten. Zitternd hob sie den Arm, um einen neuen Schild zu errichten, aber jedes Gefühl in ihrem Körper erstarb augenblicklich. Schwärze breitete sich vor ihren Augen aus. Das Schiff bäumte sich auf, jemand schrie ihren Namen – Edmund?

    Ihr Handgelenk wurde gepackt und der Zauberstab entrissen.

    Noch bevor die Welle gegen den Bug des Schiffes schlug, umfasste sie einer mit beiden Armen und zerrte sie zurück.

    Sie spürte, wie ihr Bewusstsein nun endgültig in die Dunkelheit glitt.

    • Offizieller Beitrag

    Edmunds Stimme war kaum zu überhören, sodass Trevor umgehend zu ihm geeilt war, um Esther von einem Sturz ins Meer abzuhalten. Er legte sie an Deck, und Edmund wiederholte ihren Namen, um sie zu Bewusstsein zu bringen, aber es half nichts. Esther hatte sich mit ihren Schilden überanstrengt. Einen Zustand, den Trevor nur zu gut nachempfinden konnte. Aber selbst Edmund sah nicht mehr taufrisch aus. Seine Schulter war eindeutig ausgekugelt und trotzdem hatte er den Koch gerettet. Niemand hätte es ihm übelgenommen, wenn er losgelassen hätte.
    Zäher Bursche …
    „Bringen wir sie zu Nelli, schnell!“, brüllte Trevor, und Edmund nickte.
    „Das wird das Beste sein!“
    Trevor richtete sich auf und verzog schmerzhaft sein Gesicht. Seine Rippen wollte nicht gänzlich wie er. Er atmete tief durch, um den Schwindel zu vertreiben. Er musste nur noch einen kurzen Moment durchhalten, dann konnte er sich in seiner Kabine ausruhen …
    Ausruhen …
    „Geht es dir wirklich gut?“
    , fragte Edmund.
    „Alles in Ordnung“, log Trevor. „Du solltest dich lieber um deine Schulter kümmern.“
    Trevor schulterte Esther und hielt sie mit einem Arm fest. Den anderen brauchte er, um sich auf dem schwankenden Schiff irgendwo festhalten zu können. Dabei entgingen ihm die blutige Hand der jungen Frau nicht. Magie schien nicht nur irgendeine Art Hokuspokus zu sein, sondern forderte einiges von seinem Anwender. Vermutlich war nichts im Leben ungefährlich. Trotzdem schien Esther eine wirklich starke Magierin zu sein, die trotz ihres Status, nicht über ein paar Anstrengungen klagte. Nein, sie ging weit über ihre Schmerzgrenze hinaus. Aber warum tat sie das?
    Trevor war es nicht anders gewohnt. Als verwaister Junge hätte er entweder verhungern können oder musste arbeiten. Er hatte viel gesehen. Alte Schiffe, in denen immer Wasser in den Quartieren stand. Füße, die wegen der Dauerfeuchtigkeit abfaulten, Krankheiten, Maden und Würmer. Ratten überall …
    Das Piratenschiff war in weitaus besserem Zustand gewesen, auf dem er aufgewachsen war, was ihn anhielt zu bleiben, anstatt eine Flucht zu versuchen. Er konnte nicht wissen, dass die Mannschaft und Johnny irgendwann zu einer Art Familie wurden. Eine Familie, die er gegen seinen Willen verlassen hatte, weil er vermutlich für zu schwach gehalten worden war. Er verstand nicht, warum Johnny ihn gerettet hatte. Den anderen Männern hatte er gesagt, dass sie bleiben und kämpfen sollten. Nur ihn hatte er bewusstlos geschlagen und über Bord geworfen. Johnny war eine Art Vater für Trevor gewesen. Aber sicherlich nicht die Art, die ihm die Ehre verweigert hätte, mit seinen Leuten den Tod zu finden.
    Trevor wankte zur Treppe. Obwohl Esther nicht sehr schwer war, spürte er zunehmend die Last auf seiner Schulter. Ihre Beine stießen immer wieder gegen seinen verletzten Oberkörper, was ihm den Schweiß auf die Stirn trieb.
    Stell dich nicht so an! Das sind bloß Rippen!
    Edmund öffnete die Tür und trat ein. „Nelli?“, rief er aus.
    „Ich bringe Esther in ihr Zimmer …“, erwiderte Trevor und lief an Edmund vorbei, während dieser die Heilerin holte.
    Vorsichtig ließ Trevor Esther auf ihr Bett nieder, was wiederholt eine Welle des Schmerzes durch seinen Körper jagte. Das würde sicherlich eine Weile wehtun. Aber er hoffte, dass die Mannschaft zum größten Teil unversehrt war. Er schaute sich dann die Hand der Magierin an und setzte sich neben ihr Bett auf einen Stuhl. Er schätzte ihre Wunde so ein, dass sie gut verheilten würde, aber sicherlich nicht spurlos. Narben waren bestimmt etwas, das nicht gerne in ihren Kreisen gesehen wurden – vor allem an einer Frau. Bei Überfällen auf gut betuchte Schiffe, hatte er oft miterlebt, wie sich feine Herren davonstahlen, während ihre Frauen vor Angst erstarrt waren. Johnny hatte immer darauf geachtet, dass es nicht umgehend zu Kämpfen kam. Er mochte es auch nicht, wenn Menschen sinnlos starben. Allerdings hatte er sich oft den Spaß erlaubt, reichen Männern, die feige den Rückzug antraten, eine Lektion zu erteilen, in dem er ihnen die Kleidung wegnahm, sie zwang, die Kleider ihrer Frauen anzuziehen und sie somit bloßstellte.
    Edmund schien nicht so ein Mensch zu sein, obwohl man es hätte von ihm erwarten können. Allerdings hatte Trevor noch nicht erlebt, dass er einer Konfrontation aus dem Weg gegangen war. Ganz im Gegenteil. Er hatte sich sogar mit dem größten der Mannschaft angelegt.
    „Das fühlte sich unangenehm an …“, hörte Trevor Edmund sagen.
    Unangenehm? Das sollte schmerzen!“, erwiderte Nelli, die anscheinend zunächst Edmunds Schulter eingekugelt hatte.
    Eilig kam die alte Frau herein, und Trevor machte ihr umgehend Platz. Musternd glitt ihr Blick auch über Trevor. „Eine Kiste, was …“, sagte sie, und Trevor lächelte gezwungen.

    Edmund schien die Hexe auf den neusten Stand gebracht zu haben.

    „Mir geht es gut, Oma. Esther ist wichtiger.“
    „Das einzuschätzen, überlass mal mir, Bursche.“
    Nelli untersuchte Esther, nickte hin und wieder, als würde sie sich selbst etwas erzählen und wandte sich dann den beiden zu. „Sie wird schon wieder. Sie braucht aber viel Ruhe. Wir sollten in den nächsten Tagen nicht erneut in einen Sturm geraten. Sie wird ihre Magie erstmal nicht sonderlich anwenden können, befürchte ich. Sie ist ausgebrannt wie eine alte Kerze.“
    „Das ist … verständlich“, pflichtete Edmund Nelli bei. „Hauptsache, sie ist nicht allzu ernst verletzt.“
    „Ich befreie sie aus ihrer nassen Kleidung, versorge ihre Wunden und setze einen stärkenden Tee auf.“
    Das Schiff schwankte immer noch gefährlich hin und her. Nelli hatte sicherlich alle Hände damit zu tun, erstmal Esther zu versorgen.
    „Können wir helfen?“, fragte Trevor, aber Nelli lachte.
    „Ich denke, der Gräfin wird es nicht gefallen, wenn wir sie zu dritt aus ihrer Kleidung pellen.“
    Umgehend lief Trevor rot an. „D… das meinte ich auch gar nicht. Ich meinte …“
    „Jaja, du meintest …“, sprach Edmund grinsend dazwischen.
    Trevor atmete tief durch. „Wir können den Sturm ab jetzt nur aussitzen. Ich wollte nur wissen, ob wir beim Tee oder den Verbänden helfen können.“
    „Du ruhst dich aus!“, ermahnte Nelli den Formwandler. „Du siehst selbst aus, als seist du dem Tod näher als dem Leben. Wenn ich hier fertig bin, bist du an der Reihe. Du kannst dich selbst versuchen, von der nassen Kleidung zu befreien oder ich helfe dir dabei.“
    „Oder ich …“, fügte Edmund hinzu. „Ich habe heute schon Schlimmeres gesehen als einen nackten Formwandler.“
    Trevor wusste nicht, was Edmund meinte, aber an dessen Gesicht war zu erkennen, dass ihn irgendwas angeekelt hatte.
    „Das bekomme ich noch allein hin, aber danke, Edmund.“
    Trevor schaute alle Anwesenden an und lächelte dann. „Dann sollten wir uns wohl umziehen, bevor uns die Haut vom Fleisch fault …“
    Er wandte sich der Tür zu und verließ das Zimmer mit Edmund zusammen. Zum Glück besaß er noch die gute Robe, die Edmund ihm gekauft hatte, sodass er diese anziehen konnte. Danach wartete er auf Nelli. Er wusste nicht, was sie bei gebrochenen Rippen machen wollte. Immerhin waren solche Verletzungen nichts Unübliches. Sie waren bisher auch ohne Hilfe verheilt.

  • Mit geübten Griffen befreite Nelli die bewusstlose Esther aus ihrer Kleidung und untersuchte die Schürfwunden, die wohl ein Seil um ihre Hüfte hinterlassen hatte. Schnell rieb sie eine Salbe darauf, ehe sie die junge Frau in mehrere Decken wickelte, damit ihr warm wurde. Aus der blutenden Hand zog sie noch ein paar kleinere Reste der zerborstenen Magiesteine und verband sie dann sanft. Sie bettete Esther vorsichtig bequem, ehe sie in die Küche wankte um Wasser aufzusetzen. Leise stöhnen rieb sie sich ihren Hinterkopf, wohl wissend, dass sich da eine Beule bilden würde, wo sie sich vorher den Kopf an der Wand ihrer Kabine geschlagen hatte. Aber diese winzige Verletzung war nicht gegen das, was sie jungen Leute heute erlitten hatten. Und sie mussten wirklich durch den Wind sein - im wahrsten Sinne des Wortes – denn selbst Edmund hatte zugelassen, dass sie sich um seine Schulter kümmerte, ohne das er sich groß beklagte.

    Während das Wasser langsam zu kochen begann, versank sie in ihren Gedanken. Den Ausdruck, den sie in Trevors Augen gesehen hatte, hatte ihr so ganz und gar nicht gefallen. Und obwohl sie wusste, dass seine Verletzungen auch von allein heilen würden, war sie sich sicher, dass er gerade nicht unbedingt allein sein sollte.

    Sie brachte den Tee in Esthers Zimmer und schaffte mit viel Ruhe und gutem Zureden der jungen Adligen wenigstens ein bisschen was von dem stärkenden Heißgetränk einzuflößen. Sie beschloss, es später wieder zu versuchen und machte sich erst mal auf den Weg zu dem Formwandler.

    Vorsichtig klopfte sie an dessen Tür und wankte dann rein, sichtlich um ihr Gleichgewicht bemüht, während sie in ihrer Hand eine weitere Tasse Tee hielt, die sie dem Piraten energisch in die Hand drückte.

    Trink das. Du brauchst genauso ein bisschen Stärkung wie Esther“, sagte sie nachdrücklich und ihre Stimme duldete keinen Widerspruch. Vorsichtiger als man es der alten Frau zugetraut hätte begann sie seinen Oberkörper zu untersuchen. Trevor zog scharf Luft ein, als sie über seinen Rippenbogen fuhr. Ein leises Brummen kam über ihre Lippen und sie holt aus ihrer Tasche einen Tiegel mit einer Salbe. Sanft begann sie diese über die etlichen blauen Flecken zu verteilen. Sie ging um ihn herum und kümmerte sich um die Schürfwunden auf dem Rücken, die eine andere Salbe bekamen.

    Warum siehst du eigentlich immer schlimmer aus als alle anderen zusammen?“ fragte sie schließlich und versuchte das Gespräch so langsam einzuleiten, während sie ihn weiter versorgte.

    Trevor stieß ein leises Schnauben aus.

    Ich ziehe so etwas einfach an“, erwiderte er amüsiert, doch Nelli nahm ihm diese Leichtigkeit nicht ab. Die Alte runzelte die Stirn und hockte sich leise ächzend vor ihn um seine Hände zu nehmen und die zu verbinden.

    "Das glaube ich dir nicht. Ich bin nicht blind. Ich sehe, wie du immer mehr auf deinen Schultern ablädst und alle anderen wichtiger sind", widersprach sie sacht und schaute zu ihm auf. Ihr musternder Blick lag auf seinem Gesicht, während er leise auflachte, nur um kurz danach zusammen zu zucken, als sie über die Schwielen an der Handinnenfläche strich.

    Vielleicht versuche ich den Ruf der Formwandler zu verbessern?“ versuchte er es erneut und Nelli seufzte leise. Langsam schüttelte sie ihren Kopf.

    "Es weiß kaum einer, dass du einer bist. Und das du ein guter Kerl bist, dass sieht jeder der Augen im Kopf hat" Ein sachtes Lächeln legte sich auf ihre Lippen, während Trevors Blick ziemlich ausdruckslos blieb.

    "Du lebst schon recht lange auf dieser Erde. Sind dir jemals Formwandler begegnet?", wollte er schließlich wissen und die alte Heilerin verzog das Gesicht.

    "Einige, Ja. Du bist bei weitem nicht der Einzige, den ich verarztet habe", gab sie zu und bezweifelt gleichzeitig, dass sie die Richtung, die dieses Gespräch nahm, guthieß. Sie war sich nicht sicher, ob ihm ihre Antworten gefallen würden.

    Waren das gute Kerle?“, bohrte der junge Mann vor ihr nach und Nelli ließ sich mit einem Ächzen auf der Kante seines Bettes nieder, ehe sie ihn wieder anschaute und sich einen Moment Zeit ließ.

    "Tief in ihrem Herzen meistens ja. Oft absolut falsch verstanden und meistens mit sehr viel Wut in ihrem Inneren", antwortete sie ausweichend und strich mit der Hand über das Holz des Bettrahmens in der Hoffnung, dass er es dabei belassen würde. Doch weit gefehlt.

    "Du meinst, es waren Arschlöcher. Aggressiv. Unberechenbar?“ Nelli seufzte schwer und tat sich schwer mit der Antwort. Doch sie wollte ihn nicht anlügen, er hatte die Wahrheit verdient. Also nickte sie langsam.

    "Bei weitem nicht alle, aber die Meisten, die ich an den Rändern von Schlachtfeldern kennen gelernt habe", stimmte sie ihm dann eher widerwillig zu und schluckte schwer, als lange vergessene Erinnerungen an die Oberfläche zu kommen drohten. Trevors Stimme fing sie wieder ein.

    "Ich wurde nicht abgeholt. Alles Wissen darüber, was ich bin, musste ich mir zusammentragen. Die meisten Geschichten drehen sich darum, dass Formwandler geborene Krieger sind. Dass diese Seite in allen vorhanden ist. Und das vermutlich auch in mir. Daher kann nichts, das du weißt, mich schockieren. Du musst dich nicht zurückhalten", forderte er sie wieder auf und straffte die Schultern mit einem entschlossenen Blick. Nelli schnaubte leise auf und kniff die Lippen zusammen.

    "Krieger... Ja gut möglich. Doch die Geschichte schreiben immer die Gewinner. Niemand erzählt darüber, dass Formwandler unterdrückt wurden oder wie Attraktionen ausgestellt wurden. Das Menschen sie für ihre Zwecke missbraucht und gejagt haben, bis quasi niemand mehr von euch übrig war. All diese vermeintlichen Wahrheiten über blutrünstige, aggressive Krieger sind nur ein Teil des großen Ganzen. Im Grunde ist es das Gleiche, was sich Menschen über uns Hexen erzählen. Viele Mythen und nicht jeder ist gleich." Die Hexe zuckte mit den Schultern.

    "Das ... stimmt wohl. Vielleicht versuche ich deshalb mein Können jetzt für etwas Sinnvolles einzusetzen. Für Personen, die ich ganz gut leiden kann" erwiderte der junge Mann kurz zögerlich, ehe er leicht schmunzelte. "Zudem hätte ich Esther wohl kaum an ihren Beinen über das Deck schleifen können. Sie war ohnmächtig, ich habe nur ein paar gebrochene Knochen. Nichts, das ich nicht kenne. Deswegen war berechtigt, sie zuerst zu versorgen." Nelli kniff erneut ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und legte den Kopf leicht schief, während sie ihn mit einer leisen Besorgnis im Blick musterte.

    "Und das ist es, was wichtig ist. Nicht was du bist und wo du her kommst, sondern was du mit deinen Fähigkeiten anfängst. Was aber nicht heißt, dass du das Leben aller anderen über dein eigenes stellen solltest, Trevor." Kurz stutzte er, da sie ihn mit seinem richtigen Namen ansprach, ehe er beschwichtigend die Hände hob.

    "Ich werde es versuchen", versprach er und schaute sie erstaunt an, als sie ihm sacht eine Hand auf den Unterarm legte und ihn mit ihrem Blick band. Ihre Stimme nahm einen ungewohnt sanften, fast schon mütterlichen Klang an.

    "Ich sorge mich um dich. Manchmal erscheint es mir, als würdest du diese Gefahren geradewegs suchen..." gab sie unumwunden zu und ihr Gesicht bleib ernst. Trevor wandte den Blick ab und spielte mit den losen Enden des Verbandes.

    "Sie finden mich. Und ... ich kann nicht aus meiner Haut, wenn ich sehe, dass andere Hilfe brauchen, und ich helfen kann. Allerdings konnte ich meiner Mannschaft nicht helfen. Sie hängen als Mahnmal vor der Küste von ... wie auch immer und ich bin ... hier“, erwiderte er und schluckte trocken.

    "Und nichts daran ist deine Schuld. Sie haben dieses Leben freiwillig gewählt, du hattest keine andere Möglichkeit, wenn ich mich richtig erinnere", rief Nelli ihm in Erinnerung, was ihn zu einem leichten Nicken veranlasste.

    Trotzdem waren sie alles, was ich kannte“, fügte er fast tonlos hinzu. Ein trauriges Lächeln schlich sich auf die runzeligen Lippen der Alten und ihr Blick bekam für einen Moment fast etwas wehmütiges.

    "Ich verstehe, sie waren eine Art Familie. Aber glaub mir, sie werden nicht die Letzten gewesen sein, die dieses Gefühl in dir auslösen. Es gibt Freunde, die Familie werden können. Und ab und zu müssen wir lernen loszulassen", erklärte sie ruhig und entlockte Trevor erneut ein Lächeln.

    "Aus dem Mund einer 179-Jährigen klingt das sehr wahr." Plötzlich bekam seine Augen einen Ausdruck, der Nelli einen Schauer über den Rücken jagte und sie für einen kurzen Moment daran erinnerte, zu was Formwandler in der Lage waren.

    "Trotzdem ist da etwas, das nicht zulassen wird, dass sich das Geschehene wiederholt."

  • Es dauerte noch bis zum Abend, bis sich der Sturm verzogen hatte und auch die letzten Wolken vom Himmel verschwunden waren. So schnell er gekommen war, so quälend langsam verschwand er wieder.
    Nun lehnte Edmund an der Reling und blickte aufs Meer, das sich wieder sanft um die Eleftheria herum wellte, als wäre nie etwas gewesen. Die Stille, die nun über allem lag, schmerzte ihm mehr in den Ohren als das Rauschen des Windes zuvor. Sie sorgte davor, dass Edmund unruhig wurde und sein Blick immer wieder zum sternenklaren Himmel glitt. Immer in der Erwartung erneut Wolken zu sehen, die unheilverkündend über sie hereinbrachen. Und diesmal wäre Esther nicht in der Lage ihnen zu helfen.
    Ohne sie wären wir tot.
    Die Magierin würde die nächsten Tage ausfallen. Was war, wenn sie direkt in den nächsten Sturm gerieten?
    Er war tatsächlich versucht, den Aufforderungen der Mannschaft und den Bedenken des Steuermanns nachzukommen und einfach umzukehren. Was würde im schlimmsten Fall passieren? Sein Vater würde ihn in Grund und Boden stampfen, bis seine Reste in einen Briefumschlag passten.
    Eine Gänsehaut überfuhr seinen Rücken. Aber war das schlimmer, als der Meeresgrund? Zu behaupten, er hätte keine Angst vor diesem beschissenen Schwarzen Fleck, wäre gelogen gewesen. Der Drang, sich in irgendeine Ecke zu verziehen und in die angewinkelten Beine zu heulen, war groß. Er wollte die Verantwortung doch gar nicht! Aber im Gegensatz zur Besatzung durfte er sich seine Angst und Zweifel nicht anmerken lassen.
    Ihm waren die unruhigen und betretenen Gesichter der Besatzung nicht entgangen. Als sich der Sturm gelegt hatte, hatten viele von ihnen Brüche, Schürfwunden und Prellungen von der Hexe versorgen lassen und waren anschließend mit hängenden Schultern in die Hängematten gekrochen.
    Edmund seufzte. Jeder aus der Besatzung hatte das Ziel von Anfang an gekannt. Sie hatten selbst entschieden mitzufahren. Die Visagen waren jedoch mit jeder Seemeile, die sie dem Gebiet näher gerückt waren, ängstlicher geworden. Was würde wohl am nächsten Tag werden? Nachdem sich nun jeder Auge in Auge mit dem befunden hatte, was wirklich hinter diesem Seegebiet auf sie lauerte, würde sich die Stimmung kaum bessern.
    Der Sturm war nur der Anfang gewesen. Sie waren noch keinen Tag in diesem dreimal verfluchten Seegebiet!
    Er blickte in den sternenklaren Himmel. Wie wahrscheinlich war ein weiterer Sturm? Und wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass er sie in den nächsten Stunden überfallen würde?
    Nervös tippte er mit dem Zeigefinger auf das Holz. Der Gedanke hielt ihn wach. Der Gedanke, die Panik und das Herz, das ihm bis zum Hals schlug. Der Druck, der auf seinen Schultern lastete.

    Allerdings war niemandem geholfen, wenn er sich davon den Schlaf nehmen ließ. Er wandte sich um und wollte unter Deck gehen.
    Dort kamen ihm zwei Männer entgegen, die sowohl den Kurs als auch die Umgebung im Auge behalten sollten. Sie diskutierten angeregt miteinander, verstummten aber als sie ihn sahen.
    „Guten Abend, Herr“, meinte der eine übertrieben höflich, was Edmunds Augenbraue in die Höhe schießen ließ. Seit wann war auch nur irgendwer auf diesem Schiff höflich zu ihm?
    „Genießt Ihr das schöne Wetter?“, wollte der andere höhnisch wissen. Das klang eher nach der Mannschaft!
    Ja, bohr in der Wunde, du Schwachkopf!
    „Ich kann für das Wetter auch nichts!“, zischte Edmund zurück und wollte an den beiden vorbei. Doch diese verstellten ihm den Weg. Er setzte zu einem Protest an, nahm aber dann den starken Rumgeruch wahr. Vermutlich hatten sie die Zeit nach dem Sturm auch zum … intensiven Nachdenken genutzt. Eigentlich hätte er sie maßregeln sollen. Immerhin mussten sie die Umgebung im Auge behalten!
    „Ihr vielleicht nicht, aber die beiden Damen, die sich an Bord befinden, vielleicht schon.“
    Edmund runzelte die Stirn. Gerade da beide Verbände trugen, die ihnen wohl Nelli angelegt haben musste, waren sie wohl die letzten, die sich beschweren durften.
    „Das Wetter kümmert sich nicht darum, ob wir Frauen an Bord haben, oder nicht.“ Er drängte sich nun energischer an den beiden vorbei. „Der Sturm wäre so oder so gekommen!“ Nur dank der beiden Frauen lebten sie überhaupt noch.
    „Frauen bringen Unglück.“
    Dumme Sprüche und Aberglaube auch!
    „Ich kann eure Bedenken verstehen“, versuchte Edmund darauf einzugehen. Auch, wenn das nicht der Fall war. Frauen waren auch nur Menschen. Warum sollten sie mehr Unglück oder Glück bringen, als ein Haufen stinkender Kerle, die wegen Frauen an Bord herumheulten, wie kleine Mädchen? „Vorschlag: Ihr teilt den anderen mit, dass jeder den doppelten Sold erhalten wird, wenn wir wieder in Sonnental sind. Als Ausgleich für die Stürme und dass wir Frauen an Bord haben. Mein Wort habt ihr.“
    „Das nützt uns auf dem Meeresgrund auch nichts“, murmelte der Größere von beiden mit belegter Stimme. Der andere stieß seinem Kumpel mit dem Ellenbogen in die Seite.
    „Gib Ruhe, Frank.“ Er nickte Edmund zu. „Wir werden es ausrichten. Vielen Dank.“
    Edmund sah den beiden nach, wie sie in der Dunkelheit des Decks verschwanden, leise mit einander diskutierend. Er würde das im Auge behalten müssen.


    Edmund vergewissert sich noch, ob es Trevor und Esther den Umständen entsprechend gut ging. Trevor schlief. Und bei Esther hatte sich Nelli eingerichtet, was irgendwie kein gutes Zeichen war. Ging es mit ihr zu Ende? Den Gedanken hatte er schon mal gehabt, als sie neben ihm einfach umgekippt war. Was passierte mit Magiern, wenn sie sich zu sehr überanstrengten?
    „Das wird schon“, meinte Nelli leise, als er sie fragend ansah. „Ich will nur sichergehen.“
    Besorgt blieb Edmund in der Tür stehen. Er hätte gerne etwas gemacht, irgendwie geholfen. Aber ihm war klar, dass er kaum etwas machen konnte.
    „Pass auf sie auf“, meinte er nur. „Und auf dich. Die Mannschaft gibt euch wohl zum Teil die Schuld an dem Sturm.“ Er zögerte noch kurz. „Wenn etwas ist, Trevor und ich sind ja nicht weit.“
    Ehe die Hexe etwas sagen konnte, verschwand er schließlich in seinem eigenen Zimmer.

    Schlafen konnte er aber nicht.


    Entsprechend zerknirscht, stand er am nächsten Morgen wieder an Deck und beaufsichtigte die Aufräum- und Reparaturarbeiten. Dabei bemerkte er, dass auch Trevor bereits wieder auf den Beinen stand, und offenbar mit anpacken wollte.
    Was ist falsch mit dem Kerl?
    Mit wenigen Schritten stand er bei ihm.
    „Du bist schon wieder fit?“ Er betrachtete die krumme Haltung seines Gegenübers mit gerunzelter Stirn. An dem Kerl war mehr Bandage als Trevor.
    „Das wäre wohl übertrieben, aber liegen schmerzt mehr, als etwas die Beine zu vertreten.“
    Edmund beobachtete Trevor weiter kritisch.
    „Dann hast du sicherlich auch nicht vor, bei den Reparaturen zu helfen.“
    „Ein paar Nägel bekomme ich schon ins Holz geklopft."
    „Aha.“,
    machte Edmund nur und wog nachdenklich den Kopf. Würde er zulassen, dass der Kerl verletzt wie er war auch noch bei den Reparaturarbeiten half? Von allen hatte er immerhin am meisten abbekommen. Schließlich wurde er von einer Kiste zerquetscht. Auch einige der anderen Matrosen hatte er zurück in die Kombüse geschickt. Es war niemandem genützt, wenn irgendwer nachträglich ins Meer stürzte. Besondern nicht, wenn dieser irgendwer Trevor war.
    Er drückte ihm seinen leeren Becher in die Hand.
    „Die Hexe hat vorhin neuen Tee gemacht, steht in der Kombüse. Ich schlage vor, du holst mir einen neuen und hilfst dann lieber dort. Ehe der Koch doch noch die Mannschaft vergiftet.“ Der Kerl hatte sich in den Kopf gesetzt, der Besatzung etwas "Gutes zu tun".
    Perplex sah Trevor ihn an.
    „In … Ordnung“, murmelte er mit verwirrtem Gesicht und nahm ihm den Becher ab.
    „Jetzt hau ab, und wehe ich seh‘ dich heute beim Arbeiten!“
    Trevor lachte auf und machte kehrt.
    „Geht klar, Vati.“
    Hä?
    Verwirrt sah Edmund ihm nach. Warum sagte er das?



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Esther wurde von Kopfschmerzen geweckt und als sie die Augen aufschlug, drehte sich die gesamte Umgebung. Blinzelnd richtete sie sich auf und legte keuchend die Hand an ihre Stirn. Sie wartete, bis der Schwindel vorüberging und ließ den Arm wieder sinken.

    „Ich hatte schon befürchtet, dass du gar nicht mehr erwachst, Mädchen.“

    Esther zuckte bei Nellis Stimme zusammen und wandte sich zu der Hexe um. Diese saß auf einem der gemütlichen Sessel, ihr Stock lehnte an der Seite, und sah sie forschend an.

    „Wie lange war ich weggetreten?“, wollte Esther von ihr wissen.

    Die Heilerin wiegte den Kopf. „So, wie du aussiehst, nicht lange genug.“

    Also zu lange …

    Umständlich schlug Esther die Decke zurück und starrte einen Moment betreten auf ihre Gestalt herab. Das hatte sie zuletzt nicht angehabt …

    Auch der Verband an ihrer linken Hand war beim letzten Mal noch nicht dagewesen.

    Bilder von dem entsetzlichen Sturm zeigten sich vor ihrem inneren Auge und siedend heiß fiel ihr ein, wie sie in diesen Zustand geraten war.

    Vorsichtig schwang sie die Beine über die Bettkante und kämpfte gegen einen erneuten Schwindelanfall an.

    Bei allen Silbererzen! Sie fühlte sich, als hätte ein Pferdekarren sie überfahren.

    Nachdem sie aufgestanden war und einen Blick in den Spiegel geworfen hatte, kam sie zu der Einsicht, dass sie auch genauso aussah. Ihr Gesicht war aschfahl und ihre Lippen beinahe farblos, die Augen glanzlos und gerötet. Sie erschrak, als sie sich selbst sah.

    Kein Wunder, dachte sie, du hast dich auch noch nie so sehr verausgabt.

    Nelli beobachtete sie, während sie sich umzog und ihre Haare umständlich verknotete. „Was soll das werden?“, fragte die Hexe.

    Verwundert blickte Esther die Ältere an, während sie einige geflochtene Haarsträhnen mit einer Nadel feststeckte. Wonach sollte das aussehen?

    „Ich brauche frische Luft“, meinte sie und strich das schmale, leichte Kleid glatt.

    Außerdem will ich mir nicht die Blöße geben und mich in meinem Zimmer verkriechen.

    Die komplette Besatzung dachte bestimmt auch so schon, dass sie schwach wäre. Immerhin war sie umgekippt wie ein gefällter Baum.

    Dieser Gedanke brachte plötzlich ganz andere Fragen zutage. Wieso war sie überhaupt noch hier? Müsste sie nicht auf dem Meeresboden liegen? Sie wusste noch, dass sie über die Reling gekippt und ihr der Zauberstab aus der Hand geglitten war.

    Mein Stab …

    Sie schloss kurz die Augen und drängte die Tränen zurück. Ohne ihren Stab war sie nutzlos. Keine vollwertige Magierin.

    „Kindchen?“, hörte sie Nellis Stimme wie in weiter Ferne. Die Hexe ergriff ihre Hand und drückte sie sanft.

    Esther holte tief Luft. Sie wollte Nelli nicht wieder mit ihren Gedanken auf die Nerven gehen. „Danke für deine Pflege“, brachte sie deshalb schnell zustande und lächelte gequält. Dann wandte sie sich kurzerhand ab und taumelte hinaus.

    Ob die Heilerin ihr folgte, überprüfte sie nicht, zu sehr war sie darauf konzentriert, halbwegs vernünftig zu laufen.

    So würdevoll wie irgendwie möglich, betrat sie das Oberdeck und blinzelte gegen das Licht. Von dem Sturm war nichts mehr zu sehen, außer den zahlreichen kleinen Schadstellen auf dem Schiff, die von einigen Matrosen repariert wurden.

    Als die Besatzungsmitglieder sich ihrer Anwesenheit bewusst wurden, hielten sie einen Moment in ihrer Arbeit inne.

    Warum starren die denn so?

    „Gräfin Esther?“, rief eine bekannte Stimme, weshalb sie sich eine Spur zu schnell herumdrehte und ins Wanken geriet.

    Edmund reagierte schnell und legte einen Arm um sie. Wie von selbst ergriff sie seine freie Hand und ließ sich von ihm stützen.

    Schwärze breitete sich vor ihren Augen aus und sie schluckte den dicken Kloß herunter, der sich in ihrer Kehle gebildet hatte.

    Werde jetzt nur nicht wieder ohnmächtig!

    Sie schaffte es, im Hier und Jetzt zu bleiben. Mühsam rang sie sich zu einem dankbaren Lächeln durch.

    Sanft aber bestimmt führte der Händlersohn sie bis zur Reling, wo sie sich festhalten konnte. „Geht es Euch gut?“, fragte er und ein sichtlich besorgter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. „Solltet Ihr nicht noch im Bett liegen, anstatt hier herumzulaufen?“

    Sie überlegte einen Augenblick, vermutlich zu lange, um Edmund wirklich zu beruhigen. Flüchtig sah sie ihm in die Augen und wurde sich seiner Aura nur allzu bewusst. Sie spürte, dass seine Nähe ihr keineswegs unangenehm war und sie sich auf eine unbestimmte Art und Weise sogar wohl fühlte. Ungeachtet dessen, wie er sich manchmal aufführte.

    Aber was sollte sie sagen? Lügen? Antworten, dass ihr bestens ging?

    „Es ging mir schon besser, aber ich bin mir sicher, dass ich in ein oder zwei Tagen wieder ganz auf den Beinen bin.“

    Wie sie bereits geahnt hatte, stellte Edmund ihre Antwort nicht zufrieden. Aber er schien es dabei belassen zu wollen. „Dann setzt Euch wenigstens, statt herumzulaufen“, meinte er. „Es nützt niemanden etwas, wenn Ihr im Weg herumsteht, oder stürzt.“

    Esther zog eine Augenbrauen hoch. Noch deutlicher ging es ihrer Meinung nach nicht. Ihr Inneres kämpfte plötzlich gegen das angenehme Gefühl an, das sie in seiner Nähe verspürte. Sie brachte einen halben Schritt Abstand zwischen ihnen. „Ich fürchte, Ihr müsst Euch daran gewöhnen, dass ich von nun an im Weg herumstehen werde“, gab sie säuerlich zurück. „Ich meine mich erinnern zu können, dass mein Stab während des Sturms über Bord gegangen ist.“

    Edmund seufzte. „Ist er nicht. Ich habe ihn Euch abgenommen, als Ihr ohnmächtig geworden seid.“ Er griff hinter seinen Rücken und zog ihren Zauberstab hervor.

    Sie schaffte es nicht, das Zittern in ihrer Hand zu verbannen, als sie danach griff. Mit großen Augen starrte sie den Händlersohn an und prüfte den Stab auf Beschädigungen. Dann sah sie wieder Edmund an. „Danke“, hauchte sie zaghaft und kurz überfiel sie der Drang, Edmund zu umarmen, weshalb sie bereits einen Schritt auf ihn zumachten. Im letzten Moment hielt sie sich aber zurück und starrte auf den Boden.

    Sag etwas, bevor die Situation peinlich wird. „Wie geht es Euch?“, fragte sie schließlich und hob den Blick wieder.

    Er schien mit sich zu ringen. „Gut“, antwortete er dann, was Esther nicht im Geringsten befriedigte. Vielleicht war ihm auch einfach nicht nach einem Gespräch.

    Ein wenig kränkte sie es schon, dass er sie so abspeiste. Aber sie verspürte weder die Lust noch die Kraft, ihn weiter auszuquetschen. Außerdem – wer war sie schon, dass sie sich eine solche Unverschämtheit anmaßen durfte …

    „Und der Besatzung … geht es auch gut?“, wollte sie wissen.

    „Ich denke schon“, meinte er. „Mehr oder weniger.“

    Sie schluckte schwer. Wenn sie sich mehr Mühe gegeben hätte … dann wäre vermutlich niemand zu Schaden gekommen.

    Plötzlich stockte Esther der Atem. „Und Trevor?!“

    Deutlich sah sie das Bild vor sich, wie der Formwandler von der Kiste zerquetscht worden war. Sie hatte es nicht geschafft, rechtzeitig einen Schild zu errichten. Allein deshalb hatte er sich verletzt.

    „Der sitzt da drüben und trinkt seinen Tee“, gab Edmund zurück und zeigte auf eine Stelle hinter Esther.

    Mit klopfendem Herzen wandte sie den Kopf herum und sah in die entsprechende Richtung. Tatsächlich hockte der Formwandler dort auf der Treppe und schlürfte aus einem Becher.

    „Entschuldigt mich“, sagte sie zu Edmund und ging auf Trevor zu.

    Kurz vor ihm blieb sie stehen. Als er sie bemerkte, wollte er sich umständlich erheben. Sie winkte schnell ab und sah auf ihn herab. Er wirkte noch ziemlich mitgenommen. „Bitte bleibt sitzen!“, sagte sie schnell und deutete auf den freien Platz neben Trevor. „Darf ich mich neben Euch setzen?“

    „Sicher. Ich wollte mich ohnehin bei Euch bedanken.“

    Sie nahm neben ihm Platz, ihre Finger spielten mit dem Zauberstab. „Da gibt es nichts, wofür Ihr Euch bedanken müsstet. Meine Aufgabe wäre es gewesen, dafür zu sorgen, dass die Kiste Euch eben nicht zerquetscht.“

    • Offizieller Beitrag

    Trevor verschluckte sich an seinem Tee und begann lauthals zu lachen. Hatte sich die Gräfin gerade die Schuld an seinen Verletzungen gegeben? Wenn sie gewusst hätte, wie häufig er bereits verletzt worden war … Zudem hatte sie die Kiste von ihm weggedrückt. Das war ihm bereits Hilfe genug gewesen. Er sah sie von der Seite an und versuchte, sein Lachen zu mäßigen. „Gräfin, Ihr habt mir geholfen. Mehr konnte ich in diesem Moment nicht ansatzweise verlangen. Gebt Euch nicht die Schuld für etwas, auf dass Ihr keinen Einfluss hattet.“
    „Ich hätte Einfluss darauf nehmen können. Ich hoffe nur, dass Ihr Euch nicht ernsthaft verletzt habt", antwortete Esther wenig freudig.
    Trevor schüttelte den Kopf. „Nichts, das nicht spurlos verheilen würde“, erwiderte er lächelnd. „Aber Ihr solltet Euch jetzt nicht zusätzlich mit einem schlechten Gewissen plagen. Ihr habt ein ganzes Schiff gerettet. Das Leben einzelner kann man nicht immer bewahren, Ihr müsst das große Ganze dahinter sehen. Ohne das Schiff, hätte keiner von uns auch nur eine Chance gehabt. Daher … ist Euch viel zu verdanken.“
    Esther lächelte zaghaft und atmete neben Trevor tief durch. „Ich habe nur meine Aufgabe versucht, zu erfüllen.“ Dabei warf sie einen flüchtigen Blick auf Edmund, der die neu errichtete Werkstatt musterte.
    Trevor hoffte, sie würde seine aufmunternden Worte annehmen. Er wusste, wie schwer es war, sich selbst einzugestehen, dass das, was man getan hatte, genug sein sollte. „Der war mehr um Euren Zustand besorgt, als darüber, dass Ihr Eure Aufgabe nicht erfüllt. Denn das habt Ihr, und das weiß er. Er hat nur eine seltsame Art seine Sorge zu äußern. Deswegen brachten wir Euch direkt zu Nelli.“
    Esther seufzte hörbar. „Dann müsste ich mich vielmehr bei Euch und Edmund bedanken. Dafür, dass ihr mich vor einem Sturz in die See bewahrt habt.“
    „Gern geschehen, aber nicht nötig. In solchen Situationen helfen wir uns einfach gegenseitig. Jeder, wie er kann. Ich war nur froh, dass Ihr nicht allzu viel wiegt, ansonsten wäre es für mich peinlich geworden.“
    Jetzt fing auch Esther an zu lachen, was Trevor zum Schmunzeln brachte. Er war froh, dass er ihre Stimmung etwas aufbessern konnte.
    Trotzdem, irgendwas störte ihn. Nicht an Esther oder Edmund. Er sah sich um und es fühlte sich an, wie ein Druck auf seiner Brust. Und nein, das stammte nicht von den Brüchen. Irgendetwas legte eine Hand um sein Herz und drohte, es zu zerdrücken. Das hatte er schon einmal gespürt. Damals, als die vier schwarzen Punkte am Horizont aufgetaucht waren. Deshalb legte er seine Stirn in Falten, formte seine Augen zu Schlitze und stellte seine Teetasse vor sich ab.
    Esthers Lachen verebbte und sie musterte ihn von der Seite. „Ist alles in Ordnung?“, wollte sie wissen, und Trevor räusperte sich.
    „Ich weiß nicht. I… Ich fahre seit sechszehn Jahren zur See. Ich habe viele Stürme erlebt. Selten so einen wie den letzten, aber … Normalerweise ist danach die Mannschaft gut gelaunt. Sie freut sich, dass sie es überstanden hat … lebendig, aber hier … Mir gefallen die Blicke und die Stille nicht.“
    Esther sah sich unsicher um. „Einige haben mich vorhin auch seltsam angestarrt“, flüsterte sie Trevor zu.
    Das verhärtete nur seinen Blick. Trevor hatte aus der Ferne bereits Edmund mit einigen Männern über diesen Frauen-Aberglauben diskutieren hören. Es war immer schlecht, wenn ein Haufen abergläubige Spinner an Bord waren. Aber leider gab es für solche Geschichten keine ausreichende Befragung, bevor die Seeleute anheuerten. Allerdings dachte er immer, dass die Männer auf Handels – und Marineschiffen wesentlich ausgeklärter waren. Ähnlich wie sein Kapitän, der von solchem Geschwätz gar nichts hielt. Trevor musterte jeden Mann, der an ihnen vorbeiging. War es möglich … Nein, das wäre ihm doch aufgefallen, oder nicht? Hatte sich Trevor zu sehr ablenken lassen, dass ihm das Offensichtliche durch die Lappen gegangen war?
    Er neigte sich etwas in Esthers Richtung, damit er leise genug flüstern konnte und sie ihn verstand. „Ich will Euch nicht beunruhigen, Gräfin“, setzte er an und sah ihr dann direkt in die Augen, „aber würdet Ihr mir einen Gefallen tun?“
    Esther nickte langsam.
    Hatte er sie bereits verängstigt? Er musterte sie kurz, aber kam schnell zu seiner Bitte zurück. „Geht in Euer Quartier und packt eine kleine Tasche mit allem, was Ihr unbedingt braucht. Nur das Nötigste. Vielleicht in eine Tasche, die Ihr Euch umbinden oder umhängen könnt. Und behaltet diese bei Euch.“
    „Wenn Ihr das für nötig haltet ... Was habt Ihr jetzt vor?“
    Trevor dachte nach und richtete seinen Blick wieder nach vorne. In seinem Zustand war ein miserabler Kämpfer. In seiner Verfassung konnte er kaum ein Schwert halten. Vermutlich wusste das die Mannschaft. Sie konnten es ihm ansehen. „Ich werde mich ebenso vorbereiten, in der Hoffnung, dass ich vollständig daneben liege. Und was die Notwendigkeit angeht … Zumindest würde ich mich besser fühlen.“ Er versuchte, seine Bitte durch ein unsicheres Lächeln zu untermauern.
    Esther nickte erneut und schluckte trocken. „In Ordnung. Dann werde ich tun, worum Ihr mich bittet“, sagte sie schließlich.
    Das Gefühl in Trevors Brust nahm immer mehr Form an. Es war Furcht. Deswegen nickte er ebenfalls; halb in Gedanken versunken, was wohl Esther dazu aufforderte, sich vorsichtig zu erheben. Sie ging die Treppe hinunter, Richtung ihres Quartiers und wandte sich noch einmal zu Trevor um.
    Er musste kein Hellseher sein, um ihre Besorgnis in ihrem Blick zu erkennen. Deshalb lächelte er sie ehrlich an, um ihr irgendwie Zuversicht zu schenken, ehe sie in dem dunklen Gang verschwand.
    Nachdem er sicher war, dass sie sich in ihrem Zimmer befand, richtete sich Trevor unter ächzenden Tönen auf und ging zu Nelli. Die alte Dame war kurzerhand in ihr Zimmer zurückgekehrt, nachdem Esther wieder aufgestanden war. Begeistert schien sie davon aber nicht zu sein.
    „Du solltest auch nicht so viel herumrennen“, meinte Nelli, ohne Trevor anzusehen und verstaute ein paar Sachen in ihrer Tasche. Packte sie bereits zur Sicherheit?
    „Ja, ich … weiß“, pflichtete er ihr bei, „aber ich habe für Ruhe jetzt keine Zeit.“
    Nun drehte sich Nelli doch zu ihm herum. „Hast du unser Gespräch bereits vergessen, Junge?“
    Trevor grinste flüchtig. „Nein, habe ich nicht, aber für gewisse Grundsätze habe ich gerade keine Zeit. Ich denke, dass sich an Deck etwas zusammenbraut und diesmal ist es kein Sturm.“
    Zu seinem Erstaunen wirkte Nelli nicht überrascht. „Mit sowas habe ich bereits gerechnet. Edmund deutete auch etwas in diese Richtung an“, erwiderte sie und seufzte. Sie fuhr sich mit ihrer Hand über die faltige Stirn. „Und jetzt möchtest du was von mir, Trevor?“
    „Etwas, das meine Schmerzen … zunichtemacht.“
    Er sprach absichtlich nicht von lindern. Lindern war zu schwach. Sie mussten verschwinden – vollständig.
    „Direkt zunichte?“, versicherte sich Nelli. „Du willst also, dass ich dir etwas gebe, das deine Schmerzen zunichtemacht, damit du dir eventuell noch mehr zufügen kannst?“
    „Ich werde mir keine zufügen!“, widersprach Trevor.
    „Ja, aber vielleicht andere!“, erwiderte Nelli lauter. „Ich sagte dir, dass du nicht immer andere wichtiger nehmen sollst als dich selbst.“ Ihre Stimme klang, ob ihrer Lautstärke, nicht anklagend, vielmehr besorgt.
    Trevor schaute zu Boden. Seine Gesichtsmuskeln zuckten. Sie konnten sich nicht zwischen einem wohlwollenden Lächeln oder grimmigen Gesichtsausdruck entscheiden. „Ich hoffe, ich irre mich“, nuschelte Trevor und schaute dann wieder auf. „Aber jetzt brauche ich dich, Nelli.“
    Die Hexe musterte ihn. „Um was zu tun, Bursche? Kämpfen?“
    Trevor nickte. „Ich kann Edmund nicht einfach damit alleinlassen. Ich kann nicht …“
    „Du kannst was nicht? Mal andere kämpfen lassen? Abwarten?“
    „Nicht wieder Menschen verlieren, die ich anfange, zu mögen“, kam es Trevor deutlich lauter über die Lippen, als er beabsichtigt hatte. Er schreckte vor sich selbst zurück und entschuldigte sich gleichauf bei Nelli. Müde ließ er sich in den Stuhl neben sich sinken und sah sie an. „Bitte. Wenn ich falsch liege, darfst du mich einen ganzen Monat in ein Zimmer sperren, aber jetzt haben wir keine Zeit dazu.“
    Nelli lächelte. „Ich gebe dir, was du willst, aber … bedenke, dass deine Verletzungen vorhanden bleiben, auch, wenn du sie nicht spüren wirst. Die am Körper, und auch die in deinem Inneren … Du kannst die Zeit nicht betrügen, die es braucht, um zu heilen.“
    Trevor nickte verstehend. Er hätte vermutlich allem zugestimmt, nur um das zu bekommen, was er wollte, auch, wenn er sich damit nicht besser fühlte. Er konnte nicht zulassen, dass Edmund plötzlich allein gegen eine Meute Seeleute stand. Dazu war er ihm zu sehr ans Herz gewachsen. Genauso wie Nelli und Esther. Er hatte Nelli gesagt, dass er das nicht noch mal zulassen würde. Das konnte er auch nicht. Selbst wenn er die Gruppe noch nicht allzu lange kannte. Trevor konnte sich mit gebrochenen Knochen nicht verwandeln, das wusste er. Er musste er selbst bleiben. Aber wenn er schon er war, dann wenigstens kampfbereit.
    „Dessen bin ich mir bewusst“, sagte Trevor und sah Nelli noch einmal hilfesuchend an. Was war ein Krieger, der nicht kämpfen konnte? Dann hätte er auch genauso gut an seinen Verletzungen krepieren können. Dann wäre diesmal wenigstens sinnvoll gestorben und nicht dahingehend, machtlos zusehen zu müssen, wie Idioten ihrem Aberglauben nachgingen.
    „Dann lidern … nein, machen wir deine Schmerzen mal zunichte. Aber wehe dir passiert etwas, dann hole ich dich persönlich ins Leben zurück, um dir den Hintern zu versohlen.“
    „Wird es nicht …“, versprach er vage. Denn das wusste er nicht einmal. Sollte die ganze Mannschaft sich gegen sie stellen, wäre Trevor ebenso unterlegen wie jeder andere Mann.
    Nelli tätschelte ihm das Knie und wandte sich dann ihren Kräutern zu. „Gib mir ein paar Minuten.“
    Umgehend mischte sie einige Kräuter zusammen. Erhitzte sie, mischte weitere Bestandteile darunter.
    Trevor meinte Pilze und Wurzeln zu erkennen, aber so genau kannte er sich damit nicht aus.
    Am Ende füllte Nelli alles in eine kleine Flasche und verschloss diese mit einem Korken. „Wenn du denkst, es ist so weit, trink das. Es wird aber keine Ewigkeit anhalten, vor allem nicht unter Anstrengung.“
    Trevor nahm die Flasche entgegen und steckte sie in die Hosentasche seiner Robe. Erleichtert darüber, dass sie ihm geholfen hatte, richtete er sich auf und drückte der alten Dame einen Kuss auf die Stirn. „Danke, Oma.“
    „Ja ja“, wiegelte sie ihn ab, „sieh zu, dass du das Zeug gar nicht erst brauchst.“
    Trevor begab sich danach in sein Zimmer und band sich sein Schwert um, ebenso den seltsamen Säbel. Mehr besaß er nicht, das wichtig war. Als das erledigt war, begab er sich an Deck, um Edmund aufzusuchen, welcher dem Schiff zugewandt an der Reling lehnte. „Edmund“, sprach Trevor ihn direkt an, „wir müssen reden.“
    „Solltest du dich nicht ausruhen?“, fragte Edmund, und Trevor rollte bereits mit seinen Augen.
    „Ja, das würde ich, wenn hier nicht eine Stimmung wie vor einem Begräbnis wäre …“, erwiderte Trevor leise und stellte sich so aufrecht er konnte neben Edmund.
    Edmund schien nachzudenken und wartete, bis einige Männer an ihnen vorbeigegangen waren, ehe er etwas sagte. „Die Stimmung gefällt mir auch nicht“, gab er dann zu.
    „Ich habe dein Gespräch mit diesem Frank belauscht … und kam zur Vermutung, dass er vielleicht nicht zur normalen Mannschaft gehört“, flüsterte Trevor.
    „Gehört er auch nicht. Er ist in Silberberg dazugekommen“, gestand Edmund, und Trevor drehte sich mit großen Augen zu ihm herum. Also wurde Trevor nicht paranoid, nach allem, was er bereits erlebt hatte. Sein Verdacht erhärtete sich immer mehr.
    Trevor schluckte. „Männer der Marine oder des Handels haben keinen Grund abergläubig zu sein“, erklärte er zunächst. „Sie transportieren auf Schiffen nicht nur Männer oder Ladung. Sie geleiten auch Frauen von einem Ort zum nächsten. Sie sind normale Reisende. Die einzigen Männer, die solchen Mumpitz noch ernstnehmen sind …“ Trevor stoppte kurz und versicherte sich, dass sich niemand in der Nähe befand. „… Piraten.“
    „Bist du sicher?“, verlangte Edmund zu wissen.
    „So sicher ich mir sein sollte“, antwortete Trevor und legte seine Hände auf seine Waffen. „Mit absoluter Sicherheit kann ich es nicht sagen, aber … Ist auf diesem Schiff irgendetwas, das wirklich von Wert ist? Etwas, von dem wir … ich oder die anderen nichts wissen? Aber etwas, das die Mannschaft im Durcheinander in Erfahrung bringen könnte?“
    Edmund kaute auf seiner Unterlippe und zögerte. Eigentlich war das Beweis genug für Trevor. Dieses Verhalten hatte er bereits bei Händlern gesehen, wenn man ihnen den Säbel unter das Kinn gehalten hatte. „Edmund …“, sprach er ihn deswegen offen an. „Habe ich dir je Grund gegeben, mir zu misstrauen?“
    „Bisher nicht.“

    „Du musst mir nicht sagen, was es ist oder wo es ist, aber ist hier etwas?“ Trevor schmerzte beinahe das mangelnde Vertrauen, aber er versuchte, es zu verstehen. Immerhin war er auch ein Pirat und genauso gut hätte es sein können, dass Trevor im Auftrag der anderen handelte. Er konnte allerdings nicht ändern, was er mal gewesen ist oder noch war.
    Edmund zögerte noch einen Moment und rang sich dann zu einem „Ja“ durch.
    „Da versenk mich doch …“, stieß Trevor viel zu laut aus, woraufhin in der Ferne sich einige Männer zu ihnen herumdrehten. „Diese Schmerzen …“, flüchtete sich Trevor in eine Ausrede, „die bringen mich um.“
    „Du solltest dich vielleicht doch wieder hinlegen."
    Trevor drehte sich mit erhobener Augenbraue zu Edmund um.
    Was stimmt nicht mit ihm?
    „Das habe ich nur gesagt, weil sie uns … ist auch egal. Wichtig ist, dass sie uns nicht unvorbereitet treffen“, flüsterte der Formwandler.
    Edmund hob seinerseits die entgegengesetzte Augenbraue und sah Trevor an. „Was schlägst du vor?“
    Trevor dachte nach. So genau wusste er das selbst nicht. Da sie zunächst von den Frauen gesprochen hatten, lag sein Fokus auf ihnen. „Sollten sie Esther und Nelli loswerden wollen, sollten wir sichergehen, dass sie nicht vorhaben, sie mit Kanonenkugeln an den Füßen über die Blank gehen zu lassen. Das heißt, du solltest dir deinen Degen umschnallen, dein restliches Geld schlucken und bereit sein, das Schiff samt Fracht aufzugeben. Wenn wir … ich mich irre, waren wir einfach nur vorsichtig.“
    Edmund sah Trevor perplex an, was diesem beinahe ein Schmunzeln abrang. „Du meinst, wir haben keine andere Wahl als darauf zu warten, dass jeder hier uns in den Rücken fällt?!“, fragte Edmund.
    Trevor sah sich um. „Ich bin kein schlechter Kämpfer, aber gegen all diese Männer kommen wir zusammen nicht an. Esther ist noch zu schwach … Wir können nur versuchen, zu überleben; die anderen zu schützen und dann … sehen wir weiter.“
    „Toller Plan. Hätte glatt von mir kommen können“, nuschelte Edmund und es klang mehr als sarkastisch.
    Trevor lachte leise. „Tut mir leid, entschuldigte sich er daraufhin. „Den letzten Kampf gegen eine Übermacht habe ich … verschlafen.“ Er legte Edmund seine eine Hand auf die Schulter und versuchte, dem Händlersohn zumindest so zu verdeutlichen, dass dieser nicht allein dastand. „Wir sollten einfach nur … vorsichtig sein.“
    „Und ich dachte, der Tag könnte nicht schlimmer werden.“

    „Wenn man erstmal ganz unten ist, geht es zumindest nur noch hinauf“, erwiderte Trevor. „Aber jetzt sollten wir uns vorbereiten. Bemitleiden können wir uns später.“
    Edmund nahm seine Worte erstmal hin, was Trevor dazu veranlasste, vielleicht noch einmal über seine Klingen zu schleifen.
    Der Formwandler behielt seine aufrechte Haltung bei, als er Edmund verließ, auch wenn es ihm die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Er gab ohnehin nicht gerne Schwäche zu, was wiederum eine Schwäche der Formwandler war, aber jetzt erstrecht nicht. Er wollte den vermeintlichen Verrätern nicht das Gefühl geben, dass sie leichtes Spiel besaßen. Und wenn sie nur ansatzweise Trevor kannten und beobachtet hatten, dann wussten sie, dass sie dies auch nicht haben würden. Mit wutverzerrtem Gesicht stieg er die Stufen unter Deck hinunter … Die Frage, die sich ihm aufdrang, war nicht, ob er es überleben würde, sondern: Wie viele kann ich mitnehmen?

  • Nelli hatte schon ein paar Tage lang das ungute Gefühl, dass die Mannschaft sich langsam aber sicher gegen sie stellte. Einige der Matrosen hatten sich nach dem Sturm nicht von ihr verarzten lassen wollen, hatten lieber in Kauf genommen, an ihren Verletzungen zu sterben oder wenigstens verkrüppelt zu werden, anstatt die „alte Hexe“ auch nur in ihre Nähe zu lassen. Sie war dieses Verhalten gewohnt, für sie war es normal, dass man sie verstieß und schlecht über sie redete. Doch sie bekam auch mit, wie die Stimmung auch gegen die junge Magierin kippte. Frauen an Bord von Schiffen waren für die Männer offensichtlich ein schlechtes Omen, ein Unglücksbote, der Chaos und Zerstörung nach sich zog. Erst waren es nur vereinzelte Stimmen gewesen, doch langsam wurden diese lauter und nahmen mehr und mehr überhand. Dann hatten auch noch erst Edmund und später auch noch Trevor ihren Verdacht bestätigt. Sie trug ihre wichtigsten Sachen sowieso immer in einer Tasche am Körper, immer darauf vorbereitet, fliehen zu müssen. Und anscheinend war es nun auch dieses Mal so weit.

    Sie hatte Trevor den Trank gegeben, wenn auch zugegeben ein bisschen widerwillig und die Zeit danach genutzt, ein paar weitere Tränke und Elixiere vorzubereiten, die ihnen vielleicht nützlich sein würden. Ihre Tasche klimperte leise von den kleinen Phiolen, als sie ihren Mörser und Stößel in ein Leinentuch wickelte und sicher verstaute. Sie beschloss nach oben zu gehen und nach Esther zu sehen, auch wenn diese als Patientin recht undankbar war. Doch das Mädchen würde ihre Hilfe noch mehr brauchen, als ihr bewusst war. Leise ächzend kämpfte sie sich die Treppe nach oben, als plötzlich zwei der Matrosen vor ihr standen.

    Wen haben wir denn da? Na, Hexe, beschwörst du wieder das nächste Unwetter über uns?“ fragte der eine mit schnarrender Stimme und Nelli konnte erkennen, dass ihm einige Zähne fehlten. Von Sauberkeit und Körperpflege schien der auf jeden Fall nicht viel zu halten.

    Du kannst gleich ein Donnerwetter haben, wenn du mich nicht vorbei lässt, Jungchen“, brummte sie und funkelte ihn an, ihre Hand fest um den Knauf ihres Stockes geschlungen. Die beiden rochen nach Gefahr und schienen betrunken genug, alle Vorsicht fahren zu lassen. Der andere lachte höhnisch auf.

    Ganz schön frech für eine alte Frau. Wir könnten dich auch von deinem Leben erlösen, Alte.“ Er grinste sie breit an, während die Heilerin sich fasziniert fragte, was man getan haben musste, um mit einer Augenbraue geboren zu werden, anstatt zwei. Dafür streckte diese sich über beide Augen und war besonders buschig. Genau wie der Büschel, der auf der Warze auf der Nase des Matrosen spross.

    Das haben schon stärkere Kerle wie du versucht, Knabe. Und denen habe ich allen Respekt beigebracht.“ Nelli schaute ihm tief in die Augen und erhaschte einen Blick auf sein Inneres.

    Meinst du nicht, deine Nana wäre schwer enttäuscht, wenn sie sehen würde, wie du mit alten Leuten umgehst?“ fragte sie und schaffte es, einen verwirrten Ausdruck auf sein Gesicht zu zaubern.

    Woher kennst du meine....Was soll das? Lass sie da aus dem Spiel, du alte, widerwärtige Hexe!“, spie er aus und schubste sie ein Stück die Treppe nach unten. Beide gingen weiter auf sie zu und Nelli spürte das Holz des Ganges in ihrem Rücken. Aus dem Augenwinkel sah sie etwas aufblitzen und fragte sich, warum die beiden solche Messer bei sich trugen. Hatten sie etwa vorgehabt, ihr aufzulauern?

    Wut kroch in ihr hoch und ihre grünen Augen begannen zu leuchten, was ihre Gegner kurz stocken ließ.

    Ihr seid keine Gefahr für mich, ihr kleinen Ratten“, fauchte sie und griff in ihre Tasche. Sie holte eine Handvoll Pulver hervor, das gräulich glänzte. Sie öffnete ihre Faust und Pustete das Pulver auf die beiden Matrosen, die sofort zu schreien begann, als es ihre Haut berührte. Große, rote Pusteln bildeten sich auf ihren Armen und dem Gesicht, die sehr schnell platzten und eine eitrige, grünliche Flüssigkeit hervor trat. Der Teil der Substanz, der die Augen der beiden erreichte, ließ diese Tränen und nach und nach färbten sie sich weiß, ein sicheres Zeichen der Erblindung. Das Schreien ging langsam aber sicher immer mehr in ein schmerzerfülltes Wimmern über, während sich die zwei Körper auf dem Boden wanden. Nelli stand über ihnen und schaute mit einem leichten Grinsen auf sie herab.

    Ich habe euch gewarnt. Legt euch nicht mit mir an. Ich habe nicht so lange gelebt um mich von zwei kleinen Flöhen schikanieren zu lassen“, raunte sie den beiden zu, stieg über ihre gekrümmten Leiber hinweg und erklomm die Stufen der Treppe nach oben.

  • Edmund wollte sich gerade auf den Hintern setzen. So langsam machten sich der vergangene Tag und die schlaflose Nacht bemerkbar. Doch er hatte mit dem Hintern noch nicht einmal sein Bett berührt, da ertönten wütende Rufe und energisches Klopfen auf Holz. Sofort schoss er wieder in die Höhe.
    „Wir könnt ihr es wagen, ein Mädchen einfach so anzufassen, ihr dreckiges Pack!“, hörte er Nelli schimpfen, während von der Gräfin nur ein ersticktes Schreien ertönte. „Lasst sie runter!“
    Edmund sprang zur Tür. Im gleichen Zug wurde diese nach innen aufgestoßen und erwischte ihn im Gesicht. Er prallte zurück und riss die Hände mehr einem Reflex folgend zum Gesicht. Blut floss keines.
    Als er aufsah, sah er sich Auge in Auge mit dem Dicken.
    Ach komm schon! Es gab so viele Männer auf dem Schiff, warum stand ausgerechnet der in seinem Zimmer?
    Der Kerl versperrte ihm den Weg, aber Edmund erkannte dennoch, wie im Flur Esther zappelnd über der Schulter des Matrosen hing, der ihn am Abend noch bezüglich der Frauen an Bord angesprochen hatte.
    „Lasst mich sofort runter!“, schrie sie und trommelte mit den Fäusten auf den Rücken des Matrosen ein. Das schien diesen jedoch nur wenig zu interessieren.
    Auch Nelli wurde abtransportiert. Die Matrosen hatten mit der Hexe und vor allem ihrem Gehstock zu kämpfen, den sie den Kerlen fluchend um die Ohren drosch. Bis es gelang, ihn ihr aus den Händen zu reißen.
    Edmund wollte ihnen helfen und machte einen Schritt auf die Tür zu. Wo war eigentlich Trevor?
    „Sofort aufhören, Ihr … - He!“
    Der Dicke packte ihn grob am Arm, hob ihn in die Luft und warf ihn über die Schulter, als wäre er nicht mehr als ein Sack Kartoffeln. Warum geriet er immer wieder an den?“
    „Schnauze Kleiner!“, gab der Dicke mit einem Lachen von sich. Edmund trat nach dem Kerl, doch die Gegenwehr verlor sich irgendwo in dem Haufen Fleisch und Fett und Muskeln. Zwei andere Matrosen drängten sich an ihm vorbei. „Durchsucht die Kabine! Gründlich!“, befahl der Dicke. Dann wurde Edmund davongetragen.
    In seiner Vorstellung war die ganze Sache weniger peinlich für ihn abgelaufen. Um genau zu sein, hatte es in seiner Vorstellung überhaupt kein solches Theater gegeben.
    „Lass mich runter, du Idiot! Weißt du eigentlich, wer ich bin?!“
    Der Fette ignorierte sein Geschimpfe.
    „Oh ja, jetzt sind wir sicher“, gab Nelli neben ihm trocken von sich, „unser Held.“
    Ach halt die Klappe, Hexe.
    Edmund wehrte sich zwar gegen den riesigen Kerl, hatte diesem aber weder an Kraft noch an Größe irgendwas entgegenzusetzen, weshalb er es irgendwann aufgab und sich darauf beschränkte, dem Kerl sowohl laut als auch gedanklich den Tod an den Hals zu wünschen und sich über dessen Respekt- und Anstandslosigkeit und den schlechten Körpergeruch zu beschweren.
    „Bist du in den letzten Jahrzehnten überhaupt mal an einem Stück Seife vorbeigelaufen?!“
    Der Kerl ignorierte ihn weiter. Was Edmund zunehmend auf die Nerven ging. Immerhin hing er wie ein Vollidiot über dessen Schulter, ein wenig Aufmerksamkeit war da doch nicht zu viel verlangt!
    Nicht nur, dass er sich respektlos ihm und den beiden Frauen gegenüber verhielt, er führte ihm auch vor Augen, wie machtlos er eigentlich war.
    Und wo steckte eigentlich dieser faule Sack von einem Formwandler?!


    Sie wurden aufs Deck getragen, wo ein weiterer Teil der Matrosen stand.
    Und damit den letzten Rest Zuversicht, der irgendwo in Edmund noch geschlummert hatte, vertrieb. Die Erkenntnis, dass Trevor recht gehabt hatte, traf ihn. Wie hatte es so weit kommen können? An welchem Punkt hatte er einen Fehler gemacht? Als er die beiden Frauen mit an Bord genommen hatte? Wo lebten sie: im Mittelalter? Der Aberglaube über ein unbekanntes Seegebiet einmal dahingestellt, aber wer glaubte denn wirklich daran, dass Frauen Unglück brachten?
    Hätte er es abwenden können?
    „Was soll das werden?!“, hörte er Trevors Stimme. Der Formwandler kam vom Bug geeilt. Seine Augen zuckten unruhig von einem zum anderen und seine Hand lag bereits auf den beiden Waffen.
    Edmund ließ seinen Blick ebenfalls umhergleiten. Etwas mehr als die halbe Mannschaft hatte sich auf dem Deck versammelt. Einige mit grimmigen Gesichtern, andere verwundert. Einige wenige drückten sich im Hintergrund herum und schienen nicht so recht zu wissen, was sie machen sollten.
    War es das? Das blöde Gefühl in seinem Bauch, dass er nun schon seit einigen Tagen hatte und das seit dem Sturm noch schlimmer geworden war, verschlechterte sich.
    Er schluckte die Panik hinunter.
    Noch stand nichts fest, oder? Noch konnte es sich um einen blöden Scherz handeln. Oder?
    „Nach was sieht es denn aus?“, wollte Frank wissen. „Wir entledigen uns einem Problem.“ Er ließ Esther förmlich von seiner Schulter fallen und setzte sie ruppiger ab, als es hätte sein müssen. Der Gräfin entfuhr ein schmerzhaftes Stöhnen, als sie auf den Planken aufschlug.
    „Mach gefälligst langsam!“, stieß Nelli aus und wurde zeitgleich neben Esther auf den Boden bugsiert.
    Edmunds und Trevors Blicke trafen sich.
    „Und was machst du da?“ Trevors Augenbraue wanderte noch ein Stück weiter nach oben.
    „Nach was sieht es denn aus?“, äffte Edmund Frank gereizt nach. Er war sauer. „Abhängen!“ Was sollte diese bescheuerte Frage? Wahrscheinlich fand Trevor die Situation auch noch lustig!
    Auf einen Wink von Frank stellte der Fette Edmund auf seine Füße zurück. Wobei stellen ein sehr wohlwollender Begriff dafür war, dass er ihn schlicht von der Schulter auf den Boden klatschen ließ.
    Einen Moment überlegte er, ob er einfach liegen bleiben sollte, doch als einige der Matrosen Seile und Säcke hervorholten, entschied er sich dagegen.
    Er erhob sich schwerfälliger, als es hätte sein müssen. Der Sturz hatte seinen Stolz verletzt und die zunehmende Panik der Situation lähmte ihn. Davon abgesehen war es nicht so leicht, aufzustehen, wenn die Beine zitterten und man krampfhaft versuchte, das zu unterdrücken.
    Mit dem Rücken zur Reling und dem Gesicht zur Mannschaft baute er sich schließlich vor dem Dicken auf.
    „Geht das auch etwas sanfter!?“, schnauzte er. Da ihm irgendwie nichts anderes einfiel, um zu unterdrücken, dass ihm den Schweiß über den Rücken jagte.
    Der Dicke grinste von einem Ohr zum anderen und legte ihm eine der wuchtigen Hände auf die Schulter.
    „Natürlich, das nächste Mal sind wir sanfter.“ Er lachte, während Frank seinen Säbel zog und auf ihn richtete.
    „Die Wasseroberfläche wird Euch ganz sanft empfangen.“
    Edmund prallte zurück.
    „Ja, also …“ Er hob abwehrend die Arme. Immerhin hatte man ihm seinen Degen gelassen. Aber Trevor hatte sicherlich recht, gegen alle Männer kamen sie nicht an. Und warum stand der Kerl eigentlich nur herum und machte nichts?! „Ihr müsst das nicht machen!“ Er wich dem Säbel in Franks Hand aus, doch der folgte ihm. Währenddessen schoben sich zwei Matrosen vor, um mit den Seilen die Hände von Esther und Nelli zu fesseln. Beide wehrten sich schimpfend, hatten aber wenig auszusetzen.
    „Und ob! Ihr habt die Plagen angeschleppt! Und nun geht Ihr mir ihnen.“
    „Die beiden können nichts für den Sturm!“
    , fuhr Edmund Frank an. Was ein alberner Depp hatte diesen saublöden Aberglauben eigentlich in die Welt gerufen? Und wie ungebildet konnte ein Mensch sein, dass er auf diesen Schwachsinn auch noch hereinfiel? „Dank Esther lebt ihr Idioten überhaupt noch!“
    „Ich sagte, Schnauze halten, Kleiner!“
    Der Dicke stieß ihm hart in den Rücken, was ihn zwei Schritte nach vorn und fast in Franks Säbel stolpern ließ. Wäre ich doch in meinem Zimmer geblieben … Wobei, ich hatte es ja noch nicht verlassen …
    „Nana, Manfred“, der Kumpel von Frank hob beschwichtigend die Hände und trat an Edmund heran. „Wir wollen doch höflich gegenüber unserem Herrn bleiben.“ Der Kerl legte mit einem widerlichen Grinsen den Kopf schief und musterte ihn. Da alle anderen sich nun zurückhielten, schien er das Sagen zu haben. Irgendwie klebte dem Kerl etwas Unheimliches an. Wirklich intelligent wirkte aber auch er nicht. Konnte er auch nicht sein, wenn er wirklich vorhatte, sie von Bord zu werfen! „Ich habe bereits gemerkt, dass Ihr Euch mit Namen schwer tut, deshalb helfe ich Euch kurz auf die Sprünge. Ich bin Armod, Armod Metallfaust.“ Armod machte eine theatralische Pause und drehte sich unter den zustimmenden Nicken einiger Männer einmal im Kreis. Einige flüsterten ängstlich.
    Edmund hob die Braue.
    „Schön für dich. Sollte mir der Name irgendwas sagen?“
    Armod trat einen Schritt auf ihn zu und betrachtete ihn drohend von oben herab. Was erstaunlich war, da der Kerl nicht größer war als Edmund. Dennoch fühlte er sich deutlich kleiner und wäre zugern noch etwa weiter zusammengeschrumpft, um dem Blick zu entgehen, der ihn traf. Und vermutlich tödlich sein konnte. Stattdessen zog er die Schultern nach hinten und blickte stur zurück.
    „Ich bin ein gefürchteter Piratenkapitän!“
    Hinter ihm jubelten zwei der Männer, Frank und der Dicke nickten freudig zustimmend. Einige andere sahen sich unsicher an.
    Edmund räusperte sich, um die belegte Stimme zu lockern. Und um seinen Gliedern Zeit zu geben, das Zittern einzustellen.
    „Ihr müsst ein toller Kapitän sein, so ohne Schiff, und was … fünf Leuten als Mannschaft?“
    Was machst du denn da? Halt die Klappe!
    Irgendwo lachte jemand verhalten, wurde aber von einem Blick des Piraten zum Schweigen gebracht.
    Armod holte Luft, um etwas zu sagen, wurde aber unterbrochen.
    „Ich bin mir sicher, dass die Hexen den Sturm verursacht haben!“
    Offenbar dauerte es einigen der Leuten zu lang.
    „Du bist gefälligst still“, knurrte Armod den Mann an. Dieser verstummte augenblicklich. Wieder setzte Armod in Edmunds Richtung zu sprechen an.
    „Diese Hexen!“, schrie dann jedoch ein anderer Kerl, „Ihr habt alle gesehen, was die eine gemacht hat! Jeder hat es mitbekommen. Wenn Sie den Sturm vertreiben konnte, konnte sie ihn auch beschwören!“
    Was hieß hier vertreiben? Esther hatte ihnen den Sturm von den Hacken gehalten, aber von „vertreiben“ konnte wohl kaum die Rede sein.
    „Niemand hat diesen verfluchten Sturm beschworen!“, warf Edmund wütend ein. Allerdings wurde er schlichtweg ignoriert. Stattdessen schaukelten sich die Männer gegenseitig hoch.
    „Und die Alte hat uns verflucht!“
    Ein ziemlich hässlicher Kerl, der wirkte, als wäre er die fehlgeschlagene Zeichnung eines Kindes, das noch nie einen Menschen zu Gesicht bekommen hatte, deutete anklagend aus dem Hintergrund auf Nelli.
    Sein Kumpan sah nicht besser aus. Überall vereiterte Beulen im Gesicht, und die Kerle wirkten insgesamt auch abgekämpfter als der Rest.
    „Sie hat uns das angetan!“ Der zweite Kerl trat einen Schritt näher an Nelli heran, welche nur unschuldig die Schultern zuckte.
    „Musste das sein?“, wandte sich Edmund flüsternd über die Schulter an die Hexe.
    „Ich fange an, mich zu wiederholen: Man wird nicht so alt, wenn man sich alles gefallen lässt.“
    Ach was du nicht sagst …
    Edmund fuhr sich über die Nasenwurzel. Was hätte sein Vater gemacht? War er überhaupt schon mal in einer solchen Situation gewesen? Vermutlich nicht. Sein Vater war nicht so doof, Piraten an Bord zu nehmen. Wie hatte er nicht merken können, dass sich offensichtlich Piraten unter die Mannschaft gemischt hatten? Für das nächste Mal würde er die Frage Bist du Pirat? und Wie lächerlich ist dein Piratenname? in den Fragekatalog aufnehmen!
    „Wir können das sicherlich noch irgendwie zivilisiert klären“, wandte er sich dennoch an Armod. „Mit einem netten Gespräch vielleicht?“
    Armod lachte auf und mit ihm einige andere.
    „Einem netten Gespräch? Wir unterhalten uns doch gerade schon nett. Aber wo wir dabei sind.“ Er wandte sich an die Männer, die etwas unentschlossen an Deck standen. „Habt ihr die Ladung des Schiffes schon einmal gesehen? Ich schon! Sie ist wertvoll, Waffen, Schmuck und Gewürze. Man muss nicht nach Samira um das gewinnbringend zu verkaufen. In jedem anderen Handelshafen bekommt man für die Ladung genug, damit sich jeder von uns ein schönes Leben machen kann.“ Er machte eine kunstvolle Pause, in der Edmund nervös die Gesichter der Umstehenden betrachtete. „Was wurde euch für die Reise an Sold geboten? Ich bin mir sicher, dass unter Deck mehr als das Dreifach, was sage ich, vierfache davon für jeden von uns lauert!“
    Einige nickten, andere diskutierten mit ihrem Nebenmann. Wieder andere hielten sich zurück. „Und alles, was wir tun müssen, ist uns diese lästigen Frauen dort vom Leib zu schaffen und aus dem Seegebiet zu verschwinden.“ Er deutete über die Schulter. „Und den lächerlichen Kerl da auch gleich mit.“ Dass einige wegen der Versprechungen mit den Frauen anbeißen würden, war Edmund schon klar gewesen, doch es schockierte ihn, wie viele der Umstehenden tatsächlich zustimmend nickten. Waren diese Männer alle so dumm, oder gierig? Armod wandte sich zurück an Edmund. „Tja, was Schiff und Mannschaft betrifft, scheine ich besser dazustehen, Kapitän.“
    Edmund spürte sein Herz in der Brust gewaltig schlagen. Das Wasser stand ihm bis zum Hals und wenn er nichts unternahm, wäre das in wenigen Minuten wortwörtlich der Fall. Mit Gewalt kam er allerdings nicht weiter. Trevor hatte Recht. Gegen die Masse kamen sie nicht an. Edmund versuchte sich sein Zittern nicht anmerken zu lassen. Mindestens die Hälfte der Mannschaft stand gegen ihn. Hatte er seine Sache so schlecht gemacht? Was erwarteten diese Trottel? Und warum tat Trevor nichts? Stand er allein da? Aber Trevor hatte ihn gewarnt, oder? Er hatte mit ihm darüber gesprochen. Oder war es nur eine Finte gewesen? Damit er verriet, was sich noch an Bord befand? War das von Anfang an ein abgekartetes Spiel gewesen? Sollte Trevor nur sein Vertrauen gewinnen?
    „Ihr wollt mehr Geld? Ich bin mir sicher, dass mein Vater es euch geben wird. Ihr müsst deshalb nicht zu Mördern werden.“
    Armod lachte.
    „Mörder? Auf See gehen immer Menschen verloren.“ Er trat noch einen Schritt an ihn heran, sodass er seinen Atem spüren konnte. Widerlich! „Und wir haben es Euch gesagt, Herr, genauso wie am Vorabend spie Armod das letzte Wort seltsam verachtend aus, „Frauen bringen Unglück. Und Idioten als Kapitän auch.“
    Edmund musterte ihn. Der Kerl mochte nicht überaus intelligent sein, aber er schien genau zu wissen, was er sagen musste.
    „Und was habt ihr jetzt vor?“ Edmund deutete zur Reling und dem Meer. „Ihr werft den Idioten und die Frauen von Bord?" Er lachte verunsichert. „Wenn ihr schon glaubt, dass es Unglück bringt, eine Frau an Bord zu haben, was glaubt ihr passiert, wenn ihr sie einfach ins Meer werft und ersäuft?“ Edmund hoffte, dass seine Stimme fester klang, als sie sich in seinen Ohren anhörte. Er beruhigte sich mit dem Gedanken, dass Trevor immerhin auf seiner Seite stand. Wenngleich er sich auch nicht zuckte. Was war eigentlich mit den Typen, die bereits seit Sonnental an Bord waren? Männer aus der Mannschaft seines Vaters?
    Armod musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen, dann brach er in schallendes Gelächter aus.
    „Eines muss ich Euch lassen, ein Feigling seid Ihr nicht.“
    Das hat auch nie jemand behauptet!
    Musste ja keiner wissen, dass er unter seiner Kleidung genug schwitzte, um ein weiteres Meer zu füllen.
    „Ich werde keine Meile weitersegeln, ehe die Frauen nicht von Bord sind!“, rief Frank lautstark über das Deck. Einige der Umstehenden nickten zustimmend. Andere schüttelten nur die Köpfe. Immerhin schienen nicht alle die Gedanken der Piraten zu teilen. Vielleicht war an ihre Vernunft zu appellieren.
    „Aber was ist, wenn er Recht hat?“, mischte sich einer der beiden Kerle ein, die Nelli zuvor mit Beulen gestraft hatte. „Wenn uns ein Meeresgott auf den Meergrund zieht, wenn wir die beiden einfach ins vom Schiff werfen.“
    Edmund widerstand dem Drang sich die Nasenwurzel zu reiben.
    „Dann könnte eventuell ein Sturm wie der letzte euer kleinstes Problem sein“, sprach er und erinnerte sich an das Gespräch mit dem Steuermann. „Immerhin ist auch von Ungeheuern die Rede, die Schiffe im Schwarzen Fleck in die Tiefe reißen.“ Er kam sich selbst dumm vor, während er diesen Aberglaube aussprach.
    Die Blicke einzelner Männer glitten zu Troy.
    Der nickte nur als Antwort auf das, was Edmund angebracht hatte. Wo stand der Kerl? Gegen ihn? Für ihn? Hielt er sich raus?
    „Und was glaubt ihr passiert mit euch, wenn ihr die Tochter eines Grafen im Meer ertränkt?“, schob er nach und betrachtete Armod dabei.

    Die Männer sahen sich kurz unschlüssig an. „Vielleicht sollten wir sie lieber kidnappen und Lösegeld verlangen?“
    „Und damit einen Grafen hinter uns herhetzen? Ihr habt den Kerl gesehen mit seiner Galeone“,
    mischte sich ein anderer ein. „Da haben wir nichts entgegenzusetzen.“
    Immer mehr Männer mischten sich in die Diskussion ein.
    „Vor allem nicht mit dieser Nussschale.“
    Hey …
    „Ach, ich bin dafür, dass wir uns ihr hier und jetzt entledigen! Woher soll dieser Graf das erfahren?! Ihr habt Armod gehört. Menschen können auf See jederzeit verschwinden.“
    „Und was ist mit den Ungeheuern und den Meeresgöttern?“

    Edmund folgte er Diskussion eher halbherzig, während er sich langsam Schritt für Schritt aus der unmittelbaren Gefahrenzone von Franks Säbel brachte. Näher an Esther und Nelli. Der Dicke drückte ihn jedoch energisch zurück. Als Edmund einen Blick über die Schulter warf und in das bösartige Grinsen sah, wurde ihm irgendwie klar, dass er diesen Abend nicht überleben würde.
    Panisch wollte er einen Schritt nach vorn machen, doch der Dicke hielt ihn am Kragen fest.
    „Die Frauen sollen von Bord gehen! Wir sind nicht auf das Lösegeld eines dummen Grafen angewiesen“, stritten die Piraten weiter.
    „Ihr könnt uns in eines der Beiboote setzen“, warf Edmund ohne groß über seine Worte nachzudenken ein, während er sich aus dem Griff des Dicken wand. So kamen sie nicht weiter. Im Grunde diskutierten diese Schwachköpfe nur darüber, WIE sie sterben sollten. Na und? Der Vorschlag ist dennoch doof! „Dann seid ihr sie los, niemand muss sterben und wir gehen einfach still und heimlich und wir sehen uns nie wieder.“ Und der Vorschlag wird nicht besser, wenn du weiterredest!
    Armod sah ihn lange an, ohne etwas zu sagen. Die giftiggrünen Augen des Mannes schienen ihn förmlich zu durchbohren. Irgendwas an dem Kerl stieß Edmund sauer auf, er konnte jedoch nicht sagen, was es war.
    Dann nickte er.
    „In Ordnung, die Frauen dürfen gehen“, stieß er laut aus. „Setzt sie in eines der Beiboote!“ Erst schien es, als wollten sich die Männer wiedersetzen, doch dann fügten sie sich dem neuen Befehl. Für den Moment stieß Edmund die Luft aus. „Aber das gilt natürlich nicht für Euch, Ihr dürft uns auf unserem Schiff noch etwas Gesellschaft leisten.“ Armod lachte und Edmund spürte, wie sich der Fette in seinem Rücken aufbaute, der Griff um seinen Kragen fester wurde. Was Edmund dazu veranlasste wieder jeden einzelnen seiner Muskeln anzuspannen, und die Angst hinunterzuschlucken.
    „Es ist mein Schiff“, stieß er trotzig aus.
    Armod lachte lediglich und wandte sich an Trevor, der einige Schritte entfernt die Situation im Auge behielt.
    „Was ist mir dir? Du hast bisher noch nichts gesagt. Stehst du auf unserer Seite? Dann teilen wir das Gold mit dir, oder willst du bei der Witzfigur und den Hexen bleiben?“



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


    • Offizieller Beitrag

    Trevor überschaute die Situation aus etwas Abstand, das Edmund anscheinend missfiel. Vermutlich hinterfragte der Händlersohn erneut Trevors Beweggründe, aber damit musste sich der Formwandler erstmal abfinden. Sich direkt neben Edmund stellen war unklug. Beim Überfall auf Schiffe, griffen Piraten immerhin auch nicht nur von einer Seite an. Trevor hatte zwar nicht vor, direkt anzugreifen, aber er musste erstmal alles genau beobachten. Von wem konnten sie Unterstützung erhoffen, von wem nicht. Anhand der Reaktionen ging er davon aus, dass zumindest Stiev und der Koch keine Ahnung hatten, was vor sich ging. Das war gut.
    Langsam ließ er seinen Blick wandern. Er konnte Nelli nicht böse sein, dass sie der Grund der frühen Eskalation war. Sie hatte sich lediglich verteidigt, zumindest glaubte er ihr, was das anging. Noch nie hatte sie bisher eine körperliche Auseinandersetzung angefangen.
    Dann beende du es!
    Eigentlich hatte sie nur beschleunigt, worauf die vier gewartet hatten. Trotzdem … nun standen die Mehrzahl der Männer gegen sie. Trevors Gefühl in seiner Brust, dass er zuvor gehabt hatte, war verschwunden. Es breitete sich eine Ruhe in ihm aus. Eine Ruhe, die ihn immer noch ängstigte; die er nicht spüren wollte. Es war das gleiche Gefühl, das er immer bekommen hatte, bevor Johnny den Befehl gab, ein Schiff zu entern. Sein Kapitän hatte dazu immer gesagt, dass das einen wahren Kämpfer von einem Laien unterscheiden würde. Ein Krieger fand Ruhe in einem bevorstehenden Kampf. Eine Art Genugtuung. Diese Ruhe konnte nicht in den Augen von Edmund erkennen, aber auch nicht in denen von Esther oder Nelli.
    Trevor spürte das Gewicht des Fläschchens in seiner Tasche. Es war an der Zeit. Er beobachtete noch kurz die Diskussion, entfernte in seiner Tasche mit seinem Daumen den Korken und trank es unbemerkt von den anderen.
    Sie hat nicht zu viel versprochen …
    Umgehend merkte Trevor, wie seine Schmerzen schwanden.
    „Wie sieht es aus, Trevor? Hältst du zu deinen Brüdern?“, wollte Armod wiederholt wissen, und alle richteten ihre Aufmerksamkeit auf den Formwandler, der die Männer begann, zu umkreisen.
    „Verlockendes Angebot“, erwiderte Trevor und dachte nach.
    Fick dich, du Arsch mit Ohren …
    Sie würden die Frauen ins Beiboot setzen, aber es gab keine Garantie, dass die dort in einem Stück hinuntergelassen wurden. Esther war eindeutig noch zu schwach, um einen Schild oder eine Barriere lange aufrecht erhalten zu können. Sie konnte kaum auf ihren Beinen stehen.
    Trevor spannte jeden Muskel in seinem Körper an. In diesem Moment sah er etwas an Francis‘ Gürtel blitzen. Ein Dolch. Ja, das war vermutlich etwas, dass Esther gut gebrauchen konnte. Um entweder die Taue loszuschneiden oder, um sich damit verteidigen zu können. Zumindest schmälerte eine solche Waffe ihre Chancen nicht. Aber wie ihr übergeben? Ihn ihr einfach in die Hand reichen konnte er nicht. Heimlich? Dazu musste er ihr nah genug kommen!
    Du kennst die Antwort, Trevor …
    Er verfinsterte seinen Blick. Die Idee, die in ihm heranwuchs, war nicht die beste, aber hier ging es nicht um seine Schüchtern- oder Unerfahrenheit, sondern um das Leben derer, die er sich zu beschützen vorgenommen hatte. Der Formwandler richtete seinen Blick wieder auf die Meuterer. „Ich bin allerdings unschlüssig“, fuhr er fort.
    „Unschlüssig?“, hakte Armod nach und lachte in die Runde. „Findest du das Leben bei den Landratten angenehmer? Bist du ein Bastard der See? Ein Landliebhaber?“
    „Junge …?“, stieß Nelli etwa verunsichert aus.
    Trevor sah sie aus dem Augenwinkel heraus an, hob eine Augenbraue und grinste. Daraufhin klärte sich der Blick der Alten und sie sah ebenso grinsend zu Boden.
    Hatte sie auch gedacht, er fällt ihnen in den Rücken?
    Du bist ein Pirat? Wer würde das nicht denken? Dir wird man nie ohne weiteres Vertrauen! Niemand wird das!
    „Ich lasse mich nicht wieder zu einem einfachen Besatzungsmitglied machen oder gar zu einem Gefangenen in einer Kiste“, erklärte Trevor mit fester Stimme. „An seiner Seite …“, er zeigte auf Edmund, entwendete den Dolch an Francis‘ Hüfte, während sich alle zum Händlersohn drehten, und ließ die Waffe in seinem Ärmel verschwinden, „hatte ich wenigstens etwas zu sagen.“
    „Ach so, du willst eine Führungsposition!“, stellte Armod lachend fest.
    Trevor umkreiste die Männer weiter, bis er in der Nähe von Esther und dem Rest stand. „Das wäre das Mindeste.“
    Er untermauerte immer mehr, dass er einen Seitenwechsel in Betracht zog und wollte in diesem Moment gar nicht in Esthers oder Edmunds Gesicht sehen. Aber vielleicht hatte Nelli verstanden, was er tat. Sie war alt und hatte viel gesehen. Vielleicht konnte sie Lüge und Wahrheit voneinander unterscheiden. Und Edmund tat das sicherlich nicht, nachdem er Trevor nicht einmal so weit vertraute, um ihm zu sagen, welche Art Ladung sie an Bord hatten, die es lohnte, zu stehlen. Aber er musste diese Dinge herunterschlucken. Wenn die Piraten auch nur den Hauch einer Schwäche bei ihm bemerkten, hätte er seine Karte verspielt. Zuerst musste er Esther helfen.
    Armod beriet sich mit einigen seiner Männer und wandte sich dann wieder Trevor zu. „Geht in Ordnung. Du kannst der zweite Maat werden, wenn du dich zu uns gesellst.“
    Zweiter Maat? Der spinnt! Ich wäre ein besserer Kapitän als er … Und dann zweiter Maat? Allein für diese Beleidigung sollte ich ihm den Hintern spalten!
    „Wohl besser als nichts, was?“, antwortete Trevor und lachte, woraufhin sich die Meuterer seinem Gelächter anschlossen. Jeder konnte die Stimmung spüren. Es war, als würden sich Raubtiere gegenüberstehen und jedes Tier wartete auf eine sofortige Eskalation.
    „Na toll … Von wegen keinen Grund, zu misstrauen“, stieß Edmund erbost aus.
    Trevor sah zu ihm rüber, durfte aber keine Miene verziehen. Gerne hätte er ihm vorab irgendein Zeichen gegeben, alles richtiggestellt, aber das ging vorerst nicht. Edmund musste warten. Auch, wenn dieser ihm danach nie wieder vertrauen würde. Das war Trevors Los.
    Der Augenblick der Wahrheit … Jetzt oder nie. Vermutlich ansonsten nie, denn die Situation sieht nicht gut aus.
    „Genug der Verhandlungen!“, wandte Armod plötzlich ein. „Schafft die Frauen weg!“
    „Eine Sache wäre da noch, bevor ich mich entscheide … Kapitän.“
    „Und die wäre?“
    Trevors Herz schlug ihm bis in den Hals. Er verspürte keine Schmerzen, dabei hätte er sich etwas gegen Bluthochdruck und nervöses Schwitzen geben lassen sollen, die ihn jetzt übermannten.
    Dahin ist die Ruhe … Toller Krieger!
    Aber um diese Sache kam er nun nicht mehr herum. Die Sekunden vergingen viel zu schnell. Jetzt wartete jeder darauf, was er noch wollte, also war er zum Handeln gezwungen.
    Sei ein Pirat! Oder wenigstens mal ein Mann wie jeder andere!
    Er drehte sich zu Esther und ging einen Schritt auf sie zu, bis er unmittelbar vor ihr stand. Mit seiner freien Hand umfasste er sanft ihre Taille und mit der anderen ihren Nacken.
    Das wird sie mir ewig nachtragen … Seis drum … Du tust das für sie, nicht für dich.
    So sanft es ihm möglich war, küsste er Esther. Für einen kurzen Moment hatte er das Gefühl, alles verschwamm um ihn herum, ehe er sich wieder zusammenriss. Er rechnete umgehend mit einer heftigen Gegenwehr, die zunächst nicht kam. Vermutlich war sie zu sehr überrumpelt worden. Wer hätte ihr es verübeln können? Immerhin küsste sie gerade ein vermeintlicher Verräter.
    Trevor verschwendete aber keine weitere Zeit und ließ die Hand am Nacken zu ihrem Rücken gleiten, um den Dolch in ihrer Schnürung zu platzieren. Kurz merkte er, wie sie in diesem Moment ihre Ellenbogen gegen seinen Oberkörper drückte, um ihn wegzuschieben, was er dadurch unterband, dass er sie wiederum fester an sich presste, bis sie den Gegenstand an ihrem Rücken spüren musste. Nachdem er sicher war, dass der Dolch hielt, legte er ihr dunkles Haar über ihn und ließ von ihr ab. Ober nicht, ohne ihre Fesslung etwas zu lockern. Durch einen Blick in ihre Augen, versuchte er, sich bereits bei ihr zu entschuldigen. Denn den konnten die anderen nicht sehen. „Wenn es losgeht … wartet nicht auf mich. Flieht!“, flüsterte er und lächelte wehmütig. „Rettet euch!“
    Esther wirkte verwirrt. Aber immerhin hatte sie ihm bisher keinen Schlag oder Tritt verpasst, was der Formwandler als positives Zeichen wertete. Vielleicht hatte sie seinen Plan verstanden. Vielleicht war sie aber auch nur angewidert und schockiert.
    „Was gibt es denn da zu tuscheln?“, mischte sich Frank ein, und Trevor drehte sich der Meute zu.
    „Ein Pirat wird sich doch von seiner Maid verabschieden dürfen?!“
    „Deiner … Maid?“, hinterfragte Armod und gab das Zeichen, zuerst Esther wegbringen zu lassen. Trevor sah ihr kurz nach, versuchte aber auch diesmal wieder, keine Miene zu verziehen, solange sie ihn beobachteten.
    „Deiner?“, kam es auch von Edmund, dessen Gesichtsausdruck irgendwie eine Mischung aus Ekel oder blankem Entsetzen darstellte. Zumindest, wenn Trevor ihn hätte deuten müssen.
    Nelli hingegen sah ihn mit großen Augen an.
    „Wenn jemand anderes Anspruch erhebt, kann er es gerne mit mir auf der nächsten Insel austragen.“
    Ansprüche … Unter Piraten gab es klare Regeln. Wollte einer einem anderen Piraten etwas streitig machen, so ging das nur an Land und mit Waffengewalt. So hegte Trevor zumindest die geringe Hoffnung, dass Esther unbeschadet und unangetastet ins Beiboot gesetzt wurde.
    Jetzt kannst du nur beten, dass du verreckst! Entweder gehst du hier drauf oder sie erschlagen dich im Beiboot!
    Frank winkte ab. „Eine Spalte ist so gut wie die andere …“
    Trevor verzog angewidert sein Gesicht. „Nein … also nein. Dem kann ich nicht zustimmen. Das solltest du behandeln lassen, Frank … Das ist nicht in Ordnung!“
    Armod verpasste Frank einen Schlag auf dein Hinterkopf. „Das würde die Spalte deiner Mutter einbeziehen, du perverser Sack!“
    Klar, und ich soll zweiter Maat sein! Hinter dem Spaltenkönig!
    Nelli wehrte sich vehement gegen das Wegbringen. „Nimm deine Finger von mir, du Hund!“, beschimpfte sie den Piraten, der sie geleiten wollte.
    Trevor stellte sich währenddessen neben Edmund, der ihn immer noch wütend anstarrte. „Und zu deinem Angebot, Armod … schieb es dir in deinen verlausten Arsch!“
    Das kam trockener rüber, als gedacht.
    „Was?“, erwiderte der Pirat wütend.
    „Zweiter Maat ist nichts für mich. Zudem mag ich die Witzfigur, wie du sie nanntest. Und ich finde, er ist alles andere als das. Ich halte zu meiner Mannschaft!“
    „Also willst du mit ihm untergehen?“
    Trevor zuckte mit den Schultern. „Im Gegensatz zu euch, bin ich loyal. Ich sterbe lieber mit ihm, als mit euch Vollpfosten über das Meer zu segeln.“
    Der Formwandler sah nur aus dem Augenwinkel, wie Nelli leise lachte. Dann wandte er sich Edmund zu. „Es ist deine Entscheidung, was du tun wirst, aber ich bin an deiner Seite.“

  • Wie gelähmt ließ sie sich von den Männern wegbringen.

    Schock, Wut und Verwirrung wechselten sich in ihrem Inneren ab und das sorgte dafür, dass ihre Gedankenwelt wie von einem Sturm durchgerüttelt wurde.

    Mühselig stieg sie über die Reling und setzte einen Fuß in das Beiboot, dankbar dafür, dass sie von ihrem Kleid noch zur Robe gewechselt war. Umständlich zog sie das andere Bein nach und kam kurz ins Wanken, als das Beiboote schaukelte. Sorgsam achtete sie darauf, dass ihre Haare den Dolch in ihrem Rücken nach wie vor verdeckten.

    Glücklicherweise hatten die Matrosen sie nicht durchsucht, weshalb die Magiesteine und das Auge von Zydderfon sowie ein wenig Geld in ihrer kleinen Gürteltasche verstaut blieben. Ihr Zauberstab verbarg sich unter ihrem eng anliegenden Ärmel. Hätte sie ihn in der Schnalle am Rücken getragen, wäre ihr dieser mit Sicherheit abgenommen worden. Ungeachtet dessen, dass ihre magischen Fähigkeiten noch zertrampelt auf dem Boden lagen.

    Und so blieb ihr nichts anderes übrig, als sich von den Meuterern herumschubsen zu lassen wie ein kleines Kind.

    Haben die überhaupt eine Ahnung, mit wem sie sich gerade anlegen?

    Sie wussten es, aber es war denen mehr als egal.

    Wenn ich meine Magie benutzen könnte, hätten diese … Piraten … nichts zu lachen!

    Die ganze Situation schien ihr wie ein schlechter Scherz.

    Vor gefühlten wenigen Augenblicken hatte sie gesamte Besatzung vor dem Tod bewahrt und nun wurde sie deswegen von Bord geworfen, weil Einzelne an die Lügen alter Märchen glaubten?

    Ihre Gedanken überschlugen sich, als sie auf das schmale Brett in dem Beiboot niedergestoßen wurde. „Geht das auch weniger grob?“, entfuhr es ihr gereizt und sie sah den Mann grimmig an, während sie sich sein Gesicht einprägte. Sie erntete von dem Kerl jedoch nur einen amüsierten Blick.

    Sie vermied es, an ihren Handfesseln zu rütteln, wobei ihr Blick sich schließlich auf Trevor heftete.

    Ein undeutbares Kribbeln fuhr durch ihren Körper. Für einen kurzen, unendlich schrecklichen Augenblick hatte sie ihm seinen Verrat geglaubt. Aber als er dann vor ihr gestanden hatte und …

    Im ersten Moment war sie versucht gewesen, ihn einfach wegzustoßen und ihm eine Ohrfeige zu verpassen.

    Wie konnte er es wagen …

    Im Nachhinein wusste sie selbst nicht genau, warum sie zugelassen hatte, dass Trevor sie küsste.

    Sie spürte den Druck des Messers in ihrem Rücken und riss ihr Augenmerk von der Gestalt des Wandlers los. Sein Blick hatte gezeigt, dass er sich sofort Vorwürfe machte.

    Ihre Gedanken sagten ihr, dass sie wütend auf ihn sein sollte – sie war es aber nicht.

    Auch wenn der Kuss nur dem Zweck gedient hatte, ihnen die Flucht zu erleichtern, so lag noch immer ein wärmendes Gefühl auf ihrer Haut. Und so sehr sie sich auch bemühte, es wollte nicht weichen.

    Verunsichert sah sie sich um und ließ ihren Blick über die umherstehenden Männer wandern. Offensichtlich hatte niemand bemerkt, was Trevor wirklich getan hatte, außer ihr einen Kuss aufzuzwingen.

    Aber was sollte sie jetzt tun? Ohne ihre Magie hatte sie den Bewaffneten nichts entgegen zu setzen.

    Ihre Gedanken glitten zu dem Dolch, den sie noch immer in ihrem Rücken trug.

    Und was mache ich jetzt damit? Jemanden abstechen? Auf keinen Fall!

    Trevor musste etwas anderes geplant haben …

    Sie verfolgte das Gespräch zwischen Armod und Trevor aufmerksam. Irgendwann kam der Moment, in dem der Formwandler eine Entscheidung treffen musste. Und das tat er, als er sich neben Edmund stellte.

    „Es ist deine Entscheidung, was du tun wirst, aber ich bin an deiner Seite“, hörte sie Trevor sagen.

    Sie schloss erleichtert die Augen.

    Ihr ganzer Körper war zum Zerreißen angespannt und egal, was nun geschah – sie würde nicht einfach fliehen und die anderen zurücklassen. Niemals.

    • Offizieller Beitrag

    Edmund fixierte den Formwandler aus schmalen Augen. Vermutlich war es keine gute Idee, ihm nach diesem idiotischen Anfall an die Gurgel zu gehen, oder? Wie hatte der Kerl dieses ganze Theater spielen können, ohne ihm zuvor etwas zu sagen?
    Er merkte tatsächlich erst, dass er Trevor hatte vertrauen wollen und sich auch auf ihn verlassen hatte, als dieser ihm vermeintlich in den Rücken gefallen war. Es war ein verdammt einsamer Moment gewesen! Tatsächlich hatte er sich in seinem Leben noch nie so allein gefühlt. Allein zwischen einer stinkwütenden Mannschaft, die ihn tot sehen wollte. Sein Mut war in diesem Moment jedenfalls auf Null gesunken.
    „Die Witzfigur will aber nicht, dass du mir ihm stirbst!“, knurrte er immer noch gekränkt. Und es war eher der Trotz, der ihn noch dazu brachte, auf den Beinen zu stehen.
    „Das ist nicht deine Entscheidung“, gab Trevor zurück, was wiederum die Wut neu beschwor. Weg war der gekränkte Stolz. Warum machte jeder, was er wollte? Warum konnte nicht einmal jemand das machen, was er sagte? Und warum nutzte Trevor exakt die gleichen Worte wie sein Vater vor wenigen Wochen?!
    „Natürlich ist es nicht meine Entscheidung!“ Mit einem Mal brach sich die Anspannung der letzten Tage und vor allem der letzten Minuten Bahn. Edmund warf sauer die Arme in die Luft. „Es ist nie irgendwas meine Entscheidung! Wäre es nach mir gegangen, wären wir überhaupt nicht in diesem dreimal verfluchten Seegebiet mit seinen lächerlichen Stürmen!“
    Trevor sah ihn eine Weile von der Seite an, hielt den Blick aber auf die Piraten gerichtet.
    „Lass uns das später bereden. Das ist dein erster Überfall. Versuch ihn einfach, zu überleben.“
    Ehe Edmund noch etwas sagen konnte, platzten die beiden Männer aus der Tür zum Unterdeck, welche zuvor in sein Zimmer geschickt worden waren. Lautstark verkündeten sie, dass sie nichts gefunden hatten. Natürlich nicht! Er war nicht so blöd und ließ seine Sachen unbeaufsichtigt in der Kabine herumliegen. Am besten noch mit einem Zettelchen „geheim“ und „wertvoll“ - „bitte nicht anfassen“.
    Armod nickte nachdenklich, sah noch ein letztes Mal zu Trevor und seufzte resigniert, als bedauerte er wirklich, dass Trevor seine Wahl gegen ihn getroffen hatte. Dann wandte er sich an Edmund.
    „Nun denn“, setzte der Pirat an, „Wir wissen, dass Ihr etwas noch Wertvolleres mit Euch führt, als die Ladung im Lagerraum.“
    Edmund unterdrückte den Drang, zu Trevor zu schauen. Hatte er den Kerlen etwas verraten? Woher sonst sollten sie wissen, dass sich außer der Ladung noch etwas anderes an Bord befand? Trevor hatte noch am Nachmittag so doof danach gefragt!
    Er schüttelte den Gedanken ab. Nein, er war sich sicher, dass Trevor ihnen nichts verraten hatte. Nur woher wussten sie dann davon? War es nur eine Vermutung von ihm?
    „Keine Ahnung, was ihr glaubt zu wissen“, gab Edmund trotzig von sich. Ob man die Verunsicherung in seiner Stimme hörte?
    Ich habe es meinem Vater versprochen! Ich verrate nichts!
    „Lügt nicht, wir wissen, dass Ihr etwas versteckt.“
    „Von mir aus, nehmt das Schiff auseinander, ihr werdet nichts finden.“
    Sein Vater hatte ihm eingeschärft, nichts zu sagen. Und wenn es ihm das Leben kosten konnte. Die Fracht in den falschen Händen und sie hatten ein Problem. Und das waren definitiv die falschen Hände. Und vor allem dreckige Hände!
    „Er trägt es sicherlich bei sich, deshalb haben wir in seiner Kabine nichts gefunden.“
    Edmund versteifte sich. Bei näherer Betrachtung war es den Tod nicht wert.
    „Nun sag es ihnen schon!“, mischte sich nun auch Trevor ein. Eindringlich sah der Wandler ihn an.
    „Auf dich höre ich erst recht nicht mehr!“ Trevors Theater verletzte ihn immer noch.
    „Meine Fresse!“, stieß Trevor aus.
    „Ah, eure Truppe besitzt zumindest ein Gehirn.“ Armod lachte.
    Eure gar keins …
    „Hör auf deinen kleinen Schoßhund.“
    „Nein“, stieß Edmund aus, ehe er es sich anders überlegen konnte. Er hätte gern gesagt, wo sich die Fracht befand. Er wollte nicht sterben! Zumindest nicht so! Und nicht so jung! Aber sein Vater hatte es ihm verboten! War es das wert? Wäre Trevor nicht an seiner Seite, hätte er wahrscheinlich bereits alles gesagt. Irgendwie gab der Formwandler ihm eine gewisse Stütze. Nur was genau brachte es ihm, dass er zu dem Versprechen hielt?
    „Bursche, nun sagt es ihm halt!“, wandte Nelli ebenfalls ein, „Tod nützt Euer Schweigen auch nichts mehr.“
    „Ich werde nichts sagen!“,
    beharrte Edmund und verschränkte die Arme. Zum einen, um seine Position klar zu machen und zum anderen, um das Zittern zu unterdrücken.
    Was wollte er damit beweisen? Nelli hatte Recht. Was brachte es ihm, wenn er irgendwo auf dem Meeresboden lag, wegen einer blöden Fracht und einem noch blöderen Versprechen? Nur weil er wollte, dass sein Vater einmal stolz auf ihn war? Davon hatte er sicherlich viel, wenn er tot war.
    „Ihr habt es gehört“, bestätigte Trevor.
    „Tja“, machte Armod, „dann platzt auch der Deal. Zerrt die Frau aus dem Boot zurück.“ Der Pirat machte eine wegwerfende Handbewegung.
    Edmund trat einen Schritt zurück.
    Nein, das wollte ich nicht!
    „Moment, haltet die Frau da raus!“
    Die Hand des Dicken schloss sich um seinen Kragen, dann wurde er unsanft zurückgezerrt.
    Armod ignorierte ihn. „Seht zu, dass ihr diesen Wicht auf den Kopf stellt, bis er redet! Und Manfred“, er sah an Edmund vorbei zu dem Dicken. „Du musst nicht zimperlich mit ihm umgehen!“ Das fiese Grinsen auf dessen Gesicht ließ es ihm eiskalt den Rücken hinuntergleiten.
    Zu allem Überfluss machten sich auch die Männer wieder daran zu schaffen, Esther aus dem Bord zu zerren. Sie wehrte sich, hatte gegen die Matrosen aber wenig einzusetzen.
    Was für ein Idiot war er eigentlich? Diese blöde Fracht war keinesfalls wertvoller, als … die anderen? Und nun hatte er es versaut, nur, weil er nicht hatte mit der Sprache herausrücken wollen? Weil er an einem blöden Versprechen hing? Gegenüber einem Mann, der ihn nie für voll genommen hatte?
    Die Worte, die sein Vater immer und immer wieder in seinem Zusammenhang ausgesprochen hatte, schossen ihm durch den Kopf: nichtsnutzig und dumm. Genauso fühlte er sich in diesem Moment auch.
    Der Dicke lachte hinter ihm schallend auf, als er Edmund hochhob und diesem dabei ein jämmerliches Quietschen herausrutschte.
    „Oh, da fängt wohl gleich einer an zu weinen“, brüllte der Dicke vor Lachen. „Wie niedlich. Bisher die dicke Lippe riskiert und nun … Willst du zu Mama, Händlersöhnchen?!“
    „Halt die Fresse, Fettwanst!“
    , stieß Edmund aus.
    Ja, ihm war das ganze Ausmaß seiner Situation erst in diesem Augenblick bewusstgeworden. Er hatte einen Fehler gemacht, der ihnen allen das Leben kosten würde. Es war seine Schuld! Und dafür hatte sich Trevor auf seine Seite gestellt?! Er sollte sich das noch anders überlegen, oder?
    Aber die Genugtuung würde er ihnen nicht geben, heulend um Gnade zu winseln!
    Armod drehte sich mit einem widerlichen Grinsen zu ihm zurück.
    „Oh, habe ich Euren wunden Punkt gefunden?“
    Von wegen wunder Punkt! Er hatte keinen! Nur Angst! Aber davon zumindest eine ganze Menge!
    Der Pirat lachte auf.
    „Da habt Ihr Euch so viel Mühe wegen der beiden Hexen gegeben, um es dann mit dem Arsch einzureißen, weil Ihr plötzlich Angst um Euer eigenes Leben habt.“ Er und einige Umstehende lachten. Nicht alle, aber genug, damit sich Edmund durch die Worte noch mehr gekränkt fühlte, als es die Situation sowieso schon schaffte.
    Ich habe Angst … Aber nicht nur um sein Leben, wie er resigniert feststellen musste.
    Noch vor ein paar Wochen hätte der Kerl mit seinen Worten wohl voll ins Schwarze getroffen. Und vermutlich wäre er nicht in so eine Situation geraten! Nun aber hatte er es versaut. Bisher hatte es wenigstens so ausgesehen, als würden Esther und Nelli heil aus all dem rauskommen. Aber nun?
    „Also ich höre …?“, meinte Armod schließlich.
    „Ich sag es euch, aber lasst dafür die anderen unbeschadet gehen.“
    Armod lachte und aus dem Augenwinkel sah Edmund, wie einige der Männer ihre Waffen zogen. Das sah nicht so aus, als wollte sich noch irgendwer daran halten. Frank lachte, dann versenkte Trevor seinen Säbel bereits in dessen Schulter. „Ich schätze, dafür ist es zu spät!“, meinte er an Edmund gewandt. „Esther, schneidet die Taue los!“, brüllte er anschließend über das Deck. Der Koch zerrte ebenfalls eine Waffe von irgendwoher und machte sich laut brüllend auf den Weg, um Esther zu unterstützen.
    „Wartet …!“, entfuhr es Edmund eher halbherzig. Weiter kam er jedoch nicht, da sich Stiev auf den Dicken warf, der ihn daraufhin freigab. Edmund fiel auf die Füße zurück und zupfte seinen eigenen Degen umständlich aus dem Gürtel.
    Dankend blickte er den Matrosen an. Es waren also nicht alle gegen sie.


    Dann jedoch blieb er wie erstarrt auf dem Deck stehen. Das Chaos, das mit einem Mal losbrach, kam nur langsam in seinem Kopf an. Überall wurden Waffen gezogen, es erklang Gebrüll und Männer gingen aufeinander los.
    Den Degen hatte er zwar in der Hand, aber wirklich spüren tat er ihn nicht. Neben ihm parierte Stiev einen Angriff, der zweifellos Edmund gegolten hatte.
    Edmund trat einen Schritt zurück und unterdrückte das Zittern. Sein Blick streifte die Männer, die mit scharfen Waffen aufeinander einhieben und -stachen. Einige hielten sich zurück, andere kämpften auf Leben und Tod. Das hier war anders als die Schlägerei. Das war viel schlimmer und mindestens drei Nummern zu groß. Die Lage eskalierte deutlich schneller als er sie begreifen konnte. Hatten sie nicht eben noch dagestanden und geredet?
    Sein Blick streifte den Dicken, der hämisch grinsend auf Stiev zulief, der mit verdrehtem Arm am Boden lag.
    Edmund sah sich nach Trevor um, doch dieser war anderweitig beschäftigt.
    Als er das nächste Mal zu Stiev sah, war der schon nicht mehr am Leben. Wie ein Gestörter hämmerte der Dicke auf den ehemaligen Matrosen ein.
    Edmund wandte den Blick ab und trat noch einen Schritt zurück. Ihm würde es genauso gehen. Gegen den Kerl hatte er keine Chance. Warum hatte er nicht einfach gesagt, wo die Fracht war? Warum hatte er geschwiegen? Warum war er so ein verdammter Idiot?! Dann hätten sie nur ihn umgebracht, nun starben sie vermutlich alle!
    Der Dicke sah sich um. Kurz richtete sich sein Blick auf Edmund, er lachte, wandte sich allerdings ab und lief zum Koch, der Esther in ihrem Boot verteidigte.
    Nelli hob in dem Durcheinander gerade ihren Stock auf. Und stand damit dem Dicken genau im Weg.
    Edmund blieb stehen. Er konnte sich nicht einmischen, er konnte nichts ausrichten. Das war keine Schlägerei. Wenn er sich einmischte, würde er sterben. Er blickte zu Stiev…
    Er konnte niemanden verletzen. Nicht ernsthaft! Nicht tödlich! Und erst recht nicht mit Absicht!
    Ohne zu zögern ging der Fette auf die alte Frau los. Diese hob zwar ihren Gehstock, hatte dem Schlag mit dem Säbel aber nichts entgegenzusetzen. Lediglich ablenken konnte sie ihn, landete dabei aber ächzend auf dem Hosenboden.
    Mit dem nächsten Schritt stieß Edmund an die Reling hinter sich. Er musste sich nur noch umdrehen und springen. Schwimmen konnte er und war vermutlich sicherer als weiterhin an Bord zu bleiben.
    Er schluckte, schob den Gedanken an Verrat und die Angst beiseite und umgriff den Degen wieder fester.
    Der Dicke holte bereits erneut aus und Edmund gelang es nur mit Mühe, noch rechtzeitig zwischen die Hexe und den Fetten zu schlittern. Er parierte den Schlag, wurde von der Wucht aber zurückgeschoben wie eine Puppe. Das Klirren des Metalls tat ihm in den Ohren weh.
    „Ah, wen haben wir denn da“, stieß der riesen Kerl aus. „Ist der Knilch fertig mit weinen und will sich nun erneut zwischen mich und eine dieser Huren stellen?“ Er lachte widerlich und stank dabei noch schlimmer – irgendwas zwischen vergammeltem Fisch und dreckigen Füßen. „Mir soll es recht sein. Ich hätte das schon eher zu Ende bringen sollen! Deinen Tod werde ich genießen.“
    Edmund hätte gerne die Zeit gehabt, etwas zu erwidern, da schwenkte der Fette aber bereits den Säbel – schneller als man ihm zugetraut hätte.
    Er wich dem Schlag aus, der darauf neben ihm ein Fass in Stücke drosch und eine ungefähre Ahnung gewährte, wie stark der Kerl war. Dass Trevor ihn vor wenigen Tagen noch zusammengeschlagen hatte, schien ihn nicht sonderlich zu jucken. Nicht mal der Sturm schien ihn erschöpft zu haben.
    Ist es die Alte wert?
    Edmund riskierte einen kurzen Blick über die Schulter. Nelli war bereits dabei, sich wieder auf die Beine zu wuchten. Immerhin schien ihr nichts Ernsthaftes passiert zu sein.
    „Hast du eigentlich auch so einen lächerlichen Piratennamen?“, versuchte Edmund es mit einem Gespräch. Irgendwie beruhigte es ihn, wenn er sprach. Dann musste er nicht die ganze Zeit daran denken, dass um ihn herum Menschen starben. Und das er im Begriff war, es ihnen gleich zu tun.
    Und er musste den Drang zurückdrängen, einfach kreischend wegzurennen!
    Er brachte etwas Abstand zwischen Nelli, sich und den Fetten. Irgendwie musste er ihn von dem Beiboot weglocken.
    Wenn er schon starb, dann für eine gute Sache, oder? Vielleicht würden Esther und Nelli entkommen? Und er hatte den Aufenthaltsort er Fracht nicht verraten!
    Hoffentlich erstickt Vater daran!
    „Nicht?“, bohrte er nach, als er keine Antwort erhielt, „Wie wäre es mit Manfred, der mit dem Schweinegesicht? Manfred, der Stinkende, Manfred, die geballte Dummheit?"
    Weiter kam er nicht, da der Dicke mit zwei langen Schritten wieder zu ihm aufgeholt hatte und mit einer schnellen Abfolge auf ihn einschlug. Zwei der Hiebe konnte Edmund gerade noch abwehren, der dritte ging durch seine Kleidung, verfehlte ihn aber.
    Toll, warum machte er sich eigentlich noch die Mühe, sich etwas Anderes anzuziehen?
    „Klappe, Kleiner", gab der Dicke von sich, „für so einen Schnösel hast du eine ziemlich große Fresse!“
    Jaaaa, keine Ahnung, woher die kommt …
    „Man tut, was man kann.“ Während er sprach, ging er weitere Schritte zurück.
    Der Dicke folgte ihm.
    „Erst du, dann die Alte! Das wird ein lustiger Tag.“
    Mittlerweile war der Abstand zu Nelli groß genug, damit diese nicht mehr in unmittelbarer Gefahr zu dem Fetten schwebte.
    „Fein", knurrte Edmund deshalb, blieb stehen und lockerte das Handgelenk in dem der Degen lag. „Dann eben nicht.“
    Wie groß konnte schon der Unterschied zwischen den unzähligen Übungskämpfen und einem echten Kampf sein?


    Sehr groß, wie sich keine Minute später herausstellte, als er über den Boden rollte, um dem Fuß des Kerls und der Klinge des Säbels auszuweichen und danach wieder auf die Beine zu kommen. Seine Angriffe prallten an dem Dicken ab als würde er mit einem Gummiband nach einem Metallschild schnippen. Während er nun schon zwei Faustschläge hatte einstecken müssen. Glücklicherweise spürte er davon nicht allzu viel.
    „Jetzt blieb schon stehen!“, knurrte der Fettsack und stellte ihm das Bein. Edmund stolperte. Die ganze Zeit schon kämpfte der Mann unfair. Durfte er das?

    Edmund fing sich an der Reling ab. Aus dem Augenwinkel sah er bereits den nächsten Angriff kommen.
    Langsam hatte er keine Lust mehr. Er duckte sich weg und schlug statt auf den Körper des Kerls auf die Hand mit dem Säbel. Die Klinge des Degens bohrte sich ins Fleisch und ließ den Mann aufschreien. Blut spritzt ihm entgegen. Und der Säbel fiel zu Boden.
    Es war die Überraschung darüber, dass er getroffen worden war, die den Dicken kurz verharren und seine Hand mustern ließ. Edmund zögerte nur kurz. Er wollte den Kerl nicht verletzen. Aber wenn er es nicht tat, dann würde dieser ihn töten, so viel stand fest.
    Kurz entschlossen, zerrte er seinen Degen zurück und hackte nun mehr auf den Fetten ein, als dass er sich an seine Ausbildung erinnerte. Dieses ganze Gekämpfe nervte ihn. Er hasste es! Er hasste es andere zu verletzen! Er hasste es Blut zu vergießen! Er hasste es, dass man ihm in den Rücken fiel, immer und immer wieder. Er hasste es vorgeführt zu werden wie ein Idiot! Er hasste den Fetten dafür, dass er Stiev umgebracht hatte! Er hasste ihn dafür, dass er Nelli angegriffen hatte! Er hasste die Piraten dafür, dass sie sein Schiff klauten und sie von Bord warfen! Er hasste die Kerle dafür, dass sie Esther weh getan hatten! Und er hatte sie dafür, dass sie ihn dazu gebracht hatten, Trevor zu misstrauen! Aber vor allem hasste er sich selbst dafür, dass er sie alle in diese Situation gebracht hatte!
    Der Fette wich zurück. Die wütenden Schläge trafen ihn und hinterließen einige Fleischwunden, die ihn aber nicht weiter zu interessieren schienen. Manfred holte mit seiner gesunden Hand aus, als wollte er ihm die Waffe entwenden. Doch diesmal war Edmund schneller und ein Schrei entfuhr dem Fetten und quittierte die drei abgetrennten Finger.
    Edmund zögerte nun doch. Das hatte er nicht gewollt ...
    Wutentbrannt stürzte sich der Mann auf ihn. Edmund hob abwehrend den Degen und trat nun seinerseits das Bein des Dicken weg. Zu seiner Überraschung rutschte Manfred tatsächlich weg und bremste ruckartig ab.
    Edmunds Degen bohrte sich mehr zufällig als beabsichtig in seinen Hals.
    Der Schwung reichte noch aus, um Edmund zurückprallen zu lassen. Als er auf dem Boden aufschlug, knackte etwas, nur war er sich nicht sicher, ob es sein Rücken oder das Schiff war. Der Dicke klatschte röchelnd vor ihm auf den Boden. Der Degen steckte noch in seinem Hals und das Blut tränkte das Schiff.
    Edmund kroch zurück. Den Blick weiterhin auf den Dicken und den qualvollen Todeskampf gerichtet. Hasserfüllte Augen stierten zu ihm zurück, dann wurden sie mit einem Mal seltsam glasig und es kam kein Geräusch mehr von ihm.
    Starr betrachtete Edmund den Fleischberg. Denn mehr war der Kerl nicht mehr. Kein Mensch, der aufstehen und seinem Tagewerk nachgehen würde. Nie mehr. Und er war Schuld…
    Er hatte ihn nicht töten wollen.
    Die Blutlache breitete sich weiter unter ihm aus. Und ruinierte ihm die Schuhe.
    Zitternd kam Edmund auf die Beine und trat einen Schritt zurück. Er hasste den Kerl. Aber er hatte nicht … Er wurde wieder nach vorn geschubst.
    „Komm Junge“, stieß Nelli aus, „der Kerl erwacht auch nicht wieder, wenn Ihr ihn anstarrt. Schnappt Euch Euren Degen und dann schnell weg hier!“
    Edmund bewegte sich nicht. Er wollte den Degen nicht anfassen. Er war voller Blut und steckte noch immer in dem Dicken.
    Ein dumpfer Schlag gegen seine Schläfe riss ihn aus seiner Starre.
    „Bedauern könnt Ihr euch später!“, gab Nelli von sich und schlug ihm ihren Gehstock nochmal gegen den Kopf. „Jetzt beweg dich, du Lappen!“
    Edmund nickte nur mechanisch, ignorierte die Beleidigung. Seine Hände waren voll Blut, als er nach dem Degen griff und ihn mit einem viel zu lauten Schmatzen aus dem Fleisch zog.
    „Ich…“
    „Jaja. Und wenn wir nicht gleich gehen, sehen wir genauso aus!“
    , drängte Nelli.