Die Vampire von Rankental

Es gibt 99 Antworten in diesem Thema, welches 4.444 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (15. Mai 2024 um 19:46) ist von Rainbow.

  • Hey Feron

    Ein rundum gelungener Part! Irgendwie schaffst du es, zwischen den Zeilen immer mal wieder eine gewisse Beklommenheit durchblitzen zu lassen. zum Beispiel, als sie an dieser Opferstätte sind oder als Philippe plötzlich im Dickicht verschwindet und Lafayett versucht, ihm zu folgen. Das sind immer nur kurze Sequenzen, die aber irgendwie ankündigen, dass etwas Unheil bringendes bevorsteht. (zumindest mein Eindruck :)) Die Aktion mit dem Sturz von dem Baum war zwar ein Stück weit vorhersehbar, aber trotzdem gut inszeniert. Ich fand es krass, dass Lafayett danach so schnell wieder der Alte war. Ein klitzekleiner Schock hätte ihm schon im Nacken sitzen können. Ein kleiner Schwindel, ein bisschen Schwanken,... der muss ja eigentlich bis oben mit Adrenalin vollgepumpt sein :hmm:

    Stell dir vor, du triffst den Fasan des Jahrhunderts mit einem sauberen Schuss, mitten auf dem Acker, und ein übermäßig aufgeregter Hund bricht die Schwanzfeder ab.“

    Lafayett grinste schadenfroh. „Ist dir das passiert?“

    „Ja. Er hängt an der Wand in meinem Schlafzimmer.

    Hier hab ich einen verschwindet kurzen Moment gedacht, er hätte jetzt den Hund ausgestopft in seinem Schlafzimmer hängen :rofl:

  • Zitat

    Hier hab ich einen verschwindet kurzen Moment gedacht, er hätte jetzt den Hund ausgestopft in seinem Schlafzimmer hängen :rofl:

    Weißt du was? Ich lasse das Lafayett tatsächlich als Scherz fragen!

    ★klaut den Witz und rennt damit weg★

  • Hallo Feron

    mir gefällt dieser Jagd-Abschnitt sehr gut. Erstens passt so eine Freizeitbeschäftigung gut zu dieser alten Adelsgesellschaft die du beschreibst und es ist für mich auf jeden Fall etwas nicht Alltägliches und darum interessant. Dann zeigst du wieder sehr gut den Charakterunterschied zwischen Philippe und Lafayett und auch Lafayetts Bemühen Philippe zu gefallen. Dadurch dass man schon weiß dass diese schaurigen Vampire im Hintergrund lauern entsteht ein gewisser Effekt - ich ahne schon dass das Grauen jeden Moment auf die beiden hereinbrechen kann. Das macht selbst eine harmlose Szene schon gruselig.

    Und die Höhle mit diesen Steinen die für den Leser die Entstehung der Vampire auf einen Blick deutlich machen - gleichzeitig aber für Philippe und Lafayett keine Bedeutung haben - sehr gut gemacht!

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince * No Way Out

  • Weißt du was? Ich lasse das Lafayett tatsächlich als Scherz fragen!

    Ja, ich schätze das würde ganz gut passen… Zumindest kann ich es mir sehr gut vorstellen, dass das eine gewisse Situationskomik in sich birgt :thumbsup:

    ★klaut den Witz und rennt damit weg★

    Freut mich, wenn ich dich inspirieren konnte. :)

    ich ahne schon dass das Grauen jeden Moment auf die beiden hereinbrechen kann

    Keine Ahnung warum. Aber irgendwie habe ich das dumpfe Gefühl, dass Philppe schon tiefer da drin steckt, als man auf den ersten Blick glaubt. Vielleicht bin ich auch komplett auf dem Holzweg, aber irgendein Geheimnis trägt er ja mit sich herum. Und er kennt diese sonderbare Höhle… obwohl er ja eigentlich ganz woanders herkommt :hmm: Alles sehr mysteriös.

    Ich bleibe gespannt :gamer:

  • Keine Ahnung warum. Aber irgendwie habe ich das dumpfe Gefühl, dass Philppe schon tiefer da drin steckt, als man auf den ersten Blick glaubt. Vielleicht bin ich auch komplett auf dem Holzweg, aber irgendein Geheimnis trägt er ja mit sich herum. Und er kennt diese sonderbare Höhle… obwohl er ja eigentlich ganz woanders herkommt

    Das stimmt allerdings ...

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince * No Way Out

  • Zitat

    Keine Ahnung warum. Aber irgendwie habe ich das dumpfe Gefühl, dass Philppe schon tiefer da drin steckt, als man auf den ersten Blick glaubt. Vielleicht bin ich auch komplett auf dem Holzweg, aber irgendein Geheimnis trägt er ja mit sich herum. Und er kennt diese sonderbare Höhle… obwohl er ja eigentlich ganz woanders herkommt

    Das ist in diesem Fall gewollt. 😉 Vielen Dank euch beiden Rainbow und Kirisha

    Das nächste Stück ist wieder ein Mathis Teil. Warnung vorweg es könnte etwas eklig sein. Ich habe den Grund warum Jessika ihn zuerst nicht verwandeln will etliche Male umgeschrieben. Die beiden waren im ersten Entwurf ein Paar, aber ich fand das zu repetitiv, da die Szene kurz nach dem Spaziergang von Lafayett und Phillip kommt. Außerdem war die Macht-Differenz für eine gesunde Beziehung viel zu groß. Letzteres ist nun ein Plot-Punkt. Ich hoffe es macht einigermaßen Sinn. Ich bin wie gesagt eher Horror und Drama zugeneigt und weniger ein Fan von Romanzen.


    -------

    Regentropfen trommelten gegen das Dachfenster, wie eine feindliche Armee, die versuchte, sich Zutritt zu verschaffen, und Blitze zuckten viel zu nahe durch den wolkenverhangenen Himmel. Mathis schreckte hoch, bleich wie Elfenbein, seine Kleidung triefend nass vor kaltem Schweiß. Er schaffte es gerade noch, sich über die Kante seines Bettes zu ziehen, und übergab sich. Mit verätztem Rachen und verstopfter Nase rang er keuchend um Luft, ehe er sich in sein Kissen zurücksinken ließ. Der kleine Raum um ihn herum drehte sich im Kreis. Er blickte an sich herab, auf seinen Bauch, seine Hüfte und dann den Verband, den gottverdammten Verband. Die Wollstreifen selbst waren sauber – dafür hatte Albert gesorgt. Aber der süßliche, beißende Geruch, der davon ausging, ließ keinen Zweifel, dass sich Fäulnis darunter ausbreitete. Er streckte für einen Moment seine Finger danach aus, hatte aber weder die Kraft noch den Mut, sich Gewissheit zu verschaffen.

    Ein kurzer Lichtblitz drängte die Dunkelheit zurück. Eine Gestalt mit einem grauen Mantel stand am Ende des Bettes und sah auf ihn herab, offensichtlich unbeeindruckt von der Tür, die er am Vortag verschlossen hatte.

    „Du kannst es Dir nicht leisten, länger zu warten.“ Es war die Stimme von Jessika drängend und ungewöhnlich streng. „Albert sagt, dein Bein ist nicht mehr zu retten."

    „Nein.“ Mathis riss sich vor ihren schimmernden Augen los und drehte den Kopf weg. „Ich brauche beide Beine, wenn ich in einer Burg voller Treppen leben soll.“

    „Niemand sagt, dass du es sollst, Mathis. Dein Dienst hier ist vorbei. Du gehst nach Hause zu deiner Familie. Deine Eltern werden glücklich sein, dich zurück zu haben, Krüppel oder nicht.“

    „Nein.“ Wiederholte er schwach und schloss die Augen. Jessika bewegte sich geräuschlos um sein Bett herum, ihre Umrisse immer nur für einen Donnerschlag sichtbar.

    Sie umging die Pfütze am Boden und ihre haarigen, krallenbewehrten Finger strichen sachte durch sein verfilztes Haar. Ein Teil von ihm wollte einschlafen, alles andere zurücklassen und nur diese eine Erinnerung mit auf die andere Seite nehmen. Die Vampirin war bucklig mit weit auseinander stehenden Augen und einer fürchterlichen Narbe quer über ihre Kehle, aber es gab keine andere Frau wie sie. Ihre Makel machten sie vertraut, wie ein altes Paar Handschuhe mit einzigartigen Flicken, das über die Jahre Teil seines Lebens geworden war.

    „Ich weiß, dass du Angst hast.“

    „Es ist nicht der Fall, den ich fürchte, sondern der Aufprall“, blaffte der Kutscher. „Ich bin hergekommen, um meinem Ende zu entgehen, aber dein Streunerfreund hat alles ruiniert.“

    Jessika schob die löchrige Decke, unter der er ruhte, etwas zurück und nahm auf der Bettkante Platz.

    „Ich weiß, du hast gehofft, dich uns anschließen zu können, aber das geht nicht“, flüsterte sie.

    Mathis blinzelte zweimal, aber seine Augenlieder blieben kalt und schwer. Sein Körper bettelte um Schlaf. „Warum?“ Die Frage rollte von seinen zitternden Lippen, und er wusste bereits jetzt, dass keine Antwort die Scherben seines gebrochenen Herzens jemals wieder zusammenfügen konnte.

    Der Seufzer, der von ihren rauen Lippen fiel, verriet Schande und ein widerwillig bewahrtes Geheimnis, im Begriff gelüftet zu werden. „Ich bin in deinem Kopf, seit wir uns das erste Mal getroffen haben.“ Ich habe dich dazu gebracht, dich in mich zu verlieben. Es wäre nicht…“

    Mathis hob seine Hand und stoppte sie. Ihr Gesicht nahm einen pikierten Ausdruck an, mit gekräuselter Stirn und angezogener Oberlippe. Sie schien es nicht zu mögen, dass er die Kontrolle über die Unterhaltung hatte. „Ich will es so. Ich liebe dich, Jessika.“

    Jessika knurrte. „Das ist, was unsere Kräfte tun, du Idiot! Du liebst mich, weil ich es dir aufgezwungen habe. Ich könnte es mir niemals vergeben, wenn du eines Tages wieder zu dir kommst und merkst, dass du dich für alle Ewigkeit zu dieser armseligen Existenz verdammt hast für eine Frau die so abstoßend ist wie ich.“

    Mathis studierte Sie gründlich. Die Flecken auf ihrer fahlen Haut, das lichte Haar und die tief eingesunkenen Augen mit den dunklen Ringen darunter, aber er konnte keine Makel sehen.

    „Du bist das Beste, was mir je passiert ist“, versicherte er ihr.

    Jessika grinste, aber es hielt nur kurz an. „Ich bin ein egoistisches Schwein. Ich habe dich versklavt, weil mir die Berührung von Männerhänden auf meiner Haut so sehr gefehlt hat. Ich bin hässlich auf eine Art und Weise, die keine Magie jemals aufheben könnte, ein ekliges, gieriges, selbstsüchtiges Monster, das einen guten und treuen Mann zerstört hat.“ Ihre Stirn legte sich in Falten und sie begann, blutige Tränen zu weinen.

    Er streckte seine Hand in die Finsternis, geleitet nur vom Klang ihrer Stimme. Er wollte ihre Wange berühren, aber ihre langen, dürren Finger griffen nach seinen, ehe er ihr entstelltes Gesicht erreichen konnte.

    Mathis holte tief Luft. „Ich will noch immer, dass du einen Rattling aus mir machst. Wenn deine Magie schwindet und ich dich nicht mehr lieben sollte, finde ich einen anderen Grund, zu leben, auch wenn ich mir jetzt noch nicht vorstellen kann, was das ist. Ich werde mein Glück finden, egal was passiert.“

    „Die Verwandlung ist sehr schmerzhaft.“ Jessika täuschte für gewöhnlich vor, zu atmen und zu blinzeln, wenn sie mit ihm sprach, aber nicht dieses Mal. Wollte sie, dass er sie als Monster wahrnahm? „Ich weiß. Ich kann die Schreie von hieraus hören.“

    „Es ist endgültig, du kannst niemals wieder Mensch sein.“

    Mathis drückte seine Zähne so fest aufeinander, dass sie knirschten, und blickte sie verurteilend an. „Ich bin fertig mit diesem Leben. Der Waffenmeister kann es haben, bringt mich nur als Vampir zurück. Das ist das, was ich als Lohn für meine Dienste will. Das ist, was du mir schuldest.“

    Sie starrte nachdenklich auf ihre deformierten, grauen Hände und schwieg. Blitze erhellten den Raum, aber ihre Mine veränderte sich nicht. Schließlich flüsterte sie. „In Ordnung.“

    Er zwang sich noch ein letztes Mal, seine trockenen Augen offen zu halten. Die Dunkelheit verwehrte ihm jetzt, ihr Gesicht zu sehen, aber ihre Präsenz im Raum war so stark, dass er sich sicher war, dass sie noch bei ihm war. Schließlich verlagerte sich ihr Gewicht auf der Matratze. Er sah sie vor seinem geistigen Auge, wie sie mit beiden Händen auf ihr Gesicht deutete, die Asymmetrie, die Narben und das wenige, verfilzte Haar. In dem Moment, in dem er sich ihrer Traurigkeit bewusst wurde, wollte sich jede Faser in ihm aufraffen, egal wie. Er musste ihr helfen, musste für sie da sein, musste seine letzten paar Atemzüge aufbrauchen, um ihr zu helfen, aber er war zu krank, um auf seinen eigenen Beinen zu stehen.

    Jessica streckte ihre Arme unter seine Beine und Schultern. Sie hob ihn auf und trug ihn durch den strömenden Regen die Treppe herunter in den Hof. Das kalte Wasser sog sich langsam in seine Kleidung und kühlte seinen fiebrigen Körper. Dann wurde alles still um sie herum. Sie hatten die Türschwelle zum alten Weinkeller überschritten. Das Aroma von verrotteten alten Fässern hüllte ihn ein. Der Boden war mit Strohmatten und Kissen bedeckt. Dies war der Schlafsaal für die rangniederen Vampire, sein neues Zuhause. Sie legte ihn neben einer der Säulen ab und entfernte sich dann von ihm. Er fühlte sich ausgeliefert, ohne sie. Am liebsten hätte er laut geschrien.

    „Warte kurz.“ Beschwichtigte sie. Er versuchte, seine Augen offen zu halten und sie an die Umgebung zu gewöhnen. Nach einer Weile konnte er die Konturen der Steintreppe und einen Teil der Wände sehen, Das obere Drittel war mit Spinnenweben bedeckt, weil sich niemand die Mühe machte, zum Staubwischen eine Leiter zu holen. Das war das Erste was er tun würde, nahm er sich vor. Er würde jeden Raum, den er betrat, sicherer und besser machen. Eine Ratte quietschte auf, irgendwo in einer Ecke weit rechts von ihm. Jessika brauchte das winzige Herz für das Ritual - sein Herz.

    Eine scharfe, männliche Stimme richtete sich an ihn. Er kannte auch Sie. Sie hatte einen herrischen, aristokratischen Klang mit einem harten, südlichen Akzent, der jedem Wort einen Hauch von Bedrohung verlieh. Selbst wenn Hector leise sprach, konnte man wenig tun, als gebannt zu lauschen. „Jessika spricht gut von dir.“ Kam es trocken aus den Schatten hervor.

    Er versuchte zu antworten, aber ein eisiger Wind traf seine Lungen wie eine gnadenlose Peitsche und zwang ihn in einen weiteren Hustenanfall. Wieder drehte sich die Welt. Verzweifelt schnappte er nach Luft, aber jedes Mal, wenn sich seine Brust erneut zusammenzog, verzögerte sich der Atemzug, den er so dringend brauchte. Es war zu spät, er war zu krank. Ein letztes Aufbäumen, ein letztes flaches Keuchen, ein letztes Kratzen seiner Fingernägel über den harten Boden – dann lag er still da, seinen leeren Blick auf die Decke gerichtet.

    Jessika schritt um den ausgestreckten Körper herum. Sie stieß mit dem Griff eines Messers gegen seine Wange, um sich zu vergewissern, dass er nicht mehr aufwachte, während Hektor sie über ihre Schulter hinweg beobachtete. Sie hob ihre Klinge über die Brust des Toten, ließ sie niedersausen und zog den Stahl kraftvoll durch Mathis Brustbein. Frisches Blut sprenkelte die Weinfässer und die Spinnennetze. Mit ihren Klauen griff sie rechts und links nach den Rippenknochen, die ihr im Weg waren, zerbrach sie wie dürre Zweige und riss sie auseinander. Das glänzende Herz, das eine Minute zuvor noch wild geschlagen hatte, lag nun ungeschützt vor ihr.

    „Mach weiter! Die Uhr tickt.“ Drängte Hector und nickte auf den Körper der toten Ratte neben ihr.

    „Du hast Recht!“ Blaffte sie sarkastisch und deutete an ihm auf und ab. „Bleib am besten hier stehen und kontrolliere jeden meiner Handgriffe! Man sieht ja, was passiert, wenn man mir das Erschaffen von Neuliegen überlässt.“

    Ihre Finger schlossen sich um das Herz und sie zog es mit einem kräftigen Ruck heraus. Die Blutgefäße zogen sich lang, dehnten sich und rissen schließlich. Erneut flutete der Duft von frischem Blut die Ruine. Jessika führte das tote Nagetier, das sie in der anderen Hand hielt, an ihren Mund, griff das graue Bauchfell mit ihren Eckzähnen und biss ein Loch hinein. Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt sie das winzige Rattenherz und legte es in Mathis leeren Brustkorb. Sie beugte sich vor, dicht über Mathis Gesicht, und hauchte den Atem ihrer toten Lungen auf seine Lippen, ehe sie flüsterte:

    „Mit dem Herz des unreinen Tieres verwehre ich dir deinen Frieden, mit meiner Stimme, schwach vor Trauer, verkünde ich dein neues Schicksal. Verfeindet mit der Welt entsende ich meine Rache und meinen Fluch. Erhebe dich und diene meinem Willen, Rattling!“

    Dünne, rote Fäden streckten sich von dem Organ weg, wanden sich und tasteten gierig ihre Umgebung ab, wie hunderte kleinen Tentakeln. Das glitzernde Gewebe breitete sich aus. Es verband sich mit den verwaisten Blutgefäßen und wob einen schützenden Käfig um das fremde Herz. Es sog das noch warme Blut auf und begann langsam die Ränder der Wunde zusammenzuziehen, bis nichts verblieb als eine fahle Narbe.

    Für den besseren Teil einer Minute gab es den Kutscher nicht mehr. Doch dann zuckte einer seiner Finger. Er schrie und riss seine Augen auf. Die wenigen Strahlen Mondlicht, die seine Netzhaut trafen, brannten wie Säure. Er rollte sich zusammen und vergrub sein Gesicht schützend in den Handflächen. Doch sobald der Schmerz unter seinen geschlossenen Liedern nachließ, begann sein ganzer Körper zu zittern. Seine Muskeln verhärteten sich wie ein Krampf, der keine Faser in ihm verschonte.

    Jessika wandte sich von ihm ab. Sie konnte nichts tun, um zu helfen. „Es ist gleich vorbei“ versprach sie, aber seine Schmerzensschreie übertönten ihre Worte. Er hörte sie nicht, konnte keinen Trost für seine Lage empfangen.

    Eine stinkende, rötliche Mischung aus Wasser, Schweiß, Galle und allen anderen Körperflüssigkeiten, die er nicht mehr brauchte, triefte aus seinen Poren. Seine Fingernägel fielen aus, hochgedrückt von Nadelspitzen-Krallen, die sich langsam aus seinen Nagelbetten schoben. Die Nervenstränge und Wurzeln, die seine oberen Eckzähne im Kiefer verankert hielten, verdorrten und lösten sich auf, um Raum für die neuen, totbringenden Fänge zu schaffen. Er spuckte sie aus, um sich nicht daran zu verschlucken.

    Der Schmerz durchzog ihn in langen Wellen, aber dazwischen waren Momente von Klarheit. Seine Haut, besonders jene an den Fingerspitzen, veränderte sich. Sie begann sich dünner anzufühlen, aber Mathis wusste, dass es nicht stimmte. Die Flederlinge hatten ihr feines Gehör und die Wölflinge ihren unfehlbaren Geruchssinn. Rattlinge aber nahmen die Welt am meisten durch ihren Tastsinn wahr.

    Er zog seine Hand langsam über eine zerbrochene Bodenfliese. Er fühlte die Risse darin so deutlich, als wären sie tiefe Gräben. Die Oberfläche war glasiert, um die Unebenheiten zu kaschieren, aber er fühlte jeden eingeschlossenen Kiesel darin. Mehr noch: Der schwindende Rest seiner Körperwärme erfüllte diese Stelle, vielleicht ein halber Grad wärmer als die Luft, aber er spürte es trotzdem.

    „Vorsichtig.“ Warnte Jessika. „Deine Sinne sind jetzt viel schärfer. Erschrick nicht!“ Sie trat zurück, angelte nach Mathis Hand und zog ihn, sachte auf die Füße.

    Er blinzelte und ließ ganz vorsichtig etwas Licht an seine Augen. Die Welt um ihn herum begann zu leuchten. Er verfolgte, wie jeder einzelne Lichtstrahl tausendfach an allen Oberflächen abprallte, und plötzlich konnte er in dem düsteren Keller sehen, als wäre es helllichter Tag. Farben taten sich auf, deren Namen er nicht kannte. Verwirrung hielt ihn wie versteinert fest. Er wusste, dass er noch immer in der Burgruine sein musste, aber seine Umgebung war ihm jetzt so fremd, als wäre sie nicht einmal mehr derselbe Planet.

    Der Atem seiner Pferde im Stall über ihm, das Scharren von Rattenpfoten zwischen den Mauern, das Heulen des Sturms und alle anderen Geräusche der Nacht verbanden sich zu einem anhaltenden Chor. Aber die Quellen und Positionen all dieser Laute waren ihm jetzt so klar, dass sie ihm Sicherheitschenkten, anstatt ihn zu ängstigen. - Er- war jetzt das gefährlichste Wesen hier. Er beugte sich vor und zog den Verband von seinem Bein. Die Wunde, die ihn fast das Leben gekostet hätte, war nichts weiter als eine hässliche Narbe.

    Jessika stieß ihm in die Seite und nickte in Hectors Richtung. Mathis ließ sich langsam auf das verletzte Knie sinken, noch immer unsicher, ob es ihn tragen würde. Er senkte seinen Kopf.

    „Jessika möchte deine Mentorin sein.“ Hallte die Stimme des Waffenmeisters über ihm. „Ich erlaube es, aber mach nicht den Fehler, zu glauben, du hättest deswegen Privilegien über deine Brüder und Schwestern. Kein Haus braucht Schwächlinge. Wenn du dein Gewicht nicht trägst oder den Schleier brichst, beseitigen wir dich. Hast Du das verstanden? “

  • Hey Feron

    Der Part hat sich für mich gut lesen lassen, wenn mich auch ein ganz klitzekleines Bisschen stört, dass die Perspektive hier hin-und herschwenkt. Erst sind wir bei Mathis, dann nach seinem Todeskampf sind wir bei Jessika und Hector, um dann wieder in Mathis einzutauchen. Mir ist schon klar, dass das erzähltechnisch vielleicht nicht anders geht. Zumindest, wenn du dem Leser zeigen willst, wie genau das Ritual abläuft. Würdest du konsequent bei Mathis bleiben, hätte er einen Filmriss. Die Kamera würde im entscheidenden Moment wegschwenken und es gäbe einen Cut.

    Das könnte auch durchaus reizvoll sein, weil man dann näher an ihm dran wäre...ist halt immer die Frage, was einem selbst wichtig ist und worauf man den Fokus legen möchte. Wenn ich ehrlich bin, verschafft mir persönlich als Leser das Erleben des Rituals mit Brustkorb aufschneiden (btw. geht das überhaupt mit einem Messer? :hmm:) , Ratte das Herz rausreißen (auch das stelle ich mir nicht so einfach vor, weil man dafür garantiert eine gute Feinmotorik braucht, die ich Jessika in dem Moment nicht so wirklich abnehme) , und dann letztlich die Einpflanzung des tierischen Organs mit dem dazugehörigen Wandlungsspruch...nicht unbedingt einen Mehrwert.

    Cool wäre ja irgendwie, wenn er seinen Körper verlassen würde, um das Geschehen von außen zu beobachten. Mit der dazugehörigen Distanz. Dann würden wir bei ihm bleiben und der Leser würde das alles trotzdem mitansehen können. (nur so eine spontane Idee, die mir gerade kam. keine Ahnung, ob die was taugt.) Ansonsten könnte Mathis auch im Anschluss von Albträumen geplagt werden oder während seiner Wandlung sowas wie einen Flashback haben, bei dem er das Ritual noch einmal durchleben muss...nur so in Bruchstücken. Durch seine neu gewonnenen Vampirfähigkeiten hat er vielleicht die Fähigkeit dazu, seinen Tod und das anschließende Ritual Revue Passieren zu lassen.

    Weißt du, was ich meine? Vielleicht gäbe es eine coole Möglichkeit, das noch anders in Szene zu setzen. Denn so liest es sich etwas zusammengflickt. Nicht falsch verstehen. Ich finde es nicht wirklich schlecht, so, wie es ist. Ich überlege nur gerade, ob man es eventuell optimieren könnte. Ansonsten, wenn du es wirklich so lassen wolltest, würde ich den Perspektivwechsel nach Mathis Tod zumindest durch einen deutlichen Absatz abheben.

    Wie geht`s weiter? :gamer:

  • Hallo Feron

    sehr guter Abschnitt. Stimmungsvoll und gut beschrieben. Was den Perspektivenwechsel betrifft würde ich mich Rainbow anschließen. Ich mag es auch gern wenn man bei einer Perspektive bleibt.

    Ich bin gespannt wie es weitergeht!

    das Erschaffen von Neuliegen

    Ich hoffe er liegt gut darauf :rofl:

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince * No Way Out

  • Zitat

    Der Part hat sich für mich gut lesen lassen, wenn mich auch ein ganz klitzekleines Bisschen stört, dass die Perspektive hier hin-und herschwenkt. Erst sind wir bei Mathis, dann nach seinem Todeskampf sind wir bei Jessika und Hector, um dann wieder in Mathis einzutauchen. Mir ist schon klar, dass das erzähltechnisch vielleicht nicht anders geht.

    Rainbow Ich hätte dem Leser einfach gerne bestätigt das der Zauberspruch auf dem Stein im Wald von Averndorn tatsächlich der real Deal ist. Außerdem bin ich Ketchup-Fan. :dead: Aber der plötzliche Perspektivenwechsel hat schon zwei andere Beta-Leser gestört und man kann halt auch nicht alles auf „Geschmacksache“ schieben.

    Ich kann es leider nicht später in einem Alptraum aufgreifen. Vampire schlafen bei mir kanonisch nicht. Deren Gehirne machen das ganze „Speichern und Sortieren“-Zeug das bei Menschen sonst im Schlaf passiert, während sie wach sind. Die haben deswegen, wenn sie seelisch angeschlagen sind manchmal fiese Halluzinationen. Eventuell geht es so, Mathis kennt den Spruch ja. Ich lasse mir etwas einfallen wie ich in seiner Perspektive bleiben kann. *tut es auf die Liste*

    Zitat

    das Erschaffen von Neuliegen

    Ich hoffe er liegt gut darauf :rofl:

    Ich das sollte "Neulinge" heißen. Findet die Rechtschreibprüfung natürlich nicht. Das ist inhaltlich nur eine kleine Stichelei. Hector ist ranghöher, aber Jessika hat ihn erschaffen und ist ein wenig älter. Ich weiß noch nicht ob ich das drin behalte. Jessika hat nicht viele Kapitel daher ist es wahrscheinlich unnötig das zu vertiefen. *schnipp, schnapp*

    Vielen Dank euch beiden. Ich trage es meine Notizen ein und bearbeite den Text um alles leserlicher zu machen. Im nächsten Teil teilt Lafayett Phillipe seine Gefühle mit… das muss drin sein, weil sonst der Plot nicht vorwärts geht. Ich hoffe es ist trotzdem unterhaltsam.

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    Lafayett betrat das Dupont-Anwesen und eine Briese angenehme, beheizte Luft kam ihm entgegen. Das Haus war noch zu neu für die typischen Zeichen von Leben. Keine Flecken an den Tapeten, keine durch Zigarettenrauch vergilbten Decken und keine liebgewonnenen Möbelstücke, die behalten werden mussten, obwohl sie nicht mehr zum Rest der Einrichtung passten.

    Phillipe führte ihn durch ein ausschweifendes Esszimmer mit einem Kronleuchter aus Rothirschgeweihen. Ausgestopfte Enten, Fasane und Auerhahne zierten die Wände. Der Esstisch stand über einem brandneuen roten Berberteppich und vor einem der Fenster war ein schwarz lackierter Klavierflügel platziert. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte Lafayett sich unwürdig.

    Spielst du?“ frage Lafayett?

    Phillipe schüttelte den Kopf. „Der gehört meiner Mutter. Komm hier entlang!“ forderte er, während er einen von den gepolsterten Stühlen an der Lehne packte und hinter sich her in die Küche schleppte. Lafayett folgte ihm und lugte vorsichtig um die Ecke. Die Wände der Küche waren mit ockerfarbenen Kacheln bedeckt und es gab eine freistehende Kochzeile in der Mitte. Brun hob währenddessen einen alten Knochen vom Fußboden auf und trug ihn zu einem Hundekorb in einer ruhigen Ecke. Phillipe platzierte den Stuhl mitten im Raum und deutete Lafayett, sich zu setzen, ehe er die Tauben und die Tasche mit den Steinpilzen sachte neben ein Schneidbrett legte.

    „Sind deine Eltern nicht zuhause?“ Fragte er. Er hoffte das es so war, aber er gab seiner Stimme einen unschuldigen, neugierigen Klang. Phillipe schüttelte den Kopf und band sich eine Schürze um. Lafayett bildete sich kurz ein, dass er einen Funken Trauer in den kantigen Gesichtszügen ausgemacht hatte. Es war in der Tat ein sehr großes Haus, wenn man es für sich allein hatte.

    „Es ist Ihr Hochzeitstag. Dieses Jahr sind sie nach Marseille gefahren, um die Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Mein Vater verträgt fremdes Essen nicht gut, deswegen nehmen Sie Josephine, unsere Köchin, überall hin mit.“ Er setzte einen Topf mit Wasser auf und zündete den Herd an.

    „Unser Butler Fabien lebt auch noch hier, aber er hat einen verstauchten Knöchel und muss Bettruhe halten, so gut es geht. Ich muss noch nach ihm sehen, sobald du weg bist.“

    „Weißt du deswegen, wie man kocht?“ Lafayett überschlug die Beine und schaute schelmisch zu seinem Freund hoch. „Haben die Damen nicht eine eigene Liga in der du mitmachen kannst?“

    Phillipe streckte ihm den Arm entgegen und schnippte ein paar Taubenfedern in sein Gesicht, während er mit der anderen Hand eine Pfanne schwenkte.

    „Ich bin mir in meiner Männlichkeit sicher. Ich habe es eben nicht nötig, Müll zu fressen, nur weil zufällig mal keine Frau da ist die für mich am Herd steht. Abgesehen davon ist es gut für die Seele, sich von Anfang bis Ende selber darum zu kümmern, was auf den Teller kommt.“

    Er nahm eine der toten Tauben, zeigte sie ihm und strich über das graue Gefieder. Er drehte sie um und man konnte die Wunde sehen, an der sie gestorben war. Geronnenes Blut verklebte ihre Daunen. „Ich habe sie aufgespürt, Ich habe sie erschossen. Ich bereite sie zu und ich esse sie. Keine Komplikationen.“

    Wie verzaubert beobachtete er Phillipe als dieser die Tiere mit dem Messer zerlegte. Es lag eine Aufmerksamkeit und Sensibilität in jedem seiner Handgriffe, die schwer in Worte zu fassen war. Selbst jetzt noch, wo er das Fleisch der Vögel zerschnitt, respektierte er sie doch auf seine Art. Das Gewürzregal war üppig gefüllt, mit Pulvern, Körnern und getrockneten Blättern aus jedem Winkel der Welt, aber der schöne Jäger holte lediglich Pfeffer und Salz daraus hervor.

    „Wenn ich den Geschmack sowieso übertünchen wollte, könnten wir auch Huhn essen.“ Lautete die simple Erklärung und er hätte nicht noch mehr zustimmen können.

    „Kann ich helfen?“, fragte Lafayett nach einer Weile, aber sein Gastgeber schüttelte nur den Kopf und wendete das Fleisch.

    „Der Hauptgang ist Chefsache. Aber du kannst die Pilze putzen“. Er schob das zarte, rosa Fleisch an den Rand der Pfanne und ließ daneben ein Stück Butter schmelzen. Als das Fett sich verflüssigt hatte und zu blubbert begann, schöpfte er es mit einem Löffel über die Taubenbrust, bis er mit der goldbraunen Farbe der Kruste zufrieden war. Lafayett krempelte die Ärmel hoch und fegte mit einer weichen Bürste gewissenhaft die sandige Erde aus den Lamellen der Steinpilze.

    „Willst du die Teller aussuchen?“ Der Gastgeber deutete auf eine niedrige Kommode neben dem Eisschrank. Lafayett zuckte mit den Schultern. „Ich kenne mich mit sowas nicht aus.“

    Phillipe rollte mit den Augen, ging an ihm vorbei und hob eine kleine Auswahl an Tellern auf die Arbeitsfläche. „Ich doch auch nicht. Ich wollte wissen welcher dir gefällt“, murmelte er und inspizierte jeden Einzelnen. Das Service, das er schließlich aussuchte, war aus weißem Porzellan gefertigt und hatte goldene Ränder an seinen Tellern und Tassen, mit Verzierungen von blühenden Wildrosen unter dem Lack.

    Phillipe deckte den Tisch allein und zu Lafayetts haltloser Begeisterung kehrte er aus dem Weinkeller mit einer staubigen Flasche Rotwein zurück. Sie nahmen gemeinsam am Esstisch Platz. Es war zu viel Aufwand, den Kronleuchter anzuzünden, aber stattdessen spendeten ihnen zwei weiße Kerzen Licht.

    Das Essen ruhte harmonisch auf dem feinen Geschirr, genauso angerichtet, dass das Auge immer von selbst von einem Bestandteil zum Nächsten streifte. Lafayett schluckte und bemerkte erst jetzt, wie ausgehungert er war. Er deutete eine Verneigung an. „Danke für den Ausflug und das Essen. Ein Sternekoch hätte das nicht besser machen können als du.“

    „Lass es vor lauter Lobeshymnen nicht kalt werden, Blondie.“ Phillipe manipulierte mit dem Messer einen Bissen auf seine Gabel und fing an zu kauen.

    Lafayett zögerte zunächst, das kleine Kunstwerk zu zerstören, aber sein Freund hatte Recht. So eine kleine Portion würde nicht lange warm bleiben. Er hatte das deftige, sättigende Essen von Madame Perrin immer gemocht und sich gelegentlich sogar geweigert, feinere Zutaten wie Wild oder Meeresfrüchte zu versuchen, weil sie ihm zu fremd waren. In seinem Kopf hätte das Filet kräftig schmecken sollen, fleischiger und schärfer als Huhn oder Ente, aber das Aroma war delikat, nussig und süß. Davon zu essen war für seinen Gaumen das gleiche wie Musik für seine Ohren: aufregend neu und so komplex, dass er es ihm niemals alltäglich erscheinen würde.

    „Gut?“ vergewisserte sich Phillipe. Er klang selbstbewusst, als ob er längst wusste, dass es gelungen war und es nur noch einmal von ihm hören wollte. Fein. Er hatte Komplimente verdient.

    „Ist besser als ich erwartet habe“, verkündete er großzügig.

    Der Füllstand der Weinflasche sank. Er versuchte langsam zu essen, um seinen Gastgeber nicht unter Druck zu setzen, und auch noch seine Speisekammer zu plündern. Es wurde spät und das Zeitfenster, um heraus zu finden ob Phillipe seine Gefühle erwiderte, schloss sich. Die Möglichkeit einer Zurückweisung hing über ihm wie eine dunkle Wolke. Wenn er den Wunsch äußerte, mehr Zeit miteinander zu verbringen, würden junge Kerl mit den breiten Schultern ihn auslachen und darauf verweisen, dass sie bereits auf demselben Polofeld und im selben Fechtkurs waren. Er fühlte sich dumm, frustriert, dass die Worte, die er brauchte, sich nicht so leicht finden ließen wie sonst.

    „Das hier ist alles, was ich im Leben wollte.“ Es war seine Stimme, die sprach, aber die Worte waren seinem Kopf entkommen, ohne um Erlaubnis zu fragen. Er legte sein Besteck beiseite und starrte auf seine zitternden, verschwitzten Hände. Eine unsichtbare Kraft in seinem Inneren schubste ihn, zwang ihn weiter zu sprechen mit weniger als hunderttausend Wörtern und einer kurzen Liste von Gesten, die alles beschreiben konnten und doch nicht ausreichten. Seine Atemzüge wurden kurz und flach.

    „Ich kann nicht aufhören an dich zu denken, wenn du nicht in meiner Nähe bist. Ich wünschte ich könnte die Zeit anhalten damit…“.

    Phillipe hatte sich vorgebeugt und den Zeigefinger auf seine Lippen gelegt, um ihn zu stoppen. Das Kerzenlicht schimmerte in seinen goldenen Augen, die weit aufgerissen zurückstarrten. Seine Augenbrauen waren entspannt und er biss sich auf seine Unterlippe.

    „Entschuldige aber, ich muss eine Sache unbedingt wissen.“ Begann er mit bebender Stimme. „Ich meine: Ich wusste das du…“ Er zögerte. „Aber was wäre dein Plan gewesen, wenn ich nicht schwul bin? Du hättest dich verraten.“

    Lafayett zog sein Gesicht zurück und befreite sich von dem unfreiwilligen Knebel. Falls? Sein Körper fühlte sich auf einmal federleicht an. „Um ehrlich zu sein, habe ich keine Gedanken daran verschwenden, was ich sage oder tue, wenn es nicht klappt. Ich habe nur an all die Dinge gedacht, die ich haben könnte, wenn du ja sagst.“

    „Ich habe nicht `ja` gesagt.“ Phillips Stirn lag in Falten und er presste unbehaglich die Lippen zusammen. Lafayett senkte den Blick. Er ist dabei abzulehnen, dachte er sich.

    „Ich bin geschmeichelt und unendlich froh, dass ich dich gefunden habe, aber ich bin im Augenblick nicht in der Position das hier weiter zu verfolgen.“

    „Warum nicht?“ Lafayetts Stimme klang wie ein heiseres Flehen. Es gab vermutlich hunderte gute Gründe, von denen er nicht einen einzigen hören wollte. Gab es keinen Weg, dass dieser Abend so ausging, wie er es gehofft hatte?

    „Ich habe einmal einen Mann geliebt. Aber ich bin jetzt, wie du unschwer erkennen kannst, allein. Es ist weniger als ein Jahr her und die Wunde ist noch zu frisch, um von Neuem anzufangen.“

    Phillipe sank in seinem Stuhl zusammen und legte den Kopf in den Nacken, scheinbar hypnotisiert von dem prunkvollen Kronleuchter über ihm.

    „Was ist passiert?“ Lafayett schreckte hoch und entschloss sich feinfühliger zu sein. „Vergiss es. Das scheint was Persönliches zu sein. Ich muss es nicht unbedingt wissen.“

    „Lügner!“ Phillipe grinste.

    „Ich würde es gerne wissen. Aber ich akzeptiere Schweigen als Antwort.“

    Phillipe schüttelte, sachte den Kopf. „Wir sind erwischt worden. Meine Eltern haben mir nach einer Weile verziehen, aber seine nicht. Die Anstalt von Doktor Montmorency hat ihn `geheilt` und er wollte mich danach nicht mehr sehen.“

    Der große Kerl schnappte sich den Wein und nahm einen kräftigen Schuck direkt aus dem Flaschenhals. Lafayett hörte in seinen Gedanken die Stimme seiner Mutter, wie sie ihn rügte, wann immer er sich danebenbenommen hatte. Aber seine Vorstellungskraft reichte nicht aus, eine Version von ihr zu sehen, die erlaubte, dass man ihn in ein Irrenhaus brachte, nicht einmal dann, wenn er selbst derjenige gewesen wäre der es wünschte.

    „Blondie, es tut mir so leid, aber ich kann das nicht nochmal durchmachen. Ich weiß, ich sehe stark aus, aber anders zu sein, zermürbt dich. Wenn es einmal öffentlich wird, was in dir vorgeht, wird dir nach und nach alles weggenommen, bis du im Inneren so leer bist wie eine Buchenhülse.“

    „Und der Umzug nach Rankental?“, stammelte er, als sich das Mosaik in seinem Kopf langsam vervollständigte.

    „Die politische Karriere meines Vaters hat schweren Schaden genommen. Wir mussten umziehen. Zu dem Zeitpunkt war ich dankbar, Paris hinter mir lassen zu können. Du wärst am Boden zerstört, wenn du die Namen hören würdest, die sie mir gegeben haben. Ich lasse nicht zu, dass dir das auch passiert.“

    Schande war ein grausames Ding, ein trügerischer Schleier über der Seele. Der Menschen zwang, Masken zu tragen, die nicht passen wollten. Lafayett begann sich zu fragen, wie vielen schwulen Männern oder lesbischen Frauen er im Laufe seines Lebens auf der Straße begegnet war, ohne es zu ahnen.

    „Und deine Familie ist einverstanden damit, dass du Junggeselle bleiben willst?“ Sein Ton war gespielt albern. Sein Jäger brauchte das viel mehr als Beileidsbekundungen. Er griff über den Tisch, nahm den Wein aus Phillipes Hand und schenkte sich selbst noch einmal ein. Sein Blick war verschwommen und er hatte große Mühe, das Glas nicht aus Versehen zu überfüllen. Phillipe sprach immer noch mit einer großen Distanz in seiner Stimme. Fast so, als wären diese schrecklichen Dinge einer anderen Person passiert.

    „Nein. Natürlich sind sie das nicht. Ich heirate nächsten Frühling Colette Moreau. Ich bin auch geheilt, weißt du?“, kommentierte er mit einem erzwungenen Lächeln. Halb trotzig und halb verzweifelt. „So kann ich Kinder haben und eine schöne große Hochzeitfeier. Und mein Vater baut mir das kleine Haus am Waldrand das ich mir wünsche.“

    „Es tut mir leid.“ Wisperte Lafayett in sein Weinglas und er meinte es von ganzem Herzen. „Es ist nicht unsere Schuld, weißt du? Ich glaube die Natur ist einfach so.“

    „Na und? Menschen widersetzen sich ständig ihrer Natur. Und ich kann das auch.“

    „Danke dass du ehrlich mit mir warst, Phillipe. Jetzt weiß ich zumindest, dass ich nicht allein bin.“

    „Warte noch, Blondie! Ich gebe dir noch eine Flasche von dem Wein mit. Als Wiedergutmachung dafür, dass ich deine erste Verabredung ruiniert habe.“

    „Du hast überhaupt nichts ruiniert“, log er, zu stolz, um sich seiner Enttäuschung hinzugeben. Er stand auf, rekte sein Kinn hoch und suchte sich seinen Weg zurück zur Tür. Ehe er seine Hand nach dem Türgriff ausstrecken konnte, drückte ihm Phillipe noch die Weinflasche in die Hand. Er konnte sehen, dass er darüber nachdachte, ihm eine Umarmung an zu bieten, aber das hätte das alles noch bitterer gemacht.

    „Sehen wir uns Dienstag in der Fechtstunde?“, fragte Lafayett noch, im Türrahmen stehend.

    „Ich werde da sein.“

    „Gut. Adieu.“

    „Adieu,Blondie.“

    3 Mal editiert, zuletzt von Feron (21. April 2024 um 21:33)

  • nächsten Teil teilt Lafayett Phillipe seine Gefühle mit… das muss drin sein, weil sonst der Plot nicht vorwärts geht.

    Entschuldige dich doch nicht ... es gibt hier auch Leser die gerne sowas lesen.

    (Das mit den Neulingen hatte ich natürlich verstanden. Wollte dich nur ein bisschen aufziehen).

    Der Part ist super. Den habe ich sehr gerne gelesen.

    Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte Lafayett sich unwürdig.

    sehr guter Kommentar. Er zeigt wie Lafayett denkt und passt auch sehr gut zu dem was man schon über ihn weiß.

    „Ich bin mir in meiner Männlichkeit sicher. Ich habe es eben nicht nötig, Müll zu fressen, nur weil zufällig mal keine Frau da ist das für mich am Herd steht. Abgesehen davon ist es gut für die Seele, sich von Anfang bis Ende selber darum zu kümmern, was auf den Teller kommt.“

    Philippe gefällt mir! (an der markierten Stelle sollte es wohl "die" heißen?)

    Phillipe hatte sich vorgebeugt und den Zeigefinger auf seine Lippen gelegt, um ihn zu stoppen. Das Kerzenlicht schimmerte in seinen goldenen Augen, die weit aufgerissen zurückstarrten. Seine Augenbrauen waren entspannt und er biss sich auf seine Unterlippe.

    „Entschuldige aber, ich muss eine Sache unbedingt wissen.“ Begann er mit bebender Stimme. „Ich meine: Ich wusste das du…“ Er zögerte. „Aber was wäre dein Plan gewesen, wenn ich nicht schwul bin? Du hättest dich verraten.“

    Wie können die Augen weit aufgerissen (schockiert/erregt) und die Augenbrauen gleichzeitig entspannt sein? Funktioniert für mich nicht so richtig.

    Und hier würde ich alles in den Konjunktiv setzen: "Was wäre dein Plan gewesen wenn ich nicht schwul gewesen wäre?"

    Sein Jäger brauchte das viel mehr Beileidsbekundungen.

    viel mehr als Beileidsbekundungen (oder? Der Satz ist sonst unvollständig)

    ihm Phillipe noch die Weinflasche in die Hand. Er konnte sehen, dass er darüber nachdachte, ihm eine Umarmung an zu bieten, aber das hätte das alles noch bitterer gemacht.

    Hier sind die Pronomen missverständlich. Das erste "Er" bezieht sich auf Pihilippe - aber gemeint ist wohl Lafayette?Auch das zweite "er" bezieht sich grammatikalisch auf dieselbe Person. Hier würde ich es deutlicher machen damit man nicht ins Schleudern kommt.

    Das Abschnitt ist sehr gut geschrieben und sehr gut nachvollziehbar. Nun wird auch klar warum er nicht über Paris reden wollte. Da bin ich gespannt wie es weitergeht.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince * No Way Out

  • Hey Feron ,

    Zitat

    Jessika grinste, aber es hielt nur kurz an. „Ich bin ein egoistisches Schwein. Ich habe dich versklavt, weil mir die Berührung von Männerhänden auf meiner Haut so sehr gefehlt hat. Ich bin hässlich auf eine Art und Weise, die keine Magie jemals aufheben könnte, ein ekliges, gieriges, selbstsüchtiges Monster, das einen guten und treuen Mann zerstört hat.“ Ihre Stirn legte sich in Falten und sie begann, blutige Tränen zu weinen.

    Ich finde, dass dieser Teil etwas zu viel ist, ein bisschen "kitschig" vielleicht, aber allgemein finde ich die Szene, vor allem den Dialog der beiden, wunderbar gelungen und berührend. Er ist sich auch bewusst, was auf ihn zukäme - oder zumindest sagt er das.

    Hab auch gesehen, dass du hier wieder beim Namen zwischen Jessika und Jessica wechselst. Weiß nicht, was davon die französische Variante ist? Ich glaube mit c ist die Amerikanische.


    Zum Teil mit Lafayette und Philippe: ;(

    Was war das, was tust du uns an? Der arme Philippe hat sich eingeredet "Menschen handeln oft gegen ihre Natur, also kann ich das auch." Ich will die beiden umarmen und du hast das Kapitel so toll beschrieben und es ist toll, dass Lafayette ihn hier nicht weiter bedrängt.

  • Kirisha

    Zitat

    Entschuldige dich doch nicht ... es gibt hier auch Leser die gerne sowas lesen.

    Ich wundere mich nur ein bisschen. Ich war überzeug das die Romanze halt „gut genug“ ist. Wenn Lafayett nichts zu verlieren hätte, wäre es kein gutes Drama. Aber eigentlich macht mir das Schreiben über den intriganten, persönlichen, politischen Horror, der von einer Gesellschaft von Vampiren ausgehen würde viel mehr Spaß. *schulterzuck* Ist aber schön zu hören dass das was ich für die Schwäche in der Geschichte gehalten habe wohl doch lesenswert ist.

    Zitat

    Wie können die Augen weit aufgerissen (schockiert/erregt) und die Augenbrauen gleichzeitig entspannt sein? Funktioniert für mich nicht so richtig.

    Und hier würde ich alles in den Konjunktiv setzen: "Was wäre dein Plan gewesen, wenn ich nicht schwul gewesen wäre?"

    Ja. Funktioniert so wahrscheinlich besser. Sorry die Schreibfehler sind passiert, weil ich nach der Rechtschreibprüfung noch was verändert habe und zu faul war sie nochmal durchlaufen zu lassen. Ich passe besser auf.

    LittleOwlbear

    Zitat

    Ich finde, dass dieser Teil etwas zu viel ist, ein bisschen "kitschig" vielleicht, aber allgemein finde ich die Szene, vor allem den Dialog der beiden, wunderbar gelungen und berührend.

    Die Story hat als „Vampire die Maskerade“ Fan-Fiction angefangen und da ist Kanon das Vampire keine anderen Flüssigkeiten im Körper haben als Blut. Daher die blutigen Tränen. Ich finde das ist ein tolles Detail, aber ich brauche das nicht unbedingt für den Plot. Eventuell trenne ich mich ganz davon damit nicht jede Szene in welcher ein Vampir weint übermäßig dramatisch rüber kommt. Mal sehen.

    Zitat

    Hab auch gesehen, dass du hier wieder beim Namen zwischen Jessika und Jessica wechselst. Weiß nicht, was davon die französische Variante ist? Ich glaube mit c ist die Amerikanische.

    Jessica mit „C“ wäre richtig glaube ich.

    Zitat

    Ich will die beiden umarmen und du hast das Kapitel so toll beschrieben und es ist toll, dass Lafayette ihn hier nicht weiter bedrängt.

    Wenn man den Respekt vor jemandem verliert, nur weil er nicht einem zusammen sein will, dann war es kein Respekt. Ich habe auch eine große Vorliebe in Geschichten über einseitige Liebe, bei der die versetzte Person anschließend nicht zu einem eifersüchtigen Stalker wird. Ich mag das Konzept von Liebe die so wahrhaftig ist, dass „Du bist sicher und glücklich“ genug ist und die „Friendzone“ als die Form von Beziehung wertgeschätzt wird, die sie ist. Das ist natürlich hier noch nicht das letzte Wort dazu. :whistling:

    Vielen Dank. Ich weiß eure Hilfe sehr zu schätzen. Hier geht es weiter:

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    Lafayett überzeugte sich auf dem Heimweg selbst davon, dass ihm die Verabredung mit Phillipe nichts bedeutet hatte. Er hatte nur ein paar Wochen gebraucht, um sich zu verlieben, und er würde in ein paar Tagen darüber hinwegkommen. Der Wein würde zumindest ein bisschen helfen.

    Die Öllampen in den Straßenlaternen brannten schon, als er seine eigene Haustür erreichte. Es hätte ihn nicht überrascht, wenn ihm unterwegs ein Suchtrupp entgegengekommen wäre. Seine Muskeln beklagten den langen Tag. Er wollte sich in sein Bett werfen und erst wiederaufwachen, wenn Flechten an ihm wuchsen, aber wenn er Lärm machte, konnte er einer langen Diskussion mit seiner Mutter nicht entgehen und würde sich wahrscheinlich eine Sperrstunde einhandeln, wie ein kleines Kind oder der Insasse in einem Gefängnis. Das würde so nicht gehen.

    Seine Solen knirschten im Rindenmulch, als er stattdessen den Weg durch den Garten einschlug. Die Küchentür quietschte zwar auch, aber Madame Perrin hatte erwähnt, dass sie Rapsöl besorgen wollte, um die Blattläuse an ihrer Bohnenkresse zu ersticken. Er fand die kleine Porzellan-Kanne unter der Schubkarre und ließ ein paar Tropfen auf die Türscharniere fallen. Er wartete, bis das Schmiermittel durch die Schicht aus Staub und Rost gesickert war, und drehte erst dann seinen Schlüssel. Ein gedämpftes Klicken hallte durch die Küche. Er lauschte, schien aber niemanden geweckt zu haben.

    Er stellte seine Stiefel am Rand der Fußmatte ab und übersprang alle Treppenstufen, von denen er wusste, dass sie locker saßen. Hoffentlich würde er niemals umziehen müssen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie andere Leute es schafften, sich an neue Räume zu gewöhnen. Als er merkte, dass er wieder an Phillipe gedacht hatte, fuhr er sich mit den Fingern durch das Gesicht, als könnte er diesen unwillkommenen Gedanken damit wegwischen.

    In seinem Zimmer angekommen, stellte er den Wein auf seinem Schreibtisch ab, ließ sich so, wie er war, auf seine Matratze fallen und versank in einen unruhigen Schlaf.

    In seinen Träumen war er ein Vogel. Ein ungewöhnlich kleines Rotkehlchen, das am Rand einer Wiese auf einem Eschenzweig saß. Er suchte sich eine hohe Stelle aus, an der er gut zu sehen war, und sang aus vollem Hals, um andere anzulocken, aber der Himmel und die Baumwipfel blieben stumm. Wolken zogen auf und bald zog das Regenwasser schwer an seinen durchgeweichten Flügeln.

    Etwas raschelte in den Blättern unter ihm. Vielleicht der Gefährte, nach dem er gesucht hatte? Er hüpfte auf einen tieferen Ast, um nachzusehen, aber aus den Schatten unter ihm sprang kein Rotkehlchen, sondern eine getigerte Katze. Die spitzen Zähne packten seinen Flügel, ehe er reagieren konnte, und zerrten ihn in die Tiefe.

    Er schreckte hoch und fühlte, dass in der echten Welt jemand an seinem Arm rüttelte. Pricilla trieb ihre Fingernägel in seinen Unterarm und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Sie trug nichts als ein Nachthemd und ihr blondes Haar stand zerzaust in alle Richtungen ab.

    „Wach auf! Es ist jemand im Haus.“ Flüsterte sie. Er blinzelte schlaftrunken und versuchte sich zu orientieren. Seine Tür stand offen, aber im Flur brannte keine Lampe. Die einzige Lichtquelle war eine weit entfernte Straßenlaterne, die durch das Fenster schien.

    „Steh auf!“ Flehte sie und schüttelte ihn so heftig, dass er glaubte, sie würde ihm den Arm ausreißen. Schwere Schritte hallten durch den Flur und sie näherten sich seinem Zimmer: Ein Einbrecher. Er sprang auf und rückte hastig seine Kissen und Decken zurecht, sodass es aussah, als würde er noch schlafen.

    Seine Hand schloss sich fest um Pricillas Handgelenk und zog sie mit. Es war zu spät, den Raum zu verlassen, aber seine Tür ging nach Innen auf. Vielleicht genügte das als Versteck. Dann beugte er sich vor und sah durch das Schlüsselloch. Für eine ganze Weile tat sich nichts und in ihm keimte die Hoffnung, der Eindringling wäre an ihnen vorbeigegangen.

    Eine vermummte Gestalt schob sich durch den Türrahmen. Er legte seine Hand sachte über Pricillas Mund, um sie Notfalls am Schrein zu hindern, und wich zurück, bis er die Wand in seinem Rücken fühlte.

    Der Fremde trug einen zerschlissenen Mantel aus dunkelblauer Wolle und eine Kapuze, die ihren Schatten über sein Gesicht warf. Dennoch konnte er die Augen sehen, rostrot und schimmernd wie jene einer Katze. Es lag eine unheimliche Bestimmtheit und Präzession in seinen Bewegungen; ein Mann auf einer Mission. Von Eile oder der Furcht, entdeckt zu werden, fehlte jede Spur.

    Die Gestalt schritt an seinen Regalen vorbei, betrachtete kurz die Bücher und Polotrophäen und streckte sogar eine Hand aus, um mit dem Zeigefinger über die Klinge von Lafayetts Übungsrapier zu streifen. Die Waffe hatte ihren Platz in einer Halterung über dem Schreibtisch, auf Augenhöhe für ihn und Schulterhöhe für den Eindringling. Dann wendete der Fremde langsam seinen Kopf zum Bett. Ein schattiger Dolch blitzte auf und die Klinge sauste nach unten, immer und immer wieder, so schnell, dass die Ränder der Waffe zu verschwimmen schienen. Zerfledderte Federn flogen umher. Der Mann in dem blauen Mantel zog mit einem Ruck die Daunendecke zurück und fixierte die durchlöcherte Matratze. Ein gedämpftes, frustriertes Brummen war zu vernehmen.

    Das Blut in Lafayetts Ohren rauschte wie ein Dampfkessel, und seine Beine drohten nachzugeben, als stünde er auf einer glatten Eisfläche. Seine Schwester, die nicht gesehen hatte, was sich hinter den weißen Brettern zutrug, drückte seine Hand von ihrem Gesicht weg und sah ihn verwirrt an. Sie bewegte ihre Lippen, ohne einen Laut zu machen. Was will er hier? Ohne darüber nachzudenken, zog er die Schultern hoch. Panik würde keinen von ihnen retten. Er musste ruhig bleiben und auch dafür sorgen, dass sie ruhig blieb.

    Er konzentrierte sich auf Dinge, die er sicher wusste. Die Polizeiwache auf der anderen Seite des Parks war zehn Minuten entfernt. Nein, zwölf! Sie mussten barfuß laufen. Aber Ihr Nachbar, Monsieur Mellrie hatte ein Gewehr. Die Reichweite seines Rapiers war größer als das alte Messer. Wenn es in dem engen Flur zu einem Kampf kam, konnte er vielleicht gewinnen. Sein Atem wurde langsamer. Er schaffte das, redete er sich ein.

    Durch das Schlüsselloch beobachtete er wie die Gestalt die Spitze ihre Waffe an der Wand entlang zog und auf dem Weg nach draußen die Tapete aufschlitzte.

    Er deutete Pricilla mit einer Geste noch zu warten. Sie durften nicht bemerkt werden, aber er brauchte auch noch genügend Zeit, den Eindringling abzufangen, ehe dieser die anderen beiden Frauen erreichte.

    „Jetzt“, flüsterte er und eilte, so schnell er konnte, zum Fenster. Precilla sah sein zerstörtes Bett und den langen Riss in der Wand, stellte aber keine Fragen, sondern griff seine Hand noch fester. Ihre Schlafzimmer befanden sich im zweiten Stock, einige Meter über dem Rasen im Vorgarten. „Du musst springen, Pricilla.“

    Sie sah ihn entgeistert an, ihr Gesicht so bleich wie der Mond.

    „Das ist viel zu hoch.“ Jammerte sie, während sie sich immer wieder vergewisserte, dass niemand im Türrahmen stand.

    „Ich helfe dir. Halte meine Hand.“ Er half ihr, über das Fensterbrett zu klettern, und ließ sie an seinem Arm herunterhängen, soweit er konnte. Das würde Ihren Fall zumindest etwas verkürzen. „Du musst deine Beine lockerlassen, dann passiert dir nichts. Der Boden ist weich. Lass dich einfach fallen, als wärst du ein Sack Kartoffeln.“

    Der Anblick ihrer vor Furch geweiteten blauen Augen brach ihm das Herz. Dieser räudige Hund würde dafür bezahlen, was er ihr angetan hatte.

    „Bereit?“ fragte er.

    Sie nickte, aber ihre verschwitzten Finger rutschten ohnehin bereits ab. Er konnte sie jetzt nicht wieder hochziehen.

    „Ja. Du kannst loslassen.“

    Für einen Moment erwartete er das Krachen eines gebrochenen Knochens, aber seine Schwester machte keinen Laut und rappelte sich stattdessen langsam auf. Er hasste es, sie so zerzaust und freizügig bekleidet in die Nacht hinauszuschicken, aber sie war jetzt in Sicherheit.

    „Lauf nicht zur Polizei! Das dauert zu lange. Weck zuerst Monsieur Mellrie auf. Ich verlasse mich auf dich.“

    Sie schaute für einen Moment zu ihm hoch, zitternd und mit Grasflecken auf ihren Beinen und Schultern. „Was ist mit dir?“

    „Ich hole Mama und Madame Perrin dann komme ich nach.“

    Er entfernte sich von dem offenen Fenster, nahm sein Rapier von der Wand und drehte die kleine Schraube an der Spitze heraus, die das Kreidestück festhielt und die Klinge sicher zum Üben machte.

    Er setzte wie ferngesteuert einen Schritt vor den anderen und trat nach draußen in den Flur. Die Tür zu Madame Perrins Nähzimmer stand offen. Hier hatte er zuerst nachgesehen. Der cremefarbene Teppich war mit schlammigen Fußabdrücken bedeckt, und als sein Blick der Spur folgte sah er den vermummten Fremden, der gerade seine Hand nach dem Türgriff zu Aurelies Zimmer ausstreckte. Lafayett atmete tief ein.

    „Hey! Glotzbock!“ Schrie er. Laut genug, um das ganze Haus zu wecken. Der Kopf der Gestalt drehte sich zu ihm, und als sich die schimmernden roten Augen auf ihn richteten, fühlten sich seine Füße plötzlich an, als wären sie aus Blei. Er zwang sich, einen Schritt rückwärts zu machen. Der Mann wollte sein Leben, aus welchem Grund auch immer. Vielleicht konnte er ihn hinaus auf die Straße locken, wo es zu viele Zeugen gab.

    Die Stimme seiner Mutter ertönte hinter der Tür, verwirrt und erschrocken. „Lafayett!? Was soll das!?“

    „Geh von der Tür weg, Mama!“ Er setzte einen Fuß auf die erste Treppenstufe, um loszurennen, aber sein Gegner kam nicht näher, ganz im Gegenteil. Er fasste an den Türgriff und brach ihn scheinbar mühelos ab. Staub, abgeblätterte Bleifarbe und alte Nägel rieselten zu Boden. Aurelie konnte nicht mehr entkommen.

    Der Einbrecher zog seinen Dolch und deutete mit der Klinge auf das Zimmer, während seine Mutter vergebens an der Tür rüttelte. Er würde nicht folgen. Es war ein stilles Ultimatum. Kämpf oder ich töte sie.


    Lafayett nahm die Kampfhaltung ein, die er bei Roux gelernt hatte, und streckte sein Rapier noch vorne aus. Durch zusammengebissene Zähne fauchte er nur noch zwei Wörter als Antwort: „En garde!“

    Er machte einen Schritt vorwärts. Seine Muskeln erinnerten sich an die Bewegung und nicht nur an seine eigenen. Sein Gegner würde fast sicher zurückspringen, aber nicht weiter als nötig, damit er in Reichweite für einen Konter blieb. Er täuschte einen Stich an, hielt seinen Arm aber zurück und machte einen weiteren Schritt vor, um die Berechnung seines Feindes über den Haufen zu werfen. Er legte all seine Kraft in den Hieb. Er traf den Unterleib, aber die Klinge stieß nicht auf Widerstand. Von einem Wimpernschlag zum nächsten zerfiel die dunkle Gestalt in eine Wolke grauen Nebel und fügte sich am Ende des Flurs wieder zu einer humanoiden Form zusammen. Unversehrt.

    „Was für ein fauler Trick ist das!?“ Lafayett schnellte auf sein Ziel zu und machte sich bereit für den nächsten Stich. Diesmal drehte sich der Fremde zur Seite und drückte seinen Rücken an die Wand, um auszuweichen. Der alte, schattige Dolch schnellte vor für einen verheerenden Gegenangriff. Lafayett senkte seine eigene Klinge, um den Stich in seinen Bauch zu parieren. Er war gerade schnell genug dafür, aber die Wucht, mit der die beiden Klingen aufeinandertrafen, erschütterte ihn wie ein Erdbeben. Fast hätte er den Griff losgelassen. Sein Handgelenk begann zu pochen.

    Sein Gegner warf seine eigene Waffe von seiner rechten Hand in seine linke, aber seine Präzession ließ dabei nicht nach. Lafayett duckte sich. Der Dolch zischte so knapp über ihn hinweg, dass er den Lufthauch auf seiner Stirn spürte. Eine Reihe blitzschneller Angriffe trieb ihn rückwärts auf die Treppe zu. Er versuchte erneut die kürzere Klinge abzublocken, um nicht noch mehr Raum einzubüßen, aber jeder Versuch, sich mit der Kraft des Angreifers zu messen, trieb erneut einen stechenden Schmerz in seine Arme und Schultern. Er war nicht stark genug, nicht einmal annähernd.

    Als er es am wenigsten erwartete, winkelte die Gestalt ihren Fuß an und fegte mit einem Tritt seine Beine weg. Lafayett fiel und fühlte, wie das Treppengeländer unter ihm nachgab. Er stürzte auf den Esstisch und die Tischbeine zersprangen unter der Wucht des Aufpralls.

    Er bewegte seine Beine, voller Angst, sein Rückrad könnte gebrochen sein. Die Vorstellung, hilflos da zu liegen, bis dieses Monster entschied, dass es mit ihm fertig war, war schlimmer als der Tod. Aber seine Glieder gehorchtem ihm. Seine Gedanken drifteten ab und für eine Sekunde war er zurück im Wald unter der gespaltenen Eiche und sah hinauf in den klaren, blauen Himmel. Er blinzelte zweimal und zog Luft durch die Nase ein. Vielleicht wäre es besser, wenn der Aufprall ihn tatsächlich verkrüppelt hätte.

    Die Treppenstufe Knirschte. Es war die Dritte von oben. Lafayett blieb ausgestreckt auf dem zerstörten Esstisch liegen. Tränen rannen an seinen Wangen herunter. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen an die Decke und schnappte hastig nach Luft. Das Rapier lag neben ihm auf den Bodenfliesen. Es war in Reichweite, aber er hielt seine Finger still.

    Sein Gegner schmunzelte. Er schritt gemütlich die Treppe hinunter und umrundete die Trümmer. Jeder Instinkt in Lafayett befahl ihm, aufzuspringen und zu flüchten, solange er es noch konnte, aber er setzte das Schauspiel fort. Der Einbrecher ging links an ihm vorbei. Lafayett wollte den Kopf drehen und ihn um jeden Preis in seinem Sichtfeld behalten, aber dann verspielte er vielleicht die einzige Chance, die er hatte. Eine Hand packte seinen Haaransatz und zog seinen Kopf nach hinten. Die Klinge berührte seinen Hals. Er konnte die Kälte spüren, die von dem Stahl ausging. Sein Gegner hatte sich über ihn gebeugt. Lafayetts tastete neben sich nach dem Griff seiner Waffe, schloss die Finger so feste um den Griff, dass das Weiß seiner Fingerknochen durch seine Haut schien, und stach zu.

    Das Rapier hatte sich in den Hals des Fremden gebohrt und war in dessen Nacken wieder ausgetreten. Die hasserfüllten, rostroten Augen waren weit aufgerissen und starrten auf ihn herunter. Dunkles, kaltes Blut tropfte an der Klinge herunter auf seine zitternden Hände. Langsam und vorsichtig schob er den Dolch von seiner Kehle weg und drehte sich zur Seite. Tödlich getroffen sackte die Gestalt in dem blauen Mantel auf dem zerbrochenen Tisch zusammen. Die dunkle Pfütze unter ihm wuchs. Lafayett fühlte, wie seine Kleidung sich vollzog, aber er war zu erschöpft, um aufzustehen. Er schloss kurz die Augen, aber aus dem kurzen Moment wurden, ohne dass er es wollte, mehrere Minuten.

  • Wieder ein toller Abschnitt der ganz anders verläuft als ich dachte!

    Präzession - richtig wäre Präzision

    Wenn man den Respekt vor jemandem verliert, nur weil er nicht einem zusammen sein will, dann war es kein Respekt. Ich habe auch eine große Vorliebe in Geschichten über einseitige Liebe, bei der die versetzte Person anschließend nicht zu einem eifersüchtigen Stalker wird. Ich mag das Konzept von Liebe die so wahrhaftig ist, dass „Du bist sicher und glücklich“ genug ist und die „Friendzone“ als die Form von Beziehung wertgeschätzt wird, die sie ist.

    Ich glaube ich habe noch nie so etwas gelesen. Aber diese Ansage von Philippe (dass er sowas nicht nochmal durchsteht) hat mir sofort eingeleuchtet und ich denke Lafayett hat da keine wirkliche Wahl wenn er echte Gefühle hat. Da hängt eine Tragik über den beiden - ich interpretiere es halt so dass sie eigentlich beide gern zusammen sein wollen aber beide einsehen dass es aus gesellschaftlichen Gründen unmöglich ist bzw. der Preis zu hoch wäre. Und das gefällt mir ungeheuer. Ich stelle mir nicht vor dass sie hinterher einfach "Freunde" sein können. Sondern diese Gefühle die sie für einander haben werden sicherlich immer da sein. Nur dass sie so tun müssen als wären sie nicht da. Und dass die "Freundschaft" das Einzige ist was sie überhaupt zusammen haben können. Halt eine Freundschaft die von dem überschattet ist was sie hätten haben wollen aber nicht können. (Vielleicht hast du ein anderes Bild davon. Ich lasse mich überraschen wie es weitergeht. Finde das aber enorm spannend).

    Nun zu dem neuen Abschnitt:

    Sehr spannend. Lafayett schlägt sich sehr gut. Wer ist dieser Kerl der Lafayett töten wollte? Die Vampire hatten doch gesagt dass sie es erstmal aufschieben? Ich bin sehr gespannt.

    „Wach auf! Es ist jemand im Haus.“ Flüsterte sie.

    Ich muss es hier nochmal kurz sagen weil du die Dialoge immer falsch schreibst. Der Inquit wird dem gesprochenen Satz mit einem Komma angehängt und nach dem Komma geht es klein weiter. So wäre es richtig:

    „Wach auf! Es ist jemand im Haus“, flüsterte sie.

    Da du ja sehr viele Dialoge hast wäre es vielleicht sinnvoll wenn du dir angewöhnst es gleich richtig zu schreiben.

    Eine vermummte Gestalt schob sich durch den Türrahmen. Er legte seine Hand sachte über Pricillas Mund,

    Wenn du hier nicht schreibst dass Lafayett derjenige ist der die Hand über Pricillas Mund legt - dann denkt man es ist der Vermummte. Da würde ich schon deutlicher werden um Verwirrung zu vermeiden.

    Er würde nicht folgen. Es war ein stilles Ultimatum. Kämpf oder ich töte sie.

    Er würde nicht folgen ... wer würde wohin nicht folgen? Lafayett ins Zimmer? Der Einbrecher würde Lafayett nicht folgen? Aber Lafayett steht ja noch da und rennt nicht. Der Satz bringt mich ins Grübeln und reißt mich aus dem Fluss. Vielleicht kannst du es deutlicher schreiben.

    voller Angst, sein Rückrad könnte gebrochen sein

    Rückgrat

    wie seine Kleidung sich vollzog,

    sich vollsog

    Sehr spannender Abschnitt. Den habe ich wieder sehr gerne gelesen.:) Einige Fragen bleiben offen. Ich habe jetzt ehrlich Angst davor dass Lafayett (oder Philippe?) diesen Vampiren in die Hände fällt.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince * No Way Out

  • Zitat

    Aber diese Ansage von Philippe (dass er sowas nicht nochmal durchsteht) hat mir sofort eingeleuchtet und ich denke Lafayett hat da keine wirkliche Wahl wenn er echte Gefühle hat. Da hängt eine Tragik über den beiden - ich interpretiere es halt so dass sie eigentlich beide gern zusammen sein wollen aber beide einsehen dass es aus gesellschaftlichen Gründen unmöglich ist bzw. der Preis zu hoch wäre.

    Phillipe weiß wie es laufen würde, weil er schonmal erwischt worden ist. Lafayett ist in der Hinsicht aber eher naiv und versteht nicht so richtig wie tief Phillips Narben sind. Seine Arroganz spielt da auch ein bisschen mit rein. Warum sollte -ihm- irgendjemand was Böses wollen? Warum sollte -er- nicht einfach machen können was er will?

    Zitat

    Sehr spannend. Lafayett schlägt sich sehr gut. Wer ist dieser Kerl der Lafayett töten wollte? Die Vampire hatten doch gesagt dass sie es erstmal aufschieben? Ich bin sehr gespannt.

    Jop. Jemand hat gelogen. :whistling:

    Zitat

    Er würde nicht folgen ... wer würde wohin nicht folgen? Lafayett ins Zimmer? Der Einbrecher würde Lafayett nicht folgen? Aber Lafayett steht ja noch da und rennt nicht. Der Satz bringt mich ins Grübeln und reißt mich aus dem Fluss. Vielleicht kannst du es deutlicher schreiben.

    Das bezieht sich daraus das Lafayett ihn gerne raus auf die Straße gelockt hätte wo es (wie er annimmt) für einen Mord zu viele Zeugen geben würde. Ich schaue es mir morgen nochmal an. Da kann man sicher etwas machen. Es war mir nur wichtig das er nicht wie ein grober Klotz kämpft, sondern die Umgebung zu seinem Vorteil nutzt wo auch immer er kann.

    Zu der Rechtschreibung habe ich nicht viel zu sagen. Du hast natürlich Recht. Ich muss besser checken.

    Vielen Dank nochmal. ^^

  • LittleOwlbear

    Zitat

    Ich finde, dass dieser Teil etwas zu viel ist, ein bisschen "kitschig" vielleicht, aber allgemein finde ich die Szene, vor allem den Dialog der beiden, wunderbar gelungen und berührend.

    Die Story hat als „Vampire die Maskerade“ Fan-Fiction angefangen und da ist Kanon das Vampire keine anderen Flüssigkeiten im Körper haben als Blut. Daher die blutigen Tränen. Ich finde das ist ein tolles Detail, aber ich brauche das nicht unbedingt für den Plot. Eventuell trenne ich mich ganz davon damit nicht jede Szene in welcher ein Vampir weint übermäßig dramatisch rüber kommt. Mal sehen.

    Zitat

    Ich will die beiden umarmen und du hast das Kapitel so toll beschrieben und es ist toll, dass Lafayette ihn hier nicht weiter bedrängt.

    Wenn man den Respekt vor jemandem verliert, nur weil er nicht einem zusammen sein will, dann war es kein Respekt. Ich habe auch eine große Vorliebe in Geschichten über einseitige Liebe, bei der die versetzte Person anschließend nicht zu einem eifersüchtigen Stalker wird. Ich mag das Konzept von Liebe die so wahrhaftig ist, dass „Du bist sicher und glücklich“ genug ist und die „Friendzone“ als die Form von Beziehung wertgeschätzt wird, die sie ist. Das ist natürlich hier noch nicht das letzte Wort dazu. :whistling:

    Weiß nicht, ob das andere auch so sehen, das ist wohl Geschmackssache. Vampire der Maskarade hab ich nie gesehen(? Was auch immer das für ein Medium ist), aber nun weiß ich woher's kommt. Hab ich irgendwo verschwitzt. xD

    Ja, das liest und sieht man immer noch so selten, was sehr schade ist. Leider, auch im realen Leben. Also ja, es sollte weiter verbreitet sein, aber es ist nicht selbstverständlich. Deswegen hab ich mich sehr gefreut die Szene so zu lesen.

    Zum neuen Kapitel kam ich noch nicht, wird noch. ^^

    Einmal editiert, zuletzt von LittleOwlbear (24. April 2024 um 08:46)

  • Hey Feron,

    die beiden Parts haben mir gut gefallen. Ich finde, die Küchenszene und das gemeinsame essen zwischen Lafayett und Phillipe hast du sehr schön beschrieben. Genau, wie die Einbruch-Szene im darauffolgenden Teil. Schön fand ich hier diese Details und Gedanken zu den knarzenden Treppenstufen. Sowas mag ich ja. :love:

    Ein paar Dinge sind mir aber beim Lesen aufgefallen, an denen ich dich gerne teilhaben lassen möchte.

    „Ich kann nicht aufhören an dich zu denken, wenn du nicht in meiner Nähe bist. Ich wünschte ich könnte die Zeit anhalten damit…“.

    Phillipe hatte sich vorgebeugt und den Zeigefinger auf seine Lippen gelegt, um ihn zu stoppen. Das Kerzenlicht schimmerte in seinen goldenen Augen, die weit aufgerissen zurückstarrten. Seine Augenbrauen waren entspannt und er biss sich auf seine Unterlippe.

    „Entschuldige aber, ich muss eine Sache unbedingt wissen.“ Begann er mit bebender Stimme. „Ich meine: Ich wusste das du…“ Er zögerte. „Aber was wäre dein Plan gewesen, wenn ich nicht schwul bin? Du hättest dich verraten.“

    Ehrlich gesagt, finde ich Phillips Reaktion hier ein bisschen...ich will nicht sagen überstürzt. Denn die Geste mit dem Zeigefinger, den er auf Lafayetts Lippen legt, finde ich sehr schön. Er will ihn daran hindern, den Satz zu beenden...aber das "Entschuldige, aber ich muss eine Sache wissen..." passt für mich an der Stelle nicht so 100%ig.

    Ja, wir erfahren als Leser im Anschluss seine Vorgeschichte und können die Frage dann enstprechend einordnen. Aber hier zerstört es für mich ein bisschen den magischen Moment. Das Knistern hätte vielleicht zumindest einen Moment aufrechterhalten bleiben können. Es geht mir zu schnell und Phillipe reagiert so...rational und abgeklärt. Ja, er outet sich gleichzeitig, was in Anbetracht seiner Vorgeschichte ja auch schon nicht so selbstverständlich ist. Aber sein: "was hättest du gemacht, wenn ich nicht schwul bin" ist für mich zu sehr Vorschlaghammer. Müsste er nicht ein bisschen mit sich hadern? Würde er das Wort "schwul" benutzen? Keine Ahnung, es klingt für mich so modern, weshalb ich gleich hängengeblieben bin. Nicht, dass ich jetzt ein Fan wäre um den heißen Brei zu reden...aber vom Gefühl her, liest sich das für mich noch nicht so richtig rund. Er könnte sowas sagen wie...dass ich mich zu Männern hingezogen fühle...oder dass ich nicht auf Frauen stehe :rofl:Keine Ahnung. Man müsste mal überlegen, ob es nicht einen typischen Phillipe-Spruch geben könnte. :hmm:

    Da die anderen beiden es aber nicht angemerkt haben, ist das vielleicht ausschließlich mein Eindruck :pardon:

    Vielleicht könnte man einfach ein Sätzchen einschieben, nachdem er Lafayett den Finger auf die Lippen legt. Den Moment herauszögern...die Ungewissheit, was er sagen würde...vielleicht hört man das Ticken der Küchenuhr, vielleicht hört Lafayett seinen Herzschlag...du hast das ja schon angedeutet, aber man könnte es noch etwas auskosten. Und ich war mir auch nicht so ganz sicher, wie sich Phillipe in dem Moment positioniert.

    Das Kerzenlicht schimmerte in seinen goldenen Augen, die weit aufgerissen zurückstarrten. Seine Augenbrauen waren entspannt und er biss sich auf seine Unterlippe.

    „Entschuldige aber, ich muss eine Sache unbedingt wissen.“ Begann er mit bebender Stimme.

    Das hier ist ja im Grunde die Situation. Vielleicht komme ich auch einfach nicht so gut mit der Beschreibung seiner Reaktion zurecht und man könnte da ansetzen, um das etwas deutlicher herauszuarbeiten. Aufgerissene Augen starren zurück, die Augenbrauen sind entspannt, aber er beißt sich auf die Lippe...und seine Stimme bebt. Das ist ja schon einiges an Beschreibung aber trotzdem zündet das noch nicht richtig bei mir. Ich kann ihn in dem Moment nicht richtig fassen. Erwidert er die Gefühle insgeheim? Merkt man ihm den inneren Kampf an? Ist er vielleicht erleichtert, sein Coming-Out zu haben? Ist er überrascht, weil er Lafayett den Mut nicht zugetraut hätte...das schwebt da alles irgendwie über dem Geschehen, aber es könnte meiner Meinung nach noch etwas mehr herausgearbeitet werden. Viel fehlt da nicht mehr. Nur ein paar ganz feine Nuancen vielleicht.

    Ansonsten war der Part top! :thumbup:


    Und nun zum nächsten Part:

    Der hat mir auch recht gut gefallen, nur hatte ich ehrlich gesagt zwischendurch Probleme, mir das vorzustellen. Zum Beispiel, als der Einbrecher Lafayetts Zimmer betritt:

    Seine Tür stand offen, aber im Flur brannte keine Lampe. Die einzige Lichtquelle war eine weit entfernte Straßenlaterne, die durch das Fenster schien.

    „Steh auf!“ Flehte sie und schüttelte ihn so heftig, dass er glaubte, sie würde ihm den Arm ausreißen. Schwere Schritte hallten durch den Flur und sie näherten sich seinem Zimmer: Ein Einbrecher. Er sprang auf und rückte hastig seine Kissen und Decken zurecht, sodass es aussah, als würde er noch schlafen.

    Seine Hand schloss sich fest um Pricillas Handgelenk und zog sie mit. Es war zu spät, den Raum zu verlassen, aber seine Tür ging nach Innen auf. Vielleicht genügte das als Versteck. Dann beugte er sich vor und sah durch das Schlüsselloch.

    Wieso sieht er durch das Schlüsselloch, wenn die Tür doch offensteht? Müsste er sie nicht zunächst verschließen? Würde ja auch irgendwie Sinn ergeben, da die sich ja hinter der Tür verstecken wollen :hmm:

    Ohne darüber nachzudenken, zog er die Schultern hoch. Panik würde keinen von ihnen retten. Er musste ruhig bleiben und auch dafür sorgen, dass sie ruhig blieb.

    Er konzentrierte sich auf Dinge, die er sicher wusste. Die Polizeiwache auf der anderen Seite des Parks war zehn Minuten entfernt. Nein, zwölf! Sie mussten barfuß laufen. Aber Ihr Nachbar, Monsieur Mellrie hatte ein Gewehr. Die Reichweite seines Rapiers war größer als das alte Messer. Wenn es in dem engen Flur zu einem Kampf kam, konnte er vielleicht gewinnen. Sein Atem wurde langsamer. Er schaffte das, redete er sich ein.

    Er ist hier schon sehr ruhig und reflektiert, wenn man bedenkt, dass er gerade einen Einbrecher dabei beobachtet, wie dieser sein Bett zerlegt. Es klingt so, als brauche er sich nur einreden, dass es besser war ruhig zu bleiben und dann tut er es auch. Ich weiß nicht, ob ich das könnte. :hmm:

    Durch das Schlüsselloch beobachtete er wie die Gestalt die Spitze ihre Waffe an der Wand entlang zog und auf dem Weg nach draußen die Tapete aufschlitzte.

    Hier war ich jetzt wieder verwirrt und fragte mich, wieso der jetzt durch das Schlüsselloch guckt. Das müsste doch viel weiter unten sein. ich dachte, die STEHEN halb hinter der Tür. Er außen, sie innen. Denn sie sieht ja auch nichts. Wenn man sich nun herunterbeugen würde, um durch das Schlüsselloch zu blicken, müsste man meiner Meinung nach so weit in die Hocke gehen, dass die Türe aufschwingen würde...also irgendwie doof.

    Vielleicht hab ich aber auch ein komplett falsches Bild im Kopf von dem, was da gerade abläuft. :rofl:Zwischendurch dachte ich mal, können die sich nicht einfach schnell im Wandschrank verstecken? Ich glaube, das hätte ich mir eher erklären können, als dass sie zu weit hinter der Tür stehen.

    Ansonsten alles supi! Kann weitergehen :gamer:

  • Danke Kirisha , Rainbow und LittleOwlbear . Ich bin ab Dienstag eventuell wegen einem kaputten Zahn außer Gefecht je nachdem was das Röntgenbild sagt. Ich abreite dann nochmal an der Liebeserklärung und schreibe es so um das sie sich im Schrank verstecken, statt hinter der Tür. Das ist ein bisschen Klitsche, aber wohl aus gutem Grund. Entschuldigt die Länge von dem nächsten Teil. Ich habe keine gute Stelle zum Aufteilen gefunden.

    ---

    „Junger Herr? Können Sie aufstehen? “ Der Arm, der an ihm rüttelte, trug einen dunkelblauen Ärmel mit goldenen Knöpfen. Als er die Farbe sah, raste sein Herz erneut, ehe er erkannte, dass es ein Polizist war. Er drückte sich hoch und setzte sich auf. Schwindlig und kalt bis auf die Knochen betrachtete er den zerstörten Esstisch. Die Leiche schien schon abtransportiert worden zu sein. Wie lange hatte man ihn schlafen lassen?

    „Seih vorsichtig! Der Arzt ist gleich hier.“ Precilla eilte an seine Seite und versuchte, ihn zu stützen. Aber Lafayett wollte nicht ruhen. Nichts jetzt. Er schob seine Schwester von sich weg und wandte sich dem Polizeibeamten zu.

    „Es war Selbstverteidigung.“ Erklärte er hastig. „Er hat versucht, mich im Schlaf zu töten, aber meine Schwester hat mich…“

    Er stoppte. Er erinnerte sich wieder an seine Mutter und den abgebrochenen Türknauf an ihrem Zimmer. Die Treppenstufen knirschten, als er sie mit wenigen hohen Sprüngen überwand. Er seufzte erleichtert, als er oben ankam. Die Tür war zwar eingebrochen, aber das große Fenster über dem Bett war offen und ein improvisiertes Seil aus Bettlacken baumelte von der Fensterbank. Sie hatte sich selbst befreit, während er bewusstlos war.

    „Mama!?“ Rief er, als er ein Wimmern hinter sich hörte. Er drehte sich um. Die Tür zu Madame Perrins Zimmer stand offen. Mehrere uniformierte Ordnungshüter versperrten ihm die Sicht.

    „Darf ich bitte?“ Er schob sich an ihnen vorbei und wünschte für den Rest seines Lebens, dass er es nicht getan hätte. Für die ersten paar Sekunden war er sich nicht einmal bewusst, dass er auf Perrins Leichnam schaute. Ein Mensch bestand aus einem Torso, einem Kopf, Armen und Beinen, aber alles, was von der alten Haushälterin übrigblieb, war Blut, Knochen und Organe, wild im Raum verstreut, als hätte ein Tier sie zerrissen. Er hörte einen grellen, langgezogenen Schrei und merkte erst nach und nach, dass der schreckliche Klagelaut von ihm selbst kam.

    Seine Mutter hockte am Boden und weinte bitter, während Monsieur Mellrie ihre Hand hielt. Der alte Mann erwiderte kurz Lafayetts Blick, ehe er den Kopf senkte und den Raum verließ und die Familie mit dem Schock alleine ließ. „Tut mir so leid.“ Flüsterte er noch auf dem Weg nach draußen.

    Als der rüstige Pensionär außer Sicht war, packte Lafayett sich einen Polizisten am Kragen und schüttelte ihn. Die Kollegen des Mannes legten sofort die Hände drohend über ihre Schlagstöcke.

    „Wie ist das passiert!?“, schrie er dem Mann ins Gesicht. „Ich habe ihn getötet! Ich habe gesehen, wie er gestorben ist!“

    „Wie wer gestorben ist, Herr Lurand?“

    Nutzloses Pack! Dachte er sich, sprach es aber nicht aus. Er ließ los, ehe sich jemand berechtigt fühlte, Gewalt anzuwenden, und deutete über das zerstörte Geländer auf die blutigen Trümmer in der Küche.

    „Der Einbrecher! Wir haben gekämpft. Ich habe ihm mein Rapier in die Kehle gerammt. Sehen Sie das Blut nicht?“

    „Wir haben die Blutlache notiert, aber Sie waren die einzige Person in der Küche, als wir eingetroffen sind. Könnte es sein, dass Sie den Eindringling nur verwundet haben?“

    Er rief widerwillig das Bild von jenem Moment wach, in dem er den verheerenden Stich gesetzt hatte. Er war sich ganz sicher, dass niemand das überleben konnte. Seine Augen brannten. Er wollte sich zusammenkauern und weinen, aber das durfte er nicht.

    „Ich habe ihn getötet!“, schrie er die Beamten aus vollem Hals an, die tatsächlich ein wenig vor ihm zurückschreckten. Er schlug seine Faust gegen den Türrahmen und das Holz zerkratzte ihm die Knöchel. Plötzlich riss ihn eine vertraute Stimme aus seiner Trance.

    „Blondie? Geht es dir gut?“. Phillipe stand am oberen Ende der Treppe.

    Er wollte stark sein. Männer durften nicht weinen. Wer war sonst übrig, um den Frauen Halt zu geben? Ein überwältigendes Gefühl von Hilflosigkeit überkam ihn. Er hatte von Anfang an versagt, aber Madame Perrin war nicht mehr hier, um zu behaupten, es wäre nicht so. Ihr Verlust trieb ihn über den Rand einer Klippe und er hatte nichts, um den Fall zu bremsen.

    Phillipe sah ihn an und breitete etwas zögerlich seine muskulösen Arme aus. Er hatte sein Hemd verkehrtherum angezogen, und man konnte deutlich sehen, dass die Nähte nach außen zeigten. Das kurze braune Haar war noch platt gedrückt von dem friedlichen Schlaf, aus dem ihn der Aufruhr geweckt hatte und sein Atem ging schnell. Er musste den ganzen Weg gerannt sein. Seine hellbraunen Augen, mit dem konstanten Feuer darin sprachen wortlos zu ihm, ein Versprechen: Bei mir darfst du sein, wer du wirklich bist.

    Er kam zu ihm und legte seine Stirn an die breite Schulter. Phillipes Arme schlossen sich sanft um ihn und seine Hände strichen rhythmisch über seinen Rücken. Lafayett, weinte laut, schluchzte und ließ seinem Kummer endlich frei.

    „Ich konnte sie nicht retten“, wimmerte er kaum hörbar, mehr zu sich selbst als zu Phillipe, aber sein Freund hörte ihm besser zu, als ihm lieb war.

    „Wen? Es tut mir leid. Ich bin gekommen so schnell ich konnte.“

    „Madam Perrin. Sie ist unsere Haushälterin. Sie hat Mama geholfen, uns aufzuziehen, nachdem Vater gestorben ist. Sie war wie eine Großmutter für mich.“

    Während er weitersprach, kam ihr Name ihm Stück für Stück einfacher über die Lippen und er stotterte ein bisschen weniger, bis alles, was er von sich gab, Geschichten über die alte Dame waren, an die er sich noch erinnerte.

    Er erzählte davon, wie sie ihm im Museum das Bild mit dem eingeschlossenen Grashüpfer gezeigt hatte, den Tag, an dem sie ihn ohne Abendessen ins Bett geschickt hatte, weil er einen Bettler geärgert hatte, und wie sie ihm damals Schreiben beigebracht hatte, indem sie ihm erklärte, ein großes `B` sehe wie der Vorbau einer Bardame aus. Es fühlte sich an, als könne er sie noch etwas länger bei sich behalten und als könne der wichtigste Mann in seinem Leben sie trotz allem noch kennenlernen. Aber die wirkliche Welt holte ihn unweigerlich wieder ein.

    Die Haustür öffnete sich. Es war Doktor Renee. Der ergraute Mediziner hing seinen Hut an den Kleiderhacken und trat ein. Das Gewicht seines Arztkoffers verlieh seinem Gang ein unregelmäßiges Humpeln.

    Er schüttelte einem der Polizisten die Hand. „Guten Abend, Wachtmeister. Wie geht es Ihrem Vater?“ Der Polizist lächelte schüchtern und erwiderte den Handschlag. „Seid Sie den verdammten Zahn gezogen haben, ist er nicht mehr zu bremsen. Er ist wieder ganz er selbst.“

    „Freut mich, dass ich helfen konnte.“

    Renee nickte und sah sich um. Phillipe gab Lafayett einen leichten Schubs, um ihn darauf hinzuweisen, dass er loslassen musste. „Der Arzt ist da“, flüsterte er sanft. „Wenn du irgendwo Schmerzen hast, dann sag es ihm. Sei nicht tapfer, wenn es nicht nötig ist.“

    Renee schleppte sich und sein Gepäck die Treppe hinauf. Lafayett kam ihm entgegen und streckte seine Hand nach dem Griff des Koffers aus. „Darf ich Ihnen das abnehmen?“

    Sein Gast nickte, aber sobald sich das Gewicht auf Lafayett verlagerte, spürte er einen Stich in seiner Schulter, genau dort, wo die alte Sportverletzung war. Die Schulter meldete sich wieder, vermutlich wegen des Sturzes in der Küche. Er bis die Zähne zusammen und folgte dem Arzt, als er an den Beamten vorbeiging, um die Frauen zu begrüßen.

    „Madame Lurad.“ Renee wartete, bis Aurelie aufstand, und verneigte sich huldvoll vor ihr.

    „Vielen Dank, dass Sie so schnell hier waren, Doktor. Mir fehlt nichts, aber Pricilla hört nicht auf zu Zittern und Lafayett war bis eben bewusstlos.“ Sie zeigte auf ihren Sohn, aber dieser winkte ab und deutete stattdessen auf seine Schwester, die blass und zitternd neben ihm stand. Der dreckige Kragen ihres Nachthemdes war nass von ihren Tränen, und ihr Blick erschien so glasig, als wäre sie Meilen entfernt.

    Doktor Renee machte seinen Rücken gerade und schaute von einem zum anderen. „Es ist lieblich an zu sehen, wie Sie allen anderen Familienmitgliedern den Vorrang lassen wollen, aber hin und wieder ist ein wenig Selbstsucht notwendig, um gesund zu werden.“

    „Fangen sie mit Lafayett an“, beharrte Aurelie, während Phillipe ein Stück entfernt von ihnen im Flur stehen blieb und so tat, als würde er sich die Schäden am Haus ansehen, bemüht, nicht im Weg zu stehen, aber gleichzeitig unwillig zu gehen.

    „Folgen Sie meinem Finger.“ Der Doktor bewegte den Zeigefinger vor Lafayetts Gesicht hin und her und beobachtete die Bewegung seiner blauen Augen.

    „Gut. Sagen Sie mir, wenn etwas weh tut.“ Er packte ihn am Kinn, drehte seinen Kopf und spannte seinen Nacken soweit, wie es ging. Lafayett ließ die Prozedur über sich ergehen. Es war unangenehm, aber nicht schmerzhaft, und selbst wenn. Er hätte nichts getan oder gesagt, dass die Behandlung seiner Schwester hinausgezögert hätte.

    „Was genau ist denn passiert?“, fragte der Arzt und musterte ihn aufmerksam, während er sein Stethoskop an Lafayetts Brust legte. Lafayett erstarrte vor Schreck, als er das kalte Instrument auf seiner Haut spürte.

    „Jemand war im Haus. Pricilla und ich haben uns hinter der Tür versteckt. Ich habe Kissen unter meine Decke gelegt, weil ich dachte, dass er nichts stehlen würde, wenn er Angst haben muss, entdeckt zu werden, aber…“

    „Aber?“ Der respektierte Arzt schaute ihn vorwurfsvoll an. Zuerst war ihm nicht klar, warum, aber dann fiel ihm ein, wie viel Wein er getrunken hatte. Er bedeckte seinen Mund mit seiner Hand. Er konnte es sicher an seinem Atem riechen.

    „Er hat mit einem Dolch auf mein Bett eingestochen“, fuhr er fort. „Es war ein großer Mann in einem dunkelblauen Kapuzenumhang. Wir haben gekämpft, aber er hat sich vor meinen Augen in Nebel verwandelt und ist ausgewichen.“

    „In Nebel verwandelt? So…so…“

    Phillipe verengte die Augen zu kleinen Schlitzen, und sein Blick schien sich durch den Mediziner hindurchbrennen zu wollen wie ein Laser.

    „Und wie ist die Blutlache in der Küche entstanden?“ Renee deutete mit dem Stethoskop nach unten. Der dunkelrote Fleck war an den Rändern schon getrocknet und hatte begonnen, ins Holz zu sickern. Es war unwahrscheinlich, dass die Spuren des Kampfes jemals ganz verschwinden würden.

    „Ich habe ihn getötet“, wiederholte Lafayett fest. „Ich habe es geschafft, ihm mein Rapier in den Hals zu rammen. Es kam im Nacken wieder raus.“

    Einer der Polizisten machte Notizen auf einem Block. Phillipe trat näher und versuchte einen Blick darauf zu erhaschen, wurde aber mit einem: „Verzeihung!?“ Wieder weggescheucht. Doktor Renee richtete den Kragen seines Kittels gerade und trat näher zu Lafayett um leiser sprechen zu können.

    „Sie werden für eine Weile blaue Flecken und vielleicht Gelenkschmerzen haben, ansonsten scheint alles in Ordnung zu sein. Ich verschreibe Ihrer Mutter und Ihrer Schwester Opium-Tropfen, um mit dem Schock zu helfen. Eventuell schaden Ihnen ein paar davon auch nicht. Sie helfen, ein zu schlafen.“

    Lafayett nickte nur geistesabwesend, während er zuhörte.

    „Wissen sie?“ Sprach Renee weiter. „Die menschliche Psyche versucht in solchen Situationen oft die Kontrolle zurückzugewinnen, indem sie eine konkrete Ursache oder einen Schuldigen manifestiert. Meiner Meinung nach war es nur ein Dieb auf der Suche nach Wertgegenständen. Vermutlich wurde er von ihrer Haushälterin überrascht, und die Wunde, die sie ihm zugefügt haben, war weniger tief als sie denken.“

    „Nein! Lafayett schüttelte den Kopf. „Ich habe klar und deutlich gesehen, dass er auf mein Bett eingestochen hat. Das war kein gewöhnlicher Einbrecher, sondern ein Attentäter!“

    „Viele Menschen verstecken ihr Erspartes unter Matratzen, nicht wahr? Sie waren in Panik und unter Alkoholeinfluss. Sie wollen vielleicht, dass es ein Attentäter war, damit der Verlust ihrer Freundin ihnen weniger sinnlos vorkommt, aber das hilft weder den Ermittlungen noch ihrem Heilungsprozess.“

    Ein tiefes, entnervtes Brummen war zu hören. Phillipe schob einen der Beamten aus dem Weg und baute sich drohend vor dem alten Doktor auf.

    „Er hatte vielleicht zweieinhalb Gläser Wein! Und selbst wenn nicht: „Niemand ist so betrunken oder verängstigt, dass er nicht merkt, wenn jemand versucht ihn zu töten!“

    Renee trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme vor seiner schmalen Brust.

    „Ich befürchte, wir wurden uns noch nicht vorgestellt? Habe ich sie nicht beim letzten Seminar gesehen?“ Er ließ eine lange, hörbare Pause.

    „Das kann nicht sein. Ich bin kein Arzt“, gestand Phillipe blieb aber schützend vor Lafayett stehen.

    „Oh, keine Sorge. Niemand würde sie mit einem verwechseln“, schnaufte der alte Mann mit dem Koffer. Er hatte sein ganzes Leben in dieser Stadt verbracht und jeder Familie mindestens einmal in der Stunde größter Not geholfen. Er konnte sich anhand seines Rufes erlauben, eine große Klappe zu haben. Mit einem Bleistift und einem Block mit Rezeptvorlagen füllte er ein Rezept für Opium aus.

    „Wir können natürlich noch den Gärtner nach seiner Meinung fragen.“ Er nahm das ausgefüllte Rezept und streckte sich um Phillipe herum, um es Lafayett zu reichen, welcher zögerlich die Finger danach ausstreckte. Die Möglichkeit, einfach in einen tiefen, friedlichen Schlaf zu fallen und die nächsten paar Stunden Kummer einfach überspringen zu können, war so verlockend. Es erschien ihm, wie alles was er brauchte. Phillipe drückte Laffayetts Hand jedoch energisch nach unten. Weg von dem Papier.

    „Was machst du da!? Er glaubt dir nicht! Hol eine zweite Meinung ein.“

    Alle Augen richteten sich plötzlich auf Phillipe, aber er blieb standhaft.

    Lafayetts Stimme war noch immer schwach, aber er zog seine Finger von dem Opium Rezept weg, als er sprach. „Er hat Recht. Ich bin mir sicher, dass ich gezielt angegriffen worden bin und will, dass es so im Bericht festgehalten wird.“ Der Polizist, welcher seine Aussagen mitschrieb, zögerte und sah hilfesuchend zu Renee, aber Phillipe ging sofort dazwischen. „Sie haben ihn gehört!“, blaffte er.

    Der Arzt hob nur resignierend die Hände und blieb danach nicht mehr lange. Die Polizisten sicherten, was auch immer sie an Beweisen finden konnten, und kümmerten sich darum, Madame Perrins verbliebene Verwandte zu informieren. Aurelie entschied, dass es besser war, den Schauplatz des Verbrechens ebenfalls für eine Weile zu verlassen. „Packt eure Sachen!“, wies sie ihre Kinder an. „Wir werden ein paar Tage bei eurem Onkel unterkommen.“

    Phillipe wandte sich zum Gehen um. Lafayett sah ihm nach, bis er die Tür hinter sich schloss. Er hätte ihn gerne aufgehalten, aber er fand keinen Vorwand dafür. Sie waren schließlich nur Freunde und seine trauernde Familie brauchte ihn jetzt.

  • Kirisha a, Rainbow bow LittleOwlbear tleOwlbear

    Ich war heute Morgen wegen der Frühschicht unter Zeitdruck und bin nicht richtig auf eure Kommentare eingegangen. Ich arbeite jeden Abend ca. eine Stunde an dem Dokument, editiere und schreibe ein paar Absätze weiter. Ich wollte euch nur wissen lassen wie wertvoll euer Input für mich ist. Ich kenne als Autorin alle Motivationen, Hintergründe Plot-Twists ect. und würde alleine schlichtweg nicht merken, wenn eine Stelle unklar oder sonst irgendwie schlecht beschrieben ist.

    Ich muss mir für die Rechtschreibung was einfallen lassen. Ich benutze 2 gratis Programme die viel abdecken, aber die erwischen leider falsch geschriebene Wörter auch nicht, wenn sie wie andere korrekte Wörter geschrieben sind. Und irgendwie machen die meine wörtliche Rede schlimmer… Es ärgert mich auch wenn ich später einen offensichtlichen Fehler sehen der die Lese-Erfahrung vermutlich stark verschlechtert hat. Das Manuskript geht am Ende zu einem professionellen Editor, damit ich ruhig schlafen kann und die Aussicht auf Veröffentlichung mich nicht komplett wahnsinnig macht - .-

    Zwischenfrage: Wer denkt ihr hat Raphael gekillt?

  • Hallo liebe Feron

    ich glaube, an dieser Szene würde ich noch feinjustieren. Da geht einiges etwas zu schnell und wird nicht ganz klar.

    Offenbar hat Lafayett die ganze Nacht bewusstlos (auf dem Tisch? Neben dem Tisch? Auf dem Fußboden?) gelegen.

    Während er dem Polizeibeamten versucht zu erklären, was passiert ist, fällt ihm ein, dass seine Mutter nicht da ist und er rennt nach oben, um nach ihr zu suchen. Würde er das wirklich so machen? Da der Polizist schon länger hier ist, hätte er den vermutlich zuerst nach der Mutter gefragt.

    Danach ist Lafayett dann im oberen Geschoss und entdeckt die Leiche von Madame Perrin. Danach ist mir etwas unklar, wohin er geht. Ist er noch oben, als er den Polizisten anfällt? Offenbar ja, denn er deutet vom Treppengeländer her nach unten in die Küche. Dann kommt aber noch Philippe hinzu und der steht "am oberen Rand der Treppe". Hm ... gerade dachte ich, dass Lafayett vermutlich dort steht. Es bleibt mir unklar, ob Lafayett noch oben ist oder ob er in der Zwischenzeit heruntergegangen ist. Und wie sollte Philippe auf die Treppe gelangen? Er ist doch gerade erst ins Haus gekommen, also erwarte ich ihn irgendwo unten. Daher bekomme ich hier keine klaren Bilder von der Szenerie. (Wie konnte Philippe überhaupt erfahren, dass hier etwas passiert ist?)

    Doktor Renee

    Den würde ich ehrlich gesagt umtaufen. Renee ist nun eindeutig ein weiblicher französischer Vorname wegen dem doppelten e.

    „Wissen sie?“ Sprach Renee weiter. „Die menschliche Psyche versucht in solchen Situationen oft die Kontrolle zurückzugewinnen, indem sie eine konkrete Ursache oder einen Schuldigen manifestiert. Meiner Meinung nach war es nur ein Dieb auf der Suche nach Wertgegenständen. Vermutlich wurde er von ihrer Haushälterin überrascht, und die Wunde, die sie ihm zugefügt haben, war weniger tief als sie denken.“

    Gur argumentiert und sehr glaubhaft.

    Philippe tritt beschützerhaft auf. Anfangs fand ich das gut, aber es kommt am Schluss ein paarmal zu oft. Da würde ich etwas runterfahren. (Das "Sie haben ihn gehört!" würde ich da streichen. Es klingt ja fast als wäre Philippe der Chef der Polizeiwache).

    Zum Thema Rechtschreibung: Ich kann damit leben, wenn Fehler in dem Text sind, solange du dir dessen bewusst bist. Mir kommt es wirklich auf den Text selbst an. Die Fehler kannst du ja später noch ausbessern. Jedoch gibt es halt auch Leser, die das so nicht akzeptieren.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince * No Way Out

  • Hey Feron,

    krass. =O Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet. Man fragt sich, warum ausgerechnet die gute alte Madame Perrin dran glauben musste. Ich hatte sie ehrlich lieb gewonnen. ;(

    Ansonsten:

    ich glaube, an dieser Szene würde ich noch feinjustieren. Da geht einiges etwas zu schnell und wird nicht ganz klar.

    Das deckt sich auch mit meinem Eindruck.

    Zum Beispiel hier:

    „Darf ich bitte?“ Er schob sich an ihnen vorbei und wünschte für den Rest seines Lebens, dass er es nicht getan hätte. Für die ersten paar Sekunden war er sich nicht einmal bewusst, dass er auf Perrins Leichnam schaute. Ein Mensch bestand aus einem Torso, einem Kopf, Armen und Beinen, aber alles, was von der alten Haushälterin übrigblieb, war Blut, Knochen und Organe, wild im Raum verstreut, als hätte ein Tier sie zerrissen. Er hörte einen grellen, langgezogenen Schrei und merkte erst nach und nach, dass der schreckliche Klagelaut von ihm selbst kam.

    Seine Mutter hockte am Boden und weinte bitter, während Monsieur Mellrie ihre Hand hielt. Der alte Mann erwiderte kurz Lafayetts Blick, ehe er den Kopf senkte und den Raum verließ und die Familie mit dem Schock alleine ließ. „Tut mir so leid.“ Flüsterte er noch auf dem Weg nach draußen.

    Als der rüstige Pensionär außer Sicht war, packte Lafayett sich einen Polizisten am Kragen und schüttelte ihn. Die Kollegen des Mannes legten sofort die Hände drohend über ihre Schlagstöcke.

    Lafayett rennt hoch, stürzt in das Zimmer mit der zerlegten Madame Perrin. Seine Mutter hockt am Boden und weint. Der tröstende Monsieur Mellrie verabschiedet sich (hatten wir den schon kennengelernt? :hmm:) und dann fällt Lafayett nichts anderes ein, als die Polizisten anzuranzen. Ich hätte erwartet, dass er vielleicht erstmal zu seiner Mutter geht. Schließlich war er zuvor noch sehr in Sorge um sie. Und dann finde ich es ein bisschen sonderbar, dass man die Mutter in dem Zimmer mit der zerfledderten Madame Perrin lässt...würden die Ermittler nicht schleunigst den Tatort absperren und dafür sorgen lassen, dass da nicht jeder reinlatscht? Mal abgesehen davon, dass der Anblick ja nun auch nicht sonderlich schön ist. Vielleicht habe ich gerade auch eine falsche Vorstellung von der Szene. Aber für mich las es sich ein bisschen so.

    Ansonsten würde ich Kirisha, wie gesagt recht geben. Einiges geht zu schnell und erschwert es dem Leser, sich zu orientieren. Es hatte mich auch etwas gewundert, warum Phillipe dort jetzt aufkreuzt. Wie hat er von dem Vorfall erfahren?

    Zwischenfrage: Wer denkt ihr hat Raphael gekillt?

    Na ja...du erwähnst hier in dem Part den blauen langen Mantel, den der Attentäter trägt. Genau, wie der Verräter im Prolog. Wenn die nicht gerade allesamt mit blauen langen Mänteln herumlaufen, was ja durchaus auch eine Art Erkennungszeichen sein könnte, würde ich vermuten, dass diese beiden die gleiche Person sind. Aufgrund der vorherigen Kapitel könnte man jetzt annehmen, dass es sich um Cedric handelt, der Raphael getötet hat und nun auch seine Rache an Lafayett nehmen möchte. :hmm: Wäre jetzt so mein erster Verdacht.