Schreibwettbewerb Februar/März 2015 - Voting & Siegerehrung

Es gibt 20 Antworten in diesem Thema, welches 11.905 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Rheuen.

  • Welche Geschichte hat euch am Besten gefallen? 17

    1. Mittsommernacht (6) 35%
    2. Ungesehen, ungekannt (0) 0%
    3. Der Kreis schließt sich (3) 18%
    4. Blauschwarz (1) 6%
    5. Schlangenjahr (1) 6%
    6. Winterwende (0) 0%
    7. Anderwelt Nebel (6) 35%
    8. Eyowina (0) 0%
    9. Ritual des Kometen (0) 0%
    10. Szenen einer Vision (0) 0%

    Leute, ihr seid unglaublich, phänomenal. Wieder sind eine Menge Kurzgeschichten bei mir eingetroffen und zwar nicht zwei oder drei, nicht fünf oder sechs - nein! Es sind Sage und Schreibe 10 Stück geworden! Lag es am gut gewählten Thema? Lag es es an den Illuminaten? Oder lag es vielleicht doch nur am Wetter? Wir werden es wahrscheinlich nie erfahren. ;)


    Hiermit geht der Schreibwettbewerb Februar/März 2015 ins entscheidende Uservoting.


    Folgendes Thema wurde von unserem letzten Gewinnerteam Hikari & Rheuen vorgegeben:


    Und über allem wachen die Gestirne


    Die Geschichten werden gemessen am Datum ihres Einreichens willkürlich gepostet. So steht ihr im Bezug auf deren Autoren völlig im Dunkeln. ;)


    ACHTUNG: Beim Voten ist man nicht anonym. Somit wird Schummeln ausgeschlossen. Zudem dürfen einmal abgegebene Stimmen nicht mehr verändert werden. Bedenkt das bitte bei eurer Stimmenabgabe!


    Das Voting dauert bis 31. März 2015 um 23:59:59 Uhr.


    Viel Spass beim Lesen und Voten! :)


    Euer Fantasy-Geschichten Forum

  • Mittsommernacht
    von Dr. Strangelove


    Er war müde. Und er fror. Obwohl er die wärmsten Sachen trug, die er besaß. Es war eine Kälte, die von Innen kam. Ein bisschen fürchtete er sich vor ihr, doch auf der anderen Seite hieß er sie herzlich willkommen.Wie spät war es wohl? Rasch warf er einen Blick aus dem Fenster.
    Riesig, voll und klar stand der Mond am Himmel. Tauchte die Giebel der Häuser, die Wipfel der Tannen und Weiden, all die Felsen und Findlinge ebenso wie die Bäche und Weiler in einen friedvollen, silbrigen Glanz. Er sollte gehen. Es war an der Zeit.
    Leise und vorsichtig schlurfte er zur Tür seiner Kammer. Er wollte niemanden Wecken.
    Aber er wurde bereits in der Stube erwartet, wo ein langsam verglühendes Kaminfeuer noch immer Reste wohliger Wärme verbreitete, die schüchtern selbst in seine kalten Glieder zu kriechen begann.
    „Ich wusste, dass du kommen würdest“, sagte sein Sohn, als er leise die Tür hinter sich schloss.
    Entschuldigend zuckte er mit den Schultern.
    „Es ist Mittsommernacht, wie jedes Jahr. Du weißt, ich habe es deiner Mutter vor langer Zeit versprochen.“
    Er nickte und verschränkte die Arme vor der Brust.
    „Ich weiß. Und ich bin sicher, sie es würde es verstehen, wenn du dieses eine Mal darauf verzichten würdest“. Er sah nun sehr besorgt aus.
    „Es ist eiskalt draußen Vater. Und deine Gesundheit lässt in letzter Zeit nichts gutes erahnen...du wirst dir den Tod holen.“
    Er lächelte sanft. Sein Sohn war erwachsen geworden. Groß und stark stand er vor ihm. Er war stolz auf das, was aus ihm geworden war. Dennoch musste er gehen. Diese Sache war eine Herzensangelegenheit, die mit Vernunft nicht zu erklären war. Hoffentlich würde auch sein Sohn das irgendwann verstehen. Also gab er sich Mühe, möglichst unbekümmert zu wirken.
    „So kalt ist es nun auch wieder nicht und außerdem trage ich alles an Kleidung, was ich besitze, siehst du? Selbst diesen alten, kratzigen Wollumhang, den ich nie leiden konnte.“
    Freundlich lächelnd trat er an den jüngeren Mann heran und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter.
    „Ich muss das tun, mein Junge“. Sagte er ernst und allmählich erkannte er in den Augen seines Sohnes, dass er verstand. Auch wenn er nicht glücklich damit war.
    „Dann lass mich dich wenigstens begleiten!“ startete er einen letzten Versuch. „Der Weg ist nicht leicht und in der Dunkelheit sieht man die Hand vor Augen nicht. Wenn du stürzt und dir etwas brichst, schaffst du es nie wieder nach Hause“.
    Sanft schüttelte er den Kopf.
    „Ich möchte allein mit deiner Mutter sein Sohn. Sorge dich nicht um mich! Ich bin diesen Weg in meinem Leben schon so oft gegangen, meine Füße würden den Pfad selbst dann finden, wenn ich blind und taub wäre.“
    Doch natürlich würde er sich sorgen. Er konnte es in seinen Augen ablesen, wie fast alles, was sein Sohn fühlte. Er war immer sehr empathisch gewesen, selbst als kleiner Junge schon. In seinem Gesicht vermochte man zu lesen, wie in einem Buch. Seine Augen waren glänzende Spiegel seines Inneren. Er würde sich sorgen. Vermutlich die ganze Nacht über. Aber dennoch würde er ihn gehen lassen und so drückte er seinen Sohn noch ein letztes Mal fest an sich und ging dann an ihm vorbei.
    Er hatte die Haustür schon beinahe erreicht, als das plötzliche Trappeln kleiner, nackter Füße, begleitet von einem zierlichen Stimmchen ihn noch einmal zum innehalten zwang.
    „Großvater! Großvater! Geh nicht hinaus! Es ist so schrecklich kalt draußen! Du wirst dich ganz sicher erkälten und musst dann den ganzen Tag im Bett legen und furchtbar eklige Suppe trinken!“
    Ein kleines Mädchen stürmte auf ihn zu und warf sich ihm um den Hals, sobald es ihn erreicht hatte. Sie schaffte es sogar noch besorgter auszusehen wie ihr Vater, wenn auch nicht ganz so ernst.
    Dennoch konnte er einfach nicht anders, als breit zu grinsen.
    „Du liebes, liebes Mädchen“ , begann er und strich dem Kind sanft durch das lockige Haar.
    „Manchmal gibt es Dinge, die ein Mensch einfach tun muss, auch wenn es draußen dunkel und kalt ist. Wenn du älter bist, wirst du das irgendwann verstehen.“
    Sie löste sich ein bisschen von ihm und sah ihn mit großen, skeptischen Augen an.
    „Gehst du Oma besuchen?“
    Er nickte stumm.
    „Hast du es ihr versprochen?“
    „Ja meine Kleine, das habe ich.“
    Ein kurzes Schweigen senkte sich über sie, während sich die Stirn des Mädchens nachdenklich kräuselte.
    „Ich denke, dann musst du gehen. Wenn man etwas versprochen hat, dann muss man es auch halten. Du solltest sie nicht warten lassen.“
    Das brachte ihn zum Lachen und als er das Mädchen fest in die Arme schloss und zu seinem Sohn hinüber blickte sah er, dass auch sein Sohn lächelte. Zärtlich schüttelte er den Kopf und rief seine Tochter dann sanft an.
    „Komm her Camilla. Dein Großvater ist ein sturer, alter Mann, aber er muss nun gehen. Und du junge Dame, solltest eigentlich schon seit Stunden fest schlafen.Warum bist du überhaupt noch wach?“
    Doch er verharrte nicht, um sich die kindliche und ohne Zweifel herzergreifende Geschichte anzuhören. Stattdessen straffte er sich und verließ ohne einen weiteren Blick das Haus.
    Er hatte kaum einen Schritt getan, da spürte er bereits, wie die Kälte ihm wie ein Messer in die Glieder fuhr. Vielleicht hatte er das Wetter tatsächlich unterschätzt. Aber das spielte jetzt keine Rolle und so ging er entschlossen weiter.
    Er hatte nicht gelogen, als er behauptet hatte, er würde den Weg selbst blind noch finden.
    Seine Füße trugen ihn trotz der Dunkelheit sicher und fast von allein.
    Wie oft war er ihn schon gegangen, den schmalen Pfad, der aus dem Dorf hinaus in die Felder und Wiesen führte, auf einen kleinen, fröhlichen Bach stieß und diesem bis in die Hügel hinein folgte, welche sich bis zum Waldrand erstreckten. Dort, bereits im Schatten der dunklen Bäume, machte er einen Knick und wand sich eine besonders große und erhabene Anhöhe empor, aber selbst dieser beschwerliche Aufstieg schreckte ihn nicht. Er kannte jeden vorspringenden Stein, jedes Loch in dem ausgetretenen Weg, jede Wurzel, die sich aus dem Erdreich erhoben hatte und tückisch nach den Beinen der Wanderer schnappte und so kam er rasch und zielstrebig voran.
    Der kräftige, volle Mond nahm der Nacht ihren Schrecken und seine Vorfreude der Kälte ihren eisigen Stachel.
    Dennoch waren seine Hände beinahe steif gefroren und er zitterte deutlich, als er endlich den Gipfel der Anhöhe erreicht hatte.
    In seinem Rücken erstreckte sich nun dunkel und finster der Schwarzdornwald. Vor ihm jedoch, nach Osten hin und der aufgehenden Sonne entgegen, fiel die Böschung steil ab und bildete einen klippenartigen Abgrund. Eine einsame, riesige Weide, die bereits seit Urzeiten dort gewacht hatte, selbst als er noch ein kleiner Junge gewesen war, ließ ihre Äste müde über den Rand der Klippe hinaus baumeln und direkt neben ihr schoss ein Strauch Mitternachtsrosen in die Höhe und blühte bereits in all seiner Pracht. Mitternachtsrosen blühten nur in einer einzigen Nacht, der Mittsommernacht jeden Jahres, und je heller der Mond schien, desto kräftiger strahlten ihre azurblauen Blüten.
    Ein Lächeln legte sich auf seine Züge, als er sah wie wunderschön sie dieses Mal aussah. Vielleicht sogar schöner als je.
    Er hatte diesen speziellen Strauch selbst gepflanzt. Damals, vor so vielen Jahren. Er hatte ihn wachsen und gedeihen sehen, während er selbst älter und älter wurde und jedes Jahr, zur Mittsommernacht, kam er allein hier herauf und erfreute sich am erhabenen Glanz ihrer Schönheit.
    Zärtlich und vorsichtig strich er über ihre feinen Blüten, die von winzigen Tautröpfchen bedeckt waren, welche jede einzelne tausendfach das Sternenlicht reflektierte – funkelnde, glitzernde Tränen auf einem Teppich aus strahlendem blau.
    Schwer ließ er sich neben die Eiche ins feuchte Gras fallen und lehnte sich erschöpft gegen den alten Stamm. Er zitterte nun heftig. Sein Sohn hatte recht gehabt.
    Aber nun machte es keinen Unterschied mehr. Er spürte bereits seit Wochen, dass es zu Ende ging. Die Kälte hatte sich nahe seines Herzens eingenistet und alle seine Willenskraft war darauf gerichtet gewesen, sie zumindest bis zum heutigen Tag zurückzuhalten. Nun jedoch konnte er seinen Widerstand aufgeben und er spürte, wie sie beinahe augenblicklich samtig und verlockend weich in seine Glieder zu fahren begann.
    „Diana...“ flüsterte er mit leiser Stimme in die Nacht hinein. „Ich glaube, bald sehen wir uns endlich wieder.“ Er lächelte bei dem Gedanken, griff zu dem Rosenstrauch hinüber und riss vorsichtig, eine einzelne Blüte ab. Sanft strich er mit dem Finger darüber und fuhr fort.
    „Weißt du noch, dass Gedicht, das du mir damals auf dem Sterbebett geschrieben hast? Seit diesem Tag habe ich es nie vergessen... obwohl es so lange her ist.“



    Nicht sinnlos fließt der Gezeiten Strom
    Die Zeit kennt weder Reue noch Hohn
    Sie lässt selbst Berge und Bäume erweichen
    Erblüht ein Leben, muss ein anderes weichen


    Drum siehe die Schönheit, all um uns her
    Die Blumen und Flüsse, es ist nicht so schwer
    Und gehst du einst, unter hunderten Küssen
    so werden die deinen nicht leiden müssen


    Denn wisse, es gibt eine Macht
    wenn Pollux und Castor erstrahlen in Pracht
    Nie allein bist du sternklarer Nacht
    Denn immer halten die Gestirne einsame Wacht




    Sehnsüchtig richtete er den Blick gen Himmel, den leuchtenden Strahlen entgegen.
    „Bist du wirklich irgendwo dort oben, meine Liebe? Erwartest du mich?“
    fragte er mit schwacher Stimme. Das atmen fiel ihm nun immer schwerer. Sein Herz kämpfte verzweifelt gegen die Kälte an, doch es stand auf verlorenem Posten.
    Ein leichter Wind kam auf, brachte die Zweige der Weide sanft zum tanzen und streichelte ihm zärtlich über die Wange. Glücklich schloss er die Augen und genoss den Moment.
    Ja, das sie war dort. Sie wartete auf ihn. Er hatte sie gespürt!
    Langsam führte er die Rose zum Mund und hauchte ihr einen zarten Kuss auf.
    Kurz fragt er sich, wann sie zuhause seinen Brief finden würden. Ob sie es verstehen würden.
    Sein Sohn hatte mit Sicherheit damit gerechnet. Er hatte es in seinen Augen gesehen, bevor er gegangen war. Er würde es verstehen. Aber um die kleine Camilla machte er sich sorgen. Sie war so ein liebes Mädchen, würde sie ihren Großvater wohl sehr vermissen? Wie lange würde es dauern, bis auch sie verstand?
    Dann wanderte sein Blick erneut, zum sternklaren Himmel.
    „Ich komme!“ hauchte er.

  • Ungesehen, ungekannt
    von Niranjana


    Es ist schwarz und dunkel. Alles ist schwarz und dunkel, wie eine nicht enden wollende Nacht. Ich schwebe dahin, von niemandem gesehen, von niemandem gekannt, doch ich bin da. Ich bin da und sehe alles. Ich bin so fern und doch so nah. Ich blicke hinab, auf den blauen Planeten, eine Welt, ganz anders als die meine. Einer meiner Herzschläge scheint dort ein Jahrtausend zu sein. Die Zeit vergeht so schnell und doch so langsam. Wird es jemals anders sein? Ich wache über den blauen Planeten und dennoch kann ich nicht in das Geschehen dort eingreifen. Ich sehe nur zu, wie sich alles verändert. Ob zum Guten oder zum Schlechten kann ich nicht sagen, denn ich weiß es nicht. Ich habe keinen Sinn für das was Richtig oder das was Falsch ist. Ich kann nur zusehen und wachen. Wäre es anders, würde ich vielleicht dort unten leben, doch ich glaube, ich will das gar nicht. Ich bin zufrieden damit wie es ist, ich bin da, für immer, für ewig. Ich werde nicht beobachtet, ich bin ganz für mich allein, und so mag ich es. Denn was würde ich dort unten wollen? Ich würde geboren werden, leben, sterben. Was für einen Sinn würde das haben? Hier weiß ich, dass es einen Grund gibt, weshalb ich da bin. Zusehen und wachen. Das sind meine Aufgaben und ich werde sie erfüllen, denn was sollte ich anderes tun? Ein langes, ein ewiges, Leben ist das. Ich frage mich, ob es einen Tag geben wird, ab dem ich nicht mehr existieren werde, einen Augenblick, ab dem alles vorbei ist und ab dem jemand anderes meine Aufgaben übernimmt. Ich zweifle daran, doch woher sollte ich es wissen, wenn es noch nicht geschehen ist? Vielleicht ist in der nächsten Sekunde alles vorbei, womöglich bekomme ich gar nicht mit, wenn es vorbei ist, sondern bin einfach nicht mehr da und merke gar nicht, dass es tatsächlich passiert ist. Denn dann hätte ich aufgehört zu existieren. Aber wer weiß, vielleicht ist es auch nicht schlimm, nicht zu existieren, vielleicht existiere ich selbst ja gar nicht.
    Ich habe zu viele Fragen, auf die es keine Antworten zu geben scheint. Fragen, auf die niemand eine Antwort weiß.
    Ich sehe wie die Sonne verglüht und sich verändert, ich sehe wie die Monde nicht mehr von ihr angestrahlt werden und aufhören silbern zu schimmern, ich sehe wie selbst die Sterne und Meteoriten, sowie die Planeten verschwinden. Jetzt bin ich allein. Das glaube ich zumindest. Worüber soll ich wachen, wenn es nichts mehr gibt, außer dem Nichts? Soll ich einfach nur abwarten bis auch ich nicht mehr existiere? Es wäre eine Verschwendung meines Lebens, das an sich sowieso noch nichts geleistet hat. Vielleicht muss auch ich einmal etwas bewirken, vielleicht muss auch ich anfangen an etwas zu glauben. Doch woran? Es ist nichts mehr da, an das man glauben könnte. Nichts mehr, außer der schwarzen Finsternis, die mich umgibt, und mich selbst. Mein Herz schlägt immer noch und ich schwebe dahin, wie seit jeher. Ich lasse meinen Blick umherschweifen, auf der Suche, nach irgendetwas. Einen Herzschlag später gebe ich auf. Im nächsten Herzschlag suche ich erneut, hoffend, dass sich etwas verändert hätte. Ein weiterer Herzschlag vergeht. Es kommt mir vor, als würde mein Herz selbst eine neue Zeitmessung erschaffen. Das habe ich von den Menschen des blauen Planeten damals gelernt. Sie teilten die Zeit ein. In Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Jahre. Mein Herz teilt die Zeit in einen eigenen Rhythmus, der mir unbekannt und neu vorkommt und mir fällt auf, dass ich wohl an die Menschen geglaubt habe. Sie haben ihre Welt eingeteilt, haben sie verändert und haben schwierige Erklärungen vereinfacht. Sie konnten fühlen, reden, denken und ich habe es gemocht, ihnen zuzusehen. Doch nun sind auch sie nicht mehr da, sie sind schon lange nicht mehr da.
    Und dennoch. Ich glaube an sie, das ist mir jetzt klar geworden und ich weiß, warum ich auserwählt wurde über sie und ihren Planeten zu wachen. Ich weiß jetzt, was meine tatsächliche Aufgabe, in diesem Universum ist und ein Lächeln würde über meine Lippen huschen, wenn ich welche hätte. Ich würde meine Augen schließen und ich würde fest an sie glauben. Und da höre ich auf zu existieren. Ich bin fort, verschwunden für immer, doch ich weiß, dass ich dafür eine ganz neue Galaxie geschaffen habe. Eine in der Menschen auf einem neuen blauen Planeten werden leben können, denn ich habe an sie geglaubt und ich werde immer an sie glauben, auch wenn ich nicht mehr bin. Ich bin fort. Für alle Ewigkeit.

  • Der Kreis schließt sich
    von Alopex Lagopus


    Ein leichter Wind zog herauf und sorgte dafür, dass die hohen Gräser raschelnd zu Flüstern begannen. Nur ein paar Sekunden, dann war es wieder so still in der Ebene wie in den vergangenen Stunden. Gedankenverloren starrte Naro in den wolkenlosen Himmel.
    „Vater?“
    „Hmm?“, erwiderte der Mann, der neben dem Jungen im Gras saß und gerade dabei war, ein Lagerfeuer mit einem Stock zu entfachen.
    „Was sind das eigentlich für leuchtende Punkte dort oben?“
    Sein Vater antwortete nicht. Stattdessen bemerkte Naro, wie er seine Arbeit einstellte und sich an seine Seite setzte.
    „Das, mein Junge“, sagte er, den Blick nun ebenfalls in den Himmel gerichtet, „sind die Geister unserer Ahnen. In klaren Nächten zeigen sie sich und schauen zu uns herunter, um sich zu vergewissern, dass wir ihre Fehler nicht wiederholen. Sie sind immer dort oben und beschützen uns.“
    „Auch Großvater?“
    Der Mann senkte den Blick und sah seinem Sohn lächelnd ins Gesicht. „Ja, auch Großvater. Nun schlaf ein wenig. Deine Ahnen und ich werden gemeinsam über dich wachen.“


    Nacht legte sich über das kleine Städtchen und bedeckte die Häuser mit einer Decke aus dunklem Samt. Nur hinter wenigen Fenster glomm noch das schwache Licht von rußigen Petroleumlampen. Henry sah sie vom Balkon seines Hauses aus. Doch was ihn eigentlich interessierte, lag ganz woanders.
    Sehnsüchtig lenkte er den Blick in den von leuchtenden Punkten durchzogenen Nachthimmel. Wie viele es waren. Träumerisch ließ Henry seine Gedanken schweifen und fand erst in die Realität zurück, als er die Tür zum Balkon hörte.
    „Kannst du nicht schlafen“, fragte sein Vater und lehnte sich neben ihm ans Geländer. Der Junge schüttelte den Kopf.
    „Ich habe die Gestirne beobachtet“, sagte er, „und mich gefragt, was genau sie eigentlich sind.“
    „Ah.“ Ein Lächeln erschien im Gesicht seines Vaters. „Was du dort oben siehst, sind weit entfernte Welten.“
    „Welten?“, fragte Henry. „Aber Pfarrer Tallington hat uns in der Schule erzählt, es wären die Seelen der Verstorbenen, die von Tuluk in seinem himmlischen Garten aufgenommen werden und zu uns hinunterblicken.“
    „Wenn das wahr ist, wieso fragst du dich dann, was die Sterne sind?“, erwiderte sein Vater.
    Henry antwortete nicht sofort. Stattdessen lenkte er abermals seinen Blick zum Firmament.
    „Was für Welten sind dort, Vater?“
    „Welten wie die unsere. Der ganze Himmel ist voll davon. Erst gestern sah ich einige von ihnen durch mein Teleskop. Irgendwann werde ich den Professoren an der Akademie ihre Existenz beweisen können. Sie sind nämlich rund. Rund wie die Murmeln, mit denen du und deine Freunde immer spielen. Und genauso rund wie die Erde und unsere Sonne.“ Er lächelte und legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter. „Komm mit, ich zeige es dir!“


    Es war spät. Luca gähnte, bevor er sein Gesicht auf seine Fäuste stützte und mürrisch auf den leeren Block vor seiner Nase starrte. Dann bemerkte er die Schritte auf den Flur.
    Eilig griff Luca nach seiner Schreibtischlampe und löschte das Licht, doch er war nicht schnell genug. Die Tür ging auf und herein schielte sein Vater. Seine spärliche Bekleidung sowie die unordentliche Frisur deuteten darauf hin, dass er nur eben in der Küche gewesen war, um etwas zu trinken und eigentlich weiterschlafen wollte.
    „Bist du noch nicht im Bett?“, zischte er wütend. „Los, ab jetzt. Du musst morgen früh zur Schule!“
    „Aber ich bin noch nicht fertig“, verteidigte sich Luca. „Ich muss noch Hausaufgaben für Sachkunde machen. Und ich komme nicht weiter.“
    Sein Vater seufzte. Glücklicherweise wurden seine Züge weicher.
    „Dann zeig mal her. Was genau sollst du denn machen?“ Etwas ungelenk hockte er sich neben Luca auf den Boden, um einen näheren Blick auf seinen Block zu haben, auf dem bisher nur die Aufgabenstellung stand.
    „Wir sollen schreiben, was Sterne sind“, erwiderte der Junge. „Aber ich habe keine Ahnung davon. Die Frage habe ich mir nie gestellt.“
    Sein Vater antwortete nicht, sondern las die Aufgabe.
    „Du sollst schreiben, was du glaubst, was Sterne sind. Du kannst deiner Fantasie also freien Lauf lassen.“
    Luca murrte nur.
    „Aber das ist dann bestimmt nicht richtig. Und ich will das Richtige aufschreiben. Die Aufgabe ist blöd.“
    „Wieso hast du deine Mutter nicht um Hilfe gefragt.“
    „Habe ich, aber sie meinte, das verstehe ich nicht, dazu wäre ich noch zu klein.“
    Bockig verschränkte er die Arme vor der Brust und starrte trotzig zu seinem Vater. Dieser lächelte müde.
    „Okay, dann pass mal auf. Sterne sind massereiche Himmelskörper aus brennendem Gas. Ihre eigene Schwerkraft hält sie zusammen und auf ihrer Oberfläche herrschen heißere Temperaturen als in jedem Schmelzofen. Um manche kreisen sogar Planeten, so wie die Erde um unsere Sonne. Denn die Sonne ist auch ein Stern. Von irgendeinem anderen Punkt im Universum aus würdest du sie genauso wahrnehmen wie jeden anderen Stern am Himmel auch.“
    Sein Vater unterbrach sich, da Luca bereits fleißig zu schreiben begonnen hatte. Er wollte alles festhalten, bevor er die Worte seines Vaters wieder vergessen würde. Der ältere Mann erhob sich vom Boden.
    „Wie ich sehe, kannst du die Aufgabe nun lösen. Wenn du fertig bist, gehst du aber sofort ins Bett, versprochen?“
    Luca sah auf.
    „Versprochen, Dad. Danke für deine Hilfe.“


    Bedrückt starrte Tiberius auf das Hologramm, welches vor ihm an die Wand geworfen wurde. Die meiste Zeit blieb es dunkel; nur ab und zu – in der Regel wenn die Erde bebte – zeigte sich eine rote Säule aus Feuer, die sich todbringend in den Himmel schraubte. Hinter ihm hatten sich die anderen Kinder auf dem Boden zusammengerollt. Sie hatten nicht genug Decken, also wärmten sie sich gegenseitig.
    „Du solltest dir das nicht ansehen“, hörte er plötzlich eine Stimme in seinem Rücken flüstern. „Leg dich lieber zu den anderen. Es wird bald vorbei sein.“
    Tiberius drehte sich um und erkannte seinen Vater, der sich langsam der Konsole näherte. Dank ihm war Tiberius etwas Besonderes. Die wenigsten Kinder hatten einen Vater.
    „Ich kann nicht schlafen“, sagte er. Erneut fuhr ein Donnern durch die Wände des Bunkers und Tiberius zuckte zusammen. An Tagen wie diesen war es besonders schlimm. Allmählich bezweifelte er, dass er jemals etwas anderes außer das Innere dieses Bunkers sehen würde. Ab und zu gingen die Erwachsenen nach draußen – immer weniger kamen zurück.
    Sein Vater legte eine Hand auf die Konsole und wollte das Hologramm ausschalten, aber Tiberius hielt ihn davon ab.
    „Siehst du das?“, fragte er und deutete auf den schmutzverhangenen Himmel. „Ab und zu funkelt etwas Weißes dort oben. Da war es gerade wieder! Was ist das?“
    Die Mundwinkel seines Vater zuckten leicht. Er wirkte traurig.
    „Hoffnung, mein Sohn.“
    „Hoffnung?“
    „Ja.“ Sanft legte sein Vater ihm eine Hand auf die Schulter. „Jeder dieser glitzernden Punkte zeigt eine neue Chance auf ein Überleben. Wir suchen nach ihnen. Und irgendwann finden wir einen, der uns in ein besseres Leben führt – der uns einen neuen Anfang ermöglicht! Es sind Wegweiser. Wir müssen nur den richtigen unter ihnen finden. Und das werden wir. Das verspreche ich!“


    Ein leichter Wind zog herauf und sorgte dafür, dass die hohen Gräser raschelnd zu Flüstern begannen. Nur ein paar Sekunden, dann war es wieder so still in der Ebene wie in den vergangenen Stunden. Gedankenverloren starrte Arendt in den wolkenlosen Himmel.
    „Vater?“
    „Hmm?“, erwiderte der Mann, der neben dem Jungen im Gras saß und gerade dabei war, ein Lagerfeuer mit einem Stock zu entfachen.
    „Was ist das eigentlich für ein roter Punkt unter all den Sternen?“
    Sein Vater antwortete nicht. Stattdessen bemerkte Arendt, wie er seine Arbeit einstellte und sich an seine Seite setzte.
    „Das, mein Junge, ist die Ruhestätte und Heimat unserer Ahnen. In klaren Nächten zeigt sie sich, damit wir uns an sie und unsere Vorväter erinnern. Einige sind immer noch dort oben und halten Wache.“
    Arendt überlegte.
    „Ihre Heimat sieht krank aus“, sagte er schließlich. „Warum sind sie dort geblieben?“
    Er drehte den Kopf und sah seinen Vater an, der nun auch in den funkelnden Himmel starrte.
    „Sie blieben, damit wir leben können. Sie blieben, damit wir uns erinnern. Und sie blieben, weil sie einen Wunsch haben.“
    „Einen Wunsch?“
    „Ja“, erwiderte der Vater und nahm seinen Sohn in den Arm. „Den Wunsch, es besser zu machen als sie.“

  • Blauschwarz
    von kalkwiese


    So blau, so schwarz, so leer schien es ihr, dass sie zu schweben glaubte. Sie konnte nicht denken, was es nun war, das so leer schien, doch ihr Gefühl wusste es. Und dieses Gefühl trug sie, so erdrückend es auch war.
    „Wahnsinn…“, murmelte sie und setzte sich nach einiger Zeit lethargischen Halbschlafes in ihrem Bett wieder auf.
    War es Wahnsinn? Seit sie alle gegangen waren boten selbst das vertraute Zimmer und die lieblichen Erinnerungen an Früher keinen Halt mehr und diese Schwebe war ihr unbegreiflich. Sie war eine bleierne Feder, doch noch nicht fähig zu fallen. Was war dieser Widerspruch, wenn nicht wahnsinnig? Vielleicht grausam.
    Mit einem Seufzen setzt sie sich auf die Bettkante und erhob sich langsam. Das Mondlicht fiel kalt durch das Dachfenster über ihrem Bett und schnitt in die bläuliche Düsternis des Hauses hinein. Aufmerksam betrachtete sie die Möbel und die gerahmten Lichtabbildungen, die an den Wänden hingen. Mit ihnen konnten die Elfen mittels Magie ein Geistesbild festhalten. Sie erinnerten sie an die längst vergangene Zeit, denn immer wieder erschienen dort die alten Gesichter im Lichte einer Erinnerung. Dunkel war es hier also mit Sicherheit nicht. Und doch lag ein schaler Geschmack in all der Süße.
    Während sie die Treppe hinabschritt, kam es ihr wieder in den Sinn. Wie sie gern an die eine Liebe in ihrem noch jungen Leben zurückgedacht hatte. Die sie mal gelebt hatte. Der sie mal vertraut hatte. Und von der sie verletzt worden war. Sie wusste noch, dass es geschmerzt hatte, aber der Wärme, die in dem hoffnungslosen Schwärmen lag, hatte sie nicht widerstehen können.
    Doch das lag nun weit weg, war längst verblasst und tat schon lang nicht mehr weh. Dieser Gedanke beruhigte sie, während sie die Lichtbilder betrachtete, die die Treppe entlang die Wand zierten und die im Halbdunkel dieser klaren Nacht einen weißkalten Schimmer hatten.
    Sie erreichte das Erdgeschoss und der weite Flur führte sie wieder in die Leere zurück. Schuld daran war wohl die verspielte Architektur der Elfen, die hier besonders ausgeprägt war und wegen der sie sich fehl am Platz fühlte. Es war nicht einfach gewesen, als sie und die anderen her gekommen waren. Allein als Menschen unter Elfen… Doch nun fehlte selbst von ihnen jede Spur. Die Elfen verschwanden, von einem Tag auf den anderen. Ihre Freunde ebenso, bis auf einen. Er zog damals los, die Menschen und die Elfen zu suchen, die noch übrig waren. Vor über fünf Jahren. Wahrscheinlich tot.
    Es kamen keine Händler mehr. Keine Fahrzeuge. Und sie hatte keine Flugmaschine mehr am Himmel gesehen. Nichts. Nicht einmal das Silber eines Kondensstreifens am Himmel. Sie hatte lange Zeit Ausschau gehalten.
    Ich erinnere mich noch gut an diese Tage, stelle sie fest, als sie nur in ihrem Nachthemd auf die Straße trat. Und in diesem Moment kam das blauschwarze Gefühl zurück und ließ sie schweben. Und sie wusste es: Es war die Welt, die Leer war. Eine Leere, die auch sie immer mehr ausgehöhlt hatte.
    Vor ihrer Haustür stehend, wandte sie sich nach links und betrachtete den vagen Umriss der Elfenstadt. Sie lag noch so da wie am ersten Tag, nachdem die Elfen diese Welt verlassen hatten. Keine Risse in den Straßen und Gebäuden, keine Grashalme in den Fugen. Als wäre es gerade erst einen Augenblick lang her gewesen. Rundherum lag der Waldesozean, wie die Elfen den uralten Wald genannt hatten. Er bedeckte einmal den halben Kontinent und in seinem Herzen lagen die wenigen Städte der Elfen. Es war den Menschen geschuldet, dass einige dieser Städte nun seinen Rand markierten.
    Ein Schmerz ergriff sie bei jedem Anblick der Ruinen und so wählte sie den rechten Weg, in die Fluten des Waldesozeans. Bis sie sie umfingen, hielt sie den Blick gesenkt. Und auch als sie längst eingetaucht war, hob sie den Blick erst, als die Stadt hinter ihr kaum noch in Sichtweite war. Und Stille. Die Tiere waren nicht verschwunden, dennoch schwiegen sie, als wären fünf Jahre Trauer erst der Anfang aller Buße. Doch warum büßten immer die Unschuldigen? Warum hatte man sie zurückgelassen?
    Einen kurzen Augenblick lang glaubte sie, ein Rascheln von hinter sich gehört zu haben, doch als die herumfuhr strich ihr nur der Wind ihre dunkelblonden Haarsträhnen aus dem Gesicht. Gleichzeitig trug er ein weiteres Stückchen in ihr ab und ein hohles Gefühl der Kälte drohte sich in ihr breit zu machen. Sie machte sofort kehrt und rannte davon, aber es jagte sie, so sehr sie es auch abzuschütteln versuchte.
    Sie wusste nicht wohin sie lief und weder nahm sie die Welt um sich herum wahr, noch spürte sie die Schritte, die sie tat. Machte sie sie überhaupt, wo sie doch schwebte? Und das so leicht und teilnahmslos durch die Schatten der Bäume, bis sie auf eine Wiese lief und vor einem Abhang Halt machte. Und wieder zu Boden glitt. Das Gras an den nackten Füßen kitzelnd, blinzelte sie in die Tiefe. Was sich dort viele Fuß unter ihr erstreckte, war wahrhaftig ein Ozean. Er spannte sich weit über den Horizont, von links nach rechts, ohne den Waldrand in Sicht. Vereinzelt waren die Umrisse einer anderen Stadt zu erahnen, die man leicht auch mit einer Ansammlung älterer, größerer Bäume verwechseln konnte. In der leichten Brise der Nacht wogten die Baumkronen gleichmäßig, wie die Wellen einer sanften See.
    Sie hatte diesen Anblick oft gesehen und doch war sie jedes Mal erneut überwältigt von diesem Ausmaß, dass sie auf eine winzige Größe zusammenzuschrumpfen drohte. Mit tränenden Augen fiel sie auf die Knie, den Oberkörper halb über den Abhang ragend. Sie war allein, ganz allein in diesem Ozean. Und ihr Herz fror.
    Wozu noch? Wozu weitermachen? Für wen? Es ist sinnlos. Ich… bin sinnlos.
    Der Klang ihrer Gedanken vergiftete ihren Verstand, machte sie rasend, ließ sie atemlos nach Luft schnappen. Und während ihr der Schmerz heiß und nass die Augen herunter lief, wurde es ihr bewusst.
    Ich schwebe nicht mehr…
    Und da lächelte der Abgrund freundlich.
    Zögerlich erhob sie sich wieder, die Augen weit offen, auf ihn gerichtet. Sie konnte erkennen, wie er langsam seine Arme ausbreitete. Einladend. Und wie ihre Ehrfurcht vor der Tiefe immer weiter schwand, während sie mit den Füßen an der Kante stand. In ihrem Rücken spürte sie die Brise und sie wünschte sich, dass ihr Flügel wuchsen. Die Augen schließend, ließ sie sich nach vorn fallen, vom sanften Wind tragen. Und als da keine Flügel waren, entfuhr ihr nur ein Seufzer. Und der Wind in ihrem Haar.
    -
    Blinzelnd öffnete sie die Augen, sah noch einer Träne nach, die in die Tiefe fiel und die im kalten Mondschein glitzerte. Sie atmete ruhig und tief und dennoch sah sie ungläubig an sich herunter. Zwei Arme schlangen sich eng um ihren Bauch. Plötzlich bemerkte sie auch, wie sich ein Gesicht warm und feucht an ihre Schulter drückte.
    „… Bist du das etwa...?“, flüsterte sie hauchend.
    Eine Bewegung an ihrer Schulter. Ein Nicken.
    Schweigen.
    Es zog sie zurück, ohne Widerstand ließ sie es zu. Zusammen fielen sie in das weiche Gras, nebeneinander. Die Tränen versiegt, drehte sie ihren zerzausten Kopf zu ihm und betrachtete sein verquollenes Gesicht, das die eigenen Tränen wohl noch immer nicht bemerkt hatte. Es starrte sie mit geröteten Augen blinzelnd an, als seien die Pupillen nur ein Punkte und der Blick aus Nadeln. Langsam und etwas rasselnd holte er Luft.
    „Ich bin zurück… allein.“
    Sie nickte vorsichtig.
    „Dann sind sie also…“
    „Ja… allesamt. In den Dörfern, den Städten… niemand ist mehr hier.“
    Enttäuscht, doch gleichzeitig erleichtert über die Gewissheit, sah sie zum Himmel auf, auf dem sich deutlich die Sterne abzeichneten. In der Ferne ließ sich bereits der Tag erahnen.
    „Ich bin noch eine Weile gewandert, um ganz sicher zu sein… Die Große Steppe ist völlig verdorrt, fast schon eine Wüste. Und die letzten Zeitungen in den Städten berichten, dass der ganze Osten verstrahlt sein soll…“, flüsterte er langsam und zittrig bemüht, sich zu beherrschen.
    Sie wusste, dass er ihr Gesicht durch die Tränen nur schwer erkannte und dass er darauf Frustration erwartete. Zu ihrer eigenen Überraschung aber wog die Verblüffung über seine Rückkehr schwerer, so dass ihr Gesicht von einer irritierten, subtilen Freude erfüllt war. Und letztendlich konnten sie diese Worte nach fünf Jahren der Stille nicht mehr erschüttern.
    „Es tut mir Leid… Ich hätte dir so gern mehr als das mitgebracht…“
    „Nein, ist schon gut“, sagte sie kopfschüttelnd. „Das ist schon mehr als ich erwartet hatte…“
    Vorsichtig drehte sie ihren Kopf wieder zu ihm auf die Seite und sah, wie er sich mit der Hand die Tränen vom Gesicht wischte.
    „Natürlich bin ich zurückgekommen. Ich hasse mich dafür, dich so lange warten gelassen zu haben, aber ich wollte nichts unversucht lassen… und ging bis an die Küste.“
    Seine Züge wirkten mit einem Mal ganz ruhig und bitter.
    „Ich hatte schon fast befürchtet, du wärst nicht mehr… Ein Glück, dass ich mich geirrt habe.“
    Ein müdes, schiefes Lächeln deutete sich auf seinem Gesicht an.
    „Wenn auch nur zum Teil. Du wolltest dich also wirklich…“
    Beschämt und auch etwas schuldbewusst wandte sie den Blick von ihm ab und sah dem Horizont hinter dem Abgrund entgegen. Die ersten Sterne verblassten im Licht und der Himmel färbte sich langsam kupfern.
    „Ich dachte, du seist tot… oder gegangen. So wie alle gegangen sind“, murmelte sie. „So konnte ich einfach nicht mehr…“
    Langsam schüttelte er den Kopf.
    „Es gab keinen Tag, an dem es mich nicht hier her zurück gezogen hat. Vielleicht erinnerst du dich… An dieser Stelle haben wir uns damals verabschiedet.“
    Aufmerksam setzte sie sich etwas auf und blickte sie sich auf der Wiese um, in die verschwommene Erinnerung vertieft. Es stimmte, hier war es gewesen. In den düsteren Gedanken der Stille war diese Erinnerung irgendwann untergegangen. War sie vielleicht deswegen hier her gegangen, ohne darüber nachzudenken?
    „Ich mag fort gewesen sein, aber mein Geist ist immer hier geblieben. Und als ich dann endlich hier ankam, hat mich der Blick auf den Ozean so gefesselt… da hatte ich die Zeit völlig vergessen. Und dann warst da plötzlich du.“
    Er schaute sie noch immer an, hatte seine Fassung aber wieder zurückerkämpft. Nach einem kurzen Augenblick bemerkte sie seinen Blick und wandte sich ihm wieder zu. Da lag noch immer eine gewisse Taubheit auf ihr, dem Staub der Jahre geschuldet, aus der sie noch nicht völlig erwacht war. Ohne einen einzigen Gedanken zu denken, nahm sie ihn sanft in den Arm.
    Und sagte nichts. In ihrem Rücken erhob sich langsam die gelbe Tageshelle, die Hand in Hand mit der Morgenröte ging. Die Leere war langsam aus ihr gewichen, für den Moment zumindest.
    Du bist wie einer von ihnen, stimmt es? Sie kommen immer zurück, auch wenn man sie am Tage nicht sehen kann. Du warst weg, aber wärst du ein Stern gewesen, du hättest über mich gewacht.

    Wo auch immer du warst, wir haben beide den gleichen Himmel gesehen.
    Von der Umarmung noch mehr verunsichert legte er langsam auch seine Arme um ihren Körper. Die Augenlider fielen ihm müde zu.
    „Es ist schön, zurück zu sein…“

  • Schlangenjahr
    von Racshasa


    "Acht." Damit trat Asop in den Aschekreis, den sie feierlich verstreut hatten. Im Fackellicht tanzten Schatten über dürre Leiber, die allesamt schon bessere Zeiten gesehen hatten: Acht Männer, nackt bis auf einige bronzene Armreife, Zehen- oder Nasenringe - Symbole ihrer Kaste, so wie ihre Tätowierungen, die im gnädigen Dunkelblau der Nacht kaum auszumachen waren. Nicht dass man bei Tage erkennen würde was sie ursprünglich dargestellt hatten, dachte Asop zynisch.
    Die Männer standen auf der grob gepflasterten Dachterasse des Hauses der Weissagung, eine monumentale, schlafende Tempelstadt überblickend. Irgendwo bellte ein Hund. Vereinzelt flackerten Nachtlichter in den engen Straßen.
    "Acht", wiederholte eine Stimme die viel zu voll und jung anmutete für den Mann, dem sie gehörte. "Danke, dass ihr alle gekommen seid, verehrte Brüder." Der Sprecher fuhr sich mit einer beringten Hand über die Glatze. Alle Magier, in ganz Amarud, waren bar jeder Körperbehaarung. Denn sie können durch Feuer schreiten, doch ihre Haare würden dabei verbrennen, behauptete das Proletariat. Denn Fell und Haare gehören den Tieren - sie jedoch sind hochgeboren, sagten die Templer. Denn eine strähnige Halbglatze und grauer Bauchflaum würden auch schwerlich ins ehrwürdige Bild passen, dachte Asop. Alles davon war mehr oder weniger wahr.
    "Um den morgigen Beginn des neuen Sonnenlaufes zu begehen, werden wir nun die Deutung vollziehen. Verzeiht mir, dass ich nicht all eure werten Namen aufzähle..." Asop hob eine Braue, nun, verzog den Teil seines Gesichts an dem eine Braue gewesen wäre. Sehr salopp, diese Einleitung des Hohen Magiers. "...denn es zieht etwas um die Lenden." Was? Seit wann machte sich der erhabene Tun-Anheb derart lustig über die geheiligten Anrufungen? Zudem schien sich niemand der Anwesenden daran zu stören. Asops Gesichtszüge mussten ihm wohl entgleist sein, denn der Hohe Magier musterte ihn äußerst verschmitzt und wollte die Augen nicht mehr von ihm lassen, als er fortfuhr. "Die Beschwörung wird unser geschätzter Bruder Asop ausführen. Bringt den Spiegel.", kommandierte Tun-Anheb mit spöttischem Unterton. Halbherzig hob er einen Arm wie ein gelangweilter König, der nach dem Weinkelch verlangt. "Sinis, Ulam, Bachut – und über allem wachen die Gestirne", entgegneten die übrigen Greise monoton, wie aus einem Mund. Der Mann zu Tun-Anhebs Rechter wandte sich ab, um irgendwo aus dem Schatten eine ovale Scheibe, in Samt gehüllt, zu holen und sie dem Hohen hinzuhalten.
    Asop lief ein Schauer über den Rücken. Er hatte seinen Einsatz bei der elementarsten aller rituellen Formeln verpasst, hatte nicht synchron gesprochen – doch kein Wunder, dieses Ritual war eine Farce!
    Der Hohe riss das Samttuch in einer lächerlich anmutenden Bewegung herunter und winkte Asop näher. "Nafyris", kommandierte er und veranlasste den Bruder zu seiner Linken, kurz in den Schatten zu treten und mit einer beinernen Pfeife zurückzukehren, die er an einer Fackel entzündete und anrauchte. Das traditionelle Entflammen des Rauschkrautes war stets mit Rezitationen verbunden, anstatt die Pflanze einfach bei ihrem Namen zu nennen wie ein Hehler auf dem Schwarzbasar. "Komm, Asop. Füll' deine alten Lungen mit der süßen Liebe der Götter", schnurrte Tun-Anheb. Asop fröstelte, als er die Pfeife aus der Hand seines Amtskollegen nahm und an die Lippen führte. Natürlich nicht vor Kälte, denn in Amarud war es stets heiss und feucht, sondern weil er, wie er mit milder Überraschung feststellte, wie sich ein unliebsames, vergessen geglaubtes Grollen durch seine Eingeweide nach oben bahnte. Angst?


    Der kostbare Deuterspiegel wurde in einem Winkel vor ihn gehalten, dass Asop sowohl sein Spiegelbild halsaufwärts, als auch das leuchtende Dreigestirn über sich am Nachthimmel sehen konnte. Das Licht der drei unterschiedlichen Coronae brach sich im Glas und tauchte Asops Gesicht in ein diffuses Farbenspiel. Nur zum Ende eines Sonnenlaufes hin wurden die drei Monde Sinis, Ulam und Bachut nebeneinander sichtbar. Nur in dieser Konjugation, wenn sie einander nicht verdeckten, schenkten sie jenes magische Licht, unter dessen Schein seit Äonen mächtige Prophezeiungen gedeutet wurden. Eine altehrwürdige Aufgabe, die andachtsvoll begangen werden musste – sie wurde nur geübten, respektierten Deutern überlassen. Knisternd sog er am beinernen Mundstück und nahm die Hand vom offenen Ende der Pfeife. Rauch schoss in seinen Mund, passierte kratzend den Gaumen und wurde in die zittrige Lunge gesogen. Keine Rezitation begleitete die rituelle Handlung. Tun-Anheb beobachtete ihn mit einer Mischung aus Teilnahmslosigkeit und Ungeduld – sicher hätte er die Hände in den Rocktaschen, wäre er nicht nackt! Geradezu anzüglich, ereiferte sich Asop in Gedanken, während er dicken Rauch über seine Brust und Arme auspustete.
    Ungeheuerlich - warum stellte er den Hohen nicht zur Rede? Gewiss, gleich nach dem Ritual würde er Tun-Anheb herausfordern, sich zu erklären. Vor den Tempelherren würde er ihn zerren, Rang hin oder her!
    Nach einem weiteren, tiefen Zug hauchte er den weissen Dunst über den Spiegel, liess ihn über dessen filigranen Bronzerand kriechen und sich über die Glasfläche legen wie Nebel über die See. Der Alte ließ sich nicht beirren – keine Ketzerei der Welt würde ihn davon abhalten, seine Pflicht zu tun, für den Tempelherren und Amarud. Bald würde das Nafyris seine Wirkung entfalten und seinem Verstand helfen, die Götterbotschaft, die sich in jener Zwischenwelt hinter dem Deuterspiegel verbarg, zu erkennen. Wie viele Ernten, Kriege und Orakel auf diese Weise bereits geweissagt worden waren! Jeder Sonnenlauf trug einen Namen in den Tempelbüchern. Unter welchen Sternen würde der Kommende stehen? Asop rauchte ein drittes mal aus und blickte tief in den Spiegel.


    Ein gepflügter Acker von Gesicht sah ihm entgegen, umgeben von Rauch. Seine Wangen müde, die Stirn in tiefen Furchen. Die Augen... schlangenhaft. Es war Asops Spiegelbild und doch...nicht. Interessant. Der Deuter beugte sich vornüber, nein wurde von unsichtbarer Hand gezogen. Eine eher unangenehme Nebenwirkung des Rauschkrautes. Quergestellte Pupillen bohrten sich in seine Augen – er konnte nicht wegsehen. Der Mund des Spiegelbildes öffnete sich, eine gespaltene Zungenspitze blickte hervor. Asop klammerte sich an den Rand des Spiegels, dessen Verzierungen sich schmerzhaft in die Handflächen bohrten. Er hörte den kehligen Bass eines vielstimmigen Singsanges um ihn herum. Keine Worte, nur ein beschwörendes Nnnnhhh, nnnnhhh, immer wieder. Mitunter betörte das Kraut alle Sinne, sodass nur tiefes Vertrauen in die Götter und seine Brüder einen Deuter vor dem Wahnsinn bewahrten.
    Sein Spiegelbild mutete nun noch seltsamer an – die Wangenknochen traten stärker hervor, die Nase schien sich zurückzubilden. Mundwinkel hoben sich und entblössten dünne, spitze Fänge. Oh, ihr Götter... welch harte Prüfung für einen alten Mann, seufzte er in Gedanken.


    Der Deuterspiegel wurde weggerissen. Nicht aus Asops Blickfeld – nein, nur weiter fort, sodass er mit einem Mal einen ganzen Körper anstatt des Reptiliengesichtes sehen konnte. Geschuppte Unterarme und Beine und ein unheilvoll aufgerichtetes Glied drückten sich gegen den Spiegel, während der Singsang um Asop herum fordernder wurde, nnnnhhh, nnnnhhh!
    Nein, es war zuviel! Er stolperte nach hinten, riss den Blick los von dem höllischen Bild, dessen Zunge von innen über das Glas leckte...von...Innen?!
    Der Gesang schien nicht den Kehlen seiner umstehenden Brüder zu entströhmen, die ihn unverwandt betrachteten. Fast war ihm, als seien auch ihre Augen entstellt, die Finger ein wenig länger als sie sein sollten – die Art, wie sie ihre Köpfe schieflegten nicht menschlich.
    "Macht weiter", klang Tun-Anhebs Stimme herüber, hysterisch beinah aber lauernd, in etwa wie man sich eine sprechende Hyäne vorstellte. Was für ein starkes Kraut war das? Asop hatte nicht bemerkt, dass er die Pfeife verloren hatte. Er sah sich suchend um und wurde eines geschuppten Klauenfußes gewahr, der aus dem Spiegel trat und über den Stein kratzte. Was... Er legte Zeigefinger und Daumen seiner Rechten an die Stirn, hauchte magische Worte zum Schutz. Doch sein Spiegelbild, der Dämon, quälte sich dampfend aus seinem gläsernen Gefängnis. Das war keine Weissagung – es war echt! Schwefelgestank zog auf, dicker Regen setzte ein, kalt. Echt! Die Natur um ihn herum verkraftete nicht, was hier passierte, sie wehrte sich. Das, was nicht in diese Welt gehörte, starrte Asop lechzend an. Und sprang.
    Mit erschreckender Leichtigkeit übermannte ihn das Wesen. Asop wurde zu Boden gedrückt, während das Ding ein geschupptes Knie auf seine Beine stämmte, die Klauenhände seine schlaffen Arme nach hinten bogen. "Wache! Templer!", brüllte der Deuter aus Leibeskräften. Doch er vermochte seine eigenen Worte nicht zu hören – nnnnhhh, nnnnhhh, das war alles, und ein gieriges Zischeln, als der Dämon Asops rechte Hand vor sein Gesicht führte und daran leckte.
    Tun-Anhebs Glied erschien unerwünscht baumelnd im Augenwinkel, als sich der Hohe Magier neben ihm in die Hocke setzte. Wenigstens sein Gesicht sah aus wie immer – er musste ihm doch helfen!
    "Asop, Asop, Asop...", tadelte Tun-Anheb. "Habe ich dir nicht schon einmal gesagt, dass es größere Magie gibt als die, die wir kennen? Als die unserer winzigen, faltigen Götter? Du wolltest nicht glauben, Bruder." Asop heftete seinen Blick an den Anderen. Obwohl er ihn, diesen Emporkömmling und Ketzer verachtete, gab ihm ein Anflug von Hoffnung Kraft für Worte. "Du hast es inszeniert...Hoher...du hast mich berauscht und es ist Zauberei. Ja, jajaja, ich glaube dir jetzt. Du hast recht – du kannst aufhören", hörte er sich stammeln.
    "Berauscht, sagst du", lächelte der Hohe. "In deiner Pfeife war Tee." Mit einem Pferdelachen stämmte er sich hoch und winkte dem wartenden Dämon großzügig zu. "Du kannst nun."
    Das Wesen aus dem Spiegel gab ein nasses Fauchen von sich, als es wie eine Schlange den Kiefer aushängte und sein spitzbezahntes Maul über Asops Hand- und Unterarm zog.
    Nichts blieb ausser Schreien. Doch kein Schrei war zu hören, als hätte jemand eine unsichtbare Glocke über das Tempeldach gelegt. Es war absolut nichts heldenhaftes darin, einem Dämon zu begegnen, dachte Asop noch, während sich seine Blase zitternd entleerte. Kurzzeitig verblieb sein Verstand noch in seinem Kopf, sodass er sich fragen konnte, weshalb er nicht schon tot war. Während im Regen, Nebel und Schwefel die verräterischen Reptiliengesichter der Anderen auftauchten wurde ihm panisch bewusst, dass ihn zu töten wohl nicht der Plan war.
    Gnädige Agonie löste den ermüdeten Verstand bald schon ab. Der Deuter war nur mehr eine zuckende und kratzende Hülle, die Stück für Stück von der Mannschlange vertilgt wurde. Tun-Anheb wandte sich ab und unterdrückte glucksend seinen Brechreiz. Welch ungewohnte Erfahrung, gleichzeitig lachen und kotzen zu wollen. Während hinter ihm noch immer Knorpel splitterten und Fleisch riss, hob er seine Kutte auf und streifte sie über. Es würde noch dauern, bis die Brüder das Steindach gereinigt hätten, und die Transformation des Achten abgeschlossen sein würde. So würde er ein wenig für sich sein können, bevor sie nach unten gingen.


    Der Blick des Hohen Magiers wanderte über die Tempelstadt, die unirdische Zeremonie in seinem Rücken ignorierend. Manche Dinge waren einfach nicht für Menschenaugen, selbst nicht für die eines Hohen Magiers.
    Dein Reich rückt näher, Herr. Nacheinander werden wir die Meister der Stadt von deiner Gnade und Macht überzeugen. Jeder Mann in Amarud wird den Götzen entsagen, wenn sie dich sehen! Und ich werde dein Statthalter sein, ja?
    "Aber sicher, aber sicher Tun-Anheb. Ich habe dich schließlich erwählt. Alles wird geschehen, wie es geschehen muss", säuselte die samtweiche Stimme Gottes durch seinen Kopf. "Du hast gut getan. Sehr gut..."


    Der Morgen graute bereits, als die Deuter die grob gehauenen Stufen des Hauses der Weissagung hinabstiegen. Ein junger Wachvorsteher in der bronzebeschlagenen Lederrüstung der Templer wartete, auf seinen Speer gestützt. Die ganze Nacht hatte er dort verharrt. Seine Neugier konnte er nun nicht mehr im Zaum halten."Hoher Herr – verlief alles zu Eurer Zufriedenheit? Es hat geregnet und wurde kühl. Mit welchem Namen werdet ihr den Sonnenlauf ausrufen?"
    Tun-Anheb lächelte. "Es wird das Schlangenjahr. Nein, sorge dich nicht – etwas Herrliches steht uns bevor. Geh besser etwas schlafen, damit du die Prophezeiungen nicht versäumst."
    "Ja Herr, danke Herr", nickte der Templer und reckte seinen Hals. "Indes... wart ihr nicht Acht, dort oben? Ich erkenne Meister Asop gar nicht." Der Hohe Magier trat zur Seite und machte eine auslandende Geste. "Nun? Hier steht er doch." Fürwahr, inmitten der Anderen stand Asop und nickte abgehackt. Die Strapazen der Deutung waren ihm ins Gesicht gezeichnet, sodass er beinah fremd wirkte.
    "N-natürlich, Herr. Verzeiht. Sinis, Ulam, Bachut.", hauchte der Wächter ehrfürchtig, als er Tun-Anhebs beringte Hand küsste und einen Moment verwirrt daran schnupperte, seinen Fehler aber sofort bemerkte und Haltung annahm. "Und über allem wachen die Gestirne. Lass dich ablösen", entgegnete Tun-Anheb nachsichtig, ehe er mit seinem Gefolge davonschritt.

  • Winterwende
    von Arathorn


    Bedrohlich wachte das Sternbild des Wolfes über die eisige Nacht.
    Schneebeladene Bäume umringten die von in den gefrorenen Boden gerammten Fackeln erhellte Lichtung. Der Wind heulte und spielte mit den Flammen, brachte einige gar zum Erlöschen. Die Blicke Dutzender Augenpaare waren auf einen hüfthohen Stein in der Mitte geheftet, in dessen Oberseite eine Mulde eingelassen war.
    Der gesamte Rand der Lichtung war von Menschen besetzt, die in banger Erwartung verharrten und sich kaum vom Schatten unter den Bäumen abhoben. Nicht wenige trugen Masken, die dämonische Fratzen zeigten.
    An einer Stelle teilte sich der Ring aus Leibern und ließ eine Frau hindurch, deren wallendes Haar im Fackelschein schimmerte wie Kupfer. Auch sie trug eine furchterregende Maske, die kein Stück ihres Gesichtes zeigte. Gemessenen Schrittes trat sie zu dem Stein, legte die Hände auf die raue Oberfläche und senkte den Kopf.
    Die Leute hielten den Atem an, während die Frau mehrere Sekunden lang reglos verharrte. Dann stieß sie unvermittelt einen schrillen Schrei aus und warf beide Arme in die Luft. Sie drehte sich schwungvoll um; ihrer Bewegung haftete etwas beinahe Ekstatisches an.
    Warten.
    Das helle Klirren stählerner Ketten übertönte den Wind. Erneut bildete sich eine Lücke, durch die zwei weitere Frauen, äußerlich kaum von der ersten unterscheidbar, einen gefesselten Mann führten. Sein gehetzter Blick wanderte unstet umher. Immer wieder bäumte er sich in seinen Ketten auf, ohne sich von ihnen befreien zu können. Ihm haftete eine Wildheit an, die manchen Zuschauern erschrockene Aufschreie entlockte.
    Wenngleich er von kräftiger Statur war, zerrten die beiden Frauen ihn Schritt um Schritt voran. Mit einer Kraft, die man in ihren zierlichen Leibern nie vermutet hätte, zwangen sie ihn rücklings auf den Stein und traten zurück. Das Aufbäumen des Mannes wurde heftiger, verzweifelter, das Geklirr der Ketten lauter. Vergebens. Es war, als binde ihn eine unheimliche Macht nicht nur an die Ketten, sondern auch an den aus dem Boden ragenden Felsen.
    Die erste Frau näherte sich dem Gefangenen mit beängstigender Entschlossenheit und verharrte vor dem Stein. Sie taxierte den Mann hinter der Maske hervor, und es war fast, als begännen ihre Augen dahinter zu glühen wie zwei aus dem Feuer genommene Kohlen.
    Sie wartete seelenruhig ab.
    Ein tiefes Grollen entwand sich der Kehle des Mannes, das bald in seinen Schmerzensschreien unterging, als sich seine Gliedmaßen unter grauenhaftem Knarren und Ächzen verschoben und aus dem Menschen eine Bestie wurde.


    Lyana rannte, als wären ihr alle Geister des Winters auf den Fersen. Sie verfing sich mit den Füßen in Wurzeln, strauchelte, zerkratzte sich Gesicht und Hände an den Enden spitzer Äste, schlug sie die Schienbeine an. Kein einziges Mal hielt sie inne.
    Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen und war außer dem eigenen keuchenden Atem das einzige Geräusch, das an ihr Ohr drang. Die hohen Bäume standen dicht an dicht und kamen ihr wie uralte Riesen vor. Jeden Moment musste sie fürchten, einer könne seinen Arm nach ihr ausstrecken, aber sie achtete nicht darauf.
    Ihr Atem kondensierte in feinen Wölkchen in der Luft, die im Silberlicht des Mondes schwach schimmerten. Ohne dieses Licht hätte sie sich zwischen den schwarzen Stämmen nicht zurechtfinden können, sondern hätte sich hoffnungslos verlaufen und in der Kälte den Tod gefunden. Sie spürte Hände und Füße kaum mehr, und auch Nase und Wangen waren eiskalt, doch daran verschwendete sie keinen einzigen Gedanken.
    Cyne. Er war das Einzige, woran sie dachte. Lebte er noch, oder war er tot, grausam ermordet? Tränen rannen ihr Gesicht herab und hinterließen eisige Spuren auf der Haut.
    Die immer wieder emporströmenden Erinnerungen brachten Lyana beinahe dazu, sich zu übergeben. Krämpfe suchten ihren Magen heim. Trotzdem hielt sie nicht inne.
    Sie hatte mitansehen müssen, wie sie ihn mit sich genommen hatten. Gewaltsam verschleppt. Nichts hatte sie in diesem Moment zu tun vermocht. Das Gefühl der völligen Machtlosigkeit war erniedrigend gewesen und trieb sie noch jetzt in die Verzweiflung, wo es längst zu spät sein konnte.
    Cynes letzter Blick hatte sich so in ihr Gedächtnis gebrannt, dass sie ihn bis zu ihrem Tode nicht mehr vergessen würde. Die durchdringenden blauen Augen hatten sie gewarnt, nichts zu unternehmen. Er liebte sie und wollte nicht, dass sie sich in Gefahr brachte. Doch es hatte auch Wehmut darin gelegen, unendlicher Schmerz.
    Ihr Geliebter hatte gewusst, wohin sie ihn bringen würden. Tod, um das Leben Einzug halten zu lassen. Sie wollte schreien und um sich schlagen und vor Kummer sterben zugleich. Es war ungerecht, ebenso ungerecht wie sinnlos.
    Lyana schluchzte lautstark auf und wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. Nicht aufgeben, hallte es seltsam hohl in ihren Gedanken wider, noch ist es nicht zu spät, ihn zu retten. Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie Cyne verloren hatte.
    Sie kämpfte sich durch die gnadenlose Nacht unter dem Antlitz des Wolfes dahin.


    Der gefesselte Wolfsmensch stieß ein ohrenbetäubendes Brüllen aus, in dem neben blinder Wut Todesangst und Schmerz lagen. Knirschen setzte für einen Moment ein, als die Zuschauer ängstlich zurückwichen, bis sie die rauen Baumstämme im Rücken spürten und nicht mehr weiterkonnten.
    Unbeeindruckt legte die Dämonenfrau mit dem roten Haar eine Hand auf die Ketten und zuckte nicht zurück, als der Wolf geifernd nach ihr schnappte. Er konnte sie nicht erreichen.
    Für einen Moment hielt die Welt den Atem an und selbst der Todgeweihte verstummte. Dann begannen die Ketten zu glühen, erst unmerklich, bald stärker, bis ihr schauriges rotes Leuchten die Nacht erhellte. Der Gestank verbrannten Haars und Fleisches breitete sich aus. Noch immer ruhte die Hand der Maskierten auf der Kette.
    Das Brüllen des Wolfes wurde lauter und nahm an Verzweiflung zu. Erste Rauchschwaden stiegen auf. Flammen züngelten auf dem borstigen grauen Fell entlang, steckten bald den gesamten Körper in Brand. Es war ein grauenhaftes Feuer, das auf dem Opferstein brannte, und es ließ nach mehreren Minuten nichts zurück als einen bis zur Unkenntlichkeit verkohlten Leichnam und eine rot glühende Kette. Beides stieß die unversehrte Frau achtlos zu Boden; der Wind blies die Ascheflocken vom Stein und trug sie durch die Luft wie schwarzen Schnee.
    Plötzlich wurde es dunkler. Aller Blicke richteten sich zum Himmel empor. Das Antlitz des Wolfes war aus der Schwärze getilgt, verschwunden, als wäre es nie dagewesen. Der Wolf hatte seine Wache beendet.
    Unverzüglich wurde eine zweite Gestalt herbeigeführt, ebenfalls ein junger Mann. Ihm waren nur mit einem einfachen Seil die Hände auf den Rücken gefesselt. Er unternahm keinen einzigen Versuch, sich aus seinen Fesseln zu befreien. Stattdessen wanderten die wehmütigen Blicke aus seinen tiefblauen Augen umher und galten mal den schweigenden Zuschauern, mal den drei Frauen mit dem Kupferhaar. Seine Miene drückte tiefe Pein aus, jedoch keine Wut. Selbst, als man ihn mit dem Rücken auf den Opferstein drückte und ihn zwei der Frauen festhielten, während die dritte einen gekrümmten Dolch zückte, sagte er kein Wort.
    Er schloss die Augen.
    Die stählerne Klinge blitzte im Mondlicht auf, dann senkte sie sich herab und durchstieß das Herz des Mannes. Krampfartig bäumte sein Körper sich auf, doch die Frauen hielten ihn eisern fest. Blut lief aus der Wunde und seinem Mundwinkel. Ein letztes Mal hob er den Kopf und richtete seine blauen Augen gen Himmel, bevor sein Leib erschlaffte und die Hände ihn losließen.
    Am Himmel wuchs etwas. Ein zarter Sprössling an der Stelle, wo vor wenigen Augenblicken noch der Wolf geprangt hatte. Bald wuchs er in die Höhe und bildete vom Stamm her Äste in alle Richtungen aus, die zu einer ausladenden Baumkrone wurden. Der Baum des Lebens erblühte von Neuem.
    Im selben Moment setzte das Geschrei ein, so schrill und hoch, dass es einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Menschen hielten sich die Ohren zu, andere verfielen in Panik und sahen gehetzt um sich wie gejagte Tiere. Die Geister beklagten ihre Vertreibung, doch sie würden wiederkehren.
    Nach kurzer Zeit verstummte das Kreischen und machte völliger Stille Platz. Der Wind hatte zu heulen aufgehört.
    Stumm warfen die Leute einen letzten Blick auf den Opferstein, bevor sie sich umdrehten und zwischen den Bäumen verschwanden.


    Lyana erspähte weit voraus Fackelschein, kurz nachdem sie die Todesschreie gehört hatte. Sie hatten nicht geklungen wie Cynes Stimme. Hoffnung breitete sich in ihrer Brust aus, verjagte die Kälte aus ihrem Leib und trieb sie dazu, noch schneller zu rennen. Ihre Lungen fühlten sich an, als könnten sie jeden Moment zerbersten, und ihre Kehle war staubtrocken und schmerzte. Doch die Schmerzen waren nichts gegen ihre Hoffnung.
    Im nächsten Moment setzte das Kreischen ein. Es war überall um sie herum, und sie wusste um seine Bedeutung. Nein, im Namen aller Götter, es darf nicht … Lyana presste sich die Hände auf die Ohren, stieß einen erstickten Schrei aus und warf sich zu Boden.
    Es dauerte nicht lange, und als das schreckliche Geräusch verstummt war, nahm Lyana ihre Hände herab. Sie blieb liegen, kümmerte sich nicht darum, dass der Schnee ihr die letzte Wärme aus dem Körper saugte wie eine hungrige Bestie. Und sie weinte, wie sie noch nie in ihrem Leben geweint hatte.
    Cyne war tot, für immer fort. Das Leben war zu Ende. Nicht nur das seine …
    Schemenhaft zogen die schwarzen Umrisse derer an ihr vorbei, die einmal mehr mit dem Schrecken davongekommen waren. Sie kehrten nach Hause an ihren warmen Herd zurück, um sich auf das neue Leben zu freuen, das der Tod ihnen bescherte. Stillschweigend. Keiner sprach sie an, beachtete sie auch nur, und untereinander wechselten sie kein einziges Wort.
    Lyana schloss die Augen. Unerbittlich kroch die Kälte in ihren Leib, scherte sich weder um ihre Pein noch um den dicken Mantel, der sie hätte wärmen sollen.
    Ihr letzter Gedanke galt Cyne.


    Blutrot erhob sich die Sonne über den von Schnee bedeckten Baumwipfeln und beglückte die Welt mit ihren warmen, freundlichen Strahlen.
    Vögel zwitscherten fröhlich und verkündeten den Frühling über einer Lichtung, auf der zwei Leichen neben einem blutüberströmten Stein lagen. Die eine war schwarz wie die Nacht, mit einer um den Leib geschlungenen Kette, die andere bleich wie Schnee und mit einem Dolch in der Brust. Um sie herum begann der Schnee zu schmelzen und erlaubte grünen Grashalmen zum ersten Mal seit Monaten, das Licht der Sonne zu erspähen.
    Nicht weit entfernt, im düsteren Schatten der Bäume, schlug ein Wolf die Zähne ins Fleisch einer erfrorenen Frau in einem braunen Mantel. Sie lag mit dem Gesicht nach unten im Schnee und war bereits steif gefroren. Der Winter mochte weichen, doch er würde zurückkehren, wie es jedes Jahr geschah. Er würde Kälte, Eis und Schnee mit sich bringen und weitere Leben fordern.
    Der Tod war ein Gesetz, dem niemand entgehen konnte. Darüber wachten die Gestirne.

  • Anderwelt Nebel
    von Tom Stark


    Es ist ein milder Frühlingsabend und die ersten Sterne erscheinen am Firmament.
    Großvater Patrick sitzt mit Little Paddy seinem sechsjährigen Enkel auf der alten Ulmenbank, die einen neuen Anstrich vertragen könnte.
    Die nächtlichen Bodennebel erheben sich und verwandeln die Gegend in eine schemenhafte Märchenlandschaft.
    »Kannst Du das Elfentor sehen da hinten, Paddy?« Der Großvater deutet mit dem Finger einer faltigen Hand zu den beiden Eschen, die sich im Laufe ihres langen Lebens an den Spitzen zueinander geneigt hatten und schließlich zusammengewachsen waren. Jeder in der Gegend kennt das Tor, von dem es heißt, dass man zu bestimmten Zeiten nach Tír na nÓg, nach Brí Léithin oder an andere Orte der Anderwelt gelangen kann. Und jeden Abend gelangt ein wenig dieser Anderwelt mit dem Nebel durchs Tor heraus in diese Welt.
    »Klar, Opa.« Das ist nur zur Hälfte wahr, denn Little Paddy weiß zwar ganz genau wo es ist, aber im Moment kann er es im Nebel nur erahnen.
    »Dann siehst du auch den Mantikor, der herauskommt und sich herausfordernd brüllend davor aufstellt?«
    Der Junge mit den roten Haaren kneift die Augen zusammen.
    »Was ist denn ein Mantikor?«
    »Ein Mantikor, Paddy, ist ein Monster aus der Anderwelt, mit dem Körper eines Tigers, dem Kopf eines bösen Trolls und dem Schwanz eines Skorpions, und der Stachel hängt dicht über seinem Kopf, allzeit bereit zuzustechen und sein tödliches Gift zu verspritzen!«
    Der Junge kuschelte sich schutzsuchend an seinen Großvater, der ihn zärtlich in den Arm nimmt.
    »Ja, glaube schon. Da steht er und brüllt und zeigt sein Zähne. Grrr, grrr!«
    »Ah, gut. Dann siehst du auch über ihm den Greifen, der kreischend antwortet und ihn mit seinen Klauen angreift?«
    »Ein Greif?«
    »Genau. Ein Greif hat einen Löwenkörper, nur dass sein Kopf der eines Riesenadlers ist, seine Pfoten Adlerklauen sind und er gewaltige Adlerflügel hat. Greifen und Mantikore sind Gegner und ihr Kampf ist so alt wie die Sterne.«
    Paddy reißt die Augen auf und im Nebel erkennt er wie die beiden Feinde aufeinander losgehen.
    »Und wer gewinnt?«, fragt er seinen Großvater aufgeregt. Der schmunzelt.
    »Das ist der Kampf zwischen Gut und Böse, der edle Greif gegen den hinterhältigen Mantikor. Mal ist der eine etwas überlegen, mal der andere. Wir Menschen sind es, die durch unsere Taten den Ausschlag geben, wer am Ende gewinnt. Verstehst du das?«
    Klein Paddy versteht es nicht ganz, aber er hat das sichere Gefühl zu wissen, dass er es noch verstehen wird, also nickt er.
    »Hab Dich lieb, Kleiner.« Der Großvater wuschelt den dichten Rotschopf seines Enkels.
    »Hab Dich auch lieb, Opa.«


    Es ist ein lauer Sommerabend und die ersten Sterne funkeln bereits am Firmament.
    Patrick, der rothaarige junge Mann sitzt mit seiner kleinen Schwester Patricia auf der alten Ulmenbank, die wirklich einen neuen Anstrich vertragen könnte.
    Die nächtlichen Bodennebel erheben sich und verwandeln die Gegend in eine Traumwelt.
    »Paddy, kannst Du Greif und Mantikor sehen?«
    Patrick lächelt seine fünfjährige Schwester an und zupft sie liebevoll an ihren fuchsroten Zopf. Er hat schon eine Weile nicht mehr nach Greif und Mantikor gesehen, gedacht, er sei langsam zu alt dafür. Aber als er hinsieht kann er die beiden genauso so klar wie früher sehen, wie sie ihren ewigen Kampf austragen.
    »Und ob, Patty. Ich finde heute schlägt sich der Greif ganz besonders tapfer!«
    Patty kneift die Augen zusammen und deutet in den Nebel.
    »Kannst Du auch die beiden Einhörner sehen, die dort grasen und miteinander schmusen, und wie sie unter den Sternen herumtollen und vor Freude mit den Hinterhufen austreten?«
    Patrick schaut in die leuchtenden Augen seiner kleinen Schwester und braucht nicht erst in den Nebel zu blicken um wahrheitsgemäß antworten zu können: »Und ob. Die beiden haben sich ja richtig lieb. Fast so lieb, wie ich Dich habe.«
    Er nimmt sie in den Arm und sie schmiegt sich an ihn.
    »Hab' Dich auch lieb, Paddy.«


    Es ist ein warmer Herbstabend und die ersten Sterne zeigen sich am Firmament.
    Zwei rothaarige Männer, unverkennbar Vater und Sohn, sitzen auf der alten Ulmenbank, die dringend einen neuen Anstrich braucht.
    Die nächtlichen Bodennebel erheben sich und bilden die Leinwand für ein fantastisches Kino.
    Beide Männer halten eine Flasche Bier in den Händen und stoßen miteinander an.
    »Auf Pops.«, sagt der Jüngere.
    »Auf Dad.«, erwidert der Ältere.
    Sie trinken beide und schauen dann in schweigender Eintracht in den Nebel.
    »Hat dir Pops auch immer versucht weißzumachen, dass dort im Nebel Wesen aus der Anderwelt herumlaufen?« Der Jüngere kneift die Augen zu, während er versucht etwas auszumachen.
    Sein Vater lacht. »Oh ja! Dort hinten kämpfen Greif und Mantikor und da hinten, am Bach, grasen die beiden Einhörner von Tante Patty.«
    Sean betrachtet seinen Vater prüfend. Er weiß, dass dieser den frühen Tod seiner kleinen Schwester nur schwer verkraftet hat, aber irgendwie erscheint er ihm heute Abend sehr aufgeräumt. Dann schaut er wieder in die Richtung, in der er das Elfentor vermutet.
    »Halt' mich meinetwegen für albern, Dad, aber ich sehe immer wie ein gewaltiger weißer Nebeldrache dösend hinterm Elfentor liegt und nur ab und zu sein silbernes Auge zu einem Schlitz öffnet um dem Kampf zuzuschauen oder den Einhörnern, wie sie herum galoppieren.«
    Sein Vater kneift nun ebenfalls die Augen zusammen.
    »Tatsächlich, da ist er. Wie habe ich den nur die ganzen Jahre übersehen können?«
    Sean gibt seinem Vater einen sanften Rippenstoß.
    »Ich werd' das hier vermissen, Dad.«
    »Du studierst nur, Junge, du fliegst nicht zum Mond. Wir werden noch oft hier sitzen, wirst schon sehen.«
    »Ach, Dad. Mal was anderes: Wolltest Du nicht schon ewig die Bank streichen?«
    »Auch Du, mein Sohn? Elly liegt mir ebenfalls schon seit Jahren damit in den Haaren. Weißt Du was? Wenn Du in den Semesterferien zu Besuch kommst, machen wir es zusammen.«
    »Klingt gut, Dad.«
    Beide trinken wieder und schweigen eine Weile.
    »Dad?«
    »Junge?
    »Hab' Euch lieb, das weißt Du, oder? Du und Ma, Ihr seid nicht irgendwie sauer, weil ich nach Dublin gehe?«
    »Red' keinen Blödsinn, Sean. Deine Ma und ich freuen uns schon darauf mal Zeit für uns haben. Aber tu' mir den Gefallen und besuch' uns oft. Elly zwingt mich sonst Dich dauernd anzurufen, Du weißt, wie sie ist.«
    Beide Männer seufzen wissend und stoßen wieder an.


    Es ist ein klarer Winterabend und die Sterne wachen schon am Firmament.
    Großvater Patrick sitzt mit Pat seinem zehnjährigen Enkel auf der alten Ulmenbank, die mit sichtbarer Liebe und Hingabe gepflegt wird. Eine grobe Wolldecke hält beide warm.
    Die nächtlichen Bodennebel erheben sich und transformieren die Gegend in einen Teil der sagenhaften Anderwelt.
    »Hey, da sind Greif und Mantikor, Harry und Sally« - die Einhörner haben inzwischen Namen bekommen - »und Ruat, der Drache.«
    Patrick lächelt liebevoll. Es ist das müde Lächeln eines Mannes, dessen Zeit fast um ist und der keine Angst davor hat. »Ja, ich sehe sie, Pat.«
    »Siehst Du auch diese Frau da, die da am Tor steht und mir zuwinkt?«
    Patrick schaut in die Richtung, in die sein Enkel zeigt. Er weiß, dass er die Augen nicht zusammenkneifen muss, weil er ohnehin nicht mehr so weit sieht. Zu seinem Erstaunen kann er die Frau aber ganz genau erkennen. Sie ist hochgewachsen, gertenschlank und bewegt sich mit der Eleganz einer Elfe. Auch sie schaut zu ihm und als sich ihre Blicke treffen, verklärt ein Lächeln ihr Gesicht. Mit gemessenen Schritten kommt sie auf die Bank zu.
    »Elaine?«, haucht Patrick andächtig.
    »Opa?«
    »Das ist Elly, Deine Großmutter!«
    »Mh 'kay.«, erwidert Pat zögernd. Bisher hat er die Nebelwesen immer für ein lustiges Spiel gehalten und er wollte einfach auch etwas dazu erfinden.
    Also schaut er wieder hin und tatsächlich hat er eine Ahnung davon, was sein Großvater zu sehen glaubt. Ausläufer des Nebels sind nun bis zur Bank vorgedrungen, etwas, was Pat bisher noch nie erlebt hat.
    »Sie holt mich, Sean, sie holt mich ab.«
    »Hey, Opa, ich bin's Pat, dein Enkel. Sean ... also Dad ist doch mit Mum im Haus.«
    Der Großvater lächelt seinen Enkel an. Das Lächeln ist liebevoll aber abwesend.
    Patrick bemerkt nicht, wie er in sich zusammensackt und auch nicht wie sein Enkel ihn am Arm schüttelt. »Opa? Opa!«
    Mit großen Augen sieht der junge Pat, wie sich zwei Nebelgestalten vor der Bank umarmen. Es sind die Frau und jemand, der irgendwie seinem Opa ähnlich sieht, nur viel jünger.
    »Mach's gut, Pat. Hab' Dich lieb!«, hört er die Stimme seines Großvaters.
    »Hab Dich auch lieb, Opa ...« Er sieht die beiden Hand in Hand zum Elfentor gehen.
    Dann läuft er so schnell er kann zum Haus. »Mum! Daaaad!«
    Sean, der alarmiert heraus eilt, findet seinen Vater zusammengesunken auf der alten Ulmenbank, mit einem friedvollen Lächeln, den Blick ewig den Sternen zugewandt.

  • Eyowina
    von Thoran Wolfsfell


    Ich blickte in den Himmel und bestaunte die Anzahl an hellen Punkten, die sich über die Welt erstreckte. Es gab kleine, große, helle, dunkle Punkte, alles und sie waren so nah und doch so fern. Ich streckte langsam mit einem Zittern meine rechte Hand aus und griff in deren Richtung. Ich hatte kurz das Gefühl meine Finger würden über diese strahlenden Sterne streichen und ich konnte beinahe eine angenehme Wärme spüren, die sich in mir ausbreitete. Ich schnaufte zufrieden über dieses Erlebnis und dachte über einige Dinge nach, die meine Familie mir früher über die Gestirne beigebracht hatte.
    Mein Vater erzählte mir vor dem Schlafengehen immer eine Geschichte über einen Mann, der über die Menschen wachte wenn sie schliefen. Aber er konnte das nicht alleine tun, also holte er sich Hilfe von den Sternen und bereitete sie jeden Tag auf den Kampf vor. Der Anbruch der Nacht kündigte den Beginn der Schlacht an, die Dunkelheit kroch über das Land und der Mann mit den Sternen sendete sein Licht aus um die Schatten zu vertreiben. Die Schlacht war gewonnen, wenn das Antlitz der Sonne am Horizont auftauchte.
    Ich lächelte, als mir einfiel wie sehr meine Tochter diese Geschichte geliebt hatte. Sie sah die Sonne immer als ihren besten Freund an. Sie strahlte sogar wie die Sonne, ihr Lächeln war Balsam für die Seele. Ihre Haare waren die Strahlen, die die Sonne aussendete, so hell und schön waren sie. Früher war ich verärgert oder verwirrt, wenn ich bemerkte, dass sie sich wieder mal aus dem Haus geschlichen hatte um den Sonnenaufgang zu bewundern. Aber egal wie schlecht gelaunt ich dann war, jedes Mal fand ich mich neben ihr sitzend wieder. Sie fachte meine Lebensfreude aufs Neue an und deshalb liebte ich sie so sehr. Deswegen und weil sie eine unendliche Begeisterung mit sich brachte, gemischt mit Aufregung wenn sie mir etwas völlig fremdes zeigte oder erklärte. Ich dachte etwas wehmütig daran, wie ihre Mutter genauso war und diese Freude auf mich übertragen hatte. Sie war so wundervoll und perfekt, es schmerzte immer wieder, wenn ich mich an ihr Gesicht erinnerte, dass leblos im Schnee lag und wie sie trotz den Schmerzen mich angelächelt hat und mir zuflüsterte, wie sehr sie mich liebte und vermissen würde.
    Ich verdrängte diesen herzzerreißenden Gedanken und konzentrierte mich mehr auf das Jetzt. Ich wollte nicht in der Vergangenheit hängen bleiben, nicht mehr.
    Ich versuchte mir ein Lächeln aufzuzwingen, als mir die Erinnerung von erst kürzlich durch den Kopf schoss. Meine Tochter hatte mir etwas aus der Schule erzählt, das ihr ein Lehrer erklärt hatte. Sie war so aufgeregt gewesen und hatte mich richtig überrumpelt. Sie war über den Hof gerannt und hatte so ziemlich alles über den Haufen geworfen, das ich mühsam davor hingestellt hatte. Ich schnaubte belustigt, als mir einfiel, wie sie mit Dreck und Gras verschmiert war und mich laut bedrängte, dass sie etwas zu erzählen habe. Ich hatte gelacht und sie aufgehoben und gefragt, was denn so dringend sei. Und dann zeigte sie mir etwas ganz wundervolles, etwas auf das ich nicht mehr verzichten könnte.
    Sie lehrte mich die Kunst des Sternelesens, eine Kunst, die von der ich nie gehört hatte, aber mir inzwischen viel Trost gespendet hatte. Meine Tochter hatte mir einen Weg gezeigt um meine verstorbene Frau wiederzusehen. Ein Weg, der unglaublich kostbar ist, und ich war stolz, dass ihn mir meine Tochter gezeigt hatte.
    Sie hat gesagt, wir müssten warten bis es dunkel ist und dann würde sie mir Mama zeigen. Als ich das gehört habe, schlug mein Herz schneller und ich nahm sie an der Hand und umarmte sie dann. Am Abend saßen wir gemeinsam vor dem Haus und bestaunten die Schönheit der Sterne. Ich war ganz besonders angetan von einem bestimmten Stern, der Stern, der den Namen meiner Frau trug. Er war groß und leuchtete unglaublich hell. Ich konnte mich gut daran erinnern, wie mich die Gedanken damals überschwemmt haben und alte Geschichten wiederbelebt wurden.
    Ich seufzte traurig und senkte den Blick. Die Tannen vor mir bewegten sich im Wind und ich spürte, wie er auch mit meinen Haaren spielte. Er war eisig kalt und schnitt scharf durch meine Kleidung. Ich zitterte kurz und griff mir dann an den Hals, ich tastete langsam am Saum meines Wamses herum bis ich fand was ich suchte. Meine Finger umschlossen den kleinen Anhänger und beförderten ihn in meine Sicht. Ich betrachtete die kleine Figur, als würde ich sie das erste Mal sehen. Sie war inzwischen unkenntlicher geworden durch die Abnutzung, aber es war immer noch erkennbar was es darstellen sollte. Einen Mann, der ein kleines Mädchen im Arm hielt. Dieses Amulett war ein Geschenk meiner Frau gewesen und bis heute wundere ich mich woher sie es hatte. Es war ein Kunstwerk, ein Meisterwerk von Schmiedekunst. Ich drehte es so, dass ich den Boden sehen konnte. Es war der Name „Eyowina“ eingraviert, der Name unserer Tochter.
    Wieso habe ich sie allein gelassen? Das war unverantwortlich von mir gewesen, genauso wie das Schweigen, das ich ihr entgegengebracht hatte, als sie fragte wohin ich ging.
    Ich bin dem Ruf gefolgt, dem Ruf der Freiheit, des Abenteuers und des Reichtums. Nur eines hatte ich nicht vorausgesehen: Es war genauso der Ruf des Todes.
    Überall sah ich die Spuren des Krieges, sie zogen sich wie Narben durch das Land und die Leute litten Qualen unvorstellbaren Ausmaßes. Dies war nicht die Umgebung, die ich mir gewünscht hatte und es war auch nicht die Umgebung in der ich meine Tochter großziehen wollte. Etwas musste sich ändern, also bin ich gegangen.
    Mit wehenden Fahnen verlies ich mein Zuhause, aber meine Tochter wusste nichts davon. Sie würde nie erfahren was ihrem Vater zugestoßen ist.
    Ich biss die Zähne zusammen und zog scharf die Luft ein. Meine Hände umfassten den todbringenden Pfeilschaft und ich stöhnte auf.
    Ich hatte sie im Stich gelassen, ich hätte bei ihr bleiben sollen. Stattdessen liege ich hier im Dreck und hauche mein Leben in Blut und Matsch aus.
    „Das ist das Ende, ich werde dich vermissen.“, flüsterte ich und riss den Anhänger von meinem Hals. Ein letztes Mal betrachtete ich ihn, dann buddelte ich neben mir ein kleines Loch und versenkte die Figur darin. „Wir sehen uns wieder.“ Eine Träne ran mir die Wange runter und tropfte in den Schlamm. Ich hob den Kopf und sah in den Himmel.
    „Nimm unsere Seelen auf, lass uns deine Wächter sein.“, murmelte ich und griff nach den Sternen.

  • Ritual des Kometen
    von Kisa


    Hexen lebten schon seit Urzeiten unter den Menschen und den mysteriösen Wesen der Nacht und der Dunkelheit. Sie wandelten zwischen den Welten und versuchten ihr Land, Bracha, vor allen Eroberern zu beschützen. Allerdings mussten sie vor einer Dekade eine herbe Niederlage eingestehen.
    Die Drachen hatten sich ihr Land genommen und regierten es mit Feuer, Flammen und brutaler Gewalt. Sie waren auf die reichen Schätze aus gewesen, die in den geheimen Hallen der Wiccahexen lagerten.
    In einem verzweifelten Versuch Bracha zurückzuerobern, wendeten die Hexen gemeinsam all ihre Macht an, um die fliegenden Ungetüme aus ihrem Land zu vertreiben. Doch leider scheiterten sie kläglich.
    Die Wiccahexen verloren ihre komplette Macht und mussten lange warten, bis sie diese wieder erneuern und einen weiteren Versuch starten konnten, Bracha zurückzubekommen von ihren Feinden. Dafür mussten sie auf ein Naturereignis warten, welches nur selten zu sehen war.


    Die Nacht des Kometen erwachte im Glanz der hundert Kerzen, die in einem Kreis herum verteilt standen, mitten im Wald zum Leben. Sarah blickte sich zufrieden um, während die Gesichter ihrer Schwestern strahlten. Sie erwarteten alle sehnsüchtig das große Ereignis, welches nur alle zweihundert Jahre stattfand.
    Ein Komet würde innerhalb der nächsten Minuten an der Erde vorbei ziehen und sie, die Wiccahexen aus dem hohen Norden, machten sich dieses Naturereignis zu Nutze, um ihre naturverbundene Energie wieder aufzuladen. Denn bei dem letzten Zauber, den sie gewirkt hatten, war ihr ganzer Hexenzirkel ihrer Macht beraubt worden. Daher hatten sie seit fast einem Jahrzehnt keine Magie mehr wirken können.
    Deshalb war diese Zusammenkunft ihrer Schwestern etwas ganz Besonderes, was ebenso dazu beitrug, dass Sarah furchtbar nervös war und daran zweifelte, ob sie auch wirklich an alle Kleinigkeiten gedacht hatte, die für diesen Zauberspruch von Nöten waren.
    Während sich die anderen Wiccahexen im Kreis, entlang der Kerzen, aufstellten und sich bei den Händen fasten, um eine Verbindung zwischen den einzelnen Individuen herzustellen, überprüfte Sarah derweil noch einmal alle Zutaten für das Ritual und positionierte sich dann in der Mitte des Kerzenkreises.
    Da sie die Hohepriesterin dieses Zirkels war, trug sie die Verantwortung dafür, dass ihre Schwestern wieder zu ihrer Macht gelangten.
    Sarah begann die Zauberformel vor sich hin zusagen, während sie die Hände durch die Luft wirbeln ließ und damit alt hergebrachte Runen zeichnete, welche die Macht der Worte unterstützen sollten. Als sie den Weihrauch anzündete und durch die Luft kreisen ließ, hinter ließ er einen leichten Geruch, den man nur schlecht identifizieren konnte. Auch der Salbei entzündete sie an einer der Kerzenflammen, wirbelte sie ebenfalls in der Luft herum und hoffte inständig darauf, dass der Zauber funktionieren würde.
    Als der Komet direkt vor dem Vollmond vorbei zog und damit einen kleinen Schatten über Sarah und ihrem Wiccazirkel legte, geschah es. Sarah durchzuckte ein heftiger Schmerz, der ihr durch Mark und Bein ging. Sie warf einen schnellen Blick auf ihre Schwestern und stellte zufrieden fest, dass diese ebenfalls einen Ruck spürten, der ihnen ihre Magie wieder zurück gab
    „Es ist vollbracht“, verkündete sie ihren Schwestern. „Wir sind wieder mit der Erde und der Natur verbunden. Die nächste Zeit wird zeigen, ob jeder von euch seine alte Macht zurückbekommen hat.“
    Um Sarah wirbelten freudige Stimmen, die aufgeregter nicht sein konnten.
    „Wenn wir wieder zu unsere alten Macht zurückgefunden haben, werden wir uns zurückholen, was uns so schändlich genommen wurde“, skandierte Sarah weiter und wusste, dass sie ihre Schwestern in den Bann zog. Sie lauschten ihr alle gespannt und warteten auf weitere Anweisungen. „Wir werden die Drachen ihrer Magie berauben und unser Land zurückerobern!“


    Sie waren bereit. Ihrem Gegenschlag stand nichts mehr im Weg! Aber war Bracha wirklich das Land, welches sie unbedingt wieder zurück haben wollten? In den letzten zehn Jahren hatten sich die Wiccahexen des hohen Nordens sich an die kleineren Dörfer gewöhnt, in denen sie bei den Menschen oder auch bei den anderen Wesen der Nacht untergekommen waren. Es hatten sich Freundschaften gebildet, die weiter reichten, als man für möglich gehalten hätte.
    Das Wichtigste war für sie schon immer gewesen ihre magischen Kräfte wiederzubekommen. Aber dennoch blieb die Sehnsucht nach ihrer Heimat, die von den Drachen fast vollkommen zerstört worden war. Trotz der massiven Schäden an dem Land, wollten sie Bracha zurückhaben und begaben sich in einen Krieg mit den Drachen, der sich wieder über Jahre hinzog, aber letztendlich schafften es die Hexen ihr Land zurückzuerobern von den echsenartigen Geschöpfen.

  • Szenen einer Vision
    von Du Vandir


    *


    Großvater hustete schwer und zischend. Miriam wusste, dass es nun jede Sekunde sein könnte. Ihre Hand war eng mit der des alten Mannes verschlungen, die andere wurde zart von Klara, Miriams Mutter gehalten.
    Miriam sah auf den Boden. Gestern war ihr zwölfter Geburtstag gewesen … Und Großvater wäre bald nicht mehr da. Mutter hatte es ihr erklärt. Großvater wäre nicht mehr da … sie würde nicht mehr mit ihm reden können, und er würde ihr keine Geschichten mehr erzählen können, abends vor dem Kamin, in seinem Schaukelstuhl. Und seine Augen würden sie auch nicht mehr ansehen, und wissen, was sie besorgte, und mit ihr darüber reden, und nachher wieder lachen und scherzen und sich zusammen Geschichten ausdenken …
    Er hustete und hustete. Ein paar Speicheltropfen flogen auf das schmutzige Bettlaken.
    Dann war er ruhig. „Klara … Miriam … ich werde euch erwarten. Ich … ich freue mich schon …“ Seine Stimme war zittrig, heiser, schwach.
    Großvater würde sie erwarten? Wo denn? Er wäre doch dann nicht mehr da?
    Dann atmete er sanft aus, sein Kopf sackte zurück. Und im Bett lag ein alter, zufriedener, toter Mann. Miriam verstand es nicht. Eine Träne rollte ihre Wange herab.


    *


    Sein leises Lachen. Wie warm sich seine Haut anfühlte … der Bart kratzte, und es gefiel ihr. Emmas Herz klopfte noch immer so stark wie den ganzen Abend bisher. Und der ging schon lang. Die kühle Abendluft war Nebensache, alles, das zählte, war, dass sie sich vor ihm an die Wand lehnte und er sie wieder und wieder küsste.
    Aron hatte die Hand an ihre Wange gelegt. Sie war warm, sie war rau – sie war sanft. Sie küssten sich, wieder und wieder. Es war so schön. Emma fühlte die wohlige Wärme in ihrer Bauchgegend, und sie meinte, dass sich Glück so anfühlen musste.
    Sie stupste ihn sanft in den Bauch. „Warum lachst du? Ich habe vor dir halt noch niemanden geküsst!“
    Sie legten ihre Lippen aneinander. Bei der Berührung kribbelte Emmas Gesicht.
    „Ich lache nicht darüber, ich fühle mich gerade einfach so gut, und da lache ich eben gerne …“ Er lächelte sein sanftes, liebes, wunderschönes Lächeln. Dann beugte er sich wieder vor und gab ihr einen weiteren Kuss. Seine tiefe, männliche Stimme hallte in Emmas Kopf nach.
    Aron war einfach wundervoll … und die ganze Nacht lang würde er in Emma Herzklopfen und Wärme verursachen.


    *


    Jonas saß da, das Blut tropfte von seinem geschärften Messer.
    Selbstjustiz …
    Er hatte es geschafft. Seine heiß geliebt Ferda war gerächt worden und konnte endlich Ruhe finden …
    Er blickte in die starr aufgerissenen Augen des Mörders. Vor Jahren hatte er dieses Gesicht zum ersten Mal gesehen, und nun endlich – aber er freute sich nicht. Nicht einmal Genugtuung konnte er verspüren. Alles, was ihm durch den Kopf ging, waren die verzweifelten Schreie, die der Mann in den letzten Sekunden seines Lebens von sich gegeben hatte.
    Tu mir nichts … Es tut mir Leid … Ich habe mich geändert … Es tut mir Leid … Bitte … Bitte …
    Es hallte in seinem Kopf nach wie die Glocken der Gottesstädten. Unheilverkündend.
    Er hatte den Mann nicht gekannt, er war nur erfüllt von seiner Rache gewesen. Und jetzt? Was war Rache anderes als das Feuer eines Trauernden, das von dessen Persönlichkeit genährt wurde? Am Ende war alles leer – ausgebrannt. Verschlungen von dem Feuer namens Rache. Und Jonas kniete da, leer, traurig, hoffnungslos …
    Wie viele Leben wurden jeden Tag ausgelöscht? Wie viele davon unschuldig? Wie viele der Mörder bereuten es? Und gab es die Götter wirklich?
    Nichts war übrig von seiner Identität.
    Es war Zeit, es herauszufinden. Jonas war fast ein bisschen aufgeregt, die Götter kennen zu lernen, als er das Messer auf seine Brust richtete …


    *


    „Und über ihnen allen wachen die Sterne. Istalry, erhöre uns.“ Der Priester mit dem weißen Rauschebart hatte bei dem Gebet die Hände erhoben. Er öffnete die Augen – ein dünner Schweißfilm hatte sich auf seine Stirn gelegt.
    „Istalry, erhöre uns“, murmelten die Götterdienstbesucher. Es hallte wie ein dicker, schwerer Klangteppich.
    Für den Prieser war der Götterdienst für Istalry, die Göttin der Weissagung, immer anstrengend. Die Visionen verunsicherten und schockierten ihn jedes Mal. Die Menschheit war so grausam, liebevoll, verzweifelt, hoffnungsvoll … Er liebte sie alle, als wären sie seine Kinder. Er der Hirte, sie die Schafe. Und die Götter wachten über ihnen allen mit fürsorglichen und schenkenden Händen.
    „Bitte erhebt euch“, erbat er den Menschen vor ihm in den Bänken. Das Kleiderrascheln dauerte mehrere Augenblicke an.
    „Der Götterdienst ist nun vorbei. Mögen die Götter ihr ewiges Licht immer auf euch scheinen lassen, und möge Istalry euch Weisheit und Zuversicht schenken.“ Er hatte seine Arme bei dem Segen erhoben und lächelte. Es kam von Herzen.
    Und als sie sich alle umdrehten und die Gottesstädte verließen, wünschte er ihnen allen, dass sie nie erleben müssten, was er jeden Sonntag durchmachte.
    Menschen lebten, sie trauerten und liebten, und in vielen Leben gab es weniger Lichtblicke als die meisten dachten. Sie taten ihm Leid, obwohl er selbst ein Mensch war. Alles, was ihm blieb, war, Gutes zu tun und das Licht der Götter in der Welt scheinen zu lassen.


    *

  • Ladys and Gentleman :sekt:


    Der Votingzeitraum zum Schreibwettbewerb Februar/März 2015 ist gestern abgelaufen! Doch wer hätte es gedacht - es gibt mal wieder mehrere Gewinner/Gewinnerinnen. Um genau zu sein handelt es sich um 2 Sieger. So ein Ereignis konnten wir erst 1x in der Geschichte unseres Schreibwettbewerbs verzeichnen, nämlich im Oktober/November 2014. Wer die Gewinner sind erfahrt ihr jetzt!


    Hier die Auflösung:


    ...Gewonnen haben mit jeweils 6 von insgesamt 17 Stimmen... *trommelwirbel* :mamba2:



    Herzlichen Glückwunsch! Ihr könnt nun das Thema für den nächsten Wettbewerb vorgeben und wurdet in die Rangliste eingetragen. Ausserdem bekommt ihr für einen Monat 3 goldene Sterne und einen eigenen Benutzertitel. ;)


    Ein herzliches Dankeschön auch an alle anderen Teilnehmer! Wir hoffen, dass ihr beim nächsten Schreibwettbewerb auch wieder fleissig mitmacht und so zahlreich abstimmt. Wir sind schon sehr auf das neue Thema gespannt, das unsere aktuellen Gewinner hoffentlich schon bald vorgeben werden. 8)


    Übrigens könnt ihr nun auch nachschauen, wer die Autoren sind. Diese wurden den Geschichten beigefügt.


    Das war der Schreibwettbewerb Februar/März 2015. Vergesst nicht, euer Feedback zu den Geschichten zu hinterlassen! ;)


    Euer Fantasy-Geschichten-Forum

  • Dr. Strangelove: & Tom Stark: Herzlichen Glückwunsch zum verdienten Sieg euch beiden :sekt:

  • Herzlichen Glückwunsch euch beiden, habt ihr euch verdient :sekt:


    Ich hab es leider verpasst, rechtzeitig abzustimmen :doofy:

    Keen to the scent, the hunt is my muse
    A means to an end this path that I choose
    Lost and aloof are the loves of my past

    WAKE THE WHITE WOLF, remembrance at last


    Chaos hat gesagt, dass ich "süß und flauschig" bin :love:

  • Ich habs mal leider wieder verpasst, die Geschichten zu lesen und daher abzustimmen. Die Gewinnerstories werde ich mir aber zu Ostern zu Gmüte führen. Kongratulation an beide Gewinner! Bin schon auf euer gemeinsames Thema gespannt.

  • Danke erstmal für die lieben Glückwünsche!
    Hat mich sehr gefreut, dass meine kleine Geschichte bei euch so positiven Anklang gefunden hat ^^
    Auch ein ganz großes Lob an alle anderen fleißigen Mitschreiber, ich fand da waren diesmal wirklich sehr sehr viele gute Geschichten dabei :thumbsup:


    Ansonsten hoffe ich mal, dass ihr mit dem neuen Thema zufrieden sein werdet ;)


    Liebe Grüße!
    Dr. Strange

    Aus einer großen Gesellschaft heraus
    ging einst ein stiller Gelehrter nach Haus.
    Man fragte: "Wie sind sie zufrieden gewesen?"
    "Wärens Bücher", sagte er, "ich würd' sie nicht lesen."


    Johann Wolfgang von Goethe