Der Sinn des Lebens

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    • Hi RenLi,

      habe mir Post 66 angesehen. Wirklich seeeehhhhr interessant :) Das würde ja bedeuten, dass es zum einen Richards und Edwins Vater war, der direkt am Anfang in dem Prolog gefangen genommen wird....keine Ahnung, ob das vorher schon mal so deutlich von dir erwähnt wurde....( vielleicht hatte ich es auch einfach wieder vergessen) und, dass Benjamin Rinstein als Gelehrter von diesem Markus höchstwahrscheinlich auch Vater Samuel kannte.... :hmm: , weil der doch auch ein Anhänger von diesem Markus war, richtig? (oder habe ich das falsch abgespeichert? Es ist wirklich blöd, dass immer so viel Zeit zwischen den Abschnitten liegt...eigentlich müsste man wirklich alles an einem Stück lesen, um richtig reinzukommen)
      Aber wie dem auch sei, so langsam kommt Licht ins Dunkel. Ich weiß im Moment nur noch nicht so genau, ob ich mich darüber wundern soll, dass Edwin so vertrauensselig mit den beiden Männern spricht, die er ja eigentlich gar nicht kennt. Aber das schlummert wahrscheinlich tief in ihm...quasi sowas wie ein Urvertrauen....und mir kam noch ein anderer Gedanke: Könnte es vielleicht sein, dass diese Elvira die Mutter von Edwin und Rchard ist???? kam mir nur so in den Sinn, weil sie Ben offensichtlich ziemich nah gestanden hat...

      Hier sind noch ein paar Kleinigkeiten, die ich beim Lesen gefunden habe:

      Spoiler anzeigen

      RenLi schrieb:

      „Sie sind da drüber und schlafen“, antwortete der Mann
      drüben

      RenLi schrieb:

      Gilberts Mine verdüsterte sich. „Markus hat uns eindrücklich gewarnt, ihn...
      Miene

      RenLi schrieb:

      „Sie ist ein elender Sturkopf.“
      Hier war ich kurz irritiert und fragte mich, wer mit dem "sie" gemeint ist. Es sind doch noch zwei Männer und ein Junge anwesend, oder irre ich mich da? Stehe ich wieder auf dem Schlauch?



      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Hi Rainbow

      :D da hast du dir ein paar spannende Gedanken gemacht! Im Prolog wird wirklich der Vater von dem mysteriösen Typen entführt. Man weiss also, dass er zu diesem Zeitpunkt tatsächlich noch am Leben war :)
      Ich glaube nicht, dass Samuel und Ben sich gekannt haben. Samuel ist etwas jünger als Ben und war damals Schüler von David und hat die meiste Zeit im Ducatus mit Lernen verbracht. Dass Ben und David sich jedoch kannten, halte ich für wahrscheinlich :P ich muss bei solchen Dingen auch immer wieder mal auf Entdeckungsreise gehen. Ben war ein Anhänger Markus', Samuel jedoch nicht.
      Das stimmt, Edwin hat dieses Urvertrauen und eine Unbekümmertheit, die so manchem Burn-out-Menschen wohl guttun könnte. Er wundert sich ja auch nicht gross darüber, dass er in Flammen aufgegangen ist und er hat viel weniger Probleme mit der ganzen Situation als Richard, der sich in sein Selbstmitleidiges-Loch verzieht. Ausserdem hat Edwin eine Verbindung zu Gilbert, die ihm noch gar nicht bewusst ist.
      Dass Elvira die Mutter von den zwei Brüdern ist, finde ich eine underbare Vermutung. Zumindest die Mutter von Richard könnte sie theoretisch sein, denn Edwins Mutter ist bei dessen Geburt gestorben (steht irgendwo, Richard erinnert sich auch noch wage daran). Du wirst sehen, dass sie nicht die leibliche Mutter der beiden ist, aber dass an deiner Vermutung schon was dran ist ^^
      Und zu deiner letzten Bemerkung: du stehst überhaupt nicht auf dem Schlauch. Nur sprechen die beiden gerade von einer Frau, die nicht anwesend ist. Edwin denkt ja dann auch, dass er das nicht kapiert hat, du bist also nicht die einzige. (Spoiler: sie sprechen von Elvira).

      So, nun bin ich mir nicht sicher, wie schnell ich den nächsten Abschnitt posten soll. Rainbow scheint ja gut mitzukommen, aber den Rest scheine ich etwas abgehängt zu haben. War auch frech von mir, einfach so mal den Protagonisten zu wechseln und von euch zu verlange, dass ihr den ganzen Anfang nochmal lest. Entschuldigung dafür! Nur irgendwann muss ich die zwei anderen Jungs wieder reinbringen...
      Also, ich wag es einfach mal und stelle Edwins nächsten Abschnitt rein!

      Der Sinn des Lebens
      Post 73, Edwin, der Duft des Waldes
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      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

    • Hey,

      habe den neu eingefügten Abschnitt gelesen. Wenn ich dich richtig verstanden habe, war es nur der erste Teil, der Neuerungen enthielt. Also Edwin, der Duft des Waldes.

      Gut, also Edwin schließt sich Gilbert an und landet insofern nicht im Waisenhaus. Wie überaus ungünstig. Wäre er mitgegangen, dann wäre er Richard zwangsläufig begegnet oder irre ich mich? War es nicht so, dass Richard auch irgendwann in diesem Waisenhaus landet??? Oder war das ein anderes???Aaaaahhhh....ich hasse es, wenn ich mich nicht erinnern kann, weil alles irgendwie konfus durcheinanderläuft :) Oder war das eine Art Gefängnis, wo Richard festgehalten wurde und Elvira kam nur gelegentlich vorbei und hat Kinder da rausgeholt.? Oder war das eine andere Frau???Hilf mir mal auf die Sprünge....hätte ich deine Geschichte jetzt in Buchformat, dann bräuchte ich nur noch mal ein bisschen blättern, aber hier gestaltet sich das ein wenig schwierig.

      Ansonsten finde ich den neuen Teil aufschlussreich und ich habe sonst nichts zu beanstanden...ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich dein Buch in Händen halten und alles von vorne bis hinten an einem Stück durchlesen kann. Ich weiß schon jetzt, dass es in meinem Regal einen Ehrenplatz bekommen wird :)

      Viele Grüße,
      Rainbow
    • :) Höi Rainbow

      Das wird echt en viel grösseres Buch, als ich gedacht hatte. Es gibt so vieles, was ich noch schreiben will, ständig denke ich, ich bin ja noch immer am Anfang ^^ Dass es drei Hauptpersonen gibt, macht die Geschichte ewig lange.
      Jakob war im Waisenhaus, Richard war im Gefängnis. Da hat er Elvira Kornell getroffen. Sie ist vorbeigekommen, um eines der Kinder freizukaufen. Sie hat sich aber dann für Sebastian entschieden, er ist seither nicht mehr vorgekommen.
      Durch Edwin wird in den nächsten Posts Richards Geschichte teilweise wieder aufgearbeitet, vielleicht macht es das dann einfacher, das Ganze zu vereinen. Während Richard 'blind' für seinen Bruder durch die Gegend rennt, ist Edwin sehr eng mit Richard verbunden.
      Bitte halte durch, ich schreib auch gern noch eine Zusammenfassung, wenn das helfen sollte. Oder ich schicke allen die wollen, mein Manuskript bis zu dem Teil, den ich schon ins Forum reingestellt habe.

      Lg, RenLi

      P.S. an alle, die schon länger dabei sind: habe im ersten Post unterhalb des Prologs einen Spoiler angehängt. Dort schreib ich eine chronologische Zusammenfassung mit den wichtigsten Eckpunkten, die ich fortlaufend erneuern und ergänzen werde @Rainbow @Windweber @Aztiluth @Genesis @Sensenbach @Tnodm0309
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    • Hallo zusammen

      Von nun an geht es hier weiter mit Edwin. Ein Jahr ist vergangen seit seinem Letzten Post hier im Forum (er hatte wohl keine Zeit zum Schreiben, ist einfach ein Jahr lang untergetaucht ^^ ) Ein kurzes Kapitel, das nächste wird dann etwas länger...


      Edwin, auf der Jagd (565 n. Rh.)
      Edwin verschmolz mit den Schatten der Bäume. Unglaublich langsam und für menschliche Ohren kaum hörbar, bewegte er sich vorwärts. Er trug nur einen einzigen Pfeil bei sich, denn eine zweite Chance würde es ohnehin nicht geben. Die Augen hielt er geschlossen. Seit er mit Gilbert durch die Wälder streifte, hatte er zunehmend gelernt, auf seine anderen Sinne zu vertrauen. Die Augen betrachtete er als trügerisch, lieber verließ er sich auf seine innere Sicht. Sanft verlagerte er sein Gewicht auf den rechten Fuß. Leicht sank er ein in die weiche Erde, unter sich nahm er die Präsenz unzähliger, winziger Lebewesen wahr. Unglaublich, wie viel Leben dem Blick verwehrt blieb. Auch in und an den Stämmen um ihn herrschte ein geschäftiges Treiben. Ameisen bildeten ihre Straßen, Termiten fraßen sich durch das Holz, Vögel nisteten in den Ästen und in Baumhöhlen, Raupen schliefen in ihren Kokons, davon träumend als geflügelte, neue Wesen die Welt zu entdecken. Und etwas weiter weg ein schnelles Trommeln. Regelmäßig und kräftig klang der Herzschlag des Kaninchens, das durch das Unterholz schlüpfte, auf der Suche nach Nahrung. Noch wusste es nicht, dass es verfolgt wurde.
      Schritt um Schritt schlich Edwin näher, den Pfeil bereits auf der Sehne seines Bogens. Entspannt, aber wachsam, ermahnte er sich. Die Tiere riechen es, wenn du zu aufgeregt bist, echote Gilberts Stimme in seinem Kopf. Das Kaninchen zupfte an ein paar Blättern, hoppelte weiter, in Edwins Richtung. Wahrscheinlich hätte er es nun selbst mit seinen menschlichen Augen sehen können, doch diese brauchte er nicht. Edwin verharrte, spannte die Sehne. Ein Pfeil. Ein Versuch. Ein Treffer. Er zog auf, bis zur Wange, atmete aus, zielte, die Hand ruhig. Der Wald schien den Atem anzuhalten, während er auf den richtigen Augenblick wartete, als auf einmal eine Welle aus Schmerz ihn überflutete. Edwin sog scharf Luft ein, der Pfeil entglitt seinen Fingern. Er verfolgte, wie er durch die Luft schnitt, ein Blatt streifte und sich haarscharf neben dem Kaninchen ins Erdreich bohrte. Erschrocken suchte seine Beute das Weite, während Edwin von einer neuen Welle des Schmerzes geschüttelt wurde. Die Verzweiflung, die Einsamkeit, die ihn gepackt hatten, brannten in seinem Herzen. Richard musste schrecklich leiden. Was ihm wohl passiert sein mochte? Es war nicht das erste Mal, dass er die Gefühle seines Bruders teilte, doch meistens war die Verbindung zu ihm sehr schwach und er nahm ihn nur als eine kaum spürbare Präsenz tief in seinem Innern wahr. Doch gelegentlich, wenn Edwin sehr still und in sich gekehrt war oder wenn Richard stark litt, dann konnten ihn die plötzlich aufwallenden Gefühle mit unerwarteter Heftigkeit überschwemmen, wie gerade eben. Richard, du bist nicht allein, flüsterte er in Gedanken. Ich bin hier und ich werde dich finden. Ich werde dir und allen Menschen helfen. Er sandte beruhigende Gedanken zu seinem Bruder, bis der Schmerz langsam abklang. Erst dann machte er sich daran, seinen Pfeil zurückzuholen.
      Wie lange ist es nun her, dass wir am Sumpf waren?, fragte sich Edwin. Ein Jahr? Gilbert hatte ihn zurückgeführt, zu der Hütte, in der er mit seiner Familie gewohnt hatte. Doch Richard war nicht dort gewesen. Sie hatten sogar den Sumpf überquert und hatten in der anderen Unterkunft nachgesehen, vergebens. Seine einzige Spur hatte sich als Sackgasse herausgestellt. Danach hatten sie sich auf die Suche nach den Menschenhändlern gemacht, doch auch damit waren sie nicht weitergekommen. Nicht einmal das Verhör der gefangenen Banditen hatte ihnen weitergeholfen.
      Edwin straffte die Schultern und zog den Pfeil aus dem Boden. Er musste sich auf die Jagd konzentrieren und sich ein neues Kaninchen oder vielleicht ein Rebhuhn suchen, das er schießen konnte. Inzwischen hatte Edwin sich damit abgefunden, Fleisch zu essen. Er achtete aber trotzdem stets darauf, sich so viel wie möglich aus dem Wald direkt zu ernähren. Dabei kam ihm das Wissen aus seiner Kindheit zugute. Von seinem Onkel hatte er gelernt, welche Wurzeln, Beeren, Pilze und Blätter essbar waren, doch leider war es unmöglich, davon satt zu werden. In diesem Punkt hatte Gilbert Recht gehabt.
      Edwin breitete sein Bewusstsein aus. Es fühlte sich an, als würden sich die festen Grenzen seines Körpers ausfransen, weich werden und wie warmer Dunst zerfließen. Sein Gehör schärfte sich, nahm Geräusche aus großer Entfernung wahr. Der ganze Wald schien zu singen. Das Krabbeln von tausenden von Beinen, das Schaben von unzähligen Mäulern an Holz, sowie das Kriechen von Leibern über die Erde reihten sich harmonisch ein in die Balzgesänge der Vögel in den Baumwipfeln. Und nicht nur hören konnte er sie. Es fühlet sich so an, als wäre der ganze Wald mit all seinen Bewohnern in Edwins Körper hinein gewandert und das Echo ihrer Stimmen ließ seine Brust vibrieren. Gerade so, als wäre er der Raum, in welchem die Klänge ihren Wiederhall finden konnten. Ein wunderbares Glücksgefühl durchströmte Edwin. Wenn doch Richard das fühlen könnte, dachte er. So gerne würde ich es ihm zeigen!
      Er stand da, breitete sich weiter aus und genoss das Gefühl von grenzenloser Freiheit. Dann begab er sich auf die Suche nach geeignetem Wild und seinen Spuren. An einer Stelle fielen ihm die abgeknabberten Äste einiger junger Bäume auf. Vor kurzem musste hier mindestens ein Reh vorbeigekommen sein. Diese Tiere neigten dazu, sich über die frischen Triebe herzumachen, die im Frühling an den Bäumen sprossen. Edwin versuchte, die Distanz der Spur zu seinem Körper abzuschätzen, doch es gelang ihm nicht, seinen Körper genau zu lokalisieren. Wenn er sich im Zustand der Weite befand, wie er es nannte, dann wusste er manchmal nicht mehr genau, wo sein Zentrum war. Er musste seinen Geist wieder etwas zurückziehen, um seine menschliche Hülle wiederzufinden. Langsam kehrte das Gefühl seiner Glieder zurück, seiner Füße auf dem Waldboden und dem Bogen in seinen Händen. Er war noch da, sein Körper stand noch immer aufrecht, er hatte sich keinen Millimeter weit bewegt. Nun da er wieder in Verbindung mit seinem Körper stand, konnte er die Entfernung besser abschätzen. Es war näher, als er gedacht hatte und die Fraßspuren schienen frisch zu sein. Ein Reh zu erlegen, wäre ein richtiger Glücksfall.
      Edwin kehrte vollständig in seinen Körper zurück und machte sich in die Richtung auf, in der er die abgefressenen Äste entdeckt hatte. Als es zu nieseln begann, reihte sich der Klang der auf das Blätterdach auftreffenden Wassertröpfchen in den Chor von Stimmen ein. Es gibt keinen schöneren Ort auf dieser Erde, dachte Edwin beglückt. Nach kurzem Suchen fand er die Spur, welche das Reh hinterlassen hatte. Hin und wieder entdeckte er auch die Abdrücke seiner Beute an Stellen, wo der Boden weich war. Es konnte nicht weit entfernt sein. Wieder sandte er seinen Geist aus, doch diesmal achtete er darauf, das Bewusstsein für seinen Körper nicht zu verlieren. Es konnte gefährlich sein, seinen Körper schutzlos zurückzulassen. Aus dem Pochen unzähliger Herzen heraus erkannte er einen Rhythmus, der ihm beinahe schon so vertraut war wie der eigene. Gilbert. Der Jäger lag nicht weit von ihm auf der Lauer. Und das Reh befand sich nur ein Stück über ihnen auf einer leichten Erhöhung. Edwin schlich um das Tier herum, das zufrieden kaute. Kein Wind wehte, sein Geruch würde ihn nicht verraten. Als er hinter dem Reh zu stehen kam, nahm er einen Stein vom Boden auf. Er prüfte noch einmal Gilberts Position, dann warf er den Stein in Richtung der Beute. Das Reh schreckte auf. Edwin fühlte seine Aufregung, fühlte wie sich seine Sinne schärften, bereit zur Flucht. Doch es regte sich nicht. Edwin öffnete die Augen. Ein Regentropf, der es durch das Blattwerk geschafft hatte, fiel auf seine Stirn und rann an seiner Nase herunter. Das Reh blickte ihn mit seinen dunklen, großen Augen direkt an. Ein paar Sekunden verharrten sie reglos, dann sprang es davon und verschwand aus seinem Sichtfeld. In diesem Moment wünschte er dem Reh, dass es entkommen möge. Einem so anmutigen Tier wünschte er gewiss nicht den Tod, auch wenn das für Gilbert und ihn einen Festtag bedeuten würde. Edwin verharrte lauschend. Ein sirrender Laut drang an sein Ohr, Gilberts Pfeil. Edwin konnte beinahe spüren, wie er dem Tier zwischen die Rippen drang, direkt ins Herz. Ein perfekter Treffer. Es dauerte nicht lange, bis es tot war.
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      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Es ist toll, wie detaiiert du hier beschreibst. So kann man im Kopfkino fast Anteil daran haben, wie Edwin magisch die Welt wahrnimmt. Was mich nur irritiert ist, dass er Richards gewaltigen Schmerz wahrnimmt, ihn kurz beruhigt, dann aber keinen Gedanken mehr an ihn verschwendet, erstmal in aller Ruhe "das Gefühl von Freiheit genießt" und sich wieder auf die Jagd macht, als wäre der Pfeil einfach durch eine Windböe von Ziel abgetrieben worden... Sollte er sich nicht weiter sorgen? Er weiß ja nicht, was mit Richard los ist, nur, dass es ihm sehr schlecht geht... :/ Nur gut, dass er den Entschluss fasst, ihn zu suchen. Wer weiß? Vielleicht sind sie bald wieder vereint?
      Lasse nie zu, dass du jemandem begegnest, der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher ist.
      -Mutter Teresa
    • Hey RenLi,

      der Abschnitt ist wirklich super schön geschrieben. Du schaffst es, diese magische Atmosphäre einzufangen und den Leser daran teilhaben zu lassen. Ich bin total begeistert. @Windwebers Einwand finde ich allerdings berechtigt, obwohl es mir selber beim Lesen gar nicht so extrem aufgefallen ist. Wahrscheinlich, weil ich so hin und weg war von deinen Beschreibungen :rofl:
      Was mir nur zu Denken gegeben hat, ist das Ende. Edwin schmeißt den Stein, um das Reh aufzuscheuchen. Er weiß, dass Gilbert ebenfalls auf der Lauer liegt... ich frage mich jetzt also: Warum schmeißt er den Stein? Will er das Reh tatsächlich vertreiben, weil es ihm insgeheim Leid tut? Einen kurzen Moment hofft er ja noch, dass es entkommen kann... :hmm:

      Auch, wenn es total blöd ist, überhaupt irgendetwas an deinem Text zu bemängeln, weil er ganz einfach super ist (sagte ich das bereits?), habe ich noch ein paar Kleinigkeiten gefunden, die ich dir in den Spoiler packe:

      Spoiler anzeigen

      RenLi schrieb:

      als auf einmal eine Welle aus Schmerz ihn überflutete
      ich würde den Satz umstellen: "..als ihn auf einmal eine Welle aus Schmerz überflutete...


      RenLi schrieb:

      Er achtete aber trotzdem stets darauf, sich so viel wie möglich aus dem Wald direkt zu ernähren.
      Ich kann mir nicht helfen, aber die Formulierung finde ich etwas unglücklich. Vielleicht :".....sich von dem zu ernähren, was der Wald ihm bot..." (0der so?)


      RenLi schrieb:

      in welchem die Klänge ihren Wiederhall finden konnten.
      Widerhall

      RenLi schrieb:

      Vor kurzem musste hier mindestens ein Reh
      Vom Duden empfohlene Schreibweise "Vor Kurzem" (alternativ geht aber auch "vor kurzem")


      RenLi schrieb:

      Er war noch da, sein Körper stand noch immer aufrecht, er hatte sich keinen Millimeter weit bewegt. Nun da er wieder in Verbindung mit seinem Körper stand, konnte er die Entfernung besser abschätzen.
      In diesem Abschnitt verwendest du einige Male das Wort "Körper". Hier könntest du zumindest das erste Körper weglassen und einfach schreiben:"Er war noch da, stand noch immer aufrecht und hatte sich keinen Millimeter bewegt...." (nur so ne Idee)


      RenLi schrieb:

      Als er hinter dem Reh zu stehen kam,
      heißt das nicht vielleicht "... zum Stehen kam...." (?)


      RenLi schrieb:

      Ein Regentropf, der es durch das Blattwerk geschafft hatte, fiel auf seine Stirn und rann an s
      Regentropfen



      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Hallo zusammen

      Bin froh, dass es euch gefällt. Anfangs hatte ich ziemliche Schwierigkeiten von Richard zu Edwin zu wechseln. Die zwei sind doch unterschiedlicher als ich dachte.
      Richard und Schmerz: Da muss ich euch recht geben. Edwin steckt das schon ziemlich locker weg. Die Stelle werd ich noch etwas ausbauen. Er ist zwar ein ohne-Sorgen-Typ, aber manchmal übertreib ich's ein wenig.
      Das mit dem Reh: er hat Gilbert lockalisiert und weiss, dass das Reh zwischen ihnen beiden steht. Also wirft er den Stein, um es in Gilberts Richtung zu scheuchen. Was hier ein Problem ist: warum erschiesst er es nicht gleich selbst? Dafür brauch ich noch eine Erklärung. Evtl traut er sich das nicht zu, er hat Mitleid oder es steht ungünstig, sein Bogen ist nicht stark genug für ein solches Ziel (find ich am plausibelsten) oder so. Da muss ich noch ein oder zwei Sätze dazu einbauen.
      Danke für die Formulierung beim aus-dem-Wald-ernähren. Da wusste ich einfach nicht, wie ich es besser schreiben soll, deine Version gefällt mir!


      Vielen Dank!!!

      Und liebe Grüsse
      RenLi
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      Rumi
    • RenLi schrieb:

      Also wirft er den Stein, um es in Gilberts Richtung zu scheuchen. Was hier ein Problem ist: warum erschiesst er es nicht gleich selbst?
      Also mein erster Gedanke war, dass er keine freie Schussbahn hat. Bäume oder Felsen im Weg. Wenn er um das Reh etwas herumgeht, geht er das Risiko ein, dass es ihn wittert, weil er sich in den Wind bewegt. Zudem auch, dass er Geräusche macht, die es in die falsche Richtung treiben. Besser, es geht auf den Jagdgefährten zu.Vielleicht sieht er das Reh ja nichtmal direkt, sondern nur mit dem magischen Auge? Das Wild auf den Jagdgefährten zutreiben ist ja eine klassische Technik, die dann schon Sinn macht. ^^
      Lasse nie zu, dass du jemandem begegnest, der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher ist.
      -Mutter Teresa
    • Windweber sei Dank! :D das lass ich noch einfliessen.

      So, ich bin jetzt mal so frech und stell hier grad den nächsten Teil rein:


      Edwin, das Mädchen und der Hund (565 n. Rh.)
      Inzwischen regnete es in Strömen. Gilbert trug das tote Reh auf den Schultern, Edwin ging neben ihm. Nun waren sie auf dem Weg zur nächsten Siedlung, um das Tier zu verkaufen. Selbst im Tod besaß es noch eine skurrile Anmut. Die Augen starrten glasig ins Leere. Früher hatte ihn dieser Anblick erschreckt, nun gehörte für Edwin der Tod ebenso zum Leben wie alles andere. „Können Menschen leben ohne den Tod?“, fragte Edwin mehr sich selbst. Er erwartete nicht, dass Gilbert ihm antwortete, denn der befand sich in einer düsteren Stimmung. Edwin hatte längst gelernt, ihn in Ruhe zu lassen, wenn er so aufgelegt war. Eigentlich gab er zwei Gilberts. Den dunklen und den hellen Gilbert, das hatte Edwin inzwischen erkannt. Der dunkle Gilbert beachtete Edwin kaum, er redete selten, war in sich gekehrt und traurig oder auch mürrisch. Manchmal war er sehr übellaunig. Dann fluchte er, schimpfte über die Welt und besonders über die Menschen. Der dunkle Gilbert konnte Menschen nicht ausstehen. Er hasste und verachtete sie. Nur Edwin duldete er, jedenfalls meistens. Er gab den Menschen die Schuld an jedem Übel dieser Welt. Der helle Gilbert war anders. Zwar mochte er Menschen nicht besonders, aber vor allem liebte er die Natur, den Wald und das Leben. Er war von weniger Schmerz erfüllt und konnte manchmal auch lachen. Ihn mochte Edwin lieber, aber er hatte gelernt, mit beiden zu leben.
      Edwin ging neben dem dunklen Gilbert her. Wahrscheinlich hatte ihn der Gedanke an die Siedlung verstimmt. Edwin verschloss sich vor den Wellen von Unbehagen, Verachtung und übelkeitserregendem Zorn, die von Gilbert ausgingen. Er hatte schon oft versucht, Gilbert von seinem Schmerz zu befreien, doch der Mann hatte sich verzweifelt dagegen gewehrt. Er wollte seinen Groll nicht loslassen. Gilbert war nicht wie die Kinder, deren Angst er einfach hatte fortatmen können. Sein Schmerz reichte tiefer, war alt und festgesessen, als wäre er mit Gilbert verwachsen. Vor allem der dunkle Gilbert klammerte sich an seine Wut und seinen Unmut, als hinge sein Leben davon ab. Obwohl sie ihn unglücklich machten.
      Edwin schaute zum Himmel hinauf. Er hatte sich so sehr an Faits dunkle Silhouette am Himmel gewöhnt, dass dieser Anblick ihm nun fehlte. Der Habicht war ein treuer Begleiter und mit seinen unglaublich scharfen Augen und Krallen eine unschätzbare Hilfe beim Beutefang. Nun jedoch war er mit einer Nachricht nach Caput unterwegs. Er musste schmunzeln bei dem Gedanken, dass er anfangs noch geglaubt hatte, der lederne Handschuh trage den Namen Fait. Inzwischen hatte er oft genug gesehen, wie Gilbert den Habicht mit Hilfe des Handschuhs zu sich rief und der Vogel zielsicher darauf landete.
      „Ohne den Tod herrscht der Wahnsinn“, sagte Gilbert unvermittelt.
      Überrascht schaute Edwin zu ihm hoch. Er hatte wirklich keine Antwort erwartet. Und diese verwirrte ihn. Er selbst hatte darüber nachgedacht, ob man leben konnte, ohne jemanden oder etwas anderes zu töten. Doch Gilbert schien seine Frage völlig anders interpretiert zu haben. Wie sieht ein Leben ohne Tod aus? Ein ewiges Leben? „Wenn es keinen Tod gibt, dann besteht alles für immer fort. Solange es also Geburt gibt, wird es immer neues Leben geben und somit immer mehr Tiere, Menschen und Pflanzen.“ Edwin stellte sich vor, wie sich Berge von Lebewesen auf der Erde zu türmen begannen. Das wäre wirklich nicht schön, dachte er. Und was würde passieren, wenn man ein Tier isst, ohne dass es sterben kann? Eine schreckliche Vorstellung.
      Edwin sah die ersten Häuser in der Ferne auftauchen. Er freute sich, Gilberts Stimmung verdüsterte sich zunehmend. Das Wasser drang bereits durch Edwins Umhang. Wie schön wäre es jetzt in einer warmen Schenke Unterschlupf zu finden. Aber er bezweifelte, dass Gilbert damit einverstanden wäre, in einem Gasthaus einzukehren.
      Es dämmerte bereits. Als sie die ersten Häuser erreichten, begann sich eine Gestalt zu regen, die in einem Hauseingang kauerte. Ein Bettler. Gilbert beachtete den Mann nicht, der eine Hand nach ihnen ausstreckte. Ein Finger fehlte und üble Beulen und eiternde Geschwüre bedeckten die Haut des Mannes. Von seinem Anblick erschreckt, rückte Edwin etwas näher an Gilberts Seite. Doch er konnte seinen Blick nicht von der armen Gestalt abwenden.
      „Bitte, Herr“, flehte der Kranke. Durch das Sprechen entblößten sich eine Reihe fauliger Zähne. Edwins Abscheu verwandelte sich jäh in Mitleid. Was mochte diesem armen Mann geschehen sein, dass er so enden musste? „Junger Herr!“ Der Bettler kam schwankend auf die Füße. Gilbert beschleunigte seine Schritte, doch Edwin war stehen geblieben. „Komm, wir haben keine Zeit“, rief Gilbert barsch.
      „Können wir nicht…?“, begann Edwin. Was, ja was denn? Der Mann kam auf ihn zu und streckte die Hände nach ihm aus. Ekel befiel Edwin, als die schmutzigen, mit Geschwüren übersäten Hände nach ihm langten. Ich kann ihm nicht helfen.
      „Etwas zu Essen, bitte. Es ist schon viel zu lange her, dass ich etwas gegessen habe“, klagte der Bettler. Er krallte sich an Edwins nassem Mantel fest, sein stinkender Atem schlug dem Jungen ins Gesicht. „Ich habe nichts“, stammelte Edwin.
      „Hat nichts, hat nichts!“ Aus dem Flehen wurde ein Schimpfen. „Einem Alten nichts geben wollen!“, jaulte der Bettler und zog Edwin näher zu sich. „Will er mich verhungern lassen?“
      Auch wenn ich ihm etwas zu Essen gebe, wird ihm das nicht wirklich helfen, dachte Edwin verzweifelt. Er braucht viel mehr als nur Essen.
      So viel Leid und Groll sprach aus den Augen dieses Mannes. Wahnsinn. Flehen. Hoffnungslosigkeit. Abstumpfung. „Lässt mich verhungern!“, schrie der Bettler und schüttelte Edwin grob.
      „Genug!“ Gilberts barsche Stimme ließ den Mann aufblicken, doch er ließ nicht von Edwin ab. Erst als Gilbert den Kranken am Arm packte, ließ er los. Erleichterung und Reue durchfluteten Edwin. „Nimm die Keule“, sagte Gilbert und warf dem Mann ein Bein des Rehes vor die Füße.
      „Nur eine Keule“, keifte der Alte. „Er hat ein ganzes Tier!“ Geifer lief ihm übers Kinn.
      „Scher dich weg“, sagte Gilbert und entblößte warnend das Schwert, welches er unter seinem Umhang verborgen trug.
      „Er wird es nicht wagen“, fluchte der Bettler und kratzte sich über den beinahe haarlosen Kopf, wodurch eine Beule aufplatze. Eiter lief ihm ins Gesicht. Edwin wandte sich ab, ihm drehte sich der Magen um. „Komm.“ Eine Hand packte ihn am Nacken und stieß ihn vorwärts. Edwin ließ sich von Gilbert weiterbugsieren, verfolgt von den wüsten Verwünschungen des Bettlers.
      „Können wir nichts für ihn tun?“, fragte Edwin unglücklich.
      „Von dem Fleisch kann er ein paar Tage leben. Das ist mehr als er erhoffen konnte“, erwiderte Gilbert schroff.
      „Aber es hilft ihm nicht wirklich. Es schiebt sein Leiden nur etwas hinaus.“
      „Es verlängert sein Leiden, denn es verlängert sein Leben.“ Gilberts Stimme klang hart.
      Für diesen Mann bedeutet das Leben leiden, dachte Edwin betrübt. „Sollte er besser sterben?“
      „Frag nicht, es hat keinen Sinn.“ Gilbert blieb vor einem Haus stehen. Er pochte an die Tür, die nach kurzem Warten geöffnete wurde. Für einen Moment erhaschte Edwin einen Blick auf ein blasses Mädchengesicht, dann wurde die Tür sofort wieder zugeschlagen. „Papa!“, hörte er eine hohe Stimme rufen.
      Gilbert ließ ein mürrisches Grunzen hören. Auf der anderen Seite der Wand konnte Edwin mindestens vier Menschen ausmachen. Schwere Schritte waren zu hören, dann öffnete sich die Tür erneut. Ein breit gebauter Mann stand im Eingang, ein Stück Holz in der einen, den Türgriff in der anderen Hand. Erst musterte er sie misstrauisch, dann hellte sich seine Miene etwas auf. „Gilbert“, knurrte er. „Ihr habt meiner Tochter einen Schrecken eingejagt. Kein Wunder, so wie ihr daherkommt.“
      Edwin versuchte sich vorzustellen, wie er aussehen mochte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er noch immer mit Erde von der Jagd beschmiert war. Auch Gilberts Gesicht war dunkel gefärbt, außerdem war er bärtig und das tote Reh wie auch die schwarzen Mäntel taten ihr Übriges.
      „Wir kommen, um das hier zu verkaufen“, sagte Gilbert.
      Der Mann nickte. „Folgt mir in den Stall, dort kann ich mir das Tier besser ansehen.“
      Er führte sie um das Haus herum und durch ein Tor. Zwei magere Kühe und mehrere Ziegen waren hinter einer Absperrung untergebracht. Die Ziegen schauten neugierig auf und begannen zu meckern, als die Menschen ihr Reich betaten, die Kühe kauten ungestört weiter. „Leg es da hin“, wies der Bauer Gilbert an und räumte einen Tisch frei. Edwin ging zu den Ziegen hinüber, während der Mann die Beute untersuchte. „Guter Schuss“, kommentierte er. „Und sauber ausgeblutet. Aber weshalb fehlt ein Bein?“
      Edwin kümmerten die Gespräche der Männer nicht weiter. Die Ziegen schnupperten an seinen Händen und reckten ihre Hälse, um an seinem Ärmel zu knabbern. „Ihr könnt im Stall schlafen“, hörte er den Bauern schließlich sagen. Edwin sah hoffnungsvoll zu Gilbert auf, der wenig Begeisterung zeigte. Ihm war es zuzutrauen, dass er sich für eine weitere Nacht im Wald entschied, auch wenn es in Strömen regnete. Edwin musste nießen, woraufhin ihn der Bauer mitleidig ansah. „Der Junge wird noch krank. Ich schicke meine Frau, die bringt euch eine Decke.“
      Gilbert nickte, der Bauer verschwand wieder nach draußen. „Komm her“, sagte Gilbert und winkte Edwin zu sich. Er strich ihm die Haare aus dem Gesicht und legte eine Hand auf die Stirn. „Werd mir bloß nicht krank.“
      „Das werde ich schon nicht“, gab Edwin zur Antwort.
      „Gut.“ Gilbert drückte Edwin kurz an sich, dann machte er sich daran, aus dem Stroh ein Bett für sie herzurichten. Kurze Zeit später brachte die Bäuerin ihnen zwei warme Wolldecken und etwas Brot mit Käse. Es war ewig her, dass Edwin solche Leckerbissen zu essen bekommen hatte und ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Nachdem sie ihre nassen Kleider ausgezogen hatten und es sich unter den Decken gemütlich gemacht hatten, vertilgten die Hungrigen ihr seltenes Mahl. Gilbert blies das Öllämpchen aus und drehte sich mit dem Rücken zu Edwin. Eine Zeit lang lag Edwin wach im Stroh und hörte den Tieren beim Wiederkäuen zu, hin und wieder gluckerte ein Magen. Wie friedlich, dachte er, dann schlief er ein.

      Mit klopfendem Herzen erwachte Edwin aus einem Alptraum. Die Schreie klangen noch immer in seinen Ohren, als er längst wach war. Er horchte in den Raum hinaus. Eines der Tiere furzte, ein anderes schnaubte vernehmlich. Sonst war nichts zu hören. Keine Schreie. Edwin horchte auf seinen Herzschlag, auf den von Gilbert, auf den der Tiere. Er hörte auch das Rumoren ihrer Mägen, das Blubbern in ihren Gedärmen und das Rauschen des Blutes in ihren Adern. Außerdem das Rascheln von Mäusen im Stroh. Wie schön, dass sich auch hier jede Stimme in die Melodie einfügt.
      Edwin schlüpfte unter der wärmenden Decke hervor, um einem Geräusch nachzugehen, das er nicht einordnen konnte, als plötzlich das Pochen eines Herzens einen Satz machte. Edwin blickte sich überrascht um. Ein Mensch? Im Geiste tastete er nach der Person, die zu dem Herzschlag und dem beschleunigten Atem gehörte. Ein Mädchen. Wie so oft ließen seine Augen ihn im Stich, denn dort hinten sah er nur Dunkelheit. Was sollte er tun? Sie schein Angst vor ihm zu haben. Sie fror, sie hatte Hunger und sie hatte Angst, entdeckt zu werden. Wahrscheinlich versteckt sie sich hier. Aber wovor? Leise und langsam bewegte er sich zurück zu seinem Schlafplatz und holte den Rest des Brotes, welchen er und Gilbert übriggelassen hatten. Hier, das kannst du haben, sagte er in Gedanken an die Gestalt gewandt. Ob sie mich hören kann? Er streckte ihr das Brot hin, worauf sich ihr Herzschlag wieder beschleunigte. Er legte das Brot auf den Boden und öffnete das Tor einen Spalt weit. Silbern schien das Licht des Mondes in den Stall, nun konnte er ihre Gestalt erahnen. Es hätte sich aber ebenso gut um einen Sack Mehl in der Ecke handeln können. Er setzte sich, nur mit seinem Unterhemd bekleidet, neben den Ausgang. Dabei achtete er darauf, dass sie ihn sehen konnte, er den Ausgang aber nicht versperrte. Dann schloss er die Augen und begann, ihre Angst und ihr Misstrauen auszuatmen. Doch sie kam nicht, um sich das Brot zu holen, wie er gehofft hatte. Auch wenn ihr Atem nun ruhig ging, rührte sie sich nicht. Sie verströmte auch keine Angst und kein Unbehagen mehr. Als Edwin seine geistigen Fühler nach ihr ausstreckte, bemerkte er, dass sie eingeschlafen war. So leise wie möglich erhob er sich, schritt zu seiner Schlafstelle hinüber und holte seine Decke. Er tastete sich weiter durch die Dunkelheit, bis zu der Stelle, aus der er ihre Anwesenheit spürte. Nun sah er ihre Umrisse deutlich, die sich von der Holzwand abhoben. Ruhig und gleichmäßig vernahm er ihren Atem. Schlaf gut, schickte er ihr seine Gedanken zu und legte die Decke behutsam über sie. Dann schlich er zurück zu seinem Lager und legte sich ins Stroh.

      Als Edwin am nächsten Morgen erwachte, sah er erfreut, dass das Brot weg war – wie leider auch das Mädchen. Nur Gilbert hatte nicht so Freude daran, dass Edwin ihren Proviant verschenkt hatte, außerdem ärgerte es ihn, dass er durch die Geräusche nicht aufgewacht war. „Ich habe zu tief geschlafen“, brummte er.
      Sobald die Sonne aufging, machten sie sich auf den Weg, um mit dem neu erworbenen Geld Nahrungsmittel und ein paar andere Kleinigkeiten zu besorgen. Nachdem sie bei einem Mann eine neue Sehne für Gilberts Bogen gekauft hatten, machten sie sich daran, das Dorf zu verlassen. „Wohin gehen wir nun?“, fragte Edwin.
      „Vielleicht sollte ich dich doch zu Elvira bringen“, überlegte Gilbert laut.
      „Weshalb? Ich möchte nicht in die Stadt gehen.“
      „Dir gefällt es doch hier. Und dort könntest du mit anderen Kindern aufwachsen, zur Schule gehen, müsstest nie im Regen schlafen.“
      Edwin schüttelte den Kopf. „Das macht mir nicht so viel aus.“
      „Und das Mädchen diese Nacht? Du warst doch enttäuscht, als sie weg war.“
      „Das stimmt schon. Aber es ist nicht so wichtig. Ich möchte mit dir die Kinder aufspüren, die noch immer von den Händlern eingefangen und verkauft werden. Ich möchte nicht im Warmen sitzen, untätig. Ich käme mir vor wie eingesperrt. Hier kann ich mehr tun“, sagte er selbstsicher.
      Gilbert seufzte. „Elvira wird mich umbringen, wenn sie dich kriegen. Aber du bist alt genug, selbst zu entscheiden.“ Er hielt kurz inne und schaute Edwin mit einem schrägen Grinsen an. „Außerdem kannst du bereits zu gut mit einem Bogen umgehen, als dass ich dich gehen lassen wollte.“
      Edwin freute sich, dass er den hellen Gilbert für einen Moment hatte durchscheinen sehen. „Du bist auch der beste Lehrer der Welt“, gab er als Kompliment zurück und grinste ebenfalls.
      Gilbert erwiderte nichts. Er blieb stehen und schaute über die Schulter. Auch Edwin drehte sich um. Ein paar Menschen standen in einem Halbkreis um einen Ladentisch auf der Straße herum und schimpften lautstark. Eine kaum sichtbare Kreatur hatte sich unter dem Tisch verkrochen und die Meute warf mit Steinen und stocherte mit Stöcken darunter, um das Tier zu erreichen. Schon rannte Edwin los. „Was tut ihr?!“, rief er entsetzt, doch die Menschen beachteten ihn kaum. Erbärmliches Winseln drang unter dem Tisch hervor. Ein Hund! Edwin packte einen der Peiniger am Arm, um ihn daran zu hindern, dem armen Geschöpf einen weiteren Stoß zu versetzen.
      „Weg da, der Köter ist bissig“, sagte der Mann und schüttelte Edwin ab.
      „Was hat er denn getan?“, wollte Edwin wissen.
      Kurz wirkte der Mann desorientiert, doch schnell gewann er seine Fassung wieder. „Die sind alle gefährlich. Wie ein wildes Pack rotten sich die Streuner zusammen. Die sind alle gleich. Reißen die Lämmer, fallen gar Kinder an.“
      „Nur weil die anderen so sind, heißt das noch lange nicht, dass er auch so ist“, beharrte Edwin und schob sich vor den Tisch.
      „Dummkopf!“, rief einer. „Geh da weg!“ Er packte Edwin und stieß ihn zur Seite. Hart landete er auf dem Boden und scheuerte sich die Handflächen auf.
      „Genau deshalb kann ich Menschen nicht ausstehen“, vernahm er Gilberts kalte Stimme. Edwin stemmte sich hoch und sah zu, wie Gilbert auf die Männer und Frauen zuging. „Lasst den Köter in Frieden. Wir nehmen ihn mit, ihr werdet ihn nicht wieder zu Gesicht bekommen“, sagte er mit fester Stimme und baute sich vor der Meute auf.
      Zuerst wollten sie ihm widersprechen, doch als sie das Schwert an seiner Hüfte sahen, schienen sie in sich zusammenzuschrumpfen. Wer ein Schwert trug war entweder ein gefährlicher Verbrecher oder aber er gehörte einer hohen Kaste an. Wenn man Gilberts äußere Erscheinung in Betracht zog, dann musste man wohl auf ersteres schließen. Doch Edwin wusste, dass Gilbert tatsächlich einer der höchsten Kasten angehörte und lange in der gnostischen Garde trainiert hatte. Wäre er in Caput geblieben, hätte er ein glanzvolles Leben führen können.
      „Mitnehmen wollt ihr ihn? Seid ihr wahnsinnig?“, platzte einer heraus, machte aber gleichzeitig einen Schritt rückwärts, um mehr Abstand zwischen sich und Gilbert zu bringen.
      „Der Junge hat ein Händchen für Tiere. In wenigen Tagen wird er ein braves Schoßhündchen sein“, versicherte Gilbert.
      Die Menschen beäugten Edwin misstrauisch. „Wie ihr wollt. Solange ihr den Köter wegschafft, ist mir alles gleich.“ Sie traten vom Tisch zurück und Edwin hatte Platz, sich dem Hund zu nähern.
      Die Augen des Tieres funkelten ihn aus dem Halbdunkel hervor an. Angst, Schmerz und verzweifelte Wut blitzten ihm entgegen. Unter den Augen der Menge setzte Edwin sich vor den Tisch und schloss die Augen. Er machte sich keine Sorgen wegen der Menschen. Solange Gilbert in der Nähe war, fühlte er sich sicher.
      Das Wesen des Tieres fühlte sich an wie ein mit Stacheln bewehrtes Knäuel. Zitternd, sich windend und jeden Augenblick bereit zu einem letzten, verzweifelten Angriff. Er musste vorsichtig vorgehen. Bist du verletz, mein Kleiner?, flüsterte er und begann, den Hund in einen See der Ruhe zu tauchen. Edwins Herzschlag verlangsamte sich, er breitete sich aus, umfing das Wesen vor sich ohne es einzuengen, sah es deutlich, wie noch nie jemand es wahrgenommen hatte. Du brauchst dich nicht zu fürchten. Du bist nicht mehr allein, denn ich sehe dich. Sanft umfing er die spitzen Stacheln, die nervös auf und ab zuckten. Hier in mir ist ganz viel Platz für dich, hier kannst du dich wohlfühlen und musst keine Angst haben. Langsam begannen die Stacheln weich zu werden. Sie wurden glatter, schmiegten sich zaghaft an ihn. Erst zögerlich, dann mit wachsendem Vertrauen, entspannte sich der Hund und auch sein Herzschlag begann ruhiger zu werden. Freudig begrüßte Edwin seinen neuen Freund. Das Tier zuckte leicht zurück, überrascht von der Welle menschlicher Gefühle. Edwin lächelte. Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Lass dir Zeit. Er wandelte die Freude in weiche Geborgenheit und das Wesen des Hundes streckte sich ihm entgegen. Oh, du bist ja ein Mädchen, bemerkte er. Geduldig und liebevoll badete er die Hündin in seinem Herzen.
      Als Edwin die Augen aufschlug, lag ihr Kopf auf seinem Schoss. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig, in einem Zustand wohliger Entspannung. Nun sah Edwin, wie dünn und schäbig die Kreatur war. Ihr Fell war von Schmutz verklebt, an manchen Stellen hatte sie gar keine Haare mehr. Am einen Ohr fehlte ein Stück und von der groben Behandlung der Menschen war sie mit etlichen kleinen Wunden übersäht. Armes Mädchen, dachte Edwin. Ganz vorsichtig strich er mit den Fingern über den Kopf des Tieres, bemüht, den wunden Stellen auszuweichen.
      „Wir können nicht ewig bleiben.“ Edwin sah zu Gilbert hoch, der gesprochen hatte, und nickte. „Kann er gehen?“
      „Ich glaub schon, die Wunden sind nicht tief und auch nicht lebensgefährlich. – Und es ist eine Sie.“
      „Wie auch immer. Mir behagt es nicht, zu lange in dem Dorf zu bleiben“, murrte Gilbert und warf einen Blick über die Schulter.
      Er mag Menschen wirklich nicht, dachte Edwin etwas traurig. Dabei sind gar nicht alle Menschen schlecht. Und auch diese hier hatten ihre Gründe, auch wenn ich ihr Verhalten selbst nicht mag.
      Edwin kraulte die Hündin unter dem Kinn, zwischen zwei Schlitze hindurch schaute sie ihn an. „Immer noch etwas misstrauisch?“, fragte er.
      „Zurecht, Menschen sind wankelmütige Wesen. Vor denen sollte man sich in Acht nehmen“, kommentierte Gilbert, ganz so, als ob er selbst nicht der menschlichen Rasse angehören würde.
      Die Hündin kam auf die Beine und auch Edwin erhob sich. Sie schaute ihn erwartungsvoll an. „Los geht’s!“, sagte Edwin lachend. Er konnte sein Glück noch kaum fassen. Er hatte eine neue Freundin gefunden! „Ich darf sie doch behalten, oder?“
      Gilbert musterte die Hündin mit schiefem Blick. „Wenn sie sich für die Jagd eignet…“
      „Juhuu! Na, Kleine? Oh, du brauchst noch einen Namen!“
      „Überleg dir was, während wir gehen. Wir haben schon genug Zeit verloren“, sagte Gilbert und schritt davon. Edwin musste sich beeilen, um mit seinen langen Beinen Schritt zu halten. Die Hündin tänzelte freudig neben ihm her. Wie einfach es doch ist, Kinder oder Tiere glücklich zu machen, dachte er. Erwachsene hingegen sind wie Fische an Land, die vergessen haben, dass sie ins Wasser gehören. Sie strampeln und schreien und fragen sich, weshalb sie auf ihren Flossen nicht gehen können.
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

    • Mein Güte RenLi, in allem was du schreibst steckt so viel Lebensklugheit.

      Von welchem Planeten kommst du, bleibst du länger bei uns?

      Dieser Abschnitt hat mir sehr gut gefallen. Besonders gefällt mir, wie du die beiden unterschiedlichen Charaktere nebeneinander darstellst. Gilbert der mürrische Skeptiker und Edwin, der die Welt eher positiv und möglicherweise auch noch etwas naiv sieht.
      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Sensenbach ()

    • Hallo zusammen.

      Es geht weiter mit Edwin und seinen Erlebnissen mit Gilbert.
      Spoiler anzeigen
      Vielleicht erinnert ihr euch daran, dass der Name 'Anastasia' bereits in der Geschichte gefallen ist. Siehe Richard, Geschichten. Auch wenn diese Anastasia mit der hier nur die Rolle als Prinzessin und den Name gemein hat, ist das doch kein Zufall :) Ausserdem ist auch der Name Cedrus schon vorgekommen, siehe Richard, Lichtengel. Viel Spass beim eins plus eins zusammenzählen :D


      Edwin, die Königstochter und der Uhrmacher (565 n. Rh.)

      „Vater, ich bitte dich! Siehst du nicht, dass das Land im Chaos versinkt!“, sagte sie eindringlich und zwang ihn, sie anzusehen. Der einstige Glanz seiner Augen war längst vergangen, nun lagen sie matt in tiefen Höhlen. Es machte Anastasia Angst, ihren Vater so zu sehen. Gebrechlich, mit schütterem Haar und eingefallenen Wangen.
      „Selbst ein guter Mann kann nicht alle Zankereien verhindern“, erwiderte der König ausweichend. In seinem Atem roch sie den Alkohol, er hatte also schon wieder getrunken.
      „Zankereien?! Wenn das so weitergeht, dann herrscht bald ein Bürgerkrieg!“ Sie konnte nicht glauben, dass ihr Vater, der sich all die Jahre so liebevoll um sein Volk gekümmert hatte, nun das Offensichtliche nicht sah – oder es nicht sehen wollte.
      König Entipaz ließ sich schwerfällig in einen Sessel fallen. „Du vergeudest deine Zeit mit mir, Liebes. Ich bin alt und die Staatsgeschäfte gehen mich nichts mehr an.“
      „Es ist dein Volk!“
      Der König schüttelte müde den Kopf. „Nicht mein Volk, das Volk des Königs. Und ich bin nicht mehr der König. Ich bin nur noch ein alter Mann, in tiefer Trauer.“
      „Und das Schicksal deiner Enkelin? Geht auch ihr Leben dich nichts mehr an?“, fragte Anastasia verzweifelt.
      „Soweit ich gehört habe, wird sie mit einem wohlhabenden und einflussreichen Fürsten vermählt. Was könnte daran auszusetzen sein?“
      „Er ist viel älter als sie und sie möchte nicht weg von hier. Sie weint Tag und Nacht, wie kann ich da zusehen?“
      „Cedrus ist auch älter als du und das war nie ein Problem“, erwiderte ihr Vater.
      Sie biss sich auf die Lippen. Für dich vielleicht nicht, du musstest ihn ja auch nicht heiraten! Sie schluckte eine giftige Antwort hinunter, er würde es doch nicht verstehen. „Das Volk braucht dich, Vater. Das Reich zerfällt. Bitte sieh dich einmal um“, flehte sie, doch ihre Worte stießen auf taube Ohren.
      „Lass mich alleine. Ich kann niemandem mehr helfen. Alles, was ich noch tun kann ist beten, für die Seele meiner geliebten Seraphin.“
      „Was ist nur aus dir geworden, Vater? Würde Mutter dich nun so sehen…“
      „Lass mich allein! Ich möchte nicht mehr darüber reden!“, polterte der König, plötzlich wütend.
      „Sie wäre enttäuscht von dir, Vater! Ich bin enttäuscht von dir!“
      „Raus!“
      „Wenn es zu einem Bürgerkrieg kommt, dann bist du schuld daran! Weil du dich im Alkohol ersäufst!“, schrie sie kochend vor Wut und stürmte aus dem Saal.
      Er hört nicht auf mich, genauso wenig wie Cedrus.

      Ein Sturm der Gefühle brodelte in ihr, als sie schlagartig aus dem Traum erwachte. Sie schaute sich um und stellte verwirrt fest, dass sie überall um sich herum Bäume sah. Wie kann das sein? Nein, nein, das ist alles falsch. Wer bin ich? Ich bin ich, ich bin Edwin. Er schaute an sich hinunter. Einen Moment lang erwartete er, die feingliedrige Gestalt einer Frau zu sehen, doch da war sein vertrauter Körper. Der Körper eines Jungen. Edwin atmete tief durch. Ich bin Edwin, ich bin ein Junge, ich bin mit Gilbert und Jeela im Wald. Er schaute sich nach den beiden um. Gilbert schlief noch immer, Edwin konnte ein Büschel Haar aus dem Umhang ragen sehen, in den er sich eingewickelt hatte. Jeela lag neben der erkalteten Feuerstelle, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt. Sie beobachtete ihn aus ihren großen, dunklen Augen. Gemächlich kam sie auf die Füße und trottete zu ihm herüber. Edwin schmiegte sich an sie, lauschte dem beruhigenden Klang ihres Herzens. So schön, dass du da bist!
      Nachdem er sich beruhigt hatte und sich wieder wie er selber fühlte, untersuchte er ihr Fell. Die kahlen Stellen waren beinahe nicht mehr von den anderen zu unterscheiden und die Wunden der Dorfbewohner waren längst verschwunden. Nur ihr linkes Ohr, an dem ein Stück fehlte, erinnerte noch daran, wie schlimm sie ausgesehen hatte. Wie gewohnt legte Jeela ihren Kopf auf Edwins Schoß und ließ sich von ihm kraulen.
      Seine Gedanken kehrten zu dem Traum zurück. Er war jemand anders gewesen, nicht er selbst. Eine Frau. Es hatte sich unglaublich real angefühlt. So real, dass er noch nach dem Aufwachen geglaubt hatte, sie zu sein. Wer war sie? Viel Schmerz hatte sie in sich getragen, aber auch einen unglaublichen Willen. Sie musste eine sehr starke Frau sein. Jeela biss ihn sanft, aber bestimmt in die Finger. Verwundert sah er sie an. „Du willst wohl meine ungeteilte Aufmerksamkeit, was?“, fragte er leise. Er entließ die Gedanken an die Frau in den Himmel hinauf, winkte zum Abschied und machte sich dann daran, Jeela ausgiebig zu kraulen.
      Gilbert gähnte herzhaft. Ein Arm streckte sich unter dem Umhang hervor, dann ein Bein. Er streckte sich genüsslich. „Seid ihr schon wach?“, fragte er unter neuerlichem Gähnen.
      „Wach und bereit für einen neuen Tag!“, antwortete Edwin eifrig.
      „Ah, ja? Deine gute Laune ist ja nicht zum Aushalten“, sagte er, doch Edwin wusste, dass er die Bemerkung nicht ganz ernst meinte.
      „Werden wir heute schon in der Stadt ankommen?“, fragte Edwin aufgeregt.
      Gilbert brummte zustimmend. „Sieht ganz danach aus.“
      „Und du denkst wirklich, dass wir da einen Hinweis auf die Kinderhändler finden?“
      „Gut möglich. In dem Brief hat Talmud geschrieben, dass die irgendetwas mit den magischen Artefakten am Hut haben. Freiwillig würde ich keinen Fuß in eine Stadt setzen, aber es ist nun mal nötig und wir sind viel näher dran, als die anderen.“
      Sie machten sich bereit zum Aufbruch, essen würden sie später. „Was haben denn magische Artefakte mit Kinderhandel zu tun?“
      „Gut möglich, dass die Hersteller kleine, geschickte Kinderhände brauchen, um die Ware zu fertigen. Außerdem können Kinder sich weniger gut wehren.“
      Edwins Gedanken schweiften ab zu Richard. Ob er auch an einem solchen Ort arbeiten musste? Mehrmals hatte Edwin versucht, seinen Bruder oder seinen Vater mittels seiner inneren Sicht zu orten, doch es war ihm nicht gelungen. Nicht einmal eine wage Richtung konnte er ausmachen, denn es fühlte sich so an, als wären sie genau in seiner eigenen Mitte vorhanden und nicht irgendwo außerhalb.
      Sie verließen den Wald und reisten auf einer relativ gut erhaltenen Straße Richtung Süden weiter. Oben am Himmel zog Fait seine Kreise, in der Ferne konnte Edwin die Stadt bereits erkennen. Von Gilbert wusste er, dass sie am selben Fluss lag wie auch Caput, die Hauptstadt. Doch sie war kleiner und weniger gut befestigt, denn die Mauer bestand nur aus einer Holzpalisade und auch an Wachmännern fehlte es. Selbst aus dieser Entfernung sah Edwin die Spitze des Kirchturms in der Sonne glitzern, denn der Turm war so hoch, dass er über die Mauer ragte.
      Gegen Mittag erreichten sie das Tor. Hier wurden sie von zwei Wachmännern kontrolliert. „Was wollt ihr in der Stadt?“, fragte der eine und musterte sie abfällig.
      „Wir sind nicht lange hier, nur um Proviant zu kaufen. Danach reisen wir weiter“, antwortete Gilbert gelassen.
      Der zweite kam hinzu, baute sich neben seinem Partner auf. „Ist das ein Schwert, das Ihr bei euch tragt?“, fragte er barsch und legte selbst die Hand an den Griff seiner Waffe. „Und Bögen habt ihr auch!“
      Auch der erste wurde nun unruhig. „Es ist verboten, Waffen zu tragen“, bellte er. „Legt das Schwert nieder!“
      Gilbert hob beschwichtigend die Hände. „Es ist verboten für alle Menschen niederer Kaste.“
      „Wollt Ihr mir weiß machen, Ihr wärt aus der Krieger-Kaste?“ Der Wachmann stand zornig vor ihnen und funkelte Gilbert grimmig an.
      Gilbert lächelte herablassend. „Ihr kennt mich nicht, wie könnt ihr über mich urteilen?“
      Edwin wurde langsam mulmig zumute. Er selbst wusste, dass Gilbert einer hohen Kaste angehörte, weshalb provozierte er nun einen Streit?
      „Das braucht nur einen Blick und eine Nase voll“, erwiderte einer der Wachen höhnend.
      „Leg das Schwert ab!“, befahl der andere und zog seines ein Stück weit aus der Scheide.
      „Er ist von der Vogel-Kaste“, platzte Edwin heraus. Er wusste nicht, weshalb Gilbert das nicht gleich gesagt hatte.
      „Das glaubst du doch selber nicht“, sagte der eine Wächter. „Das Gefängnis hier ist zwar nicht groß, aber es hat immer noch Platz für zwei Halunken wie euch.“ Er pfiff durch die Finger und deutete nach oben zur Palisade. Drei Bogenschützen waren oben erschienen, zielten mit ihren Bögen auf Gilbert. Jeela knurrte, ihr Fell sträubte sich. „Was ist das für ein Köter?“
      „Jeela, ganz ruhig“, sagte Edwin und die Hündin schmiegte sich an sein Bein. Sie entspannte sich zwar, beobachtete die Wachmänner aber noch immer misstrauisch.
      Gilbert begann zu lachen. „Gut zu sehen, dass es hier noch immer ein paar anständige Wachmänner gibt“, sagte er. Zu Edwins Erstaunen gürtete er sein Schwert ab und legte seine Waffen nieder. Auch Edwin legte Bogen und Köcher vor seine Füße.
      „Glaubt nicht, dass ihr damit schon aus dem Schneider seid“, knurrte einer.
      Doch Gilbert begann nun, seinen Mantel aufzuknöpfen, legte auch diesen nieder. Inzwischen hatte sich eine Traube von Leuten um sie gebildet. Alles Reisende, die in die Stadt wollten und vor dem Tor aufgehalten wurden. Neugierig verfolgten sie das Spektakel.
      Nun knöpfte er sein Hemd auf. „Was tust du!“
      „Ich zeige euch, dass der Junge recht hat“, erwiderte Gilbert. Er ließ sein Hemd zu Boden fallen und stand nun mit nacktem Oberkörper in der Sonne. Edwin war entsetzt darüber, mit wie vielen Narben er übersäht war. Die feinen Linien zogen sich über seinen Oberkörper und bildeten ein groteskes Muster. Aufgeregtes Raunen war in der Menge zu hören. Gilbert drehte sich um. Auf seinem Rücken, genau zwischen seinen Schulterblättern prangte ein schwarzer Vogel, ein Falke. Das Abbild wurde von einem ebenso schwarzen, feinen Kreis eingerahmt. Edwin starrte das Zeichen an. Bisher hatte er dieses Zeichen nur auf der Haut eines Mannes gesehen, auf dem Rücken seines Vaters.
      Einer der Wachen sog hörbar die Luft ein. „Wer seid Ihr?“, fragte er atemlos.
      Gilbert drehte sich wieder um, ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Gilbert Kornell aus Caput.“
      „Kenn ich nicht“, murrte der Jüngere, doch der ältere machte große Augen.
      „Ihr habt damals die Truppen angeführt, als Aluider Aster überfallen haben!“, rief er aus. „Damals war ich Müller im Nachbardorf. Ich stehe in Eurer Schuld, Hauptmann Kornell.“ Er verbeugte sich tief. „Es tut mir unglaublich leid, Euch nicht eher erkannt zu haben.“
      „Keine Ursache“, entgegnete Gilbert. Er begann sich wieder anzukleiden. „Es ist lange her, diese Schlacht“, brummte er.
      Der andere nickte. „Durch Eure Taten wurde meine Familie gerettet. Und seither war es mein Traum, ein Krieger zu werden. Aber was tut Ihr nun?“, fragte er.
      Gilbert legte sich das Schwert wieder um und hob den Bogen auf. „Ich bin längst aus der Garde ausgetreten. Nun bringe ich dem Jungen hier die Kunst der Jagd bei“, erklärte er und legte Edwin eine Hand auf die Schulter.
      Der Wachmann nickte. „Meine Schicht ist noch nicht zu Ende, aber ich würde euch gerne in mein Haus einladen. Es würde mich freuen, mehr über Euch zu erfahren und zu hören, wie es in der Hauptstadt zu und her geht.“
      „Vielen Dank für das Angebot, aber wir sind wirklich nur kurz hier“, entgegnete Gilbert.
      Der Wachmann sah etwas enttäuscht aus. „Nun, dann möchte ich euch nicht länger aufhalten.“
      Edwin folgte Gilbert durch das Tor, hinter sich hörte er noch, wie der jüngere Wachmann abfällig murmelte: „Weshalb hat er das nicht gleich gesagt?“ Dann befanden sie sich auch schon auf der anderen Seite der Palisade.
      Ein paar Kinder rannten barfuß einem Huhn nach. Jeela stellte die Ohren auf und schoss wie der Blitz davon, dem Federvieh hinterher. Nicht töten!, rief Edwin ihr nach. Wenige Augenblicke später kam Jeela mit dem Huhn im Maul auf sie zu gerannt. Das Huhn hing schlaff zwischen ihren Zähnen. „Du hast deinen Hund nicht im Griff“, bemerkte Gilbert.
      „Sie hat es nicht getötet“, sagte Edwin und Jeela ließ das Huhn fallen.
      Die Kinder kamen angerannt, eines schnappte sich das reglose Huhn. „Es hat nur einen Schock“, erklärte Edwin und tatsächlich begann das Huhn sogleich wie wild zu zappeln und mit den Flügeln zu schlagen. Jeela bellte vergnügt und Edwin streichelte sie lobend. Eines der Kinder schwang das Huhn im Kreis, dann rannten sie wieder davon. „Das arme Vieh“, murmelte Gilbert. „Auch Kinder können schon brutal sein.“
      Sie gingen weiter in die Stadt hinein, bis sie zum Marktplatz gelangten. Edwin hielt sich dicht an Gilbert, denn in dem Gewimmel hätte er ihn leicht verlieren können. „Alles klar? Du siehst bleich aus“, bemerkte Gilbert.
      Edwin atmete tief durch. „Es sind so viele Menschen!“ Tatsächlich war ihm ein wenig schwindlig geworden. In dem Gedränge fiel es ihm schwer, normal zu atmen.
      Zu Edwins Überraschung streckte Gilbert ihm die Hand entgegen. „Sonst gehst du noch verloren“, brummte er und Edwin griff erleichtert nach den rauen Fingern. Sofort wurde ihm wohler zumute.
      Sie gingen weiter, Edwin schloss seine Hand fest um die Gilberts und blendete den Schmerz der Menge aus. Die Stadt ist wie ein Sumpf aus Leiden, dachte er. Wo so viele Menschen sind, kommt unweigerlich viel Schmerz zusammen. Vielleicht hat Gilbert doch recht. Leben bedeutet Leiden.
      Sie gingen von Stand zu Stand und die Vielfalt der Waren lenkte Edwin von seinen düsteren Gedanken ab. Die Luft war schwer von der Vielzahl an Gerüchen, sodass Edwin beinahe wieder schwindlig wurde. Und was alles verkauft wurde! Seltsame Speisen, die er noch nie zuvor gesehen hatte, Backwaren, Tücher, Schuhe, Gewürze, Räucherware, glitzernder Schmuck, Töpferwaren, Schutzamulette und vieles mehr. Überall schrien Menschen durcheinander, gestikulierten, feilschten oder stritten sich um irgendwelche Güter und Preise. Sie kamen gar an einem Stand vorbei, an dem ein Mann Tiere in kleinen Käfigen hielt. Hoch hinauf türmten sich die vergitterten Kisten. Edwin blieb stehen. Er sah Vögel in bunten Federkleidern, Katzen, ein Tier, das ähnlich aussah wie eine Maus, aber keine Maus war und dann noch ein sehr viel Seltsameres. Wie ein Hund mit flacher Schnauze, das auf dem Hinterteil hockte und Hände wie Menschen hatte. „Was ist das?“, fragte Edwin und betrachtete fasziniert den langen Schwanz, der aus den Gitterstäben hinaushing und sich in der Luft kringelte.
      „Ein Affe“, erklärte Gilbert.
      Mit großen Augen beobachtete Edwin das Tier. Es keckerte laut und stürmisch. „Es gefällt ihm nicht da oben“, sagte Edwin.
      „Wahrscheinlich nicht. Tiere sollte man nicht einsperren, ebenso wie Menschen. Aber nun komm, wir haben wichtigeres zu tun.“
      Widerwillig löste Edwin sich von dem Stand. Am liebsten hätte er alle Käfige sofort geöffnet und die Tiere in die Freiheit entlassen. Sie leiden auch, dachte er betrübt. Allmählich begann er zu verstehen, weshalb Gilbert nicht gerne in Städte ging. „Weshalb tun sie das?“, fragte er. Er wollte verstehen, weshalb Menschen so grausame Dinge taten, denn solange er es nicht verstand, fühlte er sich ohnmächtig. Er wollte die Menschen mögen, doch wenn er sie so sah, dann fiel es ihm schwer.
      „Sie verdienen ihr Geld auf diese Weise. Die Menschen können nicht überleben ohne Geld.“
      „Aber wir überleben doch auch ohne.“
      „Haben wir nicht gerade ein Reh verkauft?“
      „Doch“, gab Edwin zu.
      „Und zuvor getötet?“
      „Ja“, sagte er kleinlaut. „Aber von irgendetwas müssen wir doch leben.“
      „Das müssen diese Menschen auch“, schloss Gilbert. Wie seltsam, dass Gilbert die Menschen verteidigte. Das passte so gar nicht zu dem Bild, das Edwin von seinem Begleiter hatte. Edwin lächelte. Es gab noch so vieles herauszufinden. Die Welt steckt voller Geheimnisse, jeder Mensch steckt voller Geheimnisse.
      „Da drüben ist es“, bemerkte Gilbert und deutete auf ein funkelndes Schild über dem Eingang eines Ladens. Fasziniert betrachtete Edwin wie es seine Farben wechselte, glitzerte und leuchtete.
      „Wie macht es das?“, fragte er erstaunt.
      „Magie“, antwortete Gilbert und seiner Stimme war anzuhören, dass er nicht viel davon hielt.
      Edwin las den Schriftzug, der sich schwarz von dem Gefunkel abhob. Magische Artefakte. Bei dem Gedanken, dass dieses hübsche Glitzerschild wahrscheinlich durch Kinderhände gefertigt worden war, wurde ihm mulmig zumute. Edwin ging bereits auf die Tür zu, als Gilbert ihn zurückhielt. „So können wir unmöglich da reingehen“, erklärte er. „Die schmeißen uns in hohem Bogen wieder raus. Nur gut, dass Elvira mir Geld geschickt hat“, brummte er und betrachtete Edwin von oben bis unten. „Ich seh wahrscheinlich noch viel schlimmer aus als du“, sagte er grinsend. „Warst du schon mal in einem Badehaus?“
      Edwin verneinte. „Gehen wir da hin?“, fragte er aufgeregt.
      „Müssen wir wohl.“ Also schoben sie sich weiter durch die Menge, weg vom größten Getümmel. Vor einem weitläufigen Gebäude blieben sie stehen. Laternen waren davor aufgehängt, sie schwangen leicht im Wind. Edwin hätte sie gerne länger betrachtet, doch Gilbert schob bereits einen gelben Vorhang zur Seite und betrat das Gebäude. „Warte hier“, sagte er zu Jeela, dann folgte er seinem Freund. Der Durchgang führte in einen Innenhof. Ein hübscher Garten war darin angelegt und dieselben bunten Laternen wie draußen hingen von hohen Stangen hinunter. Edwin versuchte sich auszumalen, wie es nachts hier aussehen mochte, wenn die Laternen brannten.
      Eine Frau, eingehüllt in einen gelben Leinenrock, eilte mit einem Waschzuber an ihnen vorbei, die langen Haare hingen ihr als dicker Zopf über den Rücken. Sie verschwand hinter einem weiteren Vorhang. „Warst du schon einmal hier?“, fragte Edwin.
      Gilberts Antwort ging in lautem Geschrei unter, als die Frau wieder hinter dem Vorhang auftauchte, gefolgt von einem nackten Mann. „He! Warte doch, Marie!“ Er hielt sich den Waschzuber vor seine edelsten Teile und rannte ihr nach.
      „Du hast zu viel getrunken!“, schrie Marie. „Lass mich in Frieden!“
      Gilbert stellte sich dem Mann entgegen. „Weg da!“, rief der Badegast und wollte sich an Gilbert vorbeidrängen, doch dieser packte ihn am Arm.
      „Ich glaube, du gehst in die falsche Richtung. Zum Bad geht’s da lang“, sagte Gilbert mit kühlen Tonfall.
      Edwin beobachtete, wie sich auf dem Gesicht des Mannes erst Erstaunen, dann Wut und schließlich Frustration zeigte. Er riss seinen Arm los, warf den Zuber in Richtung Marie und stapfte in der ganzen Pracht seiner Nacktheit davon.
      „Tut mir leid, dass ich Euch da reingezogen habe“, sagte die Frau, während sie den Eimer aufhob. „Er kommt oft her und immer betrinkt er sich. Am helllichten Tag.“
      Gilbert nickte. „Wir hätten gern ein abgetrenntes Bad, ist noch eines frei?“
      „Natürlich.“ Sie betrachtete Gilbert. „Kennen wir uns?“
      Sein Mundwinkel zuckte. „Nicht, dass ich wüsste.“
      „Tut mir leid, ich habe mich wohl geirrt. Folgt mir, das Bad da drüben ist noch frei.“ Sie durchquerten den Garten, betraten eine Veranda. Dann traten sie wieder durch einen Vorhang. Dahinter befand sich ein kleiner Raum mit einer Sitzbank und einer Kommode. Fasziniert betrachtete Edwin den Boden, der aus großen Steinplatten zusammengefügt worden war. Zu Hause hatten sie festgestampften Lehmboden in ihrer Hütte gehabt, keine so schön gearbeiteten Steine.
      „Hier könnt ihr euch umziehen. Das Bad befindet sich gleich hinter dieser Tür.“
      „Vielen Dank. Und könnte ich noch um etwas bitten?“
      Eine kleine Falte erschien zwischen Maries Brauen. „Was ist es denn?“, fragte sie mit einem leichten Unterton von Misstrauen.
      „Keine Sorge, nichts Unsittliches“, sagte Gilbert trocken. „Wir sind auf der Durchreise und brauchen frische Kleider. Kannst du uns welche besorgen? Sie sollten nicht zu auffällig sein, aber doch einem Mitglied von hoher Kaste würdig.“
      „Könnt Ihr diese denn auch bezahlen?“, fragte sie skeptisch.
      Gilbert holte einen Beutel aus seinem Umhang hervor. „Die Bezahlung sollte kein Problem sein.“ Er warf ihr eine Münze zu. „Als Vorschuss.“ Sie nickte, wollte sich bereits zum Gehen wenden. „Außerdem würde ich mich gerne rasieren“, setzte Gilbert hinzu.
      Wieder ein Nicken, dann verschwand sie nach draußen.
      Nachdem sie sich ausgezogen hatten, öffnete Gilbert die Tür zum angrenzenden Raum. Warmer Dunst quoll durch die Öffnung, getränkt von einem süßlichen Geruch. Edwins nackte Füße erspürten den glatten Untergrund. Er ging voran und wäre beinahe ins Wasser gefallen, denn vor ihm senkte sich der Boden steil ab und ging über in ein wassergefülltes Becken. „Pass auf“, sagte Gilbert und hielt ihn zurück.
      Vorsichtig streckte Edwin eine Zehe ins Wasser. Es war angenehm war. „Juhuu!“, rief er und hüpfte auch schon hinein, ohne noch einmal darüber nachzudenken. Das Wasser spritzte in alle Richtungen.
      „He!“, hörte er Gilberts Stimme, als er den Kopf wieder aus dem Wasser herausstreckte.
      Lachend balancierte Edwin auf den Zehenspitzen, um nicht unterzugehen. Er hatte nie Schwimmen gelernt, deshalb war er froh, dass das Wasser nicht tiefer war. Nun stieg auf Gilbert hinein.
      „Das ist ja riesig!“, rief Edwin und hüpfte, die Nase so hoch wie möglich, von einem Ende zum anderen. Das Becken maß bestimmt sechs Schritte. „Zu Hause haben wir immer in einem Holzzuber gebadet. Und auch das selten.“ Er ruderte mit den Armen, tauchte unter, füllte den Mund mit Wasser und spuckte es in hohem Bogen wieder aus. „Pff, schmeckt widerlich!“, prustete er und lachte.
      „Komm mal her.“ Gilbert winkte ihn zu sich.
      Edwin stakste näher. Als er in der Reichweite seines Gefährten war, packte ihn dieser und tauchte ihn unter. Erschrocken strampelte Edwin durchs Wasser, bis Gilbert ihn wieder hochzog. „Das ist die Rache fürs Nassspritzen“, meinte Gilbert als Edwin ihn schockiert anschaute. „Schau nicht so. Du wirst doch noch ein bisschen Spaß vertragen.“
      Edwin zog eine Schnute und schaute sich im Bad um. Der Raum war niedrig und nicht viel größer als das Becken. Am Rand entdeckte er eine Schale, in der eine Seife lag. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Du warst noch nicht mit dem Kopf unten, oder?“, fragte Edwin und wedelte mit dem Stück Seife durch die Luft.
      Inzwischen hatte Gilbert sich eine Scheuerbürste gegriffen. „Mal sehen, bei wem der Dreck länger hält“, eröffnete er grinsend den Kampf.
      Wenige Minuten später saß Edwin keuchend am Rand des Beckens. Er war zwar vom Dreck befreit, aber seine Haut brannte von der Scheuerbürste und der Seife. Er betrachtete Gilbert, der mit geschlossenen Augen an der gegenüberliegenden Mauer der Vertiefung lehnte. Nun, da er wieder sauber war, konnte man die Narben auf seiner Haut noch viel besser sehen. „Musstest du viel kämpfen?“, fragte Edwin leise.
      Gilbert stieß ein Seufzen aus. „Viel zu viel.“
      „Weshalb?“
      „Das Leben ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst“, war die Antwort. „Aber das wirst du noch früh genug erkennen.“
      „Der Vogel, auf deinem Rücken“, begann Edwin von neuem. „Papa hatte denselben.“
      Gilbert schlug die Augen auf. Die Farbe von verwaschenem Blau. „Es ist das Zeichen dafür, dass wir in die Vogelkaste gehören. Jeder Bürger von Lux hat ein solches Mahl zwischen den Schulterblättern. Wenn du sechzehn wirst, dann teilen sie auch dich ein.“
      Edwin war überrascht, das zu hören. Bisher hatte er geglaubt, sein Vater sei der Einzige, der eine solche Zeichnung trug. Nicht einmal sein Onkel hatte eine ähnliche Verzierung gehabt.
      „Meinst du die Priester der Gnosis? Wie machen sie das? Woher wissen sie, wer in welche Kaste kommt?“, fragte Edwin weiter.
      „Sie sagen, es werde ihnen von den Götterwesen eingegeben“, schnaubte Gilbert. „Aber daran glaube ich nicht. Jeder, der Augen im Kopf hat, sieht, dass das nicht mit rechten Dingen zu und hergeht.“
      Nachdenklich fuhr Edwin mit den Füßen durchs Wasser. „Eine seltsame Welt“, murmelte er.

      Nachdem sie sich gewaschen und frisch eingekleidet hatten, gingen sie zu dem Geschäft zurück. Edwin betrachtete Gilbert eingehend. Sein Gesicht sah seltsam aus, wenn er frisch rasiert war. Er stupste ihn an. „Bist du wirklich Gilbert?“, fragte er.
      „Wer denn sonst?“, kam die Antwort zurück, mit Gilberts Stimme, aber scheinbar nicht aus Gilberts Mund. „Und wer bist du? Sag bloß nicht, du seist Edwin“, zog er ihn lachend auf.
      „Ich fühl mich wirklich etwas unwohl in diesem Aufzug“, bemerkte Edwin und zupfte an den Kleidern herum, die Marie ihm gebracht hatte. „Aber es tut gut, mal wieder sauber zu sein.“
      Gilberts Lächeln wurde etwas traurig. „Du kannst jeder Zeit zu Elvira nach Caput gehen, das weißt du, oder?“
      Edwin nickte. „Aber ich bleibe hier, bei dir.“
      Gilbert straffte die Schulter, dann betrat er den Laden. „Bleib hier, Jeela“, wies Edwin die Hündin an. Sie setzte sich neben die Tür und schaute ihn aus ihren großen Augen erwartungsvoll an. „Bin gleich zurück“, versprach er, dann betrat auch Edwin den Laden. Eine Glocke klingelte über ihm, doch ihr Klang ging im Stimmengewirr unter, das den Laden erfüllte. Tausende Lichter schienen ihnen entgegen, alles schillerte in den unterschiedlichsten Farben. Edwin hätte am liebsten wieder Kehrt gemacht, hier drin war es noch viel schlimmer als draußen. Der Laden war voller Leute, die sich zwischen den Regalen hindurchdrängten, um die magischen Gegenstände zu begutachten. Edwin bekam Gilbert gerade noch am Gewand zu fassen, bevor er zwischen den Leuten verschwand. Beinahe hätte er ihn nicht erkannt in der neuen Aufmachung. Sie reihten sich zwischen die Schaulustigen. Es gab leuchtende Blumen, die einen süßen Duft verströmten, kleine Kästchen, mit denen man Feuer machen konnte, Steine, die sich erwärmten, wenn man es wollte. Eine junge Frau hielt sich ein hübsches Amulett ans Ohr, sie lächelte entzückt. Edwin fragte sich, was sie wohl hören mochte. Gilbert gab vor, sich für ein kleines, metallenes Gerät zu interessieren. Es war rund und es tickte. Edwin konnte sich nicht vorstellen, wofür man es brauchen konnte. Das Ticken klang zwar schön, aber es war zu regelmäßig für Edwins Geschmack und die seltsamen Nadeln, die sich darüber drehten, ergaben für ihn keinen Sinn. Ein Mann mit einem seltsamen Gestänge auf der Nase tauchte neben ihnen auf. Er beugte sich über das Ding, welches Gilbert in den Händen hielt. „Gefällt sie Ihnen?“, fragte er mit heiserer Stimme.
      „Was ist das?“, fragte Gilbert etwas skeptisch.
      „Eine Uhr“, sagte der Mann geheimnisvoll.
      „Und wofür braucht man sowas?“
      „Sie zeigt die Zeit an“, erklärte der Alte. Seine buschigen Haare verdeckten Edwin die Sicht auf das Gerät, das immer noch monoton klickte.
      „Wie geht das?“ Gilbert klang interessiert.
      „Seht die Zeiger, die sich drehen. Mit ihnen kann man die Zeit ablesen. Im Innern der Uhr befindet sich ein komplexer Mechanismus – den ich übrigens selber entwickelt habe.“
      „Diese Uhr, oder wie ihr es nennt, ist nicht mit Magie betrieben“, stellte Gilbert fest.
      „Wie könnt ihr es wissen?“, fragte der Verkäufer überrascht.
      „Ich würde es spüren“, antwortete Gilbert.
      „Interessiert Ihr euch dafür? Äußerst praktisch, so eine Uhr. Man ist nicht mehr Abhängig vom Schlag der Kirche. Ich bin überzeugt davon, dass schon bald jeder Mensch eine besitzen wird.“
      Edwin konnte sich das beim besten Willen nicht vorstellen. Warum sollte man denn eine Uhr haben, wenn man die Zeit doch von der Sonne ablesen konnte.
      „Ich würde gerne erfahren, wie eine solches Gerät hergestellt wird“, sagte Gilbert. „Es muss eine sehr aufwändige und komplizierte Prozedur sein.“
      Der Mann fühlte sich sichtlich geschmeichelt. „Das ist es tatsächlich. Sehr komplex und es ist außerordentlich viel Fingerspitzengefühl nötig, um die Mechanik im Innern zusammenzubauen.“
      Das klingt doch schon nach Kinderarbeit, dachte Edwin und schaute Gilbert an. Falls er dasselbe dachte wie er, war ihm nichts anzumerken.
      „Wäre es möglich, die Produktionsstätte zu besuchen?“, fragte Gilbert mit einem gewinnenden Lächeln. „Es würde mich wirklich sehr interessieren, die Fertigung eines solch hochstehenden Geräts zu begutachten. Wenn es mir gefällt, überlege ich mir, dieses Artefakt mit einem Händler vertraut zu machen, der seltene Waren ins Ausland transportiert und dort zu hohen Preisen verkauft.“
      Edwin spürte die Aufregung des Mannes, als Gilbert ihm dies in Aussicht stellte. „Ah, was für ein Angebot“, sagte er mit zitternder Stimme. „Nur leider habe ich die Baupläne der Uhr verkauft.“ Ein Hauch von Wehmut schwang in seiner Stimme mit. „Mein Herzstück, ich habe die Pläne einem reichen Geschäftsmann verkauft. Er produziert die Uhren nun hier in der Nähe. Inzwischen liefert er sie gar nach Caput aus. Seit er das Geschäft übernommen hat, ist die Uhr um einiges schneller Vervielfacht worden. Viel schneller als ich es je gekonnt hätte.“
      Das mulmige Gefühl in Edwins Magen verstärkte sich. Ob dieser Anstieg an Produktion an vielen kleinen Kinderhänden liegen mochte, die unentwegt arbeiteten? „Könnt Ihr mir sagen wie ich den Mann finden kann?“
      „Ich gebe euch einen Gesellen mit, der kennt den Weg. Rolf!“, rief der Hakennasige und reckte sich über die Menge. „Rolf, komm her!“
      Ein Junge in Edwins Alter zwängte sich zwischen den Menschen hindurch und kam mit puterrotem Gesicht neben ihnen zum Stehen. „Bring die ehrenwerten Herren zu Gustav. Sie interessieren sich für die Produktion der Uhren. Sag ihm, dass ich sie geschickt habe.“
      Der Junge nickte. Sie verabschiedeten sich von dem Uhrenmacher und folgten dem Jungen nach draußen. Jeela sprang auf, als sie aus dem Geschäft traten und bellte freudig. „Komm hoch“, rief Edwin, worauf Jeela sich auf die Hinterbeine stellte, die Vorderpfoten auf seiner Brust, und ihm das Gesicht ableckte. Edwin prustete aus und lachte. „Schlabber Zunge“, gluckste er und kraulte sie hinter den Ohren.
      „Du hast einen Hund!“, sagte Rolf neidisch.
      „Sie heißt Jeela“, sagte Edwin. „Sie ist ganz lieb, du kannst sie streicheln, wenn du magst.“
      Das ließ sich Rolf nicht zweimal sagen. Erfreut streckte er die Hand nach der Hündin aus, doch Jeela duckte sich unter seiner Hand weg. Edwin spürte das Misstrauen, das die Hündin ergriffen hatte. „Tut mir leid, sie mag Menschen nicht besonders“, sagte Edwin. „Sie hat wohl zu viele schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht.“
      „Schlauer Hund“, lobte Gilbert. „Sie ist wie ich, wir wissen, dass man den Menschen nicht trauen kann.“
      Rolf sah enttäuscht aus.
      „Aber mich mag sie“, sagte Edwin.
      „Du bist auch nicht normal“, entgegnete Gilbert.
      Edwin dachte kurz über diese Worte nach. War das nun etwas Gutes oder etwas Schlechtes? „Wie bin ich nicht normal?“
      „Wenn mehr Menschen wie du wären, bräuchten wir uns nicht so viele Sorgen zu machen, stimmt’s, Jeela?“ Die Hündin leckte Edwin über den Handrücken. „Junge, wo lang geht es zu dem Uhrenmacher?“, fragte Gilbert an Rolf gewandt, bevor Edwin weiterfragen konnte.
      „Folgt mir.“
      Kurze Zeit später standen sie vor einem schmiedeeisernen Tor, dessen Flügel weit offenstanden. Ein Mann war gerade dabei, einen Ochsen mit Karren hindurch zu treiben, doch das Tier war mitten in der Öffnung stehengeblieben. „Mach schon!“, schnauzte der Mann und schlug dem Ochsen mit einem Stock aufs Hinterteil. Der Ochse setzte sich gemächlich in Bewegung. Sie folgten dem Karren in einen Innenhof. Rolf führte sie vorbei an einem Brunnen und weiter durch eine der vielen Türen, die von dem Hof wegführten. „Herr Gustav!“, rief er laut. „Herr Gustav, ich bin es, Rolf vom Laden.“
      Sie hörten es poltern ein Stockwerk weiter oben, dann erschien ein rundlicher Mann am oberen Ende der Treppe. „Was treibst du dich hier rum, ich bin beschäftigt!“
      „Mein Onkel schickt mich. Ich soll diese Herren hier zu Euch bringen.“
      „Wer ist es denn?“, fragte der Mann mürrisch und kam die Treppe hinunter.
      „Ich weiß es auch nicht“, gestand Rolf.
      „Wer seid ihr?“, fragte der Uhrmacher schroff.
      „Ich interessiere mich für die Herstellung Eurer Uhren. Ich habe Verbindungen zu Händlern aus Xan Yi. Falls diese Uhren mich überzeugen, könnte ich mir ein Geschäft mit dem Nachbarland vorstellen“, erklärte Gilbert.
      Augenblicklich veränderte sich der Gesichtsausdruck des Geschäftsmannes. „Ah, was für eine Nachricht!“, sagte er mit einem breiten Lächeln, das seinem Gesicht den Ausdruck einer Kröte verlieh. „Wie ist ihr Name, werter Herr?“
      „Gilbert Kornell.“
      „Ah, ja. Kornell, den Namen habe ich schon gehört. Ein Geschlecht, das man doch immer wieder mal mit dem Hohen Rat in Verbindung bringt, nicht wahr?“
      „So ist es. Mein Vater war ein Mitglied. Und mit wem habe ich die Ehre?“
      Der Händler streckte Gilbert die Hand entgegen. „Gustav Pecunia“, sagte er. „Die Ehre ist ganz meinerseits, Herr Kornell.“
      „Ich würde mir gerne die Produktion ansehen, wenn es möglich ist“, bat Gilbert.
      „Selbstverständlich. Folgt mir. Ah, Rolf, geh zurück zu deinem Onkel. Du hast sicher noch eine Menge Arbeit zu erledigen.“
      Rolf verbeugte sich und eilte nach draußen. Auch der Geschäftsmann trat hinaus. „Gehört das Tier zu euch?“, fragte er, als er Jeela sah. Edwin spürte seine Abneigung der Hündin gegenüber, auf seinem Gesicht jedoch prangte ein breites, wohlwollendes Lächeln.
      „Sie gehört zu mir“, antwortete Edwin.
      „Wie schön“, sagte der Händler, doch Edwin spürte, dass er dies alles andere als schön fand. Wie kann ein Mensch in seinem Innern nur so anders sein als außen?, fragte sich Edwin. Er fand den Mann immer unsympathischer. „Es wird wohl besser sein, er bleibt draußen.“
      Edwin streichelte Jeela, dann folgte er den beiden Männern über den Innenhof und durch eine andere Tür. Vor ihnen tat sich ein großer Raum auf. Durch unzählige Fenster fiel Sonnenlicht herein und erhellte die Tische, die ordentlich aufgereiht beinahe den ganzen Raum ausfüllten. Edwin konnte gar nicht zählen, wie viele es waren, es waren einfach zu viele. Und an jedem saßen mehrere Kinder, voller Konzentration über irgendwelche Metallteile gebeugt. Edwin stockte der Atem. So viele Kinder! Dann hatten sie also Recht gehabt. Erschrocken sah er zu Gilbert hoch, doch dieser ließ sich nichts anmerken. „Was tun sie?“
      „Sie setzen die kleinen Rädchen zusammen. Es ist ein raffiniertes System, welches die Uhren zum Laufen bringt. Unglaublich, dass es ganz ohne Magie funktioniert!“
      „Tatsächlich.“
      Einige der Kinder warfen Blicke zu ihnen herüber, widmeten sich aber sogleich wieder ihrer Arbeit. Der Mann führte sie durch die Reihen und Edwin betrachtete die Kinder. Sie sahen gar nicht so schlimm aus. Zwar waren sie dünn, aber sie schienen wenigstens gesund zu sein. Edwin sah, dass die meisten ein seltsames Gerät vor den Augen hatten, ähnlich wie das Drahtding des Ladenbesitzers. Wozu es wohl diente? Konnte es den Augen irgendwie bei der Arbeit helfen?
      Gilbert schaute einem der Kinder über die Schulter. „Wozu benutzen sie diese Vorrichtung vor den Augen?“, fragte er.
      „Noch eine geniale Erfindung von Damian. Es sind Gläser, die das Sichtfeld vergrößern. Damit können die Kinder noch besser arbeiten. Wie Ihr seht, sind die Räder und Schrauben äußerst fein.“
      Gilbert nickte. „Wirklich erstaunlich. Aber sagt mir, wie habt ihr all diese Kinder aufgetrieben?“
      Das Lächeln des Händlers wurde noch breiter, was Edwin für unmöglich gehalten hätte. „Eine meiner klugen Ideen, Herr Kornell“, sagte er, während sie weiter den Reihen entlangschritten. „Es sind Kinder aus dem Armenviertel der Stadt. Manche haben keine Eltern mehr und andere keine Eltern, die sich anständig um sie kümmern könnten. Ich habe sie eingesammelt und nun leben sie hier. Die meisten jedenfalls. Ein paar wenige gehen jeweils zu ihren Eltern zurück und wohnen dort. Aber die meisten wohnen hier bei mir, arbeiten für mich und verdienen sich so ihr Geld und ihre Daseinsberechtigung. Selbst die Heiligen Väter unterstützen mein Projekt. Seit ich hier Uhren herstelle, gibt es kaum noch Kinder, die auf den Straßen umherstreunern und stehlen.“ Man sah ihm an, wie zufrieden er mit sich war, doch Edwin wusste nicht recht, was er davon halten sollte. Von den Kindern machte keines einen Mucks. Ob sie auch so dachten wie der Händler? Er traute sich nicht, sie direkt zu fragen, also breitete er seinen Geist aus, um den Kontakt mit ihnen auf andere Weise zu suchen. Viele waren nervös, manche ängstlich. Alle waren hungrig, doch trauten sie nicht, sich etwas anmerken zu lassen oder gar zu klagen. Glücklich sind sie jedenfalls nicht, dachte Edwin.
      „Ich denke nicht, dass ich hier arbeiten wollte“, sagte Edwin gerade heraus.
      Das Lächeln gefror auf dem Krötengesicht. „Nicht?“, fragte der Händler mit hoher Stimme. „Nun, du kommst aus gutem Hause, Junge. Du musst dir darüber keine Gedanken machen.“
      „Ihr habt wohl recht, er ist verwöhnt“, stimmte Gilbert dem Herrn zu und legte Edwin eine Hand auf den Kopf.
      Edwin zog eine Schnute. Gilbert wusste genau, dass das nicht stimmte, aber er verstand seine Art ihm zu sagen, dass er besser schweigen sollte.
      „Soweit ich gehört habe, liefert ihr auch nach Caput?“
      „Sehr wohl.“ Das Lächeln zog den Mund in die Breite. „Gerade habe ich die Produktion ausgebaut. Die Nachfrage ist besonders bei den wohlhabenden Frauen hoch, wer hätte das gedacht? Die Uhr scheint sich bereits als Prestigeobjekt durchgesetzt zu haben.“
      Edwin verstand zwar nicht, was das sein sollte, aber der Händler schien überaus zufrieden damit zu sein und Gilbert nickte anerkennend. „Junge, willst du nicht nach draußen gehen, während ich mit deinem Vater die weiteren geschäftlichen Dinge regle. Dein Hund ist bestimmt schon untröstlich.“
      Gilbert nickte Edwin zu. Edwin legte den Kopf schief und betrachtete Gilberts rasiertes Gesicht. Ein anderes Gesicht, ein anderer Mann. Doch dann zwinkerte er ihm zu. „Ich brauche nicht lange. Geh schon zu Jeela, sie vermisst dich sicher.“
      Edwin drehte sich um und ging nach draußen. Erleichtert füllte er seine Lungen mit der frischen Luft. Jeela lag neben dem Brunnen, ihre Zunge hing aus ihrem Maul, sie hechelte. „Möchtest du Wasser?“ Edwin zog an der Winde einen Kessel mit Wasser aus der Tiefe des Brunnens und stellte ihn neben Jeela auf den Boden. Die Hündin machte sich gierig über das Wasser her. Er hörte jemanden fluchen und sah, dass der Mann von vorhin nun dabei war, seinen störrischen Ochsen wieder aus dem Innenhof hinaus zu treiben. Edwin konnte kaum mitansehen, wie er das Tier mit dem Stock schlug. Gut, dass du so ein dickes Fell hast, dachte Edwin. Er setzte sich neben Jeela auf den Boden. Ob dieser Gustav wohl gelogen hat? Sind die Kinder wirklich alle von hier? Oder hat er auch welche gekauft? Edwin ließ sich neben Jeela auf den Boden sinken. Woher weiß man schon, wann die Menschen lügen und wann sie die Wahrheit sagen?
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

    • Eine sehr eindrückliche Szene am Tor! Da dachte ich schon, es würde langsam etwas bremslig. Gut, dass Narben nicht lügen. Dann folgt ein langer Teil Kopfkino zum zurücklehenen. Einfach super, wie du uns in die Stadt führst. Auch, wenn sie deutliche Schattenseiten hat. Armes Huhn. Dann die Sache mit en Kindern. Da fühle ich mich etwas hin- und hergerissen. Einerseits werden sie offensichtlich ausgebeutet und machen sicher, wie Teppichknüpfer, ihre Hände kaputt, andererseits müssen sie nicht betteln, stehlen oder sich prostituieren, um zu überleben und auf der Straße schlafen. Oder im Verlies verrotten.
      Ach, die beamst einen einfach super in deine Welt. Und dann will man nur noch bummeln und alles ansehen... ^^

      RenLi schrieb:

      Weil du dich im Alkohol ersäufst
      Vielleicht "deinen Kummer/deine Trauer im Alkohol ersäufst"? Es ist jetzt nichts großes. Ich bin nur ein klein wenig gestolpert, es wäre nicht der Rede wert, wenn du nicht so toll schreiben würdest, dass schon ein winziges Stolperchen auffällt. :saint:
      Lasse nie zu, dass du jemandem begegnest, der nicht nach der Begegnung mit dir glücklicher ist.
      -Mutter Teresa
    • Ich möchte mich @Windweber anschliessen.
      Eine sehr schöner Spaziergang durch die Stadt, mit viel Atmosphäre.

      RenLi schrieb:

      Nachdem sie sich gewaschen und frisch eingekleidet hatten
      Hier hab ich mich gefragt, wo sie sich gewaschen haben. Ein Brunnen? Gibt es ein Waschhaus oder sind sie eingekehrt?
      Bleiben sie über Nacht? Wäre interessant zu beobachten, wie Edwin auf eine Taverne reagiert, mit Gauklern und Betrunkenen.
      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz
    • Hallo zusammen

      Cool, dass ihr euch von dem langen Abschnitt nicht habt abschrecken lassen!
      Für den Teil mit dem Umkleiden habe ich mir wirklich nicht sehr viel Zeit genommen. Eine Art Badehaus wäre schon cool. Im warmem Wasser zu plantschen würde Edwin sicher Spass machen, auch wenn Jeela dann wohl draussen warten müsste. Da könnte ich noch ein kleines Gespräch mit Gilbert einfügen, über dessen Vergangenheit.... hmm.... :D danke für den Tipp!

      Mich überrascht, dass ihr nichts zu dem Teil mit Anastasia angefügt habt. Aber ist halt auch erst ein kleiner Vorgeschmack. Vielleicht kann man als Leser auch gar noch nicht so viel damit anfangen. Mal sehen, was ihr dazu sagt, wenns dann weitergeht :saint:
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      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Hey,

      erstmal zu Post 210 ...

      Der Abschnitt ist wie immer genial geschrieben. Manchmal frage ich mich wirklich, wie du das machst. Hast du irgendwelche Eingebungen oder fließt das einfach so aus dir heraus? Die Art und Weise mit der du Edwin beschreibst, mit seiner einfühlenden Art und seinen besonderen Fähigkeiten, mit denen er seine Umwelt und die Menschen um sich herum wahrnimmt, gefällt mir wirklich gut, ebenso, wie du den gegensätzlichen Gilbert zeichnest.
      Wie Edwin den Hund beruhigt ist, wie ich finde, ganz großes Kino :) Also nochmal: Hut ab!


      Hier sind nur ein paar Dinge, die ich gefunden habe:

      Spoiler anzeigen


      RenLi schrieb:

      Eigentlich gab er zwei Gilberts.
      es

      RenLi schrieb:

      Die Ziegen schauten neugierig auf und begannen zu meckern, als die Menschen ihr Reich betaten
      betraten

      RenLi schrieb:

      Die Augen des Tieres funkelten ihn aus dem Halbdunkel hervor an. Angst, Schmerz und verzweifelte Wut blitzten ihm entgegen. Unter den Augen der Menge setzte Edwin sich vor den Tisch und schloss die Augen
      ein bisschen viel Augen ???

      Irgendwo stand noch "...sie schein Angst vor ihm zu haben" (ich habe es jetzt nicht wiedergefunden)



      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Hohoo, Badeszene eingefügt :D Was sagst du dazu, @Sensenbach? Sogar mit einem Betrunkenen, nur für dich ;)

      Hi Rainbow, deine Anmerkungen sind auch schon umgesetzt, jedenfalls in meinem Skript.
      Wie gesagt, hab ich eine Weile gebraucht, um mich von Richard in Edwin einleben zu können. Scheint gelungen zu sein. Ich glaub, es ist gut für mich, wenn ich mich immer nur auf eine Person konzentrieren muss. So kann ich mich wirklich in sie hineinversetzen. Keine Ahnung, wie ich die Teile dann zusammenfügen werde. Darüber mach ich mir dann später Sorgen.
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
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      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Liebe @RenLi
      das ging aber fix. Die neue Szene passt ganz gut rein, finde ich und es auch keine "Lücke" mehr da. ;)

      RenLi schrieb:

      Mich überrascht, dass ihr nichts zu dem Teil mit Anastasia angefügt habt.
      Den Abschnitt finde ich natürlich sehr interessant. Hab aber nichts dazu gesagt, ich warte bis es klarer wird was los ist.
      Sonst kommentiere ich ins Leere.
      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz
    • Hey,

      da ich hinterherhinke, bin ich sofort beim ersten Lesen in den Genuss der Badeszene gekommen. Kaum zu glauben, dass sie zuerst nicht da war. Ich finde, sie passt super da rein. Überhaupt finde ich es immer wieder total geil, wie du deiner Geschichte Leben einhauchst und mit vielen kleinen Details und Anekdoten das Ganze so authentisch und nachvollziehbar machst.

      Die Sache mit dem Huhn war so eine Szene, wo ich schmunzeln musste, oder die Neckereien zwischen Gilbert und Edwin, als Gilbert sagt:"Du bist auch nicht normal!" :rofl: Die Beschreibungen des Marktes und überhaupt der ganzen Stadt sind natürlich wie immer große klasse. Lustig fand ich auch die Sache mit den Uhren. Wie herrlich du diese für Gilbert und Edwin total innovative und neue Erfindung eingebaut hast und Edwins Gedanken zu der Sinnhaftigkeit eines solch überflüssigen Gerätes dargestellt hast...Ich finde, dieser Teil war voll gespickt mit solchen schönen kleinen Details...

      So, und damit ich aus dem Schwärmen irgendwie wieder herauskomme, hier noch ein "Pseudofehler", weil irgendwas müssen wir ja beanstanden, damit du uns nicht vor Lauter Lob noch abhebst :)


      RenLi schrieb:

      Ich würde gerne erfahren, wie eine solches Gerät hergestellt wird...
      ein

      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Hihi, ich schweb schon direkt unter der Decke - gut, dass ich nicht draussen bin.
      Vielen Dank für eure lieben Worte! Ich fühle mich geehrt und brenne schon darauf, den nächsten Teil einzufügen (braucht aber noch ein bisschen). Bin natürlich froh, wenn ihr mir ab und an eins mit der Schaufel über den Kopf zieht, damit die Luft wieder raus kann :saint:
      gut, dass sich die Badeszene ohne Lücke integrieren liess, ich war mir da nicht sicher, ob ichs mit der Länge etwas übertrieben hatte...

      Also dann, ich wünsch euch einen tooolllen Dienstag!! <3
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi