Der Sinn des Lebens

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    • Der Sinn des Lebens

      8. November 2016
      Hallo zusammen

      Mit meinem im Moment liebsten Projekt starte ich meine erste Geschichte hier im Forum. Ich hoffe, ihr findet sie spannend :)

      Liebe Grüsse
      Ren

      10. Oktober 2017

      Habe inzwischen viele Veränderungen vorgenommen, aufgrund von Rückmeldungen von Forumsmitgliedern und eigenen Überlegungen. Danke euch allen!!! @Rainbow @Windweber @Aztiluth @Tnodm0309 @Sensenbach @Shaylee @Genesis :thumbsup:
      Wer also neu mit der Geschichte beginnt, wird merken, dass die alten Kommentare oftmals nicht mehr zu den Textstellen passen. Sorry dafür. Wünsche trotzdem viel Spass beim Lesen!

      Liebe Grüsse
      RenLi

      Prolog

      Anstelle seiner weißen Robe trug er heute Schwarz. Licht und Dunkelheit, die beiden Seiten derselben Medaille, dachte er vergnügt. Das eine kann ohne das andere nicht existieren.
      Die Nachtluft strich ihm angenehm kühl über das Gesicht, nach der Hitze des Tages eine Wohltat. Er ritt den schmalen Feldweg entlang und blickte seinem Ziel entgegen. Die dunkle Silhouette der Burgruine zeichnete sich deutlich vor dem sternenklaren Himmel ab. Die alten verfallenen Mauern reckten sich wie die Mahlzähne eines Riesen in die Höhe, verlassen und finster. Der Anblick jagte dem Reiter einen Schauer über den Rücken. Wie passend für dieses Treffen, fand er und ließ sein Pferd etwas gemächlicher gehen. Er wollte diesen Moment genießen. Zu lange hatte er bereits gewartet. Aber das Schicksal war nun endlich auf seiner Seite. Dass er diesen Auftrag außerhalb der Stadt erhalten hatte, hatte ihm die perfekte Gelegenheit gegeben, um seine eigenen Ziele zu verfolgen. Normalerweise bediente er sich Handlangern, um solche Angelegenheiten zu regeln, doch diesen denkwürdigen Augenblick wollte er sich von niemandem nehmen lassen. Wie sehr er sich doch diesen Moment herbeigesehnt hatte!
      Er erreichte die Kuppe des Hügels, auf welchem die Burg stand. In sicherer Entfernung zur Ruine sandte er seinen Geist aus und hüllte die alten Mauern damit ein. Welch ein freudiges Gefühl sich stets in ihm ausbreitete, wenn er es sich erlaubte, den Einengungen dieses menschlichen Körpers zu entfliehen. Er tastete die Festung ab und erspürte drei Leiber, die sich darin aufhielten. Allem Anschein nach drei erwachsene Männer. Welcher ist es?! Er wagte sich näher an die drei Gestalten heran. Einer schien bewusstlos zu sein, denn von ihm her vernahm er nur sehr schwache Signale. Dieser? Er streckte seine geistigen Fühler aus und drang in den Bewusstlosen ein. Unerwarteter Schmerz durchzuckte seinen Schädel und beförderte ihn mit einem Schlag zurück in seinen Körper. „Selbst jetzt wiedersetzt du dich mir noch!“, zischte er zwischen zusammengepressten Zähnen. „Aber nicht mehr lange!“ Er atmete heftig ein und aus, dass seine Nasenflügel bebten. Ich lasse mir diesen Moment nicht verderben, dachte er und augenblicklich war er wieder von heiterer Ruhe erfüllt.
      Nicht umsonst hatte er jahrelang seine Geisteszustände zu kontrollieren gelernt. Noch einmal weitete er sein Wahrnehmungsfeld aus. Zufrieden stellte er fest, dass außer den drei Männern niemand in der Nähe war. Sie hatten also aus ihrer letzten Begegnung mit ihm dazu gelernt. Zusätzliche Männer vor ihm zu verstecken lohnte sich nicht, denn vor ihm konnte nichts verborgen bleiben.
      Anscheinend hatten sie sein Kommen bemerkt, denn einer setzte sich in Bewegung. Der Schwarze zog seinen Geist zurück und lenkte sein Pferd um eine Ecke der Burgruine, wo ein klaffendes Loch in der Mauer bestand. Hätte er den Banditen nicht gespürt, er hätte ihn in der Dunkelheit nicht von den Steinen zu unterscheiden vermocht. Doch dank seiner hochsensiblen Wahrnehmung erblickte er die Schemen des Mannes wenige Schritt weit hinter der Öffnung.
      Er ließ sein Pferd anhalten. „Ihr wart erfolgreich, wie ich sehe“, rief er dem Mann entgegen.
      „Und Ihr seid wie immer nicht zu überraschen. Wir haben ihn hier, betäubt und gefesselt.“
      Ah, was für eine Genugtuung. Der Verbrecher. Der Übeltäter, der Schwindler und Verführer. Ein für allemal gefasst und mir höchst persönlich ausgeliefert! Der Reiter schwang sich vom Rücken seiner Stute und landete sicher zwischen den hohen Gräsern.
      „Ich möchte ihn mir ansehen.“
      Der Mann führte ihn durch das Loch und nicht weit dahinter zu dem Gefangenen, der an einen Mauerrest gelehnt dalag. Der Schwarze kniete sich nieder, die Luft schien vor Anspannung zu knistern. Er beugte sich näher, doch in der Dunkelheit konnte er das Gesicht des Bewusstlosen nicht erkennen. Nur für einen kurzen Moment, dachte er und ließ eine Flamme in seiner Hand aufflackern. Dieses Gesicht! Die Flamme erlosch. „Er ist es! Er ist es tatsächlich!“
      Er bemerkte, dass sein Herz viel zu schnell schlug und sein Atem stoßweise ging. Nur mit Mühe gelang es ihm, die Fassung zu bewahren. Anscheinend habe ich noch viel zu lernen. Sind nicht eben solche Augenblicke die Prüfungen an welchen wir unsere Fertigkeiten messen können? Selbst jetzt die Ruhe zu bewahren, das ist die Herausforderung, die mir die Götterwesen stellen.
      Er erhob sich und wandte sich an den Händler. „Hebt ihn auf das Pferd“, gebot er und warf dem Mann einen Beutel Münzen zu. Dieser fing ihn geschickt auf und verstaute ihn grinsend im Innern seines Mantels. „Das ist die Mühe wert gewesen“, meinte er. Die Männer packten den Bewusstlosen und hievten ihn zu dem Pferd hinüber. „Ihr solltet aufpassen mit dem Burschen da. Wir mussten ihm die doppelte Dosis reinhauen, damit er überhaupt erst umgekippt ist. Das war nicht normal.“
      „Lasst das mal meine Sorge sein. Ich kümmere mich schon um ihn“, antwortete der Schwarze. Zufrieden verfolgte er, wie die Männer den Bewusstlosen am Sattel festbanden.
      Dann führte er die Stute zum Ausgang zurück. Auf ihrem Rücken lag, wie ein Sack darüber geworfen, Benjamin Rinstein.

      Spoiler anzeigen

      für alle langjährigen Leser hier eine kleine Übersicht (mal chronologisch) über die bisherigen Geschehnisse:



      Jahr


      Jakob
      Richard
      Edwin
      549


      Geburt


      550



      Geburt

      555




      Geburt
      560


      trifft Richard
      Trifft Jakob




      geht nach Caput





      lebt auf der Strasse





      verbringt den Winter in Elvira Kornells Waisenhaus


      561


      trifft Emilie und Mar





      besetzt Haus mit den Strassenkindern





      (Mar, Hagar, Seraphina, Will)



      Sommer

      trifft geheimnisvollen Turban-Mann


      562
      Winter

      besucht Emilie, sie ist völlig am Ende und wirft ihn raus

      spielen, lachen, Waldgeister beobachten



      Flucht aus dem besetzten Haus, zurück ins Waisenhaus








      564
      Frühling


      Tod von Onkel Johan
      dito




      Verschwinden des Vaters (Ben)
      dito




      Überquerung des Sumpfes
      dito




      Trennung von Edwin
      Trennung von Richard




      Reise nach Caput
      Gefangennahme durch Menschenhändler




      Anstellung in Uriels Bart
      Treffen mit Gilbert und Talmud





      Entscheidung: mit Gilbert im Wald bleiben


















      565
      Frühling


      Treffen mit geheimnisvollem Fremden





      Auftrag: David aus Sala suchen

      566
      Frühling


      Tod von Theodor (Wirt)





      Gefängnis in Caput





      Arztbesuch, unheilbare Krankheit





      Aufnahme im Ducatus (Gnosis)





      Schüler von Samuel





      Freundschaft mit Sessilia, Eli, Aaron, Fried





      Reise nach Aper





      Reise nach Pulvis (Dämonen)






      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 8 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

    • Sende aus deinen Geist und das Antilz der Erde wird neu

      Teil 1: Ankündigung

      Richard, wie es begann (560 n. Rh.)
      #Anmerkung: die Zahl da ist die Jahreszahl. Ich fand es nötig, die hinzuschreiben, sonst wird es mit der Zeit etwas kompliziert. n. Rh. bedeutet: nach Rhamnus. Er ist der Religionsgründer in der Geschichte...#


      „Ich würde alles hergeben, wenn ich dafür den Sinn des Lebens erfahren könnte“, sagte der blonde Junge mit einem stolzen Grinsen.
      „Selbst wenn du dafür dein Leben hergeben müsstest?“, fragte Richard.
      „Hmm, nein. Dann wohl nicht. Was würde es für einen Sinn machen, wenn ich mein Leben nicht mehr hätte? - Was denkst du ist der Sinn des Lebens? Hat es überhaupt einen Sinn? Oder wie kann ich ihm einen Sinn geben?“
      Richard überlegte. „Ich weiß nicht genau. Aber vielleicht müssen wir das auch gar nicht wissen. Reicht es nicht, am Leben zu sein?“
      Jakob hob eine Braue. „Wie sollte das denn ausreichen? Da könnten wir uns ja gleich alle in eine Grube werfen.“
      „Weshalb? Magst du dein Leben nicht?“, fragte Richard verunsichert.
      „Mit diesen Aussichten? Wir werden in diese Welt geworfen mit nichts. Wir stolpern auf der Erde herum und klammern uns an unser schäbiges Leben. Dabei ist das einzige, worüber wir uns sicher sein können, unser baldiger Tod. Wäre es nicht besser, gleich zu sterben? Anstatt unser Schicksal noch länger ertragen zu müssen?“
      Richard sah Jakob schockiert an. Noch nie hatte er jemanden so abschätzig über das Leben reden hören. „Ich weiß nicht recht. Ich empfinde es nicht als schlecht, hier zu sein.“
      „Vergiss es. Ich hab‘ auch etwas übertrieben“, murrte Jakob. „Ich klammere mich ja selbst an mein eigenes, schäbiges Leben. Und bevor ich den Sinn von alledem nicht herausgefunden habe, kann ich auch gar nicht sterben“, sagte er entschieden.
      „Mein Vater sagt, dass alle Menschen nach dem Tod wieder auf die Erde kommen. Und dass wir hier sind, um zu lernen“, erinnerte sich Richard. Er versuchte, etwas Positives in das Gespräch einzubringen, denn für ihn war das Leben etwas Heiliges, etwas, das er zu achten und schätzen gelernt hatte.
      Doch Jakob zog nur eine verdrießliche Miene. „Das haben die uns auch gepredigt. Aber dann frag ich mich: was nützt es uns, wenn wir wieder hierherkommen und uns nicht daran erinnern, was wir schon gelernt haben? Nur weil die Kerle von der Kirche uns erzählen, dass es die Wiedergeburt gibt, heißt das für mich noch lange nicht, dass es auch tatsächlich so ist. Denn eines ist für mich auf jeden Fall klar: Ich glaube nur, was ich selbst gesehen habe“, schloss er.
      Richard war beeindruckt, dass Jakob sich so viele Gedanken dazu gemacht hatte. Er selbst hatte noch nie groß über das Leben, den Tod oder die Welt der Götter nachgedacht. Wenn sein Vater ihm etwas erzählte, dann brauchte er auch nicht weiter darüber nachzudenken. Seine Worte wurden für ihn zur Realität, sobald dieser sie aussprach. Vielleicht sollte er noch einmal mit ihm darüber sprechen. An Jakob gewandt sagte er: „Als meine Großmutter starb, da schien sie ganz zufrieden zu sein. Vielleicht sogar glücklich?“ Er erinnerte sich noch an ihre strahlenden Augen. Schon lange war sie kaum mehr ansprechbar gewesen. Doch kurz vor ihrem Tod hatte sie ihn angeschaut. Mit diesem Blick.
      „Ich glaube nicht, dass der Tod glücklich ist. Ich meine, dann gehst du. Du lässt alles zurück. Du lässt deine Familie im Stich. Ich finde, es ist feige, einfach zu sterben“, beharrte Jakob.
      Richard schwirrte der Kopf. Jakob dachte so ganz anders, als er es gelernt hatte. Deshalb zuckte er etwas hilflos mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich denke nicht gern über den Tod nach“, gab er zur Antwort.
      „Siehst du, lieber übers Leben nachdenken.“ Der blonde Junge sah ihn triumphierend an.
      Richard blickte über den Sumpf hinweg. Es beruhigte ihn, die vertraute Gegend in sich aufzunehmen. Der Sumpf schien sich nie zu verändern, er sah immer gleich aus und verbreitete immer denselben unangenehmen Modergeruch. Richard blickte zu seinem Vater, der den Esel des Händlers am Zaum führte. Richard war sich sicher, dass er das Durcheinander in seinem Kopf wieder richten würde.
      „Und was ist dein Plan? Wie willst du den Sinn des Lebens finden?“, fragte Richard den seltsamen Jungen.
      Nun begannen Jakobs Augen zu leuchten. „Ich gehe in die Stadt! Dort gibt es so viele Menschen. Und Universitäten. Und Reisende von überall her. Händler, Weise, Zauberer. Irgendjemand muss den Sinn des Lebens doch schon gefunden haben!“
      Richard machte große Augen. Er konnte nicht leugnen, dass er Caput, die Hauptstadt, selber gerne einmal gesehen hätte. Er hatte schon etliche Geschichten aus der großen Stadt gehört. Immer wenn Leute aus Caput kamen und über den Sumpf wollten, dann lauschte er ihren Gesprächen, reimte sich eine eigene Version der Stadt zusammen. Manchmal ertappte er sich dabei, wie er sich ausmalte, selbst einmal dahin zu gehen. Vielleicht mit seinem Vater oder Onkel. Zwar hörte er nicht nur Gutes, durchaus nicht. Auch seltsame Dinge, die er nicht verstand. Oder Dinge, die er nicht hören wollte.
      „Du kannst mich begleiten, wenn du willst“, bot Jakob an.
      Richards Herz machte einen Sprung, doch er hob abwehrend die Hände. „Nein, nein. Das ist nichts für mich. Und ich kann meine Familie nicht allein lassen. Das hier ist mein Zuhause. Vor allem Edwin braucht mich.“ Seine Ausreden klangen schal in seinen Ohren. Wehmütig dachte er an seinen kleinen Bruder, der doch gerade erst fünf geworden war.
      „Du verpasst was, ehrlich. Aber naja, deine Entscheidung.“
      Richard dachte an den fremden Ort, Bilder aus seiner Fantasie stiegen auf, verlockend, abenteuerlich. Doch er schob sie schnell beiseite, versteckte sie tief in seinem Inneren. Er konnte nicht weg, seine Familie brauchte ihn. Und Vater würde es niemals erlauben.
      „Wann gehst du, Jakob?“, fragte Richard.
      „Sobald wir auf der anderen Seite sind. Solange mein Leben keinen Sinn ergibt, macht es auch keinen Sinn, länger zu bleiben.“
      Richard sah in Jakobs entschlossenes Gesicht und versuchte ein Lächeln. Doch eigentlich stimmte es ihn traurig, dass Jakob schon bald gehen würde. Sie hatten sich auf Anhieb so gut verstanden. Andererseits, jetzt war er ja noch da. Es lohnte sich nicht, schon jetzt traurig zu sein.


      Richard, Reiseträume (561 n. Rh.)
      Oft saß Richard auf einem der Hügel und blickte über den Sumpf hinweg. Auf der anderen Seite sah er die Bergkette, die ihn vom nördlichen Teil des Landes und der Hauptstadt trennte. Es war bereits ein ganzes Jahr her, dass Jakob in die Stadt aufgebrochen war. Ob er sein Ziel wohl erreicht hatte? Vielleicht hatte er sich unterwegs verirrt. Auf den schmalen Bergpfaden konnte man leicht abstürzen, zudem gab es wilde Tiere in den Wäldern. Ein Reisender hatte ihm gar von einer Hexe erzählt, die angeblich in einer Höhle weit oben im Gipfel eines der Bergriesen wohnte und Knaben wie ihn oder Jakob mit einem Bissen verschlang.
      Wann immer Richard an Jakob dachte, war er von einer Mischung aus Bewunderung und Furcht erfüllt. Sehnsüchtig schaute er in Richtung Caput. Vielleicht würde sein Freund plötzlich wieder auftauchen, mit seinem breiten Grinsen im Gesicht. Schon von weitem winkend. Dann würde er von all den Geschehnissen in der großen Stadt erzählen und vom Geheimnis des Lebens. Wie oft hatte er sich ihr Treffen nun schon ausgemalt? Schließlich hatte Jakob doch versprochen, ihn wieder zu besuchen. Ich hätte mitgehen sollen, dachte er. Vielleicht hätte Jakob meine Hilfe gebrauchen können. Doch die Jahre zogen dahin und Richard blieb, wurde älter, wuchs heran, während der Sumpf immer derselbe blieb, mit seinem fauligen Geruch und der unglaublichen Weite.

      Richard, Geschwister (564 n. Rh.)
      Richard wurde von der Sonne geweckt. Etwas kitzelte ihn in der Nase. Schläfrig wischte er darüber und stieß gegen etwas Hartes. Durch die schmalen Schlitze seiner Augen erkannte er das schwarze, krause Haar seines kleinen Bruders. Edwin war in der Nacht wieder zu ihm unter die Decke gekrochen. Richard betrachtete sein Gesicht. Eine tiefe Falte hatte sich zwischen den Brauen des neun jährigen Jungen gebildet, Edwin stöhnte. Wahrscheinlich hatte er wieder einen Albtraum. Richard stützte sich auf und rüttelte Edwin an der Schulter. „Wach auf, Edwin, die Sonne scheint schon“, sagte er und Edwin fuhr ruckartig aus dem Schlaf hoch. Er blinzelte verwirrt, erblickte Richard und kuschelte sich an ihn.
      „Albtraum?“, fragte Richard und Edwin nickte an seiner Brust. Richard strich seinem Bruder sanft über den Rücken, wie er es oft tat, wenn Edwin etwas bedrückte. Meistens war er zwar ein fröhliches, sorgenloses Kind, doch immer wenn Vater weg war, dann plagten ihn Albträume. „Er kommt bald wieder heim, heute, oder morgen“, versicherte er. Obwohl, eigentlich hätten sie längst zurücksein müssen, dachte Richard bei sich.
      Wieder nickte Edwin. Eine Weile blieben sie so liegen, dann begann Edwin sich zu rühren. Er zappelte mit den Beinen und piekte Richard mit dem Finger in die Seite. „Auf, auf, es ist schon Morgen!“, imitierte er ihren Vater.
      Richard lachte und wuschelte Edwin durchs Haar. Gemeinsam standen sie auf, schnappten sich leere Eimer und verließen die Hütte um Wasser vom Brunnen zu holen. „Den blonden Mann, den großen, den mochte ich nicht“, sagte Edwin aus heiterem Himmel, als sie am Brunnen standen und den ersten Eimer am Seil hinunter wandern ließen.
      Richard versuchte sich an die Reisenden zu erinnern, mit denen Vater und Onkel Johan auf die andere Seite des Sumpfes aufgebrochen waren. War einer blond gewesen? „Was hat dir denn an ihm nicht gefallen?“, fragte Richard nach. Es war nicht typisch für seinen Bruder, etwas Schlechtes über einen anderen Menschen zu sagen. Normalerweise mochte er alles und jeden, er war ein richtiger Sonnenschein.
      Edwin stützte sich auf den Brunnenrand ab und schaute in die Tiefe. „Ich glaube, er hat mich an meine Albträume erinnert“, meinte er nachdenklich. „Vielleicht war er einfach sehr, sehr traurig. Meinst du, ich hätte ihm helfen können?“
      „Wie hättest du ihm denn helfen sollen?“
      „Keine Ahnung“, antwortete Edwin, er klang traurig. „Ich bin froh, wenn Papa wieder da ist“, seufzte er.
      Richard zog den Eimer aus dem Brunnen und stellte ihn auf den Rand. „Wenn er zurück ist, dann frage ich ihn, wie er deine Albträume vertreibt. Wann immer er nicht da ist, werde ich dann auf dich aufpassen“, sagte Richard entschlossen.
      „Wirklich?“, fragte Edwin hoffnungsvoll.
      „Klar. Für dich mach ich alles“, sagte Richard und grinste.
      „Juhu, du bist der Beste!“, rief Edwin und warf sich ihm entgegen.
      Nachdem sie die Eimer zurückgetragen hatten, gossen sie die Pflanzen, die bereits aus der umgegrabenen Erde neben der Hütte sprossen. Sie waren noch nicht sehr groß, denn der letzte Schnee lag noch nicht lange zurück, aber man konnte bereits Radieschen von Salaten unterscheiden.
      Plötzlich hielt Edwin inne. Intuitiv griff er nach Richards Hand, sein Blick ging in die Ferne. „Richard“, flüsterte er. „Papa kommt, wir müssen ihm helfen.“
      Besorgt betrachtete Richard das abwesende Gesicht seines Bruders. Er zweifelte nicht daran, dass Edwin Recht hatte. Er war es gewohnt, dass Edwin Dinge wahrnahm, die andere nicht sahen, oder dass er Dinge wusste, die er eigentlich nicht wissen konnte. „Ist ihm etwas zugestoßen?“, fragte er, um Ruhe bemüht.
      „Ich weiß es nicht genau. Irgendetwas ist nicht gut. Ich glaube, er hat Angst“, murmelte Edwin und zog Richard mit sich, den Hügel hinunter in Richtung Sumpf.
      Angst? Vater kann nicht Angst haben, dachte Richard und merkte wie ihm selbst bang wurde.
      Die Jungen erblickten zwei Gestalten unten am Rand des Moores. Sie begannen zu rennen, stolperten den Hang hinunter. „Vater!“, schrie Richard.
      Er sah, wie einer der beiden Männer aufblickte, tatsächlich ihr Vater. Er hielt den anderen Mann gestützt und half ihm beim Gehen. „Was ist mit Onkel Johan, Richard?“, fragte Edwin.
      „Ich weiß nicht, schneller, Edwin“, keuchte Richard. Nun war er es, der seinen Bruder hinter sich herzog.
      Modergeruch wehte ihnen entgegen, sie erreichten den Rand des Sumpfes, markiert durch eine Reihe von Bäumen und Sträuchern. Von hier an konnte man jeder Zeit im Morast einsinken. „Bleibt am Rand“, rief ihr Vater ihnen entgegen. Sie blieben stehen.
      „Bleib du hier, Edwin. Ich helfe Vater“, ordnete Richard an und befreite seine Hand aus der Edwins. Er machte ein paar unsichere Schritte nach vorne. Der Boden war hier noch relativ fest. Matsch und Wasser quoll zwischen Richards Zehen hervor. Es funktioniert nicht, ich bin zu nervös, dachte Richard und biss die Zähne zusammen. „Keine Sorge, wir sind gleich bei euch“, hörte er seinen Vater rufen. „Geh wieder zurück.“
      Doch Richard ging weiter. Es war nicht das erste Mal, dass er sich alleine über den Sumpf bewegte. Schon seit klein auf hatte er immer wieder Versuche gemacht, über den seichten Untergrund zu gehen, wie sein Vater und Onkel es taten. Bei ihnen sah es so einfach aus, als wäre der Boden fest. Auch er beherrschte die Dichte des Bodens inzwischen beinahe mühelos, nur wenn er nervös war, dann fiel es ihm schwer und er lief Gefahr einzusinken. Alles ist in Ordnung, versicherte Richard sich selbst. Vater geht schließlich auch ohne Probleme vorwärts.
      Nach und nach ging es leichter, der Boden hielt seinem Gewicht stand und Richard trat sicherer auf. Bald schon hatte er die beiden Männer erreicht. Onkel Johan sah nicht gut aus. Er atmete schwer, sein Gesicht war bleich, die Augen hielt er geschlossen. „Was ist passiert?“, fragte Richard, während er seinem Vater half den Onkel zu stützen.
      „Bis vor zwei Tagen ging es ihm noch gut, ich weiß es selbst noch nicht genau. Vielleicht eine Krankheit. Auf jeden Fall müssen wir Johan erstmal hinauf zur Hütte bringen.“
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 13 mal editiert, zuletzt von RenLi () aus folgendem Grund: Grundlegende Überarbeitung (Stand vom 19.10.2017)


    • Hallo RenLi :)

      Tjaja, der Sinn des Lebens ^^
      Erst einmal finde ich es spannend, darüber eine Geschichte zu machen. Mir gefällt der Grundgedanke sehr gut und ich finde deine ersten Ideen dazu auch vielversprechend. Dein Idee und - soweit ich das auf dem kurzen Stück einschätzen kann - deine Art zu schreiben, haben Potential.
      Leider ist mir dein Text ein bisschen zu kurzatmig. Ich fühle mich beim Lesen sehr gehetzt, es fühlt sich irgendwie sehr sprunghaft, atemlos an. Es ist ein bisschen schwierig, sich dann auf den Text einzulassen und das ist schade, vor allem bei dem Thema.
      Außerdem benutzt du recht viel haben/sein - entschuldige, das ist so ein Spleen von mir, aber ich glaube einfach, dass es einen Text lesbarer macht, wenn du dafür andere Wörter findest. ("hatte" z.b. lässt sich oft durch "besaß" ersetzen oder durch eine Umstellung des Satzes ganz vermeiden)
      Und was mir noch aufgefallen ist: Der Sinn des Lebens.
      Ich weiß, du schreibst darüber, aber versuche trotzdem Umschreibungen zu finden. Je öfter du nämlich ein Wort benutzt, desto eher denkt der Leser "JA DOCH! Ich hab verstanden, dass es um den Sinn des Lebens geht ;) ( Sinn des Lebens; der Grund, warum wie leben; der Grund des Daseins; Der Sinn hinter allem usw. - du siehst, es gibt Möglichkeiten.)

      Im Spoiler findest du drei Beispiele, die ich mal heraus gepickt habe, weil sie mir besonders aufgefallen sind und weil ich daran etwas bildlicher verdeutlichen kann, was ich meine.

      Spoiler anzeigen

      RenLi schrieb:

      «Ich würde alles dafür hergeben, wenn ich dafür den Sinn des Lebens zu erfahren könnte.»
      «Und Auch wenn du dafür dein Leben selbst hergeben müsstest?»
      «Hmm, nein. Dann wohl nicht. Was würde es auch bringen für einen Sinn machen, wenn ich mein Leben nicht mehr hätte. dafür sterben müsste? - Was denkst du denn, ist der Sinn des Lebens Zweck des Daseins? Weshalb sind wir hier? Hat es überhaupt einen Sinn Grund
      Dieser Anfang gefällt mir von der Idee her sehr gut. Allerdings ist er ein wenig holprig, was vielleicht an der Wortwiederholung liegt. Oder an den Fragen, die ein bisschen übergangslos sind. Ich habe dir in grün mal einen Vorschlag gemacht, den du aber nicht annehmen musst :)

      RenLi schrieb:

      Zwar hörte er nicht nur Gutes, durchaus nicht. Auch seltsame Dinge, die er nichtverstand. Oder Dinge, die er nicht hören wollte.
      Hier fehlt mir irgendwo ein "aber" - ich meine mich zu erinnern, dass "zwar" ein "aber" fordert.
      So wie bei "sowohl" und "als auch".

      RenLi schrieb:

      «Sobald wir auf der anderen Seite sind. Solange mein Leben keinen Sinn ergibt, kommt es mir nutzlos vor macht es auch keinen Sinn, länger zu bleiben.»
      Hier ist mir das dann besonders aufgefallen mit dem Sinn und dem Leben :) In Grün findest du wieder einen Vorschlag.


      Soweit also.
      Ich hoffe, ich habe dich jetzt nicht verschreckt. Mir geht es nämlich genau darum, dass ich deine Idee erstmal spannend finde - wer sucht nicht nach dem Sinn des Lebens? - und denke, dass daraus etwas werden könnte.
      lg Shaylee
      Ich bin ein Spiegel deiner Seele!
      Was also siehst du, wenn du mich anschaust?
    • RenLi schrieb:

      Irgendjemand muss den Sinn des Lebens doch schon gefundenLeerzeichenhaben.»

      RenLi schrieb:

      Er musste zwar zugeben, dass er die Stadt zu gerne selber einmal gesehen hätte. Nur Geschichten hatte er gehört. Viele Geschichten. Immer wenn Leute aus der Stadt kamen und über den Sumpf wollten, dann lauschte er ihren Gesprächen, reimte sich eine eigene Version der Stadt zusammen. Zwar hörte er nicht nur Gutes, durchaus nicht. Auch seltsame Dinge, die er nichtverstand. Oder Dinge, die er nicht hören wollte.
      Hier hast du zweimal hintereinander das Wort "zwar" benutzt, beim ersten fehlt mir das "aber". Zwar würde er die Stadt gerne mal sehen, aber...? Vielleicht solltest du das erste "zwar" einfach streichen ^^


      Und.. das war's tatsächlich an Formalitäten. Keine Rechtschreib-, Komma- oder sonstige Fehler, die mir aufgefallen sind. Ich bin begeistert! :thumbsup:

      Für mich bleibt nur die Frage, ob das wirklich schon das erste Kapitel oder der Prolog ist.
      Falls letzteres, alles super. Für einen Prolog finde ich es genau richtig: Kurz und knackig ein paar Infos eingebaut (um wen und um was geht es ungefähr?), einen ungefähren Geschmack von dem gegeben, was da kommen mag.
      Falls es aber tatsächlich das erste Kapitel ist, bleibe ich mit ein paar Fragezeichen zurück: Wer ist Jamie? Ein Mann oder eine Frau? Wie alt sind die zwei? Auf welche andere Seite gehen sie? Wo sind sie überhaupt? Für den Anfang einer Geschichte ist es mir zu wenig, ich kann mir nichts bildlich vorstellen, weil ich weder Figuren noch Umgebung vor Augen habe. Natürlich soll man nicht gleich mit Informationen erschlagen, aber wenigstens das Wer? und Wo? hätte ich doch gerne beantwortet :D

      Also, falls Prolog: Nichts zu meckern, genau mein Geschmack.
      Falls erstes Kapitel: Mehr Infos bitte! :D


      Sometimes, you read a book and it fills you with this weird evangelical zeal, and you become convinced that the shattered world will never be put back together unless and until all living humans read the book.
    • Danke euch allen! Die Kommentare helfen total!
      Es ist erst der Anfang des ersten Kapitels, es geht noch weiter.
      Ich glaub, ich hab einen etwas seltsamen Schreibstil, gerade die Geschichte ist ein Experiment. Das mit den Wiederholungen wird sicher noch besser. Am Anfang hab ich wirklich etwas extrem auf diesen Sinn des Lebens gepocht. Ich bin gespannt, was ihr von der Fortsetzung haltet. Aber bevor ich die reinstelle, werd ich sie nochmals überarbeiten mit Hilfe eurer Kommentare :)

      19. Oktober 2017


      Hier geht es nun weiter mit der neuen Version... Das erste Mal, dass zwei Personen einen Abschnitt 'besetzen'.


      Edwin und Richard, Onkel Johans Warnung (564 n. Rh.)
      Der Zustand von Onkel Johan verschlechterte sich zusehends. Er schlief die meiste Zeit, hatte hohes Fieber, seine Haut war aschfahl und von Schweiß bedeckt. Ihr Vater war losgezogen, um Medikamente zu besorgen und hatte Richard und Edwin alleine mit dem Kranken zurückgelassen. Sie kümmerten sich um ihn so gut sie konnten, wechselten die nassen Lappen auf seiner Stirn, flößten ihm Wasser ein, wenn er aufwachte. Viele Stunden knieten die zwei Brüder am Lager ihres Onkels und mussten hilflos zuschauen, wie das Leben unaufhaltsam aus dem Körper des geliebten Menschen floss. Sie lauschten den schwachen Atemzügen des Kranken. Immer seltener und immer schwächer wurden sie. Er war kaum noch wiederzuerkennen, so abgemagert war er. Zuweilen beugte sich Richard über ihn, um besser hören zu können. Edwin klammerte sich an seinen Arm. „Vater kommt bald, er kommt“, wiederholte Richard bestimmt zum tausendsten Mal.
      Mitten in der Nacht wurde Edwin vom leisen Stöhnen seines Onkels geweckt. Einen Moment lang lag Edwin da und wusste nicht, ob er noch immer schlief oder schon wach war. Erst, als er Richard neben sich spürte, war er sicher, dass er nicht immer noch in einem seiner Albträume gefangen war. Leise schlüpfte er aus dem Bett und tastete sich bis zu Onkel Johans Lager vor. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit in der Hütte und er fand die Hand des Kranken. „Onkel Johan?“, flüsterte er leise. „Was kann ich tun?“ Er bekam keine Antwort, doch der Griff um seine Hand verstärkte sich, ein weiteres Stöhnen entrang der Kehle seines Onkels. Tränen stiegen Edwin in die Augen. Es gab nichts, das er tun konnte. Wie in meinen Träumen. Immer nur diese Schreie, das Stöhnen und Wehklagen und er war machtlos. Und auch jetzt, wo er doch wach war, konnte er nichts anderes tun als dasitzen und die Hand seines Onkels halten. Mit zitternden Fingern strich Edwin über die Stirn des Kranken, sie war rau von getrocknetem Schweiß und viel zu heiß. Das Tuch, welches die beiden Jungen ihm zur Kühlung auf die Stirn gelegt hatten, lag neben dem Bett am Boden. Edwin wollte es aufheben, doch Onkel Johan ließ seine Hand nicht los. „Edwin“, flüsterte die raue Stimme von der Bettstatt her.
      Edwin beugte sich über das Gesicht seines Onkels, hörte den flachen Atem. „Sag Ben, er soll-„ Trockenes Husten unterbrach die leisen Worte des Kranken. Die Finger um Edwins Hand verkrampften sich. „Er soll sich vorsehen.“ Edwin hatte Mühe, die Worte zu verstehen, er beugte sich näher über seinen Onkel, sein Ohr berührte beinahe dessen Lippen. „Ich fürchte, die Vergangenheit hat uns eingeholt.“ Edwin war verwirrt, er wusste nicht, was sein Onkel ihm damit sagen wollte, doch Vater würde es verstehen. Schon bald würde er zurückkommen und Medizin für Onkel Johan bringen. Edwin lauschte dem Atmen seines Onkels. Unregelmäßig, flach. Für einen Moment glaubte Edwin schon, er hätte ganz aufgehört zu atmen, doch dann spürte er einen erneuten Luftstrom, kaum merklich. Weshalb hatte er ihm eine Nachricht für Vater gegeben? Glaubte er nicht daran, dass er ihn wiedersah? Edwin wartete auf das Geräusch des Einatmens. Er hielt sein Ohr direkt über den Mund von Onkel Johan. Er wartete. Die Sekunden verstrichen. Er selbst hatte schon bestimmt zehn Mal Luft geholt. Erst jetzt fiel ihm auf, dass der Druck auf seiner Hand nachgelassen hatte. „Onkel Johan“, flüsterte Edwin mit weinerlicher Stimme. Er bekam keine Antwort. Tränen traten ihm aus den Augen. „Richard“, rief er leise in die Dunkelheit. „Richard!“ Edwin schluchzte.
      „Was ist los?“, hörte er Richards verschlafene Stimme.
      „Richard!“, rief Edwin erneut. Schon war Richard neben ihm, nahm ihn in die Arme. Er brauchte nicht zu fragen, was passiert war, die Wahrheit hatte er bereits aus Edwins Stimme herausgehört. Doch erst als Edwin sich schluchzend an ihn klammerte, liefen auch ihm die Tränen über.
      Lange wachten sie noch am Bett ihres Onkels. Der Mond zog seine Bahn über den Himmel, bis er mit der Morgendämmerung verblasste. Allmählich wurde es hell in der Hütte, erste Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster. Edwin war eingeschlafen. Richard hob ihn hoch und trug ihn zu ihrem gemeinsamen Bett hinüber. Ob er nun wieder Albträume hatte? Er hatte ihren Vater nicht einmal fragen können, was er dagegen tun konnte.
      Zwei Tage später hob Richard ein Grab aus. Neben dem ihrer Mutter. Edwin pflückte Blumen. Ihr Vater kam nicht zurück. „Ich wünsche dir eine gute Reise“, flüsterte Richard, bevor sie den Leichnam an Stricken ins Grab hinunterrutschen ließen. Sie schaufelten das Loch zu, Onkel Johan verschwand unter einer Schicht Erde. Wie schon ihre Großmutter. An ihre Beerdigung erinnerte Richard sich noch, an die seiner Mutter kaum. Erschöpft sank Richard vor dem Grab nieder. Edwin legte die Blumen auf den schmalen Hügel. „Vater hätte sich sicher gerne von ihm verabschiedet“, schluchzte Edwin.
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

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    • Richard, Warten (564 n. Rh.)
      „Vater kommt bald“, murmelte Richard. Doch er kam nicht. Sie warteten. Tag für Tag. Woche für Woche. Die Vögel im Dachstock hatten den Nestbau bereits beendet und begannen zu brüten. Bald würde das Piepsen der jungen Vögelchen zu hören sein. Im vergangen Jahr hatte Edwin einen noch nackten, hilflosen Vogel mit nach Hause gebracht. Sie hatten ihn mit Würmern aus dem Garten gefüttert und in einem Körbchen großgezogen. Ohne Eltern hätte er nicht überleben können. Richard schaute zu dem Vogelnest in den Dachbalken hoch. Konnten sie ohne Eltern überleben? Was würde passieren, wenn ihr Vater nicht zurückkam? Was hält ihn so lange auf?, fragte er sich verzweifelt.
      Er dachte an die Hexe in den Bergen, an Wegelagerer, Bergstürze. Oder war auch er krank geworden? Oder doch der Sumpf. Vom Fenster aus konnte er auf die Ebene hinunterblicken. Der Morast dehnte sich über das ganze Tal aus. Es gab keinen trockenen Weg hinüber. Wenn man von diesem Teil des Landes aus in die Hauptstadt gelangen wollte, dann musste man den Sumpf überqueren, außer man nahm ganze sechs zusätzliche Reisetage in Kauf und machte einen Bogen um das Moor herum. Mit gemischten Gefühlen betrachtete Richard diese matschige Einöde. Nur dem Sumpf hatten sie es zu verdanken, dass Vater und Onkel eine Arbeit hatten. Händler zahlten gut für einen sicheren und möglichst kurzen Weg über die Ebene. Ob er und Edwin vielleicht dasselbe tun könnten? Aber wer vertraute sein Leben schon zwei Jungen an. Außerdem traute Richard sich eine Überquerung des Sumpfes selbst gar nicht zu, geschweige denn zusammen mit Wagen und Reittieren.
      Ein Vogel flatterte durch einen Spalt unter dem Dach herein und hinauf zu seinem Nest. „Vater kommt bald zurück“, murmelte Richard.
      Weitere Tage verstrichen, die Vorräte gingen langsam zur Neige. Wie lange würden sie noch warten können? Eine Woche, schätze Richard, vielleicht auch zwei. Und was dann? Richard wusste keine Antwort. „Als Vater losgezogen ist, hat es gestürmt“, murmelte Richard. Der Gedanke hatte ihn schon seit längerer Zeit geplagt, doch er hatte es bisher nie gewagt, ihn auszusprechen. „Es ist gefährlich, allein über die Ebene zu gehen.“ Wenn man auch nur einen Moment lang unkonzentriert ist… Dann lässt der Boden nach.
      „Er lebt“, beharrte Edwin trotzig.
      Doch er kam nicht zurück. Es ist reiner Selbstmord, alleine. Nie hat jemand ohne Begleitung die Stecke bis zur anderen Seite zurückgelegt.
      „Wenn er lebt, warum ist er dann noch nicht hier?!“, schrie Richard eines Morgens, als Edwin wieder darauf bestanden hatte, dass ihr Vater noch am Leben war. „Warum kommt er dann nicht zurück?!“
      Edwin zuckte zusammen und sah ihn verstört an. Sofort verrauchte Richards Wut. „Tut mir leid“, entschuldigte er sich schuldbewusst. Wie jeden Tag blickte er über den Sumpf hinweg, als erwarte er, die Gestalt seines Vaters dort unten zu erkennen. Er war der ältere von beiden. Er musste die Ruhe bewahren, doch er konnte nicht mehr. Er ist tot. Die Gewissheit durchfuhr ihn mit eiserner Kälte. Er kommt nicht wieder. Er ist tot. Einen Moment lang stand er wie versteinert da. Die Gewissheit sank in ihn ein wie ein schwerer Stein, der auf den Grund eines Sees sank. Weshalb hatte er solange gebraucht, um es sich einzugestehen? Die Hoffnung hatte nicht sterben wollen.
      Richard erhob sich. Als Edwin ihm folgte, schickte er ihn in die Hütte zurück. „Ich brauche einen Moment für mich allein“, sagte er und ging davon. Das Warten hat ein Ende. Alles hat irgendwann ein Ende. Wie im Traum ging Richard hoch zum Waldrand und suchte nach zwei geraden Stöcken. Dann setzte er sich auf den Boden und entfernte die Rinde mit einem Messer. Wahrscheinlich liegt sein Leichnam schon die ganze Zeit am Grund des Sumpfes. Wir haben vergebens gewartet, es hat von Anfang an keine Hoffnung für Onkel Johan gegeben. Und auch für uns. Von seinem Vater gab es keinen Leichnam, den man bestatten konnte. Also kehrte Richard zur Hütte zurück und nahm ein altes Hemd seines Vaters, welches dieser oft getragen hatte und ein Stück Schnur mit nach draußen. Mit der Schnur fixierte er die Stöcke, sodass sie ein Kreuz bildeten. Dann schaufelte er ein kleines Loch, neben dem Grab seiner Mutter. Richard bemerkte, dass Edwin ihn beobachtete, doch er ignorierte ihn. Er ist tot, auch wenn du es leugnest, dachte Richard bitter und legte das Hemd in das Loch. Vom Sumpf verschluckt. Er bedeckte den rauen Stoff mit Erde, steckte das Holzkreuz obendrauf. Diesmal weinte er nicht. Er fühlte sich matt, kraftlos. Er fühlte sich, als sei er selbst in den Tiefen des Morastes versunken. Er saß vor den Gräbern und blickte ins Leere.
      Der Tod lässt nichts zurück. Nichts bleibt, als Erinnerung. Jakobs Worte tauchten auf, aus dem Nebel, der seine Gedanken und Gefühle einhüllte. ‚Ich gehe in die Stadt!‘, mit dieser unbändigen Zuversicht. Doch er war nicht zurückgekommen, obwohl er es versprochen hatte. Genauso wie auch Vater nicht zurückgekommen war. Wie eine leere Hülle saß Richard da und sah zu, wie die Worte durch seinen Kopf hallten. ‚Vielleicht ist der Tod gar nicht so schlimm.‘ Seine eigenen Worte? ‚Ich gehe jetzt, Richard. Pass auf Onkel Johan auf, während ich weg bin. Und ganz besonders auf Edwin. Er braucht dich.‘ Er sah das sorgenvolle Gesicht seines Vaters vor sich. Es war das letzte Mal gewesen, dass er ihn gesehen hatte. Dann hatte der Sturm ihn mit sich genommen. Alleine Passagiere über die Ebene zu bringen ist viel zu gefährlich. Alle haben es gewusst. Doch Vater hat es trotzdem versucht. Für Onkels Medizin. Und nun sind beide tot. ‚Ich werde den Sinn des Lebens finden!‘ Gibt es einen Sinn?
      Der Strom der Gedanken brach ab. Und zurück blieb diese dumpfe Leere. Richard wusste nicht, wie lange er dasaß, nicht fühlte, nicht dachte, nichts sah und nur in die Ferne starrte. Wie von Weitem nahm er wahr, dass Edwin zu ihm kam, wieder wegging. Was ist mit mir?, fragte er sich. Vielleicht bin ich schon tot. Nur mein Körper ist noch hier. Wenn er ganz still war, dann fühlte er sein Herz schlagen.
      Inzwischen war es kalt geworden, denn Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben und ein eisiger Südwind wehte über die Hügel. Die Kälte stach in seine Haut. Hatte dieser Schmerz ihn wieder zurückgeholt? Als er aufzustehen versuchte, knickten seine Beine unter ihm weg. Zulange hatte er in derselben Position verharrt. Fröstelnd zog Richard sich den Mantel über und wartete, bis seine Beine ihn wieder tragen konnten. Sie brannten noch immer fürchterlich, als er schließlich aufstand und schwankende erste Schritte machte. Wie lange hatte er hier gesessen? Und wo war Edwin? Die Sorge um seinen kleinen Bruder ließ ihn für einen Moment seinen eigenen Kummer vergessen. Nun machte er sich Vorwürfe, ihn weggeschickt zu haben. „Edwin?“, rief er und erschrak ab seiner eigenen heiseren Stimme. „Edwin!“ Edwins toter Körper erschien vor Richards inneren Augen. Er schüttelte heftig den Kopf. Nicht daran denken! Edwin stirbt nicht. Er kehrte den Gräbern den Rücken zu und lief zur Hütte zurück. Doch Edwin war nicht da. Einer unguten Vorahnung folgend wandte er sich nach Norden und blickte über die Ebene hinweg. Hecktisch suchte er den Rand mit den Augen ab und da sah er ihn. Eine kleine Gestalt, nur zu erkennen, weil sie sich bewegte, in der sonst unbewegten, toten Welt. Bevor er überlegen konnte, was er tat, rannte Richard schon den Hügel hinunter und auf die Sumpflandschaft zu. Hätte er doch besser auf ihn geachtet! War er nicht zu ihm gekommen? Doch er hatte ihn kaum wahrgenommen. Richard rannte weiter, bergab, schlitterte über das nasse Grass, bis er die Sträucher erreichte, die wie struppige Wächter die Ebene säumten. Richard erreichte den breiten Kiesweg, bei dem eine Lücke in den Büschen bestand. Dahinter verlor sich der Weg im Matsch und den hohen Gräsern. Wie lange war es her, dass er hier gestanden und Vater verabschiedet hatte?
      „Edwin!“, rief Richard, doch seine Stimme klang kläglich und Edwin war bereits zu weit draußen. Verzweifelt blickte Richard auf den Boden zu seinen Füssen. Er wusste, dass er sich beruhigen und konzentrieren musste, wenn er seinem Bruder folgen wollte. Wie war Edwin nur so weit hinausgelangt? Für einen Moment schloss Richard die Augen und betrachtete das Chaos, das in seinem Innern herrschte. Ein Gewirr aus Gefühlen und Stimmen, dumpfe und scharfe, leise, laute. Er atmete sie aus. Atmete die Stille des Sumpfes ein. Atmete die Angst aus. Atmete das sanfte Rauschen des Windes ein. Atmete die Schmerzen aus und atmete die Weite des Himmels ein. Sein Herzschlag beruhigte sich. Er öffnete die Augen, hielt den Blick auf den Boden gerichtet. Er setzte einen Fuß vor den anderen. Der Boden war fest. Mit seinem Willen formte er eine Straße, auf der er gehen konnte. Der Boden verdichtete sich wo auch immer er auftrat. Edwin! Was tust du bloß! Vor wenigen Tagen war sein Vater denselben Weg gegangen. Nicht daran denken! Sonst lässt der Boden nach. Tränen der Verzweiflung stiegen ihm in die Augen. „Edwin!“, schrie er. „Komm zurück!“ Ein Schluchzen entrang seiner Kehle. Ein Fuß versank im Sumpf. Mit Schrecken zog er ihn wieder hinaus. Atme, beschwor er sich. Atme. „Vater, hilf mir!“ Er ging weiter. Schritt für Schritt. Was konnte schon passieren? Er konnte höchstens sterben. Aber dann ließ er Edwin allein. Feige. Er schaute nach vorne. Nebelschwaden stiegen aus dem Morast auf, zogen über die Ebene. Er konnte Edwin kaum noch sehen. Richard beschleunigte seine Schritte noch etwas mehr. Bis er sich nicht mehr schneller zu gehen traute.
      Auf einmal hielt er inne. Viel sah er nicht mehr. Der Nebel hatte sich um ihn ausgebreitet. Er lauschte angestrengt. Ein Lied, Edwins Stimme! „Edwin! Edwin, antworte!“ Er lauschte.
      „Richard?!“
      Richard rannte los. „Edwin, hier bin ich!“
      „Ich kann dich nicht sehen! Richard!“
      Rufend fanden sie einander, durch den Nebel stolpernd. Weinend sank Edwin in Richards Arme. „Was machst du nur!“, keuchte Richard.
      „Ich wollte Papa suchen“, heulte Edwin. „Du hast ja nichts gemacht.“
      Richard biss die Zähne zusammen. Papa ist tot, dachte er, doch er sagte nichts. Er drückte nur Edwin fester an sich. Mama ist tot, Papa ist tot, Onkel Johan ist tot. – Doch wir sind nicht tot, sagte eine leise Stimme in seinem Innern. Edwin und ich sind noch am Leben.
      „Von jetzt an pass ich auf dich auf“, versprach Richard leise. Er strich Edwin sanft über den Rücken, noch immer wurde der jüngere Bruder von Schluchzern geschüttelt. „Solange wir zwei zusammenhalten…“
      Edwin schniefte. „Wir finden Papa.“ Er richtete sich auf, sein Gesicht vom Weinen gerötet.
      „Lass uns zur Insel gehen. Dort können wir schlafen und morgen sehen wir weiter. Es ist schon beinahe dunkel“, sagte Richard, um nicht darauf eingehen zu müssen.
      „Kannst du auf den Boden für mich aufpassen, Richard?“ Edwin klammerte sich an seinen großen Bruder, als sie aufstanden.
      Richard nickte. „Klar. Verlass dich auf mich. Ich bin eh überrascht, dass du allein soweit gekommen bist. Vater wäre stolz auf dich, und Onkel Johan auch!“
      Zusammen gingen sie weiter, Hand in Hand. Es kostete Richard ziemlich viel Kraft, für sie beide den Boden festzuhalten, doch das Gefühl von Verantwortung ließ ihn stärker werden. Solange er für Edwin Sorgen konnte, würde er durchhalten. Und die Insel konnte nicht mehr weit weg sein.
      Trotzdem war die Sonne bereits untergegangen, als sie den festen Boden erreichten. Erschöpft betraten sie die mit Bäumen bewachsene Anhöhe, fanden schnell den Weg, der zur Unterkunft führte. Es war ein aus Stämmen gezimmertes Gatter für die Reit- und Lasttiere der Reisenden und eine Hütte, die in der Krone eines alten Baumes thronte. Dort würden sie geschützt sein vor den Tieren, die in der Nacht aus dem Sumpf stiegen. Den fauligen Geruch ertragen zu müssen, war schon schlimm genug. Da wollte Richard sich nicht auch noch mit diesen schleimigen Kreaturen herumschlagen müssen. Nacheinander stiegen die zwei Kinder die Strickleiter nach oben und zogen sie hinter sich hoch. Kaum hatten sie sich hingelegt, waren sie auch schon eingeschlafen.

      Richard, die andere Seite (564 n. Rh.)
      Die Zeit verging wie im Traum. Im Nachhinein erinnerte sich Richard kaum noch an die Tage im Sumpf. Es schien ihm, als seien Wochen vergangen, seit sie das letzte Mal trockenen Boden unter den Füssen gespürt hatten. Am Rande eines Sees blieb Edwin stehen. „Schau da, Richard!“ Edwin deutete über das Wasser hinweg. „Was ist das für ein Ding?“
      Richard hörte ein Platschen, sah aber nur noch die Wellen, die sich ringförmig von einer Stelle über die sonst spiegelglatte Oberfläche des kleinen Sees ausbreiteten. „Irgendein Tier?“, fragte Richard beunruhigt.
      „Es hat eher ausgesehen wie ein Mensch.“
      „Jedenfalls scheint es mehr Angst vor uns zu haben als wir vor ihm.“
      Sie gingen weiter. Als sich der Nebel allmählich zu lichten begann, erkannten sie, dass der Rand des Sumpfes bereits in Sicht war. Nun war es nicht mehr weit. Wegen des Sees mussten sie zwar einen kleinen Umweg machen, aber das nahe Ende ihrer matschigen Wanderung stimmte sie zuversichtlich. Sie gingen am Ufer entlang und vergewisserten sich immer wieder, dass sie den großen Baum ansteuerten, der den Weg auf der anderen Seite markierte. Das Wasser sah wunderschön aus, wie es den blauen, klaren Himmel spiegelte. Vor Jahren hatte er mit Jakob, einer Gruppe von Reisenden, Onkel Johan und seinem Vater an diesem See eine kurze Rast eingelegt. Jakob und er hatten Steine hineingeworfen, bis Onkel Johan es ihnen verboten hatte. Es wäre schön, Jakob wieder zu begegnen. Obwohl sie nur knappe fünf Tage miteinander unterwegs gewesen waren, fühlte Richard eine starke Verbindung zu dem Knaben.
      Richards Magen knurrte fürchterlich und holte ihn aus seinen Erinnerungen zurück. „Ha, du hast das Spiel schon wieder verloren“, trumpfte Edwin auf. „Dein Magen hat zuerst geknurrt.“
      „Nur weil du das letzte Stück von unserem Proviant gegessen hast“, murrte Richard.
      „Sieh mal, Richard.“ Edwin war neben einen kugeligen Erdhaufen getreten. „Igitt, es sieht widerlich aus.“ Edwin verzog das Gesicht, als er daran schnupperte. „Und es stinkt.“
      „Hier stinkt eh alles. Fass es lieber nicht an, Edwin.“ Richard kam näher, dann blieb er abrupt stehen. „Hast du den Mond mal gesehen, seit wir unterwegs sind?“
      Edwin schüttelte den Kopf. „Bevor wir los sind war er abnehmend, und beinahe leer.“ Er sah Richard fragend an.
      “Komm weg von dem Ding, Edwin.“ Er nahm seinen Bruder am Arm und zog ihn zu sich. „Ich bin mir fast sicher, dass das ein Ei ist. Von denen hat Onkel Johan mal erzählt. Sie schlüpfen bei Neumond.“
      „Und was schlüpft daraus?»
      „Es ist ein schleimiges, menschenähnliches –„ Die zwei Jungen blickten sich an.
      „Lass uns einen etwas größeren Bogen um den See machen.“
      Edwins kleine Hand schob sich in die von Richard. „Wollen wir ein Lied singen?“
      „Klar, welches möchtest du denn?“ Doch er wusste bereits, welches Edwin singen wollte.
      „Das von der Freiheit.“
      Richard musste grinsen. „Na gut.“
      Gemeinsam setzten sie an. Anfangs noch zögerlich. Die Worte ein feines Wispern, vom Raum verschluckt. Dann immer kräftiger werdend. Hingerissen lauschte Richard ihren Stimmen, die seinen Körper füllten. Immer lauter und kräftiger sangen sie, stets wieder von vorne beginnend. Die Worte breiteten sich aus und Richard meinte, sie auf seiner Zunge schmecken und in seinem Körper spüren zu können. „Niemals, niemand, nichts kann uns noch halten“, sangen die beiden Jungen. Vom Lied beseelt schritten sie nun kräftigen aus, vergessen waren Angst und Hunger.
      Wenn wir so weitergehen würden, könnten wir es auf die andere Seite schaffen, bevor die Sonne untergeht.
      „Über alle Schranken sind wir verbunden
      In dem einen Raum.
      Nicht einmal der Tod kann uns noch trennen
      Keine Illusionen, keine Türen, keine Wände.“
      So fühlte sich die Welt beinahe in Ordnung an. Wie früher, nur dass Vaters tiefe Stimme fehlte.
      „Losgelöst, ein Körper wie Wind so frei
      Nichts hält dich fest
      Niemand, nichts, jetzt nicht!
      Denn du bist frei
      Keine Banden, die dich halten
      Dein Herz ist unbeschwert, weit wie der Raum.“
      Solange Edwin da ist, kann ich stark sein, dachte Richard. Er ist meine Familie, er ist das wichtigste auf der Welt.
      Die Sonne zog ihre Bahn, sank tiefer und tiefer. Und ihre Stimmen verklangen, müde geworden. Sie teilten sich den letzten Schluck Wasser, den Edwin in seiner Flasche hatte. „Bald haben wir’s geschafft“, sagte Edwin hoffnungsvoll.
      Richard warf seinem Bruder einen Blick zu. Seit sie unterwegs waren, hatte er nie gemurrt oder sich beklagt. Auch hatte er nicht mehr geweint. Richard war mächtig beeindruckt von Edwin. Eigentlich sollte er der tapfere sein, aber Edwin schien weitaus zäher als er. Das hätte er nicht erwartet. Edwin war von Vater immer ein bisschen verhätschelt worden. Der kleine, süße Edwin, der nicht so hart zu arbeiten brauchte, den man schonen musste, auf den man Acht geben musste. Auch er selbst, Richard, hatte seinen kleinen Bruder gerne mal etwas länger spielen lassen oder hatte einen Teil seiner Arbeit übernommen. Wie hatte Edwin so stark werden können?
      Sie hatten den See inzwischen hinter sich gelassen. Nun steuerten sie direkt auf die Straße zu. Sie konnten schon die einzelnen Äste der Weide voneinander unterscheiden. Zwar lag nun wieder ein wenig Nebel über dem Sumpf, doch nicht genug, um ihnen die Sicht zu nehmen.
      „Juhui! Richard, da drüben, wir haben’s gleich geschafft!“ Edwin hüpfte auf und ab, tanzte um seinen Bruder herum. Wo nahm er bloß die Energie her?
      „Pass auf, dass du nicht plötzlich einsinkst“, mahnte Richard.
      Edwin grinste. „Macht nichts, dann rettest du mich.“ Und er hüpfte davon, rannte, hüpfte, bis zum großen Baum. „Bin auf dem Trockenen! Siehst du, Richard?!“ Er winkte überschwänglich.
      „Ich seh’s“, rief Richard zurück. Auch er musste lachen, als er seinen Bruder so fröhlich sah. Aber er war zu müde, sich wirklich zu freuen. Einfach nur müde. Er sah zum Himmel auf. Die Sonne war bereits im Untergehen begriffen. Nur noch zur Hälfte war sie zu sehen. Er musste sich beeilen. Er zwang seine Beine schneller zu gehen, auch wenn sie sich heftig bei ihm beklagten. Bleischwer fühlten sie sich an. Er richtete den Blick wieder nach vorne, zu Edwin, doch Edwin stand nicht mehr beim Baum. Richard blickte die Straße hinauf. Auch da sah er ihn nicht.
      „Edwin? Geh nicht zu weit voraus!“ Er beeilte sich, den Baum zu erreichen. Erschöpft berührte er die alte, raue Borke. Sie hatten es tatsächlich geschafft. Doch die erwartete Erleichterung wollte sich nicht einstellen. Er trat auf den Weg. Es tat gut, sich nicht mehr auf den Boden konzentrieren zu müssen. Hier konnte er sich einfach nur vom Boden tragen lassen.
      „Eeedwin!“, rief er abermals. Ob er wohl schon zum Haus vorangegangen ist? Sein Herz verkrampfte sich. Das Bild von Edwins totem Körper wollte sich wieder einschleichen. Zornig schob er es weg. Wie hatten sie vor so kurzer Zeit noch voller Freude singen können? Es schien Richard, als hätte die Realität ihn wieder eingeholt. Ich hab ihn schon wieder aus den Augen gelassen! Er biss sich auf die Lippe, dass es weh tat. Doch der Schmerz konnte ihn nicht ablenken. Er ist nur zum Haus vorgegangen. Weil er Hunger hat und Durst. Gleich kommt er winkend angerannt.
      Richard trieb sich vorwärts. Den Hang hinauf. Dunkelheit legte sich über den Hügel, über das Tal. Hinter ihm breitete sich ein Nebelmeer aus. Noch war der Himmel zu Richards linken sanft in Licht getaucht, doch es dauerte nicht lange, bis auch der letzte Rest Helligkeit verschwunden war und den Himmel mondlos zurückließ.
      „Edwin“, flüsterte Richard. „Edwin, Edwin.“ Er stolperte, schürfte sich die Hände am Schotter auf. „Edwin, wo bist du?!“, brüllte er in die Nacht hinaus. „Das ist nicht lustig!“ Er rappelte sich auf. „Mist!“ Er fand den Weg auch im Dunkeln. Gelangte zur Hütte. Kein Licht.
      „Edwin“, flehte Richard. „Komm schon. Du bist alles, was ich noch habe.“ Er öffnete die Tür, trat in den kleinen Raum, leer. Ohne noch ernsthaft zu hoffen stieg er die Leiter hinauf zu dem Boden unter dem Dach, der den halben Raum bedeckte. Leer. Keine Menschenseele. Seine Kraft verließ ihn, es war, als sei sie aus seinem Körper ausgelaufen. Wie Wasser aus einem kaputten Gefäß. Erschöpft fiel Richard in sich zusammen.

      Richard, Verloren (564 n. Rh.)
      Laute Schreie weckten ihn schlagartig aus seiner Resignation. Edwin! Was ist das für ein Lärm? Schwankend kam Richard auf die Beine. Mit zitternden Armen und Beinen kletterte er die Leiter hinunter. Er rutschte ab, fiel die letzten paar Sprossen. Die Landung war hart, aber nicht allzu schmerzhaft. „Mist, Mist, Mist.“ Das Zittern wollte nicht aufhören. Mein Körper gehorcht mir nicht mehr. Er schlug mit der Faust auf den Boden, kraftlos. Denk an Edwin. Du bist der einzige, der ihm helfen kann. Er kroch zur Tür. Sie stand einen Spalt weit offen. Draußen war es noch immer dunkel. Wieder ein Schrei, gefolgt von lauten Rufen. Es mussten viele Menschen da draußen sein. Männerstimmen. Richard hörte Hufgetrappel. Sogar Pferde? Ein Reiter preschte an ihm vorbei, so nah, dass er sein Gesicht im Schein der Fackel sehen konnte. Wild, bärtig, wütend.
      Er hat ein Schwert getragen, Richard hatte es in der Dunkelheit aufblitzen sehen. Muss Edwin finden. Richard zog sich an der Tür hoch, schob sich nach draußen. Edwin finden, Edwin finden. Angestrengt starrte er ins Dunkel, doch er konnte kaum etwas erkennen. Langsam tastete er sich an der Wand der Hütte entlang. Was tut man in solchen Situationen? Was würde Vater tun? ‚Wenn dir irgendetwas Angst macht, dann atme es aus.‘ Atmen.
      „Zurück! Weg vom Sumpf!“
      Richard blieb wie angewurzelt stehen. Männer kamen die Straße hoch. Er sah sie nur wegen den Lichtbällen, den Fackeln die sie trugen. Nein, einige hatten tatsächlich kleine Lichtbälle bei sich, die neben ihnen herschwebten. Auch der Reiter war wieder da. Richard drückte sich flach an die Wand. Die Männer waren stehen geblieben, einige hatten sich hingekniet. Für einen kurzen Moment erfüllte ein hohes Pfeifen die Luft, dann hörte Richard Schreie. Quiekende Schreie.
      „Getroffen!“, brüllte einer. Böses Fauchen. Etwas sprang aus der Dunkelheit und fiel über einen der Männer her. Richard stolperte zurück. Ins Haus? Nein, dort ist es nicht sicher. Er kroch in den Spalt zwischen Haus und Erde. Dort hatte er sich als Kind manchmal versteckt, wenn er nicht wollte, dass seine Eltern ihn fanden. Richard presste sich die Hände auf die Ohren. Nicht hören, nicht sehen, nicht denken, nicht fühlen. Edwin, wo bist du? Nicht denken, nicht fühlen. Ich bin der schrecklichste Bruder auf Erden!
      Die Stimme seines Vaters drang in sein Bewusstsein. ‚Du musst auf deinen Bruder aufpassen, während ich weg bin.‘ Richard riss sich zusammen. Edwin ist irgendwo da draußen, ganz alleine. Ich muss ihm helfen. Und wer hilft mir?, fragte eine ängstliche Stimme in ihm. Er versuchte, sie zu ignorieren. Vorsichtig streckte er den Kopf unter dem Haus hervor. Die Männer waren nicht mehr zu sehen. Nur ihre Rufe konnte er noch hören. Er zwang sich vorwärts. Den Weg meidend bewegte er sich im Schutz der Bäume durch den Wald. Da er keine Ahnung hatte, in welche Richtung er gehen sollte, ließ er sich einfach treiben. Was machte es für einen Unterschied? War es nicht sowieso unmöglich, in zu finden? Er traute sich nicht, nach seinem Bruder zu rufen. Wenigstens wurden die Stimmen der Männer leiser und an ihre Stelle traten die Geräusche des Waldes. Ungemein laut waren seine zaghaften Schritte auf dem Laubboden und unheimlich säuselte der Wind in den Wipfeln der Bäume. Es raschelte in der Nähe, beinahe hätte er geschrien, doch er hielt sich selbst den Mund zu. Die Banditen mochten noch immer in der Nähe sein. Plötzlich hörte er das laute Knacken von Ästen und das Rascheln von Blättern. Angestrengt starrte er in die Dunkelheit. Ein Schemen bewegte sich mit unglaublicher Schnelligkeit durch den Wald auf ihn zu. Er hatte nicht einmal Zeit zu reagieren, da brach das Wesen auch schon durch ein Gebüsch neben ihm. Kurz blieb es stehen, fixierte ihn. Es schien ebenso erschrocken wie er. Eine Hirschkuh! Flink verschwand das Tier im Wald. Nur eine Hirschkuh, versuchte er sich zu beruhigen. Wovor fürchte ich mich so?
      Im selben Moment brachen noch fünf weitere Hirsche durch das Unterholz, würdigten ihn keines Blickes und verschwanden in dieselbe Richtung wie die Hirschkuh zuvor. Es sieht aus als würden sie vor etwas davonlaufen. Da bemerkte er den Schein, der durch das Dickicht fiel. Da vorne muss es eine Lichtquelle geben. Vielleicht das Lager der Banditen? Edwin! Er ist dort!
      Woher er diese Gewissheit hatte, wusste er nicht. Aber er war sich sicher. Wenn er dem Licht folgte, dann würde er seinen Bruder finden. Also setzte er einen Schritt vor den anderen, kämpfte sich durch die Hecken und Sträucher. Auf einmal sah er, dass er sich geirrt hatte. Was da vor ihm lag war nicht das Lager von Menschen. Und was den Lichtschein anging, so stammte er nicht aus einem Lagerfeuer. Der Wald brannte. Lichterloh standen die alten Bäume in Flammen. „Edwin!“, rief Richard. „Wo bist du?!“ Deshalb sind die Hirsche geflohen. Und wenn du schlau bist, dann tust du dasselbe, sagte eine Stimme in ihm. Noch war das Feuer nicht nahe genug, um ihm gefährlich zu werden, es sei denn, der Wind drehte sich.
      Er wollte sich kehrt machen, um so große Distanz zwischen sich und den brennenden Teil des Waldes bringen wie möglich, als ihm eine kleine Gestalt auffiel, die genau auf die Flammen zusteuerte. „Edwin!“, schrie er. Wie kann das sein?! „Was tust du da?!“ Doch sein Bruder schien ihn nicht zu hören. Richard rannte los. Warum geht er denn auf die Flamme zu? Ist er verrückt geworden?!
      Er war nun selbst schon gefährlich nahe am Feuer. Die Hitze und der Rauch erschwerten ihm das Atmen. Er hielt den Ärmel vor Mund und Nase. „Edwin!“ Er sollte mich doch hören können! Doch Edwin beachtete ihn nicht. Er ging geradewegs auf das Feuer zu. Gerade rechtzeitig blickte Richard auf, um sich vor dem brennenden Baum in Sicherheit bringen zu können, der zwischen ihn und seinen Bruder krachte. Funken stieben, Flammen leckten nach ihm. Richard schrie auf und strauchelte zurück. Er drehte sich um und rannte. Ich bin der schrecklichste Bruder der Welt.
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

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    • Wundert euch bitte nicht darüber, dass da immer "Richard" steht. Das liegt daran, dass die Geschichte später aus der Sicht mehrerer Personen erzählt wird. Ich hoffe, man kann sich inzwischen eher ein Bild von Jamie und Richard machen. Im ersten Absatz "Richard, wie es begann" da sind beide ungefähr 10 Jahre alt. Das hab ich zwar nicht ausdrücklich geschrieben, aber ich hoffe, an Edwins Alter und an Richards Verhalten kann man das so ungefähr abschätzen. Es gibt eh vieles, was ich nicht explizit hinschreibe, das erst mit der Zeit erklärt wird, oder ich einfach nicht so wichtig finde. Deshalb die Frage: ist es verständlich so oder braucht es irgendwo noch dringende Informationen?
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      von einem Herzen zum andern;
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      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Jakob, Kasten, Kirchen und Emilie (561 n. Rh.)
      Jakob schlängelte sich durch die Menschenmenge, die Marktstraße von Caput entlang. Immer wieder blieb er stehen, um die Köstlichkeiten eines Essensstandes oder die vielen Tücher, Töpfe und Handwerksgeräte der Verkaufsläden zu betrachten. Hungrig sah er zu, wie ein Mann Fleischspieße auf einem Grill drehte. Es war nun beinahe ein Jahr her, seit er hier angekommen war. Aber er war seinem Ziel nicht wirklich nähergekommen. Zuerst hatte er beim schwarzen Bau Kirchenheuchler angeklopft, doch die hatten ihn zurück auf die Straße geworfen. Was hatte er erwartet? Dieser freche Blaurock hatte ihm nicht einmal zugehört. Dann hatte er mit Einwohnern der Stadt gesprochen, doch die meisten hatten keine Zeit für ihn. Man wollte sich nicht mit Bettelkindern wie ihm abgeben. Von denen hielt auch Jakob sich in der Regel fern, sie hatten kein Verständnis für seine Suche und wollten nur, dass er sein hart erklautes Essen mit ihnen teilte.
      Eigentlich kam er im Großen und Ganzen gut über die Runden, denn im Klauen hatte er Begabung. Nur im Winter war es hart gewesen. Aber das Glück war auf seiner Seite gewesen. Lady Kornell hatte ihn in ihrem Haus aufgenommen. Sie war eine äußerst seltsame Frau. Pech schwarzes Haar, nicht viel grösser als er, oftmals seltsam gekleidet. Was ihn aber am meisten irritierte, war ihr Charakter und ihre Art zu Leben. Sie war eine richtige Waisenhausmama, oder eher, ein Waisenhaushäuptling. Sie nannte das riesige Haus mit Garten zwar nicht Waisenhaus, sondern eine Schule. Er hatte es dort gut gehabt, doch es war ihm schnell zu eng geworden. Zuviel Leute, zu viele Regeln, einfach zu eng. Deshalb war er zurück auf die Straße gegangen. Lady Kornell hatte ihm gesagt, dass er Talent habe, er könne wieder zurückkommen, wenn er sich danach fühlte. War es das gewesen, was ihm so auf den Keks gegangen war? Die ganze Gefühlsduselei? Ja, wahrscheinlich war es das gewesen. Davon war ihm ganz schwindlig geworden. Er fühlte, was er fühlte und fertig. Das ging auch niemanden etwas an. Und dass er Talent hatte, das war ja klar. Schließlich hatte Rosalie ihn erzogen. Seine Rosalie, Gott, oder was auch immer da oben war, möge sie beschützen.
      Während er noch immer die Fleischspieße betrachtete, fiel ihm ein Kind auf, welches sich in der Nähe des Standes herumtrieb. Es war mager, trug mehr Lumpen als Kleider. Außerdem war es von Kopf bis Fuß mit Schmutz bedeckt. Und natürlich hatte es Hunger. Jakob warf dem Mann, der die Spieße wendete einen Blick zu. Er bediente gerade einen Kunden und beachtete das Kind nicht. Noch nicht. Wenn es erwischt wurde, würde es in einer Zelle enden. Unbewusst machte Jakob einen Schritt auf das Kind zu, es war schon ganz nahe an den Stand herangetreten. Es streckte einen dürren Arm nach dem nächsten Spieß aus. «He du!», grollte die Stimme des Spießdrehers. Er griff das Kind an den Haaren und schüttelte es grob. «Was glaubst du, was du da tust!»
      «Richard! Was tust du denn? Tut mir leid, ich habe meinen Bruder in der Menge verloren. Vater wird böse sein! Aber wie ich sehe, haben Sie ihn bereits für sein Verhalten bestraft.» Jakob war selbst überrascht, dass er diese Worte aus seinem Mund hörte. Und weshalb war Richard der erste Name, der ihm eingefallen war? Er hätte ihn doch auch Konstantin, Samuel, Tibald oder sonst wie nennen können.
      «Der Bengel gehört zu dir?! Pass besser auf ihn auf, sonst ruf ich die Wachen!»
      «Tut mir unglaublich leid. Richard, entschuldige dich auch bei dem Herrn!» Er nahm den Jungen am Arm. Der schaute ihn verständnislos an. Dann senkte er den Kopf und murmelte etwas Unverständliches.
      «Wenn ich’s mir recht überlege, siehst du auch nicht besser aus als dein Bruder. Lebt euer Vater tatsächlich noch? Der Mann sollte sich schämen, seine Kinder so armselig rumlaufen zu lassen. Vielleicht sollte ich doch besser die Wachen rufen.»
      Jakob öffnete bereits den Mund, um etwas zu erwidern, als ihm jemand das Wort abschnitt: «Das wird nicht nötig sein.»
      Jakob drehte sich überrascht um. Ein Mädchen war zu ihnen getreten. Sie war kaum älter als er, aber sie hätten unterschiedlicher nicht sein können. Sie trug die langen, dunklen Haare ordentlich frisiert, ihre Haut war glatt und makellos, ebenso wie ihre Kleider. Ganz offensichtlich stammte sie aus einer höheren Kaste.
      «Miss Emilie!», entfuhr es dem Standbesitzer überrascht. «Was führt Euch hierher? Kennt Ihr etwa diese beiden Strolche?»
      «Nur entfernt. Mein Vater hat früher mit der Familie Geschäfte gemacht. Doch seit einiger Zeit befinden sie sich finanziell in einer schwierigen Lage. Es ist ganz bedauerlich.» Das Mädchen warf den beiden Jungen ein wehmütiges Lächeln zu.
      Der Mann nickte bedächtig. «Kann ich irgendetwas für Euch tun, Miss Emilie?», fragte er.
      Wie widerlich, dachte Jakob und rümpfte die Nase. Sobald jemand aus einer höheren Kaste daherkam, verwandelte sich der Rüpel in einen galanten Schleimbeutel.
      «Ich hätte gerne zwei Fleischspieße, wenn Ihr so freundlich wärt“, ordnete sie an.
      «Aber sicher, wenn Miss Emilie darum bittet, dann sind sie selbstverständlich ein Geschenk.»
      Jakob hätte sich gern aus dem Staub gemacht, aber der Spießverkäufer warf ihm noch immer misstrauische Blicke zu.
      «Wie großzügig von Ihnen», antwortete Emilie mit einem kühlen Lächeln.
      Der Ladenbesitzer wollte ihr zwei der Fleischspieße reichen, doch sie hob abwehrend die Hände. «Nicht für mich, bitte geben Sie diese den beiden Jungen.»
      Der Mann verzog einen Moment missbilligend die Miene, hielt aber schließlich die Spieße Jakob und dem Kind entgegen.
      «Also dann, ich wünsche Ihnen noch einen guten Geschäftstag, mein Herr“, sagte Emilie mit einer knappen Verbeugung.
      «Vielen Dank für Ihren Besuch, Miss Emilie. Richten Sie Ihrem Vater meine besten Grüße aus.»
      «Natürlich, ich werde gut von Ihnen sprechen. Auf wiedersehen.»
      Sie drehte sich um und glitt hoheitsvoll in den Strom der Menschen über.
      Jakob schnappte sich seinen Spieß und folgte ihr, das Kind im Schlepptau. «Hey, du», rief er ihr nach.
      Doch sie drehte sich nicht um. Wie schaffte sie es, so reibungslos durch die Menge zu kommen? Während er sich zwischen den Menschen durchzwängen musste, schien sie einfach unberührt weiterzugehen. Schließlich schaffte er es doch, sie einzuholen. «Hey, Emilie. Darf ich dich so nennen? Ich bin Jakob. Das war echt knapp. Der Typ hätte doch beinahe die Wachen gerufen.»
      «Pass beim nächsten Mal besser auf deinen Bruder auf.»
      «Eigentlich ist das nicht mein Bruder, ich hab gelogen, ich kenn den Kleinen nicht.»
      «Ach so?» Sie hob eine Braue. «Na auf jeden Fall wünsch ich einen guten Appetit, ich muss weiter.»
      «Wohin gehst du denn?»
      «An einen Ort, an dem du mit Bestimmtheit nichts verloren hast. Ich bitte dich, mir nicht mehr zu folgen.»
      «Wo wohnst du eigentlich?»
      «Entschuldige mich.» Sie wandte sich ab und verschwand in einem Lokal am Straßenrand. Jakob wollte ihr folgen, aber der Junge an seinem Hemdsärmel zog ihn zurück. Jakob schaute auf ihn hinunter. Der Junge schüttelte panisch den Kopf, sodass seine strähnigen Haare nur so durch die Luft flogen.
      «Du hast ja recht, wir können nicht einfach da reinspazieren. Wo wir doch gerade noch davongekommen sind, was?»
      Der Junge nickte erleichtert.
      «Na dann, war nett mit dir, aber ich muss mich nun auch wieder um wichtigere Angelegenheiten kümmern.»
      Doch der Junge wollte seinen Hemdzipfel nicht mehr hergeben.
      «Hast du keine Familie?», fragte Jakob barsch.
      Kopfschütteln. War ja eigentlich auch klar gewesen. «Du hast deinen Fleischspieß ja noch nicht mal angerührt.» Der Junge beäugte den Spieß, ließ jedoch nicht los. Jakob seufzte. Nun hatte er den Salat. Den würde er wohl nicht mehr so schnell loswerden.
      «Wie heißt du eigentlich?»
      Der Junge sah ihn mit verkniffenem Mund an. «Sprechen kannst du auch nicht? Dann werde ich dich einfach so nennen, wie es mir passt, klar?» Die Augen des Jungen weiteten sich, er nickte. «Okay, lass mich überlegen. Etwas kurzes, praktisches. Beklag dich ja nicht!“, warnte Jakob. „Hmm, Mar, ja, Mar ist gut.» Der Junge sah nicht überzeugt aus, aber er hatte ihn schließlich gewarnt. «Okay, Mar, gewöhn dich lieber an den Namen. So werd ich dich von nun an nämlich nennen. Am besten suchen wir uns mal ein Plätzchen, an dem wir unsere Beute würdevoll verschlingen können.»

      Sie war tatsächlich wunderschön. Ihre Haltung war gerade, das Gesicht unbewegt. Wie eine perfekte Engelsstatue. Jakobs Herz machte einen kleinen Hüpfer, als er Emilie ein paar Wochen nach ihrer ersten Begegnung wiedersah. Er hatte sich gerade zusammen mit Mar auf dem Kirchplatz postiert, um einen guten Platz über das Geschehen zu haben und den Reichen vielleicht etwas abluchsen zu können, als sie aus einer Kutsche stieg, gefolgt von einem ergrauten, streng dreinblickenden Mann. Sie war sogar noch schöner, als in seiner Erinnerung. So eine würd ich glatt auf meine Reise mitnehmen, aber nur solange sie mich nicht aufhält.
      Er sah zu, wie sie einen Schritt hinter dem Mann, vermutlich ihr Vater, die Kirchentreppe emporstieg, das lange Kleid würdevoll hochhaltend. Jakob hatte sich anscheinend nicht darin geirrt, dass sie einer höheren Kaste angehörte. Denn zu dieser Stunde besuchten nur die fortgeschrittenen Familien die Kirche. Emilie würde wohl nicht ins Fegefeuer kommen. Im Unterschied zu ihm, oder Rosalie. Er verzog das Gesicht. Genau wegen solchen Spinnereien konnte er die Gnosis nicht leiden. An sowas wie ein Fegefeuer wollte er einfach nicht glauben. So ein Unsinn. Er konnte nicht glauben, dass Rosalie im Fegefeuer war. Und trotzdem betete er jeden Abend für sie.
      Mar zupfte an seinem Ärmel und deutete auf Emilie. Dann hob er die freie Hand an den Mund und deutete Kaubewegungen an. «Ja, sie hat uns die Fleischspieße geschenkt.»
      Mar nickte erfreut. «Was denkst du, wie reich sie ist? Wohl ziemlich, wenn sie mit einer Kutsche kommt. Morgen gehen wir auch in die Kirche, Mar.»
      Der Kleine schaute ihn ungläubig an. «Weißt du, bisher hab ich mich immer gesträubt, Almosen von denen anzunehmen. Aber eigentlich ist es doch ganz praktisch. Und man muss seinen Feind kennen, findest du nicht? Ich muss schließlich wissen, mit wem ich es zu tun hab, wenn ich meine zukünftige Braut aus den Krallen dieser schwarzen, fetten Bestie befreien möchte.» Und wenn ich meine Rosalie befreien möchte, fügte er in Gedanken hinzu.

      Da war er, der Prediger. Mit erhobenen Händen stand er da in seiner weißen Robe, die bis zum Boden reichte. Sein langer Schatten fiel auf die Kinderschar vor ihm. Seine hagere Gestalt ragte bedrohlich über ihnen auf, das Gesicht war kaum zu erkennen, da es in den Schatten verborgen blieb.
      «Willkommen, meine Kinder.» Einige der Kleineren zuckten zusammen, als die Stimme des Predigers durch die Kirche hallte. Theatralisch ließ er die Arme sinken und wies auf die vorderste Bankreihe. «Setzt euch, damit ich beginnen kann.»
      Die Kinder drängelten aneinander vorbei, schoben sich auf die Sitzbank, bis schließlich alle saßen. Auch Jakob und Mar saßen nun eingeklemmt zwischen den anderen. «Wie ich sehe sind da ein paar neue Gesichter aufgetaucht. Ich bin Vater Aurel, willkommen in unserer Runde. Nennt mir eure Namen und woher ihr gekommen seid.»
      Ein Mädchen stand zögernd auf. «Mein Name ist Dunia. Mein kleine Schwester Maia und ich stammen aus dem Grenzgebiet.» Sie stupste das Mädchen neben sich an, das sich ebenfalls eilig erhob. «Unser Vater wurde von Banditen erschlagen. Unsere Mutter kann uns nicht alle versorgen. Sie hat uns in die Stadt zu unserer Tante geschickt. Wir sollen ihr im Haushalt helfen. Doch bisher konnten wir unsere Tante nicht finden. Wir haben nur ihren Namen, gesehen haben wir sie nie.» Auch wenn sie ihre Geschichte so runtergerattert hatte, als ginge sie das Ganze nichts an, war sie ganz klar den Tränen nahe. Jakob schaute betreten weg, fixierte stattdessen den Prediger. Dieser legte dem Mädchen eine Hand auf den Kopf. «Keine Sorge, kleine Dunia. Wir werden euch bei der Suche helfen. Wenn deine Tante wirklich hier in Caput lebt, dann werden wir sie finden.»
      «Danke, Vater!» Sie ergriff seine Hand und legte ihre Stirn auf seinen Handrücken. «Vielen Dank!»
      Jakob hätte kotzen mögen. «Und wie heißt ihr, meine Herren?», fragte der Vater Aurel weiter.
      Mar stand sogleich auf, zog Jakob, der lieber gleich wieder gegangen wäre, mit sich hoch. Mar sah Jakob erwartungsvoll an. Mit Mühe gelang es Jakob ein Seufzen zu unterdrücken. «Mein Name ist Jakob und das hier ist Mar. Er ist mein kleiner Bruder. Wir stammen aus den südlichen Regionen des Landes. Unsere Eltern haben uns an einen reichen Landbesitzer verkauft, ein absolutes Schwein, der unsere Schwester vergewaltigt hat bis sie sich schließlich umgebracht hat. Dann sind wir abgehauen und jetzt sind wir hier.» Jakob kniff die Lippen zusammen und schob trotzig das Kinn vor. Soll er doch denken, was er will, der heuchlerische Weißrock. Was auch immer er ihm auftischte, es war eigentlich nicht weiter wichtig. Viel zu viele Waisenkinder lebten in diesem gottverlassenen Land. Da kam es auf zwei mehr auch nicht mehr drauf an. «Ich verstehe. Es war mutig von euch, den ganzen Weg bis hier her zu kommen. Ich bin beeindruckt, dass ihr es so weit geschafft habt.»
      Jakob bemühte sich, nicht überrascht auszusehen. Der Typ wollte sich nur einschleimen. Wären die Priester der Gnosis wirklich Boten der Götter, dann gäbe es gar keine Kinder wie ihn. Jakob setzte sich.
      «Beginnen wir also mit dem Unterricht.» Der Priester erhob die Stimme. «Wer den Gesetzen des Himmels folgt, der wird sich noch in diesem oder in einem nächsten Leben als ein höheres Wesen erheben können. Das gilt für jeden, auch für euch. Lasst uns das Dankesgebet sprechen.»
      Die Kinder erhoben sich und falteten die Hände. Im Chor sprachen sie: «Wir danken euch Engel und Götterwesen, die ihr uns beisteht, zu Lebzeiten und im Tode. Durch eure liebevolle Arbeit erhalten wir die Gelegenheit höher zu steigen.
      Wir danken euch Erde, Pflanzen und Tierwesen, die ihr euch geopfert habt, um uns eine Treppe zu bilden. Durch euren Verzicht konnten wir erhöht werden.
      Wir danken euch ihr heiligen Eingeweihten, die ihr euch dem Weg der Erkenntnis verschrieben habt. Durch eure weise Führung werden wir auch in den schwersten Zeiten unseren Weg nicht verlieren.»
      «Nun, was wisst ihr bereits von den Gesetzten des Himmels?» Er schaute in die Runde. Wartete darauf, dass sich ein Kind meldete. Zu Jakobs Erstaunen stand tatsächlich eines der Kinder auf und meldete sich zu Wort: «Es sind heilige Gesetze, die uns helfen sollen, in den Kasten aufzusteigen.»
      Der Aurelweißrock nickte ernst. «Das ist richtig. Wozu existieren denn die Kasten in unserer Gesellschaft, Karin?»
      Das angesprochene Mädchen erhob sich. «Es ist wichtig, die Menschen in Kasten einzuteilen. Auch die Hierarchien der Götterwesen sind so gestaltet und sind ein Vorbild für das Leben auf der Erde.»
      Wieder nickte Aurel. «Das ist richtig, beantwortet meine Frage aber nur zu einem gewissen Teil. Michael?»
      «Die Kasten zeigen, in welchem Entwicklungsstand sich ein Mensch befindet. Wenn ein Mensch gewisse Fähigkeiten erlangt hat und sich als würdig erweist, dann wird er durch die Vereinigung der Gnosis begnadigt und er steigt eine Kaste auf. Die Menschen der höheren Kaste haben mehr Befugnisse und können Magie benutzen.»
      «Sehr gut. Du hast richtig gesagt, dass die Mitglieder höherer Kasten mehr Befugnisse haben, gleichzeitig haben sie aber auch mehr Verantwortung. Das dürft ihr nicht vergessen. Außerdem können nicht alle Magie benutzen, nur ein paar wenige.»
      Michael nickte verlegen und setzte sich wieder.
      «Gut, zurück zu den Gesetzen des Himmels. Welcher Kaste ihr auch angehört, es ist die Aufgabe eines jeden Menschen, sich seiner ihm zugewiesene Arbeit mit Fleiß und Hingabe zu widmen. Keine Arbeit ist bedeutender als die andere, denn erst alle gemeinsam ergeben den Willen der Götter.
      Der Mensch soll also nicht klagen, denn was auch immer ihm widerfährt, ist notwendig für seine Entwicklung. Auch wenn wir es manchmal unverständlich oder als ungerecht empfinden, was auch immer geschieht ist der Wille der Götterwesen, die nur in unserem besten Sinne handeln.
      Wir sollen also unsere Aufgaben auf dieser Erde sehr ernst nehmen, aber gleichzeitig sollen wir auch nicht an dieser Welt anhaften. Dies ist allerdings ein sehr hohes Ideal und die wenigsten erreichen es. Trotzdem sollten wir alles in unserer Macht stehende tun, um unsere Begierden bereits während dieses Lebens auszulöschen, denn sie werden uns nach dem Tod angelastet werden, bis wir sie im Fegefeuer ausgelöscht haben.»
      Jakob verkrampfte sich. Warum war er überhaupt hergekommen? Verdammte Kirchenheinis, die waren doch alle gleich mit ihrem Fegefeuergequatsche.
      «Könnt ihr mir ein Beispiel von einer Begierde nennen?»
      «Trinken und Frauen», sagte einer der älteren Jungen sofort und grinste.
      «Richtig. Solange ihr euch von euren Begierden nicht gelöst habt, seid ihr nicht frei. Sie werden euch zu Lebzeiten plagen und auch im Tod werden sie euch nicht in Ruhe lassen. Nehmen wir das Beispiel des exzessiven Trinkens. Wenn ihr einfach nicht aufhören könnt, an Alkohol zu denken, dann wird euch das von euren Aufgaben ablenken, was ein Verstoß gegen die heiligen Gesetze ist. Es benebelt die Sinne und senkt das Bewusstsein auf eine tiefere Ebene, ähnlich der der Tiere. Das kann sogar so weit führen, dass ihr die Kontrolle über euch vollständig verliert und zu Gewalttaten und anderen Vergehen neigt. All dies wird zu einem Abstieg in der Kastenordung führen.
      Solange ihr am Leben seid, könnt ihr eure Begierde Spirituosen immer wieder stillen, doch im Tod besitzt ihr keinen Körper mehr. Nun ist aber das Vorhandensein eines Körpers notwendig, um diese Begierde befriedigen zu können. Das Verlangen ist noch da, aber ihr könnt nichts mehr dagegen tun. Es bleibt euch also nichts anderes übrig, als zu leiden, bis ihr eure Begierde überwunden habt. Deshalb müssen wir Menschen bereits zu Lebzeiten unsere Begierden überwinden, damit wir ohne Anhaftung in den Tod übergehen können.» Er ließ die Worte einen Moment lang wirken und schaute bedeutungsvoll in die Runde, bevor er fortfuhr: «Ein weiterer Punkt ist der Glaube. Es ist absolut notwendig, dass wir an die höheren Welten und Götterwesen glauben. Die Sinne der meisten Menschen sind noch nicht so weit entwickelt, um diese wundervollen Welten wahrnehmen zu können. Deshalb ist es wichtig, dass wir den Eingeweihten und ihren Dienern mit ungeteilter Aufmerksamkeit zuhören und uns eine Vorstellung von diesen heiligen Welten und Wesen machen. So schärfen wir unsere Sinne und werden eines Tages ebenfalls in der Lage sein, sie wahrzunehmen.»
      «Wie sehen Engel denn aus, Vater Aurel?»
      «Es sind subtile Lichtwesen. Ihre Körper sind viel feinstofflicher als unsere. Mit unseren zwei Augen hier können wir sie nicht sehen. Doch wenn wir unsere geistigen Augen öffnen, dann offenbaren sich uns die Engelwesen.»
      «Haben Sie ihre geistigen Augen denn schon geöffnet?»
      «Ich fürchte nein. Für kurze Momente durfte ich einen Blick in die heiligen Welten wagen, doch das Tor hat sich wieder verschlossen. Es ist ein langer und steiniger Weg, auf dem wir Menschen uns befinden. Aber es lohnt sich, ihn zu gehen – zumal es der einzige ist, der uns wirklich an ein Ziel bringen kann.»
      «Was ist der Sinn des Lebens?» Jakob hatte die Frage nicht mehr zurückhalten können.
      «Eine gute Frage», stellte Vater Aurel fest. «Kann jemand eine Antwort darauf geben?»
      Nach kurzem Schweigen meldete sich Michael: «Wir müssen in den Kasten aufsteigen und zu höheren Wesen werden.»
      «Ja. Und weiter?»
      Der Junge zuckte mit den Schultern.
      «Denkt an das Gebet zurück, das wir gesprochen haben. Wir haben uns bei der Erde, den Pflanzen und Tieren bedankt, die uns in unserer Entwicklung geholfen haben. Sie sind auf einer niederen Stufe stehen geblieben. Es gehört zu unseren Aufgaben, ihnen zu helfen, ebenfalls auf eine höhere Stufe aufsteigen zu können. Wir sollen das Physische vergeistigen. Das ist unsere heiligste Aufgabe.»
      «Und was passiert, wenn alles vergeistigt ist?», bohrte Jakob nach.
      «Tja, was passiert dann? Noch viele weitere Entwicklungsstufen erwarten den Menschen, dies wurde bereits vorausgesehen. Aber die Eingeweihten haben keine vollkommene Sicht auf die Zukunft. Dies bleibt höheren Wesen vorbehalten. Wir müssen glauben und vertrauen, auf die Führung der Eingeweihten und der Götterwesen.»
      Diese Antwort befriedigte Jakob nicht im Geringsten. Es klang einfach nach dem leeren Geschwätz, welches er erwartet hatte. Aber er sagte nichts mehr, es brachte ja doch nichts. Er ließ den Rest des Unterrichtes über sich ergehen, hörte jedoch nicht mehr richtig zu. Am Ende brachten Nonnen Körbe mit Broten und ein paar Früchten, welche sie an die Kinder austeilten. Jakob und Mar ergatterten sich einen ganzen Laib Brot, zwei Birnen und einen Apfel. War es das wert gewesen? Jakobs Magen knurrte. Verräter, dachte Jakob und machte sich mit Mar auf den Weg zum Ausgang.
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      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 6 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

    • Sehr hübsch muss ich sagen. Nur hier:

      RenLi schrieb:

      erklautes Essen mit ihnen teilte. Eigentlich kam er im Grossen und Ganzen gut über die Runden, denn im Klauen
      würde ich vielleicht einmal "klauen" mit "Stehlen" ersetzen, um die Wiederholung zu vermeiden.
      Man merkt schon kluge, philosophische Gedanken. Auch wenn dein Blick auf Religion vielleicht etwas einseitig negativ ist ^^
      Fünf Ausrufezeichen, das sichere Zeichen für einen wahnsinnigen Geist!!!!!

      -Terry Pratchett
    • Hi Windweber. Danke für deine Rückmeldung, cool, dass du meine Geschichte liest!! :D
      Ja, Jamie mag die Gnosis überhaupt nicht, ist aber nicht unbedingt meine eigene Meinung. Sie sind zwar nicht ganz lupenrein (sind schliesslich Menschen :b), aber ihr ursprünglicher Glaube hat doch viele interessante Ideen. Damit wird Richard sich noch eingehend befassen dürfen :b
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      Rumi
    • Hallo RenLi,

      bin eben über deine Geschichte gestolpert. Zuerst hat mich der ganze Text abgeschreckt, weil ich (wie eigentlich fast immer) keine Zeit hatte, da meine Kinder jeden Moment aus der Schule kommen sollten usw.
      Naja, natürlich konnte ich es dennoch nicht seinlassen und musste loslegen...soll der blöde Spül halt liegenbleiben :)
      Also zunächst einmal muss ich sagen, dass ich deine Geschichte bis jetzt gut fand. Ich bin über den einen oder anderen satz gestolpert, der mich wirklich beeindruckt hat oder eine Beschreibung von dir, die ich sehr passend fand. Ich bringe nur mal ein Beispiel.

      RenLi schrieb:

      Für einen Moment schloss Richard die Augen und betrachtete das Chaos, das in seinem Innern herrschte. Ein Gewirr aus Gefühlen und Stimmen, dumpfe und scharfe, laute, leise. Er atmete sie aus. Atmete die Stille des Sumpfes ein. Atmete die Angst aus. Atmete das sanfte Rauschen des Windes ein. Atmete die Schmerzen aus

      Überhaupt finde ich gut, wie du Gefühle beschreibst, vor allem die Verzweiflung von Richad, als er seinen Bruder sucht.

      Frage: Sind die "Gnosis" deine persönliche Erfindung oder muss man die als Fantasy-Liebhaber irgendwoher kennen? Ich bin da scheinbar nicht immer im Bilde. Deshalb frage ich.

      Hier noch ein Satz, über den ich gestolpert bin. Klingt irgendwie komisch, wie ich finde. Mein Vorschlag: Sie war kaum älter als er, aber sie hätten unterschiedlicher nicht sein können....(nur so ne Idee)

      RenLi schrieb:

      Sie war kaum älter als er, aber sie hätte nicht verschiedener von ihm sein können. Sie trug d
      Wie gesagt, für eine ausführlichere Rückmeldung fehlt mir gerade die Zeit. Ich weiß, dass ich beim Lesen noch die eine oder andere Sache gefunden hatte...später wusste ich dann nicht mehr, wo es war. Vielleicht habe ich heute Abend mehr Ruhe...

      Viele Grüße,
      Rainbow
    • Rainbow schrieb:

      Frage: Sind die "Gnosis" deine persönliche Erfindung oder muss man die als Fantasy-Liebhaber irgendwoher kennen? Ich bin da scheinbar nicht immer im Bilde. Deshalb frage ich.
      Die Gnosis (Singular) kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet Erkenntnis. Es ist ein theologischer Begriff. :)
      Fünf Ausrufezeichen, das sichere Zeichen für einen wahnsinnigen Geist!!!!!

      -Terry Pratchett
    • Ich bin echt riiiichtig begeistert! Hammer gut geschrieben bis jetzt, freue mich sehr auf die nächsten Kapiteln der Geschichte. Ich bin sehr begeistert davon, wie gut du das alles beschreibst und auch hammer emotional, ist genau mein Geschmack. Klar, es gibt auch Stellen die etwas komisch rüberkommen oder wo der Satz nicht so ganz passt, aber das sind nur Kleinigkeiten, empfinden tut ja jeder anders. Aber sonst wirklich gut geschrieben. :)
    • Vielen, vielen Dank, dass ihr meine Geschichte lest!! Das macht mich grad voll happy! <3 Freude-shake!
      Die Rückmeldungen sind super gut! @Rainbow: Ich hoffe, du findest noch Zeit, um weitere Ideen mit mir zu teilen. Ech voll lieb, dass du sogar deine Arbeit vernachlässigt hast :)
      Dann werd ich mich mal bemühen, die Geschichte gut weiterzuschreiben.
      Glg, Renli
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      Rumi
    • Edwin, Freuden der Kindheit (562 n. Rh.)
      Regungslos hockte Edwin im hohen Gras. Er wagte kaum zu atmen. Völlig fasziniert schaute er dem kleinen, nackten Wesen zu, wie es am Kelch einer Blüte zog und den zahnlosen Mund aufsperrte, bis der funkelnde Tautropfen über das Blütenblatt hinabgeglitten und in dem Schlund des Wesens verschwunden war. Genüsslich gurgelte es, schluckte und hopste kichernd davon. Edwin folgte dem kleinen, farblosen Geschöpf und sah, wie es einen langen Grashalm hochhielt und so einem Käfer ermöglichte, auf das Blatt eines Ampfers zu steigen. Neugierig reckte und streckte es sich, lugte über den Rand des Blattes, um den Käfer auf seiner Wanderung besser beobachten zu können. Fröhlich schwenkte es seine Hüften, was Edwin an das Schwanzwedeln eines Hundes erinnerte. Das Wesen setzte seinen Weg fort, lief mal hier hin, mal dort hin. Überall fand es kleine Aufgaben, die es erledigen konnte. Einmal schob es einen Stein beiseite, welcher das Wachstum einer Blume störte, ein andermal drehte es ein Insekt vom Rücken auf die Beine zurück.
      Stundenlang verbrachte Edwin so in der Natur. Er wurde es nie leid, den kleinen Helfern bei ihrer Arbeit zuzusehen. Manchmal stellte er sich vor, selbst eines von ihnen zu sein und half tatkräftig mit. Doch leider war er viel zu groß und fest. Wo auch immer er hintrat, knickten die schwachen Grashalme um. Das tat ihm immer unglaublich leid und er hätte sie am liebsten alle wieder aufgerichtet. Nicht nur einmal versuchte er das auch wirklich zu tun, aber es war eine unmögliche Arbeit. Dann entschuldigte er sich bei den Gräsern. Wenigstens vermied er es, auf die Blumen zu treten. Seine kleinen Freunde waren nicht so ungeschickt wie er. Wo auch immer sie auftraten, nie hinterließen sie einen Abdruck in der Erde. Sie wirkten höchstens so fest wie ein Nebelband und doch konnten sie unglaubliche Kräfte mobilisieren, um Schnecken hochzuheben oder um an die köstlichsten Tautropfen heranzukommen. „Edwin!“ Die Stimme seines Vaters schallte über die Wiese.
      Nur widerwillig löste Edwin den Blick von dem Wesen, welches gerade am Stängel einer blauen Blume hochkletterte. Als die Blume zu kippen drohte gesellte sich ein zweites hinzu, um den Stängel zu stützen. „Edwin!“ Er richtete sich auf, bedankte sich bei den Wesen und rannte über die Wiese zurück zu dem kleinen Haus, vor welchem sein Vater stand. Dabei schlug er immer wieder Haken, um den farbigen Blüten auszuweichen. Sein Vater ging in die Knie, öffnete weit seine Arme und Edwin warf sich lachend hinein. „Na, spielst du wieder mit deinen Freunden?“
      „Ja, Papa!“ Er küsste seinen Vater auf die Wange. „Eines hat dem Käfer auf ein Blatt geholfen. Und es hat einen ganz tollen Tautropfen erwischt!“
      Sein Vater wuschelte ihm durch die Haare. „Das ist schön, hast du dich auch anständig von ihnen verabschiedet?“ Edwin nickte eifrig. „Gut, dann kannst du deinem Bruder ja nun helfen, ein paar Zweige für einen neuen Korb zu schneiden. Onkel Johan und ich müssen den Karren noch fertig reparieren, damit wir bereit für neue Kunden sind.“
      Edwin lief ins Haus hinein, wo Richard gerade zwei Messer schliff. Leise schlich Edwin sich an und sprang seinem Bruder um den Hals. „Heey! Das ist gefährlich, Edwin!“, prustete Richard, die Messer landeten klirrend auf dem Boden.
      „Hab dich, Richaaaard!“
      „Nein wirklich, du musst mich schon vorwarnen, wenn du mich so überfällst. Und ich hatte sogar noch Messer in der Hand!“
      Erschrocken ließ Edwin Richard los. „Aber es ist doch nichts passiert“, jammerte er.
      „Hätte es aber.“ Vorwurfsvoll schaute Richard auf Edwin hinunter.
      „Ich wollte doch nur… Ich mach’s nicht wieder, entschuldige, Richard.“ Betreten sah er auf seine Füße. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Er hatte seinen Bruder doch nur so unglaublich gern und hatte ihn überraschen wollen.
      „Ist schon in Ordnung. Ich weiß ja, dass du es nicht böse gemeint hast.“ Richard zog ihn in eine kurze Umarmung. Edwin schniefte, als sich Erleichterung in ihm ausbreitete. „Willst du auf meinem Rücken reiten bis wir am Waldrand sind?“, bot Richard grinsend an.
      „Ja!“, rief Edwin sogleich wieder strahlend. „Auf dem Rücken reiten!“
      Richard holte die beiden Messer und ging in die Knie, damit Edwin aufsteigen konnte. Edwin holte Anlauf, rief noch: „Ich kommeee!“ und sprang seinem Bruder um den Hals, sodass dieser beinahe nach vorne kippte.
      „Phu, du wirst auch nicht grad leichter.“
      „Aber du wirst doch immer stärker.“
      So machten sie sich auf den Weg, den Hügel hinauf. „Weißt du Richard, du bist der beste große Bruder auf der ganzen Welt!“

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      falls jemand Mononoke-hime kennt, der weiss, woher ich die Inspiration für diese kleinen Helferchen herhabe :)



      Richard, Geschichten (564 n. Rh.)
      Richard schaute über die Landschaft hinweg, die sich unter ihm ausbreitete. Viele Felder reihten sich aneinander, durchzogen von kleinen Baumgruppen, Sträuchern und einem Fluss, der sich von Westen nach Osten seinen Weg über die Ebene suchte. Zwischen den Feldern standen kleine Hütten zerstreut in der Landschaft, hie und da sah er eine Ziegenherde, von weitem nur als kleine Punkte erkennbar. Was seinen Blick jedoch wie magisch anzog war die Ansammlung von Häusern nahe am Fuß des Berges, an dessen Flanke er gerade stand. Er konnte tatsächlich auf die Hauptstadt hinunter sehen. Doch er freute sich nicht. Es schien ihm, als sei mit Edwin auch all seine Freude von ihm gegangen. Mit ausdruckslosen Augen betrachtete er die Häuser, turmhohen Gebäuden, die verwinkelten Gassen, allesamt eingerahmt von einer großen Mauer. Die Dächer waren so farbig, wie man sie ihm beschrieben hatte. Fröhlich wirkten die Häuser mit ihren bunten Hüten. Doch Richard suchte nach einem bestimmten Gebäude. Es war das größte von allen. Mitten drin saß es, wie ein fetter König, der sich in seinen tausend Kissen suhlt. Es war als einziges komplett schwarz. Außerdem rund, Richard konnte tatsächlich keine einzige Ecke ausmachen, nicht einmal eine gerade Kante. Es war das Regierungsgebäude. Dort wurden alle wichtigen Entscheidungen für das Land gefällt. Außerdem hatte die Gnosis dort ihren Sitz. Die gelehrten Weisen. Richard hatte gehört, dass der Fluss genau unter diesem Gebäude hindurchfloss. Und tatsächlich schien der Fluss an dieser Stelle zu verschwinden und auf der anderen Seite wiederaufzutauchen. Wenn Edwin das sehen könnte –
      Richards Herz, das sich beinahe einen Spalt weit hatte öffnen wollen, verschloss sich wieder. Er ging den gewundenen Weg hinunter, an der Bergflanke entlang. Als er in den Wald kam, verschwand die Stadt hinter dem Dickicht.
      Am Fuß des Berges angekommen blieb Richard stehen. Der Waldweg vereinte sich ein Stück weiter vorne mit einer Landstraße. Dort stand ein alter Mann mit seinem Eselkarren. Der Esel wollte ganz offensichtlich nicht weitergehen und nun zog der Alte am Esel, der doch eigentlich den Karren hätte ziehen sollen. Der Alte fluchte, als das Tier bocksteif stehen blieb. Richard betrachtete die Szene eine Weile von weitem. Eine junge Familie kam hinzu. Die Frau stupste ihren Mann an und zeigte auf den Alten. Der Mann zuckte mit den Schultern und kam dann dem Alten zu Hilfe. Gemeinsam schafften sie es, den Esel wieder in Bewegung zu bringen. Der Alte bedankte sich froh und ließ die Kinder auf dem Wagen mitfahren. Richard ging in einigem Abstand hinterher. Die zwei auf dem Wagen waren noch ganz klein, vielleicht so fünf und sechs Jahre alt, beides Mädchen. Eines der Kinder deutete auf ihn. Er sah zu Boden. «He, Junge, willst du mitreiten?» Richard zuckte zusammen. Hatte der Alte wirklich ihn gemeint? Unsicher schaute er auf. Die Familie und der Alte waren stehen geblieben. Alle sahen ihn an. Das Mädchen, das auf ihn gezeigt hatte, klopfte mit seiner kleinen Hand neben sich auf einen Sack. Als wolle es, dass er sich dort hinsetzte. Richard schüttelte den Kopf. Wovor habe ich Angst? Wenn mir jetzt schon kleine Kinder Angst machen…
      Die Mutter kam auf ihn zu. Er sah, dass sie ein noch kleineres Kind in einem Tuch vor der Brust trug. Richard machte einen Schritt rückwärts. Sein Herz wimmerte. Sie beugte sich zu ihm herunter, er konnte eine kleine Stupsnase aus dem Tuch herauslugen sehen. «Es wäre schön, wenn du mit uns kommen würdest. Je mehr, desto lustiger wird es.» Er getraute sich nicht, ihr ins Gesicht zu sehen. Stattdessen blickte er auf das Baby. «Wie heißt du?»
      «Richard», murmelte er.
      «Willst du sie mal halten, Richard?»
      Verwirrt blickte er nun doch auf. Sie wollte, dass er ihre Tochter hielt? Wieder schüttelte er den Kopf, doch gleichzeitig beugte er sich näher, über das Kind. Es sah so winzig aus. So unschuldig und einfach gut. Es war Richard, als würde ein Licht aus dem Säugling herausscheinen, direkt in ihn hinein. Er spürte, wie seine Augen feucht wurden. Er hätte nicht gedacht, dass da noch Tränen übrig waren. Er war doch trocken, wie ein vertrockneter alter Zweig. Da war nichts mehr. Doch die Tränen schoben sich nach vorne, drohten überzulaufen. Das kleine Baby, es weiß noch nichts von dieser Welt. Fühlt sich sicher an der Brust seiner Mutter. Nun flossen die Tränen doch, unaufhaltsam liefen sie ihm übers Gesicht. Arme legten sich um ihn, wiegten ihn sanft. Angenehme Wärme hüllte Richard ein. Der Panzer um sein Herz lockerte sich ein bisschen, ließ die Tränen fließen. Er versank in diesen Armen, spürte das Herz dieser Frau schlagen, spürte den ruhigen Atem des Kindes an seiner Wange. Und er spürte sein eigenes Herz wieder. Auch dieses Herz schlug noch. Doch wozu?
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi

      Dieser Beitrag wurde bereits 6 mal editiert, zuletzt von RenLi ()

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      RenLi schrieb:

      In den ersten Wochen nach dem Jamie aufgebrochen war, hatte Richard oft sehnsüchtig in Richtung Stadt geschaut. Er erging sich in Überlegungen, dass Jamie vielleicht würde er plötzlich wieder auftauchen würde, mit seinem breiten Grinsen im Gesicht.
      In diesem Teil fällt es mir schwer den Übergang zu verstehen zwischen Gegegenwart und Vergangenheit. Ich denke, das könntest du lösen, indem du einen kleinen Einschub hinzufügst. Ist nur ein Vorschlag, aber ich habe da wirklich einen Moment gebraucht, bis ich mich durchgewurstelt hatte.

      RenLi schrieb:

      Von alten Hexenweibern, die ihn zu willenlosen Sklaven gemacht hatten und ihn für den Rest seines Lebens den Boden schruppen und in der Küche arbeiten liessen.
      schrubben

      RenLi schrieb:

      Richard wusste nicht, wie lange er dasass da saß, nicht fühlte, nicht dachte, nichts sah und nur ins Leere starrte.
      Nach den dreitausend Rechtschreibregeländerungen weiß ich auch nicht mehr hundertpro Bescheid, aber ich bin ziemlich sicher, dass bei langen Lauten nach wie vor ein "ß" statt ein Doppel-"S" stehen muss.

      RenLi schrieb:

      Die Sorge um seinen kleinen Bruder liess ließ ihn für einen Moment seinen eigenen Kummer vergessen.
      siehe oben

      RenLi schrieb:

      Er atmete sie aus. Atmete die Stille des Sumpfes ein. Atmete die Angst aus. Atmete das sanfte Rauschen des Windes ein. Atmete die Schmerzen aus und atmete die Weite des Himmels ein. Sein Herzschlag beruhigte sich.
      Das ist ein wahnsinnig toller Teil - der hat mir sehr, sehr, sehr gut gefallen. Soviel Tiefe und Emotion in diesen Zeilen, dass man förmlich sehen kann, wie alles langsamer und ruhiger wird. Sehr gut.

      RenLi schrieb:

      Es kostete Richard ziemlich viel Kraft, für sie beide den Boden fest zu halten, doch das Gefühl von Verantwortung liess ließ ihn stärker werden.
      siehe oben

      RenLi schrieb:

      Nun war es war nicht mehr weit.

      RenLi schrieb:

      Auch hatte weinte er nicht mehr geweint. Richard war mächtig beeindruckt von Edwin. Eigentlich sollte er der Tapfere sein, aber Edwin schien weitaus zäher als er. Das hätte er nicht erwartet überraschte ihn. Edwin war von Vater immer ein bisschen verhätschelt worden, denn den süßen kleinen Edwin musste man schonen. Er brauchte nicht so hart zu arbeiten, man musste auf ihn Acht geben. . Er war immer der kleine, süsse Edwin gewesen, den man schonen musste, der nicht so hart zu arbeiten brauchte, auf den man Acht geben musste. Auch er Richard selbst ließ hatte seinen kleinen Bruder gerne mal etwas länger spielen lassen, hatte und übernahm einen Teil seiner Arbeit übernommen. Wie hatte er so stark werden können? Wie konnte er nur so stark werden?, dachte Richard
      Das sieht schlimmer aus, als es ist - denn es ist nur ein Beispiel, wie du haben und sein ein wenig vermeiden kannst. Das ist oft gar nicht so schwer und macht einen Text flüssiger.

      RenLi schrieb:

      Richard presste sich die Hände auf die Ohren. Nicht hören, nicht sehen, nicht denken, nicht fühlen. Edwin, wo bist du? Nicht denken, nicht fühlen. Ich bin der schrecklichste Bruder auf Erden! Er rollte sich zusammen zu einem Ball, direkt hinter der Tür. Hörte nicht, sah nicht, dachte nicht, fühlte nicht.
      Wieder ein sehr, sehr starker Absatz. Hat mir wirklich außerordentlich gut gefallen!


      Liebe RenLi,

      endlich schaffe ich es mal wieder einen Teil (Post 7) von dir zu lesen.
      Zu Beginn muss ich sagen, dass sich das alles im Großen und Ganzen sehr gut liest. Du schaffst es hervorragend, Spannung zu erzeugen und Fragen aufzuwerfen. Z.b. frage ich mich jetzt, ob Edwin wirklich mir Richard im Sumpf war oder nur ein Trugbild, damit Richard einen Grund hat, wieder hinauszugehen.
      Gefühle sind deine ganz große Stärke, da bist du wirklich sehr authentisch in deinen Beschreibungen.
      Ich muss sagen, dass mir dieser Post 7 ab dem zweiten Teil besser gefallen hat. Der erste wirkte auf mich ein wenig verworren, ich hatte oft Schwierigkeiten zu folgen, wer denn jetzt eigentlich mit wem oder auch allein in den Sumpf gegangen ist. Ich habe erst ein paar Zeilen später gemerkt, dass du Richards Vater meinst. Vielleicht gehst du da noch einmal rein, denn insgesamt hast du in diesem Teil sehr viel "hatte" und "war", was natürlich an der Vergangenheitsform liegt, aber mich persönlich auch immer ein wenig durcheinanderbringt. Im Spoiler findest du mal ein Vorschlag, wie du diese beiden Verben ein wenig vermeiden kannst :)

      Ansonsten habe ich diesen Abschnitt mit großem Vergnügen gelesen, wie gesagt, ab dem zweiten Teil hat er mir außerordentlich gut gefallen. Ich bin sehr gespannt, wie es weiter geht und hoffe, bald dazu zu kommen, weiter zu lesen.

      lg
      Shaylee
      Ich bin ein Spiegel deiner Seele!
      Was also siehst du, wenn du mich anschaust?
    • Hi RenLi,

      ich habe dir ja schon gesagt, dass ich deinen Schreibstil mag. Jetzt stehe ich aber ein wenig ratlos da und versuche, das Geschehene des letzten Abschnitts in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Da der Vater und der Onkel doch eigentlich gestorben waren, gehe ich davon aus, dass das jetzt eine Art Rückblick ist. Oder habe ich irgendwas falsch verstanden???

      Beim Lesen ist mir nochwas aufgefallen. Bei vielen Wörtern schreibst zu „ss“ statt „ß“ . Es gab da ja mal vor Jahren eine dieser ätzenden Reformen und seit dem gibt es eine goldene Regel, die ich mir so eingeprägt habe: Alles was mit langem „S“ gesprochen wird (Grüße, Füße, schließen, gießen, …..) wird mit „ß“ geschrieben. Alles, was zackig ausgesprochen wird (Kuss, Schluss, muss, Fluss, beeinflussen, …) wird mit Doppel S geschrieben. So konnte ich mir das ganz gut merken. Vielleicht hilft dir das ja.

      Oh, ich habe gerade gesehen, dass @Shaylee das auch schon angemerkt hat.... naja, doppelt hält besser :)
      Ansonsten freue ich mich natürlich auch zu erfahren, wie es weitergeht.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Rainbow ()

    • Wow, danke euch beiden! Echt toll, dass ihr euch so Mühe gebt, an meiner Geschichte zu feilen!

      Ich glaub, an dieser Stelle sollte ich mich outen, das wunderschöne Doppel S hat mich wohl verraten. Bin aus der Schweiz. Hier verwenden wir das gar nicht. Ich weiss zwar, dass es in Deutschland gebraucht wird, hab mich aber noch nie mit den Regeln oder so was beschäftigt. Ist es für euch arg schlimm, einen solchen Text zu lesen? Sollte mich da mal weiterbilden.
      Wegen der Rükblickgeschichte, ganz wichtig: die Zahl in Klammern ist die Jahreszahl. Das hilft, sich zu orientieren. Dann merkt man auch, dass Jamies Teil schon länger zurück liegt, als der von Richard. Ob er also noch in der Stadt ist, weiss man folglich nicht :)

      Dann werd ich wohl nochmals drübergehen und weiterschreiben :D es ist immer suuper motivierend, wenn jemand eine Rückmeldung gibt!!!!
      Man sagt, die Liebe öffnet eine Tür
      von einem Herzen zum andern;
      Doch wo es keine Mauer gibt,
      wo soll dann eine Türe sein?
      Rumi
    • Hi RenLi,

      bestimmt bin ich bald bekannt dafür, besonders blöde Fragen zu stellen. Aber hier kommt mal wieder eine:
      Die Jahreszahl. Natürlich habe ich das gelesen, du hast es ja direkt zu Beginn geschrieben, dass man sie im Auge behalten soll. Ich frage mich aber, auf was sie sich bezieht. Ist das "vor Christus" oder "nach Christus" oder ist es womöglich eine komplett andere Zeitrechnung, die mit Christus überhaupt nichts am Hut hat? Im Moment steht die Zahl ja alleine....das lässt ein wenig Spekulationsraum. Ist das beabsichtigt?

      Ich weiß, wie es ist, wenn man etwas schreibt und das für einen selber total logisch ist...Manchmal sind die blöden Fragen anderer dann nicht nachvollziehbar ... :)

      Viele Grüße,
      Rainbow