Himmelsjäger [2. Fassung]

  • Gut geschrieben. Paavos Gedanken gefallen mir. ^^
    Am Schluss war ich nur kurz raus, weil ich nicht gleich herauslesen konnte, welchem der Brüder die Frau nun in die Augen schau und wer nun in den Kerker muss, erst in dem Moment, als sie sich Maks zuwendet, hat es klick gemacht. :hmm:
    Ich hoffe nur, Maks wird es dadurch auch besser gehen, sonst war der Tag Kerker umsonst
    Lasse dir ruhig Zeit mit dem Posten. Sich zu hetzen bringt gar nichts. :thumbsup:


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Ich hab jetzt alle der neuen Teile durch.
    Also.
    Sauber geschrieben, auch wenn ich deinen alten malerischen Schreibstil vermisse. Auch keine Rechtschreibfehler oder ähnliches.


    Gut. Ich kannte die Handlung schon, daher war die Geschichte nicht überraschend.


    Ich muß aber sagen, daß der Teil mit der Auswahl von Maks etwas verwirrend ist. Du wechselst etwas oft die Perspektive und es ist daher schwer zu sagen, wer wann wo ist, gerade weil der vorherige Teil mit Paavo am Abend spielte und der nächste am morgen.

  • Sauber geschrieben, auch wenn ich deinen alten malerischen Schreibstil vermisse.

    Davor habe ich mich gefürchtet. xD Habe ich das Malerische wirklich verloren? So viel ist im Großen und Ganzen eigentlich nicht rausgeflogen. Die alten Versionen habe ich auch immer noch.
    Bei den Überarbeitungen ging es ja vorrangig darum, den Lesefluss zu verbessern und die Dinge wegzunehmen, die ich dann auch nicht lesen wollen würde. Verknotete Sätze und (für mein Empfinden) übertriebene Darstellungen sind dann verändert worden, dass es sich für mich schlüssiger angefühlt hat.
    Die Bilder und das Malerische will ich aber erhalten. Es ist nicht meine Absicht, mich glattschleifen zu lassen :hmm:

    Ich muß aber sagen, daß der Teil mit der Auswahl von Maks etwas verwirrend ist. Du wechselst etwas oft die Perspektive und es ist daher schwer zu sagen, wer wann wo ist, gerade weil der vorherige Teil mit Paavo am Abend spielte und der nächste am morgen.

    Ich weiß gerade nicht, wie ich das noch etwas einfacher machen kann. Nach den Prüfungen mache ich mir dazu einen Kopf.


  • Ich erinnere mich auch an diesen Teil noch genau. Sehr selbstlos von Paavo - auch wenn es Maks vermutlich lieber gewesen wäre, bei seinem Bruder bleiben zu können. Wege trennen sich ... :/;(



  • Stille


    Der Tag war so an ihm vorbeigerauscht; es klingelte noch in seinen Ohren. Was war passiert? Es dämmerte ihm, doch er begriff noch nicht ganz. Und noch immer war ihm so kalt.
    Maks saß in einer Zelle, irgendwo im Kerker des Gutshauses, und starrte leer zu Boden. Die Wände waren glatt und grau, die Pritsche unter ihm hart. Eines wusste er noch ganz genau: Er wartete. Wartete auf die Haushälterin. Genau, das war es. Und Paavo war … nicht hier. Er war weg.
    Wieder fröstelte es ihn. Neben ihm saß jemand.
    „Er hat mich geschubst.“
    „Ja, das hat er“, flüsterte die Stille ihm zu, tief in sein Ohr hinein.
    Vorsichtig nickte er. Sie ist es wieder. Immerhin war er nun nicht mehr allein.
    „Sie haben ihn auch hergebracht. Und …“, sein Blick wandte sich zu seiner Linken, wo die Stille saß. „Sie werden ihn bestrafen. Warum hat er das nur getan?“
    Sie nahm sich einen Augenblick Zeit, um sich von der Pritsche zu erheben und sich gänzlich im Raum auszubreiten.
    „Ach, das ist eigentlich ganz einfach“, säuselte sie und stellte sich direkt vor ihn. Ihr Finger stach ihm tief in die Brust. „Du bist schwach. Ganz jämmerlich schwach.“
    Maks schluckte.
    „Ja. Das weiß ich.“
    „Genau. Und dass er dich vor die Füße der Aufseher gestoßen hat, rettet dir auf der einen Seite das Leben.“
    Vom Gang her waren leise Schritte zu hören, doch die Stille ließ sich davon nicht stören.

    Er hat mich gerettet.
    Auf seinen Lippen zeichnete sich der Ansatz eines Lächelns ab. Oh, Bruder!
    „Ja“, nickte die Stille und legte sachte ihre Arme um ihn.
    Dann beugte sie sich zu ihm herunter und sah tief in seine naiven, erwartungsvollen Augen. Ein bitterer Kuss.
    „Und auf der anderen Seite …“
    Die Schritte wurden lauter und eine Stimme sprach zu jemandem.
    „… ist er dich jetzt endlich los!“
    Erschossen weiteten sich seine Augen. Bin ich eine Last?
    Die Tür wurde geöffnet, die Stille war verschwunden. Was blieb, war diese schaurige Gewissheit, dass sie immer an ihrem Platz neben ihm festhalten würde. Am Platz in seinem Herzen.


    „Hm. Sieht genauso aus, wie du es beschrieben hast.“
    „Tja, wir hatten wirklich Glück. Fast hätte ich den Erstbesten genommen; jeder wäre besser als dieser Meddin.
    Eine Hand legte sich unter Maks‘ Kinn und führte seinen Blick wieder aufwärts. Der breitschultrige Mann, der da auf ihn herabsah, untersuchte Maks penibel auf eine forsche, distanzierte Art, die es nochmals deutlich machte: Maks war sein Eigentum.
    „Ja, der ist wirklich ein guter Fang. Aber wir werden demnächst wohl noch mehr brauchen.“
    „Noch mehr? Eigentlich haben wir jetzt einen zu viel“, sagte die Stimme kühl, die Maks nun als die der Haushälterin erkannte. „Aber Ihr wollt Meddin ja unbedingt behalten.“
    „Ach, ach“, winkte der Mann ab und begutachtete Maks noch immer eingehend „Der kommt früh genug dran. Bloß nicht verschwenderisch sein.“
    Maks‘ Blick glitt unverstehend zur Haushälterin herüber, die nur den Kopf schüttelte.
    „Ihr seid der Bauernfürst.“

    Bauernfürst …
    Die Lippen in Maks‘ taubem Gesicht formten langsam die Laute des Wortes, ohne sie loszulassen.
    Natürlich. Da stand ihm der Gutsherr gegenüber. Und lächelte ihn an.
    Seltsam kam es ihm vor. Warum war es nicht kalt? Warum so warm, einladend?
    „Du bist also Maks. Und der andere dort“, der Gutsherr wies zur Wand, auf die Zelle neben ihnen, „ist also dein Bruder?“
    Doch Maks‘ Kopf blockierte völlig; nichts drang mehr hinein oder heraus.
    „Das ist wirklich interessant“, fuhr der Bauernfürst fort, ohne sich nur im Geringsten für eine Antwort zu interessieren. „Ich bin überzeugt, dass du uns noch sehr nützlich sein wirst.“
    Mit diesen Worten klopfte er Maks noch einmal auf die Schulter und wandte sich von ihm ab.
    „Pahana, bring ihn doch zu den anderen Haussklaven. Der Arme hat lange genug allein hier gesessen.“
    Mit gerümpfter Nase beäugte sie ihn und ihre Augen wollten zerreißen, was sie da sahen.
    „Er ist schmutzig. Außerdem stinkt er, als hätte er sich in einem Pferdehaufen gesuhlt. Den fass ich nicht an.“
    „Ist das so?“, sagte der Gutsherr im Herausgehen. „Dann wird es Zeit, dass du lernst, dir die Hände schmutzig zu machen, meine liebe Pahana.“

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

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  • Ein kurzer aber schöner Teil. Das Gespräch mit der Stille gefällt mir, auch, wenn es mich ganz kurz etwas verwirrt hat. :rofl:
    Ich bin ja gespannt, was jetzt auf Mak zukommt? Und von was genau der Gutsherr da gesprochen hat. Für was brauchen sie noch mehr davon, obwohl sie eigentlich genug Haussklaven haben? Das klingt interessant und macht mich misstrauisch. XD
    Ich hoffe, der nächste Teil dauert nicht wieder ein Vierteljahr. ^^


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Ich mich Kyelia nur anschließen. Zudem kann ich noch hinzufügen: Hier ist es dir durchaus gelungen, die Stimmung mit einzufangen. Der Teil muss sich im Vergleich zur alten Variante nicht verstecken.
    Übrigens auch keine Rechtschreib, Zeichenfehler oder Stilfehler, die mir aufgefallen sind. Nur die Kürze des Textes war etwas störend.

  • Erstmal: Danke, ihr beiden. :D

    Der Teil muss sich im Vergleich zur alten Variante nicht verstecken.

    Auch danke dafür. Generell hat sich aber nicht so sehr viel an allen Teilen verändert. o:
    Trotzdem klingt es so, würde das mit den anderen Abschnitten nicht so der Fall sein. Du hattest sowas schonmal erwähnt, kannst du da etwas näher drauf eingehen?


    Ich denke, dass ich durchaus noch mehr Selbstbewusstsein entwickelt habe, um mehr mein Ding zu machen, die Dinge nicht zu sehr zu polieren. und auch gerne Verbesserungsvorschläge zurückzuweisen.


    Zur Kürze:
    Ja, das ist eben so. xD Ich muss es nehmen, wie es kommt.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

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  • Leider kann ich dir nicht sagen, was genau jetzt so anders ist. Der jetzige Teil kommt dem ersten Entwurf sehr nahe. Mir gefällt er teilweise sogar deutlich besser, da hier das Schriftbild klarer ist und auch sofort klar ist, dass die Stille existiert.


    Auch der neue Anfang der Geschichte insgesamt finde ich besser, auch wenn vereinzelt sicher noch Verbesserung möglich ist.


    Nur zwischendurch die Teile, bei den Haussklaven zum beispiel, fand ich dem ersten Entwurf malerischer.

  • Anders als Schreibfeder hab ich die alten Texte nur noch inhaltlich präsent und kann deshalb keinen Vergleich vornehmen. Ich erinnere mich hier dran, dass der Fürst irgendwie zu sympathisch wirkte - aber er muss ja auch kein schlechter Mensch sein, wenn Sklaverei etwas ganz normales in der Gesellschaft deiner Welt ist. Stutzighat mmich nur der Satz gemacht, wo er nach Maks' Bruder fragte? Ich dachte Maks hockt da alleine im Raum? :huh:


  • Ein Vorwurf

    Sie war hier irgendwo. Gar nicht weit weg. Ganz gewiss nicht. Da war sich sein Gefühl sicher; es juckte tief in seinem Kopf.
    „Und jetzt?“
    „Ganz kalt“, kam es provokant trocken. „Oder doch schon etwas wärmer? Aber auf der Spur bis du mir jedenfalls nicht.“
    Kichern. Glöckchenhell. Woher es aber kam, konnte er nicht ausmachen. Wahrscheinlich wieder eine Feenspielerei, denn ihre Stimme hallte zerschlagen und verstreut von allen Seiten wider.
    Ähnlich schien mittlerweile auch die Sonne – die buntgemalte Wolkendecke war dabei, sich langsam aufzulösen. Nun fielen Schatten neben jeden Busch, den die harten Sonnenstrahlen, die vom Sommer ausgeschwitzt wurden, zu fassen bekamen.
    Das kommt Chisana gerade recht, dachte sich Konrad, während er mit Händen und Augen einen Busch nach der Fee durchwühlte. Man kann da drin ja kaum etwas erkennen. Ich wette, sie ist ganz in der Nähe. …
    Und plötzlich hielt er einfach inne, während ihm ein Gedanke durch den Kopf zuckte. Und sich Luft erkämpfte.
    „Du, weißt du, Chisana“, sprach Konrad langsam, sich ein wenig streckend.
    „Jaaa, mein Prinz?“
    „Wenn du dich unsichtbar machst, macht mir das Spiel einfach keinen Spaß.“
    „Hehe. Tschjuuuuu!“, alberte ihre Stimme langgezogen und ein Paar kleiner Füßchen ließ sich auf sein Haupt herabsinken. Die Kopfhaut kribbelte, als Chisana sich genüsslich in seinem Haar einnestete.

    Ich kann nicht glauben, dass sie die ganze Zeit dort oben war. Schon wieder.
    „Sei doch froh“, seufzte sie. „Dann kannst du mich länger suchen.“
    „Ich muss dann eher“, berichtige er sie langsam, wohl ahnend, in welche Richtung das Gespräch wieder einmal rutschen würde.
    „Tjaja, das war dann wohl Sinn der Sache“, gab sie schelmisch zurück. „Erwischt.“
    Patschen. Ihr leichtes Händchen auf seinem Kopf.
    „Jaja, erwischt. Das macht es nicht besser. Wie lange soll ich denn wie ein Dummer hier herumirren? Bis es Nacht wird etwa?“
    Es war ein leises Brodeln in seiner Stimme zu hören gewesen, was ihn selbst irritierte und ins Straucheln brachte.
    „Mir eigentlich egal“, schulterzuckte sie bloß. „Ich finde immer noch, dass wir hier einfach verschwinden sollten. Einfach die Sachen nehmen und weglaufen. Weg von der Burg. Weg von den blöden Dienern, die dich sowieso nicht verstehen. Es fehlt nicht mal viel. Wir müssten es bloß tun.“
    Ein wenig zog sie an seinen Haaren, dass es ihn kurz zwickte.

    Das schon wieder.
    „Komm schon, Konrad. Willst du wirklich einmal so ein blöder Herzog wie dein Onkel sein? So … langweilig? Stell dir doch einmal vor! Wir könnten jeden Tag im Wald spielen gehen. Oder auch in der Stadt. … Ja!“, entfuhr es ihr; fuhr es ihm ins Ohr. „Wir könnten einfach ohne Begleitung in die Stadt gehen! Einfach Bummeln und …“


    … mit anderen Kindern spielen, waberten ihr die Worte schleierhaft durch ihren Kopf; noch rechtzeitig, bevor Chisana sie ausgesprochen hätte. Giftig waren sie. Und stachelig und spitz und schmerzhaft. Für einen kurzen Augenblick war ihr, als fiele sie wie einer der Schatten aus den Wolken.
    „Onkel Martes arbeitet immer sehr hart“, erklärten ihr Konrads Worte und das Gefühl verflog sofort.
    Sie fingen sie auf.
    „Er hat es nicht verdient, dass du so über ihn redest, Chisana. Immerhin fragt er nicht einmal, wo ich den ganzen Tag stecke, wenn wir spielen gehen. Und dabei helfe ich ihm viel zu wenig.“
    Die Reue war ganz deutlich aus seiner Stimme herauszuhören. Sie sprach mit ihm synchron, fast aus einer Kehle. Nicht, dass Chisana das hätte beirren können.
    „Ach komm schon, Konrad. Er kümmert sich doch kaum, wahrscheinlich interessiert er sich nicht einmal für dich. Warum hast du mit ihm Mitleid? Weil er hart arbeitet? Aber genau das ist doch das Problem. Wenn er sich hin und wieder einmal entspannen würde, dann würde er auch nicht ständig so traurig aussehen. Und vielleicht würde er dann auch ein paar Leute finden, die ihm bei der Arbeit helfen können. Hat man für sowas nicht so wie so irgendwelche Minister?“
    Kurzes Brummen, während Konrad mit gesenktem Blick ziellos durch den Wald stapfte; ohne Ausschau zu halten, ohne auf den Weg zu achten. Von dieser Stille plötzlich irritiert, beugte Chisana sich über Konrads Stirn vor, bis sie in etwa sein Gesicht lesen konnte. Seine Gedanken hatten sich wohl irgendwo in den eigenen Weiten und Wüsten verloren, dass Chisana nicht einmal sicher war, ob Konrad ihr überhaupt zugehört hatte. Da spürte sie eine schleichende, winzige Schwärze am buntgemalten Himmel.
    „Du … denkst wieder an später, nicht wahr? Wenn wir zurück sind“, tastete sich Chisana heran.
    Und dann packte sie einfach zu, beherzt, ohne eine Antwort abzuwarten.
    „Hör doch endlich auf damit! Wir sind gerade hier und jetzt. Und Später ist noch dort hinten! Ganz weit weg!“
    Ihr Feenärmchen streckte sich in Richtung der Burg aus, die irgendwo hinter den Bäumen lag. Dass Konrad das unmöglich sehen konnte; weder die Burg, noch ihren Fingerzeig; war weder für sie noch für ihre Worte von Belang. Es kochte in ihr hoch und sie ließ es einfach überschwappen, völlig gleich, wer sich daran verbrennen würde.


    Sie würde es nicht.
    Denn Konrad fühlte sich in seinem Kopf plötzlich ganz klein und schmierig und schlecht. Ein fauliges, madiges Stück Obst. Beim Gedanken schüttelte es ihn.
    „Es tut mir leid“, stolperte es in einem Hauch heraus, dass es ihn noch weiter verunsicherte.
    Schließlich war doch ihr Jahrestag. Heute sollte niemand anderem als ihnen gehören. Es war ein stummes Versprechen gewesen.
    „… schon gut.“
    Er wusste den betretenen Unterton in ihrer Stimme nicht zu deuten. Mittlerweile waren sie in einer unangenehmen Stille angekommen.
    Konrad blieb stehen. Die Farben an seinem Himmel bluteten langsam aus; ihr Vorwurf tat furchtbar weh. War es denn falsch, sich Sorgen zu machen? Hatte er sie enttäuscht?
    „Psst!“, zischte Chisana plötzlich, „bleib mal stehen, sei ganz still.“
    Irritiert gehorchte er.
    „Chisana, was -“
    „Ruhig, sagte ich! Hörst du das denn nicht?“, fauchte sie und er sah sie an sich vorbeiziehen.
    „Hören, uh- was?“, stammelte er und sah die kleine Fee an sich vorbeiziehen. Zu dem Waldweg, der bald ihre Richtung kreuzen würde.
    Hastig setzte er ihr nach, erfolglos. Sie zu flink, seine Beine zu schwer. Und dann die Sträucher.
    „Was ist denn bloß los, Chisana? Kommt da vielleicht eine Kutsche? Eine Gruppe Wanderer?“, rief er japsend.
    Der Weg war noch einige Schritte von ihm entfernt.
    „Nein“, meinte sie leiser, dass er Schwierigkeiten hatte, sie zu verstehen. „Eine Kutsche kling ganz anders. Und Wanderer sind das auch nicht.“
    „Aber ¬“, stürzte er. Über einen Wurzelbogen. Umarmte einiges Gestrüpp und küsste den Moosboden. Kurz nur stöhnte er auf, blieb dann aber liegen.
    „Gut so, bleib unten“, kommentierte Chisana ohne einen bösen Gedanken.
    Nun erreichte das Geräusch auch Konrads Ohren; dieser leise, stetig lauter werdende Lärm. Ein Bullern, Knattern, Knallen? Er wusste es nicht recht einzuordnen. Mit seltsamer Neugier im Atem robbte er über den weichen, erdigen Boden, bis Feenhändchen seine Haare packten und unsanft an ihnen zogen.
    „Auauau!“, protestierte Konrad, aus dem Nichts getroffen.
    Kein Zweifel, der Lärm kam näher. Und er weckte sie alle. Die Tiere, die sich vor dem Tag versteckt hatten; die Pflanzen, die sich sonst niemals zu Wort meldeten; und die nervöse Unruhe in Konrad, die sich nicht entscheiden konnte, ob sie nun Chisana oder dem Lärm ihre Aufmerksamkeit schenken sollte.
    „Komm hoch, loslos! Sieh dir das an!“
    Stummhastig gehorchte er und setzte sich in die Hocke. Sofort patschte ihm Chisana gegen die Backe und wies mit einem Fingerzeig den Waldweg hinunter. Sein Blick fiel sogleich hinterher; fiel auf etwas Hartes, Seltsames. Da war ein dunkelroter, langgezogener Kasten, auf Rädern, mit Fenstern. Er erinnerte an eine Kutsche und grummelte dabei unentwegt, wie ein Walddämon. Zumindest wie Konrad sich einen Walddämon vorstellte.
    „Eine Kutsche?“
    „Ohne Pferde?“
    Niemand von beiden wusste ein Maß für ihre Ratlosigkeit zu finden; das Staunen hatte sie völlig gefesselt, geknebelt und ihren Verstand in Drogendunst erstickt. Da waren keine Pferde, da schob niemand; war da Magie am Werk? Versteckt hielten sie sich zwar, doch abwenden konnten sie sich nicht. Die Blicke folgten dem Kasten, der wie eine normale Kutsche an ihnen vorbei rollte. Einfach weiter, den Weg in Richtung Burg hinauf.
    Und endlich ließ der Bann sie frei.
    Blicke trafen sich. Und erklärten das Spielen für beendet.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

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  • Paavo sitzt nebenan, Maks ist in dem Raum allein.

    Da hab ich wohl nicht aufmerksam genug gelesen ^^''

    Nun fielen Schatten neben jeden Busch, den die harten Sonnenstrahlen, die vom Sommer ausgeschwitzt wurden, zu fassen bekamen.

    Ehrlich, diese Formulierungen sind einfach toll :golly: Super Bild :thumbsup:


    Auch an diesen Part erinnere ich mich gut - und heute weiß ich immer noch nicht, was die beiden da genau beobachtet haben. Klingt auf alle Fälle nach dem ersten Automobil :D

  • „Ruhig, sagte ich! Hörst du das denn nicht?“, fauchte sie und er sah sie an sich vorbeiziehen.
    „Hören, uh- was?“, stammelte er und sah die kleine Fee an sich vorbeiziehen.

    Ist die Wiederholung beabsichtigt?


    Ein schöner Teil. Er wirkt so schön verträumt und leicht. Obwohl sich die beiden etwas in den Haaren haben, merkt man, dass sie eigentlich echt gute Freunde sind. Ich mag die beiden Charaktere. ^^ Und mich würde mal interessieren, was sie da gesehen haben. Es ist ja auf dem Weg zur Burg. :hmm: Hinterher würde ich sagen. XD


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Dabei fiel mir jetzt nur auf, dass Konrad zwischenzeitlich etwas zu erwachsen klingt.

    Das ist ein Gedanke, den ich auch hin und wieder hatte, ich habe aber erstmal weitergemacht. :)
    Ja, Konrad sollte mit vierzehn Jahren sicher noch naiver und blauäugiger sein, als hier an manchen Stellen. Dabei hat mich immer mal wieder rausgeworfen, dass Konrad zwar kindlich-naiv seien, aber nicht wie ein Kleinkind wirken soll und Chisana auch, wobei sie aber deutlich älter als vierzehn Jahre ist und auch eine reifere, düstere Seite besitzen soll.
    Ich finde, dass man das für Chisana schon etwas bemerkt. Wie sie mit Konrad umspringt, finde ich ziemlich scheiße. :rofl:


  • Der blonde Junge


    Ein Stoß.
    Er stolperte.
    Vorwärts.
    Fluchen. An seinem Ohr. Doch er war taub.
    Die Füße. Im Boden versunken.
    Jeder Schritt. Tonnenschwer.
    Weiterer Stoß, Reißen nach vorne. Noch immer wie betäubt, sein Blick glasig.
    Eine Hand hielt ihn fest, den Welpen. Hielt die Leine kurz, dass ihm die Luft herausströmte. Und er es nicht einmal spürte. Betäubt.
    Jemand hämmerte gegen eine Tür. Worte kamen hervorgeprescht, zackig und harsch. In seinen Ohren knirschten und rauschten sie, krachender Schnee; doch was sprachen sie? Er wusste nicht.
    Nichts wusste er.
    Weiterer Stoß, man ließ ihn fallen. Allem Halt beraubt, fiel er zu Boden. Und wachte auf, aus eisigkalter Lethargie.
    Maks musste blinzeln und was er sah, war verschwommen fusselig; sein Blick vereist. Doch nun taute es alles ab und kribbelte langsam sein Gesicht hinunter. Bisher wusste er nicht, wie ihm geschah, auch seine vereinzelten Tränen bemerkte er nicht, fühlte er nicht.
    Nasser Stich, kurz schreckte er zusammen. Ein Tropfen war gefallen, auf sein Handgelenk. Hastig trocknete er sein Gesicht mit seinen verlumpten Ärmeln.
    Und endlich schaute er sich auf dem Boden um. Die Zelle war verschwunden und ein anderer Raum nun an ihrer Stelle. Statt mit rauen Ziegeln, war der Boden mit Holzdielen ausgelegt, mit einem schlicht gemusterten Teppich darüber. Und auch wenn ihm war, als könnte er noch immer die strenge Hand der Haushälterin in seinem Rücken spüren, so hatte dieser Raum sofort eine andere Luft. War nicht so schwer. War warm.
    Nun vernahm er auch ein leises Tuscheln, hob seinen Blick noch ein Stückchen an. Und erblickte vor sich eine Gruppe Menschen, in Reihe stehend. Sie sahen auf ihn herab. Da setzte er sich vorsichtig auf, fluchtbereit. Wer sind die?
    Langsam kroch er rückwärts, ohne den Blick von ihnen abzuwenden oder sie wirklich anzusehen, als würden sie sich vielleicht auf ihn stürzen wollen. Das Kribbeln war noch immer nicht abgeebbt und es kitzelten ihm wieder zwei Tropfen das Gesicht hinab. Von seiner Stirn. Plötzlich begriff er, dass er schwitzte, und wie warm dieses Zimmer eigentlich war. Und dass er nicht fror.
    Nicht mehr.
    Für den Moment.
    Es dauerte nicht lange, bis sein Rücken auf einen Widerstand stieß. Und gerade wollte er sich zu ihm umwenden, da stieß der Widerstand zurück. In seinen Augenwinkeln vernahm er schemenhaft einen braunen Fetzen Stoff und in seinen Ohren schmutzige Flüche. Es riss ihn nach vorn, warf ihn der Länge nach über den Boden.
    Zaghaft erhob er sich wieder, dieses Mal auf die Beine. Kurzes Stöhnen.
    Als er sich aufrichtete, huschten noch zwei weitere Gestalten an ihm vorbei und stellten sich in die Reihe vor ihm.
    „Sind nun endlich alle versammelt?“, keifte der Hausdrache und Maks konnte die anderen fast zeitgleich nicken sehen.
    „Jawohl!“
    Nun erst begann er, die Leute genauer zu untersuchen. Sie alle trugen schmutzige, schäbige Uniformen und freudenberaubte Gesichter. Sein Blick tastete sie langsam und der Reihe nach ab. Sie waren ein Dutzend, einige Männer, wenige Frauen. Die meisten von ihnen hatten, wie Maks selbst, eine recht helle Hautfarbe. Ein paar Vereinzelte jedoch stachen aus dem Weiß hervor, oder eher: Fügten sich in den Schmutz mit ein. Mit ihrer dunkleren, dreckigen Haut. Haussklaven also. Die Speichellecker. Wie die anderen sie genannt hatten.
    Mit einem Mal blieb sein Blick am anderen Ende der Reihe hängen. An einem anderen Blick. Er gehörte einem jungen Mann mit etwa schulterlangem, blondem Haar. Der Junge war kleiner als die anderen Männer, etwa gleichauf mit der jungen Frau neben ihm, mit den schwarzen Locken. Und sein Blick war seltsam aggressiv. Maks kannte den Grund dafür nicht, wusste wohl aber, dass es ihm galt.
    Diese Augen wollten ihn zerstechen, jetzt sofort. Wer hat dich denn hier her gebracht? Du gehörst hier nicht her. Dich wollen wir nicht!, stachen sie direkt in Maks‘ Gedanken hinein.
    Völlig entwaffnet ergab er sich diesem unerwarteten Hass, konnte er ihm doch nichts entgegensetzen. Auch wenn er sein Gegenüber nicht kannte, es verletzte ihn.
    „Na also“, kam es wieder von der Haushälterin, woraufhin sie sich ausgiebig räusperte. „Auf Wunsch des Gutsherrn, wird dieser junge Mann hier ein neuer Haussklave werden. Ich wecke euch zu dieser späten Stunde, weil es eure Aufgabe sein wird, ihn in die wichtigsten Regeln und Arbeiten einzuweisen.“ … ihr miesen Ratten.
    Sie machte eine kurze, überaus deutliche Pause, in der sie sich ihnen bis auf wenige Schritte näherte. Und Maks erneut hinterrücks am Kragen packte.
    „Und seid besser gründlich“, sprach sie wesentlich leiser, als holte sie zum Schlag aus. „Denn für jeden Fehler, den der Neue bei seinen Arbeiten macht, wird die gesamte Gruppe geradestehen.“
    Diese Worte genoss sie geradezu, genoss es, Maks am Hals zu packen und ihm vor allen ihre Botschaft in den Rachen zu stopfen. Als sei er gar kein Welpe, sondern eine Gans.
    Schnell wurden besorgte Blicke ausgetauscht, dann beäugte man Maks aus der Reihe deutlich ernster und besorgter. Und misstrauischer. Böse war er ihnen nicht, aber diesen Anblick konnte er kaum ertragen. Und war hin- und hergerissen, wich ihm nach Kräften aus und konnte sich doch nicht völlig abwenden.
    Dabei fiel ihm in den Augenwinkeln wieder dieser blonde Junge auf. Seine Miene hatte sich als einzige aufgehellt; ja, fast amüsiert musterte er den Neuen. Und Maks spürte, wie sein Blick ihn betatschte. Nach kleinen Wunden suchte, in die man seinen Finger bohren konnte. Die man aufpulen konnte, um danach Dreck hineinrieseln zu lassen. Oder nach den Punkten, wo er sein Messer ansetzen würde.
    Aber warum nur?, fragte sich Maks. Was habe ich dir getan?
    Oder sprach da nur die Paranoia aus ihm? Schließlich hatte er ihm tatsächlich nichts getan, warum also sollte er Maks wehtun wollen? Einem Mitsklaven? Der im selben, sinkenden Boot saß? Das ergab keinen Sinn.
    Andererseits … hatte er der Haushälterin auch nichts getan. Im Gegenteil, er war für ihr Wohlergehen gescheucht und misshandelt worden. Und trotzdem war sie alles andere als rücksichtsvoll, wollte in ihm nicht einmal den Welpen sehen, den der Alte in ihm gefunden hatte. Auch ohne ihn zu kennen. Bald würde sie ihn schlachten und seine Haut als Mantel tragen. Und das auch nur, weil sein Fleisch es nicht wert war, von ihr verspeist zu werden. Von einem eitlen Drachen.
    „Also dann“, ihre Hand ließ endlich von ihm ab und ihre Stimme spuckte deutlich angewidert. „Macht unter euch aus, wo er heute Nacht schläft. Es ist mir egal. Morgen früh ist er bereit für die Arbeit. Abtreten.“
    Mit diesem Schlusswort begann die Runde sich aufzulösen. Die Haushälterin war die Erste, die den Ort verließ und einige Sklaven begaben sich wieder in ihre engen Schlafkabinen. Die verbleibenden Sklaven versammelten sich vorsichtig um Maks. Es waren noch sechs übriggeblieben. Und unter ihnen war auch dieser Junge. Maks Herz begann zu rasen.
    Doch im Gesicht des Jungen war von diesem Blick nichts mehr übrig. Stattdessen reihte er sich nun nahtlos in die anderen Sklaven um Maks herum ein, die für die Einweisung zurückgeblieben waren. Beruhigen konnte es ihn dennoch nicht. Das schwarzhaarige Mädchen war es, das ihm zuerst die Hand reichte.
    „Willkommen, Neuer. Du, ähm, bist hier nun sicher. Also fürs Erste, meine ich. Man wird dir nichts antun, dich nicht auspeitschen und du bekommst sogar regelmäßig zu essen. Also, ähm. Du kannst dich nun wieder etwas beruhigen.“
    Bei diesen Worten bemerkte er erst, wie seine Hände zitterten. Und definitiv nicht vor Kälte. Er legte eine Hand in die andere, sie suchten in einander Halt. Verstehend nickte er. Ihre Stimme hatte etwas Zurückhaltendes in sich, war aber ebenso selbstbewusst wie warm genug, dass er tatsächlich so etwas wie ein Gefühl von Sicherheit verspürte. Sein Zittern ebbte etwas ab.
    „Mein Name ist Minna“, erklärte sie gerade heraus. „Das ist Meddin.“
    Eine kurze Geste in seine Richtung und Maks wandte sich zu ihm um. Es war der blonde Junge.
    „Guten Abend … denke ich“, meinte Meddin farblos.
    Das Rot und das Schwarz, die Maks so spöttisch ausgegrinst hatten, waren völlig vorbeigezogen. Oder niemals dagewesen. Maks war ratlos: Wessen Himmel war nun aufgeklart? Seiner oder Meddins?
    Da fuhr Minna schon fort: „Und dann haben wir da noch …“

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

    2 Mal editiert, zuletzt von kalkwiese ()

  • Dieser Part sprudelt ja geradezu über mit Bildern 8o es waren so viele, dass ich für manche etwas gebraucht habe:

    Zitat von kalkwiese

    In seinen Ohren knirschten und rauschten sie, krachender Schnee; doch was sprachen sie?

    Klar, Elektorschnee :D Aber erst musste ich innehalten und nochmal genau schauen ^^ Das ist aber ein positives Innehalten, kein "mein Lesefluss wird gestört", sondern ein, "hey, da war doch ein Leckerbissen versteckt".


    Ich hatte gar nicht mehr present, dass Meddin so feindlich auf Maks reagiert hat - oder besser gesagt, dass es Maks so vorkam. Eventuell bangt er um seinen Platz bei den Haussklaven, anders kann ich mir das nicht erklären. Denn eigentlich passt es nach meinen Infos nicht zu ihm :hmm: Mal schauen, was sich da auftut x)

  • Dann hoffe ich mal für Maks und die anderen Haussklaven, dass er keine Fehler macht. Schon echt mies, dass sie alle bestraft werden. Hoffentlich wird ihm da keiner sauer sein. Aber immerhin scheint er schon mal recht freundlich aufgenommen zu werden, auch, wenn Meddin nicht gerade eine begeisterten Eindruck macht. Aber das hat ja noch nichts zu sagen. :hmm:
    Stilistisch ging es mir dann ähnlich wie Alo. Lies sich gut lesen. Sehr gut gelungen! :thumbsup:


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Malerisch war der Teil auf jeden Fall. Und inhaltlich sehr gelungen.
    Auch die Nebencharakter sind, auch wenn sie nur angerissen werden, gut ausgearbeitet. Egal ob Herr, Haushälterin oder die Sklaven. Sie wirken authentisch, trotz Maks düsterer Grundstimmung, aus dessen Sicht du schreibst.
    Nur hatte ich den Grund vergessen, wieso Meddin den Neuen nicht mochte.


  • Ehrliche Lügen


    „Gut gesprungen, Welpe.“
    „…“
    Zeit.
    Die ließ sich Paavo für seine Antwort. Das Feuer direkt vor sich, die kalten Hände ausgestreckt, damit sie die Wärme in sich aufsogen. Der ganze Tag war bereits kühl gewesen und sein Magen schimpfte und meckerte unaufhörlich. Da hatte Paavo sich zusammengekugelt und tief in sich selbst zurückgezogen, den ganzen Tag noch nichts gesagt und nur seinem Magen gelauscht. Und alle Fragen der anderen einfach fallen lassen, auf den kalten, noch angefeuchteten Boden.
    Geht es dir gut? Dämliche Frage.
    Was hat man mit dir gemacht? Nicht viel.
    Wie sieht der Kerker aus? Dunkel.
    Ist der Boden dort auch so hart wie unser Stroh? Nein, er ist weicher. Lässt du mich nun in Frieden?
    So war der Boden tatsächlich. Gefühlt. Im Zwinger war er weich wie Stein - im Kerker hart wie Staub. Eine nette Abwechslung, denn irgendwann hatte man einfach den Punkt erreicht, an dem man das Stroh unter sich nicht mehr spürte, bis es einmal fehlte.
    Erfrischend also. Erfrischend kalt. Der Hunger, die Nacht auf dem Boden und die dünne Decke aus rauem Jutestoff, die nicht vorhanden gewesen war, hatten ihm den Kiefer festgefroren. Sonst hätte er den anderen geantwortet. Warm und ehrlich. Denn das war er noch immer.
    „Die Nacht hat es geregnet“, sprach er nun endlich, weiter in das Feuer hinein.
    Er brauchte nicht hinzuschauen, um den Alten nicken zu sehen.
    „Allerdings. Der Schauer war zwar nur leicht und auch sehr kurz. Aber die Wolken sind immer noch nicht weitergezogen. Ich bin mir sicher, dass die Aufseher uns morgen stärker hetzen werden. Sollten die Wolken bleiben.“
    Also doch. Nervosität. Man fürchtete, dass der Regen die Ernte vernichtete. Selbst das Wetter schaute spöttisch auf die Sklaven herab. Und spuckte hinterher. Verstehend stöhnte Paavo auf.
    Wieder nickte der Alte.
    „Aber wie gesagt. Gut gesprungen, Welpe.“
    Die Worte hatte Paavo ganz vergessen.
    Müdes Lächeln.
    „Ohje. Ich hoffe wirklich, dass es ihm helfen wird. Von nun an kann ich kein Auge mehr auf ihn haben“, antwortete er mit leise gequältem Unterton. „Ohne mich wäre er doch kaum so lange durchgekommen. Und jetzt habe ich ihn alleingelassen.“
    Paavo schaute auf, erwiderte den Blick des Alten, sah in alte, wissende Augen. Wintergrau. Man wollte darin versinken. Darin versinken und in seiner Wärme und Geborgenheit vergehen. Es war wieder derselbe Blick, wie beim letzten Mal. Warum faszinierte er ihn nur so?
    „Ich will doch hoffen, dass es ihm dort besser geht. Vielleicht bekommt er sogar eine eigene Matratze, wer weiß? Aber ich verstehe deine Sorge. Er machte nicht den Eindruck, als wäre die Feldarbeit etwas für ihn gewesen“, schmunzelte der Alte, dass es Paavo endlich wärmte. Von innen.
    „Es ist nur … er ist völlig hilflos. Ohne mich. Kennt niemanden, spricht mit niemandem. Hilft sich nicht einmal selbst.“
    „Bist du dir sicher, Welpe? War dein Bruder denn schon immer so, wie er jetzt ist?“
    Endlich.
    Wenn Paavo ehrlich war, dann hatte er sich nur danach gesehnt, dass ihn der Alte danach fragte. Bisher hatte ihn niemand nach seiner Vergangenheit gefragt und das war Paavo auch ganz recht. Er wollte niemandem zeigen, was ihn quälte, was er selbst noch nicht zu bändigen wusste. Es ritzte seinen Namen tief in Paavos Herz, lachte leise, hämisch – nur um im nächsten Moment bis zu seiner Kehle hin anzuschwellen und große, klaffende Wunden in ihn hineinzureißen. Bis es sich schlafen legte und ihn in Sicherheit wiegte, bevor es irgendwann wieder zurückkam.
    „Nein. Überhaupt nicht.“
    Noch frustrierender als diese Gefühle an sich, war es, sie als Teil von sich selbst akzeptieren zu müssen.
    Doch wenn er dem Alten davon erzählte, würde er ihm wirklich helfen können?
    „Oh, das klingt nach einer Geschichte“, klang der Alte gespannt. „Möchtest du sie erzählen? Natürlich nur, wenn du möchtest.“
    Der Alte lächelte nun, die Augen geschlossen, der Blick verschwand. Und Paavo kam aus sich heraus. Doch zuvor – ein unbehagliches Gefühl wurmte sich in ihm hinauf – sah er sich um. Flüchtig. Wer würde ihm noch zuhören?
    Zuerst waren dort die anderen Sklaven, die sich dem Feuer zuwandten. Sie saßen etwas entfernt und waren selbst in ein Gespräch vertieft; ihm bekannte Gesichter, ohne Namen. Dann reckte er den Kopf nach hinten, dass die Feuerbrise über seinen Nacken strich und seine Wangen in der kühlen Abendluft frieren mussten. Währenddessen wartete der Alte geduldig.
    Paavos Blick schweifte einmal über den Platz und es sah gut aus: Niemand interessierte sich für ihn, alle anderen waren damit beschäftigt, zu klagen, sich alte, schmutzige Witze zu erzählen oder in Selbstmitleid auf dem Platz umherzuschwimmen. Wunderbar.
    Sandknirschen.
    Sein Blick wanderte nach unten und blieb dort stehen. Da saß ein Mädchen.
    Sie schaute ihn an.
    Und er schaute zurück.
    „Hallo“, sprach er nun, nicht erwartend, eine bessere Antwort zurückzubekommen. Er irrte sich nicht.
    „Hallo.“
    Das Mädchen war sichtbar jünger als Paavo, ein paar Winter. Sicher war sie um die fünfzehn, sechzehn Jahre alt. Und in ihrem Aussehen lag etwas Exotisches. Die Haut zwar wolkenblass, das Haar aber braun, genau wie ihre leicht geschlitzten Augen; wenig von allem - genug, dass man es sofort bemerkte. So etwas hatte er hier noch nie gesehen.
    „Wolltest du mich etwa ausspionieren?“, fragte Paavo nun, eine Spur zu weit von oben herab.
    Und als er sich da sprechen hörte, widerte ihn sein eigener Ton an. Seine Worte waren mit Vorwürfen gefüllt, die er sich selbst machte.
    Ihr Gesicht wurde langsam enttäuscht und unsicher. Bedächtig sog sie Luft ein, setzte an. Zu sprechen, sich zu verteidigen. Es sein zu lassen. Grollendes, empörtes Schweigen.
    „Hrm“, grummelte sie leise zwischen den Zähnen hervor und zog sich in Richtung des Zwingers zurück.
    Dann verschwand sie in den Feldsteinmauern, und Paavo wandte sich langsam wieder dem Alten zu.
    „Eine schlichte Schönheit“, meinte der Alte nickend. „Sie kommt wohl aus dem Falkengebirge, im Osten.“
    „Falkengebirge“, wiederholte Paavo, ohne darüber nachzudenken.
    Den Namen kannte er, damit etwas anfangen konnte er kaum. Ja, die Berge im Osten und viel Kälte. Aber weiter konnte sein Wissen nicht gehen, ohne sich in den Märchen und Mythen zu verfangen, die man sich darüber erzählte. Und es waren so viele, dass sie allesamt gelogen sein mussten.
    „Nun, weißt du, Welpe. Das Falkengebirge ist ein schöner, aber leider umkämpfter Ort“, begann der Alte zu erzählen. „Seit Hunderten von Jahren versuchen Könige und Herrscher es sich einzuverleiben oder unter sich aufzuteilen. Und ich verrate niemandem etwas Neues, wenn ich sage …“
    Seine Stimme senkte sich, wurde plötzlich ganz leise. Und ein breites Grinsen stahl sich in Augen und Stimme.
    „… dass es noch niemandem gelungen ist. Denn die Mönche der Falkenberge kennen kein Erbarmen. Wer auch immer mit böser Absicht in ihr Territorium eindringt, kommt nie wieder aus ihm heraus. Ganze Armeen sind in die Berge marschiert, Könige stolz voran. Doch niemand von ihnen kam jemals wieder zurück. Und deshalb.“
    Sein väterlicher Bick kehrte zurück, und der Welpe lauschte ihm gespannt. Er spürte nicht einmal, wie er bei den Worten des Alten immer wieder nickte.
    „Deshalb ranken sich Mythen von Verderben und Untergang, Sagen von Unheil und Göttertod um diesen Ort, wie Efeu um ein Geisterschloss.“
    Wieder nickte Paavo, doch legte den Kopf schief. Und setzte zum Sprechen an.
    „Du fragst dich jetzt sicher, Welpe, wie dann jemand von dort zum Sklaven gemacht werden kann, nicht wahr?“, kam ihm der Alte dazwischen. „Und warum er dann hier, auf dem Feld, arbeitet.“
    Nicken. Dreimal.
    „Das ist in der Tat eine gute Frage … denn nur Wenige wissen, wie Menschen aus dem inneren Falkengebirge aussehen, aus offensichtlichen Gründen. Wenn man wirklich von ihrer Herkunft gewusst hätte, dann hätte man einen wesentlich höheren Preis für sie erzielen können. Und dann wäre sie wohl nicht hier. Darum, was ihre Herkunft angeht …“, sprach er gedämpft und legte einen Finger an seine Lippen.
    Da stellten sich die Welpenohren auf: Ein Geheimnis. Seine Augen weiteten sich.
    „Ich verstehe. Nein, mach dir keine Sorgen, ich werde es niemandem erzählen.“

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

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