Leibeigener




  • Zwielicht beherrschte den Raum; schwere Samtvorhänge verbargen die Fenster, ließen nur einen schmalen Streifen Tageslicht hindurch. Auf Boden und Kommoden verteilte Kerzen erzeugten auf den Wänden gespenstische Schatten. Ein mühsam unterdrücktes Wimmern durchbrach die trügerische Stille, gefolgt von einem Lachen, dann ein Keuchen. Das Bett, welches die Zimmermitte dominierte, knarzte unter den Bewegungen.
    Ich stand an dem mir zugewiesenen Platz, direkt am Kopfende des Bettes, und starrte darüber hinweg zur gegenüberliegenden Wand. Auf dem Nachttisch verbrannte in einem Schälchen ein Rest getrockneter Zweige, deren bitterer Geruch mir Tränen in die Augen trieb. Ich schluckte eine altbekannte Übelkeit herunter und blinzelte, richtete den Blick auf einen dunklen Fleck, der sich deutlich von den Schatten abhob und am vergangenen Tag nicht dagewesen war.
    Kurz glitt meine Aufmerksamkeit zurück zum Geschehen vor mir. Kunar lag bäuchlings unter dem Herrn, schnaufte und biss sich in die Finger. Seine sichtliche Pein erheiterte den älteren Mann über ihm. Mika verharrte einen Moment, dann beugte er sich mit zu beiden Seiten abgestützten Händen vor, berührte mit seiner bloßen Brust den schmächtigen Rücken des Jungen und biss ihm ins Ohrläppchen.
    Kunar gelang es immer weniger, still zu sein. Langsam schloss ich die Augen, versuchte den Jungen nicht allzu sehr zu bedauern. Stattdessen fragte ich mich stumm, wem ich später die Order gab, den Fleck zu entfernen, bevor der Herr ihn entdeckte.
    Als ich die Lider wieder hob, starrte Mika mir über Kunars Schulter hinweg entgegen. Wohl wissend, was er bezweckte, ignorierte ich es. Oder versuchte es zumindest. Mir oblag die Verantwortung für die Jungen, doch ich konnte nicht eingreifen und sie vor seinen Launen schützen. Es würde nichts ändern.
    Früher hatte der Herr bewusst jene zu sich geholt, die mir am Herzen lagen. Nach den Jahren war eben dieses Herz so vernarbt, dass sich meine Vertrautheit mit ihnen auf das Nötigste beschränkte. Was nicht verhinderte, dass Mika weiterhin dieses Spielchen mit mir trieb, wenn er aufgrund einer Kleinigkeit, die ich nicht kannte, wütend auf mich war. Deswegen zwang er mich hierzubleiben.
    Ein Grinsen umspielte seine Mundwinkel, während er das Tempo seiner Bewegungen erhöhte. Er ließ seinen Blick noch immer auf mir ruhen, fixierte mich regelrecht mit seinen gelblich-braunen Augen. In diesem Moment gewährte ich mir den Wunsch, er würde seinen Zorn direkt gegen mich richten. Ich war es doch, auf den er sauer war. Doch in all den Jahren, die wir uns kannten, hatte er nicht einmal Hand an mich gelegt.
    Kunar stöhnte vor Schmerz und ich spürte ein Ziehen in der Brust, das Kribbeln in den Fingern. Am Ende verharrte ich an Ort und Stelle und ließ es über mich ergehen. Schritt ich ein, wäre Mikas Freude nur umso größer, dem Jungen mehr Leid anzutun – und indirekt damit mir. Seine Art der Strafe würde sich mir gegenüber wohl nie ändern.
    Bald darauf erfüllte nur noch ein erschöpftes Schnaufen den Raum. Mein Herr löste sich von Kunar, fiel rücklings in die Kissen. Dann rollte er sich auf die Seite und schwang sich auf. Wie zufällig strich seine Hand über meine Brust, bevor er mit den Fingern schnippte. Aus der hintersten Ecke huschte die dunkle Gestalt Anrus heran, einen Morgenmantel mit dürren Ärmchen umklammernd. Mika riss dem Kind das Kleidungsstück aus den Händen und drängte sich vorbei. Anru stolperte, fing sich jedoch, bevor er auf allen Vieren landete. Mein Arm war in seine Richtung gezuckt; nun war ich erleichtert, dass meine Hilfe nicht vonnöten war. Auf nackten, vor Dreck fast schwarzen Füßen huschte der Junge wie ein Schatten zurück in seine Ecke zwischen zwei schmucklosen Kommoden. Dort hockte sich Anru auf ein abgewetztes Kissen und lauerte auf einen erneuten Einsatz.
    Inzwischen warf der Herr sich den Morgenmantel über die Schultern, schlüpfte in die weiten Ärmel und ließ den Samt lose um seinen Körper wallen. Genauso gut könnte er weiterhin nackt herumlaufen, dachte ich seufzend. Er tapste zu einer Anrichte, die ihm bis zu den Hüften reichte, und kehrte mit seiner Tabakspfeife zurück. Mein Blick glitt über seinen Oberkörper, fuhr ungewollt die Linien seiner Muskeln nach. Nur einen Wimpernschlag sah ich tiefer. Ich lockerte meinen Stand und nahm die Pfeife entgegen, als er sie mir wortlos reichte.
    Prüfend schaute Mika zu mir auf. Ich ging um den Tisch herum und rang nach Atem, weil ein Schwall Rauch aufwirbelte. Langsam ließ ich mich im Schneidersitz nieder und begann, die Pfeife zu stopfen.
    Mein Herr stieß laut die Luft aus. »Es ist eine Sünde, dass du nicht nackt durch meine Räume wanderst, Samuel.« Ich verzog keine Miene. Er wusste genau, dass er mich dazu zwingen könnte, doch er tat es nicht. Überhaupt besaß ich Freiheiten, von denen andere im Haushalt nicht einmal träumen konnten. Was nicht verhinderte, dass Dinge wie mit Kunar geschahen.
    Seine bloßen Füße tapsten erneut über die Holzdielen, jagten mir dabei einen Schauer über den Rücken. »Wahrlich eine Schande. Du bist groß, kräftig, eine - nun - Augenweide«, setzte er unbeirrt fort, trat neben mich und streifte mit zwei Fingern den Punkt zwischen meinen Schulterblättern. Mittendrin hielt er inne, zog die Hand ruckartig zurück. Aus den Augenwinkeln erkannte ich, wie er sich durch das klamme Haar fuhr. Sein Mund stand einen Spaltbreit offen, sein Blick wirkte mit einem Mal entrückt. Doch bevor ich überlegen konnte, in welche Tiefen seines Selbst er abgeschweift war, atmete er tief durch und hielt mir die bleiche Hand unter die Nase.
    Ohne Eile stopfte ich alles zurecht, reichte Mika seine Pfeife und richtete mich auf, bevor ich eine dunkelblaue Flamme zwischen zwei Fingerspitzen heraufbeschwor. Unterdes steckte er sich das Mundstück zwischen die Zähne und wartete, bis das Kraut in der Kammer glühte. Kaum war alles zu seiner Zufriedenheit, wandte er sich paffend um.
    Er schlenderte zum Bett, in dessen Laken noch immer Kunar lag, die Beine von sich gestreckt. Ruhig setzte sich der Herr an den Rand, schlug ein Bein über das andere, wobei sein Morgenmantel mehr entblößte als verdeckte. Ungewohnt sanft strich er dem Jungen das blonde Haar aus der Stirn, als jener wie auf Befehl den Kopf hob.
    Ich runzelte die Stirn. Diese Art Zuneigung war selten bei Mika, selbst wenn ihm jemand so gefiel wie Kunar. Umso aufmerksamer beobachtete ich den Herrn, wie er den Rauch ausstieß und sich herunterbeugte. Er flüsterte dem Jungen ins Ohr, der unschlüssig nickte, sich aufstemmte und aus dem Bett kletterte. Auf wackligen Beinen suchte er seine Kleider zusammen, bevor er still den Raum verließ.
    Eine Weile blickte ich zur Tür. Vielleicht, so dachte ich, sollte ich am Ende des Tages noch einmal nach ihm sehen. Nur, um sicherzugehen, dass er seinen täglichen Aufgaben nachkommen konnte.
    Blinzelnd wandte ich den Kopf, als mein Herr mit einem Mal vor mir stand. Ich mochte es nicht, wenn er sich heranschlich, und doch regte ich keinen weiteren Muskel. Mika stellte sich auf Zehenspitzen und schlang die Arme um meinen Hals. Nicht ein Stück wich ich zurück, trotz seines Geruchs - eine Mischung aus verbranntem Kraut, Rauch und süßlichem Schweiß.
    »Lass mir ein Bad ein, Samuel«, säuselte er. Ich sah zur Wand, versuchte seine Nähe mit geübter Gleichgültigkeit nicht an mich herankommen zu lassen. Ganz gleich, wie sehr sich mein Puls beschleunigte. Schließlich rückte ich von ihm ab.
    »Wie Ihr wünscht, Herr.« Ich löste seine Hände von mir, als sie von meinen Schultern zur Brust glitten, machte mich dann daran, der Anordnung nachzukommen. Mika folgte mir ins Bad, das durch eine schmale Tür ans Schlafzimmer grenzte. In der Mitte thronte eine gusseiserne Wanne, vor der zwei Eimer standen, die ich nun aufnahm. Hinter mir raschelte Samt; verstohlen blickte ich herum und sah, wie der Morgenmantel des Herrn zu Boden fiel.
    Gähnend schmiegte Mika sich von hinten an mich. »Die Wanne füllt sich nicht mit leeren Eimern, Samuel.« Er kicherte leise. Dann holte er Luft, als fiele ihm gerade wieder etwas ein. »Sieh zu, dass Anru später auch angemessen badet. Der Junge muss ständig daran erinnert werden, dass er nicht mehr in der Wildnis lebt. Bringe ihm endlich bei, dass ich meine Leibeigenen sauber und gepflegt haben will.«
    »Natürlich, Herr.« Meine Schultern sackten tiefer, als er von mir abließ, um sich auf den Wannenrand zu setzen. Ich rief nach Anru und gab ihm beide Eimer mit dem Auftrag, sich einen Diener zu suchen und gemeinsam Wasser aus dem Brunnen hinter dem Haus zu holen. Ohne Zögern rannte der Junge auf seinen Beinchen mit klappernden Eimern davon.
    Gerade wollte ich mich umdrehen, als sich ein Fuß in mein Kreuz drückte. Still ließ ich es über mich ergehen, knöpfte stattdessen meine Hemdsärmel auf und krempelte sie um, bis die Unterarme frei waren. Der Fuß des Herrn strich derweil hinab, fischte geschickt mit den Zehen mein Hemd aus dem Hosenbund. »Zieh dich aus.«
    »Warum sollte ich, Herr?« Ich presste die Lippen aufeinander.
    »Bade mit mir. Oder von mir aus danach mit Anru. Ihr könnt meine Wanne benutzen. Ich weiß doch, wie viel du dir aus dem neuen Jungen machst.«
    Ich versuchte meinen Puls zu beruhigen, doch das Herz wummerte in meiner Brust. Natürlich wusste er das und es ärgerte mich, dass er in mir noch immer wie in einem Buch lesen konnte, ganz gleich wie unnahbar ich mich nach außen hin gab. »Anru badet besser für sich im Bottich. So, wie es sich gehört. Damit er es lernt. Und Ihr badet auch lieber allein, Herr. Ich bin Euch keine gute Gesellschaft«, bemerkte ich ruhig.
    »Das entscheide immer noch ich«, sagte er lachend. Ich sah deutlich vor mir, wie er den Mund schiefzog und abschätzend meine Rückansicht studierte. Wie jedes Mal, wenn er dachte, ich bemerke es nicht.
    Noch einmal presste er die Zehen gegen meinen Rücken, dann löste er sich. Als ich mich umwandte, rutschte er gerade in die Wanne; ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, hielt er mir seine Pfeife hin. Schweigend legte ich sie beiseite. Im selben Moment kehrte Anru mit vollem Eimer zurück. Seine Zunge hing seitlich aus seinem Mund und er setzte langsam einen Fuß vor den anderen, sichtlich bemüht, dass kein Wasser überschwappte. Flüchtig sah er zu mir auf. In seinen schwarzen Augen fehlte jedes Anzeichen eines wachen Geistes.
    Der Herr hatte den Jungen halbverhungert und unterentwickelt im Wald nahe des Anwesens gefunden. Anstatt zu einem einfachen Diener wie Kunar, hatte er das Kind zu einem neuen Leibeigenen erkoren. Ich fragte mich weiterhin, warum. Anru sprach nicht, hatte Angst vor Wasser und hielt sich am liebsten wie ein scheues Tier in dunklen Zimmerecken auf. Zumindest ein Kissen hatte er vom Herrn angenommen, wenn auch keine Decke oder hübsche Kleidung fernab seiner einfachen Kluft voller Flicken.
    Aufmunternd lächelte ich dem Jungen zu, nahm ihm dem Eimer ab, während er noch einmal nach draußen eilte, um den zweiten zu holen. Dann schickte ich ihn erneut los, um dieses Mal heißes Wasser aus der Küche zu holen. Ich selbst machte mich daran, die Wanne zu füllen.
    Es war eine Marotte des Herrn: erst kalt, dann warm, niemals umgekehrt und schon gar nicht, wenn er bereits drinnen saß.

  • Ich selbst stand auf dem mir zugewiesenen Platz neben dem Bett und starrte zur nächstgelegenen Wand

    Du machst jetzt hier explizit, dass es sich um einen Ich-Erzähler handelt. In meiner Vorstellung blickt Ich an die Wand, um das, was du vorher geschrieben hast, nicht sehen zu müssen. Das beißt sich ein bisschen damit, dass du vorher visuell und eher genau beschreibst. Evtl. könntest du dir hier nochmal Gedanken machen. Alternativ, aber verwirrend, ginge auch, dass die Erzähler wechseln (auktorialer Er-Erzähler / personaler Ich-Erzähler).


    Früher hatte der Herr sich bewusst jene ausgesucht, um sie zu sich zu holen, die mir am Herzen lagen.

    Diesen Satz würde ich umstellen, so ist es schwieriger als nötig, ihn zu verstehen. "Früher hatte der Herr sich bewusst die ausgesucht, die mir am Herzen lagen, um sie zu sich zu holen." oder, da mir das auch nicht wirklich gefällt :-) : "Früher hatte der Herr bewusst diejenigen zu sich geholt, die mir am Herzen lagen."


    Er fixierte mich regelrecht mit seinen gelblich-braunen Augen.

    An der Stelle finde ich es jetzt dann doch wichtig zu wissen, wo und wie genau Ich eigentlich im Raum und in Bezug auf das Bett steht. Dreht Mika ständig seinen Kopf? Oder steht Ich am Kopfende / Fußende und kann daher Mika ihn geradeaus anblicken?



    In diesem Moment gewährte ich mir den Wunsch, er würde seinen Zorn direkt gegen mich richten. Kunar jammerte und ich spürte das Ziehen in der Brust, das Kribbeln in den Fingern. Am Ende verharrte ich an Ort und Stelle und ließ das Schauspiel über mich ergehen.

    Du könntest ein bisschen genauer schildern, was Ich fühlt. Warum wünscht Ich sich, Ziel des Zorns zu sein? Möchte Ich einen Vorwand haben, den Herrn zu schlagen, evtl. sogar zu töten? Oder ist die Beziehung eher masochistisch und wünscht sich Ich, an Stelle von Kunar zu sein?
    Das Wort "jammern" finde ich nicht so passend an der Stelle, aber leider fällt mir auch nichts besseres ein. Evtl. "stöhnte schmerzerfüllt / verzweifelt"? Bei "Schauspiel" bin ich mir auch nicht so sicher, ob es passend ist. Ich dachte kurz noch an "Trauerspiel", aber das klingt zu dieser Situation eher lächerlich.
    Was passiert mit dem - so interpretiere ich das - Wunsch Ichs, Mika Gewalt anzutun? Wird er vergraben? Verebbt er einfach? Oder ist Ichs Herz schon so vernarbt, dass es Ich nicht eigentlich doch egal ist, wie es den Jungen geht?`


    Indes warf der Herr sich den Morgenmantel über die Schultern, schlüpfte in die weiten Ärmel und ließ den Samt lose um seinen Körper wallen. Genauso gut könnte er weiterhin nackt herumlaufen, dachte ich seufzend. Er tapste zu einer Anrichte, die ihm bis zu den Hüften reichte, und nahm seine Tabakpfeife auf, ehe er zurückkehrte.

    Das "Indes" wirkt etwas altertümlich. Aber das ist gewollt, oder? Das machst du vorher auch schon an einigen Stellen. Bei dem "ehe er zurückkehrte" finde ich es aber irgendwie im Satz unpassend. Aber ich kann nicht genau sagen, warum oder wie genau. Sorry. :-/


    das blinde Haar

    Das verstehe ich nicht. Was ist denn blindes Haar? Oder ist es nur ein Tippfehler... blondes Haar?



    Diese Art Zuneigung war selten bei ihm, selbst wenn ihm jemand so gefiel wie Kunar

    Das erste "ihm" bezieht sich meiner Meinung nach eher auf den Jungen und weniger auf Mika.


    Mika stellte sich auf Zehenspitzen und schlang die Arme um meinen Hals.

    Evtl. habe ich nicht genau genug gelesen, aber in meienr Vorstellung sitzt Ich noch im Schneidersitz auf dem Boden. Sooo klein ist doch der Herr auch wieder nicht, oder? ;-)



    In der Mitte thronte ein gusseiserne Wanne

    "eine gusseiserne Wanne" - fehlt ein E an "ein".



    Es war eine Marotte des Herrn: erst kalt, dann warm, niemals umgekehrt und schon gar nicht, wenn er bereits drinnen saß.

    Ok, das erklärt, wieso Anru kaltes Wasser holen soll. Ich hatte mich ein wenig gewundert...


    Insgesamt finde ich die Geschichte sehr spannend. Sprachlich immer wieder etwas ungewohnt, aber nicht unbedingt schlecht. Die Handlung ist jetzt nicht wirklich schön, wirft aber mindestens die Frage auf, wie es weitergeht.
    Größte "Schwäche" ist meiner Meinung nach, dass ziemlich unklar bleibt, was genau Ich eigentlich gegenüber seinem Herrn fühlt. ich würde mir wenigstens ein explizites Nennen von Zorn oder kalter, hilfloser Wut oder ähnlichem wünschen. Ich bin auf mehr gespannt!

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Zwielicht beherrschte den Raum; schwere Samtvorhänge verbargen die Fenster, ließen nur einen schmalen Streifen des schwindenden Tageslichts hindurch. Auf Boden und Kommoden verteilte Kerzen erzeugten auf den Wänden gespenstische Schatten.

    Jetzt fällt mir beim Hochscrollen und nochmaligem Überfliegen der ersten Zeilen auf, dass das Licht im gesamten weiteren Verlauf eigentlich keine Rolle spielt. Das ist zwar nicht auffällig oder störend, aber vielleicht liegt da noch mehr Potenzial was die Beschreibungen angeht.

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • @Kitsune was eine... schöne Geschichte... sehr... romantisch... :pleasantry: ich fange dann mal an

    "Vem har trampat mina svampar ner?!"

  • Hi Kitsune,


    also, zunächst muss ich sagen, dass mir deine Geschichte, trotz des ernsten Hintergrundes gefällt. Mich hat dieser kleine Ausschnitt sehr an eines meiner Lieblingsbücher erinnert, indem es auch zumindest am Rande um einen Leibeigenen geht und die Art und Weise, wie er von seinem Herrn auf übelste Weise schikaniert und demoralisiert wurde, bevor er dann aber zu einem mächtigen Heerführer wird. Die Szene, die du hier beschreibst, hat direkt die Erinnerung an dieses Buch in mir geweckt.


    Meine Anmerkungen findest du im Spoiler:



    Viele Grüße,
    Rainbow

  • Oh, das ist Mal was anderes 8| sehr interessant, gefällt mir bisher sehr gut, ich warte gespannt auf den nächsten Teil 8):P

  • Ihr Lieben, vielen Dank für eure Anregungen und Rückmeldungen. Die ersten paar Dinge habe ich bereits versucht oben aufzunehmen (und habe gleichzeitig diese schusseligen Fehler ausgeräumt *hüstelt*), ganz zufrieden bin ich damit aber noch nicht, da muss ich noch mal in mich gehen.



    Ich möchte ohne Umschweife auch gleich weitermachen, weil es mir in den Fingern brennt.


    ~+~+~

    Mika lehnte sich zurück, legte den Kopf gegen den Wannenrand und sah zur Decke hinauf. Er spreizte die Beine leicht, als Anru mit einem dampfenden Eimer wiederkehrte und ich dem Jungen half, das restliche Wasser in die Wanne zu füllen – erst das heiße, dann erneut das kalte.
    Plötzlich brummte Mika. »Ist mein Bruder in der Nähe?«
    Kaum merklich zuckte ich zusammen. Ich stellte die Eimer beiseite und spürte gleichzeitig die Augen meines Herrn auf mir ruhen. »Nein«, sagte ich leise. In der Tat gab es keinerlei Anzeichen, dass Mitan auch nur in der Nähe des Anwesens war. Wenn ich ehrlich war, erleichterte es mich. Das Verhalten meines Herrn war seinem Bruder gegenüber grundlegend anders. Ich empfand es als unerträglich, wie eine Maske, die er sich aufsetzte, nur um ihm zu gefallen. Manchmal meinte ich, dass er nicht anders konnte. Immerhin war es sein geliebter großer Bruder, ganz gleich wie sich ihr Verhältnis in den letzten Jahren verschlechtert hatte. Doch genauso, wie Mika nicht von ihm lassen konnte, suchte Mitan ihn immer wieder auf. Da war eine Abhängigkeit zwischen ihnen, die nicht allein auf Familienbande zurückzuführen war. Ein wenig konnte ich es verstehen, als ich nun auf den nackten Leib meines Herrn blickte, während er sich zusehends entspannte.
    Ich schluckte meinen Unmut herunter, holte stattdessen die Badeöle aus einem Wandregal und begann, das Badewasser damit anzureichern. Anru schickte ich mit leisen Worten zurück ins Schlafzimmer. Um ihn würde ich mich später kümmern.
    Vorsichtig träufelte ich etwas Öl ins Wasser, bevor ich es mit der Hand verteilte. Es roch leicht nach Vanille und feuchter Erde. Ich verkniff mir die Vorstellung, wie der Herr nach dem Bad duften mochte, arbeitete stur weiter. Als ich mich erheben und mich anderen Aufgaben im Haus widmen wollte, schnalzte Mika mit der Zunge. Stumm orderte er mich an, bei ihm zu bleiben, also wischte ich meine ölige Hand an einem Tuch ab, zog einen Schemel aus der Ecke heran und setzte mich.
    »Was steht heute noch an?«, fragte mein Herr nach einiger Zeit. Er hob den rechten Arm, ließ die träge Flüssigkeit herabtropfen und sah mit großen Augen zu, wie sie sich erneut mit dem Film auf dem Wasser verband.
    »Nur Schriftverkehr, Herr. Die erneuerten Verträge mit den anderen Familienverbänden benötigen noch Eure Unterschrift. Zudem fordern einige Eurer engsten Verbündeten eine Versammlung innerhalb der nächsten Tage.«
    »Wozu?«, fragte Mika gähnend und rieb sich über den Nasenrücken.
    »Die Zahl jener, die sich gegen den Krieg stellen, wächst rasant«, erklärte ich ruhig. »Zudem wird gemunkelt, dass sich mehr und mehr den Rebellen anschließen.« Und damit dem Bruder des Herrn in die Hände spielten. Sein Vorhaben, den Krieg ein für alle Mal zu beenden, war in greifbarere Nähe gerückt.
    »Vielleicht sollten wir deutlicher machen, dass es keine gute Idee ist, sich den Rebellen anzuschließen«, murmelte Mika und lachte leise auf. »In letzter Zeit sterben die Verbündeten meines Bruders wie die Fliegen. Oder nein, lassen wir sie tun, was sie für richtig halten. Das erspart uns eigene Unannehmlichkeiten.«
    »Die Versammlung, Herr?«, hakte ich nach.
    Er kicherte. »Schick sie zu Elethia. Das Weib reißt sich immerhin darum, die Macht über jeden Verband zu erlangen, damit sie sich als Großkönigin ausrufen kann. Oder – nein, lieber nicht.« Seufzend schloss er die Augen. »Sie wird mir danach nur ewig in den Ohren hängen, wie beschäftigt sie ist, dieses elende Miststück.«
    Während er sprach, betrachtete ich seine Statur genauer. Er war wieder dünner geworden; seine Muskulatur hielt den Anschein aufrecht, er esse vernünftig, doch ich wusste es besser. Neben Anru war ich der Einzige im Haus, der ihm nahe genug stand, um zu wissen, wie es um sein Essverhalten stand. Stets ließ er leere Teller zurückgehen, während er die Speisen zuvor entweder aus dem Fenster warf oder inzwischen sogar an Anru weitergab.
    Eilig hob ich den Blick, als das Plätschern des Wassers mich aus den Gedanken riss. Der Herr drehte sich auf die Seite, lehnte sich mit dem Oberkörper auf den Wannenrand, die Wange auf einem Arm ruhend. Plötzlich griff er nach meinem Ärmel und vergrub die Finger im Leinen. Eindringlich sah er zu mir.
    »Zieh dich aus.« Sein Ton war gelangweilt, aber ungewohnt sanft. Ich wich ihm aus. Ob er ahnte, wie oft ich mit dem Gedanken spielte, seinen Launen nachzugeben? Einfältig genug, es zu tun, war ich allerdings nicht. Wenn ich es täte, hätte er mich bald so satt wie all die anderen zuvor. Am Ende war ich nur an seiner Seite, weil mein Vater bereits seinem Onkel gehört hatte – und ich mit ihm. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass ich ihm zusätzlich noch etwas schuldig war.
    Betont ruhig löste ich Mikas verkrampfte Finger und stand auf. Mit einem Mal war meine Geduld für heute am Ende. Mir entging nicht, wie mein Herr mich von unten herauf weiterhin musterte.
    »Dann nenne mich beim Namen«, flüsterte Mika.
    Ich stutzte und beinahe platzte ein Lachen aus mir heraus. »Es ist mir nicht erlaubt, den Namen meines Herrn auszusprechen.«
    Er verdrehte die Augen. »Alte Vorschriften. Wann hast du mich das letzte Mal auf diese verstaubten Dinge pochen hören? Du dürftest nicht einmal in meine Augen sehen, wenn mir daran was liegen würde.« Wie um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, schaute er direkt zu mir auf und fing meinen Blick mit seinem auf. »Du weißt, dass du alles darfst, solang du an meiner Seite bleibst.«
    Und wenn ich doch etwas tat, das ihm nicht passte, dann ließ er es an den Jungen aus. Ich seufzte innerlich und unterdrückte die Wut, die sich an die Oberfläche zu fressen versuchte.
    »Wie lange kennst du mich nun schon?«, fragte er nach einem Moment des Schweigens.
    »Über siebzig Jahre, Herr.« Ich kämpfte. Mit mir, meinem Pflichtgefühl. Alles hinderte mich daran, ihn als einfachen Mann zu sehen, geschweige denn als Freund. Er war mein Herr, dem ich auf Lebzeiten gehörte. Wie ein Gegenstand.
    Andererseits kannte ich Seiten an Mika, die er sonst nicht offenlegte. Da war eine plötzliche Verletzbarkeit in seinen Augen, der ich nicht ausweichen konnte.
    »Siebzig Jahre sind eine lange Zeit, meinst du nicht? Nenne mich Mika. Ich bitte dich bereits seit unserer ersten Begegnung darum! Aber du«, er ließ seinen Blick auf und ab schweifen, »du weigerst dich standhaft. Soll ich es dir befehlen?«
    Er konnte es, doch bisher hatte er es nie getan. »Es würde nichts ändern, Herr.«
    Lustlos schnaubte er, ließ von mir ab und tauchte unvermittelt unter. Ich zählte die Sekunden, bis er prustend wieder die Wasseroberfläche durchbrach. Sein Haar klebte ihm im Gesicht; seine weißen Strähnen im sonst pechschwarzen Schopf, die von Jahr zu Jahr auffälliger wurden, zogen mich in eine alte, kindliche Faszination. Ich konnte mich gerade noch davon abhalten, die Hand auszustrecken und sie zu berühren.
    Der Herr erhob sich grunzend. »Trockne mich ab«, befahl er gleichmütig. Er beobachtete genau, wie ich ohne Anstrengung ein frisches Handtuch aus dem obersten Fach des Wandregals holte. Stur hielt ich meine Aufmerksamkeit auf seinen Oberkörper gerichtet, als ich zurückkam. Behände rieb ich seine Arme, dann den Rücken und die Brust trocken. Dabei konnte ich seine Rippen unter meinen Fingerspitzen zählen. Das Heben und Senken seines Brustkorbs fühlen. Etwas zu lang musterte ich die Tropfen, die von seinen Haarspitzen perlten und Spuren auf seiner Haut hinterließen. Ungehalten schnalzte Mika mit der Zunge und hielt mir die Hand hin.
    Ich half ihm aus der Wanne, machte mich daran, nun seine Hüften und Beine mit dem Tuch von dem öligen Nass zu befreien. Von oben sah er auf mich herab, gerade als ich vor ihm kniete, und stellte seinen linken Fuß auf meinen Oberschenkel. Er genoss diese Situation.
    »Zieh dich aus«, begann er von neuem, kaum dass ich fertig war und mich hochstemmte. Ich straffte die Schultern; irgendwann verlor er auch an diesem Spiel die Lust. Man konnte nur nie sagen, wann es soweit war.
    »Dafür habt Ihr keine Zeit, Herr«, mahnte ich und wollte mich um seine Haare kümmern, zuckte jedoch zurück, als ich in seine finstere Miene sah. Grob schob er mich mit einer Handbewegung zur Seite und tapste ins Schlafzimmer. Ich folgte ihm, holte Anru heran, der einmal mitgedacht und bereits frische Kleider auf dem ungemachten Bett bereitgelegt hatte. Auf dem Weg zu den Fenstern löschte ich die letzten Kerzen, die nicht bereits heruntergebrannt waren.
    Vor dem Standspiegel half Anru dem Herrn beim Trocknen der Haare und Ankleiden. Entgegen seiner sonstigen Art, ließ Mika bei dem Jungen alles wortlos über sich ergehen; jede noch so ruppige Handhabung des Jungen wurde nicht einmal mit einem Schnaufen quittiert. Jeder andere wäre bereits mit hässlichen Tiraden oder Schlägen und Tritten bedacht worden. Jeder außer mir – und Anru. Insgeheim überlegte ich, was der Herr wirklich in dem Jungen sah, gleichzeitig konnte ich mich das jedoch auch bei mir selbst fragen.
    Mika kaute auf seiner Unterlippe, während der Junge ihm mit heraushängender Zunge langsam das Hemd zuknöpfte.
    »Ist der Schriftverkehr wichtig?«, fragte mein Herr unvermittelt. Sein Spiegelbild sah zu mir, wie ich mit einem Ruck die Vorhänge aufzog und ins warme Sonnenlicht blinzelte. Ich dachte kurz nach und schüttelte den Kopf. »Dann erledige du ihn.«
    »Herr, Eure Unterschrift?«
    Wirsch schob er Anrus Hände beiseite. »Unterzeichne du! Deine Unterschrift wird ohnehin bereits als meine angenommen, mehr als meine eigene. Meinen Siegelring hast ebenfalls du.« Er knöpfte seine Ärmel zu, öffnete den Schrank schräg neben dem Spiegel und holte Mantel und Umhang heraus. Rasch schlüpfte er in ersteres, warf sich dann den Umhang um die Schultern. Als er bereits an der Tür war, hielt er inne. Sein Haar war noch feucht und wellte sich; seine Hand ruhte am Türrahmen.
    »Herr?«, fragte ich vorsichtig.
    Er zuckte zusammen und wandte sich mit schmalen Augen um. »Erledige es oder lass es, ich bin ohnehin bald zurück.« Damit verließ er den Raum und zog die Tür mit einem Knall hinter sich ins Schloss.
    Tief atmete ich durch. Kein Wort, wohin er ging. Ich lockerte meine gesamte Haltung und lauschte darauf, ob er seiner Laune entsprechend zurückkäme, aber alles blieb ruhig.
    Ich drehte mich zu Anru, der unsicher vor dem Spiegel lauerte, zu seiner Ecke starrte und mit den Händen rang. Er hatte seine Aufgabe nicht beenden können und das irritierte ihn sichtlich. Ich lächelte schwach und rief ihn zu mir.
    »Geh in die Küche, hol dir eine warme Mahlzeit und lass dich dann von einem der anderen Jungen zum Bottich bringen.« Ich rümpfte die Nase, als er vor mir stand. »Du brauchst dringend ein Bad.«
    Der Junge musterte mich mit großen Augen, nickte verzögert und huschte davon. Seufzend ging ich zurück ins Bad, um Ordnung zu schaffen.

  • Hey,


    deine Überarbeitung hat sich gelohnt, würde ich sagen...es ist nun um einiges leichter nachvollziehbar. :)


    Beim zweiten Lesen habe ich mir aber dennoch eine Frage gestellt: warum setzt sich Samuel überhaupt in den Schneidersitz, um die Pfeife zu stopfen? Mein Eindruck war, dass er sich in der Situation mehr als unwohl fühlt. Ich weiß nicht, ob es dann angebracht ist, sich vor seinem Herrn zusätzlich "klein" zu machen. Der Schneidersitz vermittelt für mich eine bequeme, entspannte Sitzposition, die irgendwie nicht so ganz in das Geschehen passt... (kannst du mir folgen?)


    So, jetzt zu dem nächsten Teil: Ich finde, er ist gut geschrieben und es ist wirklich interessant, was man so alles erfährt...


    Meine Anmerkungen findest du im Spoiler:



    So, das war`s. Hat Spaß gemacht zu lesen. Bin gespannt, wie es weitergeht :)


    Viele Grüße,
    Rainbow

  • @Kitsune Und weiter geht es, wirklich ein schnuggeliges Pärchen dieser Mika und ich... warte, dass klingt falsch... :pupillen:

    "Vem har trampat mina svampar ner?!"


  • Ich weiß noch nicht, ob ich die restlichen Teile täglich einstellen werde, aber heute geht's erst einmal weiter.


    ~+~+~


    Erst mit Sonnenuntergang kehrte der Herr zurück. Statt nach mir zu verlangen, verschwand er jedoch in seine Gemächer und sperrte die Tür ab.
    Nachdenklich verrichtete ich den Rest meiner Aufgaben, unterzeichnete im kleinen, spärlich eingerichteten Aufenthaltsraum der Dienerschaft bei Kerzenlicht das letzte Schriftstück und legte es beiseite. Einige Zeit stierte ich auf das spitze Ende des Federkiels, an dem sich der letzte Rest Tinte zu einem Tropfen sammelte und kurz darauf den Tisch befleckte. Seufzend lehnte ich mich auf dem Stuhl zurück und rieb mir über die gesenkten Lider. Ich stand auf, ging zum schmalen Fenster - dem einzigen Blick ins Freie - und betrachtete die Rotbuche, welche die Sicht halb versperrte.
    Dann hörte ich die Tür; sie schabte über die Dielen, bis sie mit einem Ruck nach der Hälfte hängenblieb. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer kam. Es war die Art seiner schlurfenden Schritte und das pfeifende Atmen, an denen ich Kunar erkannte. Ein alter Bruch seiner Nase war falsch verheilt. Mit einem Scharren zog er sich einen Stuhl an den Tisch.
    »Bist du bereits fertig mit deinen Aufgaben?«, fragte ich leise, während ich ihm weiterhin den Rücken zukehrte. Ich faltete die Hände hinter mir und musterte einen der kahlen Buchenäste.
    »J-ja«, sagte er kaum hörbar.
    Langsam drehte ich mich um. Seine Kleidung war liederlich; sein grober Wollpullover, der ihm viel zu groß war, hing auf der einen Seite über die sommersprossige Schulter. Er wich meinem Blick aus, nestelte stattdessen an seinem Ärmel. Ich entdeckte einen frischen Striemen auf seiner linken Wange, als er den Kopf zur Seite wandte.
    Langsam trat ich um den Tisch herum und hob sein Kinn an. Kunar schreckte zurück, ließ mich jedoch sein Gesicht begutachten. »Hat der Herr das getan?« Er rang sichtlich mit sich selbst, dann nickte er. »Weshalb?«
    Kunar zuckte die Schultern. »Er hat mich zu sich gerufen. Hat die Tür abgesperrt. Mir gesagt, ich soll mich ins Bett legen. Und dann ist er wütend geworden.«
    Kurz zog es mir die Brust zusammen. Ich richtete mich zu voller Größe auf, ging zum Wandregal und holte die gebeizte Holzkiste herunter. Schließlich zog ich mir meinen Stuhl zurecht und begann, die frische Wunde mit Jod und einem Lappen aus der Kiste zu versorgen. Der Junge zog eine Grimasse, schwieg allerdings. »Zeig mir die anderen Wunden«, orderte ich an.
    Fahrig streifte Kunar seinen Pullover über den Kopf. An den Oberarmen zeichneten sich rote Abdrücke ab, als hätte ihn jemand fest gepackt und geschüttelt. Was wohl auch der Tatsache entsprach. Brust und Rücken zierten weitere Striemen und Kratzer. Während ich mich auch um diese kümmerte und erleichtert feststellte, dass nichts Ernsteres zu erkennen war, versuchte ich mehr aus dem schweigsamen Jungen herauszubekommen. »Du hast ihm keinen Anlass dazu gegeben?« Was eine dumme Frage. Wann brauchte der Herr jemals einen Anlass für einen Wutausbruch? Allerdings - etwas musste ihn beschäftigt haben.
    »Nein. Ich hab getan, was er wollte«, murmelte Kunar. »Wie immer.«
    Vielleicht war das an diesem Tag der entscheidende Fehler gewesen. Ich fragte mich, wo der Herr gewesen war, dass er so unberechenbar agierte. »Hat der Herr mit dir geschlafen?« Der Junge senkte den Blick, schüttelte dann den Kopf. »Hat er geäußert, wo er gewesen ist?«, fragte ich und verstaute die Phiole mit dem Jod und das damit getünchte Tuch in der Kiste, bevor ich den Deckel schloss.
    Kunar kaute auf seiner Unterlippe, ohne mir eine Antwort zu geben. Als ich ihn beim Namen nannte, schreckte er nur hoch.
    »Wo bist du mit deinen Gedanken?«, fragte ich stirnrunzelnd. »Hat er doch mehr getan?« Ich schalt mich selbst einen Dummkopf, doch die Worte waren bereits ausgesprochen. Es sollte mich nicht interessieren. Ich durfte Kunar nicht bedauern oder ihn gar näher an mich heranlassen. Andererseits musste ich sicherstellen, dass es den Jungen gut ging, damit sie ihre Arbeit verrichten konnten.
    »Tut mir leid, was hast du gefragt?«, stammelte er.
    Ich schnalzte mit der Zunge und lehnte mich zurück. »Hast du schon gegessen?«
    Er schüttelte abermals den Kopf, strich bebend einige Haarsträhnen zurück hinters Ohr, schluckte. »Kann ich diese Nacht bei dir schlafen?«, platzte es schließlich aus ihm heraus.
    Langsam hob ich eine Braue. Da steckte mehr hinter dieser Frage, ich wusste nur noch nicht, was. Und solange es nicht mich direkt betraf, wollte ich es nicht wissen. Dennoch fuhr ich mir durch meine kurzen Locken und schnaufte. »Ist mit deiner Kammer etwas nicht in Ordnung?«
    »Issak schnarcht«, murrte der Junge und wich mir erneut aus.
    Ich lachte ungewollt auf. »Issak hat sich dir nur angepasst.« Um mich abzulenken, griff ich nach einem der Schriftstücke auf dem Tisch und faltete es sorgsam zusammen. »Also? Willst du mir den wirklichen Grund sagen? Du kannst mein Bett haben, doch ich wüsste gerne vorher die Wahrheit.« Ich legte das Papier zurück, nahm das nächste und wartete auf eine Antwort. Kunar sah nur stur auf seine Hände. Ich ließ die Arbeit erneut ruhen, verschränkte die Arme vor der Brust und lauerte darauf, dass er den Mund aufmachte oder ging.
    Nach einiger Zeit atmete er schwer aus. Seine Schultern sackten nach vorn und er rieb sich über den Nacken. »Ich hab Angst, dass er ins Zimmer kommt«, sagte er leise.
    Ich beugte mich vor, berührte aber weder Kunar noch den Stuhl, auf dem er saß. »Tut er das?«
    »Ab und an. Er sagt immer, ich soll nicht laut sein, damit Issak nicht aufwacht.« Der Junge hielt die Lider gesenkt und knetete seine Hände so fest, dass sie sich bereits rot färbten.
    Einen Moment dachte ich nach. Dieses Verhalten sah dem Herrn ähnlich, allerdings war Issak einer jener Jungen, denen er überdrüssig geworden war, bevor er sich Kunar zugewandt hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es Mika stören würde, wäre der andere Junge bei seinen nächtlichen Besuchen wach.
    »Gut«, setzte ich an und machte mich wieder daran, die Papiere zusammenzulegen. »Du kannst in meiner Kammer schlafen. Für diese Nacht. Leider kann ich dir nicht versprechen, dass er dich dort in Ruhe lässt. Das Bett gehört allerdings allein dir.«
    Ruckartig riss er den Kopf hoch. »Und du?«
    Irrte ich mich oder schwang da eine gewisse Enttäuschung in seiner Stimme? Er wirkte blasser als sonst. Ich schob den Gedanken beiseite und deutete mit einem Wink auf den Tisch. »Ich habe noch genug zu tun.«
    Einen Moment herrschte Stille, in der Kunar mich nachdenklich musterte. Ob er merkte, dass ich log? Ich war so gut wie fertig und fühlte mich erschlagen genug, um selbst in mein Bett zu fallen. Doch der Junge musste zur Ruhe kommen. Die ganze Situation behinderte ihn bei seiner Arbeit in der Küche, ganz egal, ob er der derzeitige Liebling des Herrn war oder nicht.
    Ich sah fragend zu ihm, bis er schwankend aufstand, und atmete erleichtert auf, als er wenig später die Tür von außen zuzog.

  • Hi Kitsune,


    ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, was mich so sehr an dieser Geschichte fasziniert, weil ...so richtig passieren tut ja eigentlich nichts....außer, dass diese verworrenen Beziehungen dargestellt werden. Trotzdem versucht man, sich in Samuel hineinzuversetzen und man will unbedingt verstehen, was die Hintergründe sind...das weckt eine unterschwellige Spannung. Ich bin schon sehr neugierig, wo du uns hinführen möchtest...


    Meine Anmerkungen findest du wie immer im Spoiler:



    So, das war`s...mehr ist mir nicht aufgefallen...


    Viele Grüße,
    Rainbow

  • @Kitsune Was hat Kunar wohl vor? Denkt er da etwa an den mexikanischen Wursttaucher? Aber woher bekommen sie dann die Butter und die Bohrmaschine...? :hmm:

    "Vem har trampat mina svampar ner?!"

  • Hallo Kitsune,
    ich war mir jetzt nicht sicher, ob ich dir einen Kommi dalassen soll, oder nicht. Hab mich dann aber dafür entschieden, weil ich dirsagen möchte, dass du einen richtig guten Schreibstil hast. Ich war sofort in der Geschichte drin, konnte ihr gut folgen und es las sich sehr angenehm.
    Inhaltlich ist es eher nicht so meins, ich war eigentlich auf der Suche nach leichter Kost. Deshalb habe ich nur den ersten Teil gelesen. Du hast aber meinen Respekt, dass du dich an ein solch schwieriges Thema wagst und ich hoffe du machst eine gute Geschichte daraus.



  • Mit den versiegelten Schreiben machte ich den letzten Gang durch das Haus. Mein Rücken schmerzte vom langen Sitzen, meine Beine waren schwer. Nach Stunden des Schreibens und Lesens begleitete mich ein Druck im Kopf, der stetig stärker wurde. Ich vollendete meine Runde, nachdem ich die Schreiben bei dem Jungen abgeliefert hatte, der sich um die Zustellung kümmern sollte. Sorgsam vergewisserte ich mich, dass alles ruhig war. Zum Schluss ging ich jenen Flur hinab, der zu den Gemächern des Herrn führte. Ich klopfte nur kurz an seiner Tür und wartete keine Antwort ab, die ohnehin nicht folgen würde.
    Mit dem Rücken zu mir auf der anderen Seite des Raumes stand Mika. Er sah aus einem der großen Fenster, die die Außenwand dominierten. Rotes Sonnenlicht umschloss seine nackte Gestalt, verfing sich im Weiß seines Haars. Seine über den gesamten Rücken tätowierten, verschlungenen Schlangen lagen im Schatten, verfehlten ihre Wirkung jedoch nicht. Zwischen den Schulterblättern hatten die beiden Tiere sich so miteinander verbunden, dass sie wie eines wirkten. Nur die voneinander abgewandten Köpfe ließen die Illusion verblassen. Gebannt starrte ich darauf, wie sie sich bewegten, wenn mein Herr die Muskeln anspannte.
    »Er kommt nicht, oder?«, fragte Mika, als ich die Tür schloss.
    Ich räusperte mich. »Wer, Herr?« Mein Blick glitt zum ungemachten Bett, schweifte über die Spur verstreuter Kleidung auf dem Boden und dem umgestoßenen Schälchen voll Asche, die sich über und unter dem Tisch verteilte. Ich rümpfte die Nase ob der abgestandenen Luft und unterdrückte das Verlangen, den Raum wieder zu verlassen.
    »Mein Bruder. Er hat gesagt, er kommt, aber er kommt einfach nicht«, flüsterte Mika, die linke Hand am Vorhang. Er umklammerte den Samt, während er unentwegt nach seinem Bruder Ausschau hielt.
    Lautlos ging ich auf ihn zu, trat dabei jedoch auf etwas, das unter meinem Gewicht zerbarst und mich innehalten ließ. Ich hob meinen Fuß an, zog die Stirn kraus und beugte mich hinab, um die Tabakspfeife aufzuheben, deren Stiel abgebrochen war. Mein Herr sah über die Schulter hinweg zu mir. Sein verklärter Blick war mir Auskunft genug. Er war gar nicht dazu in der Lage zu begreifen, dass ich sein liebstes Stück zerbrochen hatte. Seufzend platzierte ich alles auf dem Nachttisch, kehrte die Asche zusammen und sammelte die Kleidung auf.
    »Lass es liegen«, sagte er träge. Er schaute zu, wie ich ihm nicht gehorchte und seine Sachen über das niedrige Fußende seines Bettes legte.
    »Habt Ihr bereits gegessen, Herr?« Ich durchsuchte das Zimmer nach Anzeichen eines Abendessens. Ein flaues Gefühl breitete sich in meinem Magen aus, stetig genährt von diesem penetranten Geruch jenes Krautes, das er stets rauchte. Angeblich konnte er so besser denken, aber das Gegenteil war der Fall. Das Kraut vernebelte die Sinne und diente eigentlich dazu, starke Schmerzen bei Sterbenden zu lindern. Ich hegte seit jeher die Vermutung, dass Mika es rauchte, um eben nicht denken zu müssen.
    Die Luft stand im Raum. Ich kämpfte mit mir, nicht das nächstgelegene Fenster aufzureißen, ballte stattdessen die Hände und hob die vom Bett gerutschte Decke auf.
    Mika zuckte mit den Schultern, spitzte die Lippen und drehte sich gänzlich um. »Es war niemand hier, um es mir zu bringen.«
    »Ihr habt nicht danach verlangt, richtig?« Ich seufzte, als er erneut die Schultern hob und senkte. »Soll ich Euch etwas bringen lassen?« Damit er es wieder nicht anfasste. Ich schüttelte das Bettzeug auf und wandte mich ab, horchte auf, als seine Schritte durchs Zimmer tapsten. Gezielt ging er Richtung Bad. Ich warf das Kissen zurück auf die Matratze und folgte ihm mit einer Vorahnung.
    Er versuchte gerade ungelenk in die Wanne zu steigen, als ich aufholte. Schnell stand ich bei ihm und griff ihm unter die Arme, um ihn davon abzuhalten. Er bäumte sich auf, schlug um sich und traf mit dem Handknöchel meine Wange, doch ich dachte nicht daran, nachzugeben. »Ihr solltet in Eurem Zustand nicht baden, Herr.«
    »Lass mich!«, brummte er mit schwerer Zunge. »Ich bestimme, wann ich baden will!« Als er erneut ausholte, traf er dieses Mal meine Nase, bevor er die flache Hand gegen meine Wange presste. Ich rief nach Anru, der wenig später im Türrahmen auftauchte, und beauftragte ihn, für den Herrn Essen bringen zu lassen. Er brauchte etwas im Magen.
    Mika kommentierte die Order mit einem Knurren und versuchte weiterhin sich aus meinem Griff zu winden. Schnaufend holte er mit dem Bein aus, doch ich hakte meines nur bei ihm unter, bis er einknickte. Ich fasste ihn unter Achseln und Kniekehlen, hob ihn ohne weiteres hoch. Seine Finger krallten sich in meine Locken, zogen daran. Unberührt ging ich zurück ins Schlafzimmer und legte ihn in sein Bett. Er strampelte, als ich von ihm abließ. Kurz fürchtete ich, er würde die Gelegenheit nutzen, aufstehen und zurück ins Bad laufen, doch plötzlich hörte sein Tobsuchtsanfall auf. Mit von sich gestreckten Gliedern warf er mir einen eisigen Blick zu. Beide rangen wir nach Atem.
    »Ich habe keinen Hunger«, murrte er.
    Innerlich schrie ich auf. »Esst wenigstens eine Kleinigkeit, Herr. Und trinkt. Um die Kopfschmerzen später zu dämpfen.«
    »Ich will nicht«, murrte Mika. Es war lächerlich, sich mit einem nackten Herrn zu streiten, doch in diesem Zustand war ihm ohnehin alles egal.
    Ich sah von oben zu ihm herab. »Ihr benehmt Euch wie ein Kind.«
    »Dann bin ich eben eines.« Er reckte das Kinn vor. Seine Augen funkelten.
    In diesem Moment sprang die Tür auf und Anru schob zusammen mit einem älteren Jungen einen silbernen Servierwagen herein, auf dem abgedeckte Platten ruhten. In mehreren dickbäuchigen Krügen gluckerte es. Das Glas und Geschirr klapperte, als sie den Wagen näher ans Bett fuhren.
    Abgelenkt von den Jungen, reagierte ich zu langsam. Ich bemerkte die Regung des Herrn zu spät, wie er sich aufsetzte und mit dem Bein ausholte. Scheppernd fiel der Wagen auf die Seite; die Jungen waren zu erschrocken, um ihn halten zu können. Mit einem lauten Klirren zersprang das Geschirr und Hühnerbeine, getrocknete Tomaten und Brühe verteilten sich auf dem Boden.
    »Ich sagte doch, ich habe keinen Hunger«, brüllte Mika und eingeschüchtert rückten die Jungen zusammen. Sie scheuten seinen und meinen Blick, als sie sich unaufgefordert daran machten, aufzuräumen.
    Ich berührte die Schultern des Herrn, hielt ihn ab, aufzustehen, und drückte ihn zurück in die Kissen. »Dann ruht Euch aus. Schlaft Euren Rausch aus.«
    »Ich bin bei klarem Verstand«, keifte er mir direkt ins Ohr.
    »Natürlich seid Ihr das«, murmelte ich, froh darüber, dass er es nicht hörte. Er schrie bereits die Jungen an und verscheuchte sie.
    Kaum waren sie fort, befahl er an mich gewandt: »Räume auf.« Schrill, doch bei weitem nicht mehr so laut. Er fixierte mich unnachgiebig. Mein Puls beschleunigte sich. Ich wollte nach Kehrblech und Besen suchen, als Mika sein schlankes Bein ausfuhr und mir gegen die Seite stieß. »Mit den Händen.«
    Ich sah zu ihm auf, als ich mich hinkniete. Eindringlich beobachte er mich dabei, wie ich den Wagen aufstellte, um die restlichen Scherben zusammenzuräumen. Ich zischte, als ich mich schnitt, verzog ansonsten jedoch keine Miene. Die Verletzung war nicht sonderlich tief, heilte bereits und bald darauf zierte sie eine dünne, blassrosa Schicht neuer Haut. Dennoch starrte ich einen Moment auf das Blut, das auf die Dielen getropft war.
    »Wisch alles mit deinem Hemd auf«, sagte mein Herr derweil. Als ich zögerte, stieß er mir mit dem Fuß gegen die Schulter. Zähneknirschend, aber auch mit einer ungeahnten Aufregung, die durch meine Adern rauschte, zog ich mein Hemd aus.
    Aus dem Augenwinkel sah ich Mikas schelmisches Grinsen. Er setzte sich auf, legte ein Bein über das andere und sah zu, wie ich Saftlachen und Brühe aufwischte. Als ihm das zu langweilig wurde, sprang er auf und wankte zurück zum Fenster.
    »Ihr solltet euch ankleiden, Herr«, raunte ich, während ich die Abfälle samt meines Hemdes auf den Wagen räumte.
    Er schnaubte. »Hör auf mir zu sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Du bist nicht mein Bruder.«
    Mein Unterkiefer mahlte. Nein, ich war in der Tat nicht Mitan. Ich verabscheute diesen Vergleich, weil ich wusste, dass ich nie jenen Status erreichen würde wie der Bruder meines Herrn. Nicht aufgrund unseres unterschiedlichen Standes, sondern weil Mitan für Mika einer Gottfigur gleichkam, ohne dass er es bemerkte.
    Ich starrte zu ihm, während der Kloß in meinem Hals größer wurde. »Würdet Ihr auf Euren Bruder hören?«, überlegte ich laut. Im nächsten Moment biss ich mir auf die Zunge.
    Zögernd wandte Mika sich um. Er musterte mich mit einem eigenwilligen Ausdruck; er antwortete nicht. Hinter dem Rücken ballte ich die Hände, streckte die Finger wieder durch und fasste mir ein Herz. Mit großen Schritten ging ich zum ihm. Keinen Moment ließ ich die Augen von ihm, während er dasselbe tat, doch sein Blick wirkte noch immer entrückt. Wie viel hatte er geraucht?
    »Kleidet Euch bitte – bitte – wenigstens an, Herr«, sagte ich ruhig. Ich legte die Hände auf seine Schultern, ließ sie etwas zu lang darauf ruhen. Unvermittelt packte Mika mich mit der Rechten im Nacken und zog mich mit Leichtigkeit zu sich herunter. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Rücken zu beugen. Grob krallte er die Finger in meine Haut. Ich war seinem Gesicht nun so nahe, dass ich seinen Atem spüren konnte. Mein Magen verkrampfte.
    Mika grinste schief. »Schlaf mit mir.«
    Einen Moment meinte ich, mein Innerstes gerate in einen Malstrom, wurde verwirbelt und neu geordnet. »Ihr seid nicht bei klarem Verstand, Herr«, sagte ich tonlos, oder versuchte es zumindest, denn nun schlang er nach einem leichtfüßigen Hopser seine Beine um meine Hüften. Er war so leicht. Viel zu leicht. Was meine Wut über sein kindisches Verhalten nur verstärkte.
    Sanft küsste er meine Wange, schmiegte die Arme eng um meinen Hals und fuhr mit den Fingern verspielt durch meine dichten Haare. In diesem Moment löste sich der heiße Knoten in meinen Innereien auf und ich wankte in meinem Entschluss. Mir zitterten die Knie.
    »Du darfst das, Samuel. Schlaf mit mir«, raunte Mika und ich spürte mehr an meinem Bauch, als mir in diesem Moment lieb war.
    Das Blut rauschte in meinen Ohren. Ich legte die Hände um seine Taille, um ihn besser halten zu können, machte auf dem Absatz kehrt und trug ihn zum Bett. Seine Haut fühlte sich heiß an. Mittlerweile knabberte Mika verbissen an meinem Ohr, leckte über die Muschel und kicherte, als ich ihn in die Kissen legen wollte. Wohl in der Hoffnung, dass ich seinem Willen nachgab, versteifte er.
    »Herr«, begann ich leise, doch er zischte nur und ließ sich hinlegen. Ich kniete neben ihm, löste seine Arme und wollte nach der Decke greifen, als er die Position ausnutzte. Er wickelte seine Beine um meinen Unterleib und zog mich mit einem Ruck zu sich. Ich verlor das Gleichgewicht, fing mich jedoch mit den Unterarmen ab, bevor ich ganz auf ihm zu liegen kam. Meine Nase stieß gegen seine Lippen; grunzend leckte er darüber.
    Wir verharrten. Wäre es nicht einfach, seinem Drängen nachzugeben? Doch was dann?
    Als ich meinen Blick nach oben zu seinen Augen schweifen ließ, sah er durch mich hindurch. Ich konnte mir gut vorstellen, wen er stattdessen vor sich sah. Und da war er wieder, dieser Knoten im Bauch, diese Härte, die mich von ihm trieb. Schwer atmete ich durch, fasste mich und schalt mich einen Trottel.
    »Ihr solltet schlafen, Herr«, murmelte ich und umschloss seine Handgelenke. Ich stemmte mich von ihm hoch, während ich seine Arme ins Kissen drückte.
    Blinzelnd schaute er auf, schnaufte. »Ja, mit dir und dann –«
    »Ihr würdet es bereuen, Herr«, unterbrach ich ihn barsch, schärfer als von mir gewohnt. Ich nutzte seine Verwirrung und richtete mich ganz auf. Knurrend wehrte er sich dagegen, dass ich die Decke über ihm ausbreitete. Seine Erregung wich dem wiederkehrenden Trotz. Er strampelte mit den Beinen, doch ich schüttelte die Decke nochmals auf, legte sie über ihn und strich sie glatt. Wie bei einem Kleinkind. Ich streckte den Rücken durch und seufzte laut, als er die Decke vom Bett warf.
    Mika verschränkte die Arme vor der Brust, sah anklagend zu mir. »Heb sie auf.«
    Ich tat es und legte sie zurück. Oder hatte es zumindest vor. Bereits in der Luft griff der Herr danach und warf die erneut auf die Dielen. »Heb sie auf.«
    Mit geballten Händen beugte ich mich herunter. Das Spielchen ging noch ein Weilchen, bis der Herr die Lust daran verlor. Plötzlich kehrte er mir den Rücken zu. »Verschwinde. Ich will dein Gesicht nicht mehr sehen.«
    »Wie Ihr wünscht, Herr«, antwortete ich unbewegt, nahm ein letztes Mal die Decke und breitete sie über seinen Füßen aus.

  • @Kitsune Hossa da gehts ja heiß her bei den beiden :grinstare:

    "Vem har trampat mina svampar ner?!"

  • Hi,


    sorry, war die Woche nicht da und konnte mich deshalb erst jetzt dem neuen Kapitel zuwenden. Wie ich sehe, habe ich Gott sei Dank nicht allzu viel verpasst.





    Viele Grüße,
    Rainbow


  • So. Das ist übrigens jetzt der vorletzte Teil des Ganzen. Für den nächsten und letzten werde ich dann noch etwas dazu schreiben, jetzt erst einmal geht es so weiter.


    ~+~+~


    Tage verstrichen, bis Mika mich wieder unter seine Augen treten ließ. Doch selbst dann strafte er mich mit Schweigen und der Tatsache, dass ich jedes einzelne Mal zusehen musste, wenn er mit Kunar oder wahlweise einem anderen Jungen schlief.
    Ich gehorchte. Es war das, was ich konnte. Das, was ich mein gesamtes Leben lang gelernt hatte.
    Langsam blinzelte ich die Müdigkeit fort, als ich eines Nachts erneut am Fußende des großen Bettes stand, die Hände hinter dem Rücken. Doch seit jenem Abend fiel es mir schwer, unbeteiligt zu bleiben. Es fiel mir schwer, den Blick abzuwenden.
    Kunars Hände krallten sich ins Laken, als Mika ihm in die Schulter biss, und stieß ein unterdrücktes Stöhnen aus. Gleichzeitig bewegte der Herr sich in ihm; es fiel mir schwer, sein Auf und Ab dabei zu ignorieren, während der Kerzenschein alles in ein unnatürliches Licht rückte. Mikas Rücken überzog ein feiner Schweißfilm, während er ihn nach oben beugte.
    Ich schluckte, als der Herr sich ein letztes Mal aufbäumte und sich schnaufend auf Kunar ausruhte. Hastig hob ich den Blick, als er sich von dem Jungen zurückzog und in die Kissen sank. Mein Herr schenkte mir kein neckisches Grinsen, stand nicht auf, um mit der Hand meine Brust zu berühren, oder sah überhaupt in meine Richtung. Stattdessen schickte er Kunar fort, drehte sich herum und zog die Beine nah an seine Brust.
    Ich hoffte, damit für diesen Abend erlöst zu sein. War ich nicht genug gestraft worden? Andererseits wollte ich bleiben. So abstrus es mir schien. Aus irgendeinem Grund wollte ich ihn nicht allein lassen. Wahrscheinlich lag es an seiner Unberechenbarkeit in letzter Zeit.
    »Willst du gehen?«, fragte Mika, als hätte er meine Gedanken gelesen. Einen Moment war ich wirklich überzeugt, dass er es konnte, bis ich mich erinnerte, dass seine Fähigkeiten anderer Natur waren.
    »Soll ich gehen, Herr?« Das Herz schlug mir fast bis zum Hals.
    Stille legte sich wie eine Mauer zwischen uns. Schließlich raunte er leise: »Das war nicht meine Frage.« Das Kerzenlicht auf dem Nachttisch flackerte und ließ Schatten über seine bloße Haut und die Tätowierung tanzten.
    Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Ob ich ehrlich sein durfte. Nicht nur ihm gegenüber. Wusste ich doch nach all den Jahren nicht immer, wie er auf etwas reagierte. Manchmal war das, was er an dem einen Tag hören wollte, am nächsten bereits das Falsche. »Wenn Ihr wünscht, dass ich gehen soll, gehe ich.«
    Wieder Schweigen. Dann, so leise, als rede er zu sich selbst: »Mir ist kalt.«
    Ohne Zögern griff ich nach der Decke am Fußende und legte sie über ihn. Er rührte sich nicht.
    »Beantworte mir endlich meine Frage«, murmelte er stattdessen.
    »Das habe ich, Herr.« Ich stopfte die Decke leicht unter seinem Körper fest.
    »Ich habe nicht nach meinen Wünschen gefragt. Ich will wissen, was du willst, und nicht was du denkst, was mir recht wäre.«
    Ich war es gewohnt, mit seinem Rücken zu sprechen, doch in diesem Moment wünschte ich, ich könnte ihm ins Gesicht sehen. Doch er drehte sich nicht um. »Herr, wenn Ihr es erlaubt, würde ich gern bei Euch bleiben«, brachte ich zögernd hervor.
    »Hast du nicht genug von mir?«
    Etwas in meiner Brust zog sich zusammen. »Wie kommt Ihr darauf, Herr?«
    Keine Antwort. Stattdessen verlangte er kleinlaut, mich zu ihm zu legen.
    Ich haderte mit mir selbst, wusste nicht, ob es gut war, seinen Worten Folge zu leisten. Er war es gewohnt, dass ich mich bei solchen Wünschen verweigerte. Was, wenn er es auch dieses Mal erwartete? Ich erwartete, dass ich standhaft blieb, dass die Vernunft ein weiteres Mal über mein Wanken gewann.
    Es gab einen weiteren Grund, warum ich den Herrn nicht alleinlassen wollte. Diese trübselige Stimmung, in die er so urplötzlich zu rutschen drohte, hatte immer eine Ursache. Früher war es eine unangenehme Begegnung mit seinem Onkel gewesen. Dieser Tage …
    »Hast du Angst vor mir?«, fragte Mika ruhig.
    Unwillkürlich lächelte ich. »Nein, Herr.« Das war es nicht, was ich verspürte.
    Er lachte freudlos. »Jeder hat Angst vor mir. Selbst mein Bruder. Du hättest heute seine Augen sehen sollen.«
    Da lag der Teufel im Walde. Mein Lächeln gefror. Ich setzte mich auf die Bettkante, starrte auf meine Hände im Schoß und wartete darauf, dass er weitersprach. Doch der Ausbruch seiner Offenheit war bereits versiegt.
    »Leg dich hin oder lass es bleiben«, knurrte Mika nach einiger Zeit.
    Ich seufzte, streifte meine Stiefel ab und streckte mich neben ihm aus. Während ich mit meinem rasendem Herzen stritt, hielt ich den Blick auf die Zimmerdecke gerichtet.
    Dann geschah – nichts. Ich hob eine Hand vor mein Gesicht, sah sie im Kerzenlicht beben. Fest kniff ich die Augen zusammen, hoffte, dass mein Herr sich nicht ausgerechnet in diesem Augenblick umdrehte. Ich rollte mich auf die Seite, sodass er und ich Rücken an Rücken ruhten.
    Der wenige Schlaf und die Arbeit der letzten Tage zollte seinen Tribut. Alles war an mir hängengeblieben. Das Abwimmeln verschiedener Sprecher der Familienverbände, die mein Herr nicht zu empfangen gedachte. Das Verfassen neuer Verträge und Schreiben. Hin zum Organisieren des Haushaltes und dem Schlichten von Streitereien unter den Jungen, zusätzlich zur Erziehung von Anru. Es war angenehm, die Lider geschlossen zu halten. Mein Atem beruhigte sich und auch sonst entspannte ich mich.
    Es war das Nachgeben der Matratze, die spürbare Bewegung des Körpers hinter mir, was verhinderte, dass ich auf der Stelle in den Schlaf glitt. Mika schmiegte sich an meinen Rücken, die Stirn zwischen meine Schulterblätter gedrückt.
    »Du bist der Einzige, der immer bleibt«, flüsterte er. Sein Atem drang durch den dünnen Seidenstoff meines Hemds und eine Gänsehaut strich über meine Haut. Anders als erwartet, kicherte er nicht, fuhr nur mit dem Zeigefinger meine Wirbelsäule nach. Ich hielt die Augen geschlossen, atmete tief durch. Eine Weile versuchte ich an etwas anderes als seinen nackten Körper hinter mir zu denken. Uns trennte nur ein dünne Steppdecke. »Du lässt mich nicht im Stich, oder, Samuel?«
    Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte. Natürlich verließ ich ihn nicht; es war nicht nur meine Pflicht, mir blieb nichts anderes übrig. Wenn ich tief in mich hineinhorchte, war das aber nicht der einzige Grund. Von wie vielen Leibeigenen hatte ich im Laufe meines Lebens gehört, die geflüchtet waren – oder es zumindest versucht hatten? Von weitaus weniger launenhaften Herren und Herrinnen. War es, weil Mika es ablehnte, seine Leibeigenen zu züchtigen? Weil es mir, entgegen seiner Art der Dienerschaft gegenüber, vergleichsweise gut ging? Er mich manchmal mehr wie einen Freund behandelte? Und der Herr war so gut zu Anru. Er las ihm manchmal aus Büchern vor und der Junge klebte an seinen Lippen. Mika hatte es sogar zuwege gebracht, dass der Junge in einer eigenen Kammer schlief, auch wenn er weiterhin auf ein Bett und aufwendige Kleidung verzichtete.
    Es war auch mehr als dem geschuldet, dass Mika mich von meinem herrischen Vater erlöst hatte, genauso wie ich ihm mit seinem tyrannischen Onkel geholfen hatte. Freiwillig.
    »Denkt Ihr, ich würde Euch verlassen, Herr?« Ich spannte die Muskeln an, als er noch näher zu mir rückte. Er seufzte und ich erzitterte, als sein warmer Atem mich streifte.
    »Ich weiß, dass mein Bruder mich im Stich gelassen hat, als ich ihn wegen unseres Onkels brauchte. Auch jetzt bin ich ihm nur wichtig, wenn ich seinen Zwecken hilfreich bin. Und Sherdil?« Er lachte. »Nicht, dass ich ihm vorwerfen könnte, sich abgekehrt zu haben, aber er will mich auch einfach nicht verstehen.« Er krallte die Finger in mein Hemd. »Alle, die mir etwas bedeuten, lassen mich früher oder später allein.« Wieder hielt er inne, bevor er mit belegter Stimme weitersprach. »Ich hasse mich selbst für das, was ich bin.«
    Aus einer plötzlichen Laune heraus drehte ich mich um, bemerkte seine geweiteten Augen und den offenstehenden Mund, als ich nun auf Augenhöhe neben ihm lag. »Dann sind sie es nicht wert«, raunte ich mit vollem Ernst. »Wenn sie nicht hinter die Fassade sehen wollen, sind sie Eurer Gedanken nicht wert.« Mika hatte viele Seiten. Erschreckende, herrische, den Tobsuchtsanfällen seines Onkels nicht unähnliche. Ich konnte nicht sagen, dass man sich jemals daran gewöhnte, doch ich wusste auch, dass er anders sein konnte. Weicher. Momente, in denen wie in dieser Nacht Schwäche durchschimmerte. Dann war er noch immer das ängstliche Kind, das von seinem Onkel in dunkle Kammern gesperrt wurde, wenn es ihn auch nur schief anschaute. Oder jener verstörte, junge Mann, dem ich als Kind geschenkt worden war und der mich fest in die Wange zwickte, wie zur Vergewisserung, dass ich echt war.
    »Mein Bruder hält mich für verrückt«, flüsterte er, senkte den Blick und fuhr mit den Fingerspitzen über meine Brust, wanderte weiter zu meinem Bauch, wo er verharrte. »Er hat recht.«
    »Weil Ihr nicht nach seiner Pfeife tanzt oder seinem Wahn folgt, dass er endlich Frieden bringen kann? Er ist es, der verrückt ist.«
    Als Mika tief Luft holte, biss ich mir auf die Zunge. Ich war zu weit gegangen. Trotz allen Unmuts ließ er kein schlechtes Wort über Mitan zu. Doch der erwartete Zornesausbruch blieb aus. Stattdessen lachte er. Hell und rau, aber ehrlich. »Hör auf mir nach dem Mund zu reden.«
    »Das tue ich nicht, Herr.«
    »Doch. Und du lügst. Aber ich verzeihe es dir.«
    Mein Herz setzte einen Schlag aus. Er stützte sich auf den Ellenbogen, sah mit einem Ausdruck zu mir herab, den ich nicht deuten konnte.

  • Hi Kitsune,


    es ist wirklich erstaunlich.Jeses Mal denke ich mir am Ende des Textes "Wie, schon zu Ende?"


    Ich weiß auch nicht, wie du das machst, aber irgendetwas an deiner Geschichte fesselt mich. Obwohl ich mir die "Sexszenen" wirklich nicht
    gerne vorstelle, weil es mich irgendwie anwidert. Vielleicht ist es aber auch gerade das. Man taucht hier in eine Welt ein, die einem eigentlich völlig fern ist und scheinbar versucht man dann, es erfassen zu wollen. Samuels Gefühlswelt beschreibst du meiner Meinung nach ziemlich gut, weshalb es leicht fällt, sich in ihn hineinzuversetzen. So, jetzt kommen noch ein paar Textstellen, über die ich gestolpert bin:



    Viele Grüße,
    Rainbow


  • Tja, der letzte Teil. Ich habe ja das Gefühl, mit dem Ende zu enttäuschen, aber - meh. Ich muss hierzu jetzt sagen, dass ich den Abschnitt um einiges gekürzt habe. Jetzt nicht seitenweise, aber doch spürbar zum Original. Momentan spiele ich mit dem Gedanken, den Text so, wie er ursprünglich gedacht war, auf meinen Blog zu stellen, allerdings wäre der Beitrag mit einem entsprechenden Passwort versehen. Da ich mir aber noch nicht sicher bin, ob ich das mache, verweise ich dahingehend jetzt nur darauf, das vielleicht im Auge zu behalten, sollte man den Ursprung lesen wollen. Viel würde sich nicht verändern, außer ... Ja, lesen und selbst überlegen. ^^'
    Mir bleibt jetzt nichts weiter zu sagen als: Danke für die Aufmerksamkeit. Und vielleicht findet sich ja noch ein Leser, der das Ganze hier kommentieren mag.


    ~+~+~


    Ich wusste nicht, was es war, das mich die Fassung verlieren ließ. Die Art, wie seine Hand wieder über meine Brust glitt? Sein Lächeln? Was es auch war, unvermittelt fasste ich ihn am Nacken und küsste ihn. Fühlte, wie er sich weder wehrte noch sonderlich überrascht wirkte. Ich schluckte, strich mit der Zunge fordern über seine Lippen. Euphorie machte sich in mir breit, als er nur zu gern nachgab. Ich keuchte in den Kuss, als seine Hand tiefer wanderte.
    Mir war heiß und kalt zugleich. Bevor ich mich versah, beförderte Mika mich auf den Rücken und setzte sich auf meine Schenkel. Seine Brust hob und senkte sich schwer. Dabei wurde mir bewusst, dass er noch immer nackt war. Er schreckte zusammen, als ich nach seinen Hüften griff, zitterte unter meiner Berührung. Jegliche Zweifel verscheuchte er, als er sich erneut herunterbeugte.
    Mit einem Anflug neuer Energie setzte ich mich auf, umklammerte seinen Oberkörper und änderte unsere Position. Unter mir liegend, versuchten seine Hände mich zu dirigieren, mir zu zeigen, was ich tun sollte, um was ich mich gefälligst zu kümmern hatte, sollte ich die Erregung noch nicht bemerkt haben. Doch ich wollte mehr; mehr als nur schnellem Verlangen nachzugeben.
    Ich ergriff seine Handgelenke, hob die Arme über seinen Kopf und hielt sie dort fest, während ich mit der Zunge über seinen Hals fuhr. Über sein lautes Ausatmen zufrieden, arbeitete ich mich weiter hinab, ließ ihn wieder frei und glitt tiefer – zu seiner Brust, seinem Bauch. Ich hielt inne, als seine Nägel unter meinem Hemd nach oben wanderten und merkliche Spuren hinterließen. Ungeduldig probierte er es erneut, mich stumm anzuweisen, drückte mich an den Schultern nach unten.
    Lächelnd schubste ich seine Hände beiseite, küsste mich wieder zu seinem Brustbein hinauf und genoss das Vibrieren seines Körpers, als er brummte.
    »Hör auf mit den Spielchen«, schnaufte er und presste eine Hand in meine Locken, während die andere nach meiner Linken fischte, um sie nach unten zu schieben. Lachend gab ich nach, beobachtete, wie sich sein Oberkörper meinen Berührungen entgegenstreckte. Er spreizte die Beine und holte tief Luft, während ich mich erbarmte.
    Seine Finger vergruben sich in meinen Haaren. Die Zeit der Neckerei war vorbei, auch weil ich selbst langsam an meine Grenzen kam. Mehr. Mehr von diesem entrückten Ausdruck, der nicht von Rauschmitteln stammte, sondern von dem, was ich tat.
    Unvermittelt ließ ich von ihm ab. Ich setzte mich auf, sah schnaufend von oben herab und schob seine Hände bestimmt beiseite, als er mich an den Armen packen wollte. Als ein Grinsen auf seinem geröteten Gesicht erschien, hob ich die Brauen. Er richtete sich auf und drückte die Finger seiner Rechten gegen meine Brust. Quälend langsam glitt er hinab, bis er mich auf den Rücken legte und ein Bein über meine Hüften schwang. Ich ließ ihn gewähren, als er den Verschluss meiner Hose öffnete.
    Ich war drauf und dran, ihn niederzuringen. Doch der Herr war keine Frau und die Erfahrung, die ich bislang mit Männern gemacht hatte, war von weniger Leidenschaft meinerseits geprägt gewesen. Ich wollte ihn machen lassen, was er wollte, doch als er sich wiederholt über die Lippen leckte, setzte mein Verstand endgültig aus.
    Am Ende wusste ich nicht mehr, wer von uns den anderen entkleidete und wer umständlich und atemlos nach dem Öl im Nachttisch fingerte. Mikas Stöhnen wurde von den Kissen geschluckt, in die er sein Gesicht presste.
    Ich genoss jede Faser des Aktes. Schaukelte ihn und mich hoch, hielt nur inne, wenn er erneut die Kontrolle übernehmen wollte.
    Siebzig Jahre und wir verstanden uns blind, benötigten keine Worte. Mittendrin kroch jedoch etwas anderes in mir hoch. Die Frage, ob ich der Einzige war, dem er sich so hingab, ließ mich verharren. Zeigte er seinem Bruder diese verletzliche Seite? Wut fraß sich wie ein Parasit durch mein Innerstes; ohne dass ich sie zügeln konnte, züngelte mit harten Worten.
    Und ich begann, ihm wehzutun, keine Rücksicht wallten zu lassen. Die Bedenken, die ich zuvor gehegt hatte, waren fort. Immerhin zeigte er selbst nie Erbarmen mit all den Jungen, die er zu sich holte.
    Schwer atmend, überwältigt von dem aufbrausenden Gefühl der Macht über ihn, legte ich die Hände um seinen lächerlich dünnen Hals. Ich sah in seine so selten klaren Augen – und drückte zu. Sein Stöhnen wandelte sich zu einem Röcheln. Bevor ich mir bewusst machen konnte, was ich da tat, bäumte er sich unter mir auf.
    Zitternd ließ ich von ihm ab und er rang tief und schnell nach Atem. Mit einem Mal war ich unsagbar erschöpft von dem angestautem Zorn, der explosionsartig über mich geschwappt war.
    Dann schnürte es meine Kehle zu. Eine unsichtbare Kraft drückte gegen meinen Hals und doch widerstand ich dem Reflex, danach zu greifen. Stattdessen drehte ich den Kopf zur Seite und schloss die Augen. Der Hauch der Macht meines Herrn streifte mich ein letztes Mal; sie reichte, um mich von ihm zu stoßen, ohne dass er die Hände einsetzte. Der unsichtbare Griff um meinen Hals war verschwunden und ich atmete vorsichtig ein und aus.
    Verwirrt sank ich neben meinem Herrn in die Kissen. Anders als erwartet, war es jedoch nicht vorbei. Mika setzte sich erneut auf mich, nahm meine Hände in seine, zwang mich aufzusitzen und legte seine Arme um meinen Hals. Seine noch immer viel zu schnellen Atemzüge streiften meine Haut neben meinem Ohr. Ohne Nachdenken umarmte ich seine schmächtige Statur, zog ihn an mich und hielt ihn fest. Angst übermannte mich, er würde mir wieder entgleiten, als wäre all das nur ein Traum.
    Er drehte einzelne Locken um seine Finger und zupfte leicht. Stockend wanderten meine Hände über seinen verschwitzten Rücken; ich versteckte das Gesicht an der Beuge zwischen seinem Hals und der Schulter.
    Wir versuchten es erneut, doch zwischen das Stöhnen mischte sich bald etwas anderes. Ich musste genauer hinhören, doch hinterher wünschte ich, ich hätte es nicht getan. Er raunte den Namen seines Bruders. Wieder und wieder. Nur dieser Name. Nicht meiner – seiner.
    Ich spannte alle Muskeln an, doch Mika schien es nicht einmal zu bemerken. Das Kribbeln im Inneren, das zuvor diese Wut angekündigt hatte, kehrte wieder. Ich packte ihn fester, drückte ihn energischer auf meinen Schoß. Mit zusammengekniffenen Augen rieb ich meine Stirn an seiner Schulter. Ich wollte, dass er meinen Namen sagte, erkannte, dass ich nicht sein Bruder war.
    Doch am Ende war er mein Herr – und ich sein Leibeigener. Er hatte seinen Willen bekommen und ich trat auf der Stelle, fühlte, wie es mich Meilen zurückwarf, als er sich schlussendlich wieder neben mich setzte.
    Ich lehnte mich zurück – schnaufend, entkräftet, müde. Mit schmalen Augen sah ich dabei zu, wie er sich neben mich legte und mit seiner Hand nach meiner suchte. Dann rutschte er näher zu mir heran, den Kopf auf meiner Brust.
    Ich starrte zu ihm, hielt mich zurück, um ihm nicht die feuchte weiße Strähne aus der Stirn zu streichen. Ich roch seinen Schweiß, erinnerte mich an das Gefühl seiner weichen Haut und seiner spürbaren Knochen unter meinen Händen und schloss die Augen, während erneute Begierde in mir aufstieg.
    »Soll ich Euch alleinlassen, Herr?«, fragte ich rau.
    Er schaute zu mir auf. »Willst du gehen?«
    Ja. Nein. Ich wusste es nicht. Einerseits wollte ich ihm seinen Bruder aus den Gedanken treiben, doch ich wagte es andererseits nicht, die Hoffnung zu hegen, es zu können. »Nein, Herr.«
    »Gut«, erwiderte Mika und grinste verhalten. »Ich glaube auch zu wissen, warum.«
    Ich starrte zur Decke auf, war versucht, seiner forschenden Hand freien Laut zu lassen, doch schließlich schob ich sie bestimmt beiseite. »Soll ich die Kerzen löschen, Herr? Oder etwas zu trinken holen?«
    Irritiert schwebte seine Hand über meinem Bauch, dann drehte er sich ruckartig von mir fort. »Mach was du willst«, gähnte er. Als ich nach einigem Ringen mit mir selbst aufstand, regte er sich nicht mehr. Seufzend löschte ich die Kerzen im Raum, bevor ich zurückkam. Das gleichmäßige Atmen meines Herrn drang sanft zu mir, als ich mich neben ihn legte. Ich haderte mit mir, streckte den Arm aus, zog ihn zurück, bis ich mir einen Ruck gab und Mika von hinten umarmte. Kühn legte ich seinen rechten Arm über meinen linken und verschränkt meine Finger mit seinen. Wenigstens diesen Anflug von Sentimentalität – oder was immer es war – musste er mir gönnen. Nur für diese Nacht. Danach wäre wieder alles wie zuvor.
    Mein Herr zuckte nur kurz, ließ es geschehen und schnarchte wenig später leise.

  • Hey du,


    wie jetzt? Abgeschlossen?? Warum denn???
    Wenn du das jetzt so stehen lässt, dann finde ich das Ende, ehrlich gesagt, auch etwas unspektakulär. Zwischendurch dachte ich ja noch, Samuel geht Mika vielleicht wirklich an die Gurgel und tötet ihn...hat er aber nicht. Nein, sie schlafen gemeinsam friedlich nebeneinader ein. Okay! Das muss ich jetzt erst mal sacken lassen :)


    Eine Sache konnte ich mir übrigens so rein anatomisch nicht ganz vorstellen. Also, das sind ja zwei Kerle...und wenn die quasi miteinander schlafen, dann stelle ich mir das so vor, dass einer auf dem Bett kniet, während der andere ihn von hinten...oder nicht??? Wie ist es dann möglich, dass Samuel Mika dabei in die Augen sehen kann??? Hier war die Stelle:


    Ich sah in seine so selten klaren Augen – und drückte zu. Sein Stöhnen wandelte sich zu einem Röcheln....

    Vielleicht habe ich auch falsche Vorstellungen...Ich bin in dem Thema nicht so drin :)


    Hier noch ein Fehlerchen:

    Ich schluckte, strich mit der Zunge fordern über seine Lippen.

    fordernd


    Viele Grüße,
    Rainbow