Das Lied der Freiheit

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Das Lied der Freiheit

      Wunderschönen guten Tag, ich melde mich nach wahrscheinlich fünf Jahren auch mal wieder. Wie heute Nacht im Chat versprochen, veröffentliche ich jetzt einen meiner Texte. Er ist sicher noch ausbaufähig und veränderbar, vorallem aber auch könnte ich ihn verlängern...
      Jedenfalls bedeutet er mir sehr viel, da ich ihn 2016 bei meinem ersten Poetry Slam vorgetragen habe. Er ist stark durch verschiedenes inspiriert, doch das Meiste kommt aus meinen Gedanken. Verbesserungsvorschläge sind mehr als nur erwünscht. Falls ich hier in einem komplett falschen Thread gelandet bin, wäre ich dankbar, wenn man darauf hinweisen würde.

      Eure Amarra <3

      _______________
      Das Lied der Freiheit
      "Träum groß", sagten sie mir.
      "Greif nach den Sternen."
      "Tu, was dein wahrer Wille ist", wollten sie von mir.
      Und dann sperrten sie mich in ein Gefängnis, in dem ich mehr als ein Jahrzehnt verrotten musste. Mir wurde gesagt, was ich fühlen soll und wann ich aufs Klo darf. Meine wahren Gedanken musste ich verbergen, als wären sie schlimmer als Mord, schlimmer als ein Attentat. "Sei so, wie sie es von dir wollen."
      Und sobald ich dieses Gefängnis verlassen darf, muss ich mich entscheiden, wie mein Leben weitergehen soll. Noch nie habe ich einen eigenen Gedanken gefasst und nun dies. Nun muss ich ein Leben leben, dass von Regeln bestimmt ist.

      Vor dem Gefängnis sitzt ein Wolf. Ein Wolf, der schon seit meiner Kindeszeit nach meinem Fleisch hungert. Er baut einen Palast aus Lügen und Hass, Kummer und Furcht um mich, eine Kathedrale, die mich in sich gefangen nimmt. Der Wolf reißt an meinen Ketten, er will zu mir, will mein Fleisch kosten, will mir meine Seele nehmen, will meine Gedanken, meine Träume, meine Wünsche zerstören. Er will meine Worte. Will sie mir alle wegnehmen. Ohne Worte keine Geschichten. Ohne Geschichten kein Leben. Ohne Leben ist da gähnende Leere. Leere, die ich nur füllen kann, wenn ich ausbreche. Ausbreche aus dieser Illusion, ausbreche aus diesem Kerker der Erwartungen.

      Der Wolf lauert mir nach, er lauert allen nach. Manchmal ist die Angst vor diesem Tier so klein, wie eine Mücke auf dem Rüssel eines Elefanten, manchmal gleicht sie dem Elefanten und wir können ihr nicht entkommen, können nicht weg von hier, nirgendwo hin. Wir sind Marionetten, sind nur Geschichten, alles nicht echt. Nicht echt. Nicht echt. Der Wolf wird mich packen, wird meine Worte aufsaugen. Er wird meine Existenz vernichten, wird meine Gedanken unterdrücken, wird mich zu einer wandelnden Lüge machen. Denn das sind wir alle. Lügen. Da ist keine Hoffnung, keine Wahrheit, keine Freiheit. Nur Lügen und weil wir alle die Gedanken denken müssen, die man unsvorgaukelte, glauben wir, dass wir frei sind und ich sage: Zerstört diese Illusion, zerstört den Wolf, setzt die Kathedrale in Flammen, reißt den Palast nieder. Greift nach den Sternen und lasst keinem sagen, dass Ihr nicht das Recht habt, frei zu sein. Lasst den Wolf unsere Stimme hören, findet Euren Willen, zerstört das Nichts, das uns alle verschlingt, füllt die Leere in Euren Köpfen und lebt!
      Schneidet die Fäden durch, die Euch steuern. Zeigt dem Wolf Eure Menschlichkeit und tretet seine Gefolgsleute nieder wie Kakerlaken. Wir sind alle nur Marionetten in einer unendlichen Geschichte aber wir haben die Chance, eine Gute zu erzählen. Wenn Ihr auf Euren Knien lebt, erhebt Euch und Eure Gläser für die Freiheit, etwas, dass sie uns nie wieder nehmen werden, egal, was sie sagen. Erhebt ein Glas für uns alle, denn morgen werden es mehr sein und sie werden die Geschichte von heute Nacht erzählen.

      Wir sind die Herren über unser Schicksal, nicht der Wolf, nicht die Leere, nicht einmal das Nichts. Wir sind die Herren, die Wörter weben und daraus Geschichten, Lieder und Gedichte bilden. Und nun kommt alle zusammen und webt ein Lied der Freiheit!
      Spoiler anzeigen
      [tt][tt][/tt][/tt]


      “And Peter laughed, and when he did, all the Devils grinned, because Peter's laugh was a most contagious thing.”
      ― Brom, The Child Thief
    • Wow, @Amarra, das ist aber heftig.

      Ich will dich mal an meinen ersten Gedanken teilhaben lassen, die mich während des Lesens so begleiteten.

      1. Super Schreibstil! Wirkt hektisch durch die vielen Aufzählungen, wirkt abgehackt und unruhig, ist aber wohl so gewollt.
      2. Der Text ist völlig ohne Zusammenhang. Man erfährt nicht, wieso das lyrische Ich im Gefängnis ist (oder gar in der Psychiatrie?) und was nach diesem heroischen Aufruf passiert. Ein Splitter von einem Stück Leben.
      3. Wer ist das lyrische Ich? Wer ist der Wolf? Wer sind "wir", also die, zu denen des "Ich" gegen Ende spricht?
      4. Ein perfekter Bogen von einem regelrechten Bad in Selbstmitleid über ein banges Fragen, was die Zukunft bringt und wie man sie meistern soll bin zu einem pathetischen, ja fast fanatischen Statement, wie man mit Wolf, Kathedrale und dergleichen verfahren sollte. Ein Credo an die eigene Kraft und ein Aufruf zur Entschlossenheit und zum Mut, an sich zu glauben.

      Ich vermute, ich könnte hier noch lange lange weiterschreiben. Aber um es kurz zu machen - ich bin echt beeindruckt. Texte, die mir Gänsehaut machen, gibt es nicht viele. Wohltuend war, dass ich keine Rechtschreibfehler finden konnte, was das Lesen ungemein leicht macht.
      Gerne mehr von dir!!
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


      :cookie:

      ___________________
    • Ich mag dieses Werk ein bisschen, weil der Text Rhythmus und Melodie hat, was man nicht mehr oft findet. Das reißt mit.

      Ich mag dieses Werk nicht, weil ich nicht weiß, was mir da erzählt wird. Erst das Bild eines Gefängisses, dann ein Wolf, plötzlich gibt es Kathedralen, ohne dass ich wüsste, wofür die stehen.
      Am Anfang schon die Unklarheit: Wer hat dem Lyrischen Ich erzählt, dass es gewissermaßen "authentisch seinen Träumen folgen soll" (der, der es dann ins Gefägnis warf, offenbar nicht) und warum ist dieser jemand nach der Entlassung nicht mehr da? Warum war der Wolf vor der Einlieferung nicht da, warum wartet er vor dem Gefägnis (hat er das nötig?)? Und wo kommen später seine Gefolgsleute her? Jaja, mir ist schon klar, dass das alles irgendwie Symbole seiln sollen, aber auch die als Symbole benutzen Bilder und deren Zusammenhänge müssen stimmig sein.

      Und noch ein jaja: Jaja, ich weiß, auf PoetrySlams kommt es in der Regel auf den Sound an und je fanalhafter da große Reden von Freiheit & Co. geschwungen werden (am besten so unkonkret wie möglich, damit sich alle angesprochen fühlen), desto besser. Für den Slam. Aber beim Slam rauscht der Text quasi an den Hörern vorbei, vielleicht durch sie hindurch und bringt im besten Fall ein Resonanz-Schwingen hervor - aber wenn das Lied aus ist es aus und nicht mehr hinterfragbar; die Qualität des Textes spielt bei all dem nur eine Nebenrolle. Will sagen: Der Text mag soundstarke Slam-Poesie sein, als Text ist er (bis auf den Sound) noch zu unrund.

      PS: Wenn man den Eindruck hat, man könnte einen Text "verlängern"; dann stimmt was mit dem Text nicht. Ein wirklich guter Text ist haargenau so lang, wie er sein muss (okay, eine Toleranz von 1 oder 2 % mag drin sein). Wenn man ihn kürzt oder verlängert, wird er entweder schlechter oder ein anderer Text (weil z. B. andere Inhalte dazukommen oder Inhalte weggelassen werden).
      Jedweder Kommentar, den ich zu einem Text abgebe, ist kein Eingriff in die Gestaltungsfreiheit des Autors. Ich bin weder willens noch in der Lage, dem Autor irgendwas vorzuschreiben.