Sinistres Halloween 2019

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Sinistres Halloween 2019

      Der Klimawandel hat wohl auch den Big Apple erwischt, denn seit ich hier lebe - und ich kenne New York noch als Neu Amsterdam – kann ich mich an keinen so nasskalten Oktober erinnern. Natürlich spielte Kälte zu einem Großteil meiner Existenz keine nennenswerte Rolle und Regen war mir tagsüber sogar willkommen, sodass meine Erinnerungen womöglich nicht mit den tatsächlichen Verhältnissen übereinstimmen.
      Nichts desto Trotz hatte ich nicht vor dieses Jahr meine Halloween-Show wegen des miesen Wetters ausfallen zu lassen oder gar meinem Publikum in der feuchten Kälte seine Halloweenstimmung vorzeitig zu verderben.
      Daher war mein erster Gedanke mich an den Wettermagier meines Vertrauens zu wenden. Samuel, unser Teilzeitmitbewohner an der Kreuzung, wie unser kleines Anwesen offiziell heißt, erklärte mir leider, dass er für ein paar Minuten, vielleicht auch für eine Stunde das lokale Wetter bitten könnte mitzuspielen – seine Worte, nicht meine – aber der Boden im Park an meiner üblichen Stelle wäre dann immer noch durchnässt. Zudem würden andere lokale Entitäten – wieder seine Worte – womöglich uns ungewünschte Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen. Ich fand ja, dass ein einfaches Sorry-geht-nicht auch gereicht hätte. Magier eben.
      Aber zum Glück bin ich nicht alleine. Vielmehr habe ich eine Partnerin, die beinahe noch mehr daran interessiert ist, unsre jährliche Halloweenparty auf keinen Fall ausfallen zu lassen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Ella schon nach zwei Tagen den perfekten Platz aufgetrieben hat.
      Da stehen wir also nun, vor dieser Kirche aus dem vorvorigen Jahrhundert.
      »Eine Kathedrale, echt jetzt?« Ich schaue meine Gefährtin zweifelnd an. Gut, das alte Gotteshaus mit seinen verspielten Türmen sieht schon irgendwie unheimlich aus, so wie es ganz ohne Beleuchtung irgendwo im Nirgendwo an der 10. Ecke 48. in der Nähe des Hell‘s Kitchen Park steht. Heutzutage sagt zwar kein New Yorker mehr Hells Kitchen sondern Clinton zu diesem Stadtteil, aber ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als hier sich irische Gangs ausgetobt haben. Mit Owney „The Killer“ Madden hatte ich Mitte der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhundert ein paar denkwürdige Begegnungen. Nun ja, das war natürlich alles, bevor die Fünf Familien der Cosa Nostra die Unterwelt übernahmen, aber ich schweife ab.
      »Süße, eine Kathedrale ist es nur, wenn es ein Bischofssitz ist.« Ella nun wieder. Ist ja klar, dass meine belesene und zugegeben viel schlauere Freundin mal wieder zu meiner Bildung beitragen muss. Zum Glück habe ich die naturgegebene Gabe so etwas mit geradezu stoischer Gelassenheit hinzunehmen. Jedenfalls von Leuten, mit denen ich schlafe.
      »Schön, lass es mich anders sagen: Eine Kathedrale, ECHT jetzt
      Die blonde Magierin kichert und verdreht pflichtschuldig ihre Augen.
      »Das ist die Saint Elise Church, die hat voll die gruselige Geschichte. Außerdem steht sie seit Jahren leer und …«, ich kann nur schmunzeln, wie begeistert sie ist, »… sie haben noch eine Orgel.«
      Ich schaue sie einen Moment ratlos an.
      »Eine Orgel, Sin. Eine echte Orgel! Du könntest diesmal jemand engagieren, der deine Geschichte mit Life-Musik untermalt. Wie cool ist das denn?«
      Ich mustere sie einen Moment, wie so oft von ihren Ideen verblüfft, hingerissen von ihrem Enthusiasmus und ganz sicher verliebt. Wann immer ich mich frage, warum ich mir den ganzen sozialen Stress mit Leuten antue, muss ich nur in ihre leuchtenden Augen sehen. Ich selbst halte ja von dem ganzen Party-Kram nichts. Also fast nichts. Natürlich. Aber wenn es sie glücklich macht, dann will ich nicht so sein.
      »Gehen wir mal rein und schauen, ob ich vorher noch ein paar Sachen machen lassen muss. Können wir die Kirche eigentlich mieten oder müssen wir sie kaufen?«

      Hey, es ist unfair mich für verschwenderisch zu halten. Ich lebe sonst sehr schlicht und jammern nicht die ganzen Sozi, Polit und Ökonom … ologen darüber, dass es eines der großen Probleme der heutigen Zeit ist, dass so viel Geld ungenutzt auf irgendwelche Konten versauert?
      Na also, ich tue etwas für Allgemeinheit.
      Was ich nach Halloween mit einer Kirche anstelle? Ich habe keine Ahnung.
      Aber Ella und ich besitzen unter anderem noch ein altes Theater, eine Sporthalle und einen stillgelegten U-Bahnhof. Keine Ahnung warum, aber wir haben offenbar beschlossen, die Örtlichkeiten zum Selbstkostenpreis an Vereine, Kunstveranstaltungen und Stiftungen zu vermieten.
      Also wenn Ella diese Kirche kaufen will, meinetwegen.
      »Und, schon eine Idee, welche Geschichte Du uns dieses Jahr erzählen wirst?« Ella grinst breit, doch ich gebe mich betont verschlossen.
      »Ich habe da eine oder zwei Ideen.«
      »Und?«
      Ich öffne den einen Flügel des Kirchentors. Das Knarren der alten Scharniere klingt schon sehr vielversprechend.
      »Erst einmal sehen, was der alte Bau so an Stimmung hergibt«, vertröste ich sie, aber in meinem Kopf nimmt die Show bereits Gestalt an.
      Mist. Nun hat es mich doch erwischt: Ich bin in Halloweenstimmung.
      -------------------
      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse
    • Hallo Tom Stark,

      echt flüssig geschrieben und macht neugierig, bes. wie es mit der Kirche weitergeht.

      Ein paar kl. Anmerkungen:

      Mich stören die vielen Kommafehler, es sei denn, du willst dies zum Stilmittel machen, dann müssen aber alle weg.
      Zitat
      üblichen Stelle wäre dann immer
      muss heißen: sei dann immer

      Zt.
      »Schön, lass es mich anders sagen: Eine Kathedrale, ECHT jetzt
      Versteh ich nicht. Wieso anders?

      ZT.
      als hier sich irische Gang
      als sich hier

      Zt.
      Können wir die Kirche eigentlich mieten oder müssen wir sie kaufen?«
      Echt witzig. Aber:
      Ich bezweifle, dass man auch in N.Y. so einfach in eine Kirche reinkommt, ohne sich den Schüssel besorgt zu haben. Wie ich die Kirchenbrüder kenne, sind sie sehr auf bitte bitte bedacht, und jeden Ratzfatz auf der Ordel spielen lassen sie schon mal gar nicht. Und, hätte sie wirklich offen gestanden, die Kirche in dieser öden Gegend, stünde die Orgel jetzt wahrscheinlich ohne Pfeifen da.

      LG
      McFee
    • McFee schrieb:

      Mich stören die vielen Kommafehler, es sei denn, du willst dies zum Stilmittel machen
      Nein, das ist pure Unfähigkeit meine eigenen Texte sauber auf Interpunktion (und oft auch Orthographie) zu korrigieren solange ich sie noch im Kopf habe. Ich habe tatsächlich meine Macken und Stilmittel, aber ich werde gar nicht erst anfangen, meine Unzulänglichkeiten als Absicht zu verkaufen.

      McFee schrieb:

      als hier sich irische Gang
      Diese nicht ganz deutsche Satzstellung ist tatsächlich so eine Masche von mir, die man in meinen Texten immer wieder findet (und zu Recht bekrittelt). Kam auf nach meinen zwei Jahren England. <--- man beachte die Satzstellung!) Hat mich zuerst genervt, aber irgendwann hatte es etwas von einem kleinen Markenzeichen, ebenso wie mein Tick Anredepronomen zumindest in wörtlicher Rede total altmodisch noch groß zu schreiben. Manche behaupten auch, meine Eigenart, an sich schon bestehende deutsche Nomen und Verben "neu" zu erfinden, wäre auch nervig ...


      McFee schrieb:

      üblichen Stelle wäre dann immer
      muss heißen: sei dann immer
      Hättest Du recht, wenn es die Wiedergabe einer wörtlichen Rede wäre, muss aber nicht sein, da es hier als die Beschreibung einer Tatsache gemeint ist. Hinzu kommt, dass der Konjunktiv derzeit eine Veränderung (manche behaupten sogar Vereinfachung, aber da lass ich mal die Gelehrten sich streiten) durchmacht, ähnlich wie der Dativ, der ja gerade dem Genitiv sein Sterbehelfer ist.
      Aber auf jeden Fall besonderen Dank für den Hinweis. Zugeben, ich folge vielleicht zu sehr dem Trend so zu schreiben, wie der Leser es aus dem täglichen Sprachgebrauch erwartet und beteilige mich damit am Verkümmern der deutschen Grammatik. Früher wäre mir das peinlich gewesen, aber ab einem bestimmten Alter ist die Hemmschwelle da irgendwie zur Limbostange einer literarischen, aufblasbaren Zwergummiente geworden, wenigstens was das Schreiben in der Freizeit angeht.


      McFee schrieb:

      Ich bezweifle, dass man auch in N.Y. so einfach in eine Kirche reinkommt, ohne sich den Schüssel besorgt zu haben.
      Natürlich hat Ella den Schlüssel besorgt, ich hielt diese Info allerdings für die Story für irrelevant.
      Zudem hast Du womöglich ein falsches Bild von Hell's Kitchen (was ich mir so von Kollegen aus NY so habe sagen lassen ...). Das ist nicht die finstere Ecke, wo ein Dare Devil jede Nacht zwei Dutzend Verbrechen verhindern muss und in einer "irischen Gegend" eine Kirche zu plündern wäre ... dreist. Aber wie gesagt, ich bin ganz sicher kein NY-Experte. Womöglich hast Du auch recht und ich liege falsch ...

      Worauf ich von allem unabhängig hinweisen möchte:
      Dies ist das eine Fantasy-Story, die in einer auf den ersten Blick sehr ähnlichen aber doch anderen Welt als unsrer Realität spielt. Anders wäre die "Gelassenheit" der New Yorker bei meinen gelegentlichen Gebäudeeinstürzen, Vampir-Invasionen usw. gar nicht zu erklären. :P

      McFee schrieb:

      »Schön, lass es mich anders sagen: Eine Kathedrale, ECHT jetzt?«
      Versteh ich nicht. Wieso anders?
      Hm, der Witz kam offensichtlich bei Dir nicht an.
      Sie sagte zwar, sie würde es anders ausdrücken, in Wahrheit hat sich aber nur der Tonfall geändert. Dadurch hat sie aber einen halben Aufsatz an Subtext hinzugefügt.

      Vielleicht ist er auch nur zu verstehen, wenn man die Protagonisten und ihren Umgang miteinander schon etwas besser kennt.
      Stell Dir einfach eine Frau vor, die schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel hat und die Klugscheißern vor noch nicht allzu langer Zeit unmissverständlich (womöglich sehr endgültig) beigebracht hätte, dass man, selbst das klügste Stoffwechselendprodukt, ihr besser nicht ins Gesicht klatscht. (<--- man beachte meine nicht ganz korrekte Wortstellung beim "ihr"!)
      Und nun ihre vergleichsweise sehr junge Freundin, die ganz genau weiß, dass sie Narrenfreiheit hat, aber dass man auch Narren den Hintern versohlen kann ... :rolleyes: wobei beide Seiten wohl daran ihren Spaß hätten ... 8| ... :blush: ... ach, wie ich schon sagte, womöglich kann man den Witz nur als "Insider" verstehen, sorry.
      -------------------
      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse
    • Tom Stark schrieb:

      Diese nicht ganz deutsche Satzstellung ist tatsächlich so eine Masche von mir
      Pardon, das ist keine Masche, sondern schlechtes Deutsch. Passiert schon mal, wenn diese Curser-Strich zu voreilig ist.

      Tom Stark schrieb:

      Hättest Du recht, wenn es die Wiedergabe einer wörtlichen Rede wäre, muss aber nicht sein, da es hier als die Beschreibung einer Tatsache
      Dann müsste es heißen: ist

      Tom Stark schrieb:

      dass der Konjunktiv derzeit eine Veränderung (manche behaupten sogar Vereinfachung, aber da lass ich mal die Gelehrten sich streiten) durchmacht, ähnlich wie der Dativ, der ja gerade dem Genitiv sein Sterbehelfer ist.
      ja schon, im Kohlenpott-Umgangs- aber nicht im Schriftdeutsch

      Tom Stark schrieb:

      Natürlich hat Ella den Schlüssel besorgt, ich hielt diese Info allerdings für die Story für irrelevant
      mag ja sein, aber ich hätte es schöner gefunden, wenn sie z.B. in die Luft greift und plö. den riesigen Schlüssel in der Hand hat oder ihn aus dem linken Nasenloch zieht. Das wäre dann echt Fantasy.

      Tom Stark schrieb:

      Hm, der Witz kam offensichtlich bei Dir nicht an
      Kann er auch nicht, weil beim ersten Satz ein Hinweis auf andere Betonung fehlt, etwa: eine KatheDRALE
    • Spoiler anzeigen

      McFee schrieb:

      Kann er auch nicht
      Echt jetzt?
      ECHT jetzt?

      ;) Vergiss, es! Schwamm drüber.


      Zwei Tage später

      Ich erwähne es selten, allein schon um keine Anekdoten meiner zum Teil erheblich älteren Bekannten zu provozieren. Doch vor Halloween oder All Hallows’ Eve, wie es damals im alten Irland auch hieß, feierten die Menschen Samhain, wobei ich das Wort Feier in Ermangelung eines besseren Wortes benutze. In der Nacht entzündeten sie große Feuer, die mitunter sogar so viele Wesen aus den Inseln hinterm Nebel hervorlockten, dass sogar Uneingeweihte die Übergänge erahnen konnten und daher teilweise auf Nimmerwiedersehen oder zumindest für lange Zeit dort verschwanden.Und das ist nur einer der Gründe, warum die Leute damals eben nicht um die Feuer herumtanzten und ausgelassen feierten, wie man es heute in den Psoudo-Dokus auf FOX dauernd als angeblich historische Info erzählt bekommt. Ganz mutige Männer und Frauen wurden zu Feuerwächtern bestimmt, die dafür Sorge tragen mussten, diese Feuer wenigstens während der dunkelsten Stunden am Lodern zu halten. Die weniger Mutigen oder auch einfach schlauen Leute blieben zu Hause, verrammelten ihre Fenster und Türen und ließen niemand rein. Ich muss es wissen, ich war eines der Monster, die sie besser draußen hielten.
      Über die Theorie mancher Historiker, dass die Christen, namentlich unter Sankt Patrick, das Samhainfest als christliches Fest quasi gekapert haben, kann ich nur schmunzeln, aber natürlich verstehe ich die Idee dahinter. Korrelation und Kausalität, wie es mir Ella immer wieder erklärt. Die Menschen nehmen einfach zu gerne an, dass ähnliche Dinge, die aufeinanderfolgen, auch miteinander zu tun haben. Falls es jemand interessiert, Allerheiligen ist, soweit ich es weiß, eine Erfindung der Spät-Römer oder Italiener, wie man sie um die Zeit vielleicht wohl besser nennt. Die hatten so gar nichts mit dem keltischen Fest am Hut. Man hätte vielleicht sogar solche Historiker unsrer Zeit wegen Ketzerei oder Menschen aufwiegelndem, dummen Geschwätz für ein paar Wochen zur ideologischen Neukalibrierung in ein dunkles Loch gesperrt. Ach, es war nicht alles schlecht, in der guten alten Zeit. Wobei, diese Zeiten waren auch nicht wirklich besser, nur alt eben.
      Während ich meinen Gedanken nachhänge und mich wundere, was alles noch hängen geblieben ist und wie vieles ich bereits vergessen habe, nimmt die Neugestaltung des vormaligen Gotteshauses immer mehr Form an.
      Der alte Altar verschwindet unter der Bühne, welche die fleißigen Handwerker sorgfältig errichten, ohne bleibende Schäden anzurichten. In der Hinsicht habe ich mich bei beim Auftrag sehr klar ausgedrückt.
      Die ohnehin leeren Nischen, die einst vermutlich Statuen oder Bilder beinhaltet haben, werden nach und nach von der frisch ernannten Mistress of Deco auf Halloween getrimmt. Allein schon Ella zu beobachten, wie sie unsre Freunde und Bekannten herum scheucht, pseudoschaurige Kürbisfratzen, vereinzelte Totenschädel und ein paar Knochenhaufen platzieren, dazu noch hunderte von Kerzen aufzustellen, um sie dann mit kritischem Blick danach noch einmal optimal für die verschiedensten Blickwinkel auszurichten, ist mir der ganze Aufwand wert.
      »Wo sollen die Tische hin, Boss? Und reichen die Stühle überhaupt?«
      Christopher Leary, ein junger Kerl aus der Gegend, der irischer gar nicht sein kann, schaut mich aus respektvollem Abstand fragend an. Ich verkneife mir ein zufriedenes Grinsen. Red Zee, wie er in seinen Kreisen auch genannt wird – übrigens keineswegs wegen seines feuerroten Haars und gleichfarbigen Fells - ist einer der wenigen natürlich geborenen, erwachsenen Werwölfe der Generation Z in New York. Das liegt schlicht daran, dass geborene Werwölfe nahezu immer bei ihrem ersten Verwandlungszyklus sterben, aber auch weil sowohl ihr eigenes als auch andere Rudel oft einen wahren Horror vor ihnen haben. Chris ist in jedem Stadium seiner Verwandlung voll handlungsfähig, durch den Umgang mit seiner Natur von klein auf darin viel vertrauter und verwandelt sich niemals gegen seinen Willen. Das macht vielen durch Infektion geschaffenen Wers instinktiv Angst, keine Ahnung warum. Auch diese wolfsartigen Instinkte, welche die meisten Werwölfe echt dumme Dinge tun lassen, wie zum Beispiel mich oder jene anzufallen, die unter meinem Schutz stehen, hat er im Griff. Ungefähr so wie unsereins das Bedürfnis im Griff hat, einem ständig die Freundin angaffenden Idioten am Tisch nebenan seine Eingeweiden herauszureißen und ihn zur Warnung der übrigen Gäste damit an den Kronleuchter zu binden.
      Außerdem sind solche Wers ausnahmslos Alphas oder zukünftige Alphas. Nur so souveräne Rudelkönige wie Kupferpelz, der örtliche Boss des einzigen Rudel in NY, das wirklich zählt, lassen es zu, solche Konkurrenz überhaupt erst emporkommen zu lassen.
      Natürlich ist Chris auch sein Sohn. Und natürlich haben Ellas Heilkräfte und mein Hinweis an die Gemeinde, dass ich extrem irritiert wäre, würde sich jemand an meinem und Ellas Patenkind vergreifen, nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass Chris heute hier steht und sich als Junior-Chef seines eigenen Schreinerbetriebs hier engagieren darf. Ehrenamtlich natürlich. Immerhin wird der Großteil unsrer Gäste aus den Bewohnern des Martin Luther King Waisenhauses bestehen.
      Und mal ehrlich, wozu hat man denn Patenkinder, wenn nicht, um ihre Arbeitskraft sinnvoll zu verwenden?

      »Könnte knapp werden. Vielleicht nehmen wir lieber Sitzbänke? Aber frag‘ besser den wahren Boss dieser Aufführung.« Ich grinse und nicke in Richtung der blonden Magierin, die gerade unauffällig mit etwas Graviationshokuspokus vier Speditionsarbeitern dabei hilft, die ewiglangen und furchtbar schwer aussehenden Rittertische hereinzuschaffen.
      Danach sind mein Steinthron, Ellas Game-of-Throne-Thron-Version (Rosen statt Schwerter, Silber statt Stahl) und mein geliebter Steinengel mit den Krallen und dem fletschenden Gebiss dran. Ja, erwischt, ich bin Dr. Who-Fan, wer mit etwas Sinn für gehaltvollen Humor denn nicht?
      Die Särge warten bereits im Seitenschiff, noch sicher in Holzkisten verpackt. Selbstverständlich braucht die Gräfin der Nacht auch dieses Jahr wieder ihren Sarg. Aufgrund der deutlich steigenden Gästeschar jedes Jahr, geladen sind um die fünfzig Personen, ich rechne eher mit der doppelten Anzahl, haben wir beschlossen, nicht nur den bisherigen Überraschungssarg mit dem orangenen Neon-Kürbis auf dem Deckel zu nehmen. Drei baugleiche Särge, allerdings mit violettem, rotem und Slimer-grünem Neonkürbis warten nun ebenfalls prallgefüllt in ihren Kisten.
      Ein letztes Mal überprüfe ich, ob auch wirklich alle christlichen Symbole entfernt oder wenigstens versteckt wurden. Man hat mir zwar versichert, dass die alte Kirche schon lange nicht mehr als sakrale Stätte verwendet wird, es sogar geplant war, das Grundstück zu verkaufen, damit eine Fastfoodkette, deren Hauptmerkmal in meinen Augen ist, dass man bei ihnen Becher mit seinem falsch geschriebenen Namen darauf bekommt, noch eine ihrer Filialen in Clinton aufziehen kann.
      Um es klarzustellen, ich bin weder gläubig noch abergläubisch, muss ich auch nicht sein. Ich habe das Meiste, woran die Menschen gemeinhin glauben, selbst gesehen und einiges davon eigenhändig zur Strecke gebracht. Aber zum Friedensfürst und denen, die seine Lehren wirklich vertreten, habe ich eine spezielle Einstellung. Die heiligen Krieger des Islams, die Todesjünger der Kali, die Assassini, selbst Todeskopfninjas mit Laseraugen, auch die Iskarier der Juden oder die Kampfpriester der russisch Orthodoxen, mit all denen komme ich klar. Entweder sie töten mich oder ich sie. Da ich das hier erzählen kann, gibt es nicht wirklich ein Oder, doch es ist klar, was ich meine? Aber mit jemand der absichtlich, vorsätzlich und voller Überzeugung die andere Wange hinhält, mit so jemand kann ich nicht umgehen. Irgendwie flößt der mit etwas ein, was sonst nur noch Drachen schaffen: Eine Heidenangst. Wenn es also möglich ist, lege ich mich schon gar nicht mit deren Glaubensvater an.
      Daher bin ich froh zu sehen, dass die Ex-Kirche immer mehr wie der Hof einer Gothic-Gräfin aussieht und keiner auf dumme Gedanken kommen könnte.
      Nicht, dass mich die Meinung anderer wirklich kümmert.
      Natürlich nicht. Immerhin bin ich die Gräfin der Nacht oder werde es in wenigen Stunden sein.
      Noblesse oblige – Adel vernichtet, oder so ähnlich.
      -------------------
      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Tom Stark ()

    • Ich will wissen, wie die Geschichte weitergeht, und du schlägst mir Info-Dump um die Ohren. Wenn ich Hintergründe zu Halloween oder zum christl. Umfunktionieren heidnischer Bräuche wissen will, geh ich zu Papa Wikipedia und nicht in ein Literaturforum. Hier sollte zumindest stark gekürzt werden.

      Tom Stark schrieb:

      diese Zeiten waren auch nicht wirklich besser, nur alt eben.
      Nein. Damals w a r e n sie noch nicht alt

      Tom Stark schrieb:

      sorgfältig errichten, ohne bleibende Schäden anzurichten.
      unschöne Wortwiederholung

      Tom Stark schrieb:

      seine Eingeweiden herauszureißen und ihn zur Warnung der übrigen Gäste damit an den Kronleuchter zu binden
      Eigeweide. Wenn du ihm die Eingeweide herausreißt, kannst du ihn daran nicht mehr daran aufhängen. Gereicht hätte: ... und ihn an seinen Eingeweiden...

      Gib bescheid, wenn du meine Komm. nicht willst. Dann schweig ich sofort stille.
    • Hey Tom :)

      Spoiler anzeigen


      So, dann will ich mich auch mal zu Wort melden. ^^
      Also, mir gefällt dein Geschichtchen bis hier ganz gut und in jedem Fall stimmt es einen schon mal auf Halloween ein.

      Tom Stark schrieb:

      Zudem würden andere lokale Entitäten – wieder seine Worte – womöglich uns ungewünschte Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen.
      - uns womöglich ungewünschte Aufmerksamkeit....(würde ich sagen, denn sonst klingt das für mich sehr verwirrend)

      Tom Stark schrieb:

      Wann immer ich mich frage, warum ich mir den ganzen sozialen Stress mit Leuten antue, muss ich nur in ihre leuchtenden Augen sehen.
      :thumbsup: ... das gefällt mir irgendwie

      Tom Stark schrieb:

      Können wir die Kirche eigentlich mieten oder müssen wir sie kaufen?«
      :rofl: ... ich finde diesen Part einfach zu komisch! Weil es so völlig unerwartet kommt und herrlich abgehoben klingt...unabhängig davon, ob das jetzt überhaupt realistisch ist, eine Kirche in New York kaufen zu können... ^^

      Tom Stark schrieb:

      Die weniger Mutigen oder auch einfach schlauen Leute bleiben zu Hause, verrammelten ihre Fenster und Türen und ließen niemand rein. Ich muss es wissen, ich war eines der Monster, die sie besser draußen hielten.
      Sehr cool! Da läuft bei mir direkt ein Film vor meinem inneren Auge ab, dabei habe ich keinen blassen Schimmer, um welche Art von Monster es sich überhaupt bei ihr handelt. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, ich kenne die Vorgeschichte nicht, weshalb ich da jetzt etwas auf dem Schlauch stehe....ist aber wahrscheinlich nicht weiter schlimm, hoffe ich jetzt mal.


      Tom Stark schrieb:

      Man hätte vielleicht sogar solche Historiker unsrer Zeit wegen Ketzerei oder Menschen aufwiegelndem, dummen Geschwätz für ein paar Wochen zur ideologischen Neukalibrierung in ein dunkles Loch gesperrt
      Das find`ich auch gut! ... Ideologische Neukalibrierung :rofl: sehr schön....


      Tom Stark schrieb:

      Während ich meinen Gedanken nachhänge und mich wundere, was alles noch hängen geblieben ist und wie vieles ich bereits vergessen habe, nimmt die Neugestaltung des vormaligen Gotteshauses immer mehr Form an.
      Hier an der Stelle war ich kurz irritiert, weil ich zuerst davon ausgegangen war, dass sich dieser Teil hier unmittelbar an den ersten anschließt-sie also quasi gerade die Kirche betreten haben....offenbar ist aber etwas Zeit vergangen, da sie jetzt schon mit den Umbaumaßnahmen begonnen haben. Eventuell könnte man das irgendwie zu Beginn verdeutlichen.... (nur so ne Idee)


      Tom Stark schrieb:

      Auch diese wolfsartigen Instinkte, welche die meisten Werwölfe echt dumme Dinge tun lassen, wie zum Beispiel mich oder jene anzufallen, die unter meinem Schutz stehen, hat er im Griff.
      Irgendwie lässt mich das vermuten, dass wir es mit Vampiren zu tun haben.... die stehen ja bekanntlich mit Werwölfen auf Kriegsfuß ^^ ... obwohl wir ja erfahren, dass Ella eine Magierin ist. Eine Magierin und eine Vampirin? :hmm: Mhhh... und bleibt es Vampiren nicht für gewöhnlich verwehrt, eine Kirche betreten zu können?

      Tom Stark schrieb:

      Ungefähr so wie unsereins das Bedürfnis, einem ständig die Freundin angaffenden Idioten am Tisch nebenan seine Eingeweiden herauszureißen und ihn zur Warnung der übrigen Gäste damit an den Kronleuchter zu binden.
      Es geht ja nichts über einen eifersüchtigen Partner :D .... Und wegen der Frage, ob man jemanden mit seinen Eingeweiden am Kronleuchter festbinden kann....Spontan würde ich ja vermuten, dass das geht und selbst wenn nicht, ist es immernoch ein schönes Bild!


      Tom Stark schrieb:

      Das liegt schlicht daran, dass geborene Werwölfe nahezu immer bei ihrem ersten Verwandlungszyklus sterben,
      Man fragt sich hier, warum es bei einigen wenigen offenbar nicht soweit kommt....was macht sie aus? Was unterscheidet sie von den anderen? Sind sie resistenter, stärker, haben einen größeren Überlebenswillen?

      Bin gespannt, wie es weitergeht :gamer:



      LG,
      Rainbow
    • 31. Oktober, ab etwa 19 Uhr

      Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, die letzte und einzige Probe vor einer Stunde mit viel Chaos und noch mehr spontanen zusätzlichen Ideen zu Ende gegangen.
      Über der Bühne liegt nun ein schweres dunkelrotes Samttuch, ich glaube ein alter Theatervorhang, und verleiht dem dunklen Sarg und den beiden Thronen im Licht dutzender flackernder Kerzen einen stimmigen Kontrakt.
      Mein üblicher Sarg, mit der silbernen Aufschrift Lady Sinistre Mysteria, Gräfin der Nacht, ruht fest in einem Gestell, welches ihn nahezu aufrecht hält. Die Särge mit den Halloweengeschenken sind mittig auf den Tischen verteilt, der Einfachheit halber bereits ohne Deckel, nur ein schwarzes Tuch bedeckt notdürftig den Inhalt. Ebenso auf den Tischen befinden sich die einzigen künstlichen Lichter, scheinbar im Flammenrhythmus flackernden Pseudoöllampen. Ella hatte darauf bestanden, dass die Kinder unter Umständen zu doof sind und sich an echten Kerzen verbrennen oder gar die ganze Halle damit in Brand setzen. Also wenn man mich fragt, die Kinder werden in dieser modernen Zeit vor den falschen Sachen beschützt. In meiner Jugend gab es keine Elektrizität und wir haben mit unseren feurigen Lichtquellen weder das Haus noch den Stall angesteckt, schon gar nicht aus Versehen!
      José Ramirez, sonst mein Halloweenkutscher, ließ es sich nicht nehmen auch dieses Jahr mitzuwirken und steht in seiner Rolle als Igor, der eifrig, einfältige Diener der Gräfin bereit. Neu dabei ist diesmal Suzie Allen, die als junge Vampirin, in der auf ihren Leib geschneiderten Rolle einer jungen, sexy Vampirin, sich um die Betreuung der Gäste kümmern wird, vor allem wird sie ein Auge auf ältere und ungeladene Gäste haben.
      Ob ich mir keine Sorgen mache, eine Vampirin anzustellen? Zum einen wird sie pappsatt hier anfangen, zum anderen weiß sie genau, dass Übergriffe in der falschen Weise ihre Weiterexistenz akut gefährden und nicht zuletzt ist sie Ellas neustes Entvampyfizierungs-Projekt – Ellas Ausdruck, nicht meiner. Also nein, ich mache mir um Suzie keine Sorgen, solange Suzie sich Sorgen um Suzie macht.
      Der stöhnende Zombie im Gewand eines britischen Diebfängers aus der Zeit von Thomas Hobbes, ist NYPD Seargent Willams von 42., einer der wenigen Gesetzeshüter, die etwas mehr von meiner Welt wissen als seine Kollegen. Seit eines kleinen Zombie-Viren-Ausbruchs, bei dessen Eindämmung ich dem 42. ein wenig unter die Arme greifen konnte, ist er ein Freund unserer stetig wachsenden Monster-Patchwork-Familie. Allein die Tatsache, dass Willams sich nach seinen Erlebnissen ausgerechnet ein Zombiekostüm ausgesucht hat, dürfte hinreichend erklären, warum er und ich auf einer ziemlich ähnlichen Wellenlänge funken.
      Sarah Kerr, die Organistin in dunklem Frack und mit Phantom der Oper-Maske ist unsere irre lachende Organistin. Ich muss zugeben, ich habe noch kein echtes Monster mit so überzeugendem, verrücktem Gelächter erlebt. Ihr zur Seite steht Chris als nur wenig verwandelter Werwolf, der gerade mal genug Fell und Zähne zeigt, dass man erkennen kann, was er darstellt. Sein Wolfsheulen bei der Probe hatte unerwarteter Weise zu einigen Antworten rings herum in der Gemeinde geführt und so musste er noch einmal kurz los, um klarzustellen, dass es sich um einen falschen Alarm gehandelt hat.

      Doch endlich geht es los.
      Unsere eiskalte, frostige Hexe des Nordens, Ella de Glace, empfängt mit warmem Lächeln die Aussteigenden der fünf Busse, welche die Gäste an den verschiedenen Punkten der Stadt aufgelesen haben und leitet sie an die Zombie/Vampir-Betreuer weiter.
      Schnell füllt sich der Saal mit weiteren Monstern, Hexen, Pokemons, Astronauten, John Wicks, Dinosauriern, Feuerwehrleuten und sonstigen Wesen in nahezu allen Größen und Farben. Besonders überrascht und herzlich werden drei Männer begrüßt, die in unglaublich authentischen Gewändern eines Gelehrten zu Zeiten Salomons, eines römischen Legionärs und eines hulkmäßigen Green Berets eintreffen.
      »Erik, Sam, Moses! Ihr hier? Wahnsinn!«

      Es ist gut, dass wir mit hundert Gästen gerechnet haben,denn schon im Verlauf einer halben Stunde sind wir voll und schließen die Tore, um nicht noch mehr Gäste von der Straße anzulocken.
      Unsere Phantomin an der Orgel ist fantastisch und unterhält die Gästeschar mit bekannten, halloweentauglichen Stücken aus Klassik, Film, Pop und Werbung. Die kleineren Gäste fallen nach anfänglichem Zögern endlich über den Inhalt der Särge auf den Tischen her und sind fürs Erste gut beschäftigt. Als klar ist, dass keine weiteren geladenen Gäste mehr kommen, schweigt die Orgel und in das Durcheinander von Geplauder, Rufen und Lachen ertönt plötzlich das unglaublich echte, durchdringende und lang gezogene Heulen eines Werwolfs, so laut und intensiv, als ob das schaurige Monster geradewegs im Chor bei der Orgel stünde.
      Nun ist der Jagdruf eines Werwolfs im Film ein alter Hut, aber würde er dort die magische Nebenwirkung transportieren, solche Streifen bekämen wohl erst gar keine Zulassung.
      Unsere Gäste jedenfalls, sofern sie nicht durch Gewohnheit oder Art ohnehin immunisiert sind, fährt der Schock in die Glieder und sie erstarren augenblicklich. Beinahe lache ich in meinen Sarg, als erneut die Antwortrufe aus dem näheren Umkreis durch die dicken Kirchenmauern dringen. Chris hat seine Leute zwar vorgewarnt, aber entweder machen sie den Spaß mit oder sie müssen einfach ihren Instinkten folgen. Was soll man sagen? Um Werwolf zu werden braucht es in erster Linie Härte und Zähigkeit, Selbstbeherrschung und Intellekt sind darum bei vielen, welche die Verwandlung überleben, nicht gerade die hervorstechenden Eigenschaften.
      In die anschließend einsetzende Stille kommt mein Auftritt. Mit knarrenden Scharnieren, das so hinzubekommen, hatte den armen Sargtischler fast verzweifeln lassen, öffne ich meine sehr vorläufig letzte Ruhestätte und trete langsam und würdevoll zu meinem Thron.
      Bevor ich noch ansetzen kann, das vorbereitete Gespräch mit meinem heran schlurfenden Igor zu führen, fangen vor allem die jüngeren Gäste bereits an zu johlen, zu pfeifen und zu applaudieren.
      Eigentlich müsste ich nun in meiner Rolle als Gräfin sehr pikiert in die Runde schauen. Es war geplant, dass ich meine Schwester genervt anherrsche, warum sie mal wieder gegen meinen Willen eine Party veranstaltet, und was ich denn tun müsse, damit ich in meinem Heim endlich wieder ewige Ruhe und Unfrieden haben könne.
      Aber angesichts des begeisterten Publikums und der breit grinsenden, frostigen Hexe des Nordens auf dem Nachbarthron, beschließe ich zu improvisieren und setze mich einfach, mit so eingeschnappter Mine wie möglich. Allerdings habe ich den Verdacht, dass selbst der Totenkopf, den ich mir mit Schminke in stundenlanger Arbeit ins Gesicht gemalt habe, niemand auch nur einen Moment darüber täuscht, dass ich nicht nur gerührt bin, sondern auch meinen Spaß dabei habe. Wie unerwartet!
      Endlich erhebt sich die eisige Schwester der Gräfin, immer noch breit grinsend und beruhigt die Menge mit Gesten.
      »Ich fürchte, ungeliebte Schwester, Du wirst die Gäste mit einer Geschichte bedenken müssen, vorher werden sie kaum bereit sein, zu gehen. Zudem gebietet es die Gastfreundschaft, seine Gäste zu unterhalten.« Mit einem Blick zu den Tischen fährt sie fort: »Habe ich recht?«
      »Jaaa …«
      »Geschichte, Geschichte!«
      »Gru… sel… sto… ry….!«

      Ich seufze so tief und sichtbar, wie ich es hinbekomme und setze mich in Pose.
      Die Beine übereinandergeschlagen, den viktorianischen High-Low-Chiffonrock glattstreichend, den zerknautschten Zylinder schief auf dem Kopf und meinen Gehstock mit dem silbernen Knauf gedankenlos auf den Boden klopfend, erreiche ich erstaunlich schnell, dass Stille einkehrt.
      »Bei allen dunklen Mächten, so soll es sein. Schweiget denn Stille und lauschet den Worten, die ich, Sinistre Mysteria, Gräfin der Nacht, an Euch niederes Volk ergehen lasse:«
      Natürlich folgt wieder johlender Applaus und ich lasse sie sich beruhigen, bevor ich loslege.
      Das läuft bislang nicht wirklich wie geplant, aber live ist eben live.
      Nanananana ...
      -------------------
      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tom Stark ()

    • Die Geschichte – Teil 1

      Es war vor ziemlich genau vor 1111 Jahren und 11 Minuten. Grob gesagt, irgendwann um den 31. Oktober etwa 800 nach Christus.
      Samhain stand an, das uralte Fest des Inselvolkes, an dem die Menschen ihr Vieh von der Weide holten und für den Winter in den Stall schafften, ihre Häuser und Höfe verrammelten und mit großen Feuern versuchten, die Monster aus dem Nebel fernzuhalten, die dem Winter vorauseilten.
      Arty war ein junger Mann, gerade einmal Fünfzehn geworden, was in jener Zeit die Schwelle vom Knaben zum Mannesalter kennzeichnete. Seit drei Jahren war er nun schon in Ausbildung, lernte als Sohn des Königs Reiten, Kämpfen, ein bisschen lesen und schreiben und vor allem, ein Anführer zu sein.
      Sei Vater, ein strenger und kriegerischer König, befand sich fern der Burg, um in anderen Ecken des Reiches die Leute, vor allem die Adligen daran zu erinnern, wer das Sagen hatte.
      Der junge Prinz stand auf der Zinne des höchsten Turms und schaute in die schnell herannahende Dämmerung. Von hier aus konnte er gut sehen, wie die Dunkelheit die schwache Herbstsonne unerbittlich vor sich hertrieb und aus dem Land warf. Überall auf den Zinnen der Außenmauern wurden nach und nach kleine Feuer entzündet, die zwar kaum mehr als kleine Inseln des Lichts waren, aber in ihrer Masse die komplette Wehr vor der nasskalten Dunkelheit bewahrten.
      Weiter draußen im Land konnte Arty die ersten großen Scheiterhaufen erkennen, die in den Höfen und Dörfern entfacht wurden und welche die ganze Nacht von den tapfersten Seelen jener Orte am Brennen gehalten wurden. Denn wehe dem Hof, wehe dem Dorf, dessen Feuer erlosch. Arty konnte sich gut an die Zählung der Verschwundenen nach dem letzten Winter erinnern und es ärgerte ihn, dass er hier festsaß, wenn doch da draußen sein Mut viel mehr bewirken könnte als hier, in den sicheren Mauern der Stammburg.
      »Ich sollte da draußen sein. Unsre tapfersten Krieger sollten da draußen sein, unsre Untertanen vor dem Grauen der Samhain-Nacht schützen!«
      Der alte Roderik, Kastellan und Stellvertreter des Königs,stand neben seinem jungen Prinzen und brummte ärgerlich. Es war immer wieder dasselbe leidige Thema: »Herr, Euer Vater hat ausdrücklich befohlen, dass Ihr die Mauern nicht verlassen dürft. Ihr als Thronfolger seid zu wertvoll, um Euer Leben und Seelenheil für diese unbedeutenden Leute zu riskieren.«
      Arty hob sein Kinn an und seine Wangenmuskeln zuckten im Bemühen, seine aufkommende Wut nicht in seiner Mine widerspiegeln zu lassen.
      »Es sind unsre Untertanen. Es ist ein uralter Vertrag. Wir schützen und herrschen dafür, sie dienen und werden dafür beschützt. Es ist nicht Recht, wenn wir unsren Teil nicht einhalten.«
      Der Kastellan starrte wütend zu der winzigen Kirche der Burg, die sich beinahe schüchtern zwischen Schmiede und Kaserne duckte. Roderik wusste genau, dass Arty einen Gutteil seiner törichten Vorstellungen von Ehre und Pflicht aus den Predigten des verrückten Priesters hatte, der diese neumodische Religion der Römer wie schleichendes Gift verbreitete.
      »Ihr solltet wirklich nicht auf diesen … Vater … Korius hören. Seine Lehren machen alle weich, wiegeln das Volk auf und gaukeln ihm vor, dass sein Los ein Anderes, Angenehmeres sein kann. Aber das ist Blödsinn. Die dort leben im Dreck und sind im Prinzip auch nicht mehr. Ihr Zweck ist es dem zu dienen, der die Macht hat. Was glaubt Ihr würde passieren, wenn Euer Vater nicht so mächtig wäre? Glaubt Ihr, diese Schwächlinge wären im Stande das alte Volk, die Nordmänner oder die Sachsen aufzuhalten?«
      Arty wollte etwas erwidern, doch Roderik wischte den Einwand schon im Ansatz mit einer wütenden Handbewegung fort. »Die Monster würden uns überrennen, junger Herr. Anstatt des Menschen, würden Drache, Troll und Elf herrschen, wie zu den alten Zeiten. Wir wären Sklaven der Nordmänner oder Knechte der Sachsen. Wollt Ihr das etwa? Glaubt Ihr, den Menschen ginge es da besser?«
      Der junge Prinz musterte den Kastellan zornig, aber wie immer war das genau das Argument, welches er nicht entkräften konnte. Das Land und die Menschen brauchten einen starken König, der die Grenzen sicherte und das Böse in Schach hielt. Auch wenn Arty sich oft fragte, ob sein Vater und sein Wanderheer sich für den einfachen Bauern so sehr von den Monstern unterschied, vor denen er beschützt wurde.
      Endlich wurde es Roderik zu kalt und er zog sich ins Innere der Burg zurück, wahrscheinlich in den großen Saal mit den vier Kaminfeuern, wo er sich mit einem Becher gewärmten Met in der Hand von den Musikern unterhalten ließ, die für diesen Winter gegen Schutz und Obdach ihre Kunst feil boten.
      Inzwischen war die Sonne völlig verschwunden und mit der Dunkelheit kam jene unheilige Kälte, die nicht nur das Äußere sondern auch die Seele erzittern ließ. Ein eisiger Wind kündete vom nahenden Winter und es brauchte nicht viel, um in den treibenden Wolken die wilde Jagd zu erkennen, die für die nächsten Monde sich all jene holen würde, die heimat- oder schutzlos im Freien sein mussten.
      Arty lauschte dem Lachen und Gesprächen der Soldaten auf den Mauern, die bislang noch guter Dinge waren. So war es jedes Jahr und wie jedes Jahr würde das Lachen recht bald verstummen, spätestens, wenn die ersten Feuer in der Ferne in sich zusammenfallen würden und kurz darauf die grausigen Schreie zu hören wären.
      Doch etwas würde dieses Jahr anders sein. Dieses Jahr würde ein ausgebildeter Krieger, ein gerüsteter und wohlbewaffneter Kämpfer dort draußen sein und jene beschützen, die zu beschützen Pflicht und Ehre sein sollte.
      Als das erste große Feuer in der Ferne erlosch, wusste Arty wo sein Ziel lag.
      Unbemerkt von allen, ließ Albert, der treue Diener und Pferdeknecht, seinen jungen Herrn durch ein gut verborgenes Mannloch aus der Burg. Unwirklicher Nebel stieg aus dem Boden und verschluckte alsbald den Prinzen und sein Ross.
      Als Arty sich sicher sein konnte, von der Burg aus nicht mehr gehört zu werden, stieg er auf und ließ sein Pferd so schnell über die Felder traben, wie es die schlechte Sicht ihm erlaubte.
      Schon nach wenigen Minuten erreichten ihn die ersten verzweifelten Schreie.
      -------------------
      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tom Stark ()

    • Die Geschichte – Teil 2

      Es gibt natürlich viele Arten von Charaktere, aber man kann alle grob in zwei Kategorien einteilen.
      Die Einen, die laufen vor Gefahr weg - im Allgemeinen der Teil, dessen Überlebenschance größer ist – und die Anderen, die auf die Gefahr zulaufen, oder wie in diesem Fall galoppieren. Feuerwehrmänner, Soldaten, Polizisten oder Paramedics sind das heute, früher gehörten auch die Leute dazu, die man als edle Recken aus den alten Sagen kennt.
      Unser edle Recke Arty zögerte keinen Moment und trieb sein Ross an, welches sich mit abnehmendem Abstand zu den Schreien nicht unbedingt als das reckenhafsteste unter den Pferden erwies. Gerade kamen die Umrisse der ersten, ärmlichen Holzhütten in Sicht, als ein weiterer Schrei, diesmal lauter und grausamer als alle anderen bisher, Mensch und Pferd endgültig uneins über die weitere Bewegungsrichtung werden ließ. Da Arty sein Pferd nicht mit gezogenem Schwert prügeln wollte, sprang er vom zitternden Tier ab, welches bereits Schaumflocken an den Nüstern hatte und wild mit den Augen rollte. Erleichtert seinen Reiter endlich los zu sein, wendete es auf der Stelle und jagte davon.
      »Mein Schild! Bei allen Heiligen, du törichtes Ross, wie soll ich mich ohne Schild schützen?«
      Artys Ross schien, wenn überhaupt zu hören, seine Worte nur zum Anlass zu nehmen, noch schneller davonzueilen und so stand der junge Ritter für einen Moment zwischen seinen edlen Motiven und den nicht ganz edlen taktischen Abwägungen über Bewaffnung und Rüstung im Vergleich zu den erwartenden Gefahren. Aber wie schon gesagt, er gehörte eben zu einem ganz bestimmten Menschenschlag und mal ehrlich, wenn er jetzt umgekehrt wäre und sich wieder in der Burg versteckt hätte, wäre das eine ziemlich lahme Geschichte.
      Überhaupt nicht lahm, sondern voller Entschlossenheit, packte der der junge Held den Griff seines Langschwerts noch fester und trabte, nun auf Schusters Rappen, auf die Hütten zu, jederzeit bereit, den bislang unbekannten Feind anzugehen.
      Als er zwischen die Häuser trat sah er viele Schatten im Dunkel. Vereinzelt hörte er wieder Schreie. Inzwischen war ihm klar, dass diese Schreie nicht aus menschlichen Kehlen kamen, auch wenn es aus der Ferne an kreischende Kinder oder Frauen erinnert hatte.
      »Wer ist hier? Stellt Euch mir, teuflische Brut!«
      Mit breitem Stand hatte er sich dort aufgebaut, was er für die Mitte des kleinen Sechshüttendorfes hielt. Dort sah er auch die noch glimmenden Reste des Scheiterhaufens. Irgendjemand oder irgendetwas musste mit Urgewalt in ihn hineingefahren sein und förmlich auseinandergesprengt haben.
      »Kommt heraus, Ihr feigen Hunde!«
      Er wirbelte herum, als ein Schrei in seinem Rücken ertönte. Ein pfeilschneller Schatten verschwand um eine Hütte, als Arty seinen kalten Stahl in jene Richtung schwang.
      Ein weiterer Schrei. Wieder hinter ihm, diesmal viel näher.
      Erneut wirbelte er herum und Arty glaubte die Umrisse eines Wesens zu sehen, wie er es noch nie gesehen hatte. Etwas größer als ein Kind, doch mit einem breiten Kopf und einem Mund voller Zähne, spitz und tödlich. Auch dieser Gegner wendete sich zur Flucht, kaum dass er Artys entschlossener Mine gewahr wurde.
      »Das bilde ich mir doch nur ein?«, wollte Artys Realitätssinn sich in den Kampf einmischen, doch ein heftiger Stoß in die Seite ließ den jungen Ritter instinktiv reagieren.
      Anstatt sich dem Stoß entgegenzustemmen, ließ er sich von ihm mit einen Ausfallschritt zur Seite tragen und Arty nutzte den Schwung, sich um die Achse zu drehen und das Langschwert in einem weiten Bogen auf seinen Angreifer zuzuschwingen.
      Ein hoher Schrei quittierte seinen Treffer und noch bevor er das violett leuchtende Blut an seiner Klinge bemerkte, sah er schon den verwundeten Gegner mit einem gewaltigen Satz zwischen den Hütten verschwinden.
      »Hab ich Dich! Nun büßt Du Deine Untaten, Strolch!«
      Mit diesen Zuversicht ausstrahlenden Worten setzte Arty dem Flüchtenden nach, machte zur Sicherheit ein paar Schwertstöße vor sich ins Dunkel, um in keine Falle zu laufen.
      Er umrundete die Hütte und sah die letzten Schatten einer offenbar vielköpfigen Schar, die in einem Wirbel aus Dunkelheit, Nebel und Schatten verschwanden.
      Arty kannte natürlich die Geschichten von den Toren zur Anderwelt, zu geheimnisvollen Inseln im Jenseits, die gerade zu bestimmten Tagen wie heute offen standen. Davon erzählt zu bekommen und eines tatsächlich zu sehen, waren aber zweierlei Dinge.
      Für den Hauch eines Moments fragte sich etwas tief in Arty drin, ob es wirklich schlau wäre, den Wesen blindlings, ohne Schild, Pferd oder Verpflegung zu folgen. Aber wie wir bereits festgestellt haben, war Arty niemand, der vor einer Gefahr davonlief, wenn er genauso gut direkt hineinspringen konnte.
      Als er sah, dass der Wirbel immer kleiner wurde und das Portal sich gleich schließen würde, fing den Recke an zu laufen und warf sich nach vorne, als er sich nahe genug wähnte.


      Auf der anderen Seite des Wirbels, einige Schritt entfernt, waren zwei ebenfalls junge Männer gerade dabei sich über ihr weiteres Vorgehen zu beraten.
      »Ha! Hab ich es Dir nicht gesagt? Hab ich, oder hab ich nicht?«
      Der junge Mann, der sein fleckiges braunes Kleidungsstück bestimmt als Robe bezeichnet hätte, wenngleich der Begriff schäbige Kutte weitaus eher angebracht war, zeigte triumphierend mit seinem langen, knorrigen Stab auf seinen Begleiter.
      Dieser war in schweres nietenbesetztes Leder gerüstet und die beiden Schwerter, die er übers Kreuz am Rücken trug, ließen wenig Zweifel offen, welchem Handwerk er nachging.
      »Ja, Merl, das hast Du. Bravo. Echt. Ganz toll. Wirklich erste Sahne. Sie sind genau dort rausgekommen, wo du es berechnet hast. Und jetzt?« Er drückte dabei seinen Kameraden etwas tiefer ins ohnehin eher fadenscheinige Gebüsch und zog ihm entschlossen den bereitkrempigen Hut mit der langen Spitze vom Kopf. »Und sei, um der Lady des Sees Willen, leiser! Willst Du, dass sie uns bemerken? Ich habe zugestimmt, Morgys Horden nachzuschleichen, um zu sehen, wo sie dieses Mal plündern, aber ich habe den Eindruck, Du willst sie geradewegs auf uns hetzen!«
      Sein Kamerad mit dem silbergrauen Haar duckte sich pflichtschuldig.
      »Ach, jetzt sei doch nicht so. Du bist schließlich unbesiegbar. Mit den zwei, drei Dutzend Goblinen wirst Du doch spielend fertig!«
      Der junge Krieger knurrte ärgerlich, aber auch erleichtert, als die wilde Horde an ihnen vorüberzog, ohne ihnen auch nur einen Blick zuzuwerfen.
      »Fängst Du schon wieder mit diesem Blödsinn an? Unbesiegbar? Niemand ist unbesiegbar!«
      »Was war mit dem Berg-Troll, als du gerade mal vier warst? Oder dem Nachtmahr, welches Du mit acht erschlagen hast. Dem Seemonster mit elf oder dem Elfenpaladin mit vierzehn. Von dem Drachen neulich will ich gar nicht anfangen!«
      Der Krieger verdrehte die Augen. »Du raffst das wohl immer noch nicht! Die haben alle MICH angegriffen, ich hab mich nur verteidigt. Ich bin von Natur aus nicht scharf auf Kämpfe, echt nicht. Außerdem bin ich an den Verletzungen durch den Drachen beinahe elendig verreckt, wenn Du mich nicht gefunden und nach Avalon geschleift hättest, wäre es das gewesen!«
      »Ach, wozu hat man den Freunde.«
      »Jepp, aber ich hab nicht vergessen, dass DU es warst, der mir diese sagenhafte Lagune zum Baden empfohlen hat, die sich der Drache ausgerechnet an diesem Tag zum Sonnenbaden ausgesucht hat.«
      »Hey, ich hab mich entschuldigt, oder? Außerdem hab ich nicht gewusst, dass der olle Bunsenbrenner dort rumhängt.« Ganz leise fügte er noch hinzu: »Jedenfalls nicht ganz sicher gewusst …«
      Lauter fügte er an, als er sich erhob: »Komm, wir folgen ihnen. Ich wette, die haben wieder ein paar Leute von drüben geschnappt, damit Morgy sie in weitere Monster verwandeln kann.«
      Der Krieger seufzte leise und erhob sich ebenfalls aus der Deckung und reichte seinem Kumpel den Hut zurück. »Ok, wir sehen zu, ob wir sie befreien können. Aber wir vermeiden Kämpfe, klar?«
      Der Zauber nickte feierlich aber grinste stumm, als sein Freund nicht mehr hinsah.
      Plötzlich traf ihn eine dieser Visionen, die sich jedes Mal wie ein Schlaganfall anfühlten.
      »Kumpel, es passiert mal wieder …« Um Gleichgewicht ringend ruderte er mit den Armen und fand Halt im starken Griff seines Freundes.
      »Oh, Kacke!«, fluchte auch der. Aus Erfahrung wusste er, dass die Visionen seines Freundes für ihn selbst vor allem eines bedeuteten: Noch mehr Kämpfe, die er gar nicht wollte.
      »Aus dem Weg. Er kommt!«, rief Merl und stieß seinen Kameraden zur Seite.
      »Was? Wer kommt?«
      »Er, von dem ich Dir dauernd erzähle.«
      »Der Typ, der ein Schwert aus einem Stein zieht?«
      »Jup, genau der.«
      »Ich habe Dir schon hundert Mal gesagt, dass das diese Vision Blödsinn ist. Keiner mit etwas Hirn steckt ein Schwert in einen Stein!«
      Der Zauber schmunzelte und zuckte ergeben mit den Schultern. Die Leute reagierten schon immer schwierig, wenn man ihnen die Zukunft vorhersagte. Klimakatastrophe, Weltkriege, Modern Talking, egal vor was man sie auch warnte, sie mussten es einfach selbst erleben, um es zu glauben!

      Arty landete mit einem sehenswerten Hechtsprung aus dem Nichts direkt vor den Füßen eines wenig vertrauenerweckenden Zauberers und eines Kriegers, der so schnell seine beiden Schwerter in den Händen hielt, dass der junge Recke die Bewegung des Schwertzückens gar nicht mitbekommen hatte.
      Seltsamerweise fühlte Arty keine Angst, eher eine unerklärliche Art der Verbundenheit zu den beiden.
      »Hi, ich bin Arty.« Er stand auf und klopfte sich den Dreck vom Wams. Erstaunt registrierte er, dass hier noch oder bereits schon Tag war, wo immer auch hier sein mochte.
      »Servus, Arty« ,sagte der Zauberer. »Ich bin Merl, das ist Lance. Wir haben Dich erwartet.«
      -------------------
      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse
    • Die Geschichte – Teil 3

      »Äh, ja, also. Ihr habt nicht zufällig irgendwelche kleinen Biester gesehen, die hier vielleicht entlang gekommen sind und die ein paar Gefangene dabei hatten?« Arty kam sich im selben Moment etwas blöd vor, aber wen hätte er sonst fragen können?
      »Kein Stress, Kumpel. Ja, wir haben Morgys Horde gesehen und sie hatten einige große Säcke dabei. Gut möglich, dass darin Menschen waren.«
      Arty starrte den Zauberer verstört an. »Morgy?«
      »Morgana, die Fee, wie sie sich selbst nennt«, half Lance aus. »Sie ist eine Hexe und auf einer Art Gleichberechtigungstrip.«
      »Ich verstehe nicht?«
      »Diese blöde Hexe denkt, dass Monster genauso viel Rechte haben müssten, wie andere Wesen. Sie glaubt, dass die Menschheit sich ohnehin schon viel zu weit ausgebreitet hätte und dass es an der Zeit für die Monster wäre, jetzt zurückzuschlagen. Mit ihr als Königin an der Spitze natürlich. Dass sie mit ihrer Grausamkeit und vor allem ihrem Rumgejammer, weil alle Welt die armen Monster tötet und nicht ihre Monster alle Welt, so ziemlich jedem auf die Nerven geht, ist der dummen Nuss wohl auch völlig egal.«
      »Hey, wie redest Du denn von meiner Schwester?«, raunzte Merl seinen Kumpel an.
      »Sie ist Deine SCHWESTER!?«, unterbrach Arty den Zauberer rüde. »Sie ist es, die jedes Jahr Hunderte Menschen entführt und Armut und Leid unter dem einfachen Volk verursacht?«
      Der Zauberer zog seinen Kopf zwischen die Schultern, als der wütende Arty ihn anfuhr.
      »Sie ist adoptiert, ok?«, verteidigte er sich leise. »Außerdem haben Lance und ich einen Plan, wie man sie aufhalten kann.«
      »Oh, haben wir?«, hakte der Krieger interessiert nach. »Und wann wolltest Du mir davon erzählen?«
      »Naja, sobald ER aufgetaucht ist. Wie mir es in meiner Vision gezeigt wurde.«
      »Moment. Welche Vision jetzt?« Artys Stimmung wechselte fast sekündlich zwischen wütend und verwirrt.
      Lance winkte ab. »Lassen wir das esoterische Zeugs doch erst mal. Arty, Du bist hier um die Entführten zu retten?«
      Arty nickte entschieden. Endlich ein Thema mit dem er etwas anfangen konnte. »Ja, ich bin der Prinz des Landes und das sind meine Untertanen. Es ist meine Pflicht sie zu beschützen.«
      Der entschlossene Tonfall des Recken ließ Lance seinen Kriegerkollegen von der anderen Seite eingehend mustern.
      »Das bekommt man wirklich nicht oft von den Adligen von Drüben zu hören. In der Regel sind dem Adel doch die einfachen Leute scheißegal? Ich war doch erst an Beltane drüben. Hat sich seitdem so viel verändert?«
      Der junge Prinz druckste ein wenig herum: »Naja, eigentlich nicht. Aber ich habe beschlossen, es zu ändern. Wenn ich erst König bin, sollen alle Bewohner meines Königreichs wohlbehütet und in Frieden leben dürfen.«
      Lance und Merl tauschten einen langen Blick.
      »Und außerdem will ich einen Rat der Helden zusammenstellen, der ehrenhaft das Wohl des Reiches verteidigt.« Arty redete sich ein wenig in Rage.
      »Die besten Ritter des Reiches werde ich versammeln, die edelsten Fräuleins werden an meinem Hof wohnen, die besten Künstler werden ihre Stück darbieten und die größten Wissenschaftler das verborgene Wissen erforschen.«
      »Und die wolligsten Schafe würden auf Deinen Weiden grasen, die edelsten Pferde in Deinem Stall stehen und die Mauern Deiner Burg wären aus Gold und Marmor …«, fuhr Lance ebenso fort, vielleicht einen Spur zu begeistert, um ernst zu wirken.
      »Hey, verarscht Du mich etwa? Willst Du mich etwa herausfordern? Sei gewarnt, ich bin kein geringer Könner mit dem Schwert!«
      Lance steckte lachend seine Waffen weg und hielt dem jungen Irgendwannkönig seine Rechte hin. »Nur ein bisschen Spaß, junger Prinz. Hab es nicht böse gemeint.«
      Arty schaute von Lance zu Merl, der nur breit grinste: »Nun sei doch nicht so, Arty. Zudem ist Lance der beste Kämpfer in diesen Landen, mit Abstand. Unbesiegt, will ich sogar meinen. Er findet es daher auch unsportlich, andere zum Duell zu fordern.«
      Lance verzog das Gesicht ob des ungewollten Lobes, doch Artys Augen leuchtenden beinahe. »Du bist wohl wie Sir Gawain in unsren Landen. Er ist auch der Beste der Beste, der Tapferste der Tapferen, der Edlste der Edlen …«
      »Habs kapiert, « unterbrach Lance ihn schnell. »Du bist also einer seiner größten Fans.«
      »Nicht nur das. Wenn ich dereinst König bin, will ich ihn an meinen Hof rufen. Ihn und andere Ritter wie ihn. Wir werden eine Tafel haben, an der alle gleichberechtigt sein sollen. Wenn du willst, kannst Du ja auch einer meiner Ritter werden, wie wäre es?«
      Lance schaute wieder zu Merl, der zuckte die Schultern, also zuckte auch Lance seine Schultern. »Klar, versuchen kann ich es ja mal. Wie viele Ritter hast Du denn schon zusammen?«
      »Du wärst mein erster Ritter.«
      »Soso. Und dann dieser Gawain. Und wir alle Drei zusammen an einer Tafel.«
      »Aber ja doch. Vielleicht ein Dreieck, als Zeichen, dass jeder gleichberechtigt ist. Wir könnten uns die Ritter der Dreieckstafel nennen.«
      Lance musste über den Enthusiasmus den jungen Kriegers nun wirklich lachen.
      Merl fügte nachdenklich hinzu: »Und was machst Du, wenn Du weitere Ritter hinzuholst. Jedes Mal eine neue Tafel zimmern lassen? Und was, wenn einer wieder geht oder im Kampf fällt?«
      Sein Freund stieß Arty zwinkernd an: »Er nun wieder, der große Logiker. Da träumt man ein paar Sekunden und schon findet er ein Haar in der Suppe.«
      Arty lachte ebenfalls, aber er war schließlich nicht auf den Kopf gefallen: »Merl, Du hast vollkommen recht. Es wird eine kreisrunde Tafel, die Ritter des Tafelkreises also.«
      Lance wiegte den Kopf: »Das klingt aber nicht wirklich griffig. Vielleicht denkst Du darüber noch nach, während wir uns endlich aufmachen, Deine Leute vor Morgys Verwandlungskünsten zu retten?«
      Beschämt schaute Arty auf seinen Stiefelspitzen. »Ja, wärt Ihr wohl so nett, mir den Weg zu weisen?«
      »Kein Ding.« Auch Merl wurde schlagartig wieder ernst. »Wir werden sogar noch mehr tun und Dich begleiten. Morgy kann mitunter ziemlich biestig sein und ihr Reich ist recht schattig, unübersichtlich und ein paar Monster wohnen dort auch noch.«
      Artys Kiefern pressten sich entschlossen aufeinander und wieder einmal fasste er den Griff seines Schwertes fester.
      »Mach Dir keine Sorgen. Lance wird alles besiegen, was uns im Weg steht. Er ist, wie gesagt, unbesiegbar. Warts nur ab, Du wirst es erleben. Und um Morgys Zauberkunst kümmere ich mich.« Merl wirkte fast tiefenentspannt.
      Der junge Krieger runzelte die Stirn. »Klingt beinahe so, als würde ich gar nicht gebraucht …«
      Betroffen tauschten Merl und Lance einen Blick. »Sorry, Kumpel.« Lance gab dem Baldkönig einen kumpelhaften Stoß gegen die Schulter. »Merl und ich sind schon so lange gemeinsam unterwegs, da sieht das manchmal so aus. Aber es ist gut, endlich einen dritten Mann dabei zu haben, so oft, wie wir uns darüber streiten, welchen Weg wir nun genau einschlagen. Ich will ja immer, dass er seine Zauberkraft benutzt, wozu hat er sie denn? Und er will ständig, dass ich unsre Probleme mit den Schwertern löse. Wäre echt mal sehr entspannend, wenn wir schneller wüssten, wie, wo und wann.«
      Arty grinste: »Ihr meint, Ihr braucht einen Boss, der Euch sagt, wo es lang geht, hm?«
      Lance und Merl grinsten verdächtig breit: »Bingo, Arty. Also, was machen wir jetzt zuerst?«
      Der junge Krieger straffte die Schultern, steckte sein Schwert weg und nickte seinen neuen Freunden zu: »Zuerst zeigt Ihr mir mal, wo die böse Hexe ihre Gefangenen einsperrt und bis wir dort sind, bleiben wir unauffällig und gehen, wenn möglich, allen Schwierigkeiten aus dem Weg!«
      Der Zauberer seufzte, während Lance zufrieden grinste. »Perfekt. Mir nach, ich kenne eine Route in Morgys Reich, welche nur wenige kennen und noch weniger bereisen.«
      -------------------
      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse
    • Die Geschichte – Teil 4

      Keine zwölf Stunden später, inzwischen war es auch hier Nacht geworden, waren sie auf dem sichersten Weg in Morgys Reich, den man sich denken kann: An Händen und Füßen gefesselt und an einem schlanken Holzstamm hängend, der je von vier Goblins getragen wurde.
      »Dein geheimer Weg war ja wirklich ganz toll«, meckerte Merl und verdrehte den Kopf so, dass er ab und zu den hin und her schwingenden Kopf seines Freundes sehen konnte.
      »Letztes Jahr, als ich noch hier war, habe ich jedenfalls keine Seele getroffen.«, verteidigte sich Lance.
      »Und das winzige Kastell, was Morgy angefangen hatte hier um die Ecke zu bauen ist dir auch entgangen?«
      »So weit bin ich nicht gegangen, ich wollte nur nach den Rechten sehen und keine Einmann-Invasion starten!«
      »Ausreden! Alles was ich höre sind Ausreden.«
      »Hey, wenigstens ist jetzt mit Deinem ewigen Un-be-siegbar Schluss. Du siehst, ich hänge hier bei euch. Von wegen unbesiegbar.« Lance gelang trotz der Umstände ein zufriedenes Lächeln.
      »Ähm, ich will Euch nicht stören …« Artys Stimme kam von etwas weiter hinten. »Aber ich glaube, aufgegeben, weil sonst die Kameraden umgebracht werden, zählt nicht wirklich als besiegt? Außerdem kommen wir so immerhin dorthin, wo wir hinwollten. Merl war sich ja nicht ganz sicher, ob wir uns nicht verlaufen haben …«
      »Ach, halt die Klappe, Arty«, kam es sowohl vom Krieger als auch vom Zauberer.

      So verbrachten die drei schweigend den restlichen Marsch, der auch gar nicht mehr lange dauerte. Bald kamen sie in das quasi nagelneue Kastell und der Zug wurde von Dutzenden weiterer Goblins, teilweise mit Fackeln in ihren Händen und vor allem mit kreischendem Jubel empfangen.
      Die drei Gefährten wurden auf den Hauptplatz getragen, wo man ihre Tragestämme in die Löcher schwerer Findlinge steckte. Sie waren aber nicht die einzigen Gefangenen an Pfählen.
      »Mein Prinz, bist Du das etwa?«
      Ein großer, kräftiger Junge, bereits damals schon größer und stärker, als die meisten Männer, war ebenfalls an einen Pfahl gefesselt.
      »Parzy. Du, hier? Ausgerechnet Du?«, Arty schüttelte beinahe verzweifelt den Kopf. »Vergiss meine Frage, natürlich muss von allen Leuten aus der Heimat, ich Dich hier treffen.«
      Während die Monstermenge weiterhin kreischte und tanzend umhersprang, versuchte Lance mit fragendem Blick eine Erklärung von Arty zu bekommen, aber der hatte nur seine Augen geschlossen. »Ausgerechnet Parzy, das war ja sooo klar!«
      Parzy musste einer der Hüter des Feuers gewesen sein, irgendwie einleuchtend. Stark wie ein Ochse und in etwa genau so einfältig war er es gewohnt, dass sich keiner mit ihm anlegte und zudem zu blöd, um Angst zu haben, kurz, der perfekte Mann für den Job.
      Merl konnte den Gefangenen zwar nicht gut sehen, aber umso deutlich bemerkte er Artys Verärgerung. »Lässt Du uns dumm sterben, oder sagst Du uns jetzt, wer Dein Freund ist? Und vielleicht beeilst Du Dich etwas. Könnte sein, dass Dir das Sterben sonst zuvor kommt.«
      Arty seufzte so laut, dass es sogar fast das Heulen der Monster übertönte.
      »Na schön. Lance, Merl, das ist Parzy, der Sohn meines Stallknechts Albert und naja, so etwas wie …«
      »Ich bin der erste Ritter von Prinz Arty, wenn er mal König ist!«, rief Parzy stolz mitten in die gestotterte Erklärung seines zukünftigen Königs hinein.
      »Soso, Du hast also bereits einen ersten Ritter?« Lance konnte sich einen deutlich sarkastischen Unterton nicht verkneifen, aber Arty schüttelte erneut den Kopf.
      »Ihr kapiert das nicht. Wir haben schon im Sandkasten miteinander gespielt und später natürlich Ritter. Mit Weidenruten als Schwerter, in der Art eben. Und da Parzy schon immer der Größte war, machte ihn das ganz natürlich zum ersten Ritter. Leider ist Parzy nicht der Hellste und in seinem Kopf uns so hat sich diese fixe Idee festgesetzt und geht da nicht mehr weg.«
      »Verstehe, aber wie …«, wollte Lance gerade fragen, als plötzlich Stille eintrat.
      Die Horde der Monster teilte sich und sie ließ eine junge Frau durch die Gasse, die einer Königin gleich, mit stolzem Gang, auf die Gefangenen zuschritt. Sie war so unwirklich schön, dass Arty sogar den Blick abwenden musste, weil es ihn schmerzte. Parzy hatte keine Probleme sie anzugaffen und unwillkürlich zu sabbern, Lance verdrehte bei dem Auftritt lediglich die Augen, während Merl sogar spöttelte.
      »Sieh an, Morgy. Nett hast Du es hier. Ist das das Reich, mit dem Du mir bei den Familientreffen immer die in den Ohren liegst? Wenn man einen Schweinestall mag und Untertanen, die sich aufführen wie Monster …, oh Verzeihung, ich vergaß, Du liebst ja Monster.«
      Die erwähnten Monster fingen an zu murren, aber ein eisiger Blick ihrer Herrin ließ sie verstummen und ein paar Schritte zurückweichen.
      »Was weißt Du schon von wahrer Macht, Brüderchen. Du dienst Dich immer noch den Sterblichen an, bist das Schoßhündchen Vivians und ihrer Vision von Frieden unter allen Völkern. Und sieh, wohin es Dich gebracht hat.«
      »Sprich nicht so von der Herrin des Sees, du … du Hexe!«, unterbrach Lance in einem unerwartet heftigen Ausbruch die Königin der Monster.
      »Ah, und Lance vom See, der Unbesiegbare. Oder sollte ich angesichts der Lage sagen, der nicht mehr Unbesiegbare?«
      »Es ist nicht ganz so …«, wollte Merl seinen Freund offenbar verteidigen, doch der, immer noch sichtlich angepisst, knurrt: »Merl, fang jetzt nicht auch noch Du damit an!«
      Die überirdisch schöne Königin blickte einen Moment lächelnd zwischen den beiden Freunden hin und her und bemerkte endlich Arty.
      Ganz nahe trat sie an ihn heran, nahm sein Kinn zwischen ihre Finger und zwang den Prinzen mit erstaunlicher Kraft ihr in die Augen zu sehen.
      »Was …wer?« Morgy taumelte zurück, als die stahlblauen Augen Artys den Blick ihrer pechschwarzen Augen erwiderten.
      »Wer ist DAS?« Vorwurfsvoll und mit gerunzelter Stirn sah sie Merl, ihren Bruder an.
      »Das willst Du jetzt wissen, wie?« Er grinste wissend.
      »Und ob. Und Du wirst es mir sagen!«
      Der Zauberer lachte. »Keine Chance, Schwesterchen.«
      »Ich werde Dich zwingen.«
      »Als ob jemand mit unsrer Macht von einem anderen gezwungen werden könnte!«
      Die dunkle Königin lief mit auf dem Rücken verschränkten Händen wütend einige Male auf und ab und schimpfte vor sich hin.
      »Arty, Lance. Gleich gilt es. Passt genau auf und ergreift die Chance, sobald sie kommt!«, flüsterte der Zauberer.
      »Verstanden«, bestätigte Lance sofort.
      »Ooookaay …, fügte der zweifelnde Arty mit etwas Verspätung hinzu, gerade rechtzeitig, bevor die Hexe sich wieder vor ihnen aufbaute.
      »Oh doch, Brüderchen. Es gibt eine Möglichkeit Dich zu zwingen. Wenn ich Dich in einem Zauberduell besiege, dann musst Du mir einen Dienst erfüllen, egal welchen. So lautet das Gesetz der Alten!«
      Triumphierend lachte sie.
      Doch auch Merl lächelte. »Sagt die Frau, die am liebsten die Alten loswerden würde. Aber gut. So soll es sein. Wenn Du glaubst, Du kannst es mit mir aufnehmen?«
      Morgy machte eine nachlässige Geste und Merls Fesseln fielen von ihm ab. »Ich bin die Mächtigere von uns beiden. War es schon immer und werde es immer sein! Und ich war schon immer weniger gehemmt durch einschnürende, moralische Bedenken.«
      Der nun freie Zauberer zwinkerte seinen Freunden zu und entfernte sich dann ein Dutzend Schritte von ihnen. »Stimmt, Sis. Was Magiepower und Bitchness betrifft, da macht Dir keiner etwas vor.«
      Merl stand gelassen, fast gelangweilt inmitten des großen Kreises aus Monstern, der sich um die beiden Zauberkundigen gebildet hatte.

      »Mist, ich kann gar nichts sehen.«, schimpfte Arty.
      »Leise, Arty. Er hat sie absichtlich von uns weggeführt. Warte auf die Chance. Merl weiß meistens genau, was er tut.«
      »Meistens ist jetzt nicht unbedingt beruhigend.«
      »Vertraue einfach auf die Macht« Lance wunderte sich selbst, wie er gerade darauf kam, aber diese Worte schienen Arty wirklich aufzubauen.
      -------------------
      Tom Stark
      zum Lesen geeignet

      delectare et prodesse

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Tom Stark ()