• Liebe @Kiddel Fee
    Jetzt bin ich gespannt, ob Astra alleine loszieht oder der Rest der Besetzung noch eine Rolle spielt. Ich kann mich irgendwie nicht vorstellen, dass wir Ivy wirklich verlassen.


    Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.


    Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz


  • „ Die Feldermanns waren Nachbarn von Rett und mir. Kaum älter als ich jetzt. Greg hatte einen Job im Stromversorgungswerk, weshalb es ihnen besser ging als den meisten. Bis Caroline schwanger wurde. Es hat sie in die Verzweiflung gestürzt.“
    Er seufzte und kickte einen Stein weg, dann schob er die Hände in die Hosentaschen und schlenderte mit stumpfem Blick weiter.
    „Kinder überleben hier nicht lange, Astra. Sie haben zu wenig Nahrung, zu wenig Licht, zu wenig Hoffnung. Meist sterben sie in ihren ersten Lebensjahren, weil ihre Mütter sie nicht stillen können. Caroline freute sich über ihr Baby. Aber die Angst davor, es nicht versorgen zu können, hat sie immer mehr aufgefressen.“
    Seine Stimme klang vollkommen emotionslos.
    „Als Greg eines Tages nach Hause kam, fand er sie tot auf dem Boden. Sie hatte mit irgendwelchen Chemikalien herumgepanscht. Niemand wusste, woher sie diese hatte. Ein Glas davon kostete sie das Leben. Und Ivy … Ivy hatte auch davon genascht und ihr Augenlicht verloren.“
    Nate schwieg für einen Moment. Astra lauschte stumm, während sie mit gesenktem Kopf durch den Regen liefen.
    „Als Greg das sah – drehte er durch. Anders kann ich mir sein Handeln nicht erklären. Jedenfalls tauchte er vor der Scheune auf, als die Essensausgabe in vollem Gange war und schwang einen fleckigen Sack. Er sah furchtbar aus, rollende Augen, wirre Haare und bis zu den Ellenbogen war er voller Blut. `Hier ist Nahrung!`, schrie er mit übergeschnappter Stimme und drückte den entsetzten Umstehenden blutige Fleischbrocken in die Hand. Es kam zum Tumult. Diejenigen, die erschrocken nach den Wachen schrien und die Gewissenlosen, die mit ihrer Beute das Weite suchten … Chaos.“
    Jetzt schlich sich doch ein Zittern in seine Stimme, seine Schritte wurden langsamer.
    „Man schloss die Scheune und die Sicherheitsbeamten versuchten, die Menge unter Kontrolle zu bringen. Ich hingegen bin nach Hause gerannt, in die Wohnung der Feldermanns … “, er verstummte und blieb stehen, schwer atmend, mit geschlossenen Augen. Noch immer fiel es ihm schwer, in Worte zu fassen, was er an diesem Tag erlebt hatte. Schlimm genug, dass ihn dieser Tag auch nach fast drei Jahren noch immer in seinen Alpträumen heimsuchte. Aber es jemand anderem zu berichten, war bis jetzt unmöglich gewesen. Auch Kay und Rett wussten es nicht.
    Astra merkte, wie es in ihm wühlte. Zögernd berührte sie ihn am Arm und spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. „Du brauchst mir das nicht erzählen, Nate.“, murmelte sie leise.
    „Doch … ich sollte es zumindest bei jemandem probieren, bevor ich es Ivy irgendwann sagen muss … “
    Astra schwieg bestürzt.
    „ Die Wohnung sah aus wie ein Schlachthof. Überall war Blut. An den Wänden prangten rote Handabdrücke. Auf dem Boden standen geronnene Pfützen, dazwischen Fußspuren. Das, was von Caroline übrig war, lag auf dem Tisch, in diversen Schüsseln verteilt -“
    Nate drehte sich abrupt zur Seite und übergab sich. Keuchend an die Wand gestürzt würgte er, doch die Bilder ließen ihn nicht los. Nach jahrelangem Schweigen wollte das Erlebte nach draußen und er sprach weiter, stockend und tonlos.
    „Ivy hockte in der Ecke, mit weit aufgerissenen Augen, ebenfalls voller Blutspritzer. Sie war ein knappes Jahr alt und konnte nichts mehr sehen. Ihre Mutter antwortete nicht auf ihr Weinen, ihr Vater war fort und hatte sie allein zurückgelassen.“
    Immer noch tief atmend drehte er sich um und lehnte sich mit dem Rücken an die schmutzige Hauswand, legte den Kopf in den Nacken und kniff die Augen zu. Er brauchte eine Weile, um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Die ersten Vorübergehenden schauten schon verwundert.
    Schließlich stieß er sich von der mit löchrigem Putz verzierten Wand ab und lief wieder mit gesenktem Kopf los. Rasch folgte sie ihm.
    „Seitdem lebt Ivy bei uns. Kay hat sie sofort unter ihre Fittiche genommen und die Kleine hat die ersten zwei Tage nahezu ausschließlich auf ihrem Schoß in Sicherheit verbracht.“
    „Warum hängt sie dann so an dir?“
    Er zuckte die Schultern, obwohl sie es sicher nicht sehen konnte, sie starrten beide konzentriert nach unten, um die gröbsten Dreckhaufen zu meiden. „Ich weiß es nicht. Kay ist die ganze Zeit zu Hause und kümmert sich um sie. Aber sie wollte von Anfang an bei mir schlafen, bei mir sitzen und so weiter. Klar, sie mag Rett und Kay und die beiden lieben sie. Aber ich … das ist … halt so“, schloss er lahm. Er konnte ihr nicht erklären, warum, aber Ivy war sein Schatz. Für sie hielt er die Arbeit durch und um sie zu beschützen, würde er, ohne zu zögern, Morde begehen. Doch merkwürdigerweise ging hier eine Frau an seiner Seite, die selbst eingestanden hatte, eine Gefahr zu sein. Und er hatte sie mitnichten sofort rausgeworfen, im Gegenteil …
    „Die Downs sind ganz anders, als ich erwartet hatte.“ Astra war stehen geblieben und musterte die große Straße, die vor ihnen lag, mit schmalen Augen.
    „Und was hast du erwartet?“
    „Man hat … mich gelehrt, die Downs wären Wohngebiete für Menschen. Solche, die intellektuell nicht in den Hort des Wissens passen und militärstrategisch nicht genug mitbringen, um zur Truppe zu gehören. Ein Großteil der Bevölkerung, ja. Aber es war mir nicht bewusst, dass es so viele sind. Und die katastrophalen Zustände ...“
    Er schwieg und sah ebenfalls nach vorn.
    „Ich weiß nicht, was du gelernt hast, aber die Downs sind die Endstation. Wer einmal hier gelandet ist, kommt nie wieder heraus. Hier hausen Millionen Menschen auf engstem Raum, angewiesen auf die Nahrung aus den Speicherstädten -“
    „Speicherstädten?“, unterbrach sie ihn verwirrt. „Was soll das sein?“
    Er runzelte die Stirn und sah sie skeptisch an. „Die Speicherstädte. Die großen Lagerstätten voller Lebensmittel, aus denen täglich viel zu wenig Nahrungsmittel in die Downs transportiert werden, um alle satt zu kriegen. Festungen, in denen hochwertige Güter gelagert werden, stark bewacht vom Militär. Als ob wir“, er machte eine alles umfassende Handbewegung, „die Kraft hätten, unser Elend zu verlassen und eine solche Stadt anzugreifen.“
    Sie schaute immer noch entgeistert. „Nate – so etwas gibt es nicht.“

    Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

    Im Mund.

    Quer.

    Und ohne zu sabbern.

    :whistling:


    Meine Geschichte

    Elemental

  • Guten Morgen @Kiddel Fee



    LG Sora :rolleyes:

    "Niemand weiß, was er kann, wenn er es nicht versucht." Zitat von Publilius Syrus



    Meine Geschichte: Erbin der Mächtigen ;)


    "Und so verliebte sich der Löwe in das Lamm."
    "Was für ein dummes Lamm."
    "Was für ein kranker, masochistischer Löwe."
    Zitat aus dem Buch "Biss zum Morgengrauen"

  • Hey Kiddel Fee :)



    LG,
    Rainbow



  • Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

    Im Mund.

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    Und ohne zu sabbern.

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    Elemental

  • Guten Morgen @Kiddel Fee


    Ich hatte ja schon das Privileg vor allen anderen in deine Gesichte stöbern zu dürfen und nachdem du angefangen hattest, sie hier zu posten, wollte ich selbstverständlich auch hier einsteigen!
    Ich bin jetzt aktuell. :)


    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • „Was?“ Er blieb verdattert stehen. Sie zog ihn weiter, denn eines hatte sie schnell gelernt – hier keinerlei Aufmerksamkeit zu erregen.
    „Nate, es gibt keine Hallen voll mit Lebensmitteln aller Art. Wer auch immer euch das erzählt hat, hat euch angelogen.“
    Ein besorgter Blick zu ihm herüber zeigte er, dass er blass geworden war. Kein Wunder – ihre Worte rüttelten an seiner Existenz. Er war Sicherheitsbeamter an der Essensausgabe, Nahrung die, wie alle hier zu glauben schienen, an besonderen Orten erzeugt und aufbewahrt wurde. Nahrung, die die Menschen hier zum Überleben brauchten. „Aber das Essen … woher …?“
    „Nate“, begann sie beschwichtigend, „überleg doch mal. Wieviele Menschen leben hier? Und wie viele Orte wie diesen gibt es?“ Sie gab ihm einen Moment Zeit, den Sinn hinter ihren Fragen zu erkennen. „Die Produktion von Lebensmitteln erfordert Landwirtschaft und Infrastruktur. Eine gute Versorgung mit Wasser und Strom. Und vor allem Arbeitskräfte. Gesunde Arbeitskräfte.“
    Er begriff, sie konnte es sehen. „Nichts davon gibt es mehr“, flüsterte er tonlos.
    Mitleidig nickte sie. „Nur noch im Hort des Wissens. Die Weisesten der Weisen und die hochrangigen Militärs verdienen natürliche Zutaten und eine ausgewogene Ernährung. Nur dort wird noch immer Getreide angebaut, dort gibt es blühende Obstbäume und Gärten voller Gemüse, gespeist von sauberem Wasser. Für den Rest der Menschheit wurden Alternativen entwickelt.“
    „Alternativen?“ Seine Miene war eine perfekte Mischung aus Abscheu und Ekel.
    „In den Laboren des Horts hat man eine Möglichkeit entwickelt, aus wenigen Krümeln nahrhafter Substanz durch Zugabe von Wasser ein ganzes Brot zu kreieren. Eine Kiste davon reicht, um mehrere Familien einen Monat zu ernähren. Und mehrere Fässer kommen jeden Tag in die Downs.“
    „Fässer. Fässer mit … irgendwelchem Pulver. Ein paar Fässer für ein paar Millionen Menschen.“ Nates Gesicht arbeitete. „ Und uns haben sie Geschichten erzählt von Zügen , vollgestopft mit den herrlichsten Gütern.“
    Er glaubte ihr sofort. Es passt zu dem System, in welchem sie zu leben gezwungen waren. „Wozu ernähren sie uns überhaupt? Warum sorgen sie dafür, dass wir leben?“
    Astra überlegte einen Moment. „Das werde ich dir nicht sagen, Nate. Ich ... weiß, das klingt sicher furchtbar bevormundend, aber es ist besser, wenn du es nicht weißt. Bestimmt habe ich dir schon viel zu viel verraten und jedes einzelne Wort davon könnte dich und deine Familie in große Schwierigkeiten bringen.“
    Seufzend nickte er, dann wies er halbherzig nach vorn. „Das große Gebäude mit den Stahltoren ist die Scheune.“
    Sie musterte den fest verrammelten Eingang und die massiven Torflügel.
    „Kannst du da einfach rein, als Sicherheitsbeamter?“
    „Nein. Es gibt einen Seiteneingang, aber -“
    Er runzelte plötzlich die Stirn, zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht und Astra mit einem groben Ruck näher an die Hauswand. Ein seltsames Geräusch näherte sich, brummend und immer lauter werdend. Der Boden schien zu vibrieren. Um sie herum blieben die Leute stehen, blickten verwirrt auf und sahen sich irritiert um.
    Putz rieselte auf Nate herab und als er an der Hauswand hinaufsah, erstarrte er.
    Ein Hubschrauber, ausgestattet mit vier Rotoren, schob sich langsam über den Himmel. Er flog sehr tief, zog Kurven, neigte sich dem Boden zu, als müsse er jede Gasse argwöhnisch betrachten.
    „Sie suchen jemanden.“ Die Erkenntnis kam ihm schlagartig und als er sich zu Astra umdrehte, fand er seinen Verdacht bestätigt. Sie stand eng an die Hauswand gepresst, mit bleichem Gesicht, in ihren Augen spiegelte sich Angst und Schrecken. Er streckte die Hand aus und ergriff die ihre, sie war kalt vor Furcht. „Ruhig, Astra. Niemand wird dich finden. Ich bringe dich hier raus.“
    Sie nickte zaghaft.
    Der Hubschrauber kreiste eine Runde über der großen Straße, dann blieb er für einen Moment auf der Stelle, als müsse er sich orientieren. Man spürte förmlich, wie die schmutzige Menge am Boden die Luft anhielt. Dann drehte er ab und flog schnell und entschlossen in Richtung, aus der sie gerade gekommen waren.

    Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

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    Elemental

  • Guten Morgen @Kiddel Fee


    Über mangelnde Informationen kann man sich bei dir schon mal nicht beschweren - du treibst den Plot stetig an und wir gewinnen in jedem Part mehr Wissen über deine Welt bzw. jetzt über diesen Hort, der ja ein ziemlicher Saftladen zu sein scheint. Ich meine, Pulver als Nahrungsmittel <X - Wieso fühle ich mich direkt an diese zahlreichen Tütensuppen/soßen aus dem Supermarkt erinnert?


    Eine Sache habe ich noch:



    LG

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
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    Die Kriegerin von Catrellak



  • Nates Füße hatten sich bereits in Bewegung gesetzt, noch bevor Astra irgendetwas sagen konnte. Ohne auf die Menschen um ihn herum zu achten, stürzte er los. Die Angst verlieh ihm Kraft, er stürmte vorwärts, stieß Passanten zur Seite, sprang über Hindernisse und folgte dem bedrohlichen Brummen des Helikopters durch die schmalen Seitengassen. Er rannte, so schnell er konnte. Doch tief im Inneren wusste er, würde er keine Chance haben. Wenn sie wirklich sein Zuhause suchten, waren sie definitiv im Vorteil.
    Wie? hämmerte es in seinem Kopf. Wie haben sie uns gefunden? Ivy …
    Er drehte sich nicht um, er wusste nicht, ob Astra ihm folgte, doch er hatte keine Zeit, es herauszufinden. Wenn sie ihm nachlief, würde auch sie in Gefahr sein. Sein Herz schlug schmerzhaft, seine Kehle stach vom raschen Atemholen. Das Bild vor seinen Augen verwischte. Der Hubschrauber entfernte sich, er war schneller als der panisch durch die Menschen preschende Mann am Boden.
    Als er endlich in seine Wohngasse schlitterte, öffnete der Himmel seine Schleusen und das Rauschen des Regens schluckte mit einem Mal jedes andere Geräusch. Niemand war zu sehen, alle hatten sich versteckt, als die Bedrohung aus dem Himmel kam.
    Nate keuchte erschöpft. Kraftlos wankte er durch den Schlamm. Im Nu hatten sich hunderte Pfützen und Tümpel gebildet , die den Dreck des Tages in schmutzigen Brei verwandelten und keinerlei Spuren mehr erkennen ließen.
    Astra war ihm gefolgt, er konnte ihre schmatzenden Schritte im tiefen Morast hören. Doch es kümmerte ihn nicht. Er musste nach Hause, er musste sehen, was geschehen war. Verzweifelt klammerte er sich an die Hoffnung, sie würden alle im Hinterzimmer sitzen, Ivy an Rett gekuschelt, der ihr beruhigend zumurmelte, Kay mit düsterem Gesicht und brennendem Blick, ins Leere starrend …
    Schließlich erreichte er die Haustür. Sie sah aus wie immer, rostig, glänzend vor Nässe. Mit zitternden Fingern tastete er nach der Klinke.Mit dem vertrauten Quietschen gab die Tür nach. Nicht verriegelt, dachte er und das Herz blieb ihm stehen. Er spähte in den dunklen Flur.
    Sie waren hier gewesen.
    Der Spiegel, in dem Astra sich vorhin noch bewundert hatte, lag in tausend Scherben am Boden. Jemand hatte das kleine Seitenregal umgestoßen. Im matten Licht der Wohnzimmerbeleuchtung konnte man unregelmäßige lange Linien an der linken Wand erkennen. Sie waren von dunkelroter Farbe. Astra streckte die Hand aus, krümmte die Finger ein wenig und die roten Linien verschwunden unter ihren Fingerspitzen. Wortlos streckte sie ihm den Zeigefinger hin.
    Blut.
    Nate verstand. Jemand mit blutigen Händen hatte versucht, Halt an der Wand zu finden, während man ihn weggezerrt hatte. Von der Höhe konnte es nicht Ivy sein, aber …
    Seine Rechte schmiegte sich um den Griff seiner Waffe. Die Angst vor dem, was er gleich finden oder nicht mehr finden würde, lähmte sein Denken und seine Schritte. Tief atmete er durch, dann trat er entschlossen durch den Flur ins Wohnzimmer.
    Das Sofa lag umgekippt auf der Rückseite. Die Tischplatte war in der Mitte entzwei gebrochen, das Geschirr vom Frühstück im ganzen Zimmer verstreut. Die Tür zum Hinterzimmer und zur Küchenspalte standen weit offen und hingen ein wenig schief, seine Matratze war halb aus dem Zimmer gezerrt worden. Sie hatten etwas gesucht …
    Ein Stöhnen ließ ihn herumfahren.
    Rett kniete vor Kays Tür. Irgendwer hatte seine beiden Handflächen mit einem langen schwarzen Dolch an die weiße Schiebetür genagelt. Über dem blonden Wuschelkopf war eine lange silberne Haarsträhne an das helle Holz gepinnt. Daneben eine kürzere dunkelbraune. Und eine blonde, fein, seidig. Quer über die Wand hatte jemand etwas geschrieben. Die Farbe der Schrift war dieselbe wie die der Linien an der Wand im Hausflur.
    Wir warten.

    Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

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    Quer.

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  • Hey Kiddel Fee :)



    LG,
    Rainbow

  • Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

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    Elemental

  • Nate machte einen Satz auf den hilflosen Freund zu und riss den Dolch an sich. Mit einem unterdrückten Schmerzenslaut sackte Rett zusammen, die durchbohrten Hände zuckten in seinem Schoß.
    “Wo ist sie?”, schrie Nate und seine Stimme überschlug sich. “Wo ist sie, Rett? Warum ist sie fort und du bist noch hier?” Er wurde mit jedem Satz lauter. Anklagend richtete er die Spitze der Klinge auf Rett. “Wie konntest du zulassen, dass sie sie mitnehmen?”
    “Nate.”
    Astras Stimme war leise, fast beschwörend. Sie erkannte, dass die Verzweiflung aus ihm sprach. Zögernd hockte sie sich neben Rett, der bis jetzt kein Wort gesagt hatte. Seine Haare bedeckten sein Gesicht, sein Atem ging schwer und er zitterte. Astras schlanke Hände ergriffen seine Rechte, bogen vorsichtig die Finger zurück.
    Mit einem Zischen hob der Ältere den Kopf und lehnte ihn kraftlos an die Tür hinter sich. Er kniff die Lider zu und biss sich auf die Lippen. Eine Träne rollte über die schmutzige Wange und sickerte in den dunkelblonden Bart.
    Nate stand mit hängenden Armen da. Seine Panik war verflogen und er erkannte, was ihm niemand erklären musste. Dass Rett Ivy und Kay niemals einfach im Stich gelassen hätte. Dass er sich mit Händen und Füßen gewehrt und dabei das halbe Wohnzimmer demoliert hatte. Und dass es letztenendes nicht genug gewesen war. Die Fremden hatten seine Familie mitgenommen und ihn gedemütigt und verletzt hier zurückgelassen.
    „Rett, es ...“ Der Klumpen in seinem Hals wurde auf einmal riesengroß. Stumm ging er neben seinem Freund auf die Knie. „Es tut mir leid … ich ...“
    Rett schüttelte den müde den Kopf, ohne die Augen zu öffnen. „Mir tut es leid, Nate. Ich konnte sie nicht beschützen.“ Wieder stöhnte er leise, während Astra seine Hände untersuchte.
    „Nate, ich brauche irgendetwas, womit ich diese Wunden versorgen kann. Hat Kay …?“ Ihre Stimme verstummte. Kays letzter Patient war sie selbst gewesen und sie hoffte von ganzem Herzen, dass sie nichts von dem, was Rett jetzt benötigte, schon vorher aufgebracht hatte.
    Nate sah sie an. „Sie hat die Sachen in ihrem Zimmer.“ Sein Blick wanderte an die Schiebetür, wo sorgsam nebeneinander aufgereiht die drei Haarsträhnen hingen. Er erhob sich nur langsam. „Ich … hole alles.“
    Seine zitternden Finger öffneten die Tür so vorsichtig, als könnte diese unter seiner Berührung bersten. Sie klemmte und verkeilte sich dann. Nate war gezwungen , sich durch den kleinen Spalt zu quetschen. Gleich darauf erklang das Klacken des Lichtschalters und Astra hörte ihn im Zimmer rumoren.
    Sie selbst blieb bei Rett sitzen. Zweifelnd musterte sie seine Handflächen. Die Wunden sahen von außen nicht sehr gefährlich aus, allerdings konnte sie nicht ausschließen, dass Knochen oder Sehnen Schaden genommen hatten. Wenn dem so war, würde sie Nates Freund kaum helfen können, schon gar nicht mit den primitiven Mitteln, die ihr hier zu Gebote standen.
    „Kannst du deine Finger bewegen?“ Sachte beugten ihre Hände jeden einzelnen von Retts kräftigen dunklen Fingern.
    Er nickte kaum wahrnehmbar . „Es tut weh, aber … es geht … ein bisschen.“ Er blickte sie unter halbgeschlossenen Lidern hervor an. „Was wollen die nur von dir, Mädchen …?“
    Nate kam mit Kays Kiste zurück. Dort drin bewahrte sie alles auf, was sich bei der medizinischen Versorgung von Menschen, die zu ihr kamen, als nützlich erweisen konnte. Verbandszeug, Watte, Salzlösungen. Nadeln, Faden und - Kays kostbarster materieller Besitz - eine Flasche hochprozentiger Alkohol.
    „Hast du den Dolch noch da, Nate?“
    Wortlos reichte der Jüngere ihr die Klinge. Im dämmrigen Licht der Wohnzimmerlampe sah die Waffe vollkommen schwarz aus. Astra seufzte, streckte die Hand aus und die kleine Lichtkugel, die Nate schon kannte, erschien.
    Retts Augen wurden groß, doch er sagte nichts.
    Das sanfte weiße Licht spiegelte sich in dem glatten geschwärzten Stahl. Astra atmete verstohlen auf. Die Waffe schien gepflegt und sauber. Zur Sicherheit würde sie die Wunden trotzdem ein wenig mit dem Alkohol säubern, doch Rett würde zumindest nicht am Wundstarrkrampf krepieren. Sie wollte den Dolch gerade zur Seite legen, als ihr Blick auf das Heft fiel. Es war mit schwarzem Leder umwickelt und oben mit einem breiten Knauf abgesetzt. Ein silbernes verschnörkeltes A zierte diesen.
    Sie fuhr entsetzt zusammen.

    Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

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    Elemental

  • Hui, da ging es ja ziemlich plötzlich heftig zur Sache.

    Nates Füße hatten sich bereits in Bewegung gesetzt, noch bevor Astra irgendetwas sagen konnte.

    Mir kam die Erkenntnis wieder ein kleines bisschen zu plötzlich. Nach zwei drei Sätzen ist es dann logisch, warum Nate auf dem Absatz umgedreht ist, immerhin hat Astra ihm gerade erzählt, dass Ivy in Gefahr ist, wenn sie bei ihr und ihrer Familie bleibt, aber dass er innerhalb einer Sekunde checkt, dass dieser Hubschrauber jetzt auf dem Weg zu Ivy ist...eine Minute hätte ich ihm gegeben^^
    Aber das ist bloß Kritik auf hohem Niveau hier, alles was dann kommt, fand ich wieder sehr gut und schlüssig :)


    Astra streckte die Hand aus, krümmte die Finger ein wenig und die roten Linien verschwanden unter ihren Fingerspitzen.

    Ein Fehlerchen noch.

    Astra seufzte, streckte die Hand aus und die kleine Lichtkugel, die Nate schon kannte, erschien.

    Dafür, dass sie auf der Flucht ist, ist sie wirklich vertrauensvoll was ihre Fähigkeiten angeht, vor allem weil gerade Ivy aufgespürt worden ist. Ich an ihrer Stelle wäre jetzt sehr vorsichtig mit allem und würde niemandem mehr mein Talent anvertrauen.



    Der arme Rett. Und wer weiß, was sie Ivy und Kay angetan haben. Ich frage mich, warum sie Kay mitgenommen haben, wenn sie laut Astra eigentlich nur Ivy gebrauchen können. Und die viel größere Frage: Wie zum Teufel haben sie von Ivy erfahren?! Ich bin gespannt!

  • Hallo @Kiddel Fee
    die Geschichte nimmt ja ganz schön schnell an fahrt auf.



    LG Sora :rolleyes:

    "Niemand weiß, was er kann, wenn er es nicht versucht." Zitat von Publilius Syrus



    Meine Geschichte: Erbin der Mächtigen ;)


    "Und so verliebte sich der Löwe in das Lamm."
    "Was für ein dummes Lamm."
    "Was für ein kranker, masochistischer Löwe."
    Zitat aus dem Buch "Biss zum Morgengrauen"



  • Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

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  • Guten Abend @Kiddel Fee




    LG

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
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  • Danke @LadyK, das du mich drauf hingewiesen hast :)
    Dann @Kiddel Fee nehme ich meine Aussage diesbezüglich zurück, was Retts Reaktion auf die Entfernung des Dolches betrifft. dann habe ich das wohl überlesen. Dann geht mir das ganze wohl doch etwas sehr schnell, bzw. fehlen mir ein bisschen mehr Gefühle oder Emotionen da. Aber da du ja angedeutet hast, dass Rett schon so einiges mitgemacht hat, wird sich das ja vielleicht noch aufklären bzw. für mich nachvollziehbarer werden später.


    Ich bleibe trotzdem dran.


    Lg :rolleyes:

    "Niemand weiß, was er kann, wenn er es nicht versucht." Zitat von Publilius Syrus



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    "Und so verliebte sich der Löwe in das Lamm."
    "Was für ein dummes Lamm."
    "Was für ein kranker, masochistischer Löwe."
    Zitat aus dem Buch "Biss zum Morgengrauen"

  • „Du erkennst es? Das hatte er vorhergesagt...“ Rett lehnte sich wieder an die Tür und ließ die verletzten Hände auf den angezogenen Knien ruhen.
    Nate setzte sich neben ihn auf den Boden und nahm Astra die Waffe aus den bebenden Händen. „Du weißt, wem diese Waffe gehört?“
    Sie nickte zögernd, schwieg aber. Der Schock war ihr anzusehen.
    „Wusstest du nicht, dass dieser jemand hinter dir her ist?“
    „Nein.“ Ihre Stimme klang aussichtslos. „Ich hatte befürchtet, dass man mir folgt. Und ich glaubte hier ein gutes Versteck gefunden zu haben. Doch jetzt haben sie mich aufgespürt, zumindest diese Wohnung. Ich weiß nicht, wie sie es gemacht haben. Ich weiß nicht, wie sie mir folgen können. Aber dass dieser … Mann …“ Sie verstummte wieder.
    Nates hilfloser Blick wanderte zu Rett. „Was ist hier passiert?“
    Wieder schloss der Freund kurz die Augen. Astra nutzte die Gelegenheit und öffnete die Flasche mit dem Alkohol. Sie goss die Flüssigkeit auf einen von Kays ausgekochten Lappen und betupfte damit Retts Wunden. Er gab einen widerwilligen Laut von sich, dann begann er.
    „Wir hörten ein dumpfes Dröhnen, dass immer näher kam. Ich hab die Tür verriegelt. Dann war es kurz still, doch dann hat sich jemand an der Klinke zu schaffen gemacht. Und plötzlich - “ Er schauderte kurz. Dann schüttelte er den Kopf, als wolle er das Bild in seinem Inneren loswerden. „Plötzlich krochen unter dem Türspalt lange schwarze … Fäden hindurch. Tiefschwarz. Sie ringelten sich an der Tür hinauf und zogen Riegel und Kette beiseite. Es war beängstigend. Wie Tentakel sahen sie aus, wie Tentakel aus schwarzem Rauch.“
    Astras Rechte krallte sich um ihre linke Armbeuge. Nate sah kurz zu ihr herüber und seine Augen wurden schmal.
    „Die Tür ging auf und zwei Leute kamen herein. Ein Mann und eine Frau. Sie trug eine Waffe, die sie auf uns richtete. Er hatte nur zwei Dolche im Gürtel stecken.“ Rett schluckte kurz. „Kay war aufgesprungen und hatte Ivy hinter sich geschoben. Dann hat der Kerl nach Astra gefragt und Ivy begann zu weinen. Als Kay sich umdrehte und sie beruhigen wollte, hat die Frau auf sie geschossen.“
    Astra keuchte entsetzt auf und hielt in ihrer Arbeit inne.
    „Die Kugel ging in die Schulter und Kay fiel. Ivy ist durchgedreht. Ich hab mich auf die Frau gestürzt, aber der Kerl hielt mich auf.“ Jetzt betrachtete er den Verband, den Astra gerade um seine linke Hand wickelte. „Er hat eine … unheimliche Kraft. Ich konnte mich ihm nicht einmal nähern. Dunkelheit ging von ihm aus. Es war nicht einfach nur finster. Dieses Dunkel war kalt, es fühlte sich schwer an, es lähmte meine Gedanken, meine Schritte. Ich konnte nichts mehr sehen. Nur Ivys Schreien klang durch diese Finsternis. Der Kerl ging auf mich los, er war mir überlegen und schlug mich zu Boden. Und dann heftete er mich an die Tür und nahm die Schwärze weg.“
    Er seufzte tief und hob die Hand, wohl um sich hilflos durch die Haare zu fahren, doch Astra kam ihm zuvor und hielt ihn zurück. Sanft verband sie auch diese Verletzung. Retts Blick suchte den von Nate.
    „Ivy hat ihm alles erzählt, Nate. Diese Frau stand da, mit ihrem Fuß auf Kays Rücken und mit ihrer Pistole, die auf mich gerichtet war. Und er hockte am Boden und sprach leise mit der Kleinen. Sie wusste, um was es ging. Meine Güte, sie ist erst vier und sie hatte begriffen, dass es von ihr abhing.“ Wieder schüttelte er den Kopf und wischte sich mit den frisch verbundenen Händen über die Augen.
    „Sie wissen alles. Ivy hat ihnen gesagt, dass sie dich sehen kann, Astra. Sie hat ihnen verraten, dass ihr zusammen fortgegangen wart und dass Nate wiederkommen würde, wenn er dich in Sicherheit gebracht hatte … wir Erwachsenen wurden nicht befragt. Sie hatten alle Informationen, die sie brauchten.“
    Schweigen. Alle drei benötigten einen Moment, um zu begreifen, was das bedeutete.
    “Ich soll dir ausrichten, dass du Astra zum Hort des Wissens bringen sollst. Dann kannst du Kay wieder mitnehmen. Solltest du ohne Astra auftauchen, bringen sie Kay um. Und Astra - dich weisen sie darauf hin, dass die Schmerzgrenze eines kleinen Mädchens nicht sehr hoch ist, deshalb solltest du keine Tricks versuchen. Ivy werden sie am Leben lassen und behalten. Es liegt nur in deiner Hand, wie qualvoll dieses Leben eventuell werden könnte … “ Retts Stimme erstickte.
    Nate spürte sein Herz in seiner Brust hämmern. Alles in ihm zog sich schmerzhaft zusammen. Kay … Ivy! “Was wollen sie mit Ivy?”, flüsterte er fassungslos.
    Astra schlang die Arme um ihren Körper, als müsse sie sich selbst schützen. “Sie glauben, dass sie mithilfe von Ivy die anderen finden können.”


    Mit Mühe drehte Nate den Kopf und sah sie an. “Die anderen? Es gibt noch mehr Menschen wie dich?”
    Astra nickte bitter. “Und weil Ivy mich sehen konnte, glauben sie, dass sie auch diese sehen kann. Aber selbst wenn dies nicht der Fall ist, werden sie die Kleine niemals gehen lassen. Sie ist ein zu reizvolles Forschungsobjekt.”
    Es schien, als hätte jemand die Luft aus dem Zimmer gesaugt, jedenfalls fiel Nate jeder Atemzug schwer. Seine kleine Ivy - ein Forschungsobjekt? Hilfesuchend sah er zu Rett, doch der lehnte nach wie vor mit geschlossenen Augen an der Tür. Sein Gesicht war blass geworden.
    Astra erhob sich abrupt. “Es tut mir leid, Nate. Das ist alles meine Schuld. Ich hätte niemals hier bleiben sollen …”
    “Ja, vielleicht”, meinte Nate leise. Er starrte auf den Teppich, auf dem vor drei Stunden noch das Frühstück gestanden hatte. Seine Miene war leer.
    “Ich gehe zurück.” Kummervoll sah Astra auf die beiden Männer nieder. “Ich gehe zurück und werde alles dafür geben, dass sie beide gehen lassen.”
    Nate antwortete nicht, doch sein Gesicht veränderte sich. Es nahm einen kämpferischen Ausdruck an. Mit zusammengezogenen Augenbrauen blickte er zu ihr auf, dann erhob er sich.
    “Wie lange? Wie lange braucht man von hier bis zum Hort des Wissens?”
    Astra biss sich auf die Lippe. “Ich war fast drei Wochen unterwegs. Zu Fuß.”
    “Das ist zu lang.” Er klang völlig emotionslos. Grübelnd stützte er das Kinn auf die Fingerknöchel. “Zu Fuß schaffen wir es nicht.”
    Rett räusperte sich schwach. “Ich … es gibt eventuell eine Möglichkeit. Eine … Bekannte schuldet mir einen Gefallen. Sie verfügt über gewisse Mittel.”
    Nate nickte. “Geh zu ihr. Ich weiss, es ist Sonntag, aber wir haben keine Zeit zu verlieren. Rede mit ihr, verrate ihr aber nicht mehr als nötig.” Er wandte sich zu Astra um und verschränkte die Arme. “Astra, du kümmerst dich um unsere Ausrüstung. Schau dich um in der Wohnung. Packe alles zusammen, was du von unserem mageren Besitz als notwendig erachtest. Ich weiß, wir haben nicht viel und im Ödland gibt es nichts, aber mehr können wir momentan auch nicht besorgen. Alles, bis auf die Lebensmittel.” Er wartete ihr verwirrtes Nicken gar nicht ab. “Ich gehe nochmal in die Scheune und hole alles an Nahrung, was ich auftreiben kann. Meine Waffe nehme ich mit. Sollte sich irgendjemand zwischendurch Zutritt in unsere Wohnung verschaffen wollen, tu mit ihm, was du willst. Wenn Rett wiederkommt, lass ihn ein und wartet dann auf mich. Geht nicht allein raus.”
    Erneut nickten die beiden, Rett gleichmütig, Astra mit entgeisterter Miene. Nate verblüffte sie immer wieder. Eben noch schien er am Ende aller Hoffnungen und Kräfte zu sein und nun gab er ihnen Anweisungen wie … ein Anführer. Und er wirkte so sicher in dieser Rolle.
    Rett erhob sich. Er sah schlecht aus. Sein Gesicht war von nahezu grauer Farbe, seine Hände zitterten immer noch. In Kays Fundus hatte sich kein Schmerzmittel befunden, dass ihm Hilfe gewesen wäre und so presste er hilflos die Lippen aufeinander. Schweiß glänzte im Schein der kleinen Lichtkugel auf seiner Stirn.
    Astra wusste nicht, wieso sie es hatte kommen sehen, aber als er einen Schritt tat und plötzlich zusammensackte, fing sie ihn auf. Er zog sie mit sich zu Boden, doch wenigstens fiel er nicht ungebremst.
    Nate kam ihr zu Hilfe, zog den Stuhl heran und legte Retts Beine auf die Sitzfläche.
    Es dauerte einen Moment, dann schlug der Ältere die Augen wieder auf. “Verzeiht mir. Das … war unerwartet.”
    Astra wischte seine Worte mit einem nachsichtigen Lächeln beiseite. “Du musst dich ausruhen. So kannst du unmöglich gehen.”
    Nate musste ihr zustimmen. “Sag mir, wo deine Bekannte lebt und was ich ihr sagen soll.”
    Rett drehte den Kopf und musterte Nate. “Ihr Name … ist Victoria. Sie wohnt direkt über der Werkstatt, ihr Vater ist mein Chef. Sag ihr … es ist soweit. Mehr wird nicht nötig sein.” Nate drückte Retts Arm und wollte sich erheben, doch sein Freund legte die verbundene Linke auf sein Bein. “Sie wird mitkommen wollen und ich … denke, es wäre eine gute Idee. Entscheide du es.”
    “Das werde ich.” Nate stand auf. Er sah Astra in die Augen. “Kümmere dich um ihn. Bleibt hier und wartet auf mich. Ich gehe zu Victoria und dann in die Scheune. Und wenn ich wieder da bin” , seine Augen wurden schmaler, “erzählst du uns alles.”

    Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

    Im Mund.

    Quer.

    Und ohne zu sabbern.

    :whistling:


    Meine Geschichte

    Elemental

  • Nate war verschwunden. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und der dumpfe Knall hallte durch den leeren Flur. Astra stand für einen Moment wie erstarrt, dann stieg sie behutsam über die Spiegelscherben und verriegelte mit zitternden Fingern. Kurz lehnte sie die Stirn an das kühle Metall und schloss die Augen, dachte an den jungen Mann, der jetzt mit grimmiger Miene durch den Regen lief, entschlossen, seine Familie zu retten …
    Kümmere dich um die Ausrüstung. Das war seine Anweisung gewesen. Langsam drehte sie sich um und musterte das Chaos im Flur. Im Wohnzimmer sah es nicht besser aus. Rett, noch immer auf dem Fußboden, hob leicht den Kopf, als sie wieder zu ihm kam und machte Anstalten sich zu erheben. “Bleib liegen”, meinte sie leise. Dann packte sie die Sofakante und zerrte das abgewetzte Sitzmöbel wieder auf seine wackeligen Füße.
    “Wieso ist hier alles verwüstet? Sie hatten doch, was sie wollten?” Die Fragen galten mehr ihr selbst, doch scheinbar hatte sie sie ausgesprochen, denn Rett seufzte.
    “Kay hat sich gewehrt”, murmelte er. “Daraufhin ist Ivy ins Hinterzimmer gelaufen. Die Frau hat sie wieder herausgezerrt, während ihr Kumpan Kay an den Haaren gepackt und auf den Tisch geschleudert hatte. Sie war außer sich vor Sorge um die Kleine und wollte immer wieder entkommen. Der Kerl schlug mehrmals auf sie ein, irgendwann gab sie ihren Widerstand auf und ließ sich einfach fortzerren.“ Ein jammervoller Laut entrang sich ihm. Er drehte sich auf die Seite und krümmte sich zusammen.
    Die Schuldgefühle überrollten sie förmlich. Rett hatte zusehen müssen und nichts tun können. Das Leben der vier Menschen, die hier noch vor wenigen Stunden eine Familie am Frühstückstisch gewesen waren, lag jetzt in Trümmern. Ihretwegen. Und egal, was sie jetzt sagen oder tun würde, nichts konnte dies ändern.
    Nate hatte ihr eine Aufgabe gegeben. Sie würde diese gewissenhaft erfüllen. Sie würde alles tun, was in ihrer Macht stand, um den beiden Männern zu helfen, ihre Familie wieder zusammenzuführen.
    Ihre Suche nach Brauchbarem startete in der Küchenspalte. Nach reichlicher Überlegung nahm sie das, was ihrer Meinung nach zum Überleben am nötigsten war. Besteck, Schüsseln, Becher, zwei Töpfe. Feuerzeug. Die leere Flasche für Trinkwasser. Sie stellte alles an den Durchgang zum Wohnzimmer und ließ ihren Blick dabei durch den Raum wandern. Außer dem Sofa und dem einzelnen Stuhl gab es nicht viel, nur eine Kiste an der Wand. Schon öffnete sie den Mund, um Rett zu fragen, was sich darin befand, da sah sie, dass er vor Erschöpfung eingeschlafen war. Kummer und Schmerz hatten zusammen mit einigen still vergossen Tränen Spuren auf seinem Gesicht hinterlassen. Noch immer lag er auf dem Boden, doch sie würde ihn jetzt nicht wecken.
    Leise öffnete sie den Deckel der Kiste. Es waren Retts Habseligkeiten. Ganz richtig schien es ihr nicht , einfach darin herumzuwühlen. Behutsam zog sie einige warme Pullover heraus, eine alte Jacke, zwei Decken. Dann ging sie hinüber zu Kays Zimmer, sah dort alles an, nahm weitere Decken und Kleidung an sich. Nates Raum hatte sie für den Schluss ihrer Suche aufbewahrt. Auch hier wählte sie einiges aus. Dann sah sie auf ihre Ausbeute herab. Es war wenig, zu wenig für ihren Geschmack. Nichts davon taugte, um eine Unterkunft zu errichten, nichts würde gut genug sein, um im Notfall gegen Nahrung getauscht werden zu können. Sie würden Bündel schnüren müssen, denn es gab nur zwei Beutel und einen davon hatte ihr Kay vorhin bereits umgehängt …
    Noch einmal sah sie sich kurz um, ihr Blick fiel auf einen bunten Zipfel, der aus dem Spalt zwischen Wand und Matratze hervorlugte, und nahm eine zerknautsche Puppe hervor. Sie gehörte sicher Ivy. Und es würde nicht schaden, ein Symbol der Hoffnung mitzunehmen.
    Schließlich stapelte sie drei Haufen auf dem Sofa, das sie wieder aufgestellt hatte. Jeder enthielt eine Garnitur Ersatzkleidung, zwei Decken und ein Essgeschirr. Dazu kamen einige wichtige Kleinigkeiten, die auf die einzelnen Bündel verteilt werden mussten. Und die Vorräte, die Nate dann noch besorgen wollte. Kurz zögerte sie, doch dann ging sie noch einmal in die Küche hinüber und räumte sämtliche Lebensmittel heraus. Sie würden eine Weile unterwegs sein. Eventuell kam diese Victoria noch dazu. Und auf dem Rückweg …
    Seufzend betrachtete sie ihr Machwerk. Würde es reichen?
    “Was ist?”, drang Retts Stimme an ihr Ohr und als sie sich umdrehte, sah sie, dass er die Augen geöffnet hatte und sie beobachtete.
    “Es kommt mir so … wenig vor. Das ist keine Ausrüstung, das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein.”
    Er schwieg einen Moment, dann kämpfte er sich in eine sitzende Position.
    “Hattest du denn mehr bei dir, als du hergekommen bist?”
    Astra schüttelte den Kopf. “Nein. Aber meine Bedingungen waren ganz anders.” Sie ignorierte seinen fragenden Blick. “Ich werde euch alles erzählen, Rett. Wenn Nate wieder da ist, versprochen. Ihr habt ein Recht zu erfahren, in was ich euch da hineingezogen habe.”
    Rett nickte, dann sah er auf seine Hände hinab. Die Verbände hatten sich rot verfärbt. Astra nahm Kays Ausrüstung, doch der Patient machte ein ablehnendes Gesicht. “Lass nur. Wir brauchen das Material unterwegs vielleicht nötiger.” Seine Fingerspitzen zuckten und er verzog das Gesicht. “Verdammt. Ich werde eher lästig als hilfreich sein.”
    Sie schwiegen beide, wohl wissend, dass er recht hatte. Dann nahm Astra den Beutel, den Kay ihr mitgegeben hatte und holte die Lebensmittel heraus. Das Brot brach sie mittendurch, dann reichte sie Rett ein Stück Wurst. Nur mit großer Mühe konnte er seine Mahlzeit festhalten, aber er erlaubte nicht, dass sie ihm half. Mit verbissener Miene zwang er seine Glieder zum Gehorsam. Doch Astra bemerkte, dass mindestens vier Finger überhaupt keine Regung taten und das machte ihr Sorgen.
    “Was glaubst du, wie lange Nate fort sein wird?”, fragte sie leise. In der Wohnung gab es keine Uhr, jegliches Zeitgefühl war ihr verloren gegangen.
    Rett überlegte kurz. “Bis zur Werkstatt läuft er schon ein Stück. Dann braucht er auch Zeit, um mit Victoria zu reden und dann muss er noch in die Scheune und wieder zurück. Vielleicht sucht er auch noch ein, zwei andere Orte auf, ich weiß es nicht. Aber ich rechne nicht vor dem Abend mit seiner Heimkehr.”
    Verstehend nickte Astra. “Genug Zeit, um mir zu erklären, wie ihr alle zusammengefunden habt.”

    Als Mama lernt man beizeiten, eine Tafel Schokolade auf Anhieb zu verstecken.

    Im Mund.

    Quer.

    Und ohne zu sabbern.

    :whistling:


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