Des Wanderers Nachtgedanken

Es gibt 58 Antworten in diesem Thema, welches 9.632 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (5. Mai 2024 um 22:36) ist von Der Wanderer.

  • BITTE ZUERST LESEN !

    Heyho.

    Ich äußere mich eher selten zu den s.g. "aktuellen" Themen. Das hat etwas damit zu tun, daß ich eher oldschool bin - ich habe zwar ein Handy, nutze es aber über Tage nicht. Für mich ist das erst mal ein Telephon.

    Online bin ich immer erst abends am Laptop (das erklärt manchem vielleicht jetzt auch, warum ich selten tagsüber hier rumkrebse :) ).

    Das hat natürlich auch zur Foge, daß ich nicht ständig topaktuell mit allen möglichen News zugeschüttet werde, wie es dem einen oder anderen von Euch vielleicht ganz normal erscheinen mag.

    Mein Vorteil dabei: Ich verpasse blödsinnige Schnellschüsse zu verschiedenen Themen, für den täglichen Boulevard produziert und daher meistens völlig wertlos.

    Da recherchiere ich dann lieber erst mal ein paar Tage, sammele für mich, was an Fakten übrig bleibt und urteile dann.

    Das versuche ich jetzt auch hier - seht mir's bitte nach.

    Aber einen neuen Thread dazu zu starten fand ich verkehrt - dafür sind die Themen online zu schnellebig. Und ich versuche ja auch nichts anderes, als meine eigenen Gedanken dazu kund zu tun, von daher paßt es eigentlich zu meinen "Nachtgedanken".

    Auch wenn es keine Gedichte sind.

    Danke für Deine Aufmerksamkeit.

    DIE WACHSAMKEIT IM AUGENBLICK - WICHTIG WIE NOCH NIE.

    (LOST CENTURY)

    Der AfD - Schock

    Echt jetzt???

    Ein Schock...ja, für wen denn? Welcher Volidiot entblödet sich, so eine Schlagzeile zu schreiben?

    Nur für die Bücher: Die AfD wurde am 06.02.2013 gegründet. Seit zehn Jahren sorgt sie mit immer neuen, zum Teil grotesken Forderungen für Aufsehen.

    Und jetzt stellt sie in Sonneberg mit über 50% den neuen Landrat. Ist schon mal ein Anfang.

    Die NSDAP hat sich am 20.02.1920 in München gegründet - bis zur Machtergreifung brauchten die Nazis gerade einmal 13 Jahre.

    Zugegeben, der Vergleich ist schwach: Andere aussen- und innenpolitische Umstände, völlig andere Machtverhältnisse in der Welt und vieles mehr.

    Ebenfalls, zumindest meiner Meinung nach waren die Reaktionen der großen, etablierten Parteien damals wie heute:

    Mit denen machen wir nix. Niemals nie. Zumindest in Thüringen scheint das ja nicht geklappt zu haben.

    Ansonsten durfte der intellektuell angestrichene Mensch sich jahrelang von der "Heute-Show" oder "Extra3" versichern lassen, daß die blauen Jungs (und wenige Mädels) nur eine Lachnummer wären.

    Hat man heute ja gesehen, wie recht die alle hatten.

    2.143 Millionen Menschen leben heute in Thüringen und von denen haben gerade einmal 58% ihre Stimme abgegeben. Das sind 1.243 Millionen.

    Und von denen waren knapp 750.000 für die AfD. Lacht da noch einer?

    Ich finde sowas nicht komisch.

    Mal ganz abgesehen davon, daß 900.000 Menschen NICHT an die Urnen gegangen sind (und es obliegt den s.g. "etablierten" Parteien, sich mal Gedanken darüber zu machen, WARUM das so ist!) bin ich mir bei denen leider gar nicht sicher, daß sie außer hohlem Geschwätz etwas zu bieten haben.

    Kommentare dazu wie diesen hier:

    Christian Bangel, Die ZEIT, 25.06.23

    Schaut auf die Nichtwähler

    Man sollte bei all dem allerdings nicht nur auf die Menschen schauen, die AfD gewählt haben, sondern auch auf jene, die nicht einmal bei dieser entscheidenden Wahl ihre Stimme abgaben. Bei gerade mal 58 Prozent lag die Wahlbeteiligung in Sonneberg. Es sind nicht einfach nur die extrem Rechten stark, es ist vor allem auch der Wille anderer schwach, diese Demokratie gegen sie zu verteidigen. Wer die AfD wieder kleinkriegen will, der muss vor allem diese Leute auf seine Seite ziehen. Dahin – und nicht zu den Rechtsradikalen – sollte die politische Energie fließen.

    Oh Mann: "Zieh die Nichtwähler auf deine Seite" "Politische Energie".

    Den Blödsinn lese ich jetzt seit über 40 Jahren bewußt.

    Aber noch haben wir ja, historisch gesehen, drei Jahre Zeit.


    Causa RAMMSTEIN

    Als ich zum ersten Mal darüber was las, war mein Gedanke:

    "Ja...wat denn?" Groupies sind ja nichts Neues.

    Stimmt natürlich, nur in dem Fall eher nicht. Groupies, zumindest nach meiner Erfahrung an Bühnen, waren meistens junge Frauen, die am Eingang zum Backstagebereich der von ihnen favorisierten Band warteten, um reinzukommen, zur Not auch gegen sexuelle Gefälligkeiten. Die gab's schon 1940 bei Konzerten von Frank Sinatra - neu ist das Phänomen also nicht.

    Der Unterschied zwischen damals und heute:

    Die Mädels machten das freiwillig. Kann man gut oder schlecht finden, ich werte es nicht. Das war ihre Entscheidung.

    "Suck my Dick, lick my Ass, then you get a Backstage Pass"

    Das war so ein bißchen das damalige Losungswort.

    Sollte es jedoch zutreffen, das Herr Lindemann ausgewählte Damen in seinen persönlichen Darkroom eingeladen hat, ist das für mich ziemlich weit weg von der ursprünglichen Idee.

    Ich persönlich halte die Darstellung diverser Damen, die über betäubende Drinks etc. berichtet haben für eher unwahrscheinlich, da die überwiegende Menge der Berichterstattung zum Thema zwar ausdrücklich anmerkt, daß explizite Anfragen zum Geschlechtsverkehr erfolgten, diese jedoch bei Absage respektiert wurden.

    Eher unerfreulich nenne ich Petitionen (natürlich dem Gesetz des Netzes geschuldet) die sich genau deshalb in kürzester Zeit formierten und in denen die Absage von Konzerten der Band gefordert wurden.

    Da muß ich einfach mal zitieren:

    „Jeder Mensch, der einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, ist solange als unschuldig anzusehen, bis seine Schuld in einem öffentlichen Verfahren, in dem alle für seine Verteidigung nötigen Voraussetzungen gewährleistet waren, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist.“

    (Artikel 11, Abs.1/ Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen 1948)

    So ist das,

    Besser, so sollte das sein.

    Passiert heute aber natürlich nicht.

    Stattdessen finden sich in Kürze 90.000 Unterschriften gegen Auftritte der Band in Berlin. Gegen 225.000 Leute, die Tickets haben und ein gutes Konzert sehen wollen.

    Ich frage mich da: Wie schnell haben diese 90.000 Unterzeichner der Petition sich entschieden?

    Irgendwas anklicken im Netz geht schnell, sich das zu überlegen benötigt Zeit.

    Und wenn ich die o.g. angeführte Erklärung der Vereinten Nationen zum Maßstab nehme, dürfte es den Shitstorm der 90.000 gar nicht geben. Zumindest noch nicht.

    Da wird bereits Holz für einen Ofen gehackt den es noch gar nicht gibt.

    Und natürlich, weng verwunderlich, durfte ich sowas lesen:

    "Darf man noch Rammstein hören?"

    Äähhmm, Hallo???

    Darf ich noch den "Badenweiler Marsch" hören oder muß der auch aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt werden, weil ihn der Führer mal als seinen Lieblingsmarsch benannt hat?

    Darf ich nicht mehr in die Oper zu den "Meistersingern" gehen, weil Wagner ein Nazi war?

    Vor zwanzig Jahren hätten diese Fragen keinen geschert, heute sind sie scheinbar existenziell.

    Sei's drum.

    NIGGER!!!

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    Nuff said.

  • Wohin?

    Durch viele Stürme segle ich

    an manchen Ufern lande ich

    Und doch und trotzdem weiß ich nicht

    wo wird mein Anker fallen?

    Nicht dort, wo ich's erträumt mir hab,

    oh nein, woanders steht mein Grab.

    An einem Ort, mir unbekannt.

    Auf einem Grabstein, unbenannt.

    Noch bin ich hier, bald bin ich fort.

    Zu gänzlich unbekanntem Ort.

    Ich weiß nicht recht, wie mir geschieht

    wo wird mein Anker fallen?

    Des Glückes Wut hab' ich bezwungen

    ihm diesen Splitter abgerungen,

    das nichts geschehe ohne Sinn.

    doch weiß ich nicht, wohin, wohin?

  • Meine Wunderkerzen

    Heyho.

    Im Wechsel vom alten zum neuen Jahr entzünde ich seit langem nacheinander drei Wunderkerzen.

    Ich mag den Glanz...und ich mag es, daß sie keinen Krach machen, trotzdem ein helleres Licht in der Sylvesternacht sind als die buntesten Raketen.

    Meine erste Wunderkerze widme ich stets der Liebe.

    Denn nichts stärkeres gibt es im Leben eines Menschen als die Liebe.

    Zu einem anderen Menschen, zu einem Tier, das Vertrauen hat zu ihm.

    Zu den Schönheiten des Lebens, die man auch in Bitterkeit erfahren kann.

    Liebe ist alles.

    Meine zweite Wunderkerze widme ich jedes Jahr der Hoffnung.

    "Was wünscht Du Dir?" wurde ich oft gefragt.

    Und jedesmal war meine Antwort:

    "Ich wünsche mir nur einen Tag Frieden auf der Welt"

    Hat bisher leider nicht geklappt.

    Trotzdem - oder gerade deshalb werde ich diese Hoffnung nicht aufgeben.

    Meine dritte Wunderkerze ist immer denen gewidmet, die ich geliebt habe und immer lieben werde.

    Denen, die vor mir gegangen sind.

    Die solange lebendig sind, wie ich oder ein anderer an sie denkt.

    Die mich beschenkt haben mit ihrer Liebe und bereichert mit ihrer Hoffnung.

    Fiat Lux.

    Das Burk. 0:00 Uhr, 2024

  • Heyho.

    Die Unsitte, es allen und jedem recht machen zu wollen, ist ein echtes Übel unserer Zeit. "Political Correctness" war der heuchlerische Anfang, "Sensivity Reader" sind für mich heutzutage ein Grund, Ausschlag zu kriegen.

    Was soll das?

    Sie schmeißen die Bücher raus, die nicht so geschrieben sind, wie's der Zeitgeist gerne liest? Da frage ich mich wirklich, welche (ganz sicher) studierten Kleingeister in ihren hohlen Birnen drauf gekommen sind, so etwas wäre (für welchen Zweck auch immer) nötig.

    Auch, wenn man das heutzutage etwas anders nennt, ist es doch eigentlich nichts anderes als das, was 1933 hierzulande geschehen ist: Da hat man Bücher, die einem mit dem vorliegenden Inhalt nicht paßten, einfach verbrannt.

    Die Scheiterhaufen brennender Bücher unliebsamen Inhaltes sind bis heute ein Fanal. Angeblich. Nur das man Bücher heute nicht mehr verbrennt: Man sortiert sie einfach nur still und heimlich aus.

    Und sind sie erst mal weg...tja. Dann sind sie eben weg. Nur ist das die Vogel Strauß - Taktik:

    Bücher, ihre Inhalte und Aussagen waren und sind seit jeher Spiegel der Gesellschaft, in deren Zeit sie entstanden sind. Und die Reflektion dieser Bücher immer auch Ansatz und Herausforderung, sich damit auseinander zu setzen.

    Das heutzutage ernsthaft darüber diskutiert wird, welche Wörter man benutzen dürfe, welche nicht, welche "böse", welche "recht und gut" sind...es kotzt mich nur noch an.

    WAS ICH ERKANNT

    Verbrennt nur die Papiere!

    Die Gedanken sind feuerfest.

    Was ich erkannt, kommt dadurch nicht ins Wanken

    daß ihr den Geist mit falschen Maßen messt.


    Allüberall, wohin mich Pferde tragen,

    ziehn die Gedanken mit mir auf und ab.

    Sie gehen mit mir zu Bett nach mühevollen Tagen

    und sterbe ich, so nehme ich sie mit ins Grab.


    Doch dies Autodafé der Pergamente

    ist dumm und Schmach der Wissenschaft.

    Stützt Eure Meinung durch Argumente!

    Dann wird sich zeigen, wo der Irrtum klafft.


    Ihr sitzt zu -unrecht auf eurem Richterstuhle

    und seit von euren Zielen weit entfernt,

    ihr geht am besten auf die Fibelschule,

    daß ihr erst mal die Anfangsgründe lernt.


    Ibn Hazm (994 - 1064)

    (Als man Bücher verbrannte)

    Ibn Hazm – Wikipedia
    de.wikipedia.org


    Nuff said.

  • Sie schmeißen die Bücher raus, die nicht so geschrieben sind, wie's der Zeitgeist gerne liest?

    Vielleicht habe ich es missverständlich formuliert. Die von mir kritisierte Aussage war lediglich "alles was nicht in neuer Rechtschreibung ist". Der Rest meine eigene Interpretation.

    Da ich anderswo auch las dass Jim Knopf nun in einer politisch korrekten Version erschienen ist. Ich fragte mich da kurz was denn an dem Buch unkorrekt sein könnte. Aber offenbar kam im Original das N-Wort vor.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Da ich anderswo auch las dass Jim Knopf nun in einer politisch korrekten Version erschienen ist. Ich fragte mich da kurz was denn an dem Buch unkorrekt sein könnte. Aber offenbar kam im Original das N-Wort vor.

    Ich finde, dass diese beiden Artikel das ganz gut erklären, warum Verlag und Nachlass sich dazu entschieden haben, das Buch anzupassen:

    (hinter einer paywall, aber Journalismus muss ja auch von was leben) https://www.faz.net/aktuell/feuill…g-19540747.html

    (frei zugänglich) https://www.swr.de/swraktuell/bad…echern-102.html

    Es wurden einige racial slurs rausgenommen, auch das Cover wurde angepasst, sodass negative Stereotypen nicht länger produziert werden.

  • Ich finde, dass diese beiden Artikel das ganz gut erklären, warum Verlag und Nachlass sich dazu entschieden haben, das Buch anzupassen:

    Danke schön für die Links. Das fand ich interessant. Meiner Meinung nach ist gerade Jim Knopf ein sehr gutes Beispiel für ein Buch wo der Hauptcharakter zwar schwarz ist aber es nicht darum geht (das habe ich einfach als ein Kuriosum empfunden in einer Story die voller Kuriositäten ist - darum hat es da richtig gut gepasst) sondern um eine einfach toll geschriebene Abenteuergeschichte für Kinder. Der Autor macht es so gut dass alle Arten von Lesern angesprochen werden.

    Das neue Cover finde ich besser als das alte. Schließlich werden ja ständig Bücher neu mit anderen Covern herausgegeben und das neue Cover ist einfach hübscher. Ich denke nicht dass dadurch Autorenrechte verletzt werden denn der hat sicher das alte Cover auch nicht selbst gemalt.

    Was den Inhalt angeht - da Worte auszutauschen - da könnte man drüber diskutieren. Wenn es nur einzelne Worte sind ist es vielleicht noch nicht schlimm aber ich kann mir vorstellen dass die Grenze dazu auch ganze Passagen oder Kapitel zu löschen oder zu ändern dann auch schnell kommen kann und darum sehe ich das etwas kritisch.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Ich finde, dass diese beiden Artikel das ganz gut erklären, warum Verlag und Nachlass sich dazu entschieden haben, das Buch anzupassen

    Nachdem vor einiger Zeit schon der 'Kaiser von China' im gleichen Buch der Anpassung weichen musste... wo genau hoert das auf mit dem Anpassen der Vergangenheit?

    Wo anders wird 'Onkel Toms Huette' aus Bibliotheken verbannt weil... nun ja, da kommen Sklaven vor. Huckleberry Finn landet auch auf dem Index - die ganze Intention der Freundschaft zwischen Huck und Jim spielt offenbar keine Rolle, magische Worte sind eben boese und muessen verbannt werden.

    Und wenn wir dann die ganze Vergangenheit angepasst haben und keiner mehr weiss dass die Welt frueher anders war - ist dann die gerechte Gesellschaft erreicht? Oder haben wir... eigentlich nur die Lehren aus der Vergangenheit verdraengt?

  • wo genau hoert das auf mit dem Anpassen der Vergangenheit?

    Tja, wer weiß? Kommt wahrscheinlich auf die Perspektive an, die entscheidet, ob/wann/inwiefern etwas angepasst werden soll/muss/kann. Eine Antwort fällt mir dazu auch nicht ein.

    Und wenn wir dann die ganze Vergangenheit angepasst haben und keiner mehr weiss dass die Welt frueher anders war - ist dann die gerechte Gesellschaft erreicht? Oder haben wir... eigentlich nur die Lehren aus der Vergangenheit verdraengt?

    Jep, das ist eine Tatsache, über die auch schon in größerem politisch-wissenschaftlichen Kontext gesprochen wurde (siehe Tauben im Gras-Debatte). Eine gesamteinheitliche Antwort oder Lösung scheint es nicht zu geben, fürchte ich.

  • Was den Inhalt angeht - da Worte auszutauschen - da könnte man drüber diskutieren.

    Ja natürlich kann man da drüber diskutieren, genau so, wie man auch darüber diskutieren kann, ob und wenn nicht heute dann vielleicht morgen auf dem Mond noch kein Käse wächst.

    Wie würde ich, wie würde jeder hier reagieren, wenn irgendwer ankäme und sagte: "Die Wörter, die Du in Deinem Text verwendet hat, dürfen da so nicht mehr stehen! Es könnten sich andere daran stören, deshalb mußt Du sie ändern!"

    Ach echt???

    Einen Scheiß muß ich. Und wer bisher gut aufgepasst hat wird recht schnell feststellen, daß Wort-, Satz- und Formulierungsänderungen auch bisher nur Texte zum Opfer gefallen sind, deren Erschaffer das nicht mehr verhindern können, weil sie gestorben sind und ihre Erben, Nachkommen oder Nachlaßverwalter aufgrund der Tantiemen, die sie für die Geistesleistungen ihrer Vorfahren kassieren, nicht unbedingt daran interessiert sind, den Originaltexten den Vorzug zu geben und darauf zu bestehen, daß die so bleiben, wie sie mal geschrieben wurden.

    John Ronald Reginald Tolkien, Astrid Lindgren, Roald Dahl und viele weitere namhafte Autoren rotieren seit geraumer Zeit in ihren Gräbern angesichts der Unverschämtheit Spätgeborener, die sich anmaßen höheres Wissen über Sprachgebrauch und -verwendung zu besitzen.

    Und wenn wir dann die ganze Vergangenheit angepasst haben und keiner mehr weiss dass die Welt frueher anders war - ist dann die gerechte Gesellschaft erreicht?

    Natürlich nicht. Eine veränderte aber sehr wohl. Nur ganz sicher nicht eine zum "Besseren" veränderte (Wer weiß, was das beinhalten könnte, bitte mal melden!).

    Eine gesamteinheitliche Antwort oder Lösung scheint es nicht zu geben, fürchte ich.

    Natürlich nicht. Wäre ja schön, aber danach suchen die Weisen bereits seit dem Anbeginn der Zeit.

    Das ist ja auch das Idealbild, also Blödsinn. Viel wichtiger ist die Wachsamkeit im Augenblick. Dieses darf ich nicht und jenes geht nicht mehr???

    "Am Arsch die Räuber!" wie meine frühere Chefin so richtig zu sagen pflegte, wenn's um wesentliches ging.

    Was schert's den Baum, wenn ein Schwein sich an ihm kratzt?

    Ich bin dann eher der Baum...

  • Nach einer Nacht drueber schlafen...

    Es wurden einige racial slurs rausgenommen

    Ich hab' schon mit diesem Satz Probleme, weil er nahelegt dass Ende (oder eben auch Twain,...) hier ueberhaupt racial slur reingenommen hat - und man das dann jetzt raustun sollte.

    Das ist und war aber nie der Fall - um Jim Knopf irgend eine Form von Rassismus zu unterstellen muss man sich schon sehr verdrehen, die Intention der Geschichte ist ziemlich offensichtlich das Gegenteil. Genauso bei Huckleberry Finn - die Freundschaft zwischen Huck und Jim ist eine zutiefst menschlich beruehrende Beziehung. Genauso bei Onkel Toms Huette - die Geschichte kritisiert offensichtlich Sklaverei. In jedem Fall wird Jagd auf einzelne Woerter veranstaltet statt das Ganze zu sehen.

    Woerter bedeuten aber nicht an sich etwas - sie bedeuten nur in einem bestimmten Kontext was. Sie veraendern sich zum Beispiel im Lauf der Zeit - a great dole bei Malory ist eben kein hohes Arbeitslosengeld wie heute, sondern grosse Trauer. Sie veraendern sich je nach Subkultur - meine aelteste Tochter nennt ihre Freundin 'bro' - was ganz offensichtlich eine andere Verwendung als normalerweise ist. Ausserhalb von Bayern ist 'Hund' eine Beleidigung, in Bayern drueckt der Begriff Anerkennung fuer Schlauheit aus.

    Nicht umsonst geht in die juristische Definition der Beleidigung der ganze Kontext ein - wer hat in welcher Situation was gesagt und wie wurde es verstanden? Sie setzt Willen voraus vom anderen tatsaechlich beleidigend verstanden zu werden - und sie setzt voraus dass der andere die Worte auch wahrnimmt und versteht.

    Und der ganze Kontext von Jim Knopf legt eben absolut nicht nahe dass irgendwann der Wille bestand jemanden herabzusetzen - insofern ist die Vermutung dass da jemals racial slur drin war sehr gewagt.

    Sinnvollerweise nehmen wir es sonst eben nicht als relevante Beleidigung wahr wenn sich jemand von einem schwulen Paar gestoert fuehlt, wenn jemand keine Kreuze auf Kirchen mag, wenn jemand keine arabisch aussehenden Mitbuerger in seiner Strasse moechte - in jedem Fall ist es moeglich dass sich der andere gestoert fuehlt, in keinem Fall besteht eine Absicht - und damit muss, wer auch immer sich angefasst fuehlt, einfach klarkommen.

    Das blosse 'mir gefaellt das Wort XY nicht' reicht also einfach nicht um eine Herabsetzung zu konstruieren - das funktioniert nur wenn man die Absicht dazu nachweisen kann.

    Das ethische Konzept hinter der Suche von N-Wort, S-Wort und wie sie alle heissen ist brandgefaehrlich weil es nicht im Kant'schen Sinn verallgemeinert - die Leute die solche Aenderungen befuerworten wuerden keine Sekunde akzeptieren dass sie selbst unter solchen Regeln leben sollten - es gibt dazu keine Formulierung die zur allgemeinen Regel werden koennte.

    Kommt wahrscheinlich auf die Perspektive an, die entscheidet, ob/wann/inwiefern etwas angepasst werden soll/muss/kann.

    Eine Perspektive entscheidet nichts - ich kann selbst ohne weiteres mehrere Perspektiven einnehmen und verstehen - und mich dann fuer eine als Handlungsrelevant entscheiden.

    Ich persoenlich bin gegen jede Art von 'Geschichtsanpassung' - wir koennen nur aus der Geschichte lernen wenn wir uns bemuehen sie zu verstehen. Ein Buch ist ein Dokument seiner Zeit, und der Leser soll sich gefaelligst die Muehe machen sich in diese Zeit reinzudenken, dann wird er - vielleicht - ein besseres Gefuehl dafuer bekommen wie sich Perspektiven im Lauf der Zeit aendern.

    Ich habe einiges ueber Rassissmus aus Buechern um die 1920 gelernt - die sich einfach nur mit keltischer Kultur befassen, aber das mit Vergleichen von Schaedelformen der verschiedenen Rassen einleiten. Die schnoerkellose Beilaeufigkeit mit der das alles selbstverstaendlich ist, sie sagt schon einiges ueber das Denken in der Zeit aus.

  • Keine Ahnung, warum ich jetzt hier als die unbezahlte Pressesprecherin des Verlags oder der Nachkommen zitiert werde, weil ich zwei Artikel zusammengefasst habe :rolleyes: Allerdings bin ich mir sicher, dass der Verlag kompetente Pressesprecher:innen hat, die sich bestimmt auch um solche relevanten Fragen kümmern, wie hier aufgeworfen wurden.

  • Keine Ahnung, warum ich jetzt hier als die unbezahlte Pressesprecherin des Verlags oder der Nachkommen zitiert werde, weil ich zwei Artikel zusammengefasst habe

    Versteh' ich nicht - Du wirst ja hier nicht als Pressesprecherin zitiert sondern als Forumsmitglied. Falls Deine Posts nicht Deine Meinung sondern nur die eines Verlags wiedergeben steht es Dir frei das klar zu stellen und Dich von der dargestellten Position zu distanzieren (ich zumindest wuesste sowas gerne).

  • Ein Buch ist ein Dokument seiner Zeit, und der Leser soll sich gefaelligst die Muehe machen sich in diese Zeit reinzudenken

    Danke für die prägnante Formulierung - ich kriege sowas leider nur selten in einem Satz hin.

    Denn ja, das ist der Knackpunkt: Daß sich die Leute über vermeintlich unbequemes empören und verlangen, es sei auszumerzen, damit es nicht mehr störe.

    Gleichzeitig aber sich vehement weigern anzuerkennen, in welchen Zeiten und unter welchen Umständen manches geschrieben wurde, das einem heute Unwohlsein bereitet...

  • Heyho.

    Ich denke, das wesentliche zum von mir losgetretenen Thema ist gesagt, gelesen und verdaut worden. Jetzt würde ich mich freuen, wenn ich diesen Thread wieder so langsam dahin zurückbringen könnte, wozu er ursprünglich gedacht war...

    Zum Geleit

    Man sagt, Melancholie bezeichne grosse Niedergeschlagenheit, Schwermut, sogar Depression. Kann sein. Für mich nicht. Melancholie ist für mich ein Zustand, in dem ich ganz sicher nicht fröhlich bin. aber auch nicht traurig oder gar depri. Eher wehmütig. Weil ich mich an etwas erinnere, das vergangen ist und ich es gerne wieder hätte. Aber so geht das Leben eben nicht. Glücklicherweise bin ich nicht oft melancholisch. Aber wenn ich es war oder bin, dann immer in der Zeit zwischen Dämmerung und Nacht.


    Die Toten sind gar nicht so weit entfernt.

    Sie sind nur auf der anderen Seite der Wand.

    Es sind wir, die auf dieser Seite so allein sind.


    Das stammt aus einem Film, den ich kürzlich gesehen habe. Und je länger ich drüber nachdenke, umso mehr stimme ich zu. Es ist nur ein kleiner Wechsel der Perspektive - aber jetzt sehe ich vieles, das mich früher bedrückt hat auf einmal deutlich weniger finster.

  • Melodisch & angenehm melancholisch. Im Besonderen der Vers über eine offenbarte Zukunft. Das habe ich so noch nie gehört. Ich brauche Gedichte wie die Luft zum atmen und dieses füllt meine durstigen Lungen. <3 Das Reimschema wirkt zu Anfang etwas holprig. Irre ich mich?

  • Heyho.

    Lerne

    Lerne, lerne jeden Tag

    an dem Dein Aug sich öffnet.

    Nimm wahr, erfaß, was sich ihm bietet

    und bring ’s in Einklang.


    Mit dem, was Du schon kennst

    ist das Neue

    nicht jenes, was Dir bisher gefehlt.

    Vielmehr…


    ...ist’s Deinem Geist Ergänzung

    zu dem, was Du bereits wußtest.

    Ist Erweiterung des Wissens

    wohltuend der Erkenntnis.


    Höre zu, vernimm die Worte,

    die weise Menschen sprechen.

    Zu jeder Stund, an jedem Ort,

    kannst Du ihnen lauschen.


    Doch auch den Toren schenke Gehör

    sei’ s auch nur drum,

    sie zu verlachen,

    Auch ihre Worte haben ein Gewicht.


    Mach ihre Meinung nicht zu Deiner,

    forme vielmehr Deine Ansicht aus dem

    was ihre Worte Dir vermitteln,

    vermischt mit den Gedanken, die du schon hast.


    Bleib offen für die Ansichten anderer,

    auch wenn sie Deinem Geist widerstreben.

    Ist’ s auch nur ein kleiner Teil, der Dich berührt,

    dann mag er so falsch vielleicht nicht sein.


    Schmecke, rieche, spüre, sehe, höre.

    Nimm alles auf und wirf es

    in die Esse Deines Lebens,

    auf dass aus ihrem Feuer etwas Neues daraus hervorgehe.


    Und ist, geschmolzen aus vielem

    ein Eines neu entstanden,

    so lass es dabei nicht bewenden.

    Es gibt keinen letzten Schluß.


    Vielmehr, erneut und immer auf ’s Neue:

    Sehe, höre, rieche, schmecke, fühle.

    Rede, wenn ’s der Augenblick gebietet

    schweige, wenn Dir danach ist.


    Nichts ist ehern, nichts von Ewigkeit,

    was der Mensch denkt.

    Drum gibt’s auch nichts,

    was er gemeinhin Wahrheit nennen kann.


    Doch ist dies kein Grund

    den Weg des Strebens zu meiden,

    der Suchende kann Narr nicht sein.

    Wohl aber der Verharrende.


    Die Wahl hat jeder,

    wenn ’s auch viele nicht wissen.

    Wohl dem, der bereit zu lernen

    wenn nicht zum Besten, so doch zum Guten.

    (Der Wanderer, 05.05.2024)

  • Heyho.

    Reflektiert

    Es gibt so vieles, das ich gern wär,

    doch leider so wenig, was ich tatsächlich bin.


    Den Unterschied macht die Sicht der Dinge.

    Was mir der Blick in meinen Spiegel zeigt,

    ist das, was ich bin.

    Was mir die Reflektion meiner Freunde zeigt,

    ist, wofür sie mich halten.

    Was mir die Reflektion meiner Feinde zeigt, ist das,

    was sie in mir sehen.

    In der Reflektion der Welt bin ich unsichtbar,

    denn die Welt kennt mich nicht.


    So kann ich’s drehen wie ich will:

    Wofür die einen mich halten, ist verkehrt.

    Was die anderen in mir sehen, ist verkehrt.

    Dem Rest bin ich nicht bekannt.

    Macht mir aber nichts:

    Mein Spiegel und ich – wir verstehen uns…

    (Der Wanderer, 05.05.2024)