Vrouwen dienest

  • Mundburt berichtet über die Versuche seines Vaters, aus seinen Söhnen rechte Kerle zu machen.


    Ja, Vaters Erziehungsversuche! Das ist ein Kapitel für sich...

    Um euch nicht zu ermüden, meine lieben Querulanten und Quergeister, berichte ich nur von den Erziehungsversuchen, die Vater den Knaben angedeihen ließ; die Mädgen wurden entweder verheiratet oder wanderten ins Kloster, sodass Vater deren Unterweisung und Belehrung anderen überlassen konnte.

    Zunächst ordnete er an, die Knaben schon mit Vollendung des ersten Lebensjahres vom Fläschchen zu entwöhnen und statt Grießbrei und Haferschleim mit handfester Kost zu füttern, zum Beispiel mit kantigen Querköpfen, gebratenen Störchen, ziehenden Hechtsuppen, gepfefferten Zeitungsenten, ausgekochten Tagedieben. Die Milch wurde durch Bier und Wein ersetzt; Milch, meinte er, verdürbe den Charakter, sie werde schnell sauer und damit ungenießbar, und dem Wasser, ha!, dem sei erst recht nicht zu trauen; gerade seien auf Burg Hohenlohe mehrere Insassen nach dem Genuss verdorbenen Wassers gestorben.

    Zur Kräftigung des Gebisses ließ er rohe Eichenborke servieren, auch angedünstete Hufeisen sowie kurzgebratene Fassdauben standen auf dem Speisezettel; zum Nachtisch gab´s dann Kopfnüsse, Maulschellen, Nasenstüber, Arschtritte und andere Köstlichkeiten, die aus einem Weichei einen rechten Mann machen. Was übrig blieb wurde in Tränensäcke verpackt und am nächsten Tag wieder aufgetischt.

    Diese Maßnahmen führten dazu, dass diejenigen meiner Brüder, die Vaters Erziehung und Unterweisung mit halbwegs heiler Haut überstanden, rechte Kerle und starke Kämpfer wurden; manche waren auch nach mehrwöchigen Trinkgelagen noch waffentauglich; etliche konnten einen heranfliegenden Speer mit dem Gebiss aufhalten.

    Doch eines Tages nahmen Vaters Bestrebungen, aus seinen Söhnen harte Kerle und verwegene Ritter zu machen, eine unglückliche Wendung. Ja, manche fragten sich sogar, ob man den Burgherren noch für einen vernünftigen Mann halten könne.

    Zu Mariae Himmelfahrt* kam Vater von einem Turnier in Köln zurück, auf dem er gehört hatte, dass der Kaiser einen neuen Kreuzzug** plane, um das Reich gegen die andrängenden Osmanen zu verteidigen, und deshalb vermehrt tüchtige Ritter suche. Vater, als glühender Patriot und überzeugter Christ, schritt, kaum heimgekehrt, sofort zur Tat. Er ließ Schaukelpferde aus Eichenstämmen mit möglichst rissiger Borke bauen, auf denen schon die Kleinen mit bloßem Hintern reiten und sich gegenseitig mit Weidenzweigen stechen mussten. Diese Maßnahme brachte ihm nicht nur Hohn und Spott, sondern auch die Verachtung gewisser Leute ein, die nichts mit dem Rittertum am Hut hatten.

    Dummköpfe allesamt! Sie setzten ihre Segel ohne zu wissen, woher der Wind weht! Hätten sie gewusst, dass Vaters Reitschule das Ergebnis schmerzhafte Erfahrungen war, Erfahrungen, die er seinen Söhnen unbedingt ersparen wollte, dann hätten sie sicherlich anders geredet.

    Vater jedoch schwieg sich aus, was das Missverständnis noch vergrößerte.

    Doch eines Tages ließ er sich notgedrungen zu einer Erklärung herab. Wieder war einer dieser Knirpse ohnmächtig vom Schaukelpferd gefallen, und Mutter, die bisher alle Mühe gehabt hatte, ihren Abscheu über diese angeblich Rohheit zu verbergen, stellte Vater vor allen Zechbrüdern heftig zur Rede.

    „Frau“, erklärte er daraufhin, „Ihr kennt die Gründe nicht, warum ich diese Reitschule eingerichtet habe. Wüsstet Ihr sie, würdet Ihr weniger Krach schlagen. Nun denn. Hab mein Lebtag unter einem empfindlichen Hinterteil gelitten. Als ich aus Köln nachhause ritt, fühlte sich mein Arsch an, als ritte ich nicht auf einem Pferd, sondern auf einem Nagelbrett, von den Höllenqualen, die ich dabei ausstand, ganz zu schweigen. Hatte gehofft, dass es mit der Zeit besser wird, aber nein, es wird immer schlimmer. Werde wohl bald, dem Herrn sei´s geklagt, auf kein Turnier mehr reiten können. Seht Ihr, liebe Frau, deshalb ist es mir ein Herzensbedürfnis, meine Söhne beizeiten abzuhärten, denn Übung macht nicht nur Meister, sondern auch Schwielen.“

    Vater wäre nicht der gewesen, der er war, wenn er dieser ernsthaften Angelegenheit nicht noch eine humoristische Seite abgewonnen hätte.

    „Anscheinend“, fuhr Vater mit tot-ernster Miene fort, „ist dem Herrgott, als er mich schuf, ein kleines Missgeschick passiert. Er hat mir aus Versehen die rosigen Wangen, die für das Gesicht eines anderen Recken bestimmt waren, an den Rücken gehängt, während dieses arme Schwein jetzt meine Arschbacken im Gesicht trägt. Anders kann ich mir diese Empfindlichkeit nicht erklären.“

    Das war natürlich eine Steilvorlage für die anwesenden Zechbrüder; sogar der Küchenmeister, ein dürrer, humorloser Mensch, der gerade die zehnte Schüssel Kuddeln auf den Tisch stellte, lachte laut auf.

    „Hohaho!“, grölte Pissnelke, der keine Gelegenheit verstreichen ließ, die Lacher auf seine Seite zu bringen, „hohaho, und mit einer riesigen Hämorrhoide als Nase!“

    „Unsinn!“, rief ein anderer Saufaus und klatschte sich auf die dicken Schenkel – ich glaub, es war Fettsteiß, „wo bleiben denn da die Nasenlöcher?“

    „Schockschwerenot“, röhrte Triefauge, „welch ein Erzgaudi! Ich stelle mir gerade vor, wie dieser Mensch sein Arschloch zum Kusse spitzt!“

    „Idioten!“, rief Vater und hieb mit der Faust auf den Tisch, „seit ihr so besoffen, dass ihr nicht mehr richtig hören könnt? Arschbacken hab ich gesagt, und nicht Arschloch und Arschgeschwür! Die sind da, wo sie hingehören!“

    „Mann, Burghard!“, rief meine Mutter giftig, „kann mir auch schwer vorstellen, dass dein Arschloch in irgendein Gesicht passt!“

    Gerade fiel wieder ein Knabe jammern vom Pferd. „Schluss jetzt“, sagte Vater, „die Reitschule wird auf Freiwilligkeit gestellt! Wer will, kann ja noch, aber keiner muss mehr.“

    Die Übungen hatten bereits sichtbare Spuren hinterlassen. Viele meiner Brüder liefen mit krummen Beinen herum, einer, Georg, sogar mit solch fürchterlichen O-Beinen, dass man, wenn er die Hacken zusammennahm, eine fette Sau hätte hindurchjagen können.

    ________

    * 15. August. **Nach Alexandria, 1365-68.


    Mundburt wird von den Flöhen gezwackt und erfährt, warum die Spargeln in kniehohen Wällen wachsen.


    Warum ich von diesen Erziehungsversuchen weitgehend verschont blieb, ist mir heute noch ein Rätsel. Möglicherweise hatte Vater mit mir Höheres vor. Oder einfach, weil ich sein Lieblingssohn war.

    Doch nun weiter.

    Im Dorf war gerade kein Bett frei. Wir mussten in einer jämmerlichen Köhlerhütte einkehren mit einem schieläugigen schwarzen Kerl als Wirt und zwischen fetten Ratten und notgeilen Katern übernachten, die wie kleine Kinder schrien. Lange konnte ich nicht einschlafen, weil mich Flöhe zwackten, Läuse juckten und die Kakerlaken in dem Wänden lautstark Hochzeit hielten. Kratzte mich von oben bis unten, auch da, wo es mich nicht juckte. Auch Vater wälzte sich fluchend von einer Seite auf die andere.

    „Vater“, sagte ich, „ich kann nicht einschlafen. Könnt Ihr mir nicht eine Geschichte erzählen? Ihr habt doch bestimmt noch eine auf Lager.“

    Papa gähnte herzerweichend. „Klar hab ich eine auf Lager“, sagte er, „sogar mehr als eine! Aber zum Erzählen bin ich jetzt zu müde.“

    Ich sagte nichts und wartete. Tatsächlich fing Papa nach einer Weile an: „Kennst du schon die Geschichte, wo der Bauer den Teufel hereinlegt?“

    Natürlich kannte ich die, aber ich war auf die Veränderungen gespannt, die er diesmal einbauen würde. Deshalb log ich: „Ich kann mich nicht erinnern.“

    „Ein Bauer“, legte Papa los, „besaß einen großen, brachliegenden Acker, den er mit Weizen bestellen wollte. Aber zur selben Zeit war mit Erlaubnis Luzifers ein kleiner Teufel unterwegs, der weder schreiben noch lesen konnte (hier ließ es sich Vater nicht nehmen, auf die Bedeutung dieser Künste für mein späteres Leben hinzuweisen), der auf die Erde gekommen war, um sich zu erholen und ein wenig Schabernack zu treiben. Viel konnte er nicht anrichten; er war gerade mal in der Lage, die Petersilie zu verhageln, was in diesen Zeiten allerdings schon schlimm genug ist. Als das Teufelchen zufällig an dem Acker vorbeikam, fragte er den Bauern, was er das mache. – Ich bestelle das Feld mit Weizen, sagte der Bauer, damit ich im Winter etwas habe, womit ich mich und meine Familie ernähren kann. – Aber der Acker gehört dir doch gar nicht, sagte der Teufel, er gehört mir. – Ha!, rief der Bauer, du kannst mir viel erzählen! – Seit eure Häuptlinge Belzebub die Füße geküsst haben*, ist all dieses Land uns zugesprochen, anheimgefallen und überwiesen. Nun ja, Korn säen ist meine Sache nicht, fuhr der Teufel fort, also magst du den Acker erst einmal behalten, aber unter der Bedingung, das wir uns das teilen, was er trägt. – Ich bin´s zufrieden, erwiderte der Bauer, stell du deine Bedingung. – Wir teilen den Ertrag des Feldes in zwei Teile. Als Teufel von altem und edlem Geschlecht habe ich die Wahl, denn du bist nur ein einfacher Bauer. Also höre: Ich bekomme das, was unter der Erde ist, du erhältst alles über der Erde. Wann ist die Ernte? – Anfang August. – Schön, sagte der Teufel, dann werde ich mich wieder einfinden. Tu du unterdessen deine Pflicht und plag dich, Alter! Aber, hörst du, mach keine krummen Sachen, das bitt ich mir aus! –

    Anfang August kam der Teufel zurück, begleitet von einer Anzahl kleinerer Erdgeister. Als er den Bauern erblickte, rief er ihm schon von Weitem zu: Nun, du Schlingel, jetzt wollen wir teilen! – Gut, entgegnete der Bauer, und fing an, das Getreide zu schneiden; der Teufel und seine Helfer zogen die Stoppeln mit den Wurzeln aus der Erde. Dann drosch der Bauer sein Korn, tat es in Säcke und brachte es zum Markt. Das Teufelchen machte es ebenso, setzte sich neben den Bauern und hielt seine Stoppeln feil. Der Bauer verkaufte seinen Weizen sehr vorteilhaft, während der Teufel auf seinen Stoppeln sitzen blieb und obendrein noch ausgelacht wurde. Als der Markt zuende war, sagte der Teufel: Diesmal, du Halunke, hast du mich hereingelegt! Das nächste Mal wird dir das nicht mehr gelingen! – Wie kann ich Euch betrogen haben, Herr Teufel, versetzte der Bauer, habt Ihr nicht zuerst gewählt? Ihr wart es doch, der mich übervorteilen wollte, weil Ihr dachtet, das Korn würde unter der Erde wachsen, denn Ihr versteht nichts von der Landwirtschaft! – Halts Maul, fauchte der Teufel, sage mir lieber, womit du deinen Acker das nächste Jahr bestellen willst. – Als guter Landwirt muss man jetzt Rüben säen. – Tu das, rief der Teufel, tu das, säe nur tüchtig Rüben, ich werde sie schon vor Gewitter und Hagelschlag schützen und dafür sorgen, dass die Ernte gut wird. Aber höre, diesmal nehme ich, was über der Erde ist, und du bekommst das unter der Erde. Nun Schlingel, schinde dich! Aber, hörst du, keine krummen Sachen, das bitt ich mir aus!

    Als die Zeit der Ernte da war, erschien der Teufel mit einer großen Anzahl von Helfern an dem Rübenfeld. Sogleich fingen sie an, das Rübenkraut abzuschneiden und einzusacken, während der Bauer und seine Leute die Rüben ausgruben und auf Marktkarren warfen. Der Bauer verkaufte seine Ernte zu guten Preisen, der Teufel verkaufte nichts, zudem verhöhnte man ihn aufs Schändlichste. – Verdammter Halunke, schrie der Teufel, hast mich schon wieder angeführt! Na warte, ein drittes Mal gelingt dir das nicht! Das nächste Mal nehm ich beides, das, was über, und das was unter der Erde ist. Nun frisch, du Halunke, arbeite, arbeite! Aber, hörst du, keine krummen Sachen, das bitt ich mir aus! –

    Betrübt und nachdenklich kehrte der Bauer nach Hause zurück. Seine Frau, die ihn kommen sah, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, denn sie meinte, man habe ihn ausgeraubt. Als sie aber den Grund vernahm und seinen wohlgefüllten Beutel sah, tröstete sie ihn mit sanften Worten und sagte: Lass mich erst eine Nacht darüber schlafen, Mann; bis morgen früh ist mir sicherlich etwas eingefallen, womit wir den Hinkefuß überlisten können! –

    Am anderen Morgen rief sie: Ha! Ich hab´s! Du pflanzt Spargeln! – Ja aber liebe Frau, rief der Bauer, wie soll das gehen? Die Spargeln wachsen über der Erde! Wo ist da die Lösung? Der Teufel will beides, das, was über, und das was unter der Erde ist.– Dummkopf!, rief die Frau, dann sorge dafür, dass sie dazwischen wachsen! – Wie soll das gehen? – Denk gefälligst nach! Bist du der Bauer oder ich?

    Betrübt schlich der Bauer davon. Nach einiger Zeit traf er auf einen Raben, der auf einem Pfahl hockte und vor sich hin döste. Als er den Bauern sah, wurde er munter und fragte: Was ist passiert? Hat dich deine Frau verprügelt? – Ach nein, sagte der Bauer, viel Schlimmeres, und schilderte ihm den Fall. Der Rabe dachte kurz nach, dann sagte er: Die Friesen richten Wälle auf, um sich gegen den Blanken Hans zu schützen. Richte du Wälle auf, um dich gegen den Teufel zu schützen!

    Zur Spargelzeit kam der Teufel wieder. Wo ist die Ernte?, schrie er, als er die nackten Erdwälle sah. – Sie ist weder unter, noch über der Erde, sagte der Bauer, sie steckt dazwischen! Er stach einen Spargel aus und hielt sie dem Teufel hin. Als der Teufel merkte, dass ihn der Bauer wieder hereingelegt hatte, wurde er fuchsteufelswild. – Warte nur, du Halunke, schrie er, morgen komme ich wieder und werde dich ganz teufelsmäßig puffen! Danach übergebe ich dich den Küchenteufeln, die dich salzen, pfeffern, kochen, braten und Luzifer als Frühstück servieren! –

    Betrübt und nachdenklich schlich der Bauer nach Hause zurück. – Zum Teufel, rief die Frau, als sie die Trauermiene ihres Mannes sah, hat der Teufel immer noch nicht genug? – Nein Frau, er will wiederkommen und mich teufelsmäßig puffen. – Da tröstete sie ihn mit sanften Worten und sagte: Lass mich erst eine Nacht darüber schlafen; bis morgen früh ist mir sicherlich etwas eingefallen, womit wir den Hinkefuß überlisten können. Schlimmstenfalls kriegst du ein paar Schrammen weg, aber Zeit heilt Wunden. Sagtest du nicht, es sei ein ganz kleiner Teufel? Ja, wenn´s ein großer Teufel wäre, dann wär die Sach freilich schlimmer! –

    Am andern Morgen zerschnitt die Frau ein paar rote Beete und betupfte sich mit dem Saft Gesicht, Hals und Hände. Dann legte sie sich auf den Boden uns wartete. Zur festgesetzten Stunde erschien der Teufel vor der Kate des Bauern und schrie: He, ho, du Halunke, heraus mit dir! Jetzt werde ich dich fürchterlich puffen! – Als der Bauer nicht erschien, ging er frech ins Haus, wo er aber den Bauern nicht vorfand, sondern nur die Frau, die blutverschmiert, jammernd und heulend auf dem Boden lag. – Wo ist der Bauer, schrie er, was macht er, warum ist er nicht hier? – Er kommt gleich, sagte die Frau. – Und warum liegt Ihr da und jammert? Und, Frau, warum blutet Ihr so? – Der Bauer war´s! schrie die Alte, ach, der Bösewicht, der Schinder, der Räuber, der Wüterich! Er hat mich schrecklich zugerichtet, mit mir geht´s zu Ende, ich sterbe! – Was ist denn geschehen, fragte der Teufel. – Ach, lieber Herr, dieser Wüterich sagte, er habe ausgemacht, sich mit Euch zu schlagen, und um seine Kraft zu probieren, hat er mir ein paar ganz kleine Püffe verpasst. – Der Teufel nahm Reißaus und wurde nie wieder gesehen.“

    Vater schwieg.

    „Eine schöne Geschichte“, sagte ich, „jetzt weiß ich endlich, warum die Spargeln in Wällen wachsen.“

    Papa grunzte zufrieden. „Ich erzähl meine Geschichten ja auch nicht zum Zeitvertreib, sondern damit du was lernst.“

    „Vater, darf ich Euch etwas fragen?“

    „Nur zu, mein Sohn!“

    „Ihr seid mir auch nicht böse?“

    „Frag endlich, sonst werd ich´s noch!“

    „Was mach ich nur? Mich juckt´s und zwickt´s überall! Kann nicht einschlafen.“

    „Dann lieg still und rühr dich nicht. Bewegung zieht das Ungeziefer nur an und regt es auf.“

    Ich lag still, aber es wurde nur noch schlimmer.

    „Vater, darf ich Euch etwas fragen?“

    „Nur zu, mein Sohn!“

    „Ihr seid mir auch nicht böse?“

    „Teufel, was willst du!“

    „Wie kommt es, dass es Euch nicht zwickt und zwackt?“

    „Wie kommst du denn darauf?“

    „Weil Ihr Euch ständig von einer Seite auf die andere wälzt.“

    „Rede nicht so viel, schlaf!“

    Ich versuchte zu schlafen, aber es ging nicht.

    „Vater, darf ich Euch etwas fragen?“

    „Verdammt nochmal! Gib endlich Ruhe!“

    „Nur diese Frage noch, bitte.“

    „Na gut, du Ohrwurm, die noch. Was willst du wissen?“

    „Ich würde zu gerne wissen, warum die Schotten Röcke tragen!“

    „Himmelherrgottsakrament! Doch jetzt nicht!“

    Vater gähnte lautstark, dann ließ er einen langen Furz ab; kurz darauf schnarchte er wie ein Bär.

    __________

    * Anspielung auf die Angriffe Ludwigs des Bayern auf das Papsttum.


    Forts. folgt.

  • Herrlich wie immer. Eine Freude zu lesen. Dieses Mal für meinen Geschmack auch nicht zu lang!


    Nur hier hat sich der Fehlerteufel eingeschlichen:

    die Mädgen wurden entweder verheiratet oder

    *Mädge


    „Anscheinend“, fuhr Vater mit tot-ernster Miene fort,

    *todernst


    Zitat


    zum Nachtisch gab´s dann Kopfnüsse, Maulschellen, Nasenstüber, Arschtritte und andere Köstlichkeiten, die aus einem Weichei einen rechten Mann machen. Was übrig blieb wurde in Tränensäcke verpackt und am nächsten Tag wieder aufgetischt.

    Diese Doppeldeutigkeiten fand ich sehr gelungen.:thumbup:


    Auf ein Nächstes,

    Stadtnymphe

  • Nein, nicht der Fehlerteufel, mein eigener!

    Mädgen - nicht Mägde, zu der Zeit bedeutete Magd "Jungfrau", ich meinte Mädchen.

    Todernst ist im Grunde ein Unding, denn "den" Tod gibt es nicht, es gibt nur meinen oder den von Fritzchen Freudich. Ich meinte: so ernst, als wäre er tot, denn Tote reißen bekannterweise keine Witze.

  • Heyho McFee

    War wie immer ein Genuß, Deinen Ausführungen bis hierher zu folgen.

    Da gibts nirgendwo Stellen, an denen man mit den Augen "hängenbleibt", alles ist textlich stets im schönsten Fluß.


    Irgendwelche Rechtschreibfehler sind auch kaum zu finden (wenn ich richtig gezählt hab', waren es vier in Post #4 und drei in diesem, aber die sind alle eindeutig Tippfehler, also drauf gepfiffen.

    Und die letzte Frge von Mundburt und des Vaters Reaktion darauf...:D:D:D

    „Ich würde zu gerne wissen, warum die Schotten Röcke tragen!“

    „Himmelherrgottsakrament! Doch jetzt nicht!“

    Vater gähnte lautstark, dann ließ er einen langen Furz ab; kurz darauf schnarchte er wie ein Bär.

    :nummer1:

  • Mundburt erlebt, wie sein Vater drei Fliegen mit einer Klappe schlägt.


    Der neue Tag begrüßte uns mit eitlem Sonnenschein, doch kurze Zeit später zogen schon die ersten Wolken auf. Wo blieb der Fuhrknecht mit dem Karren? Hätte doch schon längst da sein müssen, mittlerweile wies die Sonnenuhr auf die elfte Stunde. Da kam er – zu Fuß, mit dem Pferd am Zügel und ohne Fahrzeug, dafür mit einem blauen Auge.

    „Hoho!“, rief Vater, „Hinnak, wo hast du denn das her? Veilchenzeit ist doch schon lange vorbei! Und was ist mit dem Karren?“

    „Ja, höhnt Ihr nur!“, erwiderte der Fuhrknecht verärgert, „diese verdammte Radmacher-Brut will den Wagen nicht herausgeben.“

    „Und warum nicht?“

    „Ihr habt vergessen, mir Geld mitzugeben. Und gute Worte wollten sie nicht nehmen.“

    Vater schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Ach, herrje, wie konnte ich nur! Die guten Handwerksleut wollen ihr Geld! Ha! Ich bin der Letzte, der ihnen das nicht gönnt, denn jede Arbeit ist ihren Lohn wert. Das Dumme ist nur, hmm... nun ja... ich bin gerade nicht flüssig. Das was ich bei mir habe, ist für Mundburts Ausbildung bestimmt.“ Vater sah mich mit seinen Rehaugen unschuldig an. „Mundburt, könntest du mir vielleicht kurzfristig –“

    „Vater!! Ich hab Euch doch noch letzte Woche zwei nürnberger Groschen geliehen!“

    „Ach ja, natürlich!“

    Es war tatsächlich so. Ich hatte immer Geld, Vater nie. Nahm es den Knaben auf der Burg ab, wenn wir 'Scheiß ins Mauseloch', 'Piss die Fliegen von der Wand', 'Wer holt seinen am schnellsten heraus' und andere Geschicklichkeitsspiele spielten, bei denen ich meistens gewann.

    „Wovon wollt Ihr aber dann den Wirt bezahlen?“, fragte ich vorsichtig.

    „Tja, da werden wir wohl das Pferd in Zahlung geben müssen. Dieses jämmerliche Nacht ist der elende Klepper wohl wert.“

    „Ihr meint, wir sollen zu Fuß – “

    „Werden wir wohl müssen, Kleiner. Sind nur noch zwei Meilen.“

    „Nein, das mein ich nicht. Wir können doch nicht ohne Pferd auf Burg Schwarzenraben erscheinen! Ein Ritter ohne Pferd ist doch wie ein... wie ein...“

    „Ich weiß, was du meinst. Wie ein Bulle ohne Patronentaschen. Aber auch ich hab mein Pulver noch nicht verschossen!“

    Und so geschah es dann. Der schieläugige Köhler behielt das Pferd samt dem Knecht als Pfand, wir machten uns zu Fuß auf den Weg. Kaum waren wir aus Sichtweite der Köhlerhütte, da blieb Vater stehen und fing fürchterlich an zu lachen. „Ha-ha-ha, dieser Idiot!“, rief er, „hi-hi-hi, ho-ho-ho! Dumm wie ein Besenstiel! Hat nicht gemerkt, dass ich ihn auf´s Kreuz gelegt hab! Der Karren ist weniger wert, als das Rad gekostet hätte, der dumme Wirt füttert mir den Gaul fett, und den Knecht hab ich auch vom Hals, hahaha!“ Vater keuchte wie eine genudelte Gans. „Hab gleich drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen!“

    „Aber Ihr könnt sie doch überhaupt nicht auslösen“, protestierte ich, „wollt ihr etwa zu Fuß zurück nach Wolkenstein?“

    „Du kennst deinen Vater schlecht, mein Sohn. Hab immer einen Notgroschen dabei.“

    „Und wenn man uns überfällt und ausraubt?“

    Den Beutel findet keiner!“

    Wir gingen weiter.

    „Wo würdest du ein Buchenblatt verstecken?“, fragte Vater nach einer Weile.

    Ich: „Im Buchenwald?“

    Er: „Richtig. Und wo einen Beutel mit Geld, etwa jetzt, wo, wie du zu recht sagst, immer Gefahr droht, überfallen zu werden?“

    Ich: „Hmmm... Unter dem Hut?“

    Er: „Unsinn! Den hauen sie dir als erstes vom Kopf.“

    Ich: „In irgendeiner geheimen Tasche.“

    Er: „Ha! Die sind doch nicht blöd, diese Räuber. 'Na, Alterchen, was haben wir denn da für ´ne Beule am Steiß? Ist doch nicht etwa ein Kropf?' Und schon bist du den Beutel los.“

    Ich: „Dann würd ich keinen Beutel nehmen, sondern die Dukaten in den Rock einnähen.“

    Er: „Genau so dumm. Sie ziehen dir den Rock aus und stellen am Gewicht fest, dass der nicht nur aus Stoff und Garn besteht.“

    Ich: „Dann weiß ich´s nicht.“

    Er: „Nun denk doch mal nach! Mit dem Buchenwald lagst du doch nicht falsch. Buchenblatt zu Buchenwald, Geldsack zu – ?“

    „Vater!“

    „Nun hab dich nicht so! Willst du ein Mann oder ein Waschweib werden, hä?“

    Vater knöpfte ungeniert seine Pluderhose auf, griff hinein und zog einen kleinen Lederbeutel hervor. „Da sucht ihn bestimmt keiner!“, rief er vergnügt, „Hoheitsgebiet! Zutritt für Unbefugte verboten, hahaha!“

    „Und ich dachte schon, es läge an Eurem... ähem, dass die Hose so spannt.“

    Vater grinste zufrieden. „So gefällst du mir, mein Sohn! Dafür erzähl ich dir auch, warum die Schotten Röcke tragen. Aber zunächst brauchen wir eine reitbare Unterlage. Ich denke da an Esel. Die sind nicht so teuer.“


    Mundbert muss sich eine Moralpredigt anhören und erfährt endlich, warum die Schotten Röcke tragen.


    „Wir sollen auf Eseln reiten?“, fragte ich verblüfft.

    „Ja, und jetzt keine Widerrede, verstanden! Auch unser Herr Jesus ist auf einem Esel in Jerusalem eingeritten, und sind wir mehr als er? Und, verdammt nochmal, ist Burg Schwarzenraben mehr als Jerusalem? Na siehst du.“

    Ein Schwarm Krähen flog mit viel Krah-Krah und Jack-Jack über uns hinweg. Vater blickte dem Schwarm nach und sagte: „Mundburt, ist dir eigentlich schon einmal aufgefallen, dass Krähen, wenn sie fliegen, nie etwas fallen lassen, sondern immer nur, wenn sie auf ihren Bäumen sitzen? Hab lange darüber nachgedacht und bin aus verschiedenen Gründen zu dem Schluss gekommen, dass diese Vögel da eben keine Krähen waren, sondern Pfaffen auf dem Weg zu irgendeinem Konzil.“

    „Wie kommt Ihr denn darauf“, fragte ich verblüfft, „seit wann können Priester denn fliegen?“

    „Hast du denn noch nie unseren Burgpriester beobachtet, wenn er mit wehender Sutane auf den Aborterker steigt? Natürlich hebt er nicht ab, dazu ist er zu schlau; er will auf keinen Fall verraten, dass er in Wirklichkeit eine Krähe in Menschengestalt ist. Nur, frage ich dich, was macht er da oben die ganze Zeit? So vollgefressen kann auch dieser Herr nicht sein, dass er für sein Geschäft die Zeit benötigt, in der eine gewiefte Betschwester zehn Rosenkränze ableiert.“

    Vaters Gedanken waren manchmal ziemlich eigenartig.

    „Ich kam ihm auf die Schliche, als ich mit Mutter unter der Linde im Burghof saß und einer dieser Biester mir auf den Kopf schiss. Ich bin sicher, es war dieser Priester, der mich ärgern wollte, da verwette ich meinen Kopf gegen einen Eimer saure Gurken, denn als er abflog, krächzte er wie ein heiserer Kanzelredner.“

    Aha, daher wehte der Wind also! Vater ärgerte sich wieder einmal über diesen Geistlichen, den er für einen ausgemachten Spaßverderber hielt und der ihm zudem ständig auf dem Beutel lag. Dass sich die beiden nicht riechen konnten, war schon bis nach Ulm bekannt.

    „Der Beweis kam mir eben, als dieser Krähenschwarm laut krächzend über uns hinwegflog. Es waren bestimmt zehntausend Vögel, und nicht einr davon ließ etwas fallen. Also können sie entweder krähen oder kacken, anders gesagt, wenn sie kacken krähen sie nicht, und wenn sie krähen kacken sie nicht. So mein Sohn, jetzt bin ich da, wohin ich will. Hab noch nie erlebt, dass unser hochwürdigster Herr auf dem Aborterker kräht, will sagen predigt, obwohl seine Stimme von da weit ins Land hinaus schallen würde, was ihm sicherlich sehr gefiele, denn er hört sich zu gerne reden. Kann er aber nicht, denn er kackt ja gerade. Andrerseits habe ich es auch noch nie erlebt, dass er sich beim Krähen, will sagen Predigen, bepisst oder bescheißt, das nach dem, was er so alles an Wein, Bier, gebratenen Ochsenbacken, geselchten Schweinsköpfen und dergleichen in sich hineinstopft, in all den Jahren, die er mir auf der Tasche liegt, bestimmt schon ein paarmal vorgekommen sein müsste. Ist es aber nicht. Zudem beherrscht er die richtige Zauberformel; wer ein Stück ungesalzenes Weißbrot in den Leib unseres Herrn Jesus verwandeln kann, der kann sich auch in eine Krähe verwandeln und umgekehrt.“

    „Vater!“, rief ich entsetzt, „das ist Ketzerei! Redet doch nicht so, sonst kommt Ihr noch auf den Scheiterhaufen!“

    „Ach was! Scheiterhaufen! Wer soll mich denn darauf stellen, he? Gibt´s irgendwo Zeugen?“

    Es war zwecklos. In seiner Abneigung gegen alles Schwarzberockte war Vater gerade dabei, sich in Hitze zu reden. Ich war gespannt, wie er den Absprung zum Thema Schottenrock deichseln würde. Doch noch war es nicht so weit. Vater fuhr mit grimmiger Miene und erhöhter Tonlage fort:

    „Wenn die Kirchenfürsten auf feurigen Rappen reiten, sich mit königlichem Glanz und falschen Schmeichlern umgeben, dann ist das ihr Problem. Eitelkeiten über Eitelkeiten, nichts als Eitelkeiten! Das trunkene Zujauchzen der Menge, Fackelzüge und rauschender Beifall, lärmendes Schlämmen und fröhliche Trinkgelage – alles Eitelkeit! Finde nur, ein wenig Demut könnte den Schwarzröcken nichts schaden. Ich sage dir, Mundburt, ein Sturm wird kommen und ihre Eitelkeiten hinwegfegen wie trockenes Streu, und ihre guten Freunde werden sich als falsche Freunde erweisen, und ihre Überzeugungen als Hirngespinste! Weg sind dann Freudentänze und nächtliche Orgien; die verlogenen Schmeicheleien werden sich wie Wasserblasen verflüchtigen, schwarze Schatten werden sich auf die Frühlingsblumen ihrer Hoffnungen senken.“ Vater schwieg bedrückt. Nach einer Weile fuhr er fort: „Bin zwar nicht besonders fromm, dem Herrn sei´s geklagt, und auf Kirchenbänken herumrutschen und mir Schwielen an den Knien holen – die hat ein rechter Ritter am Arsch –, das war nie meine Sache, aber ich denke, ein guter Christ bin ich trotzdem. Ich plärre keine Litaneien, lebe bescheiden und gehe mit gutem Beispiel voran.“

    Oha!, dachte ich, da ist aber einem ´ne ordentliche Laus über die Leber gelaufen! So nachdenklich kannte ich meinen Vater überhaupt nicht. Wahrscheinlich lag´s daran, dass er zu Fuß gehen musste. Ein Ritter zu Fuß – irgendwie so unmöglich wie ein Bogenschütze ohne Pfeil und Bogen oder ein Arsch ohne Loch. Doch seine Worte, so schlicht und natürlich vorgetragen, zeigten mir, dass die unbefangene Rede der philosophischen Beredsamkeit haushoch überlegen ist.

    Im nächsten Dorf mietete Vater zwei halbwegs geländegängige Esel, und wir trabten los.


    „Vater, Ihr wolltet mir erzählen, warum die Schotten Röcke tragen“, sagte ich, „gestern Abend habt Ihr mir´s versprochen.“

    „So? Davon weiß ich nichts.“

    Papa schwieg, und ich dachte schon, er wolle sich drücken. Doch nach einer Weile fing er an: „So ein Esel ist doch ein wunderliches Tier; sieht aus wie ein Pferd und hat Ohren wie ein Hase. Wenn dieser Esel hier so groß wäre wie mein Rappen, könnte er mit seinen Ohren die Pflaumen vom Baum wedeln.“

    „Da mögt Ihr recht haben. Aber was, zum Teufel, hat das mit den Schottenröcken zu tun?“

    „Das will ich ja gerade erklären. Die Frage ist zunächst: Warum sind die Ohren beim Pferd so kurz und beim Esel so lang? Was meinst du?“

    „Hab darüber noch nicht nachgedacht.“

    „Dacht ich mir. Die Antwort lautet: Weil man auf einem Esel nicht in den Krieg zieht.“

    „Würde auch ziemlich lächerlich aussehen, ein Ritter in voller Montur auf einem Esel. Aber was haben die Ohren –“

    „Warte! Eben deshalb nimmt man Pferde. Damit aber das Pferd dem Ritter nicht schon beim ersten Anrennen unter dem Hintern weggestochen wird, muss es geschützt werden, unter anderem mit einem Kopfharnisch, und der besitzt, wie du weißt, Ohrenbecher*. Wenn also solch ein Streitross um es zu gewöhnen immer wieder der Kopfharnisch angelegt bekommt, können sich seine Ohren nicht entfalten, ein Esel hingegen –“

    „Ha, ich ahne, was Ihr meint. Aber ich weiß immer noch nicht, worauf Ihr hinaus wollt.“

    „Dann unterbrich mich nicht immer, du Flegel, oder willst du Maulschellen ernten? Nun zu den Schotten. Ich habe mir sagen lassen, dass die schottischen Kleinkinder nicht in Windeln herumlaufen, sondern mit freiem Unterkörper, weil die starken Winde, die dort wehen, die Atmosphäre reinigen. Und so kann sich ihr Gemächt frei und ungehindert ausbreiten, bis es ihnen zuletzt, wie der Rosenkranz den Betschwestern, um die Knie schlenkert. Besagtes Schlenkern nun bewirkt weiterhin, dass die Leibessäfte nach unten gezogen werden und ihr Glied so anschwellen lassen, dass es in keine Hose mehr passt. Die einzige Möglichkeit, nicht vor aller Augen wie ein Elefant mit dem Rüssel zwischen den Beinen herumzulaufen, ist, einen Kilt überzuziehen.“

    Inzwischen hatte es wieder zu regnen begonnen, und wir trieben unsere Esel zur Eile an. Ein Gasthaus kam in Sicht, und wir hatten noch nicht gefrühstückt.

    „Vater“, sagte ich, „mir brennt der Magen vor Hunger! Können wir nicht ein wenig –“

    „Und wer soll das bezahlen? Nichts da! Diese Halunken wissen genau, wo das Schwein seinen Speck hat!“

    „Vater bitte, ich fall gleich vom Esel!“

    „Dass du dich unterstehst! Wenn uns jemand beobachtet! Hier, nimm das! Das wärmt den Magen besser als ein Schock° Kuddeln°°!“

    Vater reichte mir seinen Flachmann; ich nahm einen Schluck, sogleich fuhr mir der Teufel, der im Branntwein sitzt, in die Kehle, und ich bekam einen fürchterlichen Hustenanfall.

    „Ha!“, rief Vater, „das Branntwein trinken müssen wir noch üben! Auch ein Knappe muss nicht nur sattelfest, er muss auch trinkfest sein! Was soll deine Herrin von mir denken!“

    Nach einer Weile: „Brennt dir noch der Magen?“

    „Nein, dafür brennt mir jetzt die Kehle.“

    „Na siehst du! Ich sag´s doch! Eine Flamme kann nicht an zwei verschiedenen Orten gleichzeitig brennen!“

    „Hab aber trotzdem noch Hunger.“

    „Musst du eben aushalten. Oder glaubst du, im Krieg hast du immer genug zu essen?“ Vater sah mich von der Seite an. „Hmm... nun ja... will mal nicht so sein... Damit es dir nicht so schwer fällt, erzähl ich dir, wie ich mein Geld bei Gericht verlor. Wundere mich sowieso schon, warum du noch nicht danach gefragt hast. Bist doch sonst nicht so maulfaul.“

    Zum Teufel, das fehlte noch. Worte statt Torte. Zum ersten mal in meinem Leben war ich auf meiner Erzeuger richtig sauer. Manchmal konnte Vater ein ausgemachter Fiesling sein. Daran änderte auch die Tatsache nicht, dass er selbst noch nichts gegessen hatte.

    In meinem Ärger nahm ich mir vor, ihn reden zu lassen und nicht hinzuhören. Doch kaum hatte er die ersten Sätze gesprochen, da machte ich die Ohren weit auf.

    ________

    * An der Rossstirn angebrachte Röhren zum Schutz der Ohren. ° 60 Stück. °° Klöße aus fetten Schweinedärmen.

    Forts. folgt.

  • Mundburt vergisst seinen Hunger und wird stattdessen von einem anderen Übel geplagt.


    „Ich war damals auf dem Weg nach Mailand“, begann Vater, „wo ein großes Scharfrennen* stattfinden sollte, als mir in der Lumpadei** das Pferd unter dem Hintern verreckte. Fluchend nahm ich meine Ausrüstung auf den Buckel und ging weiter. Der Weg führte gerade über eine große Heide. Bald kam ich an eine Hütte, vor der ein Esel stand. Er war klapperdürr, mit struppigem Fell und krummen Beinen, offenbar für die Salami bestimmt.

    Ich klopfte und fragte den heraustretenden Mann, einen verschrumpelten Alten mit einer grauen Mütze aus Biberfell, ob der Esel käuflich sei. 'Sicherlich', sagte der, 'wenn Ihr einen anständigen Preis zahlt, ist er Euer.' Er nannte mir einen völlig überzogene Summe.

    Es war mitten im Sommer und ein sehr heißer Tag. Jetzt musste ich für meine Dummheit büßen, an der falschen Stelle gespart und keinen Packesel mitgenommen zu haben. Zähneknirschend willigte ich ein. Kaum war der Esel in meinem Besitz, da fing er an zu äppeln; im Nu sprang der Alte hinzu und sammelte den Dung auf.

    'He, guter Mann', fragte ich, 'was macht Ihr da? Lasst das! Der Dung gehört mir!' Jedem anderen hätte ich die Ernte gegönnt, nicht diesem Beutelschneider. Hätte sogar des Esels Pisse gesoffen, nur damit der sie nicht bekäme.

    'Nä, nä, nä', knurrte der Kerl grinsend, 'meine Frau isst gerne Pfirsiche zum Morgenbiss, deshalb sammle ich sie auf!'

    Die Frechheit dieses Kerls machte mich wütend. 'Herr', rief ich, 'so geht der Handel nicht! Ich habe den Esel samt Inhalt gekauft. Der Dung gehört zum Esel wie sein Schwanz. Also gehört der Dung mir. Wenn Ihr ihn haben wollt, müsst Ihr bezahlen!'

    'Ihr spaßt, Herr', erwiderte der Alte, 'schaut doch mal genau hin! Wo ist der Schwanz? Am Esel. Wo ist der Dung? Er liegt auf der Straße. Also ist er Allgemeingut und jedem Bürger dieses schönen Landes verfügbar.'

    'Guter Mann' sagte ich freundlich, 'Ihr überseht eine Kleinigkeit! Als ich den Esel kaufte, war sein Dung noch in ihm!'

    'Ha', rief der Kerl, 'könnt Ihr das beweisen? Habt Ihr Zeugen? Ich behaupte, der Dung lag schon immer da, wo er jetzt liegt!' –

    Du kennst mich, Mundburt, normalerweise bin ich die Langmut in Person und gehe jedem Streit sorgfältig aus dem Weg. Doch auch die längste Langmut kommt an ein Ende. Dieser Galgenvogel verdiente eine gehörige Antwort. Riss wütend das Schwert aus der Scheide und drang drohend auf ihn ein. 'Halunke', schrie ich außer mir, 'noch ein Wort, und ich schlage dir den Kopf vom Hals!'

    Die Tür der Hütte sprang auf, und vier finstere Gestalten, alle mit Mistgabeln, die sie gegen mich richteten in den Händen, traten heraus.

    'Zum Teufel, Herr, was soll das?', rief einer der Gesellen, ein struppiger Kerl mit einer Nase wie eine vertrocknete Rote Rübe, 'lasst sofort das Schwert sinken!'

    Was sollte ich machen? Wenn ich auch einen der Galgenvögel zerhauen konnte, die anderen hätten mich kurzerhand aufgespießt. Zu spät merkte ich, dass ich in eine Falle geraten war. Die Bande hatte es darauf abgesehen, mich ordentlich auszuplündern. Um zu retten, was noch zu retten war, legte ich mich aufs Verhandeln.

    'Meine Herren', sagte ich, 'ich sehe ein, der Angriff war wohl nicht recht, alldieweil es sich bei der Sache um einen Scheißdreck handelt. Und die Drohung, liebe Leute... nun ja, wem die Galle kocht, dem geht manchmal der Mund über. Nehmt´s mir also bitte nicht übel. Ich will keinen Streit, bin ein friedlicher Ritter, kein Raufbold und erst recht kein Schlagtot. Behaltet in Gottes Namen den Dung und lasst mich in Frieden ziehen.'

    'Hoho, Euer Gnaden', krähte jetzt der Alte, 'so einfach geht das nicht! Hab vor Angst Blut und Wasser geschwitzt, noch jetzt schlägt mir das Herz bis zum Hals!' Er drehte sich zur Seite. 'Habt ihr gehört, meine Söhne? Der Ehrenmann will sich mit schnödem Eselsmist von einem schändlichen Angriff auf einen ehrlichen Landmann freikaufen. Da soll doch der Teufel!'

    Die Scheißkerle kamen mit vorgehaltenen Forken und blöde rollenden Augen immer näher. Am liebsten hätte ich sie alle samt kurz und klein geschlagen, doch, wie schon gesagt, und so, wie sie aussahen – eine falsche Bewegung wäre vermutlich meine letzte gewesen.

    'Nun gut', sagte ich, 'was verlangt Ihr?'

    Die Kerle steckten die verlausten Köpfe zusammen und flüsterten eine Weile. Dann sagte Rübennase: 'Ein paar florentiner Gulden dürften´s schon sein, Herr.'

    Ein paar florentiner Gulden&! Mundburt, hast du eine Ahnung, wie viel Geld das ist? Das ist ein Vermögen!

    'Ein paar florentiner Gulden', rief ich entsetzt, 'liebe Leute, die hab ich nicht! Seht doch, ich reise ohne Knappen, Harnisch und Schild sind verbeult, das Schwert stumpf und verbogen, und ein anständiges Pferd kann ich mir auch nicht leisten. Bin eben ein armer Ritter, dem HERRN sei´s geklagt, aber es ist so. Hier, das ist alles, was ich habe.' Ich nahm meinen Beutel und schüttete den Inhalt auf die Straße. Sofort fiel der Alte auf die Knie und klaubte das Geld auf.

    'Ha!', rief einer der sauberen Söhne, 'Herr, wenn Ihr uns bescheißen wollt, dann –“

    'Ja? Dann? Was ist dann, du Affe? Beim Henker, vorher schmeckst du mein Schwert!'

    'Lass es gut sein, Kappes', sagte der Alte, 'Silbergroschen und Pfennige sind auch Geld.'“

    Vater schwieg, blickte mich an und wartete.

    Ich tat überrascht. „Ihr habt den Sauhunden Euer ganzes Geld gegeben?“

    Vater grinste selbstgefällig. „Natürlich nicht! Bin doch nicht blöd! Der ist noch nicht geboren, der mir mein ganzes Geld abnimmt! Trage doch immer zwei Beutel bei mir, einen, mit den Gulden, an einer sicheren Stelle – na, du weißt schon wo – und einen zweiten, für alle sichtbar, mit einen paar Groschen, um sie nötigenfalls den Wölfen in den Rachen zu werfen.“

    „War denn der Streit damit beigelegt?“

    „Für die Gauner wohl, aber nicht für mich! Was mich besonders ärgerte, war die teuflische Durchtriebenheit, mit der sie die Sache für sich gedreht hatten. Lief also brennend von Zorn, kaum dass ich in der nächsten Stadt Quartier bezogen hatte – den Namen der Stadt weiß ich nicht mehr, nenne sie einfach Corruptia – lief also gleich zum Gericht und verklagte die Bande. Ha! Hätte ich geahnt, dass ich mich damit einer Horde korrupter Beamter auslieferte, und dass dadurch alles nur noch schlimmer, vor allen Dingen aber teurer werden würde, hätte ich mir meine Rachegelüste verkniffen.

    Doch zunächst sah es so aus, als sollte die Sache für mich gut ausgehen.

    Nachdem sich der Stadtrichter die causa angehört hatte, rief er: 'Ha, das war der alte Knallfartz mit seinen Söhnen Kappes, Speck, Kinkel und Furtz. Die kennen wir! He, Stadtdiener! Nehmt zwei bewaffnete Wächter und schafft den Alten her!'

    Kaum stand der Alte in der Kammer, da fing er auch schon an mordsmäßig zu schreien: 'Euer Ehren! Ich verklage diesen Ritter da! Mit dem Schwert hat er mich bedroht, und meinem Sohn Furtz wollte er den Kopf abschlagen! Seht Ihr, wie ich zittere? Mir sitzt jetzt noch der Schreck in den Gliedern!'

    'Und ich verklage diesen Mann da des gemeinen Diebstahls', konterte ich, 'er wollte nehmen, was mir gehört und nicht ihm.'

    'Holla', wieder der Alte, 'ich habe nur genommen, was auf gemeinem Weg lag!'

    'Nichts da!', ich nun wieder, 'denn ich hatte dafür bezahlt, und nicht zu knapp!'

    'Meine Herren', sagte der Stadtrichter, 'es ist unmöglich, aus Euren Reden schlau zu werden, besonders, da beide Parteien gleichzeitig herumschreien. Erklärt Euch bitte ruhiger und genauer! Also noch mal von vorne, und einer nach dem anderen!'

    'Ich habe', kam ich dem Alte zuvor, 'den Esel mit allen Innereien fester und flüssiger Natur gekauft und mehr als anständig bezahlt. Also gehört auch alles, was er unter sich lässt, mir.'

    'Euer Esel geht mir am Arsch vorbei!', schrie der Alte, 'ich hab nur genommen, was auf gemeinem Weg lag.'

    'Um welches corpus delicti handelt es sich denn überhaupt?', wollte der Richter wissen.

    Der Alte und ich gleichzeitig: 'Um den Dung des Esels.' – Verspürst du noch Hunger?“, fragte Vater auf einmal.

    „Nein Vater! Er ist wie weggeblasen! Aber jetzt muss ich mal Pinkeln.“

    „Ha, ich auch! Hab es über die Erzählerei ganz vergessen!“

    Während wir unsere Notdurft verrichteten, erzählte Vater schon weiter.

    „Der Stadtrichter blickte erstaunt auf. 'Ei, der Dung des Esels? Und deshalb macht Ihr so ein heidnisches Geschrei? Tatata, solch ein Fall ist mir noch nicht vorgekommen. Ich schlage vor, meine Herren, Ihr einigt Euch in Güte, Ihr, Herr Ritter, lasst dem Mann den Dung, und Ihr Herr Knallfartz, gebt dem Herrn das Geld zurück.'

    'Nichts gebe ich zurück', schrie der Alte, 'schließlich hat mich dieser Ehrenmann an Leib und Leben bedroht!'

    'Es war Notwehr, Euer Ehren', sagte ich, 'schließlich haben mich die Herren Söhne dieses Ehrenmannes mit Mistgabeln gepiekt!'

    'Schluss jetzt!', rief der Richter ärgerlich und schlug mit dem Hammer auf den Tisch, 'es ergeht folgender Spruch: Ihr, Herr Ritter, überlasst dem Landmann die Hälfte des Dungs, und Ihr, Herr Knallfartz, gebt dem Herrn die Hälfte des Geldes zurück, das er nachträglich gezahlt hat.'

    An sich kein –“ Vater saß ächzend auf – „kein schlechter Spruch, der weise Solon§ hätte sicherlich keinen besseren gefunden, und ich war, da mein Zorn allmählich verrauchte, nicht übel geneigt, ihn anzunehmen – auch der Alte schien zu schwanken – da kamen zwei Advokaten herein, die den Spruch vor dem Fenster gehört hatten und gaben der Sache eine andere Wendung.

    'Herr Ritter', sagte der eine, 'wenn Ihr wollt, lege ich sofort Widerspruch ein, denn das Gesetz ist ganz auf Eurer Seite und nicht nur zur Hälfte!', während sich der andere für den Landmann einsetzte. Der fing wieder an zu schreien: 'Wollen doch sehen, ob in Corruptia noch Recht und Gesetz gilt', er bestand auf seinem Recht, ich nicht weniger. Der Richter sah sich gezwungen, einen Rechtstag anzusetzen. Der Esel wurde in den Marstall gemeiner Stadt Corruptia untergebracht, die Streitsache von einem Stadtdiener eingesammelt und im Rathauskeller verwahrt.“

    _______

    *Turnier mit Beschädigungskampf. ** Lombardei. & Abgekürzt Fl., galt damals als die „härteste“ Währung in Europa. § Antiker Gesetzgeber.


    Fortsetzung der Erzählung vom Dung des Esels.


    Mein Vater unterbrach seine Rede, um einen kräftigen Schluck zu nehmen. Dann rülpste er schallend und fuhr fort: „Es war eine perfide Gesellschaft – ups –, die sich da zusammengefunden hatte, um mir das Fell über die Ohren zu ziehen: Der Richter, der Alte, die Advokaten, dieser ganze Gerichtsklüngel. Sie hielten mich wohl für einen reichen Mann, nur weil ich ein Ritter war! Pah, die Idioten! Hab in meinem Leben mehr arme Ritter gesehen als Bettelmönche! Doch als ich es merkte, steckte ich bereits so tief drin, dass ich nicht mehr hinaus konnte. Ha!Justizia wird häufig als Jungfrau dargestellt, in der linken Hand eine Wage, in der rechten ein Richtschwert. Zum Teufel! Wer wohl auf diesen Blödsinn gekommen ist! Ich sag dir was, Mundburt: Richtiger wäre eine Schnecke, die in der einen Hand eine Kasse, in der anderen eine Kelter hält!“

    „Haben Schnecken denn Hände?“

    „Ach! Das war doch nur so ein Beispiel! Nun weiter.

    Am Gerichtstag, gegen die zehnte Stunde, erhob sich der Magister Pfriem, der den Landmann vertrat, und sprach: 'Billigkeit, hohes Gericht, ist das höchste Rechtsgut! Was aber kann billiger sein, als dass der Besitzer eines Apfelbaums, dessen Früchte auf den Weg neben seinem Garten fallen, diese dem durstigen Wanderer als Erquickung überlässt. Warum sollte dieser Grundsatz nicht auch für den Dung eines Esels gelten? Wohin, meine Herren – dergleichen Händel wurden in der Stadt Corruptia von einem Gericht aus zwanzig Ehrenmännern abgehandelt – soll es mit unserer Freiheit kommen, wenn es nicht erlaubt ist, sich dem Dung eines Esels zu bedienen, der auf gemeinem Weg liegt?'

    Sofort erhob sich Magister Stichel, der meine Sache vertrat. „Allerhöchstes Gericht!', rief er, 'die Einlassungen der Gegenseite sind nicht einleuchtend, nämlich, dass der Dung eines Esels weder als ein wesentlicher noch außerwesentlicher Teil besagten Tieres anzusehen sei und vom Käufer dahero nicht vermutet werden könne, dass er diesen nicht stillschweigend mit jenem erworben habe; item halte ich dagegen, dass der Dung leibhaftigen Esels schlechterdings nicht für sich selbst, will sagen: ohne eröfterten Esel entstehen kann; ergo der Eselsdung als nichts anderes anzusehen ist als ein Dungesel; sequitur der Eigentümer besagten Esels sich mit gutem Fug auch als Eigentümer des Dungesels betrachten kann. Überdies – und wenn man auch concedieren wollte – dass der Dung nur ein acessorium besagten Esels sei, so kann doch dem Verkäufer dadurch noch kein Recht auf den Gebrauch des Dungs zuwachsen, item, indem durch mündliche Vereinbarung –'

    Nun erhob sich wieder Pfriem und sprach: 'Hohes Gericht! Da ich unter den Gesetzen dieser glücklichen Stadt keines finde, worin der vorliegende Fall klar und deutlich enthalten ist und ein Urteil folglich allein aus der Natur der Sache gezogen werden muss, so kommt es haupt- und nebensächlich – –'“

    Herrje, jetzt musste ich auch noch kacken! Aber konnte ich Vater schon wieder unterbrechen? Jetzt, wo er gerade dabei war, sich in seiner Erzählung behaglich einzurichten? Unmöglich! Kniff also die Arschbacken zusammen und sagte nichts.

    „ – kurz – äh, Mundburt, sag mal, stimmt was nicht? Du sitzt da wie ein Affe auf ´nem Schleifstein!“

    „Es ist nichts, Vater! Erzählt nur weiter.“

    „Kurz, die Sache ging in die nächste Instanz. Inzwischen war der Streit in der Stadt bekannt geworden, und, obgleich niemand eine zuverlässige Nachricht hatte, bildeten sich sogleich zwei Lager. Die Dungisten vertraten die Meinung, der Apfel eines Esels bilde eine wesentliche, selbstständige Einheit, zu deren Gebrauch jedermann das Recht habe, der ihn als erster von gemeinem Ort aufhebe. Die Asinisten% hingegen verfochten die Ansicht, der Dung gehöre wesensmäßig zum Esel, da, wo kein Esel auch kein Dung sei, und sei deshalb rechtmäßig dessen Besitzer zuzusprechen. Die Neutralisten standen dazwischen und verhielten sich abwartend. Der Eifer nahm auf beiden Seiten derart zu, dass es schon bald unmöglich war, neutral zu bleiben. 'Bist du ein Dungist oder bist du ein Asinist?', war schon bald die erste Frage, wenn sich zwei Corruptianer in der Schenke oder auf dem Marktplatz trafen; hatte jemand das Unglück, ein Neutraler zu sein, so blieb ihm, wenn er sich nicht gleich mit einer Flucht rettete, nichts anderes übrig, als auf der Stelle zu apostasieren, oder sich mit tüchtigen Stößen und Püffen aus der Tür werfen zu lassen. Aber auch die Frauen standen nicht nach. Schon floss das Blut zweier Heringsweiber, die sich auf öffentlichem Markt gegenseitig mit den Nägeln ins Gesicht geraten waren.“

    Eine Schar berittener Ulanen kam uns entgegen, die einen derartigen Staub aufwirbelten, dass an ein Weitererzählen nicht zu denken war. Als die Luft wieder einigermaßen klar war, fragte ich: „Was heißt apo... apo...?“

    „Apostasieren! Das Lager wechseln, seine Meinung ändern, leugnen, abtrünnig werden.“

    Mir kam der Verdacht, dass Vaters Behauptung, er sei so ungebildet wie eine Wagendeichsel, genau so aus der Luft gegriffen war wie die Geschichte, die er gerade erzählte.

    Inzwischen hatte der Druck in meinen unteren Regionen bedrohlich zugenommen, doch Vater erzählte schon weiter.

    „Nun gut, ich will nicht zu weit ausführen, nur das Wesentliche. Die Sache ging also vor den Großen Rat. Man führte den Esel vor und untersuchte zum x-ten Mal mit angehaltenem Atem das corpus delicti.

    Hier nun nahm der Prozess eine erneute Wendung; die Fachleute, Rechtsgelehrte, Ärzte, Pfaffen, Philosophen und weiteres gelehrtes Volk bescheinigten zwar die wirkliche und leibhaftige Existenz des Esels, ob aber der erörterte Dung auch der Dung eben dieses Esels sei, könne nicht mit Sicherheit behauptet werden, denn er habe bereits die Apfelform aufgegeben und sich in Apfelmus verwandelt, ein acessorium, dessen Beweiskraft nichtig sei. Infolgedessen könne der Streit zu keinem klaren Ende geführt werden. Daraufhin zog sich das Gericht zur Beratung, will sagen zum Mittagsmahl zurück.

    Ich atmete auf. Ha, dachte ich, damit ist der Streit wohl aus der Welt geschafft. Welch ein Irrtum! Damals wusste ich noch nicht, dass es für einen gerissenen Advokaten nichts Einträglicheres gibt als einen unklaren Fall. –

    Was ist dir, Mundburt, he? Du drehst und wendest dich wie ein gefangener Aal.“

    „Ach es ist nichts, Vater, es kneift ein wenig, aber erzählt ruhig weiter.“

    „Nun denn. Die Nachricht von der drohenden Niederschlagung des Prozesses schlug ein wie eine Bombe. Meister Pfriem fand in Blitzesschnelle heraus, dass man die Angelegenheit auf eine weit höhere und somit noch einträglichere Ebene heben könne, als es ein paar verschimmelte Eselsäpfel darstellen, nämlich hin zu der Frage, ob der Dung, den ein Mensch bei einem ausgedehnten Festmahl erzeuge, dem Gastgeber gehöre oder dem Gast, und Magister Stichel stellte ohne viel zu überlegen fest, dass es in gemeiner Stadt Corruptia diesbezüglich an einer gültigen Regelung mangele§. Beide Advokaten boten sich an, dazu zwei sich widersprechende Gutachten zu erstellen.

    Zunächst aber hatte der Rat andere Sorgen. Vom Marktplatz erklang plötzlich wütendes Geschrei; man hörte Rufe wie: Mein Dung gehört mir!, Freiheit auf dem Abort (was einige Erz-Narren in: Freibier sofort!) verdrehten, aber auch Sprüche wie:


    Scheiß doch auf den Rat,

    wenn er was tut, ist´s bereits zu spat!

    oder

    Der ist ein glücklicher Mann,

    der in Freiheit kacken kann!


    Der Bürgermeister ging ans Fenster und gebot den Aufrührern Ruhe. Aber ihr Geschrei verstärkte sich noch; einige der Frechsten drohten sogar, das Rathaus auf der Stelle anzuzünden, wenn das Gericht nicht unverzüglich einen Spruch fälle, der das Eigentumsrecht am eigenen Dung unmissverständlich und für ewige Zeiten festlege.

    Doch für ein vernünftiges Miteinander war es bereits zu spät. Die Advokaten Pfriem und Stichel heizten die Stimmung noch weiter auf, indem sie verbreiteten, der Rat habe im nächsten Schritt vor, auch noch die Pisse zu vergemeinschaften. Daraufhin, während vor dem Rathaus der Tumult tobte, trommelten die Zunftmeister der Eselbesitzer und Kloakenreiniger ihre Leute zusammen, die, vermehrt durch Pöbel der niedrigsten Gattung, grölend und wüste Beschuldigungen ausstoßend, zum Rathaus marschierten. Dort stieg bereits Rauch auf; etliche lose Buben und lausige Kohlweiber waren mit Gewalt in die umliegenden Häuser eingedrungen, hatten Brände aus den Feuerherden gerissen und fuchtelten damit herum, um zu zeigen, dass sie es mit ihren Drohungen ernst meinten, obwohl keiner mehr wusste, worum es eigentlich ging.

    Der Rat erkannte in seltener Einmütigkeit die Gefahr, welche gemeiner Stadt Corruptia drohte und ließ bewaffnete Stadtdiener aufreiten, die den Mob zügeln sollte. Doch diese Maßnahme erwies sich als völlig falsch; kaum erblickte der aufgeheizte Pöbel die schwer bewaffneten Reiter, da flogen schon die ersten Pflastersteine, und ein heftiges Hauen und Stechen begann.

    Hmm... ähh... sag mal, Mundburt, wonach riecht es hier? Kann es sein, dass du –“

    „Ja, Vater, es kann nicht nur, es ist so. Eure Erzählung war so lebensecht, dass ich darüber meine... ähem, Notdurft vergaß.“

    „Sehr gut, mein Sohn, sehr gut! Ein Erzähler, bei dem das Publikum nicht vergisst, dass es Zahnschmerzen hat oder dass der Darm druckt, taugt nichts. Gleichwohl müssen wir sehen, wie wir die Sache aus der Welt schaffen. Am nächste Bach sitzt du ab und reinigst dich.“

    „Warum denn das? Es fühlt sich nicht unangenehm an, dieser verdammte Eselsrücken ist nicht mehr so hart. Außerdem habt Ihr doch eben die Meinung vertreten, dass jeder das Recht auf seine eigenen... äh, Ausscheidungen habe. Wenn Ihr nicht unglaubwürdig werden wollt, müsst Ihr auch jetzt dazu stehen. Also kann ich darauf sitzen bleiben, so lange ich will!“

    (Ihr habt euch vielleicht schon gefragt, meine lieben Sesselpfurzer, wieso ein Knabe von gerade mal zwölf Jahren zu solchen Spitzfindigkeiten in der Lage ist. Ich staune ja selber, während ich es diktiere. Nun ja, dazu kann ich nur sagen: Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe...)

    „Schlingel! Dreh mit nicht das Wort im Munde um! Am nächsten Bach reinigst du dich, verstanden? Oder willst du mit verschissenem Hintern vor der Herrin erscheinen?“

    „Vater! Pfui Deibel, nein. Aber vorher müsst Ihr mir noch erzählen, wieso Ihr bei dem Streit Geld verloren habt. Bisher habt Ihr doch noch keinen Pfennig bezahlt!“

    „Das ist schnell erzählt. Ich nutzte den Tumult, um mich aus der Stadt zu schleichen. Band den Esel los und drückte mich durch etliche leere Gassen zum nächsten Tor hinaus. Doch kaum war ich hundert Schritte getrabt, da hörte ich hinter mir Getrappel von Pferdehufen: Ein Gerichtsdiener mit zwei Pikeuren. „He!“, rief der Kerl, „Herr Ritter, Ihr habt vergessen zu zahlen!“ Was sollte ich machen? Hätte ich mich geweigert, wäre ich im Schuldturm gelandet. Also zahlte ich, und ich kann dir sagen, Mundburt, nicht zu knapp! War hinterher so gut wie pleite.“

    Burg Schwarzenraben erschien, von einem Sonnenstrahl in helles Licht getaucht: Mein zukünftiges Zuhause. Es half also alles nicht, ich musste mich von meinem Kissen trennen.

    Kurz darauf ritten mir über die Zugbrücke, ich fast ohnmächtig vor Hunger, Vater mehr als angeheitert.

    ***

    Was sagt Ihr? Woher ich das alles noch so genau weiß? Hab eben ein gutes Gedächtnis, lieber Mann, und, na ja, wenn es mal nicht mehr weiterging, da half mir Frau Fantasia.

    ________

    % Lat. asinus=Esel. § Bei den alten Chinesen war es üblich, dass der Gast auf den Abort ging, bevor er das Haus verließ.


    Ende des ersten Haufens. Der zweite folgt demnächst.

  • Bald kam ich an eine Hütte, vor der ein Esel stand. Er war klapperdürr, mit struppigem Fell und krummen Beinen, offenbar für die Salami bestimmt.

    Gab's da schon Salami? ?(

    Ich habe den Esel samt Inhalt gekauft. Der Dung gehört zum Esel wie sein Schwanz. Also gehört der Dung mir. Wenn Ihr ihn haben wollt, müsst Ihr bezahlen!'

    'Ihr spaßt, Herr', erwiderte der Alte, 'schaut doch mal genau hin! Wo ist der Schwanz? Am Esel. Wo ist der Dung? Er liegt auf der Straße. Also ist er Allgemeingut und jedem Bürger dieses schönen Landes verfügbar.'

    Ahhh, der alte Rechtsstreit. Erinnert mich an den klassischen Nachbarschaftskonflikt. Tatsächlich ist es so, dass Nachbar A, dessen Pflaumenbaum am Zaun steht und der Pflaumen auf das Grundstück von Nachbar B wirft, diese Pflaumen nicht für sich beanspruchen darf. Daran fühl ich mich grad erinnert.^^

    Ein paar florentiner Gulden&!

    Wird dann aber Florentiner nicht großgeschrieben?

    en Namen der Stadt weiß ich nicht mehr, nenne sie einfach Corruptia

    Herrlich!!


    „Allerhöchstes Gericht!', rief er, 'die Einlassungen der Gegenseite sind nicht einleuchtend, nämlich, dass der Dung eines Esels weder als ein wesentlicher noch außerwesentlicher Teil besagten Tieres anzusehen sei und vom Käufer dahero nicht vermutet werden könne, dass er diesen nicht stillschweigend mit jenem erworben habe; item halte ich dagegen, dass der Dung leibhaftigen Esels schlechterdings nicht für sich selbst, will sagen: ohne eröfterten Esel entstehen kann; ergo der Eselsdung als nichts anderes anzusehen ist als ein Dungesel; sequitur der Eigentümer besagten Esels sich mit gutem Fug auch als Eigentümer des Dungesels betrachten kann. Überdies – und wenn man auch concedieren wollte – dass der Dung nur ein acessorium besagten Esels sei, so kann doch dem Verkäufer dadurch noch kein Recht auf den Gebrauch des Dungs zuwachsen, item, indem durch mündliche Vereinbarung –'

    Sehr schön, die mittelalterliche Gerichtssprache. Schön unverständlich, langatmig und mit Fachsprache gespickt. Manche Sachen ändern sich eben nie...:D

    'Bist du ein Dungist oder bist du ein Asinist?'

    Oh Gott, wie kommt man auf so was?:D:D:D

  • Hallo @Stadtnyphe,


    die Erfindung der Salami wird von Fachleuten in der Antike gesucht. Der Name bedeutet 'gesalzenes Fleisch'.

    Die Episode vom Dung des Esels soll eine eine Satire sein auf Parteiengezänk und die Unsitte, sich wegen eines Sch...cks in die Haare zu geraten. Es gibt da eine ähnliche Vorlage, wo sich jemand in den Schatten des Esels setzt, mit ähnlichen Weiterungen. Aber die hat schon jemand anderer beackert. Die Dung-Version ist mW. neu.

    Der Florentiner Gulden. So steht´s im Duden. In alten Büchern liest man oft fl. für florin. Deshalb schrieb ich es klein.

  • Zweiter Haufen: Burg Schwarzenraben


    Mathilde von Schwarzenraben.....................Burgherrin

    Lothar.................................................ihr ferner Gemahl

    Herr von Wolffenegk.................................ihr Liebhaber

    Griebto...............................................................ihr Falke

    Bodo von Weidmannsheil................ihr Lieblingshund

    Kühnbold...................................einer ihrer Jagdhunde

    Gerlind, Hildegardis................................Kammerzofen

    Msgn. Labelli...........................................Burggeistlicher

    Georg....................................................................Herzog

    Franz Arsch..........................................................Hofnarr

    ferner: Adelige, Bürger, Landleute, fahrendes Volk.....


    ***

    Was gibt es Wichtig´res in unsern Tagen

    als Freunde, Wort-Heil und Behagen!

    Dies Büchlein, störrisch, artig, hochgeschürzt,

    mit tausend Possen angewürzt,

    mit lümmelhafter Wurstigkeit

    und wunderlicher Albernheit -

    lest´s mit Verstand und lasst Euch Zeit,

    das nährt des Geistes Heiterkeit!

    O Welt! Für einen Augenblick vergiss

    des Schicksals Schlag und Schlangenbiss!



    Mundburt wird seiner zukünftigen Herrin vorgestellt und trotz erheblicher Wissenslücken in Dienst genommen.


    Als wir ihre Kammer betraten, erhob sich die Burgherrin und kam auf uns zu. Obwohl ich von der Reise erschöpft war, stockte mir vor Verwunderung der Atem. Noch nie zuvor hatte ich eine derart prächtig gekleidete Frau gesehen. Kaum wagte ich den Blick zu heben. Noch heute sehe ich, wie sie vor uns stand: Ihr Obergewand, das lässig den schlanken Körper umhüllte, aus feinster Leinwand von byzantinischen Tuchmachern gewebt, war mit Gold- und Silberfäden durchwirkt. Dann ihr Untergewand, soweit sichtbar... Traumhaft! Ein Farb-Feuerwerk in Purpur, Kamelot und Zimbal. Unter der Bordüre lukten die Spitzen zweier mit köstlichem Zierrat versehener Pantoffeln hervor; die Ärmel ihres Leibrocks leuchtete himmelblau. Dann ihr Gesicht, ihr Haar, ihr – – Wie entzückend! Das reinste Elfenbein, umflossen von einer Locken-Kaskade in der Farbe erntereifer Ähren. Ich staunte diese Himmelserscheinung mit offenem Munde und triefender Nase an, worauf mir mein Vater einen kräftigen Stoß in den Rücken gab und zischte: „Mach´s Maul zu!“

    Die Dame begrüßte zunächst meinen Vater, der alle Mühe hatte, fest zu stehen, dann musterte sie mich eine Weile aufmerksam. Ich senkte züchtig den Blick. Endlich streckte sie mir die Hand zum Kusse entgegen. Ein Schauer schüttelte mich. O, welche geschmeidige Grazie! Bisher kannte ich nur die rau-rissigen Hände unserer Küchenmagd, die nach Rauch und Pottasche rochen. (Meine Mutter, leider, hatte sich in letzter Zeit kaum noch um mich gekümmert. Ich vermute, weil ich meinem Vater immer ähnlicher wurde.) Doch diese parfümierten Finger, schlang, weiß und feingliedrig wie Glasaale, mit blitzenden Ringen und köstlichem Metallzeug versehen – – ich war unfähig mich zu rühren, bis mir mein Vater zuzischte: „Küssen, du Flegel!“ Da erwachte ich aus meiner Benommenheit. Ich wischte mir die Nase am Ärmel ab; dann, wie meine Muhme es mir beigebracht, beugte ich das Knie und berührte dieses fleischliche Wunder kurz mit den Lippen.

    „Steh auf, mein Sohn“, befahl die Dame nun, „und schau mich an.“

    Ich gehorchte. Und wieder erbebte mein Herz vor Bewunderung. Diese Augen! Groß, groß, groß, zwei dunkle, unauslotbare Brunnen. Allein der Mund! Mit kühnem Schwung, rot wie Rubin. Doch ich fand, dass er erschreckend schmal und irgendwie – kalt wirkte.

    „Wie heißt du denn?“, fragte sie.

    Ich, verdattert: „Hat Euch mein Vater nicht –“

    Sie: „Doch, er hat! Aber ich möchte es aus deinem Mund hören! Und rede nur, wenn du gefragt wirst!“

    Ich: „Mundburt.“

    Sie: „Und weiter?“

    Ich: „Von Wolkenstein.“

    „Burg Wolkenstein bei Ulm ist unser Stammsitz“, ergänzte mein Vater unaufgefordert.

    „Soso.“

    Allerdings bemerkte ich jetzt, dass die Stimme der Burgherrin keineswegs zu ihrer bewundernswerten Erscheinung passen wollte. Für mein Empfinden war sie unangenehm herrisch-spitz, aber ich dachte, es läge an ihrem schmalen Mund, der keine andere Tönung zuließ.

    „Ein hübsches Gesicht hat Euer Sohn, Herr von Wolkenstein“, befand die Dame, und fuhr fort: „ja, etwas Interessantes, überaus Anmutiges liegt in seinen Zügen, das ich bei der heutigen Jugend nicht häufig sehe.“ Sie stellte mir etliche Fragen, von denen ich die meisten vergessen habe; ich weiß nur noch, dass mir dieses Examen außerordentlich peinlich war; in schöngeistigen Dingen war ich so tumb wie ein Pferdeapfel. Zu meiner Schande gesteh ich´s frei, ich bin´s teilweise heute noch, obwohl ich mir vorgenommen habe, etwas für meine klassische Bildung zu tun. Woher sollte es aber auch kommen? Mein Vater hatte außer reiten, fechten, lanzenstechen und mit dem Bogen schießen selbst nichts Höherwertiges gelernt.

    Letztendlich muss ich der schönen Frau wohl gefallen haben, denn sie sagte, an meinen Vater gewandt: „Herr von Wolkenstein, ich nehme Euren Sohn als Pagen in meinen Dienst!“

    Hocherfreut lüftete mein Vater sein Barett und machte einen ergebenen Kratzfuß. „Edle Frau! Ich danke Euch! Nicht nur der Herrgott wird es Euch lohnen!“ Bei diesen Worten öffnete er sein Wams und zog den Beutel mit den Dukaten hervor, den er einer herbeieilenden Kammerzofe übergab. Die Zofe öffnete den Beutel, griff hinein und sagte: „Fürs erste wird´s reichen.“

    Mein Vater schaute mich lange an; seine Augen füllten sich mit Tränen. Schließlich wandte er sich ab und verließ mit schnellen Schritten den Raum. Als die Tür hinter ihm zufiel, klatschte meine zukünftige Herrin in die Hände und rief: „So Ihr Frauen, macht einen Mann aus ihm! Aber zuerst sorgt dafür, dass er nicht mehr so stinkt!“ Sofort eilten zwei Bademägde herbei, nahmen mich in ihre Mitte, führten mich in die Badstube, entkleideten mich, seiften mich gründlich ab und steckten mich anschließend in neue, nach allerlei würzigen Kräutern duftende Gewänder.


    Mundburt wird vom Falken gepickt und zieht sich den Unmut der Herrin zu.


    Die nächsten Wochen und Monate waren damit ausgefüllt, mich mit den Gebräuchen und Gepflogenheiten des höfischen Lebens bekannt zu machen und mir Manieren beizubringen. Natürlich dachte niemand an lesen und schreiben, schließlich sollte ich Ritter werden und kein Pfaffe oder Advokat.

    Oft kam ein Herr zu Besuch, der im Schlafgemach der Dame übernachtete. Dem Getuschel der Domestiken entnahm ich, dass er ihr Liebhaber war, der sich in ihren Armen für ein paar Stunden entspannen wollte; ihr Gemahl kam nur ab und zu für ein paar Tage nach Hause, meistens weilte er auf irgendwelchen Ritterturnieren oder im Krieg.

    Dieser Liebhaber, ein Herr von Wolffenegk aus uraltem Adel, war ein leidenschaftlicher Jäger, ein wahrer Nimrod, dabei gebildet wie kein zweiter seiner Zunft. Was lag da näher, auch mich in das edle Waidwerk einzuweihen. Mehrmals ritten wir zur Beizjagd aus; Griepto, der Gerfalke, in stolzer Haltung und mit der Haube geblendet, saß wie eine Galionsfigur auf dem Handschuh der Herrin, Bodo von Weidmannsheil als Anführer der Hundemeute folgte. Hinter einem Gebüsch ging gerade ein Strich Schnepfen nieder, und wir saßen ab. Die Dame nahm dem Falken die Haube ab und warf ihn hoch, der herrliche Vogel stieg in die Luft, kreiste ein paarmal, stand dann still und rüttelte; plötzlich ließ er sich wie ein silberner Komet fallen. Sofort stürzte Kühnbold von Schwarzenraben, einer der Jagdhunde, los und apportierte kurz darauf die Beute. Auch der Falke kehrte zurück, und die Herrin befahl mir, ihn erneut hochzuwerfen.

    Doch dieses Tier mochte mich anscheinend nicht. Als ich es hochwarf, kehrte es um und pickte mich schmerzhaft in den Hinterkopf. Auch beim zweiten Versuch erging es mir nicht besser. Die Herrin schüttelte unwillig den Kopf und meinte, ich sei ungeschickt, und es fehle mir an Seelenstärke.

    Herr von Wolffenegk, der neben der Herrin stand, runzelte die Stirn. „Hohe Frau“, sagte er, „gebt den Knaben in meine Obhut, und ich mache einen guten Falkner aus ihm! Zunächst muss für einen streng geregelten Tagesablauf gesorgt werden.“


    Mundburt erleidet verschiedene Erziehungsversuche. Der erste Versuch.


    So geschah es dann auch. Zeitig nach dem Morgenbeiern*, zwischen neun und zehn Uhr (bei bedecktem Himmel auch später) weckte mich eine Magd, indem sie mir die Füße kitzelte. Dann reckte, streckte, räkelte, furzte, gähnte ich und wälzte mich noch eine Zeit lang im Bett hin und her, denn Herr von Wolffenegk hatte mir reichlich Bewegung verordnet. Wenn aus der Küche die ersten Essensdünste herüberwehten, stand ich auf und kleidete mich der Jahreszeit gemäß an, wobei ich im Sommer einen mit Fuchsfell gefütterten Flausrock trug, im Winter hingegen nur ein leichtes Obergewand, zuweilen auch gar nichts. Dann kämmte ich mich auf deutsch, das heißt mit meinen fünf Fingern und warf der Wachschüssel einen Handkuss zu; sich auf gewöhnliche Art zu kämmen, zu waschen oder zu reinigen, so meinte mein Lehrer, sei reine Zeitverschwendung.

    Darauf nahm ich einen bescheidenen Morgenbiss ein. So verschlang ich nur drei Schüsseln gekochte Kuddeln, zehn Karbonaden, zwanzig Hähnchenschenkel, dreiundsechzig Forellen in Rahmsoße – gut, ich will nicht übertreiben, vielleicht waren´s auch nur zweiundsechzig – und als Vorspeise einen Eimer Primsuppe. Danach ging ich nach draußen und schiss, kotzte, rülpste, spuckte, hustete, keuchte wie ein Rudel Gerichtspräsidenten, denn frische Luft, so mein Mentor, täte immer gut. Papst Leo habe es nach den Vorschriften seines jüdischen Arztes ebenso gemacht und so trotz aller Unkenrufe bis an sein seliges Ende gelebt.

    Nachdem ich nun alle diese Verrichtungen zur Zufriedenheit aller getan hatte, ging ich in die Burgkapelle, wo schon der Burgpriester auf mich wartete. Zwei Kirchendiener setzten mir ein dickes, massiv gebundenes Gebetbuch vor die Nase, das mit Deckel, Spangen, Bändern, seidenen Leseschnüren und allerlei Zierrat gewiss seine zehn Zentner wog. Dann gesellte sich der Kaplan zu mir, der nach Krypta und Kloake stank wie ein Wiedehopf, und dröselte mir sämtliche Kyralien, Avemarialien, Paternostalien, Ecclesalien, Katechetalien so säuberlich auf, dass ich auch nicht das kleinste Fläumchen verstand. Dafür versank ich in einen erquickenden Vormittagsschlaf, und als ich wieder erwachte, schlug die Glocke zwölf.

    Nun setzte ich mich zu Tisch. Um nicht gierig zu wirken, begann ich die Mahlzeit mit einem Dutzend gebratener Tauben, zehn geräucherten Schinken, zwei Schock Ochsenzungen, einer Wagenladung Blut- und Leberwürsten und dergleichen Kleinigkeiten mehr. Dann ging´s an die Hauptverköstigung. Ich ließ alles auffahren, war Rang und Namen und die Jahreszeit zu bieten hatte. Um euch, meine lieben Rotznasen und Pickelhauben, nicht zu langweilen, verzichte ich auf eine Aufzählung. Es reicht, wenn ich euch mitteile, dass mir vier Pagen ununterbrochen den Senf ins Maul schütten mussten, worauf ich jedesmal eine halbe Flasche Wein zur Erfrischung der Leber nachschüttete und Herr von Wolffenegk einen lateinischen Satiriker zitierte. Hörte erst auf, als mir der Bauch zu platzen drohte. Dann ging ich in den Zwinghof; schiss und pisste den Maulwürfen, die sich allmählich zu einer Landplage entwickelten, die Röhren voll.

    Nach dem Mittagsbiss begann der Unterricht mit den Falken. Zu diesem Behufe wartete schon ein Dutzend dieser Vögel auf Stangen, das Geäuge sorgfältig mit Kappen bedeckt. Am anderen Ende des Hofs standen mehrere ausgestopfte Reiherbälge, die mittels Schnüren bewegt werde konnten. Meine Aufgabe war es, die Falken hochzuwerfen und auf die Bälge zu lenken.

    Vorsichtig nahm ich einem Falken die Kappe ab, warf ihn hoch und zog eifrig die Schnüre. Doch anstatt auf den Balg flog der Falke auf mich und krallte er sich auf meiner Nase fest (mein Kopf war durch eine Mütze geschützt). Ich schrie auf und warf das Untier weit von mir, was den Zorn der Herrin auf mich zog, die vom Altan aus die Szene beobachtet hatte. Sie befahl, den Versuch abzubrechen und bezüglich meiner Erziehung andere Saiten aufzuziehen. Für die Falknerei sei ich offensichtlich völlig ungeeignet.

    So geschah es dann auch.

    __________

    * Besondere Art des manuellen Glockenziehes.


    Mundburt erleidet den zweiten Erziehungsversuch.


    Da Herr von Wolffenegk selbst ein gebildeter Mann war – er schüttelte euch einen Leich* aus dem Ärmel wie andere Leute einen Haufen Mottenfraß – und ich für das edle Waidwerk so ungeeignet wie eine halbgare Kuddel zum Singen, kam er auf die Idee, mich in den trivialen** Wissenschaften zu unterweisen. Dazu ließ er mir zunächst, um mich auf den rechten Weg zu bringen und mir die Flausen auszutreiben, von einer Badmagd ein kräftig hinterfotziges@ Abführmittel aus Nieswurz und Seifenlauge nach allen Regeln der Kunst verabreichen, woraufhin ich alles vergaß, was ich bei meinen früheren Mentoren gelernt hatte. Dann regelte er meinen Tagesablauf neu, und zwar so, dass auch nicht eine Minute verloren ging, sondern ganz der Erwerbung nützlicher Kenntnisse gewidmet war.

    Demzufolge weckte man mich noch vor Sonnenaufgang (bei bedecktem Himmel auch früher) mit einem Guss kalten Wassers. Während man mich abrieb, wurden mir schon einige Seiten der lateinischen Grammatik laut und verständlich und mit solcher Hingabe vorgelesen, wie es der Gegenstand verlangte, wozu ein junger Page namens Lectiorattus& angestellt war. Angeregt durch den bedeutsamen Inhalt dieser Lektionen begann ich, Gott zu loben und zu preisen, dessen wunderbares Wirken und erhabene Majestät sich in diesen Regularien offenbarte. Sodann zog ich mich zurück, um meine natürlichen Bedürfnisse zu verrichten, wobei mir Herr von Wolffenegk die dunklen und schwierigen Stellen der lateinischen Grammatik erklärte. Solchermaßen gerüstet wischte ich mir den Arsch, kämmte, frisierte, parfümierte mich, kleidete mich an, währenddessen die Lektionen vom Vortage wiederholt wurden, was oft den halben Vormittag dauerte, ohne dass ich das Geringste begriff.

    Nun war die Zeit der Unterweisung in Rhetorik gekommen. Dazu gingen Herr von Wolffenegk und ich nach draußen auf den Burghof, und Herr von Wolffenegk begann wie ein notgeiler Köter den Himmel anzuheulen. Als er drei Stunden später damit fertig war, befahl er: „Tu ein Gleiches!“ Ich tat es, worauf die Hunde im Zwinger in eine derartige Raserei fielen, dass sie eingeschläfert werden mussten.

    Mittlerweile schlug die Glocke zwölf, und wir gingen zu Tisch. Da mein Mentor, der eine mehr asketische Lebensweise bevorzugte, darauf bestand, dass ich weniger zu mir nähme, denn, so meinte er,


    plenus venter non studet libenter§


    schränkte ich meine Nahrungsaufnahme auf das Notwendigste ein. Statt Kuddeln gab´s jetzt Landsknechte°, statt Karbonaden Maulaffen, statt Hähnchenschenkel Mönchseier, statt Forellen Krachmandeln, und als Vorsuppe ungeschälte Graupen in kalt geschlagenem Jungfernöl%. Anschließend begann die Unterweisung in Dialektik. Zu diesem Behufe stellte Herr von Wolffenegk eine Behauptung auf, etwa, dass es besser sei, mit dem Trinken schon frühmorgens zu beginnen, als am Abend alles auf einmal in sich hineinzuschütten, oder, dass es der menschlichen Gesundheit weniger darauf ankomme, sich außer Atem zu rennen als darauf, sich beizeiten auf den Weg zu machen. Konnte ich eine Behauptung widerlegen, durfte ich die nächste aufstellen, wenn nicht, setzte es Ohrfeigen. Diese Regel galt auch für Herrn von Wolffenegk. Bald war ich in Dialektik derartig firm, dass Herr von Wolffenegk mehr Maulschellen erntete als ich. Die Herrin auf dem Söller erlitt einen Lachkrampf, woraufhin der Unterricht abgebrochen wurde. Außerdem war es Zeit für´s Abendbrot.

    Da ich über Tage kaum etwas Anständiges zu mir genommen hatte, hieb ich kräftig rein. Auch hier, meine lieben Wadenbeißer und Krammetsvögel, erspare ich euch Einzelheiten. Nur so viel: Die Menge der Zahnstocher, die ich zum Reinigen meiner Zähne benötigte, entsprach dem Holz einer alten Eiche; um mich mit den nötigen Mundtüchern zu versorgen, mussten die Mägde ihre Oberkleider opfern, und die Anzahl meiner Arschlappen überstieg die Zahl der Sterne, die man beim Empfang einer kräftigen Maulschelle sieht.

    Nach sechs Wochen derlei Unterweisung und geistiger Belebung hielt es die Herrin endlich für angebracht, mich einem Examen zu unterwerfen, denn Herr von Wolffenegk litt in letzter Zeit stark unter Kurzatmigkeit, man befürchtete Schlimmeres. Es wurde eine tabula examinis# berufen, bestehend aus der Herrin, meinem Mentor, Herrn von Wolffenegk, dem Kaplan, und dem Burgvogt, dessen Sohn, ein arschwischericher Kriechling, der mit dem Kunat+ im Hirn geboren worden war und sogar lateinisch kacken konnte. Herr Lothar war wieder einmal abwesend. Dieses Söhnchen und ich sollten eine kurze, aber wohlgesetzte Rede halten, natürlich auf Latein; der Bessere würde den Sieg davontragen.

    Um mich gehörig zu präparieren, vermehrte Herr von Wolffenegk seine Anstrengungen, mir die lateinische Grammatik näherzubringen, von der ich bis jetzt weniger verstand als ein Frosch vom Fliegen. Mit schweißbeperlter Stirn, sich immer wieder die Brille zurückschiebend, memorierte er mit mir lateinische Formeln wie Ablativus apfelatus, Gerundium, Geradium, Gedovium, Maledivum, Bonedivum, Purgatorium, Clistirium, Delirium und dergleichen; ließ dabei keine meiner Verrichtungen aus, weder tags, noch nachts. Stand bei hellem Mond plötzlich vor meinem Bett, klatschte in die Hände – und wenn ich aufs Stichwort nicht sofort eine lateinische Wendung herunterrasseln konnte, setzte es Ohrfeigen, die ich natürlich in gleicher Münze bezahlte. So strichen wir unsere Wangen manchmal bis ins Morgengrauen; dann sanken wir erschöpft auf unsere Lager. Ein neuer Tag mit weiteren pädagogischen Abenteuern begann.

    Auf diese Weise belehrt und solchem Verfahren Tag für Tag ausgesetzt - das, so wird man leicht begreifen, konnte nicht ohne wohltätige Wirkung bleiben, besonders bei einem jungen Menschen wie mir, der im ganzen für sein Alter recht verständig war. Wusste bald das Paternoster auswendig – allerdings verkehrt herum, denn als mir Herr von Wolffenegk dieses heilige Gebete in den Hirnkasten hämmerte, saß ich auf dem Abort mit dem Rücken zur Tür, durch die er mir den Text zurief. Dem Herrgott war´s egal, denn der kennt den Text in- und auswendig, aber nicht dem Herrn Kapellan, der schwere Ketzerei vermutete. Um ihn davon zu überzeugen, dass es ein ganz gewöhnlich lateinisch Vaterunser war, kam mir endlich die rettende Idee. Ging mit dem Schwarzrock auf den Bergfried und brüllte das Gebet gegen den Wind, und siehe da, das Echo kam in der richtigen Form zurück.

    Endlich war die Stunde der Prüfung gekommen, und ihr könnt es mir glauben oder nicht, Herr von Wolffenegk war aufgeregter als ich. Nun ja, was hatte ich schon zu verlieren; wollte ja Ritter werden und kein Gelehrter.

    _________

    * Vielstrophiges Gedicht. ° Ein Schmalzgebäck, ähnlich unseren Berlinern.** Grammatik, Rhetorik, Dialektik. @ Fotze, oberdt.=Maul. & Leseratte. § Ein voller Bauch studiert nicht gern. % Feinstes Olivenöl. # Prüfungskommission. + Ein damals weit verbreitetes Lehrbuch der lat. Grammatik.



    Mundburt bekommt einen Lachanfall und fällt durch.


    Sofort nachdem die Herrin das Zeichen zum Beginn gegeben, fing der Vogt an, über seinen Sohn zu lobhudeln; dass er sich mit großem Eifer dem Studium widme und seine Zeit darauf verwende, daraus den größtmöglichen Gewinn zu erzielen; dass er alle Pflanzen und Tiere mit ihrem lateinischen Namen kenne; dass er den Juvenal im Original gelesen; dass er, um sein Verständnis von Gott und der Welt zu mehren, sich nicht nur am christlichen Himmel, sondern auch am heidnischen hervorragend auskenne; dass er sich frei im Astrologium* bewege wie andere im Hühnerstall, dass er den Gang der Sonne richtig zu deuten wisse –

    – dass er eine Methode gefunden habe, sich den Arsch zu wischen, ohne dabei den Lappen zu beschmutzen – – nein, das sagte der gute Vater nicht, das dachte ich, denn so, wie der Wunderknabe dastand, mit hohlen Wangen, verkinkeltem** Gesicht, blutleeren Lippen, hinten nix und vorne nix – würde er es, wenn es es nicht schon getan hätte, bestimmt in den nächsten Tagen nachholen und sich dabei die Pickel am Hintern aufreißen.

    „Seht dieses Kind!“, rief der Vater triefmäulig, „es ist noch keine zwölf Jahre alt, aber, wenn es Euch gefällt, könnt Ihr gleich den Unterschied erfahren, der zwischen gemeinen staubtrockenen Kathedertrommlern und dem frischen Geist meines Sohnes Heribert besteht!“

    Auf einen Wink trat Heribert, der „strahlende Krieger“, aufs Podest und blickte seinen Vater an, als habe er sich gerade in die Hosen geschissen. Stand da wie ein Ölgötze, mit schiefen Schultern, die Kappe in der Hand, seine Augen mit unterwürfigem Blick auf seinen Erzeuger gerichtet. „Nun, mein Sohn“, befahl der Vater, „rede frei über ein selbstgewähltes Thema und scheue auch schwierige Redewendungen nicht. Denn die freie Rede geht über jeden tiefgreifenden philosophischen Erguss!“

    Heribert machte eine artige Verbeugung und begann. Als erstes rühmte und pries er die Tugend, Sittsamkeit und Milde des „Vatters“ (er sagte patter statt pater); als zweites seine Gelehrsamkeit, als drittes seine adelige Gesinnung, als viertes seine Schönheit und kräftige Statur. Dann bedankte er sich bei seinem „Vatter“, der es sich nicht hatte nehmen lassen, ihm in den Genuss einer derart großzügigen Erziehung zu bringen, worauf er ihn dann zum Schluss bat, ihn selbst als geringsten seiner Söhne zu betrachten, ihn, Heribert, der zur Zeit kein anderes Glück vom Himmel erwarte als die Gunst, ihm, dem „patter“ zu dienen und Freude zu bereiten.

    Das alles trug er mit so sparsamen Handbewegungen, so deutlicher Aussprache, so beredter Stimme, in so wohlgefügtem, zierlichem Latein vor, dass er eher einem Gracchus, Cicero oder Aemilius glich, die ja sämtlich große Redner waren, als einem Jungmann unserer Zeit°.

    Ich blickte den Burschen erstaunt an. Konnte es wahr sein? Unmöglich! Dies war doch nicht auf dem Mist dieses Jammerlappens gewachsen! Das war bis aufs Blut eingebläut! Und jetzt sah ich in seinen Augen etwas, das ganz anders klang; hörte eine grobe, ehrliche Sprache, und die klang so: Vatter, du alte Krähe, warum erzähl ich das? Warum schwatze ich hier wie ein Narr? Warum lass ich mich zum Hanswurst machen und scheiß ich nicht auf Eure Nase? – Warum nicht? Warum benutze ich dasselbe Arschloch, durch welches ich mich schon seit zwölf Jahren entleere, ohne zu befürchten, dass es ausfranst, nicht ein einziges Mal, um Euch meine Meinung zu blasen? Warum nich? – Warum habe ich eine Armbrust im Arsch, die auf alle Väter zielt?

    Indem ich mir diese Rede vorstellte, geriet ich dermaßen in ausgelassene Heiterkeit, dass ich wie ein gestochenes Schwein quiekte und mich vor Lachen kaum noch aufrecht halten konnte; jetzt hätte man eher aus einem toten Esel einen Furz herausgebracht als aus mir einen einzigen lateinischen Satz.

    Darauf geriet Herr von Wolffenegk in einen solchen Zorn, dass sein Hals wie ein Kürbis anschwoll und man nach dem Bader rufen musste. Ich nutzte die Gunst der Verwirrung und machte mich aus dem Staub.

    Dass ich durchgefallen war versteht sich.

    _________

    *Astrolog. Tierkreis. ** Kinkel = Speckwürfel in der Rotwurst. ° Hier bleibt uns der Verf. die Erklärung schuldig, wieso er trotz seiner mangelhaften Lateinkenntnisse diese "zierliche und wohlgesetzte" Rede inhaltlich so genau wiedergeben kann.

    Forts. folgt

  • Hallo McFee !

    Dein trockener Humor scheint keine Grenzen zu kennen. Umso besser.

    Die amüsantesten Stellen für mich waren:

    Um nicht gierig zu wirken, begann ich die Mahlzeit mit einem Dutzend gebratener Tauben, zehn geräucherten Schinken, zwei Schock Ochsenzungen, einer Wagenladung Blut- und Leberwürsten und dergleichen Kleinigkeiten mehr.

    und

    Ich tat es, worauf die Hunde im Zwinger in eine derartige Raserei fielen, dass sie eingeschläfert werden mussten.


    Ein paar kleine Rechtschreibfehler sind dieses Mal dabei; wird dir Word sicher anstreichen. Auch komme ich langsam mit den vielen Anmerkungen gar nicht mehr hinterher. Jedesmal nach unten zu scrollen, um den jeweiligen Kommentar zu lesen, ist recht anstrengend, weil ich dann nicht mehr weiß, bis wohin ich gelesen hatte, mir aber alle Begriffe bis dahin zu merken, krieg ich kognitiv nicht auf die Reihe.

    Der Spoiler in der letzten Überschrift war fast ein bisschen mies - klar hätte ich Mundburt mal einen Erfolg gewünscht, aber irgendwie war dann tatsächlich logisch, dass er es nicht schafft.

    Dein detailliertes Wissen ist Gold wert. Authentizität pur.


    LG

    Stadtnymphe

  • Hallo @Stadtnymphe,

    herzlichen Dank für dein Feedback!


    Auch komme ich langsam mit den vielen Anmerkungen gar nicht mehr hinterher.

    Verstehe, werde mich in Zukunft etwas damit zurückhalten. Allerdings, sie dienen in erster Linie nicht der Belehrung (wer es möchte, kann sie gerne mitnehmen), sondern dazu, der Geschichte den Anschein der Ernsthaftigkeit zu verleihen. Ich meine, vor diesem Hintergrund erscheint M.`s Erzählung noch bizarrer.


    klar hätte ich Mundburt mal einen Erfolg gewünscht,

    Da zeigt sich deine mitfühlende Frauenseele... Aber ich habe M. als ewigen Looser aufgebaut, als reinen Tor, ein Großmaul mit empfindsamen Herzen, der auf der Suche nach Erfüllung durch die Welt reist wie (vor Corona) Millionen moderner Menschen auch.

    Am Schluss seiner Reise wird er einsehen, dass das Glück ganz woanders liegt...

    Im nächsten Kapitel versucht er, sein Versagen durch Prahlerei zu kompensieren. Ich dachte dabei an einen real existierenden Möchtegern-Politiker, der auch gerade ausgelacht wird.

    LG, McFee

  • Mundburt rühmt sich seiner Taten und wird ausgelacht.


    Mehr Geschick zeigte ich beim Lanzenstechen und anderen nützlichen Leibesübungen. Schon nach einem halben Jahr durfte ich an einem Schimpfrennen* teilnehmen, wobei ich etliche stärkere Konkurrenten aus dem Sattel stach.

    Ha, wenn sich jemand rühmt, auf einem Turnier oder in der Schlacht zehn Lanzen zerbrochen zu haben, dann kann ich nur sagen: Das kann jeder Schusterlümmel ebenso gut! Viel rühmlicher wär es zu sagen: Hab mit einer Lanze zehn Feinde niedergestochen! Doch ich, wahrlich, ich brach mit meiner starken, tapferen, unwiderstehlichen, durchdringenden Lanze ein Stadttor entzwei, durchbohrte eine Stadtmauer, rannte einen Baum nieder, warf eine Glocke vom Turm, stach dem Wetterhahn ein Auge aus, zerstach einen Harnisch, einen Panzer, einen Kampfhandschuh, und das alles mit der linken Hand! Sprang dabei von einem Pferd aufs andere, ohne den Boden zu berühren, hob die Lanze hoch, machte darauf einen Handstand auf dem rechten Arm, lenkte dabei das Pferd ohne Zügel wohin ich es haben wollte. Focht auch mit der Pike, dem Säbel, dem Degen, dem Dolch, dem Schwert so geschickt, dass alle, die es sahen, ausriefen: „Meiner Treu, einen größeren Meister als Mundburt hat die Welt seit Anbeginn der Zeit nicht gesehen!“

    Übte mich auch in der Bären-, Hirsch-, Fuchs-, Hasen-, Eber-, Fasanen-, Trappenhatz; lief dabei bald auf den Händen, bald auf den Füßen oder sprang in die Luft; machte große Sprünge wie ein Floh oder kroch wie eine Schnecke auf allen Vieren; setzte über eine Hecke, einen Graben, eine Abortgrube, rief: „Attacke!“; flog über eine hundert Fuß hohe Mauer, erklomm einen zweihundert Ellen hohen Bergfried, kroch durch ein Fenster, rief: „Liebchen, ich komme!“; schwamm auch im tiefen Wasser auf dem Bauch, auf dem Rücken, der rechten, der linken Seite, hielt dabei ein frisch geschlüpftes Küken hoch, sodass es nicht nass wurde; ging auf den Grund hinunter, sondierte die Klippen, gab Poseidon die Hand, küsste Berenike auf den Mund – –

    Was, ihr lacht? Ihr lacht mich aus? Wie, ihr glaubt mir nicht?

    Dann schweig ich eben stille.

    ___________

    *Schimpfrennen, Turnier mit stumpfen Lanzen (Schimpf = Kurzweil), i.Ggs. zum Scharfrennen.


    Mundburt wird Zeuge eines Beilagers und unterliegt den Verlockungen einer Kammerzofe.


    Als ich vierzehn Jahre alt war, hielt es die Burgherrin für angebracht, mich auf den Minnedienst vorzubereiten. Zunächst durfte ich der Einsegnung eines Ehepaares beiwohnen. Einer ihrer jüngeren Bruder hatte geheiratet, und noch am selben Abend sollte das Beilager vollzogen werden, und zwar öffentlich, wie es die Sitte gebietet. Beim Übergang des Hochzeitstages in die Nacht wurde die prächtig geschmückte Braut von den Brautjungfern in die Kammer geführt, entkleidet und dem wartenden Bräutigam übergeben, der, nur mit einem Lendenschurz notdürftig bedeckt, mit ihr in Anwesenheit aller Gäste das hochzeitliche Lager bestieg. Jetzt trat der Priester hervor, bat um Ruhe und hielt eine kurze, recht unbeholfene Ansprache, von der mir nur noch Bruchstücke zurückgeblieben sind, etwa die:

    „... der in dem Himmel thront, von dem alle Reiche abhängen, dem allein die Ehre, die Herrlichkeit, die unumschränkte Macht gebührt, gepriesen sei sein Name! Wohlan! Die Stunde... hmm... ist gekommen, wo ihr, meine lieben Kinder, als Braut und Bräutigam vor den heiligen Altar der Ehe tretet... Kein größeres Tun, keine größere... äh... Zärtlichkeit könnt ihr euch erweisen, als euch nach den Geboten der heiligen Mutter Kirche zu lieben! Liebt ihr euch aber nach dem...hmmm... Fleische, so fürchte ich, dass dieses Tun euch Nachteile bringt... Denn ihr seid der Weizen des Herrn, sorgt dafür, dass eure Kinder reines...ähem... Brot werden...“ Der Geistliche atmete mehrmals tief ein und aus. „Hohe Wogen, furchtbare Stürme werden auf die Welt hereinbrechen“, fuhr er weniger kurzatmig fort. „Wahrlich, ich sage euch! Fürchtet euch nicht! Mag das Meer auch noch so toben, das Schicksal auch noch so schrecklich schlagen – die heilige Kirche sei euer Turm, euer unerschütterlicher Fels, euer...hmm... fester Stab. Und habt vertrauen in Gott, euren himmlischen Vater, denn er ist treu. Treu und – ja! fürsorglich! Und so treu und fürsorglich, wie ER zu euch ist, so treu seid auch ihr zueinander! Sorgt füreinander, sowie der HERR für euch sorgt! Besonders du, meine liebe... äh... äh... Klodhilde, denke daran: Sollte dein Gemahl Heimfried dereinst von einem Turnier heimkehren, und es fehlt ihm... hmm... das Glied –

    Zunächst herrschte verblüfftes Schweigen. Was hatte er sagen wollen? Ein Glied? Das Geld (denn Turniere waren ein ziemlich kostspieliges Vergnügen)? Jedenfalls, wir standen in Reih und Geld – ich mein natürlich in Reih und Glied – und wunderten uns. Dann fing auch noch eine Frauenstimme fürchterlich zu kichern an. Und noch etwas höre ich, als wär´s gerade eben geschehen: Die Reaktion meiner Meisterin. Mit schriller Stimme rief sie in die zerkicherte Stille hinein: „Hochwürden, das reicht!“ Das alberne Kichern erstarb.

    Welche Unverfrorenheit! Eine Frau, und sei es die Hausherrin (der Hausherr weilte gerade auf einem Turnier in Mailand), verbietet einem Sohn der Kirche frech das Wort! Der geistliche, aber wenig geistreiche Redner, hochrot im Gesicht, wollte etwas erwidern; ein paarmal klappte seine Kinnlade auf und zu, die Hamsterbacken wogten, doch dann schwieg er. Eine Decke wurde über das Paar geschlagen – damit galt die Ehe als vollzogen. Die Hochzeitsgäste brachen in Hochrufe aus. Dann verließen alle die Zimmer, die Tür wurde geschlossen. Ich schlich ziemlich enttäuscht davon, denn das Hauptstück hatte man mir vorenthalten.

    „Schöner Knabe, ich erwarte dich zum Vesperschlag* in meiner Kammer!“

    Ich blickte mich um. Eine der Zofen, ein junges Ding, kaum älter als ich, stand hinter mir.

    Mir war nicht entgangen, dass sie mich schon seit einiger Zeit mit koketten Blicken verfolgte. Eine stille Wehmut, eine weiche Trauer lag in ihrem Gesicht; sie lächelte so zutraulich, dass ich kurz davor stand, sie in den Arm zu nehmen und zu küssen. Doch noch rechtzeitig erinnerte ich mich an die Worte meines Vaters:


    Der ist ein weiser Mann, der in der Liebe warten kann,


    und bezwang mich. Unbedachte Eile wäre auch völlig unnötig gewesen, denn ehe ich mich´s versah, war mein Kopf zwischen ihren Händen und ihr Mund auf dem meinen, zu einem Kuss, der recht weit ging, weit genug, um mir erwartungsvolle Schauer durch die Lenden zu jagen. Sie gab mich frei, und schwupps, schon huschte sie weg. Zunächst errötete ich leicht, dann rief ich ihr gemäß der bei diesen Gelegenheiten üblichen Floskel nach: „Jungfer Gerlind, ich stehe vollständig zu Euren Diensten!“


    Sicherlich war ich etwas bleich um die Nase, als ich zur festgesetzten Stunde die Tür zu Gerlindes Kammer öffnete. Zunächst blickte ich in den matten Schein einer Kerzenflamme, die vergnügt vor sich hin flackerte, das Fenster, in dem sich gerade der aufgehende Mond zeigte, stand offen, denn draußen herrschte noch die Tageswärme. Dann sah ich sie,


    sah die Abendröte ihrer Wangen,

    sah ihrer Augen blitzende Helle,

    sah ihr Lächeln, von Amor empfangen.


    Die reizende Bewohnerin der Kemenate lag im Bett unter einer Decke, die Arme über dem Kopf verschränkt. Ihre Schultern, unbedeckt bis hinunter zum Ansatz ihrer knospenden Brust, schimmerten weiß; die Haarknoten, die ihre Lockenpracht aufschürzten, hatte sie gelöst und die Flechten kranzförmig um den Kopf gewunden. Kaum hatte ich die Tür ins Schloss gezogen, da fiel hinter mir ein Riegel zu, der offensichtlich vom Bett aus betätigt werden konnte. Erwartungsvoll trat ich näher und ergriff ihre Hand, die locker auf der Decke lag, um sie aufzuheben und zu küssen. Blitzartig umfasste sie die meine und zog mich zu sich hin; ich stolperte und fiel so ungeschickt, dass mein Mund genau auf dem ihren zu liegen kam. Während wir uns küssten, fasste ich unter die Bettdecke und stellte fest, dass die Jungfer vollständig nackt war. Freudig erregt machte ich mich aus ihrer Umklammerung frei, ließ meine Kleider fallen und sprang zu ihr unter die Decke und


    erfühlte ihren Gliederbau, entwendet der Gazelle.


    Die Hähne krähten schon, als wir erschöpft auf die Kissen sanken. Ich schlief in der Gewissheit ein, in puncto Ehestand ausführlich unterrichtet worden zu sein.

    __________

    * 23 Uhr.


    Mundburt wittert Morgenluft und unterliegt anschließend in einem Zweikampf.


    Der nächste Monat zeigte sich von einem tragischen Ereignis überschattet. Herr von Wolffenegk, der in letzter Zeit mehr und mehr gekränkelt und den Eindruck vermittelt hatte, dass ein geheimer Kummer in ihm nage, war bei einem blutigen Scharfrennen so schwer verletzt worden, dass er zwei Tage später starb. Böse Zungen behaupteten allerdings, er habe den Unfall absichtlich herbeigeführt. Na ja, was die Leute so alles reden, wenn der Tag lang ist.

    Bisher war ich der Ansicht gewesen, die Ritterturniere dienten nur zur Belustigung des gelangweilten Adels und des zahlungskräftigen Bürgertums. Ha! Da hatte ich, wie ich jetzt erfuhr, völlig falsch gelegen! In Köln, dem Ort der Tragödie, war nicht nur Herr von Wolffenegk tot auf dem Platz geblieben, sondern noch sechzig weitere Ritter. Da erkannte ich die Beteuerung der Geistlichen, die Menschen seien im Grunde gut und liebten einander, als Lügenmärchen; sie bringen sich nicht nur aus Hass und Eigennutz um, diese Leute, sondern sogar zum Zeitvertreib.

    Ich kann nicht behaupten, dass mich das plötzliche Ableben des Herrn Liebhabers besonders erschütterte. Wenn ich ehrlich bin: Eher das Gegenteil war der Fall. Im Herzen der Herrin war ein Platz freigeworden, und ich witterte Morgenluft. Ja, ich, dieser hirntolle Tölpel namens Mundburt von Wolkenstein, bildete sich ein, er könne diesen Platz besetzen.

    Allerdings – so aus der Luft gegriffen war diese Hoffnung nicht. Seit meiner Belehrung seitens der Jungfer Gerlind sahen mich die Frauen des Hauses mit anderen Augen an. In manchen Blicken entzifferte ich geheime Bewunderung, in anderen unverhohlene Aufforderung. Anscheinend hatten sich meine Leistungen als Schüler der ars amandi herumgesprochen und sich dabei ins Maßlose gesteigert.

    Indem ich dies meinem Schreiber diktiere, wundere ich mich über meine damalige Selbstüberschätzung, die mir, ach! der Teufel eingetrichtert haben muss: Ja, ich war so verwegen, eine Audienz bei der Herrin zu erbitten, mich ihr als ritterlichen Knecht zu empfehlen um, nach bestandenen Prüfungen zum Ritter geschlagen, den Platz des offiziellen Liebhabers einzunehmen, wie es der Brauch war.

    Die Burgherrin empfing mich in ihrer Kammer, mit weiblicher Handarbeit beschäftigt, flankiert von zwei Zofen. Der Fußboden war mit duftenden Kräutern bestreut, die Wände schmückten geblühmte Tapeten. In einer Ecke stand der Käfig mit dem Falken.

    Wieder war ich hingerissen von ihrer Erscheinung. Ich machte einen Kniefall und verharrte reglos. Ja länger sie mich warten ließ, desto tiefer sank mein Mut. Endlich fragte sie, ohne von ihrer Stickerei aufzusehen: „Was willst du, Knabe?“

    Ohne den Blick zu heben antwortete ich: „Edle Frau, ich bitte Euch, werdet meine Herrin!“

    Stille. Dann sie: „Soso, deine Herrin soll ich werden. Ein kühner Wunsch, Knabe.“

    „Kühn, aber nicht tollkühn!“, versetzte ich, „und wäre er auch tollkühn, dieser Preis ist jedes Risiko wert.“

    Jetzt blickte sie erstaunt auf. „Du bist nicht auf den Mund gefallen, Mundburt. Nur sage mir, von welchem Preis sprichst du?“

    Da hatte sie mich! Sicherlich gab es auch hier eine unverfänglich-witzige Antwort, doch im Moment fiel mir keine ein. Außerdem nahm mir das alberne Gekicher der beiden Zofen den letzten Schneid. Die Dame sah mich amüsiert an, schließlich, als mein Schweigen zu laut wurde, befahl sie: „Steh auf!“ Gehorsam stand ich auf; ihre schönen Augen tasteten meine Figur ab. „Wie alt bist du jetzt?“

    „Fünfzehn.“

    „Hmmm, fünfzehn, aber noch kein ein ganzer Mann! Bring mir den Falken!“

    „D-den Falken?“, stotterte ich, „Edle Frau, muss das sein? Griebto mag mich doch nicht!“

    „Hast du nicht gehört! Bring ihn mir!“

    „Er wird mich angreifen!“

    „Dann bezwinge ihn!“, schrie sie unbeherrscht. Bei diesen Worten schlug der Falke heftig mit den Flügeln. „Siehst du?“, fuhr sie ruhiger fort, „Griebto freut sich schon auf den Kampf! Also los, was zögerst du?“

    Was blieb mir anderes übrig, als zu gehorchen? Vorsichtig näherte ich mich dem Käfig, öffnete das Gatter und versuchte, den Vogel zu greifen. Doch das Biest war jedesmal schneller als ich. Wild flatternd wich es aus und hackte mir auf die Finger. Bald war meine Hand von blutenden Einstichen gesprenkelt.

    „Geh weg!“

    Die Hausherrin war hinter mich getreten und sprach jetzt beruhigend auf den Falken ein. Ich wich zurück, und sie sagte: „Griebto, komm!“

    Der Falke kam aus dem Käfig heraus und ließ sich auf ihrer Schulter nieder. Beide, Dame und Falke, blitzten mich böse an. „Dir fehlt es nach wie vor an Seelenstärke, Knabe“, sagte sie, „für einen Ritter, der auf Turnieren Zeit und Geld vertut, mag das angehen. Aber nicht für jemanden, der mein Liebhaber werden will. Wisse nämlich, der Falke ist meine Seele! Willst du mich bezwingen, musst du erst den Falken bezwingen! Geh jetzt, und werde ein Held!“ Sie streckte mir die Hand zum Kuss entgegen. Das himmlische Blau ihres Ärmels explodierte in einem Sonnenstrahl, der gerade durch das Fenster schoss.

    O ich tumber Tor! Himmelblauer Ärmel! Blau, die Farbe unwandelbarer Gattentreue! Hätte ich damals schon etwas von den Farben der Minne gewusst, dann wäre mir viel schelmische Narretei erspart geblieben – nein, mehr noch: Eine Menge schmerzhafte Stiche und arger Püffe! Wie ein Blinder torkelte ich durch die Welt, und von den Frauen und ihren Farben verstand ich noch weniger als ein Frosch vom Fliegen!

    Je nun, hinterher ist man immer schlauer...

    Als sich die Tür hinter mir schloss, hörte ich das höhnische Gelächter der Kammerjungfern. Vor Scham traten mir Tränen in die Augen. Ich glaube, wenn Gerlind nicht gewesen wäre, ich hätte mich ohne zu zögern den Jagdhunden zum Fraß vorgeworfen.

    Mehr noch als die Hand schmerzte mich die Abfuhr, die ich erhalten hatte. Das war doch ein allzu arges Stück, mich so peinlich vorzuführen! Seltsamerweise war ich der Herrin nicht gram, denn ich liebte sie ja.

    Mit heißer Ungeduld erwartete ich meinen sechzehnten Geburtstag, den Tag meiner Ernennung zum Knappen! Ja, als Knappe standen mir andere Möglichkeiten offen als jetzt, wo ich nichts anderes war als ein schnöder Bengel, ein Laufbursche, ein Hol-mir-dies-hol-mir das, den man nach Herzenslust herumkommandieren konnte! Mit der Faust schlug ich mir in die Hand. „Ha!“, rief ich, „als Ritter werde ich zeigen, was in mir steckt und ein Held werden! Nein, mehr noch! Ein Falkenbezwinger!“


    Mundburt soll eine Ballade dichten und entpuppt sich als Bildungsmuffel.


    Etwa vier Wochen nach diesem jämmerlichen Fiasko kehrte der Burgherr, Herr Lothar, von einem siegreichen Kriegseinsatz heim (ich glaube, es war die Schlacht an der Streva*, aber ich kann mich irren), und ein großes Freuden- und Dankfest sollte gefeiert werden. Das bedeutete nicht nur Freude und allerlei Kurzweil, sondern auch Wagenladungen voller Arbeit. Die Burg entwickelte sich zum Schauplatz mannigfaltigster Geschäfte, schließlich galt es, hundert Gäste und deren Tross nicht nur zu beherbergen, sondern auch bei Laune zu halten und – zu verköstigen, was auf das Gleiche hinauslief.

    Da waren geladen und hatten freudig zugesagt: Herr von Vegesack, mit Tochter, dürr wie ein Weidenreis, sowie Frau und Schwiegermutter; der hohlwangige Graf zu Rammelstein mit seiner Buhlschaft Kussmaul samt Dienerschaft; Ritter von Hinüber und Herüber, dessen Gaul links im Trab, rechts im Galopp ging. Ferner stiegen vom Pferd die Herren von Freudenburg-Hosenlatz, zwei Brüder, die sich wie ein Ei dem anderen glichen und die, um Verwechselungen vorzubeugen, beide Erich hießen; dann der Bürgermeister von Ulm, ein Herr von Feuchtwang-Schmalzlock, dick wie ein Fass, sowie der halbe ausgehungerte Stadtrat, und und und...

    Statt der Suppenköche regierten nun die Metzger die Küche. Ein gewaltiges Brüllen, Quieken, Kreischen, Krächzen, Gackern, Schnattern begann: Fünfzig fette Mastochsen wurden abgestochen und aus der Decke geschlagen, hundert Schweine vergaßen das Kacken; fünfhundert Rebhühner, zweihundert Kapaune, hundert Fasane verloren unter den Hackmessern der Fleischhauer den Kopf, nicht gerechnet die Hechte, Forelle, Karpfen... Ach ja, beinahe hätt ich sie vergessen! Die Hasen! Zu Hunderten wurde ihnen das Fell über die Ohren gezogen, denn es war ein gutes Hasenjahr! Bald war der Platz vor dem Schlachthaus ein blutiger Sumpf, als sei gerade Dschingis Khan mit seinen Horden durchgezogen.

    Die Ulmer Kaufmannschaft lieferte mit süßsaurer Miene (welcher Ritter hat jemals volles Geld gezahlt) Wein in Schläuchen, Bier in Fässern, Senf in Säcken, Kuddeln in Kapuzen – – Unsinn! Natürlich nicht! Sie lieferten: Wein in Fässern, Kuddeln in Säcken, Bier in Kapuzen – beim heiligen Ulrich, was soll das? Kurz: Sie lieferten und lieferten und lieferten und warten zum Teil noch heute auf ihr Geld. Nicht umsonst haftet dem Wort 'borgen' etwas Zwieschneidiges an...


    Eine Woche vor Festbeginn erhielt ich von der Herrin den Auftrag, zur Belustigung der Damen eine Ballade zu dichten; ein Lautenschläger sei schon bestellt. Zunächst fühlte ich mich geehrt, doch dann fiel mir ein, dass ich weder lesen noch schreiben konnte, und an einer Laufbahn als Hofpoet stand mir nun wirklich nicht der Sinn. Doch mir war sofort klar, dass dies eine Probe war, die ich bestehen musste, sollte ich meine Chancen, die edle Dame als Herrin zu gewinnen, nicht vollständig zunichte machen. In meiner Not wandte ich mich an ihren Beichtiger – an denselben, der Geld und Glied verwechselt hatte – und bat um Rat. Der Schwarzrock, wiewohl kein gewandter Prediger, galt als flüssiger Lyriker, dessen Herzensergüsse jedoch wenig Anklang fanden, weil er darin die freie Minne als Teufelswerk geißelte und stattdessen die Marienverehrung in den höchsten Tönen besang. Da ich annehmen konnte, dass er Geschmack und Weltsicht seines Beichtkindes kannte, hoffte ich, er könnte mir bei der Wahl des Themas behilflich sein.

    Ich fand ihn in der Sakristei der Burgkapelle über eine Soutane gebeugt, die er auf Mottenfraß hin untersuchte. Er hörte mich aufmerksam an; dann meinte er, die Kunst des Schreibens sei für einen Schriftsteller zweitrangig; wichtiger seien Fantasie und Einfallsreichtum. Selbst große Dichter, zum Beispiel Wolfram von Eschenbach, hätten diese Kunst nicht zu üben verstanden, sie hätten ihre Lieder einem Schreiber diktiert. Ich solle nur wacker dichten, irgendetwas werde schon dabei herauskommen... Im übrigen gäbe es kaum etwas, das sich nicht mit etwas Fantasie lösen ließe. Gerne werde er meine Ideen gegen ein geringes Entgelt aufs Pergament bringen.

    Mir fiel ein Stein vom Herzen. An die Kosten dachte ich nicht, auch überhörte ich, dass er von Pergament sprach – zu begierig war ich, meine Falkenscharte wenigstens auf literarischen Gebiet wieder auszuwetzen. Beschwingt ließ ich mich unter der Linde im Burghof nieder und dachte nach.

    Der Frühling war mit Macht gekommen, die Linde duftete betörend, das Vieh im Zwingelhof brüllte vor Geilheit, die Immen summten – doch mein Gehirn blieb leer. Nichts, aber auch rein gar nichts fiel mir ein, hatte nicht die kleinste Idee. Dabei war die Luft voll von heiteren Versen...


    „Viel Blumen sind am Wegesrand zu finden,

    doch wer versteht den Kranz daraus zu winden?“


    Ein Ritter und seine Dame gingen Hand in Hand vorbei.

    „Stammt der Vers von Euch?“, fragte die Dame, „er ist schön.“ Der Ritter erwiderte etwas, das ich nicht verstand, denn sie waren schon zu weit weg.

    Betrübt stand ich wieder auf, ging zu Monsignore Labelli zurück – so hieß der Geistliche –, und fragte ihn, was es kosten würde, wenn er an meiner statt dichtete und ich das Endprodukt als meines vortragen würde. Er nannte einen Preis, der mir die Sprache verschlug. „Junger Freund!“, rief er, „Pergament ist teuer, und guter Rat erst recht!“

    „Euer Andacht, muss es denn gleich Pergament sein“, entgegnete ich, „vielleicht tut´s ja auch ein Stück Birkenrinde. Ich kann es ja doch nicht lesen.“

    „Hmmm... das ist wahr.“ Er dachte eine Weile nach. „Gut, ich habe da auch schon eine Idee. Aber dazu muss ich zuvor deine geistigen Kräfte prüfen, damit ich nichts dichte, das man dir nicht zutrauen würde. Sage mir das Vaterunser auf lateinisch auf.“

    Ich sagte das Vaterunser auf lateinisch auf.

    „Nun das Credo!“

    Ich sagte das Credo auf lateinisch auf.

    „Gut mein Sohn! Nun das Ave Maria!“

    Auch das lieferte ich fehlerfrei auf lateinisch ab.

    Der Monsignore schnalzte mit der Zunge. „Bravo, mein Sohn! Vorzüglich! Nun dies: Wie viele Perlen hat der Rosenkranz?“

    „Ich... ähhh...“

    „Weiter. Wie viel Wunden hatte Christus, als er am Kreuz hing?“

    „ – – –“

    „Hmmm... Von welchem Dichter Stammen diese Verse:


    Ich sass uff einem steine

    und dachte bein mit beine?


    „Hmnja...“

    „Letzte Frage: Wer war Parzival?“

    Ich wischte mir wortlos die Stirn.

    Der Geistliche blickte mich nachdenklich an und räusperte sich. „Ähem... Sagen wir mal so: Du hast ein gutes Gedächtnis, Mundburt, bist aber so ungebildet wie Buridans Esel. Gut, ich werde eine entsprechende Ballade verfassen. Über den Preis sprechen wir später.“

    Beschämt schlich ich davon.

    _________

    * 1348

    Forts. folgt

  • Mundburt vertraut auf den Rat eines Kirchenmannes und wird enttäuscht.


    Das Fest sollte am nächsten Morgen, einem Sonntag, nach der Frühmesse beginnen. Immer noch trafen Gäste und fahrendes Volk ein; Kaufleute, Musikanten, Gaukler, Taschenspieler, Wahrsager, Heilkundige und andere zwielichtige Gestalten. Und, last but not least, Herzog Georg II. von Weißmar und Laubdach-Schneuzheim mit gewaltigem Bauch und fünfzig Mätressen, der erst zugesagt, dann abgesagt, und wieder zugesagt hatte und sich gerade vom Pferd heben ließ. Sollte ich alle Zelebritäten aus seinem Gefolge aufzählen, wäre ich zu Johannis noch nicht fertig, hier also nur die wichtigsten:

    Herr*, Jungfer**, Ritter von***; Monsignore de****, Doktor beider Rechte*****, seine Ehren Geiler von******, Gerichtspräsident*******, die Damen******** und *********, Graf**********, Baron***********. Sollte ich jemanden vergessen haben, melde er oder sie sich; weitere *** stehen zur Verfügung.


    Jetzt stand die Herrschaft vor einem Problem.

    Es erwies sich nämlich, dass nicht alle Pferde und Mätressen im Zwinger untergebracht werden konnten, es fehlte an Ställen. Ich erhielt den Auftrag, für Abhilfe zu sorgen.

    Die Buhlen unterzubringen war nicht schwer, ich verteilte sie eilig auf die umliegenden Burgen, wo sie mit Kusshand aufgenommen wurden. Nur wohin mit den Pferden, von denen nicht wenige ein Vermögen wert waren?

    Bei meinen Streifzügen durch die Burg hatte ich eine Tür entdeckt, die in den Bergfried führte. Hinter der Tür lag ein in den Felsen gehauener Gang, der bis in den Auslug führte. Ich ließ dem Stallmeister des Herzogs sagen, dass ich Abhilfe wisse. Mit Fackeln bewaffnet stiegen wir hoch und gelangten bald in einen großen Saal, der mit allerlei Kriegszeug angefüllt war. Als wir aus diesem nun wiederum über eine Treppe höher steigen mussten, sagte der herzogliche Stallmeister zu mir: „Bursche, halt mich nicht zum Narren! Denn wo wären Ställe jemals im oberen Stockwerk einer Burg!“

    „Doch!“, ließ sich einer der Knechte vernehmen, „als ich in Frankreich in Dienst war, sah ich Ställe ganz oben im Haus liegen, wo man hinten doch zu ebener Erden hinausreiten konnte.“

    Trotzdem fragte mich der Marschalk*: „Knabe, wohin führst du uns?“

    „In den Stall“, sagte ich, „zu meinen Prachtpferden; wir sind gleich da, steigt nur die paar Stufen noch hinauf!“

    Durch eine weitere Tür gelangten wir in ein kleines, helles Zimmer; es war der Ausguck des Turmwächters, zu dem ich oft hochgestiegen war, um mit ihm zu schwatzen und mich an dem Ausblick zu erfreuen. Ich schloss die Tür und sagte: „Hier ist der Stall! Da ist mein Andalusier, dort mein Ungar. Dies da ist mein Hellbrauner und das da mein Passgänger. Dieses Jagdpferd da will ich Euch schenken, denn es lahmt.“ Dabei wies ich auf bestimmte Geländepunkte draußen in der Landschaft, die mir besonders gefielen. „Wenn ich meine umstelle, ist für Eure Pferde auch noch Platz.“

    Der Marschall und die Knechte sahen mich verdutzt an. Auf einmal brüllte der Stallmeister los: „Tod und Teufel! Du hast uns ganz schön die Nasen gedreht, du Galgenstrick! Dafür verdienst du die Rute!“

    „Holla!“, rief ich, „nur halb so forsch, Herr! Die Rute? Wofür denn? So krumme Nasen, wie ihr sie habt, drehe ich nicht! Und das mit der Rute überlegt Euch zweimal! Bald bin ich Liebhaber der Herrin, und dann Gnade Euch Gott!“

    Das wirkte. Die drei machten, dass sie hinunterkamen. „He, Stallmeister, wollt Ihr nicht Euer Geschenk mitnehmen?“, rief ich hinterher, erhielt aber keine Antwort.

    Es war nicht zu fassen! Da hatte mich nun der Pfaffe mit einem guten teuren Rat verproviantiert, nämlich, dass es kaum ein Problem gibt, das nicht mit Einfallsreichtum und Fantasie zu lösen sei; auf diesen Rat hin hatte ich einen Vorschlag gemacht, und was war nun der Dank? Man nahm ihn nicht an und drohte mir auch noch Prügel an. Zum Henker mit den guten Ratschlägereien!

    Nachdenklich trat ich ans Fenster und blickte hinaus. Vor mir lagen die sanften Hügel der Alb mit ihren grünen Wäldern, fetten Weiden und verträumten Dörfern, aus denen die Kirchtürme wie mahnende Zeigefinger hochragten. „O ihr Leichtgläubigen!“, rief ich, „ihr glaubt, dass euch der Herzog, der wie jeder anständige Fürst keinen roten Heller besitzt, morgen noch bezahlen wird, aber mir glaubt ihr nicht!“

    Ich stieg die Treppe wieder hinunter und blieb kurz vor dem Ausgang stehen. Im flackernden Licht der Fackel sah ich deutlich die Umrisse einer Tür, die sich im Mauerwerk anzeichneten. Ich trat näher. Die Steine waren nicht eingemauert, sondern nur eingelegt.

    _________

    *Mar = Pferd, Schalk, Schall = Knecht


    Mundburt betätigt sich als Mundschenk und erfährt, warum manche Leute lange, andere platte Nasen haben.


    Der Saal, in dem das Fest stattfand, bildete ein großes langes Viereck. Die Wände waren mit Getäfel aus braunem Holz ausgeschlagen, die Decke schmückten Malereien mit antiken Liebesabenteuern, in den Butzenfenstern waren die Wappen der edlen Geschlechter des Landes mit brennenden Farben verewigt. An der Wand mir gegenüber prangte eine Reihe grimmig dreinblickender Ritterfiguren in glänzenden Rüstungen, beinahe alle in der gleichen Haltung: Die linke Hand in der stahlblechbeschlagenen Hüfte, die rechte auf ein blitzendes Schwert gestützt. Alle blickten unter hochgeklapptem Visier ernst, feierlich und ohne mit der Wimper zu zucken auf ihre Nachkommen herab. Die Tafel, in Form eines eckigen Hufeisens und aus schwerem schwarzen Eichenholz geschreinert, nahm fast die gesamte Weite des Saales ein. Zwei kräftige Diener brachten einen Tisch herein, auf dem in einem silbernen Tablett ein riesiger Kuchen stand.

    Man wartete noch auf den Herzog, der nach der Devise lebte:


    Aufstehn früh – na gut, wer´s mag,

    trinken früh, das ist mein Schlag!,


    und ohne den „Fürschten“ durfte das Fest nicht beginnen.

    Wir warteten also, den gierigen Wolf namens Hunger im Bauch und die Quellnymphe Durst in der Kehle, standen herum und hielten Maulaffen feil. Die Abgeordneten der Stadt Ulm stachen in ihren zierlichen Festkleidern mit den steifen Halskrausen wunderlich gegen die Ritter ab, die sich, in krachendes Lederwerk und Eisenblech gehüllt, die Beine krumm standen (zu Ehren des Herzogs sollte das Fest mit einem Lanzenstechen auf Schusters Rappen beginnen).

    „Bei meinem christlichen Glauben!“, rief eine Stimme neben mir, „wenn es nicht bald was zu trinken gibt, verdurste ich! Von frommen Reden und halbgaren Sprüchen werde ich nicht satt! Komm, Freund, wir plündern den Weinkeller! Du weißt sicherlich, wo der Schlüssel hängt!“

    „Und wenn ich´s wüsste, würde ich es Euch nicht verraten!“, versetze ich, „der Haushofmeister ist ein arger Geselle und versteht keinen Spaß.“

    „Wer redet denn von Spaß? Dursten ist harte Arbeit! Und ehrlich erschlagen ist allemal noch besser als jämmerlich verdurstet! Außerdem wär´s nur Mundraub.“

    Es war der junge Mönch, mit dem ich die Ballade geübt hatte, der da sprach, mit Namen Johann von Bardenhagen, ein Mönch, wie es je nur einen gegeben hat, seitdem die Welt mönchelt. Eine Messe las er euch im Handumdrehen herunter wie der pfiffigste Pfaff, und die Vigilien lederte er ab, dass einem Hören und sehen verging. Ich weiß nicht, auf welchem Gebiet er sattelfester war – im Brevier oder im Trinken. Und er schaffte es, mich hereinzulegen, der Sauhund. Doch davon später.

    Dieser nun schrie herum und beklagte sich, dass der Messwein sauer geschmeckt habe. Worauf ich erwiderte: „Wie, was, auf nüchternen Magen trinkt Ihr schon? Das wäre eine schlechte Diät, Euer Ehren! Erst muss man den Magen innerlich auspolstern, bevor man ihn zuschüttet, sonst ergeht es Euch noch wie gewissen Seegurken, die wenn sie zu viel getrunken haben, ihre sämtlichen Innereien auskotzen.“

    „Ich sehe keine Gurken“, antwortete der Schelm, „es sei denn, du meinst meine Nase.“

    In der Tat, ich muss zugeben, seine Nase war wirklich erstaunlich, geradezu hervorragend, stand ab wie ein kupierter Hundeschwanz. Hätte gerne gewusst, wie er´s mit dem Keuschheitsgelübde hielt, pflegte doch mein Onkel Pepperkorn zu sagen:


    Ad formam nasi suus recognoscitur frater Johannem,

    (An der Nase eines Mannes erkennt man seinen Jannes)


    doch ihn direktement zu fragen traute ich mich nicht.

    Unter dergleichen hirnlosem Geschwätz krochen die Minuten dahin; endlich verkündete das Trompetensignal die Ankunft des Herzogs. Seine Korpulenz erschien mit steifer Würde, um den Hals er eine güldene Kette, hundert Golddublonen schwer. Die Dame neben ihm, vermutlich seine Lieblingsbuhle, war geschmückt wie ein Juvelierschrank: Überall Diamanten, Rubine, Türkise und Perlen, so dass sie, wenn sie sich bewegte, klimperte wie ein Geldsack .

    Das Lanzenstechen konnte beginnen.

    Nachdem dieser harmlose Zeitvertreib ausgestanden war – irgendjemand hatte ein Auge verloren, einem anderen waren die Zähne ausgestochen, ein dritter kam nur noch mit einem Ei wieder, also war nichts passiert, was der Rede wert gewesen wäre – wurde endlich aufgetischt.

    Wir setzten uns, man stellte eine tüchtige Tracht gebratenes Fleisch nebst einer Schüssel voll schöner Krautsuppe vor uns hin, dazu Kannen mit Wein und Bier. Jetzt begann ein gewaltiges Hauen, Stechen, Sicheln, Schmatzen, Schlürfen, Rülpsen... Der geräucherte Schweinskopf mit der Zitrone im Maul war in nullkommanichts bis auf die Knochen abgemagert, vom gebratenen Fasan fehlte nach wenigen Minuten fast jede Spur, dito von den beiden Kapaunen, und vom gedünsteten Karpfen blieben nur ein paar unscheinbare Schüppchen übrig. Sollte sich doch etwas dem Verzehr widersetzen, zum Beispiel die Knochen der Carbonaden, flog es in hohem Bogen in die Rachen der Hunde, die sich zwischen den Bänken tummelten.

    Obwohl mir der Duft der gebratenen Ente in der braunen Soße vor mir die Nase kitzelte, aß ich nur mit halbem Appetit. Mein Blick flog immer wieder zu Herrin hin, die zwischen dem Herzog und ihrem Gemahl saß. Neben dem schwerbäuchigen Fürsten mit dem Kopf eines Löwen wirkte sie wie eine Engelsgestalt, und im Vergleich zu der aufgedonnerten Mätresse wie ein schlichtes Veilchen, das in einen Rübenfeld gefallen war. Gedankenverloren blickte ich in meinen Becher und glaubte in den Wellen, welche die Oberfläche des Weines kräuselten, das Gesicht der Herrin zu erkennen.

    Ein Schlag auf die Schulter riss mich aus meinen Träumereien.

    „He, Page, eingeschenkt, aber fix!“, rief mein Sitznachbar – na wer wohl? Der Mönch! Er hielt mir seinen Becher vor. Ich ließ mich nicht lumpen, denn schließlich hatte er mir die Ballade in den Hirnkasten gehämmert, und schenkte voll. „Gelobt sei Jesus Christus!“, dröhnte er, „wie gut ist doch der liebe Gott, dass er uns volle Becher beschert!“

    Mit allem hatte ich gerechnet, nur nicht mit einer derartig steilen Beförderung.

    Der Mönch setzte an und trank den Becher auf einen Zug leer, wobei ein Tropfen an seiner Nase hängen blieb. „Der lässt sich trinken!“, rief er begeistert, „hab in Paris keinen besseren geschlürft!“

    „He, Bruder Johannes!“, rief ich, „wie kommt´s, dass Eure Nase tropft? Seid Ihr erkältet oder schon voll?“

    „Ha, ha, ha, ha“, lachte der Mönch, „ich und voll? Bei allen Teufeln: Nein! Auch wenn meine Nase voll ist: Ich bin´s noch lange nicht! Hab ´ne Blase wie´n Dudelsack!“ Wieder hielt er mir den Becher hin.

    „Und eine Nase wie ein Klosterhumpen!“, rief jemand.

    „Also auf Eure und des Teufels Gesundheit“, rief ich und füllte reichlich nach.

    „Sagt einmal, Bruder“, ließ sich jetzt unser Gegenüber vernehmen, ein Patrizier mit weißer Halskrause, hochrotem Kopf und fettigen Haaren, „wo habt Ihr diese gewaltige Nase her? Damit könntet Ihr Trüffel suchen! Ich meinerseits bemüh mich seit meiner Geburt, die meinige lang zu ziehen, aber jedesmal, wenn ich sie loslasse, schnellt sie zurück und ist wieder der alte Stummel.“

    „Ho, Gefatter“, mischte sich ein Dritter ein, mit einem Haarschopf wie ein gezaustes Spatzennest, „weil du Affenschwanz nicht rechtzeitig aus den Federn gefunden hast! Der Bruder da war der erste auf dem Nasenmarkt und konnte sich die schönste aussuchen.“

    „Unsinn, ihr Quatschköpfe“, grunzte ein Vierter, an einem Hühnerbein nagend, eine Bohnenstange mit Segelohren, „weil´s dem Herrgott so gefallen hat, der uns alle nach seinem göttlichen Willen gestaltet und figuriert wie ein Töpfer das Geschirr!“

    „Ha! Ich lach mich kaputt!“, grölte der mit dem Spatzennest, „figuriert! Wo hast du Vogelscheuche denn Figur?“

    „Hoho, Bursche“, rief der Dürre, „kommst du mir so, dann komm ich dir so!“ Und schon flogen die Fäuste.

    „He, liebe Leute, Schluss jetzt!“, rief der Mönch und hieb mit der Faust auf den Tisch, „könnt ihr nicht mal trinken ohne zu streiten? Noch ein Faustschlag, und ich lasse euch beide exkommunizieren!“ Diese leere Drohung wirkte; die Streithähne kuschten.

    „Bruder“, sagte der Patrizier, „Ihr habt immer noch nicht verraten, wie Ihr zu dieser Nase gekommen seid. Würde mich wirklich interessieren! Vielleicht gibt es ja ein Mittel, wie ich meine verlängern kann. So sehe ich im Gesicht aus wie ein roter Säugling.“

    In der Tat. Ich hatte noch nie einen Mann mit so einer kleinen Nase gesehen. Wenn Onkel Pepperkorn wirklich recht haben sollte, war der Mann nur zu bedauern.

    „Ein Mittel gibt´s schon“, antwortete Bruder Johannes, „aber ich fürchte, es wird Euch nicht schmecken, obwohl, wie Ihr selbst sagt... Und zu alt seid Ihr auch –“

    „Nur heraus damit! So schlimm wird´s schon nicht werden!“

    „Na dann! Aber erst, Page, hurtig eingeschenkt!“ Ich schenkte hurtig ein, der Mönch trank, rülpste dankbar, riss sich eine Gänsekeule ab und fuhr fort: „Schon Eselius Asinus*, der – hmpf – Verfasser der Streitschrift 'Wider jene, die da – schmatz – behaupten, der Rappe des Kardinals de – Herrgott, ist das zäh – des Kardinals de Marzahn äppele nur nach Sonnenuntergang' gibt in seinen Lebenserinnerungen an, er habe – ahhh, tut das gut – eine so lange Nase gehabt, dass sie noch von hinten zu sehen gewesen sei. Wie die heilige Gertrud einer Nonne in Paderborn, die in Kindsnöten lag, erklärte – schlürf – ähem – na schön. Auch Gar – – he, du da, reich mir mal die Schale mit den Maronen – wie? Ach ja, auch Garnelius berichtet in liber III capitulum IV § 6 seines Traktates 'De hominibus nasibus longibus' von einer – hmpf – Frau namens Nasulind, die in der Lage war, ihre Wäsche –“

    „Lieber Herr! Bitte, kommt zum Thema!“, rief der Patrizier.

    „Wenn Ihr mich nicht unterbrochen hättet, wäre ich schon längst fertig!“, rief Bruder Johannes ungehalten und warf das abgegessene Gänsebein unter den Tisch, „gut, ich fasse mich kurz. Fatalissime fand ich in keiner dieser Schriften – rülps! Pardon – einen Hinweis auf die Ursachen dieser Absonderlichkeiten, dabei hätte ich von selbst darauf kommen können.“ Der Bruder nahm eine Marone und begann zu schälen.

    „Und weiter?“

    „Was weiter?“

    „Die Ursache, die Ursache!“

    „Welche Ursache?“

    „Bruder, bitte!“

    „Je nun... Vorgestern traf ich meine alte Amme wieder. Und da ging mir ein Licht auf.“

    „Ein Licht! Nämlich?“

    „Page, schenk Er ein!“

    „Nichts da, Merkwürden! Erst den Reim, dann den Wein!“

    „Der Teufel soll dich holen, Bursche! Na schön, der Klügere gibt wieder mal nach. Ich erinnerte mich, dass meine Amme einen außergewöhnlich weichen...hmnja... Busen besaß, sodass sich meine Nase beim Trinken ungehindert aus – brei – ten – “

    Eine Faust krachte auf den Tisch. „Wollt Ihr behaupten, meine Mutter habe einen harten Busen gehabt?“ Der Patrizier mit der kurzen Nase sprang auf und nahm Drohhaltung ein. Für einen Moment sah es aus, als wolle er dem Kuttenmann in die Nase beißen.

    „Habe ich das behauptet, Herr?“, rief der, „drum setzt Euch wieder und seid friedlich.“

    „Ha!“, rief ein alter Lanzenreiter mit einer schwarzen Augenklappe, „nicht deine Mutter hat einen harten Busen gehabt, Söhnchen! So wie du aussiehst war´s eher das Weinfass!“

    Eine Weile herrschte verblüffte Stille – die Gäste drum herum hatten ihre Gespräche unterbrochen und lieber dem Nasen-Disput zugehört – dann brach brüllende Gelächter los. Ha ha ha hier, kich kich kich da, hi hi hi dort. „Ho ho, Herr!“, rief einer dem Bruder zu, „Ihr seid ein Satansbraten! Solch einen Jocus hab ich mein Lebtag nicht gehört! Kommt, Herr Abt, darauf stoßen wir an!“

    „Seid Ihr ein Franziska-ka-kaner oder ein Benedik – hick – tiner?“, wollte ein anderer wissen.

    Es wäre wohl noch eine Weile so weitergegangen, doch da explodierte der Kuchen...

    ________________

    *asinus (lat.)=Esel


    Forts. folgt

  • Hey McFee !

    Ich warte ja immer darauf, dass du "Petersilius Pilzschnitzel" irgendwann übertrumpfst, und hier bist du schon ganz nah rangekommen:

    Laubdach-Schneuzheim

    Umso mehr schade, dass du den Rest der durch- und erlauchten Herrschaften dann wieder abgekürzt hast:

    Herr*, Jungfer**, Ritter von***; Monsignore de****, Doktor beider Rechte*****, seine Ehren Geiler von******, Gerichtspräsident*******, die Damen******** und *********, Graf**********, Baron***********. Sollte ich jemanden vergessen haben, melde er oder sie sich; weitere *** stehen zur Verfügung.


    Auch das hier fand ich wieder sehr amüsant:

    Seine Korpulenz

    Genau wie das:

    Man wartete noch auf den Herzog, der nach der Devise lebte:


    Aufstehn früh – na gut, wer´s mag,

    trinken früh, das ist mein Schlag!,


    Ich frage mich immer, wie du auf diese Ideen kommst.^^

    LG

    Stadtnymphe

  • Hallo, liebe @Teichrose,


    ich freue mich immer wieder auf/über deine Bemerkungen.

    Umso mehr schade, dass du den Rest der durch- und erlauchten Herrschaften dann wieder abgekürzt hast:

    Ich dachte es als optische Auflockerung eines ansonsten ziemlich eintönigen Schriftbildes, und auch daran, dass viele Schriftzeichen ein jämmerliches Schattendasein führen, das sie von Statur und Aussehen her nicht verdient haben. Und was die Herrschaften betrifft, da wird es bestimmt noch Überraschungen geben.

    Ich frage mich immer, wie du auf diese Ideen kommst

    Nicht ich komme, es kommt. Sie sind plötzlich da, diese Ideen, und wenn ich nicht sofort zufasse, sind sie wieder weg. Es geschieht meist in einem völlig unterschätzten Teil des Tages, nämlich kurz nach dem Aufwachen, wenn die Traum-Trunkenheit noch nicht volldtändig von den Mächten der Tag-Welt besiegt ist und die Gedanken wie bunte Vögel um den Baum der Fantasie schwirren...


    LG, McFee


  • Mundburt beobachtet, wie ein Narr reich wird und verliert allmählich die Geduld.


    … und ein kleines putziges Wesen sprang heraus. Es war in einen Flickenteppich von Kleid gehüllt, auf dem riesigen Kopf trug es einen bunten Dreispitz, an den Füßen winzige Stiefel. Der Zwerg – ein Geschenk des Kaisers an den Fürsten als Dank für geleistete Kriegsdienste, wie ich später erfuhr – rutschte auf dem Hintersteven vom Tisch, lief auf die Herrschaften zu, machte eine drollige Verbeugung und krähte munter, wobei er sich wie ein Aal in der heißen Pfanne drehte und wendete:

    „Hohe und allerhöchste Herrschaften! Bon-dies, Ihr Herren, et vobis, verehrte Frauen, meinen untertänigsten Gruß! Mein allerwertester Name ist Franziskus Asinus, Francesco Asino, Français Cul, Frantsuzskiy Sadnitza, French Ass – auf deutsch: Franz Arsch!“ Der Narr bückte sich, zog sich die Hosen herunter und drehte sich einmal um seine Achse, dabei rief er: „Ja wo ist er denn, wo ist denn der Bettscheißer, der Furztopf, der Blasebalg, der Hosenklemmer, ich seh ihn nicht, ich seh ihn nicht! Heute morgen war er noch da!“ Jetzt blieb er stehen, steckte sich wie ein kleines Kind den Finger in den Mund und tat so, als dächte er nach. „Hat er mich verlassen? Ist er mir untreu geworden? Musste er zu viel arbeiten? Dabei kann er sich doch über zu viel Arbeit nicht beklagen!


    Zehn Würstchen kack ich nur im ganzen Jahr,

    zerbrech und reib ich mit der Hand sie klein,

    so bleibt mein Finger sauber ganz und gar,

    denn sie sind hart wie Bohnen und wie –“


    „He, Bruder Fastnacht!“, rief jemand, „das wird´s sein! Du scheißt zu hart und solltest mehr trinken! Hier, nimm meinen Becher und sauf aus!“

    „Eh, domine, allerbesten Dank, werter Herr, komm später gern darauf zurück! Geb Euch trotzdem diesen Rat:


    Wischt Euch gut den Hintern,

    sonst kann es durch die Hose sintern!


    – – Was wollt ich noch gleich sagen... Beim heiligen Arschlappen! Jaja, das Gedächtnis leidet, wenn man die Strümpfe verkehrt herum anzieht... Ach ja, jetzt fällt´s mir wieder ein! Von meiner Magd wollte ich erzählen! Wollt ihr es hören, liebe Leute?“

    „Jaaaaaaaaaaa!!!“

    „Na dann! Einst schickte ich die Magd zum Heupferdmark nach Sausenhosen, um ein paar Dinge für mich einzukaufen, nämlich: Zehn Stangen Zucker, fünfzehn Paar aufgeblasene Windbeutel, zwanzig Schock Hosen, dreihundert Eimer Brennholz, fünfundzwanzig Rudel Wein, ein Bett mit doppeltem Federpfuhl und einen großen Hut zum Hineinpissen – alles Dinge, die ein Mann in meinem Alter, cogito, nicht entbehren sollte. Weil es kalt war, hatte ich sie von Kopf bis Fuß mit Kissen beklebt und ihr zehn elysische Wärmflaschen unter den Busen gebunden.

    Bald kam sie in ein Dorf und daselbst an einer Kirche vorbei, wo gerade der Turmbläser, ein arger Possenreißer und Lügenbaron, sub omnibus glockibus sein Wasser abschlug. Meine Magd, von Natur aus sparsam wie ein Klosterkämmerer, rief:


    Nach einem schönen warmen Regen,

    gibt es oft den größten Segen!,


    leerte flugs die Wärmflaschen aus und fing den warmen Regen ein. Nun hatte es im Jahr davor zu wenig geregnet, ergo herrschte ein Mangel an Narrenfutter, so dass es sehr wenig Narrenpossen gab, dafür ein Überangebot an Rotkehlchen und Schweizern. Daraufhin kam es im Würzburgischen zu ersten Zusammenrottungen, denn was ist eine Welt ohne Possen! Verbrecherische Troglodyten hatten die restlichen Possen aufgekauft und versuchten sie jetzt zu überhöhten Preisen loszuschlagen. Boten und reitende Diener wurden ausgesandt, mit dem Auftrag, diese Höhlenbrüter aufzuspüren und zur Strafe solange mit Hafermus zu füttern, bis sie platzten.“

    „He, Spaßvogel, das flunkerst du!“, rief eine spitze Frauenstimme, „der Hafer macht nicht das Mus, sondern den Brei!“

    Der Zwerg richtete sich steil auf und blickte scharf in die Richtung, aus der die Worte herbeigeflogen waren. Dann zog er einen winzigen Degen und fuchtelte damit in der Luft herum, worauf allgemeine Heiterkeit ausbrach.

    „Potzblitz und Schwerenot!“, rief er in das Gelächter, „wer behauptet da, ich lüge? Beim gehörnten Jupiter! Wenn Ihr keine Dame wäret, würde ich jetzt Satisfaktion fordern! Ha! Ego mentitus? Warum sollte ich? Hab ich nicht nötig," Er warf sich in die Brust. " Messi – eurs et Me – dames! Bin ein ehrlicher Narr und erzähl die Sache Punkt für Punkt der Wahrheit gemäß! Denn, bei Gott, ich bin der aufrichtigste, klügste, weiseste, gelehrteste, beschlagenste, berühmteste Narr von der Welt! Sackarro sackandis: Einer, der von alledem mehr hätte als ich, der müsste noch geboren werden!“

    „Weiter!“, riefen mehrere, „Mus – Brei, ist doch so unwichtig wie ein Mönchsei!“

    „Gut, also weiter! Meine Magd kam gegen Abend in eine Stadt mit Namen Sauhunden, wo die heilige Sauhild Platz-Patronin ist, und wo die Schneider aus Stoffresten Trinkhalme machten. Denen kaufte sie etliche Dutzend davon ab und mietete auf dem Marktplatz eine Bude, in der sie selbstgebraute Narrenpossen anbot. Bald verbreitete sich die Kunde, da sei eine, bei der man Possen mit außergewöhnlichem Geschmack kaufen könne, und schwuppdiewupp war der Inhalt ihrer zehn Wärmflaschen ausverkauft. Die Leute wollen eben gerne mal was Neues. Nun besaß sie genug Geld, um ihren Auftrag erledigen zu können, und sie machte sich auf den Weg nach Sausenhosen.“

    Der Zwerg unterbrach seine Rede und legte die Hand ans Ohr. „Gut gesprochen, Herr, nur, könntet Ihr es wiederholen, Ihr spracht so leise – – wie, ihr traut Euch nicht! Aber, bei allen guten Geistern, warum denn? Sogar der Papst erlaubt jedem zu furzen, sooft er will, solange nur die Hosen rein bleiben. Et vir sapiens non abhorrebit –“

    Der Rest des Küchenlateins* ging im Applaus unter; man begann, den Narren mit Geldstücken zu bewerfen. Der dankte artig nach allen Seiten und krähte:


    „So wird Franz Arsch zum reichen Mann,

    die Narrenzunft fängt zu blühen an,

    Mammon macht der Fantasie den Hof,

    es dankt Euch der kleine Philosoph!“ – –


    „Bei meiner Seele“, raunte mir Bruder Johannes zu und klatschte sich vergnügt auf den Oberschenkel, „der ist ein Narr wie man ihn nicht besser wünschen kann!“

    Ich: „Er wird ein gutes Einkommen haben und mit dem was er hat sicherlich auskommen, aber mit seinem Fortkommen steht es nicht zum besten, denn er hat Beine wie ein Dachshund.“

    Er: „Gleichwohl! Ein Narr ist er, durch und durch. Er redet, wie ein Narr reden muss: Närrisches Zeug. Und er kann die Worte nicht halten wie ein Greis das Wasser nicht.“

    Ich: „Der hätte das allerprofundeste Zeug für einen Ratsvorsitzenden.“

    Er, indem er sich ein halbes Dutzend Wachteleier zum Nachbiss in den Mund schob: „Oder – hmpf – für den Präsidenten des Kammergerichts.“

    Ich: „Da sagt Ihr was! Der Narren und der Kinder Mund tut Weisheit kund.“

    Er: „Von Narrenweisheit gehen zehn Fuder auf ein Lot.“

    Ich: „Täuscht Euch nicht!“

    Er: „Wieso?“

    Ich: „Der da ist Magister in prähistorischer Rhetorik und katarrhalischer Philosophie. Dazu besitzt er ein Patent für antiveganisches Schmalzgebä – bä – bä –“

    Johannes fuhr hoch. „Fängst du jetzt auch schon an? Bist du betrunken, Kerl?“

    Ich: „Ich? Dass mich der Leu kost! Nicht im Geringsten! Bin nüchtern wie ein gewässerter Karpfen! Aber ich wünschte, ich hätte Finger wie ein Esel Ohren.“

    Er: „Was sagst du?“

    Ich: „Wegen der Ballade, die ich vortragen soll, und die Ihr mir eingehämmert habt! Dann könnte ich mich hinter meinen Händen verstecken!“


    „... in die Hasennegertwiete**“, zwitscherte der quecksilbrige Zwerg unterdessen munter weiter, „ging zu einem Hosennäher und sagte: 'Meister, fix aufgemerkt! Mein Herr wünscht zwei Paar Beinkleider der besonderen Art, und zwar nach der neuesten Mode.' – 'Hoho, Frau!', versetzte der, 'meine Nadel hat scho der großen Glock von St. Blasien ein Kaputtzen genäht, da werd ich doch wohl ein paar lumpiche Hosen schneidern können!' – 'Wohlan denn', sie wieder, 'dann holt Tafel und Kreide und schreibt, dass Ihr´s auch ja nichts vergesst: Hinten, wegen des leichteren Verrichtens unaufschiebbarer Bedürfnisse, eine Arschklappe nach alt-gälischem Vorbild; an den Seiten Pluderbeutel wie ein Pfauenschweif, weil zu enge Hosen die Nieren einpressen; die Vorderhose mit Hasenschwanzschnitt und Zwerchgürtel nach deutscher Art, damit sich der Bauch nicht echauffiert; der Hosenlatz zwei Ellen breit und auf Zuwachs geschneidert, denn mein Herr ist von der Art des Porrees, der zwar einen weißen Kopf, aber einen festen Stängel hat. Habt Ihr das?' – Der Hutmacher zwirbelte nervös seinen Schnurrbart. 'Jawoll, Frau, hab ich!' – 'Und als Hosenträger ein Paar solide, übers Knie gebrochene Keuschheitsgürtel, aber bitte aus dem Haar einer schwangeren Nonne. Habt Ihr das?' – 'Jawoll, Frau, hab ich!' – 'Wann könnt Ihr liefern?' – 'Nicht vor Mittwoch, aber ich denke, näschsten lunae° wird´s scho geh´n.'

    Weiter ging meine Magd, wegen des Brennholzes, ein lustig Lied auf den Lippen. Bald kam sie an eine alte Eiche – –“

    „Das Lied, das Lied!“, riefen mehrere.

    Der Zwerg kniff die Beine zusammen wie eine Jungfer, die das Wasser nicht mehr halten kann. „Ha, ich würd´s euch ja gerne singen, aber ich trau mich nicht! Wegen der hohen Herrschaften im Saal!“

    „Hoho, Monsieur Arsch!“, dröhnte der gewaltige Bass des Herzogs, „da macht Euch mal keinen Hals! Wenn´s witzig ist, ist´s gut, wie auch immer!“

    Der Narr machte eine tiefe Verbeugung und rief: „Euer Gnaden untertänigster Diener! Meine Magd sang also:


    'Furunkel im Nacken,

    Beulen am Hacken,

    Pimpeln an den Backen,

    in den Beinen Gliederzwacken,

    im Hals das Kracken,

    in den Fingern das Kna – a – a – acken –

    Gottlob, ich kann noch kacken.'“


    Nachdem sich der wüste Beifall gelegt hatte, fuhr der Spaßmacher fort: „Kam also an eine alte Eiche, meine Magd, unter der eine alte Vettel saß, eine bunt schillernde Glaskugel auf den Knien. Oben auf der Kugel saßen drei Paar birnenförmige Perlen wie schimmernde Tränen, die durch eine goldene Spirale verbunden waren. Ganz oben, auf der Spitze der Kugel, blitzte ein silbernes Kreuz. So war die Sieben voll, eine Zahl, die Wahrsager lieben. – ' Was sind das für herrliche Perlen!' rief meine Magd schon von Weitem, denn sie ist an allem interessiert, wofür man keinen halben Pfennig kriegt. – 'Das erste Perlenpaar trug die ägyptische Königin Kleopatra im Ohrgeschmeide', erklärte die Alte, 'das zweite zierte einst das Kleid der Pompeja Pomposa, die wegen ihrer Prachtentfaltung sogar das Volk von Rom in Erstaunen setzte, das letzte besteht aus zwei der vielen Tränen, welche die Gottesmutter vor dem Gekreuzigten vergoss.' – 'Ach, gute Frau, sagt doch, wie wird es mit Deutschland, unserem lieben Vaterland, weitergehen?' – 'Was zahlt Ihr?', fragte die Alte.“

    Der Zwerg unterbrach sein Narrengespinst und blickte in die Runde.

    „Hohes Publikum!“, rief er mit lächerlichem Pathos, „ihr kennt meine Magd nicht! Wenn´s an´s Bezahlen geht, ist sie pfiffiger als Odysseus bei den Sirenen. – 'Hoho!' rief sie, 'erst die Ware, dann das Geld!' – 'Nichts da!', keifte die Alte, 'ohne Geld keine Ware!' – 'Gut, zeigt mir die Ware, damit ich sehe, ob sie ihr Geld auch wert ist' – 'So weit kommt´s noch', kreischte die Alte, ohne Geld keine Ware!' – Meine Magd fing an, wie wild zu Tanzen; dabei rief sie: 'Hört Ihr, wie es klingt und klimpert, hört Ihr, wie es klingt und klimpert?' – Es waren aber nur die Stäbe ihres Korsetts, die gegeneinander schlugen. Das Geld hatte sie sicher versteckt, an einem Ort, an dem eigentlich nur Amors Ackermann ein- und ausgeht – –“

    Diese platte Anspielung wurde mit dröhnendem Beifall belohnt, wieder regnete es Heller und Pfennige.

    „Die Wahrfrau, vom vermeintlichen Klang des Geldes erregt, schnalzte mit der Zunge und strich über die Perlen, worauf eine wunderbare, elfenreine Musik erklang. Gleichzeitig erschien in der Kugel das rosigfrische Gesicht eines bärtigen Mannes mit grauem Krauskopf, aus dem zwei Hörner ragten, und eine ferne Stimme rief wie Donnerhall: 'Wer ruft da?' – 'Ich, die erechtäische Sphinx', krähte die Alte. – 'Warum rufst du mich? Warum forderst du den Weltgeist auf, aus dem Nichts ins Dasein zu treten?' – 'Die Magd da will wissen, wie es mit Deutschland, unserem lieben Vaterland, weitergeht!' – Eine Weile war Stille, dann erscholl ein knisterndes Brausen, wie Meeresbrandung, die mit den Knochen Ertrunkener spielt. Da hinein rief die Donnerstimme: 'Ho! Habe sämtliche Reviere des Himmels und der Erde durchstöbert, habe in den Geheimarchiven des Vatikans herumgeschnüffelt, habe mit dem Teufel konferiert und mit dem Kaiser gespeist, habe auf dem Mond geforscht und unter der Erde, habe dann alles in hundert Kapiteln zusammengefasst und auf der Zunge zergehen lassen. Hier ist das Ergebnis!' Der Weltgeist öffnete den Mund und streckte die Zunge heraus, die allmählich größer wurde und schließlich einem großen roten Teppich glich. Meine Magd beugte sich darüber und kniff die Augen zusammen, aber außer seltsam verschnörkelten Zeichen konnte sie nichts erkennen. – 'Ich kann nichts erkennen!', rief sie. – 'Natürlich nicht!', feixte die Wahrfrau, 'erst müsst Ihr bezahlen!' – Da machte es über ihr 'Onk'; ein Rabe, der auf einem Ast hoch oben in der Eiche das unwürdige Gefeilsche beobachtete, öffnete seinen Hinterausgang und ließ den halb verdauten Rest eines Auges, das er vormittags einem anderen Raben ausgehackt hatte (bekanntlich hacken ja nur Krähen einander keine Augen aus), auf den Teppich fallen, worauf sich Teppich, Kugel und Wahrsagerin in Luft auflösten. Stattdessen hockte da eine kleines Mädchen, das Regenwürmer in einen Becher sammelte. Meine Magd, froh, ums Bezahlen herumgekommen zu sein, kicherte: 'Hihi, hab genug erfahren, hihi! Wie das klapperte und knackte, wie das klapperte und knackte, wie das –'“


    Allmählich wurde mir unten herum immer unheimlicher zumute. Entweder waren die Kuddeln nicht mehr frisch, oder das Lampenfieber war mir vom Kopf ins Gekröse gerutscht. Beim heiligen Brimborium! Dieser vermaledeite Possenreißer fand einfach kein Ende, und das Erstaunlichste: Nicht nur die Leute, sondern auch der Herzog und seine Mätressen amüsierten sich köstlich. Eine dieser Damen, Frau von Vogelweid, eine korpulente Matrone mit Pimpeln um die Nase, hatte schon zum zweiten Mal einen ganzen Beutel Kleingeld auf den Narren geworfen.

    Obwohl es unten bereits gluckerte und knurrte und Bruder Johannes irritiert seine hochgewölbte Nase rümpfte, beschloss ich, solange wie eben möglich auszuharren. Denn mir war nicht entgangen, dass mich die Herrin scharf beobachtete.

    ________

    *Er wollte sagen: Ein weiser Mann wird so was nicht verschmähen. **Hosennähergasse. ° Montag.


    Mundburt hält es nicht mehr aus und rennt aus dem Saal.


    Der Zwerg war mit unglaublicher Behändigkeit auf den Tisch gesprungen und gestikulierte von dort aus weiter. „Hochverehrtes Publikum!“, schrie er, „jetzt kommt die Geschichte, in der meine Magd erst angeklagt wird und sich dann selber freispricht. Vos habetis, et nihil costabit vobis!* Wisst ihr noch, wozu der Hut gedacht war?“

    Die Reaktion der Zuhörer ließ an Eindeutigkeit keine Wünsche übrig. Mann lachte, schrie aus vollem Halse, kletterte auf Bänke und Tische, warf die Arme hoch und Kannen um; einige verwegene Gesellen begannen, ihren Hosen aufzuknöpfen; nur mit Mühe konnten sie davon abgehalten werden, ernst zu machen. Nachdem sich der Tumult gelegt hatte, fuhr der Zwerg mit erhobener Stimme fort:

    Bene, ihr wisst es also noch. Hatte es auch nicht anders erwartet, denn innocens credit omni verbo**. Item, als der Hut nun fertig war, sagte meine Magd: 'Ein schönes Stück bat Ihr da gefertigt, Meister, fürwahr, aber ist er auch dicht? Denn nur ein Narr trägt Wasser im Sieb! Ich bitt Euch, macht die Probe, jetzt und hier vor meinen Augen, damit ich sicher sein kann, dass der Hut auch dicht ist!' – 'Nein', erwiderte der Hutnäher, 'entweder hinterm Haus und alleine, oder gar nicht!' – 'Doch!', schrie meinen Magd, 'ich bestehe darauf!' – 'Nein!', giftete der Hutmacher zurück, 'ich tu´s nicht!' – 'Nun gut, Mann, dann behaltet ihn! Ich hatte einen Hut bestellt, der sie Pisse hält, und kein Spatzennest.' – Der Hutmensch war nicht auf den Mund gefallen. 'Ha, ho, hei', rief er, 'dann macht die Probe doch selbst, hier vor meinen Augen!' – Ihr kennt meine Magd nicht, liebe Leute, aber ich! Sie ist nicht nur mit allen Wassern gewaschen, sondern auch mit dem dem Fett von fünf Bettelmönchen gesalbt. – 'Warum denn nicht?', flötete sie, 'eine Wasserprobe ist so gut wie die andere!', hob ihre Röcke hoch, ging in die Knie und machte Miene, die Probe coram publico auszuführen.

    Bei dem Lärm war das Volk von allen Seiten zusammengelaufen. Unter den Gaffern befanden sich auch der Advokat Magister Schlupfloch sowie der Gerichtsrat Dr. Schluckespecht, von dem die lokalen Spottdrosseln folgendes sangen:


    Ist der Beutel fest und prall,

    ist der Bauch nur dick und drall,

    hast im Kopf nur Weib und Wein,

    liebst des Legaten° Töchterlein -

    dann ist der Doktorhut schon dein!


    Schluckespecht nun rief angewidert: 'Ha, Frau, was macht Ihr da! Öffentliches Uri... ähem... Das ist Erregung öffentlichen Ärgernisses! Ihr seid festgenommen!' Auf seinen Wink sprangen zwei Büttel hinzu, nahmen meine Magd in die Mitte und führten sie arschbeinig – – Na, was meint ihr, wohin führten die beiden stiernackigen Justiz-Ochsen meine zarte Pissnelke, hä?“

    Das Publikum sprang sofort begeistert an, sogar der Herzog grinste. „Ins Gefängnis!“ brüllte eine Frauenstimme, „in den Turm!“ ein Mann. – „Zur Abortgrube, um ihr das Gesicht zu salben!“ – „In den nächsten Gasthof, um die Suppe zu salzen!“

    Brüllendes Gelächter.

    Der Zwerg machte einen gewagten Handstand – beinahe wäre er vom Tisch gefallen. „Hahaha!“, rief er kopfunten, „hahaha! Du hast´s erfasst, Freund Lampe! Genau das taten sie!“ Er kam wieder auf die Füße. „Zum 'Schmierigen Löffel', einem Gasthaus, das für seine fetten Kuddeln berühmt war, dort gingen sie hin, aber nicht um die Suppe zu salzen, sondern weil die ehrenwerten Herren Schluckespecht und Schlupfloch noch nicht zu Mittag gespeist hatten! Setzen sich also zu Tisch und lassen kräftig auffahren, meine Magd ebenso. Als nun die Gans und die Knödel verzehrt sind und die Kannen zur Hälfte geleert, lässt Schluckespecht einen gewaltigen Rülpser vom Stapel und sagt: „Ich schlage vor, wir fällen den Spruch gleich hier. Draußen donnert´s und stürmt´s, und das Gerichtsgebäude ist dreißig Ellen entfernt, also für dieses Wetter viel zu weit weg. Und die Schultheißen& kriegen wir eh nicht aus dem Bett. Die Anklage lautet: Öffentliche Erregung öffentlichen Ärgernisses wegen öffentlichen Urinierens seitens einer öffentlichen Magd in einen öffentlichen Hut.' – Meine Magd darauf: 'Einspruch, Euer Ehren! Der Hut war nicht öffentlich, der Hut ist privat!' – 'Wie? Was? So? Ähem... Ach was, der Spruch wird gefällt! Herr Magister, die Würfel auf den Tisch!' – 'Wie, wollt Ihr jetzt würfeln, hä?', ruft meine Magd verdutzt, 'ich denk, Ihr wollt den Spruch fällen!' – 'Eben drum, hä', erwidert Schlupfloch fettmäulig und stellt den Würfelbecher hin, 'es sind Urteilswürfel, alea judiciorum, wie sie auch, hä, bei allerhöchsten Gerichten verwendet werden.' – 'Und das klappt, hä?', fragt meine Magd einfältig. – 'Aber sicher doch, gute Frau!', ruft Dr. Schluckespecht, 'sehr gut sogar! Schaut, hä, eine Drei ist immer eine Drei, eine Fünf bleibt immer eine Fünf, eine Zehn immer eine Zehn, egal ob´s Katzen regnet oder Bratwürste schneit; ein Richter, hä, hingegen ist morgens, wenn er noch nüchtern ist, ein anderer Mensch als am Mittag, wenn er gut gegessen hat, hä, und am Abend, äh... Dementsprechend unterschiedlich fallen seine Urteile aus. Da aber nach allgemeiner Rechtsauffassung, hä, dargelegt unter anderem in liber consultationis et regularis juris des Canonicus Alfonso Blasebalgius commentarius, et alii expertes obscures titulorum, puh, he, was wollte ich sagen... ach ja... hach allgem - hicks - Rechtsauffassung... ähhh... natürliche Unvollkommenheiten niemals ein Urteil beeinflussen dürfen, ist das Würfel-Los ein vorzügliches, untadeliges und notwendiges Mittel der Rechtsprechung, hä, was auch Musco Musculorm in seinem tractatio contra fratres juris perver –' – 'Verstehe', unterbricht meine Magd, 'bin ja nicht von gestern und jetzt auf Euer Urteil gespannt!'“ –

    Wieder wandte sich der Zwerg an sein Publikum. „He', rief er, 'wie wird der Spruch ausgehen? Na, was meint ihr? Seid doch selbst alle kleine Rechtsverdreher, wenn es darum geht, dem Nachbarn eine Nase zu ziehen!“

    Es wurden verschiedene Vorschläge geschrien, von steupen, teeren und federn, aufknüpfen, den Wetterhahn blank putzen, dem dicksten Bullen im Dorf die Eier kraulen – bis zum tödlichen Strafessen von Kuddeln des Hauses war alles dabei.

    „Falsch!“, kreischte der Dreikäsehoch, „alles falsch! Darauf kommt keiner, und wenn ihr euch den Finger hinten rein steckt und dreimal herumdreht! Aber bevor ich weiterrede, brauch ich erst mal ´nen Schluck, und zwar ´nen anständigen! Meine Kehle fühlt sich so rau und trocken an wie der Hintern der Hundertjährigen Syba – – danke ergebenst, werter Herr – ah, oh, tut das gut, schluck, schleck – also weiter. Der Gerichtspräsident Schluckespecht guckt in den Würfelbecher und – 'Oha!', ruft er, 'das sind die richtigen Würfel nicht! Ich brauch die großen, nicht diese kleinen! Die kleinen sind für die leichteren Vergehen wie Suppe versalzen, Zeit totschlagen, einen Brand in der Kehle nicht löschen, den Papst einen Ketzer nennen! Aber das Urinieren im öffentlichen Raum –' – 'Und wo´s doch beim Versuch blieb!', ergänzt meine Magd – 'Das macht den Fall noch schwieriger! Das öffentlich versuchte öffentliche Urinieren im öffentlichen – Herr Magister, nun sagt doch auch mal was!' – 'Ich? Äh... oh... ha... Da fällt mir ein... im commentarius des Mausolos Maximus zu Garnelius, vol, III §§ 3 et 4 nihil dodo ff. aleatorum authent. fidibus fidejus et extra prae – äh, soll ich nicht doch den Becher mit den großen Würfeln holen?' – 'Nein, lasst das, der Wein wird warm.' – 'Nur was machen wir mit der Beschuldigten? Laut § 5a cap. 2 secundus –' – 'Kruzitürkennochmal! Könnt Ihr nicht mal Euer giftkrötiges Schandmaul halten und mich die Jause zuende essen lassen?' – 'Ich hätte da mal einen Vorschlag', lässt sich jetzt meine Magd vernehmen. – 'Ei, nur heraus damit!' – 'Aber es ist Latein.' – 'Oha! Dann wird´s schwierig!' – 'Ich versuch´s trotzdem. Schließlich geht´s um meinen Arsch.' – 'Da habt Ihr auch wieder Recht! Also, was wollt Ihr vorschlagen?' – 'Ich schlage vor: In dubio pro rea!'°° – –

    _ _ _

    Es ging nicht mehr. Ich fühlte deutlich, dass sich in meinen unteren Regionen etwas Fürchterliches zusammenbraute, obwohl ich mordsmäßig dagegen anging. Es kniff und zwackte, zwackte und kniff. Ohne viel zu überlegen stand ich auf, kniff die Arschbacken zusammen und rannte nach draußen.

    ____________

    * Hier habt ihr sie, und sie kostet euch nichts. ** Der Einfältige glaubt jedes Wort. °Legat = päpstlicher Oberaufseher über die Universität. & Schöffen. °°Im Zweifel für die Angeklagte.


    Forts. folgt

  • Mundburt kneift es im Leib, woraufhin ihn blähungsbedingte Visionen plagen.


    Teufel auch, das war knapp! In meinen Eingeweiden rumorte es wie in einem Dachsbau, in den die Hunde eindringen. Trotzdem wusste ich nicht, was ich mehr begrüßen sollte: Die Aussicht auf Erleichterung, oder die Ruhe hier oben auf dem Aborterker! Dieser Narr war einfach unmöglich! Schwatzt, schwatzt und schwatzt, und was für einen Unsinn! Und dann diese Leute, die über diesen hirnrissigen Quatsch auch noch lachen! Allerdings, die Herrin hatte nicht gelacht, mit saurer Miene hatte sie neben dem Herzog gesessen und mit dem Gähnen gekämpft.

    Während mein Hintern über dem Burggraben hing und darauf wartete, dass der heilige Faecal endlich sein Werk verrichte, blickte ich über die sanften Hügel hinweg in die Ferne, wo gerade ein heftiges Gewitter seine Fracht ablud. Obwohl ich mich für Politik herzlich wenig interessierte, war mir nicht entgangen, dass dieses edle Land gedieh und triumphierte, so dass viele fremde Völker zu ihm wanderten. Es gab Feste und Lustbarkeiten aller Art, und jeder hatte sein Vergnügen daran. Fisch, Bier, Met, Most, Wein gab es im Überfluss. Und ein Fleisch gab´s, ein Fleisch! Wie anderswo für Könige und Fürsten, so zart, so saftig, so appetitlich – der reinste Gaumen-Balsam! Von Schweinen, die nur das Beste fraßen und bei Lautenmusik geschlachtet wurden, wo die Säue, wenn sie in die Wochen kamen, mit Rosenblüten gefüttert wurden. Bei den Friesen grünen Kohl und gelbe Rüben; grauen Hafer und goldenen Weizen im Schwabenlande; Hopfen, so groß wie Schweinsblasen, in Bayern; in Thüringen regnete es Wachteleier, in Franken konnte man die Karbonaden wie Rebhühner mit Pfeil und Bogen aus der Luft schießen, in Sachsen kamen die Hasen schon fertig gewürzt zur Welt. Einer schnäuzt sich – aus seiner Nase kriechen gesalzene Aale, ein anderer weint, und eine gebackene Ente fliegt ihm aus dem rechten Auge, genau in die Terrine mit Zwiebelsoße hinein, ein Nieser versprüht süßen Senf mit Rahm; da, einer hustet, und schon springen ihm die Austern aus dem Mund. Zerspringt irgendwo ein Krug, dann ist der Wein zu schwer, platzt jemandem der Bauch, dann ist der Gürtel zu schwach, kann einer nicht kacken, dann nur, weil er zu wenig gegessen hat – es war ein Schlemmen, Schlürfen, Fressen, Saufen, Prassen – –

    Ein Krampf zog meine Eingeweide zusammen. „Heiliger Faecal erbarme dich, und zwar möglichst bald!“, stöhnte ich. Doch er erbarmte sich nicht...

    Weiter galoppierten meine Gedanken wie trunkene Gäule. Was hatte der Narr gefragt? Wie es mit Deutschland, unserem lieben Vaterlande, weitergeht? Schon zogen vor meinem inneren Auge dunkle Nebelbänke auf. Ein Wolken-Fenster öffnete sich, und ich sah deutlich das Allersonderbarste: Wer nicht arbeitet, hat trotzdem zu essen, wer aber arbeitet, lebt von der Hand in den Mund. Jene, die nicht schlafen können, liegen starr auf hölzernen Matten und kauen an ihren Gedanken; die aber, die schlafen, tun es mit offenen Augen, aus Angst, die Krähe des Nachbarn könnten ihnen eines aushacken. Die Worte der Priester klingen wie das Geklapper trockener Erbsen im Sieb, die des Kaisers wie das Meckern einer fetten Ziege. Der Papst, statt auf hohem Ross zu reiten, geht zu Fuß, und seine Kardinäle verweigern ihm die Gefolgschaft. Eine ungeheure, nie da gewesene Lebensart ist über die Menschen gekommen: Viele wachen im Überfluss auf und gehen doch am Ende des Tages hungrig zu Bett. Die Reichen schreien nach noch mehr Geld und baden im Schweiß ihrer Sklaven, die Sklaven baden im Schweiße ihres Angesichts. Eine große Hitze liegt über dem Land wie in einem überheizten Backofen. Sogar die Glocken schweigen, denn sie knistern vor Trockenheit wie dürres Laub. Die Schnecken verlassen ihre Häuser und ergreifen den Wanderstab. Kühlung ist nicht zu erwarten, denn die Sonne bläht sich immer mehr auf und verschlingt die Erde. Falsche Propheten stehen auf, und die Menschen beißen freudig in den grün-sauren Apfel ihrer Versprechungen. Das Land wimmelt von Beutelschneidern, Schwarzsehern, Weißsehern, Endzeitverkündern, Neuzeitverkündern, Eiszeitverkündern. Ha! Zinsschneider, kreative Buchhalter, Grapengießer haben Hochkonjunktur, Gott nimmt Reißaus und überlässt die Welt dem Teufel – –

    Oh, oh, oh! Ein neuer Krampf! Doch nein... ahhh... ohhh... Ja... AAA! Es ist geschafft! Heiliger Faecal, Dank, Dank, Dank!

    Endlich konnte ich wieder einen klaren Gedanken fassen. Doch schon hämmerte jemand an die Tür und rief: „Hey, Page, bist du festgewachsen? Die Herrschaft wünscht deine Ballade zu hören!“


    Mundburt trägt eine Ballade vor erleidet erneut Schiffbruch.


    Mit einem Haufen Daunenfedern wischte ich mir den Hintern und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Dann machte ich mich mit zitternden Knien auf den Weg zurück in den Saal. Durch die geöffnete Tür wehte mir starkes Gelächter entgegen; als ich eintrat, war der Zwerg gerade dabei, sein Abschiedsverslein zu krähen, das etwa so lautete:


    Heda! Ihr Knappen!

    Bringt mir meinen Rappen!

    Will jetzt turnieren,

    will wacker bohurdieren*,

    will nicht nur prosten

    sondern auch tjosten**!

    Und als Herrin wähle ich – –“


    Er blickte in die Runde, dann kugelte er auf eine würdige Matrone aus der Begleitung des Herzogs zu und rief:


    „wähle ich Euch, schöne Dame,

    gesalzen sei Euer Name!“


    Dabei legte er einen Kratzfuß vor, dass ihm die Sohle qualmte. Wäre ich nicht so nervös gewesen, hätte mich die Szene wahrscheinlich genau so amüsiert wie die anderen, die sich vor Lachen bogen. Es sah auch zu komisch aus! Stellt euch vor, ein Gugelhupf von der Größe eines Nachttopfes, bunt wie ein Papagei, einen stricknadellangen Degen in der Hand und mit kindisch-drolligen Bewegungen, macht einer hoch getürmten Dame schöne Augen, die vor ihm so gewaltig und ausladend wirkt wie die ägyptische Sphinx vor einer Maus.

    Ein Trompetenstoß kündigte den zweiten Teil des Festtags-Amüsements an; die Stunde der Spielleute und Sänger war gekommen. Bedrückt schlich ich auf das Podest, wo der Lautenist bereits sein Instrument stimmte. Ich gab mich keinen Illusionen hin. Nach dem, was der Narr geboten hatte, standen mein Chancen denkbar schlecht. Eher fliegen die Löcher aus dem Käse, dachte ich, als dass dir noch jemand zuhört. Wer will nach gutem Wein noch sauren trinken! Doch, ha!, kam´s mir im nächsten Moment zu Bewusstsein, warum gleich jämmerlich verzagen? Die Herrin will dich hören! Darauf kommt es an! Auch wenn kein anderer zuhört, die Zeit ist nicht vertan!

    Stellte mich also hin und wartete, bis es einigermaßen ruhig war. Dann rief ich mit heller Stimme in den Saal hinein:


    „Gnädigster Herr Herr und allerverehrungswürdigste Frau Herrin! Verehrtes publico! Hört

    und genießt die Ballade vom vertauschten Brief!“


    Ich gab den Lautenspieler ein Zeichen; der schlug ein paar Akkorde aus seinem Instrument, und ich begann:


    „Frau Marte saß im hohen Saal

    und schrieb an ihren Herrn Gemahl.

    Mein Herr, das ist es was sie schrieb,

    ich habe Euch von Herzen lieb!

    Der Brief sei Euch ein Unterpfand

    für meine Treu im fernen Land.“


    Zu Henker, dachte ich, irgendetwas stimmte nicht. Im Saal war es plötzlich mucksmäuschenstill geworden. Das konnte unmöglich an meinem Vortrag liegen, denn der war alles andere als souverän.


    „Sie rief nach ihrem Mareschall.

    'Mein lieber Herr von Überall!

    Ich brauche jetzt das beste Pferd

    und einen Knappen, schildbewehrt,

    um diesen Brief von meiner Hand

    zu bringen schnell ins Feindesland!'


    Da stand der junge Mareschalk,

    die Haare fast so weiß wie Kalk,

    die Wangen rot, die Augen blau,

    und schaute auf die schöne Frau.

    Die wandte keusch die... Augen weg

    und blickte auf ...´nen... Dintenfleck.'“


    Was war das? Der Herzog, der Herr und die Herrin verließen den Saal, ohne mich eines Blickes zu würdigen! Hatte ich etwas Falsches gesagt, etwas Ehrenrühriges, Beleidigendes? Für die Länge eines Herzschlags – also sehr kurz, denn mein Herz begann wie wild zu pochen – schoss es mir in den Kopf: Der vermaledeite Mönch hat dich hereingelegt! Irgendetwas hat er in das Gedicht gestopft, was nicht statthaft ist! Na warte Bruder!, dachte ich, bald bin ich der Geliebte der Herrin, und dann –

    Der Lautenschläger sah mich wartend an, und ich fuhr tapfer fort:


    „'Frau Marte!' rief er, 'kühn zum Kuss –'

    und beugte schon das Haupt zum Muss.

    Sie sah in seiner Augen Schimmer

    und rief entsetzt: 'Herr Marschall! Immer!"

    Verwirrt nahm sie das Kästchen fein,

    verziert mit Kreuz und... äh... Edelstein.


    Sie rollte ein den ähh...Herzensfuß

    und kratzt´ zum Abschied mit dem Gruß. –

    Im Hof der Knappe stark und wild,

    darauf der Rapp´ mit Schwert und Schild,

    das Kästchen klein... äh... fein mit fester Hand

    zu bringen hin ins Morgenland.“


    Zum Henker! Ich war total verwirrt und brachte alles durcheinander. Hämisches Gelächter drang an mein Ohr, ein abgenagtes Gänsebein flog haarscharf an meiner Nasenspitze vorbei. Ha! Auf einmal wusste ich, woran es lag: Ich hatte die Herrin beleidigt, indem ich ihr ein Tächtelmächtel mit dem Marschall des Herzogs, einem rohen und gemeinen Stallknecht, unterstellte! Oh oh oh, da hatte ich mich ja schön in die Nesseln gesetzt. Wenn es auch nur im Gedicht war, solche Unterstellungen nahm man schnell übel, wohl weniger, weil man dergleichen Seitensprünge sehr tragisch nahm, sondern weil man Gedichte ernst nahm. Die Hände schützend vors Gesicht haltend, versuchte ich, die letzte Strophe auch noch abzuliefern, schließlich hatte ich sie teuer bezahlt.


    „Der Knappe drückt die – äh – Schenkel an,

    das Ross – autsch! – saust los mit Schild und Mann.

    Frau Marte wendet ab den Blick (ich wehrte einen faulen Apfel ab)

    und geht an ihren Tisch zurück.

    Ein Ach ein Schrei ein großer Schreck:

    da liegt der Brief, der Federkiel ist –“


    Irgendein Dreckskerl schüttete mir von hinten einen Krug Bier über den Kopf. So schnell ich konnte lief ich hinaus und schloss mich auf meinem Zimmer ein.

    _______________

    * Bohurd=Mannschaftskampf zu Pferd mit Schwert, Pike und Streitaxt. ** Tjost=Lanzenrennen zu Pferd


    Mundburt nimmt sich vor, lesen und schreiben zu lernen, und verirrt sich in fremden Gefilden.


    Zunächst einmal wechselte ich meine Kleider, denn ich stank nach Bier wie zehn volle Klosterhumpen. Rieb Gesicht und Hände mit mit dem Extrakt würziger Kräuter ein, denn die Herrin legte wert auf einen angenehmen Geruch; darunter Salbei, Fenchel, Anis, Pfefferminze, Bingelkraut und Beinwell. Dann warf ich mich aufs Bett und dachte nach. Oh! Dieser Satansbraten von Mönch! Es bestand kein Zweifel, der Hurensohn hatte mich hereingelegt, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Monsignore in seinem christlichen Glauben solche zweideutigen Verse verzapft haben könnte. Verdammt, dachte ich, vielleicht solltest du doch lesen und schreiben lernen, damit dir solch ein unheiliges Debakel nicht noch einmal passiert, obwohl´s dir sauer werden würde. Auf jeden Fall war der Mönch reif für einen Einlauf. Ich spielte mehrere Szenarien durch. Ein paar kräftige Kopfnüsse, Rippenstöße, Nasenstüber. Hmmm... Nein, zu harmlos, dazu was der Scherz zu hinterhältig. Eine gehörige Arschpauke. Ja, schon besser, denn sein fettes Hinterkastell bot reichlich Fläche. Ha! Das war´s: Ihm den Beizhandschuh in den Rachen dreschen, damit er endlich sein kabbalistisches Maul hält. Mnja... Dazu war die Schelmerei nun wieder nicht stark genug.

    Draußen erscholl der Trompeten Ruf und der Pauken Donnerhall: Das Signal zum Tanz.

    Es klopfte. Die Stimme von vorhin: „Die Herrin will dich spreche!“ – „Wo?“ – „Im Ehrenhof!“ – „Geht´s auch etwas genauer?“ – „Nein.“


    Als ich nach draußen, in den hellen Sonnenschein, trat, musste ich die Augen schließen, und ich schwankte leicht. Gerade stimmte der Vorsänger das Eröffnungslied an; jeder Tänzer fasste eine Dame bei der Hand; dann, mit schleichenden Schritten und unter dem Gedröhn der Instrumente, ging es ab auf den Rasenplatz im Ehrenhof.

    Ich öffnete die Augen und blickte mich um.

    Inzwischen waren weitere Gäste eingetroffen, die beim Tanz mitmachen wollten. Sie alle aufzuzählen würde euch sicherlich ermüden, meine lieben Leser, deshalb biete ich hier nur einen Auszug aus der Gästeliste nebst einiger kurzgefasster Erläuterungen:


    Baron von Lauch-Weißkäß (der besonderen Wert auf den Titel „Erlaucht“ legte),

    die Herren Morgenpiss und Abendschiss (zwei aborterprobte Zwillinge),

    Mme. Schmalzlock-Krautkopf nebst Gemahl,

    die Gerichtsassessoren Speck, Kinkel und Rothkohl,

    Hpm. Faber-Trocken,

    Fürst Schmetternich,

    Dr. Haardtkakg, Arzt, nebst Gattin, einer geb. Weichbrodt,

    Frl. Niedergesäß,

    die Hrn. Hochnäß, Mundlos und Eierlos, Notare,

    Sn. Andacht, Msgn. Laupichler,

    Fürst Mistislaw-Popowisch

    Mstr. Kochbeutel (der sehr unter aufsteigender Hitze litt),

    Frau von Westernkotten-Katzenküttel,

    Kleinlich, Beinlich, Reinlich, Peinlich (vier Halbbrüder, die meist getrennt auftraten),

    Hr. Schweinrich, Bgmstr. von Dungstätt,

    Jgf. Überbein,

    Hr. v. Drauf und Drüber (Besitzer der Schenke „Zu den mildtätigen Frouwen“),

    Hw. Jeremias Blähbauch, gen. Saftarsch,

    Edler zu Meineid und Kopfab, Raubritter,

    Hr. Gröver-Nacktarsch, Weinhändler,

    die Schwestern Busendorff


    sowie viele andere seltsame Mauerblümchen, Vögel und bunte Schmetterlinge. Für die weniger bzw. gar nicht er-, durch-, verlauchten Herrschaften waren Schüsseln mit Schnittlauch zu gefälligen Bedienung aufgestellt.


    Allein, die Herrin war nirgends zu sehen. Da nahm jemand meine Hand und drückte sie. „Nanu, Page“, säuselte mir eine bekannte Stimme ins Ohr, „warum so schüchtern? Du lässt doch sonst nichts anbrennen!“

    Gerlind.

    „Die Herrin will mich sprechen“, sagte ich, „nach tanzen ist mir jetzt nicht zumute. Hab ´nen Riesenmist gebaut.“

    „Hab schon gehört.“

    Ich fuhr auf. „Gerlind! Was hast du gehört?“

    „Komm, komm, jetzt wird getanzt! Zwei Runden, eher geb ich dich nicht frei!“

    „Ich kann nicht!“

    „Ach was! Wer´s eine tut, hat auch zum andern Mut!“

    „Ach geh...“

    „Ich gehe nicht! Ich will tanzen! Und zwar mit dir, o du mein Held!“

    „Hat sich was mit Held.“

    „Auch ein Held ist nicht immer stark!“

    „Aber ein Held tanzen nicht noch, nachdem er –“

    „Du schon!“

    „Na schön, weil du es bist, mein Täubchen!“

    Doch ich war so in meinen Gedanken befangen, dass ich nicht aufpasste und mich wie ein Bauerntölpel benahm. Trat Gerlind auf die Füße, stieß gegen andere Tänzer, und dann passierte mir die nächste Peinlichkeit: Plötzlich lag meine rechte Hand unter dem Mieder einer fremden Dame. Weiß der Teufel, wie sie dort hingekommen war. Wie froh war ich, als ein Ritter, der bereits eine andere Dame führte, mich abklatschte.

    Vom Rande der Tanzfläche her erklang das Huchhei! und Helau! der Gaukler und Komödianten. Ich vernahm es kaum, denn mein Herz seufzte unter der Besorgnis, die Herrin könne mich wegen der misslungenen Ballade verstoßen. Herrgottnochmal! Wie gern hätte ich von ihr Gewissheit erlangt, doch wohin ich auch sah und spähte, sie war nirgends zu finden. Heute weiß ich, wie grausam sie sein konnte, und ich weiß auch, dass sie mich absichtlich warten ließ, um meine Qual zu erhöhen.

    Zu aller Not begann jetzt der Springtanz, ein Gliederverrenken, das allmählich in immer wilderes Gewoge und Getobe ausartete. Schon lagen etliche Tänzerinnen am Boden, ihre Begleiter obenauf; es war nicht zu erkennen, ob aufgrund wirklicher oder absichtlich herbeigeführter Stürze. Das unzüchtige Drehen, Greifen und Maullecken sprach für letzteres. Hier nun kam es zu einem Zwischenfall, mit dem jeder gerechnet hatte: Der Monsignore fühlte sich veranlasst, von Amts wegen einzugreifen. Er stieg auf einen Tisch und rief mit wehender Sutane und erhobenem Kruzifix über die tobende Menge hinweg:

    „Behüt euch Gott, alle frummen Gesellen und solche Jungfrouwen, die da Lußt zu den Tänzen haben und sich da gerne umbdrehen, unzüchtig küssen und begreiffen lassen; fallt übereinander her wie ein Rudel hungriger Schnecken über ein Erdbeerfeld! Ha! Blinzelt mit den Augen, als wären´s Waffeln und Plinsen, verzieht die Mäuler wie nach Bergen von Zucker! Muss freylich nichts Guts an euch sein, da reißet* nur eins das ander zur Unzucht und fiddert dem Teufel seine Bölze! Habt ein Gewissen zäh wie braunes Kuhleder und behandelt eure Seelen, als wär´s vorjähriger Schnee!“ Der Gottesmann mäßigte sich und fuhr beschwörend fort, dabei klang seine Stimme wie das Gemecker einer fetten Ziege: „Besinnt euch und kehret um, ihr Christen, sonst fällt ihr der ewigen Verdammnis anheim! Gott erbarm sich über euch Sünder!“

    Doch genau das Gegenteil von dem, was der Schwarzfrack bezweckte geschah: Fröhliches Gelächter erklang; einige Burschen liefen zum Tisch, hoben ihn hoch und trugen ihn mitsamt dem zeternden Pfaffen davon; der, mit einer Gewandtheit, die ihm niemand zugetraut hätte, sprang ab, dabei fiel ein blecherner Gegenstand in Form eines Breviers heraus, der die Heiterkeit noch weiter steigerte: Eine Schnapsflasche, als Gebetbuch getarnt.

    Ich fand keinen Gefallen an der Posse; verdammt noch mal, wo war die Herrin? Die Ungewissheit machte mich rasend! Schon wollte ich mich aus Verzweiflung wieder in den Tanz stürzen, da rief mir jemand zu: „Da seid Ihr ja, Page! Die Herrin wartet!“ Frau Marte, die Gemahlin des Burgvogts, kam auf mich zu, mit Hüften wie eine Egge. Ich mochte diese aufgeblasene Aufpasserin nicht, überall steckte sie ihre Nase hinein, überall kommandierte sie herum, und ansehen konnte sie einen, dass einem grauste... Das linken Auge glotzte starr, das rechte grinste höhnisch – eine Augenkrankheit, gewiss, trotzdem unheimlich. – „Ja wo ist sie denn?“, rief ich erleichtert, „ich suche sie schon händeringend!“ – „Beim Brunnen im Zwinghof! Und jetzt aber dalli!“


    Forts. folgt