Der Blaue Turm

  • Hey, Mittelalter-Fans aufgepasst! Steigt ein zu einer Reise ins fünfzehnte Jahrhundert! Der Zug steht schon bereit! Gepäck braucht ihr nicht, aber – starke Nerven! Und was Gerüche anbetrifft, da solltet ihn nicht zimperlich sein! Hier kommt:

    Der Blaue Turm
    oder
    Ursula darf nicht weinen

    Erstes Kapitel: Auf zum Sülfmeisterfest!


    1. Kevin kann nicht mehr schlafen und Herr Sarrazin gibt nach.


    Schon um Viertel vor sieben ist Kevin hellwach. Nicht wegen Sonnabend und Ferienbeginn oder so – nein, er und seine Leute wollen heute zum Sülfmeisterfest nach Lüneburg. Na, nicht alle Familienmitglieder – der Hund muss zu Oma, denn das Menschengewühl dort ist nichts für den zottigen Faulpelz, und ein Liebhaber vergangener Jahrhunderte ist er vermutlich auch nicht – aber Mama, Papa, Kevin und Taifan schon.

    Wiedereinschlafen? Pah! Nicht daran zu denken! Dazu ist Kevin einfach viel zu aufgeregt. Wo er doch so ein begeisterter Mittelalter-Fan ist! Und Mittelalter pur, das weiß er aus dem Fernsehen, das würde heute über alle Plätze und Gassen der alten Salzstadt toben!

    Eine Weile noch bleibt er liegen, denn die Vorfreude ist nun mal eine der schönsten Freuden. Außerdem ist Vater noch im Bad. Kevin beobachtet die schwarze Hand, die sich an der Wand seines Zimmers hin und her bewegt und bekommt eine Gänsehaut. Jetzt kommt die Hand auf ihn zu; huuuu... es sieht aus, als wollte sie ihm ins Gesicht greifen, doch dann zieht sie sich blitzschnell wieder zurück. Wie die Knochenhand, die ihm neulich in der Geisterbahn einen Schrecken eingejagt hat, Natürlich ist dies jetzt auch keine wirkliche Hand, geschweige denn eine Knochenhand, so schlau ist er schon lange. Dazu ist sie zu dünn und knorrig, auch besitzt sie nur vier Finger, und was für welche! Es ist eine Schattenhand und gehört dem Baum da draußen, der sich im Winde wiegt und knarrt.

    Endlich steht er auf und macht sich leichtfüßig auf den Weg ins Badezimmer. Seine Schwester schläft eine Tür weiter. Wenn sie jemand zu früh weckt, kann sie manchmal ziemlich ungnädig werden. Von unten erklingt fröhliches Geschirrgeklapper; der angenehme Duft von Bohnenkaffee und frisch aufgebackenen Brötchen liegt in der Luft. Gerade kommt der Vater, Herr Sarrazin, sorgfältig rasiert und angenehm parfümiert aus dem Bad.

    „Morgen, Kevin“, sagt er gut gelaunt, „auch schon so früh auf den Beinen?“

    „Morgen, Paps! Wie du siehst! Ich kann´s kaum erwarten! Und geschlafen hab ich in der Schule genug!“

    Der Vater lacht: „Na, na, nun gib mal nicht so an! Deine Zeugnisse sehen nicht gerade danach aus, als würdest du in der Schule schlafen!“

    „Die Dummen büffeln, die Schlauen schlafen! Jeder nach seiner Art.“

    Nein, auf den Mund gefallen ist Kevin nicht.

    Eine Tür geht auf. Taifan steckte den zerzausten Kopf heraus. „Könnt ihr einen nicht mal zuende schlafen lassen?“, nörgelt sie, „wisst ihr, wie früh es ist?“

    „Es ist nie zu früh und schnell zu spät“, sagt Kevin, „zum Beispiel um jetzt aufzu –“

    „Ach, du kannst mich mal!“ Der Kopf verschwindet, die Tür knallt zu.


    Eine halbe Stunde später, am Frühstückstisch. Frau Sarrazin löffelte gerade die Rühreier auf die Toastbrote.

    „Wann geht eigentlich unser Zug?“, fragt Taifan leichthin.

    Herr Sarrazin blickt sie fragend an. „Welcher Zug?“

    „Na der Zug, die Bahn, die uns nach Lüneburg bringen wird.“

    „Davon höre ich jetzt das erste Mal“, sagt Kevin und fährt eine gewaltige Portion Rührei ein. „Ich denke, wir fahren mit dem Auto!“

    „Kevin, benimm dich bitte“, mahnt Frau Sarrazin, „man unterhält sich nicht mit hundert Gramm Rührei im Mund!“

    „´tschuldige.“

    „Denken ist Glücksache“, feixt Taifan, „und bei dir besonders! Schon mal was von Klimawandel gehört?“

    Herr Sarrazin zieht die Stirn kraus. „Kinder!“, ruft er „fangt jetzt bitte keine Grundsatzdiskussionen an! Wir fahren mit dem Auto, und damit basta!“

    Eine Weile sagt niemand etwas; das väterliche Machtwort scheint zu wirken.

    Nach einiger Zeit sinniert Frau Sarrazin über ihre Kaffeetasse hinweg: „Paul, wenn ich es mir recht überlege... Weist du noch, dass wir letztes Mal eine halbe Stunde gebraucht haben, um einen freien Platz zu finden? Wir mussten viermal um den Pudding fahren. Und als wir wiederkamen, steckte ein Knöllchen hinterm Scheibenwischer. Du hattest im Parkverbot geparkt.“

    „Ach nee! Ich mal wieder! Ihr hättet euch ja auch mal umsehen können“, brummt Herr Sarrazin. Die Stimmung scheint zu kippen.

    „Großer Ernährer“, meint Kevin, jetzt mit leerem Mund, „was ist eigentlich daran so fatal, mal mit dem Zug zu fahren? Tausend andere tun´s doch auch!“

    „Ich bin aber nicht tausend Andere!“

    „Nein Alter, du bist nicht wie tausend Andere!“ Taifan. „Du bist wie eine Million Andere, die noch nix begriffen haben.“

    Herr Sarrazin fährt hoch. „Taifan, bitte nicht in diesem Ton!“

    „Na ist doch wahr!“

    Frau Sarrazin legt ihre Hand begütigend auf die ihres Mannes und streichelt sie. „Paul, ich denke, Taifan hat recht. Warum nicht auch mal mit dem Regionalexpress! Wenn´s auch klimatechnisch nichts bringt, wir ersparen uns diese eklige Parkplatzsuche, und länger brauchen wir auch nicht.“

    „Und viel teurer wird´s wahrscheinlich auch nicht, wenn du die Knöllchen hinzurechnest“, ergänzt Taifan. „Wir nehmen eine Gruppen –“

    „Recht so, große Schwester!“, ruft Kevin. „Im Mittelalter gab´s auch keine Autos!“

    Herr Sarrazin grinst schief. „Aber Eisenbahnen gab´s, du Schlaumeier, wie, oder was?“

    „Nee, aber die Schnellpost der Firma Thurn und Taxis!“, kontert Kevin, „und die war fast auf die Minute pünktlich, ob du´s glaubst oder nicht! Mindestens so pünktlich wie der Regionalexpress!“ Nein, in puncto Mittelalter kann ihm keiner so schnell etwas vormachen.

    Taifan sieht ihren Bruder bewundernd an. „Woher weißt du denn das nun wieder!“

    „Bestimmt nicht aus der Sesamstraße!“

    „Ach du... Ich könnte dich...“

    „Ruhe jetzt!“ Herr Sarrazin blickt in die Runde. „Wir stimmen ab! Wer ist für –“

    Kevins stimmbrüchige Lache knallt in den Raum. „Alter, das ging aber schnell! Wo bleibt denn jetzt dein Basta?“

    „Hmm... Nun ja...“ Herr Sarrazin massiert sich das Kinn. „War nicht so ernst gemeint, das Basta. Ich wollte euch nur testen. Wollte wissen, wie ernst es euch mit dem Bahnfahren ist.“

    Taifan klatscht sich auf den Oberschenkel. „Alter, das ist ja ´n Onk!“, keucht sie, „testen wolltest du uns! Hätt´ ich beinahe nicht gemerkt!“


    2. Ein seltsamer Vogel. Allerhand kuriose Spiele. Ursula erscheint.


    Der Zug war pünktlich und das Wetter prächtig. Der junge Oktober zeigte sich vor seiner besten Seite. Über Stadt und Land lag warmer heller Sonnenschein, die Türme und Dächer der Altstadt und die Augen der Besucher glänzten, als bekämen sie es bezahlt.

    Vom Bahnhofsvorplatz bewegte sich ein Menschenstrom wie eine vielköpfige bunte Raupe auf die Altstadt zu. „Mannomann!“, rief Kevin erstaunt, „ist das ein Betrieb hier! Wo kommen denn die vielen Leute her?“

    „Dumme Frage“, feixte Taifan, „wahrscheinlich aus der Kanalisation!“

    „Da kommst du her, du Zicke!“, kontert Kevin ärgerlich. Was sich neckt, das liebt sich...

    „Hast du es denn nicht gesehen?“, meinte Frau Sarrazin, „die Züge aus Hamburg, Lübeck und Uelzen standen doch an den Bahnsteigen!“

    „Hört mal zu, ihr beiden Zankäpfel“, sagte Herr Sarrazin, „sollten wir uns in dem Gewühl verlieren und aus irgend einem Grund nicht wieder zusammenfinden, unser Zug geht um zehn vor fünf. Ich denke, wir treffen uns dann um halb fünf hier in der Bahnhofshalle. Okay?“

    Kevin nahm Haltung und salutierte. „Aye aye Sir, verstanden!“

    Hinter der Brücke über den Lösegraben tauchten schon die ersten seltsam gekleideten Leute auf, darunter auch ein seltsam gekleideter Mann, der sich mit tollpatschigen Bewegungen und mit allerlei Verrenkungen unter die Menge mischte. Er trug eine eng anliegende knallrote Hose und eine rot-grün-gelbe Jacke, an der unten dreieckige bunte Stoffstreifen flatterten. An den Füßen hatte er lange gebogene Schnabelschuhe mit goldene Kugeln an den Spitzen. Sein Kopf steckte in einer Kapuze mit langen, eselsohrartigen Zipfeln, aus der ein dichter knallgelber Haarwust hervorquoll. Die ganze bizarre Erscheinung war von oben bis unten mit diesen goldenen Kugeln behängt, die bei jeder Bewegung lustig klimperten. Dazu erzeugte er mit einem schmalen, sackförmigen Musikinstrument, das er sich vor den Bauch hielt, melodisch-kratzende Geräusche.

    "Ein seltsamer Vogel!", stellte Frau Sarrazin schmallippig fest.

    „Ein Spaßmacher!“, rief Taifan begeistert.

    Kevin sah seine 'kleine' Schwester von der Seite an. „Du hast aber auch von nichts ´ne Ahnung“, kodderte er.

    Taifen zog einen Flunsch, und ihre Mutter fragte: „Wieso? Was ist denn daran nun wieder falsch?“

    „Alles! Das ist kein Spaßmacher, sondern ein Narr mit Narrenkappe, Schellen und Fidel!“

    „Und worin besteht da der große Unterschied?“

    „Ein Spaßmacher will seine Kundschaft zum Lachen bringen, ein Narr hält ihnen den Spiegel vor.“

    „Aha! Den Spiegel“, echote Taifan. „Hätt ich mir auch denken können. Und dazu muss er sich benehmen wie ein Hampelmann.“

    „Vielleicht ist er ja nicht mehr ganz nüchtern“, meinte Frau Sarrazin vorsichtig.

    Kevin schüttelte energisch den Kopf. „Der Mann da ist wahrscheinlich genau so nüchtern wie du, Mama“, sagte er ernst, „die Verrenkungen gehörten früher zu den Markenzeichen eines Narren. Dieser Mann da kopiert sie, damit er echt wirkt. Die Leute sollten den Narren für nicht mehr ganz zurechnungsfähig halten, deshalb konnte er ihnen Sachen an den Kopf werfen, die anderen denselben gekostet hätten. Ein Narr durfte sogar den König kritisieren, und mancher Narr stieg zuweilen in höchste Staatsämter auf.“

    „Wie es aussieht, ist es heute auch nicht viel anders“, murmelte Herr Sarrazin. Doch niemand hörte es, denn von vorn erklang lautes Rufen, Hurra-Gebrüll, das Schnauben von Pferden. Inzwischen hatten sie nämlich einen großen Platz, den 'Sand', erreicht. Dicht gedrängt standen die Menschen zwischen allerlei Kiosken und Buden auf den Bürgersteigen und schaute zu, wie junge Leute allerhand kurioses Spiel trieben: Da versuchte eine Mannschaft, Bälle durch mehrere Plastikrohre von einem Ende des weiten Platzes zum anderen zu schaffen; eine andere Gruppe war eifrig dabei, ein aus Kisten bestehendes Puzzle eines weiß-blau gekleideten Mannes mit platter Mütze zu vervollständigen. Weiter unten, vor einem hohen schwarzen Gebäude, erklang heiteres Gelächter; es sah aber auch zu ulkig aus, was sich da abspielte. Eine Frau mit einem Käscher in der Hand lief immer wieder auf die Mitte des Platzes, sprang wie ein Affe hoch und versuchte kleine dünne Gegenstände einzufangen, den ihr ein Mann von der anderen Straßenseite im hohen Bogen zuwarf.

    „Sie versucht, möglichst viele Stinte einzufangen“, sagte Kevin unaufgefordert, nachdem es ihm und Taifan gelungen war, sich bis an das Absperrgitter vorzudrängeln. Die Eltern waren weiter hinten stehengeblieben.

    „Stinte... Stinte... was war das doch gleich?“

    „Eine kleine Heringsart, aus der Elbe. Salz und Stinte haben diese Stadt im Mittelalter reich gemacht.“

    „Und warum tut sie das?“

    „Was?“

    „Das alberne Rumhopsen.“

    „Wer?“

    „Mann, stell dich nicht so begriffsstutzig an. Die Frau da.“

    „Sie will Sülfmeisterin werden. Dazu muss sie diesen Wettbewerb gewinnen und unter anderem möglichst viele Stinte einfangen.“

    „Sülfmeisterin? Was ist das nun wieder.“

    „Na was wohl. Die Frau vom Sülfmeister.“

    „Kevin, verarsch mich nicht!“

    „Weißt du was? Deine Fragerei geht mir langsam auf den Keks. Ich hab jetzt keine gesteigerte Lust, ständig deine Fragen zu beantworten. Ich erklär´s dir in der Bahn oder zuhause oder du schaust selbst im Internet nach.“

    Aus einer Seitenstraße erscholl lautes Rumpeln, kurz darauf rollten zwei Männer und eine Frau ein dickes Holzfass auf den Platz. Die Stintfängerin war verschwunden. Anscheinend wollte das Fass nicht so wie die drei hinter ihm, es riss unter dem schadenfrohen Gelächter der Menschenmenge immer wieder aus und rollte ins Abseits, auf die Leute am Straßenrand zu, die übertrieben kreischend zurückwichen. Doch schließlich schafften es die drei, das Fass in das Ziel – einen Strohhaufen – zu bugsieren; die Zuschauer klatschten begeistert in die Hände.

    „Es ist das Kope-Fass“, sagte plötzlich eine helle Stimme neben Taifan. „Wenn dein Freund es dir nicht erklären will, tu ich es eben.“ Taifan drehte sich um, Kevin schien nichts gehört zu haben.

    „Er ist nicht mein Freund“, sagte sie spitz, „er ist mein Bruder.“

    „Ich habe es fast vermutet. Deshalb ist er so maulfaul!“


    Forts. folgt

  • Taifan blickte die Sprecherin an. Es war ein Mädchen etwa in ihrem Alter. Es trug einen körperengen Rock und ein stramm anliegendes Mieder, das vorn über dem Hemd zusammengeschnürt war. Um ihre atemberaubend enge Taille war ein Gürtel geschlungen, das strohblonde Haar zierte ein Bänderkranz.

    Wieder erschollen aufmunternde Zurufe und lautes Klatschen.

    „Die schnellste Mannschaft bestimmt, wer den Titel als Sülfmeister oder Sülfmeisterin erhält“, fuhr das Mädchen fort, als sich der Lärm gelegt hatte. „Der Anwärter musste früher ein mit Steinen gefülltes Fass mithilfe von zwei wilden Hengsten sicher durch die Stadt ans Ziel bringen, nachdem er bei den Wettbewerben Geschicklichkeit und Mut bewiesen hatte. Das Fass da ist leer. Das echte Kopefass wog soviel wie zwei starke Ochsen. Im Grunde ist das alles hier nur eine Marketing-Veranstaltung. Viel Show, wenig echtes Mittelalter. Schau dir doch nur die Spieler an! Rennen herum in Turnschuhen, Blue Jeans und T-Shirts mit den Logos des örtlichen Gasversorgers oder der dicksten Baufirma.“

    „Wie heißt du?“, fragte Taifan verwundert.

    „Ursula. Und du?“

    „Taifan. Bist du nicht von hier?“

    Das Mädchen zögerte mit der Antwort. „Hmm... nun ja“, sagte es schließlich, „an sich schon, aber auch wieder nicht.“

    „Was denn nun, ja oder nein?“, fragte Kevin ärgerlich. Anscheinend hatte er doch das Gespräch belauscht.

    „Das ist nicht so leicht zu erklären... Wisst ihr was? Wenn ihr echtes Mittelalter erleben wollt, dann kommt zum Rathaus. Ich kann euch Sachen zeigen, da werdet ihr staunen.“

    Kevin wog nachdenklich den Kopf. „Nicht schlecht der Vorschlag, Fräulein. Kommt mir sehr entgegen. Das alte Rathaus. Soll ja angeblich aus dem zwölften Jahrhundert stammen. Hmmmm... Der Trubel hier ist nichts für mich. Aber wir müssen erst unsere Eltern fragen.“

    „Na dann fragt sie doch. Vielleicht kommen sie ja mit! Ich gehe schon mal vor und erwarte euch.“

    Während sie sich durch die Menschenmauer zwängten, sagte Kevin: „Das ist kein Mädchen, wie ich zunächst annahm. Hast du sie mal genau angesehen? Sieht für meinen Geschmack ziemlich alt aus. Das ist eine alte kleine Frau, die sich gut geschminkt hat! Ich denke mal, sie wird so um die dreißig, fünfunddreißig sein.“

    „Fünfunddreißig? Glaub ich nicht!“, protestierte Taifan, „dann wäre Mutter ja uralt, und danach sieht sie nun wirklich nicht aus!“


    3. Kevin ärgert sich, und der Narr treibt allerlei Possen.


    Wer stand da vor dem Rathaus und winkte ihnen zu? Nein, nicht Ursula. Der Narr von vorhin!

    „Hallo, ihr lieben Leute!“, rief er mit weit hallender Stimme, „nur hereinspaziert, nur hereinspaziert!“ Er hüpfte ein paarmal hoch, seine Schellen klimperten, die Zipfel seiner Narrenkappe bewegten sich lustig auf und ab wie Papageienflügel. Taifan musste herzhaft lachen.

    „Herrschaften!“, rief er, „hier sehen Sie das größte, schönste, gewaltigste, älteste Rathaus – –“ Der Narr blickte Kevin herausfordernd an – „der ganzen – – na, mein junger Freund? – – der ganzen?“

    „Welt!“, antwortete Kevin ohne es zu wollen.

    „Und das teuerste“, brummte Herr Sarrazin.

    Der Narr brach in heidnisches Gelächter aus und drehte sich ein paarmal um seine eigene Achse. „Da sagen Sie was, mein Herr! Da sagen Sie was! Das teuerste, hahaha!“

    Kevin, der sich ärgerte, auf das kindische Gehabe des Narren hereingefallen zu sein, fragte: „Herr Narr! Wie hält man das eigentlich aus, immer so lustig? Mir würde das gewaltig auf den Keks gehen!“

    „Was geht dir heute eigentlich nicht auf den Keks, du Eumel?“, zischte Taifan. „Du hättest besser zuhause bleiben sollen, als mir die Stimmung zu vermiesen!“

    „Ach, junger Freund“, sagte der Narr, „ein Narr ist kein Herr, er ist der Herren Knecht und des Volkes Stimme!


    Und immer lustig, lustig, lustig

    und immer durstig, durstig, durstig

    allen wohl und niemand weh

    weichst du nicht, tret ich dir auf den Zeh!“


    Und wieder stieß er ein gewaltiges Gelächter aus.

    „Sagte ich´s nicht?“, raunte Frau Sarrazin ihrem Mann zu, „ganz nüchtern ist er nicht mehr!“

    Inzwischen hatten sich eine Anzahl Schaulustige um die Gruppe versammelt. „He, alter Narr!“, rief jemand, „erzähl uns mal von deiner Großmutter, der Hexe!“ Heiteres Gelächter erscholl.

    Der Narr ließ sich nicht lange bitten. Unter allerlei Grimassen rief er:


    „Meine Oma war ´ne Hex

    hatte statt ´nem Kopf ´n Klecks

    wiene watte nuckel nickel -“


    jetzt unterbrach er sich, sah den Frager scharf an und zeigte mit dem Finger auf ihn -


    „und du hast da ´nen Pickel!“


    „Das ist kein Pickel!“, schrie jemand, „das ist sein Kopf!“

    „Du kannst ihn ja aufblasen, wenn er dir zu klein ist!“, kam es unter allgemeinem Gelächter zurück.

    „Wo bleibt eigentlich Ursula?“, fragte Taifan, „die wollte doch zum Rathaus kommen.“

    „Vielleicht ist sie ja schon drin“, meinte Frau Sarrazin.

    „Na was zögert ihr noch“, rief Herr Sarrazin, „dann hinein in die teure Hütte!“

    „Herrschaften!“, sagte der Narr, „ich muss weiter! War mir ein Vergnügen!“ Er verbeugte sich übertrieben tief nach allen Seiten, und ehe jemand mitbekam, wohin, war er mit klimperndem Schellen verschwunden.


    3. Das alte Rathaus. Professor Schreyvogel. Ursula ist wieder da.


    Zunächst mussten sie erst einmal die richtige Tür finden. Das Lüneburger Rathaus ist nämlich nicht nur ein einzelnes Haus, sondern eine kleine Stadt für sich, ein Rathauskomplex, an dem die Bewohner Lüneburgs sein Jahrhunderten herumgebaut haben, und – da hatte der Narr nicht übertrieben – dabei herausgekommen war nicht nur eines der schönsten und größten, sondern auch eines der ältesten Rathäuser weit und breit, und etliche Teile sind Mittelalter vom Feinsten.

    Endlich fanden sie unverschlossene eine Tür, daneben ein Schild:


    Fürstensaal.


    Die Tür war so schwer, dass Herr Sarrazin Kevin beim Öffnen helfen musste. Sie stiegen eine gewundene Treppe hoch – und wie es der Zufall wollte, standen da schon Leute, denn gerade begann eine Führung.

    Die Sarrazins kamen aus dem Staunen nicht heraus. Allein die Große Ratsstube mit ihren reichen Eichenholzschnitzarbeiten und den Wandgemälden! „...der Saal gilt als Meisterwerk der Renaissance und ist ein Beispiel dafür, wie die Lüneburger Bürger der Mode folgten, ohne das Alte zu zerstören, indem sie immer wieder Anbauten am Rathaus vornahmen“, erklärte die Fremdenführerin.

    Nur, wo blieb Ursula?

    Nachdem die Führung beendet war, sagte Frau Sarrazin mehr zu sich als zu ihrem Mann: „So. Eine anständige Tasse Kaffee würde mir jetzt guttun. Außerdem tun mir die Beine weh. Was haltet ihr davon: Wir suchen uns ein gemütliches Café, wo man sich eine Weile ungestört hinsetzen kann. Vorhin, als wir über den Marktplatz gingen, habe ich ein Café gesehen.“

    Ein Mann, der am anderen Ende des Saales stand und die bunten Glasfenster betrachtete, drehte sich um und kam auf sie zu. „Nicht nötig!“, sagte er, „unten im Ratskeller finden Sie alles, werte Dame, was Ihr Herz begehrt!“ Er wies auf eine mit Schnitzereien verzierte Tür. „Durch diese Tür die Treppe hinunter!“

    Frau Sarrazin blickte ihn verblüfft an. „Danke! Aber wieso konnten Sie mich verstehen? Sie standen doch ziemlich weit weg, und ich habe doch leise gesprochen!“

    Der Herr lächelte wissend. „Haben Sie sich mal die Decke dieses Saales genau angeschaut? Sie ist so geformt, dass man an einem Ende des Saales genau verstehen kann, was am anderen geflüstert wird. In der Mitte dagegen hört man so gut wie nichts.“

    „Das probieren wir doch gleich mal aus!“ Schon war Kevin am anderen Ende des Saals. „Taifan, kannst du mich hören?“

    „Jedes Wort“, erwiderte sie.

    „Glaub ich nicht! Du hast gesehen, wie ich die Lippen bewegte!“

    „Na dann dreh dich doch um und sag irgendwas!“

    Kevin drehte sich um und sagte etwas. „Also, was hab ich gerade geflüstert?“

    „Du sagtest:

    „Meine Oma war ´ne Hex

    hatte statt ´nem Kopf ´n Klecks.“


    „Fantasiko!“ rief Kevin und kam zurück, „das ist ja ´n Ding! Und warum das alles?“

    „Ein mittelalterlicher Abhörraum“, erklärte der Mann. „Wenn die Lüneburger einem Gesandten, der mit einer wichtigen Geheimbotschaft unterwegs war, sein Geheimnis entlocken wollte, bereitete man an einem Ende eine festliche Tafel, ließ ihn dort mir seinen Leuten essen und trinken – vor allem trinken, und am anderen Ende waren harmlose Handwerker mit irgendeiner läppischen Reparatur beschäftigt. Und häufig klappte es. Alle Welt wunderte sich, woher der Rat am anderen Morgen wusste, dass der Abt des Klosters Lüne einen Boten zum Papst schickte, und sogar aus welchem Grund.“ Er blickte in die Runde. „Übrigens, hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Sie begleite? Wenn Sie wollen, kann ich noch einige andere interessante Dinge berichten. Gestatten Sie dass ich mich vorstelle? Mein Name ist Schreyvogel mit Ypsilon, Herbert Schreyvogel.“

    „Sarrazin mit i und Kometenschweif“, sagte Herr Sarrazin. Es sollte wohl witzig sein, doch keiner lachte.

    Alle waren einverstanden; Kevin wollte etwas sagen, doch dann schwieg er.

    Die steinerne Wendeltreppe hinter der Tür war schmal, steil und anscheinend endlos; die Stufen waren gefährlich abgetreten. „Die Treppe stammt vermutlich aus dem dreizehnten Jahrhundert“, erklärte Herr Schreyvogel mit Ypsilon unaufgefordert. Nach einiger Zeit machten sie auf einen Absatz Halt, in dessen Wand ein schwarzes, viereckiges Loch gähnte. „Das steinerne Weinfass“, sagte Herr Schreyvogel.

    „Wie? Damals wurde Wein in steinernen Fässern gelagert?“, staunte Vater Sarrazin, „das ist mir neu! Schmeckte das Zeug überhaupt?“

    Der Mann schüttelte den Kopf. „Das Fass war nicht für die Einlagerung von Wein, sondern von Feinden des Rates gedacht, wie zum Beispiel den Bürgermeister Springintgut, den sie darin einfach verhungern ließen.“

    „Spring in was?“, fragte Taifan.

    „Sprig – int – gut.“

    Kevin steckte den Kopf in die Öffnung und machte „Buh!“ Es klang dumpf und hohl. „Ziemlich eng darin!“

    Frau Sarrazin schüttelte sich. „Brrr... Methoden hatten die...“

    „Nun ja, Martha, unsere Zeit ist auch nicht besser“, sagte Herr Sarrazin weise. „Nur anders, aber nicht weniger grausam.“

    Endlich war man unten angekommen, der Mann stieß eine Tür auf: Der Ratskeller lag vor ihnen; sie traten ein. Überall Wandmalereien und üppiges Schnitzwerk. Besonders beeindruckend: Die bunten Glasfenster.

    „Poh!“, staunte Taifan, „so prächtig habe ich mir das Mittelalter nun nicht vorgestellt!“

    „War´s auch nicht“, schränkte Kevin ein, „dies war kein Ort fürs einfache Volk. Die sogenannten kleinen Leute hausten in Unterkünften, die wir heute als Bruchbuden bezeichnen würden.“

    Man nahm Platz; Herr Schreyvogel mit Ypsilon winkte eine Bedienung heran. Auf einmal rief Kevin: „Hey, Alter, jetzt weiß ich, wer Sie sind! Ihre Augen! Die kamen mir gleich irgendwie bekannt vor! Sie sind der Narr von vorhin!“

    Der 'Alte' schmunzelte. „Du hast recht, Kevin, ich bin der Narr von vorhin.“

    „Nicht doch!“, staunte Taifan.

    „Und wer sind Sie wirklich?“, fragte Frau Sarrazin.

    „Ich bin Professor für mittelalterliche Geschichte an der hiesigen Universität.“

    „Krass!“, rief Kevin begeistert, „Professor für mittelalterliche Geschichte! Solch eine Bekanntschaft habe ich mir schon immer gewünscht! Ich bin nämlich bekennender Mittelalter-Fan!“

    „Dann sind wir ja sozusagen Kollegen“, sagte der Professor mit einer galanten Verbeugung.

    „Wie, Sie sind Professor, und dann spielen Sie in aller Öffentlichkeit den Narren?“, fragte Taifan ungläubig.

    Der Professor lachte unbeschwert. „Meine junge Dame“, sagte er, „manchmal wünsche ich mir, ich wäre hauptberuflicher Narr und nicht Hochschullehrer.“ Er sah Kavin an. „Hast du denn heute schon Mittelalter entdeckt, junger Kollege?“

    Kevin blickte verblüfft zurück. „Wieso fragen Sie? Da ist das Sülfmeisterfest, dann die vielen alten Häuser –“

    Schreyvogel machte eine abwehrende Handbewegung. „Das hat kaum noch etwas bis nichts mit echtem Miteinander zu tun!“, rief er, „das Fest ist nichts anderes als ein Marketing-Event, und die Häuser – das Mittelalter ging ja spätestens mit Luthers Thesenanschlag im Jahre Fünfzehnhundertsiebzehn zuende, und aus der Zeit davor gibt es hier bis auf Teile des Rathauses und ein paar historische Gewölbekeller kaum ein komplettes Haus. Es wurde unablässig zerstört und wieder aufgebaut, und wenn es dann fertig war, kam der nächste Stadtbrand.“

    „Ach, das wusste ich nicht“, sagte Kevin und ließ den Kopf hängen.

    Die Bedienung kam und nahm die Bestellungen auf.

    „Jetzt interessiert es mich aber doch“, sagte Frau Sarrazin, „was veranlasst einen Mann wie Sie, den Narren zu spielen?“

    „Sie haben Recht, Gnädigste, das bedarf einer ernsthaften Erklärung.“ Er wandte sich um und zeigte mit dem Finger auf eines der bunten Glasfenster. „Sehen Sie diese Figur dort? Einer meiner Urahnen! Übrigens: Die Glasfenster sind original vierzehntes Jahrhundert. “

    Die Ähnlichkeit war verblüffend. Die gleiche bunte Kleidung, die gleiche verschrobene Körperhaltung, sogar die Gesichtszüge passten mit einiger Fantasie. „Dieser Schreyvogel dort war der Narr Heinrichs des Löwen, der Lüneburg groß gemacht hat, und zwar nicht nur, aber auch auf Rat dieses Narren hin. Das Wort Narr kommt nämlich vom lateinischen narrare, das heißt erzählen, oder salopp: Bequatschen, und dieser Narr hat dem Löwen solange in den Ohren gelegen, bis der die Nachbarstadt Bardowick zerstört und Lüneburg zur Residenz erhoben hat. Das war im Jahre des Herrn Elfhundertneunundachtzig: Sie sehen, schon damals führte Beharrlichkeit zum Ziel! Seitdem ist es guter alter Brauch, dass an den Sülfmeistertagen ein Schreyvogel den Narren macht.“ Er beugte sich weiter vor. „Und ob Sie´s glauben oder nicht, mir macht es einen Sauspaß!“

    „Das hat man gesehen“, meinte Taifan, „einen Moment habe ich wirklich gemeint, Sie wären echt.“

    „Ich bin echt, junge Dame!“, erwiderte der Professor nicht ohne Stolz, „in dieser Stadt gibt es meines Wissens nicht eine einzige Familie, die einen lückenlosen Stammbaum bis in die Zeit des Löwen vorweisen kann!“

    Die Bestellungen kamen, und zunächst war jeder still mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt.

    „Gibt es denn keine Möglichkeit, irgendwo echtes Mittelalter zu erleben? So mit allem Drum und Dran?", fragte Kevin zerknirscht.

    „Sag mal, bist du taub?“, kodderte Taifan, „der Professor hat doch gerade gesagt: Ist nicht!“

    „Na ja“, schmunzelte der, „Ich überleg´ mir mal was.“

    Alle schwiegen.

    „Wo kann man denn hier mal?“, fragte Taifan nach einiger Zeit. Die schnöde Frage brachte alle wieder in die Realität zurück.

    „Dort hinten links! Aber nimm auf dem Rückweg nicht die falsche Tür!“, rief ihr der Professor nach. Auch Kevin war aufgestanden und folgte seiner Schwester.

    Falschee Tür?

    „Seltsame Type, dieser Professor“, sagte Taifan, als sie wieder auf dem Flur standen, „wie der redet! Junge Dame, meine Gnädigste, haha! Und dann sein Name! Schreyvogel mit Ypsilon! Ych lach mych kaputt! So heyßt doch heute keyner mehr!“

    Kevin öffnete die Tür – und wer stand vor ihnen? Ursula!

    „Da seid ihr ja endlich!“, rief sie. „Willkommen im Mittelalter!“

    Forts. folgt

  • Zweites Kapitel: Ursula


    1

    „Wo sind wir?“, riefen die Geschwister wie aus einem Munde. Sie blickten sich um; vor Staunen traten ihnen fast die Augen aus dem Kopf.

    „Na wo wohl? Vor dem Lüneburger Rathaus! Auf dem Marktplatz!“

    „Aber... aber... das ist doch nicht das Lüneburger Rathaus...“, stotterte Kevin, „das sah doch vorhin noch ganz anders aus! Mit diesem ganzen Geschnörkel und so.“

    „Was meinst du mit vorhin? Das Lüneburger Rathaus sah schon immer so aus, mit vier schlanken roten Türmen und einem dicken Turm in der Mitte, dem Zeigturm.“

    „Und dann der Platz! Wieso ist der plötzlich ungepflastert?“

    „Ich versteh nicht, was du meinst.“

    „Puh! Hier riecht´s aber ziemlich streng“, sagte Taifan angewidert und hielt sich die Nase zu.

    „Wie eine Stadt eben riecht“, erwiderte Ursula sichtlich amüsiert, „diese Stadt hat noch nie anders gerochen... Im Sommer mehr, im Winter weniger streng. Man gewöhnt sich dran.“

    „Gibt es denn hier keine Müllabfuhr?“

    „Die Männer vom Dreckmeisteramt geben sich alle Mühe, doch kaum sind sie weg, landet schon wieder der Inhalt eines Jauchekübels in der Gosse... Wisst ihr, es gibt Schlimmeres als den Gestank nach Gold.“

    „Gold?“

    „Ja, so nennen wir die ganze, äh, den ganzen Dreck, den die Leute auf die Straßen kippen.“

    „Warum so zimperlich“, lachte Kevin, „Gold ist die mittelalterliche Bezeichnung für Scheiße!“


    Auf dem Markt mit dem Brunnen, auf dem eine bronzene Frauengestalt über die Leute hinweglächelte, war hoher Betrieb. Buden über Buden, dazwischen wogte eine bunte Menschenmenge, Männer, Frauen, Jungen, Mädchen, kleine und große Kinder, gekleidet wie kleine Erwachsene, Mütter mit Säuglingen auf den Armen, dazwischen Hunde in allen Abstufungen der Magerkeit.. Überall Gerufe, Geschrei, Gejohle; ein Schwein quiekte, als würde es gerade abgestochen, Pferde wieherten, Hähne krähten, Gänse schnatterten; Hunde balgten sich kläffend um die mageren Reste einer toten Ratte; irgendwo schrie ein Mensch wie am Spieß, rohes Gelächter erklang; auf einem hastig gezimmerten Podest stand ein dunkelbrauner Kapuzenmann, hielt ein Kreuz in die Höhe und schrie gestikulierend auf die Menge unter ihm ein; eine dicke kleine Frau lief schreiend und mit hoch geschürztem Unterkleid hinter einem noch kleineren dürren Mann her und schwang einen Kochlöffel. Ein dürrer Mensch holte aus und beförderte einen halb verhungerten Hund, der seine Füße beschnupperte, mit einem derben Fußtritt beiseite. Zwischen all dem Getöse lag ein feines Klingen wie von Zwergenglöckchen, und jetzt begann auch noch das Glockenspiel am Rathausturm zu läuten...

    Ein Mann und eine Frau kamen auf sie zu, offenbar ein Ehepaar, denn sie gingen fest umschlungen. Beide trugen ärmellose, weinrote Oberröcke, der des Mannes hüft-, bei der Frau fußlang und mit einem Gürtel umschlungen. Hinten, in Kragenhöhe, war eine Haube angenäht, einen halben Meter lang oder länger. Dass blonde Haar der Frau floss in Locken auf Schultern und Busen, das des Mannes war unter einer kugelförmigen Mütze verborgen. An den Füßen – –

    Taifan lachte laut auf. „Was ist das denn? Solln das Schuhe sein?“

    Wirklich, die Schuhe der beiden sahen geradezu bizarr aus. Unmäßig lang, vorne aufwärts gekrümmt, an der Spitze zu einem dünnen Schnabel gezogen und mit einer Schelle versehen, deren Geläute zusammen mit den Glöckchen, die der Frau am Gürtel hingen, die Musik abgab, die den groben Lärm veredelte. Jetzt schlug der Mann den Oberrock beiseite, seine prallen Schenkel wurden sichtbar, und oben, da wo sich die Beine trafen, saß eine stattliche Kugel.

    Jetzt war es um Taifans Fassung geschehen. „Was ist das denn!“, prustete sie, „wie läuft der den herum?“

    „Nicht so laut!“, warnte Kevin, „er könnte dich hören!“

    „Keine Sorge!“, beruhigte Ursula, „er hört euch nicht, und wenn er euch hören würde, könnte er kein Wort verstehen.“

    Kevin, lachend: „Das ist die berühmte Hosenlatzmode! Der Latz zeigt mehr, als er verbergen soll! Auf jeden Fall ist er bei ihm gut gefüllt!“

    Jetzt musste sogar Ursula grinsen. „Ein Ritter und seine Geliebte in höfischer Tracht. Ich vermute mal, sie sind auf dem Weg zum Goldschmied, denn die Dienste seiner Dame bekommt er nicht umsonst.“

    Taifan: „Seiner Dame?“

    Kevin: „Jeder Ritter, der etwas auf sich hält, hat sich eine Herrin erwählt, der er dient und deren Gunst er genießt. Das nennt man Minne.“

    „Minne? Du meinst, er geht fremd.“

    „Du nun wieder!“

    „Weiß seine Frau das?“

    Ursula: „Wahrscheinlich empfängt sie gerade ihren Liebhaber.“

    Taifan: „Was sind das denn für Sitten! Da wird einem ja schwarz vor Augen!“

    Kevin: „Mein Gott, Taifan, bist du naiv! Wir sind im Mittelalter und nicht im Eheseminar! Hier geht alles etwas lockerer zu!“

    Taifan: „Was du nicht alles weißt!“

    Kevin, grinsend: „Ich seh ja nicht nur Sesam –“

    Ursula: „Dein Bruder hat Recht! Wahrscheinlich treffen sich die vier beim selben Goldschmied, denn auch seine Frau lässt sich ihre Dienste vergolden, und sie tauschen untereinander Komplimente aus! Kommt! Stürzen wir uns ins Marktgewimmel! Kevin, du wolltest doch echtes Mittelalter erleben! Da hast du es, direkt vor deiner Nase!“

    „Und in der Nase!“


    Die Geschwister betrachteten aufmerksam die ausgelegten Waren. Vieles kam ihnen bekannt vor, allerdings in ungewohnter Darbietungsweise: Krümeliges, graues Mehl in Säcken, gelbe Milch in Kannen, Wein in zerbeulten Bleifässern, Salzheringe in Holzbütten, Fleisch, zum Teil schwarz von Fliegen, auf Hauklötzen... lebende Fische in Wannen... Auf einem Stab steckte ein blutiger abgezogener Schafkopf mit glotzenden Augen und bleckenden Zähnen. Und Fliegen über Fliegen, dicke schwarze Mini-Ungeheuer. Überall krochen sie herum, hinein, hinaus, frech, faul, wohlgenährt, und niemand dachte daran, sie zu verscheuchen... Ein Esel äppelte mit erhobenem Schwanz ungehindert in eine Kiste mit Spinat hinein, ein Pferd strullte, dass es eine kleine schäumende Überschwemmung gab...

    „Na, junger Herr, was darf es sein?“ fragte der Fleischermeister einen jungen Mann mit dunklem Krauskopf und sanften Augen.

    „Einen schönen Lehrbraten, Meister Flötenkirchen, und gut durchwachsen!“

    Am Geflügelstand erlebten sie die nächste Überraschung. Mit zusammengebundenen Beinen hingen die lebenden Hühner, Enten und Gänse kopfunter über Stangen... Der Mann hinterm Verkaufsstand hieb gerade einem Huhn den Kopf ab – vor der dicht gedrängt stehenden Kundschaft! Das Blut spritze dem Huhn aus dem Hals, es zappelte wild, glitt dem Mann aus der Hand und versuchte flügelschlagend wegzulaufen, worauf heiteres Gelächter ausbrach. Der Kopfabschneider fing es wieder ein und warf es einer Frau mit einer blutigen Schürze vor dem runden Leib zu, die sofort mit dem Rupfen begann.

    „Gott zum Gruß, Jungfer Dahlenborg!“, rief der Meister hinter der Lade und blickte in Taifans Richtung, „was ist denn heute gefällig?“

    „Gebt mir ein halbes Huhn, Hinnerk, von dem da!“

    Taifan wandte sich um. Hinter ihr stand eine kleine schmale Frau und blickte durch sie hindurch. Sie war deutlich besser gekleidet als die anderen Frauen, die ihnen bisher begegnet waren. Um den Kopf hatte sie ein gelbes Tuch geknotet, dessen Zipfel wie zwei Hörner steif abstanden. Von Haaren und Gesicht war nicht viel zu sehen, und doch schreckte Taifan zurück und hielt sich verstört die Hand vor den Mund.

    Der Geflügelhändler hatte inzwischen das gewünschte Huhn mit zwei drei wuchtigen Schlägen zerhackt, eine Hälfte wog er ab und legte sie in den Korb, den ihm die Jungfer hinhielt – obwohl Taifan vor ihr stand. „Darf es sonst noch etwas sein? Heute nicht? Auch gut!“ Mit einer galanten Verbeugung nahm er das Geld in Empfang und steckte es weg. „Meine Verehrung an den Herrn Stadtrat und die Frau Mutter! Beehrt mich bald wieder, Jungfer!“

    Jungfer Dahlenborg blickte durch Taifan hindurch und ging davon.

    „Taifan, ist was?“, fragte Kevin, „du siehst ja aus, als hättest du den Teufel gesehen!“

    „Die Frau da eben... Ihr Gesicht... über und über mit Narben bedeckt... die arme Frau... furchtbar!“

    „Rückbleibsel der Schwarzen Blattern“, erklärte Ursula, „so laufen hier viele herum, Männer, Frauen, Kinder... Die Jungfer kann froh sein, dass sie überhaupt noch lebt.“

    „Aha!“, rief Kevin ziemlich unüberlegt, „deshalb ist sie auch noch Jungfrau! So eine geht eben schlecht weg!“

    „Kevin, wie redest du denn!“, zischte Taifan. Es war ihr anzumerken, dass ihr das Schicksal ihrer Geschlechtsgenossin stark an die Nieren ging.

    „Unsinn, Kevin! Da verwechselst du was“, sagte Ursula, um Sachlichkeit bemüht, „Jungfer nennen wir eine unverheiratete Frau, egal wie alt sie ist. Und was heißt schon Jungfrau... Ihr glaubt gar nicht, wie viele uneheliche Kinder es hier gibt!“

    „Hat so eine mit diesem... ähem... Aussehen auf dem Heiratsmarkt denn überhaupt Chancen?“, wollte Kevin wissen.

    „Die Jungfer Dahlenborg?“

    Ursula lachte herzhaft. „Aber sicher doch! Wenn ich richtig gehört habe, hat sie schon mehrere Bewerber abgewiesen! Da ist Geld, Macht, Einfluss, ihr Vater ist schließlich einer der reichsten Stadträte und besitzt mehrere Häuser in der Bäckerstraße! Na ja, die Mitgift wird sicherlich nicht so hoch ausfallen wie bei einer Rats-Tochter mit glatter Haut. Sie wird sich ordentlich schminken jemanden nehmen, der ebenfalls –“

    Sie wurde unterbrochen, denn jemand rief: „Der Stadtvogt mit zwei Gerichtsdienern!“

    Sofort wurde es still; alle blickten in die Richtung, aus welcher der Ruf gekommen war. Meister Hinnerk steckte blitzschnell etwas in die Tasche. Die Menschen bildeten eine Gasse; der Stadtvogt erschien, hinter sich, in gehörigem Abstand, die beiden Diener, vor dem Stand des Geflügelhändlers blieb er stehen.

    „Na, Hinnerk Bardowick, wie gehen die Geschäfte?“, fragte er harmlos.

    „Gut, Herr Stadtvogt, gut, sie könnten nicht besser gehen!“

    Der Stadtvogt, eine imposante Erscheinung, überragte alle Anwesenden um mindestens Kopfeslänge. Sein Gesicht unter der kugelförmigen Mütze war glatt rasiert und schimmerte rosig. Hemd und Beinlinge glänzten in reiner Seide, der weite Umhang war pelzbesetzt. An den Füßen trug er Schnabelschuhe, offenbar der letzte Mode-Schrei, allerdings ohne Schellen. Um seinen Reichtum zu dokumentieren, hatte er eine Reihe kostbarer Gürtel und Schnallen angelegt, und zum Zeichen seiner Amtswürde baumelte ein großes silbernes Amulett mit dem Städtischen Amtssiegel vor seiner mächtigen Brust.

    „Das hört man gerne“, sagte er, „wo doch alle Leute über die schlechte Ernte und den sauren Wein heuer klagen.“

    Beifällig-zustimmendes Gelächter drumherum.

    „Und die Kundschaft? Zahlt sie gut?“

    Bardowick knetete nervös seine Hände. Er wusste: Das Geschwätz war nur die Einleitung zum Hauptstück. „Mal so, mal so“, antwortete er ausweichend, „gerade war die Jungfer Dahlenborg hier und hat –“

    „Soso, die Jungfer Dahlenborg“, fiel ihm der Stadtvogt ins Wort, „na schön. Wenn sie mal wieder vorbeikommt, die Jungfer, bestellt ihr einen schönen Gruß von mir! Übrigens, wie steht es denn mit Euren Gewichten? Alle in Ordnung? Nicht zufällig ein falsches darunter?“ Der Stadtvogt gab einem der Gerichtsdiener ein Zeichen, worauf dieser neben Bardowicks trat und sich an der Waage zu schaffen machte. Er stellte verschiedene Gewichte auf die Waage und machte sich Notizen. Die Frau legte das halb gerupfte Huhn beiseite und verschwand hinter einem Brwtzterverschlag.

    „Aber Herr Stadtvogt!“, rief der Händler mit öliger Stimme. Seine Hand fummelte nervös in der Tasche seines Überkleids herum. „Für wen haltet Ihr mich? Meine Ware ist gut, die Preise sind anständig, ich bin gesund, meine Kinderchen blieben bisher von den Blattern verschont, der Herrgott meint es gut mit mir und meinem Weib. Hab ich es da nötig, zu schummeln? Ich bin die Rechtschaffenheit in Person!“

    „Das sagt Ihr so. Schauen wir mal, ob es stimmt.“

    Der Gerichtsdiener hat die Untersuchung beendet. „Das Pfund ist zwei Lot zu leicht!“, rief er dem Stadtvogt zu.

    Der blickte den Händler scharf an.

    „Soso, zwei Lot.“ Die Leute halten den Atem an. Hinter dem Verschlag stöhnt eine Frauenstimme: „Jessesmariajoseph!“

    „Erklärt mir das, Bardowicks!“

    „Gnädiger Herr, ich... ich kann es nicht erklären...“, stammelt der Händler, zusammengeschrumpft unter dem eisblitzenden Blick des Stadtvogts, „wirklich nicht! Vielleicht Abnutzung...“

    Höhnisches Gelächter.

    „Das Gewicht ist beschlagnahmt. Sagt mal, was fummelt Ihr da immer in Eurer Tasche herum!“

    Ehe der Händler die Frage richtig versteht, zieht ihm der Gerichtsdiener mit kräftigem Griff blitzschnell die Hand aus der Tasche – zwei kleine Gewichte fallen zu Boden.

    Ein Stöhnen geht durch die Menge.

    „Festnehmen!“, befiehlt der Stadtvogt.

    Jetzt kommt die Frau hinter dem Verschlag hervor und macht Anstalten, vor dem Stadtvogt auf die Knie zu fallen. „Gnädiger, hochedler Herr!“, greint sie händeringend und mit verschmiertem Gesicht, „Gnade! Ich schwöre –“

    „Dass Ihr von allem nichts gewusst habt! Dacht´ ich mir schon. Steht auf und lasst das Jammern! Packt Eure Sachen und dann ab mit Euch! Alles weitere erfahrt Ihr durch einen Gerichtsboten.“

    Der Stadtvogt nickt den Gerichtsdienern zu; die drei Vertreter der Obrigkeit samt dem jammernden Meister setzen sich in Bewegung und steuern den Stand des Fleischermeisters an, vor dem bereits eine ganze Anzahl Gaffer Position bezogen hat.

    „Geschieht ihm recht, dem Bardowicks“, murmelt ein kleiner krummer Kerl mit struppigen Haaren in seinen Bart hinein, „kriegt den Hals nicht voll!“

    „Halt du doch das Maul!“, schnauzt sein Nachbar, „ich möchte nicht wissen, wieviel Ellen Eichenholz auf dein Klafter gehen!“


    Forts. folgt

  • „Was passiert nun mit ihm?“, fragte Kevin.

    „Sie werden ein Protokoll anfertigen und ihn zu einer Geldstrafe verurteilen. Die Stadt ist heillos verschuldet, und da wäre es sinnlos, einen guten Steuerzahler wirtschaftlich zu ruinieren. Allerdings, sollten sie ihn noch einmal erwischen, wandert er in den Turm, und dann ist es aus mit ihm.“

    „Was zahlt einer denn in so einem Fall?“

    „Der Dummkopf hat mit seiner Angeberei den Preis selbst in die Höhe getrieben. Einer aus der Bierbrauergilde musste neulich vierhundert Haller Pfennige zahlen, weil er verdorbenes Bier verkauft hat.“

    „Vierhundert Pfennige! Das ist doch keine Strafe!“, rief Kevin überrascht, „das zahlt der doch aus der Portokasse!“

    „Nicht so voreilig, junger Freund! Was glaubst du denn, was die Jungfer Henneberg eben für das halbe Huhn bezahlt hat?“

    „Hmmm... lass mich rechnen... Hundert Pfennige sind eine Mark... Na sagen wir dreihundert Pfennige, also drei –“

    „Ha!“ Ursula lachte spitz. „Für zwei Mark bekommst du hier ein ganzes Mastschwein! Sie hat einen Pfennig bezahlt.“

    „Wahnsinn! Dann könnte ich ja für zehn Mark – – den gesamten Markt leerkaufen!“

    „Vielleicht nicht ganz, aber fast.“

    „Krass!“

    Taifan: „Was verdient denn hier so einer?“

    „Kommt darauf an. Ein Dachdecker-Geselle zum Beispiel verdient im Monat durchschnittlich vierzig Pfennige, im Sommer mehr, im Winter weniger. Dafür kann er sich gerade das Nötigste zum Leben kaufen, und ab und zu mal ein Bier.“

    „Und woher nimmt er die Miete?“

    „Er wohnt mietfrei im Haus des Meisters.“

    Plötzlich rief Taifan: „Schaut mal, da! Es brennt!“

    Tatsächlich schob sich über den Häusern links eine dicke Qualmwolke in den blauen Himmel.

    „Keine Angst, das ist die Sülze“, beruhigte sie Ursula, „dort stehen die Siedehütten, in denen Tag und Nacht die flüssige Salzssole zu Salz eingedampft wird.“

    „Tag und Nacht? Ich denke, zu viel Salz ist ungesund?“

    „Wie kommst du denn darauf? Unser Salz braucht man in halb Europa, um Fleisch und Fisch vor dem Verderben zu schützen.“


    Auch die Läden der Bäcker – wie auch die der übrigen 'Marktbeschicker' – standen alle hübsch nebeneinander in einer Reihe; das Gebäck lag auf blank gescheuerten Gestellen aus Eichenholz, den Brotbänken, aus. Über einem stand in altertümlicher Schrift:


    Herr, unser täglich Brodt gib uns heute


    Auch hier herrschte dichtes Gedränge, doch die Leute waren ärmlicher gekleidet und zum Teil noch schlechter ernährt als die vor den Fleischständen. Sofort fiel Taifan das Fehlen von Preistafeln und – leckerem Zuckerzeug auf. Ursula schien dies erraten zu haben; sie sagte: „Zucker? Unerschwinglich! Die meisten Stadtbewohner können sich noch nicht einmal Honig leisten! Viele leben buchstäblich von Wasser und Brot.“

    „Ich sehe hier nirgendwo irgendwelche Preisschilder.“

    „Die sind auch nicht nötig, denn die Brote kosten an allen Bänken dasselbe, der Preis wird vom Rat festgesetzt. Das Zweipfund-Brot da zum Beispiel kostet einen halben Pfennig.“

    Als sie eine Weile dem Treiben an den Brotbänken zugeschaut hatte, fragte Taifan: „Sag mal, Ursula, in welchem Jahr befinden wir uns eigentlich? Die Leute sind alle so klein, und viele sehen nicht wirklich gesund aus.“

    „Sind sie auch nicht... Welches Jahr? Hmm... Das interessiert hier außer den Rats- und Gerichtsschreibern niemanden. Jeder Tag ist wie der andere, schon seit Jahrhunderten, und es wird vermutlich auch noch Jahrhunderte so bleiben. Man ist froh, dass man lebt... Ich denke, wir sind im Jahre Vierzehnhundertzweiundsiebzig. Bürgermeister Springintgut ist Vierzehnhundertfünfundfünfzig im Blauen Turm verhungert – das hab ich bei den Ehrwürdigen Schwestern gelernt – und da wurde ich gerade geboren.“


    2

    Der Wind schwemmte seltsame Töne über das Marktgebraus, Wortfetzten, von hoher, metallischer Stimme hervorgebracht, dazwischen Wehlaute, je nach Windrichtung mal stärker, mal schwächer: Der Wanderprediger. Er stand auf einem Holzpodest, die Hand mit dem Kreuz erhoben, dem Propheten Elias auf dem Berge Horeb gleich, in dunkelbrauner Kutte; der Geistesfluss seiner Stimme durchtönte die Luft. An drei Seiten neben und hinter ihm, an eilig errichteten Wänden, loderten Flammen, nackte Gestalten, von Teufeln mit schrecklichen Fratzen gepeinigt, recken in mamenloser Qual die Hände himmelwärts; auf anderen Tafelbildern zeigen entsetzlich entstellte Menschen, kaum bekleidet und schamverloren, zerfressene, mit Geschwüren bedeckte Glieder. Ist es Absicht oder dem Spiel der Winde zu verdanken, dass jetzt ein Geruch von verbrannten Fleisch vom glühenden Bratrost des Markt-Metzgers herüberweht?

    „Ihr Schlangengezücht!“, ruft er gerade, „glaubt nicht, dass einer von euch dem Zorn des Herrn entkommen wird, wenn ihr nicht umkehrt und Buße tut. Denn viele von euch haben sich auf einen Irrweg begeben, der geradewegs in die Hölle führt. Verlasst den Irrweg des Lasters, der Unzucht, der Völlerei, des Hochmuts und des Geizes, überwindet Trägheit und Grausamkeit! O Weh über euch, Weh, Weh! Fürchterlich wird das Strafgericht sein, dass den Abtrünnigen am Tage der Abrechnung droht! Gerechtigkeit, du Donnerwort! Unter Heulen und Zähneknirschen werdet sie gerichtet werden! Die Flammen der ewigen Verdammnis werden sie verschlingen, und ihr Fleisch wird brennen in Ewigkeit!“

    Der Mönch, ein junger Mann noch mit abgehärmten Gesichtszügen, hält inne, um die Wirkung seiner Worte zu genießen und sich für den nächsten rhetorischen Amoklauf zu sammeln. Seine hell leuchtende Glatze steht in krassem Gegensatz zu seiner dichten dunklen Tonsur. Die Schar der Zuhörer indes, die immer größer wird, blickt wie gebannt auf diesen Prediger, dessen Wortgewalt sie nicht kalt lässt, hier und da hört man leises, ersticktes Schluchzen.

    Etwas milder fährt der Mönch fort: „Brüder und Schwestern in Christo, ihr Menschen dieser Stadt, Männer und Frauen! Leben müsst ihr, aber so leben, wie es unserem HERRN und Schöpfer gefällt! Ihr Männer, meidet die Häuser der Ehrlosen Frauen und begehrt nicht eures Nächsten Magd! Ihr Frauen: Wer zu viel Speise hat, der gebe denen, die da hungern; wer zwei Röcke hat, bedecke mit einem die Blöße eines Armen! Übt Barmherzigkeit, denn Barmherzigkeit ist die erste Tugend des Christen!“ Sein funkelnder Blick richtet sich auf zwei Soldaten, die in einiger Entfernung Posten stehen. „Ihr da, ihr Kriegsknechte und ihr Vertreter der Obrigkeit, auch für euch gibt es einen Weg zur ewigen Seeligkeit! Tut niemand Gewalt noch Unrecht an, bedrückt und erpresst nicht das Volk, nur weil ihr Waffen tragt und euch stark fühlt. Vergesst nicht, dass ein gerechtes Leben vor dem HERRN mehr gilt als alle Kriegskunst, denn vor Gott ist der Mensch geringer als der geringste Wurm, der auf der Erde kriecht!“

    Wieder wendet sich der Mönch den Leuten vor dem Podest zu. „Ja, ich weiß, ich weiß, Brüder und Schwestern in Christo, der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach, und der Teufel ist listig! Auch ich bin nur ein armer Wurm im Angesicht Gottes!“ Seine Miene ist jetzt ganz Zerknirschung. „Ich bin ein Arbeiter im Weinberg des HERRN! – ein Diener des Wortes, ein Rufer in der Wüste! – Ein Bekenner des Evangeliums Jesu Christi, unseres Heilands und HERRN, der in den Himmel aufgefahren ist und der dereinst wird wieder kehren zu richten die Lebenden und die Toten, wie es geschrieben steht!“ Ein Aufstöhnen geht durch die Menge, über das Gesicht des Predigers blitzt ein zufriedenes Lächeln. „Doch ich weiß auch: Alles Heil liegt in Jesus Christus unserem HERRN! Aus seinem und der heiligen Verdienst erwächst der unerschöpfliche Gnadenschatz der Kirche!“ Er wird lauter, beschwörend. „Auch ihr, Brüder und Schwestern in Christo!“, ruft er mit hypnotisierenden Augen und wogendem Kutte, „könnt an diesem Schatz teilhaben und die Zeit im Fegefeuer verkürzen, jeder nach seinem Vermögen...“

    Zwei Männer, beide mit dem nachdenklichen Blick derer, die auch in der Finsternis Licht sehen, lösen sich aus der Gruppe und gehen in ein unbelebte Gasse hinein. An ihren runden Doktorhüten erkennt man, dass es gelehrte Leute sind. „Es wird Zeit, dass dieser Unfug endlich aufhört“, sagt der eine der beiden, „diese Geldgier der Fürsten von Kirche und Welt nimmt mittlerweile monströse Formen an. Jetzt können die Leute sogar Straferlässe kaufen für Sünden, die sie erst noch begehen werden!“ Er schüttelt ärgerlich den Kopf. „Und warum das alles? Geld, Geld, Geld... Neulich erzählte mir mein Gewährsmann, der Stadtrat sei so verschuldet, dass er zusätzlich noch Bürgeranleihen herausgibt... Der Stadtrat braucht Geld, die Fürsten brauchen Geld, der Papst braucht Geld... Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ist ein Fass ohne Boden. Und das gutgläubige Christenvolk zahlt bis auf den letzten Heller, nach der Devise: Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer spring! Dabei ist die Abgabenlast schon hoch genug!“

    „Wem erzählst du das! Aber du musst doch zugeben, Heinrich, die Schau war perfekt! Die Kulisse stimmte, das Bildmaterial stimmte, und wie er das mit dem Geruch hinbekommen hat... Ganz abgesehen davon, dass der Mann ein begnadeter Redner ist.“

    „Ein Schreihals und Scharlatan ist er, weiter nichts! Erst macht er den Leuten mit seinem Geschwätz die Hölle heiß, dann verspricht er ihnen gegen Geld –“

    „Still! Ich glaube, jemand folgt uns!“


    *

    „Gibt es hier eigentlich nur Markt oder auch noch was anderes“, stöhnte Kevin fünf Minuten später im Gang der Salzsieder. Taifan hatte gerade erklärt, was ein Sülfmeister ist und dass Salz, obwohl es in der Lüneburger Saline kostenlos aus der Erde sprudelte, für Otto Normalverbraucher wegen der enormen Abgaben, die darauf lagen, kaum bezahlbar ist. Mit der hohen Geistlichkeit liege der Rat deshalb sogar im Krieg.

    „Wird nicht zufällig eine Hexe verbrannt oder ein Räuber geköpft? Das wär doch mal ´ne schöne Abwechselung! Mir klingeln schon die Ohren von all den vielen Erklärungen!“

    „Hast du noch nicht genug Blut gesehen?“, fuhr ihn seine Schwester an.

    „Doch, doch, aber zu viel Info-Dump dabei wird auf die Dauer langweilig.“

    Ursula lachte. „Okay, habe verstanden! Allerdings, eine Hexe wird gerade nicht verbrannt, angeblich, weil das Brennholz zu teuer ist. Ist aber nur die Rache dafür, dass sich die Prälaten weigern, die Salzsteuer zu zahlen. Und auch ein Räuber wird nicht geköpft. Aber mit einer Folterkammer und dem Stadtgefängnis könnte ich dienen. Im Blauen Turm, auch Rosenturm genannt.“

    „Na klar!“, rief Kevin, „Rosen heißen im Mittelalter blutende Wunden.“

    „Vor allen die Wunden unseres Herrn Jesus Christus. Also auf zum Blauen Turm!“

    „Darf denn da jeder rein?“

    „Jeder nicht, aber die Tochter des Stadtnarren und ihre Freunde schon! Wartet hier, ich muss noch den Schlüssel und eine Lampe besorgen.“ Während sie davonlief, murmelte sie: „Kevin, mein Freundchen, dein Großmaul wird dir noch vergehen!“


    3

    „Wie viele Türme hat diese Stadt eigentlich?“

    „Hmm... so alles in allem werden es an die Hundert sein. Der größte ist der Blaue Turm da vor uns. Er ist noch höher als der dicke Turm der Johanniskirche – und der teuerste. Manche behaupten, er hat mehr Fuß als das Jahr Tage.“

    „Hundert Türme!“, staunte Taifan, „und wozu braucht man die alle?“

    „Zum Angeben!“, rief Kevin, ehe Ursula etwas sagen konnte, „zum Protzen! Sie wollen damit zeigen, wie reich sie sind!“

    Ursula lachte trocken. „Reich! Schön wär´s! Die Stadt ist total verschuldet! Der Rat muss sich bei den Bürgern Geld leihen, um Brennholz für den Kamin im Ratskeller kaufen zu können! Ständig erhöht der Rat die Salzsteuer, aber es reicht immer noch nicht. Neulich machte ein Spaßvogel den Vorschlag, eine Nachtigallensteuer einzuführen. Jeder, in dessen Garten eine Nachtigall schlägt, soll dafür bezahlen. Schließlich sei Nachtigallengesang ein Genuss, und der müsse besteuert werden. Aber dann hat der Stadtkämmerer ausgerechnet, dass die Gesangswächter teurer wären als der Ertrag.“

    „Krass! Und wo bleibt der ganze Zaster aus dem Salzhandel?“

    „In Befestigungsbauten! Die Stadtmauer muss wieder einmal erhöht werden, die Türme sind zum Teil marode, müssen abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden, und und und... Der Bau des Blauen Turms hat Unsummen verschlungen! Nicht zu vergessen das ewige Kriegführen! Das geht ins Geld.“

    „Geld Geld Geld!“, rief Kevin aus, „ich höre immer nur Geld? Gibt´s hier auch noch ein anderes Thema?“

    „Kommt mir irgendwie bekannt vor“, murmelte Taifan.


    Der Blaue Turm war rund und so hoch, dass Kevin den Kopf ganz in den Nacken legen musste, um seine Spitze zu erkennen. Er fragte sich, wie es möglich sei, ein solches Bauwerk ohne Maschinenkraft zu errichten. Eine moosbewachsene Holztreppe führte zu einer eisenbeschlagenen Tür, die Ursula jetzt aufschloss.

    Der Raum dahinter sah für einen Zwingturm überraschend gemütlich aus. Ein grober Tisch, ein Stuhl, ein Bett; an einer Wand ein offener Kamin; in einer Nische ein Schrank, der wie eine hochgekippte Truhe aussah. Ein kleines vergittertes Fenster gab müde Helligkeit. „Die Wohnung des Turmwächters“, erklärte Ursula, „gegenwärtig ist er krank. Gehen wir hinunter in das Stadtgefängnis! Da geht´s lang!“

    Die Treppe, die sie hinuntertappten, war eng und steil. Endlich gelangten sie in einen kleinen, anscheinend runden Vorraum, in dem ihnen kalte, muffige Grabesluft entgegenwehte. Ursula schloss eine weitere Tür auf, schob einen rostigen Riegel zurück und forderte die Geschwister mit einer Gebärde auf, einzutreten.

    „Iiiiiii!“, schrie Taifan plötzlich auf, „das ist ja ekelhaft! was war das?“

    „Vermutlich eine Ratte. Keine Angst, Taifen, sie frisst dich nicht, dazu bist du ihr zu lebendig“, versuchte Kevin seine Schwester zu beruhigen. „Ratten fressen nur Aas, aber keine jungen Mädchen.“

    Nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen sich die Geschwister mit offenen Mündern um. Der Raum war hoch, gewölbt, aus großen Ziegelsteinen gemauert, mit steinernen Rippen an der Decke: Die Folterkammer. An den Wänden hingen verschiedene eiserne Werkzeuge, wie Zangen, Daumenschrauben, Fußeisen, ein dornenbesetztes eisernes Halsband... Darunter gähnte schauerlich eine rußgeschwärzte Feuerstelle... In einer Ecke lagen eiserne Kugeln verschiedener Größe. In der Luft hing der Geruch nach Brand und kalter Asche.

    „Was ist das für ein Teil da?“, fragte Kevin und wies auf ein schwarzes Ungetüm.

    „Eine Eiserne Jungfrau“, erklärte Ursula, „der oder die Gefangene wird darin eingeschlossen, nur der Kopf guckt heraus, dann wird darunter Feuer gemacht –“

    „Und wozu brauchte man die Kugeln da?“, fragte Taifan schnell.

    „Dem Gefangenen werden die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, dann hängt man ihn mit den Armen an dem Haken da oben an der Decke auf, und wenn das noch nicht reicht – – “

    „Und solche Methoden werden heute noch praktiziert?“

    „Ja.“

    „Aber das ist doch –“

    „Ja, ist es. So ist aber nun mal die Rechtslage. Niemand darf ohne Geständnis verurteilt werden, besonders bei Verbrechen, die 'an den Hals gehen', wie Mord, Totschlag, Verwundung, Raub, Vergewaltigung. Zunächst zeigt man dem Beschuldigten was ihn erwartet, wenn er nicht gesteht; meistens reicht der Anblick der Folterwerkzeuge dann schon, und häufig wird die Peinliche Befragung schon nach der Tortur ersten Grades abgebrochen, weil der Verhörte gesteht oder weil man ihm glaubt. Und: Manche Berichte von zu Tode gemarterten Verbrechern, die verbreitet werden, sollen einfach nur kriminelle Zuwanderer abschrecken. Bedenklich wird die Sache bei Hexenprozessen. Das Heilige Offizium besteht meist auf einem Geständnis, sei es auch noch so kraus... Allerdings, in Lüneburg werden gegenwärtig keine Hexen mehr verbrannt. Ihr ratet nicht, aus welchem Grund!“

    Taifan: „Weil es zu grausam ist!“

    „Nein!“

    Kevin: „Weil es Quatsch ist! Hexen gibt es nicht! Die sind eine Erfindung irgendwelcher durchgeknallter Frauenverächter.“

    „Nein!“

    Kevin, Taifan: „Dann sag es uns!“

    „Aus Brennholzmangel!“

    Taifan: „Das ist ja ´n Onk!“

    Kevin: „Du willst uns wohl veräppeln!“

    „Warum sollte ich! Der Rat behauptet, das Brennholz sei zu teuer... Na ja, ich denke, es ist die Rache dafür, dass sich die Prälaten weigern, die neue Salzsteuer zu bezahlen. Fakt ist allerdings, in der Gegend hier bis hinunter nach Celle steht kein einziger gerader Baum mehr. Alle unter den Salzpfannen verheizt.“

    „Die dunklen Flecken dort an der Wand, ist das Blut?“, wollte Kevin wissen.

    Ursula zuckte mit den Schultern. „Gehen wir weiter!“ Sie schloss eine weitere Tür auf, und –

    Taifan schrie auf.

    Vor ihr stand ein hagerer, uralter Mann, der wie der leibhaftige Tod aussah. Sein Schädel war kahl, lediglich von seinem spitzen Kinn hing ein langer weißer Bart herab. Aus dem ausgemergelten Gesicht stachen zwei unheimlich leuchtende Augen hervor. Die Finger seiner knotigen Hände waren dürr, lang und weiß wie Totenhände. Die Knochen stachen aus der faltigen Haut hervor wie bei einem Skelett, und auf seiner Brust sahen sie mehrere eingetrocknete eitrige Geschwüre. Zwischen seinem linken Ohr und der Schulter hing eine dicke Spinne. Das flackernde Licht der Lampe verstärkte noch den grauenvollen Anblick.

    Taifan, eng an ihren Bruder gepresst, zitterte. „Kevin“, stieß sie hervor, „lass uns umkehren! Ich habe Angst!“

    Kevin sah jetzt, dass der Greis mit einen Strick um den Hals an der Wand festgebunden war. „Der tut dir nichts, Schwesterchen, der ist mausetot“, sagte er tapfer, „sie haben ihn aufgehängt, und wie er aussieht hängt er da schon eine ganze Weile. Soll wahrscheinlich abschreckend wirken.“

    Sie gingen weiter, Ursula mit der Lampe vorne weg. Der Gang war schmal und glitschig. „Brrr“, sagte Taifan, „ist das kalt hier!“ Wärme suchend schmiegte sie sich an ihren Bruder. Ursula blieb vor einer Gittertür stehen und leuchtete in den dahinter liegenden Raum. In einer Ecke lag ein Gerippe, das mit einer Kette an der Wand befestigt war. Dunkle Schatten huschten eilig hin und her und verschwanden schließlich in einem Loch im Boden.

    „Einer der drei unterirdischen Kerker im Fundament der Stadtmauer“, erklärte Ursula. „Das da sind die Reste des Bürgermeisters Springintgut, den der Rat vor siebzehn Jahren hier eingekerkert und vergessen hat, weil sie wollten, dass er stirbt – angeblich, weil er Steuergelder veruntreut hat.“

    „Man hat ihn einfach verhungern lassen?“

    „Behaupten manche. Übrigens eine beliebte Methode, politische Gegner zu beseitigen, ohne einen Mörder zu beauftragen. Kommt nicht oft vor, aber es kommt vor. Manche behaupten allerdings, er sei vergiftet worden.“

    Bei der nächsten Gittertür:

    Der Schein der Lampe fällt auf einen zerfetzten, mit Stroh bedeckten Sack am Boden, vor dem in einer Wasserpfütze eine große fette Ratte sitzt. Jetzt bewegt sich der Sack und kriecht auf die Ratte zu – Taifen schlägt die Hände vors Gesicht und stöhnt auf – der Sack ist ein Mensch, eine Frau, eine Greisin mit wirren Haaren. Die Ratte ist entweder zu träge, um sich zu bewegen oder handzahm, denn die Frau streckt eine Hand aus und streichelt das Tier. Dabei spricht sie schmeichelnd und mit hohler, brechender Stimme auf die Ratte ein: „Komm, lass dich liebkosen, mein Söhnchen... Dein Fell ist weich und zart wie die Haut meines Geliebten... Küsse mich, mein Geliebter, ich liebe dich... Der Frühling kommt, dann tanzen wir beide um den Maibaum...“ Die Frau beugt sich mit einem schauerlichen Grinsen über das Tier und versucht, es zu küssen, wobei ihre Haare in die Pfütze hängen, doch die Ratte springt davon. Die Greisin sieht ihr eine Weile unbeweglich, wie in Gedanken versunken nach, dann bricht sie plötzlich in ein wüstes Gelächter aus und kriecht in den Strohhaufen zurück...

    Taifan hat ihr Gesicht mit den Händen bedeckt und zittert am ganzen Körper, Kevin muss die halb Ohnmächtige stützen. Ursula geht wortlos zur nächsten Gittertür weiter. Als sie davor steht, schieben sich zwei dürre Hände mit verkrampften Fingern durch das Gitterwerk, und eine dünne gebrechliche Greisenstimme krächzt: „Kommt ihr mich endlich abholen, ihr Schufte? Warum lasst ihr mich hier bei lebendigem Leibe verfaulen, he? Ich bin unschuldig, unschuldig, unschuldig! Ich war immer ein treuer Diener der Alleinseeligmachenden Kirche! Ich soll den Leib unseres Herren und Heilands beschimpft haben? Nie nie nie!“ Die Stimme überschlägt sich. „Meine Feinde haben mich verleumdet, diese elenden Kreaturen! Gnade! Gna-de...“ Des Gegreine des Unglücklichen geht in hemmungsloses Schluchzen über, die Hände weichen zurück, dann erfolgt ein dumpfer Aufprall.

    Taifan ist kurz davor, vor Ekel und Erschütterung zusammenzubrechen. Auch Kevin ist ziemlich kleinlaut und sagt ausnahmsweise mal nichts. Zwei senkrechte Falten haben sich in seine Stirn gegraben. Doch schon droht neue Verwirrung. Irgendwo klopft es, und deutlich ist der hohle Gesang einer Stimme hören.


    „Stirbt der Schuster, kriegt der Gerber sein Fell,

    kriegt die Nonn´ ein Kind, war der Teufel zur Stell´!“


    Jetzt wird das Klopfen stärker; es hört sich an, als stürze über ihnen Stadtmauer ein. Und wieder hören sie die schauerliche Stimme:


    „Dumdum, fiedeldumdei

    komm, kühler Tod

    und mach mich frei

    Dumdum, fiedeldeidum

    zögere nur nicht

    mein´ Zeit ist um.“


    Die Geschwister stehen starr vor Entsetzen. Es spukt! Der Geist eines zu Tode gemarterten treibt sein Unwesen! Und jetzt wälzt sich auch noch eine schwarze Wolke auf sie zu...

    „Raus hier! Licht! Licht! Ich brauche Licht!“ Nur mit mühe bringt Kevin hervor. Dann stürzt er, keuchend und hustend, seine Schwester fest an der Hand, dem Ausgang zu...


    Forts. folgt

  • Heyho McFee ,


    was Neues aus Deiner Feder verspricht in jedem Fall interessant zu werden. Und bis jetzt enttäuschst Du meine Erwartung nicht^^

    Wie schon beim letzten Mal mehr offene Fragen als Antworten, aber das ist okay. Ist ja trotzdem ziemlich deutlich, wohin die Reise geht...(sagte Der Wanderer auf dem Holzweg).;)

    Du wirst mich überraschen, da bin ich sicher.

    Ein paar Schreibfehler hab' ich gefunden, aber die sind nicht so wichtig.

    Mir ging jedoch der Übergang von der einen in die andere Zeit der Handlung ein bißchen zu fix. Da fehlt mir noch die eine oder andere Erklärung, obwohl daß hier ja schon ganz gut angedeutet wird:

    „Wie heißt du?“, fragte Taifan verwundert.

    „Ursula. Und du?“

    „Taifan. Bist du nicht von hier?“

    Das Mädchen zögerte mit der Antwort. „Hmm... nun ja“, sagte es schließlich, „an sich schon, aber auch wieder nicht.“

    „Was denn nun, ja oder nein?“, fragte Kevin ärgerlich.

    Womit ich aber gar nicht zurecht komme, ist der unregelmäßige Wechsel von Vergangenheitsform in die Gegenwart und wieder zurück. Fängt etwa hier, in der Mitte von #4 an:

    Die Frau legte das halb gerupfte Huhn beiseite und verschwand hinter einem Brwtzterverschlag.

    „Aber Herr Stadtvogt!“, rief der Händler mit öliger Stimme. Seine Hand fummelte nervös in der Tasche seines Überkleids herum.

    Hat das irgend einen Grund? Oder klemmt Deine "e"-Taste manchmal?:D Und was bitte ist ein "Brwtzterverschlag"????(


    Ansonsten gerne und bald mehr.:thumbup:


    LG

    Der Wanderer

  • Hallo, Der Wanderer, wie schön, dich wieder begrüßen zu dürfen!


    Womit ich aber gar nicht zurecht komme, ist der unregelmäßige Wechsel von Vergangenheitsform in die Gegenwart und wieder zurück. Fängt etwa hier, in der Mitte von #4 an:

    Weil ich finde, dass dadurch mehr Spannung erzeugt wird. Der Leser sitzt nicht mehr auf dem häuslichen Sofa und kämpft mit dem Schlaf, sondern er ist plötzlich mitten im Trubel, sieht, hört riecht, schmeckt. Es ist eine Art Zoom; das Geschehen wird ganz nahe an ihn herangefahren. Anderseits finde ich längere Erzählungen im Präsens irgendwie schnappatmig. Man hechelt dem Geschehen ständig hinterher, ohne zur Ruhe zu kommen, während die Vergangenheitsform mE. leicht zur Behäbigkeit neigt. Beides wollte ich vermeiden.


    Hat das irgend einen Grund? Oder klemmt Deine "e"-Taste manchmal

    Nein, aber W und E sind mittlerweile stark abgenutzt. Ist trotzdem keine Entschuldigung...


    LG

    McFee

  • Und was bitte ist ein "Brwtzterverschlag"??? ?(

    Ein Teppfihler?


    Ich würde da eiskalt "Bretterverschlag" herauslesen...

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
    -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Cory Thain

    Chapeau.


    Bretterverschlag. Hätte ich Idiot auch selber drauf kommen können...(müssen). es sei denn...was sagt der Meister himself zu dem vermuteten Teppfihler???

  • 4

    „Na sag mal, Ursula, was sollte das?“, schimpfte Kevin keuchend und hustend, nachdem sie die Katakombe des langsamen Sterbens verlassen hatten und tief atmend in den hellen Sonnenschein blinzelten, „du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt! Musste das sein?“

    Ursula fiel aus allen Wolken. „Jetzt verstehe ich die Welt nicht mehr! Ihr wolltet doch –“

    Taifan: „Neenee, meine Liebe, mein Bruderherz wollte, ich nicht!“

    Ursula: „Mitgefangen, mitgehangen!“

    Kevin: „Und wer hat da geklopft und gesungen?“

    Ursula: „Der Kaminkehrer. Die Kamine von Folterkeller und Turmwächterwohnung liegen übereinander. Ehrlich, ich wusste nicht, dass er für heute bestellt war.“

    Kevin: „Geschenkt. Wer ist denn diese arme Frau dort unten?“

    „Ach, das ist eine furchtbare Geschichte...“ Ursula blickte betrübt einer Amsel nach, die mit einem Strohhalm im frisch-gelben Schnabel unter aufgeregten Tak-tak-tak abschwirrte. „Der Frau wurde vorgeworfen, eine Katze zur Welt gebracht zu haben. Tatsächlich entdeckten Gerichtsdiener auf eine anonyme Anzeige hin in ihren Wohnzimmer einen Säugling mit einer katzenartig gestreiften Haut. Sie behauptete, irgendjemand habe ihr das Kind untergeschoben. Als sie auf die heilige Hostie schwören sollte, verlor sie die Nerven. Sie schrie den Richter an, das sei nicht der Leib Christi, sondern nur ein Stück Brot, das genauso verschimmeln würde wie jedes andere Gebäck auch. Hmnja... Alles verzeiht die Kirche, aber nicht eine solche Gotteslästerung; man schickte sie auf den Scheiterhaufen. Als der Henkersknecht den Scheiterhaufen anzünden wollte, flog ein Pulverturm in der Nähe in die Luft; daraufhin wurde das Autodafé eingestellt. Man nahm es als Fingerzeig Gottes und begnadigte sie.“

    Kevin schüttelte sich. „Schöne Gnade! Ganz schön pervers! Und was hat der Greis hinter dem Gitter verbrochen?“

    „Der Greis ist sechsunddreißig und ein ehemaliger Stadtrat, der in Ungnade gefallen ist. Jemand hat ihn denunziert.“ Ursula blickte sich ängstlich um und ging näher an die beiden heran. „Euch kann ich es ja sagen“, raunte sie, „ihr verratet mich nicht. In dieser Stadt ist niemand vor Verleumdung sicher... Schon gar nicht, wenn er reich ist... Der Verleumder muss noch nicht einmal persönlich in Erscheinung treten. Ein gezielter, halbwegs glaubhafter Hinweis, und schon tritt das Femegericht zusammen. Schnell finden sich weitete so genannte Zeugen, und die Freischöffen werfen dem armen Mann der Weidenkranz um den Hals, will heißen: Aufknüpfen. Die halbe Stadt hat Angst. Diese ganze kunterbunte Ausgelassenheit hier drumherum – nichts als Galgenhumor und der Versuch, zu vergessen! Und dann diese brutalen Strafen!“ Ursula zog ein Tuch hervor und wischte sie die Augen. „Da unten liegt einer, den haben sie eine Stunde mit glühenden Zangen gekniffen, dann sollte er geköpft werden. Und wie´s der Teufel will – der Henker hebt das Schwert und bricht tot zusammen – Schlagfluss. Jetzt wartet der arme Kerl, fast wahnsinnig vor Schmerzen, bis ein neuer Scharfrichter vereidigt ist. Und niemand kümmert sich um ihn.“ Ursula senkte ihre Stimme noch weiter, es klang wie das Wispern von Gras im Wind. „Ich gewähre dem Turmwächter ab und zu meine Gunst, dafür lässt er mich hinunter in den Kerker. Ohne mich wären die schon alle verhungert.“ Unter Schluchzen fuhr sie fort: „Am Schlimmsten sind die Leute in der Judengasse dran. Wenn irgendwo ein schwarzes Schaf geboren wird oder ein doppelköpfiges Kalb – wer ist Schuld? Die Juden! Und dann ist auch gleich einer dieser Wanderprediger zur Stelle und hetzt die Leute noch weiter auf, und ein entsetzliches Morden beginnt... O, könnte ich doch mit euch gehen!“

    Taifan, selbst mit Tränen in den Augen, nahm sie in den Arm. „Ursula“, sagte sie, „du darfst nicht weinen, davon wird nichts besser! Du musst helfen, so gut du kannst!“

    Kevin hatte sich umgedreht und blickte einer gut gekleideten Dame nach, die eben erhobenen Hauptes an ihm vorbeistolziert war. Auch in seinem Gesicht arbeitete es...

    „Du hast Recht, Taifan, durch Weinen wird nichts besser“, sagte die junge Frau, „aber es erleichtert. Gehen wir!“

    *


    Ein Mann, der ächzend einen hoch beladenen Karren schob, blieb in einiger Entfernung stehen, zog ein großes, nicht mehr ganz sauberes Tuch hervor und wischte sich die schweißnasse Stirn. Er war nicht groß, doch kräftig gebaut, seine Oberarme wölbten sich, als hausten Ratten darin. Sein grobes sackartiges Obergewand war in der Mitte mit einem Strick zusammengehalten, um seine Beine schlotterten weite, ausgebeulte Hosen, an den Füßen hatte er so etwas Ähnliches wie Stiefel, von denen sich schon die Sohlen lösten. Sein bärtiges Gesicht war, bis auf die blau angelaufene Knollennase und die Schweinsäuglein, fast völlig zugewachsen.

    Taifen starrte die bizarre Erscheinung an.

    „Ein Bauer aus der Umgebung“, sagte Ursula, „geh hin und schau ihn dir an! Keine Angst, er sieht dich nicht.“

    „Wieso, ist er blind?“, fragte Taifan.

    Kevin gab ihr einen brüderlichen Rippenstoß. „Mannomann, du stellst Fragen!“

    Vorsichtig ging Taifan auf den Bauern zu, der jetzt in seinem Wagen kramte und ein kleines Holzfass zum Vorschein brachte, das er an den Mund setzte, und seine Kehle geriet in heftige Bewegungen.

    Jetzt setzte der Mann das Fässchen ab, blickte zu den dreien hinüber und ließ in aller Unschuld einen kräftigen Rülpser los. „Ho, Jungfer Schreyvoglerin!“, rief er mit rauer Stimme, „wie geht es Euch! Hab Euch lange nicht gesehen! Wart Ihr verreist?“

    „Wie man´s nimmt, Gevatter! Mir geht´s gut, und Euch?“

    „Na wie soll´s einem armen Bauern schon gehen? Man verhungert nicht, aber der Zehnt drückt! Ergebensten Gruß an den Herrn Vater!“

    „Ich danke Euch, Gevatter! Grüßt die Gevatterin und die beiden Buben von mir!“

    Der Bauer lüftete seine Mütze und zog davon.

    „Eine Schnapsdrossel“, sagte Taifan verächtlich, als sie wieder zurück war. „Seine Kinder schreien nach Brot, und der Herr Vater versäuft seinen Gewinn! Und wie der aus dem Hals roch! Von Zähneputzen hält der wohl nicht viel!“

    „Schnapsdrossel? Da irrst du dich aber gewaltig!“, sagte Ursula, die ihnen gefolgt war, „sein Grundherr und die Prälaten sorgen schon dafür, dass ihm zum Besaufen das Geld fehlt. Er trinkt Bier, weil er sich nicht anstecken will. Es kommt immer wieder vor, dass jemand stirbt, wenn er Wasser getrunken hat. Und der Mundgeruch...“ Sie blickte beschämt vor sich hin. „Zähneputzen! Würde er ja gerne, wenn er noch welche zum Putzen hätte! Wahrscheinlich sind von den drei oder vier Zähnen, die er noch hat, zwei vereitert und faulen vor sich hin.“

    „Ist der Mann ja denn schon so alt, dass ihm die Zähne ausfallen?“

    „Ja, er ist schon ziemlich alt. Genau kann ich es nicht sagen, da müsste ich im Taufregister nachsehen. Ich denke mal, er dürfte so fünfundvierzig sein.“

    „Fünfundvierzig? Na gut, das ist schon ziemlich alt, doch noch nicht soo alt! Fünfundvierzig, und keine Zähne mehr, krass! Meine Oma – “

    „Es ist nicht nur das Alter, sondern auch das Mehl, dass seine Zähne ruiniert hat“, unterbrach Ursula. „Unser Mehl enthält viel Sand und winzige Bruchstücke der Mahlsteine. Die schmirgeln den Zahnschmelz ab, und dann fangen die Zähne an zu faulen.“

    „Und warum geht er nicht zum Zahnarzt?“

    „Na warum wohl? Er kann ihn nicht bezahlen!“ Ursula lächelte spitzbübisch. „Soso. Die Folterkammer hat euch also nicht das Gruseln beigebracht! Ihr seid ganz schön abgebrüht, ihr beiden. Na dann! Vielleicht gruselt´s euch ja beim Zahnbrecher im Ärztezelt.“


    „Ursula, habe ich das eben richtig gehört?“, sagte Kevin unterwegs, „du heißt Schreyvogel? Mit Ypsilon? Dann war dieser Narr vorhin etwa dein – –“

    „Richtig! Mein Vater ist der freischaffende Stadt- und Ratsnarr Joachim Schreyvogel. Ihr werdet ihn noch richtig kennen lernen! Doch eins nach dem anderen! Jetzt schauen wir erst dem Zahnbrecher zu. Und vielleicht ist ja auch der Chirurg bei der Arbeit.“

    Eine Dame, die ihrer Haltung und Kleidung nach keine gewöhnliche Hausfrau sein konnte, ging an ihnen vorbei, und Kevin bekam Stielaugen. „Wer war die Frau eben?“, fragte er. „Hahaha! Die macht ja ein Gesicht, als wär sie die heilige Jungfrau Maria persönlich! Und dabei konnte man ja fast alles sehen!“

    In der Tat, eine solche Erscheinung musste Aufmerksamkeit erregen. Die anderen Frauen und Mädchen, denen sie bisher begegnet waren, ähnelten eher Aschenputteln als Königinnen. Doch diese Frau hielt sich wie eine Königin – nein, mehr noch – wie eine antike Venus-Statue aus Fleisch und Blut.

    „Ach die!“ Ursula runzelte die Stirn und machte eine ärgerliche Handbewegung, „eine von den Verruchten Frauen.“

    Die buntschillernde Person hatte sich in ausschweifenden Mode-Luxus geworfen. Ihr Haar, in zierliche Locken gedreht und mit Goldfäden durchwirkt, war in allerlei Knoten aufgeschürzt und mit Korallen-Bändern gefestigt. Das geschlitzte und gefütterte Obergewand blitzte und blinkte vor goldenen Knöpfen und Spangen. An ihrer Seite baumelte ein Bernstein-Rosenkranz, die Hände steckten in reichverzierten Handschuhen, die Füße in glöckchenbehängten Schnabelschuhen. Das Überraschendste allerdings – zumindest für die beiden Fremdlinge – war ihr seidenes Untergewand, dass sie offen zur Schau trug. Es war so dünn, dass Form und Farbe ihrer Reize hindurchschimmerten.

    „Wieso ist sie verrucht?“, fragte Kevin, nachdem er sich von dem Anblick wieder getrennt hatte, „sie schien mir eher ein bissl schräg zu sein!“

    Ursula runzelte ihr niedliches Näschen. „Sie verkauft ihre Ehre und trägt ehrlichen Frauenzierrat. Damit verstößt sie gegen die Luxusauflagen der Kleiderordnung, die der Rat ins Buch mit der Kette geschrieben hat.“

    „Ins Buch mit der Kette?“

    „Ja, befindet sich im Rathaus. So eine Art Gesetzbuch für alle.“

    „Vielleicht kann sie ja nicht lesen“, meinte Taifan.

    Ursula winkte ab. „Ach was! Alle kennen die Verordnung, und diese Sorte besonders, doch kaum eine hält sich daran. Wer gibt heute noch etwas auf die Verordnungen des Rates! Und wenn es doch ein Stadtdiener wagt, eine dieser Offenen Frauen zu plündern, findet man ihn am anderen Morgen erschlagen im Stadtgraben. Nein, nein, das Geschäft ist zu einträglich, und alle verdienen mit. Die Hurenwirte und -wirtinnen, die Goldschmiede, der Rat, der Fürstbischof. Sie behaupten, dieses Gewerbe diene der öffentlichen Sicherheit. Dadurch würden weniger ehrbare Jungfrauen geschändet.“

    Kevin blickte Ursula von der Seite an. „Du magst diese Sorte Frauen nicht?“

    „Ihr Gewerbe stört mich nicht. Wie sagte schon der heilige Augustinus? Die gewerbliche Unzucht ist ein notwendiges Übel, das ein größeres verhindert. Nein. Was mich stört ist, wie schnell manche dabei reich werden. Auf dem Konzil zu Konstanz hat sich eine in einem Jahr achthundert Goldgulden verdient. Dafür kriegst du am Marktplatz ein hochherrschaftliches Haus. Und dann sehe ich, wie mühsam sich mein Vater durchs Leben schlagen muss...“

    Eine Weile sagte niemand etwas, dann fragte Taifan: „Ursula, hast du eigentlich noch Geschwister?“

    „Ja, vier von siebzehn, zwei Brüder und zwei Schwestern. Werdet ihr noch sehen. Alle anderen sind gestorben, auch unsere Mutter, bei der letzten Geburt.“ Ursula bekreuzigte sich und murmelte etwas, das sich anhörte wie lux aeternam luceat eis.


    Unterdessen waren sie beim 'Ärztezelt' angekommen.

    Auf einem Podium war ein nach vorne offenes Zelt mit mehreren, durch Leinwände abgetrennte Abteilungen aufgebaut, aus dem gerade entsetzliches Jammern und Stöhnen erklang. Davor hatte sich eine Anzahl von Leuten eingefunden, die sich gegenseitig aus der Suche nach den besten Plätzen mit den Ellenbogen in die Seite stießen.

    In einer dieser Abteilungen sitzt eine Frau mit stark angeschwollener Wange auf einem Stuhl; zwei kräftige Männer halten ihr den Kopf fest. Jetzt tritt ein weiterer Mann hinzu, mit wirrer Mähne, schwarzem Gesicht, und einer silbernen Zange in der Hand. Die Männer ziehen der Frau die Kiefer auseinander, der Schwarzgesichtige steckt der Frau die Zange in den Mund – ein schriller Schrei – der Mann zieht die Zange zurück und hebt sie hoch – der blutige Zahn steckt drin. Gefälliger Beifall erklingt, den der 'Zahnarzt' mit sichtlicher Genugtuung entgegennimmt.

    Das alles ist so schnell gegangen, dass den beiden Besuchern erst jetzt klar wird, was da geschehen war. „Igittigitt“, stöhnt Taifan, „die arme Frau!“

    „Die Frau ist erstens nicht arm, sonst könnte sie sich den Zahnbrecher dar nicht leisten“, erklärt Ursula, „und zweitens ist sie glücklich, dass der Zahn ganz herausgekommen ist. Obwohl der Goldschmied ein Meister seines Fachs ist, passiert es schon mal, dass der Zahn abbricht. Dann kann es sein, dass der Patient an Vereiterung stirbt.“

    „Wie? Sagtest du Goldschmied?“, fragt Taifan entsetzt.

    „Ja. Nur der besitzt das nötige Werkzeug.“

    Inzwischen sitzt schon wieder ein neuer Patient auf dem Stuhl, der 'Zahnarzt' tritt mit erhobener Zange auf ihn zu –

    „Bitte nicht nochmal“, murmelt Taifan und wendet sich ab.

    „Ich weiß nicht, was du hast“, sagt Kevin, „der Mann leistet doch gute Arbeit! Lieber ein Ende des Schreckens als ein schreckliches Ende!“

    „Ach nee! Das sagt einer, der schon jammert, wenn ihm seine Mutter einen harmlosen Pickel ausdrückt!“

    Ursula, lachend: „Ich schlage vor, wir schauen mal nebenan rein.“

    Nebenan scheinbar das gleiche Bild: Der Patient auf einem Stuhl, zwei Helfer halten seinen Kopf. Doch was geschieht jetzt?

    Taifan hält den Atem an.

    Der Arzt – oder ist es eine Ärztin? – mit einer langen Nadel in der Hand, tritt auf ihn zu, er richtet die Spitze der Nadel auf das linke Auge das Mannes, zögert kurz, sticht zu – –

    Taifan schreit entsetzt auf. „Oh nein, nicht!“ Doch die Operation ist schon vorbei, das Auge wird mit einer Flüssigkeit abgetupft und eine Klappe versehen; die Gesellen helfen dem Mann aus dem Stuhl und führen den stark Taumelnden weg.

    „Meisterin und Baccalaurea der Medizin Sarah Goldapfel, lizenzierte Starstecherin“, erklärt Ursula unbeeindruckt von Taifans Befindlichkeit, „sie sticht die trübe Linse in den Augapfel hinein. So kann der Mann wenigstens –“

    „Bitte, hör auf!“ Taifan hält sich die Ohren zu. „Ich halte das nicht mehr aus! Das ist ja furchtbar!“ In der Tat, sie sieht ziemlich mitgenommen aus.

    „Typisch Frauen!“, dröhnt Kevin, „vertragen nichts.“ Aber auch er ist mittlerweile ziemlich blass um die Nase. Doch er will jetzt keine Schlappe zugeben und ganz Mann sein. „Goldapfel... Goldapfel... klingt irgendwie jüdisch...“

    „Ja. Die Judenheit besitzt die besten Ärzte. Sogar der Papst hat einen jüdischen Leibarzt.“

    „Versteh ich nicht. Ich denke, die Juden sind hier so etwas wie... die Sündenböcke vom Dienst.“

    Ursula sieht Kevin verwirrt an. „Vom Dienst? Wie meinst du das?“

    „Ach, ist nur so´n Spruch.“

    Ursula schweigt.

    „Was gibt´s hier denn sonst noch an ausgefallenen Behandlungsmethoden zu besichtigen?“, fragt Kevin munter.

    „Zwei Abteilungen weiter arbeitet der Chirurg“, sagt Ursula, „aber ich weiß nicht, ob ich euch das jetzt noch zumuten kann.“

    „Ach was! Wo ich schon mal hier bin –“

    „Ohne mich!“, ruft Taifan, „ich schau mir inzwischen den Gaukler da bei der Kirche an.“

    „Okay!“

    „Du brauchst aber starke Nerven, Kevin“, warnte Ursula.

    „Ach was! Wird schon nicht so schlimm werden!“


    Forts. folgt

  • McFee

    ich habe mal bis #4 gelesen.

    Die Geschichte an sich ist ganz interessant und ich konnte mich auch gut darin einfinden. Der Übergang zum Mittelalter war von der Idee her cool gemacht aber die Reaktion darauf mir auch etwas zu flach.

    Ich wäre ziemlich in Sorge gewesen, wie ich da hingekommen bin und wie ich wieder zurück komm und was die Eltern denken wo sie bleiben, den sie wollten ja nur aus WC.


    Das was mir sehr gut gefällt sind die recht realistischen beschreibungen wie es zu der Zeit zuging, aber das Muckiren über die Kleidung fand ich persönlich etwas, nervig würde ich nicht sagen aber auffällig. Zudem fehlt mir die Emotionen der Erfahrungen die die Kids machen etwas dabei. Sie schauen sich um, ja, Kevin weiß mehr wie seine muffige Schwester, gut aber was empfinden sie? Mir fehlt da etwas was mich so richtig abholt.


    Ich hoffe die Kirtik war nun nicht zu hart, aber dafür sehr ehrlich.

    Fantasy ist ein Werkzeug der Magie,
    wer sie beherrscht,
    besitzt die Kunst
    andere zu verzaubern.
    c Antke 2013