Es gibt 119 Antworten in diesem Thema, welches 17.741 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (14. April 2024 um 09:36) ist von Jennagon.

  • Nelli beobachtete, wie sich alle anderen auf dem Steg verteilten und jeder begann die Zivilisation zu genießen. Ihr Blick ruhte etwas länger auf Andre und sie zog die Augenbrauen hoch. Es war sicher spannend heraus zu finden, wie lange die anderen auf seine – oder sollte sie besser sagen ihre – Maskerade herein fielen. Denn dass der junge Matrose sicher kein Mann war, hatte sie schon schnell genug erkannt. Auch das mit seinem komischen Kater etwas nicht stimmte. Oder ihr allgemein. Etwas in der alten Heilerin schauderte jedes Mal, wenn sie das Tier oder dessen Besitzerin anschaute.

    Ihr Blick ging zu Trevor, der mit ihr zusammen das Boot bewachen wollte, bis die anderen wieder da waren. Wobei die Alte sich ernsthaft fragte, wer diese Nussschale wohl stehlen würde. Ihr war aber auch bewusst, dass es vermutlich da auch nie um das Schiff selbst ging, sondern ihre Ladung im Frachtraum. Sie selbst hatte sich nie sonderlich viel aus Geld gemacht, es hatte nur dafür reichen müssen, dass sie genug zu Essen und Zutaten für ihre Tränke hatte. Und genau da würde sie auch ansetzen. Und vielleicht war die Zeit doch mal reif für neue Kleidung. Im Grunde musste sie Edmund Recht geben, wenn er sich immer wieder über die Fetzen, die sie am Leib trug lustig machte. Im Grunde waren mittlerweile wirklich nur Stoffstreifen, die nur wie durch ein Wunder zusammen hielten. Ihr Blick glitt zu Trevor, der die Schäden am Segel begutachtete.

    Kann ich dich kurz allein lassen, Bursche?“ rief sie nach oben und schirmte ihre Augen mit der Hand gegen die Sonne ab. Der Formwandler saß oben auf dem Mast und für einen Moment war Nelli sich nicht sicher, ob er sie gehört hatte, ehe er dann aber seinen Daumen nach oben streckte.

    Wenn du Hilfe brauchst, sagst du Bescheid“, verlangte er, was der alten Frau ein leises Schnauben entlockte. Für neue Kleidung würde sie seine Hilfe sicher nicht in Anspruch nehmen. Kurz wanderte sie unter Deck, nahm sich etwas von dem Geld, was in einer der Truhen gelagert war, und wanderte dann selbst über den Steg an Land. Es fühlte sich komisch an, plötzlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Der Sand auf dieser kleinen Insel hatte unter ihren Füßen nachgegeben, doch der gepflasterte Grund des Hafens, war unnachgiebig und hart. Die gefühlt hunderte von Stimmen, die ihr entgegen schallten, überforderten Nelli einen kurzen Augenblick lang, sodass sie versucht war, zurück aufs Schiff zu gehen, wo es eindeutig ruhiger war.

    Jetzt reiß dich zusammen, alte Fledermaus. Das ist nichts, was du nicht kennst!“ rief sie sich selbst zur Ordnung und lief durch die Gassen, auch der Suche nach einem Laden, der sie als Kundin auch bedienen würde.

    Ein leises Klingeln ertönte, als sie ein Geschäft betrat. „Oh, habt ihr etwas vergessen, edle...“ begann der Ladenbesitzer, brach aber schlagartig ab, als er sie erblickte. Sofort konnte Nelli sehen, wie sich sein Blick und seine Haltung veränderte, erkannte die Abscheu und den Ekel in seinen Augen. Innerlich seufzte sie. Natürlich, warum sollte es je anders sein? „Ich brauche neue Kleidung“, erklärte sie dann ruhig und setzte ein zahnloses Lächeln auf. „Ganz offensichtlich“, erwiderte der Mann murmelnd und taxierte die alte Heilerin von oben bis unten. „Ich weiß nicht, ob ich etwas habe, was eurer...Preiskategorie entspricht.“ Missbilligend schnalzte Nelli mit der Zunge und legte den Kopf schief. „Oh, mach Dir darüber keine Sorgen. Ich werde Deine Preise schon bezahlen können“, antwortete sie herausfordernd und pfiff auf irgendwelche Höflichkeiten, die an diesen Schnösel völlig verschwendet waren. Vielleicht war Edmund deshalb so, weil er in so einem Umfeld groß geworden war. „Ich benötige etwas praktisches, am besten im Kombination mit einer Schürze. Es sollte für warme Temperaturen nicht zu dick sein, aber im Winter frieren will ich auch nicht. Eine Art Jacke oder Mantel wären für schlechtes Wetter auch nicht schlecht.“ Ihr Blick ruhte bei ihrer Aufzählung auf ihrem Gegenüber. „Meinst du, du hast etwas um meinen Ansprüchen gerecht zu werden?“ wollte sie herausfordernd wissen und langsam kam Bewegung in den Ladenbesitzer, der ihr zwei Kombinationen zeigte. Nelli musterte beide, ließ ihre knorrigen Finger über den Stoff wandern und entschied sich dann für ein dunkelblaues Ensemble aus einem Rock, einer Tunika und einer Weste. Gegen das schlechte Wetter fiel ihre Wahl auf einen Umhang aus Loden, der schwer, aber auch angenehm warm auf ihrer Haut lag. Widerwillig ließ der Händler zu, dass sie sich bei ihm umzog und ihre alte Kleidung im Müll landete. Richtig freundlich wurde er erst, als er Nellis Geldbeutel sah. Dachte ich mir doch, du kleine gierige Ratte! Dennoch konnte sie sich das Grinsen kaum verkneifen, als der Mann ihr dann auch noch die Tür öffnete und ihr einen schönen Tag wünschte. Den würde er sicherlich nicht haben. Denn auch wenn sich die Alte nichts hatte anmerken lassen, so würde sie dennoch dafür sorgen, dass er es bereuen würde, so mit ihr umgegangen zu sein. Der Haarausfall, der ihn die nächsten Tage ereilen würde in Kombination mit dem hässlichen Ausschlag würden sicher eine Auswirkung auf sein Geschäft haben.

    Zufrieden mit ihrem Einkauf watschelte sie durch die Gassen, musterte die Auslagen in den Ständen und Geschäften. Schnell fand sie, was sie suchte und nach einigem Feilschen fanden etliche Kräuter, Tinkturen und auch die Zutaten für ihren Schnaps den Weg in ihren Beutel. Ihr Geldbeutel wurde immer leerer, doch das störte sie recht wenig. Es war noch genug unter Deck und einen Großteil davon würde sie ja auch zum Wohl ihrer Begleiter einsetzen. Und nach allem, was sie bisher mit ihnen erlebt hatte, konnte sie gar nicht genug Zutaten dabei haben. Alles in allem ein erfolgreicher Tag, bis sie einen bläulichen Schimmer am Rande ihres Gesichtsfeld wahr nahm. Erstaunt drehte sie sich um. Ein Geist? Hier? Jetzt?

    Etwas abwesend folgte sie der Gestalt in eine etwas ruhigere Gasse. Als sie jedoch erkannte, wer das war, stolperte sie ein paar Schritte zurück. Wie war der Name des Matrose der Elefteria noch gleich gewesen? Sandro...Siegmar...Silvester – was für ein dämlicher Name, wer würde denn sein Kind so nennen? - Stiev! Das war es! „Was willst du denn von mir?“ Das Misstrauen in ihrer Stimme war unüberhörbar, ihre letzte Begegnung mit einem Geist war nicht so gut gelaufen. Das Gespräch mit Johnny wollte ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen, egal wie oft Trevor behauptete, dass es in Ordnung war. Und gerade Stiev, der ihretwegen gestorben war, hatte sicherlich nicht viel Liebe für ihre Gruppe übrig. „Ich will euch nur warnen. Sie sind hier und auf der Suche danach, die verlorene Mannschaft zu ersetzen. Und ziemlich sauer, dass keine Schätze unter Deck waren“, berichtete der Matrose so schnell, dass Nelli Schwierigkeiten hatte, ihm zu folgen. Ob er wohl wusste, dass er keiner Gefahr mehr ausgesetzt war? Da er schon lebendig nicht mit besonders viel Grips geglänzt hatte, wagte die Heilerin das zu bezweifeln. „Wenn sie euch sehen, vor allem Armod, dann wird das kein gutes Ende nehmen“, beteuerte Stievs durchscheinende Gestalt weiter. Endlose Gefahren, natürlich. Warum sollte auch irgendetwas hier friedlich ablaufen? Genervt stöhnte die Alte auf und nickte Stiev dennoch dankbar zu. „Du hast deine Pflicht und deine Aufgabe erfüllt. Ich danke dir und du kannst jetzt in Frieden Ruhen“, sagte sie ruhig, doch der Matrose streckte seine Hand nach ihr aus. „Bitte...an Bord der Elefteria sind ist noch ein Ring unter der losen Diele im Lagerraum. Bitte bringt den meiner Verlobten, sie wartet auf mich.“ Nelli schluckte schwer und nickte dann. „Ich verspreche es dir“, erwiderte sie leise und mit einem Lächeln wurde die durchscheinende Gestalt immer blasser, bis sie ganz verschwand.

    • Offizieller Beitrag

    Trevor hatte Nellis Einkäufe mit ihr zusammen verstaut.
    Nun sah sie Trevor erwartungsvoll an. „Willst du dir nicht auch etwas gönnen, mein Lieber?“
    „Ja, schon“, erwiderte der Formwandler. „Ich habe es nur nicht eilig damit.“
    Es war ungewohnt für ihn, so viel Geld zu besitzen. Er wusste nicht, für was er es genau ausgeben sollte. Ausrüstung, das war schon klar, aber, wo bekam er die in Hafennähe her? Meist waren dort nur wenig Rüstungsmeister oder Schmiede zu finden. Zumindest welche, deren Arbeit man gebrauchen konnte.
    „Sieh dich doch einfach etwas um“, bestärkte Nelli ihn.
    Nickend stimmte Trevor ihr zu, holte sich etwas Gold aus der Truhe und ging an Deck. Hier kam ihm Esther entgegen, die er, ob ihrer neuen Kleidung, erst einmal verwirrt musterte.
    „Gar nicht schlecht“, dachte er, was sie ihm sicherlich auch am Blick ansah.
    „Hast du Edmund gesehen?“, wollte sie von ihm wissen.
    „Häh, was?“, fragte Trevor und musste seinen Blick erst von ihrem neuen Aufzug lösen. Sie sah nicht mehr aus wie eine Adlige, sondern wie eine Kampfmagierin. Trotzdem konnte er nicht behaupten, dass sie durch diesen Aufzug etwas von ihrer Anmut einbüßte, denn hübsch war sie nun mal. „Eh, nein, warum?“
    „Ich habe … da ist …“, begann sie, zu stottern. „Ich habe den Seemann gesehen, der bei der Meuterei dabei war. Er hat sein Schiff gewechselt.“
    Trevor sah augenblicklich über den Hafen hinweg. „Aha …“, nuschelte er. Das war die Gelegenheit, Rache zu nehmen.
    „Wir sollten uns zusammensetzen und bereden, was wir jetzt tun werden. Vielleicht bekommen wir das Fernrohr zurück.“
    Warten … großartig.
    „Vielleicht kannst du nach ihm Ausschau halten, wenn du in die Stadt gehst?“
    Trevor seufzte. „Werde ich.“
    Gerade, als er gehen wollte, hielt Esther ihn noch einmal auf. „Und Trevor?“
    „Aye?“
    „Sieht das albern aus?“
    Sie verwies auf ihre Kleidung.
    „Nobe! Solltest du ab jetzt immer tragen!“
    Sie lächelte und wirkte fast etwas verlegen.
    Trevor machte sich auf den Weg. Die Straßen der Stadt waren außergewöhnlich gut gepflastert. Oftmals watete er durch knöchelhohen Schlamm, wenn sie früher irgendwo an Land gegangen waren. Geschäft reihte sich an Geschäft, aber eine Schmiede konnte er nirgends entdecken. Jetzt brauchte er sie mehr denn je, da Esther den Seemann entdeckt hatte. Noch einmal wollte er keine Begegnung riskieren, in der sein Oberkörper so ungeschützt war wie bei der Meuterei.
    Trevor schlenderte eine ganze Weile durch die Gassen, fragte Anwohner, wo er sich ausstatten konnte, aber diese drehten sich immer nur von ihm weg. Das konnte er verstehen. Bei einem Blick in ein Fenster wirkte er mehr wie ein Obdachloser, anstatt wie ein Seemann, der ausreichend Gold in der Tasche hatte, um sich die Dinge leisten zu können, nach denen er fragte. Vielleicht sollte er sich erst einmal um sein Äußeres kümmern, bevor er sich in neue Kleidung zwängte. Deshalb blieb er vor einem Badehaus stehen.
    Ein heißes Bad wird nicht schaden …
    Er trat ein, bezahlte großzügig den Preis und wurde urplötzlich wie ein König behandelt, nachdem sich der Besitzer der Echtheit des Goldes versichert hatte. Er bekam ein Bad für sich alleine, in das von Frauen Speisen und Wein gebracht wurde. Ihre Kleider waren gerade so lang, dass sie das Nötigste bedeckten. Es wirkte mehr, als hätten sie sich Tischdecken umgebunden. Und er bekam das Gefühl, dass sie das mit Absicht trugen. Währenddessen fragte sich Trevor ebenso, was ein Einzelbad, das mehr aus einem Schwimmbecken bestand, für einen Nutzen hatte, wenn ständig jemand eintrat. Unzählige Male boten ihm die Frauen an, ihn zu säubern, was er höflich ablehnte. Sich mit einem Schwamm abschrubben schaffte er noch allein. Er wollte doch nur etwas die Ruhe genießen …
    Nach dem Bad hatte er sich nicht einmal gänzlich angezogen, da stand schon eine weitere Frau hinter ihm, die ein Tablett in ihren Händen hielt. „Soll ich mich um Ihr Haar kümmern?“, säuselte sie.
    Trevor fuhr sich durch seinen langen Schopf. „Das könnte wahrscheinlich nicht schaden“, dachte er laut.
    Sie zeigte auf einen Stuhl, auf den er sich setzten sollte, stellte das Tablett ab und griff zu einem Kamm. „Seid Ihr ein Soldat?“, fragte sie und musterte seinen Oberkörper. Ihre Blicke blieben an den vielen Narben hängen, die seinen Körper zierten.
    „Nein“, antwortete er und dachte nach. „Eigentlich bin ich … Vielleicht so etwas in der Art.“ Ein Pirat war sicherlich nicht gern gesehen, und irgendwie war er das auch nicht mehr. Um Pirat zu sein, brauchte man ein Piratenschiff.
    Die Dame warf sich lasziv lächelnd ihren blonden Zopf über die Schulter und begab sich hinter ihn. Sie begann, sein Haar zu kämmen. Durch den rauen Wind und der harten Arbeit, hatte sie alle Hände damit zu tun, die Knoten zu entfernen, wofür er sich entschuldigte.
    Lachend kämmte die junge Frau weiter und schlug vor, das Haar an manchen Stellen etwas zu kürzen, damit Trevor es in Zukunft leichter hatte.
    Da ihm weitestgehend sein Haar egal war, meinte er, sie solle tun, was sie wollte. Es war schließlich nur so lang, da man auf See selten einen Barbier fand.
    Kaum hatte er ihr gestattet, zu tun, was sie wollte, fing sie an, seine Seiten komplett abzurasieren. Nur sein Deckhaar ließ sie stehen, dass sie mit etwas Duftöl behandelte, damit sie es engmaschig flechten konnte, ohne, dass ihr Strähnen abhandenkamen. Nachdem sie damit fertig war, stellte sie sich mit dem Rasiermesser vor ihn. „Euren Bart auch?“
    „Etwas?“

    Wieder lächelte sie und setzte sich einfach auf seinen Schoß.
    Er war schon oft rasiert worden, aber so noch nicht. Sein Gesicht wurde heiß, als er sah, dass er der jungen Frau in den Ausschnitt schauen konnte.
    Unterdessen kürzte sie den Bart und machte ihn sauber.
    „Verzeiht … Ist es nötig, dass Ihr …“, stammelte er.
    „Stört es Euch?“, wollte sie wissen.
    „Stören ist nicht das passende Wort …“, murmelte Trevor und hing mit seinem Gesicht beinahe zwischen ihren Brüsten.
    „Sondern?“
    Vorsichtig schob er die Blondine von seinem Schoß. „Ich bin mir nicht sicher, was Ihr vorhabt, aber … dazu bin ich nicht hier.“
    Der Blick der jungen Frau wechselte von verschmilzt lächelnd zu verwirrt. „Wofür nicht?“
    „Na, das hier …“, erwiderte Trevor und fuchtelte mit seinen Händen herum. „Ihr müsst nicht so tun, als würde ich Euch gefallen.“
    „So tun?“, wiederholte sie. „Warum sollte ich denn so tun?“
    „Naja, das ist ein Bad, ihr seid alle knapp bekleidet …“

    Ihr Blick erhellte sich. „Ihr haltet mich für eine Hure?“
    „Neeein!“, antwortete Trevor gedehnt und war nun selbst verwirrt. War sie das nicht?
    „Wie Ihr sagtet, ist dies hier ein Bad und kein Bordell. Wir sind knapp bekleidet, weil es in den Dampfbädern unheimlich heiß werden kann. Dicker Stoff würde außerdem sehr langsam trocknen. Alles, was ich tue, tue ich aus freien Stücken.“
    Trevor entschuldigte sich tausendfach für dieses Missverständnis, aber die junge Frau dachte gar nicht daran, sich zu beruhigen. Da sie ohnehin mit ihrem Werk fertig war, schnappte sich Trevor sein Hemd, warf ihr zur Entschuldigung eine weitere Münze hin und flüchtete aus dem Badehaus hinaus. Die Frau folgte ihm und erzählte lautstark etwas von Emanzipation und das auch Frauen Spaß gebrauchen konnten.
    Weiterhin sich entschuldigend, lief er rückwärts und stolperte in das nächste Geschäft hinein. Krachend landete er auf seinem Rücken und sah plötzlich kopfüber in ein bekanntes Gesicht. „Ihr …“, stieß Trevor wütend aus. Er erkannte den Verkäufer wieder, der ihm den Ramsch verkauft hatte. Nelli hatte etwas von Koboldmagie erwähnt, deshalb war es wahrscheinlich nicht verwunderlich, dass sein Laden auch an diesem Ort auftauchte. Aus irgendeinem Grund hatte er sich an Trevors Fersen geheftet.
    „Ihr seht gut aus!“, begrüßte ihn der Kobold und grinste.
    „Und Ihr seht gleich tot aus!“, erwiderte Trevor und rappelte sich auf.
    Schützend hielt der Verkäufer seine Hände vor sich. „Jetzt wartet doch einen Moment …“
    „Ich reiß Euch in zwei Hälften und verstreue Euch in alle Winde …“

    Der Kobold schob sich mit einer Hand seine Brille auf dem Nasenrücken zurück. „Das ist mathematisch gar nicht …“
    „Ist mir scheiß egal, ob das rechnerisch möglich ist, du Pisstopf! Ich mache aus deinem Schädel ein Nachtlicht!“
    Trevor ging bedrohlich auf ihn zu.
    Der Kobold griff rasch in seine Tasche und warf etwas auf den Boden. Umgehend verteilte sich Rauch im Laden, sodass Trevor seine eigene Hand vor Augen nicht sehen konnte. „Komm raus, du Arschgesicht.“
    „Nicht, wenn Ihr so erregt seid. Man kann doch über alles verhandeln.“

    „So wie beim letzten Mal? Vergesst es! Ich reiß Euch den Schädel ab, furz Euch in den Hals, piss Euch ins Maul und danach … danach scheiß ich Euch die Wände voll!“
    Plötzlich tauchte der Kobold im sich lichtenden Nebel wieder auf. „Ihr seid aber kreativ.“
    Trevor schnappte sich den Verkäufer am Kragen und schüttelte ihn wie ein nasses Segeltuch. „Ihr werdet sehen, wie kreativ ich bin, wenn ich Euer Gebiss auf die Kante Eures Verkaufstresen gelegt und so lange auf Euch eingeschlagen habe, bis man euch beide nicht mehr auseinanderhalten kann!“, schrie Trevor.
    „Wartet … wartet …“, flehte der Kobold. „Ich habe etwas für Euch, nachdem Ihr gesucht habt.“
    „Und woher soll ich wissen, dass Ihr mich nicht wieder verarscht?“
    „Ihr habt etwas, dem kein Kobold widerstehen kann!“
    Er schaute auf Trevors Beutel hinunter.
    „Gold?“, wollte Trevor wissen.
    Die Augen des Kobolds wurden glasig und er grinste über das ganze Gesicht. „Ja, Gold“, hauchte er erfreut.
    Trevor ließ den Kobold los und schaute ihn abwartend an. „Und was habt Ihr für mich?“
    „Uhh … uhh … eine Rüstung.“
    Er lief ganz euphorisch zu einem großen Schrank und öffnete ihn. Hinter den Türen erschien eine pechschwarze Rüstung. „Geschmiedet in den Metallöfen der Zwerge im hohen Norden … So alt, dass sie mehr Leben hat kommen und gehen sehen als die Elfen von Ymaldril.“
    „Und wenn ich in den Regen komme, löst sie sich wahrscheinlich auf.“
    „Zeigt etwas Respekt“
    , widersprach der Kobold ernst. „Diese Rüstung schützt Euch vor Stößen und Klingen. Genau das passende für einen Formwandler.“
    Trevor betrachtete den Kobold skeptisch. „Ich traue Euch nicht.“
    „Zurecht …“, er legte sich den metallenen Brustpanzer an, der ihm viel zu groß war. „Schlagt zu!“
    Trevor ließ sich kein zweites Mal bitten und schlug zu.
    Der Kobold flog durch die Wand in den nächsten Raum hinein, indem andere Kobolde saßen; sie schliffen Steine, nähten Kleidung und unterhielten sich.
    Daher kommen also die ganzen Fälschungen …
    Kurz unterbrachen sie ihre Diskussionen, während sich der Verkäufer aufrappelte. Hustend trat er wieder in den Verkaufsraum. „Seht Ihr? Nicht ein Kratzer.“
    „Ihr blutet am Kopf“
    , widersprach Trevor.
    „Ja, aber meiner Brust geht es gut.“
    „Und was soll diese Rüstung kosten?“
    „Eine ganze Goldmünze. Für eine weitere bekommt Ihr noch ein passendes Schwert, dessen Klinge Ihr nie schärfen müsst und einen Schild.“

    Trevor überlegte und betrachtete die Rüstung. Der Brustpanzer besaß einen ausgeprägten Schulterschutz. Es war keine vollständige Rüstung, wie er sie von Schlosswachen kannte. Die Unterarmschienen würden seine Arme nur zur Hälfte schützen, aber dafür konnte er sich bewegen. Die Rüstungshandschuhe bedeckten lediglich die Oberseite seiner Hände. Über der schwarzen Hose befanden sich lederne Schenkeldeckel. Diese Art Rüstung bot ihm genug Bewegungsfreiheit, sodass er nicht steif in der Gegend herumstand. Genau das, was er brauchte. Zudem würde er so nicht die halbe Besatzung wecken, wenn er sich bewegte. Mehr Schutz hatte er nicht nötig – zumindest dachte er das. Das tiefschwarze Hemd und die Stiefel rundeten alles ab. „In Ordnung“, schlug er auf den Handel ein. „Und der Rest?“
    Erfreut hüpfte der Kobold in den Nebenraum, für dessen neuen Zugang Trevor gesorgt hatte und holte ein Schwert hervor. Eigentlich zog er es mehr hinter sich her, da es nicht für seine Körpergröße gemacht war. „Hier! Jetzt dürftet Ihr für alles, das kommt, ausgestattet sein.“
    „Und wehe, es stellt sich etwas als Ramsch heraus.“
    „Wird es nicht. Wirklich. Ich hätte da aber noch einen Helm …“

    Trevor verlor allmählich seine Geduld. „Ich brauche keinen Helm!“, dementierte er.
    „Und wenn Euch etwas am Kopf trifft?“
    Trevor stöhnte. „Und was ist das für ein Helm?“
    Der Kobold grinste und holte einen schwarzen Totenkopf als Helm hinter seinem Rücken hervor.
    Wie ist der dahin gekommen?
    „Der passt doch zu Euch!“, pries der Kobold den Helm an.
    Augenrollend nahm Trevor den Helm an sich; setzte ihn aber nicht auf, sondern band ihn sich an seinen Gürtel. Er bezahlte alles und trat mit neuer Ausrüstung aus dem Laden heraus, der daraufhin einfach verschwand. „Kobolde …“ murmelte Trevor genervt vor sich hin und lief die Straße entlang. Umgehend fiel ihm auf, dass sich die Menschen nicht mehr von ihm angewidert abwanden. Eine Mutter schob ihre Kinder in das Haus vor sich und schloss die Tür. Die Leute traten allgemein einen Schritt von ihm weg, und er musste zugeben, diese Reaktion gefiel ihm irgendwie besser. Jetzt sollte er sich auf die Suche nach Edmund machen, wenn er auf seine Rache nicht ewig warten wollte. Wer wusste schon, wo sich der reiche Händlersohn verkrochen hatte … Reich und Händlersohn! Trevor fragte einige Bewohner nach der besten und teuersten Taverne, und alle waren sich einig. Sie sagten, er solle in den Goldenen Pfau gehen. Da bekäme Mann alles, was er begehrt. Trevor wusste, was das hieß, und ja, das klang nach Edmund. Zielstrebig lief er in die Richtung, in die er geschickt worden war, bis er in eine noch bessere Gegend kam. Häuser, die ausschließlich aus hellem Gestein bestanden, säumten die Straßen. Die Menschen hier trugen edle Kleidung, besaßen Bedienstete, die ihnen ihr Hab und Gut nachtrugen, während sie sich angeregt mit anderen auf der Straße unterhielten. Schlussendlich stand Trevor vor dem Goldenen Pfau. Ein steinernes Schild, worauf das „Goldene“ in eben dieser Farbe hervorgehoben war, schmückte den Eingang. Aus dem Inneren war seichte Musik zu hören. Diese Taverne unterschied sich vehement von denen, in denen sich Edmund und Trevor zuvor betrunken hatten. Der Formwandler atmete tief durch und betrat dann das Gebäude. Kaum hatte er den Eingang betreten, eröffnete sich ihm ein Anblick, den er so nicht kannte. Wasser plätscherte in einem Brunnen, der die Mitte des großen Raumes zierte. Eine Glaskuppel über diesen ließ Tageslicht hinein und überall verhangen seidene Vorhänge Zugänge in andere Bereiche. Hinter dem Tresen wackelte ein korpulenter Mann hervor, der aussah, als hätte eine Wildsau einen Flamingo gefressen – oder umgedreht. Er trug bunte Farben an Augen und Lippen, hatte sich einen riesigen Leberfleck auf die Wange gemalt und seine Kleidung erstrahlte in einem grellen Rosa.
    „Nanu nana …“, näselte der dickliche Mann. „Wo kommst du denn her, mein Großer?“
    „Von draußen!“, antwortete Trevor trocken.
    Übertrieben begann der Mann zu kichern. „Was kann ich denn für dich tun?“
    „Ich suche einen jungen Mann!“
    , erklärte der Formwandler und schaute sich bereits im Raum ausgiebig um, aber noch war Edmund nicht zu entdecken.
    „Welcher Art denn?“
    „Zirka so groß …“
    Trevor verwies mit seiner Handfläche auf Edmunds geschätzter Körpergröße, „… schmal, aber nicht schmächtig. Dunkles Haar, blaue Augen. Wirkt auf den ersten Blick arrogant, wohl auch auf den zweiten, aber eigentlich ein ganz verträglicher Zeitgenosse.“
    „Herrje, das grenzt die Auswahl aber immens ein. Ein Mann, der weiß, was er will, das gefällt mir.“
    „Ist hier jemand, auf den die Beschreibung passt? Ja oder Nein?“

    Wieder gluckste der Mann und dachte nach: „Ich werde sehen, ob ich so jemanden finde, mein Hübscher. Hier bleiben bekanntlich keine Wünsche offen.“
    „Häh?“
    Bevor Trevor fragen konnte, was er damit meinte, tänzelte der seltsame Kerl schon davon. Er sah sich in der Zwischenzeit weiter um. Beim Anblick des Tresens fiel ihm auf, dass er bei seinem Landgang noch nichts gegessen oder getrunken hatte. Im Badehaus war er wegen der Frauen gar nicht dazu gekommen, etwas zu sich zu nehmen. Knurrend hing ihm sein Magen mittlerweile in den Gedärmen und es fühlte sich an, als würde er versuchen, sich selbst zu verspeisen.
    Eine brünette junge Frau kam herbei, die sich hinter den Tresen stellte. „Darf ich Euch etwas servieren?“, fragte sich und lehnte sich provokant mit ihrem Busen auf die Steinplatte vor sich.
    „Bier!“, antwortete Trevor und lehnte sich an den Tresen.
    Sogleich servierte die junge Frau ihm sein Getränk in einem Kristallglas, das ebenfalls zeigte, dass dieser Laden mit den Hafentavernen nicht zu vergleichen war. Gerade, als die Brünette etwas zu Trevor sagen wollte, kehrte der Paradiesvogel zurück und hatte einen jungen Mann am Kragen. „Hier, dieser junge Mann dürfte deinen Geschmack treffen“, begann er, woraufhin sich die junge Frau mit einem „Oh“ von Trevor abwandte und verschwand.
    Trevor begutachtete den Knaben, den der Kerl mit sich führte. Das war nicht Edmund.
    „Hi, ich bin Norm“, stellte sich der Jüngling vor.
    „Eigentlich arbeitet er in der Küche“, erklärte der pinke Geselle. „Aber gegen etwas zusätzliches Geld hat er nichts.“
    „Mein Signalwort ist ‚Apfelstrudel‘“, meinte Norm.
    „Was bei den Klabautermännern …“, fing Trevor an zu krakeelen und lief rot an. „Ich suche nicht irgendeinen Kerl, sondern einen bestimmten. Es ist möglich, dass er hier Gast ist oder war. Zudem … ziehe ich Frauen vor, nur, damit das klar ist.“
    „Einen Gast?“, hakte der korpulente Mann nach und ließ Norm los. „Warum hast du das nicht gleich gesagt, Schätzchen? So einer ist vorne im Schankraum. Du bist in das … Gesellschaftsabteil gelaufen.“
    „In das was?“
    „In den Bereich der Taverne, der kein Bordell ist.“

    Trevor sah sich noch einmal um. Deswegen die Vorhänge vor den Zimmern. Hinter jenen versteckten sich dicke Holztüren, die den Kunden die nötige Privatsphäre ermöglichte. Trevors Gesicht wurde heiß wie Wüstensand. Der Kerl vom Empfang hatte wirklich gedacht, er wollte einen anderen Mann mit auf ein Zimmer nehmen. Erst bezichtigte er an diesem Tag, dass eine junge Frau eine Prostituierte war, obwohl sie es nicht war und jetzt stand er, ohne es zu merken, inmitten eines Bordells. Einmal mehr wurde er sich gewahr, warum er Landgänge hasste. Er legte ein paar Münzen auf den Tresen, exte sein Glas und ließ sich den Weg in den Schankraum weisen. Vor Scham setzte Trevor seinen Helm auf, während er an Räumlichkeiten vorbeilief, aus denen eindeutige Laute zu ihm drangen. Nicht jeder musste ihm ansehen, wie unangenehm ihm diese Verwechslung war.
    Nachdem er den Schrankraum erreicht hatte, entdeckte er Edmund sofort zwischen einem Haufen Männern und Frauen, die förmlich an seinen Lippen hingen. Auch Andre saß dabei, was ihn etwas wunderte, aber nach der Zeit auf dem Schiff, war es sicherlich nicht außergewöhnlich, dass er mit Edmund etwas aß.
    „Und das war die Geschichte, wie wir, dank mir, dem Kraken entkommen sind“, erzählte der Händlersohn, was Trevor die Brauen unter seinem Helm anheben ließ.
    „Ich habe dich gesucht!“, sprach der Formwandler den Händlersohn gedämpft durch das Metall an.
    Edmund hob ebenfalls seine Brauen und wirkte verunsichert. „Ich habe niemanden bestellt.“
    Trevor erinnerte sich an seinen Helm und zog ihn ab. „Ich bin es“, erklärte er.
    „Trevor?“, fragte Edmund.
    „Wer denn sonst?“
    „Wozu der Helm? Steht dir gar nicht“, meinte Edmund grinsend und wandte sich gleich darauf wieder den Damen und Herren zu.
    „Der soll auch nicht gut aussehen, sondern … Ist auch egal. Ich muss dir etwas erzählen. Esther hat …“
    Edmund hörte Trevor gar nicht zu. Viel lieber unterhielt er sich mit einer Frau, die ihn über seinen augenscheinlich neuen Anzug fuhr.
    Andre schien die Situation abschätzig zu beobachten.
    „Edmund, wir sollten zum Schiff zurück.“
    „Entspann dich mal, wir haben doch keine Eile. Du siehst aus, als würdest du gleich zusammenbrechen“
    , wandte der Händlersohn ein und bestellte für Trevor Wein und Essen, ehe er sich weiter der Damenwelt widmete.
    Trevor wollte ihm widersprechen, aber die Aussicht nach Speis und Trank ließen ihn verstummen. „Na gut“, gab er nach, „aber danach sollten wir gehen.“
    „Jaja“, säuselte Edmund und wollte den Formwandler erst ignorieren, bis er ihn schelmisch angrinste. „Im Übrigen ist das der Mann, von dem ich euch erzählt habe. Lasst euch von seiner Erscheinung nicht verunsichern, er hat einen weichen Kern. Und für die Frauenwelt …", er senkte die Stimme, "er ist noch zu haben."
    Etliche Damen wandten sich nun Trevor zu, der sich schüchtern lächelnd an den Tisch setzte, der nur noch wenig Platz bot. Er räusperte sich. „Edmund, was soll das?“, presste er zwischen zusammengebissene Zähne empor.
    „Du sollst dich entspannen“, forderte ihn sein Freund auf und klopfte ihn auf den Rücken. „Er ist etwas schüchtern, der Gute“, sprach er zu allen. „Dabei ist das gar nicht nötig. Unter der Rüstung steckt ein gut gebauter, junger Mann, der jede Frau erröten lässt." Edmund beugte sich zu den Frauen vor und grinste. "Erstklassige Muskeln, kann ich euch sagen."
    War das so? Wurde er so wahrgenommen? Nur wegen etwas Arbeit auf See?
    „Naja …“, erwiderte Trevor zurückhaltend, während er von den Frauen gemustert wurde. Nachdem ihm das Bestellte gebracht worden war, schlang er das Essen hinunter, kippte zwei volle Weinbecher hinterher und schenkte sich eifrig nach. Das konnte er gebrauchen. Er musste die Schamröte unterdrücken, die die Blicke der Damen mit sich brachten, während Edmund weiter von ihrer Reise erzählte. Er schmückte alles etwas aus, aber das störte Trevor nicht. Das taten immerhin alle. Gerade, als Edmund zu dem Teil mit den Kannibalen kam, schwang die Tür zur Taverne auf und zwei fiese Gestalten traten ein. In dreckiger Kleidung standen sie im Raum und forderten gleichauf etwas zu essen und Bier. Auch, wenn Edmund und Trevor am Beginn des Tages noch nicht besser ausgesehen hatten, wussten sie sich sehr wohl zu benehmen.
    Die beiden Neuankömmlinge machten mehr den Anschein, als wollten sie Ärger.
    Die Schankmagd brachte den beiden das bestellte Bier, das sie umgehend auf den Boden ausleerten. „Wir haben Bier verlangt und nicht diese Plörre“, schimpfte der Fette von beiden.
    Trevor beäugte die beiden genau. Vielleicht wurde der Tag doch noch interessant.
    Die Schankmagd brachte neues Bier, während die beiden Kerle sich umsahen. Der eine sah recht kräftig aus, der andere wirkte neben diesen wie eine halbe Portion. Kurz unterhielten sie sich, dann stapfte der Dicke auf den Tisch zu, an dem Edmund und der Rest saßen. „Na, was seid ihr denn für eine Runde?“, wollte er wissen, und Trevor sah Edmund an.
    Trevor wollte wissen, ob er abwarten oder direkt eingreifen sollte. Edmund war im Reden bekanntlich besser als Trevor. Das sah man schon an den Leuten, die bei ihm saßen.

    "Die Runde, die sich von eurem Geruch belästigt fühlt. Schon mal etwas von Seife gehört?“, entgegnete Edmund und rümpfte die Nase.
    Vielleicht hatte sich Trevor auch geirrt.
    Der Fette lachte. „Es ist ganz schön frech, dass ihr die Anwesenheit aller Damen für euch beansprucht. Wir können uns bestimmt einig werden.“ Er ballte beide Fäuste, was wohl hieß, dass er die Damen nicht höflich um ihre Anwesenheit bitten wollte.
    „Wenn die Damen freiwillig mitgehen, werde ich sie nicht aufhalten“, erwiderte Edmund schlichtend, und die Damen rückten weiter in die Sitzgruppe hinein. Das hieß wohl Nein.
    Der Fette verfinsterte seinen Blick und wollte gerade nach dem Handgelenk einer der Damen greifen, als Trevor jenes ergriff und ihn aufhielt. „Ich denke nicht, dass eine mitgehen will“, meinte der Formwandler und stierte den Fetten an.
    „Schau mal, der Lauch spricht für die Weiber“, krakeelte der Schmächtigere von beiden.
    „Tja, die freundlichen Mistsäcke wollen es nicht anders." Edmund zuckte mit seinen Schultern. "Pass auf, dass du dir nichts einfängst, Lauch. Ich glaube, die verbreiten eine Krankheit. So, wie die riechen, verwesen die von Innen.“
    Da Trevor die Erlaubnis von Edmund hatte, sich um das Problem zu kümmern, richtete er sich langsam auf. Auch, wenn der Fette einen halben Kopf größer als er war, ängstigte ihn das nicht.
    „Was willst du, Fatzke?“, fragte der Fette. „Dich esse ich zum Frühstück.“
    „Und ich töte sowas wie dich im Schlaf“, erwiderte Trevor, während die Gäste näher an Edmund heranrückten. Dieser lehnte sich entspannt zurück.
    „So wie du aussiehst, meinst du das mit dem Essen ernst. Schwitzt du eigentlich schon vom Atmen?“, fragte Edmund und trank genüsslich von seinem Wein.
    Der Besitzer der Taverne, der bunte Vogel, kam herbeigeeilt und versuchte, die Situation zu retten. Er bot den beiden fremden Herren eine Horde anderer Damen an, aber die Neuankömmlinge verneinten dies. Sie wollten eine oder zwei der Frauen, die an Edmunds Tisch saßen. Vermutlich nur, damit sie ihre Überlegenheit ausspielen konnten.
    Schroff warf der Fette den Besitzer mit seiner freien Hand beiseite und befreite seine andere aus Trevors Griff. „Ihr wollt doch sicherlich keine Probleme, oder?“
    „Weiß nicht, Trevor. Wollen wir?“
    , antwortete Edmund und nahm entspannt einen weiteren Schluck.
    „Die haben sie bereits“, meinte Trevor und wich mit seinem Blick nicht vom Fetten ab.
    Dieser holte aus und schlug Trevor einfach ins Gesicht.
    Trevor wankte nicht, sondern wandte sich dem Fetten nach dem Schlag wieder zu, hielt sich das Kinn und grinste. „Ist das Euer Ernst?“, versicherte sich der Formwandler.
    „Was war das denn? Du schlägst ja zu wie ein Mädchen“, bestärkte der Händlersohn den Formwandler und lachte.
    Die Gruppe von Menschen rückte Edmund immer weiter auf die Pelle. „Keine Sorge“, meinte der Händlersohn. „Macht es wie ich. Lehnt euch zurück und genießt die Vorführung.“
    Trevor trat einen Schritt vom Tisch weg und stand so dem Dicken genau gegenüber. „Ich lasse euch noch diese eine Möglichkeit, euch zu verpissen. Ich hatte wirklich einen miesen Tag …“
    Der Fette schlug erneut zu.
    Trevor seufzte nach diesem Schlag und hielt den Dritten mit seiner Hand auf. Mit aller Kraft, die ihm innewohnte, zerdrückte er die Faust des Fetten, der schreiend auf seine Knie sank. „Ich hatte einen echt miesen Tag“, wiederholte Trevor. „Ich kann das jetzt wirklich nicht gebrauchen, dass zwei Vollpfosten Probleme machen, während ich mich mit meinem besten Freund amüsiere.“
    „Heinz, komm, den schaffst du!“, feuerte der zweite Fremde den anderen an.
    „Der ist echt stark“, jammerte der Fette.
    Trevor ließ die Faust los und hob den Dicken an seinem Hemdkragen in die Luft. „Ihr solltet ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen!“ Der Formwandler schmiss den Kerl in eine Eckbank und widmete sich gleichauf seinem Freund. „Edmund?“, fragte Trevor. „Meinst du, ich sollte dem Kerl den Ausgang zeigen?“
    „Ohne Hilfe findet er ihn sicher nicht“
    , rief Edmund.
    Trevor näherte sich dem Hänfling, während dieser immer weiter in sich zusammensackte. Ein gezielter Schlag ins Gesicht setzte ihn außer Gefecht. Trevor schnappte sich ihn am Hosenbund, öffnete die Tür, während der Kerl seine Zähne auf dem Boden verteilte und schmiss ihn raus. Danach widmete er sich dem Fetten, den er an seinen Füßen aus der Ecke zog. „Dir schulde ich noch etwas“, sagte er, während der Kerl benommen aus der Wäsche schaute. Trevor holte aus und polierte ihm das hässliche Gesicht. „Du solltest an der Art arbeiten, wie du mit Frauen sprichst, ansonsten komme ich wieder und prügle dich zurück in den Mutterleib!“ Der Formwandler zerrte den Fremden an seinem rechten Bein zum Ausgang und warf ihn dem anderen hinterher. Danach setzte er sich wieder, prüfte, ob er an der Nase blutete und trank sein Wein leer.
    Andre sah ihn von Gegenüber erstaunt an. „Bist du ein Mensch?“, fragte er gerade heraus.
    „Vermutlich ein Gott!“, säuselte eine Dame lasziv in Trevors Ohr, woraufhin Trevor errötend schluckte.
    Edmund grinste dreist und bestellte mehr Wein und Bier. „So, du willst dich also mit deinem besten Freund amüsieren?“
    Trevor hob seinen Zeigefinger, sagte aber nichts zum Händlersohn, sondern widmete sich Andre. „Teils … teils“, flüsterte er ihm zu und sprach dann zu allen. „Ich hatte den Zwischenfall nicht geplant. Entschuldigt …“
    Edmund runzelte die Stirn. „Warum entschuldigst du dich? War doch witzig." Er deutete auf die Frauen, die Trevor seltsam ansahen. „Und hat Eindruck gemacht.“
    „Ich wollte nicht … Ich kann so ein Benehmen nicht leiden“, fuhr Trevor fort und sank etwas auf der Bank zusammen.
    „Teils teils? Was heißt das?“, wollte Andre ebenso leise wissen.
    Der Formwandler konnte zwischen all den Menschen nicht offen über seine Rasse sprechen. Wer wusste schon, wie sie zu ihnen standen. Mittlerweile wusste er, dass er vielen Männern in Muskelkraft überlegen war, alleine das war schon zu riskant, aber Trevor konnte sich selten beherrschen, wenn er in einen Konflikt geriet.
    Gerade, als er Andre antworten wollte, mischte sich die Blondine ein, die sich neben Trevor gesetzt hatte. Als sie ihn fragte, wie stark er sei, wusste Trevor darauf keine Antwort. Er war oft an seine Grenzen gekommen, wenn er an das Schiff dachte, aber als eine weitere Dame fragte, ob er die Bank mit allen Damen hochheben konnte, bejahte Trevor dies. Natürlich wollten sie einen Beweis, und Trevor ließ sich überreden, zu zeigen, dass vier schmale Grazien auf einer Bank kein Problem darstellen. Vorsichtig hob er die Bank hoch, um sicherzugehen, dass keine von ihnen hinunterfiel und stellte sie danach wieder genauso vorsichtig ab.
    „Das kann ich hier ... nicht offen aussprechen“, erklärte Trevor dann dem jungen Matrosen und setzte sich wieder.
    Andre senkte seine Stimme. „Dann lass uns woanders hingehen. Ich bin sowieso fertig mit essen." Er schaute seinen Kater an, der in aller Seelenruhe den Teller von Andre sauber leckte. Er hatte sich von all dem Trubel nicht beeindrucken lassen, was Trevor erstaunlich fand. "Und Wilmor anscheinend auch ..."
    „Ich sollte ohnehin zurück zum Schiff gehen.“
    Edmund ließ Trevors Becher aber nicht leer werden und erzählte im gleichen Atemzug davon, wie Trevor das Schiff gezogen hatte. Weitere junge Frauen wechselten umgehen auf Trevors Bank und schauten ihn musternd an. „Ist das wahr?“, fragte eine von ihnen.
    Trevor schluckte. „Ja, schon, aber ich war nicht alleine, ohne E…“
    „Er hat es alleine gezogen“
    , fiel Edmund ihm ins Wort.
    „Und Ihr habt keine Frau, die irgendwo auf Euch wartet?“
    „Nein, hat er nicht“
    , antwortete Edmund statt Trevor.
    Allmählich bekam der Formwandler das Gefühl, der Händlersohn verfolgte irgendeine Art Plan, während Andre ihn erwartungsvoll ansah.
    Es war vermutlich nicht falsch, den jungen Matrosen einzuweihen, wenn er sich dazu entschied, weiter mit ihnen zu reisen. Denn immerhin stellte Trevor ein ewiges Risiko dar. Er kippte seinen Becher und wollte entgültig gehen, als ihm die Blondine neben ihm einfach in den Schritt griff.
    „Woah“, stieß Trevor überrascht aus und stand schlagartig auf. „Vielen Dank, es war nett, aber die Arbeit ruft!“, fuhr er überrumpelt fort und verließ die Sitzreihe.
    Während Edmund lachend beinahe von selbiger fiel, eilte der Formwandler aus dem Goldenen Pfau.
    Andre eilte ihm nach.
    „Willst du es wirklich wissen?“ wollte Trevor wissen, während er mit hochrotem Kopf Richtung Hafen lief.
    Andre wirkte ungeduldig. „Hätte ich sonst gefragt?“
    Der Formwandler lief ein paar Schritte weiter, sah sich um und ergriff Andre dann am zierlichen Handgelenk. Er zog ihn in eine verlassene Seitengasse hinein und musterte den schmächtigen Seemann. Trevor musste sich immer die Personen genau ansehen, die er nachahmen wollte. Kurzerhand verwandelte er sich in Andre, wodurch seine Rüstung zu groß an seinem Körper hinunterhing.
    Andre sah erneut überrascht aus, indessen Trevor etwas auffiel, während ihm die Hose auf Halbmast hing. „Andre?“ Er stockte. „Kann es sein, dass du eine Andrea bist?“
    "Was zum ...? Wie ...?", äußerte Andre ... Andrea erschrocken und schrak zurück.

    Trevor wartete ab, und Andrea schien sich zu beruhigen. Lag so etwas wie Faszination in ihrem Blick?
    "Das ist kein Illusionszauber, hab ich recht?", äußerte sie neugierig und musterte Trevor mit großen Augen. "Hast du mich wirklich bis ins kleinste Detail kopiert? Das ist ja ..." Ohne Vorwarnung kniff sie ihm in die Wange und zupfte an seiner Haut herum.

    "Ich weiß nicht, wie detailliert es ist, aber es reicht, um etliche Menschen zu täuschen", antwortete Trevor mit ihrer Stimme und ließ sie ihn mustern. "Und nein, es ist kein Illusionszauber. Ich bin ein Formwandlern."

    "Oooh!", stieß AndreA fasziniert aus und begann, ihn zu umrunden. "Ich habe von euresgleichen gehört, aber nie zu hoffen gewagt, mal einen wie dir zu begegnen. Wie genau machst du das mit dem Verwandeln? Ist das Magie? Oder ist das wie ein Muskel, als ob ich meinen Arm bewege? Und wie oft kannst du das machen? Ist das anstrengend? Wie lange kannst du verwandelt bleiben? War dein Aussehen vorher auch nur eine Verwandlung, oder hast du auch ein echtes Aussehen? Musst du jemandem zum Verwandeln sehen, oder reicht auch die Vorstellung? Oder kannst du verschiedene Formen im Körpergedächtnis behalten wie ein Lautenspieler die Noten in seinen Fingern?"

    Perplex starrte Trevor die kleine Frau vor sich an, die gar nicht mehr aus ihrem Redefluss herauskam. Er verwandelte sich wieder zurück und versuchte, die Fragen zu sortieren. Er beantwortete sie ihr, so gut er konnte. So ganz genau wusste er auch nicht, wie oder warum er sich verwandeln konnte. Er hatte sich das niemals gefragt, denn immerhin fragte sich auch kaum ein Mensch, warum er atmete. Zudem konnte er sich auch nur im Menschen verwandeln, die er sah oder an die er sich erinnerte.

    "Das ist ... wirklich faszinierend." Sie beendete ihre Untersuchung und blieb vor ihm stehen. "Okay, ich habe mich entschieden. Ich will wissen, wie deine Magie funktioniert. Jedes kleinste Detail! Erlaube mir, dich weiter studieren zu dürfen!"

    "Studieren? Mich?" Trevor musterte sie. "Das klingt nicht so, als wärst du darin ... unerfahren."

    "Ich hab mein Leben lang nichts anderes gemacht. Wenn jemand etwas enträtseln kann, dann ich."

    Trevor schaute sie weiterhin skeptisch an. "Und das bedeutet?"

    "Ich beherrsche ebenfalls ... ein wenig Magie", gab sie zu. "Keine Sorge, du musst dich nur ein paarmal hin und her verwandeln und ich schau mir an, was dabei so passiert. Alles ganz einfach."

    "Jetzt? Hier? Vermutlich ist das Schiff dafür b... besser geeignet."
    "Natürlich nicht jetzt und hier", erwiderte sie schnell. "Dafür sollten wir ungestört sein."

    "Aha ..." Trevor zog beide Brauen hoch. "Und soll ich dich weiter Andre nennen oder ..."

    "Agatha. Agatha lautet mein Name. Auch wenn es mir lieber ist, wenn du in der Öffentlichkeit bei Andre bleibst." Sie verdrehte genervt die Augen. "Manche Kerle können ... lästig sein, wenn du verstehst, was ich meine. Ich will Komplikationen lieber aus dem Weg gehen."

    Trevor nickte. "Wem sagst du das ...", gestand er zunächst leise. "In Ordnung, Agatha, dann bleibt es vorerst bei Andre, wenn andere dabei sind." Trevor verwies mit seinem Kopf Richtung Hafen und setzte seinen Helm wieder auf, anstatt ihn nutzlos durch die Gegend zu tragen. "Dann sollten wir uns am besten auf den Weg machen."

  • Zurück am Hafen, atmete Edmund die feuchte Luft ein und stellte die Kiste vor sich auf den Boden. Auf dem Rückweg zum Schiff hatte er auf Empfehlung des Wirts vom Fetten Sack noch Nahrungsmittel gekauft. Nicht viel, aber genug für Abendessen und Frühstück.
    Erstaunlich, dass er freiwillig darüber nachdachte, für die anderen zu kochen. Das war mittlerweile schon zur Routine geworden.
    Vielleicht hätte ich von Anfang an Koch werden sollen.
    Und diesen Gedanken schob er nun auf den Restalkohol. Von dem er genau wusste, dass er nicht mehr da war. Nur das Hochgefühl und die gute Laune waren geblieben. Der Nachmittag war lustig gewesen, er endlich mal wieder unter Leuten, die nicht mit Bäumen warfen, mit Toten sprachen oder einen unheimlichen Kater mit sich herumtrugen. - Oder so verstockt waren, dass man sie für einen Baum halten konnte.
    Wie sonst ließ sich erklären, dass er beim Einkauf an die anderen gedacht hatte?
    Jetzt gebe ich mein Geld schon für andere aus.
    Neben ihm zog jemand die Luft ein. Als Edmund sich dem Mann zuwandte, stand der mit weit aufgerissenen Augen sprachlos neben ihm. Und stammelte unverständliche Wort vor sich hin. Die Beine zitterten ihm, als stünde er vor einem Nervenzusammenbruch.
    Edmund ließ ihn.
    Es war nicht leicht gewesen, einen Schiffshandwerker zu finden, der überhaupt bereit war, mit ihm mitzukommen, um das Objekt der Probleme überhaupt anschauen zu wollen. Wobei das nicht stimmte. Es gab genug, die mitkommen aber nur gaffen wollten. Die standen irgendwo hinter ihnen, in einem sicheren Abstand, damit ihnen ja niemand dieses Projekt aufhalsen konnte.
    Frechheit.
    Ihr kleiner Schrotthaufen hatte für Aufsehen gesorgt und mittlerweile seine eigene kleine Fangemeinde. Diese sorgte dafür, dass er sich von zwei Handwerkern hatte auslachen lassen müssen. Einer wollte ihm direkt ein neues Schiff andrehen – was in Anbetracht der Lage kein dummer Vorschlag war – er nach reichlicher Überlegung aber ablehnte. Ein Neues Schiff würde dauern und zu viel kosten. Und sowohl Zeit als auch Geld und vor allem seine Nerven waren endlich. Zumal er niemandem Geld in den Rachen stopfte, der ihn zuvor noch ausgelacht hatte.
    Er warf den Leuten hinter sich einen Blick zu. Diese taten augenblicklich unbeteiligt, obwohl sie zuvor noch offensichtlich geglotzt hatten.
    Der letzte Handwerker, den er an diesem Tag angesprochen hatte, japste neben ihm weiter vor sich hin. Dabei erinnerte er stark an einen Karpfen, der versuchte Fliegen aus der Luft zu schnappen. Kurz war sich Edmund nicht sicher, ob es wirklich so war.
    „Was ist das?“ Der Kerl fand seine Stimme wieder. Grauen lag darin, während er wild in Richtung Revenge gestikulierte. Edmund hob die Augenbraue.
    „Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, das ist eine Schaluppe“, Edmund wog den Kopf, „zumindest der größte Teil davon.“ Der Rest bestand aus willkürlich zusammengeschusterten Teilen anderer Dinge - und Bäumen.
    Ein Raunen ging durch die Leute hinter ihm.
    Edmund unterdrückte ein Grummeln, begann aber mit dem Fuß zu wippen.
    Aufmerksamkeit auf seine Person zu ziehen, war nicht immer hilfreich.
    Um den Leuten nichts vor den Latz zu knallen, verschränkte er die Arme und betrachtete das geraffte Rahsegel. Kam ihm das nur so vor, oder bestand es nun aus noch mehr Flicken als zuvor? Offenbar hatte es jemand geflickt. Der Tatsache geschuldet, dass es Nelli nicht dort hoch schaffte, musste es wohl Trevor gewesen sein.
    Der Handwerker stotterte sich irgendeinen Blödsinn zusammen und fuhr sich durch die Haare, während er storchbeinige über den Steg lief und das Schiff musterte. Immer wieder blieb er stehen, brabbelte etwas und schüttelte den Kopf, weinte beinahe und zog sich erneut an den Haaren. Einmal verweilte seine Hand über dem Holz des Rumpfes, dann nahm er sie jedoch weg, ohne die Wand berührt zu haben. Als ob er Angst hätte, das Schiff würde zu Staub zerfallen, wenn er es berührte.
    Zeig mal ein bisschen Respekt, du Wurst! Immerhin hatten sie das Schiff mühevoll zusammengeflickt.
    Hinter ihm vernahm er Stimmen, die entweder vor sich hinkicherten, oder abfällige Bemerkungen von sich gaben.
    Der arme Jörg. Was hat er sich da aufgehalst?
    Das will er nicht wirklich machen.
    Das Ding ist nicht mehr zu retten.
    Sind die wahnsinnig?

    Es wurden Geldwetten abgeschlossen, wann das Schiff sank. Von "noch heute Nacht" bis "zwei Tage" war alles dabei.
    Edmund wandte sich den Leuten erneut zu, die sofort mit tuscheln innehielten.
    „Verpisst euch!“, maulte er die Schaulustigen an. Mit dem Finger deutete er in Richtung der Häuser, während er die Leute nacheinander aus zusammengekniffenen Augen ansah. „Wenn ihr nichts Konstruktives beizutragen habt, dann verschwendet nicht meine Zeit mit euren Visagen und Kommentaren! Reißt eure Fressen gefälligst woanders auf!“
    Toll, nun klang er auch noch wie sein Vater.
    Immerhin dünnte sich die Menge aus. Einige flüchteten regelrecht vom Hafen, andere bedachten ihn mit einem letzten Blick, sagten aber nichts mehr, ehe sie ebenfalls verschwanden, um irgendwo anders Maulaffenfeil zu halten.
    „Ä…ähm…“, meldete sich hinter ihm der Handwerker zu Wort. Als sich Edmund wieder an ihn wandte, stand er da, als hätte er sich eingeschissen und schämte sich dafür.
    „Was?!“
    Der Kerl duckte sich unter seinem Blick weg, ehe er die Schultern raffte und sich zu seiner vollen Größe aufbaute, mit der er gut an Trevor heranreichte.
    „Ich habe noch nie so etwas Furchtbares gesehen. Eigentlich hättet Ihr schon längst sinken müssen. Ein Wunder, dass Ihr es hierher geschafft habt.“
    Edmund unterdrückte den Impuls den Kerl vom Steg ins Hafenbecken zu treten. Alle taten so, als hätte er selbst keine Augen im Kopf. Er wusste, dass das Schiff ein einziger Flicken war, aber immerhin hatten sie es zusammengebaut. Und es hatte bis zu den Inseln gehalten. In einem Seegebiet, gegen das schon andere Schiffe versagt hatten.
    Unterm Strich doch keine schlechte Bilanz.
    „Könnt Ihr jetzt helfen, oder nicht?“, zischte er.
    Der Handwerker sah ihn an als hätte er Möwenscheiße im Gesicht.
    „Das … das ist kein Schiff.“
    Es war ein schwimmender Sarg! Und das wussten sie alle! Aber dieser schwimmende Sarg tat dennoch das, was er sollte. Er schwamm! Und das sehr offensichtlich vor ihnen im Hafenbecken!
    „Der Fachmann seid Ihr und ich nur der Kunde…“ Edmund beruhigte sich. So kam er nicht weiter. Wenn er wollte, dass sich jemand dem Schiff widmete, dann brachte herumschreien nichts. Deshalb zuckte er die Schultern. „…Aber es hat einen Rumpf, einen Mast, Segel, Ruder und es liegt auf dem Wasser. Ich würde sagen, es ist ein Schiff.“
    Der Mann bedachte ihn wieder mit diesem Blick, als fürchte er, dass Edmund den Verstand irgendwo auf See verloren hatte. Wahrscheinlich hockte der Bastard wirklich noch auf der Insel fest.
    „Ihr solltet Euch ein neues Schiff kaufen.“
    Edmund verdrehte die Augen. Spielen die hier alle die gleiche Melodie immer und immer wieder? Er musste irgendwie die Eleftheria wiederfinden. Wenn er seinen Vater enttäuschte, dann …
    „Ich habe weder Lust noch Zeit mir in dieser Stadt die Beine in den Bauch zu stehen und zu warten, bis ein neues Schiff fertig ist.“ Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Aber ich verstehe das natürlich. Das ist eine schwierige Aufgabe und ich kann nachvollziehen, dass Ihr Euch dem nicht gewachsen seht“, er lächelte den Typen an und suchte seinen Augenkontakt. „Ich werde wohl also nach einem fähigeren Handwerker suchen müssen.“ Der Kerl zuckte zusammen, starrte ihm in die Augen und begann zu schwitzen. Edmund blickte zurück. Ein Bad im Hafenbecken würde dem Kerl nicht schaden … und dort stank es nach Algen! Aber immerhin nicht nach Schweiß! Dennoch lächelte er freundlich, bis der Kerl seinem Blick hüstelnd auswich. Er räusperte sich.

    „Ich werde morgen mit meinem Partner wiederkommen. Er hat Erfahrung mit … schweren Fällen. Wir schauen uns das Schiff dann nochmal gemeinsam an.“

    Edmund war zufrieden. „Dann sind wir im Geschäft?“
    Der Mann nickte langsam und betrachtete das Schiff bedauernd. So glücklich sah er nicht aus. Eher überrascht über seine eigenen Worte und seine Entscheidung. Selbst Schuld! „Scheint so.“
    „Prima.“ Edmund bückte sich nach der kleinen Kiste. „Dann bis morgen.“
    Mit diesen Worten ließ er den Blödmann einfach stehen und lief über die Rampe an Deck. Er wollte Trevor Bescheid geben. Denn im Grunde war es dessen Schiff.
    Allerdings lief er erst Esther über den Weg, die offenbar an der Reling gestanden hatte. Wie viel sie von allem mitbekommen hatte, wusste er nicht. Und es war ihm auch egal.
    Er musterte Esther nachdenklich. Etwas an ihr war anders. Sie sah anders aus. Aufrechter. Als hätte sie jemand an einem Faden hochgezogen oder den Stock in ihrem Hintern zurechtgeschoben. Sie ging jedenfalls noch ein gutes Stück selbstbewusster, als sie es wohl vom Hof gewohnt war.
    „Schicke Robe“, meinte er dann. „Die Farbe schmeichelt deinen Augen.“ Und vor allem seinen Augen. Was viel wichtiger war.
    Esther sah nachdenklich an sich herunter und lächelte dann.
    „Danke ... Ist es nicht ... zu viel?“
    Zu viel? Er war verwirrt. Was meinte sie denn nun? Zu viel von was? Dunkle Farben? Muster? Ärmel? Hosen? Leder? Da wollte er einmal höflich sein und sie löcherte ihn mit Fragen, auf die er keine Antwort wusste.
    „Zu viel was? Stoff? Für meinen Geschmack, definitiv“, meinte er mit einem Grinsen.
    Esther verengte die Augen.
    Das war dann wohl die falsche Antwort. Dabei war das doch nicht böse gemeint! Dass sie sich immer bis oben zuknöpfte musste nicht sein. Er wollte es gerade klar stellen, doch Esther kam ihm zuvor.
    „Ich wollte wissen, ob der Aufzug lächerlich aussieht ... aber es wundert mich nicht, dass du in eine andere Richtung denkst.“
    Definitiv die falsche Antwort. Und schon war sie wieder zickig. Wie immer. Aber diesmal würde er sich seine Laune nicht von ihr verderben lassen. Nur weil Esther humorlos durchs Leben ging und sie von Anfang an etwas gegen ihn hatte, dabei hatte er ihr nicht einmal einen Anlass dazu gegeben.

    Jetzt nehme ich hier nichts mehr zurück! Schlimm genug, dass er es in Erwägung gezogen hatte.
    „Würdest du lächerlich aussehen, hätte ich dir sicherlich kein Kompliment gemacht“, fuhr er sie deshalb an. So viel dazu, dass er sich die gute Laune nicht kaputt machen lassen wollte. Von Null auf hundert reichte eine Esther. Selbst das Gemurmel der Leute hatte er sich länger angehört.
    Esther verstummte.
    Er trat an ihr vorbei an Deck und bemerkte dabei, wie sie verlegen lächelte und sich eine Haarsträhne zurückstrich.
    Was denn jetzt? War es Zeit zu rennen? Irgendwie wurde er nicht schau aus ihr.
    „Ich bin mir nicht sicher, ob ich Gegenstand deiner ... Phantasie sein möchte. Dennoch ... Dein Kompliment bedeutet mir viel.“
    Schon war er wieder verwirrt. Erst war sie verlegen, dann sauer, dann wieder verlegen... Hatte Esther ihre Tage?
    Was denn für Phantasien? „Für sowas bleiben nur du und Nelli. Und da fällt die Wahl nicht schwer.“ Und Trevor. Aber da schmerzte schon eine Phantasie. Die Vorstellung von Nelli ließ ihn würgen. Und Esther war in etwa so erotisch wie eine Hand voll Matsch. Die Wahl fiel also auf keinen!
    Aber gut zu wissen, was sie von ihm dachte. Hatte er ihr je einen Anlass dafür gegeben?
    Von welchen Phantasien sprach sie überhaupt?
    Er kniff nachdenklich die Augen zusammen, während Esther die Arme verschränkte und ihn ihrerseits musterte. Ehe ein leichtes Schmunzeln an ihren Lippen zupfte.
    Das ist dann der Moment, in dem es unheimlich wird!
    „Ich könnte Nelli darum bitten, dass sie sich wieder jung macht. Was hältst du davon?“
    Sag ich ja, unheimlich!
    Hatte Esther tatsächlich gerade einen Witz gemacht? Keinen guten, aber vielleicht war doch nicht alles verloren?
    Auch wenn ihm bei dem Gedanken an Nelli und wie sie damals auf der Eleftheria plötzlich in seiner Küche gestanden hatte, eine Gänsehaut überkam, musterte er Esther mit zusammengekniffenen Augen über die Kiste in seinen Armen hinweg. Sie sagte nichts. Er sah sie nur an.
    Das war nicht von ihr beabsichtigt gewesen. Auf keinen Fall.
    Esthers Gesicht zeigte zunehmend Verunsicherung, weshalb er den Kopf zur Seite legte.
    „Nichts“, meinte er daher vorsichtig.
    „Wirklich? Ich bin mir sicher, Nelli hätte ihren Spaß dabei und du könntest deine ... Phantasie ausleben?“
    Dass Nelli ihren Spaß hätte bezweifelte er nicht. Sie hatte an allem ihren Spaß, bei dem er litt. Und da würde er leiden. Er litt schon bei der Erinnerung daran.
    Aber was sollte das jetzt werden? Nahm sie es ihm noch übel und wollte ihn in die Falle locken? Oder lenkte sie nun das Gespräch wirklich in diese Richtung? Aber warum? Und was war ihr Problem mit irgendwelchen Phantasien?
    „Offenbar willst du, dass ich an Albträumen leide.“ Er wog den Kopf und rückte die Kiste in seinen Armen zurecht. So langsam wurde dieses dumme Ding schwer.
    „Nein. Ich will nur verhindern, dass ich Gegenstand deiner Phantasien werde.“
    Jetzt musste Edmund doch lachen. Wenn sie weiterhin auf diesem Thema herumritt, dann war sie selbst schuld. Als wäre Esther jemals in der Lage Gegenstand seiner Phantasien zu sein. Bildete sie sich das wirklich ein, oder meinte sie das im Scherz? Da Esther nicht in der Lage dafür war, Witze zu reißen, musste sie das ernst meinen. Als müsste er sich Dinge zurechtträumen. So nötig hatte er es nicht. Davon abgesehen war Esther kein Stück erotisch.
    „Das kannst du wohl kaum verhindern“, witzelte er dennoch. Wenn sie das Spiel spielen wollte: Bitte!
    „Sei dir da nicht zu sicher“, Esther stürzte die Lippen, „Aber gut, dann lasse ich dir mal deine Phantasien ... Nicht, das du vor lauter Albträumen nicht mehr schlafen kannst.“ Sie zwinkerte, was irgendwie komisch aussah und dafür sorgte, dass er nur die Augenbraue hob.
    „Ich wüsste noch andere Sachen, die mich nicht schlafen lassen würden. Uns beide nicht“, gab er säuselnd von sich.
    „Träum weiter.“ Sie verschränkte die Arme.
    „Von uns beiden?“ Er lachte amüsiert. „Liebend gerne!“
    So alt kann ich gar nicht werden, wie ich sein müsste, um so langweilig zu sein. Aber hey, besser als die Albträume, die ihn jede Nacht quälten. Der Grund, warum er bisher an jedem Geschäft, das Waffen verkaufte, vorbeigelaufen war. Wobei. Die Vorstellung an Esther half vielleicht beim Einschlafen.
    Mit seinem Grinsen trat er an Esther vorbei, die verstummt war und ihn betäubt anglotzte. Auf Esthers Höhe raunte er ihr beim Vorbeigehen noch zu: „In meinen Träumen bist du im Übrigen nackt.“ Warum Zeit mit ihr verschwenden, wenn andere nicht nur Vorstellung blieben? Aber der entsetzte Aufdruck in ihrem Gesicht war Trevors Gewicht in Gold wert. Er lachte heiter.
    Dass Esther ihm dafür eine Ohrfeige verpasste, hatte er jedoch nicht erwartet. Bei jeder anderen ja, aber bei Esther nicht. Dementsprechend glotzte er sie einen Moment verwirrt an. Esther stand der Zorn hochrot zu Kopf, dennoch schien sie nicht weniger überrascht, als sie auf ihre Hand blickte. In seinem Gesicht wiederum spürte er lediglich ein Kribbeln.
    Sieh an, die ewige Jungfer hat sogar verstanden, um was es ging.
    Er musste erneut lachen.
    „Und ich dachte, heute wärst du locker genug, damit ich dich endlich in mein Bett locken kann“, witzelte er weiter. Wofür sie ihm direkt noch eine verpasste. So langsam kam Esther in Fahrt.
    „Ich habe-“, weiter kam er nicht, da ihm Esther noch eine dritte Schelle verpasste. Was ihn aber nur noch lauter lachen ließ.
    „Noch ein Kommentar und ich werfe dich über Bord!“ Esthers Hand zuckte bereits gefährlich zu ihrem Zauberstab. Was Edmund mit einer erhobenen Augenbraue zur Kenntnis nahm. An Drohungen musste sie noch arbeiten, denn ihr Gesichtsausdruck, der jede Tomate vor Neid hätte erblassen lassen, wirkte eher lächerlich, anstatt gefährlich.
    Der Anblick trieb ihm die Lachtränen in die Augen. Als ob ihn eine Ohrfeige – oder drei – schaden würden.
    „Ist ja gut, du Spaßbremse“, meinte er. „Mit dir würde man sich sowieso nicht amüsieren. Keine Ahnung, woher du die Überzeugung und das Selbstbewusstsein nimmst, ich könnte mir etwas mit dir vorstellen.“ Gut, das war vielleicht etwas hart formuliert. Aber nun mal die Wahrheit. Selbst Schuld, wenn sie ihm irgendwelche Phantasien einredete! Als hatten sie keine anderen Probleme! Schön zu wissen, wie und was sie über ihn dachte.

    Den vierten Schlag sah er kommen und drehte sich elegant von Esther weg. Diese rümpfte die Nase und lief ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei.
    Natürlich. Nun war er wieder der Böse, obwohl sie damit begonnen hatte, ihm irgendwelche Motive in die Schuh zu schieben.
    Er wollte ihr nach, unter Deck, um endlich diese elende Kiste abzustellen, blieb aber verwirrt vor Trevor stehen, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Der musterte ihn mit erhobener Augenbraue und das „Was war das denn?“ schwebte regelrecht zwischen ihnen, ohne, dass es einer von ihnen aussprechen musste.
    „Guck nicht so“, Edmund verdrehte die Augen, „diesmal habe nicht ich angefangen.“ Er zuckte die Schultern und wollte an Trevor vorbei. Humor war keine höfische Erziehungsmethode. In seiner eigenen Erziehung hatte das auch keinen Platz gefunden. Allerdings bildete er sich ein, dass es bei ihm nicht ganz so schlimm war. Oder? Er konnte nicht behaupten, dass er die letzten Jahre sonderlich viel zu lachen gehabt hätte. Da hatte er auf der Insel und mit den anderen in den paar Wochen mehr Spaß gehabt.
    Nur vielleicht teilte Esther seinen Humor nicht. Oder überhaupt irgendwelchen. Musste er sich jetzt entschuldigen? Es waren doch ihre Unterstellungen gewesen!
    Sag ja, anziehend wie ein Sack Sägemehl.
    „Esther wollte dich eigentlich gerade suchen gehen“, meinte Trevor, „und jetzt schien sie ziemlich sauer.“ Er schob sich in seinen Weg und musterte ihn kritisierend. Es war klar, dass zwischen den Worten eine Botschaft lag. Das konnte er an Trevors Blick erkennen.
    Edmund legte seufzend den Kopf in den Nacken.
    „Ja“, meinte er gedehnt. „Ich schau, dass ich mich bei ihr entschuldige“, irgendwann, vielleicht, aber eher nicht, „ist der Herr damit zufrieden?“
    Trevor musterte ihn, als wusste er genau, dass Edmund nicht vorhatte, sich wirklich zu entschuldigen. Er sagte jedoch nichts mehr, was schlimmer war als jede Zurechtweisung.
    Ist ja gut, ich werde mich entschuldigen… Und wer entschuldigte sich bei ihm? Er hatte mit dem Thema doch nicht mal angefangen?!
    „Weshalb hat Esther mich suchen wollen?“, bohrte er nach, um das Thema zu wechseln.
    Trevor bedachte ihn noch einen Moment, als wollte er sichergehen, dass Edmund die stumme Botschaft wirklich verstanden hatte. Dann wurde er noch ernster.
    „Es geht um dein Schiff.“
    „Die Revenge gehört dir. Ich habe mich schon um einen Handwerker gekümmert. Ihr könntet auch was machen.“

    Trevor musterte ihn durchdringend.
    „Ich meinte ja auch nicht die Revenge, sondern die Eleftheria.“ Damit hatte er seine Aufmerksamkeit. „Esther hat einen der Matrosen aufgespürt, die bei der Meuterei dabei gewesen waren.“ Das wischte ihm das Grinsen aus dem Gesicht. Er krampfte die Finger um die Kiste. Mit einem Mal war auch der letzte Rest guter Laune aus seinem Kopf verschwunden.
    „Wo?“, wollte er wissen. Wenn einer dieser Piraten hier war, dann vielleicht auch die anderen? Vielleicht war das Fernrohr hier? Oder die Eleftheria? Oder er wusste, wo sich beides befand?
    Trevor deutete den Hafen hinab in eine Richtung und faste zusammen, was Esther gesehen und gehört hatte und faselte irgendwas von einem Schiff namens Telara. Edmund folgte seiner Beschreibung. Die Eleftheria war also nicht im Hafen. Wie wahrscheinlich war es da, dass das Fernrohr hier war? Sicherlich hatte es nicht dieser eine Matrose bei sich. Hatten sie es überhaupt gefunden? Was sollte er jetzt machen?
    Scheiße!
    Zu gerne wäre er losgelaufen und hätte den Kerl zur Rede gestellt. Aber er hatte ja noch nicht mal mehr eine Waffe! Und selbst wenn, stand er sich damit nur selbst im Weg.
    Mit Gewalt würde er rein gar nichts erreichen. Zumal er selbst nicht für Gewalt taugte. Das hatte die Meuterei wohl eindrucksvoll bewiesen.
    Edmund folgte Trevor unter Deck in die Küche, wo er endlich die Kiste mit den Vorräten abstellte. In der schlichten Küche stieß er auf Nelli. Und auch André saß mit Wilmor in einer der Ecken. Der "Kerl" war also auch noch da. Je intensiver er den Matrosen musterte, desto sicherer war er sich, dass etwas nicht stimmte. Aber solang er nicht von allein kam... Seis drum.
    Darum konnten sie sich auch später kümmern.
    Trevor lehnte sich an den Türrahmen und blickte finster in die Küche.
    „Wie ich sehe, weiß er Bescheid“, meinte Nelli, nachdem Edmund die Kiste auf den Tisch geknallt hatte und diese finster betrachtete. Also wusste die Alte auch Bescheid. Wahrscheinlich wusste sogar der Kater mehr als er! Warum erfuhr er eigentlich immer alles als letzter?
    Weil du nicht zugehört hast!
    „Was machen wir jetzt?“, wollte Nelli wissen. Edmund runzelte die Stirn.
    Wir? Es war sein Schiff. Die anderen hatte damit eigentlich nichts zu tun.
    „Ich konnte aus ihm nichts rausbekommen.“ Esther betrat ebenfalls die Küche. Sie wich seinem Blick auf und setzte sich betont weit weg von ihm an den Tisch nieder.
    Edmund seufzte genervt.
    „Ihr müsst euch da nicht mit reinhängen, das ist – "
    „-auch unser Problem“,
    fuhr ihm Nelli augenblicklich über den Mund.
    „Ich habe auch noch ein Hühnchen mit denen zu rupfen“, stimmte Trevor ihr zu.
    Esther nickte langsam.
    Edmund wollte protestieren, schwieg aber. Im Grunde hatte er ja gewusst, dass die anderen ebenfalls ihren Zorn auf die Mannschaft hegten. Und sie hatten gesagt, dass sie ihn unterstützten. Aber es war dennoch irgendwie beruhigend, dass sie es wirklich taten. Zugeben würde er es jedoch nicht. Niemals.
    „Jemand noch Hunger?“, fragte er deshalb in die Runde. Trevor und André hatten mit ihm bereits gegessen, aber er wusste nicht, wie es bei Nelli und Esther aussah. Und er brauchte Ablenkung und etwas, womit er seine Hände beschäftigen konnte. Ohne loszurennen und diesem Piraten in den Arsch zu treten.
    Trevor nickte. André zuckte die Schultern, schien aber nicht abgeneigt.
    „Kann ich dir dabei helfen?", bot Nelli an. In seine Gedanken vertieft, zuckte Edmund nur die Schultern. Was sollten sie als nächstes machen?
    Nelli reihte sich neben ihm ein und begann das Gemüse aus der Kiste zu nehmen und es zu waschen. Und sie übernahm direkt die Aufgabe, die er am meisten hasste, weil es ihm die Tränen in die Augen trieb: Zwiebeln schneiden.
    Auch André bot sich – zwar widerwillig – an, beim Schneiden zu helfen. André bekam die Kartoffeln zum Schäle. Noch so eine Aufgabe, die Edmund hasste.
    „Das ist zu groß!“, murrte er bei einem Blick auf die Zwiebelstücke, die Nelli ihm reichte. Ohne zu widersprechen, schnippelte sie nochmal an der Zwiebel. „Jetzt ist es viel zu klein!“ Diesmal motzte er und nahm ihr das Messer aus der Hand, um es sauer in eines der Schneitbretter zu stoßen. Sein Blick glitt zu André. Doch über das Gehacke von ihm wollte er sich nicht aufregen. Was vor allem an dem bösen Blick des Katers lag. Außerdem wollte Edmund keine Bekanntschaft mit dem Messer machen, so wie Wilmor.
    „Willst du es mir vormachen?“ Nelli hob die Augenbrauen.
    „Ich mach das selbst!“, meinte er, sah das Messer aber nur düster an. Was machte der Pirat hier? Wer war seine neue Crew und warum hatte er die alte verlassen? Wer war es? Einer von denen, die seine Mannschaft gemeuchelt hatten? Er schluckte. Das ganze Blut war wieder in seinem Kopf, vor seinen Augen. Vielleicht sollte er sich doch wieder bewaffnen. Von allen in ihrer kleinen Gemeinschaft konnte er sich am wenigsten wehren. Selbst Nelli war mit ihrem Stock und den Tränken bedrohlicher. Wenn schon keinen Degen, dann vielleicht ein Messer oder einen Dolch?
    „Wie du meinst, Edmund. Ich kann auch das Wasser umrühren, da kann ich nicht so viel falsch machen“, hörte er Nelli sagen.
    „Wie wollen ja nicht, dass es heißer wird als du“, meinte er abwesend und tippte mit dem Finger auf die Arbeitsfläche.
    „Also lauwarm?“
    „Es sollte wenigstens kochen“
    , gab er erneut von sich, ohne auf Nelli zu achten. Was quatschte sie ihm nun Tomaten auf die Ohren?
    „Oh, Wasser zum Kochen bringen, kann ich.“
    „Hervorragend.“
    Er nahm das Messer wieder in die Hand, schob alles in einen anderen Topf und briet das Gemüse an. André reichte ihm die Möhren, die er mit einem kurzen genervten Blick zur Kenntnis nahm. Was war der Typ? Schlachter?
    Nelli verdrehte die Augen, kümmerte sich aber um das Wasser. In der Küche breitete sich ein tiefes Schweigen aus, während jeder seinen eigenen Gedanken nachhing und versuchte, einen Plan zu schmieden.
    „Schicke Kleidung im Übrigen“, meinte er schließlich und begann an einer Möhre herumzuschnippeln. „Passt besser als der Stoffriedhof, den du vorher spazieren getragen hast. So ist wenigstens nur noch der Inhalt überreif.“
    „Ich dachte, ich tu mal was, damit ich mir dein Gemecker nicht mehr anhören muss. Außerdem hätte nicht viel gefehlt und ich hätte beim nächsten Windstoß nackt dagestanden. Und gegen Blindheit habe ich leider keinen Trank für euch.“

    Bei der Vorstellung schüttelte es ihn.
    „Plan: Wir werfen dich nackt auf das Schiff und warten, was passiert.“
    Trevor lachte lauthals auf, und lockerte damit die Atmosphäre im Raum „Das wird eingefleischte Seemänner nicht abschrecken. Allein ich habe Dinge gesehen, Edmund … Dinge.“ Dabei weitete er theatralisch die Augen. Die Stimmung kühlte ab und Edmund bekam das Gefühl, dass sie das schon irgendwie schafften. Das hatten sie doch bisher auch. Was war es da, den Piraten - oder zumindest einem davon - zu begegnen. Die Meuterei lag Wochen zurück.
    „Ich hatte Einblicke in den Rachen eines Kraken. Erzähl du mir mal nichts.“
    „Das Wasser kocht“,
    mischte sich Nelli schmunzelnd ein und deutete auf den Topf.
    „Das ist schön für das Wasser. Aber ich brauche gar kein kochendes Wasser.“ Er schob die Möhre in einen anderen Topf und schmorrte das Gemüse mit den anderen Sachen.
    „Aber…“, setzte Nelli an, musterte ihn und grinste dann, „Schön die alte Frau bespaßen. Du hättest auch sagen können, dass ich mich einfach wieder hinsetzen soll.“
    Edmund zuckte die Schultern.
    „Wenn das Wasser schon mal kocht, dachte ich, kannst du auch einfach Tee machen.“
    Nelli schüttelte lachend den Kopf.
    „Gut, mache ich eben Tee.“ Sie beugte sich nach dem Fach mit ihren Kräutern. Das Sie offenkundig gefüllt hatte. Zumindest kam ihm ein angenehmer Duft entgegen. „Im Übrigen ist deine neue Kleidung auch gut gewählt.“
    „Natürlich ist sie das!“

    Im Hintergrund hörte er Esther irgendwas zischen. Offenbar nahm sie es ihm immer noch übel, dass er versucht hatte, ihr ein Kompliment zu machen. Warum drückte sie sich auch nicht deutlicher aus? Nun musste er sich bei ihr entschuldigen und er wusste nicht mal wie…
    „Sie steht dir. Vor allem die Farben.“
    „Schwarz und Gold sind keine Farben.“
    Nelli verdrehte die Augen. „Aber selbst elegante Kleidung kann nicht verstecken, dass du ein Klugscheißer bist.“
    Sie diskutierten noch eine Weile hin und her, während das Essen garte und briet und André irgendwie zwischen ihnen stand. Völlig fehl am Platz.

    Erst, als Edmund alles auf den Tisch stellte, setzten sie sich und überlegten, während dem Essen, wie sie nun gegen den Piraten vorgehen wollten.
    „Wir sollten Aufmerksamkeit vermeiden“, meinte Esther. Es war das erste mal seit einer halben Stunde, dass sie etwas sagte. Klang sie noch immer sauer?
    Edmund hob die Augenbrauen. „Oh ja, weil wir darin so gut sind. Wir fallen quasi gar nicht auf. Wollt ihr wissen, wie die Leute über uns reden, ehe sie vor lachen zusammenbrechen? Allem voran, die Handwerker bei denen ich schon war?“
    „Wir wissen nicht, welchen Rattenschwanz es nach sich zieht, wenn wir das Schiff einfach stürmen“, gab Trevor von sich. „Wir sollten also nicht blindlings reinstürmen.“ Offenbar wollte er es vermeiden, dass jemand von ihnen verletzt wurde. Was Edmund begrüßte. Er hatte auch nicht vor zuzulassen, dass sich einer von ihnen verletzte. Vor allem die anderen.
    Er zuckte die Schultern.
    „Oder wir nutzen es aus, dass wir eh schon Aufmerksamkeit auf uns ziehen… oder zumindest unser Schiff.“



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

    Einmal editiert, zuletzt von Kyelia (14. Juli 2023 um 23:16)

  • Esther wischte sich, nachdem sie mit dem Essen fertig war, den Mund mit einem Tuch ab und stellte ihre Schale vor sich auf den Tisch.

    Edmund konnte gut kochen, so viel stand fest. Dennoch war sie sauer auf ihn. Stocksauer. Da versuchte sie einmal mit diesem Menschen lockerer zu reden und schon stritten sie wieder! Als wären sie beide ein einziges Missverständnis.

    Dabei wusste sie nicht einmal, warum sie sich so derart von seinen Aussagen getroffen fühlte. Nichts lag ihr ferner, als sich mit Edmund etwas vorzustellen.

    Es würde ihn sicherlich überraschen, aber es gab tatsächlich Menschen, die sich nicht angezogen von ihm fühlten! Da half auch seine Aura nicht!

    Genervt griff sie nach ihrem Becher, nippte daran und versuchte, ihre Gedanken auf das Wesentliche zu lenken, was ihr nur bedingt gelang.

    Und warum war sie denn so wütend?

    Egal. Sie schob das alles beiseite.

    Es gab jetzt wichtigeres als ihren verletzten Stolz. Die Eleftheria, das verdammte Fernrohr …

    „Hat es dir nicht geschmeckt?“

    Edmunds Stimme holte sie wie eine Backpfeife je zurück ins Hier und Jetzt.

    Beinahe verschluckte sie sich dabei an ihrem Apfelmost. „Doch!“, sagte sie schnell und wechselte das Thema, bevor erneut die Wut über die unverfrorene Frechheit des Händlersohns in ihr hochkochen konnte. „Ich halte es für keine gute Idee, allzu viel Aufsehen auf uns zu ziehen“, setzte sie deshalb nach.

    Wenn man den Erzählungen Glauben schenken durfte, befanden sie sich auf gefährlichem Pflaster und sie würde es begrüßen, noch eine Weile am Leben zu bleiben. Allen voran machte sie sich aber Sorgen um die Anderen und auch wenn ein jeder von ihnen bewiesen hatte, alleine klar zu kommen, lag ihr viel an dem Wohlergehen ihrer Freunde.

    Ihr Blick streifte Edmunds Gesicht. Ja, auch an seinem!

    Und er hat dich mitgenommen, um für Schutz zu sorgen … „Wir sollten so wenig Aufmerksamkeit wie möglich erregen. Auch wenn wir die vielleicht schon auf uns ziehen … sie wissen immer noch nicht, wer wir sind und den Vorteil sollten wir nicht direkt verspielen.“ Ihre Lüge dem Sklaven gegenüber erwähnte sie lieber nicht. Auch nicht, dass sie bemerkt hatte, dass er ihre Flunkerei nicht abgekauft hatte. „Aber wir sollten uns beeilen. Der Mann, mit dem ich gesprochen habe, hat meinen Zauberstab bemerkt. Ich bin mir nicht sicher, ob er begriffen hat, was ich bin. Aber wenn, und je nachdem wie loyal er zu seinem Kapitän steht, dürfte die Information schon bis zu ihm gelangt sein. Und ich schätze, der hat sich bereits auf einen Angriff vorbereitet.“

    Trevor lehnte sich sichtlich entspannt zurück. „Zur Not töten wir einfach alle.“

    Esther starrte ihn perplex an. Sicher. Natürlich würde sie ein Schiff überfallen und einfach alle Anwesenden töten.

    Doch bevor sie ein Veto einlegen konnte, schnitt Edmunds Stimme dazwischen. „Wir müssen ja nicht winkend reinrennen und mit unseren Namen um uns werfen.“ Er schaute Trevor an. „Oder direkt alle töten! Vielleicht hat Nelli einen Trank, der unser Aussehen verändert?“

    Esther sah von Trevor zu Edmund. Auch wenn sich ihr der Plan dahinter nicht erschloss, blickte sie schließlich erwartungsvoll zu Nelli rüber. Immerhin musste man alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel in Betracht ziehen. „Hast du einen?“, fragte sie deshalb noch einmal.

    Die Hexe dachte kurz nach. „Nicht direkt, aber ich kann einen herstellen.“

    Das ließ hoffen. „Wie lange brauchst du für die Herstellung? Und wie lange wirkt er?“

    Nelli wog den Kopf. Die Hoffnung in Esther sank etwas zusammen, doch sie vertraute der älteren Frau.

    „Für die Menge? Der Trank wäre heute Abend fertig, wenn ich gleich anfange, und er sollte wenigstens … zwei Stunden halten.“

    Zwei Stunden … Esther rieb sich das Gesicht. „Und dann? Was habt ihr vor? Ihr wollt auf das Schiff und … was genau unternehmen?“, fragte sie in dem Wissen, sich völlig lächerlich zu machen.

    „Informationen zu bekommen?“, fragte Edmund mit einem säuerlichen Unterton in der Stimme. Es war ihm anzuhören, dass er ihre Nachfrage nicht verstehen konnte.

    „Es durchsuchen“, warf Trevor beinahe zeitgleich ein.

    Nachdenklich kaute Esther sich auf der Lippe herum, wobei sie den jungen Andre einer Musterung unterzog. Jetzt vom nahen viel ihr einiges auf, was nicht unbedingt zu einem Mann passte. Die Gesichtszüge waren etwas weicher und einige Partien wesentlich weniger markant. Aber seit sie Edmund kennen gelernt hatte, erschien ihr das nicht so unwahrscheinlich. Sie schüttelte den Gedanken ab. Andre würde sich schon öffnen. Jeder trug immerhin ein Geheimnis mit sich, ob bewusst oder unbewusst. Und ihr war es ohnehin egal, ob er nun ein Mann oder eine Frau oder was auch immer war. Ihre Truppe war immerhin alles andere als der Standard einer Crew.

    „Was ist, wenn wir beides machen?“, schlug Esther schließlich vor und wandte ihren Blick von dem neuen, unfreiwilligen Mitglied ab. „Wir durchsuchen das Schiff und holen uns Informationen. Das Schiff ist nur drei Tage hier. Vielleicht sollten wir uns aufteilen. Eine Gruppe geht zum Schiff, die andere greift sich den Meuterer und fragt ihn aus? Am besten gewaltlos.“ Letzteres sagte sie mit einem kurzen Seitenblick auf Trevor.

    Der Formwandler zuckte die Schultern. „Ich versuche es, kann aber für nichts garantieren.“

    Gut. Besser als nichts. Von Edmund hörte sie ein Schnauben, weshalb sie sich zu ihm umwandte. „Und der Kerl wird auch freiwillig mit uns reden.“

    „Da bin ich ausnahmsweise deiner Meinung“, gab sie kühl zurück. „Aber ich sagte auch nichts von freiwillig.“

    Ich weiß zwar noch nicht, wie wir das anstellen wollen, aber da fällt uns etwas ein, wenn es soweit ist.

    „Um das >nicht freiwillig< kann ich mich gerne kümmern“, sagte Trevor, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Immerhin habe ich noch eine Rechnung zu begleichen.“ Der Formwandler verschränkte die Arme vor seinem Oberkörper und seine Miene verdüsterte sich.

    Das war zwar das Gegenteil von gewaltlos, aber es schien ihr, als wäre jeder Widerspruch zwecklos. Vielleicht konnte sie dem Formwandler zuvorkommen.

    Viele Optionen blieben ihr nicht, denn wie Edmund bereits sagte, höflich nachfragen, würde nichts bringen.

    Fragend sah sie den Händlersohn an.

    „Meine Stimme zählt hier eh nichts“, meinte er daraufhin.

    Ihr lag die Zustimmung bereits auf der Zunge, doch sie hielt sich zurück. Sich noch mehr zu streiten, brachte nichts. Immerhin würden sie noch eine Weile aufeinander hocken.

    Allerdings konnte sie sich hier auf der Stelle auch ein anderes Schiff suchen und dort anheuern. Da Edmund so offen kundgetan hatte, sie nicht ausstehen zu können, würde er sie sicherlich nicht vermissen. Und sie ihn auch nicht!

    Oder?

    Außerdem hatte sie ihm etwas versprochen und ihr Versprechen würde sie halten.

    Sie wartete noch kurz, ob jemand weitere Einwände gegen den Plan hatte. Da gab es sicherlich viele und die beste Idee war das bei Weitem nicht. Aber in der Kürze der Zeit erschien ihr das die beste Möglichkeit. „Dann sollten wir überlegen, wie wir die Grüppchen einteilen? Den Meuterer könnte ich dazu bewegen, an einen … ruhigeren Ort zu gehen, von wo aus wir ihn dann … mitnehmen können?“

    „Vielleicht reicht das erst einmal aus“, überlegte Edmund laut. „Auf blauen Dunst ein riesiges Schiff durchsuchen, macht wenig Sinn.“

    Nach einem kurzen Augenblick nickte Esther zustimmend. „Ja, du hast Recht.“ Verdammt. Nun war es schon das zweite Mal, dass sie ihm beistehen musste!

    Aber es war so. Sie wussten nicht einmal, ob sich das Fernrohr auf der Telara befand. Nur weil der Meuterer sich dort aufhielt, musste das nicht auch für das Relikt gelten. „Der Kerl ist unsere einzige Möglichkeit, herauszufinden, was mit der Eleftheria passiert ist“, setzte Esther nach.

    Nelli räusperte sich „Ich denke, dass ist ein guter Zeitpunkt, um euch zu sagen, dass Stievs Geist mich angesprochen hat.“

    Damit hatte die ältere Frau mit einem Schlag die gesamte Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

    Überraschte Esther diese Offenbarung? Nein. Auf der bisherigen Reise hatte sie allerhand seltsame Sachen gesehen und seit der Sache mit Trevor und dessen Vater glaubte sie Nelli auch, dass diese mit Geistern kommunizieren konnte.

    Esther lehnte sich interessiert vor. „Und? Was hat er gesagt?“

    Nelli schnaufte. „Er meinte, dass Armod hier wäre und uns sucht. Er wollte uns warnen.“

    Ungläubig runzelte Esther die Stirn. „Kann das sein? Meint ihr, der Kerl hat uns hier bereits aufgespürt?“ Sie hielt das für ausgeschlossen, Immerhin war sie die Einzige auf der Eleftheria gewesen mit der Fähigkeit des Aufspürens. Und ihre Zauber hatten ihr keine weiteren magischen Wesen aufgezeigt. Sollte der Kerl wirklich hier sein, dann hatte er entweder wahnsinniges Glück, war doch schlauer als sie dachten oder unter ihnen versteckte sich ein Magier.

    Sie hoffte auf Ersteres.

    „Super“, ließ Edmund von sich hören. „Dafür, dass ich dem Bastard ein Grab auf der Insel geschaufelt habe, hätte dein Geisterfreund ein paar mehr Informationen herausrücken können.“

    Warum fühlte sich seine Stimme in ihrem Kopf an, als würde sie mit der Hand beherzt in ein bestücktes Nadelkissen greifen?

    Dennoch hörte sie eine Spur Sarkasmus heraus.

    „Ist das ein Problem, um das wir uns auch kümmern sollten?“, fragte sie zögerlich in die Runde.

    „Wir sollten es im Auge behalten“, bemerkte Trevor. „Aber das gehen wir an, wenn Armod uns über den Weg läuft. Erst einmal greifen wir uns diesen feigen Meuterer!“

    Mit einem knappen Nicken stimmte Esther zu. „Wäre Armod hier, läge die Elefheria am Hafen“, überlegte sie laut. „Und ich bin die ganzen Anlegestellen abgelaufen und habe das Schiff nirgends gesehen.“

    Irgendwann, etwas später am Abend, stand ihr Plan, wie sie den Matrosen überwältigen wollten. Es gefiel ihr ganz und gar nicht, den Mann auf solch brutale Art und Weise zum Reden zu bringen. Aber egal, wie oft sie die Dinge überdachte, desto mehr kam sie zu dem Entschluss, dass es keine andere Möglichkeit gab.

    Sie hoffte nur, dass sie auch die notwendigen Informationen bekamen. Wenn nicht, wäre die ganze Mission umsonst und sie fingen von vorne an.

    Mit wenigen Handgriffen räumte sie mit Nelli und Andre die Revenge auf, während Edmund erneut in der Küche werkelte und Trevor Dinge am Schiff überprüfte, die Esther ohnehin nicht verstand.

    Wenig später schlenderte sie über den befestigten Steg und genoss für einen Moment die Ruhe, die der Abend verbreitete. In etwas weiter Ferne drang Gelächter und Gegröle zu ihr herüber.

    Sie warf einen prüfenden Blick über die Schulter, um sich davon zu überzeugen, dass sie sich noch nicht allzu weit von der Revenge entfernt hatte.

    Als sie sich wieder umdrehte, stand einige Meter vor ihr ein Mann, der sie mit durchdringendem Blick anstarrte.

    Sofort stockte sie im Schritt und ergriff ihren Stab, ohne ihn aber direkt zu ziehen.

    Sie erkannte ihn augenblicklich. Die dunklen Augen, die etwas zu tief in den Höhlen lagen und von feinen Fältchen umrahmt wurden. Wäre ihr die Situation nicht unheimlich, hätte der Sklave, mit dem sie bei der Telara gesprochen hatte, sogar freundlich ausgesehen.

    So allerdings bewirkte ihre Begegnung nur, dass ihr ein eisiger Schauer über die Arme glitt.

    Doch er tat nichts. Er stand nur da und sah sie an.

    Esther tat es ihm gleich.

    Ihr Herz hämmerte als für ein paar Sekunden die Zeit stehen zu bleiben schien.

    Dann wandte der Sklave sich mit einem Ruck um und ging den Steg entlang. Wohin, konnte sie nur mutmaßen.

    Sie blieb noch und blickte ihm noch lange nach, obwohl er längst verschwunden war.

    Was wollte dieser Irre hier? War er hinter ihr her?

    Sie schüttelte den Kopf und ging schnurstracks zur Revenge zurück. Währenddessen rang sie mit sich, ob sie jemanden von dieser Begegnung erzählen sollte.

  • Nelli hatte das Gespräch mehr oder weniger schweigend verfolgt, immerhin wusste sie, dass sie nicht sonderlich nützlich sein konnte. Den Meuterer fangen lag definitiv nicht in ihrer Gewalt, der wäre schneller weg, als sie auch nur vom Anleger gehumpelt wäre. Die Alte tippte sich nachdenklich ans Kinn und ließ ihren Blick über ihre ungewöhnliche Gruppe gleiten. Wenn sie ehrlich war, fragte sie sich, wie sie es bei dieser Konstellation überhaupt bis hier her geschafft hatten. Esther und Edmund schienen sich noch weniger grün zu sein als sonst, Edmund und Trevor waren in Kombination der Inbegriff von Chaos, Andre ein absolutes Rätsel und sie selbst ungefähr genauso hilfreich wie dieser Kater, der ohne das Messer im Rücken schon fast als niedlich durchgehen würde in ihren Augen. Dieses Abenteuer war wirklich größer geworden, als sie es zu Beginn vermutet hatte, als sie sich an Bord der Eleftheria geschummelt hatte. Aber dennoch kam sie nicht umhin, diese Leute als ihre Freunde, fast eine Art Familie zu sehen. Zwar eine Familie, vor der jeder normale Mensch Reißaus nehmen würde und für die man starke Nerven brauchte, aber noch immer eine Familie.

    Sie hatten beschlossen, dem Piraten in der Dunkelheit aufzulauern, wenn er vielleicht schon nicht mehr ganz so nüchtern war. Dann malten sich alle die besten Chancen aus. Also blieb ihr noch genügend Zeit, sich um den Trank zu kümmern, der besser funktionieren würde, je länger er kochte. Also gesellte sie sich wieder zu Edmund in die Küche und griff sich ein Brett und ihren Mörser.

    Was hast du denn da vor?“ wollte der Händlersohn misstrauisch wissen und kniff die Augen zusammen, während er mit einem Lappen vor ihrer Nase herumwedelte. „Ich hab hier grade alles sauber gemacht!“ Nelli starrte ihn für einen Moment an. „Und? Das war wohl etwas voreilig, wenn wir besprochen haben, dass ich einen Trank herstellen soll, oder?“ Sie zog ihre Augenbrauen hoch und erkannte an Edmunds Blick, dass dieser diesen Teil des Planes schon wieder vergessen hatte. „Weiß ich doch...“ brummelte er schließlich und rieb sich den Nacken, ein sicheres Zeichen für Nelli, dass er das tatsächlich schon wieder verdrängt hatte. Sie konnte es ihm nicht mal übel nehmen. Die Aussicht wieder auf diese Piraten zu treffen und wenn es nur ein einzelner war, erfreute sie ebenso wenig, wie alle anderen. Sie hatte zum Glück am wenigsten darunter leiden müssen, war nicht verletzt worden oder hatte Dinge gesehen, die völlig neu für sie wären. Edmund hingegen hatte sich seitdem deutlich verändert, vermutlich war das auch ganz natürlich, nachdem man zum ersten Mal getötet hat. „Dann lass mich dir wenigstens helfen, damit du nicht zu viel Unordnung anstellst“, verlangte er und Nelli seufzte leise. „Meinetwegen“, murmelte sie und griff nach einem zweiten Brett und einem Messer. Ihre knorrigen Finger glitten über die Gläser und Töpfe, die sie neu befüllt hatte und musterte den Inhalt nachdenklich, ehe sie begann einige hervor zu holen. Dieser Trank war deutlich komplizierter und erforderte mehr Inhaltsstoffe, als das, was sie üblicherweise herstellte. Sie konnte hören, wie Edmund ungeduldig mit den Fingern auf der Arbeitsplatte trommelte, aber das war ihr gleich, sie musste sich konzentrieren. Schließlich richtete sie sich auf und blickte auf die etlichen Ingredienzien, die sich vor ihr aufreihten. „Und du bist sicher, dass du uns mit dem Zeug nicht vergiftest?“, warf der Händlersohn zweifelnd ein, was die alte Heilerin zum Lachen brachte. „Glaub mir, wenn ich das gewollt hätte, wäre das schon lange passiert“, erwiderte sie sichtlich amüsiert. Kurz glitt ihr Blick zu dem Jüngeren, der doch wirklich ernsthaft interessiert wirkte. Also begann sie nebenbei zu erklären, was für Kräuter das waren, die sie ihn mit dem Mörser zerkleinern ließ, während sie frisches Wasser aufsetzte. Sie griff nach einer Schote, die einer Chili sehr ähnlich sah – wenn man von ihrer blass violetten Farbe absah. „Und das da?“, fragte Edmund dann und zog die Augenbrauen hoch. „Das ist eine Täublingsbohne“, erklärte Nelli, „Die wird dafür sorgen, dass wir unsere Gestalt verändern können. Dafür müssen wir uns dann nur die entsprechende Person vorstellen. Das heißt volle Konzentration, ansonsten wirst du das, woran du gerade denkst für die nächsten zwei Stunden – und wenn das ein Stück Seife ist.“ Vorsichtig schnitt sie die Bohne auf und entfernte die Samen, die sich in ihrem Inneren verbargen. Diese Samen waren eine der seltensten Zutaten, die man finden konnte und wenn, dann zu unverschämten Preisen. Dennoch bargen diese kleinen, erbsengroßen Samen unglaublich viel Magie, dass selbst die alte Hexe sie nur mit äußerster Vorsicht einsetzte. Mit der flachen Seite des Messers zerdrückte sie sie und ließ den Saft in das kochende Wasser tröpfeln. Nach und nach kam der Rest der Zutaten hinzu und konzentriert rührte sie erst in die eine, dann in die andere Richtung. „So, jetzt heißt es warten“, seufzte sie leise und begann ihre Utensilien wieder aufzuräumen. Immerhin wollte sie nicht, dass Edmund wieder einen Grund hatte sich zu beschweren – auch wenn er den zweifelsohne finden würde. Der Händlersohn schaute nachdenklich die Treppe Richtung Deck hoch. „Meinst du, es ist schon Zeit?“, fragte er abwesend und die Alte legte den Kopf schief. „Ich bezweifle, dass es schon spät genug ist. Trevor wird sicher ein Auge auf ihn haben, damit wir den richtigen Moment erwischen“, erwiderte sie nachdenklich. Der Punkt, an dem der Pirat betrunken genug war um unachtsam zu sein, aber noch nüchtern genug um ihre Fragen zu beantworten. Ein sehr schmales Zeitfenster Nellis Erfahrung nach. Sie hatten sich geeinigt, dass Esther und Trevor sich um den Matrosen kümmern würden, während sie den Trank braute, der sie und Edmund sicher an Bord des Schiffes bringen sollte, während Andre sich eher widerwillig bereit erklärte hatte, auf den Gefangenen aufzupassen. Ziemlich nett von ihm, immerhin hatte er nichts mit ihren Angelegenheiten zu schaffen, er hätte auch einfach gehen können. Vielleicht würde er sich ja doch noch ganz gut bei ihnen einleben, auch wenn Nellis Alarmsignale noch immer in seiner Nähe schrillten.

    Die nächsten Stunden verbrachte die alte Heilerin damit, in der Küche zu sitzen, den Trank umzurühren und darauf zu warten, dass es Zeit wurde, dass der erste Teil des Planes in die Tat umgesetzt werden konnte. Indigoblaue Schwaden stiegen vom Topf auf, der einen starken Geruch nach gemähtem Gras gemischt mit Schuhpolitur in der ganzen Küche verteilte. Irgendwann jagte sie Edmund aus der Küche, der ihr mit seinem unruhigen, nervösen Fingergetrommel oder dem Herumgelaufe und sinnlosem Putzen auf die Nerven ging. Wie sie sich mit ihm auf ein Schiff schleichen sollte, war ihr ein absolutes Rätsel. Warum auch immer alle geglaubt hatten, dass ausgerechnet sie beide sehr unauffällig sein würden. Vermutlich waren sie wohl eher das genaue Gegenteil, aber jeder hatte nun Mal seinen Teil beizutragen. Und irgendwie reizte Nelli auch der Gedanke, mal wieder in einem jungen Körper zu stecken.

    • Offizieller Beitrag

    Trevor legte in seinem Zimmer die Rüstung ab und fuhr sich über die Narben, die er von der Meuterei zurückbehalten hatte. Noch nie hatte er dem Tod so direkt ins Auge gesehen, was bei seinem vergangenen Leben an ein Wunder grenzte. Dieser Zustand machte ihn demütig, aber auch wütend. Über fünfzehn Jahre hatte er auf See verbracht, hatte gekämpft, geraubt und geplündert. Er hatte sich immer mit der Frage beschäftigt, ob er der Böse in den Geschichten war, die man sich darüber erzählen würde. Sein Vater hatte ihm erklärt, damals nicht wissend, dass Johnny sein Vater war, dass sie von den reichen Leuten nahmen, um es den Ärmeren zu geben. Zum größten Teil meinte Johnny sich damit selbst, aber das tat nichts mehr zur Sache. Viele Piraten hatten einmal für die reichen Herrschaften gekämpft, bevor sie von jenen verraten und ohne Sold zurückgelassen wurden. Jetzt befand sich Trevor auf der anderen Seite der Medaille. Er wollte mit seinen Freunden zurückholen, was man Edmund gestohlen hatte. Das ging aber nicht mit seinem jetzigen Aussehen. Er konnte keinen Matrosen beschatten, wenn er aussah wie ein düsterer Rächer. Deshalb nahm er die Kleidung zur Hand, die er auf seinem Bett ausgebreitet hatte. Ein abgetragenes Hemd, an dem die obersten Knöpfe schon abgefallen waren, eine schmutzige Leinenhose und Lederstiefel, die ebenso bessere Zeiten gesehen hatten. Die Kleidung hing weit an seinem Körper herunter, aber Trevor hatte nicht vor, als er selbst zu gehen. Er wollte es vermeiden, am Hafen die Aufmerksamkeit unzähliger Dirnen auf sich zu ziehen, denn anscheinend sah er besser aus, als er immer gedacht hatte. Zumindest hatte der Tag ihm etwas in diese Richtung angedeutet. Er nahm die andere ranzige Kleidung zur Hand, die er zurechtgelegt hatte und begab sich zu Esthers Zimmer. Mit ihr hatte er bereits das Vorgehen besprochen und sie wartete vermutlich auf ihn. Er klopfte und wartete, bis sie ihm antwortete.
    Esther bat ihn hinein und war gerade dabei sich ihre Haare hochzustecken, während Trevor ihr die Kleidung auf ihr Bett legte. „Hier … damit solltest du genauso wenig auffallen. Wenn dich jemand fragt, bist du noch ein Grünschnabel und das erste Mal auf See.“
    Esther musterte argwöhnisch die Kleidung. „Das riecht nach totem Tier. Aber gut, ich befolge deinen Rat“, erwiderte sie grinsend, und Trevor nickte.
    „Meine Kleidung riecht auch nicht wie der Morgentau, aber das wird im Hafen nicht auffallen. Ganz im Gegenteil. Wenn wir zu sauber sind, werden die Leute dort noch misstrauisch.“ Dann musterte er Esther und legte Verbandszeug neben die Kleidung. „Und vergiss nicht, was gegen die Zwillinge zu machen“, fügte er hinzu und umkreiste seinen Brustbereich mit seinem Zeigefinger. Natürlich hätte Esther auch den Zaubertrank von Oma nehmen können, aber Trevor wollte nicht, dass Esthers magische Fähigkeiten beeinträchtigt wurden. Wer wusste schon, was solch eine Verwandlung bei ihr auslösen würde. Um als verdreckter Jüngling durchzugehen, brauchte es nicht viel.
    Esther schaute an sich hinunter, dann wieder Trevor an und nickte. „Wenn es unbedingt sein muss“, antwortete sie.
    Wenn es sein musste? Ja, das musste sein! Wie stellte sich Esther ihre Tarnung denn vor? Es musste sie in der Hafengegend nur jemand anrempeln und dann …
    „Es muss sein!“, erwiderte Trevor knapp und verließ das Zimmer, um davor zu warten.
    Es dauerte einige Zeit, bis Esther aus dem Zimmer trat. Zeit, die Trevor damit verbrachte, sich alle möglichen Szenarien in seinem Kopf zurecht zu spinnen, die auf sie warten könnten.
    Nachdem die Tür aufgegangen war, musterte er Esther.
    „Meinst du, das genügt?", fragte sie.
    „Muss es!“, meinte Trevor. Wie eine Adlige sah sie nicht mehr aus, aber er hätte lügen müssen, wenn er behaupten müsste, sie sähe wie ein Kerl aus. Deswegen betrachtete er den Eimer mit Dreck, den sie zusammengekehrt hatten. Kurzerhand fasste er in den Eimer und schmierte Esther den Staub und Dreck ins Gesicht.
    Esther beherrschte sich sichtbar, aber Trevor musste ihre weiblichen Züge verstecken.
    „Vielleicht sollte ich gleich noch in eine Grube voll Matsch springen?“, fragte sie, was Trevor trocken verneinte. Das sei genauso übertrieben, wie zu sauber herumzuspazieren.
    Durch einen Griff an die Seite, machte Esther Trevor auf ihren Zauberstab aufmerksam. „Man weiß ja nie, was passiert.“
    Trevor nickte. Er hoffte, dass sie sich so lange über Wasser mit ihrer Tarnung halten konnten, dass eine Auseinandersetzung mit Magie nicht umgehend erforderlich werden würde. Ausgerechnet Esther mitzunehmen, widerstrebte ihm zutiefst. Nicht, weil er dachte, dass es zu gefährlich werden würde – gefährlich war das ganze Unterfangen -, aber sie würde gleich Dinge zu sehen bekommen, die sie so sicherlich noch nicht gesehen hatte. Die Männer am Hafen zeigten sich nicht gerade von ihrer erhabensten Seite. Das war früher mit ein Grund gewesen, warum Trevor lieber an Bord des Schiffes geblieben ist, anstatt seinen Landgang zu genießen. Er konnte mit dem Benehmen vieler Matrosen und Piraten nichts anfangen. Naja, außer ihnen gehörig die Visage umzustrukturieren.
    Trevor rief durch das Schiff, dass Esther und er nun gehen würden, und danach machten beide sich auf den Weg zur Hafenschenke. Trevor war sich sicher, dass sie ihr Ziel dort antreffen würden. Und wenn nicht, konnten sie diesen Ort zumindest schon einmal ausschließen. Es war düster und nass auf dem Weg zur Schenke. Eine kühle Brise fegte über den Hafen von Seiten des Meeres hinweg. Hinter der Ladung eines Schiffes, die zuvor gelöscht worden war, blieb Trevor stehen und nahm die Gestalt eines bärtigen großen Mannes an, der eine üppige Plauze vor sich hertrug. Es war die Gestalt eines Mannes aus seiner Heimat, die er gut in Erinnerung hatte. Er war der Dorfschmied gewesen, und wenn es zu einer Auseinandersetzung kam, würde keiner so schnell die Kraft des Mannes hinterfragen. Auch war sich Trevor sicher, dass diese Gestalt unter den Männern in dieser Region vollkommen unbekannt sein sollte. Zudem erklärte sich nun Trevors etwas zu weite Kleidung.
    Esther starrte ihn ungläubig an.
    „Was?“, fragte Trevor mit tiefer, bäriger Stimme. „Ich habe es etwas leichter, meine Gestalt zu ändern.“
    „Ich hatte mich schon gefragt, wie das in der Umsetzung aussieht“, erklärte sie trocken, was wohl auf den Vorgang seiner Verwandlung bezogen war.
    „Ich wachse oder schrumpfe zu einer anderen Gestalt“, antwortete Trevor schulterzuckend und lenkte dann seinen Blick in die Richtung, in die sie mussten.
    Die laute Musik und das Gegröle fanden bereits ihren Weg zu ihnen. Laute Stimmen überschlugen sich, sodass es schwer werden würde, sein eigenes Wort in der Schenke zu verstehen.
    „Dann wollen wir mal …“, meinte Esther und ging voraus.
    Trevor holte sie ein und nahm sie vor dem Eingang beiseite. „Halte dich an mich“, warnte er sie. „Keine Alleingänge, hast du mich verstanden?“
    Esther musterte Trevor. „Verstanden. Dann musst du mir versprechen, auch keine Alleingänge zu unternehmen.“
    Trevor und Alleingänge? Sicherlich würde er Esther nicht irgendwo stehenlassen. Die Vermutung lag nahe, dass sie danach nie wieder auftauchen würde. Deshalb nickte er nur bestätigend, ehe er die Tür zur Schenke öffnete.
    Im Inneren zeigte sich ein ihm gewohntes Bild. Männer sangen bei den Seemannsliedern mit, Dirnen mit entblößten Brüsten saßen auf den Schößen der Männer oder wurden in ein Zimmer in der oberen Etage geführt. Es roch nach Schweiß, Bier und nach anderen Dingen, die Trevor lieber nicht beim Namen nennen wollte. Im Gedränge der Menschen ging er sicher, dass Esther nah hinter ihm blieb, bis sie sich den Weg zur Theke gebahnt hatten. An dieser Stelle kamen alle vorbei, die etwas zu trinken haben wollten. Zu ihrem Glück befanden sich zwei freie Stühle genau vor ihnen. Trevor schob Esther vor den einen, damit sie sich setzen konnte. Ihr war der Schreck über die Zustände in diesem Laden deutlich anzusehen, weshalb Trevor erstmal zwei Bier bestellte, bevor er begann, sich im Raum umzusehen. Das schaumlose Bier kam rasch, und Esther nippte daran. „Es ist mir unbegreiflich, wie ihr diese Plörre trinken könnt.“ Sie verzog angeekelt das Gesicht. „Siehst du schon was? Ich spüre seine Präsenz ganz deutlich. Er muss in der Nähe sein.“
    Noch konnte Trevor ihn nicht sehen, aber vielleicht war er auch gar nicht im Erdgeschoss. „Nach einem halben Jahr auf See schmeckt alles gut, was kein gepökeltes Trockenfleisch ist oder aus Zitronen besteht“, antwortete er deshalb.
    „Mir hat die Zeit auf der Insel gereicht. Obwohl ich überrascht bin, wie viele Variationen es bei der Zubereitung von Fisch gibt“, antwortete sie lachend.
    Trevor nickte geistesabwesend. „Das ist trotzdem etwas anderes“, erwiderte Trevor. „Auf der Insel hatten wir Fisch, Obst und frisches Trinkwasser. Das ist für eine Mannschaft anders. Mal abgesehen davon, dass Alkohol auf See verboten ist.“
    Kann ich verstehen. Betrunkene Seemänner braucht niemand.“ Sie sah hinter sich. „Außerdem ist die Gefahr, dass sie über Bord gehen, dann nochmal größer.“
    „Oder sich gegenseitig über Bord werfen …“, nuschelte Trevor in seinen Bart und trank sein Bier leer. Wie es aussah, befand sich der Seemann tatsächlich in den oberen Räumen. Zumindest war er im Schankraum nicht zu entdecken. Das hieß, dass sie warten mussten.
    Für einen kurzen Moment dachte Trevor, dass sie tatsächlich alles ohne große Ereignisse hinter sich bringen konnten, aber kaum hatte er sich getraut, diesen Gedanken zu fassen, tippte ihm jemand auf die Schulter. Nachdem sich Trevor umgedreht hatte, stand ein Mann mittleren Alters hinter ihm. Ein rotblonder ungepflegter Bart zierte dessen Gesicht, während sein rechtes weißes Auge ihn anstarrte, das linke blaue Auge ebenso, aber nur halb so bedrohlich wie das erblindete. „Dein Kumpel hockt auf meinem Stuhl!“, presste der Fremde aus zusammengebissenen Zähnen hervor.
    „Hier hast du einen anderen“, meinte Trevor schlichtend und schob den Stuhl, der noch vor ihm stand, hinter sich.
    „Den will ich nicht! Ich will meinen Stuhl!“, entgegnete der Blonde.
    Trevor sah zu Esther, die mit wechselnden Blicken versuchte, die Situation einzuschätzen. Sie rutschte auf dem begehrten Stuhl herum, den Trevor schließlich samt ihrer zarten Person etwas beiseiteschob.
    „Ich wusste gar nicht, dass dein Name hier draufsteht“, sprach Esther ungewohnt provokant an den Blonden gewandt, weshalb Trevor mit dem Kopf schüttelte und seinen Zeigefinger an seine Lippen hob.
    „So klug, um auf solch ein Argument zu antworten, ist er nicht.“ Dann wischte Trevor sich seine Hände an seinem Hemd ab, die feucht vom fahlen Bier waren.
    „Ey, was soll‘n das heißen?“, krakeelte der Seemann vor Trevor und tat einen Schritt auf ihn und Esther zu. Er schubste Trevor gegen seinen dicken Bauch, der dadurch mit dem Rücken leicht gegen den Tresen stieß. Gerade, als der Blonde Esther vom Stuhl helfen wollte, nahm Trevor ihm am langen Schopf, knallte sein Gesicht auf den Tresen, hob ihn drauf und schob ihn der Länge nach darüber, bis er am anderen Ende bewusstlos hinunterfiel. Einige Seemänner schafften es, ihre Krüge rechtzeitig hochzuheben, dem Rest, der dies verpasst hatte, spendierte Trevor ein neues Bier. Zum Dank erhoben sie ihre Krüge und widmeten sich danach einfach wieder ihren Gesprächen oder den Frauen.
    Weiber quatschen. Wir quatschen nicht!“, erklärte Trevor Esther mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht, während andere Kerle im Hintergrund ihre zuvor gemachten Einsätze tauschten.
    Esther grinste und hob prostend ihren Krug.
    Trevor erwiderte dies und atmete schwer durch. Das dauerte ihm alles zu lange. Wie lange konnte der Seemann schon brauchen? Vermutlich war er eingeschlafen, während ihm die Dirne die Taschen ausräumte. Er schwor sich, nur noch das dritte Bier abzuwarten, bis er nach oben gehen würde, um ihn aus dem von Krätze verseuchten Zimmer zu ziehen.
    Esther starrte nach einer Weile ins Leere.
    Kurz dachte Trevor, dass das am dritten Bier lag, aber dann wandte sie sich ihm zu.
    „Er kommt näher. Sehr schnell“, sagte sie, und Trevor schaute zur Treppe.
    Der gesuchte Seemann stolperte mehr die Treppen hinunter, als dass er geradeaus lief. Der Kerl hatte gut einen im Tee, sodass ein Ergreifen mehr als einfach werden sollte. Sie sahen ihn zum Ausgang gehen, weshalb sich beide auf den gleichen Weg machten.
    „Wollt ihr beiden schon gehen?“, fragte eine üppig ausgestattete Dame, die sich beiden, wie eine alte ramponierte Fregatte, in den Weg schob. „Die Nacht ist noch jung …“
    Du aber nicht!
    Die schwarz-rote Korsage verdeckte kaum, was die Dirne anzubieten hatte, darunter auch einen roten schuppigen Ausschlag. Die Frisur, wenn man das Vogelnest als solches bezeichnen wollte, hatte an dem Abend schon die Hände einiger Seeleute zu spüren bekommen. Ganz zu schweigen von dem Lippenstift, der überall in ihrem Gesicht zu finden war, nur nicht mehr dort, wo er eigentlich hingehörte. Das weiße Puder ließ sie zudem wie eine Hafenleiche aussehen. Wie eine, die seit Tagen schon vor dem Steg herumtrieb und von den Möwen angefressen worden war. Wehmütig dachte Trevor an den Goldenen Pfau zurück. Mann konnte sagen, was Mann wollte, aber dort waren die Frauen schöner anzusehen gewesen. Was vermutlich auch daran lag, dass nicht alle von ihnen dem ältesten Gewerbe nachgegangen waren, sondern sich darunter auch reiche Händlertöchter befunden hatten.
    „Kein Interesse, nein“, antwortete Trevor und schob sich an der Dirne vorbei, während Esther es dahingehend wegen ihrer Körpergröße etwas schwerer hatte.
    „Wie wäre es mit dir? Auf den alten Schiffen lernt man das Segeln …“
    Esther schob sich auch an der Dirne vorbei und schloss zu Trevor auf. „Gleich kommt mir das Bier wieder hoch …“, murmelte sie dabei.
    Eilig verließen sie die Schenke, um den Seemann zu folgen. Als sie herauskamen war er nirgends zu sehen, aber Esther ging geradewegs nach links die Anlegestellen hinunter.
    Trevor hatte nicht vor, an ihren magischen Fähigkeiten zu zweifeln und folgte ihr. Es dauerte nicht lange, da sahen sie ihn am Rande eines Stegs. Schwankend pullerte er in das Hafenbecken.
    „Warte kurz …“, flüsterte Trevor an Esther gewandt, und die beiden beobachteten ihn. Nebenan wurde gerade die Ladung eines Schiffes gelöscht. Hier konnten sie ihn nicht so einfach überwältigen, ohne die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zu ziehen. Doch gerade, als der Seemann sein Geschäft beendet hatte und sich augenscheinlich die Hose wieder zuband, ertönte ein lautes Rufen, gefolgt von einem Knarzen und Reißen. Umgehend zückte Esther ihren Zauberstab, um vermutlich das Schlimmste zu verhindern, aber da fiel schon eine große hölzerne Kiste auf den Seemann hinunter, die ihn vollständig unter sich begrub.
    „Autsch …“, gab Trevor von sich. „Vielleicht … ist er noch am Leben?“ Die große Blutlache, die sich bildete, sprach dagegen.
    „Das darf doch nicht wahr sein!“ Esther wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Was machen wir denn jetzt?“
    „Naja, wir nehmen, was wir kriegen können“
    , antwortete Trevor und zuckte mit seinen Schultern. „Vielleicht kann Oma mit dem Geist reden oder …“ Er hielt Inne. Er wusste nicht, ob Esther bereits etwas von Agatha wusste. Sie war immerhin auch eine Magierin und kannte vielleicht eine Möglichkeit, etwas aus den Leichenteilen herauszubekommen. Immerhin sprach sie auch mit einem Kater, der ganz offensichtlich ein Messer im Rücken mit sich getragen hatte. „… Vielleicht finden wir einen Weg …“
    Die Besatzung des anderen Schiffes fluchte derweil und schien nicht zu wissen, was sie jetzt tun sollte. Eine bessere Gelegenheit gab es nicht. „Komm mit“, sagte Trevor und ging auf die Leute zu. „Der arme Konrad … Beim Pissen erschlagen worden …“, rief er den Leuten lautstark zu. Mit einem stechenden Blick machte Trevor Esther auf die Schubkarre neben ihnen aufmerksam.
    Esther verstand, was er wollte, und nahm die Karre an sich. „Sowas Dummes aber auch“, rief sie den Männern zu. „Wollen wir ihm wenigstens die letzte Ehre erweisen, ehe die Möwen ihn auffressen?“
    „Und wer seid ihr beide?“, wollte einer der Seemänner wissen und musterte beide mit seinen braunen Knopfaugen.
    „Ich bin Derrick“, stellte sich Trevor vor und verwies dann auf Esther. „Und das ist Harry. Wir kennen … kannten den Kerl, den ihr gerade unter einer Kiste begraben habt. Wir haben auf ihn gewartet, während er sich erleichtern wollte.“
    Macht euch nicht die Mühe“, wandte der Kerl vor ihnen ein. „Wir schubsen ihn ins Becken.“
    „Aye, aber nicht so schnell“, wandte Trevor ein. „Ihr habt einen Matrosen eines anderen Schiffes begraben. Der Kapitän fordert sicher eine Entschädigung. Also, wenn ihr nicht wollt, dass wir zu unserem Kapitän rennen und ihm alles haarklein erzählen …“
    Esther nickte neben Trevor. „Und da wir nicht dabei zusehen wollen, wie die Möwen sich an ihm laben, nehmen wir ihn mit ... Also, was von ihm übrig ist, heißt es.“
    Die Männer tauschten Blicke aus. „Wenn ihr unbedingt wollt …“, gab der eine nach und pfiff lauthals, nachdem er die Kiste wieder mit dem Kran verbunden hatte.
    Der Seemann war nicht so platt, wie es Trevor gedacht hatte. Gut, er war teils aus seiner Kleidung herausgeplatzt, aber der Kopf schien noch halbwegs intakt. Der Kiefer wackelte etwas nach, aber das sollte dann später nicht mehr sein Problem sein.
    „Äh, Harry, wir brauchen die Schubkarre, sofort!“, rief Trevor Esther zu.
    Esther schob vorsichtig und mit Abstand die Schubkarre unter die Kiste, von jener der Seemann schmatzend hinunterfiel. „Das war es … schönen Abend noch“, verabschiedete sich Trevor vom Rest, nahm die Schubkarre und bedeutete Esther, ihm zu folgen.
    Kaum waren sie hinter anderer Ladung verschwunden, brach Esther zur Seite aus und übergab sich hinter ein paar Kisten. „Siehst du, dafür braucht es nicht mal mehr die Dirne … ein paar Überreste reichen.“
    Esther kam zurück und wischte sich mit ihrem Ärmel über den Mund. „Ein paar Überreste hat mir gefallen. Der Kerl sieht aus wie durch einen Fleischwolf gedreht. Ich hoffe, Nelli kann wenigstens etwas damit anfangen.“
    „Das werden wir herausfinden“
    , sagte Trevor und lief weiter.
    Nachdem sie bei der Revenge angekommen waren, wurden sie von ihrer Crew begrüßt.
    „Wo ist der Kerl?“, forderte Edmund gleichauf zu wissen und sah sich um.
    Nelli räusperte sich und verwies stumm auf die Schubkarre, bevor sie einen Seufzer von sich gab. „Junge, du solltest ihn am Leben lassen“, sprach sie belustigt.
    „Was?“, hakte Trevor nach. „Das war ich nicht!“
    „Er war es wirklich nicht“, bestätigte Esther. „Der Seemann hatte sich erleichtert und dann ist … eine Kiste auf ihn gefallen.“
    „Die Trevor geworfen hat“, fügte Edmund hinzu und unterdrückte ein Lachen.
    „Nein“, widersprach Trevor vehement. „Ich hätte sicherlich eine werfen können, aber sie ist vom Kran gebrochen.“
    „Und was sollen wir mit dem Seemannsbrei?“, fragte Nelli.
    Hinter ihr meldete sich Agatha. „Vielleicht kann ich helfen …“
    „Wenn du nicht verdammt gut im Puzzeln bist, sehe ich schwarz“, erwiderte Edmund und stemmte erwartungsvoll seine Arme in die Hüfte.

  • Puzzeln, dachte Agatha und widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen. Nun gut, Edmund wusste es nicht besser. Wie auch alle anderen. Unangenehm fühlte sie deren aufmerksame Blicke auf sich ruhen.

    Sie zögerte. Sie wusste nicht, ob das, was sie vorhatte, eine gute Idee war. Die meisten reagierten auf ihre Magie ... recht negativ, um es positiv auszudrücken. Den Leuten war es suspekt, wenn Tote plötzlich wieder auferstanden. Für Agatha jedoch stellte der Tod nur einen Zustand dar, den man ändern konnte. So wie Schlaf auch. Da wunderte sich schließlich auch niemand, wenn die Leute am nächsten Morgen wieder aufwachten und putzmunter herumliefen. Beim Tod musste man eben mit ein paar größeren Geschützen nachhelfen. Das war alles.

    Nur wie würde die Gruppe reagieren? Sie spürte deutlich den stechenden Blick der Alten, die sie bereits seit ihrer Ankunft misstrauisch begutachtete. Auch dieser Edmund war ihr nicht besonders geheuer und was sie von Esther halten sollte, wusste sie immer noch nicht. Im Zweifelsfall hoffte sie, Trevor auf ihrer Seite zu wissen. Und da er hier augenscheinlich der Stärkste war, war seine Gegenwart mehr als willkommen.

    „Nun, ihr regelt das sicher irgendwie“, sagte der Formwandler und wollte sich abwenden. „Ich geh mich mal waschen und zurückverwandeln.“

    „Hiergeblieben!“ Instinktiv griff Agatha nach seinem Hosenbund und wollte ihn zurückziehen, wodurch sie selbst mitgeschleift worden wäre, hätte Trevor nicht verwirrt angehalten.

    So würdevoll wie in dieser Situation noch möglich, richtete Agatha sich wieder auf und sagte: „Ich brauche eure Unterstützung. Zu fünft wird das vielleicht was, aber ich kann für nichts garantieren.“

    „Wird was was?“, fragte Edmund.

    Agatha ignorierte ihn. Geschäftig wühlte sie in ihrer Tasche herum und holte die rote Kreide hervor. „Ich brauche Platz.“ Gekonnt setzte sie die Kreide auf den Boden und malte einen perfekten Kreis auf den Boden, in dessen Zentrum die Schubkarre mit dem zermatschten Matrosen lag. Es folgte ein nur eine handbreit kleinerer Innenkreis. Zwischen die beiden Linien zeichnete Agatha die Symbole, die sie für ihr Vorhaben brauchte. Inzwischen gingen sie ihr so flott von der Hand als würde sie einen normalen Brief schreiben. Schon war die dritte Runde durch den Raum abgeschlossen. In den Kreis setzte sie mit fünf weiteren Strichen ein Pentagram.

    „Jeder von euch stellt sich jetzt auf eine der Spitzen.“

    Niemand regte sich.

    „Und wieso soll ich das bitteschön tun?“ Edmund warf ihr einen misstrauischen Blick zu.

    „Weil es eure beste Chance ist, diesen Haufen Matsch in der Schubkarre noch auszuhorchen. Ich schlage vor, du beeilst dich. Mit jeder verschwendeten Sekunde sind die Aussichten auf Erfolg geringer.“

    Trevor zuckte nur mit den Schultern, dann stellte er sich auf eine der Sternspitzen. Edmund folgte. Wenn auch wiederwillig.

    „Du auch, Großmütterchen“, richtete Agatha das Wort an Nelli, die nur stocksteif die Symbole auf dem Boden betrachtete. Sie schien in einer Art Schockstarre zu sein. Agatha fackelte nicht lange, sondern schob die Alte an die gewünschte Position. Esther stand bereits perfekt und regte sich nicht. So weit, so gut.

    Wilmor kam mit erhobenen Schwanz auf sie zu und setze sich neugierig an den Rand des Zirkels. Er war klug genug, die Linie nicht zu überschreiten. Nicht verwunderlich, nachdem es ihm einmal ein Bein gekostet hatte. Trotzdem betrachtete er den Vorgang mit wachen Blick. Schließlich war es auch nicht selten, dass nachher etwas aus dem Zirkel sprang, was er jagen und auffuttern konnte.

    Indes machte Agatha sich an die Symbole auf dem Pentagram selbst. Es waren ihre eigenen experimentellen Abwandlungen, mit denen sie auch Wilmor erschaffen hatte. Den hirnlosen Zombie konnte jeder Nekromant erwecken. Aber den bewussten Zombie, der wie ein Mensch agierte und sich an sein Leben erinnerte, das war bisher niemanden gelungen.

    Agatha war sich sicher, mit ihren Experimenten auf einem guten Weg zu sein. Sie hatte damit experimentiert, Lebenskraft aus ihren eigenen Körper als Kraftquelle für die Erweckung zu nutzen. Ein gefährlicher Vorgang, der nicht ohne Grund als Tabu galt. Bisher hatte ihre Kraft nie ausgereicht, aber mit vier Verbündeten sah die Sache anders aus. Sie musste jetzt nur präzisieren, wie viel Energie sie den Anwesenden abzwacken wollte.

    Sie sah zu Nelli, die nach wie vor mit geweiteten Augen auf den Zirkel starrte und wirkte, als könnte schon ein Windstoß, das Klappergerüst ihres Skeletts zum Einsturz bringen. Von ihr nahm sie am besten nur einen winzigen Teil. Sie würde sich keine Pluspunkte bei der Mannschaft machen, wenn die Alte nach der Erweckung vor Schock an einem Herzanfall zugrunde ginge. Von sich selbst und Trevor wollte sie ebenfalls nicht zu viel Energie nehmen. Schließlich musste sie in der Lage sein, sich zur Wehr zu setzen, falls etwas schief ging. Und das Bezog neben dem Zombie auch ihre „Gefährten“ mit ein.

    Sie sah zu Edmund, der weiterhin kritisch und mit verschränkten Armen auf sie hinabsah. Schnell kritzelte Agatha die Symbole in seine Zackenspitze. Sollte er ruhig mehr als die Hälfte der Energie für den Zauber tragen. Wer drei Frauen gleichzeitig mit auf sein Zimmer holen und bespaßen konnte, der durfte auch für drei Männer den Beitrag zum Zauber leisten.

    Zufrieden nickte Agatha. Am Rand des Kreises begann Wilmor sich auf die Lauer zu legen. Mit den ganzen Verbänden sah er aus, wie eine Mumie beim Yoga. Konnte er sich nicht ein bisschen weniger auffällig geben?

    Sie seufzte. Sei's drum. Als ob ich diese schlechte Scharade nach dem Zauber noch aufrecht erhalten könnte ...

    Ihr Blick fand den des Formwandler. „Halt dich bereit, Trevor. Falls etwas schief läuft, musst du eventuell draufschlagen.“

    Trevor nickte.

    „Also schön.“ Agatha nahm einen tiefen Atemzug, dann begab sie sich auf die letzte freie Position des Pentagrammes zwischen Trevor und Nelli.

    Dann begann sie die Worte in der alten Sprache zu murmeln. Jene Worte, die sie auch für Wilmor verwendet hatte. Schon fühlte sie die Magie durch ihren Körper in die Hände steigen. Mit einem lauten Schrei ging sie auf die Knie und stieß die Handflächen auf den Kreis. Wie Blitze zuckte die wilde Magie über den Rand, erreichte Nelli und Trevor neben ihr, dann Esther und Edmund, bevor sie zwischen ihnen krachend zusammenschlug. Die Linien des Pentagramms erstrahlten für einen Augenblick in tiefen Rot und Wilmor maunzte verzückt. Mit einem elektrischen Krachen schlug die Magie in die Schubkarre. Agatha taumelte, als der Zauber seinen Tribut forderte und beinahe hätte sie das Gleichgewicht verloren. Den anderen erging es nicht anders, wobei Großmütterchen tatsächlich die beste Figur machte. Ihr sackte lediglich kurz das Kinn auf die Brust. Die war ja doch noch dynamischer, als sie aussah.

    Edmund hingegen ging wie erwartet keuchend auf die Knie. Agathas Mundwinkel zuckten leicht. Geschieht ihm recht.

    Mit klopfendem Herzen trat Agatha in den Kreis. Hatte sie es geschafft? Es war nach wie vor ein sehr experimenteller Zauber, der bisher nur bei Wilmor angeschlagen hatte.

    Wütendes Gezeter erhob sich aus der Mitte des Zirkels. „Hey, ihr Maden! Passt gefälligst besser auf! Wenn mich diese Kiste erwischt hätte, dann ...“

    Er verstummte, als Agatha an die Schubkarre trat. Verwirrt blinzelten die Überreste des Matrosen ihr aus einem Auge entgegen. Sein Brustkorb war zertrümmert, trotzdem schien das seine Fähigkeit zum Sprechen nicht zu beeinträchtigen.

    Verzückt klatschte Agatha in die Hände und grinste über beide Ohren, wodurch der Matrosenmatsch in der Karre zusammenzuschrumpfen schien.

    „E-ey, wer bist du? Und wo bin ich hier?“ Er zögerte. „Und wieso kann ich meine Arme nicht bewegen?“

    Agatha musste den Drang unterdrücken, ihn sofort weiter auseinanderzunehmen und zu untersuchen. Dafür war nachher sicher noch genug Zeit. Jetzt musste sie zunächst das Vertrauen ihrer Truppe gewinnen.

    Immer noch grinsend drehte sie sich zu ihren Mithelfern um. „Er gehört ganz euch!“

  • Der Matsch redete. Er redete, obwohl er nicht mal mehr Lungen hatte – jedenfalls keine funktionstüchtigen. War das überhaupt möglich? Aber was stellte er überhaupt noch irgendwas in Frage?
    Ich kann nie wieder Fleisch essen, schoss es Edmund durch den Kopf. Er wandte den Blick ab. Hatte er schon zuvor damit zu kämpfen gehabt, sich nicht zu übergeben, dann machte es der jetzige Anblick nicht besser.
    Zudem zitterten seine Knie noch immer und ihm war schwindelig. Es fühlte sich an, als hätte er soeben drei Tage mit Nellis Schnaps durchgefeiert. Und das in nicht mal zwei Minuten.
    Zwar spürte er, wie die Kraft bereits in seinen Körper zurückkehrte. (Und Hunger. Trotz des redenden Hackfleisches in ihrer Mitte.) Aber Andrés komischer Zauber hatte ihm die Kraft quasi aus dem Körper gelutscht. Als würde Wasser aus einem Fass fließen. Eine Vorwarnung wäre nett gewesen. Dann hätte er dem nicht zugestimmt. (Wo sicherlich das Problem lag.) Stattdessen hatte man sein Vertrauen missbraucht.
    Er sah wie Nelli schwankte. Allerdings schien es bei ihr andere Gründe zu haben. Hoffte er jedenfalls. Lieber seine Energie als ihre.
    Sie starrte André mit weit aufgerissenen Augen an, dann wandte sie sich abrupt ab und verließ taumelnd das Deck. Sie brabbelte etwas vor sich hin, dass er nicht verstand. Dass Nelli flüchtete, war ungewöhnlich. Und eine Warnung.
    „Er gehört ganz euch!“, meinte André.
    Als Edmund sich dem Kerl zuwandte, besaß der auch noch die Frechheit zu grinsen.
    Bastard, elender!
    Edmund erhob sich, als er sicher war, dass seine Beine ihn wieder tragen würden und klopfte sich den Staub aus der Kleidung. Offenbar regenerierte sein Körper auch solche Gemeinheiten schnell.
    Er brachte einen gesunden Abstand zwischen sich und den Kreis. Sicher war sicher.
    „Geht es dir gut?“, wandte er sich an Esther.
    Diese nickte nur. Sie stand noch immer zur Salzsäule erstarrt an Deck und glotzte auf den Schubkarren. Naja, auch kein dümmerer Ausdruck als sonst …
    „Es hat funktioniert!“, stellte Trevor begeistert fest und trat an den Schubkarren heran. In dem sich der Matrose lautstark darüber beschwerte, dass er weder Arme noch Beine spüren konnte und dass er nur in der Lage war in den Himmel zu starren. Dass er aus nichts anderem bestand als einem Haufen, schien er noch nicht bemerkt zu haben. Vielleicht auch besser für die arme Sau…
    Ihn überraschte, dass ihm der Kerl leid tat- Aber sowas wünschte man seinem schlimmsten Feind nicht.
    „Dein Ernst?!“, zischte Edmund an Trevor gewandt. Ja, es war erstaunlich, dass es André geschafft hatte, einen Haufen Mensch wieder ins Leben zu rufen. Aber ihm hatte es den Boden unter den Füßen weggezogen. Nelli hatte die Flucht ergriffen und Esther war eingefroren und damit noch abweisender als sonst! Schön natürlich, dass Trevor nicht mal ein Haar falsch vom Kopf abstand! Fetter Sack!
    Er warf André einen finsteren Blick zu. Er ballte die Hände und die Wut, die über diese Unverschämtheit in ihm zu lodern begann, vertrieb jede Müdigkeit.
    „Was hast du gemacht?“, schnauzte er den Matrosen an. Das Schiff schien etwas zu schwanken und Edmund glaubte, in der Ferne ein Grollen zu hören. Allerdings schien von den anderen keiner etwas mitzubekommen. Bildete er sich das nur ein? Oder zog ein Gewitter auf?
    „Ist das nicht offensichtlich? Euer Problem gelöst. Der … Mann lebt wieder.“
    Das sagt der so als wäre es normal!
    „Lebt ...“, kommentierte Edmund trocken. Ein Mensch, der lebte, sah in seinen Augen anders aus. Und sollte es auch. Sowas war … keine Ahnung, was das war. Außer eklig! „Ich korrigiere meine Frage: WIE und was GENAU hast du gemacht?!“
    André musterte ihn abschätzig. Irgendwas Ungläubiges lag in seinem Blick, was Edmund nicht so ganz deuten konnte und das ebenso schnell verschwand, wie es gekommen war. Entweder lag es an der Frage, oder der Kerl war verwundert darüber, dass Edmund schon wieder stand.
    Der Blick wanderte zu dem Wiederbelebten. Edmund weigerte sich weiterhin diesen anzuschauen, und taxierte stattdessen André. Dessen Augen leuchteten freudig auf.
    „Ich bin eine Nekromantin.“
    Edmund kramte das spärliche Wissen zusammen, das ihm über Nekromantie bekannt war. Was im Grunde auch nur daraus bestand, dass es Magier gab, die Tote wiederbeleben konnten. Tja … schien zu stimmen. Dann stolperte er über das „in“ in Nekromantin. Was ihn bei genauerer Betrachtung aber auch nicht überraschte. Immerhin konnte er nun beim Namen nennen, was genau ihn an André(a) bisher gestört hatte.
    „Das beantwortet meine Frage nicht“, meinte er schlicht, ohne seinerseits auf die Bedeutung der Worte einzugehen. Wenn es André(a) überraschte, dass es ihn nicht überraschte, dann versteckte sie das überraschend gut. André(a) zuckte lediglich die Schultern und grinste.
    „Ich dachte mir, du hast am meisten überflüssige Energie, die wir dem Toten schenken können.“
    Edmund musterte André(a) wütend.
    Dann wandte er sich an Trevor. Warum blieb der eigentlich so still?
    „Mir quetscht André …“
    „Agatha“
    , schob die Nekromantin hilfreich ein.
    „Ist mir egal“, schnauzte Edmund in ihre Richtung, ehe er sich wieder an Trevor wandte, „die Energie aus dem Körper bis ich am Boden liege und dich juckt es nicht mal?! Toller Freund!“
    „Da du immer noch meckern kannst, wird es schon nicht so schlimm sein.“
    Trevor grinste ihn an. Es sollte wohl schlichtend wirken, bewirkte aber nur, dass sich Edmund noch mehr reinsteigerte.
    „Das ist doch überhaupt nicht der Punkt!“ Der Kerl in der Schubkarre war ebenfalls tot gewesen, konnte sich aber ganz ausgezeichnet beschweren. War das also auch nicht so schlimm?
    „Das war doch das, was wir wollen.“
    Edmund sah ihn ungläubig an. Hatte er wirklich gar nichts gespürt? Juckte es ihn nur nicht? Oder hatte Agatha es nur auf ihn abgesehen? Und war Trevor das etwa völlig egal? Von wegen Freundschaft. Von wegen beschützen. Irgendwas sagte ihm, dass Trevor es gewusst hatte.
    Wir wollten den Kerl in einem Stück! Nicht als Gulasch!“
    Warum schmerzte es ihn eigentlich so, dass sich niemand mal Sorgen um ihn machte? Oder wenigstens erkundigt, ob es ihm gut ging? Stattdessen wurde einfach akzeptiert, dass Agatha fröhlich Energie nahm und damit herumzauberte. Und Tote zurück ins Leben holte! Wer wusste schon, welche Folgen das noch haben konnte! Und es interessierte niemanden! Hatte sie die anderen etwa verzaubert?
    Trevor seufzte und wandte sich an Agatha. „Du hättest vielleicht wenigstens sagen können, was du vorhast“, schlichtete er. „Oder auch von mir den größeren Anteil Energie für das Ritual nehmen können.“
    Edmund entspannte sich etwas. Trevor war also doch nicht verzaubert worden.
    „Ja, hätte ich. Und ja. Aber hättet ihr dann noch mitgemacht? Ihr bekommt eure Antworten, seid glücklich damit. Wer weiß, ob es geklappt hätte, wenn wir noch ewig diskutiert hätten. Niemand von euch war in Gefahr.“
    Edmund gab ein abwertendes Schnauben von sich. Das konnte sie behaupten. Aber das Gegenteil beweisen konnten sie ihr nicht.
    „Das wirst du noch bereuen“, knurrte Edmund.
    „Bereuen? Dafür, dass ihr dank mir jetzt den Typen ausquetschen dürft? Kann ich doch nichts dafür, wenn du das bisschen Magie schlechter verkraftest als Großmütterchen.“
    Edmund glaubte Agatha kein einziges Wort. Von wegen schlechter verkraftet! Und ausgequetscht wurde der Kerl bereits von einer Kiste.
    Versuche mehr zu vertrauen … Und was hatte es ihm gebracht?
    Notiz an mich: Vertraue niemandem, wenn er sagt >Stell dich in den Kreis<.
    Er sah zu Agatha.
    Und vor allem vertraue nie wieder ihr.
    Alles an ihr war bisher gelogen gewesen. Und auch, wenn er damit gerechnet hatte, dass sie etwas versteckte, was hatte er ihr getan, dass sie es auf ihn abgesehen hatte?!
    Er spürte die Blicke der anderen auf sich ruhen. Auch Esther hatte sich aus ihrer Starre gelöst.
    Er blickte zurück.
    „Was?!“ Er verschränkte abwehrend die Arme. Wenn sie darauf warteten, dass er nochmal umfiel, dann konnten sie lange warten. Zum Gespött machte er sich nicht freiwillig!
    „Tja, wir sollten ihm wohl Fragen stellen, da er schon mal wieder wach ist“, meinte Trevor. Er bedachte den Matrosen aus zusammengekniffenen Augen, als erwartete er jeden Moment einen Angriff.
    „Ja und?“
    „Es ist dein Schiff … Und sie waren auf deine Ladung aus“,
    half ihm Trevor auf die Sprünge.
    Ach jetzt bin ich plötzlich wieder interessant? Macht euren Kram doch allein!
    Eingeschnappt drehte er den Kopf weg. Er wollte das sowieso nicht. Das hieß, er müsste näher herantreten und sich mehr mit dem Toten beschäftigen, als ihm lieb war. Das hieß, er müsste sich mit der Meuterei auseinandersetzen. Das konnte er nicht. Sauer auf diese Leute zu sein, war das eine. Zu sehen, wie einer von ihnen zertrümmert in einem Karren lag und sich versuchte, aufzurichten, war etwas völlig anderes. Am liebsten wäre er hinter Nelli her und hätte sich in sein Bett verkrochen.
    Doch er blieb stehen. Und starrte auf den Wiederbelebten, der sich soeben darüber beschwerte, dass er in einem Karren lag und sie ihm nicht zuhörten. So langsam schien ihm seine Situation bewusst zu werden.
    „Also wenn du nicht langsam aus dem Knick kommst, stirbt der Kerl in der Zwischenzeit nochmal – diesmal eines natürlichen Todes.“
    Agathas Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
    „Klappe auf den billigen Plätzen“, zischte er.
    Verdammt nochmal. Er konnte keinen Rückzieher machen. Der Kerl war die einzige Möglichkeit, herauszufinden, wo die Eleftheria war. Die einzige Möglichkeit das Fernrohr zurückzubekommen. Und die einzige Chance, je wieder nach Hause zurückkehren zu können. Denn ohne seinen Auftrag beendet zu haben, würde er sich nie wieder bei seinem Vater sehen lassen können. Und wenn die anderen wollten, dass er die Fragen stellte, konnte er sich nicht einfach weigern. Er war kein Feigling.
    Zögerlich trat er an den Karren heran, so weit er sich traute. Überall war Blut, Eingeweihte, Fleisch, Muskeln und Knochen. Und ….
    Edmund unterdrückte einen neuerlichen Würgreiz, als sich ein Auge bewegte. Der Kerl konnte den Kopf nicht mehr bewegen. Vermutlich war sein Hals gebrochen. Und viel war von dem Gesicht auch nicht übrig. Irgendwie kam er ihm aber dennoch bekannt vor. Er war auf der Eleftheria gewesen. Definitiv.
    „Ähm … klare Nacht, was?“ Er war froh, dass seine Stimme nicht zitterte und er einigermaßen gefasst wirkte. Sicherheitshalter verschränkte er dennoch die Arme vor der Brust. Er wollte wegrennen.
    Die Reste des Gesichts verzogen sich. Der Mann wirkte verwirrt, dann erstaunt und schließlich wandelte sich der Ausdruck in Schock.
    „D-Du. I-Ihr … ein Geist!“, schrie der Mann und wollte fliehen.
    Klar, ich bin der Geist … in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut?
    Der Karren schwankte, als sich der Haufen bewegte, aber es gelang ihm nicht einmal, ein wenig wegzurutschen. Es war schon verwunderlich wie er es schaffte zu atmen und zu sprechen, geschweige denn Sätze zu bilden…
    Edmund atmete durch.
    „Hervorragend“, kommentierte er dann. „Wie ich sehe, hast du mich erkannt. Das ehrt mich.“ Er legte ein falsches Lächeln auf seine Lippen und kaschierte damit seinen Ekel. Der Geruch von Blut bohrte sich in seine Nase und erinnerte ihn an die Meuterei.
    Nicht jetzt!
    „Ich schwöre, ich wollte das nicht! Bitte räche dich nicht an mir! Geh weg! Das war Armods Idee!“
    Edmund hätte wütend auf den Kerl sein sollen. Weil er ihn verraten und zusammen mit den Piraten gemeutert hatte. Aber wie sollte er wütend auf jemanden sein, der nun in ein Einmachglas passte?
    Prima, jetzt kann ich auch nichts Eingelegtes mehr essen.
    „Es ist mir relativ egal, wessen Idee es war“, Edmund schluckte, „aber da du Armod gerade erwähnst-“
    Der Matrose schrie, rief um Hilfe und brabbelte immer weiter vor sich hin. Irgendwas von Flüchen, Gebeten und Geistern aus der Vergangenheit, die ihn unablässig verfolgten.
    „Jetzt halt die Klappe!“, schrie Edmund zurück. Für sowas hatte er an diesem Tag wirklich keine Geduld mehr. Warum musste er das machen? Warum übernahm das keiner der anderen? Er schien doch hier sowieso nur der Depp zu sein, den man als Energiequelle nutzen konnte!
    Der Tote lachte hysterisch. „Ich habe zu viel gesoffen, oder? Ich liege irgendwo und habe Albträume!“ Er lachte wieder.
    „Verdammt!“, stieß Edmund frustriert aus. Konnte nicht einmal jemand das machen, was er sollte? Einmal! Die Wut auf den Kerl kehrte zurück. Zusammen mit dem Zorn über Agathas Frechheit. Und erneut geriet das Schiff ins Schwanken, weshalb er einen Schritt zur Seite und näher an den Karren stolperte. Irgendwo in der Ferne meinte Edmund wieder das Dröhnen zu hören. Er ignorierte es. „Du wurdest von einer verdammten Kiste erschlagen und kannst froh sein, wenn wir dich nicht ins Hafenbecken zu den anderen verwesenden Abfällen kippen! Mehr als ein paar beschissene Reste sind von dir nicht übrig!“ Edmund trat noch einen Schritt näher und stierte dem Mann ins Gesicht. „Und jetzt beantworte gefälligst meine Fragen!“
    In dem unverletzten Auge des Mannes zeigte sich zwar Angst, aber vor allem Trotz und Wut. Dann schien ihm endlich klar zu werden in welcher Situation er sich befand. Oder er sah es in Edmunds Augen. Wie auch immer. Der Kerl fing an zu schreien als würde man ihn bei lebendigem Leib grillen. Edmund trat erschrocken einen Schritt zurück, während Trevor seinerseits einen nach vorn tat und an seiner Seite Position bezog.
    „Ihr gemeinen Hunde! Ihr elenden Schweine! Was habt ihr mit mir gemacht?! Ihr solltet tot sein und nicht ich! Ich habe gesehen, wie ihr auf dem Ruderboot davon getrieben seid! Warum seid ihr hier? Und warum tut ihr mir das an?“ Er schrie, wurde heißer und immer lauter. „Ihr Monster! Ihr seid ebenfalls tot, oder?! Das ist meine Verdammnis!“
    Edmund ließ sich nicht anmerken, wie ihm bei jedem Wort die Galle hochkam und das Herz in die Hose rutschte. Diese Blöße würde er sich nicht geben.
    So viel zu unauffällig.
    Da waren Trotz und Wut in seinem Blick gewesen. Aber auch noch etwas anderes. Ein Wille, der eigentlich schon gebrochen war und dem man nur noch den Rest geben musste. Der Kerl hatte Angst. Angst vor dem Tod. Angst vor dem, was aus ihm geworden war. Angst vor dem, was er getan hatte.
    Trevor trat an den Matrosen heran und ließ die Fingerknöchel knacken. Wenn Trevor ihn nun umbrachte – konnte man einen Toten töten? – dann standen sie wieder mit nichts da. Und er wollte nicht mit Nelli auf gut Glück auf ein fremdes Schiff klettern. Oder als Versager dastehen, weil er es nicht geschafft hatte, etwas aus dem Kerl herauszubekommen.
    Edmund straffte die Schultern.
    „Hör mal-“, begann Trevor. Doch er verstummte, als Edmund sich an ihm vorbeidrängte. Er wünschte sich sehnlichst, er hätte sich Handschuhe angezogen. Stattdessen legte er dem Wiedergeborenen die bloße Hand auf den Mund. Und blendete aus, dass das Fleisch unter seiner Berührung nachgab.
    Wieder stieg ihm der Blutgeruch in die Nase. Er verdrängte es und blendete den Matrosen aus. Er schob alle Gefühle zurück. Er war nicht nutzlos. Und er war nicht einfach nur eine Witzfigur, die man benutzen konnte.
    Er fixierte das intakte Auge des Mannes. Sein Vater hatte ihn immer wieder gezwungen, ihm bei seinen Verhören zuzuschauen. Sein Vater hatte ihm die Courage abgesprochen, es selbst durchzuziehen. Hatte ihn immer wieder als zu weich betitelt.
    „Du solltest besser still sein“, mahnte Edmund. Er war zuerst überrascht, wie kalt seine Stimme klang, dann war er mit dem Ergebnis zufrieden. Diesmal würde er sich nicht abweisen lassen. Diesmal nicht. Immerhin hatte auch er dazu gelernt. Wenngleich er Menschen ungern auf diese Weise manipulieren wollte. Er durfte es einfach nicht an sich heranlassen. Er streifte das Mitgefühl ab, das er für diesen Kerl empfand.
    Das war kein Mensch mehr. Der Verräter war nie einer gewesen. Er hatte sein Mitleid nicht verdient.
    „Im Gegensatz zu dir, können wir weglaufen, wenn wir erwischt werden.“ Er lächelte bösartig. Das Ding hatte Angst? Angst vor dem Tod? Angst vor seinem aktuellen Zustand? Das ließ sich nutzen. „Ich weiß ja nicht, was man hier mit Abschaum macht – vermutlich als Fischfutter verwenden.“ Das Etwas hörte auf zu brüllen. Stumm starrte es zurück, Panik quoll in den Augen. „Das erscheint mir doch gerecht. Oder was meinst du, Verräter?“ Edmund kicherte trocken. „Nachdem du uns auch als Fischfutter zurücklassen wolltest.“
    Es zuckte, Tränen lösten sich aus dem Auge und Verzweiflung lag darin. Es wollte sich seinem Blick entziehen, konnte es aber nicht.
    Edmund verstärkte den Druck. Er rümpfte abfällig die Nase.
    „Aber wenn du kooperierst, vergesse ich vielleicht deine Beteiligung an der Meuterei und sorge dafür, dass du dein restliches Leben nicht als Abfall fristen musst.“ Aber welches Schwein frisst schon Dreck?
    Der Verräter war verloren. Und das geschah ihm recht. Dennoch blitzte in dessen Auge etwas auf. Es versuchte zu nickten.
    Edmund bedachte den Abschaum noch eine Weile. Warum hatte er mit diesem Ding überhaupt Mitleid gehabt? Es hatte ihn verraten. Ob aus Angst. Oder Berechnung. Völlig gleich. Nun war es nichts weiter als menschlicher Abfall. Ein Insekt, das unter einem Schuh zertreten wurde.
    Er nahm die Hand weg. Blut klebte daran. Die Bewegung gab ein schmatzendes Geräusch von sich. Er nahm es ungerührt zur Kenntnis und wischte die Hand gleichgültig an Trevors Kleidung ab, ohne den Blick von dem Ding zu nehmen.
    Trevor brummte lediglich, sagte aber nichts.
    „Ich wiederhole mich nur ungern und ich rate dir, ehrlich zu sein, andernfalls platzt der Deal“, setzte Edmund neu an und konzentrierte sich auf das Auge, „Wo ist mein Schiff? Wo ist die Eleftheria?“ Zuerst musste er sichergehen, ob sich das Fernrohr noch auf dem Schiff befand.
    Der Blick des Verräters zuckte, wollte nach links oder rechts ausweichen, doch Edmund fing den Blick immer wieder ein, bis das Auge auf ihm verharrte. Ängstlich weitete es sich, starrte ihn an.
    „Sie war hier“, flüsterte es. Es klang nicht mehr wie zuvor. Nicht mehr aufgebracht, nicht mehr bösartig oder verwirrt. Nur noch heiser, nur noch abwesend, fast mechanisch. „… im Hafen. Aber Armod Metallfaust ist mir ihr weitergefahren.“
    „Wann?“
    , bohrte Edmund unbeeindruckt weiter.
    „Vor ein oder zwei Wochen schon.“
    „Warum bist du dann noch hier?“
    Bestand die Möglichkeit, dass die Eleftheria bald zurückkehrte?
    „Ich habe die Mannschaft gewechselt.“
    Einmal Verräter, immer Verräter.
    „Das sehe ich selbst!“, meinte Edmund und verschränkte erneut die Arme. „Warum“, er beugte sich etwas tiefer und starrte dem Ding ins Auge, „hast du die Mannschaft gewechselt?!“
    Es sah aus, als wollte es zurückweichen, was ihm natürlich nicht möglich war.
    „Armod hat uns tagelang auf dem Schiff suchen lassen. Wir mussten jede Planke und jedes Fass umdrehen und prüfen. Dabei hat er uns nicht mal gesagt, nach was genau wir suchen. Mit jedem Tag, den wir erfolglos waren, wurde Armod wütender. Zwei Leute hat er über Bord geworfen. Drei Leute zu tote gequält. Ich hatte Angst, dass ich der nächste bin.“
    Dann hat der Dreckskerl mich bei der Meuterei also auch aus Angst verraten… Geld hätte er noch verstanden. Aber Angst?
    „Nach deiner Leidensgeschichte habe ich nicht gefragt!“ Die Worte kamen Edmund gelangweilt von den Lippen.
    „Aber du …“, setzte das Ding an.
    Edmund unterbrach es. „Hat Armod gefunden, was er gesucht hat?“
    Das Ding schwieg und sah ihn nur an. Der Blick flackerte.
    „Ich habe dich etwas gefragt“, fauchte Edmund. Es war nicht nötig die Stimme zu heben. Es zuckte auch so zusammen. Jedenfalls so weit es sein Zustand zuließ. Dem Ding entfloh ein Stöhnen. Ob es Schmerzen spüren konnte? Vermutlich nicht. Andernfalls würde es die ganze Zeit erbärmlich schreien. Das fand Edmund durchaus schade. Er hätte es ihm gegönnt.
    „Ja“, erklang die Stimme abwesend, „hat er.“ Der Blick fokussierte sich wieder auf Edmund. Doch irgendwas in dem Auge war nun anders. Es glänzte nicht mehr. „Aber … da waren wir schon hier im Hafen. Wir wurden … angegriffen und hatten Schäden … am Schiff. Bei der Reparatur … haben Handwerker ein Kästchen gefunden.“
    Edmund entging nicht wie die Stimme kehliger wurde und wie der Atem zu rasseln begann. Offenbar lief ihm die Zeit weg.
    „Wo ist dieses Kästchen jetzt?“
    „Mein … Kapitän hat es.“

    Edmund sah auffordernd zurück. „Wer ist dein Kapitän?!“
    Kurz zuckte der Blick widerwillig, doch dann antwortete es ohne zu zögern: „Thomas von Talar.“
    Edmund ließ sich nichts anmerken.
    Das konnte nicht sein. Es war sein Auftrag gewesen, von Talar in Samira zu treffen, um ihm dort das Fernrohr zu verkaufen … Aber wenn Thomas das Kästchen bereits hatte, hatte er auch das Fernrohr. Aber warum? Sein Vater und von Talar hatten doch einen Handel.
    „Hat von Talar diesen Armod auf mein Schiff geschickt?“
    „Das weiß ich … nicht.“
    Sein Blick flackerte bei der Aussage. Es wirkte nervös.
    „Du lügst“, stellte Edmund trocken fest.
    „Armod hat … seine Pläne nie offen ausgebreitet.“
    „Aber?“,
    bohrte Edmund nach. Das Auge wollte sich von ihm losreißen. Er wollte ihm nicht antworten. Aber Edmund ließ es nicht zu.

    Der Matsch stöhnte leicht.
    „Ich habe … ihn mal mit einem seiner Leute … reden hören. Frank. Er hat von einem Magier … gesprochen. Von Talar ist Magier.“
    Das hatte nichts zu bedeuteten. Aber die Möglichkeit bestand.
    „Hat er die Kiste schon geöffnet?“
    „Ich … weiß es nicht.“

    Edmund musterte den Ausdruck in dem Auge. Es sagte die Wahrheit.
    „Du behauptest ziemlich viel nicht zu wissen.“ Er legte den Kopf schräg und bohrte den Blick in den des Dings. „Und ich weiß nicht, ob ich dir glauben will.“
    Es schluchzte. „Ich sage die Wahrheit!“
    Warum hätte von Talar einen Piraten schicken sollen? Wollte er das Geld nicht zahlen? Hatte er geglaubt, mit dem Diebstahl günstiger wegzukommen? Edmund ballte die freie Hand zur Faust. Sie wären fast gestorben.
    Edmund ging nicht darauf ein. „Du hast gesagt, Armod wäre vor zirka zwei Wochen weitergesegelt. Wo ist die Eleftheria jetzt?“
    „Ich weiß nicht, wohin er unterwegs ist.“
    Edmund packte den Kopf des Dings an den Haaren und zog ihn etwas aus dem Matsch, um sich nicht unnötig vorbeugen zu müssen. Blut tropfte in den Karren.
    „Denk dir mal etwas anderes aus!“, fuhr er es kalt an. „Ich will nicht mehr hören, dass du etwas nicht weißt!“ Er suchte im Auge des Verräters eine Antwort. Fand darin aber vor allem Furcht. „Denk nochmal nach! So bist du nutzlos für mich. Und warum sollte ich dir helfen, wenn du nutzlos bist?“ Er grinste ihm ins Gesicht. „Deine Position ist nicht die beste und du verspielst deinen Wert für mich immer weiter.“
    Es wimmerte.
    Erbärmlich…
    „Ich-“
    „Überlegen dir genau, was du jetzt sagst“
    , schlug Edmund emotionslos vor.
    Es begann zu weinen.
    „E-Es … wurde gemunkelt …, dass … er irgendwas … für den Kapitän … besorgen soll. Etwas Mächtiges… er sprach von … einem Artefakt.“
    „Besorgen für wen?!“ Edmund hob seine Stimme weiterhin nicht, sondern funkelte den Matsch nur durchdringend an. „Jetzt lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. In deinem Zustand wollen wir die Teile doch lieber da lassen, wo sie sind, oder?“ Er rückte etwas an dem Kopf, ehe er ihn fallen ließ. Schmatzend fiel der Kopf zurück. Das Ding schrie auf.
    „von… Talar…“, antwortete es dann. „Was er wollte…das Etwas…es hat etwas damit zu tun, was…in dem Kästchen…“ Es brach mitten im Satz ab und starrte ihm in die Augen. Eine Träne löste sich aus dem Augenwinkel, dann keuchte das Ding und sein Auge wurde milchig und … stumpf? Es schrie wieder und plötzlich kam Bewegung in die Masse. Stöhnend und kichernd schob sich der Menschenschleim aus dem Karren. Warum konnte er sich plötzlich bewegen?
    Trevor trat vor Edmund und er machte ihm Platz.
    Das war es dann wohl…
    Trevor stieß den Klumpen mit dem Fuß zurück in den Karren, wodurch er den letzten Rest Schädel zertrat und packte den Karren. Als würde er nur das Bett aufschütteln, bugsierte er ihn mit Inhalt ins Hafenbecken. Um genau zu sein, warf er den Schubkarren, sodass er mehrere Schritte von ihrem Schiff entfernt in die Bucht klatschte.
    Edmund sah ihm nach. Es ärgerte ihn, dass der Kerl im Grunde nichts gewusst hatte. Und nur Mutmaßungen hervorgebracht hatte, die für sie nur weitere Mutmaßungen nach sich ziehen würde. Sie hatten nichts Handfestes. Und welches Artefakt suchte Armod jetzt? Mit SEINER Eleftheria!
    „Alles gut?“
    Erst Trevors Worte rissen Edmund aus seiner Starre. Er blinzelte und rieb sich die Augen.
    Er nickte nur als Antwort. Er hatte Kopfschmerzen, ihm war schwindlig und er zitterte. Die innere Kälte fiel von ihm ab und machte dem Ekel Platz, der ihm zwar eine Gänsehaut einbrachte, aber gleichzeitig den Schweiß über Rücken und Stirn trieb.
    Abwesend fuhr er sich durch die Haare. Zu spät bemerkte er, dass es ausgerechnet die Hand war, mit der er zuvor den Kopf angehoben hatte.
    Als er die Hand betrachtete, klebten noch immer Blutreste daran und vermutlich nun auch in seinen Haaren. Dass er sich dreckig fühlte, lag jedoch nicht an dem Blut. Das juckte ihn seltsamerweise nicht.
    „Ich schau mal nach Nelli“, murmelte er tonlos und verließ ohne nochmal zu den anderen zu schauen das Deck.

    Da Nelli nicht in der Küche war, klopfte er schließlich an ihre Tür.
    „Lebst du noch?“, murrte er durch die Tür. Während er auf eine Antwort wartete, fielen ihm zweimal die Augen zu.



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

  • Eine Weile blickte Esther Edmund betreten nach. Ihr erster Instinkt war es, ihm zu folgen, denn sie fühlte sich mies, weil sie sich nicht nach seinem Befinden erkundigte, wie er es getan hatte. Dabei war es offensichtlich, dass ihn die Prozedur mitnahm.

    Aber um ihm nachzulaufen, fehlte ihr buchstäblich die Kraft. Sie fühlte sich ausgelaugt und müde. Ein kalter Schauer jagte über ihre Arme und sie unterband den Drang, das Kribbeln in ihren Gliedern herauszuschütteln. In diesem Punkt hatte sie Edmund angelogen. Es ging ihr nämlich nicht so gut wie sie vorgab.

    Ihr Blick streifte Agathas Gestalt, einer Nekromantin.

    Sie wusste, was diese Personen taten - sie weigerte sich, dabei an Magier zu denken, denn diese Leute verdienten diese Bezeichnung nicht.

    Esther wandte ihren Blick von Agatha ab und sah auf den Punkt hinab, an der der Karren gestanden hatte.

    Leider hatte sie zu spät begriffen, was Agatha tun würde. Und Esther fühlte sich schäbig bei dem Gedanken daran. Aber sie hatten nun ihre Antworten, mehr oder weniger. Antworten, die ihr nicht gefielen.

    Wie sollten sie die Eleftheria wiederbekommen, wenn Armod damit durch die Weltgeschichte segelte? Was wurde nun aus dem Handel zwischen Edmund und Thomas, wo Letzterer augenscheinlich bereits in Besitz des Fernrohrs war? Und welches Artefakt suchte Armod nun? Und warum?

    So, wie es für sie klang, arbeiteten Armod und Thomas zusammen. Und wenn sie wetten müsste, würde sie darauf setzen, dass die beiden Jagd auf die magischen Relikte machten.

    Sie schluckte den sauren Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, schwer hinunter. Egal. Sie würden schon eine Lösung finden, wie immer. Aber nicht mehr heute. Von ihr aus konnten sich alle anderen die Köpfe zerbrechen, sie hatte genug gesehen. Und dabei war ihr Ausflug in die Taverne mit Trevor noch das Harmloseste gewesen! Hätte sie nach dem Ableben des Matrosen nicht bereits ihren sämtlichen Mageninhalt hervorgeholt, hätte sie sich spätestens jetzt übergeben.

    Du bist eindeutig zu weich für so etwas! Hatte Vater das damit gemeint, dass er hoffte, ich würde während der Reise reifer werden?

    Sie wischte sich fahrig mit dem Ärmel über die Augen. Trotz der Bilder der vergangenen Stunden, die ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen wollten, holte Müdigkeit sie ein.

    „Esther?“

    Trevors Stimme ließ sie zusammenzucken. Sie sah ihn an, wobei sogar sie selbst bemerkte, wie leer ihr Blick war.

    „Kommst du damit klar?“, fragte er und deutete mit dem Kinn in die Richtung, wo er den Karren versenkt hatte. „Du weißt, dass es ein Unfall war, oder?“

    Sie nickte knapp und entfernte sich ein wenig vom Siegel, welches Agatha auf den Boden gezeichnet hatte.

    „Und wir haben immerhin ein paar Antworten“, setzte Trevor nach.

    Ob das dazu beitragen sollte, um ihr Gewissen zu beruhigen, wusste sie nicht. Und selbst wenn, half es nicht sonderlich.

    Tatsächlich bedeutete der Matrose ihr nichts und auch sein - erneuter Tod - berührte sie nicht. Allein der Anblick seines zermatschten Körpers hatte bei ihr zu der Übelkeit geführt.

    Nein. Sie fühlte sich wie eine Versagerin, weil sie weder dem Fernrohr, noch der Eleftheria ein Stück nähergekommen waren. Und damit keimte in ihr die Besorgnis auf, dass sie ihr Versprechen, welches sie Edmund gab, nicht würde halten können!

    Sie lächelte Trevor gequält „Wenn irgendwas ist … sagt mir Bescheid“, meinte sie schlicht und verabschiedete sich lediglich mit einem kurzen Nicken in Trevors Richtung.

    Einerseits fühlte sie sich schlecht dabei, den Formwandler alleine zu lassen, andererseits brauchte sie einen kurzen Moment für sich. Zum Durchatmen. Anschließend würde sie sicherlich wieder die Ärmel hochkrempeln und weitermachen können. Sie hoffte, Trevor würde es nachvollziehen können.

    Was Agatha dachte, war ihr schlicht gleich. Hätte sie früher geprüft, wer sie war, hätte Esther gleich am Anfang versucht, diese Person loszuwerden. So etwas darf sich nicht Magie nennen! Doch nun war sie hier und das letzte, was Esther wollte, war ein Streit, ganz gleich mit wem. Es reichte schon, wenn sie sich regelmäßig mit Edmund auseinandersetzen musste.

    Sie ging unter Deck und erwog kurz den Gedanken, Nelli aufzusuchen, verwarf diese Idee aber gleich wieder. Die Gefahr, Edmund zu begegnen war zu groß. Vermutlich war sie ohnehin die Letzte, die er sehen wollte.

    Also ging sie in ihre Kabine und warf die Tür hinter sich ins Schloss.

    Und obwohl sie hundemüde war, machte sie kein Auge zu.

  • Nelli hatte erst das Pentagramm auf dem Boden und dann die junge Frau vor sich angestarrt. Natürlich, warum war sie nicht gleich darauf gekommen? Das hatte sie so verwirrt die ganze Zeit! Ihr Neuzugang war eine Nekromantin! Ihr Herz zog sich unangenehm zusammen, sie wollte damit nichts zu tun haben. Aber gleichzeitig war sie zu schockiert um zu reagieren und wurde so eher unfreiwillig Teil der Beschwörung. Sie konnte spüren, wie ihr die Energie entzogen wurde, auch wenn es nicht so viel war, wie sie vermutet hatte. Edmund hingegen wurde ordentlich geschröpft. Schwer atmend schaute die Alte kurz zwischen ihren Gefährten hin und her, ehe er Horror über sie hereinbrach, als das Ding in der Schubkarre zu sprechen begann. Leise murmelnd zog sie sich zurück, ließ die anderen einfach stehen und floh. Sie floh vor einer jungen Frau, die vermutlich nur wenig älter war, als die Katze, die sie begleitete. Natürlich war es keine logische Entscheidung, Weglaufen war eigentlich nie eine Lösung. Aber in diesem Moment war alles, was sie fühlte, Panik. Nackte, blanke Panik. Und die hatte nie etwas mit Vernunft oder Logik zu tun.

    Das Holz des Schiffes knarrte unter ihren eiligen, humpelnden Schritte, die sie direkt in ihre Kabine führten. Ohne bewusst darüber nachzudenken warf sie ihre Tasche auf die Pritsche und begann ihre Sachen zusammen zu packen. Die jungen Leute brauchten sie doch sowieso nicht, sie war mehr Ballast als Unterstützung, nutzlos innerhalb dieses Kreises. Immerhin konnte die junge Nekromantin sie jetzt sogar heilen, wenn es zu spät war – ein Gedanke, der die alte Frau freudlos auflachen ließ. Sie schob den Stuhl und den kleinen Nachttisch mühsam beiseite um an ihre Notizen und Rezepte zu kommen, die irgendwann während der Fahrt vom Tisch gesegelt und zu Boden gefallen waren, als es an der Tür klopfte. Nein, sie wollte sich nicht vor irgendjemanden für ihre überstürzte Flucht rechtfertigen, zudem würde sie sowieso niemand hier wirklich vermissen.

    Wenn du das Schiff auseinander nimmst, bekommst du bestimmt Ärger mit Trevor“, ertönte Edmunds Stimme von draußen. Nelli stutzte und überlegte einen Moment, ehe sie sich schließlich aufrappelte und zur Tür humpelte. Leise fluchend stolperte sie noch fast über eine Kiste mit Glasflaschen auf dem Boden, ehe sie die Tür mit etwas viel Schwung aufriss.

    Edmund!“, rief sie aus und musterte den Händlersohn mit einer Mischung aus Überraschung und Sorge im Gesicht. Im Grunde hatte sie nicht erwartet, dass ausgerechnet er ihr folgte. „Wie fühlst du dich?“

    Der junge Mann schob seine Hände tief in die Taschen seiner Hose. Bildete Nelli sich das ein oder wirkte er wirklich etwas blasser um die Nase? Sie hielt seinem trotzigen Blick stand, auch wenn ihr durchaus auffiel, dass seine Augen kurz zu dem Chaos hinter ihr wanderten.

    Dreckig, müde, mies gelaunt, aber ansonsten prima“, gab er zurück und seine Lippen verzogen sich zu einem schmalen Strich. Wieder wanderten die fast schon unnatürlich blauen Augen des Jüngeren in ihr Zimmer rein und seine Augenbrauen schoben sich nach oben. „Was machst du da?“, wollte er wissen und Nelli zog die Tür etwas weiter zu, was ziemlich nutzlos war, da Edmund sicher locker über sie würde hinweg sehen können.

    Bist du sicher? Ich weiß, was da passiert ist und das war nicht so ohne. Und weit weg von normal oder in Ordnung.“ Sie runzelte ihre faltige Stirn und erneut lief ihr ein Schauer über den Rücken. Jahrzehnte lang hatte sie gehofft, so etwas nie wieder sehen zu müssen. Und ausgerechnet hier... Schließlich folgte sie seinem Blick seufzend. „Wonach sieht es denn aus? Ich packe!“ erklärte sie und legte den Kopf schief.

    Edmunds Augenbrauen schoben sich noch etwas höher und er zog seine Hände aus den Taschen um sie vor der Brust zu verschränken. „Packen? Warum?“, verlangte er zu wissen, ohne auf ihre Frage einzugehen. Die Alte seufzte und leckte sich kurz über die runzeligen Lippen, ließ sich einen Moment Zeit, bevor sie antwortete: „Ihr braucht mich nicht, wenn wir ehrlich sind. Ich bin nur unnütze Ladung“, gab sie die Lüge zurück, die sie sich schon die ganze Zeit selbst erzählte. Wie sollte sie auch klar machen, dass sie einfach Angst vor der jungen Nekromantin hatte? Eine völlig irrationale Angst, immerhin war das Mädchen viel zu jung um irgendetwas mit den Erlebnissen der Vergangenheit zu tun zu haben. Und doch hatte sich diese Furcht so tief im Herzen der alten Heilerin vergraben, dass sie am liebsten Reißaus nehmen würde: so weit und so schnell es ging.

    Edmunds Augen weiteten sich kurz – oder bildete sie sich das nur ein? Sicher war, dass er sich an ihr vorbei in die Kabine drängte und sich ungeachtet der Unordnung einfach auf ihrem Bett nieder ließ um sie herausfordernd anzusehen.

    Ich brauche etwas um wach zu bleiben“, erklärte er und grinste amüsiert bei Nellis verdutztem Gesichtsausdruck. Was war das denn jetzt?

    Wach? Warum?“, fragte sie sichtlich irritiert und legte den Kopf schief.

    Wir haben heute noch etwas vor...“ erinnerte der Händlersohn sie und die Alte seufzte. Natürlich, dieser irrige Plan mit dem Trank, der in der Küche noch immer friedlich vor sich hin köchelte.

    Du könntest auch einfach noch etwas schlafen...“ gab sie zurück und ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, während sich nun ihre Arme sich vor der Brust verschränkten.

    Dafür haben wir keine Zeit“, behauptete Edmund und wirkte langsam aber sicher etwas ungeduldig.

    Bis zum Einbruch der Dunkelheit sind es noch ein paar Stunden“, hielt Nelli dagegen, immer noch völlig verwirrt, was er jetzt eigentlich von ihr wollte.

    Dann eben etwas zum Schlafen!“ verlangte der Jüngere mit einem genervten Seufzen und nach einem Moment fiel der Groschen endlich. Die Haltung der alten Heilerin entspannte sich und ihre Gesichtszüge wurde etwas weicher.

    Du willst, dass ich bleibe“, stellte sie leise fest und ließ ihren Blick auf ihm ruhen, prüfend, ob sie Recht hatte. Doch Edmund schnaubte lediglich leise auf.

    Ich will nicht, dass die, denen ich vertraue, sang- und klanglos verschwinden! Hättest du dich denn wenigstens verabschiedet oder wärst du einfach in einer Nacht- und Nebelaktion abgehauen? Schönen Danke auch, dass du mich alleine auf das Schiff von diesem Typen schicken willst!“ maulte er grummelnd und Nelli unterdrückte sich das Schmunzeln. Ja, das klang schon viel eher nach Edmund, so kannte sie ihn. Dennoch wärmten seine Worte ihr Herz und sie lächelte leicht, ehe sie auf den Stuhl sank mit einem schweren Seufzen.

    Ist ja gut...Ich bleibe“, murmelte sie, was Edmund veranlasst, in die Hände zu klatschen und wieder aufzustehen, wobei einige der kleinen Glasphiolen auf dem Bett gefährlich nah an die Kante rollten und leise klimpernde Geräusche von sich gaben.

    Gut, nachdem wir das geklärt haben, bin ich jetzt mal wieder weg“, kündigte er an und Nelli musste grinsen. Natürlich, er hatte gar keine Hilfe gewollt. Gut gespielt, dass musste sie ihm lassen. Es war schon fast erschreckend, wie einfach er es schaffte, sie zu manipulieren, auch wenn sie gegen sein Nymphenblut immun war. Doch wenn sie ehrlich war, hatte sie auch eigentlich gar nicht gehen wollen, also war es leichtes Spiel gewesen. Sie mochte diese kleine Gruppe, für die sie sich mehr oder weniger verantwortlich fühlte.

    Der Alten war auch nur zu deutlich bewusst, dass sie Agatha auf dem Schiff nicht aus dem Weg gehen konnte. Vielleicht war es an der Zeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen, auch wenn sie einige Bilder sicher nie aus ihrer Erinnerung würde löschen können. Der Zwist zwischen Hexen und Nekromanten ging schon seit etlichen Generationen, immerhin versuchte die eine Partei, den Toten Frieden zu geben und die andere, sich die Toten zu nutzen zu machen. Nelli hatte an einigen Kriegen dieser Art teilgenommen, hatte Freunde und Familie sterben sehen nur um sie dann wieder auferstehen zu sehen und gegen sie kämpfen zu müssen. Doch das war schon etliche Jahrzehnte her, weit vor der Geburt der jungen Nekromantin, die oben auf Deck mit ihrer Zombie-Katze saß. War es nicht wirklich albern, dass sie selbst mit ihren 169 Jahren Angst vor einem Kind hatte?

    Ich frage mich, was sie hier noch will. So weit ich das sehen, hätte sie uns schon töten können, wenn sie das wirklich gewollt hätte. Stattdessen hilft sie uns...“, murmelte Edmund noch im Gehen und riss die Hexe damit aus ihren Gedanken. Nachdenklich zuckte Nelli mit den Schultern.

    Vielleicht weiß sie nicht, wo sie sonst hin will. Oder sie findet uns als Testobjekte spannend“, überlegte sie und begann, ihre Sachen wieder aufzuräumen um das Chaos zu beseitigen.

    Kurz runzelte Edmund die Stirn, schien etwas besorgt zu sein, ehe sich ein Grinsen auf seine Lippen schlich. „Meinst du, sie will testen, wie weit man deine runzelige Haut ziehen muss, bis sie wieder glatt ist?“ stichelte er und entlockte Nelli damit ein amüsiertes Schnauben.

    Unwahrscheinlich, so groß ist das Schiff nicht“, erwiderte sie trocken und schaute zu ihm auf, ein Schmunzeln erhellte ihr Gesicht und die Lachfalten um ihre Augen vertieften sich.

    Der Händlersohn lachte auf und seine Schultern entspannten sich wieder. „Segelersatz“, gab er zurück und funkelte sie frech an.

    Dafür reicht der Mast nicht. Und jetzt geh dich ausruhen“, verlangte sie und schüttelte leicht den Kopf. „Ich rette deinen Hintern später ganz sicher nicht, nur weil du übermüdet bist.“

  • Edmund strich sich die noch feuchten Haare aus dem Gesicht. Anstatt zu schlafen, war er ein paar Runden am Strand außerhalb der Stadt schwimmen gegangen. Nichts entspannte mehr, als auf dem Wasser dahinzutreiben. Und es war der beste Zeitpunkt um den Kopf leer zu bekommen und sich einen Racheplan für Agatha zu überlegen.
    „Hier“, riss Trevor ihn aus seinen Gedanken. Er reichte ihm ein kleines Gefäß, in welches Nelli zuvor ihren Trank abgefüllt hatte
    Edmund nahm ihm das Fläschchen nur wiederwillig ab und drehte es mit gerunzelter Nase in der Hand. Warum nochmal schickten sie nicht Trevor? Der konnte sich auch ohne Gift verwandeln. Und der tat das sicherlich lieber als Edmund.
    Edmund fühlte sich als Edmund sehr wohl. Er mochte seinen Körper. Er brauchte keinen anderen. Auch nicht für wenige Stunden. Für welchen Körper sollte er sich auch sonst entscheiden? Etwas Hässliches oder Gewöhnliches wollte er nicht. Gab es etwas, was er verbessern wollte, wenn er könnte? Auch nicht.
    Vielleicht sollte er sich einfach jemanden aus seiner Heimat vorstellen?
    Sofort schossen ihm Bilder von seinem Vater in den Kopf.
    Sicher nicht!
    Seine Mutter fiel wohl leider auch weg. Eine Frau würde zu schnell auffallen.
    Stief kannte dort vielleicht auch jemand.
    Ihm kam der Handwerker in den Kopf, der sich am nächsten Tag die Revenge anschauen würde. Die dichten Augenbrauen, die Runzeln und Pockennarben im Gesicht. Die Hakennase. Nein! So wollte er definitiv nicht aussehen! Auch nicht für ein paar Stunden! Er wollte Edmund bleiben!
    „Dann…“, Nelli hielt den Trank hoch, „Prost.“
    Widerwillig tat Edmund es ihr gleich. Er konnte keinen Rückzieher machen. Trevor und Esther hatten ihren Teil erledigt. Und irgendwas würde er auch tun müssen. Andernfalls fühlte er sich noch nutzloser bei der Sache als sowieso schon.
    Und Nelli dachte, sie wäre unnütze Ladung. Dabei war er diese unnütze Ladung!
    Aber warum war er für diesen Teil des Planes eingeteilt worden? Warum hatte er nicht mit Trevor zusammen den Matrosen entführen können?
    Und konnte er sich nicht einfach einen Bart ankleben? Er würde sogar freiwillig ein altes Hemd anziehen!
    Verdammt seist du…!
    „Und konzentriere dich“, meinte Nelli. „Denk ja nicht an Seife!“
    Was glaubte sie eigentlich, was er hier versuchte? Und was brachte sie ihn überhaupt auf die Idee mit der Seife? Und warum sollte er sich vorstellen Seife zu sein? … Wobei, Seife war sauber.
    Nein, ich nehme den Handwerker!
    Widerlich!

    „Was glaubst du, was ich hier mache, Hexlein!“
    Handwerker, Handwerker!
    Er setzte den Trank an. Die ganze Sache konnte doch nur schiefgehen.
    Er kippte den Trank. Das Zeug schmeckte widerlich! Irgendeine Mischung aus dem, was man zum Putzen nutzte – und zwar nicht die Seife, sondern die Bürste – und ungepflegten Männerfüßen.
    Er verzog das Gesicht und wollte sich beschweren.


    In dem Moment polterte Wilmor vom Deck in die Küche und räumte dabei einige Töpfe aus dem Regal. Sie schepperten zu Boden.
    Der Kater jagte einen großen grauen Fellklumpen vor sich her, der erst ihm, dann Trevor und schließlich Esther durch die Beine sprang. Letztere schrie erschrocken auf. Ob wegen der Ratte, dem Kater, der Überraschung oder einer Mischung aus allem, wusste Edmund nicht. Ihr war wohl zu Gute zu halten, dass sie nicht den erstbesten Stuhl nahm und sich kreischend daraufstellte und laut „Ratte“ schrie.
    „Mistvieh“, beschwerte sich Edmund und trat mit dem Fuß in Wilmors Richtung. Er erwischte die Zombiekatze nicht, erntete aber einen bösen Blick der Nekromantin. Was ihm herzlich egal war.
    „Halt das Vieh aus meiner Küche fern, wenn du nicht willst, dass er als Fischköter endet!“
    War es klug ihr zu drohen? Auch egal...

    Die Ratte verschwand unter einem Schrank, unter den Wilmor nicht passte und stecken blieb. Dort konnte Agatha ihre Bestie wieder einsammeln.
    „Toll, jetzt habe ich eine Ratte hier drin“, schimpfte Edmund und warf die leere Flasche nach dem Schrank.

    Und er hätte getroffen, da war er sich sicher. Aber etwas zog ihm den Boden unter den Füßen weg, weshalb ihm die Flasche entglitt und er ungelenk auf dem Boden aufkam. Der Schmerz, der ihn daraufhin durchfuhr, war allem voran ungewohnt und mehr als unangebracht, dafür, dass er nur gestürzt war. Es fühlte sich an, als würde er auseinander genommen und neu zusammengesetzt.
    Dann war es vorbei.
    Und die teils erschrockenen und die teils belustigten Gesichter verrieten ihm bereits, dass irgendwas mächtig schief gelaufen war, noch ehe er seine neue Perspektive begriff. Jetzt konnte er die anderen nur noch von den Füßen aus betrachten.

    „Wie schlimm ist es?“, wollte er wissen. Seine Stimme klang aber eher wie ein Quietschen.
    Bitte kein Stück Seife, beschwor er sich. Allerdings fühlte er sich nicht wie ein Stück Seife. Auch wenn er so groß war. Ein Blick an ihm herunter, verriet ihm, dass er keine Seife war.
    „Tja“, machte Trevor und ehe sich Edmund versah, packte der ehemalige Pirat ihn im Nacken und hob ihn hoch, damit er genau vor seinem Gesicht hing. „Malen wir ihn an, damit wir ihn von der anderen Ratte unterscheiden können?“ Trevor lachte. „Nicht, dass wir ihn versehentlich erschlagen.“
    Trevor bedachte ihn und drehte ihn umher. Edmund stieß einen Fluch aus, der in einem rattigen Quietschen endete. Er seufzte genervt. Wie lange hielt das Zeug nochmal? Und warum hatte er sich überreden lassen?
    Agatha tippte ihn mit dem Finger an.
    „Willst du Wilmor immer noch verbieten, die Küche zu betreten? Den Versuch würde ich gerne sehen.“ Sie grinste ihn breit an und gerne hätte er sie dafür getreten. Er zappelte jedoch nur in Trevors Griff. „Das mit dem Anmalen finde ich gut. Oder wir rasieren ihn.“
    Trevor und Agatha lachten amüsiert auf und auch Esther grinste breit.

    Schön, dass die anderen wieder ihren Spaß hatten.
    Er schnappte nach Agathas Finger und wehrte sich gegen Trevors Griff.
    Die beiden lachten nur weiter, während Trevor ihn auf seine Schulter setzte. Kurz war Edmund versucht, ihm ins Ohr zu beißen, aber der gierige Blick von Wilmor hielt ihn davon ab. Er verzichtete dennoch darauf, sich bei Trevor für den Platz auf der Schulter und damit außerhalb der Katerreichweite zu bedanken.
    Blöde Idee und blöder Trank.

    Denk an das, in das du dich verwandeln willst, Edmund. Das ist ganz einfach, Edmund. Da kann nichts schiefgehen, Edmund. Konzentriere dich, Edmund.

    Ihr könnt mich alle mal!



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

    Einmal editiert, zuletzt von Kyelia (8. Oktober 2023 um 19:41)

    • Offizieller Beitrag

    Was war wohl eine bessere Tarnung, als sich als Ratte an Bord des Schiffes zu schleichen? Sicherlich nichts.
    Trevor war sich sicher, dass Edmund sich in seinem kurzzeitigen Körper sehr unwohl fühlen musste, aber er konnte sich das Lachen und das Grinsen einfach nicht verkneifen.
    Aber nun war Oma an der Reihe. Auch sie trank das Gebräu auf einem Schluck leer und kniff die Augen zu. Anscheinend schmeckte es nicht gerade nach Rosenwasser. Kurz darauf verwandelte sich Oma in einen unscheinbaren Seemann. Mit unscheinbar meinte Trevor, dass er weder sonderlich groß noch kräftig war. Eben solch einen Seemann, der leicht zu übersehen war. Sein Gesicht war übersät von Pockennarben, was das gesamte Bild etwas abrundete.
    Jedoch schaute sie danach resigniert in ihren Handspiegel. „Naja, etwas hübscher hätte er sein können“, meinte Nelli. „Aber nach Edmunds Verwandlung bin ich froh, dass ich kein Tintenfisch bin.“
    Wieder erklang Gelächter, und Trevor nickte Agatha zu, die seinen Blick erwiderte. „Alles klar“, stimmte die Nekromantin zu und verschwand gleichauf durch die Tür der Küche.
    „Was ist?“, wollte Esther wissen.
    „Ich habe ihr einen Auftrag gegeben. Sie ist gleich zurück“, erwiderte Trevor. Er hatte mit Agatha an Deck besprochen, dass er ihr Kleidung besorgen sollte. Denn alleine wollte er seine Freunde nicht an Bord des Schiffes gehen lassen. Zumindest nicht ohne Ablenkung. Und er brauchte nun mal keinen Trank, um seine Gestalt zu ändern.
    „Was hältst du von Agatha?“, fragte Oma ihn, kaum, dass Agatha den Raum verlassen hatte. „Von einer Nekromantin?“
    Trevor hob seine Augenbrauen. „Ich finde sie nützlich“, antwortete er, und wurde von Esther unterbrochen.
    „Nekromantie ist dunkle Magie. Man sollte sie nicht benutzen dürfen“, wandte sie ein.
    Trevor musste zugeben, dass er von Magie keine Ahnung hatte. Was war gute Magie? Was war böse Magie? Er sah das etwas pragmatischer. „Ist es nicht der Magier, der den Unterschied schafft?“, hakte er bei Esther nach. So sah er es zumindest bei jeglicher Art Waffe.
    Esther zuckte mit ihren Schultern. „Schon möglich. Aber Tote für ihre Zwecke zu benutzen, kann nicht gut sein." Trevor stimmte Esther teils zu. Sonderlich ansehnlich war diese Art der Magie nicht. Zumindest nicht, wenn der Tote zuvor von einer Kiste zerquetscht worden war. „Bisher hat sie mir zumindest keinen Grund geliefert, ihr zu misstrauen. Gut, das mit dem Kerl in der Schubkarre war äußerst makaber, aber … sie hat versucht, zu helfen.“
    Ein leises Quietschen erklang von seiner Schulter. Trevor konnte aber nicht sagen, ob Edmund ihm zustimmte oder widersprach. Trevor war auch nicht der Energieentzug entgangen, der dazu nötig gewesen war, den Toten zum Leben zu erwecken, aber Agatha hatte dafür niemanden von ihnen getötet. Eine Warnung hätte sie allerdings aussprechen können, das war wahr. „Wir alle haben wahrscheinlich schon Dinge getan, auf die wir nicht stolz sind. Allen voran ich. Ich bin gewillt, ihr den gleichen Vertrauensvorschuss zu geben, den ich bekommen habe.“
    Er fragte sich manchmal tatsächlich, warum sie sich auf ihn verließen und ihm trauten. Er wüsste nicht, ob er das an ihrer Stelle getan hätte. Zumindest am Anfang.
    „Ich vertraue dir, Trevor“, sagte Esther. „Wenn du irgendwann der Meinung bist, man könnte der Nekromantin trauen, dann werde ich dir glauben.“
    „Dann hoffe ich mal, dass ich dann nicht daneben liege.“
    „Hoffen wir das nicht immer?“, stimmte Nelli zu und lachte.
    Es dauerte nicht lange, da kehrte Agatha zurück und hielt ein dunkelrotes Kleid mit schwarzen Rüschen in der Hand. „Ist das in Ordnung?“, wollte sie von Trevor wissen, und dieser nickte.
    „Was hast du vor?“, fragte Esther und musterte ihn.
    „Ich werde die Seemänner an Deck ablenken, damit Edmund und Oma ungesehen unter Deck kommen. Zudem fühle ich mich wohler, wenn sie eine … Rückversicherung haben.“
    „Und was machen Agatha und ich derweil?“
    „Ihr bewacht unser Schiff“
    , kam unisono von Trevor, Nelli und anscheinend von Edmund zurück. Allerdings erklang seinerseits nur wieder ein Fiepen.
    Trevor nahm das Kleid und verschwand kurz in seine Unterkunft. Er nahm die Gestalt einer hübschen jungen Frau an. Einer jungen Frau, die ihm aus dem warmen Süden im Gedächtnis geblieben war. Haut wie Porzellan, und Haar, dass so schwarz wie der Nachthimmel gewesen war. Sie hatte in einer Kutsche gesessen, während er und die Crew Vorräte auf Johnnys Schiff geladen hatten. Sie war sicherlich keine Hafendirne gewesen, aber das spielte hierbei jetzt keine Rolle. Dann zog er das gestohlene Kleid an. Agatha sollte einfach etwas von einer Wäscheleine am Bordell entwenden, was sie anscheinend auch getan hatte. Danach kehrte er zu den anderen zurück.
    Gleichauf kam ein Pfeifen von Omas Seite. „Das kann sich sehen lassen …“
    „Interessante Wahl …“
    , merkte Esther an.
    „Was lenkt eine Crew mehr ab als eine Frau in hübschen Klamotten?“, meinte Trevor mit melodischer Stimme.
    Edmund fiepte wieder, aber er musste Trevor eindeutig später erzählen, was er alles gesagt hatte.
    „Ich finde solch eine Verwandlung immer wieder faszinierend“, warf Agatha ein und musterte Trevor wiederholt. „Selbst die Stimme wird übernommen.“
    Trevor grinste.
    „Wir sollten los“, unterbrach Oma mit eindeutig tieferer Stimme die Gruppe. „Sonst lässt die Magie der Tränke noch nach, bevor wir von unserem Schiff kommen.“
    Da hatte sie recht. Trevor ergriff Edmund und stopfte ihn sich in das überaus üppige Dekolletee.
    Zuerst wehrte sich Edmund lautstark, aber kaum saß er an Ort und Stelle, suchte er sich einen bequemen Platz.
    Trevor lachte und kicherte, weil das Fell ihn kitzelte. „Jetzt … hör auf! So kann ich nicht arbeiten!“, schimpfte er. Als er sich umsah, bedachten ihn Esther, Nelli und Agatha mit skeptischen Blicken. „Was?“, wollte Trevor wissen. „Ich kann ihn wohl kaum wie einen hässlichen Hund hinter uns herlaufen lassen. Und für eine Stola ist er etwas zu kurz geraten.“
    „Na sicher …“, murmelte Nelli und ging zur Tür. „Wir sind bald zurück!“
    Agatha und Esther wünschten ihnen viel Erfolg, während sie den Raum und danach das Schiff verließen.

    Trevor bat Oma, einen kurzen Moment hinter einer Kiste zu warten, bis die drei Crewmitglieder, die an Bord der Telara herumspazierten, von ihm abgelenkt genug waren.
    Trevor spazierte auf das Schiff, während es Edmund anscheinend etwas unbequem wurde.
    Das kleine Fellknäul drehte und wandte sich in Trevors Ausschnitt, sodass der Formwandler einen spitzen Schrei losließ, der umgehend die Aufmerksamkeit auf sich zog. „Jetzt halt still, Edmund, oder ich werfe dich über die Rehling!“, flüsterte er.
    Abschätzend wurde er von den drei alten Gestalten gemustert, die augenscheinlich das Schiff bewachen sollten.
    Hätten sie auch gleich ein paar Urnen aufstellen können …
    „Juhuu …“, rief Trevor den drei Männern gedehnt zu. „Könnt ihr mir sagen, wo ich ein paar stattliche Kerle für mein Abendgeschäft auftreiben kann?“
    Die drei Seeleichen musterten sich gegenseitig. „Na, hier!“, meldete sich einer von ihnen, befeuchtete seine Handfläche mit etwas Spucke und fuhr sich durch das tote Wiesel auf seinem Kopf.
    Stattlich, nicht bestattlich …
    Trevor kicherte, tat so, als würde er sich umsehen und versuchte, Edmund aus dem Kleid zu ziehen. Dieser wehrte sich geradezu dagegen und verkroch sich immer weiter ins Innere des Korsetts. „Einen Moment, ihr alten ... Säcke ... Herren …“, sprach Trevor an die Mannschaft gewandt. „Ich muss mich nur etwas herrichten …“ Er fischte weiter nach der Ratte. „Brüste, was?! Jetzt hab ich dich! … Ehm, ich meine, wenn man nicht aufpasst, wo sie hinwandern, entwickeln sie ihr Eigenleben … Schwubb sind sie weg!“ Er zog Edmund aus seinem Ausschnitt. So unauffällig wie möglich, setzte er seinen Reisegast während einer Drehung auf einem Holzfass ab und wandte sich danach wieder den Herren zu.
    „Bei den üppigen Dingern …“, antwortete einer der Männer lachend und entblößte so ein beinahe zahnloses Gebiss.
    Lach nur, du Spaten!
    „Ein tolles Schiff, wirklich“, lenkte Trevor vom Thema ab. „Ich würde ja auch gern mal zur See fahren.“
    „Frauen bringen auf See Pech!“
    , sagte ein anderer der drei Herren und grinste frech, während er sich seine Hose am Gürtel richtete.
    Die drei versammelten sich um Trevor herum und schienen abgelenkt genug, sodass Oma auf das Schiff schleichen konnte. Diese nutzte die Gelegenheit und die Schatten aus, um ins Innere der Telara zu gelangen. Wiederum das Zeichen für ihn, sich aus dem Staub zu machen. „Ach ja, schon soo spät“, gab er gähnend von sich. „Ich sollte nach Hause.“
    „Nicht so schnell, meine Hübsche. Hast du nicht gesagt, du suchst jemanden für das Nachtgeschäft?“, erwiderte der dickste und kahlste von den drei Männern. „Wir waren lange auf See!“
    „Tja, aber drei Kerle schaffe ich heute wirklich nicht mehr. Meine Schicht ist gleich um! Wäre doch ungerecht für diejenigen, die nicht drankommen.“
    „Das bekommen wir schon geregelt“
    , sagte der mit der windschnittigen Katze auf dem Kopf.
    „Nee, danke!“
    „Jetzt hab dich nicht so“, bedrängte ihn der Dicke. „Du bist doch hier an Bord gekommen ..."
    "Aber da wusste ich noch nicht, dass ihr alle so ... alt und muffig seid."
    "Wir sind waschechte Seemänner!"
    , behauptete das Flötengebiss.
    "Waschecht? Das riecht anders!“, konterte Trevor. „Habt ihr nicht was Jüngeres im Angebot? Gut gebaut mit vollständigem Gebiss? Vielleicht einen mit Mutterkomplex, der gerne kuschelt?"
    „Sowas gibt es hier nicht!“, antwortete der Dicke.
    „Dann bin ich wohl auf dem falschen Schiff!“ Trevor ging einen Schritt zurück, aber der Dicke hielt ihn am Arm fest. Die anderen beiden stellten sich um den Formwandler herum.
    „Das ist aber nicht nett, dass du jetzt einfach gehen möchtest“, sprach der beinahe Zahnlose.
    „Es ist nicht nett, dass ihr versucht, eine Frau festzuhalten!“, ergänzte Trevor und befreite seinen Arm durch einen Ruck. „Die Dame hat nämlich ‚Nein‘ gesagt.“
    Alle drei lachten, und Trevor verfinsterte seinen Blick. Diese Herren brauchten wohl etwas Nachhilfe zum Thema Manieren. Er sah sie sich an und überlegte, ob er weiter diskutieren sollte oder nicht. Trevor kam zum Schluss, dass das wohl wenig bringen würde. Sie sahen nur eine Frau vor sich, und in diesem Moment war er froh, dass er keine der anderen für diese Aufgabe abgestellt hatte. „Na schön …“, gab Trevor gespielt nach. „Hier sind meine Dienste!“ Er ergriff den Dicken und den Zahnlosen am Kopf und schlug beide so fest gegeneinander, dass beide regungslos zu Boden sackten, dann wandte er sich der Fusselbirne zu, die völlig perplex dastand. „Wenn eine Frau ‚Nein‘ sagt, dann heißt das auch nein!“, fügte der Formwandler hinzu und holte kräftig aus. Er schlug dem Seemann so kräftig ins Gesicht, dass dieser sich rücklings überschlug und liegenblieb.
    Das ist jetzt nicht ganz nach Plan verlaufen, aber …
    Trevor sah sich die drei Gestalten an. Das sah schon sehr nach einem Überfall aus und würde sicherlich Skepsis säen. Er musste sich was einfallen lassen, dass vorrangig für Verwirrung sorgte. Und da begann er zu grinsen. Kurzerhand zog er seine Kleidung unter dem Rock hervor und schaute sich um. Niemand war zu sehen, weshalb sich Trevor umzog und zurückverwandelte. Dem Seemann mit dem krepierten Wiesel auf dem Kopf zog er das Kleid an, positionierte ihn sitzend an der Reling und platzierte die beiden anderen Kerle so, dass sie an seiner entblößten Brust lehnten. Die Flasche Rum, die ohnehin an Deck gestanden hatte, stellte er neben sie. Zwei Bretter in den Händen vermittelte das Bild, dass das Besäufnis eskaliert war. Das sollten sie erstmal ihrem Kapitän erklären. Zudem würde es sie lehren, nicht so schnell noch einmal eine Frau zu bedrängen. Das hoffte Trevor zumindest. Nach einem weiteren Blick in alle Richtungen, machte sich der Formwandler davon und wartete in sicherer Entfernung darauf, dass Edmund und Nelli von ihrem Auftrag zurückkehrten.

  • Esther sah den Anderen noch kurz hinterher als sie das Schiff verlassen hatten. Nelli als unscheinbarer Seemann, Trevor eine schöne Frau und Edmund als Ratte.

    Unwillkürlich musste sie grinsen. Edmund hatte die Aussicht in Trevors Ausschnitt sicher genossen.

    Sie trommelte noch kurz auf der Reling herum und wandte sich schließlich ab. Sie wollte nicht den ganzen, restlichen Tag Löcher in die Luft starren.

    Also machte sie sich auf den Weg unter Deck und hörte bereits auf der Treppe rumorende Geräusche. Neugierig schob sie die Tür zur Küche auf, wo Agatha sich Trockenfleisch in einen Beutel stopfte.

    Die Nekromantin bemerkte Esther zunächst nicht, weshalb sie die Tür absichtlich weit von sich stieß, sodass diese laut gegen das Holz schepperte.

    Esther blieb mit vor der Brust verschränkten Armen im Türrahmen stehen. „Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte sie spitz.

    Agatha zuckte zusammen und hielte damit inne, ihr Proviant in den Sack zu stopfen. Von irgendwo sprang ihr Kater auf den Tisch.

    Einen Moment lang starrten die Frauen sich einfach an, bis die Nekromantin den Beutel losließ und auf Esther zukam.

    Sie machte allerdings nicht die Anstalten, aus dem Weg zu gehen. „Du wolltest dich heimlich aus dem Staub machen“, dämmerte es Esther und an dem Gesichtsausdruck konnte sie sehen, dass Agatha sich ertappt fühlte.

    „Ich habe ein Schiff gefunden, dass …“

    „Du hättest einfach fragen können, weißt du?“, unterbrach Esther sie. Unterm Strich war es ihr egal, was Agatha tun wollte und sie begrüßte es sogar, dass sie die Revenge verlassen wollte. So musste sie nicht ständig ein Auge auf die Nekromantin haben. Dennoch hätte Esther sie nicht ohne Verpflegung und etwas Geld gehen lassen. „Ich werde dich nicht aufhalten … keiner von uns hätte dich aufgehalten“, meinte Esther schließlich, holte aus ihrem eigenen Beutel einige Geldstücke hervor und hielt sie Agatha hin. „Hier, damit kannst du dich sicher einige Zeit über Wasser halten.“

    Etwas zögerlich nahm die Nekromantin das Geld entgegen.

    „Und nimm den Beutel mit“, sagte Esther und machte den Weg frei.

    Sichtlich irritiert sammelte Agatha die Sachen zusammen und klemmte sich ihren Kater unter den Arm.

    Schweigend gingen sie an Deck und bevor Agatha schließlich vom Schiff ging, hielt Esther sie noch einmal auf. „Sollten wir uns noch einmal begegnen, denk an das, was wir für dich getan haben.“

    Sicherlich war die Nekromantin es gewohnt, sich durchzuschlagen, aber Esther hätte ihr sowohl Essen als auch Geld verweigern können. Dann hätte sie es wesentlich schwerer gehabt. Ob das für Agatha reichte, wusste Esther nicht.

    Trotzdem nickte sie und in dem Moment wurde Esther klar, dass die andere Frau nie vorhatte, bei ihnen zu bleiben.

    Wieder beobachtete sie von der Reling aus, wie einer von ihnen sich von der Revenge entfernte.

    „Scheiße …“, kam es ihr plötzlich über die Lippen. Wie erklärte sie den anderen, dass Agatha gegangen war. Sie hatte nicht einmal nach den Beweggründen gefragt. Ob ihre Freunde ihr die Schuld an Agathas Verschwinden gaben?

    Sie schnaufte. Nun war es so. Ändern konnte sie daran nichts und das wollte sie auch gar nicht.

    Also ging sie wieder unter Deck, um ihren eigentlichen Plan in die Tat umzusetzen.

    Immerhin klebte noch eine riesige Rune auf ihrem Schiff.

    „Dabei hätte sie wenigsten noch helfen können“, maulte sie, während sie in der Küche einen Eimer und eine Bürste hervorholte. „Dreck machen und dann abhauen, das sind mir die Richtigen.“

    Sie legte sich einen Lappen über die Schulter, der müffelte, wie alte Socken und holte sich Wasser aus dem Fass.

    So kalt wie das Wasser war, bezweifelte sie, dass sie das Symbol von den Planken bekam.

    Resigniert schaute sie sich die Kochstelle an, vor der für gewöhnlich entweder Edmund oder Nelli hantierten. Eins musste sie dem Händlersohn lassen. Die Küche war im tadellosen Zustand. Zögerlich ergriff sie die Feuersteine, beschloss dann aber, es sein zu lassen.

    Sie trug schon die Teilschuld am Verlust der Eleftheria. Trevor und Edmund würden sie auf der Stelle ins Meer werfen, wenn sie die Revenge nieder brannte.

    „Also kaltes Wasser“, schnaufte sie und angelte sich die Seife von der Auslage.

    Auf den Knien hockend und mit hochgekrempelten Ärmeln schrubbte sie, was das Zeug hielt. Die rote Kreide ließ sich zu ihrem Glück recht leicht entfernen. Doch dann rutschte sie mit der Bürste geradewegs durch den klumpigen Blutfleck, den sie bisher verdrängt hatte.

    Angeekelt verzog sie das Gesicht als sie die Überreste in den Borsten und an ihren Armen kleben sah.

    Ihr Magen drehte sich um, doch sie schluckte den sauren Speichel runter.

    Wobei Erbrochenes zwischen dem Blut und der Kreide vermutlich auch nicht aufgefallen wäre, dachte sie sich.

    Zum Schluss wischte sie den Rest mit dem Lappen auf und kippte das unbrauchbare Wasser über die Reling ins Meer.

    Sie wusch sich den Dreck von den Armen und legte Eimer, Bürste und Lappen zurück an ihre Plätze. Dabei entdeckte sie in einem schmalen Fach ein kleines Buch. Sie schob neugierig die Unterlippe vor. Eigentlich stand es ihr nicht zu, in Sachen herumzuwühlen, die nicht ihr gehörten, aber die Küche war eben auch kein Privatbereich. Mit einer fließenden Bewegung zog sie das Büchlein aus der Nische und begann darin zu blättern. Ein Rezeptbuch, versehen mit handschriftlichen Notizen und Änderungen. An einigen Stellen war die Mengenangabe geändert oder Zutaten gänzlich herausgestrichen oder gar hinzugesetzt worden. Esther griff sich eine kleine Möhre und knabberte darauf herum, während sie die Rezepte durchging.

    Erst nach einiger Zeit dämmerte ihr, dass Edmund die Kochanweisungen geändert hatte. Es schien ihm viel daran zu liegen, dass das Essen schmeckte. Dieser Gedanke brachte sie auf eine unerklärliche Weise zum Lächeln. Und die Konsequenz hinter seinen Notizen und den Änderungen legte nahe, dass ihm das Spaß machte. Aber dennoch war seine Bewirtung nicht selbstverständlich.

    Sie klappte das Buch zu und legte es auf den Tisch, als ihr eine Idee kam.

    Aber zunächst müsste sie die Kochstelle beheizen und das kam ihr im Moment ziemlich unmöglich vor.

    Zugesehen hatte sie schon ein paar Mal, immerhin konnten alle ein Feuer entfachen. Außer sie selbst.

    „Höchste Zeit, das zu ändern.“

    Sie befüllte die dafür vorgesehene Stelle mit Brennmaterial und stemmte die Hände in die Hüften. Unsicher zuckte sie die Schultern und holte vorsichtshalber einen Eimer Wasser dichter.

    Dann zückte sie ihren Zauberstab. „Was soll schon schief gehen?“

    Sie legte all ihre Konzentration in ihr Vorhaben und zentrierte ihre Magie auf einen klitzekleinen Teil unmittelbar im Zentrum des Brennmaterials. Um das zu entzünden, brauchte es eine gewaltige Menge reiner Energie. Oder eben einen kleinen Funken.

    Eine gefühlte Ewigkeit geschah rein gar nichts. „Ach, nun komm schon!“, keifte sie und konzentrierte sich erneut. Wenn die anderen sie jetzt so sehen würden, hätten sie sicher gelacht.

    Dann begann es zu qualmen und kurz darauf stiegen kleine Flammen hervor.

    Esther stieß einen triumphierenden Laut aus. Von wegen hilflos!

    Sie steckte den Zauberstab ein, klaubte das Buch vom Tisch und suchte sich ein scheinbar einfaches Rezept heraus. Vielleicht tat sie einen Gefallen, wenn sie etwas kochte. So musste sich später niemand anderes darum kümmern. Und vielleicht konnte Edmund sehen, dass es so etwas wie ein Versöhnungsversuch darstellen sollte.

    Während sie Gemüse schälte und schnippelte, achtete sie peinlichst darauf, dass die Feuerstelle nicht ausging.

    Sie sammelte weitere Zutaten zusammen und bedachte jeden Schritt, den das Rezept oder Edmund vorgaben. Es fühlte sich erst merkwürdig an, aber dann verlor sie sich beinahe in den Arbeitsschritten und es fühlte sich beruhigend an. Bald schon roch es angenehm würzig und während Esther ihre Utensilien reinigte, köchelte der Gemüseeintopf nach Edmunds Art fröhlich vor sich hin. Ab und zu probierte sie das Gemüse, um es nicht zu zerkochen. Es sollte zwar weich, aber noch bissfest sein. Das war für Esther zwar ein Widerspruch, denn wie sollte etwas fest und weich zugleich sein, aber so war Edmunds Anweisung.

    Das Beste an ihrem Vorhaben war das warme Wasser, welches sie zum Abwaschen hatte.

    „Hätte dir auch ein wenig früher einfallen können“, sagte sie zu sich selbst und kicherte. „Tolle Magierin.“

    Sie nahm den fertigen Eintopf von der Kochstelle und nachdem sie sich vergewissert hatte, dass von den anderen noch niemand zu sehen war, nahm sie sich schließlich einige Kleidungsstücke vor, die Nelli noch flicken wollten.

    An Deck setzte sie sich auf einen Hocker und begann mit einem leisen Lied auf den Lippen, die Löcher in den Hemden zu stopfen.

  • Das die Verwandlung nicht so geklappt hatte, wie geplant, hätte sie eigentlich nicht überraschen sollen. Wann lief denn in ihrer Konstellation überhaupt mal etwas wie geplant? Ursprünglich hatte Nelli einen gut gebauten, jungen Seemann mit breitem Kreuz im Kopf gehabt. Doch stattdessen war sie jetzt diese...Seegurke. Und das nur, weil Edmund sich mal wieder nicht an Anweisungen gehalten hatte. Aber gut, wozu jammern, wenn es keinen Zweck hatte. Wenigstens hatte dieser Körper keine krummen, steifen Finger und keine Rückenprobleme, wie es aussah. Man konnte weiß Gott nicht alles haben.

    Nelli lugte über das Fass und beobachtete Trevor bei seinem Versuch die Seemänner zu umgarnen. Ernsthaft, der Junge brauchte dringen Unterricht darin, wie man eine Liebschaft anbandelte. Sie unterdrückte ein leises Seufzen und schlich sich schließlich an den Fässern vorbei, schnappte sich unterwegs noch Edmund, der sich in ihrer Hand wand.

    Verhalt dich bloß ruhig, sonst werf' ich dich ins Wasser“, fauchte sie und setzte sich das Fellknäuel auf die Schulter. Immerhin schienen die drei Matrosen von Trevor abgelenkt genug zu sein, dass sie nicht bemerkten, wie Nelli sich hinter ihrem Rücken an Bord schmuggelte.

    Meine Güte, die haben aber auch definitiv schon bessere Zeiten gesehen. Die sehen ja fast so alt aus wie ich! Sie schüttelte sich und verschwand mit Edmund unter Deck. Unten angekommen blieb sie wie angewurzelt stehen. Gut, das Ding war deutlich größer als die kleine Schaluppe, mit der sie segelten. Wer genau hatte noch mal gesagt, dass es eine gute Idee war, einfach blindlings auf das Schiff zu laufen?

    Mach dich mal nützlich und versuch die Kapitänskajüte zu finden. Du kommst eher mal durch irgendwelche Ritzen“, wies sie Edmund an, der nur entrüstet quiekte und für einen Moment war Nelli mehr als froh, dass sie sein Gemecker nicht ertragen musste. Sie selbst wandte sich nach rechts, öffnete eine Tür – und wurde von etlichen Hängematten und Matratzen auf dem Boden begrüßt. Der Gestank von Schweiß und Dingen, die sie besser nicht genauer benennen wollte schlug ihr entgegen. Angewidert verzog sie das Gesicht. Anscheinend hatten einige der Matrosen hier ein Bad mehr als nötig. Kurz war sie einfach dankbar um ihre Reisegesellschaft, die wenigstens darauf allesamt wert legte. Ein leises Schnorcheln riss sie aus den Gedanken und ihr Kopf ruckte hoch. Oh nein, hatten sie etwa jemanden hier übersehen? Doch dann kehrte wieder Stille ein, sodass sie sich nicht sicher war, ob sie sich das nicht einfach eingebildet hatte.

    Hervorragend, jetzt fängst du auf deine alten Tage auch noch mit so einem Quatsch an“, murmelte sie und schloss die Tür wieder. Das würde ihr definitiv keine Informationen bringen. Abgesehen davon, dass die Mannschaft ein Haufen ungewaschener Rüpel war. Was wohl Esther sagen würde, wenn sie hier wäre? Sicher hätte ihr das mehr als eine gerunzelte Stirn entlockt.

    Ein leises Fiepen ließ sie nach unten sehen und eine kleine Ratte wollte gerade in ihren Knöchel beißen.

    Untersteh dich! Im Gegensatz zu den anderen kann ich dich sehr wohl von einer gewöhnlichen Ratte unterscheiden, Wendy, warnte sie Edmund und brummte leise. Himmel, war dieser Kerl, dessen Gestalt sie angenommen hatte, denn nie aus dem Stimmbruch raus gekommen? Dessen Stimme klang wie das unangenehme Knarren einer Tür, wenn Holz auf Holz schabte. Edmund schien sich zu besinnen, weshalb er sie gesucht hatte und lief vor ihr her zu einer Tür, quietschte erneut. Selbst in dieser Form klang er genervt. Nicht mal nach der Verwandlung konnte er das ablegen.

    Natürlich habe ich wieder die ganze Arbeit gemacht, war ja klar. Jetzt stell dich nicht so an, Hexlein, mach endlich die Tür auf“, imitierte sie seine Stimmlage und synchronisierte sein Gefiepe, was ihm so gar nicht zu gefallen schien. Mit einem Kichern schob sie die Tür auf und landete wirklich in der Kapitänskajüte. Auf einem großen Tisch lagen überall Karten und Gerätschaften ausgebreitet, mit denen Trevor oder Edmund sich sicher besser ausgekannt hätte. Sie hob die Ratte auf den Tisch, damit er sich umschauen konnte, während sie sich den Schubladen und der Kommode zuwandte. Sie hatten nicht viel Zeit, immerhin konnte jederzeit jemand hier auftauchen, aber übersehen wollte die alte Heilerin auch nichts. Sie überflog Ladungslisten, Passagierverzeichnisse, Berichte über Reisen, fand sogar die Speisepläne für die nächsten zwei Wochen, die der Kapitän wohl abgesegnet hatte.

    Das ist nutzlos, hier ist nichts“, brummte sie irgendwann resigniert, als ihr Blick auf die Bar fiel. Wenn sie schon keine Informationen fanden, dann konnte sie sich wenigstens etwas von dem Schnaps mitnehmen.

  • Edmund schnaufte, was in seiner Rattengestalt erneut in einem Quieken endete. Das ganze Ding würde die Hexe noch bereuen. Sie hätte ihn viel stärker instruieren müssen!

    Er tippelte über den Tisch, betrachtete die Bücher, die losen Zettel und das ganze restliche Chaos. Der Schreibtisch war ein Grauen! Wie sollte man hier arbeiten? Das konnte unmöglich funktionieren! Ein heilloses Durcheinander. Oder war das Absicht? Wenn man selbst nichts mehr fand, dann fand auch ein Spion nichts? Und wenn es nur derb genug stank, dann fiel der Einbrecher gleich um? Bei ihm fehlte jedenfalls nicht mehr viel.

    Dumme Rattennase!

    Edmund blieb auf einer Karte stehen und betrachtete diese. Es war eine Seekarte, relativ neu. Zwei weitere lagen darunter und deckten so ziemlich alles von der bekannten Welt ab. Einige Stellen waren mit Kreisen und Punkten markiert, abgehakt oder durchgestrichen. Irgendwelche Krakel, von denen er nicht sagen konnte, ob es sich um eine Sauklaue oder eine andere Sprache handelte, beschriften die einzelnen Markierungen. Er nahm es auf und versuchte, sich so viel wie möglich zu merken.

    Aber hier waren sie wegen dem Fernrohr. Oder einem Hinweis darauf. Deshalb wandte er sich ab und schlängelte sich seinen weiteren Weg vorbei an etwas, das vermutlich mal Obst gewesen war. Mittlerweile aber deutlich süßlicher und widerlicher roch. Die Rattennase tat ihm dabei keinen Gefallen.

    Ich will den Kerl nicht sehen, der so lebt. Oder eher vor sich hin vegetierte.

    Beim Versuch auf einen Stapel Bücher (irgendwas über Magie und es waren ähnliche Zeichen darauf zu erkennen, wie auf der Karte – sicher interessant für Esther, er konnte damit leider nichts anfangen. Magier eben...) zu klettern, stieß er versehentlich ein Tintenfässchen um, das sowieso schon abenteuerlich am Rand eines Papierstapels gethront hatte. Der Inhalt ergoss sich abstrakt über die Karten und die Speisepläne.

    Dann wohl kein Kohl für die Mannschaft. Kein Verlust. Und man sollte es ihm danken. Immerhin erstickten die Männer dann nur noch in ihrem eigenen Mief, aber wenigstens stank es nicht nach Kohl. Egal, aus welcher Öffnung der gekommen wäre.

    Das Tintenschwarz verteilte sich über die Karten. Blöderweise tappte er auch noch in die Tinte und hinterließ Rattenspuren. Rein zufällig und ohne jede Absicht – natürlich – hüpfte er nochmal quer über die Karten. Allein dafür, dass man ihm das Fernrohr geklaut hatte. Was auch immer der Kerl auf seinen Karten markiert hatte, er hatte es sich hoffentlich gut gemerkt.

    Zufrieden mit sich und seinem Kunstwerk, lehnte sich Edmund zurück und lugte dann über die Tischkante. Der Tisch hatte Schubladen. Und unter einer von ihnen lugte eine Ratte hervor. Wunderte ihn bei diesem Saustall nicht. Die Ratte starrte zurück. Er starrte die Ratte an. Irgendwas an ihrem Blick behagte ihm nicht, weshalb er sich schließlich abwandte und zu Nelli sah. Die Hexe im Körper des Matrosen widmete sich gerade der Bar.

    „Geht’s noch?!“, maulte er. Nelli verstand ihn nicht, blickte aber dennoch grinsend in seine Richtung.

    „Wenn wir schon mal hier sind.“ Sie zuckte die Schultern.

    Das war wohl nicht ihr Ernst! Wütend gestikulierte er in Richtung der Schubladen, um sich verständlich zu machen. Sobald er diesen Rattenkörper los war, würde er ihr was erzählen!

    Nelli füllte sich jedoch in aller Ruhe ein Kristallglas. Und trank. Edmund musste sich ein Würgen unterdrücken. Wenn er den Schreibtisch so betrachtete, wusste er nicht, ob er aus einem der Gläser einen Schluck nehmen würde. Wer wusste schon, welche Krankheiten sie sich mit ihrer Anwesenheit hier einholten?

    Eine der Flaschen wanderte noch in Nellis Tasche, dann erbarmte sie sich und kam zu ihm.

    Er deutete kommentarlos, aber mit strafendem Blick auf die Schubladen.

    Nelli öffnete sie nacheinander. Sie beinhalteten: Hauptsächlich weiteren Müll und Papier. Unbezahlte Rechnungen, Materiallisten. Eine weitere Flasche ohne Etikett. Die Hexe schnüffelte darin und ließ sie dann ebenfalls in den Taschen verschwinden.

    Die letzte Schublade war abgeschlossen. Das sah schon vielversprechender aus. Nur wie kamen sie an den Inhalt? Möglichst, ohne alles zu zerstören und den Besitzer direkt darauf hinzuweisen, dass sie hier gewesen waren. In dem Durcheinander würde es grundsätzlich nicht auffallen, ein zerstörter Tisch schon.

    „Du hast nicht zufällig einen Dietrich dabei?“, wollte Matrosen-Nelli wissen.

    „Doch klar, in meinen vielen Jackentaschen“, knurrte er. Da er nur fiepte, zuckte er die Schultern.

    Nelli seufzte und sah sich dann um. Sie stand auf und begann zu suchen. „Dann benötigen wir den Schlüssel, also mach dich mal nützlich.“

    Edmund blieb trotzig sitzen. Bisher hatte vor allem er sich nützlich gemacht. Die Hexe hatte gesoffen und Flaschen eingesteckt und sich über sein Fiepen beklagt. Also wenn nun jemand etwas machen konnte, dann wohl sie. Und davon abgesehen glaubte er kaum, dass der Kerl den Schlüssel hier in diesem Chaos verschlampert hatte. Es war wahrscheinlicher, dass er ihn mit sich trug.

    Das wiederum versuchte er Nelli zu erklären. Die natürlich gar nichts verstand.

    Als er von hinten angestupst wurde, wollte er sich erst bei Nelli beschweren, doch diese kramte noch durch die anderen Schubladen. Als sich Edmund umwandte, hockte die andere – wie sich nun herausstellte schwarz-weiße - Ratte genau hinter ihm und musterte ihn aus Knopfaugen.

    „Was?“

    Die Ratte schmiegte sich an ihn, schob ihn dabei beinahe vom Tisch.

    „Jetzt geht’s aber los!“

    Er schob sie von sich, direkt in eine zweite, graue Ratte hinein, die an einem der Tischbeine hochgeklettert kam.

    „Lass das!“

    Entweder war die Ratte jedoch zu dumm, oder aufdringlich. Jedenfalls sah sie keinen Grund ihn in Ruhe zu lassen. Stattdessen begann die zweite Ratte sich von der anderen Seite ebenfalls an ihm zu reiben.

    „Leute echt, wo wart ihr zuletzt? Ihr stinkt widerlich!“

    Er versuchte die beiden Ratten zu ignorieren. Was leichter gesagt war, als getan, da diese ihm am Hintern schnüffelten. Böse Blicke brachten auch nichts.

    Nelli derweil bog sich vor lachen, was er genervt zur Kenntnis nahm und dann die Chance ergriff, auf ihren Arm zu hüpfen und von dort auf ihre Schulter zu klettern. Dass Nelli ihn nicht postwendend wieder von sich warf, verbuchte er als Erfolg und streckte den beiden Ratten die Zunge raus. Irgendwie blickten beide etwas pikiert.

    Nicht mein Problem.

    Derweil machte sich Nelli mit einem Messer an den Schubladen zu schaffen. Etwas Besseres war der Alten nicht eingefallen?

    Edmund knirschte mit den Zähnen. War das überhaupt eine gute Idee, was war, wenn der Magier die Schublade gesichert hatte?

    Er kam nicht dazu, den Gedanken bis zum Ende durchzugehen. Als Nelli bereits fluchend vor einem bläulichen Lichtblitz zurückschreckte. Es knallte. Der Tisch begann blau zu qualmen und die Ratten flüchteten quietschend, leider in Nellis Richtung. Säuerlich registrierte Edmund kurze Zeit später, dass ihm die beiden wieder auf die Pelle rückten.

    „Verdammt noch eins“, maulte Matrosen-Nelli.

    Edmund verzichtete auf den Hinweis, dass der Schreibtisch qualmte und vermutlich gleich zu brennen begann. Stattdessen biss er sich auf die Zunge. Nelli war blau im Gesicht und auch einige Haarsträhnen glänzten blau. Ein Blick an sich herunter verriet ihm, dass er ebenfalls Blau war …

    Klasse…

    Wenn sie nicht bereits aufgefallen waren, dann würde ein Lichtblitz mit anschließender Rauchentwicklung sicherlich bald Leute anlocken. Und so blau, wie sie waren, wäre es schwer, es zu leugnen.

    Wenn schon nicht die eigene Mannschaft, dann die der anderen Schiffe, die im Hafen lagen. Ein Feuer auf einem Holzschiff war immer ungünstig.

    Er versuchte diese Erkenntnis mit Matrosen-Nelli zu teilen. Dieser nickte. Ob Nelli ihn nun verstanden hatte oder zu dem gleichen Ergebnis gekommen war, wusste er nicht. Aber sie hockte sich hin und wedelte den Rauch etwas weg. Als dieser sich verzog, war erkennbar, dass die Schublade immerhin geöffnet war. Das wäre noch die Höhe gewesen: Die Mannschaft angelockt, das Schiff abgebrannt und sie standen ohne irgendwas das. Wobei das immer noch der Fall sein konnte. Was sollte er machen, wenn das Fernrohr nicht in der Schublade war und das Schiff wirklich abbrannte? Seinem Vater zu erklären, dass er sein Schiff und die Ware verloren hatte, war das eine. Ihm erklären zu müssen, dass er es geschafft hatte, die Waren ZWEIMAL zu verlieren, etwas völlig anderes.

    Er kniff die Augen zusammen. Nicht, weil er feige war und Angst hatte, dass die Schublade wirklich leer war. Sondern weil der Rauch ihm in den Augen schmerzte. Und weil die beiden Rattendamen sich schon wieder lästig an ihn kuschelten. Was glaubten die eigentlich, wer er war?

    „Sucht euch einen anderen Vater für eure Plagen!“

    Er schob beide beiseite und tappte auf Nellis Arm nach unten.

    Diese streckte die Hand nach dem Inhalt der Schublade aus und beförderte eine Kiste zu Tage. Es handelte sich um eine schlichte kleine Truhe aus Holz, die mit diversen Zeichen und Strukturen bekritzelt war. Zum einen waren sie hineingeritzt, zum anderen darauf geschrieben. Einige sahen aus, als wären sie durchgestrichen. Irgendwas an dieser kleinen Kiste war seltsam. Als würden sich in ihrer Nähe alle Haare aufstellen.

    „Magisch“, kommentierte Matrosen-Nelli.

    Edmund nickte fachmännisch und schob dabei die schwarzweiße Ratte erneut von sich. Die Frage blieb nun, ob sich darin sein magisches Fernrohr befand. Oder die Kiste allein magisch war. Und darin nur noch mehr Ramsch und Müll.

    Nelli versuchte die Truhe zu öffnen. Doch Wunder – immerhin funktionierte bei ihnen nie etwas auf Anhieb und problemlos – ließ sie sich nicht öffnen. Das war doch schon wieder typisch...

    „Nimm es mit“, murrte er und gestikulierte wieder herum. Das war so dermaßen lästig. Dieses Gestikuliere. Das ihn niemand verstand. Das Geschmuse und an ihm Herumgekratze und Gebeiße der beiden anderen Ratten.

    Er schob sie beiseite.

    Ob Nelli ihn verstand, wusste er nicht. Es konnte gut auch sein, dass sie sein Gefuchtel als Beschwerde den beiden anderen Ratten gegenüber deutete. Gerade trat er eine der Ratten von Nelli hinunter.

    Er kam jedoch nicht dazu, sein Anliegen nochmals zu verdeutlichen. Er vernahm Schritte im Flur vor der Tür, die sich eilig näherten.

    War ja klar …

    Es herrschte Stille. Dann Stimmen.

    Nelli und er sahen sich an. Dann klemmte sich Nelli kurzerhand die ganze Kiste unter den Arm und sah sich im Raum um.

    Edmund tat es ihr gleich. Wenn die Matrosen schon im Flur waren, dann würde es nur noch ein paar Sekunden dauern, ehe sie hier auftauchten. Sie konnten also nicht über den Flur zurück an Deck. Im Raum selbst gab es nur einen Schrank. Und in dem würde man sicherlich zu erst nachschauen. Wenn sie überhaupt hineinpassten. Bei dem Chaos im Zimmer war der Schrank wahrscheinlich bis oben hin mit Schrott zugestapelt.

    Ein Fiepen riss ihn aus seiner Suche. Er wollte schon wütend nach den beiden Ratten treten. Doch die beiden hockten vor dem Fenster, schoben es etwas auf und verschwanden nach draußen.

    Edmunds Blick glitt an Nelli hoch und runter. Auch sie sollte dort durchpassen.

    Er zupfte an ihrer Kleidung und hüpfte ebenfalls zum Fenster.

    Nelli kam dazu, öffnete es und sofort pfiff ihnen wieder der Wind entgegen. Unter ihnen brachen sich die Wellen. Das Heck zeigte zum offenen Meer hinaus.

    „Kommt gar nicht in Frage“, kommentierte Nelli und trat einen Schritt zurück.

    „Das oder du wirst erwischt, altes Weib!“

    Nelli sah ihn als, als wäre er wahnsinnig. Dabei sprach sie hier mit der Ratte.

    Apropos Ratte …

    Die schwarzweiße Ratte und die graue kamen zurück, liefen über ein Tau, dass sich an der Schiffswand entlangschlängelte und dann außer Sicht verschwand. Dort konnte sich Nelli festhalten und den schmalen Vorsprung als Tritt benutzen.

    Die Schritte wurden lauter.

    Edmund betrachtete Nelli und deutete wortlos aus dem Fenster.

    Nelli fluchte, kroch dann aber ungelenk und zitternd durchs Fenster. Den Blick immer nach unten auf das Wasser gerichtet.

    „Nicht nach unten blicken“, fiepte er und kassierte dafür einen bösen Blick des Nelli-Matrosen. Verstanden hatte sie ihn sicherlich nicht, aber vermutlich war es egal, welche hilfreichen Tipps er ihr gab. Manche Menschen wussten Hilfe eben nicht zu schätzen.

    Nelli bewegte sich derart langsam und fischte nach dem Tau, dass Edmund bereits fürchtete, die Zeit wäre eingefroren. Ebenso langsam schob sie sich an der Schiffswand entlang. Immer langsam einen Schritt nach dem anderen auf dem schmalen Vorsprung.

    Edmund warf einen Blick zurück zur Tür. Die Klinke wurde bereits nach unten gedrückt. Wenn Nelli in dem Tempo weitermachte, wurde sie doch noch erschossen. Oder einfach ins Meer geschubst. Oder starb an Altersschwäche.

    Ehe er es sich anders überlegen konnte, pfiff er Nelli etwas zu und hüpfte dann vom Fensterrahmen. Dann musste er ihr eben etwas Zeit verschaffen. Die beiden Ratten folgten ihm, was er sowohl genervt als auch erleichtert zur Kenntnis nahm. Wenn man nach ihnen schlug, bestand die Möglichkeit die richtige Ratte zu treffen nun immerhin nur noch 33%.

    Als die Tür aufging und er das erste Paar Stiefel sah, hüpfte er daran empor und biss dem Mann kurzerhand ins Bein. Der Kerl schrie auf und stolperte zurück. Während Edmund über ihn hinweglief, sich hasste und er sich am liebsten den Mund ausspülen wollte. Wenn Nelli abrutschte und dabei im Wasser ersoff, würde er sie eigenhändig an Land zerren, wiederbeleben und dann töten!

    Er sprang von dem einen Matrosen zum nächsten und blickte dann direkt in das hässlichste Gesicht, das er jemals gesehen hatte. Für einen Moment glaube er, dass die beiden Typen eine Leiche mit sich herumschleppten. Dann öffnete die Leiche jedoch den Mund und fixierte ihn mit den Augen. Verständnis flackerte darin. Irgendwie war er die gleiche Kategorie wie der Haufen Hackfleisch in der Schubkarre. Nur hässlicher.

    Und dass das möglich war, hätte er nicht erwartet.

    Die Leiche schrie etwas, das Edmund geflissentlich ignorierte und dem Typen kurzerhand ins Gesicht sprang. Offenbar schmerzten die Krallen einer Ratte. Denn der Typ wimmerte auf.

    Die beiden Rattendamen folgten ihm, weshalb nun zwölf Rattenfüße (acht davon vermutlich völlig verpestet, vier mit Tinte beschmiert) über den schreienden und um sich schlagenden Leichnam rannten.

    Als auch die anderen Männer nun auf den Kerl einschlugen, hüpfte Edmund von ihm herunter. Die Ratten folgten ihm. Einen Augenblick genoss er den Anblick der auf die hässliche kreischende Wasserleiche einprügelnden Männer. Dieser wehrte sich und fluchte, beschimpfte die beiden Männer.

    Edmund rollte sich beinahe vor Lachen über den Boden.

    Als sie bemerkten, dass da keine Ratten mehr waren und sich ihre Aufmerksamkeit auf ihn richtete, rannte er davon.

    Er hörte hinter sich die Worte „Rauch“, „Feuer“ und „Ratten“. Wobei das letztere eigentlich niemanden verwundern sollte.

    An Deck wuselten noch ein paar Männer herum, die wohl alarmiert ebenfalls aus der Stadt zurückgekommen oder geordert worden waren. Einer von ihnen hatte einen Eimer bei sich. Sein Blick richtete sich sofort auf Edmund, als erkannte er, dass von den drei Ratten nur er keine echte war. Edmund hatte jedoch wenig Zeit, sich darüber noch Gedanken zu machen. Wie weit wohl Nelli gekommen war? Hoffentlich bereits wieder im Hafen. Er traute sich aber dennoch nicht, auf die Seite vom Schiff zu laufen, an der sie geflüchtet war, um dort nachzuschauen. Wäre ja blöd, wenn sie doch noch ins Augenmerk der Mannschaft fiel.

    „Ratte!“, schrie die Leiche. Außer Atem kam diese hinter ihm an Deck gehetzt. „Schnappt sie.“

    „Welche?“, kam es von irgendwoher.

    „Alle!“

    Edmund hüpfte über die drei alten Kerle, die Trevor außer Gefecht gesetzt hatte. Einer von ihnen trug jetzt das Kleid, was Trevor zuvor anhatte. Die beiden anderen wurden gerade von ihren Kollegen wachgetreten.

    Neben ihm schlug ein Säbel in den Boden. Gefolgt von einem Messer.

    Ja, hatten die sie noch alle?

    „LEBEND!“, brüllte die Leiche. Die Erkenntnis kam ja früh. Was wäre, wenn der Säbel ihn bereits gespalten hätte?

    Vor ihm tauchte ein Prügel von einem Kerl auf, der vermutlich mehr wog als das ganze Schiff. Jedenfalls bebte selbiges unter seinen Schritten und es gab ein Seebeben, als er sich bäuchlings auf ihn zuwarf.

    Zum Glück war es nicht allzu schwer dem Fettklotz auszuweichen. Dann hüpfte er auch schon über die Reling ins Wasser.

    Das Wasser schlug über ihm zusammen. Um ihn herum löste sich eine blaue Wolke. Immerhin war das Zeug wasserlöslich. Was nicht wasserlöslich war, war er selbst. Was das Wasser sichtlich zu stören schien. Und so ein Rattenkörper hatte dem nichts entgegenzusetzen. Edmund blieb unter Wasser. Von den Wellen wurde er fröhlich mitgeschleudert. Irgendwo klatschte er gegen eine Kante und eine Mauer, dann tauchte er unter einem anderen Schiff hindurch. Und verschwand damit hoffentlich aus der Sicht der Mannschaft.

    An einem der Schiffe gelang es ihm schließlich, seine Krallen in eines der Taue zu schlagen und sich aus dem Wasser zu ziehen. Als er sich in Bewegung setzte, sah er gerade noch wie ein langer Tentakel hinter dem Schiff unter Wasser verschwand.

    Vermutlich Einbildung. Hoffentlich Einbildung…

    Er schüttelte den Kopf und kletterte dann klatschnass auf den Hafensteg. Dort blieb er eine Weile liegen und schnaufte durch.

    Tja, lief doch prima... Das hat unverhofft sogar Spaß gemacht.

    Langsam machte er sich zwischen Kisten und Füßen auf den Weg zurück. Dort sah er noch immer die wütende Mannschaft und einen hässlichen Kerl ins Wasser starren. Außer Sicht, hinter ihnen, sprang gerade ein alter Matrose in Trevors Arme. Der grimmige Gesichtsausdruck der alten Hexe war bis hierher zu hören.

    Was ebenfalls zu hören war, waren die tapsenden Schritte von zwei Ratten.

    Als Edmund sich umdrehte, seufzte er.

    „Ja, ihr ward eine große Hilfe… Toll gemacht. Ganz großartig. Aber wehe ihr betretet mein Schiff. Ich dulde da kein Ungeziefer.“

    Außer mich selbst ...

    Beide legten den Kopf schief und folgten ihm.

    Ja, leckt mich am Arsch ... Nicht wörtlich gemeint!"



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

    • Offizieller Beitrag

    Trevor hatte Oma vom Schiff gehoben. In ihren Händen hielt sie dabei allerhand Gegenstände. Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum sie zuvor mit ihrem Gesicht an seiner Brust entlang gelitten war, bis ihre Füße sicheren Boden ertasten konnten.
    Knapp gefolgt von Edmund, der fiepend auf einer Kiste stand. Ihm wiederum folgten zwei andere Ratten.
    Trevor brauchte nicht lange, um ihn zu erkennen. In erster Linie an seinem wütenden Gesichtsausdruck und weiter daran, dass Edmund nie lange allein blieb. Nicht mal als Ratte, das war bewundernswert.
    Sie berichteten davon, was sie gefunden hatten. Nun ja, Nelli tat das. Und verwies darauf, dass sie schnellstmöglich auf ihr Schiff zurückkehren sollten.
    „Tut mir leid, meine Damen, den Herrn muss ich jetzt mitnehmen“, sprach Trevor zu den beiden Ratten, die dabei waren, sich an Edmund zu schmiegen. Dieser schien gar nicht so wütend darüber, dass Trevor ihn sich wieder auf die Schulter setzte. Aber Rattendamen waren sicherlich auch nicht gänzlich der Geschmack des Händlersohnes.
    Edmund schien förmlich tief durchzuatmen.
    Zusammen begaben sie sich zurück auf ihr Schiff und wollten alles weitere besprechen. Es würde wahrscheinlich nicht lange dauern, bis einer das Fehlen des Buches und der Kiste samt Inhalt bemerken würde.
    Trevor fragte Nelli, ob er ihr die Ausbeute abnehmen sollte, aber sie musterte ihn und verneinte dann.
    Dachte sie etwa, er würde es beschädigen oder stehlen?
    Sie lächelte schief und lief dann weiter.
    Seltsam …
    Zurück auf der Revenge wurden sie bereits von Esther empfangen. „Und?“, wollte sie wissen. „Wie ist es gelaufen?“
                    „Soweit ganz gut, denke ich“, antwortete Trevor und schaute den Rest an. „Wir haben nur mehr, als wir gedacht hätten.“
                    „Es hat sich nun mal so ergeben“, meinte Nelli und zuckte mit ihren Schultern. „Edmund und ich waren uns einig, dass wir es mitnehmen.“
    Die Ratte fiepte. Aber rasch wurde ein Gemurmel daraus. Es war wie ein ploppendes Geräusch, als plötzlich Edmund wieder vor ihnen stand. Kurz darauf „ploppte“ auch wieder die Gestalt von Oma auf.
                    „Der Zauber ist wohl vorbei“, stellte Esther fest, während Edmund tief durchatmete.
                    „Bei allen Weltmeeren … So einen Scheiß mache ich nie wieder mit. Von wegen alles ganz einfach …“
                    „Ganz ruhig, Edmund“, versuchte Trevor, ihn zu beruhigen. „Hat doch alles geklappt.“
                    „Super geklappt, ja, großartig ... Dem nächsten, der sagt, es kann nichts schiefgehen, ehe alles schiefgeht, trete ich in den Arsch!“
    Trevor verkniff sich ein Grinsen. Er wusste, das war der Situation nicht förderlich. Es konnte immerhin niemand etwas dafür, dass er zu einer geworden war. Naja, außer er selbst.
    „Und? Haben wir alles?“, fuhr Esther unbehindert fort, und Oma nickte.
    „Das Fernrohr haben wir wahrscheinlich zurück, es ist sicherlich in der Kiste, aber da gab es mehr zu holen.“
    Esther riss ihre Augen auf. „Ihr habt mehr gestohlen?“
    Edmund grinste. „So er, so wir!“
    Esther schien davon gar nicht begeistert. Dennoch musterte sie die Ausbeute. Sie begutachtete das Buch, danach die Kiste. Dabei murmelte sie etwas Unverständliches.
    „Auf der Kiste liegt ein Zauber …“, sprach Esther und behielt sie in der Hand. „Wird nicht einfach, sie zu öffnen.“
    „Das bekommen wir nach allem auch noch hin. Immerhin sind zwei Magier an Bord“, entgegnete Trevor.
    „Ansonsten breche ich sie einfach auf“, drohte hingegen Edmund.
    „Vielleicht finden wir dazu etwas im Buch.“ Esther schien zuversichtlich. „Hier, halte mal.“ Sie reichte Trevor die Kiste.
    Oma wandte noch ein „Tu das nicht!“ ein, aber es war zu spät.
    Trevor nahm die Kiste und es war, als durchzog ihn ein Gewitter. „Schöne … Kiste“, brachte er nur den abgehakten Satz hervor, dem ein paar Adjektive fehlten. Er konnte sie weder loslassen noch fallenlassen. Es brannte. Ihn durchströmten Stromschläge. „Nehmt … die Kiste“, stotterte er weiter, während er das verbrannte Fleisch seiner Hände riechen konnte, was ihn auf die Knie zwang.

  • Zum Glück waren sie wieder an Land. Den festen Boden unter den Füßen zu spüren hatte etwas derart beruhigendes, dass Nelli ein erleichtertes Seufzen nicht unterdrücken konnte und sich vielleicht einen Moment länger an Trevor fest klammerte, als unbedingt notwendig gewesen wäre. Zum Glück achtete niemand auf sie und ihre zitternden Knie während sie zurück zu ihrem Schiff liefen. Die Hexe warf einen kurzen Blick auf das Wasser zurück und atmete erneut tief durch, das war knapp gewesen. Aber wer ging denn auch schon bitte auf ein Abenteuer mit einem Schiff, wenn man nicht schwimmen konnte? Nicht sonderlich clever, Peternella...

    Sie hatte sich die Kiste unter den Arm geklemmt, wiegelte Trevor ab. Sie musste ihre Theorie zu Formwandlern und dieser Art von Magie nicht wirklich unter Beweis stellen. Wenn sie Recht hatte, konnte das für alle Beteiligten unangenehm werden. Das Esther diese Art von Wissen nicht besaß, ging ihr dabei völlig durch die Lappen. Ein fataler Fehler, wie sich nur zu schnell herausstellte.

    Als Trevor auf die Knie sank, die Luft unangenehm erfüllt vom Geruch verbrennenden Fleisches, kamen im ersten Moment eine ziemliche Menge Flüche über ihre Lippen, in sämtlichen Sprach die ihr bekannt waren. Wollte dieser Tag der Katastrophen denn eigentlich nie ein Ende nehmen?

    Was um alles in der Welt...?“ vernahm sie Edmunds Stimme, Esther wiederum schien einfach nur erstarrt zu sein. Die Alte wandte sich an die beiden:

    Steht da nicht so nutzlos rum! Eine Schüssel Wasser und Tücher, sofort!“ Sie beugte sich leicht zu dem Formwandler.

    Das wird jetzt unangenehm. Also...noch unangenehmer“, murmelte sie entschuldigend und löste langsam, Finger für Finger dessen Hände von der Kiste.

    Das Geräusch, was das erzeugte, war schwer zu beschreiben, irgendetwas zwischen einem Zischen und dem Geräusch, wenn man in tiefem Matsch watete. Sie konnte an Trevors Blick sehen, dass der Schmerz vermutlich schwer auszuhalten war und zu gerne hätte sie ihnen beiden das erspart. Schließlich war eine Hand geschafft und sackte kraftlos nach unten, in der Handinnenfläche war keinerlei Haut mehr zu sehen und das Fleisch sah aus wie geschmolzen. Das würde etwas Arbeit, das wieder her zu stellen.

    Taucht die Tücher in das Wasser und wickelt die Hand vorsichtig darin ein“, verlangte sie an niemand besonderes gerichtet, hoffte einfach, dass irgendwer der anderen ihren Anweisungen Folge leisten würde. Sie wiederholte ihre Vorgehensweise an der anderen Hand und war froh, dass ihr Magen so stark war nach all den Jahren als Heilerin. Ansonsten hätte sie sich entweder schon bei dem Geräusch oder spätestens beim Anblick der völlig entstellten Hand übergeben. Was auch einer ihrer Mitreisenden hinter ihr tat. Die alte Heilerin tauchte das zweite Tuch in das Wasser und wickelte die andere Hand ein. Sie erhob sich und deutete mit ihrem knorrigen Finger auf den Händlersohn.

    Hilf mir ihn in sein Bett zu bringen.“

    Das war definitiv keine Bitte, sondern ein klarer Befehl und sie gab Edmund auch keine Möglichkeit, ihr großartig zu widersprechen sondern eilte so schnell sie konnte zu ihren Kräutern, die sie fein säuberlich in dem Regal in der Kombüse aufgereiht hatte. Wie gut, dass sie den Alkohol von dem anderen Schiff mitgenommen hatte, der würde sich wenigstens erst mal eignen, etwas gegen die Schmerzen herzustellen, die Trevor unter Garantie empfand, auch wenn er es nicht äußern konnte.

    Wie kann ich helfen?“ kam die etwas zögerliche Stimme von Esther hinter ihr, aus der Nelli eine ordentliche Menge schlechtes Gewissen herauslesen konnte. Zwar war es Esther gewesen, die Trevor die Kiste in die Hand gegeben hatte, aber woher hatte die junge Magierin es auch besser wissen sollen? Ein weiteres Problem, um das sie sich später kümmern musste.

    Kannst du etwas Wasser zum Kochen bringen, Mädchen?“

    Sie runzelte die faltige Stirn, beobachtete wie die Magierin nickte und machte ihr dann etwas Platz am Herd.

    Dann koch Wasser auf, und gib die Kräuter in genau der Reihenfolge rein, in der ich sie dir hier hin stellen, klar?“

    Wieder nickte Esther und kramte nach ihrem Zauberstab. Kurz stutzte Nelli. Natürlich, das war ja wirklich deutlich einfacher. Warum hatten sie sich denn bitte die ganze Zeit mit dem Feuer abgemüht, wenn sie eine Magierin in ihren Reihen hatten? Das war im Grunde das Sinnbild ihrer Gruppe, wenn sie ehrlich war. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht...

    Sie kramte nach den Kräutern, stellte ein halbes Dutzend an Gläsern und Töpfen in einer Reihe neben Esther auf und erklärte genau die Abfolge und die Menge, in der deren Inhalt in das Wasser musste, ehe sie sich ein paar andere Kräuter nach, die eher nachlässig klein hakte und drückte um sie in den Alkohol zuzufügen. Schade drum, damit war der zum einfach so trinken verdorben, aber jeder musste Opfer bringen. Kurz überprüfte sie, ob bei Esther alles nach Plan lief, ehe sie Edmund und Trevor folgte.

    Sie setzte sich neben den Formwandler, der immer noch wie paralysiert schien und flößte ihm etwas mühsam den mit den Kräutern versetzten Alkohol ein.

    Komm schon, trink das. Ich weiß, schmeckt widerlich, aber dann wird wenigsten der Schmerz weniger“, redete sie auf ihn ein und ließ ihn sicherheitshalber einen Schluck mehr trinken, als unbedingt nötig gewesen wäre. Im schlimmsten Fall würde er einfach einschlafen, was bei dem, was folgen würde sicher nicht die schlechteste Idee war. Haut nachwachsen und Fleisch sich neu bilden lassen, war sicher nicht das Angenehmste, was man hinter sich bringen konnte, vor allem, wenn das durch Magie erzeugt wurde.

    Für Nelli hieß das eine ziemlich schlaflose Nacht, in der sie stündlich die Verbände würde tauschen müssen und lediglich hoffen konnte, dass die anderen beiden nichts anstellten, was ihre Aufmerksamkeit forderte.

  • Am Morgen weckte das unerträgliche Kreischen der Möwen Esther aus ihrem tiefen, aber wenig erholsamen Schlaf.

    Sie schreckte hoch, wobei das Notizbuch, welches Edmund von der Telara mitgenommen hatte, mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden fiel.

    Ich bin also doch eingeschlafen.

    Leicht verschlafen hockte sie auf der Bettkannte, bis eine stechende Erkenntnis sie überfiel.

    Trevor!

    Hektisch machte sie sich frisch, ließ ihre Haare allerdings offen. Das Hochstecken nahm nur unnötige Zeit in Anspruch und sie plagte ohnehin schon das schlechte Gewissen. Trotz ihrer Eile klemmte sie sich Buch und Kiste unter den Arm und hechtete förmlich hinaus.

    Auf halben Weg zum Oberdeck hörte sie Geräusche aus der Küche.

    Sie stieß die Tür mit etwas zu viel Schwung auf. „Entschuldigt meine Verspätung“, brummte sie noch immer leicht verschlafen. Obwohl sie mit Sicherheit den Eindruck erweckte, am meisten ausgeruht zu sein, denn in der Küche begegnete sie einem mürrisch aussehenden Edmund. Er trug nur Hose und Hemd, nicht einmal Schuhe hatte er an.

    Er winkte ab und deutete auf die Arbeitsplatte. „Es gibt heute Brot, Rührei und etwas Aufschnitt. Ich habe keine Lust zu kochen.“

    Sie schluckte und sofort regte sich ihr schlechtes Gewissen noch mehr, denn der Händlersohn sah mit seinen zerzausten Haaren aus, als hätte er die ganze Nacht hier verbracht. Und trotz seiner offensichtlichen Müdigkeit machte er Frühstück für alle.

    Mit einem Seufzer stellte sie die Kiste auf die Dielen und lächelte. „Danke“, sagte sie. „Wie geht es Trevor?“, fragte sie dann und sah sich um. Aber von Trevor und Nelli fehlte jede Spur.

    „Da solltest du die Alte fragen, sie ist die Heilerin.“

    Da war etwas dran. Dennoch hatte sie sich etwas mehr von ihm erhofft. Unschlüssig sah sie über die Schulter zurück. Sollte sie zu Trevor und Nelli gehen?

    Sie entschied sich dagegen, immerhin bestand die Möglichkeit, dass sie selbst noch schliefen. Esther zog sich stattdessen einen Stuhl dichter und begann, ihren Teller mit dem Frühstück zu beladen, während Edmund aussah, dem Essen keines Blickes würdigen zu wollen. Kurz hatte Esther sogar Sorge, er würde auf der Stelle einschlafen. Erneut bekam sie ein schlechtes Gewissen, weshalb sie nur halbherzig auf ihrem Brot herumkaute. „Ich habe heute Nacht versucht, die Zauber auf der Kiste zu entschlüsseln.“ Was stimmte. Sie hatte alle Zeichen und Symbole sorgsam studiert und vielleicht eine Lösung für das Problem gefunden.

    Sie wusste zwar nicht, was sie sich davon versprach, ausgerechnet mit Edmund darüber zu reden, aber hier sitzen und schweigen, wollte und konnte sie nicht.

    Außerdem war sie sich gewiss, dass Trevor in guten Händen war und Nelli würde ihnen schon Beine machen, sollte sie Hilfe brauchen.

    Statt einer Antwort brummte Edmund nur etwas vor sich hin und nippte an seinem Kaffee.

    Ja, was hattest du erwartet, Esther …

    Sie ließ die Schultern sinken und schob den Teller von sich. „Ich werde später versuchen, sie zu öffnen“, meinte sie. „Aber nicht hier an Bord. Und vorher möchte ich wissen, wie es Trevor geht.“ Selbst jetzt bekam sie den Geruch von verbranntem Fleisch nicht aus der Nase.

    Ohne eine Antwort auf ihre Bemerkung zu erwarten, klaubte sie sich das Buch von der Kiste herunter und prüfte ihre Formeln.

    Und obwohl sie mit ziemlicher Sicherheit alles richtig gemacht hatte, passte irgendetwas noch nicht, das verriet ihr Bauchgefühl. Es war, als gäbe es eine Lücke im Konstrukt. Sie rieb sich nachdenklich die Stirn und nippte ebenfalls an ihrem Becher.

    Aus dem Augenwinkel konnte sie sehen, wie Edmund sie müde beobachtete. Er schien nichts sagen zu wollen, denn er trank nur schweigend weiter.

    Dann bleib doch stumm, du Stumpf.

    Sie wandte sich der Kiste zu und dann wieder den Aufzeichnungen. Es musste ihr etwas entgangen sein. Zunächst hatte sie es auf die Müdigkeit geschoben, aber eine Komponente fehlte. Und auch wenn sie der Lösung nahe war, konnte sie die Kiste mit ihren Formeln nicht öffnen. Das könnte eine schöne Blamage werden.

    „Dieser … Mistkerl“, flüsterte sie und begriff zu spät, dass sie nicht alleine im Raum war.

    „Gibst du schon auf?“, hörte sie plötzlich Edmunds Stimme.

    Aha. Also war er doch nicht verstummt.

    „Ich würde gerne nein sagen, aber das wäre gelogen“ gab sie zu. „Ich weiß, die Lösung liegt vor mir, aber …“ Sie brach ab und schüttelte den Kopf. „Ich bin das etliche Male durchgegangen, aber da ist etwas, was nicht passt.“

    Dass sie mit dieser fehlenden Komponente eher Gefahr lief, alles andere in die Luft zu sprengen, außer der Kiste, ließ sie lieber unbemerkt.

    Und war Edmund überhaupt der Richtige, um über ihr Versagen zu sprechen?

    Außerdem sollte er lieber ins Bett gehen und schlafen statt mit ihr über dieses Problem zu sprechen. Es war ihre Aufgabe, diese Kiste zu öffnen.

    Edmund erhob sich gähnend. „Dann lass ich dich mal allein“, sagte er und machte Anstalten, die Küche zu verlassen. „Sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst.“

    So, wie er das sagte, hörte es sich eher an wie lass mich zufrieden.

    Und sie war versucht, ihn in Ruhe zu lassen. Schlussendlich brachte das aber nichts.

    „Edmund?“, hielt sie ihn deshalb auf und schob das Buch über den Tisch. „Schau mal hier rüber und vergleiche die Zeichen, mit denen auf der Kiste. Findest du eine Ungereimtheit?“ Sie deutete erst auf Thomas Gekrakel, dann auf ihre eigene Aufstellung und auf die Truhe.

    Sie spürte deutlich den Widerwillen in Edmund, aber er kam dennoch zurück und betrachtete abwechselnd das Buch und die Kiste. „Eine Ungereimtheit?“, fragte er und hob die Augenbraue. „Sehe ich aus wie ein Alchemist?“

    Esther wandte sich ihm zu und zog die Stirn kraus. „Also erst einmal sind das nicht alles alchemistische Zeichen, sondern auch magische Versiegelungen.“ Sie mustere ihn. „Und zweitens … nein, du siehst nicht aus wie ein Alchemist.“

    Genau genommen sahen die Alchemisten für sie aus wie ganz normale Menschen, also konnte auch jemand, der wie Edmund aussah, ein solcher sein.

    „Gut, da wir das geklärt haben“, meinte er unbeeindruckt, „wie soll ich da nun eine Ungereimtheit erkennen? Es sind eben Gekrakel.“

    In diesem Moment verspürte Esther üble Lust, ihm den Becher Kaffee an den Kopf zu werfen. Gekrakel …

    Diese Zeichen und Symbole waren mitnichten nur Gekrakel! Sicherlich wirkte die Handschrift als hätte jemand betrunken versucht, einen Schwan zu zeichnen, aber hinter diesem Gekrakel steckte jede Menge Macht, von der Edmund nichts ahnte.

    Sie machte sich gerade für eine ausschweifende Erklärung bereit, als Edmund auf etwas in dem Buch zeigte.

    „Ich meine“, begann er und schmunzelte, „was soll das sein? Das sieht aus, als hätte ein Besoffener seinen Namen in den Sand gepisst.“

    Verwundert folgte sie dem Fingerzeig und verzog nachdenklich das Gesicht. „Für mich sieht das eher wie … ein Fleck … aus.“ Sie zog sich das Buch dichter heran. Nein, es war kein Fleck. „Grundgütiger!“, rief sie, sprang auf und wusste vor lauter Freude nicht, wohin mit sich. „Das ist es!“ Ohne weiter darüber nachzudenken, umarmte sie Edmund.

    Der allerdings blieb wie versteinert an Ort und Stelle stehen, was Esther allerdings weder störte noch nahe ging. Sie wusste, dass ihre Reaktion für ihn kaum verständlich war, also ließ sie ebenso schnell von ihm ab, wie die Welle der Freude über sie hereingebrochen war. „Du hast mir sehr geholfen“, sagte sie zu ihm und vervollständigte ihre Formeln. „Danke.“ Sie lächelte und betrachtete ihre eigenen magischen Symbole. „Damit wird es sicher klappen.“

    „Bitte gerne.“ Edmund lächelte ebenfalls, wobei sie eine gewisse Zufriedenheit darin erkannte.

    Sie leerte ihren Becher Kaffee und erhob sich. „Ich sollte am besten so schnell wie möglich damit beginnen, die Kiste zu entsiegeln. Je eher wir das erledigt haben, desto besser.“

    Edmund kratzte sich an der Schläfe. „Ähm … ja, in Ordnung.“ Plötzlich grinste er. „Wenn du nochmal Hilfe brauchst, für die du dich bedanken willst, sag Bescheid.“

    Esther musterte ihn. Brauchte sie bei dem, was jetzt kam, seine Hilfe? Alleine zu gehen, wäre für alle anderen sicherer. Sie sah kurz das Buch an. Bezüglich ihrer Entsiegelung war sie sich sicher, aber im Inneren der Kiste konnte noch immer eine Überraschung auf sie warten.

    Und falls Edmund etwas passierte, würde sie sich das nie verzeihen. Andererseits konnte es auch sein, dass sie sich bei dem Versuch, die Kiste zu öffnen, verletzte. Wie würde er sich dabei fühlen? Vermutlich plagte ihn dann nur die Angst, was mit ihm geschah, sollte ihr Vater das dann herausfinden.

    So oder so. Jetzt war es an ihr, eine Entscheidung zu treffen. „Bist du sicher? Willst du nicht eher hierbleiben, für den Fall, dass Nelli Unterstützung benötigt?“, fragte sie, was eher ein Versuch war, um Edmund freiwillig zum Bleiben zu bewegen.

    „Ach, ich denke, das Mütterchen kommt allein zurecht.“ Wieder grinste Edmund. „Trevor ist pflegeleicht und hat das Schlimmste hinter sich.“

    Esthers Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Also wusste Edmund doch mehr über Trevors Befinden und war vorhin nur maulfaul gewesen.

    Sie spürte, dass sie bei dem Händlersohn auf Granit biss. „Also schön. Aber können wir uns darauf einigen, dass du auf mich hörst, wenn ich dir eine Anweisung gebe? Du bist kein Magier und ich möchte nicht, dass du … den Zauber gefährdest.“ Eigentlich meinte sie, dass sie nicht wollte, dass Edmund sich verletzte, aber das brachte sie aus ihr unerklärlichen Gründen nicht über die Lippen.

    Edmunds Lächeln wurde breiter, beinahe engelsgleich. „Natürlich.“

    Allein dafür hätte sie ihm ins Gesicht schlagen können. Und dafür, dass er sie direkt angelogen hatte. Sie verkniff sich das Grinsen. Dann musste sie eben vorsorgen.

    „Wir sollten Nelli und Trevor zumindest Bescheid geben“, meinte sie und wandte sich zum Gehen um. Sie wollte nicht, dass die beiden sich unnötig Sorgen machten.

    „Ich werde mir dann mal meine Stiefel anziehen“, murmelte Edmund, als sie die Küche schon fast verlassen hatte.

    Nachdem sie in Nellis Zimmer niemanden angetroffen hatte, klopfte sie leise bei Trevor an. Doch auch da reagierte keiner.

    Schulterzuckend öffnete Esther vorsichtig die Tür und bemerkte schnell, dass beide tief im Schlaf versunken waren. Dennoch versetzte der Anblick ihr einen Stich im Herzen, auch wenn die zwei ziemlich ruhig wirkten.

    Sie presste die Lippen aufeinander und kritzelte kurz entschlossen eine knappe Nachricht für Nelli auf einen umliegenden Fetzen Papier. Wenn alles glatt ging, würden sie ohnehin schnell wieder zurück sein.

    Auf leisen Sohlen verließ sie das Zimmer, huschte zurück in die Küche und musste feststellen, dass Kiste und Buch nicht mehr dort waren.

    Edmund hielt sich bereits am Oberdeck auf, der ihr das Notizbuch entgegenhielt und sich selbst die Kiste unter den Arm klemmte, wobei er sie vorsorglich mit einem Tuch etwas abdeckte.

    Das fand Esther gar nicht so unklug. Es könnte immerhin sein, dass einer von Thomas Männern ihnen begegnete und die Truhe erkannte.

    „Wir brauchen einen etwas abgelegenen, möglichst menschenleeren Ort“, sagte sie, als sie den Steg passierten. „Auf den Karten konnte ich nicht wirklich etwas finden, ist dir da vielleicht etwas ins Auge gestochen?“, fragte sie an Edmund gewandt. Er schien, als würde er sie nur widerwillig begleiten und sie war sich beinahe sicher, dass dem so war.

    Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Edmund die Augenbraue hob. „Das ist eine Insel … mit nur einer Stadt drauf. Quasi die Hälfte der Landmasse ist menschenleer und abgelegen.“

    „Also müssen wir nur raus aus der Stadt?“, schlussfolgerte sie wenig geistreich.

    Das sie eventuell die falschen Karten angesehen hatte, behielt sie lieber für sich. Würde man sie allein im Wald aussetzen, wäre sie einfach verloren, das war Fakt.

    „Und darauf bist du ganz allein gekommen?“, fragte er mit einem großen Anteil Sarkasmus in der Stimme.

    Ja, gib noch Salz in die Wunde …

    Sie ging nicht weiter darauf ein. Nach einer Weile des Schweigens sprach sie blindlinks eine Frau und einen Herren an, die mit einem Karren unterwegs waren, die sie freundlicherweise mitfahren ließen.

    Edmund folgte stur und stumm, was Esther genauso still hinnahm.

    Insgeheim hoffte sie, dass er einfach nur zu müde war. Und sie nicht nur des Pflichtbewusstseins wegen begleitete oder für was auch immer.


    Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sie die Leute darum bat, anzuhalten. Mit wenigen Worten bedankte sie sich bei ihnen und wünschte eine gute Reise. Das Übliche eben. Und sie hoffte, dass es denen egal war, was sie und Edmund an diesem gottverlassenen Ort mit nichts anderem als einer Truhe unter dem Arm wollten.

    Nachdem der Karren außer Sichtweite war, trat sie auf die von Bäumen umsäumte Wiese hinaus. Dieses Mal hatte sie die Kiste gleich selber getragen, genauso wie das Buch.

    Letzteres drückte sie Edmund in die Hand, der ihr mit mürrischer Miene gefolgt war.

    Esther zog ihren Zauberstab und streckte ihn vor. „Tut mir leid …“, murmelte sie.

    Auf ihren Befehl hin, breitete sich die blau schillernde Energiebarriere sofort aus und zwang den Händlersohn auf Abstand. Schritt für Schritt musste er sich von ihr entfernen. „Ist das dein Ernst?“, fauchte er genervt und ließ sich bockig auf den Boden fallen.

    Ohne eine weitere Erklärung wandte sie sich der Kiste zu. Ihr Herz schlug vor Aufregung. Wenn sie versagte, waren die Mühen der Anderen umsonst gewesen.

    Denke nicht zu viel darüber nach!

    Mit dem auf die Kiste gerichteten Zauberstab murmelte sie die fremdsprachige Formel.

    Zunächst geschah einen Atemzug lang nichts, dann aber hörte sie ein leises Klacken, ein Rattern und wieder ein Klacken. Als würden sich im Inneren kleine Zahnräder bewegen. Erneut klackte es.

    Neugierig trat sie näher heran, ging in die Hocke und war erstaunt, als sich der Deckel öffnen ließ.

    Sollte es tatsächlich so einfach gewesen sein?

    Als hätte man ihre Frage gehört, schoss etwas in die Höhe und schwirrte wie eine Fliege vor ihrem Gesicht herum. Da war es wieder, das Klacken.

    Und dann vermehrten sich die metallenen Fliegen in atemberaubender Geschwindigkeit.

    Irritiert erhob Esther sich und bevor sie begriff, was da vor sich ging, wurden aus den kleinen Tierchen, hunderte, zeigefingerlange Stacheln.

    Einen Lidschlag später rasten sie auf Esther nieder.

    „Esther!“, schrie Edmund. „Lass mich rein!“

    Weil du auch so viel ausrichten kannst …

    Konzentriere dich, du darfst dich jetzt nicht ablenken lassen.

    Sie reagierte instinktiv und errichtete neben ihrem Energieschild einen weiteren, der aus den tausenden Kieselsteinen in ihrer Nähe bestand. Sofort spürte sie, wie beide Barrieren ihren Tribut forderten, aber auf keinen Fall wollte sie Edmund in Gefahr bringen. Wer wusste schon, was diese Viecher anrichteten.

    Die Steine umwölbten sie wie eine schützende Mauer und sie hörte, wie die Fliegen klappernd dagegen flogen, andere sirrten allerdings daran vorbei und befielen sie hinterrücks.

    Aber da sie damit gerechnet hatte, verformte sie ihre Steinbarriere, sodass nun auch ihre Rückseite geschützt war.

    Wieder hörte sie Edmund ihren Namen schreien.

    Fokussiert darauf, sich die Biester vom Hals zu halten, bemerkte sie fast gar nicht, wie schnell ihre Kraft schwand.

    Hatte die Entsiegelung so viel Magie gekostet? Verdammt!

    Sie musste sich beeilen.

    Auf ihren magischen Befehl hin, fielen die Kieselsteine zu Boden, und sie erschuf eine zweite Energiebarriere.

    Blitzschnell weitete sie diese aus und presste sie mitsamt der manipulierten Mücken gegen ihren äußeren Schild. Nach und nach zerplatzten sie dort, übrig blieb nur weißer Rauch.

    Erschöpft ließ Esther sich auf die Knie fallen, ihre Schilde lösten sich auf und kurz verschwamm die Welt vor ihren Augen.

    Bis sie ein Klicken hörte.

    Wie kann das sein?

    Obwohl sie keine Kraft mehr besaß, sprang sie auf, doch es war viel zu spät.

    Schmerzen schossen urplötzlich durch ihre linke Schulter. Sie stolperte zurück und keuchte auf. Der Schock erstickte ihren Schrei. Wie paralysiert fasste sie sich an die blutende Wunde.

    „Esther!“, rief Edmund erneut. Dieses Mal war seine Stimme deutlich näher. Sie spürte, wie er sie von hinten stützte und ihr half, sich zu setzen. Obwohl sie mehr als dankbar für seine Hilfe war, ließ sie sich dennoch widerwillig in seine Arme gleiten

    „Die Kiste“, presste sie zwischen den Zähnen hervor. „Ist das Fernrohr drin?“

    „Du bist verletzt“, überging er damit ihre Frage und begann, am Stoff ihrer linken Schulter zu zupfen.

    Sie zog vor Schmerz die Luft ein, gab sich aber Mühe, sich nicht allzu viel anmerken zu lassen. Sicherlich war es nicht angenehm, aber auszuhalten. „Das ist halb so wild“, meinte sie und versuchte erfolglos, seine Hand beiseite zu wischen. „Und was machst du da überhaupt?“

    „Mir die Wunde anschauen.“ Sie konnte hören, wie seine Zähne mahlten. „Auch, wenn ich darüber nachdenke, nochmal nachzutreten.“

    Esther wandte sich zu ihm um, aber er war so auf die Wunde fixiert, dass er ihr nicht ins Gesicht sah. „Wieso nachtreten? Es ist doch alles gut gelaufen. Die Kiste ist offen.“

    Der Ausdruck in Edmunds Miene veränderte sich. „Die Kiste ist doch gerade völlig egal, oder?“, fuhr er sie sauer an.

    Hätte sie nicht noch halb in seinen Armen gehangen, wäre sie vermutlich aufgesprungen und hätte etwas Abstand genommen. So aber blieb ihr nichts anderes übrig, als in dieser Position zu verharren. „Warum bist du so wütend? Wegen der Kiste sind wir hierhergekommen und meine Wunde werde ich auch überleben.“ Sie verstand es nicht. Müsste er nicht eigentlich froh darüber sein, dass sie es geschafft hatte und er obendrein unverletzt aus der Sache herausgekommen war?

    „Warum ich wütend bin?“, brummte er, ohne den Kopf zu heben. Er drückte auf der Wunde herum, was Esther mit zusammengepressten Lippen über sich ergehen ließ. Es fehlte noch, dass sie jetzt anfing, zu flennen. „Ich habe nichts gegen deinen blöden Schild gesagt, als du angefangen hast. Aber es stört mich gewaltig, wenn ich wie ein Idiot am Rand stehen und dabei zuschauen muss, wie du verletzt wirst, ohne irgendwas ausrichten zu können!“ Kurzerhand rupfte er etwas von seinem Hemd ab. „Und jetzt lass die Kiste erstmal Kiste sein und mich das wenigstens verbinden.“

    Für einen Moment war sie so sprachlos, dass sie zunächst gar nicht bemerkte, wie Edmund begann, die Stoffbahn um ihre Schulter zu wickeln.

    War ihm überhaupt klar, dass er rein gar nichts hätte tun können, um das zu verhindern? Aber vielleicht ging es ihm auch nicht unbedingt darum. So oder so. Es war nicht ihre Absicht gewesen, ihn in eine solche Lage zu bringen.

    „Tut mir leid“, murmelte sie betroffen. „Ich tat es nicht, um dich zu bevormunden, sondern nur zu deinem Schutz.“ Nun konnte sie sich einen Schmerzenslaut nicht verkneifen, als Edmund den Stoff zuzog. Ob er absichtlich rabiater als notwendig vorging, wusste sie nicht. Aber das hatte wehgetan.

    „Ich weiß. Aber Freunde beschützen sich gegenseitig.“ Er rutschte etwas von ihr weg, besah sich sein Werk und nickte zufrieden. Schließlich erhob er sich grinsend und lehnte sich so weit vor, bis ihre Gesichter nahe beieinander waren. „Auch, wenn es mir natürlich Freude bereitet, dir so nahe zu sein und dich zu versorgen.“ Sein Grinsen wurde breiter und sie hörte deutlich den Schalk in seiner Stimme. „Noch einen Kuss gegen die Schmerzen?“

    Gegen ihren Willen schoss ihr die Röte ins Gesicht und ihre Wangen wurden warm. Wieso auch immer sie so reagierte. Für so eine Frechheit hätte man Edmund in der Grafschaft des Hauses verwiesen. Und die gestellten Komplimente der feinen Gesellschaft prallten ebenso von ihr ab wie die fliegenden Käfer vorhin an ihrer Mauer. Warum also gelang es Edmund beinahe jedes Mal, sie in Verlegenheit zu bringen?

    Sie legte den Kopf schief. „Ich werde es überleben“, gab sie mit Nachdruck zurück, mühte sich auf die Beine und brachte ein Lächeln zustande. Den Zauberstab verstaute sie wieder in ihrer Tasche und deutete mit der rechten Hand auf ihre verbundene Schulter. „Danke dafür. Wie es aussieht, schulde ich dir ein neues Hemd.“

    Wider Erwarten zuckte er nur die Schultern „Ist nur ein Hemd“, meinte er beinahe abfällig und runzelte dann überrascht die Stirn. „Wow, kam das von mir?“ Er wandte sich der Kiste zu und stupste sie mit dem Fuß an, bevor er sich runterbeugte.

    „Sieht aus wie ein Fernrohr“, bemerkte Esther trocken, als sie zu ihm aufgeschlossen war. „Aber ist es auch DAS Fernrohr?“

    Vorsichtig nahm Edmund den Gegenstand an sich, wendete es mehrmals, um es von allen Seiten zu betrachten. Dann machte er Anstalten, hindurchgucken zu wollen, legte es allerdings wieder zurück. „Ja, ist meins …“

    Kurz wunderte sie sich darüber, dass er es nicht getestet hatte, aber dann erinnerte sie sich daran, was er über die Fähigkeit dieses Gegenstandes sagte.

    „Beim Magierkodex!“, rief sie triumphierend aus. „Endlich hat mal etwas geklappt!“

    „Aber das ist nicht meins“, gab Edmund plötzlich von sich und nahm einen weiteren Gegenstand aus der Truhe, hielt ihn in die Höhe und musterte ihn ebenso wie das Fernrohr.

    „Das sieht aus wie ein Horn“, stellte Esther laut fest und nahm es Edmund vorsichtig aus der Hand. Sie holte tief Luft. „Ich glaube, das ist ein weiteres Artefakt. Wenn ich mich nicht täusche, ist es das Horn von Kelton.“

    „Klasse …“, gab Edmund wenig begeistert zurück.

    Und Esther war ehrlicherweise auch nicht überwältigt von diesem Fund.

    Macht Thomas etwa Jagd auf die magischen Relikte?

    Er? Gerade er? War er der Meinung, er könnte sie benutzen?

    Sie legte das Horn zurück in die Kiste. Einerseits weil sie großen Respekt vor diesen unscheinbar wirkenden Gegenständen hatte, andererseits weil ihre Schulte anfing, nervtötend zu pochen und zu schmerzen.

    „Wir sollten zurück“, schlug sie vor, gerade auch, um sich vernünftig versorgen zu lassen. „Bevor Nelli und Trevor sich Sorgen machen.“

    „Ja, gehen wir zurück, bevor sie sich Sorgen machen, dass wir so lange weg sind. Dann können sie sich stattdessen Sorgen machen, weil du verletzt zurückkommst.“

    Was hätte sie darauf antworten sollen? Das beim Entsiegeln der Kiste ein gewisses Risiko mitschwang, dürfte niemanden entgangen sein.

    Aber jetzt mit Edmund zu diskutieren, wollte sie nicht, schon allein, weil ihr die Kraft dazu fehlte. Und wenn sie weiter hier herumstanden, würde er nicht nur die Kiste tragen müssen, sondern auch sie. Und diese Genugtuung gab sie ihm sicher nicht.

  • Die Revenge stach bereits von weitem ins Auge. Zwischen den ganzen Schiffen im Hafen wirkte der Einmaster beinahe verloren. Vor allem, da das Schiff deutlich beschädigter war, als alle anderen und sich Handwerker mit ihren Karren davor stapelten.
    „Ein Monster? Vor der Insel?", vernahm Edmund einen alten Seemann, als sie gerade an diesem vorbeiliefen. Der Mann stand mit einer Gruppe anderer Seeleute zusammen. Mit seiner Pfeife erinnerte er Edmund ein wenig an den Steuermann der Eleftheria. „Das müssen Gerüchte sein. Die Monster trauen sich nicht so weit an die Inseln heran."
    „Jack behauptet, es wäre ein Krake gewesen."
    „Ein Krake?“
    „Ja, einen so großen habe er noch nie gesehen."
    Edmund warf Esther einen knappen Blick zu. Ob das wohl der Krake war, der ihnen auf dem Weg hierher auch schon begegnet war?
    Esthers Blick war deutlich zu entnehmen, dass sie wohl ähnlich dachte.
    Blieb zu hoffen, dass das Vieh blieb, wo es war. Nur was wollte das Ding so nah an den Inseln?
    Weil Esther neben ihm schon wieder schwankte, schob er sie eilig weiter. Er kassierte zwar einen eingeschnappten Blick, aber das war ihm egal. Am Ende klappte dieser Sturschädel noch zusammen und er durfte sie zum Schiff schleifen. Und dann wäre er wieder der Doofe. Er kam sich sowieso schon nutzlos vor. Das Letzte, was er an diesem Tag brauchte, war ein Vortrag der Alten, er hätte besser auf Esther aufpassen sollen. Wie denn, wenn ihm hier niemand etwas zutraute?


    An der Revenge angekommen, sah er sich eilig an Deck um.
    „Peternella“, rief Edmund über das Deck. Die Alte stand wie ein böses Omen hinter Trevor, der den umherlaufenden Handwerkern Anweisungen gab.
    Es war gut zu sehen, dass Trevor wieder fit war. Nur die dicken Verbände an seinen Händen zeugten noch von den Verletzungen. Wirken gleichzeitig aber wie Handschuhe zum Boxen und weckte bei den Handwerkern offenbar Unbehagen
    „Esther braucht deine Hilfe“, setzte Edmund nach, ehe Esther etwas sagen konnte.
    Halt bloß die Klappe und diskutier das gerne mit der Alten, ich bin raus!
    „Ich habe die Wunde notdürftig verbunden und ehe du mich dafür anschreist, ich habe Esther schon zur Sau gemacht. Sie hatte mich ausgesperrt.“
    „Du hast sie verbunden?", fragte Nelli und klang dabei überraschter als es Edmund lieb war. Ihm traute hier aber auch niemand etwas zu! Esther hatte nicht gewollt, dass er mitkam. Dann hatte sie ihn ausgeschlossen . Ihn dann zurechtgewiesen, er könne ihr sowieso nicht helfen. Und nun bekam er auch noch eins auf den Deckel, weil er versucht hatte, ihre Wunde zu versorgen?
    Danke Edmund, dass du mitgekommen bist. Danke Edmund, dass du mich und die Kiste den halben Weg zurückgeschleift hast. Danke Edmund, dass du die Wunde zumindest verbunden hast. Ach kein Problem, das habe ich gerne gemacht.
    Nelli zog eine Augenbraue hoch. „Euch kann man auch keine fünf Augenblicke allein lassen.“ Sie rieb sich über die Nasenwurzel. „Lass mich sehen.“
    Edmund schob Esther in Nellis Richtung.
    „Aber dafür habe ich die Kiste geöffnet“, verkündete Esther stolz, während Nelli ihre Wunde näher betrachtete und an dem Verband herumfummelte. Genervt verdrehte Edmund die Augen.
    „Diese blöde Kiste…“, zischte er und machte auf dem Absatz kehrt. Er würde die Kiste unter Deck abstellen und dann vielleicht Trevor helfen.
    „Ich sollte mir das in Ruhe anschauen.“ Nelli schob Esther mit sanfter Gewalt unter Deck in die Kombüse.
    Edmund stellte dort die Kiste ab und atmete auf.
    Endlich setzen…
    „Welchen Teil von In Ruhe hast du nicht verstanden?“, wandte sich Nelli an ihn als er sich gerade setzen wollte. Sie wies Esther an, sich auf den Tisch zu setzen.
    Ich war zuerst hier ….
    „Werde ich jetzt auch noch aus der Küche geworfen?“, fuhr Edmund die Alte genervt an. War er denn überall überflüssig?
    „Es sei denn zu willst zusehen und lernen...“
    Verwirrt hob Edmund die Augenbrauen. Das ist neu.
    „Ich will eigentlich, dass er geht“, mischte sich Esther ein. Sie sah aus als würde sie sich bereits unwohl fühlen.
    „Du hast kein Mitspracherecht.“ Nelli wedelte mit dem Stückchen Stoff herum, mit dem Edmund zuvor die Wunde verbunden hatte. „Das ist vielleicht eine Lehre, das nächste Mal vorsichtiger zu sein.“
    Was ist gerade passiert? Warum erlaubt Nelli, dass ich ihr zuschaue? Mit dem Gedanken beschäftigt, was in Nelli gefahren war, ließ sich Edmund auf dem Stuhl nieder und hob die Augenbrauen. Es würde sicherlich für das nächste Mal nicht schaden, mehr zu wissen. Bisher hatte er Nelli immerhin nur von weitem über die Schulter geschaut.
    „Sitz da nicht herum, entweder schaust du richtig zu oder gehst!“ Nelli zupfte Esthers Robe von der Schulter und zog dann ihre Utensilien aus den Schränken. „Aber wage es ja nicht, etwas anderes als die Wunde anzuschauen!“
    Das klingt schon eher nach der Alten.
    Edmund grinste. Es war ja nicht so, als wäre wirklich etwas Interessantes zu sehen.
    „Schade, dabei habe ich noch nie so viel nackte Haut bei Esther bewundern dürfen.“ Weiter kam er nicht, da hatte ihm Nelli bereits den Stock auf den Hinterkopf geschlagen.
    „Geschieht dir recht“, nuschelte Esther neben ihm, während Edmund die Schultern zuckte und weiterhin vor sich hin grinste.
    Ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn. Einer der Handwerker stand dort und sah etwas befremdet in den Raum.
    „Da stehen Soldaten und ein Kerl vor dem Schiff, die mit jemandem reden wollen, der hier das Sagen hat.“ Der Mann sah in den Raum.
    „Wo ist denn Trevor?“ , wollte Edmund verwirrt wissen. Eben war der Kerl mit seinen weißen Verbandhandschuhen doch noch an Deck gewesen.
    Der Mann zuckte die Schultern.
    „Toll, wo ist der Kerl, wenn man ihn mal braucht?!“ Edmund sah zu Nelli, doch die zuckte die Schultern.
    Edmund seufzte.
    „Sag ihm, es kommt gleich jemand.“ Er machte eine scheuchende Bewegung mit der Hand und wartete, dass der Mann verschwunden war. Dann wandte er sich erneut an die anderen.
    „Ziehen wir Streichhölzer?“
    „Esther ist verletzt und ich bin damit beschäftigt, eine Verletzte zu versorgen“, meinte Neli mit einem Grinsen. „Und du willst doch keine Frauen vorschicken, oder?“
    Nein, sondern eine Hexe und eine Magierin ... aber klar, dafür ist die Nymphe wieder gut.
    „Was ist, wenn die wegen der Kiste hier sind? Was machen wir jetzt?!“
    „Keine Panik schieben, wäre ein Anfang“, gab Nelli trocken von sich.
    „Danke für den Hinweis“, zischte Edmund. „Versteckt wenigstens die Kiste und deren Inhalt, ich schau mal, was die wollen und wo Trevor steckt.“ Er musste den ehemaligen Piraten schließlich auch noch etwas fragen.

    Als er an Deck kam, hatten die Handwerker in ihrem Tun innegehalten und drei Soldaten standen zwischen ihnen und sahen sich auf dem Schiff um. Und daneben die gedrungene Gestalt des Magiers, dem er bereits in der Nacht begegnet war. Auch bei Licht betrachtet, sah der Kerl nicht besser aus. Im Gegenteil schmeichelte ihm das gar nicht. Der Kerl trug die gleiche Kleidung wie in der Nacht. Die Haare klebten ihm fettig im Gesicht und er wirkte immer noch wie ein Gerippe mit Augenringen. Wie alter Käse, den man unter der Küchenzeile gefunden hatte, nachdem er dort vor hundert Jahren hintergefallen war.
    Zumindest war nun klar, weshalb diese Leute bei ihnen auf dem Schiff waren. Stellte sich nur die Frage, ob sie wussten, dass sie die Kiste hatten oder ob sie diese noch suchten.
    Immerhin steht das Schiff noch nicht in Flammen. Ein gutes Zeichen.
    Am liebsten wäre er einfach auf dem Absatz umgekehrt und wieder zu den anderen zurück. Aber man hatte ihn bereits entdeckt, weshalb er innerlich die Augen verdrehte und ein Lächeln aufsetzte.
    Edmund ist zu nichts zu gebrauchen, aber ihn vor die Füße eines wütenden und bestohlenen Magiers zu werden, das geht!
    „Mir wurde gesagt, Ihr wollt mit jemandem sprechen?“
    Edmund musterte den Magier, der ihn stechend ansah, als bohrte er sich in seinen Geist. Vielleicht tat er das auch.
    Wäre blöd, wenn der Kerl Gedanken lesen kann. Er lächelte ihm zu. Dann wüsste er ja, dass ich ihn für unglaublich hässlich halte.
    „Wie kann ich Euch helfen? Die Legegebühr ist beglichen.“
    „Wir sind nicht wegen der Legegebühr hier. Wir-“
    „-Ich wurde heute Nacht bestohlen!“, fuhr der Magier dem Soldaten über den Mund. Er fixierte Edmund mit einem Blick, der tödlich hätte sein können.
    Der Kerl weiß es, ich bin so tot!
    „Das ist aber ärgerlich.“ Edmund verschränkte die Arme und lächelte unschuldig, während im innerlich das Herz in die Hosentasche sackte. Bleib entspannt! „Ich hoffe, es wurde nichts Wichtiges gestohlen?“
    Der Kerl musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen.
    „Doch. Und ich bestehe darauf, dass ich Euer Schiff durchsuchen kann.“ Er schnippte mit dem Finger und deutete den Wachen an, dass sie anfangen sollten zu suchen. Diese rührten sich jedoch nicht, was Edmund belustigt zur Kenntnis nahm.
    „Ihr glaubt, wir hätten Euch bestohlen? Sollte ich mich beleidigt fühlen?“
    „Routine“, murrte der Wachmann, als er neben ihn trat. Er sah sich um und beobachtete die Handwerker. Insgesamt schien er eher genervt. Nur konnte Edmund nicht einschätzen, ob es an ihm oder Thomas lag. „Wo ward Ihr gestern Abend und heute Nacht?“
    „An Bord“, log Edmund. Er behielt den Wachmann im Auge.
    „Ihr wart also nicht unterwegs? Habt Ihr etwas mitbekommen? Ist Euch im Hafen etwas seltsam vorgekommen?“
    Also wissen sie nichts. Das ließ Edmund aufatmen und an Selbstbewusstsein gewinnen. Oder zumindest glauben die Wachen dem Magier nicht einfach blind.
    „Die letzte Reise war anstrengend, da sind wir alle froh über Schlaf.“ Er lehnte sich mit dem Rücken an die Reling.
    „Wir untersuchen jedes Schiff im Hafen. Ihr habt sicherlich nichts dagegen, wenn wir uns umsehen?“
    Edmund musterte den Mann und die beiden anderen Soldaten.
    „Meinetwegen schaut euch um“, er zuckte gleichgültig die Schultern.
    Die ganze Zeit war Esther mit der Kiste unterwegs gewesen. Und ausgerechnet jetzt tauchten sie hier auf, kurz nachdem sie die Kiste zurückgebracht hatten. Das war definitiv kein Zufall. Wusste dieser Thomas, dass sie ihm die Kiste gestohlen hatten? „Tut mir nur einen Gefallen und belästigt die Handwerker nicht, und die Alte Frau unter Deck besser auch nicht. Der Kapitän schätzt es nicht, wenn man seine Oma aufwühlt.“
    Als ihm der unangenehme Schweißgeruch des Magiers in die Nase stieg, wusste er, dass der Magier neben ihm stand, ohne sich dafür umdrehen zu müssen. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
    Er konnte nur hoffen, dass Nelli Kiste, Buch und Fernrohr schnell versteckt hatte.
    „Das Schiff ist in keinem guten Zustand“, stellte der Wachmann fest.
    Ach was. Gut, dass du es sagst, wäre mir glatt entgangen.
    „Wir sind in einen Sturm geraten.“
    „Was transportiert ihr?“
    „Im Moment nichts mehr. Um nicht zu sinken, mussten wir viel Fracht über Bord werfen.“
    „Die Schäden sind groß. Warum kein neues Schiff kaufen?“
    „Der Kapitän hängt an dem Schiff. Familienerbstück.“
    Der Wachmann nickte und musterte ihn, als suchte er die Lüge in seiner Aussage.
    Edmund lächelte zurück.
    „Ihr kennt diesen Mann?“ Er deutete zu Thomas. Der Magier sah ihn finster an, Edmund unterdrückte den Impuls die Nase hochzuziehen.
    „Leider nicht“, meinte er, dann tat er überrascht. „Müsste ich?“
    Von Thomas erhielt er nur einen stechenden Blick, aber keine Antwort.
    „Und Ihr seid?“ Der Wachmann wandte sich wieder an Edmund.
    „Entschuldigt, ich habe mich nicht vorgestellt. Ich bin Piet“, meinte Edmund. Er hielt es für besser, seinen Namen nicht zu erwähnen. Wenn Thomas wusste, wer er war, dann auch, dass er es war, der das Fernrohr hatte verkaufen sollen. Und damit auch, wer es zurückgestohlen hatte. Dann erklären zu müssen, wer das Eigentum an dem Teil hatte, würde nur nerven, weil alle Nachweise auf der Eleftheria waren. Und diese…wer wusste schon wo. „Ich bin hier nur das Mädchen für alles. Während mein Kapitän in der Stadt neue Matrosen sucht, vertrete ich ihn. Wenn Ihr mehr wissen wollt, müsst Ihr Euch wohl an ihn wenden.“ Er kratzte sich mit dem Finger an der Schläfe. „Er wird nicht begeistert sein, dass nun das Schiff durchsucht wird und damit die Arbeiten aufgehalten werden. Der Kapitän kann manchmal unausstehlich sein.“
    Der Wachmann beobachtete ihn noch einen Moment, dann nickte er und wies seine Leute an, sich zu beeilen. Hoffentlich hatte das gereicht, um Nelli Zeit zu verschaffen. Andernfalls wären sie gleich sowieso tot.
    „Ich weiß, dass die Kiste hier ist“, raunte der Magier neben ihm, sodass ihm dessen Mundgeruch ins Gesicht schlug.
    Ich glaub, ich übergebe mich gleich…
    „Von welcher Kiste redet Ihr, Herr… ähm…Magier?“ Er versuchte unschuldig zu klingen.
    „Ich spüre es!“, ließ sich dieser nicht beirren, „Und wenn ich herausfinde, dass ihr gestern bei mir eingebrochen seid, dann werde ich euch alle beseitigen.“
    Thomas starrte ihm in die Augen, als würde er dort etwas suchen. Edmund gab sich Mühe zurückzuschauen. Was ihm allerdings deutlich schwerer fiel.
    Du glaubst nicht wie gerne ich dich über Bord werfen will. Ein Degen zwischen die Rippen.
    Ob er dann für ein Fischsterben vor der Insel verantwortlich wäre? Müll gehörte ja nicht ins Meer.
    Das Risiko gehe ich ein.
    „Das ist aber nicht nett, auf fremder Leute Schiffe gehen und sie bedrohen.“ Edmund zwang sich zu einer ruhigen Stimme. „Aber wahrscheinlich verständlich. Ich wäre auch sauer, wenn man meine Sachen stiehlt und würde alles tun, um sie zurück zu bekommen.“ Er musterte ihn. „Vermutlich bedeutet euch diese…Kiste - (?) sagtet Ihr - viel, wenn Ihr dafür so weit geht. Ein Geschenk für Eure Frau? Wartet sie auf Eure Rückkehr?“ Das Einzige, was da wartet, ist das Badewasser. Und das schon seit Jahren. Vergeblich. „Ich wünschte wirklich, ich könnte Euch weiterhelfen, aber ich fürchte, bei uns werdet Ihr nicht finden, was Ihr sucht.“ Das hoffte er zumindest.  
    Vorsichtshalber schob Edmund die Hand in die Hosentaschen, ehe er doch noch auf die Idee kam, den Kerl an den dürren Schultern zu packen und über Bord zu werfen.
    Thomas musterte ihn. „Ratte.“
    Er weiß es genau …
    Edmund wog den Kopf, dann grinste er den anderen an und tat als hätte er ihn nicht gehört. Stattdessen setzte er sich auf die Reling. Hauptsächlich, um seine Nervosität zu verbergen.
    Ablenken!
    „Ihr habt eine lange Reise hinter Euch, oder? Was macht ein Magier so weit weg der Heimat?“
    Thomas antwortete ihm nicht, sah ihn einfach nur an. Edmund blickte zurück, geduldig, obwohl er nicht mit einer Antwort rechnete.
    „Forschung.“
    Er lächelte. Etwas daran, wie der Kerl das sagte, bereitete ihm eine Gänsehaut. Er konnte es nicht benennen, aber er kam sich seltsam beobachtet vor. Wie ein Fisch im Netz.
    „Macht Ihr Magier das nicht eigentlich vom Schreibtisch aus?“
    „Manche Erkenntnisse trifft man nur, wenn man sich selbst ein Bild macht.“
    Aber allein in einer Kammer, könntest du anderen ersparen, sich ein Bild von dir zu machen.
    „Das stimmt wohl“, Edmund hoffte inständig, dass das Gespräch bald beendet war. Er konnte nicht sagen, was im Kopf dieses Mannes vor sich ging. „Dann seid Ihr also Forscher.“ Er tat interessiert. „Meeresforschung?“
    „Kulturen.“
    Ich merk schon, du bist gesprächig.
    „Also Menschen?“
    „Unter anderem, aber vor allem Artefakte.“ Thomas starrte ihn an, als wollte er seine Reaktion testen, doch Edmund liest sich nichts anmerken und hob nur interessiert die Augenbrauen. „So ein Artefakt, wie mir heute Nacht gestohlen wurde“, setzte Thomas nach. Er blickte über das Schiff und stierte zwei Handwerker in Grund und Boden, die daraufhin eilig verschwanden. Edmund nahm es ihnen nicht übel. Er hätte sich auch gerne aus der Dunstwolke dieses Widerlings verzogen.
    „Dann ist es also sehr wertvoll?“
    „Ja.“
    Der Wachmann kam mit ein paar Gegenständen und Büchern zurück an Deck. Auf den ersten Blick erkannte Edmund, dass es sich dabei weder um die Kiste noch um das gestohlene Buch handelte. Er versuchte sich seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen.
    „Gehört etwas davon Euch?“ Der Wachmann hielt ihnen die Gegenstände entgegen.
    Thomas besah sich die Bücher und die Kiste. Und schüttelte dann den Kopf. Als er sich zu Edmund wandte, loderte etwas in seinem Blick, das er nicht benennen konnte, was ihm aber durch Mark und Bein ging. Fakt war, wenn der Kerl ernst machte, konnte Edmund ihm nichts entgegen setzen. Und Trevor vermutlich ebenso wenig. Im Moment war nicht einmal Esther in der Lage, etwas gegen den Mann auszurichten.
    „Das Schiff ist sauber. Keine Kiste, wie Ihr sie beschrieben habt und das sind die einzigen Bücher.“
    „Das kann nicht sein!“, schimpfte Thomas. „Ich will mich selbst überzeugen!“
    In Ordnung, verschwinde vom Schiff, Magier!
    „Und ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr nun gehen würdet“, versetzte Edmund. „Mein Kapitän wird vermutlich bald wieder da sein und wenn wir dann alle herumstehen und Löcher in die Planken stehen, wird er sauer.“ Er grinste den Wachmann an. „Falls noch etwas ist, liegen wir noch ein paar Tage im Hafen. Eilig haben wir es nicht.“
    Thomas sah aus, als wollte er noch etwas sagen. Die beiden anderen Soldaten verließen aber bereits das Schiff.
    „Hier ist nichts. Nur eine alte Frau unter Deck, eine Menge Handwerker und ein leerer Lagerraum.“ Der Soldat trat ebenfalls an Edmund vorbei.
    Auffordernd hob Edmund die Augenbrauen und wies mit der Hand die Planke hinab, als sich Thomas nicht bewegte.
    „Ich will Euch ja nicht drängen, aber es liegen noch andere Schiffe im Hafen. Ich wünsche Euch viel Erfolg bei der Suche. Ihr wisst ja, wo Ihr uns findet.“
    „Irgendwas stimmt nicht“, gab Thomas von sich. „Die Kiste ist hier. Das spüre ich. Und ich werde sie finden.“
    „Ist das eine Drohung?“ Edmund behielt sein Lächeln bei, fixierte den Magier aber streng. Dieser starrte zurück. „Dann lasst Euch meinerseits gesagt sein, dass ich es überhaupt nicht leiden kann, wenn man grundlos meine Freunde bedroht.“
    Thomas blickte ihn noch eine Weile an, nur kurz zuckte sein Gesicht, dann wandte er sich ab und verließ wortlos das Schiff.
    Vollkommen leere Drohungen aussprechen? Kann ich! Was sollte er schon machen, wenn der Magier wirklich ernst machte? Schreiend davonlaufen? Mit einem Messerchen auf ihn zielen?
    Blieb die Frage, warum Thomas nicht ernst macht? Weil es zu viele Zeugen gab? Dann hieß das, er würde in der Nacht wiederkommen, oder?
    „Das war knapp.“ Trevor tauchte neben ihm auf und blickte dem Magier ebenfalls nach.
    Ich bezweifle, dass es gut war, was ich gesagt habe. Edmund fuhr sich seufzend über das Gesicht und durch die Haare. „Er weiß, dass die Kiste hier ist. Keine Ahnung wie und warum. Ich bin kein Magier. Aber er weiß es.“
    Verzweifelt sah er Thomas nach. Und er weiß, dass ich auf seinem Schiff war …
    „Wo warst du?“, wandte er sich an Trevor.
    „Verrate es nicht Nelli“, meinte Trevor, „aber ich habe die Chance genutzt, dass sie nicht mehr hinter mir stand und habe den Handwerkern bei den Segeln geholfen. Und ich habe den Kerl von oben im Auge behalten.“
    Danke für nichts, Käpt'n.
    Edmund verzichtete darauf, seinen Freund darauf hinzuweisen, dass Nelli ihnen beiden dafür den Kopf abreißen würde.
    „Ich verrate nichts.“
    Ich glaube nicht, dass er damit rechnet, dass wir die Kiste öffnen konnten, überlegte er dann in Gedanken. Also sucht er die Kiste, nicht den Inhalt. Ich schlage vor, wir verschaffen uns etwas Zeit, in dem wir ihn eine Karotte jagen lassen.
    Dann wandte er sich an Trevor. Ihn plagte bereits seit Tagen ein Gedanke und nachdem er mit Esther zurückgekommen war, war dieser deutlich präsenter noch. Allerdings verlangte es ihm einiges, endlich über diesen Schatten zu springen. Ein Schatten, der sich bereits seit der Meuterei vor ihm auftat, wie eine Schlucht. Aber wenn sie es nun wirklich mit Thomas zu tun bekamen, dann konnten sie nicht alles Esther überlassen, oder? Er stand oft genug am Rand und konnte nichts machen als zusehen und hohle Drohungen aussprechen.
    „Sag mal, Trevor?“ Nur wie sollte er es ansprechen? „Würdest du…“ Warum war es so schwer, um Hilfe zu bitten? Nervös trat er von einem Bein auf das andere und schob die Hände in die Hosentaschen. „Also ich habe mich gefragt, ob…“ Er stieß die Luft aus. Sprich es einfach aus, was soll passieren: Kannst du mir beibringen, wie man richtig kämpft? Aber was sollte er machen, wenn Trevor ja sagte?
    „Ich kann dir zeigen, wie man sich verteidigt, ja ...“ Edmund sah Trevor überrascht an. Woher wusste er, was er hatte fragen wollen? Im Grunde war er aber froh, dass er es nicht aussprechen musste. „Sag nur wann und wo.“
    „Sobald es dir besser geht?“, murmelte Edmund noch etwas überfordert.
    Trevor schaute seine Hände an. „Zeigen kann ich es dir auch jetzt schon.“
    War er mittlerweile über die Meuterei hinweg? War er bereit, wieder eine Waffe gegen einen anderen Menschen zu erheben?
    „Jetzt? Ja. Also ich denke, ich bin zu müde und du bist ja auch noch verletzt, und ja, die Handwerker brauchen ja auch ... ähm...Hilfe und i-ich sollte mich erstmal um die Kiste kümmern.“ Er nickte seiner eigenen Aussage zu. „Ja, genau…ähm, vielleicht morgen früh. Wenn wir da noch leben.“
    „Aye“, meinte Trevor und hob die Augenbrauen.
    Edmund nutzte den Moment, um sich aus dem Staub zu machen. Es hatte ihn schon genug Überwindung gekostet, nachzufragen. Auf den Rest musste er sich mental erst vorbereiten.
    In der Küche drückte ihm Nelli breit grinsend ein Buch über Kräuter in die Hände.
    „Bis Seite 100 alles auswendig lernen, Lehrling.
    An welcher Stelle habe ich denn erwähnt, den Lehrling zu spielen?
    „Was?!“
    „Der Verband war gar nicht übel“, meinte sie.
    Ach, jetzt kommt die Alte mit Honig! Jetzt, nachdem ich mein Leben riskiert und wahrscheinlich weggeworfen habe!
    Seine weiteren Beschwerden ignorierte die Alte und verschwand pfeifend aufs Deck. Genervt klemmte sich Edmund das Buch unter den Arm. Er würde sich die Kiste schnappen, den Inhalt Esther zur Verwahrung geben und dann die Kiste irgendwo in der Stadt verstecken. Das verhalf ihnen hoffentlich noch etwas Zeit. Und dann würden sie sich etwas überlegen müssen oder schnell die Insel verlassen.



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -

    • Offizieller Beitrag

    Trevor gefiel der Gedanke gar nicht, dass dieser Magier sie ins Auge gefasst hatte. Er überlegte sich bereits Methoden, diesen Kerl loszuwerden. Das würde bei einem Magier wahrscheinlich nur nicht so leicht werden. Trevors erster Gedanke war, in der Nacht das Schiff abzufackeln … Er lauschte nur beiläufig der Unterhaltung der anderen, wo in der Stadt sie die Kiste verstecken wollten, um Thomas auf eine falsche Fährte zu locken. Denn immer wieder keimte der Gedanke in ihm auf, warum er sich bei der Berührung der Kiste die Hände verbrannt hatte. Bei den anderen war nichts geschehen. Aber es war nicht nur der Schmerz gewesen, ihn war Trevor gewöhnt, sondern, dass er die Kiste hatte nicht loslassen können. Als war sie an ihm festgebunden gewesen. Sie hatte ihn paralysiert, wehrlos gemacht. Dieses Gefühl, was er dabei erfahren musste, hing wie ein dunkler Schleier über ihn. Fühlte sich so wahre Angst an? Ein ähnliches Gefühl überkam ihn, als der Magier an Bord gekommen war. Etwas verengte ihm die Brust, sodass er sich lieber zurückgezogen hatte. Von der Kiste, und Thomas, ging etwas aus, das ihm nicht gefiel. Was dafür sorgte, dass er sich schwach fühlte.
                „Was denkst du, Trevor?“, fragte ihn Nelli, und riss ihn somit aus seinen Gedanken.
                „Was? Soll mir recht sein“, antwortete er und wusste nicht einmal, um was es gerade ging.
                „Also verstecken wir die Kiste irgendwo am anderen Ende der Stadt“, wiederholte Edmund anscheinend.
                „Das wird wohl unsere Aufgabe sein“, fügte Nelli hinzu. „Thomas kennt Esther, und Trevor kann man die Kiste nicht geben.“
                „Das ist leider wahr …“, pflichtete Esther bei.
                „Das heißt aber nicht, dass ich euch nicht begleiten kann“, widersprach Trevor.
                „Du solltest dich noch etwas schonen, Junge. Außerdem sollte jemand die Handwerker im Auge behalten.“
    Also bin ich jetzt nutzlos …
                „Wir sollten keine Zeit verschwenden! Die Kiste muss von Bord!“, hetzte Esther.
                „Wir sollten noch etwas warten. Vielleicht zu Sonnenuntergang. Wer weiß, ob Thomas das Schiff beobachten lässt. Wenn ihr gleich von Bord eilt, nachdem er hier war, wirkt das sehr verdächtig“, nuschelte Trevor nachdenklich, und Edmund stimmte zu.
    Somit beschlossen alle, noch etwas zu warten.
    Trevor begab sich in seine Kajüte, als er Omas Stimme hinter sich hörte.
                „Können wir kurz reden?“, fragte sie und ihr Blick gefiel ihm nicht.
                „Ich werde mich schon nicht überanstrengen …“, setzte Trevor an, wurde aber von Nelli unterbrochen.
                „Darum geht es nicht.“
    Trevor musterte sie und hielt ihr dann die Tür zu seiner Unterkunft auf.
    Nelli schloss die Tür hinter sich und watschelte gestützt von ihrem Stock in den Raum. „Versuch dich, soweit es geht von Magie fernzuhalten.“
    Überrascht hob Trevor seine rechte Braue. „Weil?“, fragte er gedehnt. Nicht, dass er das nicht bereits getan hätte, aber er wollte sich seine Verunsicherung nicht direkt anmerken lassen.
                „Weil du ... empfindlicher als wir anderen darauf reagierst ...", erwiderte Nelli wenig präzise.
                „Ach, tatsächlich …“, meinte Trevor ungewollt sarkastisch und zeigte seine Hände. Es war ihm nicht entgangen, dass Nelli ihm beim Diebstahl die Sachen nicht in die Hand geben wollte. Also, musste sie mehr darüber wissen, als sie gerade preisgab. „Was weißt du darüber?“, forderte er zu wissen.
    Sie ließ sich auf sein Bett sinken und klopfte auf den Platz neben sich. „Setz dich, Junge, das wird eine längere Geschichte …“
    Trevor setzte sich, und Nelli atmete tief durch.
    Das, was sie ihm begann zu erklären, war … seltsam. Nelli fragte ihn zunächst, was er über die Formwandler wüsste. Das war – abgesehen von den Kräften und dem, was seine Mutter ihm erzählt hatte – nicht viel. Sie lebten irgendwo abgeschieden, es gab nur männliche Formwandler … Da unterbrach ihn Nelli. Ob er sich noch nie gefragt hatte, warum es nur Männer gab, die sich verwandeln konnten. Tatsächlich hatte sich Trevor das mal als junger Mann gefragt, aber warum über Sachen Gedanken machen, auf die niemand eine Antwort zu haben schien?
    Nelli fiel mit der Tür in die Kajüte und meinte, dass Formwandler keine eigene Rasse waren. Nicht wie Menschen, Nymphen oder Magier.
    Trevor wollte sie unterbrechen, aber sie fuhr ihm über den Mund und erzählte gleichauf weiter. Nämlich, dass sie gemacht worden waren. Dass Magier ihre Macht genutzt hatten, um Krieger zu erschaffen, die ihnen dienten. Anfangs aus Leichen, danach benutzten sie verletzte Krieger und irgendwann nahmen sie auch Freiwillige. Sie bastelten sich ihre eigenen Assassinen und jene mit Fähigkeiten, die von großen Nutzen waren.
    Wie meine Stärke und die Fähigkeit, mein Aussehen zu verändern …
    Der Unterschied zwischen den Assassinen aus Leichenteilen und den Freiwilligen war jedoch, dass die lebenden Versuchsobjekte sich fortpflanzen konnten – wodurch Männer wie Trevor entstanden.
    Allerdings erschufen die Magier beziehungsweise – Nekromanten – wie sie Nelli nannte, ihre Schöpfungen so, dass sie sich niemals gegen ihre Herren erheben konnten. Sie schwächten sie für Magie und machten sie anfällig für allerhand Bannzauber.
    Deswegen meine Verletzungen …
    Das hielt die Formwandler vor etlichen Jahrhunderten aber nicht davon ab, das Weite zu suchen und sich bedeckt zu halten.
    Trevor versuchte, das alles zu verstehen. Er sortierte Nellis Erzählung in seinen Gedanken. Er und seinesgleichen waren also tatsächlich geborene Soldaten. Zumindest das stimmte. Er wurde geboren, wahrscheinlich schockierten ihn deshalb die neuen Erkenntnisse nur wenig.
                „Das ist wirklich … interessant …“, murmelte Trevor abwesend. „Deswegen kannst du Nekromanten nicht leiden, oder?“
    Jetzt hätte Trevor gerne Agatha ausgefragt, aber jene hatte sich bereits verdünnisiert. Ob sie mehr darüber gewusst hätte? Vermutlich nicht, sonst hätte sie nicht so fasziniert von ihm getan.
    Nelli nickte. „Ihre Versuche an jedem Lebewesen sind widerwärtig. Menschen so zu misshandeln ... Niemand sollte sich derart in die Natur einmischen.“
    Trevor verstand, dass sein Unbehagen gegenüber Thomas dann wohl keinen natürlichen Ursprung hatte, sondern irgendwie gemacht war. Vielleicht ähnlich wie bei der Kiste. Ein Zauber, der ihm Wesen wie Trevor vom Leib hielten.
    Trevor gestand Nelli, sich bei Thomas absichtlich verzogen zu haben, da ihm geradezu die Luft weggeblieben war.
                „Dann ist Thomas gefährlicher als wir glauben“, murmelte Nelli und fuhr sich über ihr Gesicht.
                „Stelle ich denn eine Gefahr da?“, wollte Trevor wissen und verzog ernst sein Gesicht. „Wenn Thomas fähig ist, mich zur Flucht zu bewegen, was, wenn er Leute wie mich auch anders manipulieren kann?“
                „Es ging eher darum, sich selbst zu schützen. Ich glaube nicht, dass er dich derart manipulieren kann, aber zur Sicherheit solltest du ihm vielleicht eher aus dem Weg gehen ...“
    Großartig, das heißt, ich bin absolut nutzlos gegen diesen Mann …
                „Wir sollten es vielleicht den anderen sagen, damit sie Bescheid wissen. Wenn etwas passiert, sollte zumindest Esther mich … bannen können.“
    Oder töten!
    Nelli nickte langsam. „Ich fürchte keiner von uns ist ihm gewachsen. Das Sinnvollste, was wir machen könnten, wäre verschwinden.“

    „Aye“, pflichtete Trevor Nelli zu und begann, die Verbände von seinen Händen zu lösen.
    Nelli half ihm und löste die letzten Verbände. „Ah, das sieht schon besser aus“, sagte sie.
    Die Haut an seinen Händen war noch rosa, aber es waren keine offenen Wunden mehr zu sehen.
                „Selbst wenn nicht, habe ich mich genug ausgeruht. Wir sollten die Kiste verschwinden lassen und das Schiff seetauglich bekommen.“
                „Du nützt verletzt aber auch nichts. Sonst machst Du es nur schlimmer“, brummte Nelli widerwillig.
                „Ich habe schon schlimmeres überstanden …“ Trevor erhob sich und seufzte. „Wir sollten die beiden anderen zusammentrommeln.“ Gerade, als Trevor die Tür öffnen wollte, hielt er noch einmal inne. „Wie lange wusstest du das alles eigentlich?“
                „Grundsätzlich schon sehr lange. Ich dachte nur bei dir wäre es nicht so stark ausgeprägt. Oder eher hatte ich es gehofft“, gab Nelli leise zu, was Trevor ein verstehendes Nicken entlockte, bevor er seinen Kiefer aufeinanderpresste.
    Er schickte Nelli vor, die anderen zu holen. Er brauchte einen Moment, um das alles nochmal zu überdenken. Seine Rasse, nein er und seinesgleichen, waren also gemacht worden ...
    Diener, Krieger, Soldaten … er musste zugeben, dass das einiges erklärte. Vor allem den Hang zum Töten, den er vor einiger Zeit an sich akzeptiert hatte. Es war bei ihm und allen anderen Formwandler vermutlich verankert. Nur, dass Trevor die Freiheit besaß, selbst zu entscheiden, wen er beschützen wollte. Trotzdem besaß er anscheinend nicht nur Stärken, sondern auch schwerwiegende Schwächen. Obwohl er wie jeder andere Mensch geboren worden war, überdauerte die Empfindlichkeit gegenüber Magie. Er war nicht scharf darauf, herauszufinden, welche Absicherungen sich die Nekromanten noch hatten einfallen lassen, damit Formwandler sie nicht angreifen würden.

    Nachdem alle zusammensaßen, erklärte Trevor, was mit ihm und der Kiste los war. Und, dass er anscheinend gegen Magie machtlos war. Edmund schwieg zunächst, während Esther offen ihre Bedenken äußerte, ihn verletzen zu können. Zudem bekundete sie, wie widerwärtig auch sie das Vorgehen der Nekromanten fand.
                „Ja, ich habe verstanden, dass Formwandler Kreaturen wider die Natur sind …“, murmelte Trevor leise monoton und rieb sich über sein Gesicht.
                „In allererster Linie bist du ein Teil dieser Gruppe. Und in zweiter Linie ein Opfer“, widersprach Nelli und verdrehte die Augen. „Selbstmitleid hat noch niemandem geholfen, Bursche.“
    Trevor horchte auf. „Ich bemitleide mich nicht! Und ein Opfer bin ich auch nicht“, entgegnete er entsetzt. „Aber, was die Nekromanten tun, haben wir alle verstanden. Und vielleicht tun sie es immer noch … Wer weiß … Nichtsdestotrotz sehen unsere Chancen gegen Thomas schwindend gering aus. Außer, Esther hat genauso mächtige Zauber im Peto!“
    Esther dachte nach. „Thomas und ich sind zwei völlig unterschiedliche Magier. Ich bin eine Beschützerin, während er ein Zerstörer ist. Diese Magier sind dafür ausgebildet worden, solche wie mich niederzustrecken. Deswegen bin ich eher dafür, dass wir uns so schnell wie möglich aus dem Staub machen.“
    „Vielleicht solltest du dir etwas von der anderen Art aneignen?“, schlug Trevor vor. „So für die Zukunft?“
    Esther zuckte mit ihren Schultern. „Ich gebe mein Bestes.“
    Alle waren sich einig, dass sie sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen sollten.
                „Wenn wir nur Zeit schinden könnten …“, murmelte Edmund. „Das Schiff ist niemals so schnell fertig, wie dieser klebrige Kerl die Kiste gefunden hat …“
    Esther überlegte. Zuerst druckste sie herum, aber dann schlug sie vor, dass man Thomas noch mehr in die Irre führen könnte, wenn sie den Zauber dupliziert, der sich auf der Kiste befand.
    Edmund grinste verschlagen. „So können wir eine Kiste ins Landesinnere versenden, die andere auf ein Schiff, das den Hafen verlässt …“
                „Genau!“, stimmte Esther zu.
    Für Trevor und Nelli klang das nach einem sehr guten Plan.
    Also machte sich Esther daran, ein Duplikat des Zaubers herzustellen.
    Edmund schlug ein Stück Seife als Medium vor, was trotz der heiklen Lage für ausgiebiges Gelächter sorgte. Genau das Richtige für den Schmierlappen, wie Trevor fand.
                „Seife, das sollte ich hinbekommen!“, meinte Esther und versprach, alsbald mit dem Zauber fertig zu sein. Sie erhob sich und wollte sich gleich ans Werk machen.
                „Aye …“, sagte Trevor gedehnt an Edmund gewandt. „Wie wäre es, wenn wir dann anfangen?“
                „Anfangen? Mit was?“
                „Mit deinem Training?“
                „Training?“, wollte Nelli wissen und grinste schelmisch über beide Wangen.
                „Es kann nie schaden, zu lernen, wie man andere verkloppt“, erklärte Trevor, und Edmund lachte bedächtig.
                „Ich habe keine Ahnung, was du meinst“, dementierte der Händlersohn und presste seine Antwort zwischen seinen Zähnen empor.
    Trevor sah zunächst Edmund, dann Nelli verwundert an. Hätte das ein Geheimnis bleiben sollen?
    Upsi?
                „Naja, jedenfalls gehe ich etwas an den Strand südlich von hier. Wenn ihr mich sucht, wisst ihr, wo ihr mich findet. Ich darf selbst nicht außer Form geraten.“
                „Aber übertreib es nicht. Deine Hände sind noch empfindlich …“, warnte ihn Nelli. „Nicht, dass ich dich danach wieder zusammenflicken darf.“
                „Aye!“
    Trevor erhob und streckte sich. Er überließ es Edmund, ob er ihm folgen und lernen wollte oder nicht. Dem Formwandler war klar, dass Edmund nicht gänzlich ungeübt war, immerhin hatte dieser fechten gelernt. Das war ein guter Ansatz.
    Trevor würde sich beim Training darauf konzentrieren, ihm zu zeigen, wie er Bewegungen seines Gegners dezent voraussehen konnte, um entsprechend reagieren zu können. Meist verriet die Körperhaltung, wohin ein Hieb oder Schlag hingehen würde. Die Bewegungen der Schultern oder des gesamten Oberkörpers. Das hatte Trevor schmerzlich in der Praxis erfahren müssen. Er wollte Edmund ein wenig unter die Arme greifen, bevor ihm ein Messer in der Schulter steckte. Wobei er zugeben musste, dass Edmund ob seiner Statur sehr gut Schmerzen aushalten konnte – besser gar als Trevor selbst. Viel Einstecken zu können, konnte in einem Kampf ebenso hilfreich sein, wie austeilen zu können.

    Nachdem Trevor am Strand angekommen war, fing er an, Klimmzüge zu machen, was er aber schnell aufgab. Er spürte jede Faser des Holzes an seinen Händen; das war nicht angenehm.
    Wie zarte Mädchenhände, großartig …
    Doch kaum widmete er sich dem einfachen Gewichte heben, da erschien am anderen Ende des Strandes eine Silhouette.