Schreibwettbewerb Februar/März 2014 - Voting & Siegerehrung

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    • Schreibwettbewerb Februar/März 2014 - Voting & Siegerehrung

      Welche Geschichte hat euch am Besten gefallen? 16
      1.  
        Schenk mir dein Licht (6) 38%
      2.  
        Die falsche Seite der Furcht (3) 19%
      3.  
        Hetzjagd (3) 19%
      4.  
        Die Erzählung (2) 13%
      5.  
        Endlos (1) 6%
      6.  
        Giftauge (1) 6%
      Hallo zusammen!

      Endlich gibt es wieder was zu voten! Und zwar beim großen Schreibwettbewerb Februar/März 2014.

      Folgendes Thema wurde von unserer letzten Gewinnerin Sabrina vorgegeben:

      -> Auf der Flucht <-

      Die Geschichten werden willkürlich nach Datum ihres Eintreffens gepostet. So steht ihr im Bezug darauf wer welche Geschichte geschrieben hat völlig im Dunkeln. ;)

      ACHTUNG: Beim Voten ist man nicht anonym. Somit wird Schummeln ausgeschlossen. Zudem dürfen einmal abgegebene Stimmen nicht mehr verändert werden. Bedenkt das bitte bei eurer Stimmenabgabe!

      Das Voting dauert bis 31. März 2014 um 00:00 Uhr.

      Viel Spass beim Lesen! :)
    • Schenk mir dein Licht
      by Hikari

      Es war kalt. Es war nass und kalt in den unterirdischen Gängen. Schneller, immer schneller lief sie.
      Ihr Atem ging rau und stoßweise. Mittlerweile wusste sie nicht mal mehr wie spät es war, so lange war sie schon hier unten in den Gängen verloren. Verloren und auf der Flucht vor Ihm. Sie wusste kaum etwas über Ihn. Er war eine Gefahr, eine große Gefahr und wenn Er sie erwischte, würde Er schreckliches mit ihr anstellen. Sie war allein mit Ihm, seine einzige Beute. Das wenige blasse Licht, welches ihr Körper oder besser ihre elfenbeinfarbene Haut ausstrahlte, war gerade genug, um einen Radius von einem Meter um sie herum leicht zu erhellen. Ihre silbernen, langen Haare schlugen immer wieder in ihr Gesicht. Am liebsten hätte sie ihre Haare zurück gebunden, doch außer dem hauchdünnen, weißen Kleid und einem Medaillon um ihren Hals trug sie nichts bei sich. Die Panik in ihr wurde immer größer. Ihre Gedanken schweiften ab und bei der nächsten Kurve lehnte sie sich etwas zu tief hinein. Noch ehe sie sich irgendwo festhalten konnte, rutschte sie aus und krachte gegen die gegenüberliegende Wand. Sie war es leid, so leid. Tränen traten in ihre Augen, als sie hinab sank, doch nicht nur wegen der Schmerzen. Nach all der Zeit allein hier unten übermannten sie jetzt Angst und Panik und Hoffnungslosigkeit befiel ihr Herz. Sie konnte nicht mehr und fing bitterlich an zu weinen. Ihr Körper zitterte vor Anstrengung und das Leuchten ihrer Haut ließ auch langsam nach. Nach kurzer Zeit hatte Dunkelheit sie umfangen. Zusammengekauert wartete sie nun, dass ihre Kraft zurückkehrte.

      „Ist sie das? Ist das Amanda?“
      „Ich glaube schon, aber wie können wir uns sicher sein?“
      „Sie müsste das Medaillon tragen. Hat sie es bei sich? Lass uns suchen!“
      *schnupper, schleck*
      „Tatsächlich, sie ist es!“
      „Weck sie nicht. Er ist schon unterwegs.“
      „Die Dunkelheit wird ihr nicht helfen. Sie ist verloren. Das war sie schon die ganze Zeit.“
      „Nein! Die Dunkelheit wird sie schützen, wenigstens für den Moment.“
      „Was soll sie schon tun? Arme Amanda. Armes Lichtwesen. Wir könnten sie doch von ihrem leiden erlösen ...“
      „Hungriges Monster! Rühr sie nicht an! Es ist ihr Licht!“
      *knurr*
      „Bald nicht mehr. Bald ist es des Meisters Licht. Bald ist es seines.“
      *lach*

      Amanda schreckte auf, als sie Schritte hörte. Um sie herum war es stockfinster, dann sah sie ein seltsames Licht auf sich zukommen. Wieder erfasste sie Panik. Amanda quälte sich auf, wäre jedoch ohne die Wand im Rücken wieder zu Boden gestürzt. Ihr wurde kläglich bewusst, dass sie viel zu schwach war, um weiter zu fliehen. Die Schritte kamen immer näher und mit jedem Geräusch wuchs ihre Angst. Amanda trat ein Stückchen an der Wand entlang, darauf bedacht, so wenig Geräusche wie möglich zu machen. Noch schien Er sie nicht entdeckt zu haben. Plötzlich spürte sie ein Ziehen und dann stechende Schmerzen in ihrem linken, nackten Fuß. Als Amanda ihn vorsichtig untersuchte, entdeckte sie fühlend eine Wunde, die bei ihrem Glück natürlich sofort zu brennen begann. „Scheiße!“, fluchte Amanda leise. Abrupt verstummten die Schritte, aber nur, um sich wenige Sekunden später wieder in Bewegung zu setzen.
      Schneller als vorher.
      Amanda humpelte weiter so gut sie konnte, allerdings beschleunigten die Schritte jetzt auch noch mehr. Nach wenigen Metern stürzte sie jedoch wieder zu Boden. Amanda stöhnte auf, als Schmerzen durch ihre Glieder zuckten. Die Kälte der nassen Steine fraß sich unaufhaltsam durch den warmen Schutz, welchen das Medaillon ihr darbot. Sie war so erschöpft. Der Instinkt drängte sie, trotz der Schmerzen zu fliehen, doch sie war zu kraftlos. Amanda legte ihre Wange auf den nasskalten Boden. Nun lag der Gang, aus dem die Geräusche kamen, genau in ihrem Sichtfeld, also wartet sie.

      „Ich sagte doch, wir hätten sie erlösen sollen. Aber du hörst ja nie auf mich.“
      „Gib endlich zu, sie ist dir egal! Das, was dich wirklich interessiert, ist eben ihr Licht.“
      „Na und? Ich bin nicht du. Ich muss nicht nett sein.“
      „Es ist einfach jedes Mal dasselbe mit dir!“
      „Ach, sie hatte nie auch nur die geringste Chance. Schade nur, dass der Meister jetzt alles Licht für sich allein bekommt.“
      *fauch*
      *lach*

      Amanda sah wie Er auf sie zu kam. Er hatte die Statur eines kräftigen Mannes. Sein Körper jedoch bestand aus einer zähen Schattenmasse. Dort, wo eigentlich seine Augen sein sollten, befanden sich zwei kleine, rot leuchtende Kristalle. Für einen kurzen Augenblick war Amanda fasziniert von
      ihnen. Sie konnte nichts tun als mitten hinein zu starren. Da fiel ihr etwas auf. Er trug doch auch nichts bei sich. Er war die Dunkelheit in Person. Wie konnte es sein, dass ausgerechnet Er Licht ausstrahlte?
      War Er etwa … wie sie? Ein Frösteln durchfuhr sie. Je näher Er kam desto angespannter wurde sie.
      Dann hatte Er sie erreicht und lächelte für sie geradezu grausam. Seine Hand packte Amandas Arm und zog sie an seine Brust. Sie spürte ihr Herz in ihrer Brust hämmern. Wieso fühlte sie sich plötzlich so komisch? Es war verwirrend und doch irgendwie … angenehm. Er knurrte.
      Amanda verstand nun nichts mehr. Die Angst war verflogen, alle Anstrengung verschwunden.
      Trotz der Dunkelheit drang eine leichte Wärme zu ihrem Herzen durch.
      „La-Lass mich los“, wimmerte Amanda. Er legte den Kopf schräg, dann neigte Er ihn leicht in ihre Richtung. Sein tiefe Stimme ließ Amanda erschaudern, doch war sie überrascht. Das von Ihm, der Dunkelheit in Person, zu hören, hätte sie sich nicht einmal erträumen können: „Bitte, bleib bei mir.
      Lass mich nicht allein. Schenk mir dein Licht. Ich bitte dich. Verlass mich nicht.“
      Amanda war wie erstarrt, als sie die Bedeutung seiner Worte begriff.

      „Sie wird sterben. Der Meister wird ihr Licht stehlen.“
      *lach*
      „Nicht, wenn sie rein genug ist. Nicht, wenn sie versteht.“
      „Ha, welche von ihnen war es denn je? Sie ist wie alle anderen. Sie hat Angst.“
      „Sie ist nicht so wie die anderen. Sie ist … anders.“
      „Pah, wir werden ja sehen!“
      „Sie wird es schaffen. Ich glaube an sie.“

      Zum zweiten Mal seit Amanda hier unten war, traten ihr Tränen in die Augen, denn sie hatte verstanden. Sie hatte es gesehen. Kurz entschlossen griff sie nach seiner Hand an ihrem Arm, legte ihre darüber. Dann entzog sie sich seinem Griff, welcher derweilen schon gar nicht mehr fest war. Vorsichtig und darauf bedacht, keine schnellen Bewegungen zu machen, legte Amanda ihre Arme um seinen Hals und zog Ihn langsam an sich heran. Er schien verwirrt, denn Er hielt still. Jedoch verschwand diese Verwirrung schnell wieder, als auch Er scheinbar bemerkt hatte, dass sie
      verstand. Sein Körper blieb ohne Regung. Amanda schmiegte sich leicht an Ihn. Sie umfasste seinen Kopf mir ihren schimmernden Händen und zog Ihn ein Stückchen zu ihr hinunter. Den letzten Rest übernahm Er jedoch, zog sie fest an sich und presste seine Lippen auf ihre. Sofort wurde Amanda kälter, denn Er entzog ihr Licht und Wärme. Ihr Hände packten das Medaillon, rissen es von ihrem Hals. Danach band sie es Ihm um. Augenblicklich löste Er sich von Amanda, sprang zurück. Ein markerschütternder Schrei halte durch die dunklen Gänge, als die schwarze Masse weg zu ätzen begann. Er schlug um sich, brüllte auf, taumelte rückwärts und stürzte schließlich genau wie sie kurz davor zu Boden. Dort blieb Er liegen bis auch das letzte bisschen Masse verätzt war.
      „Amanda … Wo … ?“, seine Stimme war rau als wäre Er heiser.
      „Hier. Ich bin hier. Ich bin da“, murmelte sie und kniete sich neben Ihn. Er schimmerte genauso wie sie es tat. Er war kein Schatten, Er war Lichtwesen, stellte sie erstaunt fest.
      Geschwächt durch die Verwandlung schaute Er zu Amanda hinauf.
      „Amanda … Würdest du bei mir bleiben?“ , flüsterte Er.
      Amanda überlegte einen Augenblick, sagte: „Ja, aber dürfte ich auch deinen Namen erfahren?“,
      und legte seinen Kopf auf ihre Beine.
      „Sebastian ist mein Name“, man konnte deutlich erkennen, dass Ihm jedwede Kraft fehlte noch mehr zu sagen geschweige denn zu tun.
      „Gut. Ich bin da, Sebastian. Ich bin bei dir und ich werde dich nicht mehr verlassen.“
      Er lächelte vorsichtig, dann schlossen sich seine Augen und Er schlief ein.
      Amanda lächelte, denn sie war glücklich.
      Sie würde nie mehr allein sein.
    • Die Erzählung
      by Kiwi

      „Schmied des Teufels, so nennt man ihn heute“, fing Kenan an zu erzählen, ganz bedacht darauf seinen Wörtern die passende Betonung zu geben.
      Die Glut des Lagerfeuers ließ Kenans schwarze Augen geheimnisvoll funkeln. „Einst war der Schmied des Teufels ein ganz normaler Mann, so wie du und ich“, dabei zeigte er mit seinem Finger auf Furnan, seinen verspielten, unbeholfenen Bruder. Dieser hielt eine große eichenfarbige Schatulle in den Händen, die er sanft hin und her schüttelte, so dass Geräusche aus dem Inneren zu vernehmen waren.
      Furnan grinste breit, wissend was er in den Händen hielt. Er drehte seinen Kopf Kenan zu, „Hey, wenn wir erstmal wieder zu Hause sind, und ich den Schatz in bare Münze umtausche, kauf ich mir ein paar vernünftige Ohrstöpsel, damit ich deine albernen Geschichten nicht mehr ertragen muss“, er lachte abwertend und wandte sich wieder seiner Beute zu.
      Kenan schüttelte erschöpft den Kopf, dabei fiel sein Blick wieder einmal auf die große dunkle Truhe vor seinen Füßen, die sie beide vor gut zwei Stunden aus dem heiligen Turm Rumedans gestohlen haben. Einen Schatz, von dem man die Finger ließ, wenn man das eigene Leben schätzte. Doch die Zeiten waren hart, und Kenan und sein Bruder brauchten dringend wieder Geld, um ihre immensen Schulden abzubezahlen.
      Seitdem sind die beiden auf der Flucht.
      Er stöhnte leise und setzte seine Erzählung fort. „Also, wo war ich stehengeblieben? Ach so, ja! Also, der Schmied des Teufels war ein einfacher Mann gewesen - ein Hufschmied, um genau zu sein. Er war der beste in seinem Beruf, doch eines Tages sollte ihm das Schicksal in den Becher spucken.“
      Furnan verdrehte die Augen.
      Kenan sah das und war zufrieden. Zumindest hört er zu.
      „Eines Tages also, da stand ein bleicher Mann, gekleidet in Schwarz, vor seiner Tür. Der Fremde hielt die Zügel seines Rosses in der Hand, das ebenfalls komplett schwarz war und nach Tod stank.“ Ihm fröstelte es beim Hören seiner eigenen Erzählung, also nahm sich Kenan einen Schluck heißen Gebräus, das über der Feuerstelle erhitzt wurde. Er trank gierig und verbrannte sich dabei die Zunge. „Verdammt“ fluchte er leise, um sein Missgeschick seinem Bruder nicht deutlich zu machen, der sich darüber sicher lustig gemacht hätte. Er hätte es eh nicht feststellen können, da Furnan - so schien es - andauernd so dämlich grinste.
      Kenan bewegte seine schmerzende Zunge im Mund hin und her und erzählte dann weiter. „Der Fremde brauchte neue Hufen für sein Ross, doch nicht irgendwelche Hufen, sondern Hufen aus schwarzem Diamant.“
      „Blödsinn“ erwiderte Furnan, „Diamanten kann man nicht in Form gießen.“
      „Da magst du Recht haben“, stimmte ihm Kenan zu, „jedoch wurde der Schmied von dem Fremden manipuliert.“ Nach einer kurzen Pause hinzufügend: „Verzaubert.“
      Knack!
      Ein lauter zerspringender Laut, danach ein fließendes Geräusch, so, als ob jemand nassen Haferbrei auskippen würde.
      Furnan schrak auf und blickte angestrengt in die Dunkelheit, die hinter Kenans Rücken das gesamte Bild dominierte. Er konnte niemanden erkennen.
      Kenan erzählte nach kurzer Unterbrechung weiter, seine Stimme hörte sich fremd an.
      „Mit der gleichen Skepsis antwortete der Hufschmied, dass dies nicht möglich sei, doch der Fremde öffnete nur seine knochige, weiße Hand und sprach einen Zauber.“
      Furnan legte sich wieder auf den Rücken und machte eine unsichere Mine, doch Kenan redete unbeirrt weiter.
      „Nur einen Augenschlag später befand sich der Hufschmied an einem anderen, einem dunkleren Ort wieder. Der Fremde war auch zugegen und starrte ihn mit blutroten Augen an. Mach dich ans Werk, schrie er ihn befehlend an. Der Hufschmied war nur kurz unter Schock; schon im nächsten Augenblick arbeiteten seine Hände schnell und souverän unter der Aufsicht des unheimlichen, gebieterischen Fremden. Irgendwann war der Hufschmied fertig. Erschöpft und verwundert über sein Werk fragte er seinen Auftragsgeber und Entführer, ob er ihn nun wieder nach Hause bringen könnte. Der Fremde hielt die schwarzen Diamanthufen zufrieden vor seinem eigenen diabolischen Gesicht. Nein, war das einzige, was er zu sagen hatte. Der Fremde war einfach…“, Kenan grinste unbeholfen, wie ein kleiner, frecher Bengel, „…einfach sehr zufrieden mit der Arbeit des Hufschmieds, also nahm er ihn sich.“ Er kicherte.
      „Okay, heute übertriffst du dich mal wieder selbst, du Arsch. Kannst du nicht einmal vernünftig deine peinliche Geschichte erzählen, ohne durchzudrehen?“ schimpfte Furnan ihn an.
      Kenan antwortete nicht.
      Er wurde immer farbloser.
      „Der Fremde – nennen wir ihn einfach den Teufel – hatte andere Pläne mit dem Schmied. Also hat er ihn zu einem seiner Diener verwandelt und ihn mit schwarzer Magie bestückt.“
      Kopfschüttelnd und mit raschelnden Händen holte Furnan seine Pfeife samt Pfeifenkraut aus seinem langen Mantel hervor. Mit einem glühenden Stück Holz aus der Feuerstelle zündete er sich seine Pfeife an und inhalierte den ersten Zug übertrieben, ja, fast schon symbolisch, ein.
      Sein älterer Bruder jedoch redete unbeeindruckt weiter, obwohl er einen immer erbärmlicheren Eindruck machte.
      „Seitdem führt der Schmied des Teufels die Aufträge vom ebenjenem Teufel aus, ganz zum Schrecken der fünf Kontinente und seiner Bewohner. Der Teufel selbst hat sich in den wohlverdienten Ruhestand gesetzt.“
      Ein herber Duft ging von Furnans Pfeife aus.
      „Also jagt der Teufel nicht mehr selbst? Das wäre mir neu. Die Verstümmelungen der Opfer in der letzten Zeit sind laut Gerüchten genauso diabolisch wie zuvor, wenn nicht gar schlimmer.“
      „Ja. Aber das hat auch einen einfachen Grund. Der Teufel war alt und der Schmied jung, voller Elan und Tatendrang“, sagte Kenan mit verschmitztem Lächeln.
      „Das der Teufel sterblich sei und altert, wäre mir neu, Bruderherz“, wieder dieser verachtende Unterton.
      „Nichts ist von Dauer“ erwiderte Kenan ruhig.
      Der herbe Tabakgeruch schien allmählich von einem frischen übelriechenden Kadavergeruch verdrängt zu werden.
      Furnan verzog das Gesicht, „Zur Hölle, was stinkt hier so?!“
      „Muss wohl ein totes Tier in der Nähe sein“, entgegnete Kenan stumpf.
      Erst jetzt bemerkte Furnan die Leere in den Augen seines älteren Bruders. Er schien einen Augenkontakt zu meiden.
      Als er zu Ende geraucht hatte, legte er die Pfeife aus dem Mund und setzte sich auf, „Muss pissen“, sagte er knapp, ohne in Kenans Richtung zu schauen, und stand auf.
      Er ging an seinem Bruder vorbei, doch als er ihn passierte, traf sein rechter Fuß auf einen harten Gegenstand, und er fiel stolpernd hin.
      Mit schmerzenden Fuß drehte er sich um, und sah, worüber er gestolpert war. Einen Schmiedehammer.
      Entsetzt und mit zitternder Hand, griff er nach dem Hammer und wiegte ihn. Er war schwer, er konnte ihn nur mit Mühe in der einen Hand halten, der Stiel war mit verspielten silbernen Linien verziert, der Rest war schwarz; der Kopf hatte einen Glanz, den er noch nie gesehen hat, auch dieser war schwarz. Es sah aus wie… Ja, wie was?! dachte Furnan. Wie Schwarzer Diamant.
      „Kenan“. Leise. Dann noch einmal, diesmal lauter „Kenan, sieh doch nur, was ich…!“
      Der Schmiedehammer glitt ihm aus der Hand und fiel fast lautlos auf den feuchten Boden, als er Kenan von hinten erblickte. Sein Schädel war offen. Zumindest das, was noch von seinem Hinterkopf übrig blieb.
      Furnan fiel die Kinnlade herunter, ein flaues, Ekel erregendes Gefühl machte sich in seiner Bauchgegend breit, und er hatte das dringende Bedürfnis zu erbrechen, aber als er den Mund aufmachte, kam nur heiße Luft heraus.
      Kenans ganzer Rücken war mit dunkelrotem Blut beschmiert, hier und da hat sich ein Stück Schädel an seinem Mantel festgehangen. Am Sockel, auf dem Kenans lebloser Körper saß, lag sein Hirn. Es sah aus, als ob jmd. dort erbrochen hätte.
      Furnan war plötzlich schwindelig. Angst, Trauer, Schock und Ekel bildeten in seinem Kopf ein Konstrukt, das er nicht verarbeiten konnte. Er wollte, wie aus falscher Hoffnung, nochmal Kenans Namen rufen, doch was Furnans Mund verließ, konnte man nur als Gebrabbel bezeichnen. Nachdem er sich etwas beruhigte, falls das überhaupt möglich wäre, schloss er die Augen und betete.
      „Du betest? Das wäre mir ja neu“ sagte Kenan spöttisch.
      Furnan schlug wild die Augen auf, und schaute Kenan an. Erst jetzt bemerkte er, wie winzige, dünne Fäden, die im Mondlicht leicht schimmerten, aus Kenans Kopf in Richtung Dunkelheit verliefen. Kenan lachte, und dabei vibrierten die Fäden leicht auf und ab. Das Lachen klang entsetzlich in Furnans Ohren. Er wollte nur noch weg aus diesem Albtraum, doch seine Arme und Beine waren wie Stein.
      Ruhige, gemächliche Schritte waren aus der Dunkelheit zu vernehmen, dort, wo die Fäden hinführten. Kalter Schweiß lief Furnan den Rücken herunter und ließ ihn schaudern.
      Wie von der Tarantel gestochen klatschte sich Furnan mit der offenen Hand ins Gesicht, erhob sich aus seiner jämmerlichen Pose, und zog sein Schwert aus der Scheide. Er war auf alles gefasst, das dachte er zumindest.
      „Kommt heraus! Wer auch immer Ihr seid! Ich habe vor niemandem Angst!“ Furnan glaubte seiner eigenen Lüge nicht, zumindest erhoffte er sich einen mutigen Eindruck zu hinterlassen.
      Und da war er. Der Fremde. Er kam zum Vorschein und alle Befürchtungen sollten sich erfüllen. Ja, der Schmied des Teufels war keine alberne Legende, denen man Kindern erzählte, die aufmüpfig wurden. Des Teufels Diener stand nur wenige Meter von Furnan entfernt und grinste diabolisch, in seiner rechten Hand verliefen die Fäden unter den Fingernägeln, die bis in Kenans zerschmetterten Kopf führten. Einem Impuls folgend, schwang Furnan das Schwert hoch und wollte zum Angriff ausholen, doch der Schmied sah dies voraus, bewegte die Finger seiner rechten Hand, und die Marionette, die noch vor wenigen Minuten Kenan war, sprang Furnan von hinten an, und klammerte sich an ihm, sodass Furnan seinen Angriff nicht beenden konnte.
      Der Schmied des Teufels kicherte amüsiert. „ So, nun mein Dieb, kommen wir zum Ende der Erzählung.“
    • Die falsche Seite der Furcht
      by Alopex Lagopus

      Mit einem lauten Tschock, bohrt sich ein Armbrustbolzen nur eine knappe Handbreit von meinem Kopf entfernt in den porösen Sandstein des Wohnhauses, in dessen Schatten ich mich zum Schutz vor der Sonne gelegt habe. Verwirrt hebe ich den Kopf und sehe den Schützen am anderen Ende der Straße seine Waffe nachladen, während er mit lauten Rufen seine Kameraden herbeiordert. Doch es ist kein einfacher Straßenbandit, wie ich vermutet habe, sondern einer der Hüter, ein Beschützer des Volkes!
      Nun tauchen auch andere Uniformierte hinter dem Schützen auf und ziehen ihre halbmondförmigen Schwerter. Es dauert einen Moment, bis ich begreife, dass mein Leben in ernsthafter Gefahr schwebt und die Hüter keine Rücksicht darauf nehmen werden, ob sie mich lebendig, tot oder zerstückelt zu fassen bekommen, schließlich haben sie ohne Warnung auf mich geschossen!
      Was habe ich nur getan? Was kann so schlimm gewesen sein, dass sie mich töten wollen?
      Okay, ich habe letzte Woche auf dem Markt gestohlen und bin gesehen worden, aber ich habe nie zuvor gehört, dass die Hüter deswegen auf einen Bürger schossen!
      Ich sehe, wie der Hüter vor mir erneut mit der Waffe auf mich zielt und erst jetzt schaffe ich es, meinen Beinen den Befehl zum Laufen zu geben. Der Bolzen saust an mir vorbei und ich meine den Luftzug des Geschosses auf der Haut meines nackten Armes spüren zu können. Ich muss weg hier, und zwar schnell!
      Ich weiß genau, dass ich mich eigentlich stellen sollte und dass ich die Situation in diesem Moment nur verschlimmere, aber die gezückten Schwerter und der Bolzen, der beinahe meinen Schädel gespalten hätte, flößen mir eine enorme Angst ein.
      Flink springe ich über die in der Seitengasse aufgestapelten Fässer, um vor weitere Geschossen sicher zu sein, biege um die nächste Ecke und renne in Richtung des Markplatzes weiter. Heute sind viele Karawanen aus den umliegenden Dörfern angereißt und es ist so voll wie selten zuvor in unserer Stadt. Vielleicht kann ich die Hüter in dem Gedränge abhängen.
      Zügig lasse ich die Enge der Gassen hinter mir und finde mich plötzlich im dichten Menschenmenge wieder. Die plötzliche Hitze, die hier auf offenem Feld herrscht, bringt mich ins Taumeln. Wenn ich mich hier zu lange aufhalte, könnte mich ein plötzlicher Hitzschlag ins Reich der Träume und damit in die stählernen Hände der Hüter befördern.
      Was habe ich denen nur getan?
      Rücksichtslos werfe ich mich in die Menge hinein und empörte Rufe begleiten meinen Weg. Doch mehr Zeit als für einen Fluch und eine Verwünschung meiner Familie nimmt sich niemand, denn ich bin nur ein Junge, der sich eilig seinen Weg über den Marktplatz bahnt, um schnell auf der anderen Seite unter den großen Zeltplanen Schutz vor der sengenden Sonne zu finden. Jedenfalls bin ich das immer gewesen. Was ich nun in den Augen der Hüter darstelle, mag ich mir gar nicht vorstellen.
      Unruhig riskiere ich einen Blick über meine Schulter, doch ich bin umringt von hochgewachsenen Gestalten, die sich geschäftig über den Platz drängeln, und mir die Sicht auf meine Verfolger versperren. Hoffentlich gilt dies auch umgekehrt. Doch die Hüter wären nicht Hüter gewesen, wenn sie ihr Ziel so einfach aus den Augen verlieren würden.
      „Gebt den Weg frei! Im Namen des Großen Bewahrers!“, höre ich laute Rufe aus bedrohlicher Nähe über den Platz schallen, die mich mein Tempo verdoppeln lassen. Ich schubse und schiebe mich durch die Menschen, ducke mich unter einem Kamel unterdurch und nur kurze Zeit später erreiche ich den Rand des Platzes. Geduckt verschwinde ich hinter einem Markstand und von da aus in der nächsten Gasse. Gut so! Die Hüter würden spätestens jetzt meine Spur im Gedrängel verlieren. Ich habe also genug Zeit, mir ein sicheres Versteck zu suchen – und ich weiß auch schon genau wo!
      Eilig, aber mit gemäßigten Tempo um nicht aufzufallen, laufe ich die gepflasterte Nebenstraße des Marktviertels entlang. Mein Ziel ist der Kräuterladen, in dem meine Schwester immer die Kaktusblumen der Glutsenke kauft, um den Tee gegen meine chronische Mondstarre zubereiten zu können. Der alte Sammler sieht mich immer gerne und wird mir auf jeden Fall helfen können. Dies alles muss ein Missverständnis zwischen mir und den Hütern sein. Er kann mir helfen, er weiß, dass ich nichts getan habe, was als Bestrafung meinen Tod nach sich ziehen würde.
      Endlich, nach vielen Umwegen durch verschiedene Seitengassen, erreiche ich mein Ziel. Angenehme Kühle und der kitzelnde Geruch diverser Wüstenkräuter weht mir entgegen, als ich durch den Eingang des aus Sandstein gehauenen Wohnblocks trete. Der Alte schließt seine Tür nie ab, erst recht nicht am Markttag – mehrmals habe ich ihn bereits gebeten, es doch zu tun, schließlich gibt es hier noch andere, weit wertvollere Blüten, als die des Yaka-Kaktus´. Der niedrige Raum ist bis auf den grauen Hund, der vor dem Thresen sein Nickerchen hält, vollkommen leer. Kein Kunde, kein alter Kräutersammler erwarten mich.
      Zögernd trete ich ein, worauf der tierische Wächter kurz mit einem Ohr zuckt, mir einen kurzen Blick zuwirft und sich dann wieder seinem Nickerchen widmet. Natürlich hat er mich erkannt. Aber irgendwas stimmt hier nicht. Wo war der Alte? Sind die Hüter etwa schon hier gewesen?
      Voller Sorge spüre ich mein Herz schneller schlagen und hastig bahne ich mir den Weg zwischen geflochteten Körben, Krügen und Regalen voll duftender Kräuter hindurch. Hoffentlicht ist nichts passiert. Vor allem, woher sollen die Hüter von meiner Verbindung zu diesem Ort wissen? Aber es ging hier immerhin um die Hüter, die treuen Anhänger des Großen Bewahrers! Ich spüre, wie mir die Angst langsam die Kehle zuschnürt. Was geschieht hier nur?
      Mit den schlimmsten Befürchtungen stoße ich die Tür zum Nebenraum auf und Erleichterung durchflutet meinen Körper, als ich Kia am Tisch die Samen der Ragnu Frucht aus den getrockneten Hülsen pellen sehe.
      „Dem Bewahrer sei Dank!“, entfährt es mir und voller Freude stürme ich auf meine Freundin zu, um sie ganz fest in meine Arme zu drücken. Doch Kia weicht von mir und greift angsterfüllt nach dem langen Messer, welches bis eben noch ein notwendiges Werkzeug bei ihrer Arbeit und keine Waffe gewesen ist. „Verschwinde von hier!“, fährt sie mich an, wodurch ich augenblicklich innehalte.
      „Kia“, kommt es mir verstört über die Lippen. Langsam versuche ich mich ihr zu nähern, doch sie stolpert nur weiter von mir weg, bis sie mit dem Rücken gegen eins der Regale prallt. Was ist passiert? Erst vor wenigen Tagen haben wir zusammen die Nacht miteinander verbracht, waren glücklich, wie nie zuvor in unserem Leben und haben uns geschworen, für immer zusammen zu bleiben. Was hat sich bloß geändert? Und wie konnte es so schnell geschehen?
      „Verschwinde, Hexer!“, schreit sie mir entgegen und ich kann einen grünen Funken in ihren Augen aufblitzen sehen. Mondstarre! Ich selbst kenne die Symptome nur zu gut. Verdammt, ich habe sie doch nicht etwa infiziert? Der alte Mann, ihr Großvater, hat mir versichert, dass Mondstarre nicht ansteckend ist. Ich hätte sonst nie mit ihr das Bett geteilt, dafür liebe ich das Mädchen mir gegenüber zu sehr! Aber vielleicht dachte der Alte, wir wären noch zu jung, um uns auf körperlicher Ebene füreinander zu interessieren. Beim großen Bewahrer, trotz meiner Jugend hätte er mir das sagen müssen!
      Reumütig schaue ich meine zitternde Freundin an. Mondstarre löst starke Angstzustände aus. Kein Wunder, dass sie mich einen Hexer nennt. Kia hat seit jeher Angst vor Magiern, sie hat es mir eines milden Abends verraten, als wir gemeinsam auf dem Dach saßen und den Sonnenuntergang über der Wüste beobachteten. Tröstend habe ich damals meinen Arm um ihre Schultern gelegt und ihr grinsend versprochen, dass ich jeden Magier zu Brei schlagen werde, der ihr zu nahe käme. Doch wie es aussieht, ist diese Erinnerung bereits von der Krankheit verdreht worden.
      In meiner Betroffenheit, überhöre ich das Kläffen des Hundes, der unerwartete Besucher ankündigt. Erst, als das Klirren von Stahl an meine Ohren dringt, und sich zwei Hüter hinter mir mit gezogenen Sichelschwertern in den Raum drängen – die von einem blauen, runenverzierten Umhang verborgenen Körper hinter einem mannshohen Schild geschützt, in ihren Augen höchste Konzentration liegend – drehe ich mich verwirrt um.
      Nur vorsichtig, als würde ich sie im nächsten Moment anspringen, rücken die beiden Soldaten vor. Dabei bin ich bis auf das kurze Messer am Gürtel meines Umhangs vollkommen unbewaffnet.
      „Du bist gestellt, Hexer“, zischt der größere der beiden Krieger. „Laut dem Gesetz des Großen Bewahrers ist das Praktizieren jedweder Magie verboten und wird mit dem Tode bestraft. Nimm sofort Abstand zu dem armen Mädchen, dessen Seele du vergiftet hast und dir wird ein schneller Tod gewährt.“
      Endlich verstehe ich die Situation.
      Ich habe Kira mit Mondstarre angesteckt. Ihr Großvater ist draußen in der Wüste unterwegs, um ihr die Blüten der Yaka-Kaktee zu besorgen, den lezten Vorrat hat meine Schwester schließlich letzte Woche gekauft; nur das kann wichtiger als der Markt sein. Kia hat Wahnvorstellungen! Warum hat er niemandem vorher etwas gesagt? Er musste doch wissen, dass sie mich plötzlich für einen Hexer hält.
      Der Schock trifft mich zutiefst! Er will jemand besseren für seine Enkelin, als einen einfachen Straßenjungen ... selbst wenn sie sich dafür mit Mondstarre ansteckten muss ...
      Ich öffne den Mund, aber die Hüter geben mir keine Gelegenheit, die Situation aufzuklären, zu groß ist ihre eigene Angst vor einem vermeintlichen Magier, der die Stadt ins Chaos stürzen könnte. Was danach folgt, geschieht zu schnell für meine Augen. Ich spüre scharfen Stahl meinen Leib durchdringen, doch der physische Schmerz ist unbedeutend zu dem Leid in meiner Seele, als ich im Augenblick meines Todes den letzten gegen die Krankheit aufbegehrenden Funken des Verstehens in Kias Augen erblicke.
      Ich will ihr sagen, dass es nicht ihre Schuld ist, will ihr sagen, dass ich sie auf ewig lieben werde, aber mein Bewusstsein schwindet bereits. Alles was bleibt ist ein letzter Gedanke.
      Es tut mir leid ...
    • Endlos
      by Tika444

      Sie fragt, "Wovor läufst du davon"
      Eine Stimme wie Seide, doch die Frage schneidet tief. Ungeschönt, unverhofft, unbedacht. Wie Öl im Flammenmeer, wie ein Speergraben vor den Füßen des Fliehenden. Zeit heilt nicht alle Wunden. Dieses Feuer brennt ewig.

      Kälte, Blätterrascheln, der Wind fährt durchs Gras. Ein junger Mann, nur einer wie viele, steht inmitten einer Lichtung. Er ist kein Held, nur ein einfacher Soldat, in eine einfache Rüstung gekleidet. Er ist auch nicht allein. Andere Männer lagern mit ihm. Nur vier, die Reste eines Trupps der vor vielen Jahren aufgebrochen ist um zu kämpfen. Nun kehren seine Überreste zurück in die Heimat. Ohne Ruhm ohne Reichtum, nur mit Erinnerungen und Albträumen an die erlebte Zeit. Einer seiner Kameraden tritt zu ihm. Der Morgen graut und die anderen liegen noch unter den Decken getaucht in das Zwielicht der Dämmerung. "Lang ist es her", signiert der Wache und der Mann kann nicht umhin ihm zuzustimmen. "Zu lang für uns und für die, die auf uns warten." Ein Schnauben, wehmütig und doch nicht neidend. "Wenigstens hast du jemanden der auf dich wartet" Der Mann lächelt, er muss lächeln. Zu groß ist seine Freude. Seine Freude auf seine junge Frau, die auf ihn wartet und seinen noch jüngeren Sohn, den er noch nie in den Armen gehalten hatte. Kurz bevor er ging, hatte er sie geheiratet. Damals hatte er noch nicht einmal gewusst, dass sie schwanger war und nun war sein Sohn 10. Sie waren gewöhnliche Leute, auf einer gewöhnlichen Farm. Doch er freut sich auf das gewöhnliche Leben. Tröstend will er seinem einsamen Kameraden auf die Schulter klopfen. Ihm sagen, dass er jemanden finden wird, der auf ihn wartet. Doch als seine Hand die Schulter berührt, ertönt ein Zischen. Blut spritzt auf seine Finger, ein Pfeil steckt im Hals seines Freundes. Ein Pfeil mit weißem Schaft und weißen Federn. Erschrocken springt er zurück und zieht sein Schwert, während sein gegenüber zu Boden geht. Er schreit, doch kann er das wiederkehrende Zischen nicht übertönen. Die Decken am Waldboden färben sich rot. Genauso rot wie der Horizont, über dessen Rand sich nun ein glühender Ball schiebt und den Wald in Licht hüllt. Der Mann verweilt nicht. Er springt auf sein scheuendes Pferd und gräbt ihm die Stiefel in den Bauch. Mit einem Wiehern, so panisch wie der Schrei des Mannes, prescht es los. Weg von hier, nur möglichst weit weg. Der Mann auf dem Rücken kann sich nur mit Mühe halten und trotzdem treibt er das Tier immer weiter an. Jetzt ist er allein, doch er ist immer noch kein Held. Kein Gedanke an die Toten. Einzig und allein Furcht. Und die Panik vor dem was kommen wird.

      Ein Mann kniet allein auf einem verbrannten Feld. Einst hatte hier grünes Gras die Erde geschmückt, nun war von der einstigen Schönheit nur noch Asche geblieben. Hinter ihm ragen die rauchenden Ruinen eines Gebäudes auf. Einst hatten die Fenster einen Einblick in eine andere Welt gewährt. Eine Welt voll Wärme und Geborgenheit. Nun wirken die Überreste nur noch kalt und abweisend. Kein Vergleich mit seinen Erinnerungen. Vor ihm liegen 2 reglose Körper. Ein kleiner in den Armen des größeren geborgen. Wie der Stein und das Haus ist ihre Haut von Ruß überzogen und rauch steigt auf. Den Kopf legt der Mann in den Nacken. Die Arme breitet er aus. "Wieso" Seine Stimme schallt über das Feld. Bis hin zu den geschwärzten Baumstümpfen dort wo ehemals ein Wald begann. "Was willst du von mir" In seiner Stimme liegen Schmerz, unendlicher Schmerz, und Trauer. “Was" Seine Stimme ist zu einem Wimmern verklungen. Er erhebt sich. "Du willst mich", beantwortet er die eigene Frage. Die Stimme wieder laut und voller Kraft. Wut verdrängt die Trauer. Wut verdrängt alles. "Dann nimm mich" Seine Worte hallen als Echo zu ihm zurück. Hallen nach, und doch verklingen sie scheinbar ungehört. Keine Reaktion aus dem fernen Wald. Keine Reaktion von den weiten Ebenen. Kein Laut, keine Antwort. Nur Stille.

      Ein Wald. Mondlicht fällt auf mächtige Eichen, die ihre Äste in der Höhe verflechten. Sie schwanken leicht im Wind. Nur das Trampeln von Hufen stört die Stille. Der Mann reitet. Dicht über den Rücken seines Pferdes gebeugt. Ohne Rücksicht auf die Zweige, die über ihm hinwegpeitschen. Er spürt keinen Schmerz, er spürt nur Angst. Flieht vor ihr und dem was ihn verfolgt. In einem verlassenem Wald in einer verlassenen Welt. Vergangen ist sein Wunsch nach Rache, vergangen ist die Wut. Alles verdrängt. Verdrängt von etwas was stärker ist. Verdrängt von Angst. Immer wieder sieht er sich über die Schulter nach hinten um. Immer wieder suchen seine Augen den Baumwall zu seinen Seiten ab. Nichts zeigt sich, nichts greift ihn an. Und doch kann er ihre Augen fühlen. Dann lichtet sich für einen Moment die Mauer aus grün und braun. Gibt den Blick auf Lichtpunkte frei. Sie sind fern, doch nah genug um der Hoffnung flammendes Schwert tief in seinem Herzen zu versenken. Nah genug, dass er erneut die Fersen in den Bauch des Tieres treibt, unabhängig wie viel es ihm noch geben kann. Wie sehr sehnt er sich doch nach Menschen. Wie sehr nach dem gewöhnlichen Leben, das zu führen ihm so lange versagt geblieben ist. Er weiß, dass er es nie finden wird, doch der Wunsch verblasst nicht. Nicht so lange noch Leben in ihm ist.

      "Wovor läufst du davon." Sie wiederholt ihre Frage mit einem Lächeln auf den Lippen. Doch ihre Augen zeigen Sorge. In den Händen hält sie noch immer die Überreste des Verbandes mit dem sie sein Leben bewahrte. Sie wird ihre Hilfe mit dem Tode bezahlen. Genau wie alle anderen, die ihm zuvor halfen. Jetzt runzelt sie die Stirn, obgleich der verschwiegenen Antwort. "Wovor läufst du davon" Sie fragt ein drittes Mal. Dieses mal mit Nachdruck. Er blickt sie an. Nach all den Jahren erinnert sie ihn noch an seine Frau. Selbst wenn seine Erinnerung an diese langsam verblasst. Dasselbe Licht brennt in diesen Augen. Langsam verblasst das Lächeln. Sein Schweigen ist schlimmer als jede Antwort. "Wovor läufst du davon" Angst und Sorge spiegeln sich jetzt offen auf ihrem Gesicht. Er seufzt. Sie verdient die Antwort. Er schuldet sie ihr. "Ich weiß es nicht"
    • Giftauge
      by LouGwendolyn

      Ich rannte durch das Unterholz. Meine Hände waren von Dornen
      zerkratzt und meine Füße wund von scharfkantigen Steinen. Aber das
      machte mir nichts aus. Ich rannte einfach weiter und sah nicht
      zurück. Ich wusste, wer mich verfolgte. Oder besser gesagt, was:
      Wolfsmänner. Wenn ich bloß an
      die bösartigen Kreaturen dachte, erfüllte das mich mit purem Hass.
      Denn sie hatten mir alles genommen, was ich besaß. Und das war nicht
      viel. Eine Mischung aus Wut und Angst trieb mich an, weiter zu
      laufen. Gleich würden sie mich eingeholt haben. Ich brauchte ein
      Versteck. Da entdeckte ich einen hohlen Baumstumpf und kroch hinein.
      Die Verfolger rannten einfach an mir vorbei. Sie waren zwar schnell,
      aber unendlich doof. Die würden vorerst nicht mehr hier herkommen.
      Erleichtert rollte ich sich in dem kleinen Versteck zusammen und
      schlief sofort ein.


      Ich blinzelte. Vereinzelte
      Sonnenstrahlen drangen durch das dichte Blätterdach. Ich gähnte und
      streckte mich. Nur ein Gedanke schoss mir durch den Kopf: Hunger. Es
      war Zeit, auf die Jagd zu gehen. So eine kleines saftiges Stück
      Fleisch, irgendetwas, was meinen Hunger stillen könnte. Ich trottete
      durch den Wald und hielt Ausschau nach einem Frühstück. Da
      nahm ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung war und fuhr herum. Und
      tatsächlich, da saß eine dicke Maus und knabberte an einer Wurzel.
      Langsam schlich ich mich an das Nagetier heran, machte einen großen
      Satz und hatte es gefangen. Mit einem gezielten Biss brach ich ihm
      das Genick und fing an zu essen.

      Als ich fertig
      war, fiel mir ein Zettel auf, der an einen Baum geheftet war. Als ich
      genauer hinsah, erkannte ich, dass es ein Suchzettel war, der mich
      suchte! Ganz groß stand mein Name darauf: Evelyn Green. Die
      Zeichnung dazu war eigentlich ganz gut getroffen. Meine braunen Haare
      waren zur Seite gebunden. Das schmale Gesicht, die kleine Stupsnase
      und die blitzenden, grünen Augen verliehen mir ein katzenhaftes
      Aussehen. Was ich ja genau genommen auch war. Eine Katze. Ein
      Katzenmensch. Auch Mystcat genannt. Zu mir sagten sie alle Giftauge.
      Giftauge mit den Goldmessern. Denn ich war etwas Besonderes,
      Einzigartiges. Ich besaß goldene Krallen, die schärfer waren als
      alles andere. Darum fürchteten sie mich. Alle dachten, ich wäre ein
      bösartiges Geschöpf, das nur Blut sehen will. Diese Gerüchte
      verbreitete die eigentliche Böse: Königin Nariell. Sie hatte mein
      Leben zerstört. Alle Mystcats ausgelöscht. Außer mich. Deswegen
      wurde ich gejagt, ein hoher Geldpreis wurde auf meinen Kopf
      ausgesetzt. Doch sie würden mich niemals kriegen!

      Ich zerriss den
      Zettel in tausend Stücke. Es brachte einfach nichts. Niemand würde
      mich ernst nehmen. Alle glaubten nur ihrer Königin, obwohl sie
      eigentlich keine war. Denn ich bin die rechtmäßige
      Herrscherin, nicht sie! Nariell hatte Angst, das diese doch
      irgendwann ans Licht kommen würde, und deswegen ließ sie mich
      verfolgen. Ich war immer auf der Flucht, den mit mir würde auch die
      letzte Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden sterben.


      Ein schriller
      Ton weckte Lordian, und er fuhr aus dem Bett. „Liebe Wolfsmänner,
      es ist Zeit aufzustehen und zu jagen. Wen jagen wir?“, säuselte
      eine Frauenstimme. „Evelyn Green, das Giftauge, für unsere
      Königin!“, antwortete er und viele andere im Chor. „Sehr schön.
      Dann los, sucht sie, fangt sie, TÖTET SIE!“ Nariells Stimme wurde
      schlagartig eisenhart. Mit lautem Geheule stürmten die Wolfsmänner
      aus der Schlafhalle. Sie strömten an allen Seiten in den großen
      Wald. Alle hatten immer den selben Gedanken: Giftauge töten! Nichts
      anderes.


      Von Weitem hörte
      ich die Rufe der Wolfsmänner. Oh nein. Sie hatten alle Mystcats
      vernichtet und nun waren es hunderte, die nur mich fangen wollten.
      Ich hatte eigentlich keine Chance zu überleben , aber irgendwie
      schaffte ich es. Jeden gottverdammten Morgen ließ Nariell sie aus
      den Käfigen und jeden gottverdammten Morgen musste ich von neuem
      wegrennen. Ein schrecklicher Teufelskreis. Ich hoffte, das irgendwann
      ein Wunder passieren würde. Das meine Welt verändern könnte. Dabei
      wusste ich, dass ich erfolglos warten würde. Der Tod wäre eine
      Erlösung von allem, aber ich gab nicht auf, mein Land zu retten.

      Und schon wieder
      rannte ich irgendwo hin, in der Hoffnung nicht gefangen zu werden.
      Ich sprang über umgestürzte Bäume, kämpfte mich durch dichtes
      Gestrüpp. Plötzlich riss mich jemand zu Boden und schleifte mich
      hinter einen großen Busch. Ich wollte um mich schlagen, aber ich
      wurde runtergedrückt. Ich fauchte, aber der Jemand zischte: „Pscht!
      Sie sind ganz in der Nähe.“ „Wer bist du?“ „Davoun van Soel,
      eine Mystcat. Und du bist Evelyn Green, das Giftauge.“, antwortete
      mir der Katzenjunge. „Aber... Ich dachte alle Mystcats wurden
      ausgelöscht?!“ Ich war verwirrt. „Nicht alle. Und ich lebe eben
      noch.“, gab er zurück. Sollte er etwa mein Wunder, meine Rettung
      sein? „Oh okay. Und dein Plan?“ „Plan? Was für ein Plan? Ich
      habe keinen Plan. Du solltest doch einen haben.“ Er sah mich
      verständnislos an. „Ich habe keine Ahnung was wir tun sollen.“
      Oh man. Da bekomme ich schon mal eine Hilfe, und dann hat die auch
      keine Idee! „Ich dachte, du wüsstest schon wie wir Nariell
      besiegen, und mich zur Köni-“ In diesem Moment brach ein Wolfsmann
      durch das Gestrüpp und ich stieß einen spitzen Schrei aus. Er
      knurrte und kam langsam auf uns zu. „B-Braves Hündchen.“, sagte
      Davoun mit zitternder Stimme und wich vorsichtig zurück. Der
      Wolfsmann lachte bloß und machte sich zum Sprung bereit. Plötzlich
      fingen meine Augen an zu glühen und ich starrte ihn an. Dieser fing
      an zu hecheln und sackte dann in sich zusammen. Ich erwachte aus
      meiner Trance und schnappte nach Luft. „Evelyn... Was war das
      denn?!“ Davoun sah mich beeindruckt an. „Das war irgendwie –
      beängstigend!“ „Ich habe keine Ahnung was in mich gefahren ist.
      Jedenfalls strengt es sehr an.“ Ich fühlte mich, als hätte ich
      gerade einen Marathon hinter mir. „Das ist mir noch nie passiert.“
      „Und was machen wir jetzt mit dem Viech? Liegenlassen?“, fragte
      der Katzenjunge. „Ich habe eigentlich nicht sonderlich Lust es
      wegzuschleifen. Das Ding muss doch Tonnen wiegen.“ „Ich glaube,
      er wird uns noch ganz nützlich sein.“ Ich betrachtete den
      Wolfsmann genauer und erkannte ein Band um seinen Hals. Darauf stand:
      '2. Patrouille,
      Lordian'.“Lordian...
      Der Name kommt mir irgendwie bekannt vor.“ Ich dachte scharf nach.
      „Ich hab's! Das muss der Sohn des berühmten Lord Siantan sein! Der
      Verteidiger der Mystcats. Nariell hat ihn aber getötet, da er ihr
      eben untreu gewesen ist.“ „Ähm, ich kenne den Typen nicht. Aber
      was hilft uns sein Sohn?“ Davoun war wenig überzeugt. „Vielleicht
      ist er der Einzige, der uns retten und ins Schloss bringen kann.“,
      antwortete ich. „Ja genau. Und deswegen wollte er uns auch gerade
      umbringen. Ganz tolle Rettung.“ Mein Begleiter verschränkte die
      Arme. Er hatte wirklich null Zuversicht. Ich verdrehte die Augen.
      „Komm jetzt. Hilf mir, Lordian zu fesseln, bevor er aufwacht.“


      Langsam wurde es dunkel. Ich saß da und dachte über das Glühen in
      meinen Augen nach. Was war da nur mit mir passiert? Ich wurde von
      Lordian aus meinen Gedanken gerissen, der knurrte und versuchte sich
      aus den Fesseln zu lösen. „Hey Lordian, ruhig, wir tun dir
      nichts.“, redete ich beruhigend auf ihn ein. „Giftauge töten!
      Giftauge töten!“ Er knurrte. „Was hab ich gesagt? Der Typ denkt
      nicht dran uns zu helfen.“ Davoun zog eine Augenbraue hoch. „Der
      hat nichts anderes im Kopf als dich abzuschlachten!“ „Gib mir
      eine Chance. Ich kriege das schon hin.“ Ich kniete mich neben den
      zappelten Wolfsmann und sagte mit gelassener Stimme: „Lordian? Hör
      mir zu. Du musst uns helfen. Nariell soll vernichtet werden, damit
      alle in Frieden leben können.“ Er fiepte traurig. „Ich weiß,
      dass Nariell deine Herrin ist, aber sie ist böse, sehr böse.“ Ich
      merkte, wie meine Augen beim Sprechen wieder anfingen zu glühen.
      „Evelyn, du solltest Psychopatin werden.“ Davoun nickte mir
      anerkennend zu. „Gut, ich werde euch den Weg zeigen.“ Lordian war
      plötzlich wie eine ganz andere Person. Ich ließ ihn aus den
      Fesseln, denn ich vertraute ihm. Ich spürte, dass er uns helfen
      würde. „Setzt euch auf meinen Rücken, dann geht es schneller.“
      Der große Wolfsmann winkte mich und Davoun zu sich und wir stiegen
      auf. Sein Fell war weicher als ich gedacht hatte. Er rannte sofort
      los und ich klammerte mich darin fest.



      Als die Nacht schon fast hereingebrochen war, erreichten wir das
      Schloss. Es stand hinter einer riesigen Mauer, inmitten der Stadt.
      Die Tore waren noch offen. Lordian hatte vorgeschlagen, so zu tun,
      als hätte er eine wichtige Botschaft an Nariell. Mich und meinen
      Begleiter steckte er in einen Sack, die Wächter würden eh nicht
      hinein schauen, behauptete er. Mit großem Tatam erklärte er ihnen
      dann, er müsse unverzüglich zur Königin und wie erwartet standen
      wir vor den Türen den Kronsaals. Er hatte uns inzwischen aus dem
      Sack gelassen. „Boa, ich hab fast gar keine Luft in dem Ding
      bekommen.“ Davoun hustete. „Und mich hättest du fast
      zerdrückt.“,gab ich daraufhin zurück. „Seid nicht so
      zimperlich, wir müssen jetzt rein gehen, damit Evelyn Nariell
      hypnotisieren kann.“, unterbrach Lordian uns. Ja, jetzt war es so
      weit. Ich wusste, wenn die Königin tot war, würde der Bann
      gebrochen sein und alle würden sich an mich erinnern. Ich holte tief
      Luft und drückte dann die Tür auf.



      Der Saal war überwältigend groß. In der Mitte auf einem riesigen
      Thron saß sie. Meine Feindin. „Du?!“ Sie sah mich überrascht
      an. „Ja ich! Und nun ist es Zeit, um die rechtmäßige Herrscherin
      auf den Thron zu lassen.“ Ich nahm alle meine Kraft zusammen und
      blickte Nariell in die Augen. Doch sie hielt mit ihrem Zauberstab
      dagegen. Zwischen uns entstand ein funkensprühender Lichtball, der
      sich immer näher zu mir bewegte. Ich stieß einen Kampfschrei aus
      und der Lichtball schleuderte die Königin gegen die Wand und sie
      löste sich in Luft auf. Ich dagegen fing an, am ganzen Körper zu
      leuchten und eine goldene Krone erschien auf meinem Haupt. Mich
      durchfuhr eine Welle der Erleichterung und ich spürte, ich hatte es
      geschafft. Endlich hatte ich das zurückgeholt, was einmal war:
      Frieden.
    • Hetzjagd
      by Gentoo

      Nemor zog tief die Luft durch seine Nüstern. Tannennadeln, alte Blätter und.. Reh.
      Ein tiefes Grollen entschlüpfte seiner Kehle. Endlich wieder Futter.
      Vorsichtig schlich er weiter durch das Unterholz und zog immer wieder die Luft prüfend ein.
      Er näherte sich.
      Dann tauchten sie vor ihm auf.
      Unwissend und friedlich ästen sie auf einer kleinen Waldlichtung.
      Nemor drückte seinen Körper flach auf den Boden, nur sein schuppiger Schwanz zuckte vor Vorfreude.
      Er tastete sich weiter vor.
      Die Rehe beachteten ihn nicht.
      Noch ein kleines Stück.
      Sie waren völlig ahnungslos.
      Nur noch ein paar Schritte und er konnte sie mit einem gewaltigen Sprung anfallen und seine Zähne in ihr saftiges Fleisch bohren.
      Nur noch ein klein wenig näher.
      Plötzlich hoben die Rehe ihre Köpfe, ihre Ohren richteten sich alle in eine bestimmte Richtung.
      Ein lauter Warnruf erscholl, dann sprangen sie in größter Panik davon und waren in sekundenschnelle Nemors Blick entschwunden.
      So ein Ärger.
      Was auch immer die Panik der Rehe verursacht hatte, es brachte Nemor um seine wohl verdiente Mahlzeit.
      Er horchte.
      Irgendetwas war anders als sonst.
      Es knackte im Gebüsch.
      Ein Schrei ertönte, dann brach ein Drachenweibchen aus dem Unterholz. Es keuchte stark und Blut tropfte von ihrer Flanke. Sie humpelte noch ein paar Schritte vorwärts, dann blieb sie stehen und blickte sich unsicher um. Mit einem Seufzen ließ sie sich zu Boden fallen und blieb bewegungslos liegen.
      Nemors Neugier war geweckt.
      Vorsichtig tapste er näher an das Drachenweibchen heran, zog immer wieder ihren Geruch ein.
      Sie schien schwer verletzt.
      Mit einem Ruck drehte das Weibchen ihren Kopf zu ihm und entblößte eine Reihe scharfer Zähne.
      „Verschwinde!“
      Nemor zuckte zurück, doch seine Neugier war stärker.
      „Warum? Was hast du? Wer hat dir das angetan?“
      Sie keuchte und ließ ihren Kopf wieder auf den Waldboden sinken.
      „Das geht dich nichts an.“
      Nemor legte den Kopf schief.
      „Du bist in meinem Wald, also doch, irgendwie schon.“
      „Das tut mir Leid. Ich muss mich nur etwas ausruhen. Dann bin ich auch schon wieder weg.“
      „So meinte ich das nicht. Bleib ruhig liegen, ich werde für dich jagen gehen.“
      Und so huschte Nemor davon. Er war der festen Überzeugung, dass ein saftiges Stück Reh die Lebensgeister der Drachendame wieder erwecken würden.
      Also begann die Jagd erneut.
      Er musste diesmal besonders schnell einen Erfolg verbuchen , denn er wollte seine Artgenossin nicht zu lange allein lassen.
      Der junge Drache durchforstete den Wald nach dem Rudel und wurde endlich fündig.
      Mit einem jungen Rehbock im Maul, kehrte er zu der Lichtung zurück, an der er die Drachendame zurück gelassen hatte.
      Sie war weg.
      Unsicher sah er sich um: „Wo bist du?“
      Er ließ den Rehbock fallen und schnüffelte. Ihr Duft lag noch in der Luft.
      Doch ein anderer Geruch mischte sich unter ihren.
      Er roch giftig, ätzend.
      Nemor spürte die Gefahr, bevor er sie sah.
      Voller Angst begann er zu rennen, breitete seine Flügel aus und versuchte ab zu heben.
      Ein gefährliches Knurren erklang hinter ihm.
      Der faulige Geruch breitete sich immer mehr aus, das Gras unter Nemors Füßen verlor seine satte grüne Farbe und begann zu welken, die Bäume ächzten qualvoll und ließen ihre Blätter fallen.
      Nemor schüttelte den Kopf, der Geruch vernebelte seine Sinne und ließ ihn schwanken.
      Die Kreatur hinter ihm kam immer näher.
      Er musste endlich abheben.
      Panisch schlug er mit den Flügeln und endlich verlor er den Boden unter seinen Füßen.
      Er streckte den Kopf gen Himmel und wich so gut es ging den breiten Ästen der Bäume aus.
      Doch der Geruch umwaberte seine Sinne, sodass er mehr als einmal fast gegen einen Baum geprallt wäre.
      Aber endlich, endlich konnte Nemor den Himmel durch das Blätterdach schimmern sehen. Er hatte es geschafft. Er hatte es wirklich geschafft.
      Das Drachenmännchen hob den Kopf noch weiter in den Himmel und konnte klare Luft um seine Nüstern spüren.
      Nach einem weiteren Flügelschlag konnte er bereits mit den Vorderbeinen die Baumkronen von oben berühren. Nemor drehte sich nach Westen, in Richtung der Berge. Er wusste das hinter den hohen Kuppen ein anderer Wald war, in dem er sich verstecken konnte.
      Er hob seine dunkelgrünen Flügel, um weiter an Höhe zu gewinnen, als ihn etwas am Schwanz packte.
      Mit einer ungeheuren Kraft wurde er nach unten gerissen und schrie auf.
      Hart schlug er auf den Boden auf.
      Benommen blieb er liegen, obwohl sich alles in seinem Körper dagegen wehrte.
      Er musste wieder auf die Beine kommen.
      Er musste fliehen.
      Ein riesiger Fuß umklammerte Nemors Körper und schnürte ihm die Luft ab.
      „Ich werde dich töten.“
      Panisch wandte sich der junge Drache unter dem Fuß seines Angreifers, doch er kam nicht frei.
      Mit letzter Kraft hob er den Kopf und biss in das Bein seines Feindes, so fest er konnte.
      Dieser schrie auf, doch lockerte er nicht seine Klammerhaltung.
      „ Du dummer kleiner Narr, das wird dich nicht retten. Ich werde dir genüsslich jedes kleine Fünkchen Leben aus dem Leib quetschen.“
      Er drückte Nemor noch fester auf den Boden.
      „Nun sag Lebewohl.“
      Noch immer umschloss der Kiefer Nemors das Bein seines Angreifers. Er konnte nicht loslassen. Er musste es weiter probieren. In seinem Kopf schlugen die Gedanken wild um sich. Er wollte nicht sterben.
      Wie ein Pfeil schoss plötzlich ein grüner Schatten durch die Bäume und traf die Kreatur am Hals. Mit Krallen und Zähne zerfetzte es die Haut an der Kehle, stieß sich dann kraftvoll ab und landete neben Nemor.
      Gurgelnd hob die Kreatur seine Kralle, schwankte kurz.
      „Flieg, du musst fliegen!“
      Nemor rappelte sich auf. Seine Flügel schmerzten unter der Anstrengung, als er seinen Körper nach oben wuchtete.
      „Höher, los!“
      Unter sich hörte er ein schweres Keuchen und wusste, dass er nicht der einzige war, der vor der Kreatur floh.
      Unter Nemor erscholl ein tiefes und gefährliches Grollen, dass sich zu einem angst einflößenden Fauchen steigerte.
      „Ich kriege euch, ich werde euch zerreißen. Zerfetzen. Wartet es nur ab, ich komme.“

      Nemor wusste nicht, wohin er flog, er folgte einfach den leitenden Worten, die ihn anwiesen Richtung Berge zu fliegen.
      Als es dunkel wurde, sank er erschöpft und überfordert auf einen Felsvorsprung, der weit über einen Steilhang reichte.
      „Es tut mir Leid.“
      Nemor wandte den Kopf.
      Die Drachendame hatte sich neben ihm niedergelassen, ihre Flanken hoben und senkten sich unter der gewaltigen Kraftanstrengung, die sie bis eben durchgestanden hatte.
      Das Blut an ihrer Wunde war inzwischen verkrustet, doch konnte sie ihr hinteres Bein immer noch nicht benutzen.
      „Du hat mich gerettet“, wandte Nemor ein.
      „Nein. Ich habe dich in ein grässliches Leben getrieben. Du wirst nie wieder unbesorgt sein können. Es wird dich jagen, wie es mich jagt. Es kennt kein Vergeben, kein Vergessen. Du wirst für immer auf der Flucht sein.“
      Nemor blickte den Abhang hinunter. Wenigstens hier war er in Sicherheit. In diese Höhe konnte es nicht kommen.
      Seufzend drehte er den Kopf zu seiner Artgenossin, die schwer atmend auf dem kalten Stein lag.
      Er konnte ihren Duft so deutlich riechen, dass ein innerer Feuerball in ihm zu erwachen schien.
      Behutsam legte er sich neben sie und breitete einen Flügel über sie aus.
      In weiter Ferne erkannte er die Baumkronen seines Waldes, in dem er ein Zuhause gefunden hatte.
      Nun war er auf der Suche nach einer neuen Heimat.
      Grummelnd legte er den Kopf auf die Steinplatte unter ihm.
      Wenigstens den Rehbock hätte Nemor zu gerne noch verspeist.
    • Tag zusammen :elf:

      Wir schreiben den 1. April 2014 und ich kann euch versichern, dass dieser Beitrag kein Aprilscherz ist. ;) Ganz im Gegenteil, denn der Votingzeitraum zum Schreibwettbewerb Februar/März 014 ist abgelaufen! Und tatsächlich können wir euch auch diesmal wieder einen demokratisch gewählten Gewinner/eine Gewinnerin präsentieren.

      Und hier die Auflösung:

      ...Gewonnen hat mit 6 von insgesamt 16 Stimmen... *trommelwirbel* :mamba2:


      Herzlichen Glückwunsch! Du kannst nun das Thema für den nächsten Wettbewerb vorgeben und wurdest in die Rangliste eingetragen. ;)

      Ein herzliches Dankeschön auch an alle anderen Teilnehmer! Wir hoffen, dass ihr beim nächsten Schreibwettbewerb auch wieder fleissig mitmacht und so zahlreich abstimmt. Wir sind schon sehr auf das neue Thema gespannt, das unser aktueller Gewinner hoffentlich schon bald vorgeben wird. 8)

      Übrigens könnt ihr nun auch nachschauen, wer die Autoren sind. Diese wurden den Geschichten beigefügt.

      Das war der Schreibwettbewerb Februar/März 2014. Vergesst nicht, euer Feedback zu den Geschichten zu hinterlassen! ;)

      Euer Fantasy-Geschichten-Forum
    • Herzlichen Glückwunsch, Hikari, du hast den Titel verdient!
      Es war einmal, da zogen ein Engel und ein Teufel an einem Wunschknochen, und als er brach, brach die ganze Welt entzwei.


      Es war einmal, da lebte ein Mädchen in einem Sandschloss, und die Monster, die sie erschuf, flogen durch einen Riss in den Himmel, in eine andere Welt.


      Zitat aus Days of Blood and Starlight von Laini Taylor
    • Danke, danke, danke, danke, danke, danke *-*
      Ich freu mich so \(*-*)/

      @Arathorn: Das macht doch nichts ;)

      @Alopex Lagopus: *schnüffel*
      Spoiler anzeigen
      *sniff*
      Spoiler anzeigen
      *erstarr*
      Spoiler anzeigen
      COOKIES!!! 8o *verputz*

      Keen to the scent, the hunt is my muse
      A means to an end this path that I choose
      Lost and aloof are the loves of my past

      WAKE THE WHITE WOLF, remembrance at last

      Chaos hat gesagt, dass ich "süß und flauschig" bin :love:
    • Herzlichen Glückwunsch Hikari.
      Wirklich gut geschreiben und eine tolle Idee zur Story. Überleg gut was das nächste Thema angeht, dann bin ich wieder dabei und du kannst dich zurück lehnen und geniessen. Viel Spass dabei! :D
      Mehr von mir gibt es an diesen Stellen im Form. Gefangen im High Fantasy. . Im Dark Fantasy Schatten der Nacht oder Gefallen Ein spannender Krimi wartet im No Fantasy :Bis zum letzten Schrei. Viel Spass :D