Schreibwettbewerb Oktober/November 2014 - Voting & Siegerehrung

Es gibt 24 Antworten in diesem Thema, welches 7.038 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Dinteyra.

  • Welche Geschichte hat euch am Besten gefallen? 24

    1. Wegpunkt zur Ewigkeit (1) 4%
    2. Der Junge mit dem Hasenherz (1) 4%
    3. Bruder (1) 4%
    4. Von Feigheit und Vergeltung (1) 4%
    5. Des Lehrlings erster Arbeitstag (1) 4%
    6. Deep Down (1) 4%
    7. Einsamkeit (9) 38%
    8. Bruderliebe (9) 38%

    Hallo zusammen,


    meine Sorge, ob der Schreibwettbewerb auch dieses Mal stattfindet oder wegen mangelnder Teilnahme abgesagt werden muss, war schliesslich doch unbegründet, denn ihr habt euch mal wieder selber übertroffen. Phänomenale 8 Kurzgeschichten sind es geworden - das nenne ich mal einen Endspurt. ;)


    Hiermit geht der Schreibwettbewerb Oktober/November 2014 ins entscheidende Uservoting.


    Folgendes Thema wurde von unserem letzten Gewinner Tom Stark vorgegeben:


    Auch der Tapfere stirbt eines Tages, doch der Furchtsame stirbt an vielen Tagen


    Die Geschichten werden gemessen am Datum ihres Einreichens willkürlich gepostet. So steht ihr im Bezug auf deren Autoren völlig im Dunkeln. ;)


    ACHTUNG: Beim Voten ist man nicht anonym. Somit wird Schummeln ausgeschlossen. Zudem dürfen einmal abgegebene Stimmen nicht mehr verändert werden. Bedenkt das bitte bei eurer Stimmenabgabe!


    Das Voting dauert bis 30. November 2014 um 23:59:59 Uhr.


    Viel Spass beim Lesen und Voten! :)


    Euer Fantasy-Geschichten Forum

  • Wegpunkt zur Ewigkeit
    von Du Vandir


    Thane blickte auf seine Kameraden. Einer neben dem anderen saßen die Vampirjäger auf den ledergepolsterten Stühlen, die Hände hinter den Lehnen zusammengebunden. An ihren Schultern waren immer zwei rote Punkte, die Bissspuren des Vampirs, der ihnen dadurch ein Gift injiziert hatte, das sie bald ebenfalls verwandeln und verfluchen würde.
    Jeder einzelne seiner neun Kameraden hatte gedemütigt den Kopf gesenkt. Der gemütlich eingerichtete Raum mit einem Kamin, Bücherregalen an den Wänden und einem blutroten Teppich auf dem Boden war ihr größter Schrecken. Sie hatten aufgegeben. Die Mission war gescheitert. Nur Thane, der einzige von ihnen, der noch nicht gebissen worden war, hatte den Mut nicht verloren. Seine Hände bearbeiteten fieberhaft das dünne Hanfseil, mit dem er gefesselt worden war.
    Der bleiche Vampirfürst erhob sich vom Hals Jorgens und drehte sich zu Thane. Seine Bewegungen wirkten mechanisch, als hätte er vergessen, wie es war, lebendig zu sein und würde lediglich die Menschen nachahmen, wie ein Theaterschauspieler, der unnatürlich wirkte, weil er verkrampft war. Der Vampirjäger steigerte die Geschwindigkeit seiner Arbeit an den Fesseln, während er das entsetzliche Starren der tiefschwarzen Augen des Fürsten unerschütterlich erwiderte.
    Langsam erhob der Untote seine Pranken in Richtung des Vampirjägers und sprach mit seiner kratzigen Stimme: „Nun ist auch deine Zeit gekommen, Menschling. Am Ende werden mir alle dienen, und die elenden Vampirjäger sollen die ersten sein.“ Dann lachte er böse. Er sieht sich in absoluter Überlegenheit, dachte der Vampirjäger, also wird er meinen Angriff nicht erwarten.
    Thane schloss seine Augen, atmete ruhig aus, dann ein, und saugte die Sinnesreize tief in seine feine Vampirjägernase ein. Die Luft schmeckte nach Blut und Angst. Doch er ließ sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Gleich würde der Fürst zubeißen, das war seine Chance. Er würde sich zwar selbst in eine äußerst gefährliche Position bringen, da der Vampir ihm direkt am Hals kleben würde, doch ebenso leicht, wie dieser Thane aussaugen konnte, konnte er diesem das Rückgrat brechen, und es wäre vorbei.
    Vorbei.
    Und er und seine Ordensbrüder, die neben ihm saßen, wären erlöst.
    Er hatte das Bild von dem Moment, in dem sie überwältigt und gefangen genommen worden waren, noch immer hinter sein Sichtfeld gebrannt. Die ganze Mission, der ganze Krieg, konnte nun durch eine einzige Aktion, durch einen schnellen Schlag, beendet werden.
    Er durfte nicht scheitern.
    Für den Bruchteil einer Sekunde waren Thanes Augen geschlossen gewesen. Er schlug sie auf und sah genau, was er erwartete. Der Fürst fletschte seine Zähne, stieß ein gieriges Fauchen aus und schickte sich an, die Fänge in die Schulter des Vampirjägers zu treiben um sein korrumpierendes Gift zu injizieren.
    Alles geschah blitzschnell. Ein Windstoß, der Fürst huschte an den Rand seines Sichtfeldes, zwei schmerzhafte kleine Punkte an seiner linken Schulter, das Reißen seiner Fesseln und das darauf folgende Hochreißen seiner Arme.
    Sofort merkte er, dass er den Vampir unterschätzt hatte. Dieser hatte sofort seinen Körper angespannt und war zurückgewichen, die Reißzähne verspritzten Thanes Bluttropfen.
    Verzweiflung, Wut, Angst, Hoffnung; alles stürzte über dem Vampirjäger zusammen, als er einen Hechtsprung auf den Fürsten vor ihm ausführte.
    Meine Kameraden! Sie müssen helfen!
    In dem darauffolgenden Handgemenge gab Thane alles, was in ihm steckte. Immer, wenn die Sicht auf seine Ordensbrüder frei wurde, blickte er ihnen in die Augen, die teilweise überrascht, teilweise völlig stumpf waren, aber in allen war das Feuer der Angst zu sehen. Das Gift tat seine Arbeit. Die Angst schnürte sichtlich ihr Urteilsvermögen ab.
    Warum helfen sie nicht? Wir haben doch gelernt, unsere Angst zu überwinden!
    Der Vampirfürst wand sich geschickt, überwältigte den tapferen Vampirjäger mit wenigen Handgriffen und schmetterte ihn hart und endgültig auf den Boden. Thane war erledigt. Sie alle waren erledigt.
    Und dennoch wusste er, dass sie eine Chance gehabt hätten, hätten seine Brüder ihm geholfen.
    Wieder spürte er Zähne, die sich in sein Fleisch bohrten und seine Blutbahnen aussaugten. Dieses Mal saugten sie jedoch in einem viel höheren Tempo. Der Fürst würde ihn aussaugen. Er spürte, wie er schwächer und schwächer wurde.
    Bevor er das Bewusstsein verlor, fiel sein Blick ein letztes Mal auf Jorgen, seinen ehemals besten Freund und engsten Vertrauten. In seinem Blick lagen Entsetzen, Schuld, Schmerz … und Thane wusste, dass sein alter Kamerad innerlich gestorben war.

  • Der Junge mit dem Hasenherz
    von Hikari


    Rito schlich langsam über den Friedhofsweg. Laut heulte der Wind durch die dunklen Schemen der Bäume, ließ sie sich wie Geisterwesen bewegen. Unter ihm von Nebel verdeckt knirschten Kies und Laub, die kühle Luft vermochte seinen Atem in weiße Wölkchen zu verwandeln. Zitternd stockte Rito, als ihm bewusst wurden, dass er die Schritte seiner Freunde nicht mehr hören konnte. Er war mit ihnen hierhergekommen, um eine Mutprobe zu bestehen, doch bereute er es jetzt schon. Der Wald, in dem der Friedhof lag, war alt und in dieser Dunkelheit geradezu beängstigend. Vor allem für ihn. Er war sowieso schon schreckhaft genug und bekam bereits Gänsehaut, wenn ein Katzenbaby böse schaute.
    Trotz dass die drei das wussten, gaben sie sich immer wieder große Mühe, Rito zum Mitmachen bei solchen Spielereien zu überreden. Nicht, dass es überraschend gewesen wäre, dachte er und verzog das Gesicht.
    Kaana war zwar früher seine beste Freundin gewesen, aber seit sie sich mit Kirean und Jorek abgab, spielte sie ihm immer öfter Streiche oder machte sich mit den beiden zusammen über ihn lustig. Es ärgerte ihn, hing er doch an ihr. Der Grund dafür, ein Schwur geflochten in frühester Kindheit, gebunden bis in alle Ewigkeit.
    Gemächlich hüllte ihn zähflüssige Stille ein und hielt ihn in schweren öligen Klauen gefangen, bis ein Knacken im Gebüsch Rito aufhorchen ließ. Angestrengt versuchte er etwas in der Dunkelheit auszumachen, was er aber nicht recht schaffte, da seine Augen ausgerechnet jetzt schwächeln mussten. Panik wallte in ihm auf.
    Plötzlich packe ihn etwas von hinten an der Schulter und riss ihn zurück. Rito stieß einen Schreckensschrei aus, fiel rückwärts und landete auf dem harten feuchten Boden eines Grabes. Sofort erscholl lautes Lachen um ihn herum, in seinem Kopf so unüberhörbar wie ein Stadium voller Fußballfans.
    „Du bist echt so ein Feigling, Rito“, johlte der strohblonde Junge und klopfte ihm freundschaftlich, aber ebenso schadenfroh kichernd, auf den Rücken. Auch Jorek grinste, aber ohne etwas zu sagen, sprach er doch eigentlich nie, wenn es nicht sein musste. Bibbernd blickte Rito sich vorsichtig um. Neben ihm standen nur Kirean und sein Freund Jorek, nicht aber Kaana.
    „Wo ist denn Kaana?“, fragte Rito mit noch benommener, zittriger Stimme, doch die Jungs antworteten nicht. Irritiert erhob er sich und hörte prompt Kireans raue Stimme, welche diesmal jedoch etwas heiser und leer klang.
    „Sie … Kaana … beim See …“, murmelte dieser und verdrehte dabei die Augen auf eine scheußlich kranke Art und Weise. Erschrocken starrte Rito ihn an, wagte kaum, sich zu bewegen.
    Auf fast schon brachiale Manier zerschmetterten aus der Ferne Blitz und Donner die samtene Stille, welche sich um die Jungen hernieder gelegt hatte. Ihnen dicht auf den Fersen jagte Ritos Angstschrei hinterher, nur um erneut das Lachen der zwei Jugendlichen auf sich zu ziehen.
    „Du bist so ein Schisser, total die Memme!“, brüllte ihn Kirean an und brach erneut in Lachen aus. „Du hättest mal dein Gesicht sehen sollen. Und falls du es wissen willst, Kaana ist am See. Sie wollte dort den nächsten Schocker für dich vorbereiten, aber du schaust jetzt schon aus der Wäsche, als hättest du dir für die nächsten Monate genug in die Hose geschissen. Du …“
    Rito schaute bedrückt zu Boden. Es war nichts Neues für ihn, dass Kirean ihn so anging und so versuchte er nicht hinzuhören, entfloh stattdessen in seine Gedanken.
    Lass mich … lass mich gehen … ich will weg, flüsterte es in ihm und dann …


    … ein Schrei. Ein weiblicher heller Schrei, welcher Kireans Tirade unterbrach.
    „Kaana“, stieß Jorek noch aus, bevor sowohl er als auch Kirean loshetzten, immer weiter in Richtung des panischen Stimmausbruchs.
    Nun stand Rito ganz all in der Dunkelheit des Friedhofs. Rasch brachten Adrenalin und Angst ihm einen enormen Energieschub. Er wusste, Kaana war gerade ebenso in Angst versetzt worden, wie er es schon so oft gewesen war und er wusste, er müsste eigentlich auch zu ihr rennen.
    Aber irgendwas hielt ihn davon ab, vielleicht auch nur sein Selbsterhaltungstrieb. Der hat ja auch in den letzten Jahren so gut funktioniert, dachte Rito verächtlich.
    Knurrend machte er auf dem Absatz kehrt und rannte los, nicht wissend wohin ihn seine Füße führen würden. Nur nicht zum See, nicht zu diesem verdammten See, so viel stand fest.


    Nach wenigen Metern schon wurde das Rennen fast unerträglich. Die Bäume machten es ihm schwer, nirgendwo gegenzulaufen und auch die Gräber waren einige Male im Weg gewesen. Nicht allen hatte er rechtzeitig ausweichen können, sodass sein Körper überall mit Erd- und Schlammflecken beschmiert war. Herunterhängende, erbarmungslose Äste hatten sein Fleisch an Armen und Hals mit roten teilweise etwas blutigen Striemen geschmückt.
    Gleich, gleich hast du es geschafft, Rito. Gleich ist dieser Horror vorbei, flüsterte es in seinen Ohren. Verwirrt durch diesen plötzlichen Klang achtete er nicht auf die dicke Wurzel vor seinen Füßen und stürzte ein weiteres Mal zu Boden.
    Der Geruch kühler Friedhofserde brannte sich in seinen Sinnen fest, als wolle er auf keinen Fall jemals vergessen werden.
    Erschöpft setzte Rito sich auf, noch Erde im Gesicht kleben habend, und erstarrte sofort. Kein Muskel in seinem Körper wollte sich mehr rühren, nicht einmal den Blick konnte er noch abwenden von dem, was er sah. Mit einem Schlag wurde die Luft um ihn herum noch kühler.
    Er saß auf der kleinen mit Gräbern bestückten Wiese am See und blickte zur alten Weide hinüber, welche seit Jahrhunderten am Ufer wuchs. Zu ihren Wurzeln lagen drei regungslose Körper, ein weiblicher und zwei männliche Leiber.
    Kaana, Jorek, Kirean, durchströmte es ihn in einem Fluss aus Entsetzen. Mit leisen und bedächtigen Schritten schlich er zwischen den Gräber in Deckung gehend langsam zu ihnen.
    Ihre Haut war schneeweiß, Eiseskälte schien ihre Adern zu durchfluten und in ihren Gesichtern hatte sich ein gewaltiger Ausdruck an Entsetzen und Furcht eingenistet.
    „Verflucht, was … was ist …“, versuchte Rito über die Lippen zu bringen, während die ersten Tränen neben Kaana zu Boden fielen. Dann begann er bitterlich zu weinen. Er hatte Kaana im Stich gelassen. Nun war sie tot und er war Schuld. Seine Schuld.
    Übelkeit bemächtigte sich seiner. Bestürzt taumelte Rito von den drei Leichen weg zum nächsten Grabstein, klammerte sich dort fest und übergab sich, bis sein Magen leer zu sein schien und er nur noch schmerzhaft würgen konnte. Dann kehrte er halb krabbelnd halb kriechend zurück zur Weide.
    Die Totenwache war eine alte Tradition, er würde die Nacht über hierbleiben und morgen früh sofort jemandem Bescheid sagen.
    Ob sie ihm wohl jemals verzeihen könnte? Über diesen Gedanken musste er wohl eingeschlafen sein.


    Als er aufwachte, dämmerte es bereits. Ihm gegenüber auf einem Leichenstein saß ein … Ding.
    Es hatte menschliche Züge, bleich bläuliche Haut und war ganz und gar in ein schwarzes Seidentuch gehüllt. Auf seinem sowohl männlich als auch weiblich aussehenden Kopf trug es einen Reishut. Alles in allem machte dieses … Wesen einen sehr seltsamen Eindruck, wenn es auch etwas amüsant bekleidet war.
    Kaum bemerkte es, dass Rito wieder Herr über seinen schläfrigen Körper wurde, begann es zu kichern und wollte gar nicht mehr damit aufhören.
    „Wa- … was ist so lustig?“, fragte er zögerlich und das Kichern wurde lauter.
    „Du! Du bist so lustig, Dummchen“, platzte das Wesen heraus. „Menschen sind alle so tapfer. So wie die beiden dort.“
    Es wies auf die Jungen und zog ein gelangweiltes Gesicht.
    „Sie hat mich wenigstens noch einen Moment unterhalten, aber wie gesagt, die Menschen heutzutage sind alle so tapfer. Meinen immer, hinschauen zu müssen und sich nicht fürchten zu dürfen, aber das ist falsch, weißt du? Und dann, tja, dann sterben sie einem einfach unter der Hand weg wie Fliegen und diese süßen kleinen Motten in solchen komischen Blitzbrizzellaternen. Sie sind alle langweilig geworden“, gähnte es. Dann nahm es seine Zunge zwischen die Finger, nahm sie plötzlich aus seinem Mund und warf sie Rito grinsend vor die Füße. Dieser quiekte angeekelt und rutschte auf dem Boden rückwärts, um mehr Abstand zu gewinnen.
    Die Zunge unterdessen hüpfte zu dem Ding und kroch in seinen Mund zurück.
    „Du fragst dich hoffentlich nicht, was das mit dir zu tun hat. Du bist so ängstlich, dass du schon wieder amüsant bist. Tja … solche Leute wie du, die können's halt …“
    Es wand sich ab und flüsterte vor sich hin, ohne Rito weiter zu beachten. Dieser jedoch fasste gerade einen völlig wirren Gedanken.
    „Ich … ich will nicht mehr … ich will weg, verstehst du? So wie ich jetzt bin, bin ich tagtäglich mit meinen Fluchtinstinkten und Angstattacken total überfordert. Und … und du hattest jetzt deinen Spaß mit mir“, flossen ihm die Worte nur so über die Lippen.
    Das Wesen drehte sich um und machte große Augen: „Redest du etwa mit mir?“
    Rito nickte kurz und die Augen des Wesens wurden noch größer. Es trat auf ihn zu, legt eine Hand auf seine Stirn und starrte ihm tief in die Augen.
    „Hmm … du bist 'ne ehrliche Haut, was? Weißte was, ich mach das. Nur für dich und weil heute meine Lieblingsnacht ist. Ihr nennt es Halloween, früher einmal hieß es Samhain und mein Volk … nunja … wir nennen es einfach Totenfest“, sagte das Wesen mit einem aufrichtigen Lächeln aufrichtig. Kaum hatte es das gesagt, fiel es in Schweigen zurück und dachte nach.
    Die ersten Sonnenstrahlen kletterten über die Baumkronen des Friedhofs und ließen ihn nicht mehr ganz so einsam aussehen.
    „Ich habs. Du wirst das, was du wirklich bist, Junge.“
    „Und was bin ich wirklich?“, fragte Rito skeptisch.
    „Das werden wir dann sehen. Tabhair dó a fhoirm fíor ar ais, o mór Gealach na féile Mharbh!” Mit diesen Worten erhob es seine Hände gen Himmel und wiederholte noch zweimal das gesagte.
    Ritos Körper begann, überall zu kribbeln und zu schrumpfen, aus seiner Haut wuchs weiches Fell und seine Ohren wurden länger. Dann mit einem Mal war alles vorbei. Sein Körper war um vielfaches kleiner als vorher und er blickte verwirrt in die Höhe, um das Wesen zu fragen, was es mit ihm getan hatte. Doch dieses streichelte nur seinen Kopf, bis nach und nach die Sonne höher stieg und die Erinnerungen Ritos, der nun ja nicht mehr Rito war, langsam mit dem kommenden Tageslicht schwanden.
    Schließlich wurde der Blick des Tieres dunkel und es hoppelte so schnell seine kräftigen Hinterläufe es tragen konnten ins nahegelegene Dickicht.
    „Bis nächstes Jahr, mein lieber Freund", rief ihm das Wesen hinterher und murmelte noch eine Kleinigkeit, bevor es im Licht des neugeborenen Tages lächelnd verblasste.


    „Was für eine seltene Schönheit du für meine Augen nur bist, Junge mit dem Hasenherz.“

  • Bruder
    von Sabrina


    Der Untergrund erzittert, ich kann es fühlen. Es ist ein Beben, dass sich fortsetzt in meinem Körper. Ein Schauder überrollt mich, als ein erneuter Schlag zu hören ist. Es gibt kein Entkommen, dieser Gedanke durchzuckte mich mit einer Intensität, die mir den Atem nimmt. Lange haben wir auf Hilfe gehofft, doch mit jedem Tag wurde die Hoffnung geringer. Jetzt ist nichts mehr übrig davon.
    Wenn ich in die mutlosen Gesichter um mich schaue, die im Halbdunkel stehen, sehe ich dieselbe Verzweiflung, die auch ich empfinde. Es gibt keine Hoffnung mehr, weder für unsere Stadt Barran noch für ihre Bewohner. Es ist lediglich eine Frage der Zeit… Niemand wird uns zu Hilfe kommen.
    Ein neuer dröhnender Schlag ist von dem Stadttor zu hören. Wieder trifft der Rambock sein Ziel. Die Erschütterung überträgt sich auf die Mauer und die Brüstung, auf der ich stehe. Ich bin Minos einer der Wachen. Wir sind nicht mehr viele, mit jeden Tag wird unsere Zahl kleiner.
    Drei Wochen belagern Sie uns schon. Unsere Vorräte schwinden und der Hunger ist unser stärkster Feind. Stärker, als das Heer dort draußen. Er zermürbt dich und sät Zwietracht zwischen den Menschen, in den eigenen Mauern. Menschen ohne Hoffnung verlieren den Glauben und sie denken nur noch an das eigene Wohl. Aus Freunden werden erbitterte Feinde. Erst der Angriff im Morgengrauen erinnerte sie alle wieder daran, wer der wahre Feind ist.
    Mein Blick schweift über die Ebene. Ich sehe die lodernden Feuer im Heerlager. Unzählige Zelte werden vom flackernden Licht beleuchtet. Weiter vorne haben Sie Aufstellung bezogen. Reihe um Reihe, dicht gedrängt stehende Leiber in Formation. Alle mit Schild und Speer bewaffnet warten sie. Sie warten darauf, dass die Verteidigung bricht.
    Die Späher hatten dem Hauptmann der Wache gemeldet, dass es Hunderte seien. Mir kommt es vor als wären es Tausende… Ihre Helme glänzen im Fackelschein und die Speere zeigen zum bleigrauen Himmel empor. Wie sollen wir gegen so ein Heer bestehen? Bei dem Gedanken überrollt mich die Angst. Ich will es mir nicht ausmalen, was passiert, wenn sie durchbrechen und diese Monster in Barran einfallen, doch die Bilder schieben sich in mein Bewusstsein. Ich habe es schon einmal gesehen…
    Enthauptete Leichen, Frauen und Kinder blutüberströmt. Ein Mann, der quer in der Gasse lag und uns den Weg versperrte… Seine weit aufgerissenen Augen und das vor Schmerz verzehrte Gesicht, zur Fratze entstellt, hat mich noch viele Monde in meinen Nächten verfolgt. Wird es hier genauso sein?
    Ich denke an Halem, meinen großen Bruder. Er ist bei den Bogenschützen am anderen Ende der Brüstung. Mit verengten Augen versuche ich, ihn zu erkennen. Was empfindet er? Shara, seine Frau und die drei Kinder haben es nicht mehr rechtzeitig aus der Stadt geschafft. Man hatte die Tore früher als üblich an diesem Abend geschlossen, weil die Späher das feindliche Heer auf dem Vormarsch meldeten. Nun sind sie gefangen in diesen Mauern, die den Tod bringen..
    Ich denke an die Worte des Hauptmanns. „Haltet stand! Ihr seid die letzte Verteidigungslinie. Es gibt noch Hoffnung!“


    Ein Hornsignal in das andere mit Einstimmen lassen mich scharf einatmen. „Angriff!“, schallt es aus Tausenden von Kehlen. Ihr Schrei vermischt sich mit meinem eigenen. Mit weit aufgerissenen Augen sehe ich wie die Formation aufbricht und schwarze Leitern nach vorne gereicht werden. Mit diesen stürmen sie zur Mauer und stellen sie an. „Los Leute! Ihr wisst was auf dem Spiel steht! Macht den Hunden Beine!“ Über das Schlachtgebrüll hinweg versteht man kaum die Worte.
    Adrenalin pulsiert in meinen Adern. Meine Zweifel und die Hoffnungslosigkeit sind wie fort gewischt. Jetzt zählt nur der Moment und die Aufgabe, die ich habe. Ich werde nicht zulassen, dass auch nur einer dieser Bastarde die Mauer überwindet. Mit zusammen gebissenen Zähnen pack ich das Eisen in meiner Hand fester. Die lange Stange geht an der Spitze in einem V auseinander. So kann ich die Leitern von der Mauer abstoßen, das gelingt mir aber nur in den ersten Momenten, danach ist das Gewicht zu groß.
    Ich keuche, der Schweiß rinnt mir in den Nacken, während ich eine Leiter nach der anderen von der Mauer abstoße. Die Männer machen mir Platz. Ich sehe dabei in die weit aufgerissenen Augen, hassverzehrten Gesichter meiner Feinde, ehe sie zurück in die Dunkelheit stürzen. Mein Atem geht stoßweise und die Armmuskeln schmerzen, als ich das Geräusch höre. Ein ohrenbetäubender Schlag und das Bersten und Brechen von Holz, es erschüttert die Mauer bringt mich ins Wanken. Sie sind durchgebrochen! Diese Worte brennen sich wie Säure in meinen Verstand. Was nun? Wir können diesen Kampf nicht mehr gewinnen.
    Immer mehr Barbaren erklettern die Mauer in ihren schwarz glänzenden Rüstungen. Ihre Gesichter hasserfüllt bis zur Unkenntlichkeit verzehrt. Ich nehm eine Waffe an mich von einem der Toten, dabei schaue ich ihm nicht ins Gesicht. Die Stange ist jetzt nutzlos, da der Ansturm nicht mehr abreißt. Ein Gedanke treibt mich vorwärts.
    Halem! Mein Bruder, ich muss zu ihm. Taumelnd immer wieder Kämpfenden ausweichend, renn ich die Brüstung entlang. Der bleierne Himmel ist aufgerissen. Von Mal zu Mal höre ich das Sirren von Pfeilen über mir. Die Schlacht tobt um mich. Ein brennender Pfeilhagel geht auf Barran nieder, entzündet die Strohgedeckten Dächer. Ich höre die Schreie, während ich immer weiter laufe, den Kopf einziehe und ausweiche. Da sehe ich ihn!
    Der Anblick lässt mich straucheln. Breitbeinig kämpft er gegen einen Barbaren. Ein Bär von einem Mann, schweißglänzend mit schwarzer Rüstung und Nasenhelm. Das Schwert, das er schwingt, ist ein Beidhänder, lang und scharf. Die Wucht der Schläge lässt Halem rückwärts taumeln. Diesen Kampf mit anzusehen, ist schlimmer als selbst mit diesem Bastard zu kämpfen. Ich muss etwas tun!
    Und dann ist der Gedanke da, wie aus dem Nichts... Er schiebt sich in mein Unterbewusstsein, lässt mich schaudern. Plötzlich weiß ich, warum ich hier bin. Weshalb es mich hierher gezogen hat, zu diesem Ort. Was der Grund für das alles ist…
    `Halem, hat mehr zu verlieren…` plötzlich ist diese Stimme da. `Seine Frau, seine Kinder… Irgendwo in dieser brennenden Stadt warten sie auf ihn. Du kannst diese Stadt nicht mehr retten, dafür ist es zu spät. Aber vielleicht ist es noch möglich einen Teil deiner Familie zu retten, jetzt und hier…`
    Meine Entscheidung macht mir das Herz leicht. Der Lärm, der aufeinander treffenden Schwerter wird dumpf, als ich mein Schwert schwinge. Ich sehe noch Halems Gesicht, die vertrauten Miene und das Erkennen darin, was ich vor habe. `Geh rette deine Familie und damit auch einen Teil von mir!` Das ist mein letzter Gedanke, ehe die Welt um mich herum in Dunkelheit versinkt…


    Ende

  • Von Feigheit und Vergeltung
    von Norik475


    So lange hatte er auf diesen Moment gewartet – und endlich war er da. Endlich hatte er sie erwischt, die feige Ratte, endlich konnte er sie ihrer gerechten Strafe zuführen.
    Sutriv war ein Mann von Ehre, ein Vorbild. Derjenige, der man als Kind sein wollte, wenn man sich selbst in ferner Zukunft sah. Sutem hingegen war eine verräterische Schlange. Die Sorte von Mensch, mit der man sich nicht auf offener Straße sehen ließ.
    Einst, vor einiger Zeit, hatte Sutriv den Fehler gemacht, Sutem zu vertrauen... und das verfolgte ihn seitdem – sodass er sie nun verfolgte, um Rache zu üben.
    Drei Monate lang hat er ihre Spuren verfolgt. Sie reiste von Dorf zu Dorf, von Fürstentum zu Fürstentum. Niemals verblieb sie mehr als einen Tag und eine Nacht lang an ein und demselben Ort, und stets war sie bereits abgereist, wenn Sutriv ankam. Durch Gespräche mit den Einheimischen konnte er zwar in Erfahrung bringen, wohin es sie nun verschlagen sollte, aber sie hatte immer einen Tagesmarsch Vorsprung. Sie wusste, dass sie gejagt wurde, und war auf der Hut.
    Dieses Mal, nur dieses eine Mal, hatte Sutem das Glück verlassen – ihr Pfad führte durch den Elendforst, ein finsterer, dichter Wald im fernen Nordosten. Fast alle, deren Weg durch diesen Wald führte, verliefen sich hier, und fast alle, die sich hier verliefen, waren verloren.
    Denn nicht nur Pflanzwerk lebte in diesem Wald – auch riesige Schreckenswölfe und wilde Wargbären, in ihren düsteren, grauen Fellkleidern, hatten sich hier angesiedelt. Ein Exemplar dieser Arten wog mehr als ein kleiner Pferdekarren, samt Pferd. Die Wölfe konnten dicke Holzbalken mit ihren kräftigen Kiefern zerbrechen, und ein Prankenhieb eines der Bären ließ selbst das stärkste Fachwerkhaus erbeben, ein zweiter Schlag ließe es einstürzen.
    Auch streiften nicht nur Fleisch und Knochen durch die Finsternis. Man sagte sich, dass einige Bäume in Vollmondnächten ihre Wurzeln aus der Erde rissen und zu wandern begannen; man erzählte sich sogar, dass sie ebenjene mächtigen Schreckenswölfe und Wargbären jagten, erlegten und fraßen.
    Ein Blätterdach aus smaragd-, oliv- und blassgrünem Laub verdunkelte den Himmel, ließ nur vereinzelt das Licht hinein, und ein dichter Blätterteppich aus feuerrotem und orangefarbenem Laub bedeckte den Boden und verbarg feuchten Schlamm und Matsch unter sich. Meterhohe, tiefbraune Säulen des Holzes stützten die Pflanzendecke ab und metertief grub sich das riesige Wurzelwerk dieser Stützen in die weiche Erde.
    Das halb verweste, feuchte Laub machte widerliche Geräusche, als es unter Sutrivs Stiefeln zertreten wurde. Bei jedem Schritt gab der Boden unter seinen Füßen eine Fingerbreite nach. Es fühlte sich fast an, als würde er darin versinken. Dreck und Schmutz krochen an seinen Stiefeln hoch, und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Sohlen nachgeben und seine Füße nass werden würden.
    Aber der nachgebende Matsch hatte auch sein Gutes: man hinterließ Spuren, die für einige Zeit erhalten blieben. Das bedeutete, dass Sutem auch Spuren hinterließ. Spuren, die er schnell fand, und denen einfach zu folgen war. Er war ihr dicht auf den Fersen.
    Sutriv würde sie töten. Nichts war jemals sicherer als das. Fest entschlossen wird er sie mit seinem Breitschwert töten, entzweischlagen, zerhacken, aufspalten, zerteilen, ausweiden. Wenn sie sich nicht wehren würde, würde er sie auch gerne mit bloßen Händen erwürgen oder ihr einzeln alle Zähne aus- und danach ihren Schädel einschlagen. Und er würde ihre Leiche im Dreck verrotten lassen, eine Bestattung oder sogar ein einfaches verscharren hätte sie nicht verdient. Nur der Tod stand ihr noch zu, für das, was sie getan hatte.
    Wenn er nicht hier wäre, um einem Menschen das Leben zu entreißen, hätte er vielleicht an der schönen Natur, die ihn umgab, Gefallen finden können. Blätter fielen langsam, Federn nicht unähnlich, zu Boden. Licht brach in langen, gelben Säulen durch die Baumkronen. Hin und wieder huschte ein riesiges Reh zwischen den Baumstämmen hindurch. Unter dem Laub wuselten Mäuse und anderes Kleingetier. Aber das konnte er sich auch auf dem Rückweg ansehen. Für Ablenkungen hatte er keine Zeit.
    Sutems Fußspuren führten in eine Lichtung. Ein fast kreisrundes Loch im Blätterdach, lichtdurchflutet. Umgeben von Stämmen, die ebenfalls in einem fast perfekten Kreis standen. In der Lichtung lag ein riesiger, umgestürzter Baum, ausgehöhlt und lange tot, dessen Umfang doppelt und dreimal so groß war wie der der anderen Bäume. An der Art und weise, wie er aus dem Boden gerissen war, und da ein langes, schwarzes Brandmal an ihm herablief, konnte man eines erkennen: ein Blitz war in ihn eingeschlagen.
    Eine Pflanze, die sich den Gezeiten widersetzte und über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg der feindlich gesinnten Natur zum Trotze wuchs wurde schließlich von den erzürnten Himmeln selbst niedergestreckt. Irgendwie tragisch, doch konnte Sutriv später um den toten Baum trauern: denn auf ihm, auf dem verrottendem Leichnam dieses gefallenen Riesens, saß Sutem, ihm den Rücken zuwendend.
    Sie war in braune, nasse Lumpen gekleidet und ihr strohblondes Haar war fettig glänzend und völlig zerzaust, mit einzelnen, vertrockneten Strähnen in allen Richtungen verteilt. Sie saß still und leise da. Hatte wohl eingesehen, verloren zu haben.
    So kannte er sie gar nicht. Sie trug sonst immer gute Kleidung, und auch ihre Haare waren stets sauber und gebürstet. Die Zeit auf der Flucht hat sie wohl nicht gut verkraftet. Das weckte ein kleines Gefühl der Genugtuung in Sutriv, doch würde dieses bald wesentlich größer werden, wenn sie erst einmal tot ist, und ihre ehemaligen Gefährten gerächt sind.
    „Sutem. Es ist aus.“, sprach Sutriv mit ernster, donnernder Stimme. Sie hallte in der Lichtung wider. „Steh auf und dreh dich um.“
    Sie rührte sich nicht. Er ging langsam auf sie zu, Schritt für Schritt durch den blattbedeckten Schlamm watend, und löste das Schwert aus der Scheide. Guter Stahl, mehrfach gefaltet, messerscharf.
    „Nun mach schon. Ich bin nicht so feige wie du und falle Anderen in den Rücken.“
    „Ich mag feige sein“, dröhnte es plötzlich hinter ihm aus dem Unterholz, gefolgt von einem metallenen Klacken und einem Zischen, als würde etwas durch die Luft gleiten. Dann spürte er ihn, den Stich, den Bolzen, wie er in seinen Rücken einschlug, Fleisch und Knochen zerstörend. „Doch bin ich noch am Leben.“
    Ein heftiger Ruck und ein grausamer Schmerz durchzogen ihn. Es fiel ihm das Schwert aus der Hand, und taumelnd stürzte er erst auf die Knie, dann fiel er mit dem Kopf voran in den Matsch.
    Er schmeckte den Dreck, und roch die feuchte Erde. Warmes Blut lief in Strömen aus seiner Wunde, er spürte, wie es vom Stoff aufgesogen wurde, und wie sein Hemd immer schwerer und schwerer wurde. Gegensätzlich fühlte er die Kälte des nassen Schlamms zwischen den Fingern und in seinem Gesicht.
    Während Sutriv regungslos dalag, hörte er das matschige Geräusch, dass die Blätter beim zertreten machten – jemand schlich um ihn herum. Er sammelte noch einmal alle Kräfte und lehnte sich auf seine Vorderarme, zog den Kopf aus dem Matsch. Er rieb sich den Schlamm aus den Augen und blickte vor sich.
    Das saß Sutem auf dem Baumstamm, neben einer anderen, blonden Gestalt. Ihre grausamen, grünen Augen musterten ihn, und ein hämisches Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab. Sie war eitel wie eh und je: Ihr blondes Haar war glatt und gekämmt, ihre Kleidung gut und teuer, allerdings für das Reisen abseits des Weges geeignet, geradezu geschaffen. In den Händen hielt sie eine Armbrust aus hellem Holz, deren Sehne nicht mehr eingerastet war.
    „Ich kann es einfach nicht fassen. Ich hätte dich eigentlich für klüger gehalten... mal ehrlich: du fällst auf eine Puppe rein? Ernsthaft? Das Ding hatte altes Stroh als Haar! Hast du mich so dämlich in Erinnerung? Glaubtest du wirklich, ich würde mich im Wald verlaufen und dabei so offensichtliche Fußspuren hinterlassen? Kam dir nicht in den Sinn, dass du in eine Falle laufen könntest?“
    Er versuchte, sich noch einmal aufzuraffen, stemmte sich mit beiden Armen vom Boden ab und erhob sich auf die Knie. Der Bolzen schmerzte in den angespannten Muskeln, und er spürte, wie ihm das Blut nun warm den Rücken herablief.
    „Ich hatte es gehofft,“, antwortete Sutriv keuchend, „zumindest einen Moment lang.“
    Er konnte sich nicht mehr halten, ihm fehlte die Kraft. Seine Beine gaben nach und er sackte zusammen, saß nun auf ihnen. Für Sutriv stand eines fest: er würde die heutige Nacht nicht mehr erleben. „Ich war schon immer schlecht darin, dich einzuschätzen. Ich hätte auch nicht gedacht, dass du uns einmal verraten würdest. Schließlich waren wir einst Freunde.“ Jedes Wort schmerzte Sutriv in der Brust. Er fing an, stark zu Husten, und spürte das Blut, wie es sich in seinem Mund ansammelte. Ein eiserner Geschmack verbreitete sich auf seiner Zunge. Mit jedem Husten, mit jedem Ruck, der durch seinen Körper zog, wurde der Schmerz schlimmer.
    „Ihr wart nie meine Freunde, keiner von euch, nur meine Kollegen. Und dir hab ich noch nie vertraut. Deine fehlende Menschenkenntnis merkt man schon daran, dass du versucht hattest, Ehre unter Kopfgeldjägern zu suchen.“
    „Verdammt noch mal, Sutem. Wir waren mehr als Kollegen. Wir haben zusammen gekämpft und getötet, haben zusammen geblutet, zusammen gespeist und gesoffen, zusammen gefeiert! Ist es das, was du dir nachts einredest, um zu schlafen? Sie waren nur Kollegen? Nur ein weiterer Auftrag? Sag mir, hat es sich wenigstens gelohnt? Wie viel Gold hast du für ihre Köpfe bekommen? Und wie viel Gold hast du verloren, weil ich du mich nicht erwischt hast?“
    Schlagartig wandte sich ihr Blick ab von ihm und sie lief rot an. Ja, das wollte er sehen... sie empfand Reue und Schuld. Sie schämte sich ihm gegenüber. Wenigstens hatte er jetzt die Gewissheit, dass sie kein glückliches Leben mehr führen können wird.
    „Nun, es reichte, um mich selbst wieder freizukaufen.“, sagte sie und führte ihre Augen zurück auf Sutriv. „Wir hatten wirklich ein gutes Ding am laufen, und eine wirklich gute und lukrative Zeit zusammen, oh ja. Die beste verdammte Zeit meines Lebens. Aber alles geht irgendwann vorüber. Wir haben uns viele Feinde gemacht, und das weißt du auch selbst. Irgendwie musste ich mich aus der Sache wieder herausholen. Sie haben sich auf die ein oder andere Weise aufgeopfert. Wenn man so will, sind sie Märtyrer.“, rechtfertigte sich Sutem.
    Blut lief Sutriv an den Mundwinkel herunter. „Märtyter...“, wiederholte er, „Märtyrer... Sag mir, zerfällt deine Zunge nicht zu Asche, wenn du ein kirchliches Wort in den Mund nimmst?“
    Sie lachte kurz auf, doch fing sie sich schnell wieder.
    „Hast du sie wenigstens bestattet, so wie sie's verdient hatten?“
    Sie schüttelte mit dem Kopf. „Nein. Nachdem ich ihre Köpfe abgetrennt und zum Auftraggeber gebracht hatte, landeten ihre Leichname in irgendeinem Massengrab für Pesttote.“
    Sie sagte diese Worte mit Grausamkeit. Sie sollten ihm schmerzen zufügen. Sie verhöhnte ihn, und wollte, dass er die Fassung verliert... vielleicht log sie, vielleicht... aber... was wenn nicht?
    Massengrab für Pesttote? Elendig und menschenunwürdig zwischen hunderten anderen Leichen vergammeln? Nein... das hätte nicht passieren dürfen...
    Er spürte, wie eine Wut in ihm anwuchs. Ein Zorn, der erst aufglimmte, sich dann erst zu einem Brand entfachte und dann zu einem Inferno entflammte. Er würde hier sterben, hier im Elendswald, das war nicht mehr zu verhindern, doch würde er sie mitnehmen! Sie wird bezahlen! Jeder Schmerz, der ihn vorhin noch geplagt hatte, war jetzt vergessen. Ihr Hohn war erfolgreich, doch ging er nach hinten los.
    Nur weil er verloren hatte, hieß das noch lange nicht, dass sie auch gewinnen musste.
    Ein letztes Mal sammelte er all seine Kraft zusammen und warf sich mit aller Kraft auf sie. Mit einer ungezähmten Wucht rammte er ihr seine Faust mitten ins Gesicht, und mit einem Mal brach ihre Nase. Er konnte das Brechen des Knochen hören. Dann zog er nach und schlug ein weiteres Mal auf die gleiche Stelle. Ihr schmerzerfülltes Stöhnen war wie Musik in seinen Ohren.
    Aber... etwas stimmte nicht. Da war ein stechendes Gefühl in seinem Unterleib, das da vorher noch nicht war. Ein erst kleines, dann großes Leiden, das mit jedem Herzschlag voller Pein zu pochen begann. Er blickte an sich herab, und sah, wie Sutem ihm einen dünnen Dolch in den Magen rammte. Erst einmal, dann zweimal, dann dreimal. Dann wieder, und wieder, und wieder. Starr vor Schreck und Schmerz sah er, wie die kleine Klinge ununterbrochen in seinem Fleisch versenkt wurde, nur um es dann sofort wieder zu verlassen. Aus jeder einzelnen, schmalen Wunde floss das Blut in Strömen und tropfte auf Sutem herab. Schließlich warf diese ihn von sich, und rollte sich in eine andere Richtung ab.
    Da lag er nun, flach auf dem Rücken, das Gesicht der Sonne und dem Himmel zugewandt, umgeben von Matsch und Dreck und Blut und Tod. Sutriv hörte noch das Wimmern von Sutem, wie sie neben ihm saß und sich die zerschmetterte Nase fasste. Vor Schmerzen kniff sie die Augen fest zusammen.
    Er schloss auch seine Augen, denn das Schwarze holte ihn ein. Eine Müdigkeit überkam ihn, und er hatte weder die Kraft, noch die Lust, sich dieser zu widersetzen. Einer nach dem anderen verließen ihn die Sinne: erst das Sehen, dann das Hören, dann der Schmerz. Und schließlich war er abgeglitten in einen traumlosen Schlaf, aus dem er nie wieder erwachen wird.

  • Des Lehrlings erster Arbeitstag
    von melli


    Mit vor Aufregung leuchtenden Augen folgte Gabriel seinem Meister. Lange war er auf diesen Tag vorbereitet worden, seinen ersten Arbeitstag.
    Er wollte es gut machen.
    Prüfend glitt sein Blick über sein leuchtend weißes Gewand - nein, daran war nichts auszusetzen. Keine Knitterfalte verspottete den feierlichen Anlass.
    Darob beruhigt, hielt er sich sehr gerade und breitete seine Flügel für genau die Spanne, die sein Meister ihm eingetrichtert hatte, aus.
    Ein leichtes Lächeln legte sich von selbst auf die Züge des jungen Engels, als er an Ezechiels Flügelermahnungen dachte.
    “So siehst du aus wie ein gerupftes Huhn.”
    “So wirkt es eher bedrohlich für jemanden, der uns noch nie erblickt hat.”
    “Habe ich die Lehrstunde schon beendet? Oder warum willst du wegfliegen?”
    Ezechiell war ein strenger Meister. Umso stolzer war Gabriel, ihm jetzt zur Hand gehen zu dürfen.
    In feierlichem Schweigen legten Meister und Schüler den Weg zur Grenze der Ewigkeit zurück.
    Die Harfenspieler woben bei ihrem Erscheinen eine bestimmte Tonfolge in die Melodie, welche Michael das Zeichen gab, dass sein Dienst beendet war.
    Michael hielt die Zeit an und drehte sich erleichtert zu den beiden um.
    “Heute ist es besonders schlimm, Gott segne euch”, seufzte er müde und verneigte sich dabei grüßend.
    “Gott sei mit dir!”, erwiderte Ezechiell und deutete ebenfalls eine Verbeugung an. “Du kannst dich nun ausruhen, Michael.”
    “Gott sei Dank. Ich muss erst einmal essen gehen, ich hatte mein Manna vergessen.”
    Mit müden Schritten verließ der Engel seinen Platz.
    “Grüß Gott!”, flüsterte Gabriel schüchtern, als Michael an ihm vorbeieilte. Das Manna habe ich auch vergessen!, fiel ihm dabei siedendheiß ein.
    Ezechiel hatte bereits Michaels Platz eingenommen, seine Flügel ein wenig geöffnet und das Gesicht zu einem verklärten Lächeln verzogen. Damit dreht er sich zu seinem Schüler um.
    “Mach dich bereit!”
    Gabriel suchte seinen Platz, spannte die Flügel korrekt und lächelte selig.
    “Ist es gut so, Meister?”
    Er war froh und stolz, als ihm dieser nach eingehender Musterung zunickte.
    “Dann wollen wir beginnen!”
    “Sei willkommen und fürchte dich nicht, all dein Leid ist nun Vergangenheit!”, flüsterte Gabriel hastig vor sich hin. Er durfte das vor Aufregung keinesfalls falsch aufsagen.
    Gespannt wandte er seinen Blick auf die schwarze Wolke vor sich.
    Ezechiell ließ die Zeit weiterlaufen.
    Und schon bewegte sich diese Wolke wieder. Ein altes Weiblein an einem Stock kam heraus. Sie sah aber gar nicht Gabriel, sondern ihren Stock an, hielt diesen in die Luft und machte vorsichtig einen weiteren Schritt.
    “Haaarrhaha”, lachte das Weiblein los und warf blindlings ihren Stock weit von sich.
    Gabriel musste sich bücken, um nicht getroffen zu werden.
    Hastig schoss er wieder hoch. Flügel spannen! Selig lächeln!
    “Sei willkommen und fürchte dich nicht, all dein Leid ist nun Vergangenheit!”
    Das Weiblein wischte sich bewegt eine Träne von der Wange.
    “Hier bin ich also? Hach, ist das schön!”, seufzte sie.
    Ihre gebeugte Gestalt richtete sich auf und freudig schritt sie auf Gabriel zu.
    “Ich dachte schon, ihr hättet mich vergessen.”
    “Aber nein, wir vergessen nie jemanden”, gab Gabriel sanft zurück.
    “Darf ich durch?”
    Unsicher sah das Weiblein auf das Licht hinter Gabriel.
    “Aber natürlich. Gehe hin in Frieden.”
    Sie waren hier nur zur Begrüßung und um die Seelen einzulassen, etwas, worüber Gabriel sehr froh war. Und er war froh, sich mit dem Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, wieder der Wand zuwenden zu können.
    Schon kam der nächste, diesmal war es ein alter Mann, der gramgebeugt aus der Schwärze trat und sich furchtsam umsah.
    “Sei willkommen und fürchte dich nicht, all dein Leid ist nun Vergangenheit!”
    Der Alte zuckte entsetzt zurück.
    “Oh nein”, wimmerte er. “Ist es etwa schon vorbei? Bin ich gestorben?”
    Gabriel nickte selig lächelnd.
    Da fing der Alte an, bitterlich zu heulen und zu wehklagen.
    “Aber was ist denn los?”, wollte der junge Engel wissen.
    “Ach“, jammerte der Mann, “ich hatte doch noch so viel vor in meinem Leben, und jetzt soll es schon vorbei sein? Das ist so ungerecht.”
    Angesichts des Alters wunderte Gabriel sich so sehr über diese Klage, dass er den Mann zu sich bat.
    “Was hast du denn versäumt?”
    “Alles”, jaulte der Mann. “Ich wollte doch eines Tages heiraten und Kinder kriegen, oder im Frühling mal auf einer Bank sitzen und die erste Sonne genießen, wenn die Zeiten besser sein würden. ”
    “War deine Zeit denn nicht gut?”
    “Wie hätte sie gut sein sollen? Es war ein Leben voller Angst. Immer wieder überfällt der grausame Dieter unsere Dörfer, und immer wieder mussten wir hungern und darben. Warum habt ihr das nur zugelassen?”
    Betreten musste Gabriel den Blick senken, darauf hatte er keine Antwort.
    “Ein Leben voller Angst und Sorge und als Lohn wartet nur der Tod. Das ist so gemein. Aber so ist das eben, machen kann man nichts, man muss da durch.”
    Er tat noch einen tiefen Seufzer, wandte sich ohne Gabriel noch eines Blickes zu würdigen zum Licht und verschwand mit gramgebeugten Schritten darin.
    Gabriel riss sich zusammen. Auch wenn ihm nicht nach seligem Lächeln zumute war, nahm er Haltung an, um den nächsten begrüßen zu können.
    Diesmal war der Mann jünger und kam gerannt, einen gehetzten Ausdruck im Gesicht.
    “Sei willkommen und fürchte dich nicht, all dein Leid ist nun Vergangenheit!”
    “So hat es doch nicht gereicht”, heulte der Mann verzweifelt auf und barg seinen Kopf in den Händen. “Ich bin gerannt, so schnell ich konnte, und doch hat er mich erwischt.”
    “Wer hat dich erwischt?”
    “Der grausame Dieter! Wie konntet ihr das nur zulassen? Jedes Jahr bin ich ihm davongerannt, doch in diesem Jahr war ich krank und nicht schnell genug. Das ist so ungerecht. Ich hatte doch nichts vom Leben.”
    Auch dieser Mann blieb untröstlich und verschwand seufzend und nur ungern im Licht.
    Langsam hatte Gabriel das Gefühl, seine Arbeit nicht gut zu machen, denn auch die nächste und übernächste Seele war ein Opfer des grausamen Dieters geworden und blieb untröstlich.
    Ezechiel sah, wie sein Schüler an sich zu zweifeln begann und hielt die Zeit an.
    “Nun, mein Sohn?”
    “Meister, wie können wir soviel Leid auf der Erde zulassen? Wieso gibt es einen grausamen Dieter?”
    Ezechiel strich ihm sanft über den Kopf.
    “Ich weiß, solche Klagen sind schwer zu ertragen. Doch tröste dich, Gabriel, nicht alle Seelen sind so. Bisher hast du deine Arbeit sehr gut gemacht und ich bin stolz auf dich.”
    Das gab Gabriel wieder Kraft.
    “Dann will ich nun fortfahren, Meister.”
    Er war froh, als ein kleines Mädchen durch die Wand getanzt kam und sein seliges Lächeln jauchzend begrüßte.
    “Guck mal, ich kann wieder laufen und tanzen, und nichts tut mir weh!”, jubelte das Kind, noch bevor er seinen Spruch aufsagen konnte.
    Es nahm seine Hände und tanzte mit ihm im Kreis.
    “Bist du denn nicht traurig?”
    “Nein”, lächelte die Kleine, “warum denn? Jetzt geht es mir ja wieder gut!”
    Dann hüpfte sie singend ins Licht davon.
    Doch dann kam wieder ein Opfer des grausamen Dieters und noch eins und noch eins, und alle klagten, doch nichts gehabt zu haben von ihrem Leben und gingen jammernd weiter. Gerade, als Gabriel es nicht mehr zu ertragen glaubte, kam der nächste, ein junger Mann, in der Blüte seiner Jahre, wild fuchtelnd hereingesprungen.
    Er erstarrte, sah auf seine leere Hand und drehte sich langsam herum.
    “Sei willkommen und fürchte dich nicht, all dein Leid ist nun Vergangenheit!”
    “Danke”, sagte der junge Mann verwundert, dann schritt er vorsichtig auf Gabriel zu. “Darf ich dich etwas fragen?”
    Auch wenn es ihm schwer fiel, da er selbst doch nicht wusste, wie sie den grausamen Dieter zulassen konnten, nickte Gabriel ergeben.
    Die Augen des jungen Mannes begannen zu funkeln.
    “Habe ich es geschafft? Ist der grausame Dieter hier vorbeigekommen?”
    “Das kann ich dir leider nicht sagen, ich bin nicht der einzige Torwächter”, sagte Gabriel sanft.
    “Na, ist ja auch egal. Ich habe jedenfalls getan, was ich konnte, und damit bin ich zufrieden”, murmelte der junge Mann. Befreit schritt er ins Licht.

  • Deep Down
    von Rhaegar


    "Game over," murmelte der Mann immer wieder, während er die schlampig konstruierte Wendeltreppe hinaufschritt, deren Stufen ächzend und seufzend seine Schritte ertrugen.
    Sein joviales Grinsen zog sich den gesamten Flur hindurch, den er schweigsam, mit schweren Schritten passierte. Einzig die Absätze seiner Schuhe hallten durch die leer gefegten Büroräume, wie ein verzweifelter Hilferuf, dem kein Gehör auserkoren war. Gleichgültig wanderte sein Blick durch die mottenzerfressene Ahnengalerie einer Familie, die längst vergessen war. Unbekannte en-face Mimiken fixierten ihn von der Seite. Doch diesmal würde er nicht stehen bleihen, um in die blassen, glanzlosen Gesichter zu starren, welche unter millimeterdicker Staubschicht erfroren, den Wunsch nach Aufmerksamkeit, als eine weitere, hoffnungslose Sehnsucht einreihten.
    Der rissige Fliesenboden war voller Sägemehl und die Fenster, die links und rechts den Flur flankierten, waren derart verdreckt und beschlagen, dass man die Lust verlor hineinzuschauen. Der Mann tastete sich, in halbe Dunkelheit gehüllt, durch die umgeworfenen Möbel, die sich ihm zahlreich in den Weg gestellt hatten.
    Schließlich erreichte er die Tür. Mit starkem Rot lackiert und dunkelgrünen, willkürlichen Formen, unter der vereinzelt abgeblätterten Primärfarbe. Sie quietschte und stöhnte, als er mit beiden Handflächen dagegen drückte, und sich beide Flügel wie ausgestreckte Arme in den nächsten Raum begaben. Außer seinem keuchenden, gleichmäßigen Atem vernahm er lediglich die tröstenden Laute des Schlüsselbundes, den er zwischen seinen Fingern tänzelte. Das trübe, flackernde Leuchten der acht Petroleumlampen, die jemals zu viert an jeder langen Wand des Ganges festgenagelt waren, spendete jedem seiner Schritte neuen Mut. Er beschloss zu pfeifen und formte seine Lippen zu einem kreisrunden, fleischigen Ring, dem schrille langgezogene Laute entwichen, die daraufhin kurzzeitig im Gang wüteten, ehe sie schlagartig erstickten. Vor einer marineblauen Tür, unter einer der Lampen hielt er inne. Sein Atem stockte, während sein Blick nichtssagend über die Türschaniere glitt, als würden sie zerfallen, wenn er sich nur etwas mehr konzentrieren würde. Er konnte jede einzelne Holzfaser erkennen, jede einzelne sich windende Parabel, es war als wollten sie ihm eine Geschichte erzählen, die eines verlassenen Gebäudekomplexes, welches abseits neugieriger Blicke, ein Projekt beheimaten sollte, das einstige Utopie in Tatsachen wandelte. Deep Down ... .
    Er klopfte, horchte und klopfte erneut. Sein von etlichen Waschgängen ausgebleichtes Hemd haftete an dem Schweiß seines Rückens.
    "Bist du wach?" fragte er in einem knappen Atemzug. Sein Grinsen hatte er abgelegt und durch einen starren nichtssagenden Blick ersetzt. Drei tiefe Falten bildeten sich auf seiner Stirn.
    "Ich glaube, mir geht es heute nicht so gut, kannst du nicht morgen früh wieder kommen?" Die ängstliche Stimme klang so kraftlos, dass sie es kaum in voller Stärke aus dem Raum schaffte. Der Mann lachte. Seine Mundwinkel dehnten sich in die jeweils andere Richtung und einige gelb - weiße Zähne blitzten unter seinen dicken Lippen hervor. "Du weißt, dass das nicht geht," knirschte der Mann mit schiefer Stimme.
    Ruckartig führte er seinen Schlüssel in das Schloß der Tür ein und öffnete sie.
    Da saß er: Sein rabenschwarzes Haar fiel ihm in fettigen Strähnen von der Schulter und die abgetragene Sportjacke hatte er an den Ärmeln um seinen Hals gebunden. Müde Iriden schauten ihn verängstigt an, sein Blick zeugte von übertriebener Demut, jedoch wusste er, dass es vielmehr ein Schleier war, der gezügelten Hass verbarg.
    Ein kleinwüchsiger Mann, mit krimineller Vergangenheit. Das System hatte ihn für geeignet auserkoren, als jemand entbehrliches, den die Gesellschaft nicht vermissen würde.
    "Das Spiel wartet nicht, komm jetzt!" rief er ihm zu. Es war, als würde eine eisige Brise durch das Zimmer wehen, sich wie ein Peitschenschlag auf den Mann stürzen, ihn am Hals fassen und gegen den Boden drücken. Zitternd presste er seine Jacke an die schmächtige Brust. "I-Ich bitte dich! Ich möchte doch nur leben!"
    "O du wirst leben," sagte der Mann in einem gleichgültigen Ton. "Sofern du gewinnst," fügte er hinzu und verfiel sogleich in zynisches Gelächter. Er holte eine kleine Plastikdose aus seinem abgetragenen Kittel hervor und hielt sie gegen das bisschen Licht, das den Raum erhellte.
    Ruckartig robbte der Mann rückwärts in die Ecke seines Zimmers und vergrub sein Gesicht unter der Jacke. "Bitte ... - Nicht die Tabletten! Ich bitte Sie! Ich will das nicht mehr! Wieso tun Sie mir das an!" Er schrie aus voller Kehle bis schließlich seine Stimme aufgab, und er sichtlich errötet im Gesicht, zu schluchzen begann.
    "Derrick Green, nicht?"
    "J-ja, woher kennen sie ... meinen Namen?" antwortete er prompt. Die Stimme war nun vielmehr ein Krächzen. Es war die Stimme eines Verlierers, dachte er sich. Aber er würde sich gerne vom Gegenteil überzeugen lassen.
    "Am 19. März 2027 wurden Sie aus der Resozialisierungsanstalt Maryland entlassen.
    Der Konsum von Metamphetamin sowie der gefährlichen Modedroge "Towers" wurde in ihrer Akte vermerkt." Seine Augen waren müde, er wollte nach Hause. Derrick war der letzte heute und je eher er ihn auf das Spielbrett setzte umso schneller könnte er gehen.
    "Du bist ein Junkie, Derrick," fuhr er in gewohnt ruhigem Ton fort. "Also, mach mir nichts vor und vor allem: Belüge dich selbst nicht. Andernfalls hast du schon verloren, ehe du das Feld betrittst."
    "Ich bin seit fast einem halben Jahr clean! Was möchten Sie? Geld? Ich gebe ihnen Geld, nur lassen Sie mich gehen." Derrick raufte sich die Haare, das Rot in seinem Gesicht wurde dunkler. Der Speichel quol ihm in einem warmen Rinnsal aus dem Munwinkel.
    "Das geht nicht Derrick. Es geht nicht, Sie wissen warum. Ihre Gedanken sind krank und rechtswidrig, Sie selbst gehören isoliert. Hierher, wo das Spiel das Leben ersetzt, was sie einst führten und Siw zum ersten Mal, abseits von Rausch und Lust, einen Nutzen für die Welt haben werden."
    Derrick erstarrte. Sein Blick gefror, ebenso sein Blut. Er wusste, dass er nun quasi nicht mehr existierte. "Rechtswidrig? Das, was Sie hier tun? Was denken Sie -," er stoppte, denn folglich verstand er, dass er nun nicht mehr Teil einer Gesellschaft war, die Normen und Gesetzen unterlegen war
    "Mein Junge, wer denken Sie bezahlt mich, vielmehr, wer denken Sie hat das "Spiel" ins Leben gerufen?"
    Derrick schwieg eine Weile. Sein Atem war tief und sorgfältig.
    Urplötzlich streckte er seine Hand nach der Dose aus, strich kraftlos mit den Fingerkuppen über den Deckel, und griff schließlich nach ihr.
    "Eine?" fragte er.
    "Vier." antwortete der Mann
    Derrick verzog nicht einmal das Gesicht. Er fügte sich, exakt so wie es führende Psychologen in der Alphaphase des Projekts, nach der Jahrhundertwende, prognostiziert hatten. Die Wissenschaft behielt immer Recht. Und so behielt er immer Recht. Er musste ihn nun lediglich beobachten, schauen, ob er überleben und nützen, oder eine Fehlinvestition sein würde. Hier ging es nicht um Nobelpreise, hier ging es nicht um Presse, Orden oder UN-Vorträge. Es ging, um die nächste Ebene in der Kriegsführung. Mut würde das Überleben eines Testobjektes sichern, Feigheit den "Reset-Knopf" betätigen und das Spiel neu starten. So einfach war es.
    Mentale Observation, kurz "Meob", sollte die Hegemonie der USA auf Ewig sichern.
    Seit fast drei Jahrzehnten kauerte er nun schon in diesem verwahrlosten Flügel, ohne bleibenden Erfolg. Und dabei wurde die Kritik immer lauter.
    Derricks benebelter Blick galt nun konsequent der gegenüberliegenden Wand, wo die Tapete zur Hälfte hinunterhing wie ein schlaffer Hals, der zu müde war, um aufrecht zu stehen. Alles hier war müde, das wusste er nur zu gut. Man musste müde sein, abwesend sein, um woanders wachen zu können.
    Derrick hatte aufgehört zu blinzeln, sein Blick war nun genauso starr wie der eines Toten. Sein Atem wurde immer ruhiger. Regungslos saß er auf seiner Matratze und schaute die Wand an, als wäre dies seither seine Aufgabe gewesen. Die Röte hatte inzwischen nachgelassen und war durch eine schlichte Blässe ersetzt worden.
    "Ich nehme an, du hörst mich?"
    "Ich höre Sie," antwortete Derrick ruhig. Seine Handflächen lagen auf den Oberschenkeln und die Jacke hatte er unlängst auf den Boden geworfen.
    "Was siehst du Derrick?"
    Schweigen.
    Kurzzeitig war nicht mal mehr ein Atem aus Derricks Richtung zu vernehmen.
    "Hörst du mich Derrick? Was siehst du?" Zum ersten Mal, seit er den Raum betreten hatte, erhob er seine Stimme. Zweimal "Game over"? Und heute hatte doch sein Sohn Geburtstag. Es fiel ihm ein, dass er noch kein Geschenk hatte.
    "Jetzt, ja." kam es aus Derrick geschossen.
    "Und, was siehst du, Junge?"
    "Ich weiß nicht. Ein Gemälde? Schwarzer Rahmen, Ölfarben, kräftige Farben, nichtssagende Farben!" Er stöhnte laut auf, zog seine Hände von den Oberschenkeln und fasste sich an die Stirn. Schmerzerfüllt verzog sich sein Gesicht und zwei tiefe Falten bildeten sich auf der blassen Stirn.
    "Die Farben wollen dir sicherlich etwas zeigen. Sei so lieb und folge ihnen Derrick."
    "Ich versuche es ja ... !" Er wurde wieder ruhiger, entspannter. "Das Gemälde porträtiert
    einen Mann. Ich kenne ihn, vielleicht auch nicht. Er sitzt am Schreibtisch und geht einen Stapel Dokumente durch. Die Fahne der USA weht im Hintergrund, direkt hinter dem Fenster, vor dem der Mann sitzt. Eine zweite Person bringt ihm gerade eine Schüssel Suppe."
    Sein Grinsen wieder aufgelegt, richtete er seinen Blick abwesend an die Decke.
    Fünfundvierzig Sekunden im "Meob-Zustand", sechs Sekunden mehr, als vor drei Wochen, wo der bisherige Höchstwert verzeichnet worden war. Und dieser Junkie hielt es noch aus. Er lebte noch!
    "Sag mir Derrick, wie heißt denn das Gemälde?"
    "Es heißt-, ja es heißt "das letzte Abendmahl". Von O - Punkt - bin Laden."
    Ein kalter Schauder durchlief sein Inneres. Er fühlte sich, als müsse er sich übergeben. Ihm war schlagartig schwindelig und übel zumute.
    Derrick atmete nicht mehr.
    Der Mann holte sein Handy aus dem Kittel und wählte hitzig einige Nummern.
    "Ja, hören Sie mich? Hallo? Area 51 hier! Sagen sie dem Secret Service bescheid, dass ein Attentat geplant ist. Nein nicht gleich! Sofort!"
    Der Abnehmer hatte aufgelegt. Unabhängig davon, dass er gerade zum ersten Mal seit geraumer Zeit geschrien hatte, war es strikt verboten, Anrufer aus der Area 51 abzuweisen. "Korruption- ," dachte er sich. "Kennt keine Grenzen."
    Es ging nicht um Presse, Nobelpreise, Orden oder UN-Vorträge. Nein, darum war es nie gegangen. Es ging schlicht und ergreifend um Sicherheit. Die Definition dieses Wortes war jedoch einem Mann überlassen, der in diesem Moment tot sein würde.
    "Game over," flüsterte er immer wieder, während er erneut auf den Flur hinaustrat.
    Er durfte den Geburtstag nicht verpassen.

  • Einsamkeit
    von Ciro


    Du dort. Wovor fürchtest du dich?
    Vor der Dunkelheit? Vor Schmerz? Oder gar vor dem Tod?
    Es ist keine Schande, Angst zu haben, im Gegenteil. Angst bewahrt uns davor, Dummes zu tun.
    Aber Angst kann auch zurückhalten. Und sie kann Chancen nehmen.
    Wolltest du nicht eben dieses Mädchen ansprechen? Sie kommt dir bekannt vor, und schon seit du sie vor ein paar Wochen das erste Mal gesehen hast, würdest du sie gerne etwas fragen.
    Doch du hast nicht. Aus Angst vor Zurückweisung? Davor, belächelt oder ausgelacht zu werden? Sicher hattest du deine Gründe…aber die hast du auch jetzt noch, und würdest du zugeben, was es war? Nein.
    Vielleicht war es auch kein Mädchen, sondern ein Junge. Oder ein Streit, bei dem jemand zu Unrecht verletzt wurde. Weil es diesen Menschen Spaß gemacht hat, ihn zu treten und ihm die Tränen in die Augen zu treiben. Sicher, du wolltest nicht auch verletzt werden, aber wäre es das nicht wert gewesen? Moralisch gesehen ja. Aber möglicherweise hätte es auch rein gar nichts gebracht, und ihr wärt Beide verletzt worden.
    Das hier schreibe ich, um mir selbst Mut zu machen. Weil das, was ich euch mitteilen will, für mich nicht einfach loszuwerden ist.


    Auch ich habe Angst. Oder vielmehr hatte, im Bezug auf das, was ja bereits geschehen ist.
    Da war dieses Mädchen. Es gibt immer ein Mädchen.
    Sie saß immer allein da, auf der Schaukel, und sah zu, wie die Anderen spielten. Ihre Beine waren schwach, und sie humpelte schon, als sie klein war. Dabei hatte sie schöne Beine, nur leider konnten sie Sie nicht wirklich tragen.
    Auch ich war allein. Weil ich seltsam war. Immer sah ich Dinge, die andere nicht sehen konnten, und ich war immer in Gedanken. Die Schule in unserem Dorf, dort, wo die Schaukel an einem Baum hing, hatte nur eine Klasse. Und ich saß hinten, genau wie Sie.
    Schon als Kind waren wir allein, während die anderen spielten. Und je älter wir wurden, desto einsamer wurden wir. Jedes Jahr wurde das Mädchen schwächer, bis der Tag kam, an dem Sie gar nicht mehr laufen konnte. Ihre Beine konnte Sie noch bewegen, aber tragen würden sie sie nie mehr.
    Die Verzweiflung ihrer Eltern ließ diese suchen, nach jemandem oder etwas, er ihr helfen konnte. Es war keine hoffnungslose Suche. Eines Tages kam ein Heiler in unser Dorf und nahm sich des Mädchens an.
    Doch laufen würde sie nie mehr können. Der alte Mann mit der Robe und dem langen Stab verhinderte, dass es schlimmer werden würde, konnte aber nicht mehr tun.
    Und so saß sie immer da, auf ihrer Schulbank, wenn sich die anderen freuten und draußen spielten, bis der Unterricht weiterging.
    Nun saß ich auf der Schaukel, meinen Träumen nachhängend. Die blassblauen Geisterschlieren beobachtend, die den Kindern beim Spielen zusahen und voller Sehnsucht an das Leben umherstreiften.
    Doch dann änderte sich etwas. Wir alle wurden älter, die Jungen kräftiger, die Mädchen hübscher. Ich und Sie waren da keine Ausnahme.
    Und dann, eines Tages, sah ich von meiner Schaukel im Schulhof zum Fenster. Dort, wo das Mädchen, dessen Namen ich in all den Jahren nicht gelernt hatte, traurig eine Hand an die Scheibe legte und dem Ball zusah, der von den anderen Jungen durch die Gegend geworfen wurde.
    Da lockte es mich. Ich blinzelte, mich fragend, was das wohl war. Meine Augen sahen ihre langen, hellbraunen Haare und die blauen Augen, die so oft Tränen vergossen hatten.
    Wieso eigentlich nicht, fragte ich mich und stand auf. Meine Beine trugen mich zur Türe, und ich trat in den Klassenraum, wo sie saß mich unsicher ansah.
    Langsam ging ich zu ihr und fasste unter ihre Beine und ihren Oberkörper, und ehe sie erschrocken zusammenzucken konnte, hatte ich Sie hochgehoben und trug das Mädchen nach draußen. Es schluckte und sah mich an, als wüsste Sie nicht recht, was und ob sie überhaupt etwas sagen sollte.
    Am Baum angekommen, setzte ich sie auf die Schaukel und stieß sie langsam an, sodass die Seile vor- und zurückschwangen.
    Der Rest der Klasse sah mich nur seltsam an, doch das Mädchen drehte den Kopf und lächelte.
    Und da wusste ich, dass ich nicht mehr allein sein wollte.

  • Bruderliebe
    von Tika444


    Ein Stein traf ihn mitten an der Stirn und für den Moment überdeckte ein greller Blitz die Sicht auf seine Peiniger. Blut tropfte in sein rechtes Auge. Weitere Steine flogen und trafen. Getragen von den Schmähungen, die von überall her auf ihn eindrangen. Ihr Schmerz trug nur zu dem bei, was sein Körper bereits durch die tagelange Flucht erdulden musste. Das Gebrüll dröhnte in seinen Ohren. Er senkte den Kopf. Versuchte den Schmerz zu ignorieren, die Welt um ihn herum zu vergessen. Doch das brachte ihn nur wieder zu dem was ihn erwartete und sein Atem gefror ihm in der Lunge. Plötzlich blieb sein Fuß an einer Wurzel hängen und unterbrach schlagartig seinen Trott. Der Boden raste auf ihn zu und selbst ohne die Fesseln hätte er den Sturz wohl kaum verhindern können, doch da wurde er von starken Händen aufgefangen und zurückgestoßen. Eine Faust schlug ihm ins Gesicht. Sterne tanzten vor seinen Augen. Dann schlug er auf dem Boden auf und schmeckte Blut auf der Zunge. Seine Wachen drängten sich um ihn, hielten die aufgebrachte Menge ab. Nicht aus Mitleid. Nicht aus kameradschaftlicher Treue. Einfach weil es zu gnädig wäre ihn das Bewusstsein verlieren zu lassen. Seine Beine fühlten sich schwer an als er die kurze Treppe erklimmen musste. In seinem Rücken fühlte er die spitze Klinge eines Schwertes, um ihn herum nur Hass. Man führte ihn auf eine Falltür, eingelassen in der hohen Plattform aus Holz, die er so oft fröstelnd betrachtet hatte, und ließ ihn dort stehen, während man ihm ein Seil um den Hals legte. Die rauen Fäden rieben an seiner Haut. Von hier oben konnte er die ganze Menge überblicken. Die unzähligen Soldaten, mit Schwertern am Gürtel und dem Wappen auf der Brust. Dahinter die etlichen aufgereihten Zelte. Alle weiß und gleich. Dann natürlich die Holzmauer des Forts, hoch aufragend und gesäumt von Wachtürmen. Sie versperrte ihm jeglichen Weg in die Welt dahinter, in die Freiheit. Hier drinnen war er gefangen in einem Gefängnis aus Zorn und Enttäuschung. Hier drinnen lauerte nur der Tod.
    „William Kilt“, ertönte eine tiefe Stimme von rechts. Er brachte es nicht fertig sich zu ihr zu drehen. Er brachte es nicht fertig sich überhaupt zu bewegen. Sein Körper zitterte, jeder Atemzug fühlte sich an als pressten eintausend Säcke Mehl auf seinen Brustkorb. „Ist angeklagt und schuldig gesprochen“, fuhr die Stimme monoton und unbewegt fort, „Der Fahnenflucht im Angesichts der Feindes. Er hat im Augenblick des Mutes alle Treue fahrengelassen und den Weg der Feigheit gewählt. Für diese Tat wird er im Sinne des Rechts unseres großartigen Landes und im Namen unseres glorreichen Königs zum Tode am Strang verurteilt.“ Die Menge war im Verlaufe des Verlesens des Urteils zunehmend leiser geworden und nun bis auf gelegentliche Zwischenrufe verstummt. Will hörte hinter sich die schweren Schritte des Henkers. Ihm war so kalt. Die Sonne schien ihm prall auf den Kopf und ihm war kalt! Es war als wäre das Seil um seinen Hals bereits jetzt festgezurrt. Flehentlich blickte er in die Menge. Sah in verschlossene Gesichter. Gesichter derer die längst mit ihm abgeschlossen hatten. Eine Gestalt erschien in seinem Sichtfeld. Mathold Drunhim, Sein Hauptmann und Befehlsgeber. Der, der die Verurteilung so beiläufig verlesen hatte. Der, der schon immer gesagt hatte er würde keinen einzigen Kampf überstehen. „Und hier stehen wir nun“, sagte ebendieser. Die Haare in Drunhims Bart bewegten sich im Wind, ebenso wie dessen Kleidung. Ob der Wind daran schuld war, dass Will so kalt war? „Ich wusste immer, dass wir uns eines Tages hier oben begegnen würden“, behauptete der Hauptmann, „Um meinen Hals den Kragen der Uniform, um deinen eine Schlinge.“ In seiner Stimme lag nichts als Verachtung. Will senkte den Blick nach unten, auf den Holzboden der Plattform. Eichenholz. Rau aber gut gearbeitet. „Siehst du“, riss der Hauptmann ihn wieder aus seinen Gedanken, „Selbst jetzt noch, nur einen Fingerbreit vom sicheren Tod entfernt, traust du dich noch nicht mal in meine Augen zu sehen. Deinen Fehler zuzugeben und zu bereuen oder wenigstens ihn zu verteidigen. Du hättest niemals Soldat werden dürfen.“ Will hätte gerne den Blick gehoben. Das hätte er wirklich. Wenn er es hätte ertragen können. „Ich kann dich gar nicht töten“, stellte Drunhim fest und einen Moment lang entbrannte ein winziger Funke Hoffnung in seinen Gedanken, „Du bist schon längst tot. Gestorben als du das erste Mal fortranntest und andere im Stich ließt und daraufhin etliche weitere Male.“ Der Funke verglühte und Drunhim wendete sich ab. „Bitte Sir“, flehte Will mit trockener Stimme, „Bitte verschont mich. Ich bin ihr persönlicher Diener, ich tue alles dafür. Gnade Sir Gnade.“ Der Klang der Schritte stoppte. „Siehst du. Deine letzten Worte sind ein Wimmern“, erklang die Stimme des Hauptmanns und dann ertönten die Schritte wieder. Will schluckte. Trommler begannen einen langsamen Rhythmus. Alle anderen Laute schienen verschwunden. Monotones Schlagen im Gleichklang. Sein ganzer Körper begann zu zittern. Der Gleichklang verdichtete sich, der Rhythmus wurde schneller und schneller. Tränen benetzten seine Wangen. Die Schläge verschmolzen zu einem Stakkato. Er presste die Augen fest zusammen. „Stopp!“ Die Stimme übertönte die Trommeln. Übertönte alles. „Stoppt diesen Unsinn“, erklang die Stimme erneut. Und tatsächlich. Die Trommeln gerieten aus dem Rhythmus und verklungen schließlich ganz. Vorsichtig öffnete Will die Augen. War er denn schon Tot? Aus den Reihen der Soldaten zu seinen Füßen war ein einzelner vorgetreten. „Nimmt ihm verdammt noch mal diese Schlinge ab“, sagte der Mann und schien dabei alle seiner Kameraden um Längen zu überragen. Er war gekommen, das war er tatsächlich, und er würde ihn retten. Er hatte ihn immer gerettet. „John“, erwiderte der Hauptmann und dieses Mal klang Bedauern in seiner Stimme mit, „Es gibt Gesetze und Befehle und die muss man befolgen. Dieser Mann hat seine Befehle nicht befolgt und jetzt muss ich meine Gesetze befolgen. Unser aller Gesetze. Auch die deines Bruders.“ Zustimmende Rufe erhoben sich aus der Menge. „Er hat noch nie zuvor gekämpft. Gebt ihm noch eine Chance. Ich bin sicher er wird sie erfüllen. Ich bürge dafür“, versprach John. Unnachgiebig und felsenfest. Einen Moment beherrschte Schweigen den Platz, einzig durchbrochen vom Atemgeräusch hunderter. „Es tut mir leid John“, antwortete der Hauptmann schließlich und wandte sich an den Henker, „Verdienen sie sich ihre Stiefel.“ Kein Trommelwirbel, keinen Aufschub, keine Chance. Das konnte es doch nicht gewesen sein? Will hörte wie der Hebel sich bewegte, spürte die Falltür sich öffnen und den Boden unter seinen Füßen verschwinden, sah ein Wirrwarr aus Farben, betete dass es schnell gehen möge und schlug auf dem Boden auf. Lebendig!
    „Steh auf!“ Die Stimme klang so real wie aus einem längst geträumten Traum. Benommen blinzelte er. Ihm tat alles weh, sein Herz hatte den Trommeln, was das Stakkato anging, den Garaus gemacht, aber er lebte. Er lag auf dem Boden unter der Plattform, die abgetrennte Schlinge noch immer um den Hals. John kniete über ihm und durchschnitt seine Fesseln mit einem Dolch. Ein weiterer musste wohl das Seil durchtrennt haben. „Komm schon“, beharrte sein Retter, „Wir müssen hier weg. Steh auf.“ Irgendwie schaffte er es mit Johns Hilfe auf die Beine zu gelangen und, verwirrt wie er war, unter der Plattform heraus zu stolpern. Und dann, er konnte selbst nicht mit Gewissheit sagen warum, rannte er. Waren es die Schreie, die jetzt langsam in sein Bewusstsein vordrangen? War es die Aussicht und die verschwindend geringe Chance auf Leben, die seine Beine vorantrieben? Immer weiter, während der Geruch nach Rauch in seiner Nase brannte und das Leuten der Feuerglocke in seinen Ohren tönte. Hatte John den Brand gelegt? „Zu den Pferden“, brüllte John durch den Lärm und zog ihn am Arm hinter sich her. Will warf einen kurzen Blick zurück und bereute es sofort. Hinter ihnen folgten etliche, dutzende Soldaten, Schwerter und Speere in den Händen. Ein Pfeil surrte so nah an seiner Wange vorbei, dass er bereits den Luftzug spüren konnte. Er rannte schneller. Bei den Pferden angekommen, sprang Will sofort in den Sattel eines bereits vorbereiteten Rappen, während John, den wenigen verbleibenden Abstand zwischen ihnen und ihren Verfolgern nutzend, die Leinen ihrer und die der übrigen Tiere durchschnitt. In deren Augen spiegelten sich die Flammen und sie stoben panisch davon. Will wartete kaum bis John seinen Fuß in den Steigbügel gesetzt hatte, da bohrte er dem tänzelnden Rappen die Hacken in die Flanken. Das Tier war nicht minder panisch denn seiner Artgenossen und verfiel aus dem Stand in einen halsbrecherischen Galopp. Will beugte sich tief über den Pferdehals und genoss die entgegenströmende Luft. Reiten hatte er schon immer gekonnt, schon immer geliebt. Es brachte Meilen zwischen ihn und jede Gefahr. Während er dahinflog, vermochte er es fast die Soldaten, die Schwerter, ja sogar den Galgen zu vergessen. Ein lautes Wiehern und ein Schrei holten ihn jedoch unvermittelt aus seinem Tagtraum zurück in die Wirklichkeit. Er blickte nach rechts wo sich John hätte befinden müssen, doch er fand nur Zelte und Erde. Mit zusammengebissenen Zähnen zügelte er seinen Rappen, bis dieser widerwillig anhielt, und warf einen Blick über die Schulter. Einige Meter hinter ihm lag das Pferd Johns in einer Lache aus Blut, mit einem Pfeil im Hals. John selbst saß etwas weiter entfernt im Staub, benommen zwar aber unverletzt. Er hatte Glück gehabt. Will warf einen Blick zu ihren Jägern. Der Abstand zwischen ihnen war durch den wilden Ritt größer geworden. Er könnte John auf sein Pferd laden und fliehen. Das Lager brannte und die übrigen Reittiere waren verstreut. Es würde eine ganze Weile dauern bis man die Verfolgung aufnehmen könnte. Ein weiterer Pfeil löste sich aus der Menge, schoss jedoch weit über seinem Kopf hinweg. Es waren nur einige Meter zu John, er könnte es schaffen. Seine Hände verkrampften sich um die Zügel. Johns Blick traf auf den seinen. Etwas flehentliches lag in ihm. Einmal ein Risiko eingehen, einmal Mut beweisen. Er trieb seinen Rappen an und flog mit ihm aus dem Lager hinaus in die Nacht.


    Fackeln in der Dämmerung. So weit entfernt kaum leuchtend, doch immerdar glühend. Will versenkte die Fersen in den Flanken seines Rappen. Immer und immer wieder. Schweiß ließ das seidene Fell glitschig werden und weißer Schaum quoll aus dem Maul des Pferdes. Das Tier konnte so nicht mehr lange durchhalten, doch mit jeder Sekunde der Rast würden seine Häscher aufholen. Und so trieb er es immer weiter. Weiter und weiter, die ganze Zeit mit dem Bild von John, seinem Bruder, vor den Augen. Wie er dort allein im Staub saß, an seinen flehenden Blick. Er würde gewiss an seiner statt gehängt werden. Wenn er jetzt umkehrte gab es vielleicht noch eine verschwindend geringe Chance ihn zu retten. Genauso groß wie die Chance ihn zu retten für John gewesen war. Doch wendete er sein Pferd nicht. Der Hauptmann hatte Recht gehabt. Er war schon lange tot.

  • Vielleicht sollten wir in Zukunft die Teilnahmebedingungen für die Geschichten ändern; denn die Bedingung "‡ Die Geschichte muss im Fantasy-Genre angesiedelt sein", wird eh nicht beachtet. Die zwei Geschichten mit den meisten Stimmen bislang, weisen überhaupt kein Fantasy Element auf.


    :?:


    Was sagen die anderen dazu?

  • Ich denke, dass wir es diese Runde noch durchgehen lassen und ab dem nächsten Wettbewerb die Regeln auch wirklich einhalten.
    Immerhin ist das hier ein Fantasy-Geschichten-Forum und ich denke, wir sollten dabei bleiben.
    Wofür erstellt man überhaupt Regeln, wenn sie nicht eingehalten werden? Und es geht jetzt nicht nur um das Genre sondern z.B. auch um die Länge der Geschichten.
    Trotz des Minimums von einer Seite gab es Geschichten, welche weit weniger Inhalt hatten und auch Geschichten, die über das Maximum von drei Seiten hinaustraten.
    Ja gut, über das Maximum lässt sich streiten, aber ich denke, die Regeln sind nicht grundlos da und sie gelten schließlich für alle.
    Also sollte man sich auch daran halten oder eben nicht mitmachen.


    Nur meine Meinung :)


    EDIT: Man sollte dann aber auch alle Aspekte des Fantasy-Genres mit einbeziehen. Da hat TiKa meiner Meinung nach schon Recht.

    Keen to the scent, the hunt is my muse
    A means to an end this path that I choose
    Lost and aloof are the loves of my past

    WAKE THE WHITE WOLF, remembrance at last


    Chaos hat gesagt, dass ich "süß und flauschig" bin :love:

  • Naja. Aber auch low fantasy ist fantasy. Und fantasy muss ja auch nicht Magie und so umfassen sondern vor allem eine Welt die der eigenen Fantasie entspricht.
    Ist auch nur meine Meinung und ich habe auch nichts dagegen die Regeln so abzuändern, dass tatsächlich derartige Elemente enthalten sind und natürlich kann ich auch nicht behaupten, dass ich recht habe;). Aber ich habe es bisher immer so angenommen. Wenn ich falsch liege, tut mir das leid.

    Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.


    Aldous Huxley

    Einmal editiert, zuletzt von TiKa444 ()

  • Hohei! :santa2:


    Der Votingzeitraum zum Schreibwettbewerb Oktober/November 2014 ist hiermit abgelaufen! Und diesmal können wir euch nicht nur einen sondern gleich zwei demokratisch gewählte Gewinner/Gewinnerinnen präsentieren!


    Hier die Auflösung:


    ...Gewonnen haben mit jeweils 9 von insgesamt 25 Stimmen... *trommelwirbel* :mamba2:



    Herzlichen Glückwunsch! Ihr könnt nun das Thema für den nächsten Wettbewerb vorgeben und wurdet in die Rangliste eingetragen. Ausserdem bekommt ihr für einen Monat 3 goldene Sterne und einen eigenen Benutzertitel. ;)


    Ein herzliches Dankeschön auch an alle anderen Teilnehmer! Wir hoffen, dass ihr beim nächsten Schreibwettbewerb auch wieder fleissig mitmacht und so zahlreich abstimmt. Wir sind schon sehr auf das neue Thema gespannt, das unsere aktuellen Gewinner hoffentlich schon bald vorgeben werden. 8)


    Übrigens könnt ihr nun auch nachschauen, wer die Autoren sind. Diese wurden den Geschichten beigefügt.


    Das war der Schreibwettbewerb Oktober/November 2014. Vergesst nicht, euer Feedback zu den Geschichten zu hinterlassen! ;)


    Euer Fantasy-Geschichten-Forum

  • Gratuliere euch beiden.
    Waren wirklich tolle Geschichten.


    @Kiwi: Auch wenn es ein Fantasy Forum ist, würde ich diese Regel weglassen. Manchmal ist es einfach schwierig schon nur zu entscheiden, ob es sich um ein historisches Werk oder Fantasy handelt, da beides oft im Mittelalter angesiedelt sind. Manchmal - besonders bei Kurzgeschichten - ist die Grenze dünn. Magie und so weiter einzubauen, ist in einer Kurzgeschichte auch nicht wirklich einfach, da dies oft komplexe Hintergründe besitzen kann. Außerdem ist der Non-Fantasy-Bereich im Forum auch sehr lebhaft. Aus diesen Gründen würde ich hier offener sein.

  • Glückwunsch an euch beide. :thumbsup:

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Gratulation an euch beide.
    Es war wirklich schwer zwischen euch beiden zu wählen, aber Bruderliebe hatte Pferde und schien mir damit einen Tick eher Fantasy.
    (nicht unbedingt DIE stichhaltige Begründung, aber so schien es mir eben ...)


    Ich rate dazu den Fantasy-Aspekt nicht auszuklammern, sondern sogar extra noch einmal darauf hinzuweisen. Mag sein, dass es nicht immer leicht ist diesen Aspekt in einer kurzen Geschichte unterzubringen, aber das hingegen macht ja den Reiz aus.

    -------------------
    Tom Stark
    zum Lesen geeignet

  • Herzlichen Glückwunsch an Ciro und TiKa444 zum Wettbewerbssieg!


    Ich bin schon gespannt auf euer Thema, und wie ihr es zustande bringt, euch zu einigen :D ;)

  • Vielen Dank euch allen an :).


    Es waren sehr viele tolle Geschichten dabei, allen voran natürlich Ciros, die mir sehr gut gefallen hat, aber auch die anderen verdienen ganz viel Respekt :thumbsup:.


    Zitat

    Ich bin schon gespannt auf euer Thema, und wie ihr es zustande bringt, euch zu einigen :D ;)


    Irgenwie kriegen wir das schon hin. Ich bin da optimistisch ^^ ;)


    LG TiKa

    Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.


    Aldous Huxley