Stereotypen – ein Bauplan für Charaktere

  • Im Deutschunterricht analysieren wir gerade „Woyzeck“. Ein Drama, das mit Stereotypen arbeitet. Da interessiert es mich doch scharf, ob ihr auch Stereotypen nutzt. Also: Die Tussi; das graue Mäuschen; den Assi; den strengen Lehrer; die besorgte Mutter; etc.

    Ich weiß, dass Stereotypen in diesen Zeiten sehr gezwungen und langweilig wirken. Doch für einen Anfänger können sie das perfekte Guide sein.

    Wenn ihr sie nutzt, WIE nutzt ihr sie?

    "Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung, keine Bildung."
    - John F. Kennedy (US Präsident)
  • Doch für einen Anfänger können sie das perfekte Guide sein.

    Ich würde es eher gegenteilig sehen. Das erschaffen von glaubhaften und einzigartigen Charakteren ist mit das wichtigste, was man für eine Geschichte machen kann/muss. Wenn man sich stattdessen auf stereotypen verlässt, hat man nicht nur das Problem, dass die Leser schon beim Namen Sky-Hope die Augen verdreht, sondern auch, dass man das eben nicht lernt. Ich finde es viel besser, wenn einem mal ein Charakter misslingt - dann lernt man viel mehr, als wenn ich zum hundersten Mal den gleichen Stereotyp bennutzt ...
    Allerdings kann man sehr gut mit einem Stereotypen anfangen, und sich von dort vorarbeiten und den Charakter ausbauen und entwickeln. Das funktioniert erfahrungsgemäß sehr gut :D

    Wenn ihr sie nutzt, WIE nutzt ihr sie?

    Neben dem Ausgangspunkt um einen Char auszubauen auch für Nebencharaktere, die nur einmal auftreten - dort ist es nicht schlimm, dass man den Char sofort versteht. Wirt, Wache ... hier wirken die Stereotypen ebenfalls so, dass man sich nicht lange fragt, wie der Kerl wohl sein könnte - man hat sofort ein Bild im Kopf. Für unwichtige (!) Nebencharaktere ist das gut, weil man keine Zeit hat, sie zu entwickeln und zu zeigen, wie sie sind.

    LG Chaos :chaos:

  • Chaos Rising Da hast du auch wieder recht! Aber, wenn du etwas witzig schreiben möchtest, dann sind doch Stereotypen genau richtig. Schon Mal den Film "Morgen ihr Luschen – Ausbilder Schmidt, der Film" gesehen? Ich lag auf dem Boden. Und dass sind die reinsten Stereotypen.

    "Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung, keine Bildung."
    - John F. Kennedy (US Präsident)
  • Allerdings kann man sehr gut mit einem Stereotypen anfangen, und sich von dort vorarbeiten und den Charakter ausbauen und entwickeln. Das funktioniert erfahrungsgemäß sehr gut :D

    Wenn ich das Ganze einmal rückwärts wiederholen und ergänzen darf:

    Meiner Meinung nach kann man jeden noch so komplizierten Charakter auf einen Stereotyp herunterbrechen. Wenn man mal die Besonderheiten, Ticks und Eigenarten außer Acht lässt, lässt sich für jeden Charakter eine Schublade finden.

    Beispiel: Der strahlende Held; der missgönnende Neider; der nervige Rivale, etc.

    Was die Figuren interessant macht, ist, wenn diese anfänglichen Stereotypen durch etwas "besonderes" ergänzt werden.

    Beispiel: Der strahlende Held mit düsterer Vergangenheit; der missgönnende Neider, der eigentlich ein Gönner ist, aber nur falsch verstanden wird; der nervige Rivale, der sich plötzlich in den Helden verliebt, etc.

    Je mehr Details den Stereotyp ergänzen, desto einzigartiger wird die Figur, bis sie wirklich nur noch schwer zu einem einzigen Stereotyp abstrahiert werden kann.


    Ob wir es wollen oder nicht, wir alle stecken Menschen und Figuren in Schubladen, vielleicht wird nach dem ersten Eindruck nochmal etwas umsortiert, aber irgendwo ordnet man Leute ein. Interessant wird's wenn dieser jemand zur Überraschung der Leser plötzlich aus der Schublade springt und sich in eine gänzlich andere setzt.

    Bestes Beispiel: Severus Snape - Der absolute Stereotyp des "fiesen" Lehrers, bis man die tragische Geschichte und mit ihr die Wahrheit erfährt. Ein wunderbarer Charakter, trotz des stereotypischen Auftretens.

    Durch Umwege sieht man mehr von der Welt.

  • der missgönnende Neider, der eigentlich ein Gönner ist, aber nur falsch verstanden wird;

    Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. Wobei... je nachdem. Wenn neiden meint, dass man das, was der andere hat, ausschließlich selbst haben möchte, dann funktioniert es nicht. Wenn neiden aber nur meint, dass der andere das auch gerne für sich hätte, es dem anderen aber auch gönnt, dann passt es.

    Interessant wird's wenn dieser jemand zur Überraschung der Leser plötzlich aus der Schublade springt und sich in eine gänzlich andere setzt.

    Da stimme ich dir zu, dass diese Überraschung auch spannend ist. Ich denke aber, dass Charaktere umso realistischer wirken, wenn sie eben nicht in Schubladen passen. Oder zumindest mit jedem Bein und jeder Hand in eine andere Schublade müssen. Das kommt natürlich auch darauf an, was genau eine Schublade enthalten soll. Für mich klingt Schublade auch immer so nach einem Funktionsplatz in einer Geschichte, etwa "dem Helden" oder "der Prinzessin, die gerettet werden muss". Wenn sich ein Charakter darauf reduzieren lässt, dass er eine bestimmte Funktion erfüllt, abgesehen davon aber nicht interessant ist, dann ist das vermutlich kein besonders interessanter Charakter. In so einem Fall würde es auch nicht so viel bringen, wenn dieser Charakter durch eine Wendung in der Story plötzlich in eine andere Rolle gesteckt wird. Oder es führt genau dazu, dass es doch ein spannender(er) Charakter wird. :hmm:


    So schön ich diese abstrakten Diskussionen finde und gerne mitdiskutiere, so wenig bringt mir das in letzter Zeit für das Schreiben. Aktuell denke ich immer mehr von Motiven aus, also welche Wünsche, Hoffnungen, Ziele, vielleicht auch Ängste und Zwänge sind der Anlass oder der Grund dafür, dass eine Charakter etwas tut. Und das nicht nur für die Hauptpersonen, sondern auch quasi für alle "Bewohner" einer Geschichte. Aber das hängt vielleicht auch davon ab, was man schreiben möchte oder auf was eine Geschichte fokussiert. Wenn es (wertungsfrei) eher "auf der Oberfläche" um den starken, kühnen, schönen Barbarenkämpfer geht, der allerlei actionreiche Abenteuer bestehen muss, dann ist es vielleicht nicht so wichtig, warum er das tut, anstatt zuhause am Ofen zu sitzen und ein gutes Buch zu lesen. Oder man findet leicht eine plausible Erklärung dafür ^^

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Asni

    Da fällt mir jetzt spontan Prinz Hans (oder was auch immer sein Titel war) aus Frozen ein. Fand ich einen sehr schönen Twist, denn ich hätte Disney gar nicht zugetraut, einen solchen komplexen Charakter zu erschaffen, der erst als der schöne und hilfsbereite Jüngling auftritt, am Ende des Filmes dann aber sein wahres Gesicht zeigt. Und dabei ist er ja nicht mal wirklich der "Böse", sondern handelt aus völlig nachvollziehbaren, rationalen Gründen. Er steht so sehr am Ende der Erbfolge, dass er es nie zu was bringen wird und Prinzessin Anna von Arendel zu heiraten ist das Beste was ihm passieren kann. Erst als er seine Karierre tatsächlich bedroht sieht, wird er fies - aber sind wir ehrlich: wer würde sich so eine Chance entgehen lassen?

    In der Hinsicht (und in ein paar mehr) fand ich Frozen 2 recht schwach, denn da gibt's praktisch keine Überraschungen und die Charaktere handeln alle sehr vorhersehbar.


    Vermutlich ist es auch eher das, was mich generell stört: wenn Protagonisten vorhersehbar sind. Meiner Meinung nach muss ein Charakter nicht vollkommen umgekrempelt werden, um interessant zu werden. Stattdessen ein paar Fehler, ein paar Aktionen, die man dem Charakter vielleicht nicht ohne weiteres zugetraut hätte - das finde ich spannend und das macht die Protagonisten menschlich. Aber natürlich, da geb ich dir Asni vollkommen Recht, immer auch irgendwie aus einem bestimmten Beweggrund heraus. Wenn das Motiv unglaubwürdig oder nicht vorhanden ist, kann der Charakter noch so viele unerwartete Aktionen bringen, er enttäuscht dann nur noch oder wirkt wie ein Psychofall (was natülich auch beabsichtigt sein kann ^^ ).

  • Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen, wie das funktionieren soll.

    Im Grunde genauso wie Polarfuchs das geschrieben hat: er wird einfach falsch verstanden ^^ Als Autor der Geschichte hast du in einem bestimmten Rahmen unter Kontrolle, welches Verhalten einer Figur an den Leser herangetragen wird und wie die anderen Figuren auf ihn reagieren. Zum Beispiel hört der Protagonist ein Gespräch mit, allerdings nur zum Teil und zieht aus dem unvollständigen Textfetzen falsche Schlüsse. Je nach Erzählperspektive erkennt der Leser dann genausowenig wie der Prota seinen Irrtum über den Charakter. Er kann schließlich nur anhand dessen urteilen, was er zu lesen bekommt und das bestimmt der Autor. Es funktioniert meiner Erfahrung nach auch gut, wenn eine geachtete Figur (besonders intelligent, besonders vernüftig etc.) ihre Ansicht über eine andere Figur darlegt und auf diese Weise die Meinung des Lesers prägt. Weil Figur XYZ ist ja vernüftig und schlau und kann deswegen ja gar nicht falsch liegen :D

    Bestes Beispiel für solche bewussten Falschdarstellungen sind diese Doppelagenten in irgendwelchen Filmen, die man für Verräter hält, bis rauskommt dass sie ja doch noch auf derselben Seite stehen.

  • Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen, wie das funktionieren soll.

    Das sollte nur ein blödes Beispiel zur Verdeutlichung sein. Lassen wir die Fantasie mal spielen:

    Es könnte ja sein, dass der Protagonist den "Neider" als solchen wahrnimmt, weil er immer die dicksten Kartoffeln vom Feld des Protas klaut. Letztendlich macht der Neider das aber nur, weil er die für die Nachzucht einbehalten will, damit der Prota nächstes Jahr wieder eine fette Ernte einfahren kann. Ohne den vermeintlichen "Kartoffel-Neid" des Nachbarn hätte er sie sonst nämlich gierig und doof wie er ist alle verspeist und nächstes Jahr keine neuen einpflanzen können. Der Neider wusste von der Kartoffel-Schwäche des Protas und entpuppt sich durch das "Wegnehmen" der dicksten Kartoffeln letztendlich als Gönner, der weiter dachte.


    Ansonsten hat Skadi ganz hervorragend verdeutlicht, was ich damit sagen wollte.


    Ich schließe mich deiner Meinung übrigens an. Eine Figur braucht für authentisches Handeln natürlich auch nachvollziehbare Beweggründe, das wollte ich mit meiner Aussage nicht dementieren. Sie müssen nicht immer sofort vom Leser zu erkennen sein, aber letztendlich muss ein Handeln in der Gesamtheit der Figur stimmig sein. Da bringt Katharina mit Prinz Hans ein super Beispiel.

    Durch Umwege sieht man mehr von der Welt.