Die Legende vom Winterkönig (zum dritten...)

  • Ich hab die Kommis hier mal kurz überflogen.


    Nur ganz kurz: Zum Porlog. Ich finde nicht, dass man hier das sonst so beliebte Show don't tell braucht. Denn für mich hat das eher den Charakter einer Legende, in der ich ja auch nur Dinge erzählt, statt gezeigt bekommen. :hmm:


    Zur Grausamkeit. Ich fand das eigentlich recht passend, wie es da geschildert wurde. Ich finde Ferons Variante, auch nicht mehr oder weniger Grausam. Immerhin wird in Mellis Version Gembries dazu aufgefordert SELBST das Fleisch seiner geliebten Kuh zu verarbeiten, was ich ein Stück weit abartiger fand.
    Bei Feron Version hingegen, wäre der Überraschungsmoment. Die Szene wird aufgebaut UND DANN sieht er, dass es sich bei dem Fleisch um die Kuh handelte.
    Am grausamsten wäre wohl eine Mischung der beiden :hmm: Aber ich weiß nicht, ob es das überhaupt braucht. Ich weiß zwar noch nicht viel über die Chars, wieso ich zu so einem frühen Zeitpunkt der Geschichte eigentlich noch nicht so ins Detail gehe, aber bis jetzt wirkt stimmig, was die Personen und ihre Handlungen angeht.
    Wie ich schon in meinem ersten Kommi geschrieben habe, finde ich nicht, dass Ruitgars ein von Grund auf Böser Mensch ist.
    Aber das hat Charon ja auch noch mal erläutern.

  • Wie ein Messer stach ein Krampf durch seine Eingeweide. Alastair stöhnte leise in seinen Knebel und presste seinen Schließmuskel fest zusammen.

    Es war schon schlimm genug, dass er seit vier Tagen in die Hose pinkeln musste, weil die verdammten Räuber ihm nie die Fesseln abnahmen. Selbst den Knebel musste er weiter ertragen, obwohl sie schon tief in den Wald eingedrungen waren und ihn sicher niemand hören würde, wenn er laut um Hilfe rief.

    Nur abends nahmen sie ihm kurz den dreckigen Lappen aus dem Mund, um ihn schales Wasser aus einem Schlauch trinken zu lassen, nachdem sie ihn an einen Baum gebunden hatten.

    Zu Essen hatte er bisher auch nichts bekommen, obwohl die Kerle gestern ein Rehkitz gefunden, getötet und gegrillt hatten. Sie hatten es ganz alleine aufgegessen.

    Nur einmal, am ersten Abend, hatte Alastair gewagt, seinen Hunger und das Bedürfnis, sich zu erleichtern, anzusprechen.

    Der heftige Schlag in den Magen und das verächtliche „Fresse halten!“ war ihm eine Lehre gewesen.

    Alastair machte sich große Sorgen. Soweit er es mitbekommen hatte, war er nur deshalb noch am Leben, weil die Räuber ihn aufgrund seines ansprechenden Äußeren lieber an „gewisse Interessenten“ verkaufen wollten, statt ihn zu beseitigen, obwohl Grigor für zweiteres bezahlt hatte.

    Sie erhofften sich von dem Betrug eine größeren Gewinn.

    Ihm war zwar keine Arbeit bekannt, für die ein Junge hübsch sein musste, aber mehr Sorgen machte ihm, dass er mit jedem Tag ganz sicher an Attraktivität verlor und sein zunehmend schmutziger und stinkender Zustand mögliche Interessenten abschrecken könnte.

    Es würde nicht gut für ihn enden, wenn die Räuber keinen Käufer finden würden. Dessen war er sicher.

    Die Räuber schienen dumm zu sein.

    Wer einen „Hübschling“, wie sie ihn ständig nannten, verkaufen wollte und diesen dazu zwang, sich in die Hose zu machen und ihn hungern ließ, handelte nicht klug.

    Auch das machte ihm Sorgen.

    Sie waren sehr tief in diesen Wald eingedrungen. Die Bäume hier waren mächtig und sicher schon mehrere hundert Jahre alt. Alastair fragte sich, ob die Räuber je von Wildwäldern gehört hatten, denn in besonders alten Wäldern gab es manchmal noch Reste von Feenflüchen und die Menschen, die dort hinein gerieten, kamen nie mehr zurück.

    Wahrscheinlich hatte das ungebildete Pack davon keine Ahnung.

    Nicht, dass er sich um die Räuber sorgte, aber wenn so ein Fluch nachts zuschlug, während er an einen Baum gefesselt war …

    Er verbot sich weitere Gedanken in diese Richtung und starrte finster in den Rücken des Mannes, der seine Leine hielt.

    Natürlich hatten die Räuber auch gleich sein Bündel geöffnet und sich seiner guten Hose und seines guten Hemdes bemächtigt, die dieser Lump vor ihm nun trug. Selbst die Schuhe hatten sie ihm abgenommen, so dass er barfuß laufen musste.

    Was er dem Räuber vor sich persönlich übel nahm war, dass er die guten Sachen nicht zu schätzen wusste.

    Nach nur vier Tagen starrten die Kleidungsstücke bereits vor Dreck und in einem Ärmel war ein Brandloch. Nun reuten ihn die vielen Stunden, die er damit zugebracht hatte, die verschlissenen Stellen der Kleidung so kunstvoll zu nähen, dass sie nicht wie aufgetragen aussah.

    Obwohl die großen Kronen der Bäume die direkte Sonne fern hielten, wurde es ziemlich warm. Aber nicht das war der Grund für die Räuber, an diesem Tag schon zur Mittagszeit eine Rast einzulegen und den Jungen wieder etwas abseits an einem Baum zu binden.

    Ein Buschsaum kennzeichnete das Endes des Waldes.

    Dem leisen Murmeln der Halunken konnte Alastair entnehmen, dass hinter dem Buschsaum eine Straße lag, und ab sofort wollten die Räuber nur noch im Schutze der Dunkelheit mit ihrem Gefangenen unterwegs sein.

    Alastair schloss die Augen und blendete das Gemurmel der Männer aus. Nicht nur sein Körper hatte unter den Strapazen der letzten Tage gelitten, die ständige Angst und die Demütigungen hatten ihn auch emotional erschöpft. Einzig der Gesang der Vögel vermochte noch den Schutzwall dumpfer Gleichgültigkeit zu durchdringen, der den Jungen wie eine dichte Nebelwand vor der grausamen Realität zu schützen versuchte.

    Offenbar bot der lange Buschsaum vielen Vögeln eine Heimat und nach einiger Zeit war Alastair ganz in den Versuch vertieft, die Stimmen den Arten zuzuordnen, die er kannte, und neue zu entdecken. Besonders spannend fand er den kunstvollen, fast metallisch klingenden Ton, der die Gesänge leise untermalte. Den hatte er schon mal gehört, aber in seinem Kopf wollte sich kein passender Vogel dazu abbilden.

    Erst, als der Ton immer lauter wurde, erkannte er seinen Irrtum.

    Das war kein Vogel.

    Das Geräusch kam von der Straße.

    Sofort schnellte sein Herzschlag in die Höhe und er riss die Augen weit auf. Vielleicht nahte dort seine Rettung.

    Natürlich hatten auch die Räuber das Geräusch bemerkt. Zwei von ihnen liefen sofort geduckt auf die Büsche zu, um nachzuschauen. Nur einer kam kurze Zeit später wieder. Sein hässliches Grinsen bereitete Alastair schon auf die Enttäuschung vor. „Nur eine vollgepackte Kutsche mit Ochsengespann. Unbegleitet. Und anscheinend nur ein Mann!“

    Kaum hatte der Späher das ausgesprochen, sprangen die restlichen Räuber in gieriger Vorfreude auf und griffen nach ihren Waffen.

    Aufsteigende Tränen ließen Alastairs Sicht verschwimmen. Was für ein mieses, feiges Pack diese Räuber doch waren, alle gemeinsam auf einen armen Mann losgehen zu wollen.

    Das Geräusch wuchs zu einem infernalischen Geschepper und Geklapper an und verstummte abrupt, als die Bande aus den Büschen sprang.

    „Endstation, Freundchen!“, hörte er den Anführer der Räuber triumphierend rufen.

    „Na, ihr Arschlöcher kommt mir gerade recht!“, antwortete eine raue Stimme gar nicht ängstlich, und schon ertönten neben dem Geräusch wuchtig aufeinander treffender Klingen die ersten Schmerzensschreie.

    Stumm betete der Junge zur Ewigen um ihren Segen für den Reisenden.

    Tatsächlich hielten die Kampfgeräusche noch eine Weile an, bevor sie von einem Rascheln im Buschsaum abgelöst wurden.

    Alastair hatte zwar erwartet, dass die Räuber zurückkamen, aber dass die beiden, die da kamen, rannten, überraschte ihn dann doch.

    Ein seltsam dumpfes Geräusch ertönte zwei Mal kurz hintereinander und beendete den Lauf beider Lumpen. Mit leerem Gesichtsausdruck und starren Blicken stürzten sie zu Boden.

    Aus jedem Rücken ragte der Stiel einer Axt.

    Hastig kehrte der Blick des Jungen zum Buschsaum zurück und fand dort einen Mann, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Er war zwar kein Riese, aber so breit und dick, dass er aussah wie einer, den man geschrumpft hatte.

    Sein Gesicht war eingerahmt von einer Flut langer, krauser, rotbrauner Haare und einem ebensolchen Vollbart. Trotz seiner Körperfülle bewegte sich der Fremde schnell und geschmeidig auf den ersten Toten zu und zog diesem die Axt aus dem Leib, was ein ekelhaftes Geräusch verursachte. Auch die zweite Axt holte er sich zurück. Dabei suchten seine Augen unablässig konzentriert den Wald nach weiteren Gegnern ab, die Äxte in den Händen und die Knie leicht eingeknickt.

    Alles an diesem seltsamen Mann strahlte eine ungeheure, geradezu animalische Stärke aus.

    Unweigerlich musste Alastair an einen wütenden Bären denken.

    Ohne den Wald aus den Augen zu lassen, kam der Bärenmann auf ihn zu, legte eine Axt auf dem Boden ab, sicherte den Stiel mit seinem Fuß, zog mit der freien Hand ein Messer aus seinem Gürtel und durchtrennte mit einem ersten Schnitt die Stricke, die Alastair an dem Baum banden, und mit einem zweiten die Fesseln an dessen Handgelenken. Dann steckte er das Messer wieder weg und nahm die Axt auf.

    Ungeschickt, weil seine Hände noch taub und geschwollen waren, befreite sich Alastair selbst von seinem Knebel.

    „Es sind neun Räuber!“, keuchte er.

    „Waren“, korrigierte ihn der Bärenmann. Er entspannte sich, wischte die Blätter seine Äxte an einem nahen Farn ab und steckte die Waffen in seinen Gürtel.

    „Bist du verletzt?“

    Alastair schüttelte den Kopf. Der Fremde streckte ihm eine Hand entgegen, um ihm aufzuhelfen. Ungläubig starrte der Junge auf diese riesige Pranke, die in einen Unterarm überging, der dicker war als seine eigenen Oberschenkel. Aber kein Gramm Fett war daran zu sehen.

    „Was ist? Willst du da Wurzeln schlagen?“

    Errötend ließ der Junge seine geschwollene Hand in der Pranke verschwinden. Der Mann zog ihn so mühelos auf die Füße, als wöge er nichts.

    „Danke“, sagte Alastair leise, doch der Bärenmann hatte sich schon umgedreht und schritt auf die Büsche zu. Alastair folgte ihm unsicher. Er konnte nicht aufhören, den Mann anzustarren. Er war nur wenig größer als er selbst, hatte enorm breite Schultern, beeindruckend muskulöse Arme, breite Hüften und Beine wie Baumstämme. Sein einfaches, ungefärbtes Leinenhemd war an einigen Stellen zerschnitten und ließ ein Kettenhemd hervorblitzen. Dazu trug er eine dunkle Hose aus Leder.

    Eine Wurzel mahnte den Jungen, besser auf den Boden zu achten.

    Ob es dem Mann überhaupt recht war, dass er ihm folgte? Aber was sollte er sonst machen?

    Der Bärenmann hatte den Buschsaum erreicht und drückte mit seinem mächtigen Leib die Zweige einfach beiseite.

    Alastair eilte sich, den Abstand zu verringern, nachdem ihn ein stärkerer Ast beim Zurückschnellen fast umgeworfen hätte.

    Heiß schoss ihm das Blut ins Gesicht.

    Er sah nicht nur schmutzig aus und roch ekelig, sondern stolperte so ungeschickt wie ein Trottel hinter dem Fremden her und das, obwohl ihn der Mann mit keinem Wort aufgefordert hatte, ihm zu folgen.

    Seine Gedankengänge fanden ein jähes Ende, als sein nackter Fuß in etwas feuchtes, warmes trat, das seine Augen als Eingeweide identifizierten.

    Reflexartig riss er den Fuß hoch und starrte voller Entsetzen auf das Gemisch aus Blut, Kacke und Verdauungssäften, das zwischen seinen Zehen hoch gequollen war.

    Das allein war schon schlimm genug, aber dass er an den verschmutzten Stellen auch gleich ein deutliches Brennen spürte, machte den Albtraum perfekt. Wie gelähmt blieb er stehen, unfähig, etwas Sinnvolles zu tun.

    „Wo bleibst du denn?“

    Dem Bärenmann war aufgefallen, dass die Schritte hinter ihm verstummt waren.

    „Ich bin da in etwas reingetreten!“, wimmerte der Junge mit hoher, gepresster Stimme.

    „Und jetzt willst du auf den nächsten Regen warten, oder was?“

    Alastair zuckte zusammen.

    Mit einem großen Ausfallschritt rettete er sich in ein paar sauber aussehende Brennnesseln und wischte seinen Fuß hastig an ihnen ab, bevor er mit zwei weiteren großen Schritten den Buschsaum hinter sich brachte und auf die Straße trat.

    Dort schnappte er erschrocken nach Luft.

    Noch nie zuvor hatte er ein Schlachtfeld gesehen, er kannte den Begriff nur aus Heldensagen.

    Natürlich wusste er, dass dort die besiegten Feinde tot auf dem Boden lagen, aber in seiner Vorstellung waren sie an Stichwunden durch Schwerter oder durch Pfeile gestorben.

    Diese Vorstellung wurde bereits vom ersten Toten grausam korrigiert.

    Dessen Unterkörper lag am Rande des Weges. Der Rest, ab Taille aufwärts lag etwa drei Schritte entfernt in der Mitte des aus festem Lehm bestehenden Weges. Ein See aus Blut und Exkrementen, durchzogen von grau glänzenden, vielfach zerschnittenen Darmschlingen, zeugte von der einstigen Verbundenheit der Körperteile, und an diesem See labten sich schon jetzt unzählige dicke, grün glänzende Fliegen.

    Hastig senkte Alastair seinen Blick. Mehr wollte er gar nicht sehen. Der unmittelbare Bezug zwischen den Begriffen Schlachtfeld, Schlacht und der Arbeit eines Metzgers hatte sich ihm eindrücklich genug erklärt.

    Das Seufzen des Bärenmannes übertönte das Summen der Fliegen.

    „Mach einfach die Augen zu, ich trag dich zum Wagen, Junge.“

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Liebe melli ,

    das geht ja gut weiter! Alastair wurde jetzt also von einem gewaltigen und recht unverblümten Mann befreit. Vielleicht ist das besagter Protagonist von vorher? ?(

    Positiv fiel mir ganz besonders diese Stelle auf:

    Eine Wurzel mahnte den Jungen, besser auf den Boden zu achten.

    Einfach toll! :)


    Ansonsten habe ich wahrgenommen, dass in diesem Abschnitt viel häufiger einfache Hauptsätze auftauchen als vorher, wo du noch mehr Nebensätze eingeflochten hast. Entweder das ist Absicht, weil Alastair vielleicht eher etwas naiv und unerfahren denkt, oder es ist ein unbewusster Stilbruch. Vielleicht fällt das auch den anderen weniger auf.

    Ich habe noch bemerkt, dass du in einem Absatz das Wort "Buschsaum" recht häufig verwendest, und auch wenn es ein tolles Wort ist, könnte man das bestimmt noch anders umschreiben "Dickicht", "Unterholz", "Gehölz" etc.

    Oft wird von Alastair auch bekanntgegeben, dass er die Räuber für dumm hält. Das ist noch ein Beispiel dafür, dass hier nicht häufig umschrieben wird wie vorher so malerisch geschehen, sondern der Erzähler direkt zur Sprache kommt. Allerdings hab ich auch schon aus den Andeutungen entnommen, dass die Räuber das Aussehen des Jungen, den sie verkaufen wollen, vernachlässigen, dass sie wohl nicht die Hellsten sind (okay das war ein ganz schöner Schachtelsatz, ich hoffe du verstehst was ich meine^^). Ich würde das herausposaunte "Die Räuber sind voll dumm!" irgendwie ein bisschen variieren.


    Auch der Moment, als die Räuber angegriffen werden - als sich ihr eigener Angriff nämlich ins Gegenteil umkehrt - könnte durchaus noch etwas packender und spannender beschrieben werden:

    Aus jedem Rücken ragte der Stiel einer Axt.

    Hastig kehrte der Blick des Jungen zum Buschsaum zurück und fand dort einen Mann, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Er war zwar kein Riese, aber so breit und dick, dass er aussah wie einer, den man geschrumpft hatte.

    Sein Gesicht war eingerahmt von einer Flut langer, krauser, rotbrauner Haare und einem ebensolchen Vollbart. Trotz seiner Körperfülle bewegte sich der Fremde schnell und geschmeidig auf den ersten Toten zu und zog diesem die Axt aus dem Leib, was ein ekelhaftes Geräusch verursachte. Auch die zweite Axt holte er sich zurück. Dabei suchten seine Augen unablässig konzentriert den Wald nach weiteren Gegnern ab, die Äxte in den Händen und die Knie leicht eingeknickt.

    Alles an diesem seltsamen Mann strahlte eine ungeheure, geradezu animalische Stärke aus.

    Unweigerlich musste Alastair an einen wütenden Bären denken.

    Ich verstehe sehr gut, dass Alastair sich hier nun Rettung von den Räubern erhofft. Aber er hat ja in den letzten Tagen Schreckliches durchgemacht und sein Vertrauenspegel sollte dementsprechend etwas geschrumpft sein. Wer sagt denn, dass der Mörder der Räuber, der zudem noch so ein erschreckendes Aussehen hat, ihm nicht auch Böses will? Wenn ich besagtes Entführungsopfer wäre und da ein Typ mit Bärenklauen auf mich zukommt, der zudem gewissenhaft seine Äxte aus seinen Opfern reißt, würde genau eine Sache tun --- rennen!

    Das würde natürlich aber dem geplanten Handlungsverlauf entgegen gehen, deshalb würde ich vermutlich einfach noch ein bisschen beschreiben, dass Alastairs Angst jetzt nicht verschwunden ist. Ich meine, er hat gerade Mord mit angesehen und steht dessen Verantwortlichen jetzt gegenüber...

    Um (noch) mehr Spannung reinzubringen, könntest du die langen Beschreibungen an gewissen Stellen etwas kürzen. Wenn man so panisch ist, kann man nicht detailliert alles wahrnehmen. Oder?

    Das ist alles nur meine persönliche Meinung und wenn du anderes denkst, ist das auch voll ok.:D



    Man merkt aber auf jeden Fall, dass dies eine Drittfassung ist. Rechtschreibungs- und grammatiktechnisch habe ich absolut nichts zu bemängeln und meine Vorschläge sind Meckern auf hohem Niveau. Es liest sich super flüssig, super angenehm und amüsant, in einem Rutsch runter. Das mag ich besonders!! Ich bleibe also dran & freu mich auf mehr.


    LG

    Stadtnymphe

  • Wie ein Messer stach ein Krampf durch seine Eingeweide. Alastair stöhnte leise in seinen Knebel und presste seinen Schließmuskel fest zusammen.

    Hi Melli


    Ich frage mich, ob der "Bärenmann" unser Prota aus dem ersten Part ist :hmm: Ich war auf jeden Fall sehr überrascht, als er Alastair fragte, wo er denn bliebe. Also will er, dass dieser ihm folgt :hmm: Warum, ist hier die Frage :hmm:


    Hatte er vielleicht den Auftrag Alastair zu retten? Hm. Wobei das passtr nicht zu der Aussage, dass diese Räuber dem Bärenmann gerade recht kämen. Warum das eigentlich? Eine weitere Frage xD


    Die dargestellte Brutalität ist hier an der Stelle ein bisschen too much, meiner Meinung nach. Aber, das ist denke ich Stil und andere sehen das dann wiederum anders :pardon:

  • Hallo Stadtnymphe ,

    als Alastair den "Bärenmann" zum ersten Mal sieht, sitzt er ja noch gefesselt und geknebelt an dem Baum. Das beschränkt seine Möglichkeiten aufs Beobachten. Der Fremde hat sich "nur"erfolgreich dagegen gewehrt, Opfer zu werden, was moralisch nicht verwerflich ist, und er befreit Alastair von allen Fesseln. Ich glaube, das sollte für einen Vertrauensvorschuss des Jungen reichen. Zudem ist Alastair ziemlich "hilflos". Er hat Mordshunger, aber nichts zu essen, kein Geld, keine Vorräte, keine Waffen oder Möglichkeiten, sich gegen irgendwen oder irgendwas zur Wehr zu setzen, er ist 6 Tagesmärsche von seinem Waisenhaus entfernt und ganz alleine. Deswegen, denke ich, wird er sich dem Fremden "anschließen".


    Ich habe wirklich versucht, die Beschreibungen und das Erleben aus Alastairs Sicht zu schildern, und der ist (noch) ziemlich naiv und sehr unschuldig. Deswegen ja auch immer nur "Räuber" und "Halunken" oder "Lump".:D

    Jo, mit dem Buschsaum muss ich nochmal drüber. Das war der "Gärtner" in mir. Danke!

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Ich glaube, das sollte für einen Vertrauensvorschuss des Jungen reichen. Zudem ist Alastair ziemlich "hilflos". Er hat Mordshunger, aber nichts zu essen, kein Geld, keine Vorräte, keine Waffen oder Möglichkeiten, sich gegen irgendwen oder irgendwas zur Wehr zu setzen, er ist 6 Tagesmärsche von seinem Waisenhaus entfernt und ganz alleine. Deswegen, denke ich, wird er sich dem Fremden "anschließen".

    Da hast du natürlich recht. ^^ Aber vielleicht könnte man die Räuber dann (noch) gruseliger darstellen? Denn beim Lesen hatte ich deutlich mehr "Angst" vor dem Bärenmann als vor den Räubern. ?(

  • Hallo melli ,


    welch grauenhafter Anblick sich da für Alastair bieten musste...


    Ihm war zwar keine Arbeit bekannt, für die ein Junge hübsch sein musste

    Ich glaube, dass er sehr viel Glück hatte, um das nicht zu herauszufinden.

    Ein Buschsaum kennzeichnete das Endes des Waldes.

    Interessantes Wort "Buschsaum", aber was ist das eigentlich? :D

    Es kommt dann ja auch noch etwas gehäuft vor.

    obwohl ihn der Mann mit keinem Wort aufgefordert hatte, ihm zu folgen.

    Hat er nicht? Und was meinte er dann damit:

    „Was ist? Willst du da Wurzeln schlagen?“


    Aber vielleicht könnte man die Räuber dann (noch) gruseliger darstellen? Denn beim Lesen hatte ich deutlich mehr "Angst" vor dem Bärenmann als vor den Räubern. ?(

    Dem Stimme ich zu. Es gibt zwar genügend Gründe, die Räuber nicht zu mögen, aber wirklich Angst kommt da nicht so rüber.

    Der Fremde hat sich "nur"erfolgreich dagegen gewehrt, Opfer zu werden, was moralisch nicht verwerflich ist

    Naja... Das könnte man so stehen lassen, aber der Bärenmann hat es sich aber auch nicht nehmen lassen, noch einen drauf zusetzen. Moralisch verwerflich finde ich es schon, wenn man jemanden, der sich offenbar ergibt oder zumindest nicht mehr als Angreifer agiert, dennoch eiskalt umbringt, so wie hier beschrieben:

    Alastair hatte zwar erwartet, dass die Räuber zurückkamen, aber dass die beiden, die da kamen, rannten, überraschte ihn dann doch.

    Ein seltsam dumpfes Geräusch ertönte zwei Mal kurz hintereinander und beendete den Lauf beider Lumpen. Mit leerem Gesichtsausdruck und starren Blicken stürzten sie zu Boden.

  • Ich bin ja ganz neu hier und habe mir erst die ersten zwei Kapitel angeschaut. Aber mir sagt das Setting grundsätzlich schon mal sehr zu. Vor allem, weil es einen leichten young-adult-touch hat. Aber glücklicherweie nicht durch den sonst so oft anzutreffenden Hang zur Verniedlichung, sondern durch Ironie :) Und das gefällt mir sehr gut.


    Ein bisschen kommt in mir dann doch der pingelige Lektor zum Vorschein :D Nur ein paar Anmerkungen, eher technischer Natur (ich weiß ich weiß, ich bin ein alter Pfenningfuchser!).


    Ich bin jedenfalls sehr gespannt wie es weitergeht und freue mich auf Kapitel drei, das ich mir bis jetzt aufgespart habe :) :) :) Keep up the good work.

  • Dem Stimme ich zu. Es gibt zwar genügend Gründe, die Räuber nicht zu mögen, aber wirklich Angst kommt da nicht so rüber.

    Naja, ich denke es wird wohl jeder verstehen, dass sich Alastair in einer ziemlich beschissenen Situation befunden hat.
    Ich habe zwar auch keine "Angst" in dem Sinne empfunden, kann seine Handlungen aber trotzdem nachvollziehen.

  • „Kann ich dir irgendwie helfen?“

    Die Frage rutschte Alastair mit leicht zitternder Stimme heraus, gleich nachdem der Mann ihn auf den Kutschbock gesetzt hatte. Irritiert sah der Fremde hoch.

    „Wobei?“

    „Na, beim Beerdigen der Räuber“, murmelte der Junge errötend. Er wusste ja selbst, dass er gerade nicht den Eindruck erweckt hatte, dieser Aufgabe gewachsen zu sein. „Ich kann doch wenigstens helfen, die Gruben auszuheben“, schob er hinterher.

    Für Sekunden schien der Mann zu erstarren.

    „Du glaubst aber jetzt nicht wirklich, dass ich auch nur einen dieser Wichser begraben werde?“

    Alastair zuckte zusammen und senkte den Blick.

    „Aber wir können sie doch nicht einfach hier so liegen lassen,“ widersprach er kleinlaut.

    „Nein“, stimmte der Mann ihm überraschend zu, „Natürlich nicht. Sie blockieren die Straße und bieten keinen schönen Anblick. Also werde ich sie wegräumen. Aber das schaffe ich alleine.“

    Mit diesen Worten beugte sich der Bärenmann zum ersten Toten herunter und begann, ihn zu durchsuchen. Alastair biss sich auf die Lippe, als die Waffen und ein paar Münzen auf einem Haufen landeten. Die Räuber brauchten ihre Sachen zwar nicht mehr, aber trotzdem beschlich ihn ein Gefühl der Beklemmung.

    Als der Mann mit dem Toten fertig war, packte er ihn an Kragen und Gürtel und warf ihn ohne Mühe ins Gebüsch. Alastair senkte den Kopf und war froh, nicht helfen zu müssen. Er rieb seine immer noch geschwollenen Hände und betrachtete dabei die tiefen Striemen, die die Fesseln hinterlassen hatten.

    Wenigstens war er jetzt frei.

    Vergeblich wartete er auf ein Gefühl von Erleichterung.

    Statt dessen begann er zu frieren. Erst zitterten nur seine Hände, doch dann jagten eisige Schauer in immer kürzeren Abständen seinen Rücken herunter. Alastair zog seine Beine dicht an den Körper, legte die Arme darum und hoffte, so etwas Wärme erlangen zu können.

    Dabei blickte er auf die beiden großen Ochsen, die ruhig in ihrem Geschirr standen, der eine hellbraun, der andere fast schwarz. Gänzlich unbeeindruckt vom Geschehen um sie herum schlugen sie ab und zu ein paar Fliegen mit ihren Schwänzen davon und warteten darauf, dass es weiterging.

    Die beiden hatten ihren Platz im Leben gefunden, sie waren gut genährt, hatten ihre Aufgabe und brauchten sich um nichts Sorgen zu machen.

    Alastair wünschte, er könnte das auch von sich sagen.

    Ein Klirren auf Holz am Ende des Wagens verkündete, dass die Waffen der Räuber eine neue Bleibe gefunden hatten. Kurz darauf erschien auch schon der Bärenmann.

    „Hier, für dich“, warf er ein paar einfache Filzschuhe neben den zusammengekauerten Jungen auf die Bank, bevor er sich selbst auf den Kutschbock schwang.

    Alastair starrte auf die unverhoffte Gabe .

    Es waren seine eigene Schuhe, die ihm die Räuber abgenommen hatten. Sie waren blutig.

    Alastair war nicht imstande, sich zu bedanken.

    Schaudernd zog er seine Arme fester um die Beine und blickte ins Leere.

    Der Mann nahm die Zügel auf.

    „Los Jungs“, rief er den Ochsen zu, die sich willig in Bewegung setzten. Sogleich ertönte wieder ein Klingen und Klirren im Wagen, dass vor Alastairs geistigem Auge ein Bild von sehr vielen Waffen hervorrief.

    Tausend Fragen schossen ihm durch den Kopf, zu schnell und zu flüchtig, um eine davon über die Lippen zu bringen, und so saß er weiter schweigend da und wagte nur ab und zu einen verstohlenen Blick zu seinem Begleiter.

    „Kommst du hier aus der Gegend?“, wollte dieser plötzlich wissen.

    Alastair schüttelte den Kopf.

    „Nein.“

    „Hm“, machte der Bärenmann nur, ohne die Augen von der Straße zu nehmen. „Wo wohnst du denn?“

    Spontan wollte Alastair das Waisenhaus angeben, doch dann biss er sich auf die Lippe.

    Der Vertrag! Der Pferdezüchter hatte einen Vertrag unterzeichnet und eine Anzahlung geleistet. Die Hausmutter würde ihn zu diesem Mann und seinem mordlustigen Knecht zurückschicken, oder, wenn er sich weigerte, an den Nächstbesten verschenken. Er wäre nicht der Erste, der von seinem neuen Herrn geflohen war und dem dies Los widerfuhr. Grigor würde außerdem dafür gesorgt haben, dass man ihn nicht vermisste, weder beim Züchter noch im Heim.

    „Ich wohne nirgendwo“, sagte er deshalb leise, aber bestimmt.

    In diesem Moment riss die dünne, graue Wolkendecke auf und ein Sonnenstrahl verlieh dem trüben Tag ein goldenes Licht.

    Der Blick seines Begleiters, der ihn von der Seite traf, war hingegen weniger sonnig.

    Erschrocken wurde dem Jungen klar, dass seine Antwort nicht auf Beifall stieß.

    Wahrscheinlich wollte der Mann ihn nur nach Hause bringen, was zwar sehr nett war, aber auch bedeuten konnte, dass er seinen unerwarteten Begleiter gerne los geworden wäre.

    „Ich möchte dir keinesfalls zur Last fallen“, setzte er schnell hinterher. „Du hast schon genug für mich getan. Ich verdanke dir meine Freiheit. Und ein paar Schuhe. Das ist mehr, als ich je wieder gut machen kann. Du kannst mich gerne hier absetzen, wenn du möchtest.“

    Wieder warf der Mann ihm einen merkwürdigen Blick zu.

    „Hier?“, wiederholte er und seine Hand beschrieb mit einem Bogen die Landschaft.

    Alastair sah sich um. Auf ihrer linken Seite stand der Wald, und rechts schlossen sich spärliche Wiesen auf steinigem Boden an, auf denen der Frühling einen blütenreichen Einzug gehalten hatte.

    „Ja, warum nicht? Es ist doch sehr hübsch hier“, sagte er unsicher.

    Der Mann schnaubte durch die Nase und schüttelte den Kopf.

    „Junge, egal, welche Richtung du von hier aus einschlägst, du würdest eine gute Woche unterwegs sein, bevor du wieder auf Menschen triffst. Und ehrlich gesagt siehst du nicht so aus, als würdest du eine Woche ohne Hilfe durchhalten.“

    Beschämt senkte der Junge den Kopf.

    „Um zu deiner Äußerung zurückzukommen: Nein, ich möchte dich nicht hier absetzen. Ich weiß nicht, was dich überhaupt auf den Gedanken bringt, ich könnte ein halbes Kind einfach in der Landschaft abstellen und meines Weges ziehen. Dass ich mein Leben nicht irgendwelchen dahergelaufenen Räubern schenke, heißt ja noch lange nicht, dass ich ein Arschloch bin.“

    Alastair zuckte zusammen.

    „Das wollte ich auch keinesfalls ...“

    „Gut“, unterbrach ihn der Bärenmann, „Wo wir uns jetzt einig sind, dass wir erstens zusammen weiterreisen werden und zweitens ich kein Arschloch bin, können wir zur offiziellen Vorstellung übergehen. Mein Name ist Gembries, und das da vorne sind Hinz“, er deutete auf den hellen Ochsen, „und Kunz.“

    Zum ersten Mal breitete sich ein zaghaftes Lächeln auf den feinen Zügen des Jungen aus.

    „Ich heiße Alastair. Sehr erfreut, euch drei kennen zu lernen.“

    Gembries bedachte ihn mit einem Seitenblick.

    „Ob ich das mit gleichfalls beantworten kann, muss sich erst noch zeigen. Normalerweise bin ich allein unterwegs und kein besonders geselliger Mensch. Ich will noch bei Tageslicht den Ginst erreichen, das ist ein Bach, der zu dieser Jahreszeit verdammt viel Wasser führen kann. Ich hoffe, wir kommen noch über die Furt. Dahinter werden wir rasten. Bis dahin kannst du dich hinten in den Wagen legen, du siehst ziemlich fertig aus.“

    Mit einem Griff holte Gembries eine dicke Decke unter dem Kutschbock hervor.

    „Hinten links liegt ein Strohsack, auf dem lässt es sich einigermaßen liegen. Darüber hängt ein Sack an einer roten Schnur, darin findest du etwas zu essen. Nimm Brot und Käse, das andere brauche ich später noch zum Kochen. Wasser ist dem Schlauch an der rechten Wand.“

    Als hätten Gembries´ Worte eine Falltüre geöffnet, fiel Alastair plötzlich in ein tiefes Loch. Bleierne Müdigkeit und ein vor Hunger schmerzender Magen drängten jede andere Empfindung beiseite. Die Decke fest an sich gepresst, murmelte er ein „Danke“ und zwängte sich durch den Spalt, den die zugezogene, aus gewachstem, starken Tuch bestehende Abdeckung des Wagens gelassen hatte.

    Nur am Rande nahm er Notiz, dass das Klappern und Scheppern keinesfalls von Waffen, sondern von Werkzeugen, Töpfen und Pfannen kam, die an den Streben hingen. Der Strohsack zog ihn magisch an und ließ ihn den Wasserschlauch vergessen, doch kaum war er dort angekommen, nahm der Sack mit dem roten Band seine Aufmerksamkeit gefangen. Alastair öffnete ihn mit zitternden Händen und holte einen kleinen Laib Käse und ein Stück Brot heraus. Doch schon nach wenigen Bissen übermannte ihn die Müdigkeit, seine Lider wurden schwer und die Sicht verschwamm. Aufseufzend streckte er sich auf dem Strohsack aus, wickelte sich in die Decke und fiel sofort in einen tiefen Schlaf.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Mein Name ist Gembries,

    Hah! Das hab ich mir beim Auftauchen des "Bärenmannes", der so unwirsch daherkam, schon ein bisschen gedacht, aber nicht gewagt, diese Vermutung in den Raum zu werfen.


    Sehr solides Kapitel. Diese Begegnung zwischen Gembries (grummelig, unwirsch, pragmatisch) und Alistair (schüchtern, unerfahren, hilflos) birgt auf jeden Fall viel Potential und ich bin gespannt, was du daraus machst. Vermutlich muss ich aber den Anfang nochmal lesen --- ich habe in der Zwischenzeit z.B. den märchenhaft anmutenden Prolog inhaltlich schon wieder vergessen.

    Nach wie vor bin ich ein Fan von Gembries, mal schauen, ob diese Einschätzung auch tragbar bleibt.


    LG

    Stadtnymphe

  • Hi melli ,


    klingt super der Anfang.

    Prolog:

    Mich hat zwar die Verwendung der viele (noch unbekannten) Personen,Länder, Götter, ... erst etwas überfordert aber ich denke man wird sich im Verlauf der Geschichte kennenlernen.


    Kapitel 1:

    Wow düsterer geht es ja kaum noch. Zuerst deprimiert einen der erste Teil, um dann eine ordentliche Spannung aufzubauen und mich versöhnlich und doch gespannt auf den Rest zu entlassen.

    Kurzgeschichte "Unerwartet"


    Wie und Warum ist Haga zur Stadtwache gekommen?

    Warum schickt man keinen epischen Helden mit fundierter Monsterniederhack-Ausbildung?

    Fragen über Fragen ...



    Der Weg zum Selbst (Arbeitstitel)

  • Hi melli ,


    an dem Text habe ich so gar nichts zu meckern und finde ihn sehr schön. Er kommt zum Punkt, ist also nicht zu ausschweifend, nimmt sich dann aber an den richtigen Stellen die Zeit, doch mehr zu beschreiben und das auf eine sehr schöne Art. :thumbsup:


    Mit diesen Worten beugte sich der Bärenmann zum ersten Toten herunter und begann, ihn zu durchsuchen. Alastair biss sich auf die Lippe, als die Waffen und ein paar Münzen auf einem Haufen landeten. Die Räuber brauchten ihre Sachen zwar nicht mehr, aber trotzdem beschlich ihn ein Gefühl der Beklemmung.

    Hmm ich befürchte, dass ich wohl auch keine Probleme hätte, denen das Zeug abzunehmen. Kommt aber vielleicht auch von den vielen Stunden in Skyrim. :whistling:

    Mein Name ist Gembries

    Uh ein bekannter Name, damit hatte ich jetzt nicht gerechnet.

  • Mit gerunzelter Stirn starrte Eliazar auf das Schreiben, an dem er seit zwei Tagen konzentriert gearbeitet hatte. Fast über einen Meter ergoss sich seine regelmäßige, schwungvolle Schrift auf der Rolle und stellte in kunstvollen, geschliffenen Formulierungen einen möglichen Friedenskompromiss der beiden verfeindeten, heißblütigen Fürsten von Navor und Iftir dar, eine klare Regelung der Handelszölle, eine klare Regelung der gemeinsamen Nutzung von Navors Wald und Iftirs Fluss sowie die Aufzählung der Vorteile, die beide Fürsten aus diesem Frieden ziehen würden.

    Zum Schluss erfolgte die blumig umschriebene, sehr dezente Drohung, den beiden Fürstentümern sowohl den Erntesegen wie auch den freien Zugang zu den Heilern der Dorneburg zu verwehren, sollten diese weiterhin den kriegerischen Weg bevorzugen. Daran hatte er besonders lange gefeilt.

    Sein Papierkorb war voll mit vorgeschriebenen Notizen und Redewendungen, aber die Mühe hatte sich gelohnt.

    Das Ergebnis war geradezu ein Meisterwerk der hohen Diplomatie geworden, und Eliazar war sehr zufrieden mit sich. Bis zu dem Moment, in dem der weite Ärmel seiner Robe beim Griff nach der wohlverdienten Teetasse am Tintenfass hängen blieb, dieses umfiel und seinen Inhalt über die Schriftrolle ergoss.

    „Verdammt!“, fluchte er laut, während seine ausgestreckte Linke sogleich die nasse Tinte aus dem Papier zog und die Rechte sie mit einem Leinentuch behutsam auftupfte.

    Er musste sehr vorsichtig zu Werke gehen und konnte nur hoffen, dass die Lettern des letzten Teils schon so weit angetrocknet waren, dass er sie nicht gleich mit entfernte.

    Naja.

    Frustriert betrachtete er das Ergebnis.

    Sein Text war zwar noch lesbar, aber das Papier blieb deutlich verschmutzt, so dass er es den Fürsten in dieser Form keinesfalls schicken konnte. Sprich, er würde den ganzen Mist nochmal abschreiben müssen, und zwar persönlich, um der Eitelkeit der beiden Fürsten genüge zu tun.

    Tief aufseufzend sah er hoch und war überrascht, das neue Mädchen in seinem Schreibzimmer vorzufinden, er hatte sie nicht kommen hören.

    „Brauchst du noch etwas, Herr?“

    „Zur Zeit nicht, danke, Venia!“

    Das Mädchen knickste und entfernte sich lautlos. Eliazar blickte ihr nachdenklich hinterher. Der Hausmarschall würde ganz sicher heute noch vorbeischauen, um sich zu erkundigen, wie er mit dem neuen Mädchen zufrieden war.

    Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie außer dem „Guten Morgen, Herr“ in der Frühe und der Frage eben nichts gesagt hatte. Er hatte schlicht nicht gemerkt, dass sie überhaupt da war.

    Für ihn war das wunderbar, denn so hatte er sich ganz seinem Schreiben widmen können. Trotzdem war ihr Verhalten ungewöhnlich für ihren ersten Tag. Zwar hatte der Hausmarschall sie eingewiesen, aber da seine Räume nicht die einzigen waren, um die sie sich zu kümmern hatte, konnte sie sich all die kleinen Dinge doch kaum gemerkt haben?

    Mit einem weiteren Blick auf die verschmutzte Schriftrolle beschloss er, dass ihm eine kleine Pause ganz recht käme. Er würde seine Zimmer kontrollieren. Nicht auszudenken, wenn der Hausmarschall käme und sein Bett wäre nicht gemacht. Ein leichtes Lächeln glitt über das hagere Gesicht des alten Mannes.

    Erstaunt stellte er fest, dass sein Schlafzimmer, seine Schreibstube, sein Flur und sein Waschraum in perfektem Zustand waren. Wie hatte die junge Frau das alles in der kurzen Zeit schaffen können, ohne dass er sie bemerkte? War er so sehr in seine Arbeit vertieft gewesen? Oder wurde er einfach alt? Ließ sein Gehör etwa nach?

    Selbst die Kamine waren geputzt und die Scheite lagen ordentlich aufgeschichtet in der Erwartung des abendlichen Feuers. Seltsam.

    Eliazar nahm sein Taschentuch, rollte eine Ecke zusammen und bohrte sich damit in den Ohren. Das Tuch blieb sauber.

    Ratlos wandte er sich wieder seiner Schriftrolle zu.




    „Guten Morgen, Herr!“ Irritiert von der fremden Stimme drehte sich der Bibliothekar um und musterte die junge Frau im grauen Kleid der Dienerschaft. Eine schmale Gestalt, den Blick züchtig gesenkt, das Kleid eine Nummer zu groß, unvorteilhaft auf der Hüfte gebunden und etwas nach oben gezogen, so dass es nichts von der Figur preis gab. Keine Brust, keine Taille und keine Hüfte. Kein einziges Haar, das unter der Haube keck hervorlugte, das Gesicht ungeschminkt.

    „Wo ist Yvette?“

    „Yvette musste leider abreisen, ihre Mutter ist krank, Herr.“

    Das Gesicht war eigentlich ganz hübsch, herzförmig, mit regelmäßigen Zügen und einer kleinen Kerbe im Kinn, die Lippen zwar nicht üppig, aber gut geformt. Die schmale Nase war etwas zu groß geraten und die Haut war einen Ton zu dunkel. Dafür waren die Augenbrauen schön geschwungen und die Augen groß, mit langen Wimpern.

    „Du darfst mich ruhig ansehen, wenn du mit mir sprichst.“

    Das Mädchen brachte die Kunst fertig, ihren Blick zu heben und durch ihn hindurch zu sehen.

    Grüngraue Augen. Pollok seufzte. Nicht sein Typ. Zudem stand sie da steif wie ein Stockfisch.

    „Hat der Hausmarschall dich eingewiesen?“

    „Ja, Herr.“

    „Ich hoffe, du hast eine Liste, auf der deine Aufgaben notiert sind?“

    Die junge Frau senkte den Blick und schüttelte den Kopf.

    „Ich kann nicht lesen, Herr.“

    Verächtlich sah er sie an.

    „Wo warst du denn vorher eingesetzt?“

    „In der Waschküche, Herr. Und manchmal auch in der Küche.“

    Pollok schnaubte.

    „Das wird ja immer besser. Jetzt schicken sie mir schon Hilfskräfte! Na, du kannst nichts dafür, geh an die Arbeit. Ich werde ein ernstes Wort mit dem Hausmarschall reden müssen.“

    Er wedelte mit seiner Hand, als ob er eine Fliege verscheuchen wollte.


    Man sollte meinen, sie beträte das Zimmer eines Königs. Das wuchtige Bett aus schwerem, dunklem Holz dominierte den Raum. Es hatte vier gedrechselte Säulen, die den Baldachin und die Vorhänge trugen, welche aus schwerem, dunkelblauem und mit goldenen Fäden durchwirktem Brokat gefertigt waren. Im Bett war die Wäsche völlig zerwühlt und zerknittert, fünf Kopfkissen und eine riesige Decke, alles aus feinster Seide und ein jedes Stück mit dem Wappen der Familie bestickt. Dicke, geknüpfte Teppiche mit hohem Flor sorgten dafür, dass ein nackter Fuß keinen kalten Stein berühren musste, auf dem Kaminsims stand eine Menge Zierrat. Mehrarmige große Leuchter sorgten am Abend für gemütliches Licht und waren nun bestückt mit heruntergebrannten Kerzen und beklebt mit Wachs. Nur durch einen schmalen Spalt ließen die schweren Vorhänge Licht in den Raum. Venia zog sie schwungvoll beiseite, öffnete die Fensterflügel und begann, das Bett abzuziehen.

    Irgendwie war das alles dumm gelaufen, denn sie hatte den Posten hier oben nie gewollt. Sie war durchaus zufrieden damit gewesen, tagein, tagaus Wäsche zu waschen, zu flicken, zu bügeln oder Gemüse zu putzen. Sie konnte dem Geschwätz der Menschen um sie herum lauschen und dabei still ihre Arbeit machen, ohne dass ihr jemand drein redete.

    Doch damit war es nun wohl vorbei.

    Sie hatte deutlich die Welle der Feindseligkeit gespürt, die ihr entgegenschlug, als der Hausmarschall ihren Namen nannte. Die Dienerschaft war deutlich höher angesehen und besser bezahlt als die Hilfen in der Küche oder Waschküche. Und die unbestrittene Königin der ganzen Dienerschaft war natürlich Yvette gewesen, da sie den Hüter persönlich betreut hatte. In der Küche waren alle um sie herumgeschwirrt und hatten sie maßlos verwöhnt, nur, um das Neueste vom Hüter zu hören. Wann er aufgestanden war, was er gegessen oder getrunken hatte, was er gesagt oder nicht gesagt hatte – jeder Satz, indem sein Name vorkam, jede noch so bedeutungslose Kleinigkeit aus seinem Leben war in der Küche so wertvoll wie bare Münze.

    Yvette hatte diese Aufmerksamkeit immer sehr genossen.

    Aber das war nicht Venias Art. Sie würde ihre Arbeit machen und sich dann in ihre Kammer zurückziehen, wie immer.

    Und so lange dieser Pollok in der Feste weilte, würde es wohl eine Menge harter Arbeit werden.

    Tröstlich war, dass Pollok die hohe Feste oft verließ, um seltene Schriften zu suchen und hierher zu bringen. An solchen Tagen würde sie nur Eliazar dienen müssen, und der schien nicht sehr anspruchsvoll zu sein.

    Ein Lächeln huschte über Venias Gesicht. Der Hüter kannte sogar ihren Namen. Das war ein seltsames Gefühl. Eliazar, Hüter des Banns, höchste Instanz für Moral und Gerechtigkeit, mächtigster Magier der Welt, Leiter der sagenumwobenen hohen Feste, dem Hort der Gelehrsamkeit und der Schule für magisch Begabte, hatte „... danke, Venia!“ gesagt. Vielleicht war der neue Posten doch gar nicht so übel. Beschwingt drückte sie die tapezierte Wandtüre auf, um in der Ankleidekammer neue Bettwäsche zu holen.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

    2 Mal editiert, zuletzt von melli ()

  • Hallo melli ,


    auch diesen Abschnitt finde ich äußerst gut gelungen. Den und den davor finde ich bisher mit am besten, sehr schön. :thumbsup:


  • Hi melli !

    Ich bin ganz bei Charon , der Abschnitt hat mir sehr gut gefallen. Du schaffst es hervorragend, einen stilistisch niveauvollen Schreibstil mit trockenem Humor zu verbinden und genau darüber die Charaktere zu definieren - ganz unauffällig und trotzdem einprägsam. So kommt es, dass einem Eliazar jetzt schon sympathisch ist, obwohl man quasi nix über ihn weiß, und Pollok eher nicht so!


    Nur gestutzt hab ich hier:

    „Brauchst du noch etwas, Herr?“

    „Zur Zeit nicht, danke, Venia!“

    Das Mädchen knickste und entfernte sich lautlos. Eliazar blickte ihr nachdenklich hinterher. Der Hausmarschall würde ganz sicher heute noch vorbeischauen, um sich zu erkundigen, wie er mit dem neuen Mädchen zufrieden war.

    Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie außer dem „Guten Morgen, Herr“ und der Frage eben nichts gesagt hatte. Er hatte schlicht nicht gemerkt, dass sie überhaupt da war.

    Sie hat doch "Brauchst du noch etwas" gesagt und nicht "Guten Morgen" ?

  • Hallo,

    danke fürs Feedback.

    Charon: ich hab den Schachtelsatz um ein paar aufgezählte Adjektive gekürzt, ich hoffe, das ist jetzt besser lesbar. Text aus der Schriftrolle - hmmm - ich glaube, da würde den Rahmen sprengen, zumal der Konflikt der Fürstentümer in der weiteren Geschichte keine Rolle spielen wird.


    Ja, ich habe die Perspektive drei Mal gewechselt. Die eigentliche Hauptperson in diesem Faden wird Venia werden, aber mir war auch wichtig, darzustellen, wie "unauffällig" sie wirkt. Außerdem wollte ich Eliazar und Pollok charaktermäßig etwas anreißen, deswegen hatte ich beiden je einen kleinen Abschnitt gewidmet. Venia muss erst die Räume Eliazars, dann die von Pollok saubermachen. Ich glaube, das ist nicht rübergekommen, aber da hab ich gerade keine Idee, wie ich das ändern könnte


    Stadtnymphe Ich hab hinter dem "Guten Morgen" - in der Frühe - eingesetzt, das müsste reichen?


    Jota: Mit Strick statt Leine bin ich voll dabei, das werde ich auch noch ändern.:thumbsup: Die Zeichensetzung werde ich auch noch nachbessern. Aber "Herzfehler" zu modern? Es soll ja nur heißen, dass das Herz nicht normal arbeiten kann, was Luftnot, blaue Lippen schnellen Herzschlag usw auslöst, das könnte man auch in einem mittelalterlichen Setting feststellen. Hmm ... herzkrank? Aber "krank" klingt wiederum nach Behandlungsfähig, während Fehler einfach eine mögliche/ vermutete Missbildung beschreibt.?(

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Der Gesang der Vögel lockte sein Unterbewusstsein soweit an die Oberfläche, dass er seinen Hunger zu spüren begann, und dieser Hunger ließ ihn erwachen.

    Alastair lag auf dem Rücken, deshalb fiel sein erster Blick auf eine leere Stelle. Der Sack mit dem Essen fehlte.

    Es war immer noch hell.

    Dann stellte er fest, dass der Wagen stand und das Geräusch von fließendem Wasser den Gesang der Vögel leise untermalte. Er musste aber ziemlich fest geschlafen haben, wenn er so gar nichts mitbekommen hatte?

    Alastair zog die Decke beiseite und fröstelte. Diesmal kam die Kälte nicht von innen, sondern von außen. Nervös kletterte er aus dem Wagen. Tatsächlich hatte es sich empfindlich abgekühlt. Verblüfft sah der Junge auf einen kleinen Feuerplatz, wo nur noch die Glut in dicken Scheiten schwelte. Ein paar Steine lagen auf dieser Glut, und auf diesen Steinen stand ein verheißungsvoller Topf mit Deckel.

    Dahinter saß Gembries im Schneidersitz mit nacktem Oberkörper und fummelte konzentriert an seinem Hemd herum, welches auf seinem Schoß lag. Alastair schluckte. Gembries war breit wie ein Schrank und voller Muskeln. Sein ganzer Körper war mit krausen, im fahlen Sonnenlicht rötlich schimmernden Härchen bedeckt. Alastair dachte verschämt an seine eigene, haarlose Hühnerbrust. Hinz und Kunz waren ausgeschirrt und lagen abseits vom Feuer gemütlich kauend im Gras.

    „Ja, guten Morgen! Auch schon wach?“, rief Gembries.

    Alastair stutzte. Es war schon Morgen?

    „Guten Morgen, Gembries“, antwortete er irritiert und trat an die Feuerstelle. Gembries sah ihn an und verzog das Gesicht.

    „Du siehst nicht nur schmutzig aus, du riechst auch furchtbar“, sagte er schließlich und griff neben sich. „Hier, nimm die Seife und geh dich und deine Klamotten im Ginst waschen, und zwar gründlich, bevor du ans Essen denkst.“

    Dann wandte er sich wieder seinem Hemd zu.

    Erst jetzt begriff Alastair, was er da sah.

    „Du nähst?“

    „Sicher, ich nähe mein Hemd. Was denn sonst? Die Wichser gestern haben es zerschnitten. Soll ich etwa in einem Lumpen herumrennen? Mach dich ins Wasser, Junge.“

    Alastair unterdrückte ein Grinsen. Diesen Bärenmann mit Nadel und Faden hantieren zu sehen, war so … absurd. Hastig drehte er sich um und verschwand im Schilf, dass den Bach säumte. Erst dort erlaubte er sich ein leises Kichern. Dann zog er sich aus, holte tief Luft und lief ins eiskalte Wasser.

    Als er später nur in nasser Hose zurückkam, das Hemd in der Hand, waren seine Lippen blau gefroren, die Zähne klapperten, aber seine Augen strahlten.

    „Mit bestem Dank zurück“, überreichte er die glitschige Seife. Gembries sah prüfend an ihm herunter und nickte schließlich. Er hatte sein gleichfalls gewaschenes Hemd fertig genäht, nun lag es zum Trocknen auf dem Gras. Alastair breitete seines feierlich daneben aus, kein Fleck mehr war darauf zu sehen. Aus den Augenwinkeln bekam er mit, dass Gembries derweil aufstand und zum Wagen ging, und als er sich wieder aufrichtete, wurde ihm auch schon die Decke in die Hand gedrückt.

    „Soll ich die auch waschen?“

    „Nein, darin sollst du dich einwickeln, du Frosch“, sagte Gembries und reichte ihm noch einen sauberen Löffel. „Und dann kannst du den Topf da leeren, ich hab schon gefuttert, der Rest ist für dich. Ich werde in der Zeit versuchen, dem Bach unser nächstes Mittagessen zu entlocken. Forelle wäre nicht schlecht.“

    Das Grinsen auf Alastairs Gesicht wurde noch breiter, als er endlich den Topfdeckel hochnahm. Ein Eintopf, aber was für einer. Nicht die wässrige, fade Plörre, die er aus dem Waisenhaus kannte, sondern ein kräftiges Gemisch aus Weißkohl, Wirsing, Steckrüben und Kartoffeln. Schon der erste Löffel ließ ihn vor Entzücken die Augen schließen. Das Essen war meisterhaft gewürzt, sogar Salz und Pfeffer waren darin. Das Mahl war eines Königs würdig. Offenbar litt Gembries keine Not, und diese Erkenntnis erleichterte den Jungen, denn dann würde er ihm keine so große Last sein.


    Amüsiert warf Gembries einen Blick auf den Jungen. Sie fuhren durch Niemandsland, der ödeste Teil des Weges zur hohen Feste, und das Fröschlein saß mit leuchtenden Augen neben ihm und konnte sich kaum satt sehen. Die Straße, wenn man den braunen Faden, der mit Löchern und Steinen übersät die Landschaft durchschnitt, so nennen wollte, war grottenschlecht. Der Wagen schaukelte heftig, machte einen Höllenlärm und scheuchte damit Schwärme von Vögeln aus dem Gras und den wenigen Büschen auf, denen der Junge entrückt nachschaute.

    „Wie alt bist du eigentlich?“

    „Ich werde bald fünfzehn.“

    „Schon?“, entfuhr es Gembries überrascht. Er hätte das Fröschlein trotz seiner Länge auf vielleicht zwölf geschätzt. So konnte man sich irren.

    „Und was hast du jetzt vor, wo du ja offenbar nicht zurück möchtest, wohin auch immer?“

    „Ich werde mir wohl eine Arbeit suchen“, kam es zurück.

    Ja, das hörte sich nach einem richtig gut durchdachten Plan an. Gembries seufzte leise.

    „Was kannst du denn so ?“

    Endlich nahm der Junge seine Aufmerksamkeit von den Vögeln weg.

    „Oh, ich kann vieles“, sagte er schließlich. „Feldarbeit, Gartenarbeit, pflügen, ich kann gut mit Tieren umgehen, lesen, schreiben, rechnen und Dinge reparieren, die aus Holz sind, ich kenne mich ein wenig mit Heilkräutern aus und kann einfache Salben herstellen, und ich kann auch nähen und Wäsche waschen“, zählte er auf, um dann unsicher herüberzuschielen. „Meinst du, damit finde ich eine Anstellung?“

    „Lesen, schreiben, rechnen und Heilkräuter? Wirklich? Also jetzt richtig lesen und schreiben?“

    Alastair nickte ernst.

    „Wer hat dir denn das alles beigebracht?“

    Ein wehmütiges Lächeln huschte über die feinen Züge.

    „Meine Muma, aber die ist schon lange tot. Sie starb, als ich zehn war. Muma war eine gute Frau.“

    Gembries fiel ein, dass der Ausdruck „gute Frau“ weiter im Osten für Kräuterfrauen gebräuchlich war.

    „Also war deine Mutter eine Kräuterfrau?“, fragte er nach.

    „Ja, eine Kräuterfrau, aber sie war nicht meine richtige Mutter. Sie war schon zu alt, um noch Kinder gebären zu können, als ich zu ihr kam.“

    Gembries sah ihn fragend an, und Alastair errötete.

    „Ich bin ein Bastard, weißt du. Meine richtige Mutter starb bei meiner Geburt, und die Hebamme hat mich dann mitgenommen und einen Platz für mich gesucht, wo ich bleiben konnte. Muma war ihre Freundin. Es war ein guter Platz.“

    Alastairs Augen begannen, feucht zu schimmern, und Gembries gab ihm einen Moment, um sich wieder zu fassen.

    „Und danach?“

    „Mumas Neffe erbte das Häuschen, in dem wir lebten. Er hatte eine große Familie, da war kein Platz mehr für mich.“

    Der Junge sprach jetzt so leise, dass Gembries Mühe hatte, die Worte vor dem Lärm des Wagens zu verstehen.

    „Er hat mich in ein Waisenhaus gebracht, wo ich die letzten Jahre lebte. Da habe ich Reparieren gelernt und Feldarbeit und Tiere hüten, also die Hühner, ein Schwein und den störrischen Esel, mit dem wir gepflügt haben. Ich kam von allen am Besten mit Hubbi klar.“

    Die letzten Sätze kamen wieder klar und deutlich. Freimütig erzählte der Junge weiter, wie er unter die Räuber gekommen war, und endete mit: „Ich frage mich immer noch, für welche Arbeit ein Junge hübsch sein muss.“

    Gembries erstarrte innerlich, begegnete dem fragenden Blick aber mit einem gelassenen Schulterzucken.

    „Sieh mich an Junge - woher soll ich das denn wissen?“

    Alastair grinste verlegen und hielt wieder nach seinen Vögeln Ausschau, während Gembries finster auf die schaukelnden Hintern seiner Ochsen sah. Die Wichser konnten der Ewigen danken, dass er das bei ihrer Begegnung nichts von ihren Plänen mit dem Jungen gewusst hatte.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • Es geht sehr interessant und einfühlsam weiter, liebe melli - hat mir gut gefallen! Ich hab eigentlich nichts auszusetzen! Tatsächlich begann ich mich auch in dem Moment, als Gembries die Frage stellte, zu fragen, wie alt Alastair denn sei.

    Es werden schon die ersten Andeutungen einer guten Freundschaft zwischen dem grummeligen Bärenmann und dem Fröschlein gemacht. Ich finde, dass das recht schnell geht, aber andererseits, wieso nicht? Manche Bücher entwickeln solche Freundschaften während einer Quest über ganze Bände, aber vielleicht verfolgst du ja einen anderen Weg mit den beiden und bist auf etwas Höheres hinaus.

    Ganz besonders hervorheben möchte ich, dass ich am Stil und Ausdruck hier wirklich nichts auszusetzen habe. Bei den meisten Threads hier im Forum lese ich mit dem innerlichen Lektorenauge drüber, aber hier vergesse ich automatisch, nach Fehlerchen zu suchen. Vielleicht, weil es mir einfach so gut gefällt.


    Bis bald!

    Stadtnymphe

  • „Welche von allen Fähigkeiten ist dir denn die liebste?“, setzte Gembries nach einem kurzen Moment das Gespräch fort. „Was willst du mal werden? Wo würdest du dich gerne in, sagen wir mal zehn Jahren, sehen? Darüber solltest du dir Gedanken machen. Wer kein Ziel hat, kommt nirgends an.“

    Wieder blieb es still.

    „Ich weiß es nicht, Gembries. Über so etwas habe ich mir bisher ja auch noch keine Gedanken machen müssen. Aber in zehn Jahren würde ich mich gerne in einem Haus sehen mit einer lieben Frau und vielen Kindern. Ich glaube, es wäre mir egal, was ich arbeiten müsste, um meine Familie zu ernähren, Hauptsache, ich weiß, wo ich hin gehöre. Wie war das denn bei dir?“

    Gembries holte tief Luft.

    Mir war immer klar, dass ich mit Metall arbeiten wollte. Das hat mich immer schon fasziniert. Mein Traum war es, Schmied zu werden. Ich hatte sogar einen Meister gefunden, der mich ausbilden wollte. Leider verstarb er in meinem vierten Lehrjahr, sieben hätte ich gebraucht, um von der Zunft als Geselle anerkannt zu werden. Damit starb auch mein Traum vom Schmied.“

    „Oh., das tut mir leid“, sagte Alastair.

    „Ja, das war Pech. Aber so geht das halt manchmal im Leben. Also beschloss ich, meine bis dahin erworbenen Fähigkeiten als Kesselflicker an den Mann zu bringen. Da arbeitet man auch mit Metall, unterliegt keiner Zunft und kann als freier Mann durch die Lande ziehen. Aber um gute Arbeit abliefern zu können, braucht ein Kesselflicker eine Menge Werkzeug und einen stabilen Wagen, der das alles transportiert und in dem er auch leben kann, wenn er unterwegs ist. Und ein großer Wagen wiederum braucht kräftige Zugtiere. Ich hatte kein Geld, um mir auch nur eines davon zu leisten. Ich hatte gar nichts. Nach dem Tod meines Meisters stand ich genauso auf der Straße wie du jetzt.“

    „Und was hast du dann gemacht?“

    „Ich hab mich als Söldner verdingt und das Geld gespart, bis ich genug hatte, mir das alles zu kaufen. Das hat zehn Jahre gedauert.“ Gembries seufzte über seine Erinnerungen. „Ohne mein festes Ziel vor Augen hätte ich diese Zeit nicht überstanden.“

    Alastair ließ die Worte auf sich wirken.

    „Hm, das einzige, dass mich bis jetzt richtig fasziniert hat, sind Vögel“, gestand er kleinlaut. „Das wird mich wahrscheinlich nicht weit bringen, oder?“

    „Vögel?!“ Gembries´ Miene sagte alles. Verlegen strich sich der Junge die Haare zurück.

    „Manche Adlige haben wohl Falkner“, räumte Gembries schließlich ein, „ aber an deiner Stelle würde ich nicht darauf bauen, damit für deinen Lebensunterhalt sorgen zu können.“

    „Wo fahren wir eigentlich hin?“

    „Ich muss zur hohen Feste, den Tod meines Onkels in den Amtsstuben bekannt geben.“

    Dem Jungen klappte der Kiefer herunter.

    „Zur hohen Feste? Ehrlich?“

    „Ja.“

    „Oh – das ist toll. Entschuldige, ich meine damit natürlich nicht, dass dein Onkel gestorben ist, dazu mein Beileid. Aber die hohe Feste wollte ich immer schon mal sehen. Der Nachbar von Muma hat mir viel über die alten Völker erzählt, ich habe seine Geschichten geliebt. Und jetzt darf ich die hohe Feste persönlich sehen. Ich bin so aufgeregt. Eine echte Zwergenburg! Warst du schon mal da?“

    „Natürlich.“

    „Und? Wie ist es da so?“

    „Mach dir dein eigenes Bild, wenn wir da ankommen.“

    „Hast du auch einen Magier gesehen?“

    „Woher soll ich das wissen? Glaubst du etwa, die tragen ein Schild um den Hals, wo „Magier“ drauf steht?“

    „Äh - nein. Jetzt, wo du es sagst … natürlich nicht.“

    Gembries amüsierte sich sichtlich auf Alastairs Kosten.

    „Doch, warte, einmal habe ich ganz sicher einen Magier gesehen.“

    Die Züge des Jungen spiegelten Unsicherheit.

    „Und wie hast du ihn als solchen erkannt? Hat er gezaubert?“

    Jetzt lachte Gembries.

    „Natürlich. Er hat alle Menschen in Kaninchen verwandelt, nur mich hat er nicht erwischt.“

    Enttäuscht sah der Junge nach vorne.

    „Ich hab ihn an den Rufen der Leute erkannt, die ihn gegrüßt haben. Es war nämlich der Hüter persönlich. Vielleicht hast du ja Glück, und er begegnet dir auch einmal.“

    Das Strahlen kehrte in Alastairs Gesicht zurück, aber die Vorsicht blieb. Statt Gembries weiter auszuhorchen, begnügte sich der Junge damit, still vor sich hin zu träumen.





    Insgeheim hatte Venia befürchtet, von Pollok schikaniert zu werden, damit sie ihre Arbeit nicht schaffte und er einen Grund zur Beschwerde hätte, aber dem war nicht so. Überhaupt schien er ihre Existenz ganz vergessen zu haben, nachdem der erste Besucher in sein Zimmer gekommen war.

    „Guten Morgen, Pollok. Ich hoffe, deine Reise war erfolgreich?“

    „ Und wie! Ich habe den fehlenden Teil gefunden!“

    Obwohl sie die beiden Männer nicht sehen konnte, war deren Aufregung deutlich zu spüren. Eine Spannung lag in der Luft und ließ Venia erleichtert seufzen. Wer so auf die Entdeckung von Schriften fixiert war, würde nicht auf eine kleine, unbedeutende Dienerin achten.

    „Ich werde die anderen holen“, hörte sie den Besucher mit leicht zitternder Stimme sagen.

    Sie war gerade mit den Leuchtern fertig geworden und begann, sich um den Kamin zu kümmern, als sie mehrere Personen eintreten hörte. Niemand sprach.

    „Mädchen? Es ist gut. Du kannst gehen. Ich werde nach dir läuten, wenn ich dich wieder brauche“, stand Pollok unvermittelt in der Türe.

    Venia zuckte zusammen und schluckte das „aber“ herunter. Dass sie noch nicht fertig war, konnte er ja deutlich sehen. Sie nahm den Eimer mit der Asche aus dem Kamin auf, klemmte sich die schmutzige Bettwäsche unter den anderen Arm, knickste und verließ mit gesenktem Blick die Räume. Nur am Rande nahm sie die Gruppe der Besucher wahr.

    Wäsche und Eimer brachte sie in die „Kammer“, einen großen, kahlen Raum direkt neben der Dienstbotentreppe, wo Abfälle, Schmutzwäsche und dreckiges Geschirr darauf warteten, vom Hausdienst abgeholt zu werden. Hastig eilte sie die endlose Treppe herunter, um ihren Warteplatz aufzusuchen.

    Die Küche war so groß wie eine Halle und um diese Zeit so betriebsam wie ein Ameisenhaufen. Das Mittagessen stand an. Jetzt war keine Zeit mehr für loses Geschwätz, statt dessen schallten Anweisungen durch den Raum, untermalt vom Klappern des Geschirrs und dem Klingen des Bestecks.

    Das „Mittagessen“ umfasste einen Prozess, der Venia jedes Mal Ehrfurcht abnötigte. Mehr als zweitausend Mahlzeiten wurden in dieser Küche jeden Tag zubereitet, allein achthundert Schüler mussten verköstigt werden. Scharen von Hausdienern begannen bereits, das Geschirr zum Eindecken in die elf Speisehallen zu bringen, die sich über die sechs Etagen erstreckten. Im Erdgeschoss war die kleinste Halle, dort aßen nur die Gäste, deren Zahl variabel war und den Köchen täglich aktuell gemeldet wurden. In den ersten vier oberen Etagen aßen die Schüler und Adepten in je zwei Hallen, in der fünften die Scholare und in der sechsten schließlich der kleine Kreis der obersten Häupter, einschließlich des Hüters selbst, in je einer. Erst, wenn die Hallen wieder abgeräumt waren, gab es für das Personal eine Mahlzeit im Gesindesaal, der zwischen Küche und Waschküche lag.

    Doch ab heute war Venia kein Teil mehr des Küchenstabs. Flink eilte sie durch die hastenden Menschen zu ihrem neuen Platz, der Wand im rückwärtigen Teil der Küche.

    Ein langes, an die Wand geschraubtes, glatt poliertes Brett ersetzte Tische, darüber hingen die Glöckchen, die durch einen Seilzug mit den einzelnen Zimmern verbunden waren. Manche Plätze hatten vier oder fünf Glöckchen, Venias Platz, an der äußersten rechten Ecke, nur zwei.

    Venia setzte sich auf ihren Stuhl und wagte nicht, den Blick von den Glöckchen abzuwenden aus Angst, ihr Bimmeln würde in der allgemeinen Geräuschkulisse untergehen.

    Aus den Augenwinkeln bemerkte sie so manchen erstaunten Blick auf sich ruhen. Dass der Bibliothekar zurück war, hatte sich herumgesprochen und niemand hatte sie so früh hier unten erwartet.

    Endlich gingen auch die etwas kleineren Gefäße mit dem Essen für den obersten Stock heraus, und die Küche wurde wieder ruhiger. Polloks Glöckchen bewahrte sie vor neugierigen Fragen.

    Seine Zimmer waren leer, als Venia eintrat, der Herr war zu Tisch. Schon auf der Treppe war sie im Geiste nochmal alle Anweisungen des Hausmarschalls durchgegangen, und jetzt eilte sie sich, all die Dinge, die Pollok gemacht haben wollte, zu seiner Zufriedenheit zu erledigen. Unsicher, weil er immer noch nicht zurück war, ließ sie dann selbst ihren Blick kritisch über alles gleiten, Ihr fiel nichts auf, das sie übersehen haben könnte. Trotzdem wäre es ihr lieber gewesen, er wäre selbst da gewesen und hätte sich zufrieden gezeigt.

    Seufzend huschte sie aus seinen Räumen und begab sich erneut zur Bimmelbank, die jetzt gut besetzt war. Natürlich konnte dieses Personal nicht mit dem Gesinde essen, weil sie ja ihre Glöckchen bewachen mussten. Der Hausmarschall persönlich brachte ihr einen gut gefüllten Teller und machte den anderen damit klar, dass Venia in ihrer neuen Position unter seinem Schutz stand. Venia bedankte sich verlegen und aß. Für diese elenden Treppen würde sie viel Kraft brauchen.

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker