Medya Ludus und der Fisch, der die Welt verschlingen wird

Es gibt 9 Antworten in diesem Thema, welches 221 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Kirisha.

  • Hallo Forum!

    Es ist wahrscheinlich zu lange her, dass auch nur noch einem Medya etwas sagen wird - schließlich ist ihre Geschichte auch weder sehr lang noch sehr alt geworden. Die Grundidee für Medya war die einer - im "positiven" Sinne - schizophrenen Figur, die "hinter die Grenzen einer von anderen Menschen wahrgenommenen Realität blicken kann." Leider war das Konzept damals viel zu vage und meine Ideen viel zu unausgereift, weshalb ich die Geschichte wieder fallengelassen habe.

    Aber über die ganze Zeit hat mich Medya irgendwie nicht losgelassen. So schräg und seltsam die Ideen dafür waren, war es von all den Sachen, die ich nach Symphonie der Stille angefangen und nicht beendet habe meine absolute Lieblingsidee. Also habe ich ein wenig gesammelt und glaube jetzt, eine etwas fundiertere Geschichte erzählen zu können.

    Langer Rede kurzer Sinn: Hier ist alleine für euch Medya Ludus, wahnsinnig, ein bisschen schräg, aber hoffentlich auch super unterhaltsam.


    Prolog


    Krachend flogen die Flügel der eisernen Tore auf, enthüllten den Blick auf eine regnerische und stürmische Nacht, und das Klirren der Schwerter und die elendig kümmerlichen Schreie der Sterbenden, die vorher nur ein unerfreuliches Rauschen gewesen waren, schallten nun umso penetranter durch die düsteren Hallen. Fackeln flackerten in ihren Halterungen, und in ihrem Schein ließ sich eindeutig erkennen, dass wir uns in der Residenz des Bösen befanden. Warum? Nur ein Dummer hätte in der grobschlächtigen Architektur Zeichen einer lange unterdrückten, nun aber aufstrebenden Kultur gesehen, die sich nun gegen Jahrtausende der Ausbeutung wehrte und ihren Platz auf der Welt mit Blut und Eisen verteidigte. Nur ein Narr hätte in den hässlichen Fratzen der Guknuk einen anderen Zweck als den einer beweglichen Zielscheibe gesehen, hätte vielleicht ihre schnelle Entwicklung und ihren Sinn für Technik erkannt. Nur ein Trottel hätte den Satz „ja eigentlich haben sich die Guknuk schon arg bemüht, einen Krieg zu vermeiden und ein Abkommen zum gegenseitigen Vorteil auszuhandeln, aber irgendwie haben wir uns da quergestellt“ von den Lippen gebracht. Aber ein wahrer Held lässt sich von einer solchen Feingeisterei nicht beirren. Immerhin waren die Guknuk schon ordentlich hässlich, eine echte Beleidigung fürs Auge, und wie viel Gutes soll bitte schon in so einem knochigen Ledersack stecken? Zum großen Glück aller hatten wir es aber mit einem wahren Helden zu tun, der da eiserne Tore auftrat und sich sein langes, nasses Haar aus dem Gesicht strich. Zum Zeichen seines Heldentums trug er ein Schwert in der rechten Hand, von dem das Blut all jener Bösewichter tropfte, die ein bisschen weniger Geschick im Abschlachten unschuldiger Bauerntölpel bewiesen hatten. Die Linke ließ nun den Helm fahren, der scheppernd auf dem steinernen Boden aufschlug, denn schließlich sollte jeder sein Gesicht erkennen können, wenn er mit dem abgeschlagenen Kopf des Guknukkönigs Groboron vor die Kämpfenden treten, den Sieg verkünden und somit den Krieg beenden würde.

    Hochkonzentriert, jeden Moment einen Hinterhalt erwartend ging unser Held den düsteren Gang entlang, doch nur ab und zu sah er einen aufgeschreckten Diener davonrennen oder eine erschrockene Guknukmaid in Ohnmacht fallen. Ein bisschen wenig Gegenwehr, wenn doch der größte Ritter aller Zeiten gekommen war, um dieses lästige Völkchen zurück in die Steinzeit zu treten, wo es schließlich hingehörte. Energisch biss er die Zähne zusammen – die würden schon noch erleben was es bedeutete, ihm nicht den gebürtigen Respekt zu zollen.

    Nach gut fünfzehn Minuten kam unserem Helden das erste Mal der Gedanke, dass er sich verlaufen hatte. Immerhin hatten ihm keine anstürmenden Gegnerhorden den Weg gewiesen, wie hätte er da in diesem weitläufigen und unbekannten Gebäude anders sein Ziel finden sollen? Ärgerlich brummend stapfte er durch einfache Bibliotheken, Gesindekammern und Küchen, bis er schließlich einen der verbliebenen Köche aus seinem Versteck in einem Wandschrank riss.

    „Hey du!“ Grob schüttelte unser Held den armen Kerl am Kragen. „Wo finde ich den verdammten Thronsaal?“

    „D-Den Thronsaal?“, jammerte der schmächtige Guknuk zitternd, die gelben Augen panisch aufgerissen.

    „Stottere ich? Wo–finde–ich–verdammt–nochmal–den Thronsaal?“

    „N-Nur noch den Gang und die T-Treppe hinab, dann L-Links und Ihr seid sch-schon da!“

    Angewidert ließ unser Held den Koch auf den Küchenboden fallen. „Jämmerlich. Einem Menschen wären diese Worte nur unter Folter über die Lippen gekommen, wenn überhaupt!“

    „W-wenn Ihr denkt“, meinte der Guknuk irritiert. „W-Was habt Ihr denn vor?“

    „Ich werde Groboron den Kopf abschlagen und ihn zusammen mit meinen Streitern durch die Ruinen eurer Stadt tragen, mit Siegesgeschrei auf den Lippen! Was hast du denn geglaubt?“

    „A-aber Ihr seid doch ganz alleine hier, oder?“ Noch immer perplex sah sich der Guknukkoch um, als erwartete er, dass auf einmal ein Trupp schlagkräftiger Panzerkrieger die Küche stürmt.

    „Meine Männer kämpfen in den Straßen, aber ich werde diesen Krieg alleine entscheiden, indem ich euren König einen Kopf kürzer mache! Das ist die Aufgabe eines wahren Helden!“

    „Ja dann … viel Glück!“ Beklommen richtete sich der Koch auf, wischte sich Staub von seiner Schürze.

    „Scher dich davon, bevor ich dir Beine mache, du ledriger Abschaum!“ Unser Held wartete nicht lange darauf, ob der Guknuk seiner Aufforderung Gehorsam leistete, sondern schritt missgelaunt hinaus auf den Gang, den Hinweisen des Kochs folgend. Und tatsächlich, wenige Augenblicke später durfte unser Held die nun hölzerne Tür zum Thronsaal ein- und in den Schein weiterer Fackeln treten, die Spitze seines Schwertes auf Augenhöhe.

    „Yngwy von Detwen!“ Alt und klein und ganz besonders ledrig saß König Groboron in seinem Thron. Nur wenige Fackeln erhellten den weiten Raum, die Wandteppiche und den Pavillon über dem Kopf des Königs. Ein schütterer, weißer Bart fiel von seinem olivgrünen Kinn auf die schmale Brust hinab, die in den teuren roten Stoff gewandet war, wie man ihn weit im Süden der Welt machte. Nichtsdestotrotz konnte das Material nicht über den einfachen Schnitt hinwegtäuschen, wie ein König der Menschen sah Groboron in seinem Ornat nicht aus, eher wie ein einfacher Händler.

    „Groboron! Lang ist’s her, aber ich hab dir ja gesagt, dass ich mal zu Besuch komme.“

    „Ihr habt damit gedroht“, korrigierte ihn der Guknukkönig. „Ihr meintet wortwörtlich, Ihr zerrt mich von meinem Thron und hinterlasst dafür etwas von ähnlicher Größe und identischem Gestank.“

    „Ein rein rhetorisches Mittel! Wir hatten schließlich verhandelt.“

    „Verhandeln nennt Ihr das, soso.“ Seufzend ballte Groboron die dürren Hände zu Fäusten. „Verhandlungen nennt Ihr das, dass Ihr dieses Land mit Krieg überzogen habt, obwohl wir Eure Beleidigungen über uns haben ergehen lassen in der Hoffnung auf Einigung. Sind die Toten auch nur rhetorische Mittel? Die Zerstörung, die Waisen, die Männer und Frauen meines Volkes, die alles verloren haben? Habt Ihr dafür auch einen Eurer dummen Sprüche?“

    „Wo gehobelt wird, fallen nunmal Späne.“ Unverholen grinste Yngwy dem Guknukkönig ins Gesicht. „Jetzt habt ihr schon ein paar weniger Mäuler zu stopfen, immerhin waren die Ernten miserabel dieses Jahr, nicht wahr?“

    Stumm sah Groboron auf den Menschen herab, denn jedes Wort blieb ihm im Halse stecken. Mit einer zitternden Bewegung hob er seine Hand und klopfte drei Mal auf die hölzerne Armlehne seines Throns.

    Keine Sekunde später stürzten Wachen in den Thronsaal; reglos mussten sie in der Nähe gewartet haben, auf den Befehl ihres Königs wartend. Jetzt blickten sie Yngwy aus zornesroten Augen an, ihre Sichelspeere auf den Menschen gerichtet.

    „Wo gehobelt wird, da fallen Späne, ja ja. Wir werden Eure Worte mit in die Waagschale werfen, wenn wir die Bedingungen Eurer Kapitulation aushandeln. Lasst Euer Schwert fallen.“

    Blinzelnd sah Yngwy abwechselnd die Wachen und Groboron an. „Kapitulation? Wovon redet Ihr?“

    „Wovon …? Ihr seid doch hier, um mir Eure Kapitulation zu erklären, oder nicht?“

    „Ich bin hier, um Euch zum Duell zu Fordern!“, brüllte Yngwy empört. „Kämpft mit mir um den Sieg!“

    „Eure Männer werden in den Straßen abgeschlachtet. Ihr habt zwar die Mauern überwunden, aber hier seid Ihr nun in der Unterzahl. Das Blatt hat sich gewendet, es sieht nicht gut aus für Euch!“

    „Deshalb bin ich doch hier!“ Genervt fuchtelte der Mensch mit seinem Schwert. „Wir fechten aus, wer den Krieg gewinnt, Mann gegen Mann! Bewaffnet Euch!“

    Einen kurzen Moment herrschte Stille in den Hallen der Guknuk. „Nein, das werde ich nicht tun.“

    „Was? Ihr … Ihr …“

    „Warum sollte ich, Yngwy? Ich bin ein alter Mann und war jung nicht mehr als ein einfacher Bauer. Ihr seid zudem eindeutig im Nachteil, warum sollte ich zu so verzweifelten Mitteln greifen?“

    „Na …“ Langsam ließ Yngwy sein Schwert sinken „Ehre …“

    „Meine Ehre liegt unter den tausenden von Leichen begraben, die Euer Krieg verursacht hat.“ Klackernd ließ Groboron seine Fingernägel auf den Lehnen seines Throns klackern. „Also verstehe ich es richtig? Ihr wollt nicht kapitulieren?“

    „Niemals!“

    „Und Ihr seid auch kein offizieller Gesandter Eures Königs und kommt unter dem Schutz der Verhandlung zu mir?“

    „Öhh … nein …“

    „Ja dann … tötet Ihn!“

    „Das könnt Ihr nicht …!“ Und wie der König der Guknuk dies konnte, denn zehn Wachen stürzten sich nun gleichzeitig auf ihn. Geschickt ließ Yngwy sein Schwert in der Luft kreisen, wich dem ersten Stoß eines Sichelspeers aus, drehte sich und rammte die Klinge durch den Eisenschuppenpanzer seines Gegners. Noch knapper entging er dem zweiten Stoß, ergriff den Schaft des Speeres und entwand ihn seinem Besitzer.

    Und erstarrte, als kalter Stahl in seine Seite stieß. Zitternd ließ Yngwy den gerade erbeuteten Speer fallen und durchtrennte mit einem gezielten Hieb den Ansatz der Waffe, die sich in ihn gebohrt hatte. Mühselig wich er einem weiteren Angriff aus, doch der Schmerz seiner Wunde pochte mit jedem seiner rasenden Herzschläge durch seinen Körper. Tänzelnd wich unser Held zurück, die Hand auf seine Seite gepresst, schlug noch einmal nach einer Wache, bevor er sich an einer Wand zu Boden gleiten ließ.

    Groboron war indes von seinem Thron gestiegen und hatte sich einen der Speere reichen lassen. Nun endlich seinen Widersacher überragend blieb er vor Yngwy stehen, den Schaft mit beiden Händen haltend.

    „Ihr wollt nicht vielleicht doch noch über eine Kapitulation reden, oder?“, würgte Yngwy zwischen seinen Zähnen hervor, um ein verzweifeltes Lächeln bemüht.

    „Nein. Schmort in der Hölle.“ Das letzte, was unser Held in seinem Leben sah, war der kalte Blick des Guknukkönigs, bevor sein Geist für immer entschwand.


    Für immer?


    Nein! So milde mochte das Schicksal nicht mit der Welt und ihren Bewohnern umspringen, als dass sie unseren Helden aus den Annalen der Zeit getilgt hätte. Vielleicht hätte man glauben können, dass die Völker dieses Planeten mit eiternden Pestbeulen, grausamen Hungersnöten und der peinigenden Gründlichkeit von Finanzämtern nicht genug gestraft worden sind, doch der Kosmos dieser armen Welt ertrug noch eine weitaus schlimmere Last: Götter! Und unser Held ist einer davon.

    Weit oben nun über den Wolken und Meilen entfernt von allem weltlichen Geschehen erhob sich Ahvanach, Heim der Götter. Hallen so alt wie die Zeit sonnten sich unter einem immerblauen Himmel, Weinranken zogen sich an zierlichen Marmorsäulen empor. Doch weit im Bauch eines Tempels, der auch als Tempel der Wiedergeburt bekannt war, tauchte etwas aus dem Becken der Reinkarnation auf – ihr habt’s erraten: Unser Held.

    „Dieser Scheißkerl!“ In einer Mischung aus Wut und Anerkennung schlug der, der einstmals als Yngwy bekannt war, seine Hand auf den Spiegel des Beckens, lachte dann jedoch und rieb sich das Wasser aus Augen und Bart. „Ich hätte es mir denken können! Kein Funken Anstand in diesen grünen Ledersäcken! Aber was solls? Ich hatte meinen Spaß.“

    „Krieg!“, ertönte es vom Rand, irgendwo über ihm, wo eine Empore wirklich stramme Arschbomben in das Becken der Reinkarnation zuließ. „Wird aber auch mal Zeit, dass du dich wieder blicken lässt!“

    „Avila!“ Lachend drehte sich Krieg um, bis er die Haushälterin des Götterhimmels sehen konnte, dann schwamm er in wenigen, kräftigen Zügen zum Rand. Aus dem Wasser erhob sich ein wahrer Adonis – etwas kurzgeraten, aber mit einem Körper wie aus Marmor gemeißelt, stramme Muskeln unter makelloser Haut. „Ja, dreiundzwanzig Jahre! Ich hab schon fast befürchtet, ich würde in diesem Körper alt werden wie beim letzten Mal.“

    Lächelnd reichte Avila dem Gott ein samtweiches Handtuch. Strähnen ihres gebündelten schwarzen Haares fielen ihr ins Gesicht, und neben ihrem olivfarbenen Teint wirkte Krieg geradezu bleich. „Sah fast schon aus, als würdest du deinen Altersrekord brechen wollen.“

    „Meine Güte Avila, das wären fünfunddreißig Jahre! Weißt du, wie sich ein menschlicher Körper mit fünfunddreißig anfühlt? Furchtbar, wirklich abscheulich! Ich glaube, ich habe für dieses Zeitalter auch genug von dieser ganzen Rummenschlerei. Überlassen wir unseren Schäfchen das Heldentum für die nächsten hundert Jahre.“

    „Wo wir gerade dabei sind: Warum hast du zugelassen, dass sie dich schlagen? Du hattest die Guknuk doch in der Hand, hättest du sie aushungern lassen hätten sie kapitulieren müssen. Ihre Versorgungsrouten waren abgeschnitten und von Außerhalb hatten sie keine Hilfe zu erwarten!“

    „Hast du mir mal wieder mit dem Teleskop nachspioniert, was?“ Schelmisch grinste Krieg, während er sich eine fein säuberlich zusammengelegte Toga aus seinem Fach zog und das Handtuch zu Boden fallen ließ, wo es Avila ohne zu zögern aufhob. „Ich habe nun so viele Kriege gewonnen, dass mir der Sieg alleine nicht ausreicht, meine Gute. Es kommt darauf an, wie man siegt. Über gewitzte Strategen singt man keine Lieder, oder kennst du etwa eins? Nein, der Held, der eine aussichtslose Schlacht mit einem Hieb seines Schwertes zum Guten wendet, das Kühne, das Wagemutige beflügelt die Zungen der Dichter. ‚Wir saßen nur rum bis sich der Feind selbst ergab‘ macht einfach keine gute Zeile.“

    „Wohl wahr. Verzeih mir die Frage.“ Etwas schüchtern wandte Avila den Blick zu Boden, bevor sie ihn wieder über Kriegs Bizeps wandern ließ.

    „Dir doch immer, dir doch immer!“ Endlich hatte Krieg es geschafft, die Toga halbwegs elegant um seinen Körper zu wickeln. Allem Anschein nach war er etwas aus der Übung. „Aber erzähl mal: Was hat sich in meiner Abwesenheit getan?“

    „Pff, nicht wirklich viel.“ Grübelnd legte Avila den Zeigefinger ans Kinn, während sie gemeinsam die Stufen zum Kern des Gebäudes bestiegen. „Andhara und Alami liegen sich immer noch in den Haaren, Okulus ist noch keinen Schritt weiter als vor zwanzig Jahren, dass bei Nashis Durst überhaupt noch etwas von ihrem Wein für den Rest übrig bleibt ist ein Wunder …“

    „Also alles beim Alten.“

    „Alles beim Alten.“ Mittlerweile hatten sie die eigentliche Halle der Reinkarnation erreicht, ein wahrhaft riesiges Gebäude, in dem Groborons Thronsaal locker zehnmal hineingepasst hätte. Blasse, lorbeerbekranzte Diener rannten hier umher, deckten Tische, trugen Karaffen herbei, denn es war Tradition, dass mit jeder Entfleischung eines Gottes ein Fest begangen wurde. „Oh nein, warte! Medya ist vor ein paar Wochen wieder ausgebückst!“

    „Medya? Ausgebüchst?“ In gespielter Entrüstung griff sich Krieg an die Brust. „Dann ist doch alles beim Alten.“ Im Vorbeigehen riss Krieg einem Diener ein Tablett mit eingelegten Oliven aus der Hand und stieß ihn fast beiläufig, nur mit zwei Fingern so gegen die Schulter, dass es ihn von den Füßen riss.

    „Du hast selbst gesagt, dass das immer öfter vorkommt und immer länger dauert, bis sie entfleischt. Du weißt, was passiert, wenn sie länger fort ist!“

    „Und sie wird wiederkommen, wie sie es immer getan hat. Irgendwann wird es ihr da unten langweilig, wie uns allen. Gönnt ihr doch einfach mal ihren Spaß, ihr tut ja immer so, als würden wir hier ohne sie gar nichts geschissen bekommen.“

    Empört verschränkte Avila die Arme vor der Brust. „Du hast ja leicht reden, sobald du hier oben bist, ist deine Arbeit ja auch fast getan! Weißt du, wer hinter allen aufräumen darf, wenn dann wieder alles den Bach runtergeht? Ja? Ich!“

    „Jetzt beruhig dich mal! Ich prophezeie dir jetzt etwas: In vier, fünf, maximal zehn Jahren ist Medya wieder hier, zerknatscht wie eh und je, und dann läuft wieder alles am Schnürchen.“

    Kritisch legte Avila die Stirn in Falten. „Denkst du?“

    „Denke ich. Warts einfach ab. Es bleibt wie immer alles beim Alten.“

    Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
    So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.


    Die Schatten der Magie

  • Hallo Myrtana222,


    der Text hat Spaß gemacht! Ein sehr interessanter Prolog, der viel erwarten lässt :D


    Besonders gefallen hat mir der Teil, als Krieg menschlich war. Die Wendung hat mich positiv überrascht. Als ich plötzlich etwas von Finanzämtern las, war ich aber kurz irritiert (was natürlich nichts heißen muss; es hatte mich nur über die zeitliche Einordnung grübeln lassen). Daher könnte man von mir aus den Absatz...

    Nein! So milde mochte das Schicksal nicht mit der Welt und ihren Bewohnern umspringen, als dass sie unseren Helden aus den Annalen der Zeit getilgt hätte. Vielleicht hätte man glauben können, dass die Völker dieses Planeten mit eiternden Pestbeulen, grausamen Hungersnöten und der peinigenden Gründlichkeit von Finanzämtern nicht genug gestraft worden sind, doch der Kosmos dieser armen Welt ertrug noch eine weitaus schlimmere Last: Götter! Und unser Held ist einer davon.

    ... auch löschen :) Aber das ist nur eine ganz persönliche Meinung.


    Ich bin gespannt, wer Mydea ist und wie es weitergeht! :)


    Liebe Grüße und einen schönen Abend!

    M.

  • Hey Moog, vielen Dank für deine Antwort und deine Anmerkungen!

    Als ich plötzlich etwas von Finanzämtern las, war ich aber kurz irritiert (was natürlich nichts heißen muss; es hatte mich nur über die zeitliche Einordnung grübeln lassen). Daher könnte man von mir aus den Absatz...

    Perfekt, ich glaube, dann tut der Part, was er soll :D Es soll ein wenig schräg wirken, ich hoffe, das bleibt in einem nachvollziehbaren Rahmen und wird nicht anstrengend.

    Dann aber mal zum nächsten Part:


    Kapitel I: Wie Krieg einfach nicht Recht behalten soll


    400 Jahre später


    Rufe gellten durch die Nacht, wütend, rissen all die Schläfer aus ihren Betten, weckten gar den grummeligen Mond am Firmament. Medya entschuldigte sich im Vorbeigehen bei ihm, doch sein verschlafenes Gesicht brachte sie so zum Lachen, dass selbst die Sterne sie nicht mehr Ernst nehmen konnten. Doch Ernsthaftigkeit war noch nie eine Stärke der Sterne, und so zwinkerten sie ihr zu, als sie barfuß über Hecken und Gärten sprang, in Richtung des Waldes.

    Bellend erwachten nun auch die Hunde, an denen sie zuvor noch so einfach vorbeigeschlichen war; heftig mussten die Wärter an ihren Halsbändern zerren, an den armen Tieren, die kurz zuvor noch von Knochen und Gummibällen geträumt hatten und nun in die Nacht hinaushetzen mussten, ihr, Medya Ludus hinterher, der entkommenen Irren aus der Anstalt.

    Schritt um Schritt kam sie den Bäumen näher, den Tannen und Fichten, die ihr mit ihren hunderten Armen zujubelten, stumm, aber nicht weniger enthusiastisch. Wie eine Langstreckenläuferin durchbrach sie das Band des Waldrandes, sprang noch einen kleinen Abhang hinab, bevor sie triumphierend aufschrie, einen kurzen Freudentanz aufführte, den ihr die Würmer im Boden beantworteten. Doch dann lief sie weiter, denn sie hörte, dass das Bellen und die aufgeregten Rufe immer näherkamen.

    Ja, sie rannte, und sie rannte schnell für ihren hageren Körper, ihre dünnen Beine …

    „Quatsch, du erzählst das völlig falsch! Von Anfang an!“ Empört blieb Medya stehen, verschränkte entrüstet die Arme. „Ich bin keine ‚entkommene Irre aus der Anstalt‘!“

    Du warst in einer Anstalt eingesperrt und bist aus ihr entkommen.

    „Zu Unrecht eingesperrt!“

    Du bist eingesperrt worden, weil du Kinder und alte Leute mit Eiern beworfen und ihnen erzählt hast, ein Fisch würde die Welt verschlucken wollen.

    „Anders hat mir keiner zugehört! Was hätte ich denn bitte machen sollen? Warten, bis ein Fischmaul am Horizont erscheint?“

    Zum Beispiel.

    „Quark! Und den Teil mit den ‚dünnen Beinen‘ und dem ‚hageren Körper‘ gibst du auch völlig falsch wieder. Es sind hübsche Beine, dünn, aber wohlgeformt, und meine Brust wiegt bei jedem Schritt!“

    Doch an Medya Ludus gab es nichts, dass auch nur annähernd voll genug zum Wiegen war, insbesondere nicht ihre eher unauffällige Brust. Hager eingefallene Wangen …

    „Du meinst ‚ihr wunderschön geschnittenes Gesicht‘!“

    … hager eingefallene Wangen schauten unter einem wirren, krausen Vorhang aus Haaren hervor, rot und strohig wie das Haupt einer Vogelscheuche.

    „Hey, ich bin stolz auf mein Haar!“

    Auf jeden Fall musste Medya ihren Streit mit dem Erzähler jetzt beenden, denn während sie im Wald stand und mit sich selbst sprach, waren ihre ehemaligen Wächter und deren Hunde gefährlich nahegekommen, durchstöberten das Unterholz und folgten der Fährte, die die kalten Schnauzen voller spitzer Zähne aufgenommen hatten.

    „Oh … wo du Recht hast.“ Den Steinen und Moosdecken winkend rannte Medya weiter, wo auch immer ihr ungelenker Gang sie hinführte. Und doch rannte sie nicht ziellos, denn ihr Weg führte sie nach Westen, hin zu den Dörfern und Städten im Umland der Anstalt.

    „Du hättest noch etwas über meine Augen sagen können. Meine schönen, großen Augen.“

    Genau. Denn Medyas Augen mochten das einzige an ihr sein, dass unauffällig war, braun mit völlig normal langen Wimpern; wäre dort nicht der starre, durchdringende Blick gewesen, der jeden in die Flucht schlug, noch bevor er ihr abscheuliches Äußeres überhaupt wahrgenommen hatte.

    „Du bist ein Arsch, weißt du das? Wie heißt du eigentlich?“

    Ich? Ich bin nur ein Erzähler, ich habe und brauche keinen Namen.

    „Dann nenne ich dich einfach Gumby. Gumby ist ein guter Name für jemanden, der eigentlich gar keinen Namen möchte.“

    Von mir aus.

    „Jap!“

    Und so floh Medya weiter, Stunde um Stunde mit dem Wort ‚Gumby‘ auf ihren Lippen, dass sie kichernd und kichernd immer wieder wiederholte, um so den Stimmen in ihrem Kopf auf den Geist zu gehen. Doch nichts würde sie aufhalten, denn Medya wusste: Sie war zu etwas sehr besonderem bestimmt.

    Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
    So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.


    Die Schatten der Magie

  • Herrlich. Das ist mal eine ganz spezielle Erzählweise. Aus dem Erzählrahmen heraus und in die Geschichte hereinzufallen, oder umgekehrt, ist nicht so leicht und kann die Story auch zerstören. Aber hier funktioniert das perfekt und ich habe es gerne gelesen. Auch die Beschreibung der Medya - man bleibt ja so leicht verwirrt zurück - ist sie nun hübsch oder hässlich, es spielt aber nicht so eine große Rolle, weil der Dialog zwischen ihr und dem böswilligen Erzähler einfach zu lustig ist.


    zu etwas sehr besonderem bestimmt

    zu etwas sehr Besonderem ...

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin *

  • Vielen Dank Kirisha für deine Antwort, freut mich, dass dir Medya gefällt.

    Ich würde sagen, dass wahrscheinlich einiges, was der Erzähler sagt, wirklich auch auf Medya zutrifft, nur nicht so gravierend und in dem Ausmaß. Auf eine gewisse Art ist der Erzähler eben auch ein Teil von ihr und kennt sie durch und durch, und er projiziert all ihre Unsicherheiten und Ängste auf sie zurück - und das sind momentan vor allem Äußerlichkeiten. Kurz gesagt ist sie denke ich keine Schönheitskönigin, aber auf keinen Fall abstoßend, wie sie der Erzähler ja schließlich darstellt. Ich möchte versuchen, Medya nicht nur als quietschbuntes Energiebündel darzustellen (das sie meistens durchaus ist). Sie soll auch eine Seite haben, an der sie zu Nagen hat, und der Erzähler soll hierbei seinen Teil beitragen.

    Vielen Dank nochmal allen, die mitlesen, kommentieren und korrigieren, ich freue mich sehr über Feedback und Anregungen, gerade auch, weil ich mit diesem Geschichtstyp noch auf sehr wackligen Beinen stehe. Ich schaue, dass ich bald den nächsten Teil poste!

    Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
    So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.


    Die Schatten der Magie

  • Das erste Kapitel hält, was der Prolog erwarten ließ!

    Das Erzählspiel zwischen Medya und Erzähler (der anscheinend ein Teil von ihr ist), hat mir sehr gefallen. Es hat mich ein wenig an die Point and Click-Spiele „Edna bricht aus“ und co erinnert. Dein Text ist natürlich etwas ganz eigenes; ich will dir damit nur berichten, welche emotionalen Erinnerungen/Erwartungen da bei mir geweckt werden.


    Etwas worüber man nachdenken könnte, was gar nicht zwingend ist und vielleicht auch gar nicht zur Geschichte passt:

    Man könnte auch überlegen, ob man die Erklärung der Götterebene erst später bringt. Dann könnte man als Prolog nur den gescheiterten Angriff des „Helden“ stehen lassen. Als Kapitel 1-X Medyas Leben beschreiben, wobei die Leser:innen im Unklaren bleiben, wie es um ihren Verstand bestellt ist, und dann erst im Intermezzo die Götterebene enthüllen.

    Das ist jetzt aber nur so als Anregung gedacht, worüber man nachdenken könnte, und macht für deine Geschichte vielleicht auch gar keinen Sinn :D


    Liebe Grüße und ich freue mich schon auf den nächsten Teil! :)

    M.

  • Etwas worüber man nachdenken könnte, was gar nicht zwingend ist und vielleicht auch gar nicht zur Geschichte passt:

    Man könnte auch überlegen, ob man die Erklärung der Götterebene erst später bringt. Dann könnte man als Prolog nur den gescheiterten Angriff des „Helden“ stehen lassen. Als Kapitel 1-X Medyas Leben beschreiben, wobei die Leser:innen im Unklaren bleiben, wie es um ihren Verstand bestellt ist, und dann erst im Intermezzo die Götterebene enthüllen.

    Diesen Gedanken habe ich übrigens auch gehabt. Die Göttergeschichte weckt bei mir eine ganz andere Erwartungshaltung als die Story über Medya. Und da mir persönlich die Medya-Geschichte wesentlich besser gefällt als der eher distanziert erzählte Götterteil, würde ich denken, du würdest mit der Umstellung mehr Leser an die Angel bekommen (?) (Jedenfalls Leser, die so ticken wie ich). Also, der Götterteil war auch interessant, aber Medya mochte ich gleich ganz besonders.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin *


  • Es hat mich ein wenig an die Point and Click-Spiele „Edna bricht aus“ und co erinnert. Dein Text ist natürlich etwas ganz eigenes; ich will dir damit nur berichten, welche emotionalen Erinnerungen/Erwartungen da bei mir geweckt werden.

    Das ist denke ich kein Zufall, ich habe einen ganzen Haufen der Daedalic-Spiele gespielt, und auch wenn ich bei Medya jetzt nicht an Edna gedacht habe, war sie wahrscheinlich eine Inspiration.

    Man könnte auch überlegen, ob man die Erklärung der Götterebene erst später bringt. Dann könnte man als Prolog nur den gescheiterten Angriff des „Helden“ stehen lassen. Als Kapitel 1-X Medyas Leben beschreiben, wobei die Leser:innen im Unklaren bleiben, wie es um ihren Verstand bestellt ist, und dann erst im Intermezzo die Götterebene enthüllen.

    Und da mir persönlich die Medya-Geschichte wesentlich besser gefällt als der eher distanziert erzählte Götterteil, würde ich denken, du würdest mit der Umstellung mehr Leser an die Angel bekommen (?)

    Hm, ich bin ehrlich gesagt auch noch immer nicht happy mit dem Prolog. Für mich war das dann nur leider auch immer ein Grund nicht weiter daran zu arbeiten, deshalb habe ich fürs Erste etwas geschrieben, das mir den Einstieg ermöglicht. Ursprünglich war sogar die Medya-Szene der Prolog.

    Mein Problem an der Stelle ist, dass ich sehr bald das Hintergrundwissen um Krieg brauche, quasi in der nächsten Szene. Ich habe das Gefühl, dass ich erst noch ein paar Szenen schreiben muss bis ich wirklich sehe, welchen Spielraum ich für den Prolog habe. Ich würde vorerst den Prolog noch belassen, wie er ist, und mich dann dahinter setzen, wenn sich ein paar Dinge geklärt haben.

    Hier aber schon mal der Beginn der nächsten Szene:


    Seufzend blieb Satis am Straßenrand stehen, gegenüber der Töpferei. Hell und rosig leuchtete der Morgen durch die gepflasterten Gassen Telomers, vertrieb den dünnen Nebel, der sich noch hier und dort an den Hausmauern gesammelt hatte. Es musste ein schöner Sommermorgen sein, denn die Menschen liefen bereits zu dieser Uhrzeit geschäftig durch das verschlafene Städtchen, die Rosen und Gardenien auf den Fensterbrettern der betuchten Bürger leuchteten so strahlend, als habe ein Künstler sie mit Ölfarben bemalt.
    Ja, es musste ein schöner Tag sein, aber heute hatte Satis nur für eines Augen: den Töpfersohn, der dort hinter der Scheibe an einem wundervollen Krug arbeitete, seine kräftigen Finger über den geschlämmten Lehm gleitend. Gestern war sie ihm zum ersten Mal begegnet, war aus Versehen in ihn reingelaufen, als sie sich nach neuen Bechern umgesehen hatte – und da war es einfach passiert.
    Irgendwie ging er ihr seitdem nicht mehr aus dem Kopf, die breiten Schultern, die sanfte Stimme, die warmen Augen … Kaum gelang es ihr, den Blick von dem jungen Mann loszureißen, weiterzugehen, denn die Zeit drängte. Für ihren Herren hatte sie noch so einiges zu besorgen, darunter Dinge, die in Kriegszeiten knapp geworden waren. Und auch wenn das betuchte Ehepaar, dem sie den Haushalt besorgte, verständnisvoll und nett war, ging es hier um ihre Zuverlässigkeit, auf die Satis ziemlich stolz war.
    Eilig, jeder ihrer Schritte auf dem Pflaster klackend, ging Satis weiter. Zwei Gassen und einen Park weiter befand sich ein fahrendes Geschäft, eine kleine Kuriosität. Zwei Ochsen reichte aus, um das vergleichsweise schmale, aber lange Gebäude auf Rädern über die verzweigten Straßen des Landes zu ziehen. Seit einigen Monaten machte der fremde Händler hier Halt und war eine unter den Städtern beliebte – und unter den anderen Geschäftsmännern verhasste – Attraktion geworden.
    Gerade, als Satis Halt machte, öffnete der Besitzer sein Geschäft. Seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie Schwierigkeiten gehabt, ihn einzuschätzen: Er schien weder sonderlich alt noch wirklich jung zu sein, und ein Drei-Tage-Bart bedeckte oft seine Wangen. Meist starrte er etwas entrückt vor sich her, selbst wenn er mit den Kunden sprach, und kaum einer will ihm außerhalb seines Hauses einmal begegnet sein. Lustlos starrte ihr der Verkäufer entgegen, bis sie schließlich näher herantrat, ihre Grübeleien beiseiteschiebend.
    „Guten Morgen“, grüßte sie, und der Mann tat es ihr mit einem Nicken gleich. „Sagt, habt Ihr Salz?“
    „Das Pfund kostet Euch einen halben Kupferling.“ Noch bevor Satis etwas erwidern konnte, zog der Fremde einen riesigen Sack unter seinem Tresen hervor. Satis traute ihren Augen kaum. Gestern erst hatte die Nachricht die Stadt erreicht, dass die Handelszüge vom Meer ausbleiben würden; die Salzquellen Gendias, des Landes, dem sich ihr Fürst zugehörig fühlte, lagen am Nepp-Kanal, dem einzigen Zugangspunkt Gendias zum Meer. Diesen Kanal entlang waren Geschwader feindlicher Fregatten enlanggezogen; unter welcher Flagge diese Krieger zogen, wusste niemand genau. Die Gerüchteküche brodelte, sicher war nur, dass sie begonnen hatten, die Gendischen Küstenstreifen einzunehmen – und die Handelszüge vom Meer blieben aus.
    Wie zu erwarten hatten die Städter begonnen, Waren aus Überseetransporten zu horten, und die Preise für Salz und exotischere Güter waren über Nacht ins unermessliche geschossen. Wie also konnte dieser Händler noch über eine solch gewaltige Menge Salz verfügen und sie zudem für einen halben Kupferling verkaufen?
    „Ihr könntet das Doppelte verlangen, mindestens“, sprach Satis aus Versehen ihre Gedanken aus, legte gleich erschrocken die Hand vor den Mund. Etwas genervt kniff der Händler seine Augen zusammen.
    „Ich kann von Euch auch gerne das Doppelte fordern, wenn Euch das glücklich macht.“
    „Nein, nein, entschuldigt. Ich nehme drei Pfund.“ Das sollte reichen, bis sich die Situation geklärt hatte; wenn es um Geld ging, drehte sich das Rad der Zeit immer schnell. Egal wer die Kontrolle über die Küste haben würde, der Handel würde weitergehen, vielleicht mit höheren Zöllen, aber die Stände würden wieder gefüllt sein.
    Wenige Minuten später ging Satis erneut die Gasse mit dem Töpferladen entlang. Immer noch saß dort der Jüngling hinter dem Schaufenster, und Satis erlaubte sich näherzutreten, vorgebend, die ausgestellte Ware zu betrachten. Aus dem Augenwinkel musterte sie den Wildfremden – bis eine Frau in das Zimmer trat, dem Handwerker im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange hauchte. Satis Lächeln erstarrte, und mit einem irrationalen Gefühl des Verlusts trat sie einen Schritt zurück. Wie er sie angesehen hat. Die Blicke, die sich die Beiden teilten verrieten alles; sie lebten in ihrer eigenen Welt, glücklich, und alles um sie hatte nicht den Hauch einer Bedeutung.
    Seufzend drehte sich Satis um, überquerte die Straße. Der Krieg hatte so viele Männer gefressen, junge und alte, und es würde nicht lang dauern, bis es drei unverheiratete Frauen in ihrem Alter auf zwei Männer gab. Ledige Frauen gab es im Übermaß, und dieser Moment war nicht der erste, an dem sie sich vorstellte, ihr Leben lang den Haushalt von Händlern und Beamten zu führen, bis sie als alte Jungfer starb.
    Es gibt schlimmeres, dachte sie bei sich. Du bist am Leben, du hast Essen und ein Dach über den Kopf und einen Herren, der dich nicht angrabscht. Man konnte nicht alles haben, und es gab genug Leute, denen es schlechter erging – zumindest redete sie sich das immer ein.
    Energisch scheuchte sie jeden weiteren Gedanken fort, der ihr zu diesem Thema in den Kopf kriechen wollte. Du benimmst dich wie ein Schulmädchen! Krieg dich wieder in den Griff. Mittlerweile waren auch die verschlafendsten der Bewohner Telomers erwacht, und auf den Straßen herrschte Trubel. Isingwar, Telomers Fürst, hatte einen Besuch des Rosenmarkts angekündigt, und Satis hatte eigentlich längst vorgehabt, wieder beim Haus ihres Herren zu sein. Nun würde sie schauen müssen, wie sie um die Menschenmassen herumkam, die nun die Straßen verstopften.
    Gerade war die Haushälterin stehengeblieben, um nach einer Lücke zwischen den Menschen zu suchen – als etwas klatschend neben ihr aufschlug. Verwundert blickte die junge Frau zu Boden, blinzelte.
    „Ein Ei!“ Nach kurzem Zögern beugte sich Satis hinab, als traute sie ihren Augen nicht. Doch tatsächlich: Vor ihr lag nichts anderes als ein gewöhnliches Ei, und der geplatzte Dotter rann über das Pflaster. Verwundert sah Satis sich um; woher konnte das Ei nur kommen? Hatte es jemand fallengelassen? Hatte ein unachtsamer Vogel es aus seinem Nest geschubst?
    „Hey du, könntest du das wieder aufheben und zusammensetzen? Hab‘s aus Versehen fallengelassen, wollte dich aber eigentlich damit treffen!“
    „Wer …“ Doch als Satis nach oben sah, konnte sie sehr gut sehen, ‚wer‘. Bis über beide Wangen grinsend stand auf einem kleinen Vordach eine hagere Frau, ihr wirres Haar vom leichten Wind in ihre Stirn geblasen. Die Hände in die Hüften gestemmt blickte Medya auf die Haushälterin herab.
    „Die allerschnellste scheinst du ja nicht gerade zu sein! Aber das macht nichts, du hörst mir endlich zu. Also: Wusstest du schon, dass ein großer Fisch die Welt verschlucken wird?“
    „Bitte was?“ Verwundert blinzelnd schaute Satis zu der augenscheinlich irren Frau hinauf. Mit aller Gewalt versuchte ihr Hirn im Hintergrund einen Sinn, einen Zusammenhang zwischen den Worten Medyas, dem zerbrochenen Ei und sich selbst herzustellen, doch es misslang ihm gründlich. Und so blieb Satis nichts weiter übrig als weiterhin blinzelnd die Fremde anzustarren.
    Medya hingegen begann sich zu ärgern. Wieso reagierte niemand angemessen auf ihre Warnung? Warum verfiel niemand in Panik, rannte schreiend umher, raufte sich verzweifelt das Haar? Niemand schien die aufkeimende Bedrohung ernstzunehmen, und selbst das Ei, das gerade die Bordsteinkante herunterlief, bedachte sie nur mit einem hämischen Grinsen.
    Außerdem hatte sie bemerkt, wie viel hübscher die Frau zu ihren Füßen war …
    „Spinnst du, Gumpy? Warum sollte mich das interessieren?“
    Sie war ein gutes Stück kleiner als Medya, und ihr Haar umrahmte ihr Gesicht wie ein brünetter, seidiger Kranz. Eine niedliche Stubsnase untermalte den freundlichen Eindruck, den man zwangsläufig von ihr gewann.
    „Jetzt übertreib mal nicht!“
    „Mit wem redest du denn?“, fragte Satis verwirrt, doch Medyas Aufmerksamkeit galt allein der Stimme in ihrem Kopf, die sie nun darauf hinwies, wie warm und strahlend die braunen Augen der Haushälterin waren, Augen, in die sich stets ein Lächeln stahl.
    „Gumby, du bist ein … Moment. Du hast recht!“ Die Lider zusammengekniffen beugte sich Medya vor, so weit, dass Satis schon fürchtete, die fremde Irre würde auf die fallen oder sie anspringen. „Sie … sie ist wirklich furchtbar süß!“ Ein funke Neid kochte in Medya auf, und Neid spiegelte sich in ihr immer in schlechter Laune wider, und nichts hasste Medya mehr als schlechte Laune. Ohne Vorwarnung griff sie in den kleinen Korb mit Eiern zu ihren Füßen, nahm eines heraus und warf es mit aller Kraft ihrer jämmerlich schwachen Arme in die Menschenmenge. Erschrocken zuckte Satis zusammen, machte sich klein, als fürchte sie, als Ursache der unerfreulichen Überraschung misserkannt zu werden.
    Tatsächlich zerplatzte das Ei im Genick eines Passanten, der sich mit einem erschrockenen Aufschrei an den Hinterkopf fasste. Zu ihrem Glück schien er nicht ausmachen zu können, aus welcher Richtung ihn das Ei getroffen hatte, doch in Satis stieg auf einmal Zorn auf. Was erlaubte sich diese Person?
    „Spinnst du eigentlich total? Du kannst doch nicht mit Eiern auf Leute werfen!“ Eine schmale Leiter führte auf das Vordach, über welche wohl diese Irre aufgestiegen war. Und in ihrem Zorn tat Satis etwas, das sie in einem normalen Gemütszustand nie getan hätte und später noch häufig bereuen würde: Sie griff nach der Leiter und setzte ihre Füße auf die Sprossen.
    Perplex starrte Medya die Haushälterin an, die nun selbst fast auf das Vordach gestiegen war. „Bist du gerade vorhin eingeschlafen oder was? Natürlich kann ich das.“ Zur Demonstration griff Medya nach einem weiteren Ei, holte aus und warf.
    Ein erschrockenes Raunen ging durch die Menge auf der Straße. Eilig griff Satis nach dem Korb mit Eiern, hob ihn sich hinter den Rücken, dass Medya keine Gelegenheit bekam, noch einmal hineinzugreifen.
    Doch die Rothaarige beachtete sie gar nicht mehr. Wie versteinert blickte Medya auf die Straße hinab, und kurz darauf tat Satis es ihr gleich.
    Mit einem Ausdruck tiefster Verärgerung wischte sich dort Isingwar, der Fürst Telomers, Eidotter von seiner sündhaft teuren, reich bestickten Weste. Triefend lief Eiweiß von seinen weichen, wildledernen Handschuhen, und auf einmal herrschte Stille auf der Straße.
    Die Straße war so verstopft, weil die Menschen Platz für das Gefolge des Fürsten machen wollten. So nutzlos diese Erkenntnis nun war, drängte sie sich Satis in den Kopf, bevor Furcht und Panik schlussendlich die Obermacht über ihren Verstand gewannen.
    „Was glotzt ihr so blöd?“, blaffte Isingwar seine Wachen an. „Nehmt sie endlich fest, verdammt nochmal!“

    Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
    So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.


    Die Schatten der Magie

    Einmal editiert, zuletzt von Myrtana222 ()

  • Juhuu, ein neuer Teil! :D


    Ich würde vorerst den Prolog noch belassen, wie er ist, und mich dann dahinter setzen, wenn sich ein paar Dinge geklärt haben.

    Das klingt gut! Der Prolog ist spannend und funktioniert gut! Daher hör jedenfalls nicht auf, an der Geschichte zu schreiben!! :D Bisher (auch mit dem neuen Teil) liest sich die Geschichte spannend, unterhaltsam und stimmig! :D


    Hell und rosig leuchtete der Morgen durch die gepflasterten Gassen Telomers, vertrieb den dünnen Nebel, der sich noch hier und dort an den Hausmauern gesammelt hatte. Es musste ein schöner Sommermorgen sein, denn die Menschen liefen bereits zu dieser Uhrzeit geschäftig durch das verschlafene Städtchen. Die Rosen und Gardenien auf den Fensterbrettern der betuchten Bürger leuchteten so strahlend, als hätte ein Künstler sie mit Ölfarben bemalt.

    Ein schöner Szenen-Anfang! Bei der Markierung würde ich persönlich lieber zwei Sätze daraus machen.


    Für ihren Herren hatte sie noch so einiges zu besorgen, darunter Dinge, die in Kriegszeiten knapp geworden waren. Und auch wenn das betuchte Ehepaar, dem sie den Haushalt besorgte, verständnisvoll und nett war, ging es hier um ihre Zuverlässigkeit, auf die Satis ziemlich stolz war.

    die Salzquellen Gendias, des Landes, dem sich ihr Fürst zugehörig fühlte, lagen am Nepp-Kanal, dem einzigen Zugangspunkt Gendias zum Meer.

    Ich bin beim ersten Mal lesen, bei der Frage etwas durcheinandergekommen, für wen sie eigentlich arbeitet. Vielleicht könnte man statt von ihrem Herren, von ihren Herren sprechen (also wenn sie nicht nur den Ehemann, sondern auch die Ehefrau als Vorgesetzte betrachtet).

    Auch über "ihr Fürst" musste ich kurz etwas nachdenken. Vielleicht könnte man hier schreiben: "... dem sich der Fürst, dem sie untertan waren, zugehörig fühlte, ..."

    Aber das ist vielleicht auch alles nur meine ganz eigene Sichtweise :D


    Oh oh. Für Satis hat dieser Tag eine ganz schön unerwartete Wendung genommen :D


    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag!

    M.

  • Ja, dieser Teil ist wieder sehr hübsch! Die Haushälterin ist so niedlich und nett und es war angenehm ihr zu folgen. Auch der Part über die Probleme mit der Zugänglichkeit von Salz, der einiges über die Gegebenheiten dort verrät, hat mir gut gefallen.


    Hier nur ein paar Kleinigkeiten:


    die fremde Irre würde auf die fallen oder sie anspringen.

    auf sie fallen


    Mit aller Gewalt versuchte ihr Hirn im Hintergrund einen Sinn, einen Zusammenhang zwischen den Worten Medyas, dem zerbrochenen Ei und sich selbst herzustellen, doch es misslang ihm gründlich.

    es misslang ihr ... Satis ist doch eine Frau?


    Spinnst du eigentlich total?

    Das ist mir zu modern, passt nicht so gut zu Fantasy :)

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin *