Medya Ludus und der Fisch, der die Welt verschlingen wird

Es gibt 23 Antworten in diesem Thema, welches 1.830 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von melli.

  • Hallo Forum!

    Es ist wahrscheinlich zu lange her, dass auch nur noch einem Medya etwas sagen wird - schließlich ist ihre Geschichte auch weder sehr lang noch sehr alt geworden. Die Grundidee für Medya war die einer - im "positiven" Sinne - schizophrenen Figur, die "hinter die Grenzen einer von anderen Menschen wahrgenommenen Realität blicken kann." Leider war das Konzept damals viel zu vage und meine Ideen viel zu unausgereift, weshalb ich die Geschichte wieder fallengelassen habe.

    Aber über die ganze Zeit hat mich Medya irgendwie nicht losgelassen. So schräg und seltsam die Ideen dafür waren, war es von all den Sachen, die ich nach Symphonie der Stille angefangen und nicht beendet habe meine absolute Lieblingsidee. Also habe ich ein wenig gesammelt und glaube jetzt, eine etwas fundiertere Geschichte erzählen zu können.

    Langer Rede kurzer Sinn: Hier ist alleine für euch Medya Ludus, wahnsinnig, ein bisschen schräg, aber hoffentlich auch super unterhaltsam.


    Prolog


    Krachend flogen die Flügel der eisernen Tore auf, enthüllten den Blick auf eine regnerische und stürmische Nacht, und das Klirren der Schwerter und die elendig kümmerlichen Schreie der Sterbenden, die vorher nur ein unerfreuliches Rauschen gewesen waren, schallten nun umso penetranter durch die düsteren Hallen. Fackeln flackerten in ihren Halterungen, und in ihrem Schein ließ sich eindeutig erkennen, dass wir uns in der Residenz des Bösen befanden. Warum? Nur ein Dummer hätte in der grobschlächtigen Architektur Zeichen einer lange unterdrückten, nun aber aufstrebenden Kultur gesehen, die sich nun gegen Jahrtausende der Ausbeutung wehrte und ihren Platz auf der Welt mit Blut und Eisen verteidigte. Nur ein Narr hätte in den hässlichen Fratzen der Guknuk einen anderen Zweck als den einer beweglichen Zielscheibe gesehen, hätte vielleicht ihre schnelle Entwicklung und ihren Sinn für Technik erkannt. Nur ein Trottel hätte den Satz „ja eigentlich haben sich die Guknuk schon arg bemüht, einen Krieg zu vermeiden und ein Abkommen zum gegenseitigen Vorteil auszuhandeln, aber irgendwie haben wir uns da quergestellt“ von den Lippen gebracht. Aber ein wahrer Held lässt sich von einer solchen Feingeisterei nicht beirren. Immerhin waren die Guknuk schon ordentlich hässlich, eine echte Beleidigung fürs Auge, und wie viel Gutes soll bitte schon in so einem knochigen Ledersack stecken? Zum großen Glück aller hatten wir es aber mit einem wahren Helden zu tun, der da eiserne Tore auftrat und sich sein langes, nasses Haar aus dem Gesicht strich. Zum Zeichen seines Heldentums trug er ein Schwert in der rechten Hand, von dem das Blut all jener Bösewichter tropfte, die ein bisschen weniger Geschick im Abschlachten unschuldiger Bauerntölpel bewiesen hatten. Die Linke ließ nun den Helm fahren, der scheppernd auf dem steinernen Boden aufschlug, denn schließlich sollte jeder sein Gesicht erkennen können, wenn er mit dem abgeschlagenen Kopf des Guknukkönigs Groboron vor die Kämpfenden treten, den Sieg verkünden und somit den Krieg beenden würde.

    Hochkonzentriert, jeden Moment einen Hinterhalt erwartend ging unser Held den düsteren Gang entlang, doch nur ab und zu sah er einen aufgeschreckten Diener davonrennen oder eine erschrockene Guknukmaid in Ohnmacht fallen. Ein bisschen wenig Gegenwehr, wenn doch der größte Ritter aller Zeiten gekommen war, um dieses lästige Völkchen zurück in die Steinzeit zu treten, wo es schließlich hingehörte. Energisch biss er die Zähne zusammen – die würden schon noch erleben was es bedeutete, ihm nicht den gebürtigen Respekt zu zollen.

    Nach gut fünfzehn Minuten kam unserem Helden das erste Mal der Gedanke, dass er sich verlaufen hatte. Immerhin hatten ihm keine anstürmenden Gegnerhorden den Weg gewiesen, wie hätte er da in diesem weitläufigen und unbekannten Gebäude anders sein Ziel finden sollen? Ärgerlich brummend stapfte er durch einfache Bibliotheken, Gesindekammern und Küchen, bis er schließlich einen der verbliebenen Köche aus seinem Versteck in einem Wandschrank riss.

    „Hey du!“ Grob schüttelte unser Held den armen Kerl am Kragen. „Wo finde ich den verdammten Thronsaal?“

    „D-Den Thronsaal?“, jammerte der schmächtige Guknuk zitternd, die gelben Augen panisch aufgerissen.

    „Stottere ich? Wo–finde–ich–verdammt–nochmal–den Thronsaal?“

    „N-Nur noch den Gang und die T-Treppe hinab, dann L-Links und Ihr seid sch-schon da!“

    Angewidert ließ unser Held den Koch auf den Küchenboden fallen. „Jämmerlich. Einem Menschen wären diese Worte nur unter Folter über die Lippen gekommen, wenn überhaupt!“

    „W-wenn Ihr denkt“, meinte der Guknuk irritiert. „W-Was habt Ihr denn vor?“

    „Ich werde Groboron den Kopf abschlagen und ihn zusammen mit meinen Streitern durch die Ruinen eurer Stadt tragen, mit Siegesgeschrei auf den Lippen! Was hast du denn geglaubt?“

    „A-aber Ihr seid doch ganz alleine hier, oder?“ Noch immer perplex sah sich der Guknukkoch um, als erwartete er, dass auf einmal ein Trupp schlagkräftiger Panzerkrieger die Küche stürmt.

    „Meine Männer kämpfen in den Straßen, aber ich werde diesen Krieg alleine entscheiden, indem ich euren König einen Kopf kürzer mache! Das ist die Aufgabe eines wahren Helden!“

    „Ja dann … viel Glück!“ Beklommen richtete sich der Koch auf, wischte sich Staub von seiner Schürze.

    „Scher dich davon, bevor ich dir Beine mache, du ledriger Abschaum!“ Unser Held wartete nicht lange darauf, ob der Guknuk seiner Aufforderung Gehorsam leistete, sondern schritt missgelaunt hinaus auf den Gang, den Hinweisen des Kochs folgend. Und tatsächlich, wenige Augenblicke später durfte unser Held die nun hölzerne Tür zum Thronsaal ein- und in den Schein weiterer Fackeln treten, die Spitze seines Schwertes auf Augenhöhe.

    „Yngwy von Detwen!“ Alt und klein und ganz besonders ledrig saß König Groboron in seinem Thron. Nur wenige Fackeln erhellten den weiten Raum, die Wandteppiche und den Pavillon über dem Kopf des Königs. Ein schütterer, weißer Bart fiel von seinem olivgrünen Kinn auf die schmale Brust hinab, die in den teuren roten Stoff gewandet war, wie man ihn weit im Süden der Welt machte. Nichtsdestotrotz konnte das Material nicht über den einfachen Schnitt hinwegtäuschen, wie ein König der Menschen sah Groboron in seinem Ornat nicht aus, eher wie ein einfacher Händler.

    „Groboron! Lang ist’s her, aber ich hab dir ja gesagt, dass ich mal zu Besuch komme.“

    „Ihr habt damit gedroht“, korrigierte ihn der Guknukkönig. „Ihr meintet wortwörtlich, Ihr zerrt mich von meinem Thron und hinterlasst dafür etwas von ähnlicher Größe und identischem Gestank.“

    „Ein rein rhetorisches Mittel! Wir hatten schließlich verhandelt.“

    „Verhandeln nennt Ihr das, soso.“ Seufzend ballte Groboron die dürren Hände zu Fäusten. „Verhandlungen nennt Ihr das, dass Ihr dieses Land mit Krieg überzogen habt, obwohl wir Eure Beleidigungen über uns haben ergehen lassen in der Hoffnung auf Einigung. Sind die Toten auch nur rhetorische Mittel? Die Zerstörung, die Waisen, die Männer und Frauen meines Volkes, die alles verloren haben? Habt Ihr dafür auch einen Eurer dummen Sprüche?“

    „Wo gehobelt wird, fallen nunmal Späne.“ Unverholen grinste Yngwy dem Guknukkönig ins Gesicht. „Jetzt habt ihr schon ein paar weniger Mäuler zu stopfen, immerhin waren die Ernten miserabel dieses Jahr, nicht wahr?“

    Stumm sah Groboron auf den Menschen herab, denn jedes Wort blieb ihm im Halse stecken. Mit einer zitternden Bewegung hob er seine Hand und klopfte drei Mal auf die hölzerne Armlehne seines Throns.

    Keine Sekunde später stürzten Wachen in den Thronsaal; reglos mussten sie in der Nähe gewartet haben, auf den Befehl ihres Königs wartend. Jetzt blickten sie Yngwy aus zornesroten Augen an, ihre Sichelspeere auf den Menschen gerichtet.

    „Wo gehobelt wird, da fallen Späne, ja ja. Wir werden Eure Worte mit in die Waagschale werfen, wenn wir die Bedingungen Eurer Kapitulation aushandeln. Lasst Euer Schwert fallen.“

    Blinzelnd sah Yngwy abwechselnd die Wachen und Groboron an. „Kapitulation? Wovon redet Ihr?“

    „Wovon …? Ihr seid doch hier, um mir Eure Kapitulation zu erklären, oder nicht?“

    „Ich bin hier, um Euch zum Duell zu Fordern!“, brüllte Yngwy empört. „Kämpft mit mir um den Sieg!“

    „Eure Männer werden in den Straßen abgeschlachtet. Ihr habt zwar die Mauern überwunden, aber hier seid Ihr nun in der Unterzahl. Das Blatt hat sich gewendet, es sieht nicht gut aus für Euch!“

    „Deshalb bin ich doch hier!“ Genervt fuchtelte der Mensch mit seinem Schwert. „Wir fechten aus, wer den Krieg gewinnt, Mann gegen Mann! Bewaffnet Euch!“

    Einen kurzen Moment herrschte Stille in den Hallen der Guknuk. „Nein, das werde ich nicht tun.“

    „Was? Ihr … Ihr …“

    „Warum sollte ich, Yngwy? Ich bin ein alter Mann und war jung nicht mehr als ein einfacher Bauer. Ihr seid zudem eindeutig im Nachteil, warum sollte ich zu so verzweifelten Mitteln greifen?“

    „Na …“ Langsam ließ Yngwy sein Schwert sinken „Ehre …“

    „Meine Ehre liegt unter den tausenden von Leichen begraben, die Euer Krieg verursacht hat.“ Klackernd ließ Groboron seine Fingernägel auf den Lehnen seines Throns klackern. „Also verstehe ich es richtig? Ihr wollt nicht kapitulieren?“

    „Niemals!“

    „Und Ihr seid auch kein offizieller Gesandter Eures Königs und kommt unter dem Schutz der Verhandlung zu mir?“

    „Öhh … nein …“

    „Ja dann … tötet Ihn!“

    „Das könnt Ihr nicht …!“ Und wie der König der Guknuk dies konnte, denn zehn Wachen stürzten sich nun gleichzeitig auf ihn. Geschickt ließ Yngwy sein Schwert in der Luft kreisen, wich dem ersten Stoß eines Sichelspeers aus, drehte sich und rammte die Klinge durch den Eisenschuppenpanzer seines Gegners. Noch knapper entging er dem zweiten Stoß, ergriff den Schaft des Speeres und entwand ihn seinem Besitzer.

    Und erstarrte, als kalter Stahl in seine Seite stieß. Zitternd ließ Yngwy den gerade erbeuteten Speer fallen und durchtrennte mit einem gezielten Hieb den Ansatz der Waffe, die sich in ihn gebohrt hatte. Mühselig wich er einem weiteren Angriff aus, doch der Schmerz seiner Wunde pochte mit jedem seiner rasenden Herzschläge durch seinen Körper. Tänzelnd wich unser Held zurück, die Hand auf seine Seite gepresst, schlug noch einmal nach einer Wache, bevor er sich an einer Wand zu Boden gleiten ließ.

    Groboron war indes von seinem Thron gestiegen und hatte sich einen der Speere reichen lassen. Nun endlich seinen Widersacher überragend blieb er vor Yngwy stehen, den Schaft mit beiden Händen haltend.

    „Ihr wollt nicht vielleicht doch noch über eine Kapitulation reden, oder?“, würgte Yngwy zwischen seinen Zähnen hervor, um ein verzweifeltes Lächeln bemüht.

    „Nein. Schmort in der Hölle.“ Das letzte, was unser Held in seinem Leben sah, war der kalte Blick des Guknukkönigs, bevor sein Geist für immer entschwand.


    Für immer?


    Nein! So milde mochte das Schicksal nicht mit der Welt und ihren Bewohnern umspringen, als dass sie unseren Helden aus den Annalen der Zeit getilgt hätte. Vielleicht hätte man glauben können, dass die Völker dieses Planeten mit eiternden Pestbeulen, grausamen Hungersnöten und der peinigenden Gründlichkeit von Finanzämtern nicht genug gestraft worden sind, doch der Kosmos dieser armen Welt ertrug noch eine weitaus schlimmere Last: Götter! Und unser Held ist einer davon.

    Weit oben nun über den Wolken und Meilen entfernt von allem weltlichen Geschehen erhob sich Ahvanach, Heim der Götter. Hallen so alt wie die Zeit sonnten sich unter einem immerblauen Himmel, Weinranken zogen sich an zierlichen Marmorsäulen empor. Doch weit im Bauch eines Tempels, der auch als Tempel der Wiedergeburt bekannt war, tauchte etwas aus dem Becken der Reinkarnation auf – ihr habt’s erraten: Unser Held.

    „Dieser Scheißkerl!“ In einer Mischung aus Wut und Anerkennung schlug der, der einstmals als Yngwy bekannt war, seine Hand auf den Spiegel des Beckens, lachte dann jedoch und rieb sich das Wasser aus Augen und Bart. „Ich hätte es mir denken können! Kein Funken Anstand in diesen grünen Ledersäcken! Aber was solls? Ich hatte meinen Spaß.“

    „Krieg!“, ertönte es vom Rand, irgendwo über ihm, wo eine Empore wirklich stramme Arschbomben in das Becken der Reinkarnation zuließ. „Wird aber auch mal Zeit, dass du dich wieder blicken lässt!“

    „Avila!“ Lachend drehte sich Krieg um, bis er die Haushälterin des Götterhimmels sehen konnte, dann schwamm er in wenigen, kräftigen Zügen zum Rand. Aus dem Wasser erhob sich ein wahrer Adonis – etwas kurzgeraten, aber mit einem Körper wie aus Marmor gemeißelt, stramme Muskeln unter makelloser Haut. „Ja, dreiundzwanzig Jahre! Ich hab schon fast befürchtet, ich würde in diesem Körper alt werden wie beim letzten Mal.“

    Lächelnd reichte Avila dem Gott ein samtweiches Handtuch. Strähnen ihres gebündelten schwarzen Haares fielen ihr ins Gesicht, und neben ihrem olivfarbenen Teint wirkte Krieg geradezu bleich. „Sah fast schon aus, als würdest du deinen Altersrekord brechen wollen.“

    „Meine Güte Avila, das wären fünfunddreißig Jahre! Weißt du, wie sich ein menschlicher Körper mit fünfunddreißig anfühlt? Furchtbar, wirklich abscheulich! Ich glaube, ich habe für dieses Zeitalter auch genug von dieser ganzen Rummenschlerei. Überlassen wir unseren Schäfchen das Heldentum für die nächsten hundert Jahre.“

    „Wo wir gerade dabei sind: Warum hast du zugelassen, dass sie dich schlagen? Du hattest die Guknuk doch in der Hand, hättest du sie aushungern lassen hätten sie kapitulieren müssen. Ihre Versorgungsrouten waren abgeschnitten und von Außerhalb hatten sie keine Hilfe zu erwarten!“

    „Hast du mir mal wieder mit dem Teleskop nachspioniert, was?“ Schelmisch grinste Krieg, während er sich eine fein säuberlich zusammengelegte Toga aus seinem Fach zog und das Handtuch zu Boden fallen ließ, wo es Avila ohne zu zögern aufhob. „Ich habe nun so viele Kriege gewonnen, dass mir der Sieg alleine nicht ausreicht, meine Gute. Es kommt darauf an, wie man siegt. Über gewitzte Strategen singt man keine Lieder, oder kennst du etwa eins? Nein, der Held, der eine aussichtslose Schlacht mit einem Hieb seines Schwertes zum Guten wendet, das Kühne, das Wagemutige beflügelt die Zungen der Dichter. ‚Wir saßen nur rum bis sich der Feind selbst ergab‘ macht einfach keine gute Zeile.“

    „Wohl wahr. Verzeih mir die Frage.“ Etwas schüchtern wandte Avila den Blick zu Boden, bevor sie ihn wieder über Kriegs Bizeps wandern ließ.

    „Dir doch immer, dir doch immer!“ Endlich hatte Krieg es geschafft, die Toga halbwegs elegant um seinen Körper zu wickeln. Allem Anschein nach war er etwas aus der Übung. „Aber erzähl mal: Was hat sich in meiner Abwesenheit getan?“

    „Pff, nicht wirklich viel.“ Grübelnd legte Avila den Zeigefinger ans Kinn, während sie gemeinsam die Stufen zum Kern des Gebäudes bestiegen. „Andhara und Alami liegen sich immer noch in den Haaren, Okulus ist noch keinen Schritt weiter als vor zwanzig Jahren, dass bei Nashis Durst überhaupt noch etwas von ihrem Wein für den Rest übrig bleibt ist ein Wunder …“

    „Also alles beim Alten.“

    „Alles beim Alten.“ Mittlerweile hatten sie die eigentliche Halle der Reinkarnation erreicht, ein wahrhaft riesiges Gebäude, in dem Groborons Thronsaal locker zehnmal hineingepasst hätte. Blasse, lorbeerbekranzte Diener rannten hier umher, deckten Tische, trugen Karaffen herbei, denn es war Tradition, dass mit jeder Entfleischung eines Gottes ein Fest begangen wurde. „Oh nein, warte! Medya ist vor ein paar Wochen wieder ausgebückst!“

    „Medya? Ausgebüchst?“ In gespielter Entrüstung griff sich Krieg an die Brust. „Dann ist doch alles beim Alten.“ Im Vorbeigehen riss Krieg einem Diener ein Tablett mit eingelegten Oliven aus der Hand und stieß ihn fast beiläufig, nur mit zwei Fingern so gegen die Schulter, dass es ihn von den Füßen riss.

    „Du hast selbst gesagt, dass das immer öfter vorkommt und immer länger dauert, bis sie entfleischt. Du weißt, was passiert, wenn sie länger fort ist!“

    „Und sie wird wiederkommen, wie sie es immer getan hat. Irgendwann wird es ihr da unten langweilig, wie uns allen. Gönnt ihr doch einfach mal ihren Spaß, ihr tut ja immer so, als würden wir hier ohne sie gar nichts geschissen bekommen.“

    Empört verschränkte Avila die Arme vor der Brust. „Du hast ja leicht reden, sobald du hier oben bist, ist deine Arbeit ja auch fast getan! Weißt du, wer hinter allen aufräumen darf, wenn dann wieder alles den Bach runtergeht? Ja? Ich!“

    „Jetzt beruhig dich mal! Ich prophezeie dir jetzt etwas: In vier, fünf, maximal zehn Jahren ist Medya wieder hier, zerknatscht wie eh und je, und dann läuft wieder alles am Schnürchen.“

    Kritisch legte Avila die Stirn in Falten. „Denkst du?“

    „Denke ich. Warts einfach ab. Es bleibt wie immer alles beim Alten.“

    Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
    So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.


    Die Schatten der Magie

  • Hallo Myrtana222,


    der Text hat Spaß gemacht! Ein sehr interessanter Prolog, der viel erwarten lässt :D


    Besonders gefallen hat mir der Teil, als Krieg menschlich war. Die Wendung hat mich positiv überrascht. Als ich plötzlich etwas von Finanzämtern las, war ich aber kurz irritiert (was natürlich nichts heißen muss; es hatte mich nur über die zeitliche Einordnung grübeln lassen). Daher könnte man von mir aus den Absatz...

    Nein! So milde mochte das Schicksal nicht mit der Welt und ihren Bewohnern umspringen, als dass sie unseren Helden aus den Annalen der Zeit getilgt hätte. Vielleicht hätte man glauben können, dass die Völker dieses Planeten mit eiternden Pestbeulen, grausamen Hungersnöten und der peinigenden Gründlichkeit von Finanzämtern nicht genug gestraft worden sind, doch der Kosmos dieser armen Welt ertrug noch eine weitaus schlimmere Last: Götter! Und unser Held ist einer davon.

    ... auch löschen :) Aber das ist nur eine ganz persönliche Meinung.


    Ich bin gespannt, wer Mydea ist und wie es weitergeht! :)


    Liebe Grüße und einen schönen Abend!

    M.

  • Hey Moog, vielen Dank für deine Antwort und deine Anmerkungen!

    Als ich plötzlich etwas von Finanzämtern las, war ich aber kurz irritiert (was natürlich nichts heißen muss; es hatte mich nur über die zeitliche Einordnung grübeln lassen). Daher könnte man von mir aus den Absatz...

    Perfekt, ich glaube, dann tut der Part, was er soll :D Es soll ein wenig schräg wirken, ich hoffe, das bleibt in einem nachvollziehbaren Rahmen und wird nicht anstrengend.

    Dann aber mal zum nächsten Part:


    Kapitel I: Wie Krieg einfach nicht Recht behalten soll


    400 Jahre später


    Rufe gellten durch die Nacht, wütend, rissen all die Schläfer aus ihren Betten, weckten gar den grummeligen Mond am Firmament. Medya entschuldigte sich im Vorbeigehen bei ihm, doch sein verschlafenes Gesicht brachte sie so zum Lachen, dass selbst die Sterne sie nicht mehr Ernst nehmen konnten. Doch Ernsthaftigkeit war noch nie eine Stärke der Sterne, und so zwinkerten sie ihr zu, als sie barfuß über Hecken und Gärten sprang, in Richtung des Waldes.

    Bellend erwachten nun auch die Hunde, an denen sie zuvor noch so einfach vorbeigeschlichen war; heftig mussten die Wärter an ihren Halsbändern zerren, an den armen Tieren, die kurz zuvor noch von Knochen und Gummibällen geträumt hatten und nun in die Nacht hinaushetzen mussten, ihr, Medya Ludus hinterher, der entkommenen Irren aus der Anstalt.

    Schritt um Schritt kam sie den Bäumen näher, den Tannen und Fichten, die ihr mit ihren hunderten Armen zujubelten, stumm, aber nicht weniger enthusiastisch. Wie eine Langstreckenläuferin durchbrach sie das Band des Waldrandes, sprang noch einen kleinen Abhang hinab, bevor sie triumphierend aufschrie, einen kurzen Freudentanz aufführte, den ihr die Würmer im Boden beantworteten. Doch dann lief sie weiter, denn sie hörte, dass das Bellen und die aufgeregten Rufe immer näherkamen.

    Ja, sie rannte, und sie rannte schnell für ihren hageren Körper, ihre dünnen Beine …

    „Quatsch, du erzählst das völlig falsch! Von Anfang an!“ Empört blieb Medya stehen, verschränkte entrüstet die Arme. „Ich bin keine ‚entkommene Irre aus der Anstalt‘!“

    Du warst in einer Anstalt eingesperrt und bist aus ihr entkommen.

    „Zu Unrecht eingesperrt!“

    Du bist eingesperrt worden, weil du Kinder und alte Leute mit Eiern beworfen und ihnen erzählt hast, ein Fisch würde die Welt verschlucken wollen.

    „Anders hat mir keiner zugehört! Was hätte ich denn bitte machen sollen? Warten, bis ein Fischmaul am Horizont erscheint?“

    Zum Beispiel.

    „Quark! Und den Teil mit den ‚dünnen Beinen‘ und dem ‚hageren Körper‘ gibst du auch völlig falsch wieder. Es sind hübsche Beine, dünn, aber wohlgeformt, und meine Brust wiegt bei jedem Schritt!“

    Doch an Medya Ludus gab es nichts, dass auch nur annähernd voll genug zum Wiegen war, insbesondere nicht ihre eher unauffällige Brust. Hager eingefallene Wangen …

    „Du meinst ‚ihr wunderschön geschnittenes Gesicht‘!“

    … hager eingefallene Wangen schauten unter einem wirren, krausen Vorhang aus Haaren hervor, rot und strohig wie das Haupt einer Vogelscheuche.

    „Hey, ich bin stolz auf mein Haar!“

    Auf jeden Fall musste Medya ihren Streit mit dem Erzähler jetzt beenden, denn während sie im Wald stand und mit sich selbst sprach, waren ihre ehemaligen Wächter und deren Hunde gefährlich nahegekommen, durchstöberten das Unterholz und folgten der Fährte, die die kalten Schnauzen voller spitzer Zähne aufgenommen hatten.

    „Oh … wo du Recht hast.“ Den Steinen und Moosdecken winkend rannte Medya weiter, wo auch immer ihr ungelenker Gang sie hinführte. Und doch rannte sie nicht ziellos, denn ihr Weg führte sie nach Westen, hin zu den Dörfern und Städten im Umland der Anstalt.

    „Du hättest noch etwas über meine Augen sagen können. Meine schönen, großen Augen.“

    Genau. Denn Medyas Augen mochten das einzige an ihr sein, dass unauffällig war, braun mit völlig normal langen Wimpern; wäre dort nicht der starre, durchdringende Blick gewesen, der jeden in die Flucht schlug, noch bevor er ihr abscheuliches Äußeres überhaupt wahrgenommen hatte.

    „Du bist ein Arsch, weißt du das? Wie heißt du eigentlich?“

    Ich? Ich bin nur ein Erzähler, ich habe und brauche keinen Namen.

    „Dann nenne ich dich einfach Gumby. Gumby ist ein guter Name für jemanden, der eigentlich gar keinen Namen möchte.“

    Von mir aus.

    „Jap!“

    Und so floh Medya weiter, Stunde um Stunde mit dem Wort ‚Gumby‘ auf ihren Lippen, dass sie kichernd und kichernd immer wieder wiederholte, um so den Stimmen in ihrem Kopf auf den Geist zu gehen. Doch nichts würde sie aufhalten, denn Medya wusste: Sie war zu etwas sehr besonderem bestimmt.

    Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
    So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.


    Die Schatten der Magie

  • Herrlich. Das ist mal eine ganz spezielle Erzählweise. Aus dem Erzählrahmen heraus und in die Geschichte hereinzufallen, oder umgekehrt, ist nicht so leicht und kann die Story auch zerstören. Aber hier funktioniert das perfekt und ich habe es gerne gelesen. Auch die Beschreibung der Medya - man bleibt ja so leicht verwirrt zurück - ist sie nun hübsch oder hässlich, es spielt aber nicht so eine große Rolle, weil der Dialog zwischen ihr und dem böswilligen Erzähler einfach zu lustig ist.


    zu etwas sehr besonderem bestimmt

    zu etwas sehr Besonderem ...

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Vielen Dank Kirisha für deine Antwort, freut mich, dass dir Medya gefällt.

    Ich würde sagen, dass wahrscheinlich einiges, was der Erzähler sagt, wirklich auch auf Medya zutrifft, nur nicht so gravierend und in dem Ausmaß. Auf eine gewisse Art ist der Erzähler eben auch ein Teil von ihr und kennt sie durch und durch, und er projiziert all ihre Unsicherheiten und Ängste auf sie zurück - und das sind momentan vor allem Äußerlichkeiten. Kurz gesagt ist sie denke ich keine Schönheitskönigin, aber auf keinen Fall abstoßend, wie sie der Erzähler ja schließlich darstellt. Ich möchte versuchen, Medya nicht nur als quietschbuntes Energiebündel darzustellen (das sie meistens durchaus ist). Sie soll auch eine Seite haben, an der sie zu Nagen hat, und der Erzähler soll hierbei seinen Teil beitragen.

    Vielen Dank nochmal allen, die mitlesen, kommentieren und korrigieren, ich freue mich sehr über Feedback und Anregungen, gerade auch, weil ich mit diesem Geschichtstyp noch auf sehr wackligen Beinen stehe. Ich schaue, dass ich bald den nächsten Teil poste!

    Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
    So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.


    Die Schatten der Magie

  • Das erste Kapitel hält, was der Prolog erwarten ließ!

    Das Erzählspiel zwischen Medya und Erzähler (der anscheinend ein Teil von ihr ist), hat mir sehr gefallen. Es hat mich ein wenig an die Point and Click-Spiele „Edna bricht aus“ und co erinnert. Dein Text ist natürlich etwas ganz eigenes; ich will dir damit nur berichten, welche emotionalen Erinnerungen/Erwartungen da bei mir geweckt werden.


    Etwas worüber man nachdenken könnte, was gar nicht zwingend ist und vielleicht auch gar nicht zur Geschichte passt:

    Man könnte auch überlegen, ob man die Erklärung der Götterebene erst später bringt. Dann könnte man als Prolog nur den gescheiterten Angriff des „Helden“ stehen lassen. Als Kapitel 1-X Medyas Leben beschreiben, wobei die Leser:innen im Unklaren bleiben, wie es um ihren Verstand bestellt ist, und dann erst im Intermezzo die Götterebene enthüllen.

    Das ist jetzt aber nur so als Anregung gedacht, worüber man nachdenken könnte, und macht für deine Geschichte vielleicht auch gar keinen Sinn :D


    Liebe Grüße und ich freue mich schon auf den nächsten Teil! :)

    M.

  • Etwas worüber man nachdenken könnte, was gar nicht zwingend ist und vielleicht auch gar nicht zur Geschichte passt:

    Man könnte auch überlegen, ob man die Erklärung der Götterebene erst später bringt. Dann könnte man als Prolog nur den gescheiterten Angriff des „Helden“ stehen lassen. Als Kapitel 1-X Medyas Leben beschreiben, wobei die Leser:innen im Unklaren bleiben, wie es um ihren Verstand bestellt ist, und dann erst im Intermezzo die Götterebene enthüllen.

    Diesen Gedanken habe ich übrigens auch gehabt. Die Göttergeschichte weckt bei mir eine ganz andere Erwartungshaltung als die Story über Medya. Und da mir persönlich die Medya-Geschichte wesentlich besser gefällt als der eher distanziert erzählte Götterteil, würde ich denken, du würdest mit der Umstellung mehr Leser an die Angel bekommen (?) (Jedenfalls Leser, die so ticken wie ich). Also, der Götterteil war auch interessant, aber Medya mochte ich gleich ganz besonders.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince


  • Es hat mich ein wenig an die Point and Click-Spiele „Edna bricht aus“ und co erinnert. Dein Text ist natürlich etwas ganz eigenes; ich will dir damit nur berichten, welche emotionalen Erinnerungen/Erwartungen da bei mir geweckt werden.

    Das ist denke ich kein Zufall, ich habe einen ganzen Haufen der Daedalic-Spiele gespielt, und auch wenn ich bei Medya jetzt nicht an Edna gedacht habe, war sie wahrscheinlich eine Inspiration.

    Man könnte auch überlegen, ob man die Erklärung der Götterebene erst später bringt. Dann könnte man als Prolog nur den gescheiterten Angriff des „Helden“ stehen lassen. Als Kapitel 1-X Medyas Leben beschreiben, wobei die Leser:innen im Unklaren bleiben, wie es um ihren Verstand bestellt ist, und dann erst im Intermezzo die Götterebene enthüllen.

    Und da mir persönlich die Medya-Geschichte wesentlich besser gefällt als der eher distanziert erzählte Götterteil, würde ich denken, du würdest mit der Umstellung mehr Leser an die Angel bekommen (?)

    Hm, ich bin ehrlich gesagt auch noch immer nicht happy mit dem Prolog. Für mich war das dann nur leider auch immer ein Grund nicht weiter daran zu arbeiten, deshalb habe ich fürs Erste etwas geschrieben, das mir den Einstieg ermöglicht. Ursprünglich war sogar die Medya-Szene der Prolog.

    Mein Problem an der Stelle ist, dass ich sehr bald das Hintergrundwissen um Krieg brauche, quasi in der nächsten Szene. Ich habe das Gefühl, dass ich erst noch ein paar Szenen schreiben muss bis ich wirklich sehe, welchen Spielraum ich für den Prolog habe. Ich würde vorerst den Prolog noch belassen, wie er ist, und mich dann dahinter setzen, wenn sich ein paar Dinge geklärt haben.

    Hier aber schon mal der Beginn der nächsten Szene:


    Seufzend blieb Satis am Straßenrand stehen, gegenüber der Töpferei. Hell und rosig leuchtete der Morgen durch die gepflasterten Gassen Telomers, vertrieb den dünnen Nebel, der sich noch hier und dort an den Hausmauern gesammelt hatte. Es musste ein schöner Sommermorgen sein, denn die Menschen liefen bereits zu dieser Uhrzeit geschäftig durch das verschlafene Städtchen, die Rosen und Gardenien auf den Fensterbrettern der betuchten Bürger leuchteten so strahlend, als habe ein Künstler sie mit Ölfarben bemalt.
    Ja, es musste ein schöner Tag sein, aber heute hatte Satis nur für eines Augen: den Töpfersohn, der dort hinter der Scheibe an einem wundervollen Krug arbeitete, seine kräftigen Finger über den geschlämmten Lehm gleitend. Gestern war sie ihm zum ersten Mal begegnet, war aus Versehen in ihn reingelaufen, als sie sich nach neuen Bechern umgesehen hatte – und da war es einfach passiert.
    Irgendwie ging er ihr seitdem nicht mehr aus dem Kopf, die breiten Schultern, die sanfte Stimme, die warmen Augen … Kaum gelang es ihr, den Blick von dem jungen Mann loszureißen, weiterzugehen, denn die Zeit drängte. Für ihren Herren hatte sie noch so einiges zu besorgen, darunter Dinge, die in Kriegszeiten knapp geworden waren. Und auch wenn das betuchte Ehepaar, dem sie den Haushalt besorgte, verständnisvoll und nett war, ging es hier um ihre Zuverlässigkeit, auf die Satis ziemlich stolz war.
    Eilig, jeder ihrer Schritte auf dem Pflaster klackend, ging Satis weiter. Zwei Gassen und einen Park weiter befand sich ein fahrendes Geschäft, eine kleine Kuriosität. Zwei Ochsen reichte aus, um das vergleichsweise schmale, aber lange Gebäude auf Rädern über die verzweigten Straßen des Landes zu ziehen. Seit einigen Monaten machte der fremde Händler hier Halt und war eine unter den Städtern beliebte – und unter den anderen Geschäftsmännern verhasste – Attraktion geworden.
    Gerade, als Satis Halt machte, öffnete der Besitzer sein Geschäft. Seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie Schwierigkeiten gehabt, ihn einzuschätzen: Er schien weder sonderlich alt noch wirklich jung zu sein, und ein Drei-Tage-Bart bedeckte oft seine Wangen. Meist starrte er etwas entrückt vor sich her, selbst wenn er mit den Kunden sprach, und kaum einer will ihm außerhalb seines Hauses einmal begegnet sein. Lustlos starrte ihr der Verkäufer entgegen, bis sie schließlich näher herantrat, ihre Grübeleien beiseiteschiebend.
    „Guten Morgen“, grüßte sie, und der Mann tat es ihr mit einem Nicken gleich. „Sagt, habt Ihr Salz?“
    „Das Pfund kostet Euch einen halben Kupferling.“ Noch bevor Satis etwas erwidern konnte, zog der Fremde einen riesigen Sack unter seinem Tresen hervor. Satis traute ihren Augen kaum. Gestern erst hatte die Nachricht die Stadt erreicht, dass die Handelszüge vom Meer ausbleiben würden; die Salzquellen Gendias, des Landes, dem sich ihr Fürst zugehörig fühlte, lagen am Nepp-Kanal, dem einzigen Zugangspunkt Gendias zum Meer. Diesen Kanal entlang waren Geschwader feindlicher Fregatten enlanggezogen; unter welcher Flagge diese Krieger zogen, wusste niemand genau. Die Gerüchteküche brodelte, sicher war nur, dass sie begonnen hatten, die Gendischen Küstenstreifen einzunehmen – und die Handelszüge vom Meer blieben aus.
    Wie zu erwarten hatten die Städter begonnen, Waren aus Überseetransporten zu horten, und die Preise für Salz und exotischere Güter waren über Nacht ins unermessliche geschossen. Wie also konnte dieser Händler noch über eine solch gewaltige Menge Salz verfügen und sie zudem für einen halben Kupferling verkaufen?
    „Ihr könntet das Doppelte verlangen, mindestens“, sprach Satis aus Versehen ihre Gedanken aus, legte gleich erschrocken die Hand vor den Mund. Etwas genervt kniff der Händler seine Augen zusammen.
    „Ich kann von Euch auch gerne das Doppelte fordern, wenn Euch das glücklich macht.“
    „Nein, nein, entschuldigt. Ich nehme drei Pfund.“ Das sollte reichen, bis sich die Situation geklärt hatte; wenn es um Geld ging, drehte sich das Rad der Zeit immer schnell. Egal wer die Kontrolle über die Küste haben würde, der Handel würde weitergehen, vielleicht mit höheren Zöllen, aber die Stände würden wieder gefüllt sein.
    Wenige Minuten später ging Satis erneut die Gasse mit dem Töpferladen entlang. Immer noch saß dort der Jüngling hinter dem Schaufenster, und Satis erlaubte sich näherzutreten, vorgebend, die ausgestellte Ware zu betrachten. Aus dem Augenwinkel musterte sie den Wildfremden – bis eine Frau in das Zimmer trat, dem Handwerker im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange hauchte. Satis Lächeln erstarrte, und mit einem irrationalen Gefühl des Verlusts trat sie einen Schritt zurück. Wie er sie angesehen hat. Die Blicke, die sich die Beiden teilten verrieten alles; sie lebten in ihrer eigenen Welt, glücklich, und alles um sie hatte nicht den Hauch einer Bedeutung.
    Seufzend drehte sich Satis um, überquerte die Straße. Der Krieg hatte so viele Männer gefressen, junge und alte, und es würde nicht lang dauern, bis es drei unverheiratete Frauen in ihrem Alter auf zwei Männer gab. Ledige Frauen gab es im Übermaß, und dieser Moment war nicht der erste, an dem sie sich vorstellte, ihr Leben lang den Haushalt von Händlern und Beamten zu führen, bis sie als alte Jungfer starb.
    Es gibt schlimmeres, dachte sie bei sich. Du bist am Leben, du hast Essen und ein Dach über den Kopf und einen Herren, der dich nicht angrabscht. Man konnte nicht alles haben, und es gab genug Leute, denen es schlechter erging – zumindest redete sie sich das immer ein.
    Energisch scheuchte sie jeden weiteren Gedanken fort, der ihr zu diesem Thema in den Kopf kriechen wollte. Du benimmst dich wie ein Schulmädchen! Krieg dich wieder in den Griff. Mittlerweile waren auch die verschlafendsten der Bewohner Telomers erwacht, und auf den Straßen herrschte Trubel. Isingwar, Telomers Fürst, hatte einen Besuch des Rosenmarkts angekündigt, und Satis hatte eigentlich längst vorgehabt, wieder beim Haus ihres Herren zu sein. Nun würde sie schauen müssen, wie sie um die Menschenmassen herumkam, die nun die Straßen verstopften.
    Gerade war die Haushälterin stehengeblieben, um nach einer Lücke zwischen den Menschen zu suchen – als etwas klatschend neben ihr aufschlug. Verwundert blickte die junge Frau zu Boden, blinzelte.
    „Ein Ei!“ Nach kurzem Zögern beugte sich Satis hinab, als traute sie ihren Augen nicht. Doch tatsächlich: Vor ihr lag nichts anderes als ein gewöhnliches Ei, und der geplatzte Dotter rann über das Pflaster. Verwundert sah Satis sich um; woher konnte das Ei nur kommen? Hatte es jemand fallengelassen? Hatte ein unachtsamer Vogel es aus seinem Nest geschubst?
    „Hey du, könntest du das wieder aufheben und zusammensetzen? Hab‘s aus Versehen fallengelassen, wollte dich aber eigentlich damit treffen!“
    „Wer …“ Doch als Satis nach oben sah, konnte sie sehr gut sehen, ‚wer‘. Bis über beide Wangen grinsend stand auf einem kleinen Vordach eine hagere Frau, ihr wirres Haar vom leichten Wind in ihre Stirn geblasen. Die Hände in die Hüften gestemmt blickte Medya auf die Haushälterin herab.
    „Die allerschnellste scheinst du ja nicht gerade zu sein! Aber das macht nichts, du hörst mir endlich zu. Also: Wusstest du schon, dass ein großer Fisch die Welt verschlucken wird?“
    „Bitte was?“ Verwundert blinzelnd schaute Satis zu der augenscheinlich irren Frau hinauf. Mit aller Gewalt versuchte ihr Hirn im Hintergrund einen Sinn, einen Zusammenhang zwischen den Worten Medyas, dem zerbrochenen Ei und sich selbst herzustellen, doch es misslang ihm gründlich. Und so blieb Satis nichts weiter übrig als weiterhin blinzelnd die Fremde anzustarren.
    Medya hingegen begann sich zu ärgern. Wieso reagierte niemand angemessen auf ihre Warnung? Warum verfiel niemand in Panik, rannte schreiend umher, raufte sich verzweifelt das Haar? Niemand schien die aufkeimende Bedrohung ernstzunehmen, und selbst das Ei, das gerade die Bordsteinkante herunterlief, bedachte sie nur mit einem hämischen Grinsen.
    Außerdem hatte sie bemerkt, wie viel hübscher die Frau zu ihren Füßen war …
    „Spinnst du, Gumpy? Warum sollte mich das interessieren?“
    Sie war ein gutes Stück kleiner als Medya, und ihr Haar umrahmte ihr Gesicht wie ein brünetter, seidiger Kranz. Eine niedliche Stubsnase untermalte den freundlichen Eindruck, den man zwangsläufig von ihr gewann.
    „Jetzt übertreib mal nicht!“
    „Mit wem redest du denn?“, fragte Satis verwirrt, doch Medyas Aufmerksamkeit galt allein der Stimme in ihrem Kopf, die sie nun darauf hinwies, wie warm und strahlend die braunen Augen der Haushälterin waren, Augen, in die sich stets ein Lächeln stahl.
    „Gumby, du bist ein … Moment. Du hast recht!“ Die Lider zusammengekniffen beugte sich Medya vor, so weit, dass Satis schon fürchtete, die fremde Irre würde auf die fallen oder sie anspringen. „Sie … sie ist wirklich furchtbar süß!“ Ein funke Neid kochte in Medya auf, und Neid spiegelte sich in ihr immer in schlechter Laune wider, und nichts hasste Medya mehr als schlechte Laune. Ohne Vorwarnung griff sie in den kleinen Korb mit Eiern zu ihren Füßen, nahm eines heraus und warf es mit aller Kraft ihrer jämmerlich schwachen Arme in die Menschenmenge. Erschrocken zuckte Satis zusammen, machte sich klein, als fürchte sie, als Ursache der unerfreulichen Überraschung misserkannt zu werden.
    Tatsächlich zerplatzte das Ei im Genick eines Passanten, der sich mit einem erschrockenen Aufschrei an den Hinterkopf fasste. Zu ihrem Glück schien er nicht ausmachen zu können, aus welcher Richtung ihn das Ei getroffen hatte, doch in Satis stieg auf einmal Zorn auf. Was erlaubte sich diese Person?
    „Spinnst du eigentlich total? Du kannst doch nicht mit Eiern auf Leute werfen!“ Eine schmale Leiter führte auf das Vordach, über welche wohl diese Irre aufgestiegen war. Und in ihrem Zorn tat Satis etwas, das sie in einem normalen Gemütszustand nie getan hätte und später noch häufig bereuen würde: Sie griff nach der Leiter und setzte ihre Füße auf die Sprossen.
    Perplex starrte Medya die Haushälterin an, die nun selbst fast auf das Vordach gestiegen war. „Bist du gerade vorhin eingeschlafen oder was? Natürlich kann ich das.“ Zur Demonstration griff Medya nach einem weiteren Ei, holte aus und warf.
    Ein erschrockenes Raunen ging durch die Menge auf der Straße. Eilig griff Satis nach dem Korb mit Eiern, hob ihn sich hinter den Rücken, dass Medya keine Gelegenheit bekam, noch einmal hineinzugreifen.
    Doch die Rothaarige beachtete sie gar nicht mehr. Wie versteinert blickte Medya auf die Straße hinab, und kurz darauf tat Satis es ihr gleich.
    Mit einem Ausdruck tiefster Verärgerung wischte sich dort Isingwar, der Fürst Telomers, Eidotter von seiner sündhaft teuren, reich bestickten Weste. Triefend lief Eiweiß von seinen weichen, wildledernen Handschuhen, und auf einmal herrschte Stille auf der Straße.
    Die Straße war so verstopft, weil die Menschen Platz für das Gefolge des Fürsten machen wollten. So nutzlos diese Erkenntnis nun war, drängte sie sich Satis in den Kopf, bevor Furcht und Panik schlussendlich die Obermacht über ihren Verstand gewannen.
    „Was glotzt ihr so blöd?“, blaffte Isingwar seine Wachen an. „Nehmt sie endlich fest, verdammt nochmal!“

    Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
    So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.


    Die Schatten der Magie

    Einmal editiert, zuletzt von Myrtana222 ()

  • Juhuu, ein neuer Teil! :D


    Ich würde vorerst den Prolog noch belassen, wie er ist, und mich dann dahinter setzen, wenn sich ein paar Dinge geklärt haben.

    Das klingt gut! Der Prolog ist spannend und funktioniert gut! Daher hör jedenfalls nicht auf, an der Geschichte zu schreiben!! :D Bisher (auch mit dem neuen Teil) liest sich die Geschichte spannend, unterhaltsam und stimmig! :D


    Hell und rosig leuchtete der Morgen durch die gepflasterten Gassen Telomers, vertrieb den dünnen Nebel, der sich noch hier und dort an den Hausmauern gesammelt hatte. Es musste ein schöner Sommermorgen sein, denn die Menschen liefen bereits zu dieser Uhrzeit geschäftig durch das verschlafene Städtchen. Die Rosen und Gardenien auf den Fensterbrettern der betuchten Bürger leuchteten so strahlend, als hätte ein Künstler sie mit Ölfarben bemalt.

    Ein schöner Szenen-Anfang! Bei der Markierung würde ich persönlich lieber zwei Sätze daraus machen.


    Für ihren Herren hatte sie noch so einiges zu besorgen, darunter Dinge, die in Kriegszeiten knapp geworden waren. Und auch wenn das betuchte Ehepaar, dem sie den Haushalt besorgte, verständnisvoll und nett war, ging es hier um ihre Zuverlässigkeit, auf die Satis ziemlich stolz war.

    die Salzquellen Gendias, des Landes, dem sich ihr Fürst zugehörig fühlte, lagen am Nepp-Kanal, dem einzigen Zugangspunkt Gendias zum Meer.

    Ich bin beim ersten Mal lesen, bei der Frage etwas durcheinandergekommen, für wen sie eigentlich arbeitet. Vielleicht könnte man statt von ihrem Herren, von ihren Herren sprechen (also wenn sie nicht nur den Ehemann, sondern auch die Ehefrau als Vorgesetzte betrachtet).

    Auch über "ihr Fürst" musste ich kurz etwas nachdenken. Vielleicht könnte man hier schreiben: "... dem sich der Fürst, dem sie untertan waren, zugehörig fühlte, ..."

    Aber das ist vielleicht auch alles nur meine ganz eigene Sichtweise :D


    Oh oh. Für Satis hat dieser Tag eine ganz schön unerwartete Wendung genommen :D


    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag!

    M.

  • Ja, dieser Teil ist wieder sehr hübsch! Die Haushälterin ist so niedlich und nett und es war angenehm ihr zu folgen. Auch der Part über die Probleme mit der Zugänglichkeit von Salz, der einiges über die Gegebenheiten dort verrät, hat mir gut gefallen.


    Hier nur ein paar Kleinigkeiten:


    die fremde Irre würde auf die fallen oder sie anspringen.

    auf sie fallen


    Mit aller Gewalt versuchte ihr Hirn im Hintergrund einen Sinn, einen Zusammenhang zwischen den Worten Medyas, dem zerbrochenen Ei und sich selbst herzustellen, doch es misslang ihm gründlich.

    es misslang ihr ... Satis ist doch eine Frau?


    Spinnst du eigentlich total?

    Das ist mir zu modern, passt nicht so gut zu Fantasy :)

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Danke für eure Korrekturen, ich habe hier den nächsten Teil:


    „Beweg dich, Dummkopf!“, schrie Medya neben ihr. „Wir müssen abhauen!“ Flink riss Medya der Haushälterin den Korb mit Eiern aus der Hand, ergriff eines und warf. Fluchend stürzte die Wache zu Boden, die ihren Kopf gerade über den Rand des Vordachs geschoben hatte und riss die Leiter mit sich.

    Noch immer benommen ließ sich Satis von der irren Fremden an der Hand nehmen. Flink wie ein Wiesel rannte Medya mit ihr eine Dachrinne entlang, sprang und landete in einer Nebengasse. Die erschrockenen Schreie der Passanten ignorierend flitzte sie um ein Häusereck, doch gellende Rufe verrieten, dass man ihnen auf den Versen war.

    „Warte! Wo … Wo …“

    „Was ‚wo wo‘?"

    „Wo gehen wir hin?“

    „Raus aus der Stadt verdammt nochmal!“ Satis spürte, wie Medyas Griff um ihr Handgelenk noch fester wurde. „Wenn die uns in die Finger bekommen, machen die uns einen Kopf kürzer!“

    Sie weiß nicht mal, wie recht sie hat. Ihr ohnehin rasendes Herz begann nun nur noch heftiger zu schlagen. Isingwar war nicht für seine Milde bekannt, im Gegenteil, niemand legte das gendrische Recht schwerer aus als der Fürst Telomers. Im besten Fall würde sie eine Hand verlieren – und ihren guten Ruf, und ohne beides ließ sich nun einmal keine Anstellung als Haushälterin finden. Sie würde betteln müssen, betteln bis an ihr Lebensende!

    Chaotisch, aber doch auch irgendwie zielstrebig führte die rothaarige Irre sie nun durch das Fischerviertel; von hier aus ließ sich bereits das Südtor Telomers sehen, wie es sich über die Häuser des einfachsten Volkes der Stadt erhob. Noch dürfte die Nachricht über die beiden Flüchtigen nicht die Wachen am Tor erreicht haben, die ihre Aufmerksamkeit eher darauf richteten, wer die Stadt betreten wollte. Trotzdem brannten Satis Seiten wie Feuer, japsend kämpfte sie sich von Atemzug zu Atemzug. Lange würde sie nicht mehr durchhalten.

    Und beide wussten nichts von den drei Bütteln, die jeden Moment um die Ecke biegen würden, groß und breit und völlig ausgeruht im Gegensatz zu den extrem auffälligen Vögelchen, die ihnen gleich in die Arme laufen würden …

    „Oh Kacke Gumby, hättest du das nicht ein wenig früher sagen können?“ Erschrocken schrie Satis auf, als Medya abrupt und ohne jeden ersichtlichen Grund anhielt und sich panisch umsah.

    „Was ist los?“

    „Halt die Klappe und geh da rein!“ Noch bevor Satis reagieren konnte, zog Medya sie mit sich in einen Schweinekoben, so niedrig, dass sie fast auf die Knie gehen mussten.

    Mit pochendem Herzen lauschten sie, während sich der eigentliche Bewohner des Kobens unmutig grunzend aufrichtete. Verwundert schnupperte die Sau mit ihrer feuchten Schnauze an Satis Gesicht, die nur mühevoll einen weiteren Aufschrei unterdrückte.

    Zu ihrem Glück, denn nur wenige Handbreit vor ihr querten drei Paar Beine in der Amtstracht der Büttel den Eingang ihres Verstecks. Fassungslos, die Hand auf den Mund gepresst starrte Satis nach draußen, bis sich die schweren Schritte der Büttel entfernt hatten.

    „Woher hast du das gewusst?“, flüsterte sie, während sie weiter von der Irren weg – und näher an die Sau – rückte.

    „Das erzähl ich dir später. Willst du dich weiter mit den Schweinen im Dreck suhlen oder kommst du mit?“

    Du lässt mir ja keine andere Wahl! Zum ersten Mal hatte sich Satis so weit beruhigt, dass sie einen klaren Gedanken fassen konnte, und mit diesen klaren Gedanken kam auch ein ganz klarer Zorn … und Tränen. Die Erste konnte sich Satis nicht mehr verdrücken, doch schließlich brachte sie ein hochrotes Nicken zustande.

    „Na dann los!“ Eilig zerrte Medya die junge Brünette hinter sich aus dem Versteck. Indes hatte die Nachricht von Isingwars Eierdusche auch den Südteil der Stadt erreicht, und hinter ihnen gellten zornige Rufe durch die Gassen.

    „Werd‘ jetzt ja nicht langsamer!“ Mit unglaublicher Ausdauer rannte Medya dem Südtor entgegen, Satis hinter sich herzerrend, die schon im Schweinekoben kaum zu Atem gekommen war. Immer näher kamen sie dem Wehrturm mit dem kegelförmigen Durchgang, hinter dem ihnen die Freiheit winkte.

    Und plötzlich waren sie hindurch. Aus dem Augenwinkel sah Satis noch eine Hand, die nach ihrer Schulter griff, doch die Finger gingen ins Leere. Noch ein paar Meter rannten sie, bis Satis ins Straucheln geriet und vornüber auf den staubigen Boden fiel.

    „Komm schon hoch!“ Unverhohlen verzweifelt zerrte Medya an dem Arm der Leidensgenossin, bis sich Satis wieder aufgerichtet hatte, die Hände auf die Oberschenkel gepresst.

    „Ich – ich kann … kann nicht …“

    „Das ist der falsche Moment, Schätzchen!“

    „Ich …“ Mit einem dumpfen Schlag bohrte sich ein Pfeil neben der Haushälterin in den Boden, dann noch einer, nur wenige Fingerbreit hinter ihrem Bein. Energisch zog Medya an ihrem Arm, doch es brauchte keine weitere Überzeugungskraft mehr, um Satis wieder in Gang zu setzen.

    „Sie werden bald ihre Reiter aussenden. Wir müssen bis dahin den Wald erreicht haben!“ Den Finger ausgestreckt deutete Medya in Richtung der Sonne, doch Satis Blick verschwamm zu sehr, um irgendetwas auszumachen. „Vertrau mir, ich mach das nicht zum ersten Mal!“

    Nur fetzenhaft blieben Satis die Minuten im Gedächtnis, die auf diesen Moment folgen sollten, und sie sollte sich auch nicht allzu oft und allzu gerne daran zurückerinnern. Stolpern, Medyas Griff um ihr Handgelenk, ein Abhang, die Borke eines Baumes, an der sie sich den Arm aufrieb. Rufe, die blendende Sonne, das Brennen ihrer Beine bei jedem Schritt.

    Wirklich zu Bewusstsein kam sie erst wieder, als sie mit dem Rücken auf dem Waldbogen lag, Medyas Gesicht über sich, den Finger auf ihre Lippen gepresst. Angestrengt saugte sie Atemzug um Atemzug ein, doch ihr blieb nicht einmal die Kraft, die Hände auf ihre schmerzenden Seiten zu pressen. Irgendwo von den Grenzen des Waldes her erklangen die Schläge von Pferdehufen, doch schließlich entfernten sie sich wieder.

    Für einen süßen Moment herrschte Stille und Frieden, und nur das Rauschen der Baumkronen im Wind verriet, dass die Zeit noch immer vorwärtsschritt – bis Medya einen spitzen Triumphschrei ausstieß.

    „Denen haben wir’s gegeben, verdammt nochmal!“ Fassungslos sah Satis vom Boden aus zu, wie Medya vor Freude im Kreis sprang, als wäre sie nicht kurz vorher noch um ihr Leben gerannt.

    „Du hast mir alles genommen!“ Vorsichtig stemmte sich Satis auf ihre Unterarme, doch ihr wurde sofort schwindlig. „Ich habe nichts mehr! Gar nichts mehr! Ich kann mich nie mehr in Telomer blicken lassen!“ Zorn kochte in Satis hoch, Zorn wie sie ihn noch nie gekannt hatte, und doch reichte ihre Kraft nicht um aufzustehen und dieser grausamen Irren den Kopf von den Schultern zu reißen. Hilflos ließ sie sich zurück in das feuchte Moos fallen – und dann kamen die Tränen, die trotz ihres ausgedörrten Körpers nicht aufhören wollten zu fließen.

    Das Lächeln in Medyas Gesicht schmolz. Unbehaglich trat die hagere Rothaarige näher, hob die Hand, ließ sie dann wieder sinken.

    „Hey, mach dir keine Sorgen, du musst nicht in dein langweiliges Leben zurück. Du kannst so lange bei mir bleiben, wie du willst!“

    „Ich will nicht bei dir bleiben! Ich wollte nie mit dir mitgehen! Du hast mein Leben zerstört!“ Schluchzend vergrub Satis ihr Gesicht in den Händen, kämpfte um Fassung, doch die Flucht hatte sie körperlich und geistig so ausgezehrt, dass sie keinen Widerstand zu leisten vermochte. „Ich hatte eine Arbeit, ein Zimmer mit einem Bett und genug zu essen, und an nichts anderem hat es mir gefehlt!“

    Langsam ließ sich Medya in der Nähe der Weinenden nieder, die Brauen hochgezogen, den Blick auf den Boden gerichtet. „Das … das klingt wirklich schön. Ich hatte schon lange kein Zimmer und kein Bett mehr.“ Kurz schienen ihre Augen glasig zu werden, sich in weite Ferne oder alte Zeiten zu richten, bevor sie energisch den Kopf schüttelte. „Es tut mir leid, dass ich dir das alles genommen habe. Aber es ist nunmal passiert, und es wird niemals wieder nicht passiert sein. Wir können von jetzt an getrennte Wege gehen, aber glaub mir, dadurch wird es nicht leichter. Wir können aber auch zusammen zum nächsten Ort gehen, irgendwo hin, wo uns niemand mehr sucht, und dann können wir dort das Beste aus dem machen, was uns verblieben ist.“

    „Hab ich denn eine Wahl?“

    Bestimmt schüttelte Medya den Kopf. „Ich glaube nicht, aber das haben auch nur die wenigsten.“

    Beinahe trotzig starrte Satis in den Himmel, während ihre Tränen verebbten und ihr Zorn sich zurückzog – zumindest ein bisschen. Die rothaarige Fremde hatte zumindest in diesem Punkt recht, alleine durch den Wald zu irren und dann vielleicht auch noch auf ihre Häscher zu treffen war ein Gedanke, der ihr so viel Angst einjagte, dass sie vorerst bereit war, ihren Groll ruhen zu lassen. Nun schaffte sie es endlich auch sich aufzusetzen.

    „Wie heißt du?“

    „Medya.“

    „Ich heiße Satis, und ich verspreche dir, Medya, wenn ich in diesem Wald sterbe, wird mein Geist dir jeden Moment deines Lebens zur Hölle machen und nicht mehr von deiner Seite weichen, bis du den Tod gefunden hast.“

    Zur Satis‘ Überraschung hellte sich Medyas Miene auf. „Dann wären wir ja zu viert! Genug für eine Partie Doppelkopf!“

    „Was … wovon redest du?“

    „Na von den beiden anderen Rachegeistern, aber die beiden haben irgendwann die Geduld verloren, aber ab und zu lassen sie sich noch blicken. Ziemlich finstere Burschen, habe keinen von den beiden je lachen sehen!“

    In Satis Kopf mochten in diesem Moment zwei Urtriebe um die Oberhand kämpfen: der erste war die urmenschliche Eigenschaft, Dinge verstehen zu wollen und ihnen auf den Grund zu gehen. Der andere war der deutlich überlebenswichtigere Trieb, vor dem Wahnsinn in Person zu fliehen und den eigenen Hintern zu retten, bevor etwas in die Luft flog, entzündet wurde oder sonst wie aus den Fugen geriet. Doch unter diesen speziellen Bedingungen entschlossen sich diese Urtriebe einfach, das Kriegsbeil zu begraben und Satis sich selbst zu überlassen, die einfach beschloss, die letzten Worte der Irren zu ignorieren.

    „Was machen wir jetzt?“

    „Hm“, grübelte Medya, das Kinn in ihrer Hand abstützend. „Du solltest dich noch ein bisschen ausruhen, aber dann müssen wir weiter. Wir sind hier nicht lange sicher.“

    Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
    So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.


    Die Schatten der Magie

  • Juhuu, ein neuer Teil! :) Auch der ist wieder super gelungen! Medya ist toll und ich kann Satis Tragik nachempfinden. Also alles in allem: ich mag die Figuren sehr!


    Zur Handlung habe ich kleine Anmerkungen:


    Noch immer benommen ließ sich Satis von der irren Fremden an der Hand nehmen. Flink wie ein Wiesel rannte Medya mit ihr eine Dachrinne entlang, sprang und landete in einer Nebengasse.

    Hier habe ich mich gefragt, wie Satis damit umgeht. Medya rennt flink wie ein Wiesel über die Dächer und springt in eine Nebengasse (von einem Haus!). Was macht Satis? Läuft sie flink nebenher und springt ohne nachzudenken mit? Stolpert sie wegen der unerwarteten Geschwindigkeit und Wendigkeit, mit der sie gezogen wird? Würde sie ohne Weiteres von einem Dach springen?


    Ihr Satis ohnehin rasendes Herz begann nun nur noch heftiger zu schlagen.

    Da zuletzt Medyas Name genannt wurde, würde ich Satis Namen ausschreiben.


    Aus dem Augenwinkel sah Satis noch eine Hand, die nach ihrer Schulter griff, doch die Finger gingen ins Leere. Noch ein paar Meter rannten sie, bis Satis ins Straucheln geriet und vornüber auf den staubigen Boden fiel.

    Das klingt, als hätte eine der Wachen (irgendwie hatte ich verstanden, dass an dem Tor zwei Wachen stehen) nach Satis gegriffen, aber sie nicht erwischt. Satis rennt ein paar Meter (10-20?) und hält dann erst mal inne. Was tut denn die Wache, die sie nicht erwischt hatte, und die ja dann auch nur ein paar Meter entfernt ist? Statt hinter den offensichtlich erschöpften Frauen herzurennen, holt die Wache den Bogen und schießt? Und dann lassen sie erst die Reiter hinterher reiten.

    Also ich kann mir schon vorstellen, dass die faul sind :D Vielleicht könnte man das aber noch irgendwie erklären? (Muss nicht sein, nur als Vorschlag).


    Irgendwo von den Grenzen des Waldes her erklangen die Schläge von Pferdehufen,. [aufgeregtes abwarten]. Dann doch schließlich entfernten sie sich wieder.

    Hier fände ich auch spannend, wenn das zwei bis drei Sätze wären.


    Das war es auch schon :)

    Liebe Grüße

    M.

  • Moog Vielen Dank, ich schau nochmal drüber.


    So, hier dann mal ein neuer Teil, neue Figuren und ein ganz anderer Ort:


    Heiter schien die Sonne auf die grünen Felder Ahvanachs, ließ den Lavendel am Wegesrand erstrahlen wie ein violettes Feuerwerk, so lebendig, als wollten ihm jeden Moment Beine wachsen, um in der Üppigkeit des Götterlandes zu tollen. Ganz gemächlich schlängelte sich ein Bächlein neben dem staubigen Pfad entlang, so klar und sauber, dass er nur dazu einlud, sein vollmundiges Wasser mit einem goldenen Kelch an die Lippen zu führen. Olivenhaine erstreckten sich über die Kräuterwiesen, und wo diese langsam in Eichenwälder übergingen, ästen prächtige Hirsche zwischen den Felsbrocken aus Marmor. Ja, alles hier war so prächtig und perfekt und schön – wäre da nicht Andhara, der Göttervater selbst. Missmutig stapfte der Zeitgott über den Pfad, trat unter unflätigen Flüchen Steine vor sich her, die Stirn in tiefe Falten gelegt. Jedem zufälligen Beobachter musste auffallen, dass Andhara nur so schlenderte, um auch ja den eigentlichen Zweck seiner Reise so lange wie möglich hinauszuzögern. Und so stapfte der Göttervater vor sich her, statt einen der prächtigen Streitwagen zu nehmen, den Zipfel seiner Toga durch den Staub ziehend.

    Wobei Göttervater fast eine zu großzügige Bezeichnung war, denn nur eine der Göttinnen Ahvanachs entstammte seinen Lenden. Ursprünglich war das alles natürlich anders gedacht gewesen, aber wer hätte vorhersehen können, dass sich das Götterpaar an der Spitze der Ahvanachisten so gar nicht schmecken konnte. Schon seit tausenden von Jahren gingen sich Alami und Andhara aus dem Weg, und wenn es sich nicht vermeiden ließ, dass beide gleichzeitig anwesend waren, endete die Begegnung meistens in Gezeter und Streit.

    Genau wie heute Morgen, doch anders als sonst hatte Alami ihren Göttergatten freiwillig und in bösester Absicht aufgesucht. Er hatte es sich noch gar nicht so lange auf seinem Himmelsthron gemütlich gemacht, als sie plötzlich in den Palast der Zeit trat und vor ihm stehen blieb, die Arme verschränkt – und ihren Blick hatte er noch immer vor Augen.

    „Tolles Oberhaupt des Götterhimmels bist du, hockst auf dem Thron und tust nichts, während uns bald ganz Ahvanach um die Ohren fliegt!“ Das waren ihre ersten Worte gewesen, und fast noch ihre nettesten. „Verdammt nochmal Andhara, bekomm endlich deinen Arsch hoch und TU ETWAS!“

    „Was soll ich denn bitte machen? Ich lasse schon nach ihr suchen, verdammt nochmal, ich habe einen der besten …“

    „Du könntest dein Hinterteil auch einfach mal wieder selbst auf die Welt der Sterblichen schwingen, zum Beispiel, und dich mal selbst umschauen! ‚Ich lass nach ihr suchen, ich lass nach ihr suchen‘, das sagst du schon seit vierhundert Jahren!“ Zornig stampfte Alami auf, dass der ganze Tempel der Zeit erzitterte und der Klang ihres Fußes auf dem schwarzen Marmor durch die Gänge hallte.

    „Ich kann nicht, und das weißt du!“ Das war gelogen, und das wusste auch Alami. Oder vielleicht nicht gelogen, doch alle Götter, die inkarnieren konnten, hatten bestimmte Begrenzungen dieser Fähigkeit. Andhara konnte wie die meisten von ihnen nur nach drei Jahren erneut inkarnieren – nur konnte er sich nicht aussuchen als was. Wie so vieles, was ihre eigenen Fähigkeiten anging, war dieser Umstand ihnen allen ein Rätsel. Der Zeitgott schien irgendwann ein Schema ausgemacht zu haben, aber nach etlichen Leben als Wurm, die nur durch einen gefräßigen Maulwurf oder einen frühen Vogel beendet wurden, nach Jahren als Stier, Schwan, Kuckuck, Adler, Ameise und Faultier hatte Andhara einfach genug. Im Schnitt nur jedes zehnte Mal war es ihm vergönnt, als Mensch geboren zu werden, und alles andere war ihm eine unerträgliche Qual.

    „Du willst dich nur nicht wieder als Wurm durch Kompost fressen“, erwiderte Alami, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Nashi sagt, sie hat dich schon seit Wochen nicht mehr am Observatorium gesehen, wenigstens das hättest du fertigbringen können!“

    „Das bringt doch überhaupt nichts! Du kannst so lange mit dem Teleskop nach Medya suchen, wie du willst, du wirst sie nicht finden, das ist schließlich Teil ihrer Macht!"

    „Dann solltest du dich vielleicht mal mit jemandem versöhnen, der das KANN!“ Herausfordern hob die Göttin des Handwerks ihr Kinn – und kaum etwas hasste Andhara als diesen Gesichtsausdruck.

    „Du gibst mir noch immer die Schuld an dieser Sache! Ich habe …“

    „Du hast ihm gesagt, er soll sich zusammenreißen!“

    „Ja!“

    „Du hast ihm gesagt, er soll endlich wieder ein Mann sein!“

    „Na und ich hatte ja auch …“

    „Du hast ihn ein jämmerliches Weichei genannt, das endlich lernen muss, mit seinen Fehlern zu leben, und das nach all dem, was er durchgemacht hat.“

    „… ja …“

    Genervt seufzte Alami, die Handfläche gegen ihre Stirn gepresst. „Es wird endlich Zeit. Beweg deinen Arsch selbst runter oder sprich mit Krieg und bring ihn dazu, nach Medya zu suchen!“

    Und wie immer hatte sie nicht mit sich reden lassen. Jetzt musste er zu Krieg kriechen und sich entschuldigen, obwohl er voll und ganz im Recht war. Nur, weil Krieg der Einzige der Ahvanachiden war, der scheinbar unbegrenzt und zuverlässig als Mensch inkarnieren konnte. Nur, weil der Haussegen mit seinem ihm angedachten Weib seit Jahrtausenden schief stand und jeder vernünftige Widerspruch die Kluft zwischen ihnen weiter aufriss. Nur, weil er sich nicht wieder als Wurm durch Dreck und Blätter fressen wollte – er war sich schließlich ziemlich sicher, dass als nächste Inkarnation wieder ein Wurm dran war.

    Unter diesen Umständen mochte wahrscheinlich jeder verstehen, warum Andhara jede Sekunde herauszögerte, am neuen Heim des Kriegsgottes anzukommen, aber es kam schließlich, wie es kommen musste. Langsam senkte sich das Land, und Andhara sah schon von weitem das einfache Landanwesen Kriegs zwischen Olivenhainen und Korkeichen aufblitzen. Resigniert seufzend schlenderte der Gott der Zeit weiter, verzweifelt mit seinen Fingern seinen weißen Bart zwirbelnd.

    Augenscheinlich unterschied sich der Landsitz Kriegs nicht von den Höfen, auf denen die Dienerschaft der Ahvanachiden die Güter für die Bedürfnisse der Götter gewann. Wenn man jedoch an das geflochtene Tor des Anwesens trat, schlug einem schon dieser würzig-süßliche Geruch entgegen, den man fast nur hier einatmen konnte, dieser seltsame Gestank, der Krieg nun schon seit einigen Jahrhunderten anhing. Seufzend ließ Andhara das Tor hinter sich zufallen und sah zu den übermannsgroßen Pflanzen mit den markanten Blättern auf. Im ersten Impuls hätte er sie am liebsten ausgerissen, mit Stumpf und Stiel, aber er wusste, dass so das Problem nicht gelöst werden würde – geschweige denn würde er Krieg dazu bringen können, ihm einen Gefallen zu erweisen.

    „Hätte Okulus ihm nur nie diese verdammten Samen gegeben!“, fluchte Andhara vor sich her. Aber es half ja nichts. Nach einem letzten Zögern öffnete Andhara die Tür des Anwesens und trat ein.

    Er hasste es, hier zu sein. Früher hatte er sich bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen Krieg nicht auf der Erde irgendwelche Schlachten schlug, gerne mit ihm getroffen. Da hatte er noch in seiner Festung gewohnt, die mit dem Burggraben, den Brücken, Falltoren, Jagdzimmern und Waffenkammern, in deren Luft man pure Männlichkeit schmecken konnte. Hier lag nur der Geruch von diesem Zeug in der Luft, Kleidung lag schon im Hauseingang auf dem Boden, und alles war voller Staub und Vernachlässigung.

    Was ist verdammt nochmal aus ihm geworden! Die Menschen haben den Krieg nach IHM benannt, so etwas hat sonst keiner von uns hinbekommen! Langsam bahnte sich Andhara seinen Weg durch das Zwielicht, abgetragene Hosen und Hemden in fragwürdigen Mustern. Angewidert wich er vor einer klebrigen Wand zurück – als er plötzlich ein Lachen hörte. Das Lachen einer Frau.

    „Was verdammt nochmal …“ Mit klopfendem Herzen öffnete Andhara die Tür zum Wohnbereich des Anwesens – und blickte in zwei erschrockene Gesichter.

    Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
    So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.


    Die Schatten der Magie

  • Herrlich! Du machst dich ja über alles lustig, sogar noch über die Landschaft!

    Diesen Part habe ich wieder sehr gerne gelesen. Dieser Gott tut mir fast ein wenig leid. Mal sehen, was Krieg ihm entgegnen wird! Und was aus ihm geworden ist. Vielleicht hat er ja eine nette Geliebte.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Ist Medya in zwei verschiedenen Zeiten unterwegs? Anstalt, Wachhunde und Gummibälle aus dem ersten Kapitel scheinen mir nicht zur Stadt, in der sie später Satis trifft, zu passen.

    Ich bin gespannt, wie du die Geschichte weiter entwickeln wirst. Am Besten gefallen mir bisher die durchgeknallten Götter. :rofl:

    Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
    Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker

  • :hi2: Myrtana


    ersteinmal: :rofl: :rofl: :rofl:



    Diese Geschichte besticht schon in den ersten Teilen mit so vielen humorvollen und innovativen Ideen. Das gepaart mit deinem bildhaftem Schreibstil macht die Texte umso lesenswerter ^^

    Ist genau meine Art von Humor, ich freue mich auf mehr :fox:

  • Kirisha Vielen Dank, freut mich, dass du den Part mochtest. Ich glaube, mit Kriegs Besuch liegst du da ganz richtig xD


    Hey melli, schön dich wieder im Forum zu wissen, freut mich riesig, dass du dabei bist! Wundert euch nur bitte nicht zu sehr über sonderbare moderne Gegenstände und Ähnliches in Medyas Welt (oder ja, wundert euch doch bitte, das ist schon der Zweck). Es liegt zwar ein Sinn dahinter, nur kein allzu tiefer. Letzten Endes ist das alles Klamauk, wie es dazu gekommen ist, wird sinnvoll aufgelöst, ich möchte nur nichts vorwegnehmen,



    Diese Geschichte besticht schon in den ersten Teilen mit so vielen humorvollen und innovativen Ideen. Das gepaart mit deinem bildhaftem Schreibstil macht die Texte umso lesenswerter ^^

    Ist genau meine Art von Humor, ich freue mich auf mehr :fox:

    Und das vom Maestro der humoristischen Fantasy persönlich! Das gibt mir einen heftigen Selbstvertrauensboost! Auch schön, dich wieder im Forum zu sehen, da kommt endlich mal wieder ein ganz schön bunter Haufen zusammen ^^


    So, ich glaub der folgende Part wird mir jede Möglichkeit rauben, das hier als Jugendbuch zu veröffentlichen, aber ich mach mir da glaube ich mehr einen Kopf, wenn es denn mal so weit sein sollte:


    „Ch-Cheena!“ Fassungslos starrte Andhara seine Tochter an, die in der einen Hand ein schmales Röhrchen, in der anderen Hand einen kleinen Spiegel mit einem weißen Pulver hielt.

    „Oh …“ Ganz langsam ließ die Göttin der Erotik den Spiegel und das Röhrchen sinken, als ließe sich so noch irgendetwas retten. „Hallo Papa …“

    „Was zur Hölle machst du hier! Was ist das für ein Zeug!“ Kochend vor Wut presste Andhara seine Handflächen auf den Tisch, an dem die beiden saßen, bevor er noch jemanden erwürgte.

    „Wir haben uns nur … ein wenig unterhalten.“ Süß lächelte Cheena, wie die geborene Unschuld, so als gäbe es nichts an ihr, das auch nur an etwas verruchtes denken ließ. „Ganz zufällig.“

    „Spar dir dein Augengeklimpere und mach, dass du nach Hause kommst!“ Gehorsam sprang Cheena auf, die verkörperte Zierlichkeit und Eleganz, die sie war, und im Vorbeigehen hauchte sie einen Kuss auf seine Wange. Leider konnte er gar nicht anders, als ein wenig weicher zu werden; auch an ihm ging ihr ganz eigener Charme nicht gänzlich vorbei, auch wenn er bei ihm natürlich von ganz anderer Natur war. Er liebte seine Tochter von ganzen Herzen, und schließlich war sie ein Scheidungskind, und als solches hatte sie natürlich mit ihren ganz eigenen Problemen zu kämpfen. Und das alles nur dank ihrer Zicke von Mutter!

    Kurz wartete Andhara noch, bis die Schritte seiner Tochter ausklangen, bevor er platzte. „Was hast du ihr da gegeben! Spuck’s schon aus du verdammter Hund!“

    „Komm mal wieder runter, Mann!“, sagte Krieg, der schon vor Andharas Tobsuchtsanfall schützend die Hände erhoben hatte. „Sie ist ein Gott, so schnell haut sie nichts um, vor allem nicht dieses Zeug!“

    „Das ist mir so verdammt scheiß egal! Du lässt die Finger von meiner Tochter, und sie lässt die Nase aus deinem Zeug!“ Andhara schlug so heftig auf den Tisch, dass der kleine Spiegel seinen Inhalt über dessen Oberfläche verteilte. „Haben wir uns da verstanden?“

    „Alles klar Kollege, alles klar!“ An einer Kerze entzündete der Gott des Krieges das erloschene Papierröllchen, das ihm zwischen den Fingern steckte. Momente später zog er daran und pustete diesen stinkenden Rauch in die Luft. „Auch nen Zug? Würde dir glaub guttun.“

    „Da wette ich dagegen“, erwiderte Andhara mit einer ablehnenden Handbewegung. Was war nur aus dem Gott geworden, den er einst gekannt hatte? Aus dem kleinen, aber immer athletischen Krieg war ein immer noch kleiner, fassförmiger Mann geworden. Seine einstmals langen Haare standen ihm nun als Stoppeln vom Kopf ab, dunkle Augengläser betonten nun seine speckigen Wangen, und eine dicke Nackenfalte erhob sich aus dem Kragen seines bunten Batik-Hemds. Krieg war kaum wiederzuerkennen, und selbst die Haushälterin Avila, die immer eine Schwäche für ihn gehabt hatte, hielt sich von ihm fern wie vor der Pest. Hinter seinen undurchdringlichen Augengläsern sah Krieg ihn an, bevor er seinen Joint ausdrückte und eine letzte Rauchwolke aus seinem Mund abließ.

    „Und, was treibt dich her? Bist ja bestimmt nicht aus purer Freude hier.“

    Wow, das beginnt ja gut. Andhara verfluchte sein Pech. Schlechter hätte ihr Gespräch ja gar nicht starten können. Ja, er hatte die Beherrschung verloren, aber welcher Vater hätte das nicht? Immerhin musste sogar Krieg das einsehen.

    „Nun, ich denke, du hast vielleicht bemerkt, dass unsere Probleme in der letzten Zeit etwas zugenommen haben …“

    „Du meinst, dass alles den Bach runtergeht, seitdem Medya nicht mehr hier ist, oder?“

    „Nun ja … im Grunde ja.“

    „Ja, das habe ich bemerkt.“ Ohne mit der Wimper zu zucken begann Krieg damit, einen weiteren Joint zu drehen. „War ja kaum zu übersehen.“

    Wie ich diesen Kerl hasse! „Nun ja, wie du dir wahrscheinlich gedacht hast, haben wir ein paar Schwierigkeiten, Medya ausfindig zu machen, und immerhin sind es jetzt auch schon vierhundert Jahre seit ihrem Verschwinden …“

    „Ach, vierhundert Jahre schon?“ Genüsslich zog Krieg an seinem neuen Joint, ließ den Rauch ein wenig in seiner Lunge verweilen. „Die vergingen ja fast wie im Flug.“

    Dieses Arschloch weiß ganz genau, worauf ich raus will. Er genießt es nur, mich zappeln zu lassen! „Na ja, ich will mal zum Punkt kommen. Du weißt ja, dass ich so meine Probleme habe, was die ganze Inkarnationssache angeht.“

    „Mhm.“ Wieder ein Zug an dem Joint.

    „Da hab ich mir gedacht, du warst ja echt schon ne Weile nicht mehr auf der Erde, und du warst früher ja fast ständig dort und kennst dich von uns am besten aus.“

    „Das stimmt.“

    „Und ich gehe mal davon aus, du hast selbst schon mal darüber nachgedacht, auf die Erde zu gehen und ein wenig nach Medya zu stöbern …“

    „Nein, habe ich nicht und werde ich auch nicht. Das habe ich euch schon oft genug klargemacht.“

    „Scheiße nochmal, Krieg! Es wird langsam ernst! Willst du denn, dass hier alles vor die Hunde geht?“

    Plötzlich richtete sich der Gott des Krieges auf, und in seiner Bewegung spiegelte sich etwas von seiner einstmaligen Kraft wider. Eine Kraft, vor der sich sogar Andhara gefürchtet hatte. Ein halbes Jahrtausend zuvor hätte sich wirklich niemand getraut, so mit Krieg zu reden.

    „Weil Medya fehlt? Weil sie jetzt nicht mehr eure Inkompetenz ausgleichen kann wie in den Urzeiten zuvor? Da habe ich einen ganz anderen Vorschlag: Lernt einfach, wie man euren Job macht!“

    „Da hast du gut reden! Bei den meisten von uns hat sich unser Job nicht damit erledigt, dass wir uns den Arsch breit sitzen und sonderbare Kräuter rauchen, verdammt noch mal!“

    Einen Moment herrschte Stille, in der nur der Joint in Kriegs Fingern knisterte, bevor dieser schließlich seufzte. „Verlass mein Haus, Andhara. Verschwinde einfach.“

    „Das ist doch jetzt nicht dein Ernst!“

    „Ich habe dir nichts mehr zu sagen. Geh einfach.“

    Ungläubig blieb der Gott der Zeit sitzen, bevor er aufbrausend aufsprang. „Was glaubst du eigentlich? Denkst du, du kannst ewig ignorieren, was hier los ist? Willst du einfach nur zuschauen, wie uns langsam alles entgleitet?“

    „Wie gesagt: Ich bin fertig mit dir. Geh jetzt bitte!“

    Verächtlich schnaubend wandte sich Andhara um. "Du wirst schon noch sehen, was du davon hast, du sturer Bock!" Dann ging er halt, er hatte es versucht, und mehr konnte man von ihm nicht verlangen. Auch Alami nicht.

    Als er schließlich das stickige Anwesen des einstigen Freundes verlassen hatte, kühlte Andhara langsam ab. Es dauerte dafür nicht lang, bis sich ein Kloß in seinem Magen bildete. Wenn dieser Moment nicht das Ende besiegelt hatte.


    Schwer schluckte der Leiter der Anstalt, als er die Papiere wieder sinken ließ, die sein Gegenüber ihm überreicht hatte. Unter all den Siegeln, die das hochwertige Papier schmückten, erkannte er nur die wenigsten – doch diese reichten aus, um zu verstehen, dass er einen ranghohen Regierungsbeamten vor sich hatte, und Regierungsbeamte bedeuteten generell Ärger. Vor wenigen Minuten hatte er noch gedacht, den unliebsamen Gast mit ein paar Worten abspeisen zu können; immerhin war er sichtbar ein Sukk, ein Angehöriger einer Minderheit, die generell keinen hohen Status innehatte. Doch nachdem der Fremde beharrlich darauf bestanden hatte, mit dem leitenden Betreuer zu sprechen, hatte er sich widerwillig mit den Belangen dieses Emporkömmlings auseinandersetzen müssen.

    Dieses Emporkömmlings. Nun, da er vor dem Sukk saß, war er sich in diesem Punkt gar nicht mehr so sicher. Kalt und berechnend starrte ihn der Regierungsbeamte an, die Hände vor dem Mund gefaltet, den ein dichter, ordentlich geschnittener Schnurrbart zierte. Auch wenn der Anstaltsleiter nicht ausgesprochen groß war, kam es dennoch selten vor, dass ihn jemand um einen ganzen Kopf überragte. Die kräftigen Arme und breiten Schultern des Sukk sprachen dafür, dass er öfter eine Waffe in Händen hielt als eine Aktentasche. So verhielt sich niemand und so sah niemand aus, der nicht von jungen Jahren an für seinen Beruf auserwählt und ausgebildet worden war.

    Geduldig wartete der Beatme ab, bis sein Gegenüber jedes Papier einzeln geprüft hatte; der Anstaltsleiter ließ sich Zeit, nicht, um den Sukk zu reizen, sondern um Zeit zu gewinnen – Zeit, um sein Versagen erklären zu können.

    „Nun, Herr Pila …“ Venandi Pila, so stand dort in fein säuberlicher Schrift der Name des Mannes; ein Vorname, der nach Sukk schrie. „Ich habe gehört, Ihr fordert die Herausgabe einer Patientin.“

    „Da habt Ihr richtig gehört.“ Ein Zucken des Zeigefingers auf seinen gefalteten Händen war das Einzige, was die Ungeduld des Mannes verriet. Völlig beherrscht, geradezu betont ruhig griff Venandi nach seinem Becher, setzte ihn an seine Lippen. Wasser, nicht Wein, wie der Sukk selbst verlangt hatte. „Deshalb wundert mich, dass sie nicht fixiert neben Euch steht.“

    „Es ist nicht üblich, dass wir Patienten herausgeben, insbesondere nicht ohne jegliche Begründung.“ Ganz kampflos würde der Anstaltsleiter nicht aufgeben; tatsächlich hatte keines der Papiere den Fremden befähigt, jemanden aus der Therapie zu entnehmen. Natürlich schrie alles in ihm danach, dem Wunsch des Beamten nachzukommen, schließlich war er nicht dumm. Da er jedoch niemanden auszuliefern hatte, blieb ihm nicht mehr als dieser halbherzige Versuch.

    „Ihr habt auch keinen üblichen Bittsteller vor Euch.“ Langsam lehnte sich Venandi vor. „Ihr habt überhaupt keinen Bittsteller vor Euch. Ich fordere nicht, ich verlange.“

    „Dann …“ Der Betreuer wusste, dass er verloren hatte. Jetzt war die Zeit gekommen, reinen Tisch zu machen. „Die Patienten, nach der ihr verlangt …“

    „Medya Ludus.“

    „Genau, Medya … sie ist diese Nacht entkommen.“ Verzweifelt seine Furcht vor der Reaktion des Beamten hob er die Hände, senkte sie wieder. „Wir haben sie nicht mehr!“

    Entgegen jeder Erwartung blieb Venandi Pila ruhig. Mit hochgehobenen Augenbrauen musterte er sein Gegenüber, und ohne ein Zittern in der Stimme begann er wieder zu sprechen.

    „Wie kam es dazu?“

    „Das wissen wir selbst nicht. Die Tür ihrer Zelle stand offen, die Wachen wollen sie nicht gesehen haben. Der Türwächter trug gar obszöne Zeichnungen aus Kohle in seinem Gesicht.“

    „Er ist eingeschlafen“, schlussfolgerte der Sukk. „Ich hoffe, Ihr habt ihn für seine Unfähigkeit entlassen.“

    „Es wird ein Disziplinarverfahren geben. Ich kann keinen meiner Männer entlassen. Gutes Personal findet man hier draußen nicht leicht.“

    „Das habe ich bemerkt. Wo ist sie hin?“

    „Das wissen wir nicht. Aber wenn sie nicht verhungern und frieren möchte, wird sie sich auf dem Weg in die Stadt gemacht haben, Telomer.“

    „Telomer.“ Grübelnd schwieg der Sukk, seine Lippen hinter den gefalteten Händen verborgen. „Ihr werdet so gütig sein, mir die Männer zur Verfügung zu stellen, die Stadt und das Umland nach ihr zu durchkämmen.“

    „Ich kann keinen entbehren! Dieses Weib hat schon genug Ärger angerichtet, wir sind dabei, unsere eigenen Sicherheitslücken zu schließen und sicherzugehen, dass so etwas nicht noch einmal geschieht!“

    „Ihr werdet mir Eure Männer zur Verfügung stellen“, wiederholte sich Venandi, „und Euer Versäumnis wiedergutmachen. Andernfalls werdet Ihr mit den Konsequenzen leben müssen.“

    So, wie der Beamte gesprochen hatte, klangen die Worte nicht nach einer Drohung; einer Drohung bedurfte es auch gar nicht. Auch so wusste der Anstaltsleiter, dass Venandi fähig war, seine Existenz zu zerquetschten wie ein lästiges Insekt. Resigniert ließ er sich in seinen Sessel zurückfallen, dachte kurz nach.

    „Reichen Euch fünf? Das ist ein Viertel meines Personals …“

    „Es wird reichen. Sucht die … fähigsten aus. Euch mag es nicht so erscheinen, aber diese Frau ist gefährlich.“

    „Gefährlich?“ Ganz konnte der Anstaltsleiter seine Ungläubigkeit nicht verbergen. „Was soll die denn getan haben? Wenn die sich anstrengt, schafft sie es vielleicht, eine Fliege zu zerdrücken.“

    „Mehr braucht Ihr nicht zu wissen. Wappnet Eure Männer.“ Kurz nickte der Sukk ihm zu, dann verließ er das karg eingerichtete Zimmer.

    Und ließ einen ziemlich ratlosen Anstaltsleiter zurück.

    Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
    So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.


    Die Schatten der Magie

  • Und das vom Maestro der humoristischen Fantasy persönlich! Das gibt mir einen heftigen Selbstvertrauensboost

    Verdient! Ich sag nur wie es ist :fox:

    Lernt einfach, wie man euren Job macht

    Würde ich hier streichen, da die Götter ja schon direkt gemeint sind. Also eher "Lernt einfach, wie ihr euren Job zu machen habt" oder "Lernt einfach, euren Job richtig zu machen"

    „Das wissen wir selbst nicht. Die Tür ihrer Zelle stand offen, die Wachen wollen sie nicht gesehen haben. Der Türwächter trug gar obszöne Zeichnungen aus Kohle in seinem Gesicht.“

    Lol, hat sie mit der wache vielleicht noch getrunken? :D jedenfalls gibt dieses Detail wieder viel Aufschluss über ihren irren Charakter, wenn sie sich selbst bei einer Flucht die Zeit für sowas nimmt xD

    Reichen Euch fünf? Das ist ein Viertel meines Personals …“

    Nur 20 angestellte? Ich meine, es braucht Wachleute, pfleger, Ärzte, Reinigungskräfte und eventuell noch Küchenpersonal. So wirkt die Anstalt recht klein


    Tja, krieg hat keinen Bock auf die Aufgabe. Der hat sich ganz schön gehen lassen. Jetzt frag ich mich, ob dem Gott der Zeit noch ein gutes Druckmittel einfällt oder er ihn noch anderweitig überreden kann. Außerdem... Was muss Medya da ausgleichen? Ist sie vielleicht die Inkarnation aller göttlicher Unzulänglichkeiten? Das würde erklären, wieso sie so verrückt ist? :rofl:

  • Juhuu ein neuer Teil :D Die Szene mit Krieg, Cheena und Andhara fand ich herrlich! Ach, die Götter :D


    So, ich glaub der folgende Part wird mir jede Möglichkeit rauben, das hier als Jugendbuch zu veröffentlichen

    Zielgruppeneinschätzungen finde ich so verwirrend! :D Ich mag die koksenden Götter und finde sie sehr passend :D In Fantasy-Literatur kommen ja auch häufig Alkoholexzesse, Gras und blutige Gewalt vor, ohne dass sich da jetzt die Einstufung als Jugendliteratur per se verbietet (ist mein Eindruck).

    Würde allein diese eine Szene mit dem Koks und dem Gras – das auch eher nebenrangig erscheint und in einen gesellschaftlich-negativer-konnotierten Eindruck eingebettet wird (sich gehen lassen) – die Zielgruppen-Einstufung nach oben setzen? Ich würde denken, nein. Aber auf meine Meinung kommt es ja zum Veröffentlichen nicht an :D Ich wäre schon gespannt, wie diese Szene sich auf die Einschätzung durch Eltern von Jugendlichen auswirkt?


    Fassungslos starrte Andhara seine Tochter an, die in der einen Hand ein schmales Röhrchen, in der anderen Hand einen kleinen Spiegel mit einem weißen Pulver hielt.

    An einer Kerze entzündete der Gott des Krieges das erloschene Papierröllchen, das ihm zwischen den Fingern steckte.

    Hier war ich kurz verwirrt, ob Krieg sich das Röhrchen vom Anfang anzündet, um sozusagen etwaig daran klebende Reste zu rauchen. Tatsächlich handelt es sich hier ja um einen Joint. Da du das später auch genau so schreibst, würde ich persönlich das auch gleich am Anfang klarstellen.


    Liebe Grüße

    M.

  • Wollte eigentlich nur mal reinlesen, kam dann aber doch nicht los und hab alle Teile am Stück verschlungen :D

    Allein der Einstieg, der das "übliche" Heldentum und die Götter durch den Kakao zieht.. Herrlich! Dann war ich überrascht, wie toll das bei dir funktioniert, Medya und den Erzähler diskutieren zu lassen. Sowas finde ich sonst immer schwierig, du verpackst das aber bildhaft und humorvoll ..

    Finde es auch schön, was für "alltägliche" Probleme sich da bei den Göttern ergeben - Cheena, das rebellische, koksende Scheidungskind - vielleicht gehört eher sie in die Anstalt und braucht mal eine vernünftige Therapie? :D


    Ich bleibe auf jeden Fall auch mit dran :thumbsup: