Es gibt 62 Antworten in diesem Thema, welches 3.120 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Tariq.

  • Selbstverständlich will ich niemanden damit traurig machen. Und ich bemühe mich auch, deutlich zu machen, dass Hannche selber zornig auf sich ist, wenn sie so "durchhängt"

    So paradox es klingt, aber die Geschichte ist ja gerade dann gut, wenn du sie nicht beschönigst. Es ist nun mal eine Thematik, die betroffen macht und es geht nicht anders. Ich habe aktuell auch gerade eine Kundin, die einen Schlaganfall erlitten hat und wohl in einer ähnlichen Lage ist wie dein "Hannche", nur dass sie außer dem Schlaganfall auch noch ein echt verkorkstes Leben hatte. Und ihre Stimmung ist wohl zwischen Verzweiflung und dem Versuch, "sich nicht hängenzulassen". Manchmal reagiert sie überemotional. Das kann ich aber für ihre Situation echt verstehen.

    Die Rückblenden auf Hannches Vergangenheit finde ich übrigens sehr gut. Das kann ich mir so richtig vorstellen.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Als mich der Pfleger am Nachmittag im Bett aufgesetzt hat, habe ich den Stuhl unauffällig gemustert, um den bewussten Stern vielleicht irgendwo zu entdecken.

  • Huhu!

    Ich les hier auch noch fleißig mit XD

    Hannches Kämpferwillen beeindruckt mich tief. Und was mir immer wieder bewusst wird: dass Menschen z.B. nach Schlaganfällen trotz motorischen Schwierigkeiten immer noch ganz klar im Kopf sein können. Ich glaub, das müsste ich mir immer wieder bewusst machen, um solche Menschen nicht wie ein debiles Kleinkind zu behandeln ...

  • So, Mittwoch ist Hannche-Tag ^^ Ich mach mal weiter. Eigentlich möchte ich an der Stelle am Ende keinen Schnitt machen, aber wenn ich das Ganze zusammen poste, dann sind das 1.400 Wörter und das mag ich nicht so. Ich hoffe ihr verzeiht mir deshalb den Cut.

    Aber zuerst die ...

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    Voriger Teil


    Mein Blick geht hinauf zum Wandbord, wo ein paar meiner Bilder stehen. Alle kann ich nicht sehen, denn das Bord geht über meinem Bett entlang. Keine Ahnung, wer die Einrichtung dieses Zimmers festgelegt hat. Aber denjenigen müsste man mal für ein paar Wochen hier in das Bett packen mit dem festen Wissen, dass die Bilder seiner Lieben zwar auf dem Wandbord stehen, für den im Bett Liegenden aber leider nicht zu sehen sind. Das Hochzeitsbild meiner Eltern ist gleich vorn dran. Braun-weiß und sogar schon ein wenig ausgeblichen, zeigt es einen stocksteif dastehenden Bräutigam im Frack, der mit pomadeglänzendem Scheitel und straffgezwirbeltem Schnurrbart so entschlossen dreinschaut, als müsse er gegen alles Böse in der Welt allein ankämpfen. In der Hand hält er ein wenig verkrampft seinen Zylinder und weiße Handschuhe. Daneben steht eine zierliche, kleine Frau in einem weißen Kleid, die vertrauensvoll den blondgelockten Kopf in Richtung seiner Brust neigt.
    Ich weiß noch, dass dieses Hochzeitsfoto meiner Tochter damals immer komisch vorkam. Eine Braut, die kein bodenlanges Kleid trug, hatte in ihrem mädchenhaften Idealbild von einer Traumhochzeit keinen Platz. Für die damalige Mode hatte Beate nur ein mitleidiges Kopfschütteln übrig. Und ich weiß auch noch, dass ich da gelacht und ihr ein Hochzeitsfoto von meinen Großeltern gezeigt habe. Als die heirateten, war sogar das Kleid der Braut noch schwarz gewesen und das Gruppenfoto wirkte mit den steifen Mienen und kerzengerade durchgedrückten Rücken der Leute eher wie eine Aufnahme von einer Beerdigungsgesellschaft.
    Meine Mutter ist eine ausgesprochen hübsche Braut gewesen. Der riesige Strauß Rosen liegt in ihrem Arm, so groß, dass sie ihn mit der rechten Hand noch festhalten muss. Auf dem Kopf trägt sie einen Schleier, der einzig von einem frischen Myrtenkranz gehalten wird. Im Gegensatz zum Kleid ist der Schleier länger als nur bodenlang und liegt in losem Bausch um ihre weißen Schnallenschuhe drapiert.
    Das Bild lässt nicht erkennen, wie meinen Eltern wohl zumute war. Beide schauen so ernst, dass man sich fragen muss, ob sie aus freien Stücken ihr Jawort gegeben haben. Wer genau hinsieht, kann sogar ein klein bisschen Furcht in Mutters Augen erkennen. Sie wirkt wie ein Schulmädchen neben ihrem zehn Jahre älteren Ehemann.


    Nach Vaters Tod wurde Mutter noch stiller. Doch es stellte sich nie die Frage, wie es für sie weitergehen sollte. Sie war bei mir zu Hause und würde es auch bleiben. Noch vor meiner Hochzeit mit Siegfried hatte sie mit Vater die beiden Kammern im ersten Stock bezogen, in denen während meiner Kindheit die Großeltern gewohnt hatten. Neunzehnhundertvierundvierzig, zwei Jahre nach Großvaters Tod, zog Großmutter zu Tante Gundula. Die jüngere Schwester meiner Mutter hatte drei Kinder und ihr Mann war im Krieg geblieben. Großmutter erklärte, dass sie ihrer Tochter unter die Arme greifen müsse, und packte ihre wenigen Habseligkeiten. So wurden die zwei Zimmer oben frei.
    Mutter war anspruchslos und wollte uns nicht beengen, wie sie sagte. Beate und Joachim hatten ebenfalls unter dem Dach gewohnt in den beiden nicht beheizbaren Kammern, in denen auch meine Geschwister
    und ich als Kinder unsere Nächte verbracht hatten. Als Joachim dann heiratete und wegzog, wurde es noch ruhiger in unserem Häuschen. Zehn Leute in drei Generationen hatte es früher beherbergt. Nun waren wir nur noch zu dritt. Beate fuhr abends oft mit dem Bus in die Stadt. Pretzberg war zwar nicht groß, aber die Jugend hatte ihre Treffpunkte.
    So blieben Mutter und ich an den Abenden oft allein und wir leisteten einander Gesellschaft. Sie hat mich nie gedrängt, wieder zu heiraten. Überhaupt war sie unübertroffen darin, Situationen so hinzunehmen, wie sie nun einmal waren. Eine bewusste Entscheidung gegen eine neue Ehe hatte ich nie getroffen, aber wir haben auch nie darüber gesprochen. Ich denke, sie hat diese Sache als meine ureigenste Angelegenheit betrachtet und sich als Außenstehende für
    nicht mitspracheberechtigt gehalten.


    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Wieder ein sehr schöner Abschnitt! Das Springen zwischen den Zeiten gefällt mir und es passt auch sehr zu den alten Menschen, die ja eine Tendenz dazu haben, sich gerne wieder an "Früher" zu erinnern.

    Die Beschreibung der Hochzeitsbilder fand ich spannend. Ich habe auch eingehend die Hochzeitsbilder meiner Eltern und Großeltern (Schwiegereltern) studiert und mir dabei so einige Fragen gestellt.

    Dass die Personen auf den ganz alten Bildern immer so steif und ernsthaft aussehen, liegt vielleicht an der damaligen Fotografiertechnik? Mussten die da nicht längere Zeit ganz still stehen, damit das Bild nicht verwackelte? Da gab es bestimmt Lachverbote.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Das liegt glaub ich nicht nur an der Technik, sondern auch am Zeitgeist. Damals gehörte es sich einfach nicht, auf Fotos zu lächeln oder gar zu lachen. Zumindest meine ich, das mal gelesen zu haben.

    Zum Kapitel:

    Auch ich finde es wieder sehr schön und anrührend. Das Hannche ihre eigenen Bilder nicht sehen kann, weil sie so doof aufgestellt sind, ja, das hätte das Personal oder ihre Tochter besser machen können. Das ist wirklich traurig.

    Wie immer sehr gerne gelesen und gespannt auf Weiteres!

  • Liebe Kirisha und liebe Tarani ,

    So, denn mal weiter:

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    Voriger Teil


    Als Joachim seine Viola das erste Mal mit nach Hause brachte, war sie es, die dem Mädchen ein freundliches Willkommen bot. Ich selbst war noch damit beschäftigt, mich von ihrem Anblick zu erholen.
    Viola war unvorstellbar grell geschminkt, trug einen Rock, der in seiner Kürze einfach nur als schamlos bezeichnet werden konnte, und – sie rauchte. Natürlich hatte sie den Anstand besessen, die Zigarette vor dem Betreten des Hauses auszumachen, aber der Geruch, der mit ihr hereinwehte, und die Kippe neben der obersten Treppenstufe erzählten eine deutliche Geschichte.
    Mutter hatte das Einschenken übernommen – die Jugend war zum Kaffeetrinken an einem Sonntagnachmittag da - und reichte beflissen den Kuchenteller herum.
    Meine Gedanken kreisten ständig um die Worte 'Junge, wo hast du die nur aufgegabelt?' und 'Zum Glück muss Siegfried das nicht mehr erleben.' Mechanisch ordnete ich die mitgebrachten Sommerblumen in eine Vase und platzierte sie mitten auf dem Tisch, bevor ich mich dazu setzte. Es war der perfekte Platz für den Strauß, denn Viola, die mir gegenübersaß, wurde von den Blumen restlos verdeckt. Aber sie hatte eh nur Augen für Joachim gehabt, meinte Mutter später.
    Ein richtiges Gespräch wollte nicht in Gang kommen. Mutter gab sich Mühe, keine peinliche Stille aufkommen zu lassen, und stellte behutsam ein paar Fragen an Viola, ohne neugierig oder aufdringlich zu wirken. Zwischendurch schenkte sie Kaffee nach, plauderte zwanglos und half so über die verlegenen ersten Minuten hinweg.
    Die Kinder blieben nicht lange. Gleich nach dem Kaffeetrinken verabschiedeten sie sich beinahe hastig, als wären sie froh, es endlich überstanden zu haben. Sie wollten ins Kino. Als die Haustür hinter Joachim ins Schloss fiel, konnte ich durch einen Streifen klares Glas in der Milchglasscheibe sehen, wie er Viola an sich zog und lange küsste. Sie hatte die Arme um seinen Hals gelegt, was den Rocksaum noch zwei Zentimeter höher klettern ließ, und kicherte albern. Dann fassten sie sich bei den Händen und rannten die drei Stufen hinunter bis hin zum Gartentor.
    „Was hast du gegen sie, Liebes?“, fragte Mutter leise, während wir den Tisch abräumten und das Geschirr in die Küche trugen.
    Ich setzte den Wasserkessel auf die Gasflamme und ließ Wasser ins Spülbecken. Während ich mir die Schürze umband, überlegte ich, was ich antworten sollte. Meine erste Antwort wäre: Dass sie raucht. Aber es war in der heutigen Zeit nichts Besonderes mehr, dass Mädchen zur Zigarette griffen. Ich verstand zwar nicht, warum sie das taten, aber das hieß nicht automatisch, dass es schlecht war. Und der Rock? Die Mode hatte sich verändert. Die Mädchen trugen kurze Röcke und sie hatten das nötige Selbstbewusstsein dazu. Es waren fröhliche, ungezwungene junge Leute, diese neue Jugend. Sie hörten andere Musik, sie hatten andere Manieren, sie hatten einen anderen Umgang miteinander. Auch Joachim und Beate waren so: Mädchen und Jungen, die mit althergebrachten Traditionen und Sitten schon aus Prinzip brachen, die ihren Tatendrang und ihren Lebenswillen in einer Art und Weise zum Ausdruck brachten, mit der unsere Generation einfach nicht mitkam.
    Ich weiß noch, wie ich die Hände auf den Rand des Spültisches stützte und den Schaum musterte, der die darin liegenden Tassen umhüllte. Leise begann der Wasserkessel zu singen. Mutter drehte das Gas aus und goss das Wasser vorsichtig ins Becken. Noch immer wartete sie auf eine Antwort, aber ihr wäre nie in den Sinn gekommen, mich zu drängen.
    „Ich weiß nicht,“ meinte ich schließlich fast widerwillig und griff nach dem Lappen. „Ich kann nicht einmal sagen, dass ich etwas gegen sie habe. Es ist wohl nur eine Reaktion auf meine nicht erfüllten Erwartungen.“
    „Was hast du denn erwartet?“ Mutter nahm ein Geschirrtuch und begann abzutrocknen.
    „Tja, was habe ich erwartet?“ Ich zuckte ratlos mit den Schultern. „Einen längeren Rock vielleicht?“
    Verstohlen schielte ich zu Mutter hinüber, die in diesem Moment den Blick von den blankpolierten Kuchengabeln hob und mir in die Augen sah. Einen Augenblick schauten wir uns an, dann prusteten wir beide gleichzeitig los. Ich lachte, bis mir die Tränen kamen, lachte mir die Anspannung und Enttäuschung des vergangenen Nachmittages einfach weg. Dann ließ ich den Lappen achtlos ins Spülbecken fallen, umarmte meine kleine Mutter mit tropfnassen Händen und zog sie fest an mich.
    „Ach, Mama“, sagte ich, „ich glaube, ich werde alt.“
    „Natürlich wirst du das“, antwortete sie lächelnd. „Die Frage ist nur, wie du es wirst.“


    Mein Blick wandert von Mutters Hochzeitsbild weiter zu Joachims. Viola und mein Sohn sind damals wie heute das, was man als Paar wie aus dem Bilderbuch bezeichnet. Meine Schwiegertochter trägt auf dem Foto einen bodenlangen Traum aus Tüll und Spitze. Joachim, der daneben fast untergeht, hat einen schwarzen Nadelstreifenanzug an mit einer weißen Fliege.


    Im Jahr Neunzehnhundertachtzig waren die Vorbereitungen für eine Hochzeit anders, als sie es fünfundzwanzig Jahre vorher für meine gewesen waren. Meine Eltern und Schwiegereltern hatten sich damals zusammengesetzt und alles von A bis Z geplant. Aber Joachims Polterabend war ein Ereignis gewesen, an dem die gesamte Nachbarschaft teilnahm. Nichts, was im Entferntesten planbar war. Ich begrüßte Menschen, die ich nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte und wahrscheinlich auch nie wieder sehen würde, sagte unzählige Male 'Willkommen, fühlen Sie sich wie zu Hause' und schüttelte in einem Fort Hände.
    „Mutter, nicht so steif, das sind meine Kumpel“, hatte Joachim mir im Vorbeigehen leise zugeraunt.
    Steif? Ich war steif? Natürlich, das waren alles fremde Menschen und da ist man anfangs eben zurückhaltend. Also locker sollte ich sein. Gut, ich würde es versuchen. Verstohlen beobachtete ich Violas Eltern, die unweit von mir dieselben Leute begrüßten und dieselben Hände schüttelten. Sie lachten, sie scherzten und wirkten – nun ja – eben locker.
    Ich straffte mich unwillkürlich. Das wäre ja gelacht, wenn ich das nicht hinbekam!
    Der Abend zog sich hin und ich weiß noch, dass ich mich von der fröhlich feiernden Schar noch vor Mitternacht verabschiedete. Mein ganzes Gesicht tat weh vom ständigen Lächeln, das zuletzt wahrscheinlich ziemlich gequält ausgesehen haben musste. Später lag ich zwar todmüde, aber schlaflos in meinem Bett und versuchte vergeblich, den vielen Gesichtern des Abends irgendwelche der gehörten Namen zuzuordnen. Vom Hof her tönten Stimmenlärm, flotte Musik und mitunter auch lautes Lachen herauf, ab und zu unterbrochen von dem lauten, polterabendgemäßen Geräusch, das zerbrechendes oder vielmehr zersplitterndes Porzellan verursacht. Seufzend drehte ich mich auf die andere Seite, hoffte, dass diese Splittergeräusche nicht von den geborgten Gläsern oder diversen Fenstern herrühren mochten, und versuchte, nicht daran zu denken, was mich am Morgen im Hof hinter meinem Haus erwarten würde.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Heyho Tariq & Tarani & Kirisha


    Zu den "ernsten" Photographien kann ich was erklären.

    Dass die Personen auf den ganz alten Bildern immer so steif und ernsthaft aussehen, liegt vielleicht an der damaligen Fotografiertechnik? Mussten die da nicht längere Zeit ganz still stehen, damit das Bild nicht verwackelte?

    Stimmt. Das lag an der Technik (ca.1830), mit der damals die Bildplatten belichtet wurden, bzw. an dem zu belichtenden Material. Das konnte u.U. fast eine halbe Stunde dauern. Die damaligen "Opfer" wurden sogar mit hölzernen Gestellen im Nacken gestützt, um die Starre zu gewährleisten. Und keiner kann solange lächeln, also waren entspannte Gesichtsmuskeln normal. Und die sind immer eher ernsthaft - versuch mal, nur eine Minute vor dem Spiegel zu lächeln! ;) ;) ;)

    Das liegt glaub ich nicht nur an der Technik, sondern auch am Zeitgeist. Damals gehörte es sich einfach nicht, auf Fotos zu lächeln oder gar zu lachen.

    s.o. - technisch bedingt. Allerdings war es früher üblich, sich Gedanken darüber zu machen, was das fertige Bild (re-) präsentieren sollte. Dabei muß man immer bedenken: Ein Photo konnte damals nicht, wie heute, mal eben neu gemacht werden (Klick: Aufnehmen, Angucken...wenn Scheisse löschen und Klick: Neuaufnehmen bis es passt.

    Ein Photo wurde einmal gemacht (und vor allem: Es konnte damals nicht mal eben kopiert werden!). Also sollte alles stimmig sein. Und sinnvoll.

    Darauf Hinweise geben, was der Abgelichtete für einer war. War's ein Kerl, war die Wahl damals einfach: Paradeuniform angezogen, Bart gezwirbelt, Brust raus, Bauch rein.

    Bei den Damen wurde es dann subtiler. Abgesehen von ordentlicher (bürgerlicher...man war ja kein Proletariat!) Kleidung und entsprechender Frisur nahm man gerne ein Buch, auf dem Schoß liegend, zu Hilfe. Dort zeigte dann eine Hand mit dem Finger wie absichtslos hinein...Absicht: Wir sind gebildet.

    Und das ist hart erarbeitetes Privileg - darüber wird nicht gelacht!

    Ja, ich denk auch, dass das damals einfach so üblich war, ein ernstes Gesicht zu machen.

    s.ebfls.o. Und darüber hinaus nochmal:

    Es ist ganz wichtig, daß man sich bei Photos aus älterer Zeit klarmacht, daß die eben nicht wie heute beliebig kopiert oder vervielfältigt (oder gleich wieder gelöscht) werden konnten. Da sind wir heute sehr verwöhnt.

    Vor dreissig Jahren hieß photographieren: Einen 24'er oder 36'er Film verknipsen, den nach dem Urlaub abgeben und zwei Wochen auf die Ergebnisse warten. Was Scheisse davon war, mußte man eben aussortieren. Der Rest konnte gezeigt werden. Nachbessern via Photoshop gab's da nicht. Sofortiges Vervielfältigen ebenfalls nicht.


    Und vor knapp 90 Jahren war das noch viel schlimmer. Die Bilder sollten der Nachkommenschaft zeigen, wer man war, woher man kam und was man sein wollte. Ihre Entstehung war aufwendig, kostspielig und ziemlich einzigartig.


    Kein Wunder, das man das damals nicht zum Lachen fand.

  • Frau Herzel kommt herein. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass sie die Tür geöffnet hat, und schrecke zusammen, als sie plötzlich an meinem Bett vorbeimarschiert. In der rechten Hand ihren Stock haltend, balanciert sie in der Linken einen Teller.
    Ich hebe den Kopf, um erkennen zu können, was es ist. Sie bemerkt es, runzelt die Stirn und schaut mich so misstrauisch an, als könnte ich mit jähem Satz plötzlich aus dem Bett springen und ihr ihren Schatz entreißen.
    Mit einem verbindlichen Lächeln nicke ich ihr zu und registriere gleichzeitig befriedigt, dass es Apfelscheiben sind, die sie so sorgsam vor meinen Blicken zu verbergen sucht. Ein kleiner Nachtsnack wahrscheinlich, den sie sich vom Abendessen mitgebracht hat.
    Wie spät es wohl sein wird? Ich habe noch immer keine Uhr. Wenn die Schwester kommt, werde ich ihr sagen, dass Beate mir eine Uhr mitbringen soll. Oder vielleicht sage ich es lieber Beate selbst, wenn sie das nächste Mal herkommt. Es ist schade, dass sie gestern Abend nicht mal kurz bei mir reingeschaut hat, als sie die Hausschuhe für meinen ersten Rollstuhlausflug brachte. Da hätte ich es ihr gleich sagen können. Vielleicht ist sie so spät gekommen, dass die Schwestern sie nicht mehr zu mir hereingelassen haben? Oder vielleicht wollte sie auch gar nicht bei mir vorbeischauen?

    Ob es hier im Heim feste Besuchszeiten gibt? Zu dumm, dass ich nicht weiß, ob Beate einen langen Anfahrtsweg hat oder nicht, weil ich immer noch keine Ahnung habe, in welcher Stadt ich bin. Wenn ich in Pretzberg bin, hat Beate gut zwei Stunden zu fahren, bis sie bei mir ist. Das kann ich natürlich nicht jeden Tag von ihr verlangen.
    In dem Moment durchfährt es mich siedend heiß. Dass Beate so kurzfristig vorbeikommen konnte, kann nur eines bedeuten: Ich bin in Hamburg!
    Wie lange bin ich mit dem Krankenwagen unterwegs gewesen? Von Ellerbach, dem kleinen Dorf, in dem ich gewohnt habe, bis Hamburg sind es zwei Stunden Fahrzeit. Dunkel entsinne ich mich, gedöst zu haben während der Reise. Deshalb weiß ich nicht, wie viel Zeit vergangen war, als wir ankamen.
    Hamburg.
    Ich werde Ellerbach und Pretzberg nie wiedersehen. Mein kleines Haus ...
    Ich schlucke hart. Mach dich nicht verrückt, sagt die Stimme in meinem Kopf. Vielleicht irrst du dich ja.
    Hat Beate mit mir über ein Heim in Hamburg gesprochen? Ich erinnere mich nicht. Seit ich hier bin, hat sie mich dreimal besucht, immer sonntags. Dass es Sonntag gewesen ist, hat mir das Läuten der Kirchenglocken am Vormittag verraten.
    Meine Tochter ist sehr darum besorgt, dass es mir gut geht. Ständig fragt sie, ob ich etwas brauche. Und immer schüttle ich den Kopf. Na ja, das habe ich jedenfalls bis jetzt getan. Aber wenn sie das nächste Mal kommt, dann frage ich sie zuerst, wo ich bin, und dann sage ich ihr, dass ich eine Uhr brauche, eine schön große, die ich ohne Brille erkennen kann, hier am Kopfende meines Bettes am besten. Und mit unhörbarem Ticken selbstverständlich, denn Frau Herzels Wecker tickt laut genug. Hoffentlich vergesse ich es nicht. Ein Radio wäre auch nicht schlecht, dann könnte ich wieder mal die Abend-Nachrichten hören und erfahren, was in der Welt da draußen so vor sich geht.
    Ich muss ein bisschen schmunzeln. Die Formulierung klingt fast, als wäre ich im Gefängnis. Obwohl – so daneben ist der Gedanke gar nicht. Ich kann auch nur hier heraus, wenn einer mich in den Rollstuhl setzt und hinaus auf den Gang bugsiert.
    Auf besagtem Gang sind Stimmen zu hören. Erst leise, dann etwas energischer, dann mischt sich ein zorniges Gezeter darunter. Eine zweite, tiefere und energische Stimme mischt sich ein und schließlich gipfelt das Ganze in Geschrei. „Hilfe, Hilfe“, schallt es durch den Korridor und ich höre Türen knallen, schnelle Schritte und beschwichtigende Worte. Was gäbe ich jetzt dafür, die Nase aus meiner Tür stecken zu können. Immer, wenn sich eine Abwechslung bietet, müsste man sie beim Schopf packen, festhalten und richtig auskosten.
    Ein lautes Scheppern lässt mich erschrocken den Kopf heben. Das hat ja geklungen, als ob jemand einen Schieber gegen die Wand geworfen hat! Meine Güte, was ist denn nur da draußen los? Mit einem zornigen Seufzer meine Schwäche verwünschend lege ich mich wieder hin. Solange ich nicht auf eigenen Füßen stehe, werde ich wohl auch weiterhin die aufregenden Dinge des Heimalltags verpassen!
    Frau Herzel hat keine Reaktion gezeigt. Ob sie überhaupt etwas gehört hat? Bestimmt liegen ihre Hörgeräte wieder im Nachttischkasten. Sie selbst sitzt am Fenster, schaut seelenruhig hinaus und knabbert Apfelstückchen.
    Gut, denke ich, ausgleichende Gerechtigkeit. Sie hat es nicht mal mitbekommen. Aber mit diesem Wissen geht es mir nicht wirklich besser.
    Mein Großvater ist auch sehr schwerhörig gewesen. Komisch, ich muss sehr oft an ihn denken in der letzten Zeit. Vielleicht wegen Frau Herzel und ihrem gespaltenen Verhältnis zu Hörgeräten?

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Das ist wieder sehr schön. Wie schaffst du es nur, so wenig an Infos und an Geschehen trotzdem so zu verpacken, dass ich es so gerne lese?

    Na ja, das habe ich jedenfalls bis jetzt.

    fehlt da nicht ein "getan" am Ende?


    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Liebe Kirisha , ich freue mich, dass du das gerne liest. Vielen Dank dafür. Das fehlende Wörtchen habe ich ergänzt. Und ...

    So, es ist Mittwoch. Weiter geht's. :)

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    Meine Brüder hatte den Kopf stets voller Dummheiten. Erna und Ursel, die Ältesten, waren brav, nein, sogar überbrav, und stets darauf bedacht, Martin und Herbert bei einer dieser Dummheiten zu erwischen und zu verpetzen. Gudrun war die Mittlere. Sie fiel nie auf, sie blieb immer im Rahmen, sie lief so nebenher.
    Herbert war zwar vier Jahre jünger als Martin, doch die beiden bildeten eine eingeschworene Gemeinschaft, und der Dritte in dieser Gemeinschaft – das war Großvater. Sie waren seine Lieblinge. Großvater wusste mehr über sie, als meine Eltern je erfahren haben. Er war ihre Zuflucht, wenn sie in der Schule Hiebe bekommen hatten. Bei ihm durften sie sogar weinen, ohne Angst haben zu müssen, dass es je jemand anderes erfahren würde. Großvater wusste eher als meine Eltern, wenn es schlechte Zensuren gegeben hatte oder wenn die Hose ein Loch davongetragen hatte, als man vom Baum gefallen war. Und er konnte wunderbare Dinge schnitzen. Es war eine innige Dreisamkeit. Es hätte fast nicht besser sein können.
    Aber Großvater hörte schwer. Von Geburt an. Diese Schwerhörigkeit hatte ihn zwar im ersten Weltkrieg vor dem Einzug an die Front bewahrt, aber sie hatte auch Schuld an seinem Tod. Er arbeitete, trotzdem er schon zweiundsechzig war, bei einem Großbauern, rodete für ihn Holz in dessen eigenem Wald zusammen mit drei anderen Männern. Wenn die Bäume sich zum Fallen neigten, stieß immer einer der Holzfäller einen lauten Warnruf aus. Aber einmal hat Großvater ihn nicht gehört.
    Als sie ihn auf der Bahre nach Hause brachten, schrie meine Großmutter. Ich habe diesen Schrei mein Leben lang nicht vergessen, es war das erste und einzige Mal in meiner Erinnerung, dass diese sanfte Frau laut wurde.
    Mutter drängte uns Kinder unerbittlich ins Haus hinein und schloss die Tür hinter uns. Da standen wir vier nun mit klopfenden Herzen im dämmerigen Hausflur. Martin versuchte, in der Küche durch die Gardine zu erspähen, was vor der Haustür passierte, aber wir anderen waren vor Schreck wie gelähmt. Ich als gerade Sechsjährige hatte in dem Augenblick noch gar nicht begriffen, was los war. Herbert fing zaghaft an zu weinen. Er war acht. Gudrun nahm ihn in den Arm und wischte sich selbst mit dem Ärmel die Tränen ab.
    Da verstand ich, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste.

    Plötzlich steckte Mutter den Kopf zur Haustür herein. Sie war blass und ihre dunklen Augen erschienen uns riesengroß in ihrem Gesicht.
    „Martin, lauf zum Herrn Pfarrer hinüber und bitte ihn, dass er gleich herüberkommen möge. Dann kommst du sofort wieder heim“, befahl sie leise.
    Martin stürzte mit schlechtem Gewissen aus der Küche heraus, nickte hastig und schnappte sich seine Mütze vom Haken.
    „Geh hinten hinaus und komm nicht vor in den Garten“, fügte Mutter noch an und sie sprach so tonlos, dass man sie kaum hören konnte, obwohl wir anderen drei mucksmäuschenstill standen. Ich weiß noch, dass ich zaghaft Gudruns Schürze umklammerte und dass Mutter mir und Herbert kurz übers Haar strich, bevor sie wieder verschwand und die Tür erneut zumachte. Von draußen drang das leise Schluchzen meiner Großmutter zu uns herein.
    Wir vier jüngeren Kinder durften nicht mit zur Beerdigung. Nur Erna und Ursel, die schon vierzehn und fünfzehn waren und die beide ein schwarzes Kleid hatten. Für Ursel wurde eins von Großmutters Kleidern geändert und Erna bekam eins von der Nachbarin geliehen. Gudrun hatte mit ihren zehn Jahren auf uns aufzupassen, auch auf den zwei Jahre älteren Martin, der sich ungewohnt brav zeigte.
    Gertrud war herübergekommen zu uns. Ich weiß noch, dass wir beide in der flirrenden Nachmittagshitze auf den Stufen vor der Hintertür saßen und leise miteinander redeten. Die Katze schlief unter der Bank am Apfelbaum und Schmetterlinge torkelten träge durch Großmutters Blumengarten. Selbst die ewig gackernden Hühner hatten sich im Schatten des Kirschbaums ein paar Kuhlen gescharrt und dösten faul. Die bedrückende Stille im Haus und die vielen verweinten Gesichter hatten uns enorm auf das kindliche Gemüt geschlagen. Als das Läuten der Kirchenglocke vom nahen Friedhof herüberdrang, wussten wir, dass nun die Trauerfeier anfing. Und ich weiß auch noch, dass ich zu weinen begann, weil ich mit meinen sechs Jahren durchaus verstand, dass ich meinen Großvater nie mehr wiedersehen würde. Und Gertrud – weil sie eben damals schon meine beste Freundin war – legte ihren rundlichen Arm um meine Schulter, wischte mir mit ihren niemals sauberen Händen die Tränen von den Wangen und weinte ein bisschen mit.


    Der Bräutigam auf dem Hochzeitsbild meiner Großeltern ist nicht der Großvater, den ich in der Erinnerung habe.
    Er war nie so streng und unnahbar, wie er auf dem Foto wirkt. Immer umschwebte ihn der unverwechselbare Duft seiner Pfeife, der Geruch von Holz und von Harz. Und seinen grünen Hut, den er tagtäglich getragen hatte, meinte ich manchmal noch an meiner Garderobe hängen zu sehen.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    3 Mal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Das ist unglaublich ergreifend. Du fängst auch die Stimmung der damaligen Zeit sehr gut und glaubhaft ein. Ich glaube, heutige Kinder würden sich anders benehmen. Sie wären lauter und nicht so artig. Und niemand würde wagen, sie einfach allein zu lassen! (Ich finde es schon erstaunlich, zu lesen, wie diese Kinder sich benehmen. Allerdings habe ich als Kind alle die alten Mädchenbücher meiner Mutter gelesen und erkenne das Verhalten dieser Kinder wieder, die so anders erzogen wurden als wir).

    Diese Beschreibung der Nachmittagsszene mit den Hühnern und Schmetterlingen, das ist großartig.

    Gefällt mir sehr, wie immer!


    war die unauffällige Mittlere. Sie fiel nie auf,

    Es ist ja selten, dass du dich mal wiederholst, aber hier könntest du einen der Sätze streichen!

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Vielen lieben Dank für's Weiterlesen und dein Feedback, liebe Kirisha, hab mich wieder sehr gefreut.

    Heute geht's weiter, aber nur ein kleines Stück, denn danach kann ich keinen passenden Cut mehr einfügen. :)

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    Heute bin ich schlagartig wach geworden. Ich weiß nicht, was mich geweckt hat, ist ja auch egal. Aber ich weiß, dass ich von der Neuen geträumt habe. Wir sind zusammen durch einen Garten gegangen. Obwohl ich ihn nie zuvor gesehen habe, habe ich im Traum gewusst, dass es der Garten des Pretzberger Pflegeheimes war.
    Ich war mit der Frau auf den Wegen entlang gebummelt, als wäre es das Normalste auf der Welt, und obwohl wir – soviel ich weiß – eigentlich beide im Rollstuhl sitzen. Die warm vom Himmel scheinende Sonne genießend und die mit schönen Sommerblumen bepflanzten Rabatten bewundernd hatten wir uns über unsere gärtnerischen Aktivitäten ausgetauscht. Ich habe mich kein einziges Mal umgedreht, um mir das Gebäude des Pflegeheimes anzuschauen. Es war, als hätte ich es bewusst vermieden. Und deshalb habe ich auch in diesem Traum nicht erfahren, in welcher Stadt ich eigentlich bin.
    Es ist schon hell heute, viel heller als gestern beim Aufwachen. Und auf dem Gang sind schon Stimmen zu hören. Verwundert registriere ich, dass ich verschlafen habe, denn ich meine sogar schon Kaffeeduft zu riechen.
    Wie gestern und wie viele Tage vorher versuche ich, den Kopf so weit zu heben, um einen Blick auf Frau Herzels tickendes Wecker-Monstrum zu werfen. Aber da ist nichts zu machen. Ich habe sie im Verdacht, dass sie ihn extra umdreht, damit ich die Uhrzeit nicht sehen kann. Doch das ist sicher Quatsch. Sie schläft ja selbst noch und deshalb ist das Zifferblatt natürlich ihr zugewandt, damit sie die Zeit sehen kann und nicht ich. Und außerdem habe ich keine Brille auf.
    Mein Bein tut wieder weh. Aber in der Nacht habe ich erstmals keine Schmerzen gehabt, das nehme ich jetzt verwundert wahr. Sonst lag ich manchmal lange wach und konnte deswegen nicht wieder einschlafen. Wahrscheinlich ist die neue Tablette doch ein Volltreffer gewesen.
    Genüsslich recke ich mich ein bisschen. Sammy hat mir gesagt, wie wichtig Bewegung ist, damit meine Gelenke nicht steif werden. Sie ist ein sehr aufmerksames Mädchen und mir scheint, sie ist auch eine gute Schülerin.
    Mein linkes Bein hebt sich auf meinen Befehl hin ohne Probleme. Das rechte hingegen liegt völlig reglos, egal wie sehr ich mich auch mühe. Es bewegt sich keinen Zentimeter und das ist schon so, seit ich hier bin. Die nette Physiotherapeutin, die mich zweimal in der Woche besucht, fasst meinen Fuß mit der Rechten, legt die Linke in meine Kniekehle und schiebt mein Knie mit unerbittlichem Druck in Richtung meines Kinns. Niemals fordert sie mich auf, es selbst zu versuchen.
    Ich probiere es noch einmal. Schweiß steht mir auf der Stirn, als ich nach einigen vergeblichen Versuchen aufgebe. Ich habe nur erreicht, dass die Schmerzen schlimmer geworden sind.
    Na gut, dann eben nicht, denke ich trotzig und versuche stattdessen kämpferisch, mit der rechten Hand eine Faust zu ballen. Lächerlich, ebenso könnte ich einer Tür befehlen, sich selbst zu öffnen. Und wieder muss ich an Sammys Bemerkung über die steifen Gelenke denken. Es wird sich sicher nicht verhindern lassen, dass meine rechte Seite versteift. Ob ich dann noch im Rollstuhl sitzen kann? Ich sehe mich schon als verkrümmte Monstrosität in meinem Bett liegen, Fersen am Gesäß und Knie am Kinn (ganz wie es die Physiotherapeutin jetzt schon immer haben will), völlig bewegungsunfähig und - verkrüppelt.
    Mit einem energischen Räuspern verscheuche ich die deprimierenden Gedanken und fange an, mit der Linken die gelähmten Finger einzeln zu beugen und wieder zu strecken. immer wieder tue ich das. Bin ich beim kleinen Finger angekommen, beginne ich beim Daumen erneut. Noch ist es nicht so weit, Hannche, spreche ich mir in Gedanken Mut zu. Und weil Frau Herzel offenbar noch schläft und mich ohne ihr Hörgerät sowieso nicht hören könnte, nehme ich – wie um mir zu beweisen, dass ich es kann - meine Sprechversuche wieder auf.
    „Guten Morgen!“, quetsche ich heraus und freue mich, dass man es verstehen kann. Auch die Lautstärke ist akzeptabel und - mutig geworden - füge ich ein „Wie geht es denn heute?“ hinzu.
    Von einem nahegelegenen Kirchturm dringt zaghaft beginnendes Glockengeläut herein. Frau Herzel verschluckt sich beim Schnarchen, dreht sich auf die andere Seite und knurrt ein wenig.
    Es ist Sonntag, denn es ist ein anderes Läuten als sonst, es sind mehr Glocken. Sonst läutet nur eine, das höre ich heraus. Jahrelange Erfahrung eben. Aber wenn Sonntag ist, dann könnte mich Beate ja heute besuchen? Sicher wird sie kommen! Oder – sogar Joachim mal? Und vielleicht bringt er die Kinder mit?

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Das ist wieder ein sehr gelungener und runder Abschnitt.

    Ich habe ja momentan eine Klientin, die nach Schlaganfall halbseitig gelähmt ist, geistig jedoch noch ganz fit, und was sie erzählt (über Schmerzen und Physiotherapie) deckt sich mit deinen Schilderungen.

    Wie immer beschreibst du bewundernswert detailreich und so, dass ich die Szene sehr genau vor Augen habe und meine genau nachfühlen zu können, wie es Hannche geht. Sehr schöner Abschnitt!

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Vielen Dank für deine netten Worte, liebe Kirisha . Ich freu mich immer so, das zu hören. smilie_happy_256.gif

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    Karl hat mich nach dem Waschen gefragt, ob ich in den Rollstuhl möchte, und ich habe begeistert zugestimmt, ohne auch nur einen Moment zu zögern.
    „Was möchten Sie anziehen?“, will er wissen, während er die Waschschüssel ins Bad trägt und ausschüttet.
    Anziehen? Ich weiß gar nicht, welche Sachen ich im Schrank habe. Habe ich überhaupt was da außer dem Jogginganzug, den ich gestern Vormittag trug? Was Beate wohl mitgebracht hat?
    „Egal!“ Als es heraus ist, merke ich überrascht und zugleich ein bisschen wütend, dass ich Karl schon wieder auf den Leim gegangen bin. Ich wollte doch heimlich meine Sprechfähigkeiten trainieren und ihn überraschen.
    Misstrauisch mustere ich sein Gesicht, als er aus dem Bad kommt und seine Hände abtrocknet. Aber ich sehe kein triumphierendes Grinsen, nicht mal ein kleines bisschen Schalk blitzt in seinen Augen. Er geht zum Schrank und öffnet beide Türen weit. Mit kritisch gerunzelter Stirn schiebt er – dem unverwechselbaren Geräusch nach - ein paar Kleiderbügel hin und her und nimmt schließlich eine weiße Bluse heraus.
    „Wie wäre die?“, fragt er und schwenkt das schicke Teil vor meiner Nase.
    Ich bin unentschlossen. Wie ich mich und meine derzeitigen Tischmanieren kenne, wird die weiße Bluse das Frühstück nicht unbeschadet überstehen. Ich sehe im Geiste schon Marmeladen- und Kaffeeflecken auf der Vorderseite, kombiniert mit meinem unvermeidlichen Gesabber.
    Der Gedanke daran lässt mich schlagartig zweifeln, ob Frühstück im Speisesaal wirklich eine gute Idee ist. Was, wenn die Leute sich vor mir ekeln? Im Bett zu sabbern und zu kleckern ist in Ordnung. Außer den Pflegerinnen und Frau Herzel sieht es keiner und das ist gut so. Aber im Speisesaal bin ich den Blicken aller ungeschützt ausgesetzt. Ich höre schon meine Tischnachbarn tuscheln und sehe ihre verkniffenen Gesichter förmlich vor mir. Vielleicht beschwert man sich auch über mich und dann kommt womöglich die Heimleitung nach dem Frühstück zu mir, um mich höflichst zu bitten, meine Mahlzeiten wieder im Zimmer einzunehmen oder mir doch freundlicherweise einen Platz in einem anderen Heim zu suchen.
    Karl schaut mich an, weil ich nicht antworte.
    „Sie bekommen einen wundervollen, himmelblauen Latz“, meint er tröstend, als wisse er genau, dass der Gedanke an Flecken auf der Bluse der Grund für meinen unschlüssigen Blick ist.
    Na toll, denke ich. Ein Latz schützt meine Kleidung vielleicht vor Flecken, aber nicht meine Tischnachbarn vor meinem Anblick. Und auch nicht mein Selbstbewusstsein vor dem Zerbröseln ...
    Ich will nicht mehr in den Speisesaal. Vielleicht mag man es feige nennen, aber mein Kopfschütteln ist eindeutig.
    Leider missversteht Karl den Sinn. Er geht zum Schrank zurück und holt einen zweiten Kleiderbügel mit einer anthrazitfarbenen Bluse heraus. Auch sie wird kritisch gemustert, dann hebt er sie hoch und schaut mich wieder fragend an.
    „Und wie wäre die?“
    Ich stutzte. Ist das meine Bluse? Die kenne ich genau so wenig wie die weiße. Ist das überhaupt mein Schrank? Vielleicht sucht er gerade in Frau Herzels Schrank? Das wäre ja furchtbar!
    Plötzlich muss ich lächeln, weil ich mir vorstelle, wie Frau Herzel mich in den Speisesaal kommen sieht und missmutig feststellt, dass ich genauso eine Bluse habe wie sie. Der Gedanke erheitert mich so, dass ich kichern muss.
    Karl hat heute scheinbar den Tag der Missverständnisse.
    „Was ist denn so lustig an der Bluse?“, fragt er verständnislos und mustert sie erneut prüfend.
    Immer noch schmunzelnd winke ich ab. Der kleine Spaß hat mir gutgetan. Eigentlich kann es mir doch egal sein, was die anderen Leute über mich denken, zum Donnerwetter noch mal. Wieso sollte ich mir mein Sonntagsfrühstück davon verderben lassen. Schließlich wurde gestern mein Rollstuhl geliefert – Welt, mach dich bereit, ich komme! Her mit der weißen Bluse und zum Teufel mit den zu erwartenden Marmeladenflecken!
    Mit ausgetrecktem Zeigefinger deute ich auf meine Wahl und nicke dazu. Ha, ich habe nicht gesprochen! Der Punkt geht an mich.
    Nur wenige Momente später habe ich meine Jogginghose und die besagte weiße Bluse an, eine leichte Decke auf den Beinen, ordentlich in Form gebrachte Haare und meine Brille auf der Nase.
    „Kann‘s losgehen?“
    Karl fährt mich vor den Garderobenspiegel, der neben der Badtür hängt.
    Ich brauche eine Weile, um in der Frau, die mir da entgegenschaut, mich selbst zu erkennen. Seit Wochen habe ich mein Spiegelbild nicht gesehen.
    Ich bin schmal geworden. Meine Wangen sind eingefallen und meine Augen liegen tiefer. Um sie herum und um die Mundwinkel sind neue Falten hinzugekommen, die mich zwar würdiger, aber keinesfalls jünger aussehen lassen. Meine Haare sind immer silbergrau gewesen, ein bisschen nachgeholfen mit Farbe. Jetzt sind sie schlohweiß und viel länger, als ich sie sonst trage. Ich muss zum Friseur! Und mein Blick ist – ja, ich weiß nicht, irgendwie tiefer geworden. Fünfundsiebzig Jahre lebst du jetzt, Hannche, flüstere ich in Gedanken, und fünfundvierzig davon als Witwe.
    Wie von selbst wandert meine linke Hand zum Hals und deutet einen leichten Bogen unter der Kehle an, während ich fragend Karl im Spiegel anschaue. Diesmal versteht er meinen Blick und er schließt nicht aus der Bewegung, dass er mir die Kehle durchschneiden soll. Vielmehr dreht er sich um und zieht meine Nachttischschublade auf.
    „Madame, bitte wählen Sie. Welche Kette möchten Sie tragen?“
    Unschlüssig schaue ich in die geöffnete Schmuckschachtel in seiner Hand. Wenigstens sind das wirklich meine Sachen, erkenne ich erleichtert und deute nach kurzem Zögern auf die Kette mit den kleinen Zuchtperlen.
    „Eine gute Wahl“, raunt Karl, lässt nach einer kleinen Verbeugung das Kästchen wieder im Nachttisch verschwinden und legt mir die Kette um.
    Zaghaft hebe ich die Linke und berühre sie mit den Fingerspitzen. Die Perlen fühlen sich kühl an und vertraut, obwohl ich die Kette nur zu besonderen Gelegenheiten getragen habe. Ich sehe im Spiegel, wie meine Finger behutsam darüberstreichen, während Karl den Verschluss in meinem Nacken zumacht.
    Es ist ein Andenken an Siegfried. Er hat sie mir zur Hochzeit geschenkt, vor der Trauung selbst umgelegt. „Perlen für meine Perle.“ Ich meine fast, seine Stimme zu hören, die mir diese Worte zärtlich ins Ohr geflüstert hat. Meine Mutter, die mir beim Anziehen geholfen und energisch von einer Kette abgeraten hat, weil mein Ausschnitt so schön aussähe, stand mit einem wissenden Verschwörerlächeln daneben.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Siegfried hat mich gern beschenkt. Seidenstrümpfe, Taschentücher, Blumen, Süßigkeiten - er wusste eigentlich immer genau, womit er mich erfreuen konnte. Aber es war auch nicht schwer, mir eine Freude zu machen.


    Als jüngstes Kind hatte ich nur in den seltensten Fällen mal etwas Neues, Eigenes bekommen. Ich trug die Kleider meiner Schwestern auf oder abgeänderte Kleider von meiner Mutter. Großmutter war an der Nähmaschine eine Künstlerin. Sie versuchte immer, meine bescheidenen Wünsche beim Ändern eines Kleides irgendwie zu berücksichtigen, machte eine kleine Rüsche um den Kragen oder Falten in den Rock.
    Die Nähmaschine war ihr Heiligtum. Sie stand in unserer Küche, gleich unter dem Fenster, damit immer genug Licht zum Nähen da war. Manchmal war sie kaum zu erkennen unter den Bergen von Kleidungsstücken, die sie förmlich begruben. Großmutter änderte auch viele Kleider für Leute aus dem Dorf. Die Zeiten waren schlecht, der Krieg gerade erst vorüber. Jeder Pfennig wurde dankbar entgegengenommen und nachdem seit Großvaters Tod im letzten Jahr dessen Verdienst fehlte, war Großmutter froh, etwas zum Lebens-unterhalt der Großfamilie beisteuern zu können.
    Wenn die Nähmaschine ratterte, war das für uns Kinder das Zeichen, dass wir Großmutter in Ruhe zu lassen hatten. Meist war es Auftragswäsche aus dem Dorf, an der sie dann arbeitete, und da durfte nichts schiefgehen. Oft ratterte Großmutter noch spät am Abend ein monotones Schlaflied für uns.
    Ich weiß noch, dass Gudrun und ich einmal von der Schule nach Hause kamen und in die Küche gingen. Von Großmutter war weit und breit nichts zu sehen. Weit konnte sie aber nicht sein, denn die üblichen Wäscheberge türmten sich in einem Korb neben ihrem Stuhl und auf der Nähmaschine lag ein schwarzes, glänzendes Etwas. Nach einem Blick in die Runde, der uns klarmachte, dass wir wirklich ganz allein waren, traten wir behutsam näher. Der schwarze Stoff schimmerte wie Wasser, so etwas hatten wir nie vorher gesehen. Verstohlen sahen wir uns an und erkannten jede im Blick der anderen das Sehnen, diese Kostbarkeit einmal berühren zu dürfen. Ich weiß noch, wie Gudrun mir aufmunternd zugenickt hatte. Vielleicht traute sie sich selbst nicht, ist ja auch egal. Aber ich stellte meinen Ranzen auf den Boden, warf einen prüfenden Blick auf die Sauberkeit meiner Hände und wischte sie mir vorsichtshalber noch einmal eifrig an meinem einfachen Schulkleid ab.
    Habe ich den Atem angehalten? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass die nächsten Ereignisse wie in Zeitlupe abliefen. Ich sehe meine kleine, rundliche Kinderhand, die sich behutsam auf das schwarze Glanzgewebe zubewegte, so vorsichtig, als könnte das Kleid jeden Moment zuschnappen, und die Hand müsste schnell weggezogen werden. Und dann berührten meine Finger den Stoff, strichen sacht darüber.
    „Und?“, flüsterte Gudrun drängend.
    „Es ist kühl“, antwortete ich fast ehrfürchtig, „und ganz glatt.“
    „Lass mich auch mal!“, verlangte meine Schwester und schubste mich ein bisschen zur Seite.
    Und da geschah es. Durch den kleinen Schubs kam ich aus dem Gleichgewicht, trat einen Schritt nach vorn und damit auf das Pedalgitter der Maschine. Mit dem wohlbekannten Rattern setzte sich das Schwungrad in Bewegung und mit furchtbarem Schrecken mussten wir hilflos zusehen, wie die Nadel ein paar Mal auf und ab hüpfte und dabei Stiche in den Stoff machte. Eine fast zwei Zentimeter lange Naht war so entstanden, die dort gar nichts verloren hatte. Zu allem Überfluss war die Nadel beim letzten Stich auf einen Knopf getroffen, hatte einen weißen Kratzer darauf hinterlassen und war dann mitten durchgebrochen.
    Wir waren wie versteinert vor Entsetzen. Unser letztes Stündlein hatte geschlagen, dessen waren wir uns absolut sicher. Seltsamerweise fürchteten wir nicht Großmutters Zorn. Es war Vaters harte Hand, die uns die Folgen unserer Tat deutlich machen würde.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    Einmal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Oh ja, das ist wieder sehr schön geworden!

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Lieben Dank dir, Kirisha <3

    Gudrun war blass geworden. „Was machen wir jetzt?“, hauchte sie tonlos.
    Ich überlegte fieberhaft. Konnten wir den Schaden rückgängig machen? Kritisch betrachtete ich den Stoff mit der neuen Naht. Ob uns Erna und Ursel helfen würden? Wohl kaum, die kamen immer erst spät abends nach Hause, bis dahin würden Mutter und auch Großmutter längst bemerkt haben, was wir angerichtet hatten.
    Und wir selbst? Undenkbar! Keine von uns beiden hatte je eine Nähmaschinennadel in der Hand gehabt oder eine Naht aufgetrennt. Spuren würden in jedem Fall zurückbleiben, schon allein die abgebrochene Nadel konnten wir nicht ersetzen.
    „Wir müssen es Großmutter sagen“, antwortete ich verzagt. Das erschien mir als das kleinste Übel. Mit Großmutters traurigen Augen war besser klarzukommen als mit Vaters schweigendem Zorn.
    „Dann erfahren sie, dass wir an der Nähmaschine waren“, entgegnete Gudrun.
    Sie – das waren alle Erwachsenen im Haus, Großmutter, Mutter und Vater. Und als mein Blick dem von Gudrun begegnete, wusste ich, dass sie – genau wie ich – an den hämischen Spott von Erna und Ursel dachte, die sich mit ihren fünfzehn und sechzehn Jahren so gern schon zu den Erwachsenen zählten und sich auch so verhielten.
    „Ich sage, dass du es warst.“ Meine Schwester sah mich so streng an, als hätte sie mich gerade bei der Missetat ertappt.
    Mir verschlug es glatt die Sprache ob dieser Bosheit. „Du bist so gemein“, schluchzte ich dann los.
    Meine Tränen ließen Gudruns Entschlossenheit wanken.
    „Hör auf zu heulen“, meinte sie und runzelte sie Stirn. „Ich muss nachdenken.“
    Ich schniefte noch ein-, zwei Mal, dann putzte ich mir die Nase und richtete meinen Blick wieder vertrauensvoll auf meine vier Jahre ältere Schwester. Ihr würde schon was einfallen, da war ich ganz sicher. Sie war ja schon groß.
    Gudrun machte sich die Sache nicht leicht. Zu der gerunzelten Stirn gesellten sich ein verkniffener Mund und halb geschlossene Augen. Ehrfürchtig schwieg ich, um sie beim Überlegen nicht zu stören.
    Plötzlich hellte sich ihr Gesicht auf.
    „Nein, ich weiß! Wir sagen einfach, Martin war es!“
    Triumphierend sah sie auf mich herab.
    Die Erleichterung, dass sie eine Lösung gefunden hatte, verflog bei mir noch in dem Moment, als sie ihre Idee verkündete. Deutlich hatte ich in Erinnerung, wie ich mich gerade eben gefühlt hatte, als sie
    alles mir allein in die Schuhe schieben wollte. Nun hatte sie dasselbe mit Martin vor? Der hatte doch wirklich gar nichts damit zu tun.
    Mir gefiel die Sache nicht. Gudrun blickte mich noch immer Beifall heischend an.
    „Aber das ist gelogen“, gab ich zu bedenken. „Martin war es nicht. Vater sagt, wir dürfen nicht lügen.“
    Gudrun winkte großspurig ab. „Martin macht ständig Dinge, die er nicht darf. Meistens lässt er sich dabei nicht erwischen, aber es wissen trotzdem alle, dass er es war. Warum soll er nicht auch das mit der Nähmaschine gewesen sein?“
    Es stimmte, was sie sagte, aber mein kindlicher Gerechtigkeitssinn war trotzdem dagegen, den großen Bruder unserer oder besser gesagt meiner Feigheit zu opfern. Er war der Held meiner Kinderzeit. Seine sechs Jahre Lebensvorsprung machten ihn zu meinem leuchtenden Vorbild, was Mut und Unerschrockenheit anging. Obwohl Vater bei seinem ältesten Sohn wahrscheinlich am unnachgiebigsten war, hatte Martin keine Angst vor ihm. Als Schuljunge sammelte er stets einen regelrechten Hofstaat um sich. Dazu gehörten in erster Linie Fleischers Maxe sowie Richard und Manfred, die Söhne vom Lindenwirt. Aber auch Mädchen nahm er in den elitären Kreis auf und es war eine große Auszeichnung, zu Martin Gehrschs Freunden gezählt zu werden. Dabei zeigte er sich meist barsch und oft auch sehr grob. Manchmal tat er auch Dinge, die mir nicht gefielen und die er großzügig als 'Spaß' bezeichnete. Aber nie, wirklich niemals hat Martin mich gehänselt oder ausgelacht oder war gemein zu mir. Er nahm mich immer in Schutz, wenn andere es mir schwermachten. Das tat er bei Gudrun nie. Ich war die Kleine. Manchmal trug er sogar meinen Ranzen von der Schule nach Hause (ich erfuhr erst viel später, dass er das nur tat, wenn er ein paar Stunden schwänzte. Deshalb gab er mir den Ranzen auch stets vor dem Nachhauskommen schon zurück und machte sich davon).

    Als Martin vor acht Jahren kurz nach Erna plötzlich starb, hat mir das sehr zu schaffen gemacht. Wir haben uns nicht sehr oft gesehen, Martin war mit seiner Frau Jutta an die Küste gezogen. Aber der Kontakt blieb erhalten und ich staunte, wie sehr mich sein Verlust schmerzte.


    Mit einem wehmütigen Lächeln kehre ich in die Gegenwart zurück und sehe wieder mich im Spiegel vor mir. Mein Bick wandert im Spiegelbild hinauf zum Wandbord hinter meinem Rücken mit den Fotos darauf. Martin ist der Einzige von meinen Geschwistern, von dem ich ein einzelnes Foto hier habe. Auf den anderen bin ich immer mit drauf.


    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Ob Beate die Bilder bewusst ausgewählt oder einfach wahllos welche zusammengeramscht und in den Koffer gepackt hat? Ist egal, ich bin jedenfalls froh, dass ich eines von Martin habe, denn ich denke eigentlich ziemlich oft an ihn.


    Natürlich beichteten Gudrun und ich die Sache mit der Nähmaschine und schoben sie nicht Martin in die Schuhe. Vielleicht fürchteten wir ja auch ein kleines bisschen seine Rache. Darin war er nämlich sehr gut und zumindest Gudrun hatte keine Sehnsucht, dies am eigenen Leib zu verspüren.
    Ich war damals zur Großmutter gegangen, um das Geständnis abzulegen. Sicher, Gudrun folgte mir dichtauf, aber ich hatte den Bonus der 'Kleinen'. Wer konnte mir schon böse sein, blauäugig und blondbezopft, wie ich war. Ich weiß sogar noch, dass ich mir ein Bonbon in die Schürzentasche gesteckt hatte, um – falls es doch brenzlig werden sollte – Großmutter notfalls mit etwas besänftigen zu können. Es fiel mir wirklich nicht leicht, denn ich hatte das Bonbon von meiner Freundin Gertrud bekommen und es war in Goldpapier eingewickelt. Aber nachdem ich mich mit dem Gedanken getröstet hatte, Großmutter um das Papierchen zu bitten, nachdem sie das Bonbon gegessen hatte, rang ich mich schließlich zur Herausgabe der kleinen Kostbarkeit durch.
    Großmutter war – einfach Großmutter. Als wir beide mit schuldbewusstem Blick und auf der Unterlippe kauend neben sie traten, unterbrach sie das Nähen, sah uns über den Rand ihrer Brille hinweg mit fragend hochgezogenen Augenbrauen an und meinte nur: „Na, was gibt’s, ihr zwei?“
    Gudrun stieß mich leicht mich der Faust in den Rücken. Ich verstand die Aufforderung ohne weiteres, schließlich hatten wir unser Vorgehen mehrmals genau durchgesprochen, damit nur ja nichts schiefging.
    „Großmutti, wir haben genäht“, begann ich flüsternd und senkte den Kopf.
    „Genäht?“
    „Aus Versehen nur!“, beeilte ich mich hastig hinzuzufügen.
    „Ach nein. Und nun?“
    Irritiert blickte ich sie an. Was meinte sie denn mit 'und nun'? Es war unmöglich, an den beiden Worten zu erkennen, was in ihr vorging.
    „Und der schöne Knopf ist zerkratzt.“ Ich schluckte. Fast hatte ich es geschafft, aber das Schlimmste kam noch. Tief holte ich Luft. „Und die Nadel ist zerbrochen.“
    Jetzt war es heraus. Erleichtert konnte ich ausatmen und meine Schultern sanken herab.
    Großmutter sagte nichts.
    „Verzeihst du uns?“, fragte Gudrun vorsichtig. „Es tut uns wirklich leid. Wir wollten das gar nicht. Es ist einfach passiert.“
    Großmutter nickte ein wenig vor sich hin.
    Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Wollte sie denn gar nicht schimpfen? Verstohlen schielte ich auf den glänzend schimmernden schwarzen Stoff, der noch immer auf der Nähmaschine lag. Vom arg mitgenommenen Knopf und der abgebrochenen Nadel war nichts zu entdecken.
    „Nun“, sagte Großmutter endlich, „ich freue mich, dass ihr ehrlich wart und zu mir gekommen seid. Ich muss gestehen, dass ich eigentlich Martin im Verdacht hatte, obwohl ich ihn heute noch gar nicht gesehen habe. Aber es ist natürlich schlimm, was da passiert ist. Der Knopf muss ausgewechselt werden. Zum Glück gibt es einen Ersatzknopf, den kann ich nehmen. Die Nadel hat Geld viel gekostet und sie sind schwer zu bekommen.“ Sie strich mit ihrer Hand sacht über den schwarzen Stoff, als müsse sie ihn besänftigen. „Ich denke, weil ihr beide von selber gekommen seid, lassen wir es unser kleines Geheimnis bleiben. Und ich denke, ihr wisst nun, warum ich euch nicht an die Nähmaschine heranlasse. Es ist möglich, dass dabei Schaden entstehet, der richtig teuer oder gar nicht mit Geld bezahlt werden kann. Das ist bei fast allen Verboten so, die Erwachsene Kindern geben. Kinder können noch nicht voraussehen, was passieren kann.“ Sie hob den Kopf und lächelte mich an. Erleichtert strahlte ich zurück.
    „Ist jetzt alles wieder gut?“, fragte Gudrun hinter mir leise.
    Großmutter nickte. „Alles wieder gut“, bestätigte sie. Uns zu ermahnen, künftig um die Nähmaschine einen großen Bogen zu machen, hielt sie offensichtlich nicht für nötig.
    Gudrun umarmte sie stürmisch, so erleichtert war sie, und ich stand meiner Schwester in nichts nach und weil ich so glücklich war, drückte ich Großmutter nicht nur einen Kuss auf die faltige, weiche Wange, sondern auch noch zusätzlich mein Goldpapier-Bonbon in die Hand.
    „Dankeschön, Großmutti.“


    Ich lächle, weil ich noch heute bei jedem Goldpapier-Bonbon an dieses eine zurückdenken muss, das von meinen verschwitzten Kinderfingern umklammert in Großmuttis Besitz überging.
    „Und genau dieses Lächeln.“ Karl, der von meinen Gedankenspaziergängen nichts wissen kann, mustert mein Spiegelbild und nickt anerkennend. „Mir fallen auf Anhieb drei Herren im Speisesaal ein, denen bei Ihrem Anblick die Kinnlade herunterklappen wird“, meint er.
    Ich hebe den Blick und schaue ihn zweifelnd an, wobei ich ihm in Gedanken die Fähigkeit abspreche, mein Aussehen realistisch einzuschätzen. Verschaukeln kann ich mich alleine.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Er bemerkt meinen Blick nicht, denn er hat sich bereits umgedreht und mich allein im Badezimmer zurückgelassen.

    „Der Manni ist ein Casanova“, beginnt er besagte Herren aufzuzählen, während er mein Bett aufschüttelt. „Der wickelt mit seinem Charme jede Frau um den Finger. Sie werden genauso chancenlos sein wie Ihre Vorgängerinnen. Und er war dreimal verheiratet. Eberhard ist ganz anders, ein Gentleman erster Schule. Von dem könnte Knigge noch was lernen.“ Er kommt zurück, packt meinen Rollstuhl und bugsiert ihn rückwärts aus dem viel zu engen Raum bis zur Tür. Zweimal stößt er mit den Fußstützen an und entschuldigt sich mit der Bemerkung, dass es nur Blechschaden wäre.
    Wer plant solche Zimmer, denke ich missmutig. Denkt dabei wirklich niemand daran, dass hier Rollstuhlfahrer leben und man diese samt ihrem fahrbaren Untersatz auch manövrieren können muss?!
    Endlich sind wir im Flur und mich erfasst Unbehagen. Ich werde diesmal nicht in meinen abgeschiedenen Wintergarten gebracht, sondern mitten hinein in eine Gruppe von Leuten, die mich als die Neue anstarren werden. Sechsundzwanzig Bewohner nehmen ihre Mahlzeiten im Speisesaal ein. Das sind zweiundfünfzig Augen! Unwillkürlich schrumpfe ich zusammen, aber Karl murmelt: „Was denn? Kopf hoch, Brust raus und tief atmen. Sie wollen doch diesmal durchhalten, oder?“
    Ich würde ihn gern ansehen, um zu erfahren, ob er wirklich nicht erkennt, wie ich mich fühle, doch ich kann den Kopf nicht um einhundertachtzig Grad drehen. Aber das muss ich gar nicht. Kurz und auch nur ganz leicht legt er mir seine Hand auf die Schulter und lässt sie bis zum Oberarm streichen.

    Er hat es erkannt.
    Auf dem Korridor, unterwegs in Richtung Speisesaal, erfahre ich, wer der Dritte im Bunde ist. „Aber ich würde Ihnen empfehlen, Freds Gesellschaft zu suchen", knüpft Karl an die Vorstellung der potentiellen Interessenten an. "Er ist ein überaus netter und höflicher Mann. Eine Eberhard-Manni-Mischung. Von beiden das Beste. Falls Sie überhaupt Interesse an herrlicher Gesellschaft haben.“
    Habe ich das? Siegfrieds Tod liegt so viele Jahre zurück. Der Gedanke an meinen Mann löst immer noch Herzklopfen aus, aber der Schmerz hat nachgelassen. Niemand wird ihn ersetzen können. Vielleicht habe ich mich auch unbewusst gegen eine neue Liebe verschlossen, aber ich will nicht behaupten, dass ich in diesem halben Jahrhundert wie eine Nonne gelebt habe. Als die Kinder älter geworden sind und ich nicht mehr jeden Abend zu Hause verbringen musste, hat es die eine oder andere Begegnung gegeben. Bei meiner ersten Männerbekanntschaft, an die ich mich erinnere, bin ich noch in der Lehre gewesen. Und als mich Wolfgang das erste Mal nach der Arbeit abgeholt hat ...

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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