Begriffssuche: Wie nennt man den Verkünder eines Urteils?

Es gibt 11 Antworten in diesem Thema, welches 442 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Asni.

  • Hey zusammen,


    das ist eine ziemlich explizite Frage und ich hoffe, dass hier jemand weiterhelfen kann.

    Wie nennt man die Person, die auf dem Schafott steht und die Anklage sowie das Urteil verkündet?

    Gibt es da vielleicht sogar eine spezielle Amtsbezeichnung?

    Ein Herold des Königs ist ja eher jemand, der neue Gesetze und dergleichen verkündet, oder?


    Ich suche seit Ewigkeiten eine Antwort auf diese Frage und bin gerade beim Schreiben wieder daran hängen geblieben.

    Freue mich sehr über euren Input!

  • Hi,


    eine wirklich interessante Frage, denn sie ist eng verknüpft mit der historischen Entwicklung der Staatsanwaltschaft. Im Gegensatz zu heute, wo Anklageschrift und Urteil nicht von derselben Person verlesen werden, sah der damalige Strafprozess/Inquisitionsprozess eine Trennung zwischen Untersuchungsführer und Richter nicht vor. Richter und Staatsanwalt war quasi dieselbe Person. Der Inquisitionsprozess wurde von einem (wie der Name schon verrät :D) Inquisitor durchgeführt.


    Lange Rede kurzer Sinn: Ich tippe auf den Inquisitor (oder ein Mitglied der Inquisition) :)

  • Huhu,


    ich bin kein Historiker, also ist meine Antwort irgendwie unnütz. Deswegen kommt sie nur in den Spoiler 😃


    😃

    LG

    M.

  • Natürlich stimme ich Moog grundsätzlich zu, dass man diese Frage auf keinen Fall pauschal beantworten kann. Dafür ist der Kontext zu vage. Zu viele Faktoren hier eine Rolle (Ort, Zeit, Zivilisation)


    Ich glaube, Verfahrensrecht war bestimmt das letzte, das entwickelt wurde. Deswegen denke ich, deine Frage lässt sich nach Zeit und Ort unterschiedlich beantworten.

    Hier stehe ich ein bisschen auf dem Schlauch.

    Verfahrensrecht ist doch Grundvoraussetzung um ein gerichtliches Verfahren durchzuführen. Logischerweise muss es doch das Erste sein, dass entwickelt wurde. Ein Beispiel für Verfahrensrecht im 5.-9. Jhr. n. Chr. ist das „Edictum Theoderici“ im germanischen Reich, welches grundsätzliche Bestimmungen zum Prozessrecht enthält. Wahrscheinlich habe ich deine Antwort auch einfach nur missverstanden. Wenn ja, würde ich mich über eine Klarstellung freuen.

  • Hey, spannende Frage.

    Wie nennt man die Person, die auf dem Schafott steht und die Anklage sowie das Urteil verkündet?

    Gibt es da vielleicht sogar eine spezielle Amtsbezeichnung?

    Ich weiß nicht, ob es nötig ist, die Bezeichnung zu kennen. Dadurch, dass hier schon niemand sofort eine Antwort zu wissen scheint, kannst du schließen, dass auch kein Leser das weiß.

    Abgesehen davon stelle ich mir mir das nicht so vor, dass Anklage, Verhandlung, Urteil und Urteilsvollstreckung an einem Tag sofort am Schafott stattfinden. Je nach Vergehen dürfte sich das über ein paar Tage ziehen und verschiedene Zeugen angehört werden. Der Ort der Verhandlung ist dann auch nicht das Schafott, sondern vielleicht eine Gerichtshalle, ein Saal im Rathaus, vor dem Heiligen Baum (je nachdem wann man im Mittelalter ist; wenn man grob von 500 - 1500 ausgeht und nicht nur das christliche Mittelalter betrachtet, dann fallen da ja eine ganze Menge an kulturellen Gepflogenheiten mit hinein).

    Prinzipiell würde ich die Aufgabe jemandem von Rang geben. Das könnte in einem Dorf einfach eine von vielen respektierte Person sein, ggf. Pfarrer / Priester, ein Mönch / heiliger Mann, Dorfältester, der Dorfschulze, Vogt,... Gleiches gilt für den / die Richter oder Geschworenen (je nachdem, wie das Urteil ausgehandelt und gefällt wird). Je größer die Gemeinde, desto professioneller darf die Rolle sein. Ein kleines, abgelegenes Bergdorf wird sich kaum einen hauptamtlichen Richter leisten (können), aber eine reiche Handelsstadt schon.

    Das wäre jetzt so mein pragmatischer Zugang ^^


    Den Inquisitor würde ich als Begriff eher vermeiden, weil der schon sehr starke Assoziationen mit sich bringt, die du vielleicht nicht haben möchtest.

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Okay, krass. Mir war durchaus bewusst, dass es sich an Kultur und Zeit orientiert, aber trotzdem hätte ich damit gerechnet, dass es da ein allgemeines Amt für gab. xD So etwas wie Henker und Richter eben.

    Vermutlich macht es in einem europäischen Mittelalter Sinn, diese Person einfach als "Urteilsverkünder" zu betiteln oder eben dem Vogt zuzuordnen.


    Für ein bisschen konkreten Kontext zu meinem aktuellen "Problem":

    In der Szene, die ich gerade schreibe, geht es um eine öffentliche Hinrichtung mit politischer Bedeutung. Die Hinrichtung eines hohen Adligen wegen Hochverrats, allerdings soll der König selbst das Urteil nicht verkünden, sondern sich im Hintergrund halten.


    Gibt es vielleicht noch irgendwelche Beispiele aus dem antiken Rom? Öffentliche Hinrichtungen verbindet man ja nicht unbedingt mit dem römischen Reich. Also ich zumindest nicht. Eher Hinrichtungen im Militär (Dezimierung und sowas) oder eben die Gladiatorenspiele.

  • Lieber epochAal

    Ich hab mal ein wenig im Internet herumgeschaut und es scheint wirklich starke regionale Unterschiede gegeben zu haben was die Gerichtsbarkeit angeht. Es wird also in Venedig und Bayern oder im Gebiet der Hanse sehr unterschiedlich gewesen sein. Beim schreiben kannst du dir da möglicherweise einige Freiheit nehmen.


    Etwas interessantes hab ich zur Redensart "Den Stab über jemanden brechen" gefunden.


    Gerichtsstab – Wikipedia
    de.wikipedia.org

  • Huhu Rippersteak,


    ich hatte für meine Antwort oben eine Weile gebraucht und davor noch gar nicht deinen Beitrag gelesen. Das nimmt also keinen Bezug auf deinen Benennungsvorschlag :)


    Mit der zitierten Aussage meinte ich, dass Verfahrensrecht (denke ich) die letzte Priorität hatte. Zuerst kommen nach meinem Verständnis die Fragen, wer „Recht“ spricht und was zum „Recht“ gehört (Machtfrage ) und als letztes, wie „Recht“ gesprochen wird (Öffentlichkeitswirkung und Absicherung des Rechtsfindungsprozesses).

    In einem absolut monarchisch geprägten Staat, in dem sowieso alles Recht ist, was der König sagt, bleibt da für das Verfahren irgendwie nur die Öffentlichkeitswirkung. Die Absicherung ist da vielleicht für die unteren rechtsprechenden Instanzen und nur soweit nötig, wie sie den König interessiert (weil die Bürger zum Beispiel bereits auf die Gesetzgebung Einfluss nehmen können oder der konkrete König nicht willkürlich erscheinen möchte oder der konkrete König Regeln liebt). Vor allem, wenn Gottesurteil oder Folter angewendet werden oder Glaubwürdigkeitsüberlegungen vom Stand abhängen und es damit sowieso ständig eindeutige Entscheidungen gibt, sind da gar nicht mehr so viele Detailregelungen nötig. So meinte ich das.


    Wenn man jetzt noch den Schritt von einer Urteilsfindung/-Verkündung zur erneuten Verlesung kurz vor der Hinrichtung geht, dann wäre meine Vermutung, dass es da keine festen Regeln gibt (das also von Ort zu Ort bestimmt sehr unterschiedlich war) und das im Zweifel einfach jemand macht, der sowieso dort ist oder der halt unwichtig genug ist, um dort sein zu müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass bei jeder beliebigen Hinrichtung eine wichtige Person dabei war.


    Aber wenn es mal um jemand wichtigen ging, dann haben sie bestimmt auch mal jemanden von Stellung geschickt 😃 Warum dann nicht auch der Herold (kann ja gut rufen). Oder ein Kirchenmensch, der das Predigen auch gewohnt ist und gleich noch Schande rufen kann 😃


    Aber ich habe keine Ahnung.

    epochAal: Ich bin gespannt, für was du dich am Ende entscheidest😃


    Liebe Grüße

    M.

  • Heyho epochAal


    Bevor ich hier meine 10 Cent zu Deiner Frage dazugebe, hier noch mal die Frage selbst:

    Wie nennt man die Person, die auf dem Schafott steht und die Anklage sowie das Urteil verkündet?

    Gibt es da vielleicht sogar eine spezielle Amtsbezeichnung?

    Ein Herold des Königs ist ja eher jemand, der neue Gesetze und dergleichen verkündet, oder?

    Ich habe mich (schon aus Eigeninteresse) den halben Tag lang mit allen Texten, Erläuterungen und anderem beschäftigt, daß ich in die Finger bekommen konnte.

    Das für mich eher überraschende Ergebnis:

    Einen Namen oder eine Bezeichnung für eine solche Person gibt es nicht - weil es eine solche Person auch nicht gab.

    Zumindest konnte ich in keinem der Texte einen Hinweis darauf finden, daß im Falle von öffentlichen Hinrichtungen (egal in welcher Zeit) irgend jemand vor der Vollstreckung des Urteils dieses nochmal der versammelten Menge vorher verlesen hätte.


    Das warf für mich die Frage auf:

    Wenn eine solche Person nirgends erwähnt wird, woher stammt dann das Bild, das ich (und Du und die anderen hier, die versucht haben, Deine Frage zu beantworten) eigentlich haben?


    Die Antwort wäre peinlich, wenn sie nicht so naheliegend wäre: Aus Hollywood. :D :D :D


    Wir alle haben genug Filme gesehen, in denen irgendwer auf das Schafott klettert, bedeutungsschwer eine Schriftrolle entblättert, die Sünden der Delinquenten dem versammelten Volk noch einmal kundtut, woraufhin sich nach öffentlicher Verlesung des Urteils folgenschwer dumpfer Trommelwirbel hören läßt, der das dramatische Geschehen bis ins schier Unerträgliche steigert. Bis er abbricht, der Trommelwirbel.

    Und dann klappt die Falltür runter und alle hängen. Oder werden in letzter Sekunde gerettet.


    Ein gutes Beispiel dafür ist die Szene aus Kevin Costners "Robin Hood - König der Diebe":

    Alle denkbaren Klischees sind da versammelt. Unter anderem auch, daß die Hinrichtung im Beisein der judikativen Gewalt, vertreten durch den Sheriff von Nottingham und darüber hinaus noch im inneren seiner Burg stattfindet.

    Beides ist völliger Quatsch.

    Hinrichtungen fanden damals zwar stets im öffentlichen Raum statt, um die abschreckende Wirkung zu erhöhen. Jedoch nie innerhalb der Stadt - oder Burgmauern, die äusseres Zeichen der Gemeinschaft in dieser Zeit waren.

    Da sich der Delinquent aufgrund seines Vergehens nach damaliger Vorstellung ausserhalb der Gemeinschaft befand, war so etwas undenkbar. Es hätte das gesellschaftliche Gefüge völlig infrage gestellt.


    Diese Idee findet sich bereits in der Zeit des römischen Reiches:

    "Im Römischen Reich wurden vestalische Jungfrauen in Fällen von Unkeuschheit (crimen incesti) lebendig begraben. Während ihrer Amtszeit als Priesterinnen hüteten die Vestalinnen das Feuer der Stadt Rom. Ihre Keuschheit war religiöse Pflicht und versinnbildlichte die Reinheit der Stadt von göttlichem Unheil. Ein inszenierter Leichenzug begleitete die Vestalin nach ihrer Verurteilung zur Porta Collina, wo die Hinrichtung vollstreckt wurde. Der Vestalin wurden in ihrem Grab Nahrungsmittel beigegeben, vermutlich um die Gemeinschaft von dem Vorwurf der direkten Tötung freizusprechen."

    (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Lebendig_Begraben)

    Das Schafott, Blutgerüst, Richtstätte oder wie man's auch nennt war stets eine erhöhte Stelle ausserhalb von Stadt oder Burg.

    Hinrichtungstätten mit hoher Frequenz wurden gemauert errichtet und bekamen im Volksmund die Bezeichnung "Rabenstein".

    Macht auch Sinn, Rabenvögel sind bekanntlich Aasfresser.


    Jetzt meinerseits ein bißchen was zur Begriffsklärung und Richtigstellung gewisser Dinge, die hier im Thread aufgeploppt sind:

    Ein Herold des Königs ist ja eher jemand, der neue Gesetze und dergleichen verkündet, oder?

    Jein.

    Ein Herold war, in der Tat, adeliger Herkunft.

    Seine Aufgaben waren diplomatischer Natur. Er vermittelte zwischen verfeindeten Königshäusern, genoß tatsächlich so etwas wie die heute bekannte "diplomatische Immunität".

    Herolde waren einem eigenen Ehrenkodex verbunden, der ihnen das Tragen von Waffen oder das Ausspionieren feindlicher Stellungen verbot.

    Darüber hinaus hatten Herolde im Mittelalter genaue Kenntnis der Wappen und Insignien der Ritter, was sie besonders in Turnieren zur Identifizierung der teilnehmenden Kämpfer wichtig machte.

    Auch hierbei bitte bedenken: Es ist nur Film.

    Ich könnte mir gut vorstellen, dass es keine generelle Bezeichnung für so eine Aufgabe gab. Während es für mich Sinn macht, dass der schmutzige Beruf des Scharfrichters irgendwann ausgelagert wurde, ist die Aufgabe der Urteilsverkündung ja schon durch die Richter geschehen

    Da sind wir schon nahe am Tatsächlichen.

    Der Scharfrichter (oder Henker) war der Vollstrecker des gesprochenen Urteils. Nicht mehr, nicht weniger.

    Tatsächlich war ein Scharfrichter in mittelalterlichen Zeiten Persona non Grata. Unerwünscht, jedoch nötig.

    Das führte z.B. dazu, das Scharfrichter ihre Wohnungen nur an der Stadtmauer nehmen konnten, in Kneipen gesonderte Plätze einnehmen mußten. Und ihre Kinder keine große Chance hatten, ausserhalb ihrer "Innung" zu heiraten. Was zu s.g. "Scharfrichterdynastien" führte.

    Die Sansons in Paris z.B. stellten die Scharfrichter der Stadt zwischen 1688 - 1847 in sechs Generationen.


    Der Scharfrichter war in der Regel auch derjenige, der Delinquenten zu foltern hatte.

    Dadurch - und das ist eher unbekannt - erlangten Scharfrichter im Laufe der Zeit gehöriges Wissen über die menschliche Anatomie (weil sie z.B. einzuschätzen lernten, welche Torturen ein Delinquent aushält, ohne daran zu sterben...). Und damit verbunden, vielfältige medizinisch nutzbare Kenntnisse, was ihnen, trotz ihrer gesellschaftlichen Ächtung, eine Menge Zulauf seitens des "gemeinen"(einfachen) Volkes und damit eine zusätzliche finanzielle Absicherung brachte.

    Ebenfalls interessant:

    Henker wurde man nicht eben mal so.

    Im Gegenteil durchliefen Aspiranten auf diesen Beruf eine Ausbildung, den "normalen" Handwerkern ähnlich. Ähnlich wie es heute noch im Zimmermannshandwerk gebräuchlich ist, sind wandernde Henker belegt.

    Ebenfalls belegt: Das Ablegen einer Prüfung, ohne die der zukünftige Scharfrichter sich nirgendwo um eine Anstellung hätte bemühen brauchen.

    (Quelle: Jutta Nowosadtko: Scharfrichter und Abdecker. Der Alltag zweier „unehrlicher Berufe“ in der Frühen Neuzeit. Schöningh, Paderborn (u. a.) 1994.)


    Worin der Inhalt dieser Prüfung bestand, kann sich wohl jeder denken.


    Daß in Hinrichtungshochzeiten (Französische Revolution) der Scharfrichter öfter lediglich die Aufsicht dabei führte, das die Köpfe rollten, änderte nichts an der Tatsache, daß er bei einer Hinrichtung durch Schwert oder Beil höchstselbst die Klinge zu führen hatte.

    Wie immer ein wenig anders tickten in dieser Beziehung die Japaner. Hier wurde das Wort "Henker" gegen das schönere "Schwertprüfer" getauscht, daß Ergebnis blieb das gleiche.

    So soll Yamano Nagahisa (山野 永久, gest. 1667) als Schwertprüfer in Edo (heute Tokyo) in seiner Zeit tatsächlich etwa 6.000 Verurteilte geköpft haben.

    Das nur mal am Rande... :)


    Zurück zur ursprünglichen Frage:

    Wer bei Wikipedia das Wort "Büttel" eingibt, bekommt zur weiteren Suche zumindest folgende Begriffe:

    "Scherge, Gerichtsdiener, Fronbote, Büttel, Bannwart, Ausrufer."


    Keiner dieser Namen erfüllt das Kriterium, nach dem gefragt wurde. Ich habe sogar noch den s.g. "Stadttambour" gefundenStadttambour , aber selbst der, obwohl am nahesten dran (inkl.Trommelwirbel) war dann zeitlich auch nicht wirklich passend.

    Ich fände es aber auch in allen Fällen nachvollziehbar und als schönen Ausdruck für eine staatliche ist-mir-egal-Haltung, wenn der Gehilfe des Scharfrichters das Ganze verliest oder eben der Scharfrichter liest, während der Gehilfe das Ganze erledigt.

    Da mußte ich denn doch schmunzeln. Auch wenn Johannes Gensfleisch (aka. Johannes Gutenberg) die Druckerpresse etwa um 1450 herum erfunden hat wage ich die Behauptung, daß weder Scharfrichter noch deren Gehilfen des Lesens mächtig gewesen sind...

    In der Szene, die ich gerade schreibe, geht es um eine öffentliche Hinrichtung mit politischer Bedeutung. Die Hinrichtung eines hohen Adligen wegen Hochverrats, allerdings soll der König selbst das Urteil nicht verkünden, sondern sich im Hintergrund halten.

    Das kann der König doch.

    Die Urteilsverkündung obliegt einem seiner Minister.

    Ist dein Szenario eher mittelalterlich, würde ich dann tatsächlich den eingangs erwähnten Herold verwenden.

    Denn der ist ja für adelige Zustände zuständig. ^^


    Ich hoffe, ich konnte behilflich sein.





  • Also der Großteil meiner Vorstellung vom „Mittelalter“ ist definitiv von Hollywood und irgendwelchen Büchern geprägt. 😃 Das ist gar keine Frage. Zum Beispiel zur Verbreitung der Fähigkeit zu Lesen 😄


    weil es eine solche Person auch nicht gab.

    Zumindest konnte ich in keinem der Texte einen Hinweis darauf finden, daß im Falle von öffentlichen Hinrichtungen (egal in welcher Zeit) irgend jemand vor der Vollstreckung des Urteils dieses nochmal der versammelten Menge vorher verlesen hätte.

    Da ziehe ich irgendwie andere Schlussfolgerungen daraus. Vielleicht war diese Aufgabe auch einfach nur wenig förmlich (statt Verlesen eines geschriebenen Urteils, das Verkünden der wesentlichen Entscheidung - die ja vielleicht auch einfach kurz und bündig mündlich abgehandelt worden war).


    Ich finde es nachvollziehbar, dass es da keine allgemeinen Regeln so einer möglichen Aufgabe gab. Das ist ein kleines Detail, da gab es wichtigere Angelegenheiten (das materielle Recht, die Vollstreckung an sich, das „Gerichtsverfahren“). Und letztlich war ja sowieso alles (je nach Personen) mehr oder weniger willkürlich. Da galt es, die Großen Dinge zu regeln, schätze ich, und nicht so ein popeliges zweites Verkünden.

    Und auch aus der Perspektive von Zeitzeugen… falls es solche Berichte überhaupt gibt… mag der Fokus auf der konkreten, grausamen Vollstreckung gelegen haben.


    Zurück zur ursprünglichen Frage:

    Wer bei Wikipedia das Wort "Büttel" eingibt, bekommt zur weiteren Suche zumindest folgende Begriffe:

    "Scherge, Gerichtsdiener, Fronbote, Büttel, Bannwart, Ausrufer."


    Keiner dieser Namen erfüllt das Kriterium, nach dem gefragt wurde.

    Aber nur, wenn man die Frage wortwörtlich nimmt. Wenn man zu der Antwort kommt, dass es kein entsprechendes Amt nur für eine solche Aufgabe gibt, aber vielleicht ab und an trotzdem jemand was vor der Hinrichtung gesagt hat, können auch Büttel eine Rolle spielen. Oder eben Minister.


    Ich kann mir gut vorstellen, dass das übliche Tagesgeschäft an Vollstreckungen ohne großes Trara von statten ging. Da waren keine großen Gewaltenteilungsgedanken dahinter und wahrscheinlich gab es jetzt auch nicht ständig Hinrichtungen; also brauchte man kein eigenes Amt für eine „Verkündung“. Wie du das geschrieben hast, hatte ja selbst der Scharfrichter weitere Aufgaben und Nebeneinkünfte (ob er die jetzt unbedingt brauchte oder ob sie ihn [später] nur reich machten, weiß ich nicht; er hatte jedenfalls Zeit für die Sachen).


    Aber das da jemand wenigstens mal gesagt hat, was der Verurteilte verbrochen hat, halte ich grundsätzlich schon für realistisch.

    Wenn man einen öffentlichen Platz wählt und nicht das Hinterzimmer einer Hausmeisterwohnung, dann will man ja die öffentliche Wirkung der Vollstreckung. Nach meiner Vorstellung aus dem Geschichtsunterricht waren da auch tatsächlich häufiger mal Zuschauer. Lässt man die jetzt einfach so stehen, zieht so sein Ding durch und haut dann wieder ab?


    Ausgeschlossen ist das nicht; das kann schon an manchen Orten so gewesen sein. Aber ich halte das nicht für zwingend generalisierbar. Ich glaube, dass mehrere Beteiligte ein Interesse daran hatten, dass da jemand nochmal auf die Tat hinweist. Zum Beispiel König/Graf/Gutsherr/oder wer auch immer gerade Recht spricht, um nicht als willkürlich zu erscheinen + um die abschreckende Wirkung zu sichern („wer XY tut, wird bestraft“).

    Ja, in kleineren Orten, mag Tat und Urteil sowieso bekannt sein, aber kann man das auch in größeren Orten voraussetzen? Was ist mit Fällen, die in der Umgebung begangen wurden und in der Stadt abgeurteilt werden? Hinzukommt vielleicht noch Volk, das nicht immer anwesend ist, etwa Seefahrer, Händler oder so.


    Und auch die bei der Vollstreckung vor Ort befindlichen Personen konnten ein Interesse an einem Hinweis auf das Urteil haben. Laut Internet kam es vor, dass die Menge bei falscher Ausführung der Hinrichtung den Scharfrichter tötete. Die Scharfrichter werden in ihrer Ausbildung von solchen Vorfällen gehört haben. Da sie gesellschaftlich sowieso nicht geachtet waren, war dieser Lynchmop vielleicht auch eine konkret wahrnehmbare Bedrohung. In solchen Fällen liegt es nicht so fern, dass man auf die Idee kommt, vor der Hinrichtung auf das amtliche Urteil hinzuweisen (und damit die Menge auf den hoheitlichen Auftrag hinzuweisen und die eigene Verantwortung ein Stück wegzugeben).

    Die Urteilsverkündung obliegt einem seiner Minister.

    Ist dein Szenario eher mittelalterlich, würde ich dann tatsächlich den eingangs erwähnten Herold verwenden.

    Denn der ist ja für adelige Zustände zuständig.

    Wenn der Herold als eine Art Botschafter fungierte, passt die Einbindung meines Erachtens nicht so gut. Das Nicht-Tragen-Dürfen von Waffen klingt ein bisschen nach einer symbolischen Sache. Der Herold als friedvolles Wesen, das aus den weltlichen Gewaltvorgängen herausgehalten wird. Ihn jetzt auf ein Schafott zu stellen, verändert sein Bild.



    Liebe Grüße

    M.

  • Danke für den echt guten Input.


    Also grundlegend halte ich mal für mich fest, dass die Urteilsverkündung als solche eher dramatisch-erzählerischen Ursprungs ist. :) Was ich auch so unterschreibe, weil ohne, würde etwas meiner Szene fehlen und sie vom Tempo seltsam machen.


    Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Verurteilte bei keinem öffentlichen Interesse irgendwann einfach aus ihrer Zelle gezogen wurden und man dann z.B. fünf Leute gleichzeitig gehängt hat, ohne von jedem die Sünden aufzuzählen.


    Gleichzeitig kann ich mir, wie von Moog erwähnt, nicht vorstellen, dass nie ein Urteil verkündet wurde. Gerade um als Druckmittel zu wirken, wird es sich gelegentlich angeboten haben, das Urteil in Verbindung mit der Straftat zu benennen. Und der Rest war dann Show don't tell, wenn der Kopf gerollt ist. :pupillen:


    Vermutlich wird dafür dann für die Verlesung aber einfach irgendwer abbestellt worden sein, der lesen konnte und die in die Hand gedrückt bekommen hat.


    Der Wanderer Das mit dem Herold war nochmal eine richtig gute Erklärung, das ich praktisch gut gebrauchen kann. Danke dafür.


    In der ersten und auch aktuellen Fassung habe ich mich in der Szene tatsächlich für den Herold entschieden. Wobei ich den Einwand von Moog durchaus berechtigt finde, aber gleichzeitig ist ein Herold vielleicht deswegen passend, weil er mit dem Urteil nichts zu tun hat und lediglich den Willen des Königs verkündet? Also für das Volk auch nicht zu kritisieren ist, weil er einfach seinen Job macht?

    Was bei mir in der Szene nicht ganz passen würde, weil der Herold sich durchaus in Rage redet. Aber so random irgendeinen Adligen hinstellen, fände ich seltsam. Zumal eine Hinrichtung wegen Hochverrat in erster Linie eine Warnung an den Adel sein soll.

    Vielleicht ist es einfach ein schlechter Herold, der das mit der politischen Neutralität nicht so kapiert hat, aber genau deswegen vom König für die Aufgabe instrumentalisiert wurde. xD

  • Zum Beispiel zur Verbreitung der Fähigkeit zu Lesen

    Kleine Nebenbemerkung: einer meiner Lieblingsberufe aus dem Mittelalter, die (leider?) ausgestorben sind, ist der des Rechenmeisters. Im Prinzip (und vor allem laut Wikipedia) ein privater Mathe-Lehrer, weil Rechnen in der kirchlichen Schule nicht vorgesehen war. Darüber hinaus (laut eines Buches zur Geschichte der Mathematik & Mathematikdidaktik) aber auch immer wieder quasi Auftragsrechner, die z.B. ein gerechtes Teilen des Erbes unter drei Söhnen errechnen sollten.


    Aber das da jemand wenigstens mal gesagt hat, was der Verurteilte verbrochen hat, halte ich grundsätzlich schon für realistisch.

    Das ist jetzt kein historisches Wissen, sondern nur eine Überlegung, die man für das Schreiben vielleicht nutzen kann: Wenn man möchte, dass die Vollstreckung / Strafe eine abschreckende Wirkung hat, dann ist es fast unumgänglich, dass man allen, die es abschrecken soll, auch mitteilt, was das Verbrechen des Verurteilten war. Das ist von Hinrichtungen erstmal unabhängig. Das könnte funktionieren, wenn Verbrechen und Strafe sehr stark miteinander verbunden sind (Hand abhacken nur bei Dieben; Schwurfinger abhacken nur bei Eidbrüchigen, etc.). Sobald aber mehrere Verbrechen mit der gleichen Strafe bestraft werden, dann ist es irgendwie nötig, dass man alle Zuschauer vielleicht über Tage hinweg darüber unterrichtet, was derjenige verbrochen hat, z.B. wenn man für unterschiedliche kleinere Vergehen jeweils ein paar Tage an den Pranger gestellt wird.

    Allerdings kann man auch immer davon ausgehen, dass Leute miteinander reden und ggf. nachfragen, was jemand verbrochen hat. Irgendwer wird schon irgendwas wissen... Klatsch und Tratsch, Gerüchte, Hörensagen,... auch mit so etwas ließe sich hervorragend spielen.

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]