Die Vampire von Rankental

Es gibt 112 Antworten in diesem Thema, welches 6.594 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (22. Juli 2024 um 12:14) ist von Feron.

  • Kirisha , Rainbow , Jufington und LittleOwlbear leOwlbear.

    Es tut mir schrecklich leid das so lange nichts mehr kam. Ich hatte ne Mischung aus krank und komplett überarbeitet und bin einfach abends nicht produktiv gewesen. Ich versuche vor meinem Urlaub noch den Rest von dem zu posten was ich habe.

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    Die beiden Rattlinge sprangen auf. Der Querbalken unter ihren Füssen erzitterte. Jessikas Stirn und Nasenrücken waren gekräuselt. Sie hatte ihre spröden Lippen angezogen und blickte ihren Widersacher an als wäre er die ekelhafteste Kreatur unter dem Mond.

    Einer der Soldaten warf Cedric ein Schwert zu. Der Wolfling fing es auf ohne hin zu sehen, drehte die Klinge schwungvoll in seiner Hand und richtete sie gegen Jessika und Mathis. Der Stahl sang unter dem Luftzug.

    „Meine Leute und ich sind zurückgewichen soweit wir konnten“, sprach Cedric. „Wenn ihr auf das Recht des Stärkeren besteht dann seih es so. Ihr beide kommt mit mir.“

    Die beiden Sures-Vampire standen Rücken an Rücken, hoffnungslos in der Unterzahl. Einer der Malperdy hatte demonstrativ seinen Fuß auf den Gullideckel in der Mitte der Halle gestellt und versperrte ihnen so den einzigen Fluchtweg. Mathis Blick huschte zu dem gekippten Fenster hinter ihm, aber der Spalt war zu eng. Sie konnten die Form von Ratten annehmen, aber vor seinem Geistigen Auge sah er sich selbst wie sein winziger Körper von einem der Krieger zertreten wurde. Das Bild war so deutlich das er glaubte das Knacken seiner eigenen Knochen zu hören. Nein, das war nicht der Weg nach draußen.

    Er schaute stattdessen über seine Schulter zu seiner Mentorin und stellte frustriert fest das sie diesem wolfsherzigen Bastard genug vertraut hatte um ohne Waffe auf zu brechen. Er selbst hatte diesen Fehler nicht gemacht. Der Griff seines Langschwertes hatte sich noch nie besser angefühlt. Er war nützlich und sie war hier um es mit eigenen Augen zu sehen. Der Gedanke gab ihm Mut.

    „Kopf runter!“ Schrie er. Er hatte keine Zeit sich zu vergewissern das sie seiner Warnung folgte. Er zog seine Klinge, wirbelte herum und zerteilte den Querbalken der sie trug. Der scharfe Stahl fraß sich tief in das trockene Holz, bis die Konstruktion nur noch durch wenige Fasern zusammengehalten wurde.

    Ein Knistern und Krachen übertönte seine Gedanken und der Balken stürzte in die Tiefe. Mathis und Jessika beugten ihre Knie um die Wucht des Aufpralls zu lindern, aber das zerborstene Ende traf jenen Malperdy-Vampir unter ihnen, der versucht hatte den Fluchtweg zu versperren. Sein Brustkorb war zwischen dem Holz und dem Betonboden zerschmettert worden. Weiße Rippen standen wie ein Blumen-Boquete in alle Richtungen ab und ein neues Muster aus hauchfeinen roten Blutspritzern bedeckte die Webrahmen und Stoffpaletten um ihn herum. Die Finger des Kriegers zuckten noch, während sein ungläubiger Blick noch für einen Augenblick wie gebannt auf der tödlichen Wunde hing. Dann zerfiel er zu Staub. Mathis zog das nun herrenlose Langschwert mit einem schnellen Ruck aus den Überresten und warf es in einer eleganten Bewegung Jessika zu.

    Seine Mentorin zögerte nicht den Schwung für einen Hieb nach hinten zu nutzen und traf dort auf das Schwert von Cendric der ihren Angriff gerade noch abblockte, anstatt einen Arm zu verlieren.

    „Du zuerst!“ Schrie sie Mathis zu und neigte ihren Kopf auffordernd zum Kanaldeckel. Mathis vertraute ihr, gehorchte ohne zu zögern. Seine Füße fast so schnell wie der Gedanke selbst.

    Er warf das Gitter beiseite, sprang und ließ sich in den modrigen Tunnel fallen. Eiskaltes, kniehohes Regenwasser begrüßte ihn als er unten aufkam. Er taumelte rückwärts, den Zugang noch fest im Blick und gleichzeitig bereit sich von einem Moment zum anderen um zu drehen und zu rennen sobald Jessika wieder an seiner Seite war.

    Aber die Kampfgeräusche über ihm hielten an. Er hörte den Stahl klirren und die donnernden Kampfschreie von Jessika und Cedric. Dann den schlimmsten Laut von allen: Stille. Er spannte seine Schultern an, kratzte Tapferkeit aus allen Winkeln seiner Seele zusammen und machte einen Schritt auf die Leiter zu. Aber er kam nicht so weit.

    Cedric hielt sich kurz mit beiden Händen am Rand der Abfluss-Luke fest bis er sich vergewissert hatte das es sicher war und ließ sich ebenfalls in den Tunnel fallen. Er kam mit einem Platschen auf nur ein paar Schritte von Mathis entfernt, sein Gesicht und seine Hände voller Blut.

    Der junge Rattling drehte sich um und rannte. Eine Abzweigung dann die Nächste. Er Balancierte über Rohre hinweg und zwängte sich durch rostige Gitter, wartete, schwamm und tauchte durch stinkendes Wasser, immer der Karte in seinem Kopf folgend. Er fürchtete das er jeden Moment gepackt und überwältigt werden würde, aber der Malperdy-Krieger holte ihn nicht ein. Cedric musste schwer verwundet gewesen sein, dachte er sich und erlaubte sich nach einem langen Sprint endlich sich um zu drehen.

    Vor ihm schien das Mondlicht durch eine breite runde Öffnung. Er befand sich an einem Regenwasser-Überlauf ganz weit außen am Stadtrand, in Sicherheit mehr oder weniger. Der Kanal hinter ihm war gähnend leer und er fand keinen Fetzen Hoffnung in sich das seine Mentorin noch zu ihm aufschließen würde.

    Er fletschte seine Fänge und blutrote Tränen sammelten sich in seinen Augen, Tränen nicht aus Wasser, sondern Blut, der einzigen Flüssigkeit in seinem Körper. Das Biest in seinem inneren regte sich und rüttelte an seinem Käfig. Mathis fühlte wie seine Wut es erstarken ließ. Er kletterte aus der Tunnelöffnung und starrte von der Straße aus auf die große Brücke, keine hundert Meter rechts von ihm. Das Malperdy-Anwesen lag in der Innenstadt, der schnellste Weg zurück zu ihrer Zuflucht führte durch dieses Nadelöhr. Er hatte einen Plan. Er versuchte verzweifelt ihn sich selbst aus zu reden und eine Alternative zu sehen die es nicht gab. Ein guter Mann hätte diesen Entschluss nicht gefasst, aber diese Version von ihm war nun auch tot.

    Er rannte mit übermenschlich großer Schnelligkeit zum Sockel der Brücke. Es kümmerte ihn nicht Länger ob er gesehen wurde oder nicht. Wenn es Zeugen gab würde er später auch sie töten.

    Am Sockel der Brücke ankommen sprang er und krallte sich mit seinen Krallen an den Steinen fest, krabbelte das Gemäuer empor wie ein Insekt und zog sich auf das Dach das prunkvollen Brückentores. Er war zu klug um zu glauben das er Cedrik und all dessen Handlanger alleine ausschalten konnte, aber dieser feige Angriff würde nicht ungesühnt bleiben. Er beobachtete die breite Straße unter sich und sah seine Feinde vom Industrieviertel her auf seine Position zu reiten. Einer dieser ehrlosen Hunde hatte Jessika gefesselt und über den Hals seines Pferdes geworfen wie ein Gepäckstück. Mathis knurrte. Er folgte ihnen ungesehen auf die andere Seite als, sie das Brückenhaus unter ihm passierten und drückte seine Schulter gegen eine der Heiligenstaturen auf der Fassade. Sein Geist wurde klar. Er hörte die Pferdehufe und das Klirren der Kettenhemden. Es gab keinen Zweifel daran wo sie waren und wie schnell sie sich bewegten. Seine starken Beine drückten gegen die Mauer und die Sandsteinskulptur bewegte sich, kippte über den Rand und fiel in die Tiefe.

    Die Erschütterung ging durch seinen ganzen Körper. Wie hypnotisiert machte er einen Schritt nach vorne und blickte hinab. Unter ihm lag die tonnenschwere Skulptur zertrümmert auf dem Kopfsteinpflaster. In dem Krater der sich unter den Bruchstücken gebildet hatte lag das tote Pferd, die Rüstung des Malperdy-Kriegers und auch der löchrige Graue Mantel von Jessika. Seine Liebste würde nicht in die Folterkammer gezerrt werden und welche Geheimnisse Cedrik auch immer aus ihr herauspressen wollte waren nun mit ihr vernichtet, genauso wie sie es gewollt hätte.

  • Ein sehr gekonnter Abschnitt voller Aktion und interessanten Kampfschachzügen. Gefällt mir. Der Abschied von Jessika bereitet mir keine Kopfschmerzen (war ja nicht dein sympathischster Charakter) aber es tut mir schon leid für Mathis. Für ihn sieht es ja nun auch nicht so gut aus aber irgendwie habe ich das Gefühl dass er sich vielleicht noch rettet.

    sich um zu drehen

    sich umzudrehen

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Hey Feron,

    ein schöner Part mit Action und ein bisschen Drama. Mir gefällt‘s. :thumbup:

    aber das zerborstene Ende traf jenen Malperdy-Vampir unter ihnen, der versucht hatte den Fluchtweg zu versperren. Sein Brustkorb war zwischen dem Holz und dem Betonboden zerschmettert worden. Weiße Rippen standen wie ein Blumen-Boquete in alle Richtungen ab und ein neues Muster aus hauchfeinen roten Blutspritzern bedeckte die Webrahmen und Stoffpaletten um ihn herum. Die Finger des Kriegers zuckten noch, während sein ungläubiger Blick noch für einen Augenblick wie gebannt auf der tödlichen Wunde hing. Dann zerfiel er zu Staub. Mathis

    Sehr schön! Ein bisschen Splatter, aber Rainbow mag das :D

    Mathis zog das nun herrenlose Langschwert mit einem schnellen Ruck aus den Überresten und warf es in einer eleganten Bewegung Jessika zu.

    wieso zieht er das Schwert aus den Überresten? Der Mann ist doch zu Staub zerfallen, oder nicht? Ahhh… Du meinst die Überreste des Balkens. Das könnte man vielleicht noch ein bisschen deutlicher schreiben :hmm: für so Deppen wie mich. :pardon:

    Der junge Rattling drehte sich um und rannte. Eine Abzweigung dann die Nächste. Er Balancierte über Rohre hinweg und zwängte sich durch rostige Gitter, wartete, schwamm und tauchte durch stinkendes Wasser, immer der Karte in seinem Kopf folgend.

    Hier hab ich mich kurz gefragt, warum er sich nicht verwandelt. Wäre er nicht in Rattengestalt wesentlich schneller in so einem Kanal? Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht sicher. Aber zumindest könnte er sich problemlos durch Gitter hindurch bewegen und es wäre leichter den Verfolger abzuschütteln. (Nur ein Gedanke, der mir kam) Es liest sich so auch schlüssig…

    Bin gespannt, wo uns das jetzt hinführt. Ich würde sagen, Mathis ist jetzt auf Rachefeldzug.

    Kann weitergehen :gamer:

  • Mein Mann und ich fahren gleich für zehn Tage nach Schweden und ich werde da wohl kein Internet haben. Ich habe das hier noch schnell durch die Rechtschreibkorrektur gejagt. Hier sterben mehrere Charaktere brutale Tode, aber ich denke alle die bis hierher gelesen haben kommen damit zurecht.

    Ich arbeite wohl auf die letzten paar Seiten ein Glossar ein, der „Vampir-Slang“ erklärt. Ich werde mich trotzdem bemühen so zu schreiben, dass man alles aus dem Zusammenhang versteht, aber es ist kein schlechtes Feature denke ich. Ich poste hier nochmal einen Spoiler mit der Lore das ich bislang festgelegt habe, so wie es auch im Weltenbauforum steht. Wenn ich aus Schweden zurück bin poste ich wieder regelmäßig. Tut mir leid, dass es in letzter Zeit so schleppend kommt. Ich habe den Urlaub dringend nötig…

    Spoiler anzeigen

    Erschaffung der ersten Vampire:

    Die gegenwärtigen Vampire wissen mit großer Sicherheit, dass die ersten von ihnen im Jahr 1600 von einem Hexenzirkel im Wald von Arvendorn erschaffen wurden. Ein steinerner Altar mit einer entsprechenden Inschrift beweist das. Dieser Ritualkreis ist zudem der Ursprung des Zaubers, der bis in die heutigen Nächte benutzt wird, um weitere Menschen zu verwandeln. Es gibt verschiedene Theorien, was mit den verantwortlichen Hexen geschehen ist. Vermutlich ist der Zirkel wütenden Dorfbewohnern zum Opfer gefallen und die Erschaffung der Vampire war ein letzter Akt der Rache. Andere glauben, dass der Zirkel versucht hat, sie als Waffen zu gebrauchen, dabei aber die Kontrolle über die Untoten entweder schleichend oder sofort verloren hat.

    Erschaffung allgemein:

    Um einen menschlichen Leichnam als Vampir auferstehen zu lassen, muss sein oder ihr Herz entfernt und stattdessen das Herz eines „unreinen“ Tieres eingenäht werden. Der Prozess funktioniert in erwiesenen Maßen mit Fledermäusen, Wölfen und Ratten. Der so entweihte Kadaver erhebt sich daraufhin als ein neuer Vampir der entsprechenden Kaste. Da alle Häuser darauf achten müssen, ihr Territorium und damit ihre potenzielle Beute nicht zu erschöpfen, bedarf es nach dem geltenden Recht, einen älteren Vampir, der für einen Neueren bürgt und einwilligt, diesen auszubilden. Neulinge, die aus welchem Grund auch immer ohne einen solchen Mentor aufgegriffen werden, werden üblicherweise getötet.

    Wolflinge:

    Wolflinge sind häufig die Ältesten in ihrem Haus, da es nicht länger ohne weiteres möglich ist, Wolfherzen zu beschaffen. Die Kaste hat lange, zu Klauen verformte Fingernägel und häufig aggressive Ticks wie Knurren oder das Knirschen mit den Zähnen, wenn sie gereizt oder hungrig sind. Die Kiefer sind besonders stark und Individuen entwickeln schnell einen extrem starken Geruchssinn, der ihnen hilft, Ziele zu verfolgen, selbst wenn die Fährte viele Tage alt ist. Wolflinge können sich in Wölfe verwandeln und generell mit Wölfen sprechen und diesen ihren Willen aufzwingen.

    Flederlinge:

    Flederlinge werden von Haus Malperdy stark bevorzugt, weil sie nach der Verwandlung ihr menschliches Aussehen, bis auf ihre typischen spitzen Ohren, beibehalten und sich so leichter unter der sterblichen Bevölkerung bewegen können, um beispielsweise Reichtum und politische Kontrolle anzusammeln. Sie verfügen über das beste Gehör unter allen Vampiren und haben die Fähigkeit, an Wänden und Decken entlang zu gehen. Flederlinge sind anfällig für Reizüberflutung und krankhafte Nervosität, weswegen sie auch „Schnatterer“ genannt werden. Individuen sind in der Lage, mit Fledermäusen zu kommunizieren, und sich selbst in flugfähige Fledermäuse zu verwandeln, weswegen sie häufig als Späher dienen.

    Rattlinge:

    Rattlinge sind die häufigste Art von Vampiren, da Rattenherzen immer und überall zur Verfügung stehen und opportunistische Anführer dadurch Leichen nutzen können, die „spontan“ anfallen. Hinzu kommt, dass sie Einsamkeit nicht lange ertragen können und sich daher instinktiv wünschen, ihr Nest zu vergrößern, wenn es zu klein ist. Die Körper dieser Kaste sind nach der Verwandlung oft missgestaltet. Darunter fallen verkrümmte Wirbelsäulen, erratische, zuckende, „nagetierhafte“ Bewegungen, graue Haut und haarige Hände. Rattlinge haben einen legendären Tastsinn und können Temperaturunterschiede von einem halben Grad auf Objekten wahrnehmen, wenn ein Mensch diesen vor Kurzem berührt hat. Der Orientierungssinn von Rattlingen ist ebenfalls exzellent, sodass sie dazu tendieren, detaillierte mentale Karten von der Stadt, in der sie leben, im Kopf zu haben.


    Gesellschaft und Rangordnung

    Moderne Vampire (Jahr 1901) sind in Häusern organisiert: Malperdy, Sures, Ravilett und Castille. Es handelt sich dabei jeweils um ein kastenübergreifendes Bündnis, das eine oder mehrere Ortschafften und die darin lebenden Menschen für sich beansprucht und diese kooperativ gegen Eindringlinge verteidigt. Individuelle Vampire sichern sich innerhalb dieser Grenzen ein eigenes Territorium und verbleiben dort bis der Meister der Waffen sie ruft.

    Meister der Waffen

    Der Meister der Waffen ist der Anführer eines Hauses und meistens, aber nicht immer, der älteste Vampir in seiner oder ihrer Stadt. Der Amtsinhaber ist für militärische Belange zuständig und stellt sicher, dass alle Neulinge angemessenes Kampftraining erhalten. Kommt es zum Krieg mit anderen Häusern, agiert der Meister der Waffen als General und darf alle Vampire in seinem Gebiet als Soldaten einziehen. Zudem ist ein solcher Vampir zuständig für interne Rechtsprechung und hat bei Streitigkeiten das letzte Wort. Interne Hinrichtungen werden ausschließlich vom Waffenmeister und ausschließlich mit dem dafür vorgesehenen Richtschwert ausgeführt.

    Meister der Stille

    Der Meister der Stille sorgt mit allen Mitteln dafür, dass die Existenz von Vampiren generell geheim bleibt. Zu seinen Aufgaben gehört das Verschleiern von menschlichen Opfern und das Ausschalten von Zeugen. Zudem hat er oder sie das Recht, zu jeder Erschaffung eines neuen Vampirs Veto einzulegen und diese zu verbieten. Dies wird genutzt, um die Anzahl von Untoten zu begrenzen, oder missbraucht, um Leute zu benachteiligen, die der Meister der Stille nicht mag. Es hat sich in modernen Zeiten zudem eingebürgert, dass der Meister der Stille auch gegen Seuchenträger vorgeht, Vampire, die zu viele oder zu verheerende Krankheiten mit sich herumtragen und Sterbliche anstecken könnten. Seuchen werden durch „Abkochen“ entfernt, da kochendes Wasser die Krankheitserreger lange vor dem Vampir vernichtet. Die Aussicht auf diese „Behandlung“ macht die meisten Untoten extrem vorsichtig.

    Territorien

    Individuelle Territorien spielen in der Gesellschaft der Untoten eine große Rolle, da sie die Versorgung mit Blut sicherstellen. Ein großes Gebiet ist ein Statussymbol, sichert aber häufig auch begehrte Ressourcen wie Industriegebäude, Handelsumschlagplätze oder die Residenzen von wichtigen Politikern. Der häufigste Grund, die Grenzen zu verschieben, ist oft die Anwesenheit von sterblichen Freunden oder Familienangehörigen, deren Häuser idealerweise zum eigenen Territorium gehören, damit ein Vampir diese besser beschützen kann. Unvorhergesehene Katastrophen wie Krankheitswellen, Feuer, Fluten oder Kämpfe zwischen den Menschen können Gebiete für die Jagd unbrauchbar machen und den Eigentümer zwingen sich bei seinen Nachbarn zu bedienen, was als „Wildern“ bezeichnet wird. Markiert werden die Grenzen mit „Wappen“, kleinen individuellen Symbolen, die üblicherweise in der Nähe von Kreuzungen an Wände gekritzelt werden. Wird ein Gebiet „übernommen“ zeichnet der neue Eigentümer sein Wappen über das des Vorgängers.

    Stille Kommunikation

    Zusätzlich zu den individuellen Wappen nutzen alle Kasten eine Reihe von Gaunerzinken, auf „Zinken“ abgekürzt, um Besuchern Dinge mitzuteilen, wie beispielsweise ihre Einstellung zum Teilen von Beute.

    Geschichte und aktuelle politische Situation:

    Rankental, Arvendorn und alle umliegenden Siedlungen gehörten ausschließlich Haus Ravilett unter der Führung von Antoine dem Rotem und dessen Gefährtin Sophia, bis es 1880 zu einem tödlichen Anschlag auf die „Königin“ des Hauses kam, für welchen man damals ihre Rivalen das Haus Castille verantwortlich machte. Antoine wurde wie man sagt wahnsinnig vor Kummer. Das Haus Castille wurde vernichtend geschlagen und die wenigen Überlebenden flüchteten nach England, aber der Anführer der Ravilett weigerte sich auch nur einen einzigen von ihnen zu verschonen und startete einen mehr als zwanzig Jahre langen Kreuzzug, um seine Rache zu vollenden.


    Nachdem die größte und stärkste Fraktion das Gebiet freiwillig verlassen hatte, etablierten sich Haus Malpery in Rankental und Haus Sures in Arvendorn. Beide Häuser sind seitdem stark gewachsen, sodass ihre neuen Territorien bereits wieder ihre Belastungsgrenze erreicht haben, was zu starken Spannungen zwischen den beiden Gruppen geführt hat. Aktuelle Gerüchte besagen, dass Antoinie derweil seinen Kreuzzug als vollendet ansieht und mit seiner Arme aus Veteranen auf dem Rückweg nach Frankreich ist.

    Gedankenmanipulation:

    Alle Vampire sind nach ein paar Jahren Training in der Lage, die Gedanken und Gefühle von Menschen zu manipulieren, zu denen sie Blickkontakt haben. Die Untoten glauben, dass der Verstand (ihrer und jener der Menschen) in drei Aspekte geteilt ist: Der Richter, der Hund und das Banner. Sie sind nicht im Stande, einen Gedanken direkt zu implantieren, können aber Aspekte des Verstandes schwächen oder stärken, um das Ergebnis zu erzielen, das sie wollen. Gedankenmanipulation zu widerstehen ist eine Frage von Meditation und Selbstreflexion. Vampire, die wissen, wie der natürliche Zustand ihrer Psyche ist, haben große Chancen, eine Manipulation zu bemerken.

    Der Richter

    Wesen mit höherem Intellekt wollen – für gewöhnlich gutartig sein, wie auch immer sie selbst dies auslegen. Man könnte von einem Gewissen reden. Der Richter verkörpert die Angst, etwas moralisch Verwerfliches zu tun. Ein starker Richter führt dazu, dass eine Person mehr und intensiver darüber nachdenkt, ob sie das Richtige tut und mehr Aufwand betreibt, um gerecht zu handeln. Ein geschwächter Richter begünstigt selbstsüchtige Handlungen und Willkür Personen in diesem Zustand neigen dazu, impulsiv ihren eigenen Wünschen nachzugehen und sich wenig bis keine Gedanken um die Konsequenzen zu machen.

    Der Hund

    Der Hund ist ein Schutz gegen körperlichen Schaden. Die Angst vor Verletzungen und Tod. Er wehrt sich aktiv dagegen, körperliche Risiken einzugehen. Seien es dunkle Seitengassen oder Hilferufe eines Fremden. Ein Schwacher Hund macht Personen abenteuerlustig, mutig aber eben auch leichtsinnig. Sie tendieren dazu, ihre Fähigkeiten zu überschätzen und ihrer Neugier nachzugeben, auch wenn die Gefahr offensichtlich ist. Ein starker Hund sorgt für übergroße Vorsicht bis hin zu Paranoia. Menschen in diesem Zustand wollen oft nicht alleine unterwegs sein und ziehen es vor, zuhause zu bleiben, wo sie sicher sind.

    Das Banner

    Das Banner ist da das Bedürfnis nach sozialer Sicherheit. Es sorgt dafür, dass Menschen nach außen ein gutes Image pflegen und es vermeiden, andere zu beleidigen oder zu enttäuschen. Es verkörpert die Angst vor Einsamkeit oder sozialer Ausgrenzung. Ein starkes Banner macht emphatisch und zwingt eine Person die Perspektiven anderer mehr zu berücksichtigen. In diesem Zustand hören Personen besser zu und sind eher bereit, Kompromisse einzugehen. Ein schwaches Banner macht gefühlskalt und zurückgezogen. Personen in diesem Zustand unternehmen wenig Aufwand, andere zu verstehen, und sind eher bereit, deren Bedürfnisse zu ignorieren und Freundschaften oder Liebesbeziehungen sterben zu lassen, anstatt sie mühsam aufrecht zu erhalten.

    Sonnenlicht und Taglethargie

    Vampire, die natürlichem Sonnenlicht ausgesetzt werden, verbrennen in weniger als einer Minute zu Asche. Die Untoten müssen nicht schlafen, erfahren aber während des Tages „Taglethargie“ ein Zustand Körperlicher Schwäche und stark verminderter Reflexe. Für Betroffene Vampire wäre zu diesem Zeitpunkt selbst die Abwehr eines gewöhnlichen Sterblichen eine große Herausforderung.

    Vampire gehen mit diesen Stunden, in denen sie in ihrer dunklen Zuflucht festsitzen, unterschiedlich um. Viele lesen, was sich mit den Jahren zu hunderten von Büchern addieren kann, oder beschäftigen sich mit Kunst, Philosophie oder dem Erlernen von Fremdsprachen. Im Fall von geteilten Unterkünften ist die Taglethargie ein Anlass soziale Kontakte zu pflegen, solange Kämpfe unwahrscheinlich sind.

    Die Diener der Verdammten

    Da Vampire sich tagsüber nur schwer verteidigen können, verfügen sie fast immer über sterbliche Diener, auch Tagwächter genannt. Diese können im Falle eines Angriffs entweder kämpfen oder Alarm schlagen, damit ihre Meister die Flucht Tunnel erreichen können. Da sich Vampire, die sich von Menschen bewachen lassen, in eine sehr verwundbare Position begeben, sind Tagwächter manchmal die engsten Freunde oder sogar Geliebte, dessen Loyalität völlig außer Frage steht. In vielen Fällen aber auch Opfer die von ihrem Meister in einem Zustand emotionaler Abhängigkeit gehalten werden, aus welcher sie nicht ohne Weiteres entkommen können. Auch bieten viele Vampire ihren Dienern an sie nach einer gewissen Anzahl Jahre selbst unterblich zu machen.

    In der Gesellschaft der Untoten gilt ein Tagwächter als persönlicher Gegenstand oder sogar eine Erweiterung des Vampires selbst. Unerlaubt mit dem Tagwächter eines anderen zu sprechen stellt einen Bruch der Privatsphäre da, äquivalent dazu unerlaubt jemandes Tagebuch zu lesen.


    Nahrung

    Die einzige mögliche Nahrung für einen Vampir ist das Blut eines Menschen und auch nur dann, wenn es noch warm ist. Das Blut von Tieren, Toten oder anderen Vampiren wird dagegen nach einem kurzen Moment wieder erbrochen. Der untote Körper akzeptiert es schlichtweg nicht.

    Alle drei Kasten produzieren eine speichelartige Flüssigkeit auf ihrer Zunge, welche heilende Wirkung auf oberflächliche Wunden hat. Durch das Lecken über Bisswunden heilen diese schneller, normalerweise noch ehe ein bewusstloses Opfer wieder zu sich kommt. Dies ist auch der Grund warum man Vampire nach Kämpfen oder Duellen oft buchstäblich ihre Wunden lecken sieht.

    Vampire versuchen für gewöhnlich ihre Opfer am Leben zu halten, da sie langfristig auf Beute angewiesen sind, aber es wird allgemein akzeptiert das Unfälle passieren. Ein Untoter kann die körperliche Fitness eines Menschen überschätzen, schlichtweg vergessen das er aufhören muss oder sich bewusst seiner Gier hingeben und den Verlust in Kauf nehmen. Zudem können die Zähne Krankheiten übertragen oder Infektionen auslösen, welche nachträglich zum Tot führen.

    Die drei Gesetze

    Bricht ein Vampir eines dieser drei Gesetze, wird er oder sie unverzüglich getötet. Ein Gerichtsverfahren, wie es Menschen verstehen, findet nicht statt. Beweise sind theoretisch nicht nötig. Der Waffenmeister allein entscheidet, ob er den Anschuldigungen glaubt oder nicht.

    1. Brich niemals den Schleier und erlaubte niemand anderem, ihn zu brechen.

    Es ist streng verboten, sich gegenüber Menschen als Vampir zu offenbaren. Es gibt ein wenig Spielraum, was persönliche Diener betrifft. Allerdings wird auch hier der verantwortliche Vampir zur Rechenschaft gezogen, wenn dessen Gefolge sich verplappern sollte. Diese Regel verlangt außerdem, dass man eingreift und einen Bruch des Schleiers verhindert, wenn man dazu in der Lage ist.

    2. Es steht dir nicht zu, Vampire deines eigenen Hauses zu vernichten.

    Untote aus dem eigenen Haus können bekämpft, verwundet und nach Belieben unterworfen werden. Rivalität ist normal und Vampire haben ihre Zähne aus gutem Grund. Allerdings ist es verboten, den endgültigen Todesstoß zu setzen. Die einzigen drei Ausnahmen hierfür sind: ein offizielles Todesurteil des Waffenmeisters, ein Duell, dem beide Kontrahenten zugestimmt haben, oder ein Vampir, der dabei ist, das erste Gesetz zu brechen und gewaltsam aufgehalten werden muss. Da die Untoten allerdings zu Staub zerfallen, wenn sie vernichtet wurden, ist es extrem schwierig, einen Mord zu beweisen, wenn es keine Zeugen gab, was hin und wieder ausgenutzt wird.

    3. Es steht dir nicht zu, dein Haus zu vergrößern.

    Um den Schleier zu wahren und die verfügbaren Jagdgründe nicht zu erschöpfen, ist es wichtig, dass es niemals zu viele Vampire in derselben Stadt gibt. Wünscht einer der Untoten, einen seiner Diener oder einen Außenseiter zu verwandeln, ist die Erlaubnis des Meisters der Stille dafür zwingend erforderlich. Die allermeisten Vampire kennen den Zauber, der ihnen dies ermöglichen würde, aber ohnehin nicht.

    Tagträume/Miragen

    Anders als bei den Sterblichen, die hin und wieder schlafen, schaltet das Gehirn eines Vampires niemals wirklich ab und hat seine eigene Art, Emotionen und Erinnerungen zu sortieren. Vampire, die in einem schlechten seelischen Zustand sind, erleben oft Halluzinationen, „Tagträume“ oder auch „Miragen“ genannt.

    Oft sehen Individuen das Tier, dessen Herz sie tragen, als Manifestation ihrer Wut oder ihres Hungers, welche sie daran erinnert, dass die letzte Jagd schon viel zu lange her ist. Oder dass ein verhasster Rivale viel zu einfach mit seiner letzten Beleidigung davongekommen ist und unbedingt betraft werden muss.

    Andere sehen „Geister“ jener Vampire oder Sterblichen, die sie im Laufe ihres Unlebens getötet haben, wie sie am Straßenrand stehen und sie schweigend verurteilen.

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    Der Hauptfriedhof mit seiner neugotischen Kapelle war bedeckt von unberührtem Schnee; eine reine, weiße Decke, welche die Gräber, Gruften und Engelstaturen verbarg. Wolkenfetzen drifteten über den orangenen Himmel, als die Sonne hinter dem spitzen Glockenturm verschwand. Die Äste der kahlen Linden zitterten in der abendlichen Brise.

    Precilla stand vor Phillipes noch frischer Grabstädte, neben ihrem Bruder, der vor der steinernen Umrandung kauerte und eine Taubenfeder zwischen den erfrorenen Blumensträußen niederlegte. Sie waren beide von den Knien bis zum Kinn in Daunenjacken gehüllt, hatten sich aber so lange nicht bewegt, dass sie dennoch froren.

    „Wir müssen jetzt gehen“, flehte sie. „Mama will nicht, dass du hier bist.“

    Lafayett schüttelte den Kopf, unfähig, seinen Blick von der Inschrift abzuwenden. In Liebe und ewiger Erinnerung an Phillipe Dupont, dessen Herz zu schwer war für diese Welt. Die Buchstaben waren sorgfältig in den Granitstein gemeißelt und jeder Einzelne schmerzte wie Tausend Nadeln, als seine Augen ihn überflogen.

    „Ich bleibe noch. Wenn dir kalt ist, dann geh einfach schon vor.“

    Die junge Frau zog den Schal enger um ihren Hals und legte ihre Hand auf seine Schulter, krallte sich geradezu in den Stoff.

    „Das Wetter ist nicht so schlimm“, log sie.

    Er legte seine Finger auf die ihren und sah über seine Schulter hinweg zu ihr auf, mit seinen geröteten und geschwollenen Augen.

    „Mir geht es jetzt besser. Du musst mich nicht weiter behüten.“

    „Besser heißt nicht, dass es dir gut geht.“

    Er drehte sich zu dem Grab zurück und zog seine Schulter aus ihrem Griff. Precilla öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, gab aber dann doch auf. Sie hauchte in ihre eiskalten Handflächen, um sich zu wärmen, und folgte dann dem schmalen Pfad zurück zum Tor.

    Lafayett schaute gebannt auf die Taubenfeder, umgeben von verwelkten, weißen Rosen und fragte sich, wie lange ein Mann brauchte, um einen Verlust wie diesen zu überwinden, wie lange es dauern würde bis die schmerzlichen Erinnerungen verblassten und die Neuen nicht länger von Trauer verzerrt waren. Sechs Monate? Ein Jahr? Er entschied, dass es drei Jahre sein würden, nicht weil er daran glaubte, sondern weil er eine Trennlinie zwischen Leid und Heilung brauchte, die er überschreiten konnte.

    Sein galanter Jäger war fort, aber er fühlte jetzt so viel mehr als nur Trauer, wenn er an ihn dachte. Dies war, trotz allem die Welt, in der sie sich getroffen hatten, der Lichtblitz zwischen zwei ewigen Dunkelheiten, in welchem dies alles möglich gewesen war. Er hatte noch so viel unerfüllte Hoffnung in sich und so viel Liebe zu geben. Der Teil von ihm, der noch wenige Wochen zuvor eine Klinge auf seine eigene Brust gerichtet hatte, erschien ihm jetzt fremd und bedrohlich, wie ein Dämon, der drohte, die Kontrolle zu gewinnen, wenn er nicht wachsam war.

    Er war bereit zu gehen, aber ehe er sich aufrichten konnte, legte erneut jemand eine Hand auf seine Schulter.

    „Ich sagte doch, ich komme nach!“, blaffte er nur, um festzustellen, dass es nicht Precilla war, die hinter ihm stand. Herr Dupont mit seinem struppigen, grauen Bart schaute auf ihn herunter. Die Haut auf seinem Nasenrücken vor Wut gekräuselt, wie bei einem Wolf, der die Lefzen hochzog. Ein Stück hinter ihm in einem langen schwarzen Pelzmantel stand Madame Dupont und zog mit ihren spitzen Fingernägeln an den Enden eines bestickten Taschentuches, als ob sie entschlossen war, es in Stücke zu reißen. Der riesige Mann packte ihn mit überraschender Kraft, zerrte ihn hoch und schleuderte ihn gegen den Sockel einer Engelsstatue. Lafayetts Rücken, Schultern und Nacken schmetterten gegen das Granitpodest. Sein Haarband riss auf und die getroffene Stelle an seinem Kopf fühlte sich nach einem Augenblick nass und warm an. Blut rann in seine blonde Mähne und hinterließ lange rote Strähnen.

    Er versuchte sich an den Saum der steinernen Engelsrobe zu klammern, während seine kalten Füße auf dem gefrorenen Untergrund verzweifelt nach Halt suchten. Phillipes Vater wartete geduldig, bis er sich gerade so aufgerichtet hatte. Ein Faustschlag traf seinen Bauch, dann seine Rippen.

    „Wie kannst du es wagen, herzukommen!“ Sein Gegner fand schnell einen grausamen Rhythmus. Ein Schlag ins Gesicht, dann noch einer, ein dritter, und dann hievte der große Mann seinen zitternden Körper wieder hoch und drückte ihn erneut gegen den Sockel, um weiter auf ihn einzudreschen. Etwas unter seiner Haut gab nach, ein Blutgefäß, ein Knorpel oder ein Knochen irgendwo in seinem Gesicht. Lafayett verlor die Sicht auf seinem linken Auge, vielleicht für immer. Aber er konnte die Stimme seines Peinigers immer noch fluchen hören.

    „Du perverser Scheißkerl! Das ist alles deine Schuld! Du hast ihn umgebracht!“

    Eine Mischung aus Blut und Magensaft staute sich in seiner Kehle, und selbst wenn er in der Lage gewesen wäre, um Gnade zu flehen, war er nicht mehr sicher, dass er sie überhaupt wollte. Phillipe hätte ein langes, glückliches Leben haben können, nur nicht mit ihm.

    Ein Schlag ins Gesicht, dann noch einer, aber der nächste blieb ihm erspart. Der weiße Friedhof wurde dunkel und die wüsten Beschimpfungen verschwommen zu einem vagen Rauschen im Hintergrund.

    „Ist er tot!?“, krächzte eine hysterische Frauenstimme.

    Eine blutige Hand packte sein Haar und hob seinen Kopf an.

    „Nein, Liebes. Alles in Ordnung. Sei ein Schatz und warte beim Auto, ja? Ich rufe einen Arzt.“

    „Er wird uns anzeigen!“

    „Es wird alles gut. Überlass das mir.“

    Lafayett versuchte, seine Arme und Beine unter seinen Körper zu ziehen und sich irgendwie hochzustemmen, aber etwas an seiner Flanke war angeschwollen und schmerzte, wann immer er es schaffte, sich auch nur ein kleines Stück vom Boden zu entfernen. Der Geschmack von Eisen kroch über seine Zunge und das Atmen wurde immer schwieriger. Es fühlte sich an als wäre in seinem Brustkorb kein Platz mehr für seine Lungen.

    „Das ist für den Schmerz, den du meiner Frau und mir bereitet hast!“ Monsieur Dupont zog sein rechtes Knie an und trat ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Lafayetts Körper gab auf und seine Sinne drifteten weg. Schnee verdeckte langsam den leblosen Körper unterhalb der Engels-Statute und die Spuren des Verbrechens.

    --


    Lafayett erwachte an einem gleißend hellen Ort. Kühles Licht blendete ihn und er war frei von all seinen Wunden. Er blinzelte und nahm sich Zeit, seine Augen an die merkwürdige neue Umgebung zu gewöhnen. Sein Mund fühlte sich trocken an und ein seltsamer, saurer Geschmack saß auf seiner Zunge, als ob er für eine lange Zeit geschlafen hätte.

    Sein Blick schweifte umher und er bemerkte, dass ihm dieser Ort vertraut war. Er war noch immer auf dem Friedhof. Zuerst dachte er, die Sonne wäre aufgegangen, aber als er den Kopf in den Nacken legte und in den Himmel sah, fand er den Halbmond zwischen Milliarden von neuen Sternen, so klar und so dicht beieinander, dass sie den Nachthimmel wie glitzerndes Silber aussehen ließen. Er sah sich weiter um und stellte fest, dass er die Bäume, die Grabsteine und die Kapelle so deutlich wahrnahm, als wäre es ein helllichter Tag.

    „Hallo? Ist jemand hier?“, rief er in der Hoffnung, dass ihn vielleicht jemand auf der anderen Seite der Friedhofsmauer hören würde. Dann erstarrte er plötzlich. Vor dem Grabstein von Phillipe klaffte ein tiefes Loch. Die Blumen und Kerzen waren achtlos zur Seite geworfen worden.

    Sein Verstand und seine Gefühle überschlugen sich, griffen aneinander vorbei wie die Zahnräder in einer defekten Uhr, unfähig, eine Wirklichkeit zu spinnen, die, erklärte, was er sah. „Phillipe?“ Er wusste nicht, warum er diesen rief. Es war nicht logisch, er lauschte. Zunächst verblieb alles still, aber dann raschelte eine der Eibenhecken.

    „Phillipe!“ Er trat näher und schob einen Ast aus dem Weg. Sein Gefährte stand vor einer Gruft mit dem Gesicht von ihm abgewandt. Laffayett machte noch einen Schritt auf ihn zu und streckte seine Hand nach ihm aus. Ein grässlicher Gestank traf ihn wie ein Steinschlag: verwesendes Fleisch. Seine Augen und seine Nase brannten. Dennoch machte er einen weiteren Schritt vorwärts.

    „Phillipe!“ Phillipe regte sich und drehte langsam den Kopf zu ihm.

    Seine hellbraunen Augen waren mit einem schleimigen weißen Film überzogen, wie schmelzendes Wachs. Und seine Lippen hatten sich weit zurückgezogen, sodass seine Zähne zu sehen waren, obwohl er nicht lächelte. Die ehemals sonnengebräunte Haut war grau, mit blauen und schwarzen Flecken überall dort, wo sie am dünnsten war. Eine nässende, aufgeplatzte Naht zog sich seine Schläfe entlang. Phillipe bewegte sich, aber es war kein Hauch von Zweifel in Lafayetts Kopf, dass er tot war.

    Die Kreatur stolperte auf ihn zu. Seine Beine waren dünn und in unnatürliche Winkel verbogen. Die trockenen Zähne klapperten aufeinander und ein gurgelndes Geräusch kam aus seiner Kehle, wie Luftblasen aus zähem Teer. Der Gestank und der Anblick überwältigten Laffayett. Er versuchte, sich umzudrehen und zu flüchten, aber sein Stiefel verfing sich an einer Wurzel, die verdeckt unter dem Schnee gelegen hatte. Er fiel. Das was von Phillipe übrig war, stürzte sich auf ihn und kratzte mit seinen langen, gelben Fingernägeln nach seinem Gesicht, während die verrottenden Kiefer in verfrühten, ziellosen Kaubewegungen aufeinanderschlugen.

    Phillipes Finger bohrten sich mit übermenschlich großer Kraft in die Haut auf Lafayetts Brust und gruben sich tief in sein Fleisch. Er schrie auf, als die Kreatur sich vorbeugte und in seinem Schlüsselbein verbiss. Das Monster zog seinen Kopf ruckartig zurück und riss dabei Haut, Muskeln und Sehnen auseinander wie dünnes Papier.

    Die gelben, splittrigen Fingernägel bohrten sich in seine Schultern und rissen Löcher in seine Haut, während die Kiefer weiter in verstörenden Kaubewegungen aufeinanderschlugen. Zäher, rötlicher Speichel tropfte über die gespaltenen Lippen und tropfte auf Laffayetts Stirn.

    „Lass los!“ Panisch packte er den Hals dieser leeren menschlichen Hülle, um zu verhindern, dass ihm die Zähne das Gesicht abzogen. Zu seinem Erstaunen war er stark genug. Er zog das rechte Bein an, stemmte es gegen Phillipes Bauch und stieß ihn mit einem Tritt von sich weg. Sein Stiefel sank dabei mit einem grässlichen Schmatzlaut, tief in die verwesenden Eingeweide und traf erst auf Widerstand, als er die Wirbelsäule getroffen hatte.

    Die Kreatur taumelte zurück. Ein Teil seiner Innereien hing aus seinem Bauch heraus, als sie mit ungelenken Schritten erneut auf ihn zukam.

    Eine Stimme erklang hinter Lafayetts Augen. Es war seine eigene, aber er hatte nicht gesprochen oder an diese Worte gedacht.

    „Das ist nicht Phillipe. Phillipe ist tot. Nimm den großen Stein.“

    Er sprang auf. Sein Blick wanderte nach rechts. Ein kantiger Stein, so groß wie eine Hutschachtel lugte aus dem Schnee. Das Monster kam näher. Wieder gurgelte und gluckste es aus seinem stinkenden Rachen, als ob es versuchen würde zu sprechen. Lafayett lauschte und versuchte mit aller Macht, Worte zu hören, die er kannte.

    „Er kann nicht mehr sprechen.“ Flüsterte die Stimme zu ihm. „Eure Wege trennen sich hier.“

    Die toten, grauen Finger schnellten vor und versuchten ihn zu packen, aber Lafayett hob den Stein hoch über seinen Kopf und ließ ihn auf Phillipes Schädel niedersausen. Genau auf die Stelle mit der Naht, dort, wo er damals das Gewehr angesetzt hatte, um seiner Andersartigkeit zu entkommen.

    Der verrottete Körper zu seinen Füßen zuckte noch immer. Tränen füllten Lafayetts Augen, als er immer und immer wieder zuschlug. Er zertrümmerte den Schädel, den Brustkorb und alle Gliedmaßen. Nichts von dieser grausamen Parodie seines Liebsten durfte übrigbleiben. Eine seiner Tränen fiel vor ihm in den Schnee und formte einen roten Punkt auf der blütenweißen Decke. War er verletzt?

    Lafayetts Finger fuhren über seine Wangen und Augen, und als er sie ansah, waren auch seine Fingerkuppen rot. Blut?

  • Hey Feron :)

    Sorry. Ich habe das hier aus Versehen gepostet. Das sollte eigendlich ins dark Fantasy- Abteil unter Vampire vin Rankental und nicht in den Weltenbau. ||

    Ich dachte mir schon, dass du dich hier vertan hast. Vielleicht bittest du einfach einen der Mods darum, den Beitrag und die dazugehörigen Antworten darauf in den richtigen Thread zu verschieben? Ich könnte mir vorstellen, dass das geht. :hmm:

    Mein Mann und ich fahren gleich für zehn Tage nach Schweden und ich werde da wohl kein Internet haben.

    Ganz viel Spaß euch und gute Erholung. :)

    Und nun zum aktuellen Part, der mir wirklich richtig gut gefallen hat. Ich habe förmlich mit Lafayett da am Grab gestanden und konnte die Trauer und die Verzweiflung so richtig mitfühlen. Die ganze Szene auch mit Precilla am Anfang geht richtig unter die Haut. Dann der Auftritt der Duponts und die Brutalität, mit welcher Phillipes Vater Lafayett verprügelt. Dessen Gedanken und sein Schmerz, das hast du super eingefangen.:thumbup:

    Im Anschluss der Cut lässt ja einiges an Spekulation zu. Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich passiert, oder ob das eine Art Traumsequenz ist. In jedem Fall ist es fesselnd geschrieben und einfach grausam, aber deshalb auch wieder richtig gut.

    Nein, Liebes. Alles in Ordnung. Sei ein Schatz und warte beim Auto, ja? Ich rufe einen Arzt.“
    „Er wird uns anzeigen!“
    „Es wird alles gut. Überlass das mir.“

    Das hier fand ich ganz interessant. Er schlägt Lafayett brutal zusammen und will dann einen Arzt rufen? Ich kann nicht anders, aber irgendwie werde ich bei deiner Geschichte immer ganz nervös, wenn ich das Wort "Arzt" höre. :fie:

    Ich lese ganz gespannt weiter :gamer:

  • Mein Mann und ich fahren gleich für zehn Tage nach Schweden

    Cool. Erzählt doch später mal wo ihr wart.

    Ich schließe mich dem an was Rainbow geschrieben hat. Genau so habe ich es auch empfunden. Das war ungeheuer mitreißend und gruselig. Ich habe nicht verstanden was mit Philippe passiert ist - solche Kreaturen hatten wir bisher nicht - aber das wirst du vermutlich noch erläutern. Deinen Spoiler habe ich absichtlich nicht gelesen weil ich mich nicht spoilern will ... Ich warte gerne ab bis du es im Text zeigst. Und was ist mit Lafayett passiert? Das ist doch auch nicht normal?

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

    • Offizieller Beitrag

    Feron

    Ich habe den Beitrag und die Antworten darauf in den Geschichtsthread verschoben.
    Nebenbei habe ich den Worldbuildingthread durch ein "- Weltenbau" im Titel ergänz, sodass sie unterscheidbar sind.

    LG Chaos :chaos:

  • Rainbow  Kirisha

    Ich habe entgegen der Erwartungen doch Internet Empfang und kann ab und zu mal rein sehen. Vielen Dank das ihr euch die Zeit nehmt.

    Wenn das euer Wunsch ist dann spoiler ich nicht weiter und erkläre nix. Ihr müsst dann aber warten bis ich aus dem Urlaub zurück bin, ehe dich eure Theorien bestätigen oder nicht.


    Danke Chaos Rising !

    Einmal editiert, zuletzt von Chaos Rising (1. Juni 2024 um 22:04) aus folgendem Grund: Ein Beitrag von Feron mit diesem Beitrag zusammengefügt.

  • Hallo. Ich wollte mich nur kurz melden und mitteilen das ich den Roman noch für eine Weile pausiere. Ich wollte eigentlich nach meinem Schweden-Urlaub weiterschreiben, aber es kommen ständig Dinge dazwischen.

    Ich habe durch verschiedene Beta-Leser (In und außerhalb des Forums) auch die Einsicht gewonnen das die Kapitel mit den Vampiren viel mehr Seiten und Ausarbeitung brauchen. Ich würde das lieber erst in Angriff nehmen bevor ich mehr Kapitel hinzufüge, damit die Balance zwischen Horror und … dem Rest besser wird und ich nicht die falsche Zielgruppe erwische. Euer Feedback hat bis hierher schon sehr geholfen. Es ist toll auch mal geschrieben zu bekommen was an dem Manuskript gut ist, damit ich die positiven Aspekte verstärken und beibehalten kann.

    Mein Plan wäre langfristig weiter zu posten, wenn ich soweit bin und die neuen Szenen vielleicht in Spoilern an zu hängen. So ist das neue Material da, aber niemand der bis hierher mitgelesen hat muss von vorne anfangen. Es tut mir leid, wenn das Umstände macht. Es ist halt nur ein Hobby und ich bin kein Profi. Es würde mich aber freuen weiterhin Kommentare zu lesen.

  • Salut, hier mein Senf zum Besuch im Café und dem Museum:

    Generell ist hier ein eher ruhiger Teil der Geschichte, während wir Layafett bei seinem aristokratischem Alltag begleiten. Die beiden Kapitel zusammen mit dem vorherigen mit dem Fechtunterricht dienen eigentlich alle dem Zweck, dass er etwas über sich selbst lernt. Grundsätzlich habe ich kein Problem damit, es ist ein guter Coming-of-Age-Part. Wenn du aber den Fokus mehr auf den Vampir-Teil deiner Geschichte legen möchtest, könnte man an der Stelle allenfalls etwas kürzen.

    Oder der langweiligste Mann der Welt würde kommen und ihnen einen Heiratsantrag machen, nur weil sie beide dieselben Bücher mochten.

    Uff, zynisch. Gefällt mir!

    Also hatte er begonnen, Erinnerungen aus dem Zusammenzusetzen, was er hatte. Alte Fotos, Spielzeuge, die er von ihm bekommen hatte, alte Geschichten und Anekdoten von Verwandten. Er reflektierte das Bild seines Vaters so zurück, wie sie es sahen. Ein Teil von ihm würde immer ein Denkmal für einen anderen sein, die Reinkarnation eines Fremden, der sein Leben knapp verpasst hatte.

    Den Part mit dem Vater dagegen könnte meinem Empfinden nach noch etwas ausgeschmückter ausfallen. Wenn ich mich recht entsinne, wurde er bisher noch kaum erwähnt obwohl ich das Gefühl habe, er könnte später noch wichtig werden.

    „Du kennst garantiert die Familie De`pont, die Leute, die in die große Villa beim Marktplatz gezogen sind.

    Einmal noch, dann gebe ich Ruhe:

    "Du Pont" oder "Dupont"X/

    Lafayett nickte freundlich und schob drei Franc-Münzen durch die kleine Öffnung im Fenster.

    Ich denke, "drei Franc" genügt. Dass es Münzen sind, sollte klar genug sein.

    Lafayett stemmte sein ganzes Gewicht gegen die Flügel der Doppeltür und verschaffte sich Zutritt.

    Sind die Türen bombensicher?

    Vielleicht konnte er Raum dafür machen und sich selbst eine Staffelei und ein paar Farben zulegen. Dann besann er sich anders. Auf diesem Niveau zu malen würde Jahrzehnte dauern.

    Ich weiss nicht, ob das beabsichtigt ist, finde ich aber sehr passend für Layafett. Er ist wohl jemand, der schnellen Ruhm sucht, für das Erlernen einer Kunst fehlt ihm die Geduld und Bereitschaft, als Niemand zu beginnen.

    Lafayett sträubte sich zunächst dagegen, beeindruckt zu sein. Oberflächlich war es ein alter Klumpen Metall, aber das Werk war auf so eine einzigartige Weise schön, so unantastbar für seinen Zynismus, dass er bedauerte, sie gleichzeitig zum Ersten und zum letzten Mal zu sehen.

    Vielleicht könnte Layafett sich von dem weiblichen Kunstwerk auch unbeeindruckt zeigen? Oder wäre das dann schon zu deutlich?:hmm:

    Der Part mit dem Berühren der Statue gefällt mir. Auch passend, dass es ausgerechnet Hades ist, um wieder zum Dark Fantasy Theme zurückzuführen.

  • Danke Jufington <3

    Ja. Das mit der Malerei soll genau das bedeuten. Lafayett ist zu ungeduldig für Kunst. Und die weibliche Figur sollte ein Kontrast zu der Hades Statue sein. Ich wollte darstellen das Frauen für ihn eben „nur“ platonisch schön sind, damit es nicht zu sehr „aus dem Nichts“ wirkt, wenn der Leser dann erfährt das der Protagonist schwul ist.

    --------------------


    Er hob mit beiden Händen sauberen Schnee auf und rieb ihn fest, fast schon gewaltsam, in sein Gesicht, aber die Kälte änderte nichts. Als er zwischen seinen Fingern hindurchlugte, lag Phillips Körper noch immer vor ihm auf der gefrorenen Erde und seine Familie stand noch immer am Rand des Ruins. Dies war kein Alptraum und er würde nicht enden.

    Lafayett richtete sich auf und sein Blick schweifte rastlos umher. Schnee rieselte erneut aus den dunklen Wolken. Nach einer kleinen Ewigkeit setzte er schließlich einen Fuß vor den anderen, aber wenn er ein Ziel hatte, war er sich dessen nicht länger bewusst. An den Rändern seines Sichtfelds lauerte ein Schatten, eine dunkle, wabernde Masse, die verschwand, sobald er versuchte sie anzusehen. Etwas war falsch, so unvorstellbar falsch, als ob er seinen eigenen Körper nicht mehr bewohnte, sondern nur steuerte. Seine Haut fühlte sich zu straff an, fast als ob sie nicht mehr ausreichte, um seine Muskeln zu bedecken. Er hatte ein neues, erschreckendes Bewusstsein für die Adern und Venen, von denen er durchzogen war. Das feine Netz aus Blutgefäßen juckte fast, fühlte sich an wie ein Fremdkörper, separat von ihm selbst.

    Er musste zwischenzeitlich das Tor passiert haben, denn er fand sich auf einer Straße in der Nähe des Marktplatzes wieder. Zwischen den Cafés und Modegeschäften Die Lichter der Straßenlaternen brannten so heftig in seinen Augen, dass er sich davon abwenden und mit gesenktem Blick dem Gehsteig folgen musste, um nicht zu erblinden.

    Ein nervtötendes Klackern rang in seinen Ohren. Er blickte hoch in die blendende Lichtkugel am Ende des Laternenmastes und verfolgte die wackelige Flugroute einer silbernen Motte. Die Bewegung ihrer Flügel passte zu dem Geräusch, das er hörte, aber jeder einzelne Flügelschlag des kleinen Wesens erschien ihm lauter und klarer als ein Gewehrschuss.

    Im Schatten eines Zeitungskiosks kam er zum Stehen. Er hörte die Stimme seines Onkels in der Nähe.

    „Madame Dupont? Bitte vergeben Sie mir die Störung. Ich weiß, es ist spät.“

    Lafayett lugte um die Ecke herum. Auf der anderen Seite des leeren Marktplatzes lag das Dupont Anwesen. Philippes Mutter stand mit Brun an der Leine hinter dem großen Eisentor, welches ihr Pförtner gerade schloss. Gabriel stand vor ihr und rang, trotz des Wetters um Luft, als ob er in seinem Herrenanzug einen ganzen Marathon gerannt wäre.

    „Mein Neffe ist noch nicht nachhause gekommen. Haben Sie ihn heute vielleicht irgendwo gesehen? Seine Mutter ist außer sich vor Sorge. Jeder Hinweis würde helfen.“

    Die eisernen Stäbe bewegten sich quietschend. Das Schloss rastete ein und trennte den dicklichen Mann von der Frau in dem dunklen Pelzmantel. Ihre Hände mit den langen beigen Fingernägeln kreisten umeinander und wickelten die Hundeleine eng um ihre Finger.

    „Tatsächlich habe ich das“, antwortete sie kalt und ohne auf zu sehen.

    Seinem Onkel entging der vorwurfsvolle Unterton in ihrer Stimme. Er hörte nur, was er hören wollte, und in seinen Augen schimmerte falsche Hoffnung.

    „Mein Mann und ich haben ihn heute auf dem Friedhof getroffen. Er konnte nicht mehr gerade laufen und seine Pupillen waren so groß wie Weintrauben. Er hat Passanten um Geld angebettelt und mit Leuten, die ihm nichts geben wollten, Streit angefangen. Wir haben nur schnell eine neue Kerze auf das Grab meines Sohnes gestellt und sind wieder gegangen.“

    Lafayett war noch nie beleidigt worden, jedenfalls nicht so. Er hatte die Feindschaft dieser Frau nicht gewollt, aber sie schüttete ihre Verachtung dennoch über ihm aus, genau wie Clairval.

    Gabriels Schultern sanken ab und er blinzelte mehrmals, als ob er Zeit brauchte, um zu verarbeiten, was er hörte. Entweder glaubte er ihr oder die Lüge traf ihn genauso wie Lafayett selbst.

    „Danke sehr. Einen angenehmen Abend, Madame Dupont“.

    „Ihnen ebenso“, warf sie ihm knapp zu, wie man einem Hund einen Knochen hinwirft, und verschwand dann hinter der Eingangspforte. Sein Onkel rückte seinen Hut gerade und machte sich auf den Weg zurück zum Friedhof.

    Gabriel ging direkt an dem Kiosk vorbei, so dicht dass Lafayett nur flüstern oder nach seiner Schulter hätte greifen müssen. Aber er drückte seinen Rücken gegen die Pressholzwand und schwieg. Er war noch nicht bereit für diese Unterhaltung. Er wusste weder wie er sie beginnen noch beenden wollte.

    „Sie lügt“. Die Stimme, die er auf dem Friedhof gehört hatte, flüsterte erneut zu ihm, kroch durch seinen Schädel und in seine Ohren wie ein schleimiger Parasit. „Sie war dabei, als er dich getötet hat“.

    „Wer bist du?“, flüsterte Lafayett und beobachtete Gabriel, der gerade ein Taxi anhielt und einstieg.

    Der Schatten in seinem Augenwinkel wurde größer. Er fühlte eine kalte Berührung auf seiner Schulter, aber als er hinsah, war dort nichts.

    „Ich bin du“, behauptete die Stimme. „Zumindest jener Teil von dir, der sich nicht einfach so umbringen lässt.“

    Lafayett schloss die Augen und atmete ein. Sein erster Instinkt war es, vehement zu widersprechen, aber er konnte nicht. Aus irgendeinem fürchterlichen Grund wusste er, dass es stimmte. Dieses Ding, was auch immer es war, gehörte zu ihm. Er hatte es erschaffen. Oder war es immer hier gewesen und nun endlich ausgebrochen?

    „Ich bin nicht tot“, stellte Lafayett klar.

    Die Stimme schnalzte verächtlich mit der Zunge und antwortete ihm sarkastisch in genau derselben Tonlage, mit der er sprach, wenn er jemandes Argumente leid war. „Oh, natürlich! Ich bin mir sicher, ein kleines Nickerchen auf dem kalten Boden ist genau das Richtige bei inneren Blutungen“.

    Lafayett fasste sich an das Auge, welches unter den Fausthieben von Phillippes Vater geplatzt war. Die Stelle war weder schmerzhaft, noch geschwollen. Seine Sicht war klar, schärfer sogar als vorher.

    „Ich verstehe das alles nicht“, hauchte er mit weit aufgerissenen Augen.

    „Dann lass mich helfen.“ Er fühlte eine geisterhafte Berührung an seinem Kin. Der Schatten drehte seinen Kopf zum Tor des Dupont Anwesens.

    „Töte sie!“, forderte der Schatten, viel lauter und bestimmter als zuvor.

    Er riss sich los, ließ sich auf den Boden sinken und zog seine Knie dicht an seine Stirn, in einem verzweifelten Versuch, sich gegen diesen invasiven Gedanken abzuschirmen.

    „Das ist Philippes Familie. Er hätte nicht gewollt, dass Ihnen etwas zustößt.“ Er dachte in diesem Augenblick nicht an Philippe. Es war wahrscheinlich wahr, aber es war nur eine Ausrede. Er wollte diese schreckliche Frau und ihren Mann tot sehen, wollte seine Finger um ihren dünnen Hals legen und ihr beim Sterben zusehen. Aber was dann? Wie hätte er weiterleben können, wenn er dieses Verlangen ausgelebt hatte? Er musste besser sein als das.

    „Eine Schande, dass diese Zuneigung so einseitig war, oder?“

    „Ich kann nicht einfach jemanden töten.“ Für einen Wimpernschlag erinnerte er sich, wie er seinen Degen in den Hals des Einbrechers gerammt hatte, um seine Mutter zu beschützen. Er konnte offenbar sehr wohl, wenn es die Situation von ihm verlangte. Der Marktplatz und die übrigen Gebäude um ihn herum erschienen ihm auf einmal sehr weit weg. Etwas rollte über seinen Verstand wie ein dichter Nebel und machte all die Schuld, die er fühlte, weniger scharf, leichter und einfacher zu tragen.

    „Willst du wetten!?“ Der Schatten lachte laut.

    „Nein. Keine Spiele und keine Diskussionen mehr.“ Lafayett presste seine Zähne aufeinander, stand auf und klopfte sich den Schnee von seiner Kleidung. „Ich weiß nicht, wer von uns echt ist, und es ist mir egal. Ich bestimme, was wir tun und was nicht!“

    Für einen kurzen Moment gehorchte die Stimme und er war allein in seinem Kopf. Ein salziger, metallischer Geschmack lag auf seiner Zunge und Lafayett fühlte sich zum ersten Mal seit Langem warm. Seine Zunge fuhr über die Zähne in seinem Oberkiefer und stoppte an einem scharfen Fangzahn so lang wie eine Fingerkuppe.

    „Laffayett…“, säuselte die Stimme lieblich. „Schau auf deine Hände. Ich habe längst gewonnen.“

    Sein Geist wurde wieder klar. Sein Blick sank langsam nach unten auf seine Hände, von denen heißes Blut auf einen neuen roten Perserteppich tropfte. Dies war nicht mehr der Marktplatz. Er erkannte die Fenster, den schwarzen Konzertflügel und den Kronleuchter aus Rothirschgeweihen.

    Er stand im Speisesaal der Duponts, umgeben von zertrümmerten Möbeln und leblosen Körpern. Vor dem Kamin lag Phillippes Butler Fabien, mit einer klaffenden Wunde zwischen seiner Brust und seinem Kin. Seine Finger griffen noch immer nach dem großen, ausgefranzten Loch in seinem Hals. Der alte Mann hatte verzweifelt versucht, die Blutung zu stillen, während ihm sein Leben buchstäblich durch die Finger geronnen war. Ein Hausmädchen mit einer weißen Schürze hing tot in einem zerbrochenen Fenster und Brun, Phillips Jagdhund lag eigenartig verdreht unter dem Tisch.

    Lafayett vergaß zu atmen. Er wollte sich umdrehen und den grausigen Tatort hinter sich lassen, stieß aber mit dem Fuß gegen etwas Weiches: ein nasser, dunkler Pelzmantel. Er streckte die Hand danach aus und zog das Kleidungstück beiseite.

    Madame Dupont war tot. Die Blutgefäße in ihren Augen waren geplatzt und ihr Hals hatte Würgemahle, so tief, dass er die Abdrücke einzelner Finger sehen konnte – seiner Finger. Dicht neben ihr lag Phillippes Vater. Der riesige, muskulöse Mann mit dem grauen Bart hatte sein ganzes Leben lang nichts und niemanden fürchten müssen, aber jetzt im Tod war seine Miene eine Momentaufnahme von unvorstellbarem Grauen. Fünf lange, gerade Schnitte zogen sich durch seinen Bauch und zwischen ihnen quollen gleißende Eingeweide hervor.

    Lafayett drehte seine Handflächen nach oben und blickte auf seine blutigen Nägel. Der Raum zwischen den Schnitten passte genau auf den Abstand seiner gespreizten Finger. Seine Nägel selbst waren scharf und stark. Er zog die Kralle an seinem rechten Zeigefinger links über seinen Unterarm und war entsetzt, wie wenig Druck es brauchte, um seine Haut zu durchdringen und dunkles Blut heraussickern zu sehen.

    Er kannte den Weg nach draußen. Alle Türen, die ihn hätten aufhalten sollen, waren aus ihren Angeln gerissen und nicht mehr oder weniger wert als Feuerholz. Allein das Eisentor war noch geschlossen. Er wollte springen und eine der oberen Querstangen greifen, um sich daran hochzuziehen, aber es war nicht nötig. Sein Sprung war so kraftvoll, dass seine Stiefel direkt oben auf dem Tor aufkamen und er sich lediglich zurück auf die Straße fallen lassen musste.

    Sein Hemd war klebrig und nass. Er zog es über seinen Kopf und warf das blutige Bündel im Vorbeigehen in eine Mülltonne. Eigentlich hätte er armselig frieren sollen, aber da war diese strahlende Wärme, die von seinem Magen ausging. Lafayett fühlte sich wohl, fast besser als noch an diesem Morgen. Etwas trieb ihn an, zog an ihm und lud ihn ein, weiter durch die dunklen Gassen zu streifen. Er war sich nicht einmal mehr sicher, ob er Angst hatte, erwischt zu werden.

    Er zwängte sich zwischen einigen Regentonnen und Feuerholzstapeln hindurch. Das kühle Mondlicht, das zwischen die Häuserschluchten schien, zeigte ihm den Weg, aber ehe er das Ende der Seitengasse erreicht hatte, trat eine Gestalt um die Ecke.

    Der blasse Mann war Mitte dreißig, hatte kurzes, dunkles Haar und einen langen, schwarzen, enganliegenden Mantel.

    „Schau, mein Kleiner…“ begann der Fremde mit monotoner Stimme zu ihm zu sprechen. „Das waren keine netten Leute, aber das hättest du besser nicht tun sollen. jetzt muss ich dich einschläfern wie einen bissigen Hund."

  • Heute gibt's nur ein kurzes Update. Sorry ich hänge mich bald wieder rein und schreibe mehr.

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    Lafayett machte vorsichtig einen Schritt zurück. Autos fuhren in der Ferne vorbei und die Mauern warfen das Echo der Motorengeräusche scheinbar endlos hin und her, bis die Kakophonie der klappernden Maschinenteile beinahe unerträglich wurde.

    Der Fremde kam langsam auf ihn zu und musterte ihn vom Scheitel bis zu den Stiefeln, mit einem verspielten Grinsen auf den Lippen. Lafayetts erster Instinkt war, die Hand über seinen Gürtel zu legen und so zu tun, als wäre dort eine Schusswaffe, die er ziehen konnte, aber er hatte sein Hemd weggeworfen. Es war zu offensichtlich, dass er unbewaffnet war. Bluffen würde dieses nicht Mal funktionieren. Er hasste es, seine Schwäche einzugestehen, aber er hatte auch kaum die Masse und Ausdauer für einen Faustkampf. Ein solches Unterfangen würde nicht anders enden als die Begegnung auf dem Friedhof.

    „Lassen Sie mich bitte zufrieden“, sprach er deutlich und wandte sich ab, um den Weg zu gehen, den er gekommen war. Zwei Schritte, weiter kam er nicht. Dichte weiße Nebelschwaden schnellten links und rechts an ihm vorbei, türmten sich vor ihm auf und gaben das Antlitz des blassen Mannes preis, als hätte er immer genau dort gestanden.

    Ein Arm schoss vor und griff Lafayetts Gesicht. Die Fingernägel des Fremden gruben sich rechts und links in seine Backen und stemmten seine Kiefer gewaltsam auseinander. „Zeig mir deine Zähne, Streuner!“, befahl er, die Augen zu kleinen Schlitzen verengt. Die monotone Stimme hallte wie Donner in Lafayetts Ohren.

    Lafayett griff das Handgelenk seines Gegners und stieß sich mit ganzer Kraft vom Boden ab, um ihm einen Tritt zu versetzten. Seine Stiefel trafen, was er für den Magen hielt, aber es fühlte sich an, als ob er versucht hätte, einen Banktresor einzutreten. Unnachgiebig und hart wie Stahl.

    „Ich sage: Zeig. Mir. Deine. Zähne!“ Er schwang Lafayett herum und schmetterte ihn im Takt mit jedem einzelnen Wort gegen die dreckige Backsteinwand. Sein Schädel konnte jede Sekunde zerbersten, aber etwas ganz Anderes gab zuerst nach.

    Ein Knurren stieg in Lafayetts Kehle auf, irgendwo von ganz tief in seinem Innern. Er hörte auf zu zappeln und sein eigener Griff um das Handgelenk seines Peinigers zog sich zu wie eine Schraubzwinge. Seine neuen scharfen Krallen bohrten sich durch den schwarzen Stoff und die fahle Haut darunter, tief in das Fleisch, bis er fühlte, dass er die Spitzen auf Knochen drückte. Seine Eckzähne schoben sich hoch, sodass der Fremde seinen Wunsch bekam. Vor seinem geistigen Auge sah er sich selbst, wie er diesem Ungeziefer die Arme und Beine ausriss. Der Schatten, der seit dem Friedhof nicht von seiner Seite gewichen war, saß nun hinter seinen Augen und sie beide brüllten mit derselben Stimme: „LASS LOS, ODER ICH WERDE DICH TÖTEN!“ Und er meinte es mit jeder Faser seines Körpers. Er hatte Phillipe geliebt und was ihm geblieben war, war die Liebe für sich selbst. Er würde kämpfen, weil er es Wert war, sich zu retten.

    Eine Sekunde verstrich, dann noch eine, dann lockerte sich der Griff um seine Wangen und sein Widersacher zog seinen blutenden Arm langsam zurück. Das verspielte Grinsen war verschwunden und die dünnen Augenbrauen zogen sich stattdessen nachdenklich zusammen.

    „Mein Name ist Leander“, sagte er und deutete auf sich selbst. „Und was man dir angetan hat, tut mir aufrichtig leid.“ Lafayett entschied, dass er die unnatürliche Stimme nicht mochte. Die monotone Tonlage machte ihn ruhig, und das war das Letzte, was er jetzt sein wollte. Leander führte sein aufgerissenes Handgelenk an seinen Mund und leckte über die Wunde, ohne den Blickkontakt zu ihm, abzubrechen. Die Ränder der blutigen Löcher zogen sich wie in Zeitraffer zusammen und binnen weniger Sekunden war dort nichts mehr zu erkennen, nicht einmal eine Narbe. Allein die Löcher in den Ärmeln des maßgeschneiderten Anzugs blieben zurück.

    „Ich will, dass du mir folgst“, erklärte Leander und deutete mit einer fließenden Bewegung auf die Kreuzung am Ende der Gasse, wo eine Kutsche wartete. „Könntest du das tun?“

    Lafayett starrte in die Augen des Mannes. Er wollte ablehnen, aber Widerstand zu leisten erschien ihm plötzlich unwahrscheinlich schwer und sinnlos. Jedes Mal, wenn einer der tausend Gründe, es nicht zu tun, sich einen Weg an die Oberfläche bahnen wollte, verwelkte er wie eine Pflanze ohne Wasser und ließ Folgen als einzige logische Option zurück. Kurz darauf erwischte er sich selbst, wie er auf die Kutsche zuging, gelassen und mit den Händen in seinen Taschen. Er fuhr sich mit der Zunge über die Zähne und stellte fest, dass die langen Fangzähne noch immer da waren.

    „Du musst dich entspannen“, flüsterte sein Gastgeber in sein Ohr, als ob er alles mitbekommen hätte. „Die Zähne ziehen sich zurück, wenn du satt bist und dich sicher fühlst.“

    „Dann bleiben sie wohl noch eine Weile an der frischen Luft“, blaffte Lafayette und begann endlich gegen den erdrückenden Trance-Zustand anzukämpfen. Er wollte nicht einsteigen und er würde nicht.

    Leander unterdrückte ein Lachen, so heftig, dass seine Schultern bebten. „Du siehst aus wie eine verhungerte Version deines Vaters, weißt du das?“