Himmelsjäger [2. Fassung]

  • @Tariq Ich kann das voll und ganz nachvollziehen. Früher hab ich auch hier im Forum korrigiert, aber irgendwann wurde das Fehler suchen zu stressig, weil es hier nicht wie bei meinem Dokument Suchen/Ersetzen gibt - und andersrum mit Copy Paste wie kalkwiese sagt, eben kursiv und Formatierung flöten geht. Und da es nur einmal unter hundert bis zweihundert usern jemanden wie dich gibt, die sich auch an fortgeschrittene (und lange) Geschichten wagt, hab ich damit dann auch aufgehört, die Parts im Forum zu korrigieren. Weil das was gefunden wurde, war gefunden und Späteinsteiger gab´s ja eh nicht x)
    Kann aber natürlich vollkommen deinen Einwand verstehen. Da ich mich hier auch angesprochen fühle, werde ich meinen Startpost eben editieren.


  • „Kaum ein Geschöpf ist wohl jemals so behütet aufgewachsen, wie eine Fee – damals, vor Hunderten von Jahren“, begann der Alte, und schien mit jedem Wort weiter in die Geschichte hineinzudriften. „Feen, müsst ihr nämlich wissen, kannten keine Gefahr, keine Feinde, keinen Krieg. Nichts dergleichen. Schließlich waren – und sind – Feen die vollendetsten und makellosesten Geschöpfe, die auf dieser Erde wandeln. Das würde man zumindest zu hören bekommen, wenn eine danach fragen würde, haha!“
    Der Alte war ganz in seinem Element. Die Geschichte sollte sich formen und alle Anwesenden wussten bereits, dass sie nur blühen konnte. Sie sahen es am Leuchten in seinen Augen. Es bestand kein Zweifel.
    Ein Schmunzeln konnte Paavo nicht zurückhalten, und in seinen Augenwinkeln sah er, dass sich auch Fadi zumindest ein dünnes, müdes Lächeln abrang.
    „Ihr seht schon, sie hatten eine sehr hohe Meinung von sich selbst. Verständlicherweise. Mit ihren magischen Fähigkeiten wachten sie über die Wälder – kein Tier hätte jemals eine Fee angegriffen. Und Menschen? Pah! Niemandem war es jemals gelungen, eine Fee gefangen zu nehmen, geschweige denn eine zu töten. Niemand konnte es mit ihren flinken Bewegungen, und nicht zuletzt mit ihrer Magie, aufnehmen, nein. Wer eine Fee provozierte, war nicht nur dämlich, sondern wurde auch ein hilfloses Opfer ihrer Willkür. Was selten gut geendet hat …“, unterbrach sich der Alte und zuckte mit den Schultern.
    „Die Feen sahen sich als die direkten Kinder von Mutter Natur selbst. Die Krone der Schöpfung. Unter den magischen Geschöpfen haben sie das Sagen. Und betrachtet man ihre Fähigkeiten, wirkt das plötzlich nicht halb so überheblich, als würde ein Mensch das von sich behaupten.“
    Die letzten Worte sprach der Alte nicht ohne eine Gewisse Genugtuung in seinen Worten. Man konnte ihm die Freude daran ansehen; leidenschaftlich dirigierte er seine Worte und nahm mit Befriedigung jede Reaktion seines Publikums zur Kenntnis.
    Dieser Mann sollte ein Spion des Gutsherrn sein? Paavo schüttelte innerlich den Kopf. Nie im Leben!
    „Diese Legende, die ich euch erzählen möchte, ist die Geschichte eines besonderen, kleinen Feenjungen, namens Jaakuna.
    Zunächst wuchs er wie jede gewöhnliche Fee auf, war eines von vielen Kindern und wurde früh zu einem emsigen Arbeiter erzogen. Er sammelte heruntergefallene Zweige, Früchte und Nüsse, half Häuser zu bauen und zu reparieren oder versorgte verletzte Tiere.
    Wöchentlich fanden sich alle Feen zusammen und sprachen Gebete an Mutter Natur. Anschließend dankte man der Feenältesten für ihre Führung und bekannte, welche Ehre es war, der Kolonie zu dienen. Denn für die Kolonie war man immer selbstlos, müsst ihr wissen! Und da die Feen keine natürlichen Feinde hatten, waren sie den Großteil ihrer Existenz damit beschäftigt, ihre eigene Art unter Kontrolle zu halten. Was hervorragend funktionierte.
    Jeder einzelne unterwarf sich bereitwillig, um sich aufzuopfern. Die Gemeinschaft und die Zugehörigkeit waren das größte Geschenkt. Diese Blindheit für einen selbst finde ich fast schon bewundernswert.“
    Er streute ein müde klinges Lachen ein.
    „Natürlich blieben sie dabei die verspielten Kerlchen, die wir aus unseren Märchen kennen. Versteht das bloß nicht falsch. Aber gelebt haben sie wie in einem Kloster!
    Vor allem aber war Jaakuna ein glücklicher Feenjunge. Eigentlich ist es gar nicht nötig das zu erwähnen, denn so etwas wie eine unglückliche Fee existierte schlichtweg nicht.
    Ihr werdet nun vielleicht denken, dass daran etwas faul ist. Da muss doch irgendwo eine Ungerechtigkeit lauern. Oder gar Tyrannei. Aber dem ist nicht so, was ich da sage stimmt tatsächlich. Außerdem kann man die Moral der Feen nicht so leichtfertig der der Menschen zu vergleichen. Zumindest nicht in Anwesenheit einer Fee, wenn sie einen Ernst nehmen soll. Ihr versteht das Dilemma, über die Jahrtausende hinweg haben die Feen so gelebt, von uns werden sie sich eh nichts sagen lassen. Gehorsam liegt ihnen im Blut wie uns Menschen das Mitgefühl.“
    „Oder der Hass!“, warf jemand von weiter hinten ein.
    Paavo blinzelte irritiert, nicht wegen der Worte seines Mitsklaven, sondern weil der Redefluss des Alten so plötzlich zum Stillstand kam.
    „Was auch immer!“, wischte der Alte die Worte beiseite, als wären es nur lästige Fliegen und quittierte sie mit einem Schmunzeln.
    „Eines Tages dann, als Jaakuna und sein kleiner Bruder Shuuji abseits des Dorfes im Wald spielten, passierte es. Jaakuna hatte sich versteckt, sein Bruderi hielt sich die Augen zu und hatte gerade das Zählen beendet. Da schloss sich der Sack um ihn. Der kleine Shuuji war gefangen.
    Es gab laute Freudenschreie. Eine Gruppe von Hexenmeistern hatte soeben die erste Fee überhaupt eingefangen. Durch jahrelange magische Forschung war es gelungen, ein perfektes Gefängnis für Feen zu erschaffen, bei dem die Magie des Gefangenen nahezu wirkungslos war. Leider wusste der kleine Shuuji das nicht und strampelte und zerrte und kämpfte um sein Leben – völlig vergeblich.
    Jaakuna konnte Shuujis traurigen, kleinen Schreie hören und spürte, wie sie sich Knochen um Knochen seine Wirbelsäule entlangfroren, dass sich alle seine Haare aufstellten. Gedanken von Mut und wie er aus seinem Erdloch, in dem er sich versteckte, herauskletterte, um seinem Bruder zu helfen, rasten ihm durch die Adern.
    Es ließ ihn zitternd in seinem Versteck zurück. Gelähmt war er gezwungen, dem leiser werdenden Kampf seines Bruders zu lauschen, während die Hexenmeister mit ihrem Triumph davonzogen und der Wind in den Baumkronen rauschte, als hätte er von alldem nichts mitbekommen. Aber lasst euch das gesagt sein: Der Wind ist ein Lügner!
    Es war spät am Abend, als man Jaakuna endlich fand.
    Kurz darauf wurde eine Versammlung aller Feen der Waldkolonie einberufen, bei der sie der Ältesten lauschten. Sie war natürlich die Anführerin, und für gewöhnlich waren ihre Worte aus glattpoliertem Stein – so kühl und so sorgfältig gewählt, dass sie niemandem wehtun konnten und dabei mit genug Gewicht, um allen Anwesenden in Erinnerung zu bleiben.
    Aber dieses Mal war es anders. Das Thema war so prekär, so explosiv, dass es die heile Welt der Feen – die einzige, die sie je kennen gelernt hatten – aus den Angeln hob. Es war nichts mehr und nichts weniger als das Ende der Unantastbarkeit der Feen. Die Menschen hatten sich weiterentwickelt, nun würden die Feen reagieren, aus ihrem Trott ausbrechen müssen. Zum ersten Mal seit vielen Jahrhunderten. An diesem Punkt wusste selbst die Feenälteste nicht, was die richtigen Entscheidungen sein würden.
    Denn trotz ihres rhetorischen Talents konnte sie nicht verhindern, die Menge mit ihren Worten aufzuwühlen. Noch während sie sprach schwoll das Raunen in der Menge langsam an, die Verwirrung, die Orientierungslosigkeit war allgegenwärtig.
    Weit hinten saß Jaakuna, allein, kauerte sich noch immer zusammen. Die Worte der Ältesten verebbten für ihn schon bald in einem betäubenden Rauschen, mit dem seine Umgebung langsam in die Ferne entschwand. Fort aus seiner Welt. Bis er nur noch seinen Herzschlag hörte. Und jeder Schlag rief ihm wieder die Schritte der Hexenmeister in den Sinn. Das Rascheln der Büsche. Das Flehen, das aus dem Beutel drang, und das rauschende Seufzen des Windes. Nichts von all dem wollte aufhören, es kam wieder und immer wieder.“
    Seit mehreren Minuten hatte nun keiner der Zuhörer es gewagt, einen Laut von sich zu geben. Die Düsternis der Geschichte ließ Paavo schaudern, und Fadi – vor allem aber Eri – musste es ähnlich gehen.
    „Viele Jahre vergingen seit diesem schrecklichen Tag und Jaakuna wurde eine erwachsende Fee. Seither hatte man eine Ausgangssperre verhängt, nach der sich besonders die jungen Feen nicht mehr vom Dorf entfernen durften. Noch ein paar Jahre lang konnte man immer wieder Hexenmeister durch die Wälder der Feen irren sehen, aber keiner Fee war seitdem wieder ein Unglück passiert. Denn: Eine Fee zu fangen und eine zu finden waren zwei völlig unterschiedliche Herausforderungen! Und eine war unmöglicher als die andere.
    Irgendwann kamen die Menschen immer seltener, bis es in den nördlichen Wäldern schließlich still wurde.
    Bei den Menschen hatte es einen Krieg gegeben und viele hatten sterben müssen. Die Stämme, aus denen die Hexenmeister stammten, wurden von der Armee des alten Kaiserreiches angegriffen.
    Für die, die es nicht wissen, das ist der Vorgänger des Ortes, an dem wir jetzt eben.“
    Ahhh!, ging es durch die Lauschenden und Paavo stimmte mit ein.
    „Nachdem die Hochburgen der alten Stämme gefallen waren – eine davon war übrigens genau auf dem Boden, auf dem wir gerade sitzen –, galt auch das Wissen ihrer Hexenmeister als verschollen.
    Seither verirrte sich kein Zauberer oder Alchemist, ob er nun zum Kaiserreich oder zu Sonstwem gehörte, mehr in die nördlichen Wälder. Wanderer oder Reisende sah man ebenfalls nur noch selten, weshalb man den Feen wieder erlaubte, allein in den Wald zu gehen. Die Welt schien wieder ganz, die Risse verheilt.
    Auch Jaakuna hatte viel Zeit zum Heilen gehabt. Die Trauer um Shuji war geblieben und man sah ihn oft allein im Wald. Dort besuchte er ihre letzten gemeinsamen Momente, doch den Schmerz und die Angst schien er tatsächlich hinter sich gelassen zu haben.
    Eines kühlen, grausigen Morgens allerdings, sollte sich alles ändern. Als die Vertrauten der Ältesten unseren Jaakuna umstellten. In einer Höhle, tief im Wald verborgen. Darin war ein verstecktes Massengrab, eine Grube voller Mord, Moder und Menschen. Und was einmal Mensch gewesen war. Jaakuna direkt davor.
    Die Älteste war es, die als Erste vortrat.“
    Der Alte räusperte sich.
    „‚Jaakuna, das muss endlich aufhören. So viele Opfer nun schon … Sieh dich doch an! Du hattest deine Vergeltung. Komm wieder zu Sinnen. Feen töten nicht!‘
    Doch Jaakuna schob ihre Worte beiseite.
    ‚Ich hatte Vergeltung? Einen Scheiß hatte ich! Die Hexenmeister sind schon lange tot, an wem sollte ich mich da rächen? Nein. Diese Leute hier…‘
    Er wies auf die Grube hinter sich.
    ‚An denen habe ich keine Vergeltung geübt! Ich habe das für die Kolonie getan. Nun traut sich kaum noch jemand in diesen Wald hinein. Und die werde ich auch noch vertreiben. Es ist notwendig, mittlerweile fürchtet man unser Reich. Die Kolonie war noch nie so sicher, wie sie es jetzt ist. Älteste, seid mir besser dankbar!‘
    Sie wich sofort zurück. So sprachen keine Feen. So sprach Wut, fauchte Hass. So keifte Jaakuna, der schon längst keine Fee mehr war.
    ‚Ihr habt es die ganze Zeit gewusst, nicht wahr?‘, setzte er erbost nach. ‚Gewusst, von meinem Werk? Und was hat euch daran gehindert, mich aufzuhalten? Gebt es zu. Ihr habt es gebilligt!‘“
    Die Hingabe mit der der Alte ihre Stimmen imitierte entzückte Paavo geradezu, trotz des ernsten Inhalts.
    Ob dem Alten diese Geschichten genauso helfen, wie uns?, fragte er sich. Und dann erinnerte er sich an Fadis Worte.

    Doch in diesen fünf Jahren, das schwöre ich dir! Habe ich den Alten nicht ein einziges Mal auf dem Feld arbeiten sehen.
    „‚Nein!‘, entfuhr es der Ältesten, ‚Feen töten nicht! Niemals habe ich so etwas gebilligt! Ja, ich ließ dich gewähren. Aus reiner Güte. Weil du deine Taten bald einsehen würdest. Schließlich liegt noch immer der Segen von Mutter Natur auf dir. Dich vor Gericht zu ziehen wäre eine Schande für unsere gesamte Art. Noch hat man eine Fee verurteilen müssen.‘
    Kopfschütteln. Doch Jaakuna lachte.
    ‚Und genau da liegt es begraben, nicht wahr? Schande!‘
    Sein Brüllen donnergrollte an den Wänden, reichte bis in den Wald hinein.
    ‚Die Feen. Die reinen Feen! Der Segen, die Lebensmutter! Ihr seid so überheblich, so dement vor Ehrfurcht! Allein, wenn ich euren Worten lausche, wird mir übel. Soll die Mutter euch doch endlich zu sich holen!‘
    Stille. Jaakunas feurige Worte hatten den Atem aller Anwesenden aufgezehrt.
    Langsam erhob Jaakuna nun die Hand, gebot ihnen, weiter zu Schweigen.
    ‚Ihr habt euch hier versammelt, um mich aus der Kolonie zu tilgen, nicht wahr? Ihr wollt meine Unreinheit vernichten, um die eure zu bewahren. Das war abzusehen. Aber ich werde nirgendwo hingehen. Nein. Ihr werdet mit mir kommen!‘
    Fingerschnippen.
    An diesem Tag wütete eine Feuersbrunst im nördlichen Wald, geschürt von Wut und Hass. Genährt von Trauer. Tiefer, tiefer Trauer. Und weder Jaakuna, noch die Ältesten oder ihre Vertrauten, sollten wieder zur Kolonie zurückkehren. Doch auch ohne ihre Älteste gelang es den Feen, die Flammen zu bändigen, bald zu zähmen und schlussendlich zu löschen.“
    Vielleicht bildete Paavo es sich ein, aber irgendwo versteckt, weit hinten in der Stimme des Alten, zitterte eine ungewohnte Traurigkeit.
    „Niemand wusste, was genau sich dort in dieser Höhle zugetragen hatte. Der Eingang, die Felsen waren zersprengt, zersprungen, die Trümmer weit in den Wald hinein gestürzt und das Massengrab bis zum Staub niedergebleicht. Keine Trümmer, keine Asche hatten am Brandherd überlebt. Von den Toten fehlte jede Spur. Doch beim leblosen, dumpfen Anblick dieses Ortes, meinte man noch ihr Flüstern vernehmen zu können.
    Und von diesem Tag an, so hieß es, irrte ein Schatten durch den nördlichen Wald. War flink und wendig, das Antlitz so feenschön und so menschenscheußlich zugleich. Die Ohren, die Nase waren spitz, der Körper lang, einem Menschen gleich und die Haut mit Narben übersät.
    Oft sahen ihn Wanderer, ließen sich locken, mit Gesang und Tanz. Und wer von ihm zurückzukehren vermochte, der sah ihn noch wochenlang, immer dann und wann, wenn er die Augen schloss. Hörte seine flinken Schritte hinter sich, wenn mit sich allein war. Sah ihn böse grinsen. Und hörte in der Ferne die erstickten Schreie seiner ehemaligen Weggefährten.
    Die Menschen nannten ihn ‚Albträumer‘ und ‚Irrsänger‘. Doch die Feen wussten im Stillen, dass Jaakuna dieser Schatten war.
    Mit einem Loch statt einem Herzen.
    Mit einem Körper aus Trauer, geschmiedet in Hassflammen.
    Noch immer Rache nehmend.
    Ohne Sinn.
    Aus ureigener Natur.
    Fortan sollte ‚Jaakuna‘ kein Name mehr sein.
    Die Worte ‚Jaakuna Yosei‘ bedeuten unter seinen Artgenossen heute ‚Böse Fee‘.
    Man sagt, dass sich die Feen bald weiter in den Norden zurückgezogen hätten und sich seit diesem Vorfall von den Menschen fern hielten. Natürlich ist das mittlerweile mehrere hundert Jahre her und niemand kann sicher sagen, was damals tatsächlich passiert ist.
    Aber seither hat kaum ein Mensch wieder davon berichten können, einer Fee begegnet zu sein. Schlimmer noch, dieses so bedeutende Volk wurde bei uns Menschen zu einem Märchen degradiert.
    Stattdessen werden immer wieder Wanderer angetroffen, die in völlig aufgelösten Worten vom Albträumer sprechen.“
    Die Geschichte endete.
    Und niemand traute sich zu atmen.
    „Zum Glück sind das nur Märchen!“, lachte der Alte, und die Menge, die sich langsam im ihn gebildet hatte, atmete endlich auf.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

    2 Mal editiert, zuletzt von kalkwiese ()

  • Oh wow, Kalki, das ist toll geworden. Da hat sich das lange Warten echt gelohnt!!
    Du erzählst mit wundervollen Bildern...
    Besonders am Ende, als du das Feuer und all das danach kommende beschreibst, bleibt einem der Atem weg.
    Ich hab am Anfang noch ein paar Kleinigkeiten gefunden, aber im Laufe des Weiterlesens hatte ich nicht mehr auf sowas geachtet.


    Eine echt schöne Fortsetzung. Bin schon gespannt, was noch kommt (und ob der Alte wirklich ein Spion ist :spiteful: )
    VG Tariq

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Jaakuma klingt nach Sasuke xD Witzig, dass Akuma im japanischen auch "Dämon" heißt ^^ Bewusst so gewählt?
    Okay, es gab also mal so eine kleine aggro revenge Fee. Die Frage ist, ob dieser Jaakuma immer noch lebt. Du wirst diese Geschichte ja nicht ohne Grund erzählt haben.



  • Mit den letzten Worten des Alten setzten sich nun auch die Aufseher in Bewegung, die bis eben selbst noch gelauscht hatten. Sie scheuchten die Sklaven zurück in Richtung Zwinger; seltsamerweise deutlich sanfter als gewohnt.
    Paavo wandte sich noch einmal zum Alten um. Die anderen Sklaven strömten an ihm vorbei, das Feuer war gelöscht und ein eine dicke Qualm Säule bauschte sich langsam gen Himmel, wo eben noch das Feuer gebrannt hatte.
    Doch der Alte war längst in der Menge untergegangen.
    „Habt ihr das mitbekommen?“, murmelte Fadi abfällig. „Wie er geredet hat? Als ob er tatsächlich an Feen glaubt.“
    Er seufzte.
    „So ein Müll, wirklich. Und, Kleiner, du musst nicht so lange nach ihm schauen. Bestimmt hat er sich längst in sein warmes Zimmer, im Gutshaus, verkrochen.“
    Ertappt kehrte Paavo dem Qualm den Rücken zu, Fadis Blick meidend.
    „Mir hat die Geschichte jedenfalls gefallen“, gab er ein wenig trotzig zurück. „Niemand hätte das so erzählen können wie er. Das macht ihn doch so gut. Es gibt keinen Grund, gleich so negativ zu werden.“
    Im nächsten Moment bereute er die Worte bereits.
    „Wie du meinst, Kleiner. Aber pass auf, dass du in zwei, drei Wochen nicht plötzlich wirklich an Feen, Lichtwesen und sprechende Steine glaubst.“
    Paavo kam nicht umhin, die salzige Priese Spott herauszuhören, besonders deshalb nicht, weil Fadi sie ihm so ins Gesicht pfefferte. Kopfschüttelnd schob er sich an ihm vorbei, zu seiner Zelle. Gerade wollte er noch eine gute Nacht wünschen. Da erhoben sich schüchterne Worte.
    „Aber … Es gibt doch Feen …“, murmelte Eri.
    Kies knirschte, Fadi wirbelte entsetzt zu ihr herum.
    „Jetzt sei still. Du brauchst dringend Schlaf.“
    Dann griff er ihre Hand und schob sie zu ihrer Zelle.

  • Die anderen Sklaven strömten an ihm vorbei, das Feuer war gelöscht und ein eine dicke Qualm Säule bauschte sich langsam gen Himmel, wo eben noch das Feuer gebrannt hatte

    Qualmsäule

    Kopfschüttelnd schob er sich an ihm vorbei, zu seiner Zelle.

    ohne Komma


    Och Kalki, der Part war viel zu kurz X( Aber sehr aufschlussreich. Da wollte Fadi Paavo wohl etwas ausreden, von dem er weiß, dass es stimmt und Eri hat sich verplappert :D



    Böse Fee hat Google Übersetzer auch bei mir ausgespuckt, ich konnte es halt nicht ganz herleiten, ich kannte eben nur Akuma = Dämon. Und jetzt wo du es sagst ... Chisai ist japanisch für klein. Obwohl es eines der ersten Worte war, die ich lernte, hab ich s mit Chisana nie in Verbindung gebracht xD Bei Jaakunas kleinen Bruder versagen meine Übersetzungskünste total, weil Kanji fehlen. Shuuji könnte "Wochenenangelegenheit" heißen ... oder auch nicht. Shuu ist jedenfalls Woche und Ji ist Angelegenheit. Kann bestimmt aber auch etwas anderes sein, je nachdem, ob es denn die Kanjis dafür sind :D


  • Der Gutsherr


    Die Wolken störten.
    In den sieben Jahren, die Irkas von Jagernand nun schon Gutsherr und Bauernfürst war, hatte er sich, wenn er ehrlich war, kaum um die Hofgeschäfte gekümmert. Zum Glück war da Pahana – die Hausdrachendame mit dem eisernen Kehrbesen – die ihm bereitwillig die Geschäfte abnahm, damit alles bleiben konnte, wie vor seinem Amtsantritt. Und doch war er aufmerksam geblieben. Mehr als einmal hatte er ihr über die Schulter geschaut. Darum wusste er genau.
    Die Wolken störten.
    Denn Regen war gefährlich. Er konnte die Ernte vernichten.
    Und die Ernte bedeutete Vermögen, Einfluss. Bedeutete Macht.
    Damals hatte der letzte Gutsherr im Sterben gelegen, als die Nachricht Irkas‘ Eltern erreichte. Sie herrschten ihrerseits über das Herzogtum zu Jagernand (das vom Kaiserreich quasi als Kolonie gesehen wurde). Kinder hatte der alte Gutsherr keine gehabt und seine Geschwister waren anderweitig eingebunden gewesen. Nun hatte man den von Jagernands das einmalige Angebot gemacht, das rückständige Bauernfürstentum zu übernehmen und endlich Teil des Reichsadels zu werden. Entsprechend groß war die Freude über das baldige Dahinscheiden dieses syphilitischen Despoten.
    Das war schon so lang Ziel der Familie gewesen. Wiederholte Mühen sich einzuheiraten hatten ihnen zumindest zum Vasallenstatus verholfen – man kümmerte sich fleißig darum, neue Sklaven für die Felder in Waldenfeldt und dem Bauernfürstentum zu organisieren. Generationenlang war man vor den anderen Fürsten gekrochen und endlich machte es sich bezahlt.
    Für Irkas war es ein Gefühl von Pflicht gewesen, das ihn das Erbe seiner Vorfahren antreten ließ – beziehungsweise ein lästiges Pflichtbewusstsein, das sich hier am Hofe einfach verflüchtigt hatte, wie eine offen stehengelassene Phiole voll Ammoniak.
    Bis vor Kurzem.
    Mit einem sachten, sicheren Nicken, wandte er sich von den Wolken ab und trat vom Fenster zurück.
    Er war bereit.
    Seine Forschungen waren fast beendet.
    Ergebnisse bereits jetzt befriedigend.
    Briefe waren geschrieben und versendet.
    Es würde Bewegung in diesen Hof kommen, die letzten sieben Jahre waren es wert gewesen. Man sprach im Zusammenhang mit Arbeit gern von Ernte und Früchten, doch Irkas hatte schon die Plantagen im Sinn, die er damit anlegen würde. Zum Zufriedensein war es zu früh.
    Heute Morgen hatte er ein Treffen aller wichtigen Leute am Hof einberufen. Aller wichtigen Leute abgesehen von Pahana.
    Gleich würde ihre Aufsicht enden. Und wenn der Gutsherr Recht behielt, würde sie dann schnaubend seine Bürotür stürmen.
    Sein Blick tastete kurz den sauberen, gut sortierten Schreibtisch ab und wanderte dann zur Tür. Von draußen drangen die Gespräche von ein paar Haussklaven in seine Ohren – sie hatten gerade den Innenhof betreten und genossen ihre freie Stunde vor der Bettruhe.
    Vor seinem inneren Auge konnte Irkas sehen, wie die Sonne immer tiefer sank, ihr rotes Tuch über die Landschaft legte. Und gleich würde sich die Tür öffnen und das Landschaftsbild zerreißen. Der Bauernfürst sank gerade in seinen Arbeitsstuhl, als es passierte.
    Die Tür schwang auf.
    „Mein Fürst!“
    „Pahana“, antwortete er freundlich und bedachte sie mit der Vorstufe eines unechten Lächelns.
    Auf eine höfliche Anrede hatte er für sie nie Wert gelegt. Er wusste sehr wohl, dass es sie noch immer ärgerte, doch achtete er stets darauf, sie nicht zu sehr zu strapazieren. Heute hingegen war er zu weit gegangen. Das war ihm vollkommen bewusst.
    Dieses Gefühl, dass es in ihm auslöste, das Zuweitgehen.
    Es schoss ihm durch die Adern.
    Die Gänsehaut war erhebend.
    „Womit habe ich es bloß verdient, dass ihr mir so eine Schande zuteilwerden lasst? Selbst unsere Stallburschen waren anwesend! Ihr wisst, dass die Leute reden. Und wie sie geredet haben, das Maul zerrissen haben sie sich! Ist euch überhaupt klar, was für einem Spott ihr mich ausgesetzt habt!?“, giftete sie und ließ ein erbostes Stampfen folgen.
    Die Schreibfeder erzitterte in ihrem Tintenfass, es ließ sogar die Sklaven auf dem Hof hochschrecken. Die Hausdrachenpranken waren bekannt wie gefürchtet.
    „Nun“, begann der Gutsherr gelassen. „Dann wirst du sicher erfahren haben, dass ich den Morgen dazu genutzt habe, unser Personal auf die kommenden Veränderungen einzustimmen.“
    „Veränderungen!“, spuckte sie, „Kam euch nicht der Gedanke, diese Veränderungen mit mir abzusprechen? Wo ich es doch bin, die den Haushalt hier am besten kennt?“
    Räuspern. Er erhob sich.
    „Meine liebe Pahana. Du wirst doch nicht gedacht haben, dass ich dir ewig meine Regierungsangelegenheiten überlasse.“
    „Oh, eure Angelegenheiten also? Pah!“, spuckte sie, „Während ihr euch jahrelang zurückgelehnt habt, tat ich mein Bestes, die Geschäfte fortzuführen. Und ihr? Ihr habt euch im Keller verkrochen! Und seid eurer …“
    In ihrem Gesicht stand ein so herrlicher Ekel vor dem Wort, dass sie gerade im Begriff war auszuspucken, dass sich der Gutsherr zu einem innerlichen Grinsen hinreißen ließ. Nach außen hin blieb das sanfte Lächeln.
    „… Alchemie nachgegangen. Diesem schmutzigen Handwerk. Anstatt etwas für das Land zu tun, das euch Bengel in die Hände gefallen ist! Schämt ihr euch nicht, euer Erbe so mit Füßen zu treten?“
    Eine gute Frage. Scham spürte er tatsächlich nicht. Die emotionalen Ausbrüche des Hausdrachen hatten viel mehr etwas Befriedigendes – vielleicht lag es auch an der Zornesröte in ihrem Gesicht, die durch ihre vornehme Blässe ganz besonders hervorstach.
    Obwohl sie ihm offen ihre Missachtung entgegenspie, konnte sie ihm nicht das Geringste entgegensetzen. Es war die Angst vor ihm und seinem Handwerk, die immer wieder in ihren Augen aufschimmerte. Pahana war für ihre Ausbrüche bekannt, es war nicht das erste Mal, dass sie so mit jemandem sprach. Aber dem Gutsherr gegenüber durfte das nicht mehr geduldet werden. Zu ihrem Glück waren sie allein. Unbeeindruckt ergriff er wieder das Wort.
    „In den kommenden Wochen wird sich hier einiges verändern, Pahana. Und mir war klar, dass dir das wenig gefallen würde. Was natürlich sehr schade ist.“
    Schulterzucken.
    „Aber was hätte ich machen sollen? Uns steht der Besuch des Herzogs von Eiswiese bevor, ich habe ihn eingeladen. Es bleiben mir also nur ein paar wenige Wochen, um diesen Hof auf Vordermann zu bringen.“
    Pahana fasste sich an den Kopf.
    „Aha. Der Herzog also. Wir arbeiten schon seit Generationen eng mit dem eiswiese’schen Adel zusammen. Was also“, lachte sie, „bringt euch zu dem Gedanken, dass sich hier etwas verändern müsste?“
    Grinsen. Offen und breit.
    „Das ist eine gute Frage! Und der Herzog wird darauf brennen, die Antwort zu erfahren.“
    Begeisterung war in seinen Augen entflammt.
    „Betrachte es als eine Art Frühjahrsputz. Der Muff der letzten Jahrhunderte wird weggekehrt. Ich werde aus diesem Fürstentum ein modernes Land machen. Und damit es dir, meine liebe Pahana, leichter fällt, das zu verkraften, stelle ich dich hiermit vor vollendete Tatsachen.“
    Der Klang, die Farbe seiner Stimme hatte plötzlich gewechselt. Das subtile Gefühl von Frühling, das er so gern zu seinen Worten hinzugoss, war verschwunden. Zurück blieb rauer Fels.
    „Wenn die Burschen von der Tischlerei nicht zu schlampig arbeiten, dann wird just in diesem Moment bereits an einer neuen Speisetafel gearbeitet. Künftig werden auch die Sklaven bei uns am Tisch sitzen.“
    Der Unglaube riss Pahanas Gesicht an sich.
    „Am Tisch? Mit uns?“
    Mit diesen Worten war sie plötzlich ganz still. Es war eine rasende Stummheit, in der sie Gedanken an die eigene Machtlosigkeit übermannten. Seine Stimme musste ihr die Gewissheit gegeben haben. Was von solchen Worten berührt wurde, wurde durchgesetzt. War unumkehrbar.
    „Ihr erklärt unsere Tradition einfach für nichtig?“
    „Exakt“, nickte er langsam, damit sie auch begriff. „Eure absolut unnötige und kostenintensive Tradition, Sklaven aus reinen Prestigegründen zu verschwenden, wird bald der Vergangenheit angehören. Sklaven sind für uns wichtig, so wie Werkzeuge, das muss ich sicher nicht weiter erläutern. Und Werkzeug muss gepflegt werden.“
    Mit bedächtigen Schritten entfernte der Gutsherr sich von seinem Stuhl und sah durchs Fenster zu den Haussklaven hinaus, die mit einer Handvoll Kieseln und Linien im Staub ein Spiel spielten. Etwas stach ihn, wenn er so etwas sah, doch er wagte nie, sich danach zu fragen.
    „Mir war von Anfang an klar, dass diesem kleinen Land etwas fehlte, Pahana. Meine Vorfahren, die haben nach etwas gestrebt. Sie wollten etwas erreichen. Sie hatten ein Ziel vor Augen und das hat sie voran gebracht, selbst wenn es Generationen dauern musste. Was mit einer kleinen Stadt in der Falkenfelsmark angefangen hat, wurde zu einem anerkannten Reich. Ich bin nun hier, um das Werk fortzuführen und unseren Klan weiter mit dem Kaiserreich zu verflechten. Und um das zu tun, werde mit den Werten vorangehen, die meine Familie so erfolgreich gemacht hat.“
    Mit einer breiten, ausholenden Geste wandte er sich zur Haushälterin um.
    „Sieh dich doch nur mal um, Pahana! Ich kann den Stillstand sehen. Überall. Himmelherrgott, ich kann ihn sogar riechen! Es stinkt. Vom ersten Tag an hat mich dieser Ort angewidert. Dass du mir diese Pflicht abgenommen hast, kam mir damals sehr gelegen. Natürlich habe ich die erstbeste Gelegenheit ergriffen und mich zurückgezogen, um mich … Interessanterem zu widmen.“
    Gebannt musterte ihn die Haushälterin. Wie wenig Gefallen sie an ihrer Situation fand, war offensichtlich – zeitgleich konnte der Gutsherr aus ihrem Gesicht aber leise Anzeichen von Respekt herauslesen. Es waren ihre Augen, auf die sich ein leises Lächeln stahl, und der Rest, der es zu verstecken versuchte.
    „Doch jetzt sind mir so viele Dinge klar geworden“, fuhr er fort, „Wie im Kleinen, so im Großen; wie darüber, so darunter, heißt es. Kennst du diesen Grundsatz? Wahrscheinlich nicht.“
    Er winkte ab.
    „Es ist eigentlich ganz simpel. Wenn ich es bin, der diese antike Forschung vorangebracht hat, dann werde ich auch dieses Land voranbringen. Und du, Pahana, wirst mir dabei helfen. Ob es dir passt oder nicht.“
    Natürlich unternahm die Haushälterin nicht den kleinsten Versuch, nach dieser Forschung zu fragen. Irgendwo in seinem Geist spürte er diesen kleinen Stich von Enttäuschung darüber, aber es wäre auch zu schön gewesen, sich endlich persönlich mit jemandem darüber zu unterhalten. So war es nun mal, Alchemisten waren einsam. Anders hätte Irkas es sich auch nicht gewünscht.
    Stolz reckte Pahana ihr Haupt und sah ihm tief in die kühlen Adelsaugen.
    „Immerhin scheint aus euch endlich der Gutsherr geworden zu sein, der ihr vor sieben Jahren schon hättet sein sollen. Nun erwarte ich von euch aber auch Konsequenz. Ohne Zweifel seid ihr zu Großem fähig. Und natürlich werde ich euch dabei unterstützen, allein schon aus Respekt vor all euren Vorgängern … auch wenn mir dabei unwohl ist.“
    Mit ihrem trotzigen Blick hielt sie ihm stand, zerrieb mit ihm die Luft, bis man jeden Moment das Knistern erwarte. Spannung, die den Atem zum prickeln brachte, es war eine Freude!
    „Sehr schön, Pahana, sehr schön! Du musst wissen, ich schätze deine Gründlichkeit sehr. Aber lass dir eins gesagt sein.“
    „Jawohl?“
    „Sprich noch einmal in diesem Ton mit mir, und du landest bei den Hunden auf dem Feld. Ist das klar?“
    Alle Spuren ihrer Zornesröte waren mit einem Mal verschwunden, gebunden an ein neues Gefühl: Furcht.
    "Jawohl, mein Fürst."
    Sichtlich zufrieden ließ der Gutsherr sich wieder in seinen Arbeitsstuhl sinken. Angst zu induzieren war doch gar nicht so schwierig!
    Die Dinge schienen sogar besser zu laufen als geplant, höchst erfreulich.
    Andererseits machte ihn der Gedanke etwas unruhig. Egal ob es nun besser lief oder nicht – wozu die ewige Planerei, wenn man trotzdem immer wieder nachjustieren musste, weil sich etwas anders entwickelte, als gedacht? Doppelte Vorsicht war geboten, wenn Dinge funktionierten – manche ließen sich davon nur allzu blind machen.
    Für den Moment jedoch sollte es genügen.
    „Und nun, da wir das geklärt haben, Pahana …“, sprach er genussvoll, „… habe ich eine Aufgabe für dich.“

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

    4 Mal editiert, zuletzt von kalkwiese ()

  • Wow... also, ... wow. irgendwie hast du einen anderen Gang eingelegt. Mag ja sein, dass es jetzt erst richtig losgeht. Aber das wirkt auf mich so anders und different vom vorher Gelesenen wieSchwarzwälderkirschtorte von einem Milchbrötchen...
    Irgendwie hat sich dein Schreibstil geändert. Du hast Pfeffer reingebracht. Und eine Menge unterschwellige Spannung! Dieser Konflikt zwischen den beiden, der ja eigentlich nur schwelt und hier ausgetragen wird wie ein verbaler Zweikampf, ist genial. Beispiele? Kriegst du!



    Also, für mich ein fulminanter Auftakt zu einem neuen Kapitel. Und wenn du schreibst, dass du Angst hast, das nicht hinzubekommen, dann von meiner Seite ein dickes WEITER SO!! Es ist sehr gut geworden!
    VG Tariq

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Hui, danke @Tariq, für die aufbauenden Worte. o: Ich mache mir eher um alles was folgt Sorgen, als um diesen Teil, muss ich zugeben. :whistling:
    Ich hoffe, dass das nicht ein völlig anderer Stil ist oder sowas. Aber aus der Perspektive des Gutsherrn war bisher noch keine Szene, und seine Augen sehen alles etwas kühler und analytischer als die der anderen. Das habe ich einerseits sehr gerne geschrieben, andererseits fürchte ich immer, dass mir die Poesie verloren geht. o: Und das ist auch ein Grund, warum ich irgendwie Hemmungen habe. Aber es kann eben nicht jede Szene immer nur aus überbordenden Bildern und Dialogen bestehen. :hmm:
    Und da komme ich eben an den Punkt, wo ich einfach machen sollte. Und wenn's nix is, ja, dann änder' ich's halt! xD
    Gah, das sprudelt alles gerade aus mir raus.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • @kalkwiese


    Hm, also ich bleib dabei: Ich finde den Abschnitt gut, so, wie er ist. Den aggresiven Ton der Haushälterin hast du begründet (vielleicht kannst du ja eine klitzkleine Entschuldigung von ihr einbauen, so ganz am Schluss...? Nee, lass, war Spaß :D )
    Ich hatte wirklich damit gerechnet, dass er ihr - nachdem er alle seine Pläne dargelegt hat - verkündet, dass sie gefeuert ist. DANN wäre ihre Aggression berechtigt, weil Respekt dann nicht mehr nötig ist, weil gefeuert is gefeuert. Und DANN darf sie auch zweimal nacheinander spucken, wirklich.
    Nein, ich find es nicht plump. Der Basballschläger geht für mich in Ordnung. Es war so mitreißend, dass ich keinen einzigen Gedanke an Fehlersuche verschwendet habe, und das will bei mir Kommafuchser was heißen.
    Also nochmal: ich sehe das als verheißungsvollen Start. Kein völlig anderer Stil, nein eher frischer Wind. Ich mag den Gutsherrn (kann sein, dass sich das ändert, wenn du uns mitteilst, was da im Keller köchelt auf kleiner Flamme). :/

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  • Schien mir doch schon so, dass der Gutsherr kein übler Kerl ist 8) Aber ich sehe da schon sich eine Tragödie anbahnen. Wer so radikal etwas verändern will (besonders zum Guten verändern will), der muss immer mit dem Widerstand konservativer Mächte rechnen. Ich befürchte, dieser Herzog könnte nicht sehr begeistert reagieren. Vielleicht kommen die Slaven auch mit den plötzlichen Verbesserungen nicht zurecht und nutzen das übel aus. Ich sehe Dramawolken sich anbahnen.

  • Die Geschichte des Alten hat mir gefallen und ich frage mich, welche Bedeutung sie noch für die Handlung haben wird - sonst hättest du sie nicht so detailreich erzählt, oder? Der Alte weiß auf jeden Fall etwas. :hmm: Jedenfalls sorgt sie dafür, dass man Paavos Einschätzung noch mehr glaubt, dass von dem alten Herrn keine Gefahr ausgeht. ^^
    Den Teil mit dem Gutsherrn finde ich ebenfalls sehr gut gelungen. Ich glaube, von ihm haben wir noch gar nichts gelesen, oder? Für mich auf jeden Fall eine weitere interessante Figur mit einer ... interessanten Denkweise. Ich bin gespannt, was genau der Kerl plant. Scheint ein recht menschlicher Charakter zu sein. ^^
    Mal sehen, wie es hier weitergeht. :)


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Ich weiß ja nicht. Trotz deiner Begründung finde ich es bedenklich, dass eine Haushälterin derart sich im Ton vergreifen kann. Wenn ich das jetzt mit der normalen Arbeitswelt vergleiche, wäre das undenkbar.
    Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn du deine Argumente in den Text eingebaut hättest? Dann wirkt es vielleicht nicht so extrem.
    Übrigens hättest du "Euch" und "Ihr" eigenlich großschreiben müssen.


    Ansonsten ist es gut gelungen. Die Feen-Geschichte war recht düster. Aber sie war gelungen. Am besten haben mir die Reaktioen der Skalven darauf gefallen. Auch das der Gutsherrn das Land modernisieren will ist lobenswert. Aber es gibt bestimmt einen massiven Haken an der Sache. Das immer wieder die älteren Sklaven verschwinden, habe ich nicht vergessen. Könnte interessant werden.

  • @kalkwiese


    Was?? Kalkwiese hat auf das Thema Himmelsjäger [Neufassung] geantwortet?? Ein neuer Post! Ein neuer Post! :panik:
    *geht schnell nachschauen*


    *kommt traurig wieder*


    Es war ein Spoiler, kein neuer Post...


    Tariq wartet weiter. :tumbleweed:


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    (Ricarda Huch)



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  • Pahanas Aufgabe


    Entgegen aller drückender Sorge, hatte es in der Nacht nicht geregnet. Dennoch hielten die Wolken sich hartnäckig, waren an ihrer Position festgeleimt – wirklich aufgeatmet wurde nur in der Frühe, als man den kühlen Boden trocken vorfand. Kurz darauf erinnerten wieder Morgentau und die bedrohliche Wolkendecke an den Regen, dessen Willkür sie ausgesetzt waren.
    Einige der Sklaven aus der Falkenfelsmark beteten an ihren Wassergott. Paavo war das ganz recht. Zwar wusste er nicht, was das für ein Gott sein sollte – in der Falkenfelsmark glaubte man wohl noch an die antiken Götter der Stämme, die diese Breiten vor hunderten von Jahren einmal beherrscht hatten –, aber falls es den Regen tatsächlich abhielt, was spielte das dann für eine Rolle? Davon hätten alle etwas. Und doch zeigte es nur das, was alle hier insgeheim befürchteten: Ein Ende war nah. Wenn der Regen kam, die restliche Ernte vernichtet war, waren die Schäfchen im Trockenen. Sklaven wurden wieder schikaniert, die Aufseher mussten sich nicht mehr zurückhalten. Wenn es nach den Sklaven ging, sollte die Ernte niemals enden.
    Etwas überschattet wurde dieses unangenehm flackernde Gefühl von der Sorge um einen verletzten Mitsklaven.
    Paavo kannte seinen Namen nicht, hatte das Gesicht aber schon öfter in der Menge erhaschen können. Gestern musste es auf dem Feld zu einem hässlichen Zwischenfall gekommen sein, der Arm des Unglücklichen war auf eine Art und Weise verkrümmt, die Paavo vom bloßen Anblick bereits zuckende Qualen bereitete.
    Aber es war nicht einfach der verdrehte Arm, sondern vielmehr das Wissen, dass der arme Kerl damit weiterhin aufs Feld geschickt werden würde. Die Vorstellung, sich in das Seil zu werfen, es gegen die Knochensplitter unter der vor Blut angeschwollenen Haut zu pressen …
    Jeder hier sah es kommen.
    Wie man ihn wegbrachte.
    „Können wir ihm denn gar nicht helfen?“, fand Paavo sich plötzlich wieder, wie er vor dem Alten stand – verwundert, wie seine Füße ihn immer wieder hierhin trugen – und diese Worte mit einem Ton herausgab, als hätte er eigentlich sagen wollen: Wir werden etwas unternehmen, alter Mann. Hilfst du mir?
    Der Alte saß auf seinem Stammplatz und zeichnete mit einem Zweig ein Bild in den Staub, das Paavo nicht so ganz begreifen wollte. Die schwimmenden Linien hatten etwas von einem wilden Fluss, waren aber nur wirres Gekritzel, Abbild der Tagträume, die dem Alten gerade vor dem glasigen Blick herumtanzen mussten.
    „Helfen?“, fragte er, während sich Schmerzensstöhnen aus der Zwingerhöhle zu ihnen nach draußen wand. „Der Arm sieht wie ausgekugelt und gebrochen aus. Wir können da kaum etwas tun. Vielleicht könnte ihm hier jemand mit Erfahrung den Arm wieder einrenken, viel mehr aber auch nicht, und der Akt an sich würde sehr, sehr unschön werden …“
    Zähneknirschend scharrte Paavo mit den Füßen und starrte auf die Zeichnung. Unter dem Rotstich des Wutschleiers vor seinen Augen verschwammen die Staublinien zu bösartigen Gesichtern. Sie gackerten und rissen ihre Münder so weit auf, dass man jeden Moment ihre Unterkiefer zerbrechen hören musste. Das Knacken, greifbar, anwesend und inexistent. Der geistige Anblick verschwamm langsam in einem farbenfeurigen Strudel aus bösen Gedanken – kurz darauf wurde Paavo die Spannung in seinem eigenen Kiefer bewusst.
    Wie er seine unteren Zähne vorschob.
    Die Nasenflügel weitete.
    Wie sich die Haare auf seinen Armen aufgestellt hatten, und seine Hände zu Fäusten geballt.
    Die Gänsehaut zittere allmählich mit der Überraschung aus ihm heraus, bis die eigentliche Sorge zutage gefördert wurde und er sich seiner Schuld wieder bewusst wurde.
    Bruder … wie konnte ich dich so alleinlassen?
    Dass der Alte das alles aus den Augenwinkeln beobachtet hatte, trieb ihm dann die Schamesröte ins Gesicht. Ausgerechnet bei ihm ließ er sich gehen.
    „Aber …“, sprach Paavo langsam, bedächtig, um nicht zu stolpern, “… zumindest das können wir doch tun. Den Arm einrenken … das wäre doch nicht das erste Mal für dich. Oder nicht?“
    „Nun, wenn du das auf dich nehmen möchtest. Sicher“, meinte der Alte wie beiläufig, ignorierte Paavos letzte Frage. „Aber vielleicht wartest du noch, bis der braune Drache sich wieder verzogen hat.“
    „Brauner … was?“
    Paavos Blick wanderte über den Platz. Da stand die Haushälterin, in ihrem braunen, unscheinbaren Kleid, und sprach zu einer kleinen Gefangenengruppe – einzelne Leute beobachteten das Treiben aus der Ferne. Der tönerne, grimmige Gesichtsausdruck war wohl in ihrem Gesicht festgebrannt, trotz Bewegungen wirkte sie ausdruckslos.
    Was Paavo am meisten verwunderte, war, wie wenig Aufmerksamkeit sie auf sich lenkte.
    Nach einem kurzen, schnellen Wortwechsel lösten sich zwei Sklaven aus der Gruppe und führten einen kleinen, blassen Mann mit einer großen Tasche zum Zwinger.
    Allen Anwesenden war sofort klar, dass sie ihn zum Ursprung der Ächz- und Stöhngeräusche führen würden, die den Zwinger einmal mehr in ein schauerliches Gemäuer verwandelten.
    „… bringen sie ihn nun weg?“, fragte Paavo mit aller Vorsicht, sich vor der Antwort fürchtend.
    Ein spitzer Schmerzensschrei zerriss seine Worte. Der gesamte Vorplatz wurde still und lauschte.
    „Ich weiß es nicht“, murmelte der Alte zurück, mit gespitzen Ohren. „Aber selbst wenn wir ihm jetzt helfen wollten, wäre es nun zu spät.“
    Weitere Schreie. Paavo zuckte zusammen, erschauderte von den Bildern, die sie ihm vor die Augen projizierten. Währenddessen schwoll unter dem schmerzvollen Klangteppich das Getuschel der anderen Sklaven weiter an.
    Dann endeten die Schreie plötzlich und was blieb war das Stöhnen von zuvor, nun deutlich milder. Ein paar Minuten später schritt der kleine Mann aus dem Zwinger heraus. Auf dem Platz war es wieder still. Hinter ihm schlurfte der verletzte Mitsklave ins Sonnenlicht, hielt sich den nun geschienten Arm.
    Da klatschte der Arzt in die Hände.
    „Los, meine Herrn! Alle, die ebenfalls Beschwerden haben, ab! Reihe bilden!“

  • Hm, @kalkwiese, wenn das jetzt einer der Teile ist, die dir Sorge bereitet haben, dann kann ich nur sagen - aus meiner Sicht ist der super gelungen. Schon mal die tollen Bilder, die du verwendest.

    Zähneknirschend scharrte Paavo mit den Füßen und starrte auf die Zeichnung. Unter dem Rotstich des Wutschleiers vor seinen Augen verschwammen die Staublinien zu bösartigen Gesichtern. Sie gackerten und rissen ihre Münder so weit auf, dass man jeden Moment ihre Unterkiefer zerbrechen hören musste. Das Knacken, greifbar, anwesend und inexistent. Der geistige Anblick verschwamm langsam in einem farbenfeurigen Strudel aus bösen Gedanken – kurz darauf wurde Paavo die Spannung in seinem eigenen Kiefer bewusst.
    Wie er seine unteren Zähne vorschob.
    Die Nasenflügel weitete.
    Wie sich die Haare auf seinen Armen aufgestellt hatten, und seine Hände zu Fäusten geballt.
    Die Gänsehaut zittere allmählich mit der Überraschung aus ihm heraus, bis die eigentliche Sorge zutage gefördert wurde und er sich seiner Schuld wieder bewusst wurde.

    Diese Beschreibung ist klasse, man kann richtig mitfühlen mit ihm.


    Tja, ein Arzt kümmert sich nun um die Sklaven. Ist das eine neue Errungenschaft, die zu den Umgestaltungsmaßnahmen des Gutsherren gehört? Wenn ja, dann kann er gern so weitermachen. :D
    Insgesamt ein super Abschnitt, der nicht sehr viel Handlung bietet, aber mit wirklich tollen Formulierungen aufwarten kann. :thumbsup:

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Da klatschte der Arzt in die Hände.
    „Los, meine Herrn! Alle, die ebenfalls Beschwerden haben, ab! Reihe bilden!“


    Aha, sind das die Änderungen, die nun kommen? Ein Arzt für die Sklaven ist ja ein ziemlicher Luxus, den hier niemand zu kennen scheint. Der Bauernfürst will wirklich etwas ändern. Ich traue nur dem Frieden nicht. Geschichten funktionieren nicht, wenn sich etwas zum Guten entwickeln :ninja: