Es gibt 26 Antworten in diesem Thema, welches 8.274 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (8. Februar 2024 um 07:57) ist von Thorsten.

  • Natürlich ist sie definierbar

    Nein.

    Eine "Definition" ist die "genaue Bestimmung eines Begriffes durch Angabe der wesentlichen Merkmale".

    Das bedeutet: Definitionen sind allgemeingültig. Ein Quader ist für mich ein Quader und für dich auch. Und für Lieschen Müller wohl ebenso.

    Kunst ist nicht definierbar, denn was für mich Kunst ist, ist für einen anderen nur ein Gähnen wert und andersrum, was teuer als Kunst verscherbelt wird (nochmal Stichwort "Picasso") ist für mich absolut nicht kunstvoll...

    Kunst-Einstufungen sind subjektiv und niemand kann sich darauf berufen, dass sein Begriff von Kunst der einzig wahrhaftige sei (denn er habe ja viel Geld für den Dingens vom Künstler Dongens bezahlt nämlich, sozersägen!). Nur weil hmpfdreiundelfzig Leute etwas schön finden, ist das nicht allgemeingültig "schön". Und wenn hmpfdreiunzwölfzig Leute etwas grottenhäßlich finden, kann es durchaus als "Kunst" auf dem Markt bestehen.

    Weil Kunst (und Schönheit) immer nur subjektives Empfinden des Betrachters ist. Dieses entsteht durch tausenderlei Einflüsse: Was man erlebt hat, was erlernt, was einem die Genetik vorgibt und die jeweilige Tagesform. Der Wettereinfluß, vielleicht noch und bei mir ganz sicher: der akute Koffein-Instand in meinem Kreislaufsystem...


    ... ich geh mir mal nen Kaffee kochen! :kaffee:

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
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    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Weil Kunst (und Schönheit) immer nur subjektives Empfinden des Betrachters ist.

    Irgendwie... jein.

    Natuerlich gibt es subjektive Elemente. Aber genauso gibt es eher objektive Elemente. Dass eine Bildaufteilung die den Goldenen Schnitt verwendet als besonders passend wahrgenommen wird ist mehr als eine Geschmacksfrage - dieses mathematische Verhaeltnis scheint recht hart in den menschlichen Wahrnehmungsapparat verdrahtet zu sein.

    Dass Homer nach 3000 Jahren noch bekannt ist waehrend viele seiner Zeitgenossen das nicht sind ist mit ziemlicher Sicherheit kein Zufall, sondern liegt schon daran dass hier Kunst geschaffen wurde die es ueber viele Jahrtausende geschafft hat Menschen anzusprechen.

    Fuer die Frage was an aktuellen Werken 'Kunst' ist sind wir vielleicht zu nahe dran - wir tun uns schwer aus unsere Zeit und ihren Moden rauszusehen oder so. Aber ich denke eine etwas einfachere Frage ist was nicht Kunst ist.

    (Generell hat das eher wenig damit zu tun was Dir gefaellt... DAS ist eine rein subjektive Frage)

  • Kunst-Einstufungen sind subjektiv und niemand kann sich darauf berufen, dass sein Begriff von Kunst der einzig wahrhaftige sei

    Da würde ich mal widersprechen.

    Klar ist das Empfinden was einem gefällt subjektiv.

    Aber Kunst kommt immer noch von "Können" und ich denke wenn wir uns mal auf Bücher beschränken wovon wir hier im Forum vielleicht mehr verstehen als von anderen Kunstformen dann gibt es da durchaus objektive Kriterien die man definieren kann.

    Ich habe zuletzt ein hochgehyptes Buch gelesen und das hat mir überhaupt nicht gefallen. Trotzdem habe ich gesehen dass die Autorin was von Textstruktur und Plotaufbau versteht. Ich habe gesehen wie sie die gegenseitige Anziehungskraft der Protas sehr geschickt angeheizt und eine Erwartungshaltung aufgebaut hat die sie dann aber nicht erfüllt sondern immer wieder rausgezögert hat um alles noch zu steigern. Dazu kam ein sehr netter und unterhaltsamer Schreibstil und coole Dialoge. Sämtliche Charaktere - auch ALLE Nebencharaktere (selbst die die mir nur wirklich komplett schnurz waren) waren mit einem gewissen Hintergrund ausgearbeitet und wirkten darum glaubhaft. Und dann die Fantasywelt. Meine Güte. Die bestand nicht aus den gewöhnlichen Motiven sondern die hat sich da lauter coole Schattenwesen mit neuartigen Eigenschaften überlegt und immer wieder kam da noch was Neues.

    Daher würde ich sagen das Buch ist von einer Könnerin geschrieben worden. Zwar fand ich es blöd. (DIe Gefühle zwischen den Protas haben mich extrem geärgert und das hat mir die gesamte Lektüre zerstört).

    Kunst ist es wohl trotzdem.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Ich würde sogar noch weiter gehen. Kunst muss nicht gut sein. Ich finde, dass man Dinge als Kunst anerkennen kann, die handwerklich voller Mängel sind oder totaler Unsinn. Manchmal bin ich versucht, wenn jemand um mich herum sich für ganz clever hält und zu etwas fragt "Ist das Kunst oder kann das weg?" mit "Beides" zu antworten.

    Ich finde für mich zwar keine schlüssige Definition von Kunst, aber wenn ich in Dingen mehr oder weniger bewusst platzierte Muster und Zeichen erkenne, aus denen ich Bedeutung ableiten kann, dann drängt sich mir ein Gefühl von Kunst ganz schnell mal auf. :hmm:

    Schwierig wird es dann, wenn etwas kühl kalkuliert wirkt und Persönlichkeit einbüßt. Ohne das menschliche Element, ohne Persönlichkeit, wird etwas zum Produkt. Da hört die Kunst dann auf.

    Häupter auf meine Asche!

  • Bei solchen Diskussionen kommt mir immer wieder "Fountain" von Marcel Duchamp in den Sinn.

    Seit 1917 wird "Fountain" verwendet, um über die Frage "Was ist Kunst" zu diskutieren, wahrscheinlich bleibt das auch noch ein ganzes Weilchen so.

    Wahrscheinlich wird es auch so bleiben, dass wir Menschen uns noch in weiteren hundert Jahren darüber unterhalten werden. Zumal die ganze "K.I. und Kunst"-Thematik noch recht neu ist und viele ethische und moralische Fragen aufwirft.

  • ofinkandpaper Das ist ein gutes Beispiel, finde ich. :D An The Fountain finde ich nichts handwerklich gut. Trotzdem kann ich es als Kunst anerkennen. Die Kunst liegt in der Provokation und im Bruch mit Erwartungen. Kunstwerke dieser Art lehne ich aber auch wieder ab, genau wie 4'33 von John Cage, das Musikstück, das nur aus Pausen besteht. Der Kontext gibt den Ton an. Wenn jemand so einen Stunt wiederholen würde, wäre das völlig langweilig, zumindest für mich.

    Häupter auf meine Asche!

  • Die Kunst liegt in der Provokation und im Bruch mit Erwartungen. Kunstwerke dieser Art lehne ich aber auch wieder ab, genau wie 4'33 von John Cage, das Musikstück, das nur aus Pausen besteht. Der Kontext gibt den Ton an. Wenn jemand so einen Stunt wiederholen würde, wäre das völlig langweilig, zumindest für mich.

    Ich denke der Kernpunkt hier ist dass Kunst auf verschiedenen Ebenen funktioniert - einmal gibt's eine handwerkliche, man muss was koennen - aber das reicht nicht, sonst ist es halt nur Handwerk. Dann eine aesthetische die mit Dingen wie dem Goldenen Schnitt (Malerei) oder eleganter Sprache (Text) zu tun hat - ein Bild sieht nicht gelungen aus wenn das Hauptmotiv an den rechten Rand geklatscht ist, ein Text liest sich nicht gut wenn der Autor immer den gleichen Satzbau und Wortschatz verwendet.

    Dann gibt's aber auch eine Kommunikationsebene- wie wirkt ein Werk denn in seine Zeit hinein, wie spricht es Leser an - das ist die Provokation und/oder das Spiel mit Erwartungen.

    Und (perfiderweise fuer alle die hier eine Definition von Kunst erwarten) gibt es auch eine Metaebene die sich direkt auf Versuche bezieht Kunst zu definieren - wenn jemand einen Satz Regeln aufstellt was Kunst ist, dann ist es auch immer Kunst genau diese Regeln zu brechen - weswegen es prinzipiell unmoeglich ist eine letztliche Definition zu bringen weil - das Brechen von der waere ja auch wieder Kunst.

    Jedes Kunstwerk kann man versuchen auf diesen vier Ebenen zu verstehen (moeglicherweise gibt's auch noch mehr...) - 'Fountain' zum Beispiel ist sehr stark auf der Meta-Ebene, sehr mau auf der handwerklichen und aestehtischen Ebene. Die Mona Lisa auf der anderen Seite ist handwerklich und aesthetisch sehr stark und so weiter.

    Das mit den Regeln-brechen der Meta-Ebene ist aber eben genauso wie das Regeln der Erzaehlkunst brechen um einen Text interessanter zu gestalten - das funktioniert praktisch nur wenn man die Regeln die man brechen will sehr gut beherrscht und man das dem Zuschauer/Leser/Publikum demonstriert hat.

    Es ist halt nicht genial ein Pissoir zu installieren - ein Installateur macht so was schon mal - sondern das wird erst dadurch interessant dass es jemand macht von dem man was ganz anderes erwartet weil der eben auch was ganz anderes machen koennte und jeder das weiss.

    Das 'das Gegenteil der Definition von Kunst ist auch Kunst' sieht nach kompletter Willkuer und komplett subjektivem Empfinden aus - in Wirklichkeit ist es aber alles andere als das. Wer als Jungautor alle Regeln der Erzaehlkunst verletzt wird sehr sehr wahrscheinlich nicht wegen seiner Genialitaet gefeiert werden - sondern gesagt bekommen dass er keine gute Erzaehlung zustande bringt. Mit der Meta-Ebene zu spielen ist sehr sehr schwer (bei Texten hatte ich die Diskussion in den Deutschstunden mit den Kindern ueber 'Das Parfum' - inwiefern ist das Buch in der zweiten Haelfte spannend wenn es fast perfekt symmetrisch zum ersten Teil ist und man daher wissen kann was passieren wird - und inwiefern ist sowas schlimm?)

    Und nein, Kunst muss den Leser nicht immer aesthetisch ansprechen - auf der Kommunikationsebene kann sie ihm einfach eine Reaktion abverlangen, ein Text den ich total eklig finde ist auch gut - er spricht mich an, wenn auch nicht aesthetisch.