Schreibwettbewerb Oktober/November 2019

  • Einen schönen guten Tag Forengemeinde!

    Mit dem heutigen Tag startet unser kleiner foreninterner Schreibwettbewerb in die nächste Runde.

    @'Tom Stark' hat als Sieger des letzten Wettbewerbs folgendes Thema vorgegeben:


    "Weg ins Abenteuer"




    So und jetzt ran an die Tasten, ich will etwas mehr Einsendungen als letztes Mal



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    Einsendeschluss : 27. Oktober 2019
    ‡ Die Geschichte muss in Form einer Konversation (PN) an Chaos Rising geschickt werden. (Betreff: "Schreibwettbewerb Oktober/November 2019: Username")
    ‡ Die Geschichte muss im Fantasy-Genre angesiedelt sein. Dh. Es müssen Elemente der Fantastik darin enthalten sein.
    ‡ Die Geschichte muss einen Titel haben.
    ‡ Die Geschichte muss mindestens aus einer A4-Seite und darf höchstens aus drei A4-Seiten (3500 - 10'500 Zeichen) bestehen.
    ‡ Die Geschichte muss die Schriftgröße 12 pt und die Schriftart Times New Roman haben.
    ‡ Die Geschichte muss formatiert sein (siehe auch -> Texte richtig formatieren)
    ‡ Die Geschichte darf keine Sonderformatierung (wie zBs. kursiv Schrift, zentrierte Texte oder farbige Schrift) oder Sonderzeichen enthalten.
    ‡ Die Geschichte muss Absätze haben und darf kein reiner Textblock sein.
    ‡ Nur eine Geschichte pro Teilnehmer.
    ‡ Nur deutschsprachige Texte erlaubt, mit Ausnahme von Fremdwörtern, die zum Verlauf der Geschichte passen.
    Der amtierende Gewinner darf nicht am Wettbewerb teilnehmen, da er/sie das Thema vorgibt und sich so einen Vorteil erspielen könnte.
    ‡ Nach Einsendeschluss werden alle Geschichten anonym in einem Thread veröffentlicht und ihr habt einen Monat Zeit, per Umfrage eure Stimme abzugeben. DIese darf nicht an sich selbst vergeben werden.
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    Preise im Wettbewerb:


    Der Sieger:


    ‡ Darf das nächste Thema für den Schreibwettbewerb vorgeben.
    ‡ Wird in die Rangliste eingetragen.
    ‡ Bekommt für zwei Monate einen eigenen Rang und die Sonderrechte eines Super Users.
    ‡ Bekommt eine einzigartige Foren-Trophäe.


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    Wer noch Fragen hat, stellt sie bitte hier im Thread.
    In diesem Sinne viel Spaß beim Schreibwettbewerb Nr. 40 und beim Geschichtenausdenken
    Euer Fantasy-Geschichten Forum

  • Welche Geschichte hat euch am besten gefallen? 15

    1. Ein neues Leben (2) 13%
    2. Rabentag (10) 67%
    3. Die Gedanken sind frei (3) 20%

    Hallo Zusammen
    Die Bearbeitungszeit ist abgelaufen und ich habe drei Geschichten für euch! Ich hoffe, sie gefallen euch
    Um es nochmal allen ins Gedächtnis zu rufen: das Thema wurde von unserer letzten Gewinnerin @'Tom Stark' vorgegeben und lautete:
    Weg ins Abenteuer


    Die Geschichten werden in willkürlicher Reihenfolge geposted.
    .
    ACHTUNG: Beim Voten
    ist man nicht anonym. Somit wird Schummeln ausgeschlossen. Zudem dürfen
    einmal abgegebene Stimmen nicht mehr verändert werden. Bedenkt das bitte
    bei eurer Stimmenabgabe!
    Das Voting dauert bis 24. November 2019 um 23:59:59 Uhr.
    Viel Spass beim Lesen und Voten!
    Euer Fantasy-Geschichten Forum
    PS: Sollte etwas fehlen, oder auf andere Weise nicht stimmen, bitte mir möglichst schnell per PN Bescheid sagen!

  • Ein neues Leben

    von Sora  


    Dunkelheit umschloss ihren Geist. Leises Flüstern drang langsam an ihre Ohren, ohne das sie verstehen konnte, was sie sagten. Ihr Kopf dröhnte und der rechte Oberschenkel brannte wie Feuer. Ihre Glieder waren steif und sie fühlte sich schwer. Eine Hand legte sich auf ihren Arm und drückte sanft zu, bevor sie ein kleines Stechen spürte. Langsam versuchte sie ihre schweren Augenlieder anzuheben.
    „Diese arme junge Frau. Kannst du das glauben, Rowina?“ vernahm sie eine Frauenstimme. Kurz darauf gesellte sich eine zweite, etwas tiefere Stimme dazu.
    „Du meinst, ob ihre Familie wirklich von einem Rudel Wölfe angegriffen wurde? Und sie die Einzige war, die überlebt hat? Ich wüsste noch nicht mal, dass es hier Wölfe gibt, in der Gegend. Geschweige denn ein ganzes Rudel.“
    „Denkst du, sie hat sich das alles ausgedacht? Warum sollte sie das tun?“
    „Ach komm schon, Lizzy. Sie wollte Aufmerksamkeit bekommen. Niemand kennt sie und sie ist ziemlich merkwürdig. Selbst ihre Eltern fanden sie schräg. Soll ich dir sagen, was ich glaube? Sie hat Ihre Mutter und ihren Vater getötet, weil sie Verrückt ist“, beendete Rowina ihren Verdacht.
    „Ich weiß nicht. Willst du sie wirklich verurteilen, obwohl du sie gar nicht kennst? Naja egal, ich bin fertig. Lass uns zur nächsten Patientin gehen.“ Das war das letzte was sie hörte, bevor sich die Schritte der beiden Frauen entfernten und wieder Stille den Raum erfüllte. Einzig das regelmäßige Piepen, welches den Herzschlag aufzeichnete, war zu vernehmen.
    Haben die über mich geredet? Wo bin ich überhaupt? Was war passiert?
    Das Piepen beschleunigte sich, als Ivana langsam realisierte, das sie verletzt in einem Krankenhaus lag. In einem Bett, mit einer dünnen und unbequemen Matratze und dazu noch ein sehr kleines Kissen, was kaum als solches durchgehen konnte.
    Langsam kamen die Erinnerungen an den Abend wieder, an dem ihre gesamte Familie ausgelöscht worden war.
    Es war Halloween und sie war unterwegs mit ihren Eltern, um ihren jährlichen Spaziergang durch den Wald zu machen. Jedes Jahr aufs Neue schnappten die McKennzies ihre Tochter und schleppten sie im Dunkeln in einen Wald, um in der gruseligen Atmosphäre zu wandern.
    Nur dieses Jahr passierte etwas Merkwürdiges. Die Büsche haben geraschelt und zwischen den Bäumen konnten sie rote und gelbe Augenpaare ausmachen. Kurz bevor ein Dutzend Tiere auf sie zu rannten, hörte man ein Heulen. Sie fiel zu Boden, als ein stechender Schmerz durch ihr Bein zog und es schwarz wurde um sie herum. Der Schmerz war das letzte an was sie sich erinnern konnte, bevor sie hier in diesem Raum wieder wach wurde.
    Ihre Augen waren nun geöffnet und ihr Blick ging zum Fenster. Der Himmel war in einem tiefen Blau gehüllt, mit kleinen gelben Punkten am Himmel und einem Mond der so rund wie ein Ball war. Ivana versuchte sich aufzusetzen, doch ihr Körper war steif und fühlte sich an, als würde sie etwas ans Bett fesseln.
    Ihr Zahnfleisch kribbelt und ihre Glieder durchzuckte immer wieder ein unbeschreiblicher Schmerz, der ihr Innerstes zu zerreißen schien. Sie wollte schreien, doch kein Laut kam aus ihrem Mund. Ihre Stimme wurde von einem tiefen Instinkt unterdrückt, der ihr versuchte deutlich zu machen, dass es kein guter Zug wäre, jetzt noch von Schmerzen zu sprechen, die keine vernünftige Erklärung zu haben scheinen.
    Eine Schwester betrat den Raum, um nach ihrer Patientin zu sehen.
    „Guten Abend, Miss. Ich schaue nur kurz nach ihrem Zustand, bevor die Nachtschicht dann kommt und uns ablöst. Es ist bereits sehr spät, ich würde ihnen vorschlagen noch ein bisschen zu schlafen, bevor morgen früh der Arzt zu ihnen kommt, um eine abschließende Untersuchung durchzuführen.“
    Die Stimme erkannte Ivana, als eine der beiden Frauen, die bereits vor wenigen Augenblicke schon da waren.
    „Was ist gestern passiert?“ Ivanas Stimme klang wie die einer Krähe.
    „Gestern?“ erwiderte die Schwester fragend.
    „Bei dem Unfall von mir und meinen Eltern…“
    „Es tut mir leid, aber ihr Unfall war genau vor einem Monat. Sie sind immer mal wieder wach, schlafen aber auch sehr viel. Dennoch spricht nichts dagegen sie morgen zu entlassen. Ihre Vitalzeichen sind alle ausgesprochen gut, so als wäre nichts passiert.“
    Ivana verstand nicht, was die Schwester versuchte ihr mitzuteilen. Das Rudel Wölfe hatte sie doch erst gestern Abend gehabt. Ohne eine weitere Antwort von ihr abzuwarten, wendete sich die Schwester ab und verließ das Zimmer. Ivana konnte nicht glauben, dass sie mit ihren Fragen jetzt einfach alleine gelassen wurde und auch auf das mehrmalige Klingeln reagierte keiner. Sie lag in ihrem Bett und versuchte sich an den letzten Monat zu erinnern, aber in ihrem Kopf herrschte nur Dunkelheit.
    Plötzlich drang von Draußen ein einzelnes Heulen an ihre Ohren, ganz leise und dennoch konnte sie es deutlich wahrnehmen. Ihr ganzer Körper reagierte auf das Heulen und Gänsehaut breitete sich aus. Sie wusste nicht was es war, aber etwas zog sie nach draußen, genau zu dem heulen. Langsam versuchte sie sich wieder aufzusetzen und diesmal gelang es ihr. Wie durch ein Wunder hatte ihr Körper neue Energie gewonnen und es war kinderleicht, von dem Bett aufzustehen und zum Fenster zu gehen. Draußen war eine Reihe von Bäumen zu sehen, die an einen nahe gelegenen Wald angrenzten. Dort im Dunkeln konnte sie rote und gelbe Flecken sehen, die immer wieder zwischen den Bäumen hervorblickten.
    Wieder hörte sie von draußen ein Heulen, das diesmal von einem zweiten begleitet wurde. Sehnsuchtsvoll starrte Ivana zu den Bäumen und versuchte herauszufinden, wozu die farbigen Punkten gehörte.
    Plötzlich löste sich eine Gestalt von einem Baum und trat unter das Licht einer Straßenlaterne. Ein Mann mit rot glühenden Augen blickte direkt rauf zu ihrem Fenster und lächelte sie aufmunternd an. Ein Gefühl von Zusammengehörigkeit gleitet durch ihren Körper und ohne es kontrollieren zu können, öffnete Ivana das Fenster, kletterte auf den Tisch, welcher davor stand und sprang mit einem Satz nach draußen. Drei Stockwerke tief fiel sie nach unten und kam auf allen Vieren auf dem Boden auf, ohne sich etwas getan zu haben. Mit schnellen Schritten kam sie auf den geheimnisvollen Mann zu, der sich im selben Moment umdrehte und Richtung Wald davon zog.
    Ohne auch nur daran zu zweifeln, dass sie das Richtige tat, folgte sie ihm, direkt in die Tiefen des dunklen Waldes. Nach wenigen Augenblicken blieb der Unbekannte stehen und drehte sich wieder Ivana zu, die nun spürte, dass etwas mit ihr passierte.
    „Hallo Ivana“, drang eine tiefe Stimme aus dem und des Mannes, der sie zu kennen schien.
    „Ich hoffe die Schmerzen waren zu ertragen. Ich bin Derek und dies…“ er erhob seine Arme in beide Richtungen zu den Bäumen, die hinter ihm waren, aus deren Schatten Männer, Frauen und Kinder traten. „Und dies ist deine neue Familie.“
    Ivana konnte nicht glauben was sie da hörte und doch fühlte sie die Wahrheit in seiner Stimme. Sie kannte diese Augen, die sie nun voller Liebe anblickten und erinnerte sich daran, dass einer der Wölfe genau dieselben hatte. Aber das war doch unmöglich…
    „Wir haben dich ausgewählt, um uns neue Mitglieder zu gebären, an meiner Seite. Als Königin des Rudels.“ Unentwegt wurde Ivana von allen angestarrt, die voller Erwartungen waren.
    „Kommst du mit in dein ganz besonderes Abenteuer?“ stellte Derek die entscheidende Frage, woraufhin Ivana nur langsam nicken konnte.
    Wie auf Kommando sprangen alle Frauen und Männer hoch und verwandelten sich in große Wölfe mit gelben Augen. Derek, der sich noch in seiner Menschlichen Gestalt befand hockte sich hin, während ihm ein schwarz glänzendes Fell wuchs und seine Gliedmaßen sich in die eines Tieres verwandelten. Ivana lächelt, sprang in die Luft und verwandelte sich in eine weißen Wolf mit rot glühenden Augen und lief in den Wald und zu ihrem neuen Leben. In ihr eigenes, persönliches Abenteuer.

  • Rabentag

    von Sensenbach  


    An dem Tag, als die schwarzen Vögel den Himmel verdunkelten, änderte sich mein Leben auf eine Weise, wie ich es nie geahnt, erhofft oder befürchtet hätte.
    Alles begann damit, dass ich für das Spiel des Jahres kein Ticket bekommen hatte und es mir mit dem Transistorradio auf dem Balkon gemütlich machte. Der Balkonkühlschrank brummte zufrieden und kühlte das Halbzeitbier auf Trinktemperatur.
    Als die Raben kamen.
    Anfangs flatterten nur einzelne Tiere am Balkon vorbei und ich beachtete sie nicht weiter. Erst als sich ein alter grauer Herr auf das Geländer setzte und mich mit seinen klugen Vogelaugen betrachtete, wurde ich aufmerksam.
    „Was machst du denn hier? Kommst du mich besuchen?“ Ich prostete dem Vogel zu und nahm einen Schluck. Das Tier legte den Kopf schief und betrachtete mich skeptisch. Vergeblich versuchte ich, dem Blick standzuhalten.
    „Hmm. Ich hatte mehr erwartet, als ein betrunkenes Kind anzutreffen.“ Die Stimme hallte seltsam in meinen Ohren.
    „Wie bitte? Ist da jemand?“ Ich erhob mich aus dem Sessel und lehnte mich über das Balkongeländer, um zu schauen, wer da gesprochen hatte. Aber es war niemand zu sehen, nur ein paar Hauskatzen strichen um die Bäume.
    Der Rabe blieb ungerührt an seinem Platz. „Erwartest du dort unten jemanden?“
    „Nein, ich erwarte niemanden, die sind alle beim Spiel!“ Hey, redete ich gerade mit einem Vogel?
    „Du hast ja schöne Freunde“, sagte der Rabe.
    „Ich rede nicht mit dir!“, entschied ich unwirsch.
    „Warum nicht?“
    „Weil Raben nicht reden können.“
    „Das … Das ist ein zweifelhaftes Argument und nur von Vorurteilen geprägt. Wie oft hast du es denn versucht?“ Der graue Herr scharrte ungeduldig mit den Krallen und warf einen suchenden Blick in den Himmel.
    In diesem Moment landete ein zweiter Rabe auf dem Balkongeländer. Er war schlank und schwarz wie die Nacht. „Ist er das? Süßer Junge!“ Ihre Stimme klang jung und melodisch.
    Ich mich also korrigieren. Sie war schlank und schwarz wie die Nacht in einem Fass im Keller einer Burg!
    „Er hat zu viel Speck auf den Hüften und interessiert sich nur für Bier und Fußball. Eine Enttäuschung.“
    „Du hast mir oft davon erzählt, wie du den letzten Wächter nach Corvis geführt hast. War es damals so viel anders? Den Hüftspeck werden wir loswerden“, beruhigte das Rabenmädchen.
    „Hmm. Wir werden sehen“, grummelte der alte Rabe und strich sich mit dem Schnabel eine Feder glatt. „Es dauert nicht mehr lang. Die Schwarzflügel sollten längst hier sein.“
    „Ähh“, brachte ich hervor. Die Raben sahen mich aufmerksam an. Selbstverständlich glaubte ich nicht an sprechende Vögel, also zumindest nicht an so welche, die mehr als ein paar Worte plapperten. Trotzdem ärgerte ich mich darüber, dass die Tiere über mich redeten, als sei ich nicht vorhanden. „Ok, das ist ein schlechter Scherz. Rolf bist du das? Hast du die Raben abgerichtet, um mich zu ärgern?“ Rolf war für seine blöden Scherze bekannt, obwohl mir die Rabennummer etwas aufwendig für einen Streich schien.
    Das Rabenmädchen sah mich entrüstet an und spreizte die Flügel. „Sehe ich für dich aus wie ein schlechter Scherz?“
    Hatte ich jetzt ihre Gefühle verletzt? Die Situation kam mir zunehmend bizarr vor. „Ich wollte niemanden beleidigen. Tut mir leid!“, rief ich hastig. „Ehrlich!“
    Der Graumelierte brummte amüsiert. „Ich habe dir ja gesagt, Ravena, mit dem jungen Mann haben wir noch viel Arbeit. Aber welche Wahl haben wir? Nachdem der alte Wächter den Katzen zum Opfer gefallen ist.“
    „Den Katzen?“, fragte ich dümmlich.
    „Die Katziden versuchen seit jeher, sich Zugang zu Corvis zu verschaffen. Der Wächter allein kann die Barriere bewachen.“
    „Die Schwarzflügel haben beachtliche Siege gegen die Katzen errungen!“ Das Rabenmädchen klang verärgert.
    „Es gibt keinen Anlass eingeschnappt zu sein. Das ziemt sich nicht, Hoheit“, tadelte der graue Rabe streng.
    „Entschuldigt, Meister Corvus.“ Die pechschwarze Räbin beugte verlegen den Kopf.
    Raben, Katzen, Wächter, Hoheit, Meister. Mir schwirrte der Kopf. „Was habt ihr gegen ein paar Mietzekatzen?“, fragte ich, um die Kontrolle über die absonderliche Situation zurückzuerlangen.
    Der alte Rabe seufzte und sah mich mitleidig an. „Hauskatzen! Für euch sind diese Ausgeburten der Hölle nichts anderes als Hauskatzen. Geschickt haben sie sich ein ansprechendes Äußeres gegeben. Das weiche Fell und das anschmiegsame Gemüt. Das Schnurren! Alles nur vorgespiegelt. Glaubt mir. Dies ist nicht ihr wahres Gesicht. Wenn ihre Zahl groß genug ist und euer Vertrauen endlos, werden sich die Katziden euch Menschen ungeschminkt zeigen. Dann wird es zu spät sein. Für die Menschen und für uns Raben.“
    Ich runzelte die Stirn. Wenn ich drüber nachdachte, hatte ich Katzen noch nie richtig über den Weg getraut und mir als Kind so manchen Kratzer eingehandelt.
    „Man sagt, ihr Raben seid Unglücksbringer“, rutschte es mir heraus.
    „Alles Propaganda der Katziden“, zischte Ravena aufgebracht und sprang näher. „Glaubt so etwas nicht! Wir Raben sind die einzigen, die euch Menschen seit Jahrtausenden vor der Versklavung bewahren!“
    „Schon gut. Schon gut!“ Ich wich zurück. Die Räbin war ganzschön ungestüm. „Aber was hat all dies mit mir zu tun?“
    „Nun“, sagte der alte Meister. „Wir Raben schützen diese Welt, das ist richtig. Aber die Barriere zwischen Menschenwelt und Corvis wird vom Wächter bewacht. Stirbt der alte Wächter, erwacht ein neuer in der Menschenwelt. Wir sind hier, um den Erwachten nach Corvis zu geleiten. Bevor ihn die Katziden finden.“
    „Ahh. Soll ich euch helfen, den neuen Wächter zu finden?“
    Es klingelte an der Tür. Eine willkommene Ablenkung von dem Irrsinn, der sich offenbar gerade in meinem Kopf abspielte. Das letzte Bier musste schlecht gewesen sein.
    „Nein.“ Das Rabenmädchen blickte unruhig zur Balkontür hin und sah mich dann direkt an. „Du bist der nächste Wächter!“
    „Na sicher“, kicherte ich nervös und tastete nach meinem Bier.
    „Hoheit! Wir wollten langsam vorgehen!“, rief der alte Rabe vorwurfsvoll.
    „Wir haben keine Zeit, Meister. Da steht ein Katzide vor der Tür und verlangt Einlass.“
    „Seid Ihr sicher?“ Der Graue lugte misstrauisch zur Balkontür hin.
    Wieder ignorierten mich die beiden. Auch ich schaute unsicher in die Wohnung. Ein seltsames Gefühl der Unruhe erfasste mich. Irgendetwas lauerte dort, das spürte ich mit Gewissheit. Gleichzeitig nahm ich einen leichten, aber alarmierenden Geruch von ungepflegter Katzentoilette wahr.
    „Wer ist da?“, rief ich.
    Ein Moment der Stille. Dann schien etwas an der Tür zu kratzen.
    „IKEA!“ Die Stimme war sanft und schnurrend. Nicht unangenehm, trotzdem richteten sich meine Nackenhaare auf.
    „Ich habe nichts bestellt“, flüsterte ich nervös.
    „Die Katziden haben den neuen Wächter aufgespürt“, stellte die Räbin nüchtern fest. „Sind die Schwarzflügel zu sehen?“
    „In der Ferne ist eine einzelne dunkle Wolke. Sie könnten es sein.“
    „Das dauert zu lange!“, rief das Rabenmädchen.
    In diesem Moment wurde das Kratzen an der Tür lauter, dann splitterte Holz.
    „Verdammt. Was soll ich tun?“ Ich ging auf die Balkontür zu, merkte jedoch, dass dies keine gute Idee darstellte, und trat wieder zurück.
    „Du wirst schneller lernen müssen als geplant, Kücken-Wächter!“
    Etwas bewegte sich im Flur. Es schepperte. Das war wohl die Kommode. Ein aggressives Fauchen ertönte.
    „Scheiße!“
    „Aber Eure Hoheit!“
    „Keine Zeit für Höflichkeiten. Et corvus habitabunt in homine!“
    Vor der Räbin flimmerte die Luft silbrig, eine schimmernde halb-transparente Blase bildete sich auf meinem Balkon und nahm Form an. Die Räbin stöhnte. Ihre Gestalt erschien mir plötzlich seltsam strukturlos, als löse sie sich vor meinen Augen in eine dunkle Wolke auf. Mit einem Zischen strömte der schwarze Nebel in die silbrige Blase.
    Dann stand Ravena vor mir. Ihre langen Haare lagen in einer Vielzahl schwarzer Zöpfe über den Schultern. Sie war schlank wie ein Reh und schön wie ein Sommerabend. In der Hand hielt sie einen Stab aus hellem Holz, der in scharfem Kontrast zu ihrer kupferfarbenen Haut stand. Ihr Leib war teilweise von schwarzen Rabenfedern bedeckt. Einige Körperteile blieben jedoch unbedeckt.
    „Was starrst du?“
    „Ich … Eh!“ Vom Wohnzimmer her erscholl ein triumphierendes Fauchen. Aus dem Augenwinkel erkannte ich eine schattenhafte Gestalt. Gelbe Katzenaugen starrten uns hasserfüllt entgegen.
    „Ich glaub es nicht! Da macht man alles, um dem fetten Jungen den Arsch zu retten, und der hat nichts Besseres zu tun, als mir auf die Brüste zu starren!“
    Ihren plötzlichen Ausbruch fand ich ausgesprochen unfair, wenn überhaupt hatte ich nur kurz geguckt. Außerdem brachte mich die Situation ohnehin an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Und da war ja noch das zwei Meter große Katzenvieh in meinem Wohnzimmer.
    „Eure Hoheit. Die Katziden!“, gab der alte Rabe denn auch zu bedenken.
    „Ist doch nur einer!“ Mit einer eleganten Bewegung hob sie den Stab.
    „Eure Hoheit, das Fenster!“, krächzte der Graufedrige warnend.
    Was immer sie mit dem Stab angestellt hatte, es stoppte den Katziden mitten im Sprung und schleuderte ihn an die gegenüberliegende Wand. Scheppernd kam er in meinem Bücherregal zum Halt. Gleichzeitig zerplatzte das Balkonfenster in tausend Bruchstücke.
    „Ups“, sagte Ravena und zuckte ungerührt mit den Schultern. Dann wandte sie sich mir zu, wohl um ihr Donnerwetter fortzusetzen.
    „Dafür haben wir keine Zeit“, unterbrach sie der alte Rabe. „Da kommen bereits weitere!“
    Tatsächlich strömten dutzende Katziden vor meinem Balkon zusammen. Sie schienen aus allen Richtungen zu kommen. Mit Hauskatzen hatten diese dämonengleichen Wesen nichts gemeinsam. Einzig ihr Fell und die katzenhaften Gesichter erinnerten an die Stubentiger, so wie ich sie kannte. Ihre Augen funkelten voller Hass und wilder Mordlust.
    „Können die hier hoch?“, fragte ich ängstlich.
    „Ob die hier hochkommen? Kindchen, das sind Katziden!“, schnaufte Ravena. Sie hatte mich Kindchen genannt, dabei war sie keinen Tag älter als ich. Ich beschloss, ihr zumindest verbal etwas entgegenzusetzen. Aber die Katziden kletterten die Hauswand empor. Ein Anblick, der mich erst mal verstummen ließ.
    In diesem Moment erhob sich ein ohrenbetäubendes Rauschen. Ein Schatten fiel auf den Balkon.
    Ich sah auf.
    Ein riesiger Schwarm schwarzer Vögel verdunkelte die Sonne.
    „Jetzt gilt es. Spring oder stirb junger Wächter!“, rief der graue Rabe auf. Der Schwarm zog am Balkon vorbei. Ein undurchdringliches Meer schwarzer, fedriger Leiber.
    „Was?“, jammerte ich verzweifelt. Die erste Katziden hatten den Balkon erreicht und scharrten an der Plastikumrandung.
    „Das hat doch so alles keinen Sinn“, schimpfte das Rabenmädchen. Ich spürte ihren Stab im Rücken und wurde mit einem Ruck über die Balkonbrüstung in den tobenden Schwarm gestoßen.
    Ich schrie wie am Spieß.
    Aber zu meinem Erstaunen fiel ich nicht in den sicheren Tod. Im Gegenteil die Vögel hielten mich, trugen mich höher und höher. Dann ging es in stetigem Flug weiter. In welche Richtung konnte ich nicht ausmachen.
    „Wohin bringt ihr mich?“ Trotz der rasanten Ereignisse blieb ich eigentümlich ruhig.
    „Wir bringen dich nach Corvis. Auf deinen Weg!“ Es war die Stimme des alten Raben, er flog direkt neben mir.
    Mein Weg!
    Es sollte sich erweisen, dass dieser eigentümliche Aufbruch ins irgendwo nur der Auftakt für das ungewöhnlichste Abenteuer darstellte, das je ein Mensch erfahren hatte.

  • Die Gedanken sind frei

    von bigbadwolf


    Gregor hängte das Tuch an seinen Haken und näherte sich verstohlen der Tür.
    „Wen willst du denn erschrecken?“, stichelte Isabella und zog die übliche Miene.
    „Ach, ist schon gut… kann ich jetzt wieder in mein Zimmer?“, fragte er enttäuscht.
    Sein Vater besah sich die standesgemäß reinliche Einbauküche, während seine Mutter ihre Hand betont über den Esstisch gleiten ließ. Dieses täglich wiederkehrende Kontrollritual hatte schon fast etwas von den Akolythenprüfungen in seinem neuen Buch. Obwohl sich Gregor deren Aufgaben weitaus weniger nervtötend vorstellte. Immerhin mussten sie ja bloß die Priester versorgen, Riten vorbereiten und hinterher wieder alles wegräumen… eigentlich unterschied sich das gar nicht so sehr v-
    Isabellas Fingernägel rissen ihn schmerzhaft aus seinen Gedanken.
    „Isabella! Auf dein Zimmer!“, wetterten seine Eltern im Duett los.
    „Und zum dritten Mal: »Ja, du kannst gehen, Gregor.«“, fügte seine Mutter kopfschüttelnd an, während Isabella mit akustischem Sperrfeuer in ihr Zimmer stapfte.
    „Brauchst du noch was?“, fragte Vater und holte seine Jacke vom Garderobenhaken.
    Gregor verließ zielstrebig die Küche, froh, dass er für heute alle Hausarbeiten geschafft hatte. Auf dem Weg in sein Zimmer betrachtete er die roten Striemen, die ihm Isabella verpasst hatte. "Immerhin blutet es diesmal nicht", dachte er beinahe optimistisch und ließ seine Tür betont ins Schloss fallen.
    Sein vergilbter Lieblingsfußballer lachte ihn wie üblich von seinem lebensgroßen Poster an, aber Gregor konnte gerade nichts mit ihm anfangen. Er wandte sich seinem zerwühlten Bett zu, der Anblick des dunkelgrünen Bucheinbandes hob seine Laune wesentlich mehr als die grinsende Visage an seiner Zimmertür. Wie gern wäre er einfach an Marunas Stelle getreten… wie schlimm mochte es schon sein, den Haushalt dieser paar Hohepriester zu schmeißen, sofern man dies allein und ungestört tun konnte… eigentlich war Isabella noch nicht mal das Schlimmste an seinem Leben.
    "Wahrscheinlich wird man als Erwachsener unweigerlich kacke. Muss ein Fehler in der Naturordnung sein...", dachte er, ließ sich müde auf sein Bett fallen und schloss die Augen. In seiner Vorstellung ließ Gregor seine Schwester und seine Eltern für sich schuften, während er in riesigen Folianten blätterte, Dämonen beschwor und unterwarf oder den Kranken göttliche Heilung spendete. Zu bedrückt, um seine Gedanken auszuhalten, schnappte er sich das Buch.
    Als er die Augen aufschlug, um zu lesen, verschwammen die sonderbaren Zeichen vor seinen Augen. Was ist das denn jetzt für ein Mist? Als Gregor auf den Einband schauen wollte, starrten ihn noch mehr seltsame Lettern an. Sich noch immer wundernd fiel ihm plötzlich auf, dass seine nun Zimmerdecke aus massiven Holzbalken bestand.
    Gleichsam wunderte sich Maruna über die wundersamen Gerätschaften, welche diesen ihr vollkommen unbekannten Raum zierten. Vermutlich hatte einer der bekloppten Priester mal wieder ein Dimensionsportal offen gelassen… und warum war ihre Hand auf einmal so klein und haarig?

  • So, mit einer Woche Verspätung nun auch die Auflösung. (Entschuldigung dafür, das Update und das Leben ... you know.)
    Und weils so lange gedauert hat, heute kurz und bündig:


    Der Gewinner des Schreibwettbewerbs ist mit 10 von 15 Stimmen (67%)

    Herzlichen Glückwunsch!

    Ihr könnt jetzt gerne auch Feedback zu den Geschichten posten und den Autoren steht es frei, die Geschichten in ihrer Kurzgeschichtensammlung zu veröffentlichen!


    LG Chaos :chaos:

  • Liebe @Alle

    Vielen Dank allen, die beim Wettbewerb mitgemacht haben und die abgestimmt haben!


    Ich freue mich!

    Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.


    Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz

  • Glückwunsch, Sensenbach ! Das war echt ne coole und vor allem abgefahrene Story. Die Sache mit dem "Balkonkühlschrank", der das Halbzeitbier auf Trinktemperatur runterkühlt, hat mich allerdings direkt am Anfang vermuten lassen, dass die Geschichte von dir stammt. Keine Ahnung wieso :rofl:Witzig auf jeden Fall, dass ich mit der Vermutung richtig lag...


    Ein Lob auch an die anderen beiden Wettbewerbsteilnehmer, Sora und bigbadwolf . Ich bewundere wirklich jeden, der es schafft, hier etwas derartiges abzuliefern...^^

  • Herzlichen Glückwunsch Sensenbach zum Gesamtsieg! :)

    Habe einige Zeit zwischen deiner und einer zweiten Geschichte geschwankt, mich aber letzten Endes, wie der Großteil der Teilnehmer, für die deine entschieden. Alles in Allem war sie dann m.M.n. die 'Kompletteste' in diesem Wettbewerb.


    Ein Dankeschön natürlich auch an die beiden Konkurrenten für die, ebenfalls unterhaltsamen, Beiträge ^^


    LG
    Rika