Die dritte Ebene

  • Die dritte Ebene


    Jeder Blick in den Spiegel quält mich, ruft er mir doch nur allzu deutlich in Erinnerung zurück, daß nichts von dem Einbildung war, was ich vor kurzem erblickt habe.
    Der deutlichste Beweis sind die schlohweissen Haare, mit denen mein Spiegelbild mich ansieht. Vor wenigen Tagen noch waren sie dunkelbraun, aber der namenlose Schrecken, dem ich in den finsteren Gängen von London's Unterwelten in's Antlitz sah, nahm ihnen die Farbe.


    Fast möchte ich lachen über die Zeitungsberichte der letzten Tage, die sich den offiziellen Angaben über eine Explosion in einem verlassenen U-Bahnschacht anschliessen, bei der zwei Mitarbeiter getötet und der ein dritter, nämlich ich, gerade noch entgangen war. Aber ich weiß, was dort unten wirklich geschehen ist und jede Nacht bringt mir den Schrecken erneut zurück.
    Allerdings gab es dort unten eine Explosion, doch war es nicht wie geschrieben eine Gasverpuffung, ausgelöst durch die Unachtsamkeit meiner Kollegen. Denn zu dem Zeitpunkt als mich die Gewalt der Druckwelle in gnädige Ohnmacht versinken ließ, waren sie bereits tot oder befanden sich jedenfalls in einem Zustand, dem der Tod vorzuziehen ist.
    Ich selbst war es vielmehr, der in tiefster Verzweiflung diese Explosion auslöste und ich hoffe, auf ewig das vernichtet oder wenigstens begraben zu haben, was mir dort unten in den finsteren Kammern der Erde begegnete.
    Doch befürchte ich in meinem Innersten, in den Träumen, die mich seitdem jede Nacht heimsuchen, daß die Kraft eines einzelnen Menschen gänzlich unzulänglich ist für das, was die dunklen Schächte so lange verborgen haben und vielleicht immer noch verbergen...


    Es war im späten Oktober eines für Londoner Verhältnisse typisch grauen und nassen Tages, als ich wie jeden Morgen meinen Dienst als Gleiswächter der U-Bahn antrat. Neben mir bestand das Team, dem die Kontrolle der Gleise zwischen Notting Hill Gate und Chancery Lane im Osten oblag, aus unserem Vormann Henry Warrington und Mahsoud Lachal, einem jungen Mann, dessen Familie ursprünglich aus den britischen Kolonien in Afrika stammte.
    Henry war ein untersetzter Mann mit eisgrauen, raspelkurzen Haaren, der kurz vor seiner Pensionierung stand. Er war es, der mich in die geheimnisvolle unterirdische Welt der Bahnschächte eingeführt hatte.
    Und genauso gab ich dieses Wissen jetzt an Mahsud weiter, der sich als überaus lernbegierig erwiesen hatte. Darüber hinaus war Mahsoud fast immer gut gelaunt, was ich mittlerweile sehr zu schätzen wußte, da Henrys bevorstehende Pensionierung dazu geführt hatte daß er begonnen hatte, sich immer mehr in ein Schneckenhaus zurückzuziehen, was unsere Arbeit in der sinistren Einsamkeit der Bahnschächte nicht unbedingt angenehmer machte. Dieses einsiedlerische Gehabe, daß ihm noch vor einem Jahr völlig fremd gewesen war, hatte mittlerweile dazu geführt, daß wir morgens in unserer Dienstbaracke bestenfalls noch einen gemeinsamen Kaffee tranken und dabei die zu kontrollierenden Streckenabschnitte besprachen.
    Meistens erhob sich Henry dann schweigsam und brach alleine auf, um eine der Strecken abzulaufen, während Mahsoud und ich noch für einige Minuten zusammensassen.


    Auch heute traf ich nur noch den Jungen im Büro an - Henry war bereits auf der Strecke unterwegs. Dieses Mal versprach der Kontrollgang ungewöhnlich interessant zu werden, da er einen Teil des Schienennetzes einschloss, der zu den ältesten zählte und nur noch teilweise in Betrieb stand. Aber die Vorschriften verlangten, daß auch diejenigen Abschnitte von Zeit zu Zeit abgegangen werden mußten, auf denen der Betrieb ruhte.
    Der Eintrag des letzten Kontrollganges stammte von einem Mann namens C.S.Bradley und erregte meine Aufmerksamkeit: Als Datum der letzten Inspektion war der 18. März 1892 eingetragen.
    War das möglich?


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  • Hi @Der Wanderer ^^


    Juhu, etwas Neues und Kurzes! Da muss ich mich gleich drauf stürzen :D


    Wow, der Einstieg gefällt mir sehr gut! Macht sofort neugierig!


    Das kurze Schildern der mysteriösen Geschehnisse wirft viele Fragen auf und man möchte wissen, was sich dort unten wirklich zugetragen hat.
    Die Einführung in die Geschichte mit der kurzen Erklärung zur Arbeit, den Kollegen usw. finde ich auch gelungen und am Ende dann wieder ein Rätsel. Da will ich doch gleich wissen, was es damit auf sich hat... :search:




    Liebe Grüße, Kij


  • Demnäch wäre dieser Abschnitt vor über vierzig Jahren zuletzt überprüft worden.
    Es war mir unverständlich, weshalb in der Zwischenzeit nicht neuerliche Kontrollen stattgefunden haben sollten. Allerdings nahm ich eher an, daß es sich bei diesem Eintrag um einen Schreibfehler handeln mußte. Oder aber es war reiner Nachlässigkeit eines Bürokraten zu verdanken, daß dieser Streckenteil so lange nicht mehr abgelaufen worden war.
    Ich bedauerte sehr, daß Henry nicht auf mich gewartet hatte, denn es gab keinen Menschen, der mit dem Gewirr der unterirdischen Schächte besser vertraut war als er. Manche unserer Kollegen behaupteten sogar, man könne Henry Warrington ohne Licht und Karte an einer beliebigen Stelle des Netzes aussetzen. Trotzdem würde er an jedem ihm angewiesenen Ort wieder zum Vorschein kommen.
    Während Mahsoud und ich unseren Kaffee schlürften musterte ich ein ums andere Mal den Plan, um mich in Grundzügen mit den Verzweigungen des Systems vertraut zu machen.
    Mahsoud tippte auf eine Stelle im westlichen Teil des Terrains.
    „Henry hat gesagt, das hier sei die übelste Ecke von allen,“ sagte er und häufte sich noch eine Löffel Zucker in die Tasse.
    „Hat gesagt, da riecht es schlecht und er wartet da auf uns.“
    Überrascht sah ich den Jungen an.
    „Was meint er denn damit: Es riecht da schlecht?“
    Gut riechen tat es in den Schächten nämlich eigentlich nirgends, bestenfalls modrig. Dort, wo manche Abwasserkanäle für eine Weile parallel zu den Gleisen verliefen, hielt man an einigen Stellen lieber den Atem an. Es sah Henry gar nicht ähnlich, sich nach all den Jahren über die Gerüche hier unten zu beklagen.
    Mahsoud zog in einer Geste der Unwissenheit die Schultern in die Höhe.
    „Weiß nicht,“ sagte er unbestimmt. Erneut fuhr sein Finger über die Karte auf dem Tisch und stoppte schließlich bei einer Verzweigung der Schienen gleich neben dem bewußten Abschnitt.
    „Henry sagte, er geht da lang,“ erläuterte er in seiner knappen Art. „Und da...“ er tippte auf die Verzweigung, „Da will er auf uns warten. Er sagt, alleine ist ihm nicht geheuer da.“


    Jetzt war meine Überraschung so vollständig, daß ich unwillkürlich die Kaffeetasse absetzte.
    In meiner ganzen Zeit zusammen mit Henry hatte ich keinen Augenblick erlebt, in dem ihm die Finsternis der Gänge zu schaffen gemacht hätte. Vielmehr war es immer ich gewesen, der sich mehr als unbehaglich fühlte, wenn es darum ging tiefer in das Labyrinth der Schächte hinabzusteigen, auf die zweite Ebene etwa, wo einem häufig riesige Ratten über den Weg liefen und die Dunkelheit Geräusche zu verbergen schien, die der ohnehin schon entfachten Phantasie grausige Bilder vorzugaukeln imstande waren, obwohl es keine rationalen Gründe dafür gab.
    Es war stets mein älterer Kollege gewesen, dessen selbstsichere, ruhige Art mir meine Ängste vertrieb - auch wenn er es sich ab und an nicht verkneifen konnte, von einer dritten Ebene zu erzählen, die es Gerüchten zufolge unter den befahrenen Ebenen geben sollte und die seit Jahrzehnten nicht mehr in Betrieb sei.
    Dies tat er mit Vorliebe an Streckenabschnitten, die ausgezeichnet geeignet dazu waren, einem noch jungen Menschen kalte Schauder den Rücken hinabzujagen.
    Das also jetzt ausgerechnet Henry sich bei dem Gedanken unwohl fühlen sollte, einen zugegeben, sehr alten Abschnitt alleine zu kontrollieren wollte mir nicht recht in den Kopf. Aber ich beließ es dabei: In Kürze würde ich ihn ja selbst danach fragen können.
    Also überprüften wir wie an jedem Morgen unsere Ausrüstung auf Vollständigkeit, obwohl es nicht viel war, was wir in unseren Schultertaschen mit uns führten:
    Eine starke Stablampe mit Ersatzbatterien, einen verstellbaren Schraubenschlüssel sowie einige Werkzeuge, mit denen wir kleinere Reparaturen an Gleisen und Stromleitungen durchführen konnten. Dazu ein kleiner Schreibblock mit Vordrucken auf dem die Feststellung von Schäden festgehalten wurde, zu deren Behebung ein Arbeitsteam ausgeschickt werden mußte.
    Einer Regung folgend ergänzte ich das kleine Sortiment noch um einige Leuchtstäbe, die wie Streichhölzer entzündet wurden und dann für geraume Zeit ein starkes, rötliches Licht erzeugten.
    Ich steckte die Karte des heutigen Streckenabschnitts ein und machte mich dann mit Mahsoud auf den Weg hinab in die Schächte. Bald hatten wir die erste Ebene erreicht, auf der die meisten heutigen Linien verkehrten. Nichts an unserem Kontrollgang schien ungewöhnlich.
    Wir untersuchten Weichen auf eventuelle Beschädigungen, prüften ihre Funktionalität und ließen den Strahl unserer Lampen über die Wand- und Deckenleitungen schweifen, während wir uns über die täglichen Belanglosigkeiten unterhielten, mit denen sich überall Männer unterhalten, um nicht von der Monotonie ihrer Arbeit übermannt zu werden.
    In regelmäßigen Abständen wurden wir von Zügen passiert, die für kurze Zeit die abgestandene Luft in den Schächten in Bewegung versetzten, wenn sie an uns vorbeirasten.
    Zu Beginn meiner Zeit in den Tunneln hatte ich mich noch furchtsam umgesehen, wenn das Gedonnere der Triebwagen in den Röhren anschwoll, ehe endlich ein Lichtschimmer das herannahen des Zuges ankündigte. Damals hatte ich entsetzliche Furcht davor gehabt, von einem unbeleuchteten Zug überrascht zu werden, obgleich es nichts unlogischeres gab: Denn hatte ein Zug kein Licht, so hatte er auch keinen Strom. Und ohne Strom fuhr er nicht. Und selbst wenn hätte kein Zugführer sein Fahrzeug in völliger Blindheit in die schwarzen Schächte hineingesteuert.
    Trotzdem hatte es lange gebraucht, ehe ich mir Henrys spielerische Eleganz zu eigen machen konnte, mit der er den heraneilenden Ungetümen auswich.
    Trotzdem war dabei immer Vorsicht geboten, denn Unterstellplätze fanden sich auf der ersten Ebene nur etwa alle zehn Meter. Auf der Zweiten sogar nur in Abständen von fünfundzwanzig Metern. Befand man sich also gerade zwischen zweien der Schlupflöcher, so blieb nichts anderes als sich mit dem Rücken fest gegen das feuchte Mauerwerk des Tunnels zu drücken und zu warten, bis der Sog des Fahrtwindes wieder abnahm, der einen mit sich zerren wollte. Denn man hätte nur die Hand ausstrecken brauchen um den vorbeirasenden Stahlkoloß zu berühren.


    Wir brachten unsere Route auf der oberen Ebene zuende und wandten uns dann in westlicher Richtung, wo wir nach etwa fünfzehn Minuten Marsch eine schmale Eisenstiege erreichten, die hinab auf die zweite Ebene führte. Aus dem Schacht schlug uns ein von Moder und Fäulnis getränkter Geruch entgegen und Tauchern gleich schöpften wir beide noch einige Male tief Atem, ehe wir hinabstiegen. Dumpf schlug das Geräusch unserer Stiefel auf der Treppe von den nassen Schachtwänden zurück, als würde die feuchte Luft den Klang in Watte hüllen.
    Unten angekommen besah ich mir einmal mehr unsere Karte im Licht meiner Lampe, denn es geschah nicht sehr häufig, daß wir auf die zweite Ebene hinabsteigen mussten, sodaß meine Ortskenntnisse hier bei weitem nicht so umfangreich waren wie die Henrys, der sich alleine auf sein Gedächtnis verlassen konnte.
    Jetzt stellte ich fest, daß er unsere Routen hier unten so geplant hatte daß er, von unserem jetzigen Standort aus betrachtet erst ein kleines Stück in südlicher Richtung ging, dann ostwärts abbiegen und nach einigen hundert Metern auf dieser Strecke auf einen Abzweig treffen würde, der ihn in einem weiten Bogen wieder nach Westen führte.
    Unser Weg hingegen führte erst in nördlicher, dann nordöstlicher Richtung ehe wir auf die Strecke stiessen, auf der Henry uns entgegenkommen würde. Etwa in der Mitte sah ich die einzelne Weiche eingezeichnet, an der er auf uns warten wollte.
    Ich war jetzt schon auf seine Erklärung gespannt, was ihn davon abhielt das von der alten Hauptstrecke abzweigende Nebengleis alleine zu inspizieren. Denn es gab eine Eigenart der Streckenpläne, mit deren Hilfe wir uns hier unten orientierten, deren Sinn sich mir noch nie wirklich erschlossen hatte:
    Jede Karte erschloß dem Betrachter stets nur ein grosses Planquadrat des gesamten Streckennetzes. Auf allen vier Seiten des Plans befand sich der Nummerncode der folgenden Karte. Man brauchte also den Anschlußplan, um herauszufinden, wohin das Nebengleis führte, was Henry solches Unbehagen verursachte.


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  • Hammer! Kijkou recht geben, es nimmt eine völlig mit und man will wissen was da passiert.



    Zitat von Der Wanderer

    Wir untersuchten Weichen auf eventuelle Beschädigungen, prüften ihre Funktionalität und ließen den Strahl unserer Lampen über die Wand- und Deckenleitungen schweifen, während wir uns über die täglichen Belanglosigkeiten unterhielten, mit denen sich überall Männer unterhielten, um nicht von der Monotonie ihrer Arbeit übermannt zu werden.

    Das Ende diesen Satzes fand ich total klasse. Irgendwie, konnte ich in diesem Moment sogar richtig mitfühlen.


    Was mir allerdings ein klein wenig Fehlt ist der Charkter, Was er alles erlebt hat und nun Mutiger ist, ist klar zu erkennen, aber ich habe ausser graue Haare, die vorher braun waren, leider kein Bild wie er aussieht. Das ist das einige was mir aufgefallen ist.


    Ich bin gespannt wie es weiter geht. :rolleyes:

    Fantasy ist ein Werkzeug der Magie,
    wer sie beherrscht,
    besitzt die Kunst
    andere zu verzaubern.
    c Antke 2013


  • Schweigend machten wir uns auf den Weg. Ich konnte mich eines unruhigen Gefühles nur schwer erwehren, denn die Finsternis und das drückende Schweigen hier unten legte sich mir auf's Gemüt. Auch Mahsoud schwieg. Ich ertappte uns dabei, daß wir die Kontrolle der alten Anlagen weitaus flüchtiger durchführten als auf der Ebene über uns, nur um unseren Rundgang schneller zuende zu bringen. Nur zweimal hatten wir bisher in der Ferne den Widerhall eines fahrenden Zuges vernehmen können. Und jedesmal schien daraufhin die uns umgebende Stille dichter zu werden, uns einzuweben in das Netz aus Schweigen und Dunkelheit. Hier unten schien finster eine Einsamkeit zu herrschen, aus der jede Fröhlichkeit verbannt war.
    Es wunderte mich nicht zu sehen daß Mahsoud des öfteren nervös mit seiner Lampe hinter sich leuchtete. Es ging mir ähnlich wie ihm.
    Die muffige Feuchtigkeit der Gänge, die wir durschschritten, das leise Plätschern und Glucksen mit dem kondensierende Wassertropfen von der Decke herab in die Dunkelheit schwarzglänzender Pfützen niederfielen, durch die wir stapften - all dies erzeugte in seiner Gesamtheit eine Atmosphäre der Bedrohung und versteckter Furcht, die einem jungen Menschen die abwegigsten Dinge vorzugaukeln vermochte.
    Und obwohl ich durch meine Wanderungen zusammen mit Henry in diesen Schächten sehr wohl um die verdrehten Possen der menschlichen Phantasie wußte, die Gespenster, die unser Hirn uns vorzugaukeln vermag, konnte ich es nicht vermeiden, daß ich, angesteckt von der Nervosität meines jungen Begleiters ebenfalls zu glauben begann, ab und an hinter uns ein leises Tappen zu vernehmen, begleitet von seltsam hohlen, rasselnden und doch fast unhörbaren Atemzügen, wie sie einem Asthmakranken eigentümlich sind.


    Je weiter wir in die alten Gänge vordrangen um so mehr wollte sich diese Vorstellung meiner bemächtigen: Daß da wirklich etwas oder jemand in der Dunkelheit hinter uns herschlich.


    Ich versuchte das Trugbild loszuwerden das mich überwältigen wollte, aber es half nicht viel. Denn immer, wenn Mahsoud und ich kurz innehielten und in die Finsternis hinter uns lauschten, verstummten auch die Geräusche hinter uns, die in unsren Ohren ohnehin nicht viel mehr als ein Hauch waren.
    Setzten wir uns dann wieder in Bewegung, vermeinten wir sie ebenfalls wieder zu vernehmen. Ich zwang mich dazu, in ihnen nichts anderes als leise Echos unserer eigenen Schritte zu sehen, trotzdem vermochte ich die schleichende Furcht in mir nicht wirklich abzuschütteln. Unwillkürlich beschleunigten der Junge und ich unsere Schritte, um den mit Henry vereinbarten Treffpunkt so rasch wie möglich zu erreichen.


    Heute jedoch, da ich diese Erinnerungen aufschreibe bin ich jedoch fest davon überzeugt, daß sich im Dunkeln des Tunnels tatsächlich etwas verborgen hielt, denn ich kann mich deutlich daran erinnern, daß die Geräusche in unserem Rücken verstummten, als wir auf das Gleis wechselten, das uns zu der einsamen Weiche führte, an der Henry auf uns warten wollte. Im Nachhinein kommt es mir vor, als habe sich der unsichtbare Verfolger nur vergewissern wollen, daß wir diesen Weg auch wirklich einschlagen würden. Nichts gab es mehr in der Finsternis ausser das flackernde Licht unserer Stablampen, mit denen wir hinter uns nach etwas suchten, das dort nicht mehr war. Stattdessen ein leeres Gleisbett, überzogen gleich wie auch die Wände des Tunnels von einer grünlichen Schleimschicht verrottenden Schimmels. Und von der Decke über uns tropfendes Wasser von den fahlen Zähnen der ungezählten Stalaktiten, die wie das riesige Gebiss eines unnennbaren Schreckens über uns drohten, in dessen Rachen wir getreten waren. Der Tunnel wurde in unserer Phantasie zum einem Schlund, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.


    Schweratmend erreichten wir die Weiche.


    Ein entsetzlich fauliger Gestank entquoll dem alten Schacht neben der Weiche. Jeder Schritt näher heran verstärkte den Brechreiz in meiner Kehle. Und Masoud ging es nicht besser als mir - ich hörte sein heftiges Atmen und das wiederholte Schlucken, als wir uns der Abzweigung näherten.
    Feuchtglänzender Boden im Licht unserer Lampen, immer stärker bedeckt von dem grünlichen, schleimigen Schimmel, der dem nachtschwarzen Loch des Stollens vor uns zu entweichen schien wie etwas lebendiges, gleichwohl schon seit langem Totes.
    Immer stärker und überwältigender wurde uns der modrige, faulige Odem, der uns den Atem nehmen wollte je näher wir dem Eingang zu diesem verfluchten Nebengleis kamen...und mehr und mehr verstand ich Henries Abneigung vor diesem Ort.
    Henry?
    Erst jetzt klärten sich meine Gedanken wieder ein wenig und mir wurde bewußt, daß ich nirgendwo einen Hinweis auf seine Anwesenheit finden konnte. Dabei mußte mein alter Kollege schon geraume Zeit vor uns hier eingetroffen sein. Aber da war nichts als die einsame, rostige Weiche, überzogen von Schleim und Moder und Gestank, von der zur Linken ein verlassenes Gleis hineinführte in einen Tunnel, dessen Schwärze allen Gesetzen zum Trotz noch dichter und finsterer schien als die uns bereits umgebende Dunkelheit.
    Großer Gott, was ging hier vor sich???
    Ich zerrte Mahsoud am Ärmel hinter mir her, weg von dem grausigen Maul des Stollens. Nur einige Meter hinter der Weiche war die Luft erträglicher, ließ uns Atem schöpfen.


    Ich hatte nur eine Erklärung dafür, daß Henry noch nicht hier war. Bei aller Erfahrung konnte er einen Unfall gehabt haben, ein Sturz auf schlüpfrigem Untergrund vielleicht oder ein sich lösendes Stück Mauerwerk aus den Rundbögen des Tunnels, welches ihn am Kopf getroffen hatte. Vielleicht lag er gerade jetzt irgendwo hilflos vor uns auf den alten Gleisen der Strecke? Oder vielleicht hatte ihn auch nur einfach die Reparatur eines Schaltelementes aufgehalten hier auf der zweiten Ebene, auf der fast kaum etwas noch einwandfrei funktionierte, weil es fast niemand mehr brauchte?
    Wir entschieden uns für die hoffnungsvollste aller Möglichkeiten, die einem Menschen in dunkler Nacht bleibt: Daß wir Henry entgegengehen und ihn irgendwo vor uns in Kürze treffen würden, unversehrt und damit beschäftigt irgend ein marodes Kabel zu flicken und dabei zu fluchen, wie es seine Gewohnheit war.


    Mahsoud und ich hatten uns noch keine zwanzig Schritte in dem Bahnschacht vorwärts bewegt, aus dem Henry kommen mußte, als das Licht meiner Stablampe auf den Schlamm zwischen den Gleisen fiel. Und da waren sie - die Abdrücke von Henrys Stiefeln - und sie kamen uns entgegen!
    Ein gurgelndes Geräusch entfuhr meiner Kehle, während ich den Schein der Lampe bald nach vorne, bald nach hinten richtete. Es gab keinen Zweifel...die Abdrücke waren frisch. Die vor uns noch fast scharfrandig anzusehen. Die hinter uns von uns selbst bis auf wenige Ausnahmen in den Schlamm gestampft...
    Mein Herz schlug wie rasend, konnten die Spuren doch nur bedeuten, daß Henry jenen sinistren Stollen in unserem Rücken bereits betreten hatte, während wir noch auf ihn warteten. Allem zuvor geäußerten Unbehagen zum Trotz mußte er in den Nebenstollen gegangen sein.
    Also kehrten auch wir wieder zurück, doch obwohl ich es im Stillen erhofft hatte - mit jedem Schritt nahmen Angst und Grauen vor diesem finsteren Schacht in meiner Seele wieder zu. Ich schäme mich nicht zu sagen, daß mir die Knie zitterten, als wir in die fahlglänzende Schwärze eintauchten. Unsere Lampen vermochten keine fünf Schritte vor uns mehr den Weg zu beleuchten...es war eine körperliche Dunkelheit, in der wir eingehüllt wurden.


    >>> Diese Stufen führen Dich weiter hinab <<<

  • Hi @Der Wanderer ^^


    So, habe jetzt mal den 2. Teil gelesen - muss mich erst langsam wieder im Forum akklimatisieren :D


    Oh, und es geht spannend weiter =O
    Das mysteriöse Nebengleis ... ich bin schon gespannt, wo das hinführt ...



    Der dritte Teil muss leider noch warten.


    LG, Kij

  • Uhhaaaa, Gänsehaut. Ich glaube ich wäre schreiend davon gelaufen. WOW. =O


    Super spannede Geschichte die mich völlig im Bann hat. Wie du den Ort beschreibst ist echt klasse und packend.

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    c Antke 2013

  • Hallo @Der Wanderer,


    eine schaurig schöne Atmosphäre baust du hier für uns auf. Mir ist aufgefallen, dass du die Erzählung des Protagonisten mit allen Sinnen unterstreichst. Die Dunkelheit der Tunnel, der modrige Gestank, der Fahrtwind der vorbeirauschenden Züge, etc. Das macht die Umgebung sehr plastisch und für den Leser greifbar. Es wirkt tatsächlich so, als würde diese Geschichte von einem Überlebenden berichtet werden.
    Das Setting der Londoner U-Bahn und der kurze Teaser zu Beginn haben mich sofort gepackt und ich konnte nicht aufhören, deine Geschichte bis hierher zu verfolgen. Nun warte ich gespannt auf den Fortgang und warum die Explosion ausgelöst wurde. Welcher Schrecken wartet dort im Dunklen auf uns Leser?


    Ein paar Dinge, die mir während des Lesens aufgefallen sind:

    schlohweissen Haare, mit denen mein Spiegelbild mich ansieht.

    Das ist jetzt sicherlich Haarspalterei, aber Haare an sich können niemanden ansehen.

    Allerdings gab es dort unten eine Explosion, doch war es nicht wie geschrieben eine Gasverpuffung

    Hier stolpere ich ein wenig über das "Allerdings". Ein einfaches "Es gab dort unten eine Explosion, doch..." würde für mich weniger gedoppelt klingen.

    da Henries bevorstehende Pensionierung

    Im Text ist mir immer wieder aufgefallen, dass du Henry Namen im Falle eines angehängten "S" als "Henries" schreibst. Da Henry aber ein Eigenname ist, müsste er sich nach meinem Wissen entweder mit Apostroph oder einfachem angehängtem "S"schreiben.

    Darüber hinaus war Mahsoud fast immer gut gelaunt, was ich mittlerweile sehr zu schätzen wußte, da Henries bevorstehende Pensionierung dazu geführt hatte daß er begonnen hatte, sich immer mehr in ein Schneckenhaus zurückzuziehen, was unsere Arbeit in der sinistren Einsamkeit der Bahnschächte nicht unbedingt angenehmer machte. Dieses einsiedlerische Gehabe, daß ihm noch vor einem Jahr völlig fremd gewesen war, hatte mittlerweile dazu geführt, daß wir morgens in unserer Dienstbaracke bestenfalls noch einen gemeinsamen Kaffee tranken und dabei die zu kontrollierenden Streckenabschnitte besprachen.

    Hier ist mir aufgefallen, wie gut es dir mit nur wenigen Sätzen gelingt, die Personen für den Leser in einer Weise zu beschreiben, dass sie durch ihre Eigenarten und persönlichen Geschichten absolut greifbar wirken. :thumbsup:

    Manche unserer Kollegen behaupteten sogar, man könne Henry Warrington ohne Licht und Karte an einer beliebigen Stelle des Netzes aussetzen. Trotzdem würde er an jedem ihm angewiesenen Ort wieder zum Vorschein kommen.

    Dasselbe an dieser Stelle. Die kleinen Details machen eine Person glaubhaft.

    Dies mit Vorliebe an Streckenabschnitten die ausgezeichnet geeignet dazu waren, einem noch jungen Menschen kalte Schauder den Rücken hinabzujagen.

    Diesen Satz habe ich nicht ganz verstanden. Fehlt hier vielleicht ein Wort? Oder fehlt mir ein Zusammenhang? :hmm:

    Das also jetzt ausgerechnet Henry sich jetzt bei dem Gedanken unwohl fühlen sollte

    Ein "jetzt" ist überflüssig.

    während wir uns über die täglichen Belanglosigkeiten unterhielten, mit denen sich überall Männer unterhalten, um nicht von der Monotonie ihrer Arbeit übermannt zu werden.

    Eine treffliche Formulierung! :thumbup:

    Auch Mahsoud schwieg.

    Mit diesem kurzen Satz zeigst du sehr schön, wie angespannt die Atmosphäre ist, denn Mahsoud kennen wir ja als ständig gut gelaunten Menschen. Wieder ein kleines feines Detail, das die Geschichte gut und glaubhaft macht.

    Und jedesmal schien daraufhin die uns umgebende Stille dichter zu werden, uns einzuweben in das Netz aus Schweigen und Dunkelheit. Hier unten schien finster eine Einsamkeit zu herrschen, aus der jede Fröhlichkeit verbannt war.

    Ebenfalls eine wunderbare Beschreibung für die beklemmende Stimmung!

    Und von der Decke über uns tropfendes Wasser von den fahlen Zähnen der ungezählten Stalaktiten, die wie das riesige Gebiss eines unnennbaren Schreckens über uns drohten, in dessen Rachen wir getreten waren. Der Tunnel wurde in unserer Phantasie zum einem Schlund, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.

    Hier ziehe ich wahrlich den Hut vor dieser Formulierung. Steven King hätte es kaum besser machen können!

    Durch Umwege sieht man mehr von der Welt.

  • Ein Schrei entrang sich meiner Kehle, als ich nach wenigen, tastenden Schritten mit dem Fuß gegen einen Gegenstand stieß. Im Strahl meiner Lampe erkannte ich den Rest eines alten, ledernen Arbeitsstiefels. Und gleich daneben einen zweiten.
    Hatte mir eine entsetzliche Phantasmagorie noch gerade vorgegaukelt, dies seien Henrys Stiefel gewesen, fand ich mich umgehend in einer anderen, gleichwohl nicht besseren wieder:
    Denn zweifellos waren diese Kleidungsstücke erheblich älter. Aber je weiter ich in den Gang vordrang, umso mehr von ihnen fand ich im Licht meiner Lampe. Geisterhaft und fahl im Lichte aufscheinende Fetzen von vermodernden und zerissenen Hemden und Jacken und immer wieder Stiefel oder die Reste davon. Alles und alle unter dem Einfluß jenes schaurigen grünen Schimmels, der dicker und dicker die Wände und den Boden des Stollens bedeckte, in dem ich mich befand.
    Jeder meiner Schritte ekelte mich, denn ich hatte das Gefühl, daß ich unter meinen Schuhsohlen unzählige Schnecken zertrat.
    Aus dem dumpfen Grauen angesichts der mir unerklärlichen Funde erwuchs mir schleichend und unaufhaltsam namenlose Furcht.


    Aber...wo war Mahsoud? War er noch hinter mir?
    Ich drehte mich herum und konnte ihn nicht mehr sehen.Wo war er? Noch vor einer Sekunde war der Schein seiner Lampe doch an mir vorbeigehuscht, suchend, ausspähend!?!


    Mühsam tastet ich mich weiter voran in diesem unheimlichen Stollen, stolperte unerwartet über einen morschen Schaufelstiel, der unter dem Anprall meines Körpers zerbrach und stieß mir beim Sturz den Arm heftig an einem harten Gegenstand. Im Licht der Lampe gewahrte ich zu meiner Verwunderung eine massige, metallene Kiste. Mit Mühe löste ich die Riegel, hob den Deckel an und sah mehr als ein Dutzend länglicher, rot eingefärbter Stangen. Dynamit. Hatte man hier früher Sprengungen durchgeführt?


    Meine Gedanken, daß weiß ich heute, waren trübe im Tunnel jenes verfluchten Nebengleises. Keines Menschen Sinn kann klar bleiben in der Nähe dessen, dem ich mich gleich gegenübersehen sollte.
    Denn nun erscholl in meinem Rücken der entsetzlichste Schrei, den ich jemals in meinem Leben gehört habe. In Panik liess ich den schweren Deckel der Kiste zurückfallen, raffte mich auf und stürzte den Weg zurück, auf dem ich gekommen war.
    Aus den Augenwinkeln heraus sah ich eine schemenhafte Gestalt, die den reglosen Körper Masouds hinter sich herschleifte in eine Höhlung, die ich für einen der Stellplätze gehalten hatte. Ich weiß heute nicht mehr, was mich dazu brachte, die Stablampe in jenen versteckten Gang zu richten, aber was das Licht mir dort zeigte, schnürte mir in würgendem Entsetzen die Kehle zu. Nur kurz fiel das Licht auf das Gesicht des Jungen, gräßlich verzerrt und mit starren, toten Augen, die auf grauenhafte Weise ein Spiegel seiner Agonie waren...und dann war es verschwunden in der Dunkelheit.
    Das Wesen jedoch, was ihn fortschleppte, oh mein gütiger Gott. Wie soll ich es beschreiben?
    Eine gewisse Ähnlichkeit mit uns Menschen hatte es, seine Körperform betreffend. Jedoch seine Gliedmassen waren schrecklich verzerrt und mißgestaltet mit Armen, die fast an den Boden heranreichten. Den Körper bedeckt von eben jenem scheußlichen grünen Schimmel, der hier überall im Tunnel wucherte. Und dann das Haupt des Wesens...
    Die Stirne bald doppelt so breit wie hoch und darin - viel zu weit oben und viel zu weit auseinanderliegend jene totenbleichen, schwach leuchtenden Augen. Und darunter ein weit aufklaffender Mund, aus dem beständig eine Art zäher, gelblicher Speichel tropfte, der ohne jede Beachtung in Bächen auf die schorfige Brust des Wesens herabtroff. Auf schrecklich bekannte Weise hörte ich das Geschöpf rasselnd Atem holen, als es seine reglose Beute weiter hinein in die schwarze Finsternis schleppte, ohne von mir nur im geringsten Notiz zu nehmen.



    >>> Hast Du den Mut, die dritte Ebene zu betreten??? <<<

  • Hallo @Der Wanderer,


    freut mich, dass ich dir mit meinen Vorschlägen etwas weiterhelfen konnte. Der Satz ist so auf jeden Fall verständlicher und dank deiner Erklärung hat sich die Sache mit dem "Allerdings" auch erübrigt. Danke!


    Nun mal zum neuen Teil:


    Jeder meiner Schritte ekelte mich, denn ich hatte das Gefühl, daß ich unter meinen Schuhsohlen unzählige Schnecken zertrat

    Auweia! Hier wittere ich ein Foreshadowing auf menschliche Knochen neben all der Kleidung. Ohne es deutlich zu sagen, baut sich dadurch natürlich weitere Spannung auf.
    Ein Teil der aufgebauten Spannung zerbricht dann mit dem Auftauchen der Kreatur. Unvermeidbar, denn nimmt das Unbekannte Form an, verliert es meistens ein wenig von seinem Schrecken. Die Spannung wandelt sich ab dieser Stelle in Action um. Das Dynamit ist da, die Kreatur und Henry. Der Showdown erscheint unvermeidlich.


    Ich weiß heute nicht mehr, was mich dazu brachte, die Stablampe in jenen versteckten Gang zu richten, aber was das Licht mir dort zeigte, schnürte mir in würgendem Entsetzen die Kehle zu. Nur kurz fiel das Licht auf das Gesicht des Jungen, gräßlich verzerrt und mit starren, toten Augen, die auf grauenhafte Weise ein Spiegel seiner Agonie waren...und dann war es verschwunden in der Dunkelheit.

    Durch das Verschwinden der Kreatur und die damit einher gehende Ungewissheit baut sich erneut Spannung auf, aber dieses Mal weiß der Leser, dass Henry jetzt definitiv in irgendeiner Form agieren muss. Die Beschreibung des toten Mahsoud ist knapp, aber durch die erwähnte Agonie in seinen Augen, reicht es für den Leser absolut aus, sich das aller schlimmste auszumalen.


    Jetzt bin ich gespannt, wie du die Geschichte auflöst.

    Durch Umwege sieht man mehr von der Welt.

  • Aber...wo war Mahsoud? War er noch hinter mir?
    Ich drehte mich herum und konnte ihn nicht mehr sehen.Wo war er? Noch vor einer Sekunde war der Schein seiner Lampe doch an mir vorbeigehuscht, suchend, ausspähend!?!


    Mühsam tastet ich mich weiter voran

    @Der Wanderer
    Kurz zuvor war ich selbst noch am überlegen, warum du nur noch in ichform geschieben hast, was diesen Satz dann klar macht. Was mir hier jedoch ein klein wenig fehlt ist, das ein jeder mit gesunden Menschverstand, vermutlich spätestens Jetzt nach ihm aktiv gesucht hätte. Dieser Übergang jedoch holpert ein wenig.


    Ab der beschreibung des Wesens geht leider auch die so herrlich aufgebaute Spannung verlohren. Aber vielleicht kommt ja vor dem alles erschreckende Moment ja auch diese kurze verschnaufpause rein.


    Ich bin auf jeden Fall neugierig wie das weiter gehen wird. Ich freue mich auf morgen, die geschichte zuende zu lesen.

    Fantasy ist ein Werkzeug der Magie,
    wer sie beherrscht,
    besitzt die Kunst
    andere zu verzaubern.
    c Antke 2013

  • Bis jetzt und heute bin ich mir nicht sicher, welcher Wille mir an diesem Ort und zu jener Zeit das Bewußtsein erhielt, noch woher ich die Geistesgegenwart nahm, zu der Kiste mit dem Sprengstoff zurückzuhasten und mich mit ihrem Inhalt zu bewaffnen, ehe mich eine Mischung aus Wut und entsetzlicher Angst dazu trieb, mit vorgehaltener Lampe und doch völlig blindwütig jener schrecklichen Kreatur in die Finsternis des Tunnels hinterherzueilen.
    Ab diesem Zeitpunkt verschwimmen die Dinge in meiner Erinnerung, verschmelzen miteinander und ich kann mir nicht mehr sicher sein, was ich dort unten inmitten des schrecklichen Geruchs von Verwesung und Fäulnis tatsächlich erlebte und was pure Hirngespinste meiner überreizten Nervengewesen sind. Nach wenigen Schritten senkte sich der Tunnel stark und bog nach links ab.


    Und dann stand ich unvermittelt einem namenlosen Schrecken gegenüber.


    Vor mir öffnete sich der gerade noch finstere Gang in eine weite Höhle hinein, von irgendwoher in ein fahles, blasses Licht getaucht. Nicht hell genug, um genau erkennen zu können, was sich mir gegenüber erhob, wohl aber ausreichend, daß sich meiner Kehle ein Schrei tiefsten Entsetzens entrang, während ich gleichzeitig zurück in den Tunnel sprang.
    Etwas Unbestimmtes ragte dicht vor mir auf, hinauf in die Höhe der Grotte. Eine amorphe, sich auf schreckliche Art beständig hin und herwälzende Masse einer Monstrosität, die es nicht geben durfte.
    Und zwischen diesem schaurigen, weithochaufragendem Leib und mir lag der reglose Körper Mahsouds, umschlungen von riesigen Schlangen, die ihn in einem schauerlichen Ritual umfingen, ihn gleichsam zu liebkosen schienen, während sie über ihn hinwegglitten. Fast liebevoll zerrissen sie mit ihren schrecklichen Berührungen seine Kleider, entblößten ihn und umfingen ihn doch gleichzeitig mit ihren Körpern, bedeckten und entzogen ihn meinem Blick für kurze Zeit. Eine Erinnerung an jene modrigen Kleiderfetzen im Tunnel hinter mir blitzte in mir auf.
    War das, was sich hier meinem entsetzten Blick darbot, vielleicht schon früher einmal aus seiner Höhle gekrochen?


    Dann sah ich Mahsoud's Körper wieder auftauchen aus dem Gewimmel sich windender Greifarme. Denn nichts anderes sah ich tatsächlich vor mir als unzählige von Tentakeln, die aus dem riesenhaften Leib des Dings vor mir erwuchsen und in allen Richtungen hin und herzuckten. Suchend. Forschend. Tastend.
    Den Leichnam meines jungen Freundes langsam in die Höhe ziehend, hinauf an dieser fleischgewordenen Blasphemie, dorthin, wo ich mehrere mannsgroße Ausbeulungen zu erkennen glaubte, die sich aus der schrecklichen Masse herauswölbten. Wider besseres Wissen richtete ich mit zitternder Hand das Licht meiner Lampe darauf und mußte mitansehen, wie just in diesem Augenblick einer jener lästerlichen Auswüchse aufplatzte wie eine Eiterbeule. Und was dort herauskam war ein Wesen gleich jenem, dem ich in diese unheilige Krypta gefolgt war.
    Und doch nicht das war es, was an diesem Tag meine Haare ergrauen ließ.


    Es war der Anblick dessen, was ich im Aufflammen der Leuchtstäbe sah, die ich ohne jedes weitere Nachdenken entzündet und zwischen die gebündelten Dynamitstangen geschoben hatte:


    Jenes von einem namenlosen Entsetzen verzerrte Gesicht meines alten Kollegen Henry nämlich, das ich nun für einen kurzen Moment direkt vor mir im rotflackernden Licht erblickte, wie es sich von innen gegen die schleimige, schmutzigbraune Lederhaut dieses unsagbaren Schreckens presste. Ich sah seine Hände, die für mich unhörbar gegen diese durchscheinende Wand seines grauenhaftes Gefängnis trommelten, im vergeblichen Versuch zu entrinnen. Und ich sah, wie seine Lippen Worte bildeten, wie er versuchte, mir etwas zuzurufen...


    Und dann riß ihn irgend etwas mit entsetzlicher Kraft fort von mir, fort vom letzten Licht der Hoffnung, welches er in meiner Hand flackern sah und tief hinein in die ewige Schwärze dieser schrecklichen Wesenheit.


    Und dann war er verschwunden wie ein Trugbild im Nebel, das der Wind verweht.


    Die Erkenntnis, welches Schicksal ihn ereilen würde, wie es vor ihm die Gleisarbeiter ereilt haben mußte, deren entstellte und gräßlich veränderten Leiber nach Jahren unheiliger Reife im Inneren dieser Monstrosität blind in ewiger Finsterns umherzukriechen verdammt waren, wollte mir schier den Verstand rauben.


    So warf ich die Sprengladungen, eine nach der anderen und danach weiß ich nichts mehr.


    Weder, wie es mir gelang aus dem lästerlichen Pfuhl zu fliehen noch, ob die Detonationen stark genug waren, etwas zu töten, von dem ich nicht sicher bin ob es überhaupt etwas gewesen ist, daß Menschenhand vernichten kann.
    Man sagte mir später jedoch, daß der Stollen jener verfluchten Abzweigung vollständig verschüttet worden sei. Und ich wünsche mit aller Inbrunst, daß es sich wirklich so verhält. Daß es nichts mehr gibt, was sich aus dem Inneren der Erde einmal wieder einen Weg an's Tageslicht bahnen könnte.


    Aber selbst jetzt noch greift eine kalte Furcht nach meinem Herzen, denn wie meine Nachforschungen ergaben, scheint keine Karte zu existieren, die an den Code des Planes anknüpft, den ich an jenem Tage bei mir trug und die Auskunft geben könnte über das Gebiet, welches sich hinter dieser unheiligen Grotte verbirgt.
    So bleibt mir nur die eine, schwache Hoffnung, daß es keine weiteren Zugänge zu jener dritten Ebene gibt, mit der mich Henry Warrington damals zum Scherz erschreckte und deren schreckliche Wahrhaftigkeit ihn letztlich verschlang.
    Denn selbst wenn ich jenes Grauen dort unten vernichtet haben sollte, so mag es doch sein, daß in der schwarzen und schweigenden Tiefe noch andere namenlose Dinge lauern, deren Dasein besser auf immer in der ewigen Finsternis der Unterwelten verborgen bleibt.


    William F. Chesterton, am 19. Oktober im Jahre des Herrn 1934

  • Lieber @Der Wanderer
    Das hat mir wirklich sehr gut gefallen. Du hast uns das unsagbare Grauen in bester Lovecraft-Manier nahegebracht. Ich mag die altmodische Schreibweise und die Andeutungen des Schreckens, die du spannungsvoll zum Aufbau der Geschichte nutzt. Gerne mehr


    Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.


    Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz

  • @ Der Wanderer
    Mich hat die Geschichte echt gepackt und auch mir hat sie sehr gut gefallen. Der ganze Aufbau als errinnerung und erzählung so drazustellen ist dir gut gelungen und man hat zu jederzeit mitverfolgen können wie es ihm ergangen war. Echt klasse.


    Danke für diese Gruselgeschichte mit Gänsehaut

    Fantasy ist ein Werkzeug der Magie,
    wer sie beherrscht,
    besitzt die Kunst
    andere zu verzaubern.
    c Antke 2013

  • Heyho mein Lieber @Sensenbach,
    hatte mich eigentlich schon ein wenig gewundert, daß bisher noch keinem die Ähnlichkeit zu H.P.Lovecraft aufgefallen zu sein scheint.


    Das hat mir wirklich sehr gut gefallen. Du hast uns das unsagbare Grauen in bester Lovecraft-Manier nahegebracht.

    Das war nämlich der eigentlich Grund dafür, "Die dritte Ebene" zu Papier zu bringen: Lovecraft hat mir mit seiner düsteren Phantasie und seinem immer vage bleibenden Schreibstil, der nie die monströsen Schrecken in seinen Erzählungen konkret beschrieb eigentlich soviel Gänehaut bereitet, daß ich nach der Lektüre jeder seiner Geschichte eigentlich mit einer Erkältung das Bett hätte hüten müssen... ;)


    Jede Geschichte dieses Schriftstellers ist 100% besser als meine - und ich empfehle daher jedem, dem mein Geschreibsel hier gefallen hat die Lektüre seiner Werke.


    Für mich ist "Die dritte Ebene" eine Hommage an einen Menschen, der mich tief berührt hat...daher bin ich jetzt auch sehr stolz darauf, daß Du meine kleine Geschichte in seine Nähe bringst.


    Dafür meinen herzlichen Dank - wie es scheint, habe ich beim Schreiben zumindest ein klein bißchen was richtig gemacht. Ob ich davon in Zukunft mehr bringen kann...hhhm...das ist insofern schwierig, als daß Lovecraft's Stil eigentlich gar nicht meiner ist. (Also nichts, daß mir schnell und flüssig von der Hand geht...) :/


    Aber Moment...mir kam gerade eine Idee: Die Geschichte über einen Spiegel in einem Zimmer, an einer Wand gegenüber dem Bett hängend, in dem ein kranker Mann liegt. Und in diesem Spiegel eine seltsam blinde Stelle, die kein Licht zu reflektieren scheint. Die nicht das wiedergibt, was ein Spiegel widerspiegelt, sondern etwas zeigt, das sich hinter dem Spiegel verbergen könnte...


    Ich denke drüber nach...könnte aber etwas dauern.


    Vielen lieben Dank für Dein Lob, :thumbsup:


    Burk

  • Eine schoene Miniatur im Stil von Lovecraft (den ich auch sehr schaetze). Ueber weite Strecken kannst Du ganz gut mit ihm mithalten. :thumbup:


    Ein Trick den Lovecraft oft verwendet ist, dass er die Geschichte in ein lokeles Legendarium - Schauergeschichten die man sich erzaehlt, oder Sagen die vor Ort sind - einbettet. Da waere der arme Henry ein guter Kandidat sowas am Anfang noch ein bisschen reinzubringen - ich denke das waere etwas, das sich zu ueberlegen lohnt.


    Atmosphaerisch ist das alles sehr dicht, von der Beschreibung der Zuege die an dem Team vorbeirasen bis zu den Geruechen im Tunnelabschnitt.


    Gefaellt mir gut :thumbsup:


    ***


    Anbei ein paar Kleinigkeiten die mir aufgefallen sind (Stil meistens)



    Aber ich weiß, was dort unten wirklich geschehen ist und jede Nacht bringt mir den Schrecken erneut zurück.


    Gemessen am Rest der Sprache die Wucht entwickelt - selbst von Anfang an - finde ich 'bringt mir den Schrecen erneut zurueck' zu blass und schwach.


    Und jedesmal schien daraufhin die uns umgebende Stille dichter zu werden, uns einzuweben in das Netz aus Schweigen und Dunkelheit. Hier unten schien finster eine Einsamkeit zu herrschen, aus der jede Fröhlichkeit verbannt war.


    Das ist so das Gegenbeispiel wo die Sprache richtig Bilder entwickelt und eben mit Macht in die Stimmung geht - mit viel Bildern und auch Poesie - das macht den Abschnitt atmosphaerisch stark und aufgeladen.

    . Und jedesmal schien daraufhin die uns umgebende Stille dichter zu werden, uns einzuweben in das Netz aus Schweigen und Dunkelheit. Hier unten schien finster eine Einsamkeit zu herrschen, aus der jede Fröhlichkeit verbannt war.


    Hier ebenso.


    Heute jedoch, da ich diese Erinnerungen aufschreibe bin ich jedoch fest davon überzeugt, daß sich im Dunkeln des Tunnels tatsächlich etwas verborgen hielt, denn ich kann mich deutlich daran erinnern, daß die Geräusche in unserem Rücken verstummten, als wir auf das Gleis wechselten, das uns zu der einsamen Weiche führte, an der Henry auf uns warten wollte.


    Diesen Einschub finde ich ueberfluessig - dieser Sprung nach vorne nimmt die Geschichte vorweg, er loest schon die Spannung auf die sich an der Stelle eigentlich aufbaut - warum hast Du den hier? Bringt das was fuer die Geschichte?


    Großer Gott, was ging hier vor sich???


    Das finde ich zu direkt - so ein Ausruf ist aus dem Moment heraus, aber die Fiktion der Geschichte ist ja dass der Erzaehler geraume Zeit nachher das Grauen in Worte fasst - und eben auch in recht geschliffene Worte weil er viel darueber nachdenken konnte/musste - so direkt in die Szene rein passt eigentlich nicht zu dem Setting finde ich.


    Aber...wo war Mahsoud? War er noch hinter mir?
    Ich drehte mich herum und konnte ihn nicht mehr sehen.Wo war er? Noch vor einer Sekunde war der Schein seiner Lampe doch an mir vorbeigehuscht, suchend, ausspähend!?!


    Mühsam tastet ich mich weiter voran in diesem unheimlichen Stollen


    Das ist eigentlich eine verschenkte Schluesselszene (die nur gerettet wird weil es stark weiter geht) - dass Mahsoud verschwindet ist der erste ganz klare Hinweis dass was nicht in Ordnung ist - besonders wenn er eine Sekunde vorher noch da war. In einem Tunnel. Wo er nirgendwo hingegangen sein kann. Mit einer Taschenampe im Dunkeln.


    Da zur Tagesordnung ueberzugehen und sich weiter vorzutasten passt ueberhaupt nicht zu dem Setting -in dem Moment sollte unseren Protagonisten eigentlich das kalte Grausen packen und er sollte panisch nach allen Richtungen spaehen.


    Die Erkenntnis, welches Schicksal in ereilen würde, wie es vor ihm die Gleisarbeiter ereilt haben mußte, deren entstellte und gräßlich veränderten Leiber nach Jahren unheiliger Reife im Inneren dieser Monstrosität blind in ewiger Finsterns umherzukriechen verdammt waren, wollte mir schier den Verstand rauben.


    Okay, ich bin ein Fan fuer's subtile - das hier ist jetzt der Wink mit dem Zaunpfahl 'Gleisarbeiter = Graessliche Dienerkreaturen', okay Leser, alles verstanden? Ich wuerde diesen Schluss nicht ausfuehren, sondern den (unausweichlichen) Schluss dem Leser ueberlassen der dann noch die Erkenntnis haben kann.


    Oder - wie Lovecraft das manchmal so macht - so eine Erkenntnis ganz am Ende noch raushauen - dass der letzte Satz der Geschichte noch einen extra-Spin gibt - wie etwa bei 'Pickman's Model'


    Naja, das waeren jedenfalls meine 2 cents dazu.


    Aber insgesamt - sehr solide Arbeit! :thumbsup:

  • Hallo Burk,

    ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen, bei der Beschreibung des Monsters fühlt man sich an Lovecraft erinnert. Durch den hohen Gebrauch an Metaphern (unheilige Krypta) verbirgt sich diese Kreatur jedoch ebenso im Schatten der Wahrnehmung des Protagonisten.

    Als Henrys Gesicht unter der Haut auftauchte und er etwas zu sagen versuchte, ist es mir für einen Moment kalt den Rücken heruntergelaufen. Diese Szene hast du wirklich schauerlich gestaltet.


    Mir persönlich ging die Sache mit dem Dynamit jedoch etwas zu schnell. Die Kreatur schleift Mahsoud in den Tunnel und gleich darauf rennt der Protagonist mit einer Sprengladung hinterher. Nach all der Anspannung, die er fühlt, wäre ein Fluchtversuch seinerseits doch plausibler gewesen als eine Attacke auf die Kreatur. Du hast geschrieben "Bis jetzt und heute bin ich mir nicht sicher, welcher Wille mir an diesem Ort und zu jener Zeit das Bewußtsein erhielt, noch woher ich die Geistesgegenwart nahm…", da deutest du den Impuls zum Handeln bereits an, da hätte ich mir etwas mehr Zwiespalt gewünscht. Vielleicht könnte der Protagonist einen Fluchtversuch unternehmen, stößt währenddessen auf das Dynamit und kehrt um, um das Monster damit zu töten. Das wäre noch ein bisschen dramatischer.


    Im Nest des Monsters habe ich etwas die Action vermisst. Das liegt aber vermutlich daran, dass ich so etwas gerne lese und mich nur schwer mit der puren Darstellung von Situationen zufriedengeben kann. Ein Tentakel, das nach dem Bein der Protagonisten greift, ein Stolpern über menschliche Überreste, ein größer werdender Riss in einer Höhlenwand, etc. Das hätte die Szene für mich noch intensiver und lebendiger gemacht als die Beschreibung des puren Grauens und die Reglosigkeit des Protagonisten. Das ist aber wie oben bereits erwähnt meinem Geschmack geschuldet. Die Szene überbringt auch ohne Hektik eine ekelerregende Atmosphäre. (In diesem Fall ist das ja etwas Gutes! ^^)


    Ein paar kleine Anmerkungen:

    Eine Erinnerung an jene modrigen Kleiderfetzen im Tunnel hinter mir blitzte in mir auf.
    War das, was sich hier meinem entsetzten Blick darbot, vielleicht schon früher einmal aus seiner Höhle gekrochen?

    Für mich war diese Wiederholung und die Überlegung überflüssig. Ich konnte mich noch sehr gut an die Szene mit der Kleidung erinnern.

    Es war der Anblick dessen, was ich im Aufflammen der Leuchtstäbe sah, die ich ohne jedes weitere Nachdenken entzündet und zwischen die gebündelten Dynamitstangen geschoben hatte:

    Ich würde die Leuchtstäbe früher erwähnen. Vielleicht an der Stelle, als du das "fahle, blasse Licht" erwähnst, das die Kreatur in ihrer Höhle beleuchtet. Dann würde das nämlich nicht von "irgendwoher" kommen, sondern von den entzündeten Leuchtstäben. Wäre doch eine plausible Erklärung.

    Jenes von einem namenlosen Entsetzen verzerrte Gesicht meines alten Kollegen Henry nämlich, daß ich nun für einen kurzen Moment direkt vor mir im rotflackernden Licht erblickte

    Das "dass" wird an dieser Stelle mit nur einem "s" geschrieben.

    Die Erkenntnis, welches Schicksal in ereilen würde, wie es vor ihm die Gleisarbeiter ereilt haben mußte, deren entstellte und gräßlich veränderten Leiber nach Jahren unheiliger Reife im Inneren dieser Monstrosität blind in ewiger Finsterns umherzukriechen verdammt waren, wollte mir schier den Verstand rauben.

    Ein absolut fantastischer Satz! Die "unheilige Reife" trifft es wirklich sehr gut!:thumbup:


    Insgesamt hat mir deine Kurzgeschichte wirklich gut gefallen. Sie hat mich unterhalten, die Figuren waren greifbar dargestellt, die Atmosphäre konntest du dem Leser mit trefflicher Wortwahl schildern. Dein Schreibstil lässt sich flüssig lesen und schmeichelt dem "Gaumen" des Lesers mit der ein oder anderen köstlichen Metapher. Die Spannung baut sich bis zu dem Punkt, an dem das Monster erscheint, kontinuierlich auf. Ein ganz besonderer Schockmoment: Henrys Gesicht und die Erkenntnis, dass die Tentakel alle einst Gleisarbeiter waren.

    Wie gesagt, beim Finale hätte ich mir etwas mehr Action gewünscht, aber da kann ich bei einer ohnehin so schön schaurigen Atmosphäre auch ganz gut drüber hinwegsehen. :thumbsup:

    Durch Umwege sieht man mehr von der Welt.

  • Heyho Polarfuchs


    meinerseits ein riesiges Dankeschön für Deine Kritik! Wie ich ja schon Sensenbach geantwortet habe: Die Geschichte entstand eigentlich schon vor langer Zeit, als ich alles von Poe, Blackwood und eben Lovecraft verschlungen habe. Und eigentlich wollte ich nur probieren, ob ich sowas auch kann. Den Reaktionen aller hier nach zu urteilen, bin ich zumindest nah rangekommen...und das bedeutet mir echt viel. :danke:

    Burk

    P.S.: Danke auch für Dein letztes Zitat...da war nämlich noch'n Schreibfehler drin...;)

  • Hey, Der Wanderer , mir gefällt die Geschichte ziemlich gut. Die Ähnlichkeit zu Lovecraft wird mMn schon in der Art wie du die Geschichte beginnst deutlich. Zumindest empfinde ich das als typisch für Lovecraft.

    Fast möchte ich lachen über die Zeitungsberichte der letzten Tage, die sich den offiziellen Angaben über eine Explosion in einem verlassenen U-Bahnschacht anschliessen, bei der zwei Mitarbeiter getötet und der ein dritter, nämlich ich, gerade noch entgangen war. Aber ich weiß, was dort unten wirklich geschehen ist und jede Nacht bringt mir den Schrecken erneut zurück.

    Ich glaube, ich fände es hier noch cooler, wenn die Zeitungsberichte / die offiziellen Angaben von zwei Vermissten und später für tot erklärten Mitarbeitern der Bahngesellschaft sprechen würden. Und der Ich-Erzähler weiß es besser....

    Das wirft irgendwie auch die Frage auf, wie z.B. die Polizei über den Unfall denkt und was William F. Chesterton ihnen erzählt hat :hmm:

    Der Name William F. Chesterton klingt auch echt lovecraftsch. Du hast den nicht zufällig aus irgendeiner seiner Geschichten? Das finde ich bei Lovecraft und seinen literarischen Freunden ziemlich cool, wie sich der Mythos entwickelt hat und wie immer wieder bekannte Figuren in Geschichten anderer Autoren vorkommen.


    Weiter so! Gerne mehr!

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Heyho Asni ,

    danke schön für Deine Anmerkungen. Grundsätzlich finde ich Deine Idee mit der veränderten Zeitungsmeldung gar nicht schlecht. Nur müßte ich dann irgendwo/-wann auch erklären, warum die Öffentlichkeit nichts von einem Überlebenden erfahren sollte. Damit hätte ich eine Nebenhandlung eröffnen müssen. Und das wär' für den Spannungsaufbau wohl eher kontraproduktiv gewesen...


    Der Name William F. Chesterton klingt auch echt lovecraftsch. Du hast den nicht zufällig aus irgendeiner seiner Geschichten?

    Wenn das so sein sollte, ist's purer Zufall. Könnte ohne weiteres sein, allerdings habe ich Lovecraft vor gefühlten Ewigkeiten gelesen...dann käme der Name aus meinem Unterbewußtsein (was wiederum für Lovecraft's Intensität des Schreibens spräche).

    Nö, der fiel mir eigentlich nur so ein. Kann auch nicht richtig erklären, warum der mir passend vorkam. "Englische"(britische) Namen haben für mich irgendwie einen anderen "Klang". Das geht bei mir ausschließlich nach Gefühl.

    Wie auch immer: :danke:

    Burk