Kalkis Kurzgeschichtenkiste

  • Stadtnymphe Loriot sollte ich mir vielleicht auch mal reinziehen. :D Der Ausschnitt ist jedenfalls klasse. Das erinnert mich an Tucholskys "Hitler und Goethe - Ein Schulaufsatz" (https://www.textlog.de/tucholsky-hitler-goethe.html). Auch eine tolle Parodie, nur etwas düsterer. ^^


    Anstrengend zu lesen, durchaus, aber Anspruch verdient ja Aufmerksamkeit :D

    Man muss als Autor den schmalen Grad wandern zwischen seiner Kunst und der Unterhaltsamkeit. ^^ Man in einer Kurzgeschichte kann man das schon mal machen, denke ich. Oder mitten im Buch drin, sonst ist alles leicht lesbar und dann knallt man dem Leser einen Drei-Seiten-Satz vor den Latz. :D Was will er machen, hä? Der muss da dann durch! Danach ist ja auch wieder Ruhe.

    Diese Geschichte ist halt schon sehr reiner Selbstzweck. :rofl:


    Ehrlich gesagt, finde ich die Geschichte inhaltlich besser zusammenpassend als die Palladiumgeschichte. :P

    Mhm, da sagst du was. :hmm: Wenn ich mit dem klitzekleinen Kätzchen weitermache, muss entweder die Geschichte so umschreiben, dass die Metaebene rausfliegt, oder ich ziehe die Metaebene mit dem chemiekundigen Erzähler konsequent durch ... aber das Palladium ist schon eher ein Fremdkörper. Wahrscheinlich würde die Geschichte davon profitieren, wenn das rausflöge. :hmm:

    Edit: Technisch betrachtet gehe ich also mit der Aussage mit. Aber die Geschichte mit der greisen Katzendame hat inhaltlich dann doch etwas mehr zu bieten.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Sehr geil, kalkwiese :thumbsup:


    Mir hat das kurze Geschichtchen sehr gut gefallen, vor allem, da ich ebenfalls so einen Pelzer hier herumlaufen habe, von dem ich oft genug den Eindruck habe, dass er ähnliche Gedanken verfolgt.


    Ach ja, und dieses schöne kleine Detail mit der Kiste am Anfang finde ich sehr zutreffend. Jede Pappkiste, die kurz achtlos in die Ecke gestellt wird, bevor sie im Altpapier landet, wird erst mal als Schlafplatz angetestet :rofl:


    Also, sehr schön und auch stilistisch toll umgesetzt!

  • Ich bin tatsächlich überrascht, dass die letzte Geschichte doch ganz gut anzukommen schien. :hmm: Mal sehen, was ihr zu der nächsten sagt. xD


    Hasen und Glitzergel


    „Die Wolken sind wie benutzte Wattebausche“, sprach meine Tochter, während wir den Tieren das Fell abzogen. Ich schaute auf, denn ich bemerkte, dass ich schon eine Weile nicht mehr bewusst die Wolken mit irgendetwas verglichen hatte. In Zeiten wie diesen war ich froh, dass zumindest meine Tochter solche Gedanken haben konnte. Es stimmte, die Wolken hatten etwas Weiches, Bauschiges an sich. Früher hätte ich meine Kleine auf „Zuckerwatte“ berichtigt, heute stimmte dieses Bild nicht mehr. Die Zuckerwatte war grau, zynisch und giftig geworden. Ich nickte nur, konnte mich nicht um die Wolken sorgen. Es gab zu viele Sorgen, die stattdessen gemacht werden mussten: Brannte das Feuer ordentlich? Hatten wir genug Wasser? Würde der Sprit reichen? Wie lange konnte es so weitergehen?
    Feuerholz hatten wir noch welches im Kofferraum und so garte das Fleisch über einer stattlichen Flamme. Es war erst ein paar Monate her, dass hier in Deutschland endgültig die Lichter ausgegangen waren, aber meine Kleine lernte schnell. Sie hatte den Bogen mit dem Feuer bald raus, wie ihre Mama. Dass ich früher Geld mit Outdoorausrüstung verdiente, half sicher auch. Meine Tochter war zehn und wollte, wie ich eigentlich auch, kein Fleisch essen, wegen der Massentierhaltung. Ist auch unschön, muss man sagen – bis heute wundere ich mich nur, wer es gewesen sein mag, der meiner Zehnjährigen die brutale Wahrheit hinter den Wiener Würstchen erzählt hatte. Es hatte Überwindung gekostet, meinen ersten Hasen, den ich in einer Kastenfalle gefangen hatte, mit einem Knüppel zu erschlagen. Ich hätte ihm auch eine Kugel durch den Kopf jagen können, aber solche Dinge waren nur Munitionsverschwendung. Der erste Bissen fiel umso schwerer. Früher hätten manche mich ein Monster genannt, wenn ich ein Häschen gegessen hätte. Heute gab es diese „manchen“ nicht mehr in meinem Leben, genauso wenig wie die Massentierhaltung. Der Mensch – das waren meine Tochter und ich, die wir uns von den anderen Menschen möglichst fernhalten wollten – hatte endlich seinen Weg zurück in die Nahrungskette gefunden.
    Solange andere Menschen in der Gleichung nicht enthalten waren, war uns das ganz recht. Wer weiß, was im Rheinland alles losgewesen sein muss. Die Nachrichten waren widersprüchlich, aber es war sicher einiges. Zuletzt hatte man immer wieder fatalistische Tendenzen verspürt. Ich hätte niemals erwartet, dass Fundamentalisten wieder so in Mode kommen würden. Ich hätte auch nie gedacht, dass die sogenannte „abendländische Kultur“, die sich mir schon öfter von dieser Seite gezeigt hatte, im Ganzen so verrohen könnte. Wie hässlich die islamische Seite sein konnte, wusste ich von zu Hause – mein Kopftuch hatte ich schon vor Jahren begraben. Nun, in Wahrheit hatte ich es verbrannt, in einer feierlichen Zeremonie, in der mir nicht feierlich zumute war, in der ich mit dem Menschen, der mein Mann werden sollte, die geglückte und von langer Hand geplante Nacht-und-Nebel-Aktion feierte, mit der ich meinem Elternhaus entflohen war. Dass später sogar Freundinnen, die dem gleichen Schicksal entkommen waren, mich bedrängen würden, wieder eine Hidschab anzuziehen ... Es zeigte nur, wie tief solche die Wunden waren. Keine Nacht-und-Nebel-Flucht konnte einem die Vergangenheit nehmen. Immer wieder wies ich mich zurecht, wenn ich mich wieder bei der Frage erwischte, ob das Essen auch halal war. Ich wollte nicht, dass meine Tochter damit aufwuchs.
    Vor ein paar Monaten, als es mit dem Strom und auch langsam mit den Nahrungsmitteln schwierig wurde, verloren die Leute endgültig den Verstand. Es kam zu Plünderungen und Straßenkämpfen. Die Bundesregierung hatte nichts mehr zu sagen, die der Länder auch nicht, einige Kreise schlugen sich ganz gut, für ein paar Wochen, bis auch hier die Ordnungskräfte zu einer der radikalen Gruppen überliefen.
    Unser Ziel war Norwegen. Finnland. Ganz egal. Flächenländer, Wildnis, wir wollten mit niemandem ins Gehege kommen. So waren wir nun hier und aßen unsere Hasen, von denen wir zwei mehr hatten, als wir brauchten, dachten uns am Feuer Geschichten aus, meine Kleine malte mir das Gesicht mit einem Glitzergel an, und dann legten wir uns im Auto statt im Zelt schlafen, weil wir für das Essen so lange gebraucht hatten. In dieser Nacht wurden wir gefunden – das Feuer hatte eine örtliche Räubergruppe angelockt – im Schlaf erschossen und in den Bach geworfen.
    Zurück in der Nahrungskette oder nicht: Der Mensch bleibt des Menschen Wolf.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]


  • Die erste Dryade


    ... und das letzte Mal, als Du zu uns kamst, erwarteten dich alle. Mit scharfen Äxten und noch nicht entbrannten Fackeln war die Garde bereit, und wir von der Kaiserlichen Pflanzenzucht hatten nie gewollt, dass es dazu kam.

    Du besuchtest uns das erste Mal, als wir die ersten Versuche an den Hybriden durchführten. Seit antiken Zeiten hatte niemand mehr Dryaden gesehen und als Du durch das Tor tratst und mit deinen hölzernen Armen die Flügel das Knirschen und Splittern lehrtest, erregte das großen Aufruhr. Der Wald, der vor über einhunderfünfzig Jahren einmal das Gelände der Kaiserlichen Pflanzenzucht überzogen hatte, war längst unser Versuchsacker. Du warst erwacht, noch immer rieselte Erde von deiner Haut, und fordertest eine Erklärung. Dein Volk hatte einen Vertrag mit den örtlichen Stämmen geschlossen. Die nördlichen Wälder gehörten geschützt, wir hätten kein Recht, dem Wald dies anzutun.
    Die Stämme existierten nicht mehr, erklärten wir, seit mehr als tausend Jahren nicht, und auch Dryaden würden nicht mehr existieren, hätten nie existiert, es sei folkloristischer Aberglaube.
    Dennoch stündest Du vor uns, antwortest Du, und der Wald gehöre rechtmäßig deinem Volk. Wir sollten unseren Artgenossen sagen, dass sie sich zurückziehen sollten.
    Wir hätten darüber keine Entscheidungsgewalt, sagten wir, aber wir könnten unseren Fürsten in Kenntnis setzen, dass jemand vom antiken Volk der Dryaden ihn zu sprechen wünsche.
    Wir konnten deine steife Mimik nicht deuten. Du kämst ins zwei Tagen wieder, sagtest du, und erwartest unser Rückzugsangebot. Der Heilige Wald sei nicht verhandelbar.
    Bis heute sind wir nicht sicher, was Dich damals aufgeweckt hat.

    Das zweite Mal, besagte zwei Tage später, hatten wir das Tor offengelassen. Der kaiserliche Beamte war vorher belustigt zu uns gekommen.
    Er könne es kaum erwarten, unserer Dryade die Hand zu schütteln.
    Wir nickten seinen Spott ab, denn dass niemand ihm eine Uhrzeit für diesen Termin nennen konnte, musste ihn schwer beleidigt haben.
    Er habe Wichtigeres zu tun, als den ganzen Tag neben unserem Gewächshaus zu sitzen und Däumchen zu drehen. Und doch drehte und drehte er, wenn nicht die Daumen, dann seinen dunklen Zylinder, und wenn er nicht drehte, dann machte er sich Luft – entlud seinen Ärger durch spöttische Kommentare.
    Wir hatten die einzelnen Pflanzen zur Selbstung mit Stofftüchern isoliert, damit sie nur sich selbst bestäuben konnten; die Versuchsaufbauten waren noch sehr experimentell und würden später verbessert werden.
    Das Gewächshaus gliche einem Lazarett, lächelte der Beamte, seine Pfeife paffend. Und so leidlich wie die Pflänzchen aussähen, sei das auch ganz recht so. Wären diese Pflanzen Lebewesen, er würde uns sofort unserer gerechten Strafe zuführen, denn so wie diese Pflanzen sollte es keinem Tier gehen dürfen.
    Während er so schimpfte, hatte er Dich gar nicht bemerkt, wie du dich bemerkenswert leise durch den Eingang geschoben hattest – dieses Mal ohne den Toren Schaden zuzufügen. Wir deuteten eine Verbeugung an, zum Gruß, woraufhin der Beamte sich umwandte, weil er wohl einen Adligen erwartete. Aber nicht Dich, Dryade, Wächterin des Waldes. Beim Anblick Deiner groben Borkenhaut fiel ihm die Pfeife aus dem Gesicht, in den Schoß, auf den Boden, und was unterwegs an Glut herausfiel, brannte sich durch den Hosenstoff.
    Er sei also unser Fürst, stelltest Du fest. Du fordertest hiermit den sofortigen Rückzug.
    Wir erklärten, dass das nicht der Kaiser sei, sondern einer seiner Beamten, als Stellvertreter.
    Da der Beamte nicht reagierte, völlig versteinert schien, packtest Du ihn an seinem Frack, das ein paar Mal unter großzügigen Reißgeräuschen aufseufzte, und fordertest eine Antwort.
    Der Beamte zitterte, stammelte etwas von Majestätsbeleidigung, brachte aber keinen Satz zustande.
    Dann setztest du ihn ab und erklärtest, dass du in fünf Tagen wiederkämst, um unsere Einrichtung niederzureißen. Bis dahin hätten wir Zeit, das Gelände zu räumen. Noch eine Weile nachdem Du gegangen warst, starrte der Beamte düster Löcher in die Gewächshausfenster.

    Das letzte Mal erwarteten alle dich. Wir, die Garde und auch der Beamte, der gekommen war, Rache zu üben. Die Gardisten versteckten sich hinter unseren Vorhängen; die Pflanzen mussten wir auf ihren Befehl hin verlegen. Als Du mit leisen Baumstammschritten das Gelände betratst, waren sie so erstaunt wie der Beamte fünf Tage zuvor. Als Du in das offene Gewächshaus stiegst, rief er zum Angriff. Niemand rührte sich. Der Anblick einer gerade erst bewahrheiteten Legende hat diese Wirkung. Du begannst, Glasscheiben einzudrücken; sie leisteten kaum Widerstand und brachen, splitterten, klirrten.
    Zornesrot, da niemand sich rührte, auch Du nicht im Geringsten beeindruckt schienst, hielt der Beamte seine Fackel über eine Kerze. Er habe gesagt, dass Du echt seist. Im Namen des Kaisers sei dein Ende gekommen! Er sprang hinter seinem Vorhang vor, steckte ihn versehentlich in Brand, stolperte, fiel gegen Dich und die Gardisten stoben erschrocken auseinander, als auch die anderen Vorhänge Feuer fingen.
    An dieser Stelle verschwimmen für uns die Ereignisse. Manche Gardisten hatten wohl die Disziplin, die der Masse von ihnen offensichtlich fehlte. Vielleicht wurden einige Fackeln auch versehentlich am brennenden Stoff entzündet. Eines ist sicher, ganz allein konnte es der Beamte nicht geschafft haben, auch nicht in dem er so mit der Fackel auf dich einschlug. Er konnte keinen Widerstand gegen jemanden wie dich leisten. Wir können nicht sagen, ob er sich das Genick brach, als Du ihn davonstießt oder ob der Qualm ihn vergiftete oder ob er schließlich an den Flammen starb.
    Was wir sicher bestätigen können, ist das Bild, das wir damals sehen konnten: Mit den tiefen Klagelauten, die nur von dicken Stämmen verursacht werden können, rennst du, lichterloh brennend, in deinen Wald zurück und begreifst gar nicht, dass du ihn in deinem vertodesängstigten Taumel ansteckst.
    Deine Welt brannte. Und vielleicht hörten deine Artgenossen – wo immer sie auch sein mögen – dich klagen, während diese Welt zwischen seinen Fingern zu Asche zerfiel. Aber dank Dir glauben wir, von der kaiserlichen Pflanzenzucht, bis heute wieder an die alten Mythen: Dryaden, Feen, Bachkälber; wir wissen nun, da wir ein Stück deiner verbrannten Borkenhaut hatten bergen können, dass die Geschichten der alten Stämme Wahrheit in sich tragen.
    Und wir erwarten euer aller Rückkehr.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Hasen und Glitzergel


    „Die Wolken sind wie benutzte Wattebausche“, sprach meine Tochter

    Hallo kalkwiese

    Zu deiner vorletzten Geschichte. Gut geschrieben und ein interessantes Setting. Ich hatte mich mittendrin gefragt, ob es wirklich hilfreich wäre im Falle des Falles nach Norwegen zu fliehen, diese Frage hast du dann am Schluss beantwortet.


    Wege Spoilergefahr kommt der Rest in einem solchen.


  • Hey kalkwiese ,


    LG^^

  • Danke Sensenbach und Stadtnymphe :) Immer wenn ich an diesen Geschichten arbeite, merke ich, wie gerne ich es tue. Vielleicht sollte ich in einer ähnlichen Weise, wie ich an diesen KGs gearbeitet habe, zukünftig an meiner Hauptgeschichte arbeiten. Das sollte sich da auch parallel zur Bachelorarbeit was tun. :hmm:


    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]