Kalkis Kurzgeschichtenkiste

  • Huhu, liebes Forum!
    Ich hatte mal einen Kurzgeschichtenthread hier im Sammelsurium, in dem ich meine einzelnen Kurzgeschichtenthreads zusammenführen ließ. Leider mit sehr bescheidenen Ergebnissen, weil die Posts nach Datum sortiert wurden. Es war ein einziger Clusterfuck von Thread, den ich nun archivieren ließ, um das Ganze ordentlich und übersichtlich aufzubauen. :)

    Hier poste ich meine Kurzgeschichten. Alte, neue, Wettbewerbsgeschichten, wonach mir der Sinn steht. Erstmal werden es natürlich die alten Kurzgeschichten sein. Die sind dann vielleicht so alt, dass ich sie mehr als Zeitzeugnisse von mir selbst sehe, an denen ich nicht mehr so viel rumdoktorn möchte. Das heißt nicht, dass ich keine Rückmeldung zu denen möchte und Rechtschreibfehler sind immer auszumerzen, aber es sind auch abgeschlossenen Projekte, in die ich nicht unbedingt viel weitere Energie investieren kann/will. Wenn so eine Geschichte hier im Thread gepostet wird, dann werde ich das extra ansagen. Alle anderen Geschichten bitte wie normale Forengeschichten betrachten, ja? :)

    Viel Spaß beim Lesen!

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]


    Nachdem ich jetzt schon einige Jahre hier bin, kann ich ja auch mal meine Geschichte in die Signatur setzen, oder? :D Mit Geschichten bin ich dann doch geschickter als mit Signaturen.
    Himmelsjäger [Neufassung]

    2 Mal editiert, zuletzt von kalkwiese ()

  • Die Sage vom Schreiber


    Böse und Gut. Schatten und Licht. Schwarz und Weiß. Unfug.

    Dämonen und Engel. Sie sehen beide auf die Menschen herab, denn sie schweben beide in anderen Sphären und sie nehmen beide Einfluss auf die Menschenwelt, angeblich. Selbst ihr Handeln ist sich ähnlich, führen sie doch nur himmlische oder teuflische Befehle aus. In ihrer Welt gibt es keine Farben. Weder Dämonen noch Engel haben ein Herz, sie richten, verführen und manipulieren. Sie lassen die Schachfiguren andere schlagen oder opfern sie, angeblich zu einem höheren Zweck. Doch wenn selbst der Teufel ein Werk Gottes ist, dann stehen Dämonen wie Engel letzten Endes auf der gleichen Seite. Es gibt kein Schwarz oder Weiß, es gibt nur Grau.
    Sind sie Werkzeuge? Nur konstruiert um zu funktionieren? Wahrscheinlich.
    Doch was, wenn das Werkzeug einen Makel hat? Einen Konstruktionsfehler? Könnte es dem vorgesehenen Druck standhalten oder würde es zerbrechen?

    Es war ein Schreiber bei Nacht am Kaminfeuer. Nun war es bereits Stunden nach der Mitternacht, doch noch schlief die Sonne, der Schreiber nicht. Seine Feder schwebte über dem Pergament, aber die Tinte an ihrem Kiel war bereits getrocknet. Er starrte durch das Pergament hindurch und rieb sich die trockenen Augen. Sie hatten einen Fluss geweint, jetzt lag das Flussbett in ihnen trocken. Doch im Hause war es wieder still, endlich konnte er seine Gedanken hören. Alles müsste in bester Ordnung sein, warum also wollten die Worte nicht fließen?

    Schon als Kind las er für sein Leben gern Bücher. Romane, Gedichtbände, Novellen. Wenn er Worte las, versank er darin. Eine Welle erfasste ihn und trug ihn in fremde Welten davon. Sätze bildeten Rahmen und zeichneten Umrisse, Metaphern erfüllten sie mit Farben und Leben. Ja, dem geschriebenen Wort wollte er sein Leben widmen.
    Als Junge begann er kurze Gedichte zu schreiben und wurde dafür belächelt, denn sie waren dilettantisch und klischeehaft. Sein Vater machte sich Sorgen, dass aus seinem Sohn kein anständiger Mann würde. Zwar schlug er ihn regelmäßig, aber es änderte Nichts. Sein Sohn hatte ein Dichterherz.
    Die Zeit ließ ihn wachsen und so widmete er sich als junger Erwachsener den Geschichten und später sogar den Romanen. In jeder Hinsicht war eine Reifung zu spüren. Die Konturen wurden klarer, konkreter und die Farben leuchtender, echter.
    An der Hochschule, an der er studieren sollte, sprach sich sein Talent schnell herum. Beflügelt von dem schmeichelhaften Getuschel, wagte er sich an neue Themen und Textformen und konnte bald auch mit ihnen geradezu spielend umgehen. Es dauerte nicht lange, da konnte er von seinen Werken leben und gab das Studium auf. Er zog in ein eigenes Haus und nahm seine Muse mit, ihr Name war Mathilda. Was immer er schrieb, schrieb er für sie. Was immer er für sie schrieb, wurde erfolgreich.
    Die ersten Jahre ihrer Ehe verliefen viel zu schnell, aber glücklich. Doch ihre Familie war noch nicht vollständig, etwas Entscheidendes fehlte ihnen. Nur sollte es sie nicht fröhlich stimmen, sondern das klare Wasser ihres Lebens trüben.
    Seit Jahren schon wünschten sie sich ein Kind und schwanger war Mathilda einige Male gewesen. Beim ersten Mal war sie so glücklich gewesen, dass der Schock sie umso stärker lähmte. Das Kind war tot, bevor es auf die Welt kam. Das zweite Mal war sie natürlich froh über den Kugelbauch, doch die erste Schwangerschaft lag wie ein dünner, düsterer Schleier über ihr. Er sollte noch dunkler werden, als sie die zweite Totgeburt zur Welt brachte. Sie wagten einen dritten Versuch, aber Mathilda hatte bereits eine Vorahnung. Auf Zureden Albrechts, des Schreibers, schoss sie sie in den Wind und wiederum war das Ergebnis zermürbend.
    Die vierte Schwangerschaft war nicht beabsichtigt und sie beide glaubten nicht mehr an Wunder. Nicht nach all dem. Und doch schenkte man ihnen ein Kind. Ein starkes, wunderschönes Mädchen, so nannte Mathilda es.
    Durch die Schwangerschaften seiner Frau hatte Albrecht jedoch kaum noch Zeit zum Schreiben gefunden oder war nicht mit dem Herzen bei der Sache. Er hatte zwar viel Geld zurückgelegt, aber diese Reserve ging nun langsam zur Neige. Um seine Familie ernähren zu können, beschloss er, intensiver an seinen Werken zu arbeiten als jemals zuvor. Es sollte ein Beschluss bleiben, denn wenn er sich mit seiner Feder an das Pergament setzte, hörte er das Schreien seines Kindes. Er konnte sich nicht konzentrieren, seine Hand zitterte, die kleine Stimme pochte in seinem Kopf.
    Konnte Mathilda das Balg nicht beruhigen? Er brauchte Ruhe, nur etwas Ruhe … Aber der Schreihals hörte nicht auf zu brüllen …
    Seit das Kind auf der Welt war verhielt sich Albrecht zunehmend anders. Zuerst zog er sich immer öfter für Stunden in sein Zimmer zurück und wollte niemanden sehen. Doch die Schreie seiner Tochter waren noch immer laut und deutlich durch die schwere Eichenzimmertür zu hören. Später warf er seine Frau aus dem Schlafzimmer, sie schlief nun mit dem Kind auf dem Sofa. Natürlich brachte auch das nichts. Dafür machte er sie verantwortlich, da sie das Kind nicht beruhigen konnte und damit sein Schaffen störte. Dass seine Schläge das nicht ändern konnten, verdrängte er.
    Unter größten Anstrengungen beendete er sein Buch in wenigen weiteren Monaten und brachte es zu einem Verleger in eine Nachbarstadt. Frau und Kind nahm er mit sich, wie gewöhnlich fuhren sie in einer eigenen Kutsche. Sie ahnten ja nicht, was Albrecht mit ihnen vorhatte.
    Der Wald wurde immer dichter und dichter und man konnte kaum tiefer als einige Meter durch die Bäume blicken. Da blieb die Kutsche stehen.
    Auf Nachfragen von Mathilda beruhigte der Schreiber sie und meinte, dass das sicher einen Grund haben musste. Das Kind war in ihren Armen eingeschlafen.
    Schritte waren zu hören und der Kutscher riss die Tür zu Seite. Blitzschnell beugte er sich hinein und Griff nach dem Kind. Mathilda schrie hysterisch auf. Sie würde niemals auf die Idee kommen, dass Albrecht den Kutscher für die Entführung angeheuert hatte. Doch während sie beide um das Kind rangen, machten sich Zweifel in Albrecht breit und brachten seine Abneigung gegen dieses nutzlose, schreiende Bündel zu Fall. Es hatte ihm alles genommen, was er wirklich liebte. Und das war seine Gabe zu schreiben. Sie machte ihn aus, ohne sie hatte er keine Bedeutung, war er ein Nichts. Doch das konnte er Mathilda nicht antun. Er stieß den Kutscher zur Seite, ergriff das Schwert, das dieser an der Seite trug. Verwirrt hielt der Kutscher inne, als sein Auftraggeber sich gegen ihn wandte. Das Zögern wurde ihm zum Verhängnis, Albrecht schlug in seiner Verzweiflung auf ihn ein.
    Mathilda musste mitansehen, wie ihr Mann zum Mörder wurde, sie zitterte am ganzen Leib. Sie verwandelte sich in ein lautes Heulen. Das Kind erwachte und fing sofort an zu schreien. Dieses schreckliche Schreien, dieses infernale Geplärre! Es pochte in seinem Schädel.
    Sie atmete auf und verfluchte den Kutscher für sein schmutziges Vorhaben mit dem Kind. Er war ein böser Wolf gewesen. Doch Albrecht schwieg. Seine Hand schloss sich fester um den Schwertgriff.
    Als die Kutsche am Abend den Wald verließ, transportierte sie nur den Schreiber. Kein Mensch hatte ihn bei der schrecklichen Tat gesehen, aber er ahnte nicht, dass er beobachtet wurde.

    Nun saß er am Kaminfeuer, gewillt sein Meisterwerk zu verfassen. Es war wieder ruhig, niemand störte ihn mehr. Die grobe Handlung hatte er schon im Sinn, sie musste nur noch zu Pergament gebracht werden. Doch die Worte flossen nicht. Sie kamen nicht aus ihm heraus. Es war noch immer wie vorher, mit dem Balg. Heiße Tränen tropften auf das Pergament. Er hatte seine Gabe verloren und seinen Glauben an sich selbst.
    Langsam schleppte er sich durch den Raum zur Kommode. Auf ihr lag das Schwert, auf dessen Klinge sich die Kerzenflamme spiegelte. Entschlossen umfasste er seinen Griff. Drei Menschen hatte er damit getötet. Es wäre nur recht, wenn er auch durch diese Klinge sterben würde. Zögernd stellte er den Kerzenhalter auf der Kommode ab und richtete die Schwertspitze gegen sich selbst, bereit zuzustechen. Wenn zu leben Bedeutungslosigkeit bedeuten würde, wollte er lieber sterben.
    Doch eine Stimme erklang in seinem Kopf und durchdrang die Dunkelheit seiner Gedanken. Es war eine Frauenstimme, sie kam von hinter ihm, engelsgleich und doch düster. Sie wusste, was ihm zu schaffen machte. Sie wusste von der Angst, nur ein Tropfen im Ozean zu sein. Seine Worte konnten einmal in Stein gemeißelt werden, aber was war jetzt noch davon übrig? Nicht einmal mehr der Abglanz seiner Größe. Sie schwor, dass sie helfen könne.
    Zögerlich wandte er sich zu ihr um. Sie war jung und schön, hatte aber einen fast kindlichen Charakter. Über ihr lag ein diffus leuchtender Schleier.
    Er fragte, wer sie sei.
    Lächelnd antwortete sie. Ihr Name sei Amelie und dass sie hier sei um ihn zu retten.
    Albrecht fragte, ob sie ein Engel sei, doch sie schwieg. Verwirrt setzte er nach. War sie ein Dämon?
    Da lächelte sie nur herzerwärmend und legte ihre Arme um seinen Körper.
    Sie würde ihm seine Größe zurückgeben und forderte dafür nur eine einzige Gegenleistung. Albrecht war wie erstarrt. Was wollte sie? Seine Seele? Ein Menschenleben? Ein kalter Schauder durchzog ihn, als sich ihre Lippen seinem Ohr näherten.
    Liebe mich.

    Müde fiel der Schreiber in seinem Stuhl zurück. In der Nacht, in der Amelie zu ihm kam, hatte er nicht geschlafen, er hatte sofort mit dem Schreiben begonnen. Zwei weitere Nächte war er wach gewesen und hatte nicht zu schreiben aufgehört. Amelie hatte ihm regelmäßig Wasser und Wein gebracht, auf feste Nahrung hatte er in der Zeit völlig verzichtet. Aber das war alles unwichtig, denn er war im Begriff gewesen sein bisher größtes Werk überhaupt zu verfassen. Er schrieb und schrieb und mit jeder Zeile ließ er sein altes Leben ein Stück weiter hinter sich. Jedes Wort war mit seiner Vergangenheit gefüllt und je mehr Worte auf das Pergament flossen, desto mehr verließ davon seinen Körper. Als er die Feder endlich beiseitelegte, hatte er alles zurück gelassen. Mit einem Grinsen im Gesicht und dem Kopf auf der Schreibtischplatte, schlief er ein. Er war sich sicher, jetzt würde er erst wirklich glänzen können.
    Er ruhte zwei Tage lang, bis er wieder erwachte. Amelie hatte das Manuskript bereits zum Verlag gebracht. Es wurde zum Druck in Auftrag gegeben und nach wenigen Wochen wurden die ersten Kritiken veröffentlicht. Man spekulierte, dass der Schreiber während seiner künstlerischen Pause mehrere Werke geschrieben hatte und jetzt nach und nach veröffentlichte. Nur so war zu erklären, dass er ein paar Monate zuvor bereits ein Buch der Öffentlichkeit präsentiert hatte. Doch im Gegensatz zu seiner ersten Veröffentlichung seit Jahren, die ohne Frage weit unter dem Niveau des Schreibers lag, war seine Zweite ein voller Erfolg. Einige feierten es als Veröffentlichung des Jahrhunderts und prophezeiten dem Schreiber künstlerische Unsterblichkeit.
    Beflügelt vom Erfolg rief er Amelie zu sich. Er wies sie an Koffer zu packen und die Pferde bereit zu halten. Sie würden eine Reise machen, zu den großen Orten dieser Welt. Denn wenn er sich weiter übertrumpfen wollte, dann benötigte er Inspiration. Wissenschaft, Kunst, Geschichte, Philosophie, alles solle sein werden. Denn er war dazu bestimmt Gott über das Wort zu sein, davon war er überzeugt. Und Amelie nickte verträumt. Sie würde auf eine Reise mit ihm gehen, ihr Traum würde wahr werden.
    So zogen sie aus, in fremde Länder und ohne die Aussicht in absehbarer Zeit zurückzukehren. Für gewöhnlich besichtigten sie eine Stadt und wenn der Schreiber in ihrer Atmosphäre einen besonderen Geist einfing, dann blieben sie für einige Wochen. Länger dauerte es für ihn nicht ein neues Buch zu schreiben, denn die Worte quollen einfach hervor. Sie kamen nicht aus dem Inneren, aus seinem Herzen oder seinem Kopf, sie kamen von weit weg, aus dem Kosmos. Er war nur der, der die Idee festhielt, die Geschichten aber lagen in der Luft und der Erde. Er konnte sie atmen.
    Doch obwohl alles so vielversprechend aussah, war Amelie nicht glücklich. Wenn der Schreiber in ihrer Wohnung war, dann schloss er sich in seinem Zimmer ein. Er schrieb und schrieb und ließ sie nicht zu ihm. Sie hatte Verständnis dafür, hatte sie es ihm doch ermöglicht wieder schöpferisch tätig zu sein. Er schrieb aber nicht jeden Tag, hin und wieder ging er in die Stadt, um sich wieder inspirieren zu lassen, zumeist von Büchern, Gebäuden und den Geschichten, die dahinter steckten. Sie wollte mit ihm gehen, doch er bat sie jedes Mal seine Texte noch einmal durchzusehen. Er würde bald zurück sein. Amelie konnte nicht anders, sie hätte alles getan um seine Anerkennung zu erhalten. Zu ihrer Verzweiflung kehrte er nie vor Mitternacht zurück.

    Eines Tages hatte sie genug. Sie verstand die menschliche Natur kaum und mit dem Gefühlsrausch der Liebe konnte sie nicht umgehen. Sie wollte, dass auf dem Acker ihres Herzens Freude und Dankbarkeit sprossen, doch letztendlich erntete sie nur Frust. Jetzt war Schluss damit, sie würde sich nehmen was sie wirklich wollte, denn sie wollte es sofort.
    Als sich der Schreiber wieder einmal für den Abend verabschiedete, tat Amelie zunächst wie immer. Er trug ihr auf, die neuen Schriften durchzulesen und ihm dann später ihre Meinung dazu abzugeben. Es war reiner Perfektionismus und er wollte höher springen als jemals zuvor. Alles musste genauestens durchdacht sein, wenn er das Manuskript in ein paar Tagen zum Verleger bringen wollte. Jede Kante, jede Unreinheit und jeder Felsen, der den Lesefluss hinderte, war beabsichtigt. Nickend setzte sie sich an den Schreibtisch und überflog die ersten Stücke Pergament. Mit einem Grinsen wandte er sich von ihr ab und ging. So naiv. Die Tür fiel ins Schloss.
    Einen Moment hielt sie inne, die Ohren gespitzt. Ein Schritt, zwei, drei … Erst als ihre dämonischen Ohren sie nicht mehr vernehmen konnten, erhob sie sich vom Tisch und folgte ihm.

    Amelie war nicht wie die anderen, das hatte sie schon immer gewusst. Seit ihrer Erschaffung hatte sie auf die Menschen herabgesehen und sich gewundert. Was war das, was da passierte? Eine Umarmung, ein Kuss? Ein Kind und eine Mutter? Was es war wusste sie, aber was war ihre Bedeutung? Sie stellte Fragen, die anderen lachten sie aus. Tränen flossen, sie war allein. Allein in der Masse und der Unsterblichkeit. Man setzte sie gleich mit dem Menschendreck, zertreten zog sie sich zurück und wollte sterben.
    Lange lag sie da, kraftlos und träge, und sah auf die Welt hinab. Auf den Menschendreck. Auf die Mütter und Kinder. Auf die Jungen und Mädchen. Was sollte das? Warum, warum das alles? Sie verstand nicht. Da war ein junger Mann, der las einem Mädchen vor. Von einem Stück Pergament. Sie verstand den Sinn der Worte nicht, sie waren unklar und ungewöhnlich, doch etwas regte sich in ihr. Sie schufen Bilder und Klänge, ihr Herz begann zu rasen. Das war es! Genau das! Aber was war es? Diese Worte hatten eine Kraft, eine Energie … so rein, unschuldig und warm. Klein und doch groß genug, dass es sie einnehmen konnte. Das war es, was ihr fehlte. Wer war nur dieser junge Schreiber?

    Als der Schreiber durch die Straßen der Stadt ging ahnte er nicht, dass Amelie nicht am Schreibtisch saß, sondern längst zu seinem Schatten geworden war. Leise, auf Füßen aus Luft, schwebte sie unbemerkt über den Dächern und beobachtete ihn. Es dauerte nicht lang, da blieb er stehen und grüßte jemanden. Es war eine Frau, die beträchtlich jünger als der Schreiber zu sein schein. Amelie nickte. Um den Geist der Umgebung einzufangen sollte man auch mit den Menschen der Stadt sprechen. Das hatte er einmal gesagt.
    Sie gingen ein Stück spazieren und sprachen über belanglose Dinge, bis sie sich entschieden ein Wirtshaus zu betreten. Stundenlang sprachen und lachten sie miteinander, Amelie schwebte neidisch vor dem Fenster. Niemand konnte sie sehen.
    Später, lange nachdem die Sonne untergegangen war, erhoben sie sich wieder vom Tisch und gingen eine Treppe hinauf. Was sollte das? Amelie verstand nicht. Verwirrt stahl sie sich in das Lokal und glitt ihnen hinterher. Niemand hatte sie bemerkt.
    Die beiden betraten ein Zimmer und schlossen die Tür hinter sich. Fluchend schob Amelie sich an die Tür. Zuerst war sie irritiert, doch schnell begriff sie, was sie dort hörte. Gelähmt sank sie zu Boden, zuckend, schluchzend, zertreten blieb sie dort liegen. Vater, warum? Wieso? Warum hast du mich erschaffen? Erneut drohte das Feuer in ihr, der Wille, zu erlöschen. War sie etwa nur ein Versuch, eine Laune? Eine Flut von Fragen vergiftete ihren Verstand. War das alles vielleicht ein großer Fehler gewesen? Zerbrochen kroch sie zurück, die Last zog sie an Ketten hinter sich her.

    Als der Schreiber seine Wohnung wieder betrat, brannten noch alle Lichter. Irritiert sah er sich um. War Amelie noch wach? Eilig verwischte er das Lippenrot an seinem Hals, doch sie war nicht zu sehen. Erleichtert betrat er sein Arbeitszimmer und entdeckte Amelie, die zusammengesunken an seinem Schreibtisch, mit dem Gesicht auf der Tischplatte. In ihrer Suche nach Zerstreuung, hatte sie das neue Manuskript des Schreibers gelesen.
    Vater war es, der dem Schreiber die Worte und Bilder schickte, die er festhalten sollte und so war es auch dieses Mal gewesen. Aber warum ließ er ihn so etwas schreiben?
    Scheinbar besorgt trat der Schreiber an sie heran, doch Amelie konnte seine Lügen hören, nein, sie konnte sie sehen und fühlen. Seelenlos erklärte sie, dass sie gehen werde und dass sie ihn zurücklassen würde, als wäre sie nie da gewesen. Da erstarrte der Schreiber zu Stein. Sie wollte gehen? Mit der Gabe?
    Entsetzt sprach er drauflos. Dass sie ein Loch in ihm zurücklassen würde. Dass er nicht mehr er selbst sein könne. Dass es sein Leben beenden würde. Amelie verhalf es nur zu einem müden Lächeln. Müde vom Leben. Ihre Entscheidung stand fest.
    Verzweifelt nahm er sie in den Arm, schloss sie ein. Sie durfte nicht gehen! Als sie die Umarmung erwiderte, lachten seine Gedanken dreckig. Er hatte nicht gedacht, dass er es wirklich würde tun müssen, doch es funktionierte. Sie war so naiv wie ein Kind. Sanft beugte er sich vor und flüsterte in ihr Ohr. Sie liebte ihn doch, richtig?
    Bedrückt schlang sie sich enger um ihn. Richtig.
    Das klebrige Grinsen überzog sein ganzes Gesicht. Kaum merklich wich alles himmlisch Teuflische aus Amelie, bis sie wie ein einfaches Mädchen zu sein schien. Wieder flüsterte er.
    Und wenn du mich liebst …, setzte er leise an.
    Ihre Augen weiteten sich, sie sah das Unheil über ihnen schweben.
    … dann stirb heut Nacht!
    Sein Messer drang in ihre Seite und riss ihren Körper auf. Kraftlos und enttäuscht ließ sie es zu, ja, sie hieß das Ende willkommen. Der Mensch in ihr starb. Zufrieden ließ er sie los und nahm Abstand. Seinem Schaffen durfte nichts im Wege stehen, da konnte er auf niemanden Rücksicht nehmen, auch nicht auf sie. Doch das war jetzt vorbei.
    Müde wandte er sich vom Amelie ab und seinem Manuskript zu. Die letzten Kapitel hatte er in dem intensivsten Rausch geschrieben, den er je gehabt hatte. Doch konnte er sich nicht mehr an den Ausgang der Geschichte erinnern. Merkwürdig. Verwundert überflog er die letzten Seiten. Mit jedem Absatz sammelte sich mehr Schweiß auf seiner Stirn. Was war denn das? Hatte er das geschrieben? Unmöglich. Für den Roman hatte er zwar sein eigenes Leben als Vorlage benutzt, aber es sollte mehr eine Parodie auf sich selbst sein. Selbstironie. Und nicht das. Langsam ließ er den Stoß Pergament auf den Tisch sinken. Von hinter sich hörte der Schreiber dumpfe Schritte. Dann tränkte sich das Manuskript im seinem Blut.
    Nur der Titel war später noch zu erkennen gewesen. Dort prangte „Die Sage vom Schreiber“.


    Und die Farbe Grau gilt nicht nur für Dämonen und Engel, sondern ebenso für die Menschen. Sie handeln weder gut noch böse, sondern nur in ihrem ganz eigenen Sinne. Doch betrachten wir den Schreiber und Amelie: Wer von beiden war dann wirklich der Dämon?

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]


    Nachdem ich jetzt schon einige Jahre hier bin, kann ich ja auch mal meine Geschichte in die Signatur setzen, oder? :D Mit Geschichten bin ich dann doch geschickter als mit Signaturen.
    Himmelsjäger [Neufassung]


  • Blauschwarz


    So blau, so schwarz, so leer schien es ihr, dass sie zu schweben glaubte. Sie konnte nicht denken, was es nun war, das so leer schien, doch ihr Gefühl wusste es. Und dieses Gefühl trug sie, so erdrückend es auch war.

    „Wahnsinn …“, murmelte sie und setzte sich nach einiger Zeit lethargischen Halbschlafes in ihrem Bett wieder auf.

    War es Wahnsinn? Seit sie alle gegangen waren boten selbst das vertraute Zimmer und die lieblichen Erinnerungen an Früher keinen Halt mehr, und diese Schwebe war ihr unbegreiflich. Sie war eine bleierne Feder, doch noch nicht fähig zu fallen. Was war dieser Widerspruch, wenn nicht wahnsinnig? Vielleicht grausam.

    Mit einem Seufzen setzt sie sich auf die Bettkante und erhob sich langsam. Das Mondlicht fiel kalt durch das Dachfenster über ihrem Bett und schnitt in die bläuliche Düsternis des Hauses hinein. Aufmerksam betrachtete sie die Möbel und die gerahmten Lichtabbildungen, die an den Wänden hingen. Mit ihnen konnten die Elfen mittels Magie ein Geistesbild festhalten. Sie erinnerten sie an die längst vergangene Zeit, denn immer wieder erschienen dort die alten Gesichter im Lichte einer Erinnerung. Dunkel war es hier mit Sicherheit nicht. Und doch lag ein schaler Geschmack in all der Süße.

    Während sie die Treppe hinabschritt, kam es ihr wieder in den Sinn. Wie sie gern an die eine Liebe in ihrem noch jungen Leben zurückgedacht hatte. Die sie einst gelebt hatte. Der sie mal vertraut hatte. Und von der sie verletzt worden war. Sie wusste noch, dass es geschmerzt hatte, aber der Wärme, die in dem hoffnungslosen Schwärmen lag, hatte sie nicht widerstehen können.

    Doch das lag nun weit weg, war längst verblasst und tat schon lang nicht mehr weh. Dieser Gedanke beruhigte sie, während sie die Lichtbilder betrachtete, die die Treppe entlang die Wand zierten und die im Halbdunkel dieser klaren Nacht einen weißkalten Schimmer hatten.

    Sie erreichte das Erdgeschoss und der weite Flur führte sie wieder in die Leere zurück. Schuld daran war wohl die verspielte Architektur der Elfen, die hier besonders ausgeprägt war und wegen der sie sich fehl am Platz fühlte. Es war nicht einfach gewesen, als sie und die anderen her gekommen waren. Allein als Menschen unter Elfen … Doch nun fehlte selbst von ihnen jede Spur. Die Elfen verschwanden, von einem Tag auf den anderen. Ihre Freunde ebenso, bis auf einen. Er zog damals los, die Menschen und die Elfen zu suchen, die noch übrig waren. Vor über fünf Jahren.

    Es kamen keine Händler mehr. Keine Fahrzeuge. Und sie hatte keine Flugmaschine mehr am Himmel gesehen. Nichts. Nicht einmal das Silber eines Kondensstreifens am Himmel. Sie hatte lange Zeit Ausschau gehalten.

    Ich erinnere mich noch gut an diese Tage, stelle sie fest, als sie nur in ihrem Nachthemd auf die Straße trat. Und in diesem Moment kam das blauschwarze Gefühl zurück und ließ sie schweben. Und sie wusste es: Es war die Welt, die Leer war. Eine Leere, die auch sie immer mehr ausgehöhlt hatte.

    Vor ihrer Haustür stehend, wandte sie sich nach links und betrachtete den vagen Umriss der Elfenstadt. Sie lag noch so da wie am ersten Tag, nachdem die Elfen diese Welt verlassen hatten. Keine Risse in den Straßen und Gebäuden, keine Grashalme in den Fugen. Als wäre es gerade erst einen Augenblick lang her gewesen. Rundherum lag der Waldozean, wie die Elfen den uralten Wald genannt hatten. Er bedeckte einmal den halben Kontinent und in seinem Herzen lagen die wenigen Städte der Elfen. Es war den Menschen geschuldet, dass einige dieser Städte nun seinen Rand markierten.

    Ein Schmerz ergriff sie bei jedem Anblick der Ruinen und so wählte sie den rechten Weg, in die Fluten des Waldozeans. Bis sie sie umfingen, hielt sie den Blick gesenkt. Und auch als sie längst eingetaucht war, hob sie den Blick erst, als die Stadt hinter ihr kaum noch in Sichtweite war. Und Stille. Die Tiere waren nicht verschwunden, dennoch schwiegen sie, als wären fünf Jahre Trauer erst der Anfang aller Buße. Doch warum büßten immer die Unschuldigen? Warum hatte man sie zurückgelassen?

    Einen kurzen Augenblick lang glaubte sie, ein Rascheln hinter sich gehört zu haben, doch als sie herumfuhr strich ihr nur der Wind ihre dunkelblonden Haarsträhnen aus dem Gesicht. Gleichzeitig trug er ein weiteres Stückchen in ihr ab und ein hohles Gefühl der Kälte drohte sich in ihr breit zu machen. Sie machte sofort kehrt und rannte davon, aber es jagte sie, so sehr sie es auch abzuschütteln versuchte.

    Sie wusste nicht wohin sie lief, und weder nahm sie die Welt um sich herum wahr, noch spürte sie die Schritte, die sie tat. Machte sie sie überhaupt, wo sie doch schwebte? Und das so leicht und teilnahmslos durch die Schatten der Bäume, bis sie auf eine Wiese lief und vor einem Abhang Halt machte. Und wieder zu Boden glitt. Das Gras an den nackten Füßen kitzelte, während sie in die Tiefe blickte. Was sich dort viele Fuß unter ihr erstreckte, war wahrhaftig ein Ozean. Er spannte sich weit über den Horizont, von links nach rechts, ohne den Waldrand in Sicht. Vereinzelt waren die Umrisse einer anderen Stadt zu erahnen, die man leicht auch mit einer Ansammlung älterer, größerer Bäume verwechseln konnte. In der leichten Brise der Nacht wogten die Baumkronen gleichmäßig, wie die Wellen einer sanften See.

    Sie hatte diesen Anblick oft gesehen und doch war sie jedes Mal erneut überwältigt von diesem Ausmaß, dass sie auf eine winzige Größe zusammenzuschrumpfen drohte. Mit tränenden Augen fiel sie auf die Knie, den Oberkörper halb über den Abhang ragend. Sie war allein, ganz allein in diesem Ozean. Und ihr Herz fror.

    Wozu noch? Wozu weitermachen? Für wen? Es ist sinnlos. Ich … bin sinnlos.

    Der Klang ihrer Gedanken vergiftete ihren Verstand, machte sie rasend, ließ sie atemlos nach Luft schnappen. Und während ihr der Schmerz heiß und nass die Augen herunter lief, wurde es ihr bewusst.

    Ich schwebe nicht mehr …

    Und da lächelte der Abgrund freundlich.

    Zögerlich erhob sie sich wieder, die Augen weit offen, auf ihn gerichtet. Sie konnte erkennen, wie er langsam seine Arme ausbreitete. Einladend. Und wie ihre Ehrfurcht vor der Tiefe immer weiter schwand, während sie mit den Füßen an der Kante stand. In ihrem Rücken spürte sie die Brise und sie wünschte sich, dass ihr Flügel wuchsen. Die Augen schließend, ließ sie sich nach vorn fallen, vom sanften Wind tragen. Und als da keine Flügel waren, entfuhr ihr nur ein Seufzer. Und der Wind in ihrem Haar.

    Blinzelnd öffnete sie die Augen, sah noch einer Träne nach, die in die Tiefe fiel und die im kalten Mondschein glitzerte. Sie atmete ruhig und tief und dennoch sah sie ungläubig an sich herunter. Zwei Arme schlangen sich eng um ihren Bauch. Plötzlich bemerkte sie auch, wie sich ein Gesicht warm und feucht an ihre Schulter drückte.

    „Bist du das etwa ...?“, flüsterte sie hauchend.

    Eine Bewegung an ihrer Schulter. Ein Nicken.

    Schweigen.

    Es zog sie zurück, ohne Widerstand ließ sie es zu. Zusammen fielen sie in das weiche Gras, nebeneinander. Die Tränen versiegt, drehte sie ihren zerzausten Kopf zu ihm und betrachtete sein verquollenes Gesicht, das die eigenen Tränen wohl noch immer nicht bemerkt hatte. Er starrte sie mit geröteten Augen blinzelnd an, als seien die Pupillen nur Punkte und der Blick aus Nadeln. Langsam und etwas rasselnd holte er Luft.

    „Ich bin zurück … allein.“

    Sie nickte vorsichtig.

    „Dann sind sie also …“

    „Ja … allesamt. In den Dörfern, den Städten … niemand ist mehr hier.“

    Enttäuscht, doch gleichzeitig erleichtert über die Gewissheit, sah sie zum Himmel auf, auf dem sich deutlich die Sterne abzeichneten. In der Ferne ließ sich bereits der Tag erahnen.

    „Ich bin noch eine Weile gewandert, um ganz sicher zu sein … Die Große Steppe ist völlig verdorrt, fast schon eine Wüste. Und die letzten Zeitungen in den Städten berichten, dass der ganze Osten verstrahlt sein soll …“, flüsterte er langsam und zittrig bemüht, sich zu beherrschen.

    Sie wusste, dass er ihr Gesicht durch die Tränen nur schwer erkannte und dass er darauf Frustration erwartete. Zu ihrer eigenen Überraschung aber wog die Verblüffung über seine Rückkehr schwerer, so dass ihr Gesicht von einer irritierten, subtilen Freude erfüllt war. Und letztendlich konnten sie diese Worte nach fünf Jahren der Stille nicht mehr erschüttern.

    „Es tut mir leid … Ich hätte dir so gern mehr als das mitgebracht …“

    „Nein, ist schon gut“, sagte sie kopfschüttelnd. „Das ist schon mehr als ich erwartet hatte.“

    Vorsichtig drehte sie ihren Kopf wieder zu ihm auf die Seite und sah, wie er sich mit der Hand die Tränen vom Gesicht wischte.

    „Natürlich bin ich zurückgekommen. Ich hasse mich dafür, dich so lange warten gelassen zu haben, aber ich wollte nichts unversucht lassen … und ging bis an die Küste.“

    Seine Züge wirkten mit einem Mal ganz ruhig und bitter.

    „Ich hatte schon fast befürchtet, du wärst nicht mehr … Ein Glück, dass ich mich geirrt habe.“

    Ein müdes, schiefes Lächeln deutete sich auf seinem Gesicht an.

    „Wenn auch nur zum Teil. Du wolltest dich also wirklich …“

    Beschämt und auch etwas schuldbewusst wandte sie den Blick von ihm ab und sah dem Horizont hinter dem Abgrund entgegen. Die ersten Sterne verblassten im Licht und der Himmel färbte sich langsam kupfern.

    „Ich dachte, du seist tot. Oder gegangen. So wie alle gegangen sind“, murmelte sie. „So konnte ich einfach nicht mehr …“

    Langsam schüttelte er den Kopf.

    „Es gab keinen Tag, an dem es mich nicht hier her zurück gezogen hat. Vielleicht erinnerst du dich … An dieser Stelle haben wir uns damals verabschiedet.“

    Aufmerksam setzte sie sich etwas auf und blickte sich auf der Wiese um, in die verschwommene Erinnerung vertieft. Es stimmte, hier war es gewesen. In den düsteren Gedanken der Stille war diese Erinnerung irgendwann untergegangen. War sie vielleicht deswegen hier her gegangen, ohne darüber nachzudenken?

    „Ich mag fort gewesen sein, aber mein Geist ist immer hier geblieben. Und als ich dann endlich hier ankam, hat mich der Blick auf den Ozean so gefesselt … da hatte ich die Zeit völlig vergessen. Und dann warst da plötzlich du.“

    Er schaute sie noch immer an, hatte seine Fassung aber wieder zurückerkämpft. Nach einem kurzen Augenblick bemerkte sie seinen Blick und wandte sich ihm wieder zu. Da lag noch immer eine gewisse Taubheit auf ihr, dem Staub der Jahre geschuldet, aus der sie noch nicht völlig erwacht war. Ohne einen einzigen Gedanken zu denken, nahm sie ihn sanft in den Arm.

    Und sagte nichts. In ihrem Rücken erhob sich langsam die gelbe Tageshelle, die Hand in Hand mit der Morgenröte ging. Die Leere war langsam aus ihr gewichen, für den Moment zumindest.

    Du bist wie einer von ihnen, weißt du das? Sie kommen immer zurück, auch wenn man sie am Tage nicht sehen kann. Du warst weg, aber wärst du ein Stern gewesen, du hättest über mich gewacht.

    Wo auch immer du warst, wir haben beide den gleichen Himmel gesehen.

    Von der Umarmung noch mehr verunsichert legte er langsam auch seine Arme um ihren Körper. Die Augenlider fielen ihm müde zu.

    „Es ist schön, zurück zu sein.“

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]


    Nachdem ich jetzt schon einige Jahre hier bin, kann ich ja auch mal meine Geschichte in die Signatur setzen, oder? :D Mit Geschichten bin ich dann doch geschickter als mit Signaturen.
    Himmelsjäger [Neufassung]

    Einmal editiert, zuletzt von kalkwiese ()

  • Hey, kalkwiese ,


    "Blauschwarz" ist eine sehr schöne Geschichte, die mich gleichzeitig voller Melancholie und Traurigkeit und einem frohen Lächeln zurücklässt. Mir gefallen die Andeutungen auf eine einst von Elfen bewohnte und nun verlassene und verstrahlte, postapokalyptisch anmutende Welt. Und natürlich deine poetische Sprache.


    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Heyho kalkwiese

    Also für meinen Teil gibt es hier nichts zu meckern, im Gegenteil.

    Die Erzählung hat eine sehr schöne Atmosphäre der Verlassenheit (damit ist nicht Einsamkeit gemeint), die sich von Anfang bis zum Ende spüren läßt.

    Einzig die Erwähnung

    Und die letzten Zeitungen in den Städten berichten, dass der ganze Osten verstrahlt sein soll …“

    hat das kurzzeitig etwas ins Wanken gebracht. Das hätte es nicht gebraucht, finde ich.

    Ansonsten mag ich Deinen Stil hier - er ist sehr "weich". So ein Abschnitt hier:

    Und da lächelte der Abgrund freundlich.

    Zögerlich erhob sie sich wieder, die Augen weit offen, auf ihn gerichtet. Sie konnte erkennen, wie er langsam seine Arme ausbreitete. Einladend. Und wie ihre Ehrfurcht vor der Tiefe immer weiter schwand, während sie mit den Füßen an der Kante stand. In ihrem Rücken spürte sie die Brise und sie wünschte sich, dass ihr Flügel wuchsen. Die Augen schließend, ließ sie sich nach vorn fallen, vom sanften Wind tragen. Und als da keine Flügel waren, entfuhr ihr nur ein Seufzer. Und der Wind in ihrem Haar.

    Das nenne ich mal GANZ großes Kino.:nummer1::nummer1::nummer1:


    Dafür meinen Dank.


    P.S.:

    Das Gras an den nackten Füßen kitzelnd, blinzelte sie in die Tiefe.

    War die einzige Stelle, die Du Dir vielleicht noch mal ansehen solltest. Der Satz macht so keinen Sinn...;)

  • Asni  Der Wanderer

    Oh, danke ihr beiden! Ich hab gar nicht erwartet, dass dieses alte Ding über fünf Jahre später noch konstruktive Rückmeldung bekommen würde. ^^ Die wird gleich umgesetzt, ich gehe mit euren Anmerkungen nämlich mit.

    Das ist nochmal so eine Stelle, wo mir das irgendwie zu kurz und damit dann zu hart rüberkommt :hmm:

    Die Stelle kommt ohne den Satz wahrscheinlich auch ganz gut klar. Stimmt wohl, so langsam und getragen, wie diese Geschichte ist, ist ein Zwei-Wort-Satz, der auf "tot" endet, einfach etwas zu kantig.

    Es mag sein, dass das nur mein vom Dialekt (mis)geprägtes Sprachgefühl ist, aber ich würde das "von" weglassen. "die" --> "sie"? Mir gefällt, wie "strich ihr nur" mich erwarten lässt, dass da eine Person ist. Das ist eine sehr schöne Andeutung und Irreführung auf das, was noch kommt ^^

    Ja, "von hinter" ist wahrscheinlich ein Anglizismus, im Englischen heißt es ja "from behind". Ja, es sollte "sie" sein. s und d liegen auf der Tastatur ja nebeneinander. ^^ Und das mit der Erwartung durch die Satzstellung ist mal ein interessanter Punkt. D: So hab ich noch nicht darüber nachgedacht. Mit sowas eröffnen sich einem auch noch Möglichkeiten. Ein bisschen wie, wenn ein Lied einen eine Wendung erwarten lässt, die aber doch später kommt und dann nochmal anders, als es einem irgendwie nahegelegt wird. :hmm: Sehr interessant.

    Einzig die Erwähnung

    hat das kurzzeitig etwas ins Wanken gebracht. Das hätte es nicht gebraucht, finde ich.

    Ich kann es nicht genau in Worte fasse, aber ich begreife, was du wahrscheinlich meinst. :hmm: Finde ich etwas schwierig. Der Satz kann einem wie ein Fremdkörper vorkommen, weil er so krass auf das Setting eingeht, das ansonsten nicht so explizit erwähnt wird. Zeitungen und Strahlung zu erwähnen, sollte ja nicht so sehr irritieren, wenn vorher schon Fotos und Flugzeuge vorkommen.

    Weiß nicht so recht, ob ich den wirklich störend finde. Im Zweifel lasse sich sowas dann oft stehen, weil es auch mal eine Ecke geben sollte, an der man sich vielleicht stoßen könnte, wenn du verstehst. ^^ Und vielleicht hab ich irgendwann anders noch nen Einfall, wie man das besser oder anders machen könnte.

    War die einzige Stelle, die Du Dir vielleicht noch mal ansehen solltest. Der Satz macht so keinen Sinn...

    Oops! :D Wird erledigt, das darf so nicht stehen bleiben!

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    Nachdem ich jetzt schon einige Jahre hier bin, kann ich ja auch mal meine Geschichte in die Signatur setzen, oder? :D Mit Geschichten bin ich dann doch geschickter als mit Signaturen.
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