Schatten über Tarladan

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  • Also dann,

    nachdem ich bei meiner Vorstellung im Empfangsaal erwähnt habe, das ich hier gerne Geschichten einstellen würde um sie mit eurer Hilfe zu perfektionieren, mache ich nun meine Drohung war ;)

    Und spart bitte nicht mit eurer Kritik, mit Oh, schön und lesenswert ist noch kein Text besser geworden.


    Schatten über Tarladan


    "Du spielst falsch!"

    In der von flackerndem Kerzenlicht nur spärlich erleuchteten Weinschenke wurde es augenblicklich totenstill. Das Stimmengemurmel der wenigen Gäste erstarb und das Klirren von tönernen Bechern und Krügen setzte schlagartig aus. Die meisten der Anwesenden starrten ungläubig auf den groß gewachsenen, jungen Blondschopf, der an dem Spieltisch in der Mitte der schäbigen Spelunke saß. Mit seinem zerschlissenen Leinenhemd, der abgetragenen Hose und den dreckigen, ausgetretenen Schnürstiefeln wirkte er auf den ersten Blick eher wie ein Bauerntölpel, der sich zufällig hierher verirrt hatte, als einer aus dem lichtscheuen Gesindel, der Taschendiebe, Spieler, Meuchler und Menschenfänger, die sich in dieser Schenke anscheinend beheimatet fühlten.

    Ganz langsam lehnte er sich auf seinem Stühl zurück, während er sein Gegenüber herausfordernd anstarrte.

    "Du verdammter Bastard", lallte dieser mit schwerer Stimme.

    "Sag das nochmal!"

    Es war offensichtlich das der Mann, den er des Falschspiels bezichtigt hatte, trotz der frühen Nachmittagsstunde schon angetrunken war. Sein verschwitztes, strähniges Haar klebte ihm wirr um den eiförmigen Schädel und er klammerte sich ständig mit der Linken an die Tischkante um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

    "Ich sagte das du falsch spielst", erwiderte der Blondschopf ungerührt.

    "Du tauscht schon seit einiger Zeit immer wieder eine der Karten mit denen aus, die du in deinem Hemdärmel versteckt hast. Glaubst du ich bin blind, oder für wie dumm hälst du mich eigentlich? Du gibst mir jetzt sofort mein Geld zurück, dann vergesse ich vielleicht, das du mich betrogen hast und lasse dich laufen."

    Der angesprochene Spieler lachte schrill, scheinbar hatte der reichlich genossene Wein sein Selbstbewusstsein derart gestärkt, das er den Blonden maßlos unterschätzte.

    "Was bildest du Bauerntölpel dir eigentlich ein? Solche Burschen wie dich verspeise ich Dutzendweise zum Frühstück, wenn mir danach ist. Also hüte deine Zunge, wenn dir dein Leben lieb ist."

    Einem aufmerksameren Beobachter jedoch wäre der verkrüppelte linke Zeigefinger, die ausgezupften Augenbrauen und die silberne Schnalle des Waffengurts aufgefallen und hätten ihn vielleicht zum Nachdenken gebracht. Solche Zeichen wiesen seinen Träger als einen Angehörigen der Söldnerkaste aus und diese Leute verstanden erfahrungsgemäß wenig Spaß, wenn es um ihr Hab und Gut ging.

    Aber das bedachte der Spieler in seiner Trunkenheit nicht.

    Seine Rechte fuhr mit einer schnellen Bewegung unter das viel zu weit geschnittene Hemd, unter dem offensichtlich noch andere Dinge verborgen waren, als gefälschte Spielkarten. Denn als die Hand einen Atemzug später wieder zum Vorschein kam, hielten ihre Finger den lederumwickelten Griff eines beidseitig geschliffenen Wurfdolchs umklammert. Stahl blinkte im düsteren Kerzenlicht de Spelunke auf und dann zischte die tödliche Waffe auch schon auf den Blondschopf zu.

    Der junge Söldner reagierte augenblicklich.

    Mit einer einzigen, fließenden Bewegung ließ er sich misamtt seinem Stuhl nach hinten fallen, riss gleichzeitig das Schwert aus dem Leder des Waffengurt und rollte sich im nächsten Atemzug über die Schulter ab. Er stand bereits wieder auf den Beinen, noch bevor der Falschspieler einen zweiten Dolch unter seinem Hemd hervorgezogen hatte.

    "Du verdammter Schweinebauer", keuchte der Spieler hasserfüllt, indess er um den Tisch herumkam.

    "Dafür schneide ich dir die Kehle durch!"

    Dann griff er an, schlug alle Vorsicht in den Wind und zielte, ohne auf seine Deckung zu achten, auf den Hals des Blonden.

    Aber der Söldner war schneller.

    Die Schwertklinge in seiner Hand beschrieb einen engen Halbkreis und bohrte sich dann mit ihrer Spitze tief in die rechte Schulter des Spielers. Der Mann blieb so abrupt stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Sein Gesicht wurde plötzlich so weiß wie frischgestärktes Leinen.

    Er schwankte einen Moment und fiel dann, nachdem ihm der Söldner mit einem Ruck das Schwert aus der Schulter gezogen hatte, mit einem schrillen Schrei zu Boden.

    Im gleichen Augenblick verwandelte sich die Schenke in ein Tollhaus.

    Stühle und Tische wurden umgestoßen, Krüge und Becher zersplitterten und ein ohrenbetäubender Lärm aus brüllenden, fluchenden Männern und dem Stampfen von Stiefeln auf den ausgetretenen Fußbodendielen erfüllte den Raum bis in den hintersten Winkel.

    Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann waren sämtliche Gäste durch die Türen und eingeschlagenen Fenster der Schenke verschwunden. Es schien, als wollte keiner von ihnen mit dem Geschehen in Verbindung gebracht werden.

    "Das hättest du auch einfacher haben können", sagte der Söldner leise und schüttelte den Kopf.

    Verärgert sammelte er sein Geld auf, indessen sich auf dem Hemd des verletzten Falschspielers langsam ein immer größer werdender, dunkler Blutfleck abzeichnete.

    Schließlich, nachdem er auch die letzte Silbermünze aufgesammelt hatte, schob er sein Schwert wieder zurück in die Lederscheide.

    Im selben Moment klatschte hinter ihm jemand in die Hände.

    "Vorzüglich, wirklich vorzüglich!"

    Instinktiv zuckte die Schwerthand des Soldners nach vorne, während er aus zusammengekniffenen Augen zusah, wie sich vor ihm die Umrisse einer massigen Gestalt langsam aus dem hintersten Winkel der Spelunke schälten. Der geradezu unglaublich fette Körper des Mannes steckte in einem weit geschnittenen, kostbaren Seidengewand, das die gewaltigen Speckmassen seines Körpeers kaum verdecken konnten.

    "Mein Name ist Bujak, der Alleshändler", sagte der Dicke.

    "Ich gehöre zur Gilde der freien Kaufleute und lebe davon Waren aller Art zu kaufen und wieder zu verkaufen. Ich handle mit seltenen Gewürzen aus der Ostmark, wertvollen Pelzen aus Eislanden, ebenso wie mit kostbaren Stoffen aus Landurien. Bei mir kann man sogar frisches Obst aus Goa oder erlesene Weine aus Bardolinien kaufen."

    Ein falsches Grinsen überzog das Gesicht des Dicken, als er dem Söldner mit einem bis zum Rand gefüllten, goldenen Weinpokal zuprostete.

    "Ach ja, ab und zu habe ich auch noch ein paar junge Hühner aus dem Südland im Angebot, wenn du weißt, was ich meine.", fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.

    "Ich bin Kelen, der Söldner", erwiderte der Blondschopf knapp.

    "Was willst du?"

    Bujak lächelte.

    Es wirkte herablassend, aber er kam ohne Umschweife zur Sache.

    "Ich suche Männer, die wissen wie man kämpft und ich glaube, ich habe gerade eben wieder eine solchen gefunden. Auf einen Schwertkämpfer wie dich warte ich schon seit Tagen."

    "Tatsächlich?"

  • Heyho Thorak

    sehr schöne Szene. Ich hab mit in der Spelunke gesessen und ein Bier getrunken. Aber mit einigen Dingen habe ich kleine Probleme.

    Einem aufmerksameren Beobachter jedoch wäre der verkrüppelte linke Zeigefinger, die ausgezupften Augenbrauen und die silberne Schnalle des Waffengurts aufgefallen und hätten ihn vielleicht zum Nachdenken gebracht. Solche Zeichen wiesen seinen Träger als einen Angehörigen der Söldnerkaste aus und diese Leute verstanden erfahrungsgemäß wenig Spaß, wenn es um ihr Hab und Gut ging.

    Da hatte ich beim Lesen keine Ahnung, warum mich diese Merkmale/Zeichen dahin bringen sollten, daß Blondie ein Söldner ist. Verkrüppelter Zeigefinger, ausgezupfte Augenbrauen und 'ne silberne Schnalle kennzeichnen einen Söldner?

    Verstehe ich nicht. (Weil Du es mir als Leser nicht erklärst...).

    Die Schwertklinge in seiner Hand beschrieb einen engen Halbkreis und bohrte sich dann mit ihrer Spitze tief in die rechte Schulter des Spielers.

    Da habe ich beim Lesen direkt gezuckt.

    Schwert???

    In einer Kneipenschlägerei? Für ein Schwert braucht es Platz. Zum Schwingen. Versuche, Dich an Deinen letzten Kneipenbesuch zu erinnern. Hätte es da genug Platz gegeben, um mit einem Schwert zu agieren? Wohl eher nicht. Selbst ein Kurzschwert wäre da wohl eher zu lang.

    Ich kapier ja schon, daß Du da den Unterschied zwischen dem siffigen Falschspieler und Kelen dem Söldner deutlich machen wolltest.

    Aber gleich ein Schwert?


    Ansonsten: Prost. (Der Wanderer in der finstersten Ecke der Kneipe, das Gesicht von seiner Kapuze verhüllt...) ;) ^^ ;)

  • Okay, erster Eindruck - Stimmung passt, da kommt man gut in die Situation rein und liest gerne weiter.


    Beim genauer Hinsehen stoeren mich widerspruechliche Kleinigkeiten und komische Plottwists ein wenig... (und beim noch genauer Hinsehen findet sich der eine oder andere Rechtschreibfehler, aber da ueberlasse ich anderen das Feld :) )


    ***


    Fangen wir an:


    In der von flackerndem Kerzenlicht nur spärlich erleuchteten Weinschenke

    Es ist also dunkel, nur flackernde Kerzen erleuchten die Schenke.

    Es war offensichtlich das der Mann, den er des Falschspiels bezichtigt hatte, trotz der frühen Nachmittagsstunde schon angetrunken war.


    Es ist aber frueher Nachmittag - wieso ist es da dunkel? Kerzen kosten was (wenn man sie in Handarbeit herstellt nicht zu knapp), Fensterlaeden auf kostet nichts und bringt ein bisschen Frischluft.


    ***


    Einem aufmerksameren Beobachter jedoch wäre der verkrüppelte linke Zeigefinger, die ausgezupften Augenbrauen und die silberne Schnalle des Waffengurts aufgefallen und hätten ihn vielleicht zum Nachdenken gebracht.


    Als Du ihn einfuehrst wird er mit einem Bauerntoelpel verglichen - hier lernen wir aber dass er einen Waffengurt hat, spaeter auch dass da ein Schwert drin ist. So ein Schwert ist ziemlich gross, das uebersieht man nicht 'mal eben' - da fuehle ich mich als Leser ein bisschen veralbert dass ich so von der Beschreibung an der Nase rumgefuehrt wurde.


    Der naechste Unterscheid zwischen 'Bauerntoelpel' und 'Soeldner' duerfte sie Selbstsicherheit sein - ist er aufgeregt, schaut er nervoes hin- und her weil er das erste Mal als Mutprobe in der Spelunke ist - oder ist er selbstssicher weil er sich oft in solchem Unfeld bewegt?


    Nach dem was wir spaeter von dem Typen erfahren kann ich mir nicht vorstellen dass ihn irgend jemand fuer einen Bauern halten wuerde, sorry.


    "Du verdammter Schweinebauer", keuchte der Spieler hasserfüllt, indess er um den Tisch herumkam.


    Dass ihn jemand nach einem filmreifen Stunt mit abrollen und dabei Schwert ziehen (hatte ich erwaehnt dass Schwerter gross und unhandlich sind und auch die schnell zu ziehen nicht so einfach ist?) - immer noch fuer einen Bauern haelt halte ich dann fuer krassen Realitaetsverlust.


    Man kann jetzt sagen der Typ ist rotzbesoffen - aber irgendwie passt das schon wieder nicht zum Charakter eines Falschspielers - der muss ja seine Sinne beieinander behalten um schnell mal Karten auszutauschen und so, normalerweise sind die ja eher dran interessiert dass der andere betrunken ist was den Job einfacher macht.


    Stühle und Tische wurden umgestoßen, Krüge und Becher zersplitterten und ein ohrenbetäubender Lärm aus brüllenden, fluchenden Männern und dem Stampfen von Stiefeln auf den ausgetretenen Fußbodendielen erfüllte den Raum bis in den hintersten Winkel.


    Das ist jetzt so eine Hollywoodszene wie aus z.B. 'Pirates of the Caribbean' - aber... warum?


    Warum sollten die jetzt alle zu bruellen und fluchen anfangen? Wer mit dem Geschehen nicht in Verbindung gebracht werden will verkruemelt sich unauffaellig, aber doch nicht mit einem riesigen Tumult der garantiert die Wache (oder wer auch immer bei Mord oder Gewalt ermittelt) anlockt. Und wieso sollten sie dann auch noch Kruege zerschmettern?! Das ist ein komplett sinnloses Verhalten in der Situation.


    Wie sich hier herausstellt hat die Schenke auch wirklich Fenster (die eingeschlagen wurden - wieso?) - anscheinend sogar aus Glas - wieso ist es dann so dunkel am Nachmittag?


    Verärgert sammelte er sein Geld auf, indessen sich auf dem Hemd des verletzten Falschspielers langsam ein immer größer werdender, dunkler Blutfleck abzeichnete.

    Hier hatte ich zum ersten Mal den Eindruck dass der Falschspieler tot ist, weil er quasi aus dem Geschehen raus ist. Er stoehnt nicht, kriecht nicht weg, ruft nicht um Hilfe - sondern blutet halt ruhig vor sich hin waehrend der andere das Geld einsackt.


    Unerklaerlich fuer mich als Leser, da ist eine Luecke in meinem Bild der Situation, ich wuerde gerne erfahren was da mit ihm los ist.


    Ich suche Männer, die wissen wie man kämpft und ich glaube, ich habe gerade eben wieder eine solchen gefunden


    Recap - der hat grade einen lallenden Typ der so besoffen war dass er ein Schwert nicht als Waffe die nicht zu einem Bauern passt erkannt hat in die Schulter getroffen. Ob man da jetzt so viel ueber seine Kampffaehigkeit sagen kann? ?(


    ***


    Du merkst, sogar eine scheinbar einfache Szene wie so eine Tavernenschlaegerei wirft schnell viele Fragen auf wenn Du anfaengst zu ueberlegen warum die einzelnen Protagonisten jetzt so reagieren wie sie es tun - warum sollte der Falschspieler sich besaufen? Warum ist er erst agressiv, dann komplett aus der Erzaehlung draussen und inaktiv? Warum zerschlagen die anderen Zecher Geschirr und Fenster?


    So eine Szene gehorcht einer inneren Dynamik - da wuerde ich als Leser gener erfahren - was ist die genau?

  • Ich habe es gewusst!

    Schon als ich das erste Mal in diesem Forum stöberte, war mir klar, das man sich hier mit den eingestellten Texten wirklich befasst und einen die Kommentare auch weiterbringen.

    Danke Wanderer, danke Thorsten, eure Kritiken sind sachlich fundiert und zeigen mir deutlich auf, was ich noch alles verbessern muss. Auf einige der Dinge, auf die ihr näher eingegangen seid, Merkmale eines Söldners, Vergleich zwischen Bauerntölpel und Söldner u.s.w. wäre ich nicht so leicht gekommen, aber die Sache mit dem Schwert, auf die ihr beide mich hingewiesen habt, hätte ich eigentlich selber wissen müssen. Mir fiel es nach dem ersten durchlesen eurer Kommentare wie Schuppen von den Augen.

    Ich bearbeite den Text nun neu und stelle ihn dann am Wochenende wieder hier ein.

    Nochmals vielen Dank an euch beide.

  • Lieber Thorak

    Das ist ein brauchbarer und durchaus üblicher Einstieg in eine Geschichte. Für meinen Geschmack kannst du dir noch mehr Zeit nehmen, um die Szene zu beschreiben. Einige logische Brüche sind drin.


  • Hallo Thorak,

    willkommen im Forum und schöne Atmosphäre, die du da in der Kneipe vermittelst. Die wichtigsten Sachen sind schon gesagt worden. Ich fasse hier Mal zusammen, was mir noch aufgefallen ist:

  • Hallo, anbei nun die überarbeitete Version. Hat leider bis zum Wochenende nicht geklappt, Family geht nun mal vor, aber dafür hab ich noch ein paar Passagen hinzugefügt in denen ich erkläre warum sich Kelen und der Alleshändler in dieser Spelunke aufhalten.


    Schatten über Tarladan


    Kapitel 1/Part 1


    "Du spielst falsch!"

    In der von flackerndem Kerzenlicht nur spärlich erleuchteten Weinschenke wurde es augenblicklich totenstill. Das Stimmengemurmel und Gelächter der Gäste erstarb und das Klirren von tönernen Bechern und Krügen setzte schlagartig aus. Die meisten der Anwesenden starrten ungläubig auf den groß gewachsenen, jungen Blondschopf, dessen Worte so laut und deutlich klangen, das sie sogar die lärmende Fröhlichkeit, die in der Schenke herrschte, übertönten.

    Der junge Bursche saß zusammen mit einem anderem Mann am Spieltisch in der Mitte des Schankraums und hielt ein paar Karten in der Rechten. Mit seinem löchrigen Leinenhemd, der abgetragenen, zerschlissenen Hose und den brüchigen Lederschuhen mit den schief gelaufenen Absätzen, die er an den Füßen trug, sah er nicht anders aus wie jemand aus dem lichtscheuen Gesindel der Taschendiebe, Spieler, Meuchler und Menschenfänger, das sich hier eingefunden hatte. Das einzig aufällige an ihm waren lediglich seine schulterlangen, weizenblonden Haare, die bei den Menschen in diesem Landstrich so selten waren wie ein Hund mit sechs Beinen. Langsam lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, während er sein Gegenüber keinen Moment lang aus den Augen ließ. In seinem wettergegerbten Gesicht, das beherrscht wurde von einer großen Adlernase und einem kantigen Kinn, zuckte keine Muskel. Nur in seinen bergseeblauen Augen blitzte es immer wieder gefährlich auf.

    "Sag das nochmal, due verdammter Bastard", keuchte der Spieler.

    Es war offensichtlich das der Mann diese Beschuldigung nicht auf sich sitzen lassen wollte. Sein Gesicht lief rot an.

    "Ich sagte, das du falsch spielst", entgeegnete der Blonde ungerührt.

    "Du tauscht schon seit einiger Zeit immer wieder eine der Karten mit denen aus, die du in deinem Hemdärmel versteckthast. Meinst du, ich bin blind oder für wie dumm hälst du mich eigentlich? Du gibst mir jetzt sofort mein Geld zurück, dann vergesse ich vielleicht, das du mich betrogen hast und lasse dich laufen."

    Der Angesprochene lachte schrill und starrte auffordernd in die Gesichter der anderen Zecher, die inzwischen alle neugierig zu ihnen herüberstarrten.

    "Hört euch diesen Burschen an", sagte er dröhnend. "Hat noch die Eierschalen hinter den Ohren, aber bezichtigt mich des Faschspiels. Ausgerechnet er, dieser Jüngling weiß doch wahrscheinlich nicht einmal wieviel Karten man für dieses Spiel braucht, aber behauptet das ich falsch spiele. Ich denke, es ist wohl besser, wenn er wieder nach Hause geht und seiner Mutter bei der Wäsche hilft, anstatt sich einzumischen, wenn Erwachsene Karten spielen. Oder was denkt ihr?"

    Die Antwort war ein brüllendes Gelächter.

    Der Blonde jedoch lachte niicht. Er hatte längst bemerkt, das der Spieler nicht alleine hier war. Drüben, an der Schanktheke, lehnte schon die ganze Zeit ein stämmiger, finster dreinblickender Kerl, dessen untere Gesichtshälfte fast vollständig von einem wild wuchernden Bartgestrüpp bedeckt war. Er starrte zwar scheinbar unbeteiligt auf den Weinbecher, der vor ihm auf der Theke stand, aber ihm waren die versteckten Handzeichen nicht entgangen, mit denen sich der Spieler mit dem Bärtigen verständigt hatte, als um sie herum das Gelächter der anderen Gäste durch die Schenke brandete.

    Ein Umstand, der ihn allerdings niicht zu beeindrucken schien, denn schon im nächsten Moment wandte er sich erneut dem Spieler mit scharfen Worten zu.

    "Warum belästigst du eigentlich die anderen Leute mit deinem Geschwätz, bist du nicht Mann genug um deine Angelegenheiten selber zu regeln?"

    Der Spieler starrte ihn einen Moment lang mit offenem Mund an, dann fuhr er mit einem wilden Schrei aus seinem Stuhl hoch. Seine Rechte glitt dabei mit einer schnellen Bewegung unter das viel zu weit geschnittene Hemd, unter dem offensichtlich noch andere Dinge versteckt waren als nur gefälschte Spielkarten. Denn als die Hand einen Atemzug später wieder zum Vorschein kam, hielten ihre Finger den lederumwickelten Griff eines beidseitig geschliffenen Wurfmessers umklammert. Stahl blinkte kurz im düsteren Kerzenlicht der Spelunke auf, dann zischte die todbringende Waffe auch schon auf den jungen Mann zu, der sich im gleichen Augenblick geistesgegenwärtig mit seinem Stuhl nach hinten fallen ließ. Das Wurfmesser zischte wirkungslos über ihn hinweg und bohrte sich mit einem dumpfen Laut in einen der dahinter liegenden Stützbalken, wo es stecken blieb und die Klinge einen Moment lang zitternd auf und ab wippte.

    "Los Kral!", keifte der Spieler hasserfüllt, als er erkannte das er sein Ziel verfehlt hatte. "Stech ihn ab!"

    Der Bärtige schien auf diesen Befehl nur gewartet zu haben, denn er stieß sich sofort von der Theke ab. Der Krummdolch in seiner Hand war nicht zu übersehen, als er mit einem grunzenden Laut auf den Blonden zustampfte, der inzwischen wieder auf den Beinen war. Ohne groß zu überlegen, stieß Kral mit seinem Dolch einfach zu.

    Mit einer einzigen, fließenden Bewegung, die so raasch erfolgte, das man sie mit bloßem Auge kaum wahrnehmen konnte, machte der junge Mann einen Ausfallschritt zur Seite, riss gleichzeitig sein Kurzschwert aus der Lederscheide die er auf seinem Rücken trug und verpasste dem Kerl einen Hieb mit der flachen Klinge, worauf dieser stöhnend zu Boden sank. Im selben Moment bemerkte er aus dem Augenwinkel heraus, wie der Spieler wutschnaubend um den Speltisch herumkam. Dabei hielt er erneut ein Messer in den Händen.

    "Du verdammter Bastard, dafür schneide ich dir das Herz aus der Brust!"

    Der Blondschopf wirbelte herum, beschrieb mit seinem Kurzschwert einen engen Halbkreis und stieß die Klinge dann tief in den Oberkörper des Spielers. Der Mann blieb abrupt stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Unglauben lag auf seinem Gesicht, als konnte er nicht begreifen was geschehen war, indes der Blondschopf das Schwert aus seiner Brust zog. Vergeblich versuchte er noch einmal Kraft zu sammeln, um seinen Messer erneut auf den jungen Mann richten zu können. Doch das Leben strömte mit jedem Herzschlag mehr und mehr aus seinem Körper. Er wollte sich noch mit der Linken an einem der Tische festhalten, aber ihn hatte bereits alle Kraft verlassen. Sein Griff ging ins Leere und er kippte zur Seite, während Blut aus seinem Mundwinkel lief.

    Einen Moment lang herrschte in der Schenke eine fast gespenstische Stille. Aber nur für einen Moment, dann versuchte der Rest der Gäste so schnell wie möglich die Schenke zu verlassen. Stühle und Tische wurden umgestoßen und Krüge und Becher zersplitterten auf dem Boden während alle fast gleichzeitig zum Ausgang rannten. Es schien, als wollte keiner von ihnen mit dem Geschehenen in Verbindung gebracht werden. Vielleicht war es aber auch eher die Furcht vor der bliztzenden Klinge des Blonden, denn in so manchen Augen war der Anflug von Furcht und Respekt zu sehen. Der Menschenschlag, der hier verkehrte,scherte sich zwar nicht um die Gesetze, wohl aber um das Recht des Stärkeren.

    "Das hättest du auch einfacher haben können", sagte der Blonde bitter und schüttelte mit dem Kopf.

    Verärgert sammelte er das sein Geld auf, indessen sich auf dem Hemd des toten Falschspielers langsam ein immer größer werdender, dunkler Blutfleck abzeichnete. Schließlich, nachdem er auch die letzte Kupfermünze vom Boden aufgesammelt und in seiner Börse verstaut hatte, bückte er sich ein letztes Mal und wischte die blutige Klinge an dem weit geschnittenen Hemd des Falschspielers ab. Er war gerade dabei sein Kurzschwert wieder zurück in die Lederscheide zu schieben, als hinter ihm eine helle Stimme erklang.

    "Respekt, ihr führt eine schnelle Klinge."

    Instinktiv zuckte die Schwerthand des Blonden nach vorne, kaum das er sich umgedreht hatte, während sich langsam die Umrisse einer massigen Gestalt aus dem hintersten Winkel der Weinschenke schälten. Der geradezu unglaublich fette Körper des Sprechers steckte in einem weit geschnittenem, kostbaren taubenblauen Seidengewand, das trotz aller großzügigen Verwendung des Stoffes die gewaltigen Speckmassen seines Trägers kaum zu bedecken vermochten.

    "Mein Name ist Bujak, der Alleshändler", sagte der Fette. "Ich gehöre der Gilde der freien Kaufleute an und lebe davon Waren aller Art zu kaufen und wieder zu verkaufen. Ich handle mit seltenen Gewürzen aus der Ostmarkt genauso wie mit wertvollen Pelzen aus Eislanden oder kostbaren Stoffen aus Landurien. Bei mir kann man sogar frisches Obst aus Goa oder erlesene Weine aus Bardolien kaufen."

    Ein falsches Grinsen überzog sein Gesicht, als er dem Blonden mit einem bis zum Rand gefüllten Weinbecher zuprostete.

    "Ab und zu habe ich auch ein paar junge Hühner aus dem Südland im Angebot, wenn du verstehst was ich meine.", fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.

    "Ich bin Kelen, ein Söldner", erwiderte der Blonde unbeeindruckt.

    "Ich weiß", entgegnete der Händler.

    "Woher, du kennst mich doch gar nicht."

    Bujak lächelte herablassend.

    "Ich kann mich rühmen, das ich auf der Suche nach lohnender Handelsware fast schon jeden Fleck dieser Erde bereist habe. Ich weiß daher, das deine ausgezupften Augenbrauen, die seltsame Schnalle deines Gürtels und der verkrüppelte Zeigefinger deiner Waffenhand die Erkennungsmerkmale der Söldnergilde aus Skagen sind."

    "Was willst du?", fragte Kelen, nachdem er sein Schwer wiedeer in der Lederscheide verstaut hatte.

    Er hatte längst erkannt, das ihm dieser dicke Händler in jeder Bezeihung unterlegen war.

    Bujaks zur Schau getragene, scheinbar freundliche Grinsen war indessen verschwunden und hatte seinem wahren Gesicht Platz gemacht. Vor Kelen stand jetzt kein dümmlich grinsender Fettkloß mehr, sondern ein profitgieriger, eiskalter Kaufmann, der für ein lohnendes Geschäft wahrscheinlich sogar über Leichen gehen würde.

    "Ich bin hier um dir eein Geschäft vorzuschlagen."

    "Ich bin im Moment aber nicht an Geschäften interessiert.", erwiderte Kelen.

    "Da bin ich aber anderer Meinung", erwiderte Bujak vielsagend. "Oder kannst du es dir tatsächlich erlauben die Aussicht auf einen Beutel voller Goldmünzen auszuschlagen? Ich glaube nicht, wenn ich dich so ansehe. Wenn jemand aus der Söldnerkaste von Skagen in dieser Spelunke versucht Geld zu gewinnen um damit die nächsten Tage über ddie Runden zu kommen, muss er schon ziemlich abgebrannt sein. Sei ehrlich, wann hast du das letzte Mal etwas warmes gegessen? Gestern, vorgestern oder vor einer Woche?"

    Kelen wusste, das der Kaufmann nur allzu recht mit seinen Behauptungen hatte, dennoch fiel seine Antwort ungewöhnlich harsch aus.

    "Erzähl hier keiine Märchengeschichten, was soll der Unsinn mit Beuteln voller Goldmünzen?"

    Bujak grinste erneut und ließ statt einer Antwort für einen Moment seine fleischige Rechte in dem taubenblauen Stoff seines Gewandes verschwinden, um kurz darauf ein rundes, blinkendes Etwas zum Vorschein zu bringen, das er ihm unvermittelt zuwarf.

    Eine Goldmünze, durchzuckte es Kelen jäh, dann schoß seine Hand auch schon nach oben und ergriff das blinkende Teil noch in der Luft. Als er dann seine Rechte öffnete, traute er seinen Augen nicht. In seinem Handteller lag eine kreisrunde, goldene Münze, die ihn geradezu herausfordernd anzufunkeln schien.

  • Der Einstieg gefällt mir jetzt deutlich besser!

    Formulierungen, wie

    so selten waren wie ein Hund mit sechs Beinen

    Hat noch die Eierschalen hinter den Ohren

    passen finde ich atmosphärisch gut.

    Bei diesem Satz

    Ich denke, es ist wohl besser, wenn er wieder nach Hause geht und seiner Mutter bei der Wäsche hilft, anstatt sich einzumischen, wenn Erwachsene Karten spielen

    bin ich mir nicht sicher, ob er passt. Nach meinem Verständnis der Szene spielen die zwei Männer allein am Tisch - da gäbe es also nicht, wo sich der Blonde hätte einmischen können. Falls das anders ist, sollte man es vielleicht in einem Halbsatz erwähnen.

    Bin jedenfalls gespannt, wie es mit der Schlägerei weitergeht.

  • Danke Novize, danke Sensenbach, das habe ich nur der konstruktiven Kritik in diesem Forum zu verdanken. Danke euch allen, schätze, wenn das so weiter geht, bin ich mir sicher das aus dieser Story noch eine wirklich gute Geschichte entsteht.

  • Hier nun der Rest des ersten Kapitels. Ich hoffe es macht zusammen mit dem ersten Teil gelesen neugierig, wie es mit der Geschichte weitergeht.


    Schatten über Tarladan


    Kapitel 1/ Part 2


    "Ist das etwa auch ein Märchen?", fragte Bujak in geradezu unverschämter Art. "Ich denke, wir beide sollten uns jetzt einmal ernsthaft unterhalten."

    Dabei huschten seine Augen nervös durch den düsteren Schankraum.

    "Aber nicht hier, in dieser Schenke haben selbst die Wände Ohren. Los, komm mit nach draußen."

    "Und das hier?"

    Kelen machte eine umfassende Handbewegung, die sowohl das umgestürzte Mobiliar als auch den toten Falschspieler und dessen Kumpanen einschloss, der weiterhin mit blutendem Gesicht auf dem Boden lag und jetzt leise um Erbarmen winselte.

    Bujak winkte ab.

    "Keine Angst, das hier erledigt sich alles von alleine. Dem Falschspieler ist sowieso nicht mehr zu helfen, dazu hast du zu gut getroffen und sein Kumpane ist zäh genug um es zu überleben. Vor dem Gesetz hast du auch nichts zu befürchten, so etwas gibt es hier nämlich nicht. Die nächste Garnison mit Soldaten des Königs ist fast zehn Tagesritte von hier entfernt. Es herrschen unruhige Zeiten im Land und die Soldaten haben weit besseres zu tun, als sich ständig um ein jämmerliches Nest wie dieses und um eine handvoll Taschendiebe, Schmuggler und Menschenfänger zu kümmern. Hier ist sich jeder selbst der Nächste und von daher würde es mich nicht wundern, wenn man die beiden bis aufs Hemd ausplündert, sobald wir hier durch die Tür gehen. Aber jetzt genug geredet, los komm endlich mit, bevor ich es mir doch noch anders überlege."

    Bujak legte seine wabbelige Hand besitzergreifend um den Unterarm des jungen Söldners und zerrte Kelen ungeduldig mit nach draußen. Dort, auf dem hölzernen Verandavorbau der Schenke, blieben die beiden ungleichen Männer einen Moment lang stehen, bis sich Kelen mit einer schroffen Geste die Hand des schmierigen Kaufmanns angewidert von seinem Arm wischte.

    "Ich bin Söldner, wie ihr wisst", sagte er scharf. "In unserer Gilde werden nur Männer aufgenommen die Stolz und Ehre in sich tragen. Wir haben es deshalb nicht gerne, wenn man uns ungefragt anfasst. Also lass gefälligst deine Finger von mir, es sei denn du verzichtest gerne auf ihre Anwesenheit. Ich hoffe, wir haben uns verstanden!"

    Bujak zuckte zurück, als hätte er gerade eine glühende Herdplatte berührt. Kelen trat einen Schritt zur Seite und musterte den Händler im letzten Licht des Tages nun eingehender. Ihm gefielen Bujaks verschlagene Züge und seine dunklen Augen, die tückisch und voll bösartiger Intelligenz funkelten, zwar nicht sonderlich, aber schließlich überwog die Aussicht auf schnellen Reichtum doch sein Misstrauen.

    "Also sag, was du von mir willst, aber fasse dich kurz. Ich habe keine Lust mir den Rest des Abends irgendwelche Geschichten anzuhören."

    Bujak nickte.

    "Keine Sorge, ich werde dich nicht mit irgendwelchen Nebensächlichkeiten langweilen, sondern sofort zur Sache kommen. Ich bin auf dem Weg nach Norden, genauer gesagt nach Ruland, um dort die jüngste Tochter von Sidam, dem einflussreichsten Großgrundbesitzer des ganzen Landes zu heiraten."

    Der Händler verstummte abrupt und kicherte einen Moment dümmlich, bevor er seine Erklärungen fortsetzte.

    "Das junge Ding ist zwar ein hässlicher Vogel, aber wie heißt es so schön, Schönheit vergeht, Grund und Boden besteht."

    Dann wurde er augenblicklich wieder ernst.

    "Jedenfalls wird diese Heirat beiden Seiten nur Vorteile bringen. Mit Sidams Geld und Einfluß und meinen Handelsbeziehungen, werden wir schon bald zum mächtigsten Kaufmannskontor Rulands, wenn nicht sogar des ganzen Nordens aufsteigen."

    "Alles schön und gut, aber was habe ich damit zu tun?", wollte Kelen wissen.

    "Wie du dir vielleicht denken kannst, würde es ein schlechtes Bild abgeben, wenn ich mit leeren Händen zur Hochzeit erscheine. Deshalb befinden sich in meinem Reisegepäck nicht nur kostbare Teppiche und Stoffe und andere erlesene Handelswaren, sondern auch einige Schmuckstücke für Sidams Tochter, die wahrscheinlich sogar einer Königin zur Ehre gereichen würden. Ich wäre verrückt, wenn ich all diese Kostbarkeiten ohne Schutz nach Ruland transportieren würde. Also was ist? Bist du dabei, mich und meine Männer auf dem Weg dorthin zu begleiten und meine Hochzeitsgaben zu beschützen? Wenn ja, dann betrachte die Goldmünze als eine Art Anzahlung und komm mit in mein Lager."

    "Warum gerade ich?"

    "Weil ich auf dem Weg nach Ruland jemanden brauche, der mir den Rücken freihält", antwortete Bujak, dessen Gesicht mit jedem Wort ernster wurde.

    "Was ist mit deinen Männern?"

    Bujak schüttelte missmutig seinen fetten Schädel.

    "Das sind alles Kerle ohne Ehre, außer Rizhav, meinem Leibwächter. Diese Hundesöhne dienen nur demjenigen, der ihnen am meisten bezahlt. Deshalb befürchte ich, das sie mich ausrauben, noch bevor wir die Grenze von Ruland erreichen."

    "Und wer sagt dir, das ich nicht genau dasselbe im Sinn habe?", fragte Kelen lauernd.

    "Deine Herkunft, mein Junge", erwiderte der Händler selbstsicher.

    "Ich bin schon weit in der Welt herumgekommen und kenne deshalb auch die Söldnergilde von Skagen. Euer verdammter Stolz und eure seltsamen Ansichten von Recht und Gesetz werden euch zwar eines Tages alle ins Verderben stürzen, aber bis dahin weiß ich jemanden wie euch an meiner Seite weiß ich, der für meine Sache selbst dann noch eintritt, wenn die Welt bereits untergeht."

    Kelen nickte, wandte sich ab und löste die Zügel seines Pferdes, die er vor dem betreten der Spelunke um den davor stehenden Haltebalken geschlungen hatte. Dann zog er sich in den Sattel. Bujak folgte seinem Beispiel, wenngleich er sich mit seinen Körpermassen bedeutend schwerfälliger anstellte. Dann ritten sie gemeinsam nach Norden.

    Der Händler hatte sein Lager in einem schmalen, windgeschützten Seitental unweit der Ansiedlung aufgeschlagen. Seine Leute saßen gerade zum Abendessen um ein Feuer herum, als Kelen mit dem Kaufmann eintraf. Einer der Männer am Feuer stellte seinen Teller neben sich auf den Boden und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, während er die Ankömmlinge aus schmalen Augen neugierig musterte. Er war ein hagerer, hochaufgeschossener Bursche, der in fadenscheinige Kleider gehüllt war, die auch schon bessere Tage gesehen hatten. Seine Miene wirkte irgendwie hinterhältig, aber vielleicht, irre ich mich auch dachte Kelen, vielleicht lag das auch am flackernden Schein des Lagerfeuers.

    "Guten Abend Bujak", rief der Mann erstaunt. "Was für ein Jüngelchen bringst uns du denn daher?"

    Die beiden anderen Männer, dunkle, bärtige Gestalten mit verschlagenen Gesichtern, die zu seiner Linken am Feuer saßen, starrten nun ebenfalls neugierig in Kelens Richtung. Die Kerle sahen alles andere als vertrauenserweckend aus, was Kelen instinktiv dazu veranlasste, den Riemen zu lockern, der normalerweise den Griff seines Kurzschwertes mit der Lederscheide verband um zu verhindern das er selbst bei einem Sturz die Waffe nicht verlieren konnte.

    "Ist das unser neuer Küchenbursche?", fragte der hochaufgeschossene Bursche, was die beiden Kerle neben ihm dazu veranlasste sich vor lauter Lachen auf die Oberschenkel zu klopfen.

    "Seht euch doch nur einmal dieses Milchgesicht an", prustete einer von ihnen vor lauter Lachen."Der ist ja kaum älter als ein Säugling, dem wächst ja noch nicht einmal ein Bart."

    "Na dann komm mal her, mein Jüngelchen.", gröhlte der andere. "Du siehst aus, als hättest du gewaltigen Hunger."

    Kelen nickte.

    "Dann komm, für einen wie dich habe ich immer einen vollen Teller übrig."

    Kelen warf dem Mann einen dankbaren Blick zu und glitt aus dem Sattel. Doch kaum hatte er den ersten Fuß auf den Boden gesetzt, sprach ihn der Mann erneut an. Diesmal allerdings triefte seine Stimme nur so vor lauter Hohn und Spott.

    "Bevor du etwas zum essen bekommst, musst du mir allerdings zuerst meine Stiefel küssen!"

    Gröhlendes Lachen hallte durch das Lager.

    Kelen reagierte mit der Gereiztheit einer Wildkatze, der man auf den Schwanz getreten war. Er wusste genau, das er bei den Männern verloren hatte, wenn er jetzt einen Rückzieher machte. Mit einem gewaltigen Satz sprang er auf den Kerl zu, riss sein Kurzschwert aus der Lederscheide und zielte, bevor sich der andere versah, mit der Spitze genau zwischen dessen Beine.

    "Wenn du es wünscht, werde ich dir selbstverständlich die Stiefel küssen, allerdings erst nachdem ich dir das abgeschnitten habe, was einen Mann von einer Frau unterscheidet."

    Der Mann wurde leichenblass, als er die Spitze des Schwertes an seinem Allerheiligsten verspürte und auch die anderen am Feuer hatten plötzlich Augen, die so groß wie Spiegeleier waren. Inzwischen war auch Bujak an das Feuer herangetreten. Er klatschte mehrmals laut in die Hände, während er versuchte die angespannte Situation mit ein paar klärenden Worten zu entschärfen.

    "Immer mit der Ruhe, Männer. Bevor ihr euch jetzt gegenseitig an die Kehle geht, möchte ich euch erst einmal miteinander bekannt machen. Der Dürre da ist Sihl, die beiden Bärtigen sind Tanar und Lork.", stellte er die Männer vor.

    Dann wandte er sich an Kelen.

    "Und dieser Blondschopf hier ist Kelen, ich habe ihn vor kurzem dahinten in diesem Räubernest kennengelernt. Wie ihr bemerkt habt, ist er trotz seiner Jugend bereits eiin wahrer Meister im Umgang mit dem Schwert. Er ist ein Söldner aus Skagen, also überlegt euch in Zukunft, ob ihr noch einmal eure derben Späße mit ihm treiben wollt. Er wird uns nämlich ab sofort begleiten. Aber nun genug geredet, ich denke, wir legen uns jetzt alle langsam schlafen. Wie reiten morgen früh bereits vor Sonnenaufgang weiter."


    So, nun freue ich mich jetzt schon auf eure Meinungen, auf Tipps und Kritik

  • Okay, dann will ich mal anfangen ein paar Fragen rauszuarbeiten:



    Wie darf ich mir den Gang der Ereignisse vorstellen? Bujak ist also mit einem Trupp nach Ruland unterwegs. Sie machen Camp in der Naehe eines gottverlassenen Nests in dem es kein Gesetz gibt, und Bujak geht alleine dorthin - ohne Leibwache - gekleidet in reiche Gewaender und mit einem Beutel Goldmuenzen in der Tasche.


    Wieso tut er das - will er sich vor seiner Hochzeit noch schnell die Kehle durchschneiden lassen? Er hat ja eigentlich keinen Grund in die Siedlung zu gehen.


    Dass er von Kelen schon vorher gehoert hat und deshalb losgegangen ist waere eine Moeglichkeit, ist aber unwahrscheinlich denn irgendwie scheint niemand Kelen als Soeldner zu erkennen, praktisch alle in der Geschichte halten ihn bisher fuer was anderes.


    Die Begegnung mit Kelen ist als Zufallsbegegnung geschildert, macht aber in dem Setting keinen Sinn weil Bujak eigentlich keinen Grund hat zufaellig in der Siedlung zu sein, wenn er aber absichtlich da ist, vernachlaessigt er seine Sicherheit schon fast kriminell.



    In unserer Gilde werden nur Männer aufgenommen die Stolz und Ehre in sich tragen.

    Nun ja, wie sich das mit dem Berufsbild des Soeldners der ja fuer Geld statt fuer die gerechte Sache kaempft vereinbart bleibt sein Geheimnis...


    Hier ist sich jeder selbst der Nächste und von daher würde es mich nicht wundern, wenn man die beiden bis aufs Hemd ausplündert, sobald wir hier durch die Tür gehen.

    Das wiederum wirft die Frage auf - wieso sind vorher alle rausgerannt um nicht mit dem Geschehen in Verbindung gebracht zu werden - wenn es klar ist dass keine Wache kommen wird und statt dessen lukrative Beute auf dem Boden liegt?

    "Ist das unser neuer Küchenbursche?", fragte der hochaufgeschossene Bursche, was die beiden Kerle neben ihm dazu veranlasste sich vor lauter Lachen auf die Oberschenkel zu klopfen.

    "Seht euch doch nur einmal dieses Milchgesicht an", prustete einer von ihnen vor lauter Lachen."Der ist ja kaum älter als ein Säugling, dem wächst ja noch nicht einmal ein Bart."

    Dass Kelen unterschaetzt wird ist jetzt irgendwie schon der running gag - mir persoenlich ist's an der Stelle zu viel, es legt nahe dass Kelen wirklich sehr milchgesichtig aussieht, so dass ihm sowas staendig passieren muss, so dass er vermutlich - weil er auch keinen Bock hat jeden Tag in einen pissing contest verwickelt zu werden, irgendwann angefangen haben muesste sich aelter und gefaehrlicher aussehen zu lassen.

  • Hallo Thorsten,

    danke für deine Analyse und die Zeit, die du dir für mein Geschreibsel nimmst. Du hast natürlich recht, die Sache mit dem Zusammentreffen zwischen Bujak und Kelen ist mir völlig misslungen. Ich hatte auch im Hinterkopf, das Bujak dort nicht zufällig erscheint, sondern auf der Suche nach ein paar harten Burschen ist, die er als Begleitschutz anwerben will. Bitte frage mich nicht, warum ich das nicht in die Geschichte eingebaut habe, werde ich aber noch ändern. Die Sache mit der Söldnergilde und dem jungendhaften Kelen wird im Laufe der Geschichte erklärt und hierzu nun meine Frage. Hätte ich vielleicht besser zuerst eine Art Klappentext hier eingestellt um dem Leser den Einstieg in die Geschichte zu erleichtern, oder gar einen Prolog in Länge von etwa einem Kapitel? Ich dachte bisher, bei dieser Art von Fantasygeschichten benötigt man keine große Einleitung und kommt sofort zur Sache und es genügt, wenn der Leser im Laufe der Geschichte sozusagen Häppchenweise mit Hintergrundwissen gefüttert wird.

  • Ich dachte bisher, bei dieser Art von Fantasygeschichten benötigt man keine große Einleitung und kommt sofort zur Sache und es genügt, wenn der Leser im Laufe der Geschichte sozusagen Häppchenweise mit Hintergrundwissen gefüttert wird.

    Das sind zwei verschiedene Ansaetze wie man eine Geschichte beginnen kann, beide haben ihre Staerken und ihre Schwaechen.


    Hier ist das 'Problem' nicht riesig - ich habe versucht durch 'mir persoenlich' anzudeuten dass ich hier etwas sehe was halt meinen Geschmack nicht trifft, was man aber schon so machen kann ohne die Geschichte schlechter zu machen.


    Wenn's da einen Hintergrundplot gibt der spaeter aufgeloest wird, dann ist das durchaus okay - es kann schon mal passieren dass bei einer Geschichte die Augenbrauen hochgehen - sich aber spaeter senken wenn alles Sinn macht.

  • Das verspricht eine spannende Geschichte zu werden! Du schreibst atmosphärisch sehr schön und es ist angenehm zu lesen.

    Nur ein paar Kleinigkeiten:

    Mit seinem löchrigen Leinenhemd, der abgetragenen, zerschlissenen Hose und den brüchigen Lederschuhen mit den schief gelaufenen Absätzen, die er an den Füßen trug, sah er nicht anders aus wie jemand aus dem lichtscheuen Gesindel der Taschendiebe, Spieler, Meuchler und Menschenfänger, das sich hier eingefunden hatte. Das einzig aufällige an ihm waren lediglich seine schulterlangen, weizenblonden Haare, die bei den Menschen in diesem Landstrich so selten waren wie ein Hund mit sechs Beinen.

    Hier beschreibst du den Blonden ausführlich.

    Ein paar Absätze später zieht er plötzlich ein Kurzschwert, das er auf dem Rücken trug.

    Ups? Wo kommt das denn plötzlich her? Es sollte bei der Beschreibung bereits erwähnt werden, da es wohl kaum zu übersehen ist. Und dann macht ihn das Schwert auch gleich etwas gefährlicher als nur einen kleinen Taschendieb. Ist das Schwert nicht vielleicht sogar auffälliger als die Haare?


    Ein Umstand, der ihn allerdings niicht zu beeindrucken schien, denn

    Das Wort "schien" ist fast immer unnötig und nimmt dem Satz Kraft.

    Ein Umstand, der ihn allerdings nicht beeindruckte


    herrschte in der Schenke eine fast gespenstische Stille.

    Auch das Wort "fast" ist meistens unnötig, der Satz wäre ohne die Einschränkung stärker

    herrschte in der Schenke eine gespenstische Stille.


    der für ein lohnendes Geschäft wahrscheinlich sogar über Leichen gehen würde.


    Kelen wusste, das der Kaufmann nur allzu recht mit seinen Behauptungen hatte, dennoch fiel seine Antwort ungewöhnlich harsch aus.

    Umständlich. (Kelen wusste, dass der Kaufmann mit der Behauptung, er sei hungrig, recht hatte ...?)

    Der Leser versteht, dass der Kaufmann recht hat, auch ohne dass du es erklärst.

    Und warum "dennoch"? Ist er nicht eben darum sauer, weil er durchschaut wurde?


    Ich bleib gern dran!

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Die Sache mit der Söldnergilde und dem jungendhaften Kelen wird im Laufe der Geschichte erklärt und hierzu nun meine Frage. Hätte ich vielleicht besser zuerst eine Art Klappentext hier eingestellt um dem Leser den Einstieg in die Geschichte zu erleichtern, oder gar einen Prolog in Länge von etwa einem Kapitel? Ich dachte bisher, bei dieser Art von Fantasygeschichten benötigt man keine große Einleitung

    Ich schreibe dir hierzu mal meinen Eindruck. (Und nimm es als Kritik auf hohem Niveau, sprachlich gefällt mir dein Text sehr gut) Die Art, wie Kelen eingeführt wird, erscheint mir widersprüchlich. Das erste Bild von ihm war das eines auffällig blonden Taschenspielers mit einem Schwert auf dem Rücken (Hier entsteht in meinem Kopf NICHT das Bild eines unreifen Jungen, der dazu animiert, ihn als Milchbubi zu verspotten, und der entsprechende Spott erscheint rein provokativ, doch ohne Grundlage). In seinem zweiten Auftritt zeigt er sich geschickt mit dem Schwert, entpuppt sich als ausgebildeter Söldner und wird als solcher angeworben. Im dritten Auftritt wird er dann zum zweiten Mal verspottet. Das erzeugt in meinem Kopf ein Fragezeichen. Wieso der dauernde Spott? Demnach ist er vermutlich sehr jung, bewegt sich ungeschickt oder irgendwas? Mir fehlt eine Erklärung. Die hätte in das erste Bild gehört. Nein, es muss kein Prolog sein und keine ausführliche Erklärung - ein, zwei Details reichen. Vielleicht: er ist erst 16 Jahre alt, oder, er ist bartlos. Irgendwas, das dem Leser einen Anhaltspunkt für den Spott gibt. Die ausführliche Erklärung kann später kommen. Aber ohne jede Erklärung bleibt es verwirrend.


    Dann zu dem Verhalten des Kaufmanns. Da würde ich noch an der Motivation feilen. Er hat also eine ganze Truppe Wächter angestellt und bezahlt sie, obwohl er ihnen nicht traut? (Echt? Etwas dämlich klingt das ja schon ...) Der Grundplot - Kaufmann braucht einen guten Wächter und stellt Kelen zu dem Zweck ein - ist ja absolut okay. Du musst da eigentlich nicht viel umstellen, um das plausibel zu machen.

    Z.B er geht in die Kneipe, weil man ihm gesagt hat, dass sich da die harten Kerle treffen und er braucht noch einen besonders guten Wächter und dann sieht er Kelen in Aktion ... irgendwie so würde es sich schon logischer anhören.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Danke für deine Anmerkungen Kirisha, danke natürlich auch an alle anderen. Bevor ich jetzt das nächste Kapitel einstelle, werde ich versuchen die Anmerkungen umzusetzen und das erste Kapitel noch einmal überarbeiten. Kann es aber wahrscheinlich erst nach dem Feiertag hier einstellen, bis dahin ruft leider die Arbeit.

  • Nun also die neue Überarbeitung, bin auf eure Meinung gespannt.


    Schatten über Tarladan


    Kapitel 1 / Part 1


    "Du spielst falsch!"

    In der von flackerndem Kerzenlicht erleuchteten Weinschenke wurde es augenblicklich totenstill. Das Stimmengemurmel und Gelächter der Gäste erstarb und das Klirren der tönernen Becher und Krüge setzte schlagartig aus. Die meisten der Anwesenden starrten ungläubig auf den groß gewachsenen Blondschopf, der so laut gesprochen hatte, das seine Worte sogar die lärmende Fröhlichkeit übertönt hatten, die in der Schenke herrschte.

    Er saß zusammen mit einem anderen Mann am Spieltisch in der Mitte des Schankraums, auf dem mehrere Münzen lagen und hielt zwei Karten in seiner Rechten. Obwohl sein zerschlissenes Leinenhemd und die abgetragene Hose schon weitaus bessere Tage gesehen hatten, waren sie sauber und ohne Flicken, ein Umstand der in dieser Gegend nicht selbstverständlich war. Seine Füße steckten in ausgetretenen Armeestiefeln und auf dem Rücken trug er eine schmale Lederscheide, in der ein Kurzschwert steckte, dessen Griffstück aus Elfenbein handbreit herausragte.

    Langsam lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück, während er sein Gegenüber dabei nicht einen Moment aus den Augen ließ. In seinem wettergegerbten Gesicht, das beherrscht wurde von einer gebogenen Adlernase und einem kantigen Kinn, zeigte sich keine Regung, selbst seine blauen Augen wirkten kalt und emotionslos wie ein Kiesel auf dem Grund eines klaren Bergsees.

    "Sag das nochmal!", keuchte der Spieler, dessen Gesicht allmählich puterrot anlief.

    Es war offensichtlich das der Mann diese Beschuldigung nicht auf sich sitzen lassen wollte.

    "Ich sagte das du falsch spielst", entgegnete der Blonde ungerührt. "Du tauscht schon seit einiger Zeit immer wieder eine der Karten mit denen aus, die du in deinem Hemdärmel versteckt hast. Meinst du ich bin blind oder für wie dumm hälst du mich eigentlich? Du gibst mir jetzt sofort mein Geld zurück, dann vergesse ich vielleicht, das du mich betrogen hast und lasse dich laufen."

    "Du nimmst dein Maul ziemlich voll, Bursche! Wo kommst du eigentlich her, einen wie dich habe ich hier noch nie gesehen."

    "Ich komme aus dem Norden, aus Skagen.", erwwiderte der Blonde mit einer Stimme, die alles andere als freundlich klang.

    "Wenn du weisst, wo das ist."

    Der Angesprochene wusste es nicht, wie die meisten der Anwesenden hier kannte er die Länder des Nordens nur vom Hörensagen und hielt ihre Bewohner für primitiv. Er lachte deshalb schrill und starrte auffordernd in die Gesichter der anderen Zecher, die inzwischen alle neugierig zu ihnen herüber starrten.

    "Jetzt hört euch diesen Burschen an", sagte er dröhnend. "Kommt von irgendwo da oben aus dem Norden, kann wahrscheinlich nicht einmal lesen oder schreiben, aber bezichtigt mich des Falschspiels. Ausgerechnet so einer, dieser Halbwilde weiß doch vermutlich nicht einmal wieviel Karten dieses Spiel hat. Ich denke, es ist wohl besser, wenn er wieder nach Hause geht und in seiner Höhle das Feuer hütet, anstatt zu versuchen sich mit den Leuten hierzulande im Kartenspiel zu messen. Oder was denkt ihr?"

    Die Antwort war ein dröhnendes Gelächter.

    Der Mann aus Skagen jedoch lachte nicht. Er hatte längst bemerkt, das der Spieler nicht ohne Begleitung in der Schenke war. Rechts von ihm lehnte ein stämmiger Kerl an der Theke, dessen untere Gesichtshälfte vollständig von einem wild wuchernden Bart bedeckt war. Er starrte scheinbar unbeteiligt auf den Weinbecher, der da vor ihm auf dem Tresen stand, aber dem Nordmann waren die versteckten Handzeichen nicht entgangen, mit denen sich der Spieler und der Bärtige verständigt hatten, während um sie herum das Gelächter der anderen Gäste durch den Schankraum brandete.Ein Umstand, der ihn allerdings nicht sonderlich zu beeindrucken schien, denn schon im nächsten Moment wandte er sich erneut mit scharfen Worten an den Spieler.

    "Warum belästigst du eigentlich andauernd die anderen Leute mit deinem Geschwätz, bist du nicht Mann genug deine Angelegenheiten selber zu regeln?"

    Der Spieler starrte ihn einen Moment lang mit offenem Mund an, dann fuhr er mit einem wilden Schrei so jäh aus seinem Stuhl empor, das dieser hinter ihm polternd zu Boden fiel. Seine Rechte war dabei mit einer schnellen Bewegung unter das viel zu weit geschnittene Hemd geglitten, unter dem anscheinend noch andere Dinge versteckt waren als nur gezinkte Karten. Denn als die Hand einen Atemzug später wieder zum Vorschein kam, hielten ihre Finger den lederumwickelten Griff eines beidseitig geschliffenen Wurfmessers umklammert. Stahl blitzte kurz im Kerzenlicht auf und dann zischte die tödliche Waffe auch schon auf den Nordmann zu, der sich im gleichen Augenblick geistesgegenwärtig mitsamt seinem Stuhl nach hinten fallen ließ. Das Messer zischte wirkungslos über ihn hinweg und bohrte sich mit einem dumpfen Laut hinter ihm in einen Stützbalken, wo es stecken blieb und einen Moment lang zitternd auf und ab wippte.

    "Los Kral", keifte der Spieler hasserfüllt, nachdem er sah, das er sein Ziel verfehlt hatte. "Stech ihn ab!"

    Der Bärtige schien nur auf diesen Befehl gewartet zu haben, denn er stieß sich sofort von der Theke ab. Der Krummdolch in seiner Hand war nicht zu übersehen, als er auf den blonden Nordmann zustampfte, der inzwischen wieder auf den Beinen war. Ohne auf seine Deckung zu achten, stieß er mit dem Dolch zu. Mit einer einzigen, fließenden Bewegung, die so rasch erfolgte das sie mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen war, machte der Mann aus Skagen einen Ausfallschritt zur Seite, riss gleichzeitig sein Kurzschwert aus der Lederscheide und verpasste dem Kerl, dessen Stoß ins Leere ging, einen Hieb mit der flachen Klinge, so das dieser stöhnend zu Boden sank. Im gleichen Moment kam der Spieler wutschnaubend um den Kartentisch herum. In seiner Hand lag erneut ein Messer.

    "Du verdammter Bastard, dafür schneide ich dir die Kehle durch!"

    Der Blondschopf wirbelte herum, während er mit dem Kurzschwert einen engen Halbkreis beschrieb und die Klinge dann tief in den Oberkörper des Spielers bohrte. Der Getroffene blieb abrupt stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Unglauben lag auf seinem Gesicht, als könne er nicht begreifen, was geschehen war, während der Nordmann das Schwert aus seiner Brust zog. Vergeblich versuchte er noch einmal Kraft zu sammeln, um sein Messer noch einmal auf ihn richten zu können. Doch das Leben strömte mit jedem Herzschlag mehr und mehr aus seinem Körper. Er wollte sich noch mit der Linken am Spieltisch festhalten, aber ihn hatte bereits alle Kraft verlassen. Sein Griff ging ins Leere und er fiel zusammen mit dem Tisch zu Boden, während Blut aus seinem Mundwinkel lief.

    Einen Moment lang herrschte in der Weinschenke eine geradezu gespenstisch anmutende Stille. Aber nur für einen Moment, dann versuchten sich die anderen Gäste so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen. Stühle wurden umgestoßen, Becher und Krüge zerssplitterten auf dem Boden, während ein Teil von ihnen zur Eingangstür rannte und der Rest unter den Tischen und hinter den Weinfässern in Deckung ging. Es schien, als wollte keiner der Anwesenden mit dem Geschehen zu tun haben. Vielleicht aber war es auch die Furcht vor der blitzenden Klinge des Fremden, denn in so manchen Augen war Angst und Respekt zu erkennen. Die Menschen hier scherten sich wohl kaum um irgendwelche Gesetze, wohl aber um das Recht des Stärkeren.

    "Das hättest du auch einfacher haben können", sagte der Mann aus Skagen leise und schüttelte verärgert den Kopf.

    Ungehalten schob er den Spieltisch zur Seite und begann damit die über dem Boden verstreut herumliegenden Münzen aufzusammeln, indessen sich auf dem Hemd des toten Falschspielers ein langsam immer größer werdender Blutfleck abzeichnete.

    Schließlich, nachdem er auch die letzte Münze in seiner Börse verstaut hatte, bückte er sich ein letztes Mal und wischte die blutige Klinge seiner Waffe an den Kleidern des Toten ab. Er war gerade dabei sein Schwert wieder zurück in die Lederscheide zu schieben, als hinter ihm eine helle Stimme erklang.

    "Respekt, ihr führt eine schnelle Klinge."

    Instinktiv zuckte seine Schwerthand wieder nach vorne, während sich langsam die Umrisse zweier Gestalten aus dem hintersten Winkel der Schenke schälten, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können.

  • Nachtrag:

    Ich habe das Kapitel in zwei Hälften geteilt, da ich sonst über 20 000 Zeichen gekommen wäre. Das ist, soviel ich es verstanden habe, zuviel um es einzustellen, oder liege ich da falsch?

  • Heyho Thorak

    ich persönlich habe keine Probleme mit langen Textabschnitten. Aber tatsächlich macht es Sinn, sich auf ein gewisses Maß zu beschränken, sonst verlieren Autor und Leser leicht die Übersicht.


    Und yeah...das liest sich jetzt deutlich runder und plastischer als zu Beginn.

    Und bis auf die üblichen Flüchtigkeits-/Tippfehler ist das eine tolle Szene, bei der ich jetzt aus meiner Ecke in der Kneipe hervorgekrochen bin und das Geschehen mit Interesse verfolgt habe.

    Und da sind mir dann doch zwei Details aufgefallen:

    Er wollte sich noch mit der Linken am Spieltisch festhalten, aber ihn hatte bereits alle Kraft verlassen. Sein Griff ging ins Leere und er fiel zusammen mit dem Tisch zu Boden...

    Wenn er sich nicht am Tisch festhalten kann, wieso (oder besser wie ?) reisst er ihn dann irgendwie scheinbar doch noch mit sich?

    Sterbend darüber zusammenbrechend wäre eine Möglichkeit.

    Und hier:

    Sein Griff ging ins Leere und er fiel zusammen mit dem Tisch zu Boden, während Blut aus seinem Mundwinkel lief.

    Einen Moment lang herrschte in der Weinschenke eine geradezu gespenstisch anmutende Stille. Aber nur für einen Moment, dann versuchten sich die anderen Gäste so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen. Stühle wurden umgestoßen, Becher und Krüge zerssplitterten auf dem Boden, während ein Teil von ihnen zur Eingangstür rannte und der Rest unter den Tischen und hinter den Weinfässern in Deckung ging. Es schien, als wollte keiner der Anwesenden mit dem Geschehen zu tun haben. Vielleicht aber war es auch die Furcht vor der blitzenden Klinge des Fremden, denn in so manchen Augen war Angst und Respekt zu erkennen.

    Warum???

    Oder besser: Warum nach dem Kampf?


    Was ich meine:

    Die Reaktion der Umsitzenden würde doch wohl eher vor einer neuerlichen Auseinandersetzung des Falschspielers und seines Kumpels erfolgen, weil die Stammcrew der Kneipe sowas wahrschenlich schon ein paar Mal mitgemacht hat.

    Der Absatz selbst ist Klasse, da würde ich kein Wort dran ändern. Aber ich würde ihn verschieben. Nämlich dahin:

    Das Messer zischte wirkungslos über ihn hinweg und bohrte sich mit einem dumpfen Laut hinter ihm in einen Stützbalken, wo es stecken blieb und einen Moment lang zitternd auf und ab wippte.

    Einen Moment lang herrschte in der Weinschenke eine geradezu gespenstisch anmutende Stille. Aber nur für einen Moment, dann versuchten sich die anderen Gäste so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen. Stühle wurden umgestoßen, Becher und Krüge zerssplitterten auf dem Boden, während ein Teil von ihnen zur Eingangstür rannte und der Rest unter den Tischen und hinter den Weinfässern in Deckung ging.

    "Los Kral", keifte der Spieler hasserfüllt, nachdem er sah, das er sein Ziel verfehlt hatte. "Stech ihn ab!"

    Passt für mich perfekt rein.

    Allerdings müßte Dir dann noch was für "Moment" einfallen, sonst stünde das dreimal nacheinander in zwei Sätzen - undas liest sich immer übel.



    Ansonsten:

    :thumbup: :thumbup: :thumbup:


    Freu mich auf den nächsten Teil.