Schreibwettbewerb April/Mai 2014 - Voting & Siegerehrung

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    • Schreibwettbewerb April/Mai 2014 - Voting & Siegerehrung

      Welche Geschichte hat euch am Besten gefallen? 18
      1.  
        Geheimnis von LLayda (2) 11%
      2.  
        Hell und Dunkel (1) 6%
      3.  
        Zeig mir den Himmel (10) 56%
      4.  
        Das Geheimnis des Himmels (5) 28%
      5.  
        Sehnsucht nach Freiheit (0) 0%
      6.  
        Die Belagerung Chinetts (0) 0%
      Hallo zusammen,

      der Schreibwettbewerb April/Mai 2014 geht in die entscheidende Runde, denn das Uservoting steht an. ;)

      Folgendes Thema wurde von unserer letzten Gewinnerin Hikari vorgegeben:

      Luftige Höhen und tiefe Wasser

      Die Geschichten werden gemessen am Datum ihres Einreichens völlig willkürlich gepostet. So steht ihr im Bezug auf deren Autoren völlig im Dunkeln. ;)

      ACHTUNG: Beim Voten ist man nicht anonym. Somit wird Schummeln ausgeschlossen. Zudem dürfen einmal abgegebene Stimmen nicht mehr verändert werden. Bedenkt das bitte bei eurer Stimmenabgabe!

      Das Voting dauert bis 31. Mai 2014 um 23:59:59 Uhr.

      Viel Spass beim Lesen und Voten! :)

      Euer Fantasy-Geschichten Forum
    • Geheimnis von LLayda
      by Eposs

      Kalte Morgenluft trieb Tränen in meine Augen. Meine Beine fühlten sich halb erfroren an, obwohl ich sie ganz an den Körper angezogen hatte. Herrgottnochmal Irisada! Sei kein Küken. Du wirst doch das bisschen frische Luft aushalten. Jetzt kam die Grenze näher. Ich beschleunigte. Mein Herz klopfte schneller. Dabei bogen sich meine Flügelspitzen nach oben, die perlweißen Federn schimmerten im Licht. Mit wachsamen Blicken betrachtete ich das fremde Gefilde. Ich suchte nach der Silhouette, die ich vor einigen Wochen entdeckt hatte. Wo bist du heute? Da! Dort löste sich der markante Umriss aus dem Schwarzblau der Tiefe. Ein Grenzsoldat aus Dunkelwoge auf seiner morgendlichen Runde. Bedrohlich, elegant und pfeilschnell pflügte er durch die Fluten. Die ausladenden Flügel endeten mit hellen Spitzen. Unter der glatten Haut des schwarzen Rückens erkannte ich die Muskulatur, die den riesigen Körper kraftvoll durch das Wasser schob. Mit einer geschmeidigen Bewegung schwenkte die Gestalt in einen Parallelkurs zur Küste ein. Ich legte meine Schwingen an, stieß hinab. Kurz über der Oberfläche stoppte ich den Fall und flog wie die letzten Tage neben ihm weiter. Wetteifernd fegten wir dem Ufer entlang. Schweigend. Pure Freude durchfloss meinen Körper. Mit druckvollen Flügelschlägen jagten wir dahin. Wir kamen zu der kleinen Landzunge, bei der er in einem weitläufigen Bogen auf das offene Meer hinauszog, knapp unter der Oberfläche bleibend. Seine Form zeichnete sich scharf gegen das türkisfarbene Meer ab. Mein Herz setzte hier jedesmal für einen Augenblick aus, für den Moment der Trennung. Dann kam der Stich der Traurigkeit. Er durchfuhr mich wie ein tödliches Geschoss.
      Aber heute wollte ich nicht sterben. Die Sehnsucht ihm zu folgen, bezwang die Angst fremdes, verbotenes Terrain zu überfliegen. Sei kein Küken! Hör´auf dein Herz. Mit ein paar kräftigen Flügelschlägen brachte ich mich über ihm in Position. Beim Kondor! Beeindruckt sah ich, dass seine Spannweite meine bei Weitem übertraf. Plötzlich tauchte er ab. Beunruhigt bremste ich und beobachtete genau die Wellen. Na super. Zuerst lockt er mich hier heraus und dann überlässt er mich den Wasserdrachen. In diesem Moment schnellte er aus dem Wasser. Glitzernde Wassertropfen sprühten nach allen Seiten, sein Körper glänzte im Sonnenlicht.
      „Hallo, ich bin Tano! Ich bin froh, dass du mir heute gefolgt bist. Ich dachte schon, du traust dich nie! Wer bist du, mein weißer Schatten?“
      Schreck durchfuhr mich. Dass er aus dem Wasser springen konnte, hätte ich nicht für möglich gehalten. Dass er mich anspricht noch weniger. Seine tiefe Stimme vibrierte durch meinen Körper. Verwirrt verlor ich beinahe die Kontrolle über meine Flügel. Mit lautem Platschen fiel er wieder in die Fluten, um erneut in die Tiefe abzutauchen. Tano. War das nicht der Name, den Vater bei der letzten Versammlung mit den Generälen erwähnt hatte? Tano vom Königreich Dunkelwoge. Unseren erklärten Feinden, seit meine Urgroßmutter von Wasserdrachen getötet wurde. Spritzend erhob er sich nochmals aus den Fluten.
      „Ich heiße Irisada von Himmelskron“,
      schoss es aus mir heraus. Vergeblich versuchte ich, meiner Aussage einen schneidenden Tonfall zu verleihen. Der warme Klang seiner Stimme hatte zu stark an meinen Gefühlen gerüttelt.
      „Oh!“
      In seinen Augen sah ich einen Funken des Verstehens aufblitzen.
      „Wir tragen also die Bürde unserer Familien mit uns. Ich bedauere, was mit deiner Ahnin passiert ist.“
      Abermals tauchte er in die Fluten ein, um Schwung für den nächsten Sprung zu holen. Die Ehrlichkeit in seinen Worten war Balsam für meine Seele. Dennoch ließ mir etwas keine Ruhe. Er erhob sich wieder spritzend aus dem Wasser.
      „Ich dachte, die vom Haus Dunkelwoge sind Nöck? Wie kommt es, dass du in Tierform bist?“
      Eine Sekunde lang schien er in der Luft zu stehen.
      „Ehm, ahh,.... Die Frage gebe ich zurück. Ich dachte, die aus Himmelskron sind Menschen. Wie kommt es, dass du in Tierform bist?“
      ZumKuckucknocheinmal! Erwischt! Wie blöd muss man denn sein! Wie konnte ich nur meinen richtigen Namen sagen!
      „Manche in meiner Familie haben besondere Fähigkeiten“,
      murmelte ich.
      „So ist es auch bei uns. Wir haben also unser Liebe für Geschwindigkeit, eine besondere Fähigkeit und unsere Abstammung gemeinsam, das sind doch schon gute Fundamente für eine Freundschaft. Ich muss jetzt leider zurück, meine anderen Pflichten rufen. Treffen wir uns morgen wieder, mein weißer Schatten?“
      Mit diesen Worten tauchte er in das Meer und seine Silhouette verschwand im dunklen Blau der Tiefe.
      Freundschaft? Unter diesen Voraussetzungen? Ich, aus Himmelskron. Er, aus Dunkelwoge. Niemals! Die Eiszeit zwischen unseren Königreichen hielt nun schon seit hundert Jahren an. Fast alles Wissen über Dunkelwoge war aus unseren Büchern entfernt worden. Niemand wusste es oder wollte mir sagen, was damals vorgefallen war. Warum Königin Llayda den Wasserdrachen zu nahe kam. Aber vielleicht weiß Tano mehr! Der Gedanke bohrte sich in mein Gehirn. Er eröffnete eine Gelegenheit, mehr über die Tatsachen herauszufinden. Sei kein Küken. Lass diese Chance nicht verstreichen. Der warme Wind über dem Wasser fuhr in meine Schwingen und trug mich in die Höhe. Mit wenigen Flügelschlägen erreichte ich das Festland und setzte meinen Patrouillenflug fort, festentschlossen Tano von Dunkelwoge wiederzusehen.
    • Hell und Dunkel
      by Jel-En

      Die Sonne stand hoch am Himmel und es war Mittag. Sie erwärmte meine nackten Arme und Beine. Der Wind verwehte meine blonden Haare und mein luftiges T-Shirt flatterte um meinen Körper herum. Nu-ok und ich hatten unser Boot an das Land gezogen und banden es an einen Baum mit brauner Rinde und grünen Blättern fest. Möglichst unauffällig beobachtete ich ihn, wie er sich gegen den Wind stemmte und versuchte seine zerzausten schwarzen Haare in eine Frisur zu bringen. Wir schauten uns einmal gegenseitig an. Die Augen hatten wir beide wegen der Helligkeit und dem Wind zusammengekniffen. Dann drehten wir uns um, um neben dem Wasserfall hinunter Richtung Wald zu gehen.
      Von hier oben hatte man eine gute Aussicht. Der Fluss, den wir mit unserem Boot entlanggefahren sind, kam aus den Bergen und hatte in der Nähe meines Dorfes seine Quelle. Im Osten, weit hinter dem Wasserfall, konnte man das blaue Meer sehen, mit der spiegelglatten Oberfläche. Weitere Berge standen im Süden am Horizont. Der Unterschied zwischen dem flachen und glatten Meer und den hohen gezackten Bergen war groß, wobei ich mir die Unterwasserlandschaft ähnlich vorstellte, als würde es sich spiegeln.
      „Es ist ein wundervoller Tag heute!“, rief ich voller Begeisterung gegen den Wind. Nu-ok nahm meine Hand in seine und sagte:
      „Ja, es ist wunderschön.“, jedoch klang er eher ruhig und gefasst. Ich hingegen könnte jeden Moment vor Freude herumhüpfen und laut jubeln. Als wir Hand in Hand uns daran machten die Felsen neben dem Wasserfall herunterzugehen, genoss ich den Wind, die Berge, die wehende Luft und die Freiheit. Seine Hand in meine ließ mein Herz zerschmelzen und der Tag schien perfekt zu sein.
      Leichte Wasserspritzer wehten vom Wasserfall zu uns herüber und die Kälte des Wassers fühlte sich an, wie kleine Nadelstiche, doch in der Hitze des Sommers war es sehr angenehm. Nu-ok schien das Wasser sehr zu mögen, denn bei dem Abstieg schälte sich immer öfter ein Lächeln auf seine Lippen.
      Als ich vom letzten Felsbrocken auf den Strand sprang, merkte ich schnell, wie der nahe Wald den Wind ablenkte. Hier unten wehte fast kein Lüftchen mehr, wodurch ich mich viel schwächer fühlte. Ich war jemand aus dem Volk der Winde. Wir werden auch „die Hellen“ genannt. Unsere Kraft nehmen wir aus den Höhen der Berge, aus dem Wind. Ohne die bewegende Luft können wir auf Dauer nicht leben. Daher missfiel mir dieser untere Teil der Berge, hier, wo der Wind nur noch schwach wehte. Vor allem den Wald vermied ich.
      Der Wasserfall riss viele Massen des Wassers mit in die Tiefe. Und hier hatte es einen See geformt, an dessen Rändern der Strand war. Wir schmissen uns nebeneinander auf den Sand und schauten gedankenverloren in den blauen Himmel, an dem hin und wieder Wolken in schnellem Tempo vorbeizogen. Die Sonne erwärmte uns und die Hitze schien erdrückender zu sein ohne den frischen Wind.
      „Ich möchte baden gehen.“, warf Nu-ok auf einmal in die Luft. Wasser. Das mochte ich nicht. Schwimmen konnte ich, mein Vater hatte es mir schon früh beigebracht, doch ich fühlte mich nicht frei, wie an der Luft, eher bedrängt. „Kommst du mit?“
      Einen Moment überlegte ich, bevor ich mich auf meine Arme abstützte, ihn ansah und antwortete: „Klar. Wieso nicht.“ Er konnte nicht wissen, dass ich Wasser verabscheute, wie jeder aus meinem Volk. Doch er war ein Gewöhnlicher, und wusste anscheint nicht, dass ich aus dem Volk der Winde kam. Vielleicht hatte er nicht einmal davon gehört.
      Wir liefen wieder Hand in Hand, diesmal Richtung Wasser. Ich hatte mein T-Shirt und meine kurze Hose ausgezogen, darunter trug ich einen Bikini. Als das kühle Nass meine Füße umspühlte, lief mir ein Schauer über den Rücken. Es war sehr kalt. Die Wärrme mochte ich lieber. Nu-ok löste sich von mir und lief in den See, sodass das Wasser spritzte. Dann machte er einen Köpper und war verschwunden. Ich überwand mich und stieg weiter in das Wasser hinein, bis es mir zu den Oberschenkeln reichte. Mit den Händen strich ich über die relativ glatte Oberfläche und erschuf kreisrunde Wellen. Plötzlich tauchte Nu-ok vor mir aus dem Wasser auf und lächelte mich an, wodurch ich auch lächeln musste.
      „Was ist. Kannst du etwa nicht schwimmen?“ Mein Lächeln wurde zu einem Lachen, und auf der Stelle stürzte ich mich in das Wasser. Mein Kopf wurde klatschnass. Das Wasser unter mir schien sich zu drehen, zerrte an meinen Füßen, als würde eine Strömung mich mitreißen, jedoch nicht in eine Richtung, sondern in alle gleichzeitg.
      „Schwimmen konnte ich schon, da war ich drei Jahre alt!“, rief ich meinem Begleiter zu. „Aber hier ist eine ziemliche Strömung unter Wasser.“ Meine Stimme wurde leiser, und Nu-ok konnte es fast nicht hören. Schnell war er zu mir geschwommen.
      „Das liegt wohl am fallenden Wasser. Ich möchte dir einen wunderschönen Ort zeigen.“
      „Und wo liegt er?“ Neugierig war ich geworden.
      „Komm mit“, sagte er und schwamm schnell Richtung Wasserfall. „Den Ort habe ich vor einiger Zeit entdeckt. Aber man kann nur durch das Wasser dort hingelagen.“ Ich versuchte ihm zu folgen, aber das Wasser zerrte weiter an meinen Beinen und Armen. Meine Kraft schwand langsam, je weiter wir Richtung Wasserfall schwommen.
      „Nu-ok.“ Er schaute sich um. „Bist du dir wirklich sicher, dass man hier schwimmen kann? Die Strömung wird immer stärker!“ Doch er schien keine Last damit zu haben. An ihm zerrte das Wasser nicht. Einen kurzen Moment wartete er, bis ich bei ihm angekommen war und nahm mich dann an der Hand. Seine Schwimmbewegungen waren fließend und kraftvoll. Schnell zog er mich dahin, wo das fallende Wasser in den See traf.
      „Wir müssen darunter wegtauchen. Halt die Luft an.“ Einen letzten Atmenzug nahm ich, ehe Nu-ok mich mit unter die Wasseroberfläche zog. Das kalte Wasser biss in meine offenen Augen. Es war klar und schimmerte blau. Durch das herabstürzende Wasser gab es viele kleine Luftbläschen, die langsam zurück an die Oberfläche aufstiegen. Immer stärker zog das Wasser an mir, warf meine Beine umher, und schließlich verlor ich Nu-oks Hand aus meiner. Über mir sah ich die Wasseroberfläche wie eine Kante. Ich sah mich darin spiegeln, hinter mir die dunkle Tiefe des Wassers. Das laute Tosen zerdrückte meine Ohren, wurde gedämpft, immer leiser, die Strömung zerrte meine Körperteile auseinander, und drückte sie wieder zusammen. Bewegen konnte ich mich nicht, sank immer weiter nach unten in die Dunkelheit. Luftblasen stiegen aus meiner Nase emport, trafen irgendwann an die Oberfläche und zerplatzen, vermischten sich mit der Luft, die darüber war. Die Luft, die die Weite versprach und unendlicht weit entfernt lag.
      Dann merkte ich einen starken Druck unter meiner Armbeuge. Die Dunkelheit wich langsam, der Druck auf meinen Ohren verschwand, und das Tosen wurde wieder lauter. Wärme spürte ich in meinem Rücken, das Wasser zerrte nicht weiter an mir und weitere Dunkelheit senkte sich über mir, diesmal aber auch oberhalb des Wassers. Ich durchbrach die Oberfläche und holte schnappend nach Luft. Alte und kalte Luft. Nu-ok hatte mich aus dem Wasser gezogen und er schwamm hinter mir, löste seine Arme von mir, als er merkte, dass ich mich wieder aus eigener Kraf halten konnte.
      Wir befanden uns in einer Höhe. Wasser tropfte von der Decke, hinterlies runde Wellen auf der glatten Oberfläche, welche die Felswände spiegelte. Das tropfende Geräusch hallte in der Stille der Höhle wider. Meine Augen waren groß. So eine wunderschöne Höhle hatte ich noch nie gesehen. Doch ich mochte sie nicht. Hier war man eingeschlossen, kein Wind wehte und die Freiheit fehlte mir. Langsam stieg ich aus dem kühlen Nass auf platte Felssteine, die am Rand aus dem Wasser ragten.
      „Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Nu-ok mich, der immernoch schwamm.
      Das Staunen hatte mir die Sprache genommen. „Was für ein seltsamer Ort. So was habe ich noch nie gesehen!“ Die Stimme klang seltsam verformt. Eine Weile betrachteten wir die Wände, wo zwischen einigen Felsbrocken ein bisschen Licht hereinschien, bevor Nu-ok das Wort ergriff:
      „Der Grund der Höhle, unter Wasser, ist noch viel schöner. Dort kann man wunderbare Steine finden.“ Dann tauchte er wieder unter und verursachte keine einzige Welle, die Strömung zog ihn auch nicht weg, was mich verwunderte. Ein wirklich ungutes Gefühl bekam ich und eine Gäsehaut überzog meinen Rücken. Die Höhle wirkte jetzt schrecklich leer und still, obwohl man das Tosen des Wasserfalls gedämpft hören konnte.
      Langsam beugte ich mich über die Oberfläche und betrachtete mein Spiegelbild. Die Haare klebten aneinander und ein Tropfen löste sich. Er fiel auf das glatte Wasser und hinterlies runde Wellen, die sich schnell ausbreiteten. Mein Bild im Wasser verschwamm. Und in dem Moment sah ich hinter dem Spiegel aus Wasser das Gesicht von Nu-ok, der gerade am Auftauchen war und ein Lächeln auf dem Gesicht hatte. Und auch in diesem Moment wurde mir bewusst, was an all der Sache so seltsam war.
      Nu-ok musste aus dem Volk des Wassers stammen. Anders als wir nehmen sie ihre Kraft aus der Bewegung des Wassers. Sie leben in den Tiefen des Meeres, in der Dunkelheit, weshalb sie auch „die Dunklen“ genannt werden. Unsere beiden Völker waren gegensätzlich, vertrugen die Lebensweise und den Lebensraum des jewals Anderen nicht gut, doch waren wir auf bestimmte Weise gleich. Man sagte, ein Spiegel würde das verdeutlichen. „Die Hellen“ auf der einen, richtigen Seite, „die Dunklen“ auf der Seite hinter dem Spiegel, sodass man genau hinsehen muss, um nicht das Trugbild von sich selbst zu sehen. „Die Dunklen“ blieben verborgen, hatten Geheinmisse, die niemand kennt. Wir waren uralte Feinde.
      Nu-ok musste ein Verstoßener sein. Musste sich wohl hier niedergelassen haben, in den Tiefen des Sees und in der Dunkelheit der Höhle. Tiefes Wasser zerrte weit mehr an „den Hellen“ als flaches, und weite Winde zerrten an „den Dunklen“. Das erklärte einiges aus den vergangenen Tagen. In dem Moment, als Nu-ok seinen Kopf aus dem Wasser streckte und keine Wellen hinterlies, brüllte ich ihn an:
      „Wie konntest du mir das nur verschweigen! Ich habe gedacht, du wärst ein Gewöhnlicher! Und du weißt, dass mein Volk das Wasser, und somit auch euch verabscheut! Wieso hast du mich nur hier hergebracht!“ Das Lächeln auf seinem Gesicht war gestorben und er schaute mich entsetzt an. Er hatte verstanden.
      „Aber ... Ich dachte ...“, stammelte er, ehe ich ihn unterbrach.
      „Wie konntest du nur! Wieso bist du einfach in meinem Leben aufgetaucht! Wieso du!?“ Ich war aufgestanden, mitten auf dem Felsen, hatte schmerzvolle Tränen in den Augen und sah nur noch verschwommen. Nu-ok stieg aus dem Wasser, streckte eine Hand nach mir aus, um mich zu beruhigen, doch ich wandte mich ab. Er hatte mich belogen, hintergangen, hatte mich in diese Höhle gebracht, wo ich jetzt drin gefangen war, ich, „die Helle“, gefangen bei ihm, „den Dunklen“, ich konnte nicht mehr weg. Nur das Wasser, mein feindliches Wasser konnte mich zurückbringen. „Du bist ein Verräter! Du bist so gemein! Was willst du von mir!“ Einen Schritt machte ich rückwärts, merkte, wie der Felsen ins Wasser führte. Der stechende Schmerz in meinem Körper wurde immer größer, drang überall ein. Furcht spürte ich nicht mehr, nur Wut und Verzweiflung.
      Dann stürzte ich mich rückwärts ins Wasser. Die Kälte umschlang mich und es zerrte an mir. Um zu schwimmen war ich nicht mehr in der Lage, hoffte einfach, dass mich das Wasser zurück an den Strand brachte. Tatsächlich wurde ich hinaus auf den See gezogen, aber ich sank immer weiter in die Tiefe.
      Wie schon zuvor sah ich die Wasseroberfläche, wie sie die Gegensätze der Tiefe des Sees und die Weite des Himmels spiegelte. Dieser Tag hatte so schön in den Bergen angefangen. Nu-ok hatte mein Herz weich werden lassen. Erst, als wir beim Wasserfall hinunter gegangen waren, zum tiefen See, wurde der Tag dunkler, und riss mich schließlich in diesen schrecklich Abgrund. Wieso hatte er das bloß getan?
      Dann schloss ich die Augen, in der Hoffung jemals wieder in der Weite der Berge und in der Kraft des Windes stehen zu können.
    • Zeig mir den Himmel
      by Alopex Lagopus

      Wie lange ist es her?
      Sag mir, wann habe ich das letzte Mal den Ruf des Meeres vernommen? Der Stimme des Ozeans geantwortet, dem Gesang der See gelauscht? Hat sie mich bereits verloren, mich verlassen, mich aufgegeben? Warum ist das sanfte Wispern meiner Heimat verklungen?
      Sag mir, habe ich bereits vergessen, wie die Wellen säuseln, wie der Mond die Gezeiten formt? Wie fühlt es sich an, frei zu sein; zu schwimmen, wohin einen die Strömung treibt?
      Sag mir, wann habe ich das letzte Mal meine Tochter in den Armen gehalten? Sie auf ihrem Seepferd über das Riff ziehen sehen? Ihrem wundervollen Lachen gelauscht, wenn die Strömung sich dreht und der Klang des Ozeans ihr Herz mit Freude erfüllt?
      Viel zu lange ist es her ...
      Die Stimme des Meeres wird immer schwächer – ich werde immer schwächer. Schon bald wird sie gänzlich verklingen; ich kann es fühlen – das Einzige, was ich noch fühlen kann. Wenn ich mich doch nur erinnern könnte, wie sich Wasser anfühlt, wie das erste Licht der Sonne die See um mein Heimatriff in bunte Farben taucht, oder wie sich die Stimme meiner geliebten Tochter anhört. Es ist alles so fern ... so fern.
      Die Erde bebt bereits. Erde ... so ungewohnt, so fremd, so schwer zu verstehen. Sie singt nicht, flüstert nicht, erzählt nicht. Sie ist stumm und hört zu. Nichts habe ich ihr zu sagen. Meine Stimme ist mir genommen.
      Die Erschütterungen nehmen zu, folgen einem natürlichen Rhythmus, einem Pfad, der sie zu mir führt. Kündigt die schweigsame Erde selbst mein Ende an? Welch Ironie ...
      Das Beben verstummt.
      Erschöpft öffne ich ein Auge als der schwere Riegel zurückgeschoben und die Tür zu meiner Zelle aufgestoßen wird. Kräftige Hände werfen eine Gestalt in die Ecke; die Art, wie sie auch mich in diesen Raum willkommen geheißen hatten. Ein weiterer Unglücklicher, den sie seiner Freiheit berauben.
      Stöhnend rappelt der Neuankömmling sich wieder auf, bevor er regelrecht in die Höhe schießt, unter der Decke schwebt. Ein Aitherier! Ein Kind des Himmels! Ein Todfeind der Tritonen! Mein Todfeind! Ich gestatte mir ein bitteres Lächeln. Es bedeutet das Ende meines Leides, das Ende der Pein.
      „Aitherier“, mache ich auf mich aufmerksam. „Du verschwendest deine Kräfte. Die steinerne Decke wird dich nicht in die Lüfte aufsteigen lassen.“
      Ruckartig dreht das Wesen den Kopf, während seine Füße langsam wieder auf den Boden kommen. Eigentlich sind wir uns gar nicht so unähnlich – wir sind beide Kinder der Elemente. Auch die Kinder der Erde – die Menschen, die uns gefangenhalten – sind uns nicht so fern, wie es den Anschein hat. Nur haben sie aufgehört, der Erde ihre Geschichten zu erzählen, sie haben ihre Stimme verloren. Die Kinder des Feuers sind bereits lange verschwunden und ihr Andenken fast vergessen. Nur die Tritonen und die Aitherier bleiben ihrer Natur nah – letztere schon zu nah. Zu arrogant sind sie geworden, haben sich als Götter über ihre Brüder erhoben, sie bestohlen und geblendet. Haben Opfer verlangt, Verehrung eingefordert, die Blutsbande getrennt, Verderben gebracht.
      „Ein halbvertrockneter Tritone“, schnaubt der Aitherier. „Es gibt wohl kaum einen jämmerlicheren Anblick.“ Langsam kommt er näher und breitet bedrohlich seine vom Kampf lädierten Schwingen aus. Hier werden sie ihm nicht helfen.
      „Ein Gezeitenformer“, erkennt er mit einem Blick auf das Symbol auf meiner Robe. „Nicht irgendein Gezeitenrufer, sondern einer der drei Spitzen des Dreizacks, einer der mächtigsten Tritonen selbst. Du bist Antrios der Wellenbrecher!“
      Ich gestatte mir ein flüchtiges Lächeln, als ich den Hauch von Respekt, ja sogar Angst in das Gesicht meines Feindes treten sehe.
      „Der bin ich“, bestätige ich schwach. „Doch all dies ist nicht mehr wichtig. Nun denn, erfülle deine Pflicht und rühme dich, einen der drei Spitzen des Dreizacks zur Strecke gebracht zu haben.“
      Der Aitherier lässt nur ein abfälliges Schnaufen erklingen.
      „Dieser Ruhm ist bedeutungslos.“ Wütend wendet er mir den Rücken zu und mir kommt der Verdacht, dass mein Weg noch nicht zu Ende ist. „Was nützt mir dein Tod, Tritone? Lieber würde ich meine Tochter in Sicherheit wissen, die mit mir gefangen genommen wurde. Aber von solchen Dingen versteht euer Volk nichts.“
      „Ach nein?“, frage ich bitter belustigt. Was denkt dieser Überflieger von uns? Das wir keine Familien haben? Dass wir einfach aus irgendwelchen Spalten im Tiefseegraben gekrochen kommen?
      „Ich habe auch eine Tochter. Sie steht kurz vor ihrer Reife als Frau und zeigt bereits jetzt das Talent eines Gezeitenformers. Ich bin sehr stolz auf sie.“
      Verwirrt dreht mein Zellengenosse sich um und erstmals tritt so etwas wie ein nachdenklicher Ausdruck in sein Gesicht.
      „Möchtest du sie wiedersehen?“, fragt er.
      Diesmal bin ich es, der abfällig schnaubt.
      „Natürlich. Was denkst du wohl?“
      „Dann teilen wir einen Wunsch.“ Mit großen Schritten kommt der Aitherier auf mich zu, bis er vor mir in die Hocke geht. „Lass uns unsere Kräfte vereinen und den Kindern der Erde zeigen, dass man nicht ungestraft einen der unsrigen festsetzt! Danach können wir immer noch getrennte Wege gehen.“
      „Waffenstillstand für einen Kampf?“, frage ich zweifelnd. „Als ob ich mich mit einem Aitherier verbünden würde!“ Ich mag den Klang der See vergessen, meine Heimat verloren haben, aber meinen Stolz als ranghoher Tritone werde ich mir bis zum trockenen Tode bewahren – er ist das Einzige, was mir noch bleibt. „Glaubst du zudem, ich hätte nicht selbst versucht, zu entkommen? Wir beide sind dem beraubt, was uns stark macht, selbst zu zweit kommen wir hier nicht raus. Ihr mögt euch für Götter halten, aber hier bist du nichts weiter als machtloses Gewürm!“
      In den nachfolgenden Momenten kann ich förmlich beobachten wie sich das Gesicht des Himmelskriegers zu einer Maske der Wut verzerrt. Gut so. Nun wird er mir endlich zum Frieden verhelfen, den ich suche.
      „Arrogant wie immer, Tritone!“ Fauchend baut er sich vor mir auf. „Zu stolz, um seine zerszausten Federn hinter sich zu lassen. Ist dir der Gedanke, mit mir zusammen zu arbeiten, so zuwider, dass du dafür ein mögliches Wiedersehen mit deiner Tochter aufgibst?“
      „Es ist nicht möglich“, wiederspreche ich. „Sieh deinem Versagen ins Gesicht, Aitherier!“
      Unbeindruckt peitscht der Aitherier seine Schwingen durch die Luft.
      „Der einzige, der je versagt hat, bist du, Tritone! Du hast bereits alles aufgegeben, was dich zu einem fühlenden Wesen macht, genau wie dein ganzes Volk! Ihr versteckt euch hinter einem Wall aus Stolz, zu eingebildet um eure Fehler zuzugeben. Welcher eurer Anführer hat sich nochmal zum alleinigen Gott über den Ozean erhoben? Poseidon?
      Ihr seid überheblich und armselig! Alles an dir beweist es! Könnt ihr überhaupt Liebe empfinden? Wohl kaum, du liebst ja noch nicht einmal deine eigene Familie!“
      Ich fühle, wie die Worte mich treffen. Wie kann dieser möchtegern Sohn-der-Götter es wagen, mir meine Gefühle abzuerkennen!?
      „Ich liebe meine Familie“, sage ich schwach.
      „Liebe ist, wenn man alles hinter sich lässt und nur noch das Wohl des anderen im Mittelpunkt steht. Wenn ihr Tritonen wirklich Gefühle hättet, dann würde deine Tochter dich vermissen. Sie würde nicht ohne Vater aufwachsen wollen. Und du hinderst dich mit deinem eigenen Stolz, ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Das ist armselig! Weißt du, was ich von euch Tritonen halte? Das!“
      Ein Geräusch von raschelnden Stoff, dann höre ich ein Plätschern, als der Aitherier mir mitten ins Gesicht pinkelt. Wütend gräbt sich meine rechte Hand in den Dreck des Zellenbodens, wo sie den Löffel findet, mit dem Gefangene ihre Mahlzeiten zu sich nehmen. Wie kann er es wagen!? Wie kann er glauben, so herablassend zu einer der drei Spitzen des Dreizacks zu sprechen? Wie kann er es wagen, meine Familie zu beleidigen und mich dann auch noch zu erniedrigen!?
      Das erste Mal seit Wochen in dieser Zelle schaffe ich es, mich auf meine Beine zu stellen. Meine Hand umschließt fest den kleinen Löffel aus Metall, der sich langsam zu verformen beginnt.
      „Oh, der Meermann hat Laufen gelernt. Sieh, wie überlegen er uns ist“, spottet mein Widersacher und nun ist es mir zu viel. Wütend ramme ich ihn den Löffel, der sich zwischen meinen Fingern zu einer behelfsmäßigen und stumpfen Klinge verformt hat und ramme sie ihm direkt in den Hals.
      Blut spritzt mir ins Gesicht und ich spüre, wie meine Poren die Flüssigkeit gierig aufsaugen. Immer mehr des roten Lebenssafts läuft meine Arme hinunter und wird von meinem Körper aufgenommen, bis meine einstmals blauen Schuppen anfangen, einen rötlichen Ton anzunehmen. Erst, als das Herz meines Feindes nicht mehr schlägt, werfe ich den schlaffen Körper befriedigt in die hinterste Ecke des Gefängnisses. Aber meine Wut schwelt nach wie vor in mir. Es ist noch nicht vorbei!
      Meine Hände finden die in die Zellenwand eingelassenen Ketten. Jetzt werden auch die Kinder der Erde die Macht eines Gezeitenformers kennenlernen. Das Eisen schmilzt zwischen meinen Fingern, formt sich neu, bis ich einen schweren Dreizack in den Händen halte. Ich höre aufgeregte Stimmen von draußen, aber die Worte bleiben ohne Sinn für mich, die Menschensprache hat sich zu sehr von der unsrigen verändert.
      Ein Hieb und das Holz der Tür zersplittert. Ich höre Schreie und nach dem nächsten Stoß kann ich auch ihre Urheber sehen. Zwei Wachen stehen in der Tür, beide mit gezogenen Schwertern, die Mienen von Angst gezeichnet. Ich zögere nicht lange und mit einem Stich liegt der erste tot am Boden. Sein Kamerad starrt nur entsetzt auf die Leiche, bevor ich auch ihn aufspieße und über mir an die Wand pinne. Wie eine Frucht quetsche ich ihn aus, bis auch sein Blut am Stil der Waffe, meinen Armen und schließlich meinen Brustkorb hinunterläuft. Mehr Kraft ...
      Zorn gibt mir den Antrieb, den ich brauche und in den nächsten Minuten zieht ein Kampf nach dem nächsten in einem roten Wirbel an mir vorbei. Mir ist es egal, wie viele ich töte, ich will nur Rache! Und Freiheit!
      Wahllos breche ich Türen auf, mal führen sie in andere Zellen, mal in längere Korridore. Ich mache keinen Unterschied mehr. Ich töte jeden, der in meinen Weg kommt, egal, ob er bewaffnet ist, sich mir entgegenstellt, oder auf die Knie sinkt und mich in seiner Sprache bettelnd um Vergebung anfleht.
      Erst als ich eine weitere Zellentür aufbreche, halte ich inne. Auf dem Boden vor mir sitzt eine junge Aitheria. Das muss die Tochter meines Zellengenossen sein. Sie wird dasselbe Schicksal wie ihr Vater erleiden!
      Der Zorn verschwindet aus meinem Geist, als die nachfolgende Erkenntnis allen Platz für sich beansprucht. Der Aitherier muss gewusst haben, dass ein Magier der Tritonen Kraft aus Flüssigkeit zieht.
      „Liebe ist, wenn man alles hinter sich lässt und nur noch das Wohl des anderen im Mittelpunkt steht“, erinnere ich mich an seine Worte. Er hat mir nicht ins Gesicht gepinkelt, um mich zu verspotten, nein, er hat es getan, damit ich mich wieder bewegen kann! Er hat mich beleidigt, damit ich ihn töte und sein Blut mir die Flüssigkeit gibt, die ich brauche, um wieder der mächtige Gezeitenrufer zu sein, der ich einst war. Er hat sich geopfert, damit vielleicht der Hauch einer Möglichkeit besteht, dass seine Tochter freikommen kann!
      Erstmals bin ich beeindruckt von der Größe eines Aitheriers. Ganz langsam sinke ich vor der Tochter des Himmels auf die Knie, während sie meinen inzwischen rotgefärbten Körper mit Schrecken anstarrt.
      „Zeigt mir das Meer und ich zeige Euch den Himmel, denn ich, Antrios der Wellenbrecher stehe in der Schuld Eures Vaters. Lasst sie mich begleichen.“
    • Das Geheimnis des Himmels
      by Rheuen

      Alles nahm seinen Anfang unter den steinernen Wurzeln des Kahraa Udor in den scheinbar endlosen Tiefen der alten Platinminen. Vor Urzeiten schon, waren sie geschlossen worden, doch noch immer zog die Aussicht aufs schnelle Geld einige Wagemutige in die zähe Finsternis. Dort unten, wo Einsamkeit die Sinne vergiften kann, geschah vor acht Monaten jener Moment der nachhaltig mein ganzes Leben verändern sollte. Es war ein einfacher Bauer mit Geldschulden, der an diesem schicksalsträchtigen Tag die Wand zu einem natürlichen Höhlensystem durchbrach. Dort machte er einen außergewöhnlichen Fund. Ein faustgroßes Objekt, mit der Farbe von silbernem Glas. Da unten, wo bis zu diesem Tage nie ein Mensch gewesen sein konnte, pulsierte es bläulich in der Finsternis. Widernatürlich, keinem Gesetz folgend, schwebte es einige handbreit über dem Boden.
      In einer einfachen Truhe, gelangte dieses Objekt schließlich einige Wochen Wegzeit später, des Nachts in meinen Besitz. Die Anordnung war unmissverständlich.
      Der König persönlich beauftragte mich mit der Analyse des Fundstückes. In höchsten Tönen hatte er damals von mir, dem brillanten Professor, gesprochen.
      Mehrere Monate lang studierte ich den Fund neugierig, doch nur schlaflose Nächte ohne nennenswerte Ergebnisse waren die Folge. Alles was ich herausfand war, das die Schwebefähigkeit des Objektes wohl auf einer magnetähnlichen Abstoßung beruhte, die exponentiell zunahm, je weiter sich ein Körper ihm näherte. Demnach konnte Das Objekt nicht berührt werden. Lediglich das Einfangen und Transportieren mit Gefäßen war möglich. Doch verborgen blieb mir noch immer, wie alt es war und sein Zweck.
      Und so kam der Tag an dem ich vor den Thron treten und meine Ergebnisse verlesen sollte. Erwartungsgemäß war der König alles andere als zufrieden mit meiner Arbeit und drohte mir damit, jemand anderen zu beauftragen. Doch ich wollte noch nicht aufgeben, ich wollte mit dem Studium fortfahren. Mein Wissensdurst nach diesem Objekt war unstillbar.
      Aus meiner Not heraus, noch ehe ich darüber nachdenken konnte, entfuhr mir unerwartet ein Geistesblitz. Erst nachdem er über meine Lippen gekommen war, erkannte ich meine Dummheit. Ich versprach dem König das Unmögliche zu vollbringen. Ich versprach ihm, die Abstoßungskraft nutzbar zu machen und einen Menschen fliegen zu lassen.
      So zog ich mich mit diesem Objekt und in unendlicher Scham über meine eigene Idiotie, in mein Landhaus an der Steilküste von Voltura zurück, wo alles seinen Lauf nehmen sollte.

      Es war eine warme Augustnacht. Der Mond hatte seinen Zenit längst überschritten, doch noch immer arbeitete ich in meiner Werkstatt. Es war die Dunkelheit und die Stille, die mich in der Nacht am besten nachdenken ließen. Nur ein paar Kerzen, deren Lebenszeit sich schon langsam dem Ende neigte, erhellten meine Arbeit. Neben mir auf den umliegenden Tischen, duzende Skizzen zum Flugverhalten von Vögeln sowie einige Resultate meiner Studien zur Strömungslehre. Ähnlich wie bei Vögeln sollte es funktionieren. Woche um Woche war vergangen und mit jedem Tag, an dem ich aus der Not heraus an meinem Versprechen arbeiten musste, kam mir meine Idee ein Quäntchen weniger irrwitzig vor. Nun stand ich dort an meiner Werkbank und setzte meinen Einfall allmählich in die Tat um. Der Aufbau war simpel gehalten. Zwei Flügel, aus dünnen Metallstreben gefertigt, die an Rücken, Armen und Oberschenkeln mit Riemen befestigt wurden. In dem Verbindungsstück zwischen beiden Flügeln sollte in einer Kammer das mysteriöse Objekt integriert werden, mit dem Ziel, dessen Eigenschaft zu schweben auf die Apparatur zu übertragen. Doch soweit war ich noch lange nicht. Gerade noch war ich dabei, einen der Flügel mit Segeltuch zu beziehen, was für den nötigen Auftrieb sorgen sollte.
      Plötzlich strömte ein rauer Luftzug durch das Fenster hinein und brachte die Kerzen zum Erlöschen. In der Dunkelheit konnte ich hören, wie der Wind meine Studien im Raum verteilte. Schnell lief ich in der Finsternis zum Fenster, um das Chaos in Schach zu halten. Ein plötzliches Geräusch, ließ mich in der Bewegung innehalten. Ich fuhr zur Haustür herum. Kalter Schweiß brach mir aus. Ich schlug die Hand vor den Mund. Mein Atem ging stoßweise. Ich konnte hören, wie sich die Tür quietschend öffnete. Ich stürzte zu einer Schublade und zog eine Schachtel heraus. Im nächsten Moment flammte zwischen meinen zitternden Händen ein Zündholz in der Dunkelheit auf und prompt blieb mir der Atem stehen.
      Sie sah mir direkt ins Gesicht. Weiße Augen ohne Pupillen, goldfarbenes Haar. Die Haut ihres nackten, makellosen Körpers glitzerte im Schein der Lichtquelle, als wäre sie aus Sternenstaub. Über die Schultern ragten lange weiße Flügel. Meine Gedanken überschlugen sich. Träumte ich? Wer war sie? Was wollte sie von mir?
      Lautlos hielt sie auf mich zu. Ihre Zehenspitzen berührten dabei nicht den Boden. Wie angewurzelt stand ich da. Als sie nahe genug heran gekommen war, hob sie ihren Arm und legte ihn sanft auf meine Brust. Ein kurzer Aufschrei entfuhr mir, als die Flamme des Zündholzes meine Finger verbrannte. Sofort ließ ich es fallen und die Dunkelheit eroberte das Zimmer zurück. Ich konnte ihre warme Hand auf meiner Haut spüren.
      Plötzlich leuchtete etwas vor mir auf. Blaues Licht pulsierte auf einmal in ihrer Brust. Noch bevor ich darüber nachdenken konnte, wurde mir auf einmal schwarz vor Augen und für einen Moment erlebte ich ein Gefühl, als würde ich mich zwischen den Dimensionen befinden. Es mochte vielleicht nur ein Augenblick gewesen sein, doch es kam mir vor, als überdauerte ich in diesem Moment sogar die Zeit selbst.

      Als ich die Augen wieder aufschlug schien mir die Sonne ins Gesicht. Ich blinzelte und versuchte mir die Hand vors Gesicht zu halten, doch es gelang mir nicht. Ich schaute mich um. Meine Arme waren an den Riemen der Flugmaschine befestigt und bewegten sich auf und ab, ohne das ich daran teilhatte. Es dauerte einen Moment, bevor ich begriff, was hier vor sich ging, dann überfiel mich Panik. Instinktiv wollte ich zusammenzucken, doch es gelang mir nicht. Meine Arme fuhren mit dem monotonen Flügelschlagen fort. Ungläubig analysierte ich die Lage. Ich wusste, dass es ganz sicher mein Körper war, in dem ich mich befand, doch ich hatte keine Kontrolle über ihn, als wäre ich nur ein Zuschauer der mit meinen Augen sah. Zögernd riskierte ich einen Blick nach unten. Eine weiße hügelige Landschaft, die bis zum Horizont reichte, ersteckte sich tief unter meinen Füßen. Es waren Wolken, durch die ich vereinzelt den azurblauen Ozean aufblitzen sah.
      Ich flog tatsächlich, daran gab es keinen Zweifel. Ein Schwall von Adrenalin gepaart mit purem Vergnügen überflutete mich nun. Meine Flugmaschine hatte tatsächlich funktioniert. In meinem Inneren stellte sich nun ein Gefühl tiefster Zufriedenheit ein. Hier oben, frei von allen Zwängen, hätte ich eine kleine Ewigkeit verbringen können. So flog ich eine Weile vor mich hin und kostete dabei die neu gewonnene Erfahrung voll und ganz aus.
      Mit einem Mal drehte der Wind und enthüllte, hinter einem Wolkenfetzen versteckt, etwas Unglaubliches. Eine Stadt, hoch über den Wolken erbaut. Ich traute meinen Augen kaum, als ich sie sah. Straßen und Häuser waren gefertigt aus weißem Stein. Ich konnte blühende Gärten erkennen und viele Gewässer, die im Licht glitzerten. Sollte dies etwa das Paradies sein? Meine Neugier kannte kein Halten mehr. Ich sah, wie sich die Bewegung meiner Arme beschleunigte. Was war das für ein Ort? Ich musste es wissen. Die Welt musste es wissen!
      Eine plötzliche Erschütterung riss mich aus meiner Euphorie. Ich schaute auf. Sie war es! Die Frau, die noch eben in meiner Werkstatt gewesen war, kniete jetzt auf meinen Schwingen. Ihre Flügel glitzerten silbrig im Sonnenlicht, doch etwas an ihr war anders. Es waren ihre Augen. Großen Kummer konnte ich in ihnen lesen. Einen Augenblick verharrten wir so im Blickkontakt, als sich in meinem Kopf eine fremde uralte Stimme zu Wort meldete:
      „Wer nie dazu bestimmt war, zu fliegen, besitzt kein Anrecht darauf, den Himmel sein Eigen nennen zu dürfen.“
      Dann begann abermals etwas in ihrer Brust zu leuchten, doch diesmal verstand ich. Dieses Gebilde, das mir die Macht zu fliegen verlieh, hatte einst einem Wesen wie sie gehört. Noch immer wusste ich nicht, wie es in die Höhle gekommen war, aber ich verstand jetzt: Das war ihre Energiequelle, sowohl für physische, als auch magische Kraft, ähnlich einem Herzen.
      Entsetzt schrak ich aus meinen Gedanken hoch als ich die Funken bemerkte, die ihrer Hand entsprangen und in das Segeltuch meiner Flügel tiefe Löcher rissen.
      „Wir haben die Taten gesehen zu denen eure Art fähig ist.“ Ich war vollkommen verwirrt. Wieso tat sie das, fragte ich mich. Sofort begann ich an Höhe zu verlieren und geriet ins trudeln. Ich sah meine Arme auf und ab schnellen, doch das fachte die Flammen nur noch an. Ich wollte schreien, doch ich konnte nicht. Ich blickte noch einmal hoch zu ihr. Ich wollte Antworten. Sie schwebte hoch über mir in der Luft und wies mit einer Hand auf die Stadt.
      „Wir können nicht zulassen, dass ihr uns den Himmel wegnehmt.“, fuhr sie fort.
      Jetzt sah ich sie. Duzende, hunderte Wesen wie sie. Männer wie Kinder. Es war ihr Zuhause.
      „Nicht unsere Heimat. Unsere Freiheit. Nicht das letzte Geheimnis.“
      Dann brach ich durch die Wolkendecke und verlor den Sichtkontakt. Mit flammenden Schwingen stürzte ich ungebremst auf den Ozean zu, wie ein gefallener Engel. Noch ein letztes Mal schaute ich zur Sonne hinüber, deren Strahlen die Wolken in ein glühendes rot tauchten, ehe sich meine Augen zum letzten Mal schlossen.

      Bis zum Hals schlug mir das Herz, als ich erwachte. Es war Nacht, dieselbe warme Augustnacht. Erschöpft tat ich ein paar tiefe Atemzüge und sah mich um. Ich stand am Rande der Steilküste, nicht weit entfernt von meinem Haus. Ich fragte mich gar nicht erst wie ich hier her geraten war. Ich trat ein paar Schritte an den Abgrund heran und schaute hinab. Die Wellen brandeten auf die Felsen unter mir. Erst jetzt fiel mein Blick auf das, was ich in den Händen trug. Es war die Truhe in der ich das Herz aufbewahrt hatte. Das gab mir die Entscheidende Antwort, nach der ich gesucht hatte. Es war kein Traum gewesen, sondern die Zukunft. Dies alles sollte eine Warnung an mich sein. Sie hatte Recht. Die Menschen sollten nicht auch noch den Himmel besitzen dürfen. Und ich war der einzige, der ihnen das Fliegen lehren konnte, also war es an mir, die Menschheit von diesem Fehler abzuhalten.
      Schweren Herzens entglitt die Truhe meinen zitternden Fingern und ich sah zu, wie die Gischt des Meeres sie umschloss und sie sich zu Eigen machte. Dann kehrte dem Abgrund den Rücken zu. Ich wusste ich hatte das einzig Richtige getan. So verließ ich an in jener Nacht das Kliff, den Blick auf die Sterne gerichtet und den Geist in süßen Träumereien versunken.
      Zuweilen hatte ich schon geglaubt, diese Welt könnte mich nicht mehr überraschen. Doch anscheinend versteckt sie ihre letzten Geheimnisse an Orten, die dem Menschen für immer verborgen bleiben sollen.
    • Sehnsucht nach Freiheit
      by Iskossa

      Arzul öffnete die Augen, noch total schläfrig streckte und reckte er alle Glieder von sich und erhob sich langsam. Karte, kalte Wände umzingelten ihn. Nur ein zarter Lichtstrahl, welcher durch das Kerkerfenster drang, empfing den alt gewordenen Drachen. Arzul seufzte und beobachtete den Kerkermeister, der wild mit einer Fackel herumfuchtelte und dabei brennende Glut über den Gang verteilte. Er diskutierte mit zwei Wachen und beendete die Diskussion mit einem Kopfschütteln. Die beiden Wachen wirkten gekränkt und widmeten sich wieder ihrer Arbeit.

      Sie brachten Arzul nebst einem grossen Haufen Heu und einem Bottich voll Wasser ein wohl genährtes Schwein. Langsam und ohne Eile verzehrte Arzul sein Mahl. Sein Blick zog es immer wieder zum vergitterten Fenster, sehnsüchtig dachte er über vergangene Tage nach. Lange ist es her, als Arzul als stolzer Drache seine saphirblauen Schwingen ausstrecken konnte, den Wind spüren konnte und sich der Freiheit der Höhe ergeben konnte. Er schloss seine Augen und wollte in seine Träume versinken, als sich ein stechender und kratzender Geruch in seine Nüstern verkroch. Er riss die Augen auf, schaute suchend um sich und hörte die Wachen FEUER! FEUER!! IM KERKER BRENNTS!! schreien. Unmut brach in Arzul aus und er wurde immer unruhiger. Mehrere Wachen stolperten an der Gefängnistüre vorbei, husteten und würgten, doch keiner wollte Arzul frei lassen. Jeder war auf sein eigenes Wohl aus und wollte seine Haut retten. Arzul fasste einen Entscheid, wie ausgewechselt erstrahlt Arzul voller Energie. Er stand so gut es ging auf und warf sich gegen die Gefängnistüre. Nichts… Nochmals warf sich Arzul gegen die Türe, zwar rieselte es kleine Steinchen auf ihn, doch die Türe blieb noch an Ort und Stelle. Die Hitze der Flammen kroch erbarmungslos näher… Angst kroch in Arzul hoch…. Er brüllte und warf sich ein letztes Mal gegen die Türe – Ein Knall – Arzul lag auf der Seite und Kiesel streute sich über ihn. Kopfschüttelnd richtete sich Arzul auf und sah, dass er ausserhalb der Zelle war. Ihn überkam nur ein Gedanke RAUS HIER! Arzul quetschte sich durch die Durchgangstore und gelangte endlich an die langersehnte frische Luft. Kaum hätte er noch daran geglaubt, jemals wieder den blauen Himmel zu sehen. Er sah sich um, keiner wollte sich um den entflohenen Drachen kümmern, alle waren mit dem brennenden Kerker beschäftigt. Mal sehen ob ich das noch kann… dachte Arzul und entfalteten seine langen Schwingen aus. Die saphirblauen Schwingen Färbten das Licht unter ihnen blau, der Drache sah trotz seines Alters und der Jahre im Kerker prächtig aus. Eine Wohltat, Arzul holte Schwung und stiess in den Himmel empor. Voller Freude entlockte es ihm ein tosendes Gebrüll. Die Freiheit, die grenzenlose Freiheit der luftigen Höhen hat ihn wieder. Er flog so hoch er konnte, als Arzul nach unten schaute, sah er die Burg nur noch als schwarzen Punkt umrahmt von weiteren schwarten punkten inmitten eines grünen Waldes.

      Endlich! Endlich kann ich mich wieder den Höhen hingeben und mich frei fühlen! Solange habe ich darauf gewartet! dachte Arzul voller Freude und überschlug sich mehrfach. Er flog in Richtung seines alten Jagdgebiets und kam nie mehr zurück an diesen Ort des Grauens.

      Er genoss die Freiheit, die Freiheit der luftigen Höhen, dort wohin ein Drache hingehörte.
    • Die Belagerung Chinetts
      by Myrtana222

      Durch die Reihen der Männer lief ein Zucken; auf dem Wehrgang ging so mancher Soldat sogar in die Knie. In ihren Köpfen dröhnte eine Art heiseres Lachen, ein Laut erregter Belustigung, aus keiner menschlichen Kehle, voller Häme und Hass.
      Aluinn hastete die Brüstung entlang und starrte mit vor Schrecken geweiteten Augen nach Westen. Vor ihm fiel das Land bis zum Meer hin ab; die Dörfer und der Hafen Chinetts brannten, die Rauchsäulen stiegen weit in den Himmel empor, aufgewirbelt nur von einem mächtigen Körper, der sich schwerelos in der Luft zu bewegen schien.
      „Der Vielgesichtige hat uns verraten.“ Zwischen den brennenden Häusern wimmelte es vor fremden Soldaten, das Wiehern von Pferden drang bis an Aluinns Ohr. In der Ferne ließen sich noch die maentischen Schiffe erkennen, die das Unheil über sie gebracht hatten.
      So hastig, wie Aluinn die Wehrmauer betreten hatte, rannte er sie nun wieder herunter. Beinahe hätte er einen jungen Soldaten umgerempelt, als er durch die wirren Menschenmassen rannte, hinüber zum Stall.
      Dort begutachtete Eachann, Aluinns Vater und Lord von Chinett, die Zähne der Pferde. Er tat dies immer, auch wenn Aluinn der Ansicht war, dass das Gebiss eines Pferdes in einer Schlacht das geringste Teil an einem Pferd war.
      „Vater.“ Keuchend kam Aluinn zum Stehen. „Der Vielgesichtige hat uns verraten. Ixil-Maentaca, er und eine Streitmacht aus Maenti …“
      „Ich weiß! Ich kenne seine Stimme und den Rauch sieht man bis hierher.“ Eachann ließ den Kiefer des Pferdes los. „Doch ich glaubte, der Vielgesichtige könne kein Feuer spucken.“
      „Kann er auch nicht. Das Feuer müssen die Soldaten gelegt haben. Vater!“ Eachann hatte sich wieder von ihm weggedreht, sodass Aluinn ihn an der Schulter griff und wieder umdrehte.
      „Es sind um die fünftausend Mann! Wir haben keine Chance, Vater, auf unseren Wällen stehen höchstens siebenhundert, und der Feind hat einen Drachen! Schickt nach Tene, lass uns Hilfe holen!“
      „Vor zwei Tagen kam ein Bote aus Tene mit der selben Bitte. Auch Tene wird belagert, wir können keine Hilfe erwarten. Wir werden den Rückzug decken und die Frauen und Kinder über den Aufzug der Silbermine hinunterbringen.“ Eachann konnte ihm nicht in die Augen blicken und wandte sein Gesicht ab.
      „Tief unter die Erde, wo weder Drachenklauen, noch Feuer und Schwert ihnen etwas anhaben können.“
      „Um sie in der Dunkelheit verhungern zu lassen? Eingepfercht wie dummes Vieh, während über ihnen der Schlachter seine Messer wetzt?“
      „Irgendwo führen die Stollen wieder ans Tageslicht. Leider gibt es niemanden mehr, der das Gewirr der Gänge kennt, doch irgendwann werden sie den Ausgang finden, vielleicht durch einen der unterirdischen Flüsse. Die Männer decken ihren Rückzug.“
      „Du hättest auf den Riesen hören sollen! Wo hast du ihn hinbringen lassen.“
      „Er schürft nach Silber, wie die anderen Gefangenen auch. Vielleicht finden wir ja einen Helm, der ihm passt.“
      Angewidert wandte sich Aluinn ab. Er wusste, wen er aufsuchen würde.
      Laut hallte das Rattern der Winden in dem engen, dunklen Schacht wieder. Schnell schoss der mechanische Aufzug hinunter in die endlosen Tiefen der alten Silberminen, die auch heute noch einen guten Profit abwarfen. Selten hatte Aluinn die Stollen betreten, und auch jetzt zeigte die beklemmende Enge und die Dunkelheit ihre Wirkung. Aluinn hatte das Gefühl, als würde das Gestein über seinem Kopf ihn ersticken.
      Schließlich kam der Aufzug zum Halt, und Aluinn setzte seinen Fuß auf den unebenen Boden.
      Vor einem Gatter saß eine Wache und rauchte eine Pfeife.
      „Oh, der Sohn des Lords. Was wollt Ihr hier unten, junger Mann?“
      „Lasst mich mit dem Riesen sprechen.“
      Die Wache seufzte. „Ihr wollt ihn mir doch nicht etwa wegnehmen? Er arbeitet besser als alle anderen zusammen und macht weniger Ärger.“ Der Wächter schloss das Tor auf. „Ein wenig Schweigsam der Bursche, und seine Größe macht mir etwas zu schaffen, aber mit der Spitzhacke geht er um wie kein anderer. Er macht bald unsere Sprengkörper überflüssig.“
      „Folgt mit einfach. Nehmt die Schlüssel mit.“
      Laut hallten ihre Schritte wieder, als sie den Gang durchliefen. Aluinn hatte eine Fackel in der Hand und leuchtete den Boden ab, um nicht versehentlich in ein Loch zu treten.
      Der Riese lag in dicken Ketten, die sich gerade so weit straffen ließen, dass er mit der Spitzhacke die Stollenwand erreichen konnte. Dumpf schlug er mit dem Werkzeug an die Wand und löste dicke Brocken Gestein. Sein Körper war fast doppelt so groß wie der eines gewöhnlichen Mannes, seine Arme dick wie Felsgestein, sein Kopf seltsam kantig und fremd.
      „Was wollt Ihr von mir?“ Seine Stimme klang rau, tief und bedrohlich.
      „Zuerst will ich Euren Namen wissen.“
      „Mein Volk nennt mich Meremaer, Sohn des För. Niemand hat mich bisher nach meinem Namen gefragt, Mensch. Wie nennt man Euch?“
      „Ich bin Aluinn, Sohn des Eachann. Ich suche Euch auf, weil sich Eure Worte bewahrheitet haben. Ixil-Maentaca greift uns mit einem Heer aus Maenti an. Ihr habt das kommen sehen. Woher wusstet Ihr davon?“
      „Vor wenigen Wochen kam der Vielgesichtige zu den Häusern meines Volkes. Er verdarb meinen Vater, sodass er von Sinnen unsere eigenen Männer attackierte. Wir flohen, doch ich stelle mich meinem Vater und schaffte es, ihn zu vertreiben. Ich irrte Tage durch die Wälder, bis ich diese Stadt hier fand, und warnte die Menschen. Doch Euer Vater sperrte mich hier ein, statt meinen Worten Gehör zu schenken.“
      Aluinn riss dem Wachmann die Schlüssel aus der Hand und sperrte die Ketten auf.
      „Jetzt seid Ihr frei. Doch bitte ich Euch, dass Ihr mit mir in die Schlacht reitet und diesem Drachen ein für alle Mal ein Ende bereitet.“

      Als der Riese aus dem Aufzug trat, wichen die Soldaten zurück. Einige zogen sogar ihre Klingen.
      „Lasst Eure Waffen in ihren Scheiden, oder jedem von Euch blüht ein bitteres Ende.“ Aluinn schenkte jedem der Männer einen kalten Blick, bis diese zur Seite traten.
      „Durell!“ Aluinn hatte unter den Männern den Anführer der Kavallerie erkannt.
      „Was wollt Ihr mit diesem Riesen, mein Herr?“ Misstrauisch blickte Durell zu Meremaer empor.
      „Haltet Eure Männer bereit! Wir wagen einen Ausfall.“
      „Euer Vater hat uns jede Kampfhandlung außerhalb der Mauern untersagt. Wenn ich ihn hintergehe, kostet mich das meinen Kopf.“
      „Wie Ihr sterbt, ist letztendlich doch völlig egal. Ich habe einen Plan!“
      „Dabei habt Ihr nun wieder recht.“
      „Bringt mit den Buamee und ein Schlachtross, dazu eine Hellebarde und mehrere Reiterlanzen. Folgt mit in die Schlacht, den Rest lasst meine Sorge sein!“

      An der Spitze der Reiterei verließen der Riese und der Fürstensohn die Stadt. Der Riese sah furchterregend aus, wie er auf dem mächtigen Buamee in die Schlacht ritt.
      „Ihre Flanke besteht nur aus leicht gepanzerter Infanterie. Dort ist ihre Schwachstelle,“ rief Aluinn Durell zu.
      „Natürlich, über ihnen fliegt ja auch der Drache. Wie wollt Ihr den in dieser Höhe erreichen?“
      „Lasst auch das meine Sorge sein. Lasst Eure Männer erst dann zurückweichen, wenn der Drache fällt!“
      Gefühlt vergingen Stunden, bis Aluinn sich durch die Fußtruppen der Maenti gekämpft hatte. Viele Male stand nur sein Glück und der Arm eines Riesen zwischen ihm und seinem sicheren Tod, denn die Feinde kämpften erbittlich. Meremaer mähte mit seiner Hellebarde Soldaten nieder wie ein Schnitter das Korn. Gegen die schwere Kavallerie hatten die leichten Fußtruppen nicht den Hauch einer Chance, und bald griff Ixil-Maentaca selbst in den Kampf mit ein.
      Mit klopfendem Herzen betrachtete Aluinn den langen, gliederlosen Körper, dessen Haut mit hunderten Augen bedeckt war. Ein klaffender Mund schien das Einzige zu sein, was neben den geschlitzten Pupillen und der dunklen Haut seinen Körper bildete.
      Der Vielgesichtige schwebte über dem Schlachtfeld und blickte hinab auf die Streiter, wohl überrascht und unschlüssig, wie er auf den unerwarteten Ausfall reagieren sollte.
      Aluinn hatte derweil einen Kienspan entzündet und drückte dem Riesen eine Reiterlanze in die Hand. An dem Schaft war knapp unter der Spitze ein Sprengkörper aus den Minen befestigt.
      „Wenn ich es sage, wirfst du diese Lanze nach dem Drachen. Sie ist nicht erbaut, um geworfen zu werden und hat deshalb schlechte Flugeigenschaften; wir müssen aber mit jedem Wurf treffen! Bist du bereit?“
      Der Riese nickte. Aluinn steckte die Zündschnur des Sprengkörpers an und wartete einen kurzen Moment.
      „Jetzt!“ Mit ungeheurer Kraft warf der Riese die Lanze nach dem Drachen. Deren Spitze bohrte sich tief in eines der Augen des Monstrums.
      Ixil-Maentaca heulte auf, kurz bevor der Sprengsatz in seinem Körper explodierte. Schwarzes Blut floss aus der Wunde zu Boden und ließ siedend heißen Dampf aufsteigen. Aluinn hatte derweil den zweiten Sprengkörper angezündet, und ein weiteres Mal traf Meremaer den Drachen. Eine weitere Explosion brachte Ixil-Maentaca schließlich nicht weit von ihnen zu Fall.
      Der Riese johlte triumphierend und ritt auf die Bestie zu.
      „Halt! Er ist nicht tot, Meremaer! Er ist nicht tot!“
      Durch den Dampf schoss Ixil-Maentaca auf sie zu. Aus seinem Körper hatte er kurze Beine sprießen lassen, die ihn dennoch unsagbar schnell in ihre Richtung trugen. Aluinn gab seinem Pferd die Sporen, doch der Drache setzte im nach.
      In diesem Moment trennte der Riese mit seiner Hellebarde dem Drachen ein Bein ab. Mitten im Lauf stürzte das Ungetüm, wenige Augenblicke, bevor es Aluinn eingeholt und verschlungen hätte.
      Der Körper der Bestie bebte, doch es war geschlagen. In Sturzbächen quoll der Lebenssaft der Kreatur aus ihm heraus.
      „Jetzt sehe ich, wer du bist, Mensch.“ Die Worte des Drachen klangen in Aluinns Kopf.
      „Ich erkenne, von welchem Blute du bist.“
      Ixil-Maentaca richtete seinen gigantischen Kopf auf.
      „SEIN Blut fließt stärker in dir als in deinem Vater. Dass es gerade einer aus den Lenden dieses Feiglings ist, der mich erschlagen hat.“
      „Warum hast du uns betrogen, Vielgesichtiger? Du warst der Freund der Menschen, seit sie auf dieser Welt sind.“
      Der Drache lachte rau. „Gehasst habe ich euch, euch und eure wimmelnden Massen und wachsenden Reiche. Doch jetzt gibt es eine Macht, der ihr nicht gewachsen seid, die euch innerlich verfaulen lässt. Bald, bald werdet ihr ausgelöscht, bald stirbt eure Brut in den Bäuchen ihrer Mütter, werden eure Reiche zu Asche verbrannt. Bald erstickt eure Rasse unter einem Grabtuch aus Leichen.“
      Dies waren die letzten Worte Ixil-Maentacas, dem Vielgesichtigen, und mit seinem Tod wendete sich das Blatt der Schlacht.
      Ein Hornstoß lenkte Aluinns Aufmerksamkeit weg von der toten Bestie. Aus dem Süden marschierte ein Heer auf, ihre Fahnen zeigten das Wappen der Stadt Tene. Auch aus der Burg drangen nun die Fußtruppen Chinetts.
      „Tene eilt uns zu Hilfe! Sie müssen die Belagerer zerschlagen haben!“ Aluinn blickte den Riesen an.
      „Ich glaube, es wäre besser, wenn du das Schlachtfeld verlässt. Zu leicht wird man dich für einen Feind halten und dich töten. Nehm den Buamee mit und flieh! Hier in Chinett, dafür werde ich sorgen, wird man dich für deine Taten im Gedächtnis behalten. Wenn du oder dein Volk in Nöten sind, dann wende dich an uns, und wir werden dir helfen.“
      Meremaer nickte bloß und lenkte seinen Buamee weg von der Schlacht. Einen letzten Blick warf Aluinn auf den Kadaver des Drachen, bevor er sich auf den Weg zurück zur Festung machte.
    • Ich möchte diese Siegerehrung mit einem Gedicht von Max Dauthendey eröffnen:

      Leuchtkäfer ziehen durch die Juninacht
      Wie Blicke, die ins Dunkel fliehen,
      Ist dort im Abendlaub ein sacht Gefunkel -
      Leuchtkäfer ziehen durch die Juninacht.

      Ich möchte mich ins Gras hinknien
      Still wie ein Schäfer, der die Welt vergisst
      Und nur ein Traum bei hellen Blicken ist,
      Von denen keiner Dir am Tage lacht;
      Die nur in vager Heimlichkeit entstehen
      Und über schwüle Abendwiesen gehen,
      Von einer heißen Nacht zur Welt gebracht.
      Ich hab' zu jenen Blicken ein Gesicht erdacht
      Von zager Schönheit, dass der Tag nicht wagt
      Mehr aufzusehen, und allein die Nacht
      Tastend mit sachten Lichtern sucht und fragt.



      Der Votingzeitraum zum Schreibwettbewerb April/Mai 2014 ist hiermit abgelaufen! Und tatsächlich können wir euch auch diesmal wieder einen demokratisch gewählten Gewinner/eine Gewinnerin präsentieren.

      Hier die Auflösung:

      ...Gewonnen hat mit 10 von insgesamt 18 Stimmen... *trommelwirbel* :mamba2:


      Herzlichen Glückwunsch! Du kannst nun das Thema für den nächsten Wettbewerb vorgeben und wurdest in die Rangliste eingetragen. ;)

      Ein herzliches Dankeschön auch an alle anderen Teilnehmer! Wir hoffen, dass ihr beim nächsten Schreibwettbewerb auch wieder fleissig mitmacht und so zahlreich abstimmt. Wir sind schon sehr auf das neue Thema gespannt, das unser aktueller Gewinner hoffentlich schon bald vorgeben wird. 8)

      Übrigens könnt ihr nun auch nachschauen, wer die Autoren sind. Diese wurden den Geschichten beigefügt.

      Das war der Schreibwettbewerb April/Mai 2014. Vergesst nicht, euer Feedback zu den Geschichten zu hinterlassen! ;)

      Euer Fantasy-Geschichten-Forum
    • 8o Das war deine Geschichte? Warum hab ich das nicht erkannt? GLÜCKWUNSCH, Fuchsi, zum verdienten Sieg! :sekt:
      Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.
      Albert Camus (1913-1960), frz. Erzähler u. Dramatiker
    • @Alopex Lagopus:

      Irgendwie hatte ich das erwartet, obwohl ich noch keine deiner Geschichten gelesen habe. Ehrlich gesagt war es nach einer langen Zeit, die erste Geschichte die mich wirklich 100%ig überzeugen konnte in einem Schreibwettbewerb. Aus dem Stoff könnte man sehr gut eine eigene Welt erschaffen. Wäre mal ein Grund endlich mal einen deiner Geschichten anzufangen.

      Viel Spaß mit dem Gewinn!

      :thumbup:

      Hell und Dunkel & Das geheimnis des Himmels haben sich bei mir den 2.ten Platz geteilt.
      "Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben."
      - George Bernard Shaw -

    • Glückwunsch Alopex, irgendwie habe ich mir auch gedacht, dass das von dir kommen muss :thumbsup:
      Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
      So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.

      Die Schatten der Magie
    • @Kiwi: Wow, vielen Dank für das viele Lob von dir :blush: Das spront doch gleich zum Weiterschreiben in meinen Geschichten an :thumbsup:

      Vielen Dank auch an all die anderen Teilnehmer und an alle, die geschrieben, gelesen und gevoted haben :thumbsup:
      Neues Thema kommt demnächst, bis heute Abend hab ich mir was überlegt :)

      "Zweifel sind Verräter, sie rauben uns, was wir gewinnen können, wenn wir nur einen Versuch wagen."

      ~ William Shakespeare








      :fox:


      Besucht meinen Fuchsbau
    • Auch von mir noch ein verspätetes HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH @Alopex Lagopus:

      Du hast es dir echt verdient! Dialoge sind eben dein Ding, dass hast du eindeutig bewiesen.

      Mach weiter so, ich wünsche dir weiterhin viel Inspiration und Ideenreichtum :)

      Ich bin unendlich wie ein Ring.
      Ich bin der Schwarze Schmetterling.
      Und mein Gefühl, das keiner kennt
      glüht kurz auf

      und verbrennt.

    • Herzlichen Glückwunsch zum wohlverdienten Sieg, Fuchsi ;)
      Deine Geschichte war zwar nicht meine Erstwahl, aber definitiv auf Platz zwei :)

      Keen to the scent, the hunt is my muse
      A means to an end this path that I choose
      Lost and aloof are the loves of my past

      WAKE THE WHITE WOLF, remembrance at last

      Chaos hat gesagt, dass ich "süß und flauschig" bin :love:
    • Herzlichen Glückwunsch, Alopex.
      Ich finde deinen Schreibstil wirklich sehr sehr gut. Die Geschichte fand ich mit Abstand die beste, aber ich habe nicht für dich gewählt, weil ich fand, dass du ein weiteres Thema (Hoffung auf den Feid wegen Liebe oder so was in der Art) drinne hattest, das das Thema "Luftige Höhen und tiefe Wasser" ein wenig in den Hintergrund gestellt hat (Für mich).
      Trotzdem find ich, dass du den Sieg eindeutig verdient hast :)
      Man stirbt, wenn man vergessen wird.

      Runa: "Wir oder Sie"

      Manchmal ist es gut, wenn man nicht weiß, wovor man sich fürchten kann.