Was lest ihr gerade? (Non-Fantasy)

  • Intian uskonnot (Religionen in Indien)

    von Rolf Grönblom uebrigends... gibt's wahrscheinlich auch in anderen Uebersetzungen.


    Ich gebe glaube ich selten eine uneingeschraenkte Empfehlung fuer Sachbucher ab, aber dieses Buch hat sie verdient - es ist das beste was ich je zu Hinduismus gelesen habe. Es handelt sich ja hier um eine komplizierte Religion mit vielen Entwicklungen von den vedischen Schriften zum modernen Hinduismus, einer verwirrenden Vielfalt von Goettern und Halbgoettern und Mythen - ich hab' noch nie vorher gesehen dass jemand es geschafft haette, da Ordnung reinzubringen, aber hier ist es gelungen.


    Dazu auch noch sehr beeindruckendes Bildmaterial und Ueberblicke ueber die anderen Religionen... Wer die Chance hat das mal zu lesen (das Original ist schwedisch...) - lohnt sich wirklich!

  • Ghost Stories von M. R. James


    Ein kleines Juwel das ich entdeckt habe - das Buch ist sowas wie ein europaeisches Pendant zu Lovecraft's Geschichten, nur oft weniger krass und mehr atmosphaerisch. Es geht um unheimliche Begebenheiten, und nachdem der Autor ein Mittelaltergelehrter ist, spielen oft Zitate aus der Bibel und mittelalterliche Inschriften eine Rolle - ganz wie in Bestsellern wie dem DaVinci Code, nur... plausibler. Die Schauplaetze sind alte Landhaeuser in England, Schweden oder Daenemark, die Archive von Universitaeten und Colleges, alte Ruinen am Meer,... Jede Geschichte ist anders und glaenzt mit einem guten Einfall der noch einen unerwarteten Twist bringt. Sie sind nicht lange, aber wann immer ich eine fertig habe schaue ich auf die Uhr und frage mich - ist vielleicht Zeit fuer noch eine?


    (Als Nebenbemerkung mag ich vielleicht sagen, dass ich es in Texten schwierig finde etwas zu schreiben das ich tatsaechlich in einem Masse unheimlich finde dass es gruselt wie bei einem Horrorfilm - im Film gibt's diverse Exemplare die ich nicht unbedingt nochmal sehen mag - hat vielleicht damit zu tun dass der Film auch viel mit Sound machen kann waehrend der Lesefluss schnell unterbrochen wird. Die einzige Geschichte an die ich mich grade erinnern kann bei der ich wirklich wollte dass sie jetzt bitte bald aufhoert ist 'Hellstrom's Hive' - kennt das jemand?)

  • Heyho Thorsten

    Die einzige Geschichte an die ich mich grade erinnern kann bei der ich wirklich wollte dass sie jetzt bitte bald aufhoert ist 'Hellstrom's Hive' - kennt das jemand?)

    Nein, sorry.

    Von wem ist das denn?

  • Gibt's die Geschichte auf deutsch?

    Ich dachte Du bist Buchhaendler (und damit besser platziert um sowas zu recherchieren...). :DIch weiss es ehrlich gesagt nicht, ich lese nicht so wahnsinnig viel in deutscher Uebersetzung.

    Oh ja ich bin Buchhändler. Deshalb aber auch an Lieferbarkeit gebunden. Alles was OutofPrint ist, geht an mir vorbei. Und meines Wissens gibt es außer den Dune Bänden nichts von Herbert auf deutsch, aktuell. Deshalb meine Frage.

    Danke für deine Antwort.


    Phantastik Couch hat hier weiter geholfen. Das Buch heißt Hellströms Brut und ist in den 1990ern mal bei Heyne erschienen.

  • Ich freue mich grade drueber dass ich wieder ein bisschen mehr Zeit finde und meine Hebraeisch-Vokabellisten und Verben wieder hervorkramen kann - also ist mein aktuelles Projekt das Buch der Richter aus der Bibel.

    Und da hab' ich mich doch tatsaechlich durchgearbeitet und bin inzwischen bei Samuel 1 angekommen. Interessanterweise merkt man schon deutliche stilistische Unterschiede (haette ich nicht erwartet) - fuer 'toeten' gibt's ja diverse Verben im Hebraeischen, aber in Samuel 1 wird z.B. recht konsequent mit 'totsein verursachen' gearbeitet (auch andere Kausative sind da recht haeufig, was mich freut, denn ich will ja ueben die selteneren Verbformen zu erkennen...)


    Vom Narrativ her finde ich es auch interessanter - es geht also um den Lebensweg von Samuel der zum Propheten wird und Israel den ersten Koenig bringen wird.

  • Ich habe heute eine Anthologie von Yasushi Inoue mit dem Namen Liebe gelesen. :)

    Drei Geschichten über drei Paare und alle zur Liebe. Ich hatte sowieso mal wieder Lust auf Japan und da ist mir das Büchlein irgendwie in die Hände gefallen. Damit hatte ich heute 6 Bücher gleichzeitig angefangen ... demnächst werde ich dann wohl erstmal nichts neues anfangen. :whistling:

    Aber Liebe. Liebe, jaja, die Liebe. Die drei Geschichten gehen das Thema alle etwas anders an, aber sie haben mich alle berührt, weil sie auch viel zwischen den Zeilen zu stehen haben und ihre Themen nicht bloß oberflächlich behandeln.

    Beispielsweise handelt Geschichte 1 von zwei Personen, die völlig unabhängig voneinander in einem Hotel einkehren, weil sie sich an der Klippe daneben das Leben nehmen wollen. Selbstmordgeschichten gibt es viele und es wird sie auch immer geben, solange es traurige Poeten und Prosaisten gibt, aber viele, die ich bisher gelesen habe, haben sich so sehr auf die Traurigkeit der Figuren und so wenig auf die Gedanken über den eigentlichen Selbstmord konzentriert. Der wird dann oft eher leichtfertig durchgezogen ... dabei war meine Erfahrung mit suizidalen Menschen eher, dass in sowas viele Überlegungen einfließen und dass man vor dem Schritt schreckliche Angst hat. Sie töten sich, nicht weil sie sterben wollen, sondern weil sie zu leben nicht mehr ertragen können. Beispielsweise. Und diese Geschichte hier geht mit dem Thema mMn deutlich besser um und fängt ein, was in solchen Menschen tatsächlich vorgehen könnte.

    Die beiden anderen Geschichten sind auch toll, aber ich will nicht so viel Zeit für jedes Detail aufwenden. Geschichte 3 hatte eine Zärtlichkeit, die sie zu meinem Favoriten hier macht. Das muss genügen.


    Uneingeschränkte Leseempfehlung.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • A Grammar of Biblical Hebrew


    Meine Frau hat's gut mit mir gemeint - mein Wunsch nach einer Grammatik die ueber meine Einfuehrung hinausgeht wurde mit einem 700-Seiten Waelzer auf Uni-Level beantwortet. Jetzt bin ich also am Schmoekern...


    Ich weiss, die meisten Menschen hassen Grammatik wenn's ans Sprachenlernen geht - ich bekomme dann immer Sterne in den Augen. Warum? Weil sich mir hier immer ein Fenster auftut durch das ich sehen kann wie Menschen z.B. vor 3000 Jahren gedacht haben. Denn - genau wie heute - haben die ihre Gedanken natuerlich in Sprache im Kopf gehoert. Und aus der Struktur dieser Sprache und den Bildern die sie verwendet kann man eine Ahnung bekommen was den Menschen durch den Kopf gegangen ist.


    Das ist - meistens - eine Suche nach Kleinigkeiten, denn man lernt eine Sprache ja, indem man sie - unvollstaendig wie das halt ist - auf die eigene abbildet. Und erst wenn man die andere Sprache gut kann lernt man implizit aus Situationen die Nuancen kennen. Daher also - eine Grammatik um manchen Fragen nachspueren zu koennen.


    Zum Beispiel war mir aufgefallen - das Volk Israel zieht oft aus 'um zu kaempfen'. Nun wird aber da nicht die normale Verbform verwendet, sondern ein Nifal - was ganz grob unserem Passiv entsprechen wuerde. Also woertlich ziehen sie aus 'um bekaempft zu werden'? Erschein mir auch nicht so ueberzeugend.


    Daher habe ich das recherchiert, und die Erkenntnis des Tages ist, dass Nifal auch eine reflexive Bedeutung hat (das ist der Unterschied zwischen 'er sieht ihn im Spiegel' und 'er sieht sich selbst im Spiegel' (reflexiv)- im zweiten Fall faellt die Aktion direkt auf den Urheber zurueck'.


    Das Bild das ausgedrueckt ist, ist also vermutlich dass sie ausziehen 'um sich in den Kampf zu werfen' - der eben keine einseitige Taetigkeit ist, sondern auf sie zurueckfallen kann 'um zu kaempfen und bekaempft zu werden'. Wir lernen in einem Wort dass man sich wohl bewusst war dass eine Schlacht eine Unwaegbarkeit darstellte in der sich das Glueck schnell wenden kann.


    Und (unter anderem) wegen solcher Einblicke fasziniert mich die Grammatik von Sprachen.:)

  • Und da bin ich tatsaechlich mit Samuel 1 auf Hebraeisch durch...


    Ich muss sagen, das Buch hat mir echt gefallen, das ist eine spannende Geschichte und - zumindest was ich als Anfaenger da mitbekomme - auch in schoener Prosa geschrieben.


    Es geht also um das Koenigtum in Israel, wie das Volk einen Koenig wollte, erst Saul bekam und dann spaeter David in die Position aufsteigt um nach dem Thron zu greifen. Schlachten, Intrigen, einen depressiv werdenen Koenig, Nekromantie und philosophische Ueberlegungen mit einbegriffen.


    Warum das Buch Samuel heisst weiss ich uebrigends nicht - Samuel stirbt unspektakulaer auf 2/3 und taucht nur gegen Ende als Geist nochmal auf - aber es kommt ja auch noch Samuel 2 danach...


    Den Kern der Story (Samuel und Saul, David und Goliath...) kennt man ja irgendwie aus der 'good parts edition' - aber der Rest ist grade als Abenteuergeschichte lesenswert. Toll finde ich z.B. den Anfang wo das Volk sich einen Koenig wuenscht, und Samuel aber keinen waehlen will, weil der die ganze Institution des Koenigtums sehr kritisch sieht, und mit duesteren Worten 'Heult euch nicht bei mir aus wenn ihr dereinst unter der Willkuer eines Koenigs leidet wie jetzt unter den Philistern!' versucht, dagegen zu argumentieren.


    Der erst gewaehlte Saul macht seine Sache eigentlich ganz gut und gewinnt verschiedene Kriege, DER HERR entzieht ihm dann aber seine Gunst. Warum? Saul ist ein Softie - er weigert sich, Genozid zu betreiben. Nach dem goettlichen Kommando einen Feldzug zu starten und den Feind inclusive Frauen, Kinder, Saeuglinge, Rinderherden und Schafe auszurotten belaesst er es mit dem Sieg und Kriegsgefangenen. Daraufhin beauftragt DER HERR Samuel, jemanden zu finden der weniger Skrupel hat, Befehle zu befolgen.


    David - nach seinem Erfolg ueber Goliath bei dem etwas neidischen Saul in Ungnade gefallen - eignet sich mit seinem Soeldnertrupp ganz gut dafuer. Bei diversen Expeditionen in die Negev hat er wenig Hemmungen alle niederzumachen die er da antrifft. Was ihm spaeter einen guten Posten im Dienst der Philister sichert. Zwischendrin erhoeht er durch clevere Heiratspolitik noch seinen Einfluss.


    Sehr interessant der etwas verwirrende Ehrencodex - trotz zweier Gelegenheiten Saul einfach heimlich zu erledigen verweigert David das zweimal mit dem Hinweis, dass Saul der gesalbte Koenig ist und man sowas nicht macht. Interessant waere gewesen, was passiert waere wenn David's Soeldnertrupp im Dienst der Philister gegen Saul in den Krieg geschickt worden waere - aber das wollten die anderen Lords der Philister nicht, also durfte der ihnen nur den Ruecken freihalten. Ansonsten wird allerdings auch gerne gelogen und betrogen - wann die Standards der Ehre hoch sind und wann nicht entzieht sich mir.


    Was ich sehr beruehrend fand waren die sehr menschlichen Beobachtungen - etwa die Freundschaft zwischen David und Jonathan, Saul's Sohn, der immer wieder versucht seinen Vater zu ueberzeugen David noch wieder aufzunehmen. Oder die Nekromantin, die Saul, nachdem ihm der Geist von Samuel geweissagt hat dass er den naechsten Tag nicht ueberleben wird, auf die Seite nimmt und ihm sagt 'Komm, jetzt iss erst mal einen Happen, dann sehen wir weiter.'


    Ja, war das Buch der Richter noch ein bisschen trocken, ist Samuel 1 eine Geschichte aus der man ohne weiteres einen Abenteuerfilm machen koennte - guter Plot, schoene Szenen - hat mich ueberrascht dass es so schoen zu lesen ist.

  • Und heute auch Samuel 2 auf Hebraeisch geschafft (ich werde schneller)...


    Wie erwartet kommt Samuel da gar nicht mehr vor (er war, wie gesagt, schon in 1 gestorben). Statt dessen geht's also um David's Regierungszeit als Koenig. Stellenweise eine eher droege Aufzaehlung von wer Feldherr war und welche Kriegstaten vollbracht hat, stellenweise auch eine Soap vom Feinsten - David hat also eine Liaison mit Batseba, der Frau eines seiner Offiziere der im Feld ist. Dummerweise wird sie schwanger, so dass er etwas in Erklaerungsnoete geraet. Also muss dem Offizier das Kind untergeschoben werden, weswegen er ploetzlich Heimaturlaub bekommt... Der geht aber gar nicht zu Batseba, sondern uebernachtet mit der Brgruendung 'wie kann ich mein Heim geniessen wenn die Freunde noch im Feld sind?' in der Kaserne. Dumm fuer David, der dann versucht ihn mit Wein abzufuellen - was leider auch nicht klappt. Also ein schneller Brief an Joab den Oberkommandierenden - kann man das nicht so einrichten dass dem was passiert? Man kann, und die gute Batseba ist dann als Witwe frei, David's (vierte?) Frau zu werden. Nur - DER HERR ist nicht amuesiert und schickt Nathan vorbei der David den Kopf waescht...


    Wie gesagt - Game of Thrones kann einpacken dagegen...


    Leider sind die guten Teile nicht so wahnsinnig viele, und es wird dann auch schnell wieder langweiliger.

  • Mich hat schon lange kein Buch mehr derart sprachlos zurückgelassen wie Ilja Leonard Pfeijffers „Grand Hotel Europa“ (2019) – was problematisch ist, wenn man dann anschließend eine Rezension drüber schreiben will. Auf die Gefahr hin, dass ich vielleicht doch gar nicht so wortwörtlich sprachlos bin, versuch ich’s trotzdem.


    Will man wissen, worum es geht, liest man am besten nicht den Klappentext. Keine Ahnung, wer sich den ausgedacht hat, aber er hat im Prinzip ein Dreiviertel des Buchinhalts mal eben ganz elegant – oder auch weniger elegant – weggekürzt. „Grand Hotel Europa“ ist faszinierenderweise eine wilde Melange aus Gattungen, die der Autor so übergangslos ineinander mischt, dass man schwerlich einen Überbegriff für das Ganze findet. Unzweifelhaft finden sich starke autobiografische Bezüge, dann ist da das klassische postmoderne Liebesdrama inklusive retardierendem Moment, die Komik kommt auch nicht zu kurz, stark durchschlagend sind auch die Reisereportage und sogar ein fast schon kriminalistischer Kunsthistoriker-Quest-Thriller. Und steht das Buch auch völlig zu Recht im Belletristik-Regal jeder gut sortierten Bibliothek, fasziniert doch am meisten das, was nicht ausgedacht ist: Pfeijffer streut so mühelos Fakten, Entwicklungen, Prozesse über Europa, den Massentourismus, Alte Meister, Fluggesellschaften, klassische Musik, AirBnB, den Untergang Italiens und Globalisierungstrends ein, dass es eine wahre Freude ist, sich auf diese Weise weiterzubilden.


    Ja, okay. Und worum geht es jetzt eigentlich?


    Ein Schriftsteller, etwas verleibt, wie von seiner (Ex)Freundin ständig betont wird, und in den besten Jahren, zieht sich in ein altes Nobelhotel der Extraklasse zurück, um dort den Niedergang seiner großen Liebe (eben jene nörgelnde Exfreundin) aufzuschreiben. Zunächst oberflächlich die Mechanismen, den Verfall und die Neukreation dieses Grandhotels bestaunend und mit dem Piccolo des Hotels über dessen traumatisierende Flucht aus Afrika philosophierend, taucht er schon bald in die Tiefen seiner holländisch-italienisch-europäischen Vergangenheit ab. Das hehre Ziel, von seiner Exfreundin, der Historikerin Clio („die Muse der Geschichtsschreibung“) zu berichten, hält er aber nicht stringent durch, sondern teilt seine ursprünglichen literarischen Absichten schon bald in eine facettenreiche Kritik des Tourismus, das mysteriöse Lebensende Caravaggios und die Bemühungen mehrerer verpeilter Kleinkünstler auf, die aus seinem letzten Buch einen Avantgarde-Kunstfilm machen wollen. Zwischendurch philosophiert er über Europa, das so sehr zu seiner Heimat geworden ist, dass er den Verfall, den schlechten Ruf, das Leben inmitten von kultureller Vergangenheit (die sich nicht mehr reproduzieren lässt) ebenfalls vielseitig beleuchten kann. Natürlich nicht, ohne eine gewisse Wehmut zu verspüren.


    Zwischendurch recht essayistisch angehaucht, sind der elegante, detailgetreue Schreibstil und die ausgemacht feinsinnige Komik dahinter zwei weitere Glanzlichter des Romans. Beim Lesen geschah es nicht selten, dass mir der Mund offen stehenblieb – so vieles, was man am Phänomen Europas oder des Tourismus unterbewusst schon kennt, hat Pfeijffer gnadenlos in Fakten verpackt auf Papier gebändigt, so dass man ein ganz neues Verständnis davon bekommt, was es heißt, als Städtereisender durch Museen und Paläste zu marschieren, überall Fotos zu machen, um zu beweisen, dass man dort war, und damit nicht besser zu sein als die Horden aus China, die sich eine Europareise einmal im Leben leisten und demzufolge alles und jeden abknipsen. Und ja, ich weiß, dass ich gerade einen extremen Schachtelsatz über viele Zeilen geschrieben habe.


    Lange Rede, kurzer Sinn: Fünf Sterne. Auch, wenn man nach dem Klappentext etwas ganz anderes erwartet, wird man nicht enttäuscht.

  • Komm. ich erzaehl' dir eine Geschichte von Jorge Bucay


    Mal zwischendurch aus dem Regal gegriffen... Worum geht's? Der Autor, Therapeut, erzaehlt von einer (wahrscheinlich fiktiven) Therapie eines gewissen Damian - aus dessen Sicht - und zu jedem Thema das da so angerissen wird weiss er eine Geschichte zu erzaehlen.


    Das klingt unspektakulaer, aber versammelt recht viel Weisheit. Da ist der glueckliche Diener eines Koenigs, der dadurch ungluecklich wird dass ihm der Koenig einen Beutel mit 99 Goldstuecken geben laesst - so dass er sich den Kopf zermartert wie er noch ein Goldstueck mehr bekommen kann, denn erst die 100 sind die runde Summe. Oder der Zirkuselefant der an einem laecherlich kleinen Pflock angekettet ist, der aber gar nicht probiert den auszureissen weil er ja von klein auf dran gewoehnt ist. Der Bettler, dem ein Passant spoettisch nachsagt: 'Tja, wenn du ab und an dem Herrscher schmeicheln wuerdest, koenntest Du was anderes essen als Linsensuppe' - und dem der Bettler entgegnet: 'Tja, wenn du Linsen essen wuerdest, muesstest du dich nicht jeden Tag verbiegen um dem Herrscher zu schmeicheln'. Zwischendrin philosophische Exkurse - wem schaden Luegen eigentlich - dem Luegner oder dem Belogenen?


    Bucay provoziert - mit Thesen wie 'Nichts wofuer man sich anstrengen muss fuehrt zu was das wirklich was wert waehre' (ich denke ich weiss was er meint - wenn ich hebraeische Vokabeln lerne ist das vielleicht nervig, aber es stoert mich nicht weil ich es ja will und mich dann freue wenn mein Textverstaendnis besser wird - also strenge ich mich nicht wirklich an etwas zu tun das ich eigentlich nicht will).


    Insgesamt nahe dran aus dem was ich so im Lauf meiner Jahre gelernt habe was ein gutes Leben ausmachen koennte und wie man selbstbestimmt lebt. Aber eben leichter und spielerischer Einstieg, denn es sind alles Geschichten und Maerchen die da erzaehlt werden - und die ueberraschend enden.


    Wer die Chance hat - reinschauen!

  • Ich habe eben ein Buch abgebrochen. :( Schade, aber ich hatte einfach keine, wirklich keine Freude dran.

    Tod im Land der tausend Seen von Jana Jürss. Das ist ein Lokalkrimi in Mecklenburg-Vorpommern, in der Stadt, in der ich zur Schule gegangen bin. Das reizt mich erstmal. :) Leider sonst eigentlich nichts. Auf inhaltlichen Punkten wird zu oft einfach zu viel rumgeritten. Ja, ich weiß, dass die Familie um den verstorbenen Vater trauert. Ist auch traurig, ich kapier das. Aber hätte man in dem Absatz zwei, drei Sätze mit diesem Inhalt gestrichen, wäre es immer noch überdeutlich gewesen. Dx Und die Tendenz kam immer wieder. Das ermüdet, zumindest mich, recht schnell.

    Irgendwie haben sich diese ersten 66 Seiten einfach flach angefühlt. Inhaltlich war, zugegeben, nicht für viel Zeit, aber die Dialoge, die Beschreibungen, die Figuren, alles wirkte irgendwie oberflächlich.

    Mir tut es jedenfalls leid, weil ich wirklich gerne gute Worte für ein Buch in Neustrelitz übrig hätte. :/

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Nachdem wir grade den Film geguckt hatten, hatte ich Lust es mal wieder zu lesen: Der Name der Rose von Umberto Eco


    Ich bin ja generell kein Fan von Historienromanen, denn... ich suche irgendwie nach einer Wahrheit drin, wie war es so, damals zu leben? Aber in den meisten dieser Romane begegnen uns moderne Menschen mit einem modernen Mindset - Religion ist da irgendwie ein komischer Brauch den keiner ernst nimmt etc.


    Nicht so bei Eco - der gibt sich Muehe uns in die Gedankenwelt der damaligen Zeit mitzunehmen. Adson, der Erzaehler, hat seine spirituellen Visionen die fuer ihn die Wahrheit darstellen. William von Baskerville, der Detektiv der Geschichte, kommt am ehesten einem modernen Verstand nahe - aber auch er nimmt seine Religion ernst, er nimmt auch Ubertino di Casale, einen Mystiker ernst. Wir bekommen in der Geschichte philosophische Argumente der Zeit vorgesetzt - der Abt des Klosters argumentiert warum der Reichtum der Altarschaetze den Ruhm Gottes mehrt, William und Ubertino argumentieren fuer Armut, es geht um Fragen wie wann recht fleischliche Visionen doch heilig und wann ketzerisch sind,...


    Wenn man einen schnellen Plot erwartet, wird man die ganzen Exkurse eher hinderlich finden, aber inzwischen bin ich bereit fuer dieses Buch, ich finde viel der mittelalterlichen Philosophie wieder die ich mir angelesen hatte, die Gedankenfiguren die Menschen damals wirklich beschaeftigt hatten,...


    Der Name der Rose ist einer der wenigen historischen Romane die ich kenne die einen wirklich die Gedankenwelt der damaligen Zeit erleben lassen, und als solches einfach faszinierend zu lesen - fuer mich geht dabei fast unter, dass im Hintergrund auch eine spannende Geschichte erzaehlt wird, so sehr kann ich mich fuer das Ambiente begeistern.


    Zu Recht ist das ein Buch das sehr bekannt geworden ist.

  • Ich lese gerade "Die Kunst des stilvollen Wanderns - Ein philosophischer Wegweiser"* von Stephen Graham. Dem Titel nach könnte es einer dieser zahllosen Ratgeber sein, die irgendein C-Promi geschrieben hat und irgendwann zwischen 2000 und 2020 erschienen sind. Ist aber nicht so. Es handelt sich um ein 1926 erschienenes Werk eines schottischen Schriftstellers, Journalisten und Reiseberichtschreibers. Im Vorwort heißt es, das Buch leide ein wenig an dem Wörtchen "Wandern" im Titel, weil es eher ein allgemeiner Ratgeber für lang andauernde Outdoorexkursionen und Pilgerreisen ist. Der Stil dabei ist vermutlich vor allem für Liebhaber schön und witzig zu lesen. Ich zähle mich da einfach mal dazu ^^

    Ein Zitat mit einem Ausrüstungstipp verdeutlicht das ganz gut:

    Zitat


    In einer Tasche des Rucksacks sollte man Schlips und Kragen aufbewahren, die man notgedrungen anlegen kann, falls man gezwungen ist, eine Post, eine Bank, einen Geistlichen oder die Polizei aufzuscuhen. Ansonsten lassen wir den obersten Hemdknopf bevorzugt offeen und sind mit freien Hälsen und Kehlen unterwegs.

    Daneben gibt es natürlich auch wirklich zeitlos gute Tipps, die immer ein wenig philosophisch begründet werden. Philosophisch ist dabei (zumindest am Anfang) nicht tiefschürfend zu verstehen, sondern eher so Alltagsphilosophie. Gewürzt wird das Ganze zusätzlich mit einer Menge an literarischen Verweisen und Zitaten von allerlei (un)bekannten Schriftstellern.

    Ich hab's als Geschenk bekommen und muss sagen, dass man das für jeden Wanderbegeisterten eigentlich bedenkenlos ebenfalls als Geschenk auswählen kann. Wer also was für jemanden in der nächsten Zeit braucht, wird hier vielleicht fündig.



    *Im Englischen Original lautet der Titel: "The Gentle Art of Tramping", was mehr die Idee der "Mehrtagestour" oder des ohne Ziel durch die Welt Wanders mit transportiert. Das gefällt mir fast besser :hmm:

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Um das letzte, leider nicht gute, Buch auszugleichen, habe ich die letzten vier Tage Die Großrussin von Stefan Schwarz gelesen. :)

    Das Buch ist, genau wie der Krimi es war, etwas untypisch für mich, aber sowas hat ja seinen Reiz. Es ist eine Komödie, durchaus leichte Kost, aber intelligent geschrieben und unterhaltsam - also nicht so sehr auf Witz fokussiert, dass es anstrengend wird. Sehr sehr schön! Aber worum geht es?


    Ulrich Hasselmann ist Altphilologe, also er beschäftigt sich mit alten, toten Sprachen und hat sich auf die Verslyrik des späten römischen Kaiserreiches spezialisiert, und er ist unser schrulliger, etwas neurotischer Protagonist. Er hat eine Frau und zwei Töchter (Zwillinge), ist ein kleiner Mann und führt ein harmloses Leben. Nur beginnt das Buch damit, dass er mit den Füßen in einem Eimer voll hartem Beton in einen See geworfen wird. Tja.

    Hasselmann wird von seiner Vergangenheit eingeholt, in der er eine Scheinehe mit einer Russin geführt hat, um seine Doktorzeit zu finanzieren ... und das zieht ihn nun, Jahre später, in absurde Situationen, die er krampfhaft vor seiner Ehefrau zu verheimlichen versucht, während er gleichzeitig auch sehr bemüht ist, am Leben zu bleiben.

    Das Büchlein ist also auch etwas komplex, da es mehrere Zeitebenen parallel laufen lässt. Das war mMn sehr gut umgesetzt.


    Das Büchlein ist etwa 280 Seiten lang und durchweg einfach sehr unterhaltsam. :D Ich kann es eigentlich ohne Einschränkungen empfehlen.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]