Himmelsjäger [2. Fassung]


  • Der Anblick war so surreal.
    All die Sklaven, die an diesem Morgen Schlange standen, sich nacheinander von einem echten Arzt untersuchen ließen, der tatsächliche Notizen über Namen und Beschwerden niederschrieb. Sie warteten, in einigen der Gesichter stand in breiten Lettern Hoffnung geschrieben. Aber so sehr Paavo sich auch für sie freute, so sehr bereitete ihm der Anblick Unbehagen. Es war eine Ahnung, dass diese Geste des Gutsherrn ihren Preis haben würde.
    „Na, aber, mein Lieber!“, sprach der Arzt empört, mahnte so kontrolliert wie effektiv, „Das finde ich aber nicht in Ordnung! Du bist seid kerngesund. Wenn du wolltest, könntest du fröhlich über den Platz hüpfen. Ab, fort! Du verschwendest meine Zeit. Zeit, die deine Kollegen deutlich nötiger haben!“
    Der Sklave duckte sich unwillkürlich, diese ungewohnte Höflichkeit des Arztes verzieh seinem peitschenden Tadel zusätzlichen Biss, aber viel härter trafen die verächtlichen Blicke der Mitsklaven. Paavo kannte einige davon vom Pflugziehen, manche klagten schon seit Monaten über eingetretene Steine, Strohhalme und Muskelschmerzen.
    „Verzeihung, mein Herr“, murmelte der Sklave und stahl sich unterwürfig davon. Die Ratte suchte ihr Loch.
    „Das stinkt zum Himmel“, setzte sich Fadi neben Paavo. Der Alte hatte sich vorhin verabschiedet und zu anderen Sklaven zurückgezogen.
    „Ach, komm schon. Für dich stinkt doch alles, was vom Gutsherrn kommt. Über einen Arzt können wir wirklich froh sein.“
    Paavo ließ seine Augen dem Rattensklaven folgen, der in den Zwinger flüchtete.
    „Ja, da hast du wohlmöglich sogar recht mit“, gab Fadi zu. „Aber ich habe allen Grund, misstrauisch zu sein, findest du nicht?“
    Nicken.
    „Na also.“ Fadi seufzte. „Gleich geht es wieder los. Wenn die Schlange abgearbeitet ist. Dann geht es wieder aufs Feld.“
    „Etwas anderes habe ich nicht erwartet“, meinte Paavo und zuckte mit den Schultern. „Worauf willst du hinaus?“
    Schnauben.
    „Worauf ich hinaus will? Das sag‘ ich dir! Diese Leute dort …“, er deutete auf die Sklavenschlange, „… haben das für den Moment komplett vergessen. Und das stinkt mir. Es geht mir so gegen den Strich, da reichen unsere Peiniger einmal das Zuckerbrot und schon ist alles vergessen, was uns angetan wurde! Nur um sich den Arsch zu retten und so tun zu können, als würde es einem jetzt besser gehen, wird die eigene Selbstachtung über Bord geworfen. Nun werden einige wohl denken, dass der Gutsherr und all diese Sklaventreiber vielleicht doch keine so üblen Schweine sind. Du hast gesehen, was für Blicke die anderen für den Schwindler übrig hatten. Sowas können wir nicht gebrauchen. Was wir wirklich brauchen ist Wut! Alles andere bringt nichts, hält uns nur in diesem Loch hier gefangen. Wir brauchen mehr Wut, der Kessel muss dampfen, der Druck steigen, bis uns dieser Ort hier um die Ohren fliegt!“
    Fadi spuckte aus.
    „Darauf will ich hinaus, Kleiner.“
    Überrumpelt hielt Paavo die Luft an. In seinem Ärger war Fadi beherrscht wie immer, aber dass er so auf Krawall gebürstet war, kam unerwartet. Sofort tadelte er sich und holte sich seine Fassung zurück. Weder vor Fadi noch vor dem Alten durfte er seine Deckung fallen lassen.
    Deckung. Das war ein gutes Wort. Paavo fühlte sich wie bei einer Schlägerei. Von allen Seiten wurde mit Ratschlägen, Argumenten und Meinungen auf ihn eingedroschen. Man meinte zu helfen, doch jedes Wort war eines zu viel, türmte sich auf dem vorherigen zu einem Haufen auf, lastete schwer auf Paavos Gedanken.
    Der Alte. Fadi. Auf keinen Fall wollte Paavo ohne einen von ihnen auskommen, aber … Fadi war eine wohlwollende, immernegative Stimme. Er half zu verstehen, aber nicht damit zu leben. Der Alte auf der anderen Seite strahlte Trost und Weisheit aus – was ihm wohl seinen Namen eingebracht hatte – und ein kurzes Gespräch reichte meist schon, um zu fühlen, nein, zu wissen, dass man einen Sinn hatte. Und doch war etwas faul an ihm.
    Konnte nicht jemand dem anderen ein Leuchtfeuer sein, ohne ihn wie ein Irrlicht ins Verderben zu führen? Konnte nicht jemand ein Geheimnis haben, ohne –
    Plötzlich ein Gedanke. Gestern Abend.
    „Sag mir, Fadi, was war das gestern von Eri?“
    „Du meinst das mit den Feen?“
    Fadi schüttelte nur den Kopf, sehr zu Paavos Ärger.
    „Vergiss das einfach, es war nicht weiter wichtig.“
    „Du verheimlichst mir doch etwas, Fadi!“, raste es unerwartet aus Paavo heraus. Es kam zusammen mit dem Wunsch, etwas in Trümmer zu schlagen. Auf dem Zwingergelände gab es dafür nichts Passendes, das wusste er, und der Frust darüber floss direkt ins erste Gefühl zurück. Dieser Teil von ihm hatte bereits eine stille Vorfreude auf die Zeit nach der Ernte, wenn die Sklaven für Monate nur noch Holz hacken würden. Fadi mochte alles besser wissen, aber auch er war nicht ganz ehrlich!
    „Tatsächlich?“, fragte Fadi, nicht im Geringsten von Paavos neugefundener Feurigkeit beeindruckt. „Man könnte glatt meinen, dass du das dem Alten sagen wolltest. Und nicht mir.“
    Sprachlosigkeit. Es hatte ihm die Worte aus den Händen geschlagen, ihn entwaffnet. Die Ohren liefen heiß an.
    „Kleiner, ich spreche zwar von Wut, aber so ohne Verstand und Richtung wird das auch nichts. Also, was Eri angeht … Sie ist in einem Dorf aufgewachsen, in dem man an solche Wesen glaubt. In Ordnung? Mehr ist da auch nicht dran.“
    Sofort schossen Paavo Erinnerungsfetzen durch den Kopf. Der Alte hatte gesagt, sie käme aus dem Falkengebirge, von weit, weit weg. Fadi schien etwas zu wissen, die Neugier in Paavo wollte fragen, gestillt werden. Er legte schon ungeduldig die Worte, die Fragen zurecht, in dem Wissen, dass er sie nicht stellen sollte.
    „Verstanden.“
    „Schön.“
    Aber vielleicht sollte er es wagen und den Alten konfrontieren … ?
    „Wenn ich das richtig verstanden habe“, flüsterte nun Paavo, folgerte mit Bedacht, „dann hoffst du auf so etwas wie einen Aufstand.“
    In Fadis Gesicht war so etwas wie Stolz zu erkennen, es war nicht klar zu deuten und es wusste sich gut zu verstecken.
    „Kann man hier denn auf irgendwas hoffen? Da bin ich mir nämlich nicht so sicher.“
    „Gibt es also nichts, worauf du hoffst?“
    „Mh. Doch. Auf das Nötigste. Kampfgeist.“
    Die Frage war also: Wollte Paavo ein Kämpfer sein?

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

    Einmal editiert, zuletzt von kalkwiese ()

  • Okay, @kalkwiese, ich gestehe - mit dem Abschnitt tue ich mich ein wenig schwer. Ich will mal versuchen, es zu erklären.


    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]


  • Siehe Schreibfeders letzter Post. Kann der liebe, gute Bauernfürst nicht einfach mal aus Herzensgüte handeln ...?

    Nö, weil:

    „Worauf ich hinaus will? Das sag‘ ich dir! Diese Leute dort …“, er deutete auf die Sklavenschlange, „… haben das für den Moment komplett vergessen. Und das stinkt mir. Es geht mir so gegen den Strich, da reichen unsere Peiniger einmal das Zuckerbrot und schon ist alles vergessen, was uns angetan wurde! Nur um sich den Arsch zu retten und so tun zu können, als würde es einem jetzt besser gehen, wird die eigene Selbstachtung über Bord geworfen. Nun werden einige wohl denken, dass der Gutsherr und all diese Sklaventreiber vielleicht doch keine so üblen Schweine sind. Du hast gesehen, was für Blicke die anderen für den Schwindler übrig hatten. Sowas können wir nicht gebrauchen. Was wir wirklich brauchen ist Wut! Alles andere bringt nichts, hält uns nur in diesem Loch hier gefangen. Wir brauchen mehr Wut, der Kessel muss dampfen, der Druck steigen, bis uns dieser Ort hier um die Ohren fliegt!“

    Obwohl ich nicht glaube, dass der Bauernfürst nicht auch gute Absichten für die Sklaven hat. Aber wann immer sich etwas zum Guten verbessern soll, schlägt was dazwischen. Vielleicht lebt der Bauernfürst ja nicht mehr solange, weil ein Sklave wie Fadi seiner Wut Luft macht? Dann wäre die Kacke am Dampfen.

  • Nur noch mal ganz kurz, @kalkwiese, um zu erklären, warum es mir ungewöhnlich vorkam mit dem Wechsel von Mehrzahl in Einzahl.

    Eigentlich fand ich es eindeutig, dass "unsere Peiniger" die Unterdrücker meint und die Einzahl sich auf die Einzelpersonen, die den plötzlichen Wohlwollen ausnutzen wollen und dafür den eigenen Stolz über Bord werfen. Aber selbst wenn etwas eineindeutig formuliert ist, muss es nicht heißen, dass ein Leser es nicht irreführend findet. Ich gucke, ob ich da was Besseres finde.

    Der unterstrichene Part ist mir nicht so vie von dir beabsichtigt klargeworden. Ich war nämlich der Meinung, "seinen Arsch zu retten" bezieht sich auf den Gutsherrn, der - um sich gut Freund mit den Sklaven zu machen - ihnen einen Arzt organisiert hat. aber so, wie du es wohl gemeint hast, sind die Sklaven gemeint. Hier könntest du doch irgendeine abfällige Bezeichnung einfach davor setzen (z.B. "Diese Ratten!"), und auch wenn du schreiben würdest "nur um ihren Arsch zu retten" wäre es aus meiner Sicht noch besser verständlich. Aber alles nur Vorschlag - du bist der Autor. ^^

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Ich mag beide Teile. Sie sind interessant und lassen Raum für Interpretation. Ob der Fürst das aus reiner Nächstenliebe tut, wage ich zu bezweifeln. Der wird schon noch irgendwas kommen. Aber muss das unbedingt etwas Schlechtes sein? Ich erinnere mich daran, dass er die nahen Obrigkeiten zu sich einladen wollte (ich hoffe, ich erzähle gerade keinen Bullshit xD), um denen etwas zu präsentieren. Da macht ein gepflegter Hof mit versorgten und "zufriedenen" "Arbeitern" doch sicherlich einen guten Eindruck. :hmm: So weit meine Überlegungen.
    Ich bin gespannt wie es weitergeht. :)


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -




  • Ein Meer aus Federn


    „Dann bleiben noch zwei Äpfel“, murmelte Konrad und reichte Chisana den Dritten.
    Sie standen an der Burgmauer und hatten sich etwas abseits in die Büsche zurückgezogen. Bevor sie dem roten Kasten folgen konnten, mussten Vorbereitungen getroffen werden.
    Gierig griff Chisana das Obst und stürzte sich in den wehrlosen Apfel hinein.
    „Wieso macht dich der Unsichtbarkeitszauber eigentlich so hungrig und die anderen nicht, Chisana?“
    Staunend schlich Konrad um den schwebenden Apfel, den Chisana mit ihrem kleinen, wütenden Mundwerk bis zur Unkenntlichkeit entstellte. Die Kerne wurden unachtsam zur Seite geworfen, in windigster Eile blieb nur noch der Stiel übrig. Und fiel geräuschlos zu Boden.
    Mit einem Rülpsen machte die Fee es sich wieder in Konrads Haaren bequem.
    „Naja, etwas schweben zu lassen, ist nicht weiter schwierig, wenn man den Bogen erstmal raus hat“, bleckte sie sich noch die Zähne und schmatzte. „Es ist, als würdest du den Apfel in der Hand halten. Für dich ist das auch nicht anstrengend, richtig?“
    „Richtig.“
    „Genau. Etwas unsichtbar zu machen, ist aber schon kniffliger. Stell dir vor, du müsstest ganz viele Spiegel so anordnen, dass man vor einer Wand genau das sieht, was hinter einer Wand ist. Und das egal, von welcher Seite man schaut.“
    „Geht das überhaupt?“
    „Öhm“, kratze sie sich am Kopf, „Keine Ahnung, ob man das mit Spiegeln kann. Also, mit Magie geht das auf jeden Fall!“
    Fingerschnippen.
    Dass Konrad nun an sich herunter sah, war mittlerweile ein Reflex geworden. Er vergewisserte sich, dass Magie noch immer echt war und er noch immer diesen jahrelangen Traum träumen durfte, in dem diese Dinge niemandem passierten. Nur ihm.
    „Aber das weißt du ja schon, nicht wahr, mein Prinz?“
    Er schwieg zustimmend, während sein Kopf etwas abdriftete. Gedanken an die rote Kutsche drängten sich ihm auf, und was sich wohl darin befinden würde. Da war eine Lücke, und sein Kopf füllte sie aus, stopfte nacheinander jedes Märchen hinein, das er sich zusammenspinnen konnte. Die Gedanken drängelten, mehr noch, stritten sich geradezu darum, Bild in diesem Bilderrahmen werden zu dürfen.
    „Chisana, ich fürchte mich etwas“, gestand Konrad und es rötete sein beschämtes Gesicht.
    „Ach, mein Prinz, das muss du nicht. Wenn ich bei dir bin, kann dir gar nichts passieren.“
    Ihre Worte. Die Ruhe, die aus ihnen herausströmte, legte sich auf die Lücke, linderte die böse Ahnung etwas. Es erinnerte Ihn an den Traum, den er an diesem Morgen gehabt hatte, kurz bevor Chisana ihn weckte.
    Langes, sachtes Seufzen, dann war seine Furcht entschwunden. Ich hab dich lieb, Chisana …
    „Also gut.“
    Zügig und doch bedächtig schritt er durch das Tor der Burgmauern. Vom Schleichen durch die Burggänge wusste er, dass er nicht zu laut sein durfte, also achtete er darauf, seine Füße anständig zu heben und nicht zu schlurfen. Dabei beobachtete er die Menschen um sich und fluchte bei jeder kleinen Staubwolke, die seine Schritte unweigerlich aufwirbelten. Die letzten Wochen waren recht trocken gewesen.
    Der Weg vor Konrad erhob sich sanft zu einer Steigung. Es war eine längliche, breite Gasse, die den Besucher einführte, ihm klarmachte, was für einen Ort er da besuchte. Ja, die kahlen, rissigen Wände und das wurmstichige Holz in den Wehranlagen sprachen Bände in mehr Sprachen, als die meisten Menschen jemals hören würden.
    Einige Leute waren auf der Straße. Manche unterhielten sich am Tor mit den Wachen, andere kamen Konrad und Chisana entgegen, tauschten hitzige Gedanken aus. Zwei von ihnen näheren sich auf direktem Wege. Konrad wollte sie vorbeiziehen lassen und blieb etwas abseits stehen. Spitzte die Ohren.
    „Verarsch mich nicht.“
    „Aber ich sag‘s dir doch! Da war‘n keine Pferde. Es is‘ einfach gerollt!“
    „Ach, du hast doch zu lange in der Sonne gestanden. Sowas glaub ich erst, wenn ich es sehe.“
    „Du hätt‘st es seh‘n können, wenn du gekommen wärst, als ich dich gerufen hab! Selber schuld!“
    Niemand bemerkte ihn, alle anderen waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt. So war es kein Hindernis, die sanfte Steigung unbemerkt hinter sich zu lassen und das zweite Burgtor zu durchschreiten.
    Sie erreichten den ersten größeren Innenhof, auf dem sich wieder einige Leute tummelten. Onkel Martes hatte einmal erzählt, dass in der Burg mehr Menschen leben würden, als man ernähren konnte, seit das Protektorat ihr kleines Land besetzt hielt. Einige Gebäude wurden deshalb zu kleinen Gärtnereien umfunktioniert, andere zu Stallungen für Tiere, und trotzdem kamen fast jede Woche Kutschen mit Nahrungsmitteln.
    Die Lage musste ernst sein, doch Konrad wollte von all dem nichts wissen. Solche Dinge waren etwas für Erwachsene. Und das waren Menschen, mit denen Konrad sich nicht identifizieren konnte. Oder wollte. Chisana war sicher der gleichen Meinung.
    Durch die Besatzung war Konrads Welt leider ein frustrierend kleiner Ort, immer gewesen. Noch kleiner war die Aussicht, dass sich daran etwas ändern würde.
    An den Stallungen sprach man aufgeregt, einige Leute wirkten gar verängstigt. Man kümmerte sich hier um die Pferde und kleine Tiere, wie Kaninchen und Hühner. Beim Pferdestall gestikulierte jemand wilder, als Chisana den Apfel ermordet hatte, Konrad konnte seinen Blick kaum abwenden: „So groß war das Ding! Und so lang!“
    Plötzlich wurde er zur Seite gerissen, ein Schreck ruckte durch seinen Körper, jemand rannte haarscharf an ihm vorbei. Blinzelnd blieb er stehen, in einem Moment fragender Stille.
    „Keine Angst, ich hab dich. Der Mistkerl hätte dich fast umgerannt“, flüsterte die Fee.
    In Konrads Vorstellung warf Chisana dem Mann einen bösen Blick zu und hätte ihm vielleicht auch einen bösen Zauber auf den Hals gejagt. Ganz falsch lag er mit dem Gedanken nicht.
    „Tu ihm nicht weh, ja?“, flüsterte er zu seinen Haaren herauf.
    Von ihnen viel nur Grummeln herunter.
    Wieder sah Konrad sich um. Wo mochte der Kasten hinverschwunden sein? Seine Schritte trugen ihn weiter vorwärts.
    Als er sich den Kaninchenbuchten näherte, bot sich ihm ein seltsamer Anblick. Das Zauntor, das daneben zu den Hühnern führte, stand einen kleinen Spalt breit offen, doch die Hühner liefen nur wie sonst ziellos durcheinander und pickten auf einigen Körnern herum, als hätten sie die Freiheit nicht bemerkt, die an ihrer Tür die kleine Glocke läutete.
    Niemand schien sich dafür zu interessieren, bis auf eine junge Frau, die sich flüsternd mit den Kaninchen unterhielt. Sie trug ein praktisches Sommerkleid, in angenehmem Orange.
    Konrad kam näher.
    „Oh, ja, armes Ding. Haben deine Kleinen nicht überlebt? Oh weh.“
    Einen Moment, in dem die Frau gebannt in die Buchte schaute, blieb es ruhig.
    „Ja, ich verstehe.“
    Sie ließ die Tür offen und ging zum nächsten Tier. Es war ein halb geflüstertes, halb stummes Frage-Antwortspiel und sie spielte es mit jedem der Muffler – Konrad beobachtete sie, fasziniert von ihrer geduldigen Ruhe. Erst, als sie einen großen Schritt nach hinten trat, stolz Abstand von ihrem Machwerk nahm, fiel bei Konrad der Groschen.
    „Lauft, meine Kleinen!“, befahl sie, ohne Verzögerung stürmten die Tiere los. Die Kaninchen stießen ihre Türen zur Seite und hoppelten um ihr kleines, pelziges Leben – gingen dabei völlig in den Hühnern unter, die wild durcheinander rannten. Als hätten sie sich abgesprochen.
    Erschrocken riss Konrad die Arme in die Luft.
    Menschen riefen entsetzt durcheinander.
    „Fangt sie ein!“
    „Meine Hühner!“
    „Meine Pelze!“
    Die junge Frau lächelte nur.
    Und flüsterte Konrad im Vorbeigehen zu.
    „Grüß den Frühling von mir, wenn du ihn siehst.“
    Er erstarrte.
    Sie zwinkerte.
    Dann tänzelte sie leichten Schrittes davon. Um sie herum ein Meer aus Federn.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Ich musste erstmal umschlagen. Wir waren jetzt so lang bei den Sklaven, dass ich überlegen musste, wer Konrad nochmal war XD
    Da hat also eine ominöse Frau alle kleinen Tiere frei gelassen, warum auch immer sie das getan hat o.O Jemand, der nur für etwas Unruhe sorgen will? Aber so freundlich wie sie mit den Tieren umgegangen ist, scheint sie die Tiere wirklich nur befreien zu wollen., Und warum hat sie Konrad gesehen? Sehr merkwürdig. Ob das etwas mit dieser Kutsche zu tun hat, nach der Konrad und Chisana suchen? :hmm:
    Ich bin gespannt. ^^


    LG, Kyelia



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    - Toni Morrison -



  • So, ich kam auch endlich dazu, den neuen teil zu lesen :D Da scheint auf der Burg ja jemand sehr tierlieb zu sein. Gerade bei Konrad ist die Geschichte sehr märchenhaft. Irgendwie begegnet er dem Frühling und jetzt auch noch einer Frau, die einfach Tiere freilässt .

  • @kalkwiese


    Schöner Teil, der uns die Burg mal ein bisschen näherbringt. Anhand der Beschreibungen kann ich mir gut vorstellen, wie es dort zugehen mag. Auch dass eine Frau die Tiere freilässt. Was natürlich sonderbar ist, ist die Tatsache, dass sie vorher mit ihnen geredet hat und - dass sie Konrad offenbar sehen konnte. Der war doch unsichtbar, wenn ich das richtig gelesen habe, oder? :hmm: Sehr mysteriös, und sehr spannend.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Das Stille Abendessen


    In den paar Tagen, in denen Maks nun schon zu dem überschaubaren Dutzend von Haussklaven gehörte, war wenig passiert. Davon allerdings erstaunlich viel. Wäsche musste gewaschen werden, Tische gedeckt, Böden geschrubbt, Ställe ausgemistet – vor gewöhnlichen Aufgaben gab es keine Rettung.
    Ähnlich einer Flut riss es ihn mit, die Hände kamen kaum zur Ruhe und doch, oder gerade deshalb, hielt er sich daran fest. Es war die Beschäftigung, die Phasen der Arbeit, in denen die Stille fort blieb. Arbeit war eine Flut? Sicher. Aber genauso war sie ein Ufer. In manchen Momenten gar ein Leuchtfeuer. Eine scheinende, willkommene Abwechslung vom trüben, braungrauen Acker, die Rettung vor der giftigsüßen Verführung durch die Stille.
    Frustrierend dagegen waren die Arbeiten in der Küche. Man sah sofort, wie der Gutsherr und die Hofleute tafelten – Braten, Soßen, Früchte –, der Vergleich mit den Resten, die die Sklaven kurz danach bekamen, war ernüchternd. Mit etwas Glück blieben ein paar Äpfel übrig und die Reste wurden im Zweifelsfall noch um Brot ergänzt, bis auch alle eine annehmbare Mahlzeit hinter sich hatten.
    Vielleicht hätte Maks sich unter anderen Umständen gefreut, schließlich kam er sich undankbar vor, wo sich seine Situation doch verbessert hatte. Aber die Geister von früher, das Wissen darüber, dass zu essen einmal Freude bedeutet hatte, ließen es nicht zu.
    Gerade befand sich Maks zusammen mit den anderen im Sklavengemeinschaftsraum, und der Esstisch, an dem sie saßen, war aus kleineren Tischen zusammengesetzt. Wie an den anderen Tagen auch war es Kobe, der die Gruppe mit seinen bissigen Witzen unterhielt. An ihm war ein echter Harlekin verloren gegangen.
    „Warum hat unsere Haushälterin so einen Stock im Arsch?“, fragten Kobes Lippen und formten sich zu einem fiesen Grinsen. „Na?“
    Fragende Blicke. Köpfe wurden geschüttelt, kurze Satzfetzen ausgetauscht. Dann folgte fragendes Schweigen.
    „Sag schon!“, befahl einer der Nordländer, die Maks oft mit Meddin sprechen sah.
    Kobe nickte grinsend, „Weil niemand Anderes ihr seinen geben möchte!“
    Augenblicklich brach um Maks prustendes Lachen aus.
    „So vergraulst du dir sofort alle Frauen, Kobe!“, tadelte Minna ihn lachend und bekam eine wegwerfende Geste als Antwort.
    „Ach, solange die hübschen Damen auch lachen, bin ich glücklich“. Zwinkern.
    „Aber wirklich, Kobe, du Dreckssack!“, meinte ein anderer, „Das wird dich noch den Kopf kosten!“
    „Wir sind doch eh schon tot!“, gab Kobe mit einem Zwinkern zurück, bei dem niemand sicher sein konnte, ob sich dahinter nun Witz, Resignation oder Weisheit verbarg.
    Wieder erhob sich das Lachen, bei Maks hingegen nicht. Er war zu sehr damit beschäftigt, sein Grinsen zu fälschen, während er noch immer über die Sache mit dem Stock nachgrübelte und wo genau sich da nun der Witz versteckte. Weil Kobe schon öfter seinen bösen Humor gezeigt hatte, vermutete Maks, dass es etwas mit ihrem Sadismus zu tun haben musste. Ja, das klang einleuchtend.
    Was Kobe für einige sympathisch oder angenehm wirken ließ, schüchterte Maks, musste er zugeben, furchtbar ein. Er kam ihm wie ein Gaukler vor, der ihn jeden Moment über den Tisch ziehen könnte, wenn Maks unaufmerksam wurde. Im einen Moment nett, im nächsten kalt und bissig, und gepaart mit der Erinnerung an Meddins Blick bei ihrem ersten Aufeinandertreffen …
    Es hatte das warme Lächeln von Hiin und die einladenden Worte Minnas erfordert, um Maks endlich in ihre Tischrunde integrieren zu können.
    Neben solchen geselligen Runden aßen die Haussklaven für gewöhnlich in diesem kleinen Zimmer. Als die Haushälterin dann plötzlich im Türrahmen stand, dachte sich niemand viel dabei. Gewohnheit, im nächsten Augenblick standen sie stramm. Zähneknirschend bäumte sie sich zum Drachen auf.
    „Tische ins Speisezimmer, wir vergrößern die Tafel! Aber dalli!“
    Sofort gehorchte man und je zu zweit trugen die Sklaven ihre Tische auf den Flur. Aus den Augenwinkeln konnte Maks kleine Rauchwolken aus ihren nicht vorhandenen Nüstern aufsteigen sehen.
    Sie waren gerade angebrüllt worden, doch musste Maks es zugeben. Zu zwölft aufgeschreckt zu werden, war angenehmer als ganz allein. So fühlte es sich richtig an, im Rudel war es warm, immerhin das. Zu schade nur, dass Welpen nicht für sich selbst sorgen konnten.
    Es waren Momente wie diese, in denen Maks sich wünschte, kein Welpe mehr zu sein.
    Einzig Kobe schien durch die aufgebrachte Haushälterin amüsiert. Manchmal fragte Maks sich, ob Kobe noch ein Welpe war. Es hätte wohl niemanden gewundert, wenn er der Haushälterin einfach ins Gesicht gelacht hätte, wenn sie ihn einmal zur Schnecke machte. Aber Kobe war nicht blöd. Schlimmer noch, er war so weit von blöd entfernt, dass Maks sich in seiner Nähe unwohl fühlte.
    Schließlich waren alle Tische im Speisesaal platziert. Kaum war eine Decke über sie geworfen, versammelten sich bereits die ersten Hofleute am Tisch.
    Es fehlten noch Besteck und das Essen – die ersten Mitsklaven kamen schon mit den Speisen durch die Tür hereingeschwebt, als die letzten sich endlich in Bewegung setzten und dem Strom folgten. Staunend warf Maks sich zu ihnen hinein, wurde Teil dieser perfekt ineinandergreifenden Zusammenarbeit und badete im Gemeinschaftsgefühl. Einige Teller und ein kleiner Brotkorb wanderten in seine Hände, seine Füße trugen ihn in den Speisesaal zurück. Im nächsten Augenblick lag der Korb auf dem Tisch. Die Teller wanderten aus seinen Händen. Das Dämmerkerzenlicht des Flurs. Zurück in die Küche.
    Erfüllung musste es sein. Sein Geist wälzte sich in glückseliger Taubheit, benebelt wie vom Kuss der Stille, aber in der Wärme blinder Gefolgschaft und ohne den Kummer.
    Es war einfach.
    Tue was man dir befiehlt.
    Und sorge dich nicht.
    Sorge dich um gar nichts.
    Keine Fragen zu stellen, war zu nicht genug.
    Wenn eine Frage aufkam, war man bereits zu weit gegangen.
    Maks hatte den Fragereflex ausgelöscht.
    Nach getaner Arbeit fand er sich schließlich mit den anderen Sklaven an der großen, notdürftig erweiterten Tafel wieder. Es waren Minnas Worte, die ihn aus seiner bequemen Taubheit herausrissen, zurück ins beängstigende Bewusstsein.
    „Maks, ist alles in Ordnung bei dir? Du wirkst irgendwie … abwesend.“
    Wie zuvor im Gemeinschaftsraum war es ihre beinahe mütterliche Wärme, die seine Aufmerksamkeit gewann. Träge suchte Maks die Worte für eine Antwort und noch einen Augenschlag länger dauerte es, bis er sich ihr zuwandte.
    „Ja“, nickte er, um es auch sich selbst zu versichern. Es war nur ein Wort mit genauso vielen Silben, aber alles, was er vielleicht noch hätte sagen wollen, lag noch immer hinter dem tauben Schleier, der sich nur langsam auflösen wollte.
    „Das ist gut“, sprach sie etwas erleichtert, die Stimme gesenkt.
    Den Grund dafür begriff Maks sofort, als er den misstrauischen Blick eines der Bedienteten auffing. Es musste der Gärtner sein, mit den neuen Gesichtern tat Maks sich noch immer schwer.
    „Das letzte Mal, als wir miteinander gesprochen haben, ist schon Tage her. Der Zeitplan lässt es nicht so einfach zu, weißt du? Jedenfalls, wenn etwas sein sollte, kannst du trotzdem gerne zu mir damit kommen, ja? Wir sorgen schon dafür, dass du dich hier einleben kannst.“
    „Ja. Danke.“
    Er versuchte zu lächeln – sicher tat er das auch, irgendwie –, aber es fühlte sich herausgehinkt und verkrampft an. Sicher musste er kalt und abweisend auf sie wirken … vielleicht war es besser, das Gespräch mit ihr so schnell wie möglich abzubrechen.
    Plötzlich bemerkte er, wie Meddins Augen ihn für einen Moment bösartig anfunkelten, bevor sie sich in nächsten Augenblick wieder abwandten, um sich mit den beiden Nordländersklaven Atto und Arent zu unterhalten. Es ließ Maks wieder erstarren. Das Gefühl war zu vertraut.
    Minna saß links neben ihm.
    Und rechts die Stille.
    Sie saß in der Luft, direkt an ihm dran, als wäre sein Stuhl doppelt so breit. Dazu hatte sie einen eigenen Teller, eigenes Besteck, alles gewoben aus Leere und Taubheit.
    „Mach dir nichts draus, mein Liebster“, säuselte sie, wieder mit ihrer Schlafliederstimme, „Es liegt nicht an ihr, sondern an dir. Du bist nicht für Menschen gemacht. Glaubst du wirklich, wie würden dich brauchen? Du brauchst sie nicht. Lass los.“
    Und falle.
    „Maks?“
    Wieder riss es ihn heraus. Die Stille war fort.
    „Ja?“
    „Schon wieder warst du so. Bist du dir sicher, dass alles in Ordnung ist?“
    „J-ja“, stammelte er, und fragte sich, ob er alle anderen Worte mittlerweile verlernt hatte.
    „Wir können auch später reden, wenn es dir hier zu viele … Ohren gibt.“
    Kopfschütteln, er kniff die Augen zusammen. Vielleicht konnte Hilfe von außen – konnte sie – die Stille und die Probleme vertreiben. Aber … was für Probleme denn eigentlich? Was konnte Minna schon für ihn tun? Und wollte er die Stille überhaupt loswerden? Wer verstand ihn denn überhaupt so wie sie? Wer war so für ihn da?
    Niemand.
    Selbst der eigene Bruder hatte ihn von sich gestoßen.
    Eine eisige Hand legte sich auf seine Schulter.
    Sie war zurück. Ihr Atem ließ seine Nackenhaare vibrieren. So stark, dass es ihn zu ihr zog. Für Minna ließ er ein paar Worte zurück.
    „Vielleicht komme ich drauf zurück.“
    „Wenn du jemanden zum Reden brauchst, bin ich da.“
    Dann wandte er sich ab, um still in seinem Brot und einem Stück Käse zu versinken. Es folgten einige Minuten der wohl gefräßigsten Stille, die der fürstliche Speisesaal in seiner Geschichte bisher kennenlernen durfte, unterlegt vom fernen Grundrauschen der Tischgespräche, die von den höheren Hofleuten ausgingen. Besonders der Gutsherr schien in bester Stimmung zu sein und sein Lachen durchbrach gelegentlich die scheinbar gleichförmige Geräuschkulisse.
    Erinnerungen an Maks erste Begegnung mit ihm wurden wach. Wie er Maks begutachtet, wie er die Haushälterin in die Schranken gewiesen hatte. Plötzlich wirkte dieser Mann auf Maks seltsam sympathisch. Wie konnte es unter jemandem wie ihm nur so schrecklich zugehen?
    Als hätte er diesen Gedanken als Startsignal vernommen, erhob sich der Gutsherr. Das Klirren seines Glases, gegen das er vorsichtig seinen Löffel schlug, erklang plötzlich in allen Ohren des Raums.
    „Liebe Leute!“, eröffnete er seine Rede, simultan mit einem tiefenentspannten Gesicht. „Wie den allermeisten hier am Tisch bereits aufgefallen sein sollte, hat unsere kleine Abendtafel Zuwachs bekommen.“ Die Hand mit dem Glas wies zu den Sklaven an der improvisierten Tischverlängerung und vollführte eine einladende Geste.
    „Nachdem ich jahrelang die Arbeit unserer Sklaven beobachten konnte, kam ich zu dem Entschluss, dass es an der Zeit ist. Wir kennen einander nun lange genug, besonders ihr alle untereinander. Mittlerweile, davon bin ich überzeugt, sind wir für die meisten von euch mehr als nur eine Zweckgemeinschaft. Freundschaft ist das Wort. Für manche auch Familie. Das möchte ich unterstützen. Unter meinem Dach sind alle hier willkommen! Das gilt auch für unsere emsigen Haussklaven. Darum, lasst uns zusammen speisen. Auf diesen historischen Moment!“
    Verhalten breitete sich unter den Hofleuten ein moderates Klatschen aus, zwar vorhanden, aber moderat und wenig ansteckend, als wollte es die Neuankömmlinge samt Tischen wieder auf den Flur hinausschieben.
    Der stoische Blick des Gutsherrn wanderte die Anwesenden ab, wartete auf mehr. Einige schauten zu Boden, eine seltsame Spannung lud sich in der Luft.
    Als sich ihre Blicke schließlich trafen, blieben die Augen des Gutsherrn an Maks haften. Eine Flut leerer Gedanken ergoss sich über ihn. Fragen über Fragen über Antworten, nichts davon auch nur im Geiste formuliert, nur mentaler Abfall, Ballast, der ihn lahmlegte.
    Knöchel hämmerten auf die Tischplatte.
    Sie sprachen dabei auf eine mechanische Weise ihre Zustimmung aus. Es war die Haushälterin.
    Ihre Lobesfaust malträtierte die Tischplatte, wie es sonst nur Hausdrachenblicke mit Bediensteten vermochten. Nach und nach verstummte jedes Klatschen im Raum – dafür setzte rings um den Tisch begeistertes Klopfen ein, schließlich wussten die Bediensteten, was gut für sie war. Der Gutsherr wirkte zufrieden. Das Mahl wurde fortgesetzt.
    Und nichts war wie vorher.
    Unter Maks‘ Mitsklaven wuchsen die Gespräche, ungehemmt. Minna klopfe Meddin auf die Schulter.
    „Das geht doch auf deine Kappe, oder?“, scherzte sie, „Wo du in der Küche endlich mal glänzen konntest, hast du den Hausdrachen gleich mit gezähmt!“
    „Danke Minna“, murmelte er verlegen und schaffte es nicht, mit ihr Augenkontakt zu halten. „Aber ich glaube der einzige, der sie irgendwie beeindrucken kann, ist der Gutsherr. Wahrscheinlich hat sie Schiss.“
    „Jaaa, du hast wohl Recht“, gab sie schelmisch zurück und zuckte mit den Schultern. „Das hätte ich wohl auch.“
    „M-moment“, mischte Maks sich ein, sprach mehr zu Minna als zu Meddin, „Der Gutsherr wirkt auf mich eigentlich … recht nett. Und die Haushälterin dagegen …“
    Der Gutsherr warf der Haushälterin ein paar Worte zu und amüsierte sich wohl über etwas. Leider herrschte rundherum ein zäher Brei aus Gesprächen, was dort hinten gesprochen wurde konnte man am Sklaventisch kaum verstehen. Dennoch konnte Maks sehen, wie sich die Haushälterin mit einem süffisanten Lächeln zum Gutsherrn vorbeugte und ihm mit süßer Deutlichkeit einige bissige Worte zuschob.
    „Also, Neuer, pass auf“, schob sich Meddin dazwischen, „Die Bediensteten erzählen manchmal Geschichten vom Gutsherrn. Und mit dem da“, machte er einen kurzen Fingerzeig, „Und wie wir ihn erleben, haben die nicht viel zu tun. Keine Ahnung, was da dran ist oder nicht, aber wir sind lieber vorsichtig. Außerdem kuscht die Haushälterin vor ihm. Immer. Auch wenn es sie ärgert. Also, wenn das nicht furchteinflößend ist …“
    Minna stimmte zu.
    „Ja, Meddin bringt es eigentlich auf den Punkt. Wir wissen einfach nicht, woran wir bei ihm sind. Aber er scheint nett, da hast du recht.“
    Nicht mehr erleuchtet als vorher ließ Maks sich in seinen Stuhl sinken.
    „Verstehe“, murmelte er und verstand nicht.
    Da klirrte wieder der Löffel gegen das Glas. Der Gutsherr stand am anderen Ende des Tisches und Ruhe zog ein. Etwas war anders. Seine ganze Haltung hatte sich verfinstert.
    „Mir kam soeben zu Ohren, dass sich jemand unerlaubt in der Speisekammer bedient hat. Und es sei bereits sicher, dass es sich dabei um einen unserer Sklaven handeln muss.“ Da war plötzlich eine Distanz in seinen Worten, die bis eben noch unvorstellbar erschien. „Was für eine traurige Fügung, dass ich es gerade hier erfahren musste … wo wir uns doch alle hier eingefunden haben. Tja, aber was soll’s. Da die Tat bereits passiert ist, bevor ihr euch hier versammeln solltet, liebe Sklaven, gebe ich euch die Gelegenheit, mir den Schuldigen bis morgen Abend zu bringen. Ansonsten wird es harte Konsequenzen geben.“
    Einen von Maks‘ erstickten Atemzügen später setzte der Gutsherr sich wieder, widmete sich seinem Fleisch und ließ eine Abendgesellschaft verstummt zurück.

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]


  • Wtf was that!? 8| Erst einen auf gut Freund machen, die Sklaven medizinisch versorgen, dann mit an den Tisch holen ... und dann das hier von Hinten in den Ar*** Da steckt doch eine Intention dahinter, mit Sicherheit hat sich keiner der Sklaven an der Speisekammer bedient, so blöd sind die nicht. Möglich, dass die Haushälterin das eingefädelt hat, aber bisher machte der Gutsherr nicht den Eindruck, als dass er sonderlich auf sie hört ... das war geplant, aber wozu? Ich sehe den Sinn nicht.
    Und das ist gut :D

  • Ein wirklich ganz toller Part, @kalkwiese, hat mir supergut gefallen! Ich will auch gar nicht viel Worte machen. Zu den Fragezeichen, die sich beim Leser während des Lesens auftun, hat ja @Alopex Lagopus sich schon geäußert.
    Die Beschreibung von Maks und seinen Gefühlen und Gedanken, die ihn so vor und während dieses Abendessens bewegen, ist wirklich gut gelungen. Sehr intensiv geschildert und gut vorstellbar. Wundervolle Bilder und Vergleiche. Auch die Figur der Minna hast du uns mal etwas nähergebracht. Gut, dass Maks jemanden wie sie an der Seite hat. Der Antagonist zu Kobe. ^^
    Ich bin schon gespannt, was der Gutsherr mit dieser Inszenierung für einen Zweck verfolgt, und von daher - schreib schnell weiter!! :thumbsup:

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



    :cookie:


    ___________________

  • Inhaltlich gibt es jetzt viele Fragezeichen. Was bezweckt der Gutsherr? Mit welchen Methoden will der Gutsherr arbeiten? Du hast durchaus eine ungemütliche Atmosphäre beim Essen geschildert bekommen. Sehr gelungen. Ansonsten haben Tariq und Alopex ja schon alles wichtige gesagt.


    Mein Problem liegt eher darin, dass ich zu wenig über die Hintergründe deiner Welt weiß. Das war am deutlichsten bei dem vorletzten Teil zu merken. Die Burg ist nicht eigenständig, muss aber eine Menge Leute ernähren. Mit welchen Methoden? Beim Gutshof bekomme ich zumindest lagsam einen groben Plan, wie die Politik in der Gegend aussieht, aber bei der Burg habe ich keinen Schimmer.

  • okay? Das Ende war schon seltsam. Da steckt doch mehr dahinter. Mich würde nicht wundern, wenn da gar nichts aus der Speisekammer verschwunden ist, sondern der alte Hausdrache sich nur eine Geschichte zurechtgelegt hat. Immerhin wissen wir ja, dass sie mit der ganzen Idee des Gutsherrn alles andere als glücklich ist und ich denke schon, dass sie bereit wäre, alles zu manipulieren. :hmm: Wobei ich auch noch nicht so recht weis, was ich nun von dem Gutsherrn halten soll. :D


    LG, Kyelia



    Wenn es ein Buch gibt, das du wirklich lesen willst, aber das noch nicht geschrieben wurde, dann musst du es selbst schreiben.
    - Toni Morrison -


  • Tagchen Kalki :D
    Nachdem ich so ungefähr die Hälfte deiner Geschichte, oder was bisher hochgeladen wurde, durch hab, dachte ich, ich geb mal Zwischenmeldung.


    Mir gefällt es die Umgebung, in der die Handlung stattfindet und darüber hinaus gefallen mir die Charaktere sogar noch besser. Ich frag mich zwar schon, wohin die etwas alberne Spielerei von Konrad und der Elfe führen soll, aber es macht trotzdem Spaß zu lesen. Vor allem, weil du stellenweise herrlich unkonventionelle Formulierungen nutzt, um die Dinge zu beschreiben.

    Zitat von kalkwiese

    Die kalte Luft naschte an seiner Haut,

    Das hier zum Beispiel, hat mir herrlich gut gefallen und es gibt noch einen ganzen Batzen mehr, den ich jetzt einfach nur nicht mehr finde.


    Die bisherige Handlung ereignet sich mit dem Haus und den Sklaven auf den Feldern in einem recht kleinen Rahmen. Aber gerade dadurch, fühlt man sich nicht einfach in eine große weite Welt hinein geworfen und dann mit Informationen zugeschissen.
    Du gibst allgemein sehr wenig Antworten und lässt stattdessen umso mehr offen und obendrein mag ich es, wie du den Dingen nicht direkt einen Namen gibst. So ist es zum Beispiel nicht der Fürst Sonstewas, unter dem sie geknechtet werden, sondern einfach nur "der Gutsherr". Das ist auf seine Weise schön eindeutig und mysteriös. :D


    An ein paar Stellen war ich dann aber auch hin und wieder mal etwas verwirrt, von dem was du schreibst. So wie hier zum Beispiel:

    Das Rot und das Schwarz, die Maks so spöttisch ausgegrinst hatten, waren völlig vorbeigezogen. Oder niemals dagewesen. Maks war ratlos: Wessen Himmel war nun aufgeklart? Seiner oder Meddins?

    Hab ich was verpennt, oder was ist rot und schwarz? Und wie ist das mit dem Himmel aufklaren gemeint? Natürlich kann man es sich mit ein paar Sekunden Denkpause selbst erschließen, aber trotzdem lässt es einen beim Lesen ein wenig stolpern. :whistling:
    Was ähnliches hatte ich bei der Stelle, als neue Haussklaven ausgewählt werden.

    Zitat von kalkwiese

    Das Gespräch am Lagerfeuer hatte nun bereits eine längere Pause eingelegt, in der die beiden Beteiligten teilnahmslos die Wärme in sich einziehen ließen.

    Die ganze Zeit seh ich die SKlavenreihe stramm stehen und plötzlich heißt es, sie sitzen am Lagerfeuer. Das verwirrt mich immernoch. Ist das mit dem kursiv gedruckten so gemeint, dass das zwei verschiedene Szenen sind und das kursive quasi immer nur ein Rückblick auf einen vergangenen Abend oder so ist, als der Alte davon erzählt hat?


    Ansonsten bleib ich aber dran, denn bis auf die paar Stellen, wo ich hin und wieder mal einen Hänger hatte, mag ich deinen Schreibstil und ebenso die Geschichte an sich. :D

    "Vem har trampat mina svampar ner?!"

  • @kalkwiese wie angekündigt bin ich drangeblieben und hab den Rest jetzt auch durch.
    Als erstes gefällt mir, dass du dir etwas mehr Zeit gelassen hast, um der Geschichte allmählich eine Richtung angedeihen zu lassen. Man hat genug Zeit, die aktuelle Situation mit den Sklaven und allem zu verstehen, bevor du die Veränderungen einleitest. Find ich jut! :D


    Zu den Charakteren:
    Ich mag Paavo und ich mag Fadi. Die wirken beide irgendwie ... ja wie soll man sagen? Was ist das gegenteil von naiv? Beide sind nicht auf den Kopf gefallen und wissen wie der Hase läuft, könnte man sagen. Vor allem bei der Szene, als Paavo die Chance für seinen Bruder erkennt und nach vorn shcubst, zeigt das gut, wie ich finde.
    Ach, und den Alten mag ich tatsächlich auch, obwohl der ja scheinbar noch was zu verbergen hat :whistling: Allerdings glaub ich irgendwie nicht, dass das so einseitig ist, wie Fadi das verdächtigt.
    Wen ich allerdings nicht mag ist Maks :ugly: Und zwar aus genau den Gründen, warum mir die anderen gefallen. Maks wird ja im wahrsten Sinne des Wortes durch die Geschichte geschubst und bekommt alleine irgendwie nix auf die Reihe. Aber solche Charaktere sind nunmal genauso wichtig für eine Geschichte und muss es auch geben, Von daher ist das jetzt keine Kritik. Es sind nicht zuletzt auch die unliebsamen Charaktere, die eine gute Story ausmachen. :)

    Vielleicht konnte Hilfe von außen – konnte sie – die Stille und die Probleme vertreiben. Aber … was für Probleme denn eigentlich?

    An der Stelle musste ich echt lachen xD Jedes Mal, wenn Maks irgendwie bedröppelt in der Gegen rumsteht, denk ich mir das. Er müsste nur mal anfangen, selbst aktiv zu werden, aber da ist er ja scheinbar zu unsicher.
    Irgendwie wirkt Maks damit schon fast wie eine Mary Sue in männlich. :hmm: Die Olle muss ja auch ständig von irgendwem aus der Patsche gezogen werden ... Man kann wirklich von Glück sagen, dass der Jung einen Bruder wie Paavo hat :whistling:


    Sonst gibt es nicht viel zu sagen. Konrad ist für mich so einer, bei dem ich noch gar keine Ahnung hab, wo es mit dem Jungen hingehen wird.
    Was mir noch beim Lesen ins Auge gestochen ist, sind einige stilistisch doch sehr arg verschnörkelten Stellen. Manchmal formulierst du Sätze irgendwie seltsam, dass es etwas gekünstelt rüberkommt oder hast ein paar poetische Adjektive zu viel. Daran könnte man noch ein wenig arbeiten.
    Aber sonst is jut. Gerne mehr :D

    "Vem har trampat mina svampar ner?!"

  • Hey, @Xarrot, ich hätte wirklich nicht gedacht, dass sich hier mal wieder jemand durchwühlt. xD Das freut mich sehr, du glaubst nicht, wie sehr.
    Jetzt, wo ich wieder etwas mehr Zeit habe, kann ich auch mal antworten. :)


    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

    Einmal editiert, zuletzt von kalkwiese ()

  • Über ein Jahr kein Post mehr hier? Gut! Dieser Thread kommt nämlich ins Archiv und macht einem neuen Thread für eine neue Version Platz. :) Vielen Dank an alle, die bisher dabei waren! Xarrot  Kyelia  Tariq  Alopex Lagopus  Ebrithil Ministrant  Schreibfeder  Rainbow  Ippon  Miri  Rael  Windweber  Asni  Aurelia

    Ich bin den Thread rückwärts durchgegangen, das müssten alle sein. :P Ich bin ehrlich dankbar für jeden Kommentar hier!

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • kalkwiese

    Hat den Titel des Themas von „Himmelsjäger [Neufassung]“ zu „Himmelsjäger [2. Fassung]“ geändert.