Extradimensional Intelligence - Gefangenenszene

  • Ich poste diese Szene hier mal als Beispiel, wie ich eine wirklich existenzielle Erfahrung (hier eine Gefangenenschaft) in einer Geschichte beschreiben wuerde nachdem das Thema aufgekommen ist. Das Ganze ist aus einem laengeren SF-Buch. Wer mag kann gerne kommentieren, aber ich frag' jetzt nicht speziell danach.


    Das Setting: Samantha 'Sam' Ree ist Teil einer interstellaren Soeldnereinheit ('The Wolfpack') und wird fuer eine in Undercover-Op angeheuert. Das Unternehmen geht schief, und sie wird gefangen genommen - sie weiss nichts ueber den Rest des Teams oder wer sie gefangen genommen hat.


    (Der 'Treaty of Asgard' der manchmal erwaehnt wird ist so was wie unsere Genfer Konvention - ein Vertrag der u.a. die Rechte von Soeldnern und den Umgang mit Kriegsgefangenen regelt).


    ***


    Ich finde die Szene sehr hart (es kommt psychische und physische Gewalt vor) und ich selber hab' beim Schreiben am Ende aufgehoert weil ich wirklich nicht mehr selbst in die Szene reinkonnte. Daher unter spoiler.


    Ach ja, das ganze ist auf English (sorry - ich schreibe und denke mehr Englisch als Deutsch - ich bin seltsam - ich hoffe das geht trotzdem klar).




  • Ich finde du hast das beklemmende Gefühl gut rüber gebracht. Und gut beschrieben wie selbst pipimachen zu einem Problem werden kann. Was nicht klar wurde war, wie lange sie in der Zelle war
    Es schien mir nicht so lang. Zwei Tage?
    Interessant wäre es auch, wenn die Zelle dunkel gewesen wäre

    Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.


    Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz

  • Respekt! Sehr scharf beobachtet.


    Zu dem Zeitpunkt and dem der Text aufhoert - 5 Tage. Es ist mit Absicht so geschrieben dass die Zeit verschwimmt weil Samantha jedes Zeitgefuehl verliert - insgesamt wird sie 9 Tage in der Zelle bleiben aber glauben, sie waere wochenlang drin gewesen. Und schwer traumatisiert sein wenn sie rauskommt - falls ich das jemals weiterschreibe...

  • ich finde du hast die Emotionen aufjedenfall gut rüber gebracht.
    Auch ihren inneren Twist. Erst mit sich selbst, dann mit ihren Gedanken, und letztlich mit der Sorge zu überleben. Den Gedanken daran was ihr passiert wenn sie es erzählt, was passiert, wenn sie es nicht erzählt.


    Die Gedanken, wieso sie lange "eisern" verharrt. Nicht aus eigenwilligkeit, nicht aus sturheit, sondern aus purer Angst.


    "Hart" finde ich es nicht. Aber man geht durchaus mit ihr mit.

    The tiger and the lion may be more powerful...
    ... but the Wolf does not perform in the circus.

  • Also ich fand die Szene von vorne bis hinten grundsolide. Die Gefühle hast du gut eingefangen, man spürt die Verzweiflung gerade am Anfang extrem, weil dort auch noch ihr starker Wille deutlich erkennbar ist, der dann mit der Zeit etwas abflaut. Wie sie halt mehr und mehr aufgibt, weil dieser Zermürbetaktik sie einfach fertig macht.


    Ich will mir das gar nicht vorstellen, wie sowas ist. Alleine in so einer Zelle zu sein für mehrere Tage. Permanent helles Licht, keine Toilette, nicht einmal jemand kommt, der sie anschreit oder sowas. Dann könntest du deine Wut wenigstens auf etwas richten, hättest wenigstens einen Ansatzpunkt, wo du bist, oder was mit dir passieren soll...


    Nein stattdessen absolute Unsicherheit, Einsamkeit - echt hart. Besonders krass fand ich, als sie darüber nachgedacht hat, pinkeln zu müssen. Wie sie da ihren inneren Kampf hatte, sich der Erniedrigung nicht hinzugeben, auf den Boden machen zu müssen. Jede einzelne Minute in diesem Kampf, die man dann dem Drang widerstehen kann, als persönlichen Erfolg zu verbuchen, nur um dann doch zu scheitern..


    Das ist eine Art der psychischen Folter, die du sehr gut beschrieben hast. Kam wirklich gut rüber, ohne dass ich jetzt das Gefühl hatte langatmige Passagen lesen zu müssen.
    Ich war dann aber doch froh, als er zur Vernehmnung kam, weil ich schon wissen wollte ... Warum das ganze..


    Dann sitzen die da in Bioschutzanzügen? (Habe ich das richtig verstanden?) Wie spleenig ist das denn XD. Kranke Scheißer^^.


    Als sie zum 2ten Mal zum Verhör kommt, habe ich gestutzt, weil Ralf da war, auch fand ich ihr Verhalten komisch. Weil, du hast soviel Zeit aufgewendet, um zu erklären, wie sie das alles langsam zerreißt, dass ich ein wenig Probleme hatte, ihre für mich dann doch sehr klaren Gedankengänge zu verstehen und vor allem widersetzt sie sich ja noch immer. Wobei das auch durch den Wunsch zu überleben getrieben sein kann. Keine Ahnung.


    Dann dachte ich, vl. ist Ralf gar nicht da, und sie sieht ihn einfach nur als Trugbild oder "Wunschtraum" (Ok, was da passiert ist kein Wunschtraum) sondern vl. eher der Wunsch ihn bei sich zu haben, und sagen zu hören, dass sie beide überleben werden. Zu der Theorie führt mich die Andeutungen mit den Drogen etc und Ralfs Erwähnung vorher im Text... Naja könnte sein, dass da ihr Unterbewusstsein mit reinspielt und die Sache auf ne richtig kranke psychische Ebene schleift und sie ihn "halluziniert".


    Weil so ganz eindeutig ist das für mich am Ende nicht. Vielleicht haben die "Verhöhrer" das auch bewusst so als Schauspiel dargestellt, um sie schlußendlich zu brechen.. Ich weiß es nicht, aber je länger ich drüber nachdenke, bleibt es einfach von vorne bis hinten eine kranke Szene - Soll heißen - Sehr gut! :)


    Lg
    Rael ;)


    :!: Fantasy, weil sich die unglaublichste aller Welten in unserem Kopf befindet... :!:

  • Also, erst mal mit einer Entschuldigung an alle die eher auf Kriegsfuss mit Englisch stehen - hier sind zwei der Szenen auf Deutsch uebersetzt um wenigstens einen Eindruck zu bekommen.



    Falls ich in Zukunft nochmal englische Texte poste, werde ich versuchen immer zumindest einen Teil zu uebersetzen.


    (Anmerkung: Ich bin mit der Uebersetzung nie so richtig zufrieden - das liegt daran dass jede Sprache subtil anders ist und einen zwingt anders zu denken, und die Nuancen da korrekt zu uebertragen ist schwierig. Ich koennte jetzt 'ne Stunde ueber das Uebersetzungsproblem schreiben, das ist ein Steckenpferd von mir, und die Art wie Sprache und Denken verknuepft sind fasziniert mich auf eine Weise dass ich Linguistik als Hobby betreibe - aber vielleicht ein andermal...)

    "Hart" finde ich es nicht. Aber man geht durchaus mit ihr mit.


    Ich weiss nicht welche Altersgruppe das Forum hier liest, aber ich wuerd's meinen Kindern glaube ich erst ab 18 zeigen. Wahrscheinlich ist's nochmal schlimmer wenn Du Samantha schon laenger kennst und Dich eher als Leser mit ihr identifiziert hast statt sie einfach hier kennenzulernen.


    Das zu schreiben ist nochmal haerter, denn einerseits muss ich dazu in Samantha rein und diese Zelle spueren um zu wissen was sie denkt, und wenn ich dann rauskomme bin ich der Autor der jemanden den ich eigentlich richtig gerne mag brutal ans Messer liefert.

    Als sie zum 2ten Mal zum Verhör kommt, habe ich gestutzt, weil Ralf da war, auch fand ich ihr Verhalten komisch. Weil, du hast soviel Zeit aufgewendet, um zu erklären, wie sie das alles langsam zerreißt, dass ich ein wenig Probleme hatte, ihre für mich dann doch sehr klaren Gedankengänge zu verstehen und vor allem widersetzt sie sich ja noch immer.


    ich war (zum Glueck) noch nie in so einer extremen Situation, aber ich hab' z.B. ein bisschen Viktor Frankl (KZ-Insasse und spaeter Psychologe) gelesen um eine Ahnung zu bekommen.


    Ich finde es plausibel dass jemand der sich selbst eigentlich schon aufgegeben hat, durch die direkte Bedrohung eines Menschen der ihm nahe steht noch mal geschockt werden kann, die letzten Reserven zu mobilisieren um den anderen zu retten - und sein Schicksal wieder in die Hand zu nehmen bereit ist. (Mir fallen spontan Berichte von Muettern an die einen ausgewachsenen Braunbaeren mit blossen Haenden erfolgreich niedergerungen haben um ihr Kind zu verteidigen).


    Und umgekehrt ist die bisherige Verhoertaktik ja nicht aufgegangen - Samantha wird mit dem Tod bedroht wenn sie nicht redet, sie redet nicht, wird aber nicht erschossen, da ist der Bluff jetzt aufgeflogen, ihr jetzt nochmal zu sagen wenn sie nicht redet wird sie jetzt aber wirklich umgebracht hilft wahrscheinlich nicht - also versucht man es eben damit, sie direkt sehen zu lassen wie ihr Schweigen jemanden der ihr nahe steht bedroht.

  • @Thorsten :thumbup:
    Erstmal vielen Dank, dass du einige Passagen ins Deutsche übersetzt hast 8o


    Das, was du übersetzt hast, finde ich wirklich eindrucksvoll. Glaubhaft geschrieben und ziemlich... modern (damit meine ich den Schreibstil und nicht die Szene). Ich glaube, das Wort passt da gut zu.


    Die Gefühle, Emotionen und Gedanken kamen sehr gut zur Geltung, obwohl ich glaube, dass es im Englischen noch eine Nuance spürbarer ist. Ist sollte dringend meine Kenntnisse wieder auffrischen ||


    Man kann sich schwer vorstellen, wie man handeln würde, wenn man selber in einer solchen Situation wäre. Und noch schwerer ist es, zu verstehen, was im Kopf los ist und wie man denkt. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es fast so ablaufen würde 8|


    Schon krass, wie etwas banales und für uns absolut einfaches, wie pinkeln zu müssen, plötzlich so schwer wird....


    Aus meiner Sicht hast du das sehr gut geschrieben!


    LG :)

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • Ich weiss nicht welche Altersgruppe das Forum hier liest, aber ich wuerd's meinen Kindern glaube ich erst ab 18 zeigen. Wahrscheinlich ist's nochmal schlimmer wenn Du Samantha schon laenger kennst und Dich eher als Leser mit ihr identifiziert hast statt sie einfach hier kennenzulernen.

    Das ist persönlichkeitsabhängig, behaupte ich einfach mal.
    Nur weil es für mich "nicht hart" ist, heißt es nicht, dass es andere ebenso empfinden. Das war lediglich meine persönliche Meinung bzw. mein Empfinden.


    Die Gefühle, dieser psychische Druck, das alles kam ganz klar rüber und auch bei mir an. Ich hatte durchaus ein "beklemmendes" Gefühl in der Brust, während ich las.
    Allerdings werde ich mich vermutlich Emotional nie so richtig auf einen fiktiven Charakter einlassen, dass ich riiiiiiichtiiiiig mitleide und die selbe Psychofolter erleide, wie die Figur. Ganz ehrlich, das tue ich nicht mal bei realen Persönlichkeiten, zu denen ich keine Bindung habe.


    Vermutlich aber hätte ich tatsächlich mehr gelitten, wenn in der Zelle ein "hilfloses" Wesen (z.B. ein Hund) gehockt hätte, der die Welt plötzlich nicht mehr versteht :rofl: Bei Tieren bin ich tatsächlich empfänglicher für Leid xD



    Das zu schreiben ist nochmal haerter, denn einerseits muss ich dazu in Samantha rein und diese Zelle spueren um zu wissen was sie denkt, und wenn ich dann rauskomme bin ich der Autor der jemanden den ich eigentlich richtig gerne mag brutal ans Messer liefert.

    Das glaube ich dir und es ist auch nachvollziehbar, dass es dir dabei so ergeht. Und auch nur diese Art macht es authentisch.
    Und deinen Text fand ich authentisch, und mit "nicht hart" meinte ich auch nur, dass er jetzt nicht so drastisch war, dass ich vom Lesen einen Knacks wegkriege, oder es mich die nächsten 14 Tage in den Träumen verfolgt.
    Aber berührt hat er mich ;)

    The tiger and the lion may be more powerful...
    ... but the Wolf does not perform in the circus.

  • Vielen Dank für Deine Mühe der Übersetzung. Gerade weil englisch und deutsch sich nicht eins zu eins übersetzen lassen, ist es so kompliziert, "komponierte" Texte mit dem Wörterbuch zu übertragen.


    Und: Ja, Du hast recht, Deine Gefangenen-Szene ist um einiges eindrücklicher als meine. Ich werde da noch mal explizit bei mir "drübergehen" und schauen, was ich noch ändern kann (und möchte).


    :friends: Wie gesagt: Danke für Deine Gedankenanstöße! :friends:

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
    -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?