HEAVEN (Band II)

  • Mutig spinkste sie um die Ecke

    Ich reihe mich jetzt in die Gruppe ein, die das Verb vorher nicht kannten - aber es ist schoen:D Es charakterisiert sie hier auch wieder.

    . Der Schmerz raubte ihr den Verstand, als sie mit weit aufgerissenen Augen sah, dass ihre Haut zu qualmen begann und sich Flammen darauf ausbreiteten, die sich unaufhaltsam über ihren gesamten Körper verteilten.

    Spaetestens ab hier wuerde ich die Frage stellen wer den die Erzaehlstimme ist. Wir sind vorher bei Melanie und folgen ihren Gedanken, teilweise recht woertlich.


    Jetzt - wenn jemands Haut grade verbrennt, dann ist der bewusst glaube ich nicht in der Lage das klinisch zu beobachten 'aha, qualmt jetzt - und dann Flammen' - sondern das Bewusstsein veraendert sich durch den extremen Schmerz. Und das muesste meiner Meinung nach die Erzaehlstimme auch einfangen, der ganze Bericht aus Melanie's Augen gesehen wuerde immer inkohaerenter werden.


    Hier hatte ich mal versucht ein Beispiel dazu zu geben.

    . Brandblasen bildeten sich auf ihrem Körper, der langsam zu verkohlen begann und ihr Blut schien von innen zu kochen.

    Das ist mehr vom Gleichen - wer erzaehlt das?


    Dass Du im letzten Absatz, in dem ueber ihren Tod berichtet wird, in eine andere Erzaehlstimme faellst passt gut - auch und grade weil das ein deutlicher Schnitt ist - aber hier finde ich das zu frueh.

    Was ist es, das Melanie erlebt? Ich denke erst mal einen totalen Realitaetsverlust - das kann doch gar nicht sein dass man hier einen Daemon sieht?! Die gibt's doch ueberhaupt nicht?!


    Und dann eben der graduelle Abstieg in Irrsinn und eine verengte Welt.


    So wie Du's geschrieben hast ist es gut - aber ich finde das hat viel Potential genial zu werden. Du lieferst bisher ja noch nicht so oft jemanden ans Messer in dieser Geschichte - da darf der Leser dann ruhig richtig geschockt vor dem Buch sitzen finde ich.


    Aber auf jeden Fall einen :thumbup: fuer Silas - der gibt in der Szene naemlich auch richtig viel her!

  • Die Szene geht auch schaurig weiter - sehr gut geworden.

    Ich hatte Melanie auch nicht mehr so richtig auf dem Schirm, das spielt aber nicht so eine Rolle. Auch wenn du sie vorher nicht erwähnt hättest, könnte man sie hier gut genug einordnen, dass alles passt. Denn eigentlich soll sie ja nur das Drama voranschreiten lassen und die Rolle erfüllt sie perfekt. Die Spannung steigt hier enorm und man fragt sich, was wohl mit Emilia passiert ist, die ja ganz offensichtlich hier irgendwo ist oder hier gewesen ist - und das lässt gar nichts Gutes ahnen.


    Mir ist auch aufgefallen, dass die Perspektive ganz am Schluss kippt. Zuerst wird es aus der Sicht von Melanie geschildert und danach, als sie schon halb tot ist, eigentlich aus der Sicht eines anderen Beobachters. Dass ihre Haare brennen, ist natürlich ein gruseliges Bild, aber wenn sie einen Pagenschnitt hat, kann sie das nicht sehen.

    Mir fällt sowas gleich auf, weil ich auf die Perspektive achte, aber früher wäre mir das sicher entgangen. Deswegen überleg dir, ob du das ändern willst oder nicht.


    Wie geht es weiter???

  • Vielen Dank für euer Feedback. :danke:


    Ich hatte ehrlich gesagt mit mehr Kritik gerechnet, weil ich selbst noch nicht so ganz zufrieden bin mit dem Teil. Aber ich denke, die "Haupt-Schwachstelle" ist die Sache mit der Perspektive. Ich glaube, daran werde ich noch etwas feilen müssen :hmm:


    Ansonsten freue ich mich, dass ich euren Sprachschatz erweitern konnte und einige von euch nun auch das schöne Wörtchen "spinksen" kennengelernt haben :D ... und es freut mich außerdem, dass ihr Silas als Charakter so interessant findet. Anfangs hatte er ja nicht so viele Fans...






  • Brandblasen bildeten sich auf ihrem Körper, der langsam zu verkohlen begann und ihr Blut schien von innen zu kochen.
    Der blonde Pagenschnitt war innerhalb kürzester Zeit dahin geschmolzen, die zerfetzte Kleidung eins geworden mit dem verstümmelten Körper und das Kreischen verstummte erst, als sie nach einer gefühlten Ewigkeit und unerträglichen Schmerzen das Bewusstsein verlor und den Tod als gnädige Erlösung willkommen hieß.


    Ich denke, diese Beschreibung zielt zu sehr auf das Äussere ab und das ist der Teil, den Melanie selbst nicht rekapituliert. Eigentlich musst du die Qual nicht bis zum bitteren Ende beschreiben, könntest einfach abbrechen - oder wenn du das doch tun willst, könntest du dann mehr in ihr inneres Erleben gehen, also versuchen den Schmerz, den Schock über den drohenden Tod und den Schmerz irgendwie in Bilder zu fassen?


    Insgesamt ist der Perspektivenwechsel hier aber sehr gut. Zeigt die Grösse der Gefahr, die auf die Protagonisten zukommt. :nummer1:


  • Ich zeige euch mal den nächsten Teil und bin schon gespannt, was ihr dazu sagen werdet. Ich habe versucht, so nah wie möglich an Emilia zu bleiben und mehr "Show" und weniger "Tell" einfließen zu lassen. Bin gespannt, ob es mir geglückt ist, diese Situation einigermaßen authentisch zu schildern.

    Vor allem interessiert mich, wie Ihre Flashbacks so wirken... Na ja, seht einfach selbst und lasst mich mal an euren Gedanken teilhaben. Für Anregungen und konstruktive Kritik bin ich wie immer offen :)



    Kapitel 9
    Böses Erwachen


    Nur widerwillig schlug Emilia die Augen auf und blinzelte gegen den undurchdringlichen Schleier an, der ihren Blick nach wie vor trübte.
    Die bleierne Schwere, die von ihr Besitz ergriffen hatte, drohte sie wieder hinabzuziehen in die allesverschlingende, tiefschwarze Leere. Doch der gellende Laut, der sich mit beinahe schmerzhafter Penetranz in ihr Bewusstsein drängte, sorgte dafür, dass sie endgültig aus ihrem Dämmerzustand gerissen wurde.
    Mit einem erschrockenen Atemzug fuhr sie in die Höhe.
    Lichtblitze zuckten vor ihren geschlossenen Lidern, als sie sich reflexartig mit der Hand an die Stirn griff, um das pulsierende Hämmern in ihrem Schädel abzuschwächen.
    Noch immer hallte dieses grauenvolle Geräusch in ihr nach, das laut genug gewesen war, um sie mit einem Schlag ins Hier und Jetzt zu katapultieren.
    Was mochte das gewesen sein? War das ein Schrei? Der eines Menschen oder eines grausam verendenden Tieres?
    Mit einem mal kehrte die Panik zurück. Hastig sah sie sich um und tastete sich gleichzeitig auf Verletzungen ab. Offenbar war sie zumindest körperlich unversehrt.
    Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie wieder frei über ihre Hände verfügen konnte und auch die Fußmanschetten musste jemand gelöst haben. Aber wer?
    Vergeblich versuchte sie, ihre hektischen Atemzüge unter Kontrolle zu bringen und sich zu erinnern, was geschehen war.
    Verdammt Lia. Denk nach.
    Nur langsam lichtete sich der Nebel, der ihre Erinnerung in einem Irrgarten verworrener Eindrücke gefangen hielt. Doch dann sickerte die Erkenntnis nach und nach in ihr Bewusstsein.
    Silas.
    Er war hier gewesen, hatte etwas davon gefaselt, dass es ihm leid täte …
    Plötzlich blitzten Bilder vor ihr auf, als würde der im Finstern liegende Teil der vergangenen Stunden nur für einen kurzen Augenblick in Licht getaucht.
    Eine klauenartige Hand … gelb lodernde Augen… und Schmerzen. ..unsagbare Schmerzen.
    Oh mein Gott!
    Emilia schlug sich die Hand vor den Mund, um den Schrei zu unterdrücken, der ihr die Kehle hochkroch. Das Zittern ihrer Finger ließ sich nicht kontrollieren, ebenso wenig, wie die Tränen, die ihr in die Augen schossen.
    Was hatte man ihr bloß angetan? Und wie zum Teufel war sie hier hergekommen? Warum konnte sie sich nicht daran erinnern?
    Eine unsagbare Angst überkam sie. Mit hektischen und viel zu schnellen Schlägen hämmerte ihr Herz laut gegen ihre Brust, während sich Übelkeit in ihr ausbreitete.
    Ich muss hier raus! … Raus! …
    Ruckartig versuchte sie, sich von der Liege hochzustemmen, doch der Schwindel, der sie umgehend erfasste, sorgte dafür, dass sie vornüber kippte und ungebremst auf dem Fliesenboden aufschlug.
    Der Schmerz, den der unsanfte Aufprall durch ihren gesamten Körper jagte, explodierte in ihrem Kopf und ließ sie gequält aufstöhnen.
    Mit verzerrtem Gesicht umklammerte sie ihre pochenden Schläfen und stieß einen Fluch aus. Warum nur hatte sie das Gefühl, dass ihre Beine ihr nicht gehorchten und sie anstelle von Muskeln nur Pudding in den Gliedern hatte?
    Mühsam brachte sie sich wieder in die Senkrechte, stütze sich mit einer Hand an dem Bett ab und ließ den Blick durch den fensterlosen Raum wandern.
    Flackernde Neonröhren tauchten das Zimmer in kaltes schummriges Licht. Die Einrichtung bestand lediglich aus dem Bett, in dem sie zuvor noch gelegen hatte, einem Holztisch mit zwei Stühlen, einer Toilette, die von einem Duschvorhang umgeben war und einem Waschbecken, über dem einer dieser Plastikspiegel hing, wie sie in Psychiatrien häufig vorzufinden waren. Der abgenutzte Boden, der allem Anschein nach einmal weiß gewesen war, und die kahlen Betonwände verstärkten den Eindruck einer kargen Gefängniszelle. Wo zur Hölle war sie nur?
    Ich muss hier raus! … Raus! Und zwar sofort!...
    Schwankend bewegte sie sich auf den Ausgang zu. Durch das Fenster, das in den oberen Bereich der massiven Stahltür eingelassen war, konnte sie einen kleinen Ausschnitt des dahinterliegenden Flures erkennen. Weit und breit war niemand zu sehen. Vielleicht war das ihre Chance?
    Ihre Hoffnung erstarb, als sie nach der Klinke griff und diese nach unten drückte. Verschlossen!
    Wie besessen rüttelte sie an dem Knauf, warf sich gegen das kalte Metall, als könne sie dadurch irgendetwas bewirken. Es war aussichtslos. Einen tiefen Atemzug nehmend ließ sie ihren Kopf gegen die Tür sinken und schloss die Augen.
    Vergeblich schluckte sie gegen die Enge in ihrer Kehle an. Sie fühlte sich, wie ausgedörrt und ihr Hals war so rau, als habe man ihr einen Sack Reißnägel hineingekippt. Sie musste dringend etwas trinken.
    Darum bemüht, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, taumelte sie auf das Waschbecken zu.
    Doch als sie sich darüber beugte um den Hahn aufzudrehen, musste sie zu ihrem Entsetzen feststellen, dass das Wasser abgestellt war. Kein Tropfen kam aus der Leitung. Ein klägliches Stöhnen entfuhr ihr. Resigniert stützte sie sich mit beiden Händen auf dem Rand des Waschbeckens ab.
    Der Blick in den darüber hängenden Spiegel ließ sie erschaudern.
    Sollte das etwa sie sein, die ihr da mit geröteten und angeschwollenen Augen aus dem schmalen, blassen Gesicht entgegen blickte?
    Das ist alles nicht wahr! … Das passiert nicht in echt!
    Um nicht laut losschreien zu müssen, presste sie sich ihre Faust vor den Mund und biss mit aller Kraft zu.
    Erst als sie Blut schmeckte und der Schmerz sie wieder in die Realität zurückholte, ließ sie sich leise schluchzend am Waschbecken hinuntergleiten und kauerte sich an die Wand direkt hinter der Tür. Sie zog die Beine an, klammerte ihre Arme darum und legte den Kopf auf den Knien ab, während sie ihren Tränen freien Lauf ließ.
    Sie fühlte sich ausgebrannt. Wie eine leere Hülle, die man zurückgelassen hatte. Panik füllte sie aus, umklammerte ihr Herz mit eiskalten toten Fingern und entzog ihr jegliche Wärme.
    Plötzlich begann der Raum sich zu drehen und weitere Bilder schoben sich aus den tiefen Abgründen ihres Bewusstseins empor.
    Es waren nur Bruchstücke, kurze Sequenzen, die wie ein zuckendes Flashlight vor ihren Augen aufleuchteten, bevor sie direkt wieder verblassten:
    Eine einsame Straße, die im Nebel verschwand … Das quietschende Geräusch eines sich nähernden Fahrrads … Hohe Bäume, die wie finstere Schatten über ihr aufragten.
    Und immer wieder dieses Gesicht. Das abscheuliche Grinsen, das sie noch immer verfolgte. Unerträglich klang das spöttische Lachen in ihren Ohren nach, ließ die albtraumhafte Erinnerung wieder lebendig werden.
    Verzweifelt presste sie die Hände gegen ihren Kopf. Als wäre es möglich, der grausamen Stimme zu entfliehen.
    Du hattest es nicht anders verdient!
    Du hattest es nicht anders verdient!
    Du hattest es nicht anders verdient!

    Der Schrecken traf sie mit unbarmherziger Härte, wurde wieder lebendig, als müsste sie das Grauen jener Nacht ein weiteres Mal durchleben.
    Beruhig dich Lia, das ist nicht real! Das ist nicht echt. Es kann nicht echt sein!
    Das Geräusch von Schritten auf dem Flur ließ sie zusammenzucken. Unaufhaltsam näherten sie sich, bis sie schließlich unmittelbar vor ihrer Tür verstummten. Ein Schlüssel wurde von außen in das Schloss gesteckt, die Verriegelung lauthals zur Seite geschoben.
    Oh nein. Nein, nein, nein. Nicht jetzt. Es ist zu früh. Viel zu früh.
    Emilia machte sich noch ein Stückchen kleiner, drückte sich so fest mit dem Rücken gegen die Wand, dass sie hinter der aufschwingenden Tür verschwand und zunächst für den Eindringling unentdeckt blieb. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Im gleichen steten Rhythmus meldete sich der hämmernde Kopfschmerz wieder zurück. Atmen. Sie musste atmen. Ihre Lunge zog sich krampfhaft zusammen, verweigerte ihren Dienst. Tanzende Lichtpunkte explodierten vor ihren Augen.
    Die Gestalt, die nach wie vor durch die Tür ein Stück verdeckt wurde, trat weiter in den Raum. Sie schien irritiert zu sein, weil das Bett leer und Emilia auf den ersten Blick in dem kleinen Zimmer nicht ausfindig zu machen war.
    Gleich passiert es. Gleich findet er mich. Bitte nicht. Oh mein Gott.
    Erschüttert durch ein völlig unkontrollierbares Zittern schlugen ihre Zähne so kräftig aufeinander, dass ihr bereits der Kiefer schmerzte.
    In dem Moment fiel die Tür ins Schloss und die Person, von der sie nur die Beine sah, trat einen Schritt auf sie zu. Wie ein zusammengeschnürtes Päckchen saß sie da und schaukelte sich monoton vor und zurück. Vor und zurück. Vor und zurück. Sie erlaubte sich nicht, den Blick anzuheben.
    Hoffentlich geht es schnell. Bitte lass es schnell vorbei sein.


    Hier geht`s weiter

    Kapitel 9.1

  • Ich bin ganz cool, das war jetzt garnicht gruselig... Schaurig gute Szene! Ich muss sagen, dass ich beeindruckt bin und zwar finde ich es psychologisch extrem glaubwürdig rübergebracht (die selektive Wahrnehmung, die unvollständigen Erinnerungen, das schwanken zwischen handeln wollen und Apathie). Du hast ja schon immer ein sehr gutes Gespür für Emotionen und Gefühle gehabt, weswegen auch die Dialoge meist so gut sind, aber ihren Zustand in dieser Ausnahmesituation so gut zu treffen. Respekt! Wie sie langsam munter wird, versucht sich zu sammeln, unter dem Druck (fast) vollständig zusammenbricht. Man möchte in die Geschichte springen und sie trösten und beschützen. Hoffen wir einfach, dass die Rettung unterwegs ist, vieleicht steht sie ja auch schon in der Tür. Auch die Details sind gut gewählt und erzählt, z.B. die Sache mit dem Waschbecken. Also von meiner Seite gibt es hier nichts negatives zu vermelden, außer: ich will unbedingt wissen wie es weitergeht.


    Für mehr blümchenpflückende Orks, blutrünstige Elfen und vegetarische Drachen!

  • Liebe Rainbow

    Sehr starker Abschnitt. Ich muss gestehen, dass ich nicht erwartet hatte, dass du diesen Weg so konsequent gehst.

    Super gemacht!


    Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.


    Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz

  • :panik::panik::panik::panik::panik::panik::panik:


    Alexander2213 , Sensenbach , Thorsten , Sabrina , LadyK


    Rainbow freut sich wie verrückt über dieses tolle Feedback. Ich habe mich in meiner Euphorie sogar dazu hinreißen lassen, <3 chen an alle zu verteilen, was sonst überhaupt nicht meine Art ist :rofl:...

    Ihr hättet sehen sollen, wie ich hier rumgetitscht bin. Ich habe abends sogar noch meinen Wäscheraum sauber gemacht, in dem sich zentimeterhoch der Staub angesammelt hatte, weil ich mich nie dazu aufraffen konnte...:pillepalle: Außerdem habe ich mich voller Elan und hochmotiviert dem nächsten Abschnitt zugewendet und bin schon jetzt gespannt, wie ihr ihn finden werdet.


    Also noch mal vielen Dank für das Lob und die anerkennenden Worte. Das beflügelt mich gerade total! :danke:




  • Ich zeig`euch mal, wie`s weitergeht ^^ ... ehrlich gesagt, bin ich etwas unsicher, wie das Ganze wirkt. Es ist nicht so einfach Emilia in dieser Szene richtig zu erfassen-ähnlich, wie damals als sie alkoholisiert war.

    Es würde mich mal interessieren, ob ihr das soweit nachvollziehbar empfindet... also ihre Reaktion, und wie sich der Dialog dann gestaltet.

    Außerdem würden mich eure Gedanken zu ihren Flashbacks interessieren. Was geht einem so durch den Kopf, wenn man das liest?


    Ich freue mich wie immer über eure Rückmeldungen, Anregungen und Kritik.



    Kapitel 9.1


    „Lia“, hörte sie plötzlich eine ruhige Stimme sagen. Der Mann vor ihr war in die Hocke gegangen und betrachtete sie nun mit schief gelegtem Kopf. Vorsichtig blinzelte sie unter den verschränkten Armen hindurch. Ihr Blick wanderte von den dunkelblauen Chucks über die Jeans bis hinauf zu dem beigefarbenen Pullover und blieb schließlich an seinem Gesicht hängen.
    Nach wie vor wippte sie nervös vor und zurück, vor und zurück, ohne es abstellen zu können.
    Zaghaft streckte er seine Hand nach ihr aus, bewegte sich langsam ein Stück auf sie zu. Umgehend rutschte sie weiter in die Ecke von ihm weg, schluchzte laut auf, als sie bemerkte, dass sich kein weiterer Spielraum mehr bot. Sie saß in der Falle.
    „Hey“, hörte sie die ruhige Stimme sagen. „Es ist alles gut. Ich werde dir nichts tun. Hab keine Angst.“ Wieder bewegte er sich minimal in ihre Richtung und wartete dann einen Moment ab. „Ich werde jetzt zu dir kommen, okay? Ich will dir helfen, Lia. Vertraust du mir?“ Abwartend betrachtete er sie mit sorgenvollem Ausdruck. Emilia hielt sich die Ohren zu und schüttelte vehement den Kopf, während sie seinem Blick auszuweichen versuchte.
    „Ich bin es. Erkennst du mich nicht?“, versuchte er es weiter. „Es tut mir so unendlich leid, was passiert ist. Das musst du mir glauben. Ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen. Lass mich dir helfen.“ Wieder kam er ein Stück näher. Es fehlte nun nicht mehr viel und er würde sie berühren können.
    Nicht anfassen! ... Bitte nicht! … Bitte, bitte …
    In Zeitlupe griff er hinter sich und holte etwas aus seiner Gesäßtasche. Mit vor Schreck geweiteten Augen sah Emilia was es war: Ein Taschentuch.
    Als handele es sich um ein Requisit aus einem Horrorfilm durchzuckte sie die grauenerweckende, vernichtende Kraft des strahlend weißen Papierfetzen, den sie mit unsagbaren Qualen verband.
    Ein Wort zu irgendwem und ich schneide dir beim nächsten Mal die Kehle durch. - Hast du das verstanden?
    Du hattest es nicht anders verdient!
    Nicht anders verdient …
    Nicht anders verdient …

    „Neeeeiiiin“, schrie sie völlig außer sich, stemmte sich hoch, stieß mit voller Wucht gegen den Fremden, und versuchte, an ihm vorbei zu krabbeln.
    Der Mann kippte nach hinten. Für einen kurzen Moment konnte sie die Verblüffung in seinen Augen sehen. Der Türgriff war nicht mehr weit. Doch kaum hatte sie ihre Hand darum gelegt, wurde sie von hinten gepackt. Zwei kräftige Arme pressten sich um sie, zerrten sie wieder zurück.
    Todesangst flutete ihre benebelten Sinne, jagte das Adrenalin durch ihren Körper und weckte ihren Kampfgeist.
    Voller Verzweiflung versuchte sie, sich aus der unnachgiebigen Umklammerung zu befreien, stemmte sich gegen die harte Brust in ihrem Rücken, zappelte wild mit den Beinen und warf ihren Kopf in den Nacken, dass ihre Haare durch die Luft flogen.
    Ein schmerzerfüllter Aufschrei ertönte an ihrem Ohr, ließ die Hoffnung in ihr aufkeimen, dass einer ihrer Verteidigungsversuche erfolgreich gewesen sein musste. Doch der Griff um ihren Oberkörper, der ihre Arme fixierte, lockerte sich in keinster Weise. Wie lange würde sie diesen Widerstand noch aufrechterhalten können?
    Sie spürte schon jetzt, wie ihre Muskeln erschlafften, die Erschöpfung die Oberhand gewann und ihre Gegenwehr nachließ.
    Es hatte keinen Sinn. Sie würde aufgeben und sich in ihr Schicksal fügen müssen. Bei der Vorstellung, das alles noch einmal zu erleben, überkam sie das Verlangen lieber auf der Stelle tot umzufallen.
    Einmal noch bäumte sie sich auf, mobilisierte die verbliebenen Energiereserven, startete einen letzten jämmerlichen Versuch, der Übermacht ihres Angreifers etwas entgegenzusetzen, bevor ihr hysterisches Schreien zu einem wimmernden Schluchzen abebbte. Abgekämpft brach sie in den Armen des Mannes zusammen, der sich mit ihr auf den Boden sinken ließ.
    Jetzt passiert es. Es passiert schon wieder. Er wird mir wehtun.
    Behutsam strich er ihr eine schweißnasse Haarsträhne aus dem tränenverschmierten Gesicht. Emilia ließ es geschehen. Sie hatte keine Kraft mehr, lehnte schlaff mit ihrem Kopf an der Brust des Fremden. Apathisch starrte sie vor sich hin, während die Tränen langsam versiegten.
    „Sch…“, hörte sie die tröstende ruhige Stimme an ihrem Ohr, fühlte die zaghafte Berührung einer Hand, die ihr über den Kopf strich und sich schützend um sie legte.
    „So ist es gut. Atme ganz ruhig weiter, dann wird es dir gleich besser gehen. Ich tue dir nichts. Alles ist gut.“
    Warum tat er ihr nichts? Das Taschentuch! Hatte er nicht vorgehabt, es ihr in den Mund zu stopfen, um ihre Schreie zu ersticken? So, wie damals? Er hatte es getan.
    Wie lange sie so da saßen, vermochte Emilia nicht zu sagen. Zeit und Raum verschwammen ineinander und verloren an Bedeutung.
    Die plötzliche Verlagerung ihres Körpers ließ sie hochschrecken. Jemand hatte sie angehoben und trug sie nun zu dem Bett, um sie vorsichtig darauf abzulegen. Ihr Blick blieb an dem Gesicht des Mannes hängen und nur langsam drang die völlig unerwartete Erkenntnis zu ihr durch: Das war Silas!
    Warum zum Teufel hatte sie ihn nicht erkannt? Verlor sie den Verstand? War es letztendlich gerechtfertigt, dass man sie hier her gebracht und in Sicherheitsverwahrung genommen hatte? Hatte sie sich die grausame Begegnung mit diesem Ungetüm vielleicht ebenfalls nur eingebildet und entsprang das hier in Wirklichkeit alles nur ihrer wirren Fantasie?
    „Silas…Du…?“, brachte sie krächzend hervor. Ihr Hals war vom Schreien so rau als sei er mit Schmirgelpapier bearbeitet worden. Ungläubig starrte sie Silas an und bemerkte, dass seine Lippe aufgeplatzt war.
    Oh nein. Das war sie gewesen. Bei dem Versuch, sich aus seiner Umklammerung zu befreien.
    „Lia... Es tut mir leid, dass ich dich so erschreckt habe“, beteuerte er.
    „Nein, mir tut es leid. Ich … ich dachte, du wärst jemand anders.“ Niedergeschlagen legte sie ihr Gesicht in die Hände und schüttelte den Kopf. Das war alles so irreal. Der reinste Albtraum.
    „Ich weiß“, seufzte er verständnisvoll. „Hör zu, du musst etwas trinken. Ich habe dir Wasser mitgebracht.“ Er hielt ihr einen Becher hin, den Emilia gierig ergriff und so hastig trank, dass die Hälfte daneben ging. Erneut füllte er ihn auf und beobachtete, wie sie auch diesen leerte. Dann breitete sich eine unangenehme Stille zwischen beiden aus.
    „Warum bin ich hier?“, fragte sie schließlich kaum hörbar und wischte sich eine noch übriggebliebene Träne aus dem Augenwinkel.
    Unvermittelt wandte er seinen Blick von ihr ab und fixierte den Fliesenboden. Einen Moment lang glaubte sie, er habe nicht vor, ihr zu antworten, doch dann gab er sich einen Ruck.
    „Woran kannst du dich erinnern?“, fragte er schließlich und als seine Augen die ihren trafen, hatte Emilia kurzzeitig das Gefühl, Unsicherheit darin erkennen zu können. Warum reagierte er auf ihre Frage mit einer Gegenfrage?
    Sie antwortete mit einem Achselzucken. „Ehrlich gesagt, wird in meinem Kopf gerade ein Jahrmarkt veranstaltet. Nicht nur, dass er höllisch weh tut … es ist alles so durcheinander. Ich weiß nicht, wie ich hier her gekommen bin. Ich erinnere mich daran, dass du hier bei mir warst und dann war da dieses … dieses Ding … was war das und was hat es mit mir gemacht?“ Ihre Stimme drohte wegzubrechen und erneut schossen die Tränen in ihre Augen. Silas griff nach ihrer Hand und drückte sie sanft.
    „Du hast keinerlei Erinnerung daran, was vorher war?“
    Gequält sah sie ihn an und versuchte erneut ihr Gedächtnis zu durchforsten, um irgendeinen Anhaltspunkt zu finden. Nachdenklich rieb sie sich über die Stirn und kniff die Augen zusammen.
    „Ich hatte einen Unfall“, schoss es plötzlich aus ihr heraus. „Ich erinnere mich daran. Ich war im Krankenhaus.“
    „Ja“, sagte Silas. „Das ist richtig. Was sonst noch?“
    Emilia räusperte sich. „Wir … wir waren auf dem Weihnachtsmarkt … mit den anderen“, stammelte sie.
    „Ja, sehr gut. Das war vorgestern.“ Aufmunternd nickte Silas ihr zu und trotzdem war da noch etwas anderes. Etwas, das Emilia nach wie vor nicht richtig greifen konnte.
    „Elias“, flüsterte sie schließlich kaum hörbar und zog die Stirn kraus.
    Nur langsam fügten sich die Erinnerungssplitter wieder aneinander, bevor die Bilder wie eine Lawine über sie hinwegrollten.
    Im Krankenhaus nach dem Unfall … Elias war bei ihr gewesen und die ganze Zeit über nicht von ihrer Seite gewichen. Fast rund um die Uhr hatte er sich um sie gekümmert … An dem Abend in der Kirche … sein Geständnis … Er hatte ihr gesagt, dass er ein Engel ist und die Welt der Menschen in Gefahr schwebt … Dagon … er hatte ihr von Dagon erzählt … und von den Dämonen ...
    Oh mein Gott! …
    Ein Schauer fuhr ihr in die Glieder und die schaurige Erkenntnis durchzuckte sie wie ein Stromstoß. Dieses Wesen von letzter Nacht … Konnte es tatsächlich sein, dass …?
    Ihr Verstand weigerte sich, den Gedanken zu Ende zu bringen. Mit aller Macht schob sie ihn beiseite und versuchte gegen das Zittern anzukämpfen, das erneut von ihr Besitz nehmen wollte.
    Silas bemerkte ihre Unruhe, rückte ein Stück näher an sie heran und strich ihr beruhigend über den Arm. Die sanfte Berührung brannte sich wie Säure durch ihre Haut, ließ sie ungewollt zusammenzucken.
    Das Gefühl, dass etwas nicht stimmte und es mit Elias zu tun haben musste, verstärkte sich, als sie Silas in die Augen sah.
    „Was ist mit Elias?“, fragte sie jetzt schärfer, als beabsichtigt und warf ihm dabei einen skeptischen Blick zu. „Irgendetwas ist geschehen, nicht wahr? Wo ist er? Geht es ihm gut? Jetzt sag doch was!“ Sie entzog ihm ihre Hand.
    „Beruhig dich, Lia. Es geht ihm gut, okay? Im Gegensatz zu dir, befindet er sich in Sicherheit.“ Nervös ging sich Silas durch die Haare und streifte nur kurz ihren Blick, bevor er wieder auf den Boden starrte.
    „Was soll das heißen? Sag mir, was du weißt …“ In dem Moment traf es sie wie ein Schlag, als habe sich ein Schalter umgelegt, der von jetzt auf gleich Licht ins Dunkel brachte.
    Der Abend mit Silas beim Italiener!
    Das war das fehlende Puzzleteil! Er hatte sich Dagons Armee angeschlossen und … Oh mein Gott!
    Er hatte sie entführt!
    Emilia stockte der Atem und die Erkenntnis darüber, was das bedeutete, sickerte langsam aber unaufhaltsam in ihr Bewusstsein. Sie konnte auch ihm nicht vertrauen. Er war der Wolf im Schafspelz! Er war der Feind!


    Hier geht`s weiter:

    Kapitel 9.2

  • So, mit der ersten Haelfte (bis sie Silas erkennt) hadere ich noch ein bisschen, da frage ich mich (mal wieder) - was ist die Erzaehlperspektive? Manchmal sind wir nahe an Lia dran und nehmen Dinge nur aus ihrem Blick wahr, manchmal ist der Erzaehler allwissend und sieht viel klarer was in Emilia vorgeht als sie selbst das koennte.


    Als sie Silas dann erkennt wird sie selber auch wieder klarer im Kopf, das mache es Dir anscheinend einfacher das zu schreiben, und da wird die Perspektive dann einheitlicher und die Szene richtig stark.


    Hier ist ein bisschen was ich mit der Erzaehlperspektive meine:


    Nach wie vor wippte sie nervös vor und zurück, vor und zurück, ohne es abstellen zu können.

    Zu reflektiert - das ist ja (nehme ich an) eine unbewusste Reaktion, deshalb kann sie es nicht abstellen - der Text ist sehr klar, sie weiss dass sie nervoes ist und merkt dass sie wippt und dass sie es nicht abstellen kann.

    Als handele es sich um ein Requisit aus einem Horrorfilm durchzuckte sie die grauenerweckende, vernichtende Kraft des strahlend weißen Papierfetzen, den sie mit unsagbaren Qualen verband.

    Das wirkt hier ein bisschen wie comical relief - im Prinzip finde ich den Gedanken gut dass so was einfaches ihr Panik macht, aber wie's hier geschrieben ist reisst mich das eher aus der Szene. Ich denke der Punkt ist dass sie keine Panik haette wenn sie sich das alles (Requisit aus Horrorfilm, Papierfetzen,...) denken wuerde, sondern eben blinde Panik hat weil ihr das alles nicht bewusst ist.


    Ich geb' Dir mal ein Beispiel wie ich versuche, die Perspektive einer traumatisierten Person zu schreiben (das ist Samantha aus 'Extradimensional Intelligence' nachdem sie aus dem Folterkeller befreit wurde) - vielleicht wird dann klarer was ich mit 'reflektiert' und so meine


  • Hey liebe Rainbow, jetzt muss ich mich mal aus der Versenkung melden. Die neuen Emilia-Texte (auch der vorherige) sind phänomenal gut und extrem stark. Ich glaube, die hast du noch sehr überarbeitet, oder? Ich kann mich nicht erinnern, dass sie in der Urversion so stark auf mich gewirkt hätten. Emilias Schock, ihre Traumatisierung durch das "Wesen" kommen sehr gut rüber. Auch dass sie Silas zuerst nicht erkennt, ihn für ihren Todfeind hält, finde ich sehr gelungen. Dann ihre Rückblenden, die Erkenntnis am Schluss, ich bekam richtig eine Gänsehaut. Toll. Du übertriffst dich hier selbst!

    :thumbsup::thumbsup::thumbsup:

  • Ja.^^ Das schließt sich nahtlos an den Abschnitt zuvor an. Gut gemacht.

    Besonders die langsame Erkenntnis, dass Silas der Verräter ist kommt gut rüber.


    Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.


    Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz

  • Hey Rainbow :)


    Insgesamt gefällt mir die Szene richtig gut. Besonders als sie Silas erkennt und wieder klarer wird. Hier würde ich allerdings noch ein bisschen an ihrem Dialog feilen - da wirkt manches etwas zu klar für meinen Geschmack.


    Als sie dann bemerkt, dass er der Verräter sein könnte - das fand ich richtig stark!


    Ich finde, du hast das gut gemacht :)


    LG

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • Hi Rainbow,

    ich kann mich den anderen nur anschließen. Der neue Abschnitt ist wieder sehr stark. Die Verdrängung, dass langsame Begreifen, erst auf der Gefühlsebene, dann langsam auch auf der rationalen Ebene. Viel zu bemängeln gibt es nicht.


    Die Formulierung empfinde ich etwas lapidar, bei der Anspannung die du so gut rüberbringst, wirkt ein Achselzucken für mich nicht ganz richtig.

    Sie antwortete mit einem Achselzucken.

    Ansonsten nur weiter so und hoffen wir mal das die Rettung für die arme Emilia naht.


    Für mehr blümchenpflückende Orks, blutrünstige Elfen und vegetarische Drachen!

  • Lieben Dank für eure Rückmeldungen. Hier kommt mein Feedback zu eurem Feedback :)