HEAVEN (Band II)

  • Thorsten , LadyK , Sensenbach , vielen Dank für eure Rückmeldungen :)
    Na gut! Dann werde ich es an der Stelle eskalieren lassen. Gefällt mir auch bedeutend besser.


    Ich schätze, damals hatten meine Leser nicht alle zur Verfügung stehenden Informationen, weil sie ausschließlich den zweiten Band kannten, da der erste hier im Forum nicht von mir eingestellt worden war (Ich hatte ihn ja zu dem Zeitpunkt gerade veröffentlilcht) Das war insofern ungünstig, da die Geschichte nunmal aufeinander aufbaut und Vieles im ersten Teil inszeniert und erklärt wird. Deshalb kann ich mir schon vorstellen, dass die Tankstellenszene etwas heftig gewirkt hat. :hmm:




    LG,

    Rainbow

  • Wie immer kommt mein Kommentar, nachdem bereits alle ihren Senf dazu gegeben haben. Ich glaube, ich habe damals schon deine Actionszene gemocht, jedenfalls war das bestimmt nicht ich, die davon abgeraten hat. Bitte behalten!


    Die Szene erinnert mich an etwas, das wirklich passiert ist.

    Es war im März, meine Tochter rief mich an. SIe hat aus ihrem Zimmer im 6. Stockwerk beobachtet, wie plötzlich überall um sie her massenhaft Leute aus ihren Wohnungen zum nahen Supermarkt gerannt sind als würden sie gejagt. Das passierte kurz nachdem der dänische Staat den Lockdown ausgerufen hatte (sie ist in Kopenhagen). Das hat sie so beunruhigt, dass sie mich angerufen und gefragt hat, was denn jetzt los ist.

    Ich denke, deine Szene könnte durchaus Leute an das erinnern, was sie selbst erlebt haben, wenigstens zu einem Teil.


  • Ich habe den vorherigen Post nun geteilt, weil er ja bedeutend länger geworden ist. Das hier ist das Ende des letzten Parts, den ihr ja schon kennt. Also nicht wundern ^^


    Kapitel 13.1



    Aus dem Augenwinkel nahm Nils einen LKW wahr, der von der gegenüberliegenden Fahrbahnseite mit viel zu hohem Tempo herannahte. Er hielt direkt auf die Tankstelle zu.
    „Was hat der vor? Schläft der?“, fragte Nils entgeistert und musste sich entscheiden, entweder noch vor dem LKW vorzupreschen oder abzuwarten, was als Nächstes passieren würde. Im Nachhinein konnte er sich nicht mehr daran erinnern, ob es eine bewusste Entscheidung oder vielmehr Eingebung war, als seine Wahl auf die erste Variante fiel. Kaum war er um Haaresbreite an dem LKW vorbeigeschlittert, raste dieser ungebremst auf das Tankstellengelände, bretterte unter lautem Getöse und in Begleitung angsterfüllter Schreie in die Menschenmenge und schob die Autos wie eine Ziehharmonika zusammen.
    Der Zusammenstoß mit den Zapfsäulen verursachte eine Explosion, deren Druckwelle die gesamte Umgebung erschütterte und die Fensterscheiben der angrenzenden Häuser zerbersten ließ. Zuckende Flammen bäumten sich auf und verschlangen alles, was sich ihnen in den Weg stellte. Eine schwarze undurchdringliche Qualmwolke hüllte die Unfallstelle ein und vernebelte die Sicht auf das gesamte Ausmaß der Zerstörung. Nils spürte, wie das Adrenalin durch seine Adern gepumpt wurde und ihn regelrecht aufputschte, während er den schlingernden Wagen mit Vollgas in der Spur zu halten versuchte. Es fühlte sich so an, als seien alle seine Sinne geschärft und sämtliche Muskeln in seinem Körper unter Anspannung. Im Rückspiegel beobachtete er ungläubig das Geschehen hinter sich, während Susan abgeschnallt und entgegen der Fahrtrichtung auf dem Sitz kauerte, um das unglaubliche Schauspiel durch die Rückscheibe zu verfolgen.
    „So was gibt es doch gar nicht“, stammelte sie voller Entsetzen. „All die Menschen, die eben noch direkt neben uns gestanden haben … Oh mein Gott, Nils. Nur ein paar Minuten früher und es hätte uns ebenfalls erwischt.“ Fassungslos schüttelte sie den Kopf, ließ sich in den Sitz sinken.
    „Du solltest dich besser wieder anschnallen“, wies Nils sie an und deutete auf den Gurt. „Wer weiß, was als Nächstes kommt.“ Gedankenverloren starrte Susan zum Fenster hinaus und schien gar nicht mitzubekommen, dass Nils mit ihr sprach.
    „Susan“, sagte er jetzt eindringlicher, sodass sie zusammenzuckte, als habe er sie gerade aus ihren Gedanken gerissen. „Schnall dich bitte wieder an, okay?“ Besorgt musterte er seine Freundin, die mit ausdrucksloser Miene seiner Aufforderung nachkan. Dann stützte sie ihre Füße gegen das Amaturenbrett, umschlang ihre Beine mit den Armen und legte den Kopf auf den Knien ab. Ihr zuckender Oberkörper verriet, dass sie weinte.
    „Hey Schatz, es wird alles gut werden“, sagte Nils nun wieder ruhiger und streichelte sanft über Susans Kopf, der nur aus blonden Locken zu bestehen schien. „Wir fahren jetzt erst mal zurück zu den anderen und dann sehen wir weiter. Micah wird wissen, was zu tun ist.“
    Sie nickte kaum merklich, ohne Nils dabei anzusehen, als sich plötzlich ein dunkler Schatten vor die Sonne schob und alles in ein unheilverheißendes dämmriges Licht tauchte. Sorgenvoll blickte Nils hinauf in den Himmel. Die Wolkenberge, die eben noch in weiter Entfernung schienen, befanden sich jetzt direkt über ihnen. Lichtblitze zuckten durch die grauschwarze Masse und schnellten wie Schlangenzungen in Richtung Erde, während der aufkommende Wind die Bäume am Straßenrand durchschüttelte und den Wagen erfasste.
    Fest umklammerte Nils das Steuer und musste heftig gegenlenken, um nicht durch den starken Seitenwind von der Fahrbahn gedrängt zu werden.
    Susan neben ihm erwachte aus ihrer Starre, setzte sich auf und hielt sich krampfhaft an dem Griff oberhalb ihres Sitzes fest.
    „Es geht los“, wisperte sie. „Hat Micah nicht gesagt, wir hätten noch Zeit? Er meinte, es blieben noch zwei Tage, bis Dagon angreift.“
    „Ich wüsste nicht, warum sich ein Dämonenfürst an einen Zeitplan halten sollte“, schnaufte Nils abfällig. „Erst recht, wenn er von einem Engel aufgestellt wurde. Was sollte ihn davon abhalten, hier und jetzt ernst zu machen?“ Wütend schlug er mit der Hand auf das Lenkrad und stieß einen Fluch aus.
    Die Landstraße über die er den Wagen in rasendem Tempo lenkte, führte über ein freies Feld und gab den Blick auf den weiten Horizont und die Skyline der Stadt frei. Unter dem niedrig hängenden Dach aus dunklen Wolken, musste das Auto mit seinen beiden Insassen auf dem unbebauten weitläufigen Gelände wie ein Miniaturspielzeug wirken – klein und ausgeliefert.
    Mit einem Mal riss an einer Stelle der Himmel auf und eine trichterförmig zulaufende Lichtsäule erhellte in der Ferne die düstere Umgebung. Erst bei näherer Betrachtung konnte man erkennen, dass ein Strom grell leuchtender Punkte sich in Richtung Erde bewegte. Die Luft schien regelrecht zu flimmern, so wie Asphalt, wenn er im Sommer durch zu viel Sonneneinstrahlung erhitzt wurde und das Farbenspiel aus goldglitzerndem Funkenregen erinnerte an ein spektakuläres Silvesterfeuerwerk. Der sagenhafte Anblick bot einen perfekten Kontrast zu der Furcht erregenden düsteren Kulisse, die sich immer weiter ausbreitete und das letzte bisschen blauen Himmel verdrängte.
    Ungläubig starrte Susan zum Fenster hinaus.
    „Was ist das?“, fragte sie und schirmte ihre Augen ab, um nicht geblendet zu werden.
    „Ich habe keine Ahnung“, antwortete Nils, der nur einen flüchtigen Blick auf das Spektakel werfen konnte, weil er sich auf die Straße konzentrieren musste. „Sieht ganz so aus, als käme da die Kavallerie, auf die wir warten. Wird auch höchste Zeit, wenn du mich fragst.“
    Susan sah ihn mit geweiteten Augen an. „Glaubst du, das sind die Engel?“
    „Ich hoffe es!“ Nils beugte sich ein Stück zu Susan herüber, um aus dem Seitenfenster sehen zu können. Ein plötzlicher Aufprall auf der Frontscheibe ließ beide zusammenzucken, sodass Nils vor Schreck das Lenkrad verzog und die Kontrolle über den Wagen verlor, welcher prompt ins Schlingern geriet, von der Fahrbahn abkam und mit voller Wucht im Straßengraben landete. Eine Sekunde lang spürte er den stechenden Schmerz an seinem Kopf und hörte den dumpfen verzerrten Aufschrei von Susan, als käme er von weit her, bevor ihn die Dunkelheit einhüllte und davon trug.


    Hier geht`s weiter:

    Kapitel 13.2

  • Das ist gänsehautmässig...!! Finde ich super!


    Eine kleine Anmerkung - und die will ich eigentlich gar nicht machen, weil der Text vom Aufbau der Spannung und von den Bildern her mir so gut gefällt : Im Prinzip wird Nils überhaupt nicht sehen, was an der Tankstelle passiert, also weder die Explosion noch den Rauch - denn er ist ja an ihr vorbeigefahren, bevor es krachte. Also genau genommen ist es wohl Susan, die das Ganze genau beobachtet, weil die sich ja aus dem Rückfenster lehnt. (sie könnte Nils zurufen, was sie gerade sieht?)

    Oder Nils sieht das im Rückspiegel?

    Das würde ich vielleicht noch irgendwie einfügen, sonst wirkt es wie ein Schwenk der Erzählperspektive, als ob du von Nils zu einem allwissenden Erzähler und dann wieder zu Nils schwenkst. Ich denke aber, das wär machbar, dass du an Nils dranbleibst und trotzdem alle die Details so aufzählen kannst.


    ils spürte, wie das Adrenalin durch seine Adern gepumpt wurde und ihn regelrecht aufputschte, während er den schlingernden Wagen mit Vollgas in der Spur zu halten versuchte. Es fühlte sich so an, als seien alle seine Sinne geschärft un

    Und das handelst du so in einem Nebensatz ab? "Er versucht den schlingernden Wagen mit Vollgas in der Spur zu halten" - Da ist enorm viel Dramatik drin, das würde ich noch viel genauer und detaillierter beschreiben.

    Ich könnte mir vorstellen, das da noch der schwarze Rauch von der Explosion ihm die Sicht vernebelt, während Susan ihm in die Ohren kreischt, dass der LKW in die Tankstelle gekracht ist und die Flammen bis über die Stromleitung schlagen... könnte mir da gerade eine Menge vorstellen, was man da noch so alles beschreiben könnte. Das Schreien der vielen Menschen hört er sicher auch, quietschende Bremsen, Benzingeruch überall in der Luft, usw - da geht noch mehr!


    Sie nickte kaum merklich, ohne Nils dabei anzusehen, als sich plötzlich ein dunkler Schatten vor die Sonne schob und alles in ein unheilverheißendes dämmriges Licht tauchte.

    Ich glaube, das war der Gänsehautmoment. =O



    ein Strohm

    Strom


    Unter dem niedrig hängenden Dach aus dunklen Wolken, musste das Auto mit seinen beiden Insassen auf dem unbebauten weitläufigen Gelände wie ein Miniaturspielzeug wirken – klein und ausgeliefert.

    Das ist auch sehr gut beschrieben


    „Es geht los“, wisperte sie. „Hat Micah nicht gesagt, wir hätten noch Zeit? Er meinte, es blieben noch zwei Tage, bis Dagon angreift.“

    Die Bemerkung ist so richtig daneben, wie man halt reagiert, wenn die Situation so unwirklich ist, so ausserhalb allem, was man gewohnt ist. Gefällt mir auch sehr gut!


    Ein plötzlicher Aufprall auf der Frontscheibe ließ beide zusammenzucken, sodass Nils vor Schreck das Lenkrad verzog und die Kontrolle über den Wagen verlor, welcher prompt ins Schlingern geriet, von der Fahrbahn abkam und mit voller Wucht im Straßengraben landete. Eine Sekunde lang spürte er den stechenden Schmerz an seinem Kopf und hörte den dumpfen verzerrten Aufschrei von Susan, als käme er von weit her, bevor ihn die Dunkelheit einhüllte und davon trug.

    Und dann noch das! Passt sehr gut zu allem, was davor passiert ist!

    Hier zeigst du sehr eindrucksvoll und bildhaft, dass "es" losgeht.

    Gefällt mir!!!


  • Da ich das Ende dieses Kapitels schon hier herumliegen habe, schiebe ich es jetzt einfach mal hinterher.

    Ich habe es weitestgehend so gelassen, wie es war. Spontan ist mir nichts ins Auge gestochen, was ich heute anders geschrieben hätte, als vor fünf Jahren. Aber das hat ja nicht immer was zu sagen ... wenn euch also irgendwas unpassend oder anderweitig seltsam vorkommt, lasst es mich gerne wissen. ^^


    Heute bzw. morgen ist übrigens Jahrestag :) Schon wieder ein ganzes Jahr um, in dem ihr mich und meine Geschichte (diesmal Band II) begleitet. Also fühlt euch von mir auf einen "virtuellen Drink" eingeladen :beer: und ein riesengroßes Dankeschön an euch alle, die ihr noch immer dabei seid.




    Kapitel 13.2



    „Nils, oh mein Gott … Nils, sag doch was!“, entfuhr es Susan, während sie nach ihrem Freund tastete, der vornüber gebeugt in seinem Sitz hing. Mit zitternden Händen schnallte sie sich ab und krabbelte auf seine Seite, um sein Gesicht anzuheben. Eine dicke Platzwunde prangte an seinem Kopf, aus der sich eine nicht unbeachtliche Menge Blut den Weg über seine Schläfe und die Wangen hinunter suchte.
    Ihre Finger wanderten zu seinem Hals, legten sich auf die Stelle, an der sich der Puls ertasten ließ. Erleichtert stieß sie die Luft aus, als sie das stete Pochen wahrnahm.
    Mit wenigen Griffen entledigte sie sich ihrer Jacke und zog sich die Bluse über den Kopf, um mit dem Stoff die Blutung zu stoppen. Der tiefe klaffende Riss an Nils Haaransatz ließ keinen Zweifel dran, dass die Wunde genäht werden müsste.
    „So eine Scheiße!“, fluchte sie voller Verzweiflung. „Nils verdammt. Wach auf! Du kannst mich jetzt nicht alleine lassen. Ohne dich schaffe ich das nicht.“ Besorgt betrachtete sie ihren Freund, von dem keinerlei Reaktion kam.
    Wäre er nicht blutüberströmt gewesen, hätte man meinen können, er schlafe, so friedlich, wie er da lag. Erschöpft und resigniert ließ sie ihren Kopf gegen seinen schlaffen Körper sinken und ließ ihren Tränen freien Lauf. Das Gefühl von Hilflosigkeit wurde übermächtig. Es lähmte sie. Ließ sie keinen klaren Gedanken fassen. Die Sekunden vergingen, zogen sich ins Unendliche.
    Du musst etwas unternehmen, Susan. Nils braucht Hilfe. Sofort!
    Mit einem Mal rappelte sie sich wieder auf.
    „Ich werde uns hier rausholen“, sagte sie mit zittriger aber bestimmter Stimme in die Stille hinein.
    Umständlich kletterte sie zurück auf ihre Seite, stieß sich dabei unsanft das Knie am Schaltknüppel, und öffnete die Beifahrertüre, um sich aus dem Wagen zu hieven.
    Die eiskalte Luft, die ihr entgegenwehte erinnerte sie daran, ihre Jacke wieder anzuziehen. Kaum stand sie aufrecht, wurde sie von einem Schwindel erfasst und einen Moment lang wurde ihr schwarz vor Augen. Kurz verharrte sie, die Hände auf die Knie gestützt, und atmete tief durch. Dann wankte sie um den Wagen herum, wo ihr Blick auf die gesplitterte Frontscheibe fiel. Sie war mit Blut beschmiert. Und mit etwas anderem. Bei näherer Betrachtung glaubte sie, schwarze Federn erkennen zu können, die überall verteilt waren. War das vielleicht der Grund ihres Unfalls gewesen? Sollte es ein Vogel gewesen sein, musste er wie ein Stein vom Himmel gefallen sein, dachte sie sich und erschauderte bei der Vorstellung.
    Mit wackligen Beinen umrundete sie das Auto und musste zu ihrer Verwunderung feststellen, dass sich das Ausmaß der Zerstörung ansonsten ins Grenzen hielt. Die Stoßstange war verbeult und hing schief herunter und der eine Kotflügel hatte etwas abbekommen. Mit etwas Glück fuhr der Wagen noch. Die Frage war nur, wie sie ihn aus diesem Graben heraus und wieder auf die Fahrbahn bugsieren sollte.
    Der Abhang, der vor ihr aufragte, war definitiv zu steil, um ihn ohne weiteres überwinden zu können. Sie musste Hilfe holen.
    Mühsam kletterte sie die Böschung hinauf und riss sich an den Dornensträuchern, die dort wuchsen, die Hände auf.
    In dem Moment, als sie oben ankam, raste ein Auto an ihr vorbei, das aber keine Anstalten machte, anzuhalten. Von der Straße aus musste deutlich zu erkennen sein, dass sich hier ein Unfall ereignet hatte, doch hielt es anscheinend niemand für notwendig, nach dem Rechten zu sehen, geschweige denn, seine Hilfe anzubieten.
    Susan sah das nächste Auto herannahen. Provokativ und mit beiden Armen winkend stellte sie sich auf den Fahrstreifen, um auf sich aufmerksam zu machen. Der Fahrer des Wagens schien es ziemlich eilig zu haben. In rasantem Tempo näherte sich das Fahrzeug, während das durchdringende Hupgeräusch und das Aufleuchten des Abblendlichtes eindeutig eine Aufforderung darstellte, aus dem Weg zu gehen. Susan dachte gar nicht daran, die Fahrbahn freizugeben. Er konnte sie schließlich unmöglich überfahren. Oder doch?
    Mit festem Stand und entschiedener Miene versuchte den Blickkontakt zu dem Menschen hinter dem Steuer herzustellen.
    Der Abstand verkürzte sich binnen weniger Sekunden. Er musste anhalten! Er musste einfach!
    Ihr Herz schlug bis zum Hals. Das ohrenbetäubende Geräusch der Hupe dröhnte in ihren Ohren. Der Asphalt unter ihren Füßen schien zu beben.
    Sie stolperte zur Seite, der starke Fahrtwind zerrte an ihrer Kleidung, wehte ihr die Haare ins Gesicht.
    Einen Moment starrte sie auf die Rücklichter des Autos, das sich schnell entfernte.
    „Du Arschloch!“, schrie sie dem Fahrer hinterher. „Elender Wixer. Du hättest mich um ein Haar überfahren, du Spinner.“ Verzweifelt fuhr sie sich durch die Haare und schlang dann resigniert die Arme um den Oberkörper, um sich vor den eiskalten Windböen zu schützen, die ihr durch Mark und Bein gingen. Trotz ihrer dick gefütterten Winterjacke, glaubte sie, dass die Außentemperatur inzwischen arktische Ausmaße angenommen hatte. Was sollte sie jetzt tun? Unverrichteter Dinge ging sie zum Wagen zurück, um nach Nils zu schauen, der nach wie vor unverändert da lag. In ihrer Handtasche wühlte sie nach ihrem Handy, nur um, wie bereits erwartet, festzustellen, dass es sich ausgeschaltet hatte.
    In diesem Moment hasste sie sich dafür, dass sie es ständig versäumte, rechtzeitig den Akku ihres Telefons aufzuladen. Wie oft hatte Nils sie schon damit aufgezogen und gemeint, der Nutzen des technischen Fortschritts würde an ihr vorübergehen, weil sie anscheinend nicht dazu in der Lage war, für die einfachsten technischen Grundvoraussetzungen Sorge zu tragen. Wie recht er hatte!
    Voller Erwartung durchstöberte sie nun seine Jackentaschen, in der Hoffnung mit seinem Handy mehr Erfolg zu haben. Vor Kälte spürte sie ihre Hände nicht mehr, was die Sache nicht unwesentlich erschwerte, da sie ewig brauchte, um den Knopf der Brusttasche aufzubekommen. Ein stechender Schmerz zog sich durch ihre eingefrorenen Finger. Verzweifelt versuchte sie sich selber Mut zu machen.
    „Komm schon!“, sagte sie immer wieder. „Du schaffst das, Susan!“ Wenn sie Freddy erreichen könnte, würden er und Micah sie aus dieser misslichen Lage befreien und alles würde gut werden. Zumindest hätten sie dann immerhin eine realistische Chance und müssten nicht direkt an Ort und Stelle erfrieren.
    Als sie es endlich geschafft hatte, Nils` Telefon mühsam aus der vorderen Jackentasche herauszuziehen, musste sie ernüchtert feststellen, dass sie keinen Empfang hatte und ihre Anstrengung völlig umsonst gewesen war. Das Handy war unbrauchbar.
    „Verdammt!“, stieß sie hervor. „Das kann doch alles nicht wahr sein. Wir sind doch hier nicht fern ab jeglicher Zivilisation. Wie kann das sein?“
    Es war, als hätte sich alles gegen sie verschworen und nichts, aber auch gar nichts würde klappen. Laut vor sich hin fluchend kletterte sie aus dem Wagen und ging ein paar Schritte aufs freie Feld hinaus, wo sie das Mobiltelefon in alle Himmelsrichtungen hielt, um gegebenenfalls zumindest einen Strich auf der Empfangsskala des Displays zu erhalten. Fehlanzeige! Entweder sie befanden sich in einem Funkloch oder der Empfang wurde durch andere Faktoren beeinträchtigt. Vielleicht sind es irgendwelche elektromagnetischen Schwingungen, die diese Störung des Funknetzes hervorriefen, dachte Susan. Im Prinzip war das aber auch egal, denn entscheidend war letztlich nur, dass sie jetzt hier fest saßen.
    Ein röchelndes Geräusch drang aus dem Wageninneren und riss sie aus ihren Gedanken. Mit wenigen Schritten war sie zurück am Auto und sah, dass Nils gerade dabei war, die Verletzung an seinem Kopf zu ertasten, woraufhin er mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammenzuckte. „Autsch“, stöhnte er und erstarrte, als er das Blut an seiner Hand kleben sah, das offensichtlich von der Platzwunde stammte.
    „Nils, du bist wieder wach. Gott sei Dank“, stieß Susan erleichtert hervor.
    „Was ist passiert?“, fragte er verwirrt und versuchte, sich aufzurichten, was ihm sichtlich schwer fiel. Sofort war Susan bei ihm und stützte sich mit beiden Händen vorsichtig gegen seinen Oberkörper, um ihn wieder gegen den Sitz zu pressen.
    „Du bleibst schön, wo du bist. Es würde mich nicht wundern, wenn du eine Gehirnerschütterung oder sowas hättest.“ Ohne jeglichen Widerstand zu leisten, gab Nils ihrer Aufforderung nach und ließ sich zurücksinken, während er Susan mit zusammengekniffenen Augen fixierte.
    „Irgendetwas ist uns auf die Scheibe gekracht“, fuhr diese fort. „Ich nehme an, dass es ein Vogel war. Zumindest kleben da vorne überall schwarze Federn.“ Sie deutete Richtung Motorhaube. „Du hast die Kontrolle über den Wagen verloren und dann wir sind mit Vollspeed im Graben gelandet. Ich habe versucht, oben an der Straße jemanden zum Anhalten zu bewegen. Keine Chance.“ Sie räusperte sich. „Ach ja, und die Handys funktionieren nicht. Funkloch.“ Das unwichtige klitzekleine Detail mit dem leeren Akku brauchte Nils an dieser Stelle nicht zu erfahren, dachte sie sich.
    „Wie lange war ich weg?“, fragte Nils und hob seinen Arm, um einen Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk zu werfen. „Keine Ahnung. Ich schätze vielleicht fünfzehn Minuten“, antwortete Susan. „Wie geht es dir denn?“ Besorgt strich sie die Konturen seines Gesichts nach, darauf bedacht, ihm keine Schmerzen zuzufügen.
    „Um ehrlich zu sein, fühlt es sich so an, als würde jemand meinen Schädel mit einem Presslufthammer bearbeiten ...“ Mühsam versuchte er den Kopf anzuheben.
    „... Und wenn ich mich bewege, dreht sich alles. Ahhh …“ Resigniert kippte er wieder nach hinten und schloss erschöpft die Augen. „Susan, es tut mir leid. Ich befürchte, ich bin im Moment keine große Hilfe“, flüsterte er angestrengt.
    „Okay, pass auf. Ich lasse mir was einfallen. Notfalls gehe ich zu Fuß an der Straße lang bis zum Ortseingang. Das sind höchstens noch zwei Kilometer und versuche dann Freddy zu erreichen.“ Sorgenvoll sah sie ihren Freund an. „Obwohl ich dich wirklich nur sehr ungerne hier zurück lassen möchte.“ Sein Blick wandte sich von Susan ab und war plötzlich auf etwas gerichtet, das sie nicht erkennen konnte, weil es sich offenbar hinter ihrem Rücken abspielte. „Da kommt jemand“, sagte Nils, bevor er erneut das Bewusstsein verlor.

  • Hm, es ist nicht schlecht, aber da ist Luft nach oben. Ich denke man koennte mit der Sprache Susan's Verwirrung und Panik besser einfangen, Du erzaehlst immer noch ruhig weiter, mit langen Saetzen und Nebensaetzen - das koennte ohne weiteres abgehackter und ein bisschen gehetzt geschrieben werden und wuerde dann noch intensiver wirken.



    und zog sich ihre Bluse über den Kopf, unter der sie noch ein helles Top trug,


    Was fuer ein Top sie traegt finde ich hier eine eher nebensachliche Information - sie will ihren Freund verarzten, Mode ist in dem Moment zweitrangig.


    „Ich werde uns hier rausholen“, sagte sie bestimmt.


    Finde ich zu schnell von 'weinen' zu 'sagen' - wuerde meines Erachtens besser wirken wenn sie das 'schniefen' wuerde oder so, noch verheult, aber doch entschlossen da rauszukommen,


    Der Abstand verkürzte sich binnen weniger Sekunden und schließlich blieb keine Zeit mehr, weitere vorteilbringende Weisheiten zu wälzen, da Susan zuletzt nur noch erschrocken und zutiefst bestürzt zur Seite springen konnte, bevor sie von dem vorbeirasenden Auto erfasst worden wäre.


    Das war mein Paradebeispiel fuer 'ruhiger Erzaehlfluss mit langen Saetzen und Nebensaetzen - das ist ein Satz!


    Vergleich' mal mit der abgehackten Version:


    Das Auto raste heran. Er musste anhalten, er musste! Die Zeit schien still zu stehen. Leuchtende Scheinwerfer, die Spiegelnde Windschutzscheibe. Er musste!


    Sie stolperte zur Seite, der Fahrtwind zerzauste ihre Haare. Einen Moment starrte sie auf die Ruecklichter des Autos das sich schnell entfernte. Sie war zur Seite gesprungen, im letzten Moment...


    Sprache kann da 'ne Menge machen um die Situation einzufangen :)

  • //Situation, in die ich niemals kommen möchte//

    Sehr schöne Episode (nicht im Sinne von "schön"... du verstehst schon)!

    Nils in kritischer Lage, Susans Versuch, Autos anzuhalten, die nicht funktionierenden Handys (das war natürlich Dagon, stimmt's?), alles ein einziges Dilemma.

    Das hast du sehr gut beschrieben.

    Eine Stelle würde ich nochmal überdenken. Susan findet Nils bewusstlos und blutüberströmt. Nichtsdestotrotz geht sie davon aus, er sei in einem stabilen Gesundheitszustand. Ich glaube, ich würde erstmal Panik schieben und denken, er ist vielleicht tot oder stirbt gleich. Das heisst, ich würde Vitalparameter prüfen - also, atmet er normal, schlägt das Herz, wo ist die Wunde (am Kopf?!), kann das lebensbedrohlich sein, sowas. Wahrscheinlich würde ich mich auch nach so einer Prüfung nicht besonders beruhigen... Ansonsten kann ich ihr Verhalten aber sehr gut nachvollziehen.

    Weiter so!

    P.S. Den Hinweis von Thorsten mit den kurzen Sätzen finde ich auch sehr gut, das würde sicherlich die Paniksituation noch mehr verschärfen.

  • Da ist man eine Weile etwas abgelenkt, da hat es sich hier schon ordentlich weiterentwickelt. Aber so bin ich gleich in den Genuss eines längeren Abschnittes gekommen.


    Die Szene mit Freddy, Micah und Elias hat mir gut gefallen. Freddy Nervosität kommt sehr gut rüber. Seine versuchten Witze lockern die Szene gut auf. Irgendwann habe ich mich aber auch gefragt, ob der arme Junge nicht doch einen Schnaps für die Nerven braucht. Als Micah noch mit dem Brandmal kam, hatte ich echt Mitleid mit ihm (auch wenn es ja dann gar nicht so schlimm war). Das er nicht panisch davonstürmt, ist wirklich heldenhaft (und dabei hat der Kampf noch nicht mal begonnen).

    Die Sache mit Elias Ahnungen fand ich gut, erklärte auch etwas, warum er mit der doch recht dünnen Faktenlage auf Silas als schuldigen kommt. Allerdings hätte ich diese starken Ahnungen auch mehr mit seiner göttlichen Seite verbunden, als mit dem manchmal etwas menschelnden Teil.


    Der Beginn des Weltuntergangs ist spannend. Hier zeigst du auch, was du mit menschlicher Intuition meinst. Als Nick noch schnell vor dem Laster durchfährt, hat er ja so einen Moment. Ich finde trotzdem, Elias doch recht präzise Ahnung geht da etwas drüber hinaus.


    Die Eskalation an der Tankstelle ist schön beschrieben. Erinnerte mich etwas an den Roman "Blackout", wo ein Stromausfall das Chaos verursacht und wo sich auch gut zeigt, wie dünn die Schichten der Zivilisation manchmal sind, auch ohne Dämonen.


    Irgendetwas oder irgendjemand war auf die Ladefläche des Pickup gesprungen und klimmte gerade laut polternd auf das Autodach.

    Hier würde ich "erklimmte" schreiben. "klimmte" kenne ich als Ausdruck so nicht.


    Thorstens Anmerkung über kürzere Sätze, bei sehr rasanten Szenen, würde ich mich einfach mal anschließen.


    In diesem Moment hasste sie sich dafür, dass sie es ständig versäumte, rechtzeitig den Akku ihres Telefons aufzuladen.

    Hier denkt sie recht viel über eigentlich belangloses nach (Akku nicht aufgeladen, was würde Nils dazu sagen etc.). Ist als Überreaktion aber völlig in Ordnung und auch durchaus unterhaltsam. Was mich etwas wunderte, ist das sie froh ist, dass Nils diese Peinlichkeit (Akku leer) nicht erlebt. Ich hätte eher so etwas erwartet wie, dass sie froh wäre: wenn er in der Lage wäre sie zu kritisieren. Weil das würde bedeuten, dass es ihm gut geht! Das sie ihm dann, wenn er wieder munter ist, nichts von dem Akku sagt, geht natürlich trotzdem völlig in Ordnung, da weiß sie ja bereits, er ist munter ansprechbar und es gibt anscheinend keine gravierenden Folgen. Das nicht sagen, ist da dann sein Zeichen dafür, dass der akute Panikmodus vorbei ist und der normale Beziehungsmodus wieder greift.


    Durch das gestörte Radio (an der Tankstelle), wusste sie ja auch eigentlich schon das es Störungen gibt, der fehlende Empfang dürfte sie kaum überraschen, wobei man in so einer Situation natürlich nicht alles ruhig analysiert. Ist also nur etwas das mir beim lesen aufgefallen ist, nichts was geändert werden muss.


    Für mehr blümchenpflückende Orks, blutrünstige Elfen und vegetarische Drachen!

  • Liebe Rainbow

    Sehr schöne Aktion, das gefällt mir gut. Susan ist ohne ihren Freund recht hilflos. Mal sehen, ob das so bleibt. Ich finde es gut, dass hier noch zwei sterbliche Akteure die Bühne betreten haben.


  • Danke wie immer für eure Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge. Ich habe schon einige Dinge ausgebessert und angepasst. ^^


    Wie geil, ich wollte gerade schon Kirishas Spoiler mit "Susan" benennen. Hab`s erst kurz vorm Absenden bemerkt. Das wäre bestimmt lustig geworden :rofl:





  • :friends:

    Boah, ich liebe Schachtel-und Kettensätze :rofl: Ich weiß, dass das eine meiner größten Schwächen ist.

    ich erkenne mich so wieder... Mein Chef an der Duke University hat mich mehr als einmal wissen lassen dass man im Englischen einen Punkt macht und einen neuen Satz anfaengt statt wieder und wieder ein Komma und weiter.


    So lange Saetze sind ja auch schoen fuer die Beziehungsportraits die Du so oft beschreibst - nur bei Action geben die so ein Flair das den Leser von der Handlung distanziert.


    Keine Angst vorm Zerhacken von Saetzen :chainsaw: das geht schon :)

  • Wie geil, ich wollte gerade schon Kirishas Spoiler mit "Susan" benennen.

    :rofl:Wär sogar nicht mal ganz falsch gewesen. Ich hieß tatsächlich mal Susan, in der 6. Klasse im Englischunterricht wurde jedem von uns ein englischer Name zugeteilt. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass es doch für leichte Verwirrung gesorgt hätte :)

  • Hey Rainbow


    Ich hinke mal wieder hinterher, aber was soll's :D


    Die Szene mit dem Unfall gefällt mir gut. Also nicht im Sinne, dass der Verlauf gut ist, sondern dass du es gut beschrieben hast :)


    Ich überlege nur gerade, ob ein Vogel (Rabe schätze ich) in der Lage ist, die Scheibe zu splittern. Ich weiß, dass mir und nem Freund, der mich nachts nach Hause gefahren hat, eine riesige Eule frontal gegen die Windschutzscheibe gedonnert ist und da ist gar nichts kaputt gegangen :hmm:

    Aber vielleicht war dein Vogel-Geschoss ja gestärkt durch bösen, dunklen Dämonen-Zauber :D


    Insgesamt war Susans Verzweiflung aber gut greifbar und ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, wer da auf die beiden zukommt. Rettung oder noch mehr Chaos?


    LG

    „Sobald wir ihn finden, wird er seine gerechte Strafe bekommen" - Meister Karak

    "Dann... werde ich ihn töten" - Meister Rüstan


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak


  • So, wir kommen zum nächsten Kapitel. Zuerst war ich mir damit total sicher und überaus von mir selbst überzeugt. Jetzt haben sich allerdings ein paar Zweifel eingeschlichen und ich glaube, bereits den einen oder anderen Kritikpunkt vorauszuahnen. Aber mal abwarten ...

    Eigentlich hätte ich euch das Kapitel gerne in einem Stück gezeigt, aber es wäre ein bisschen zu lang geworden. Deshalb leider der Cut an einer nicht ganz so günstigen Stelle...:pardon:



    Kapitel 14
    Die Macht des Unvermeidlichen


    Ruhelos wanderte Silas in dem kleinen Zimmer umher. Der Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass nicht mehr viel Zeit bliebe, bis man erneut den Seelenfresser auf Emilia loslassen würde.
    Trotz der Ungewissheit darüber, wie es nun weitergehen sollte, war er für den Moment heilfroh, dass sie wieder eingeschlafen war. Fiebrig wälzte sich die junge Frau nun auf dem Bett hin und her, murmelte unverständliches Zeug, während das Zucken ihrer Augenlider verriet, dass sie in einem Albtraum gefangen war. Auch im Schlaf findet sie keine Ruhe, dachte er und betrachtete Emilia sorgenvoll.
    Die Gedanken darüber, wie er sie hier herausholen sollte, drehten sich unentwegt im Kreis. Seine eigene Untätigkeit brachte ihn beinahe um den Verstand und die Hoffnung darauf, binnen kürzester Zeit einen Fluchtplan auf die Beine zu stellen, schwand mit dem unaufhaltsamen Voranschreiten des Sekundenzeigers in weite Ferne. Er würde es niemals schaffen, Emilia alleine von diesem Ort wegzuschaffen, so viel stand fest.
    Draußen auf dem Flur und verteilt über die unterirdischen Gänge des gesamten Gebäudekomplexes, wimmelte es vor Feuerdämonen, deren ausschließliche Aufgabe es war, diese Festung zu sichern und dafür zu sorgen, dass seine Kollegin blieb, wo sie war.
    Davon, dass es sich hierbei um ziemlich effektive Tötungsmaschinen handelte, hatte er sich vorhin mit eigenen Augen überzeugen können, als er Melanies Todeskampf hilflos mit ansehen musste. Seit Stunden zermarterte er sich nun schon das Hirn, suchte verzweifelt nach einem Ausweg, nach Verbündeten, auf deren Unterstützung er bauen könnte. Selbst wenn ihm jemand eingefallen wäre, den er hätte fragen können, so wusste er auch, dass sie nur mit einer Handvoll Menschen sicher nichts gegen diese Übermacht würden ausrichten können.
    Plötzlich vernahm er eine hektische Unruhe auf dem Flur. Schritte näherten sich und kamen vor dem Zelleneingang zum Stehen. Nervös heftete sich sein Blick auf die Tür. Als diese aufschwang, sah er in das leichenblasse Gesicht von Sirius.
    Er kommt nur, um sich zu überzeugen, ob sie noch atmet. Die Zeit ist noch nicht um. Es ist viel zu früh, versuchte Silas sich selbst zu beruhigen und atmete gegen das viel zu schnelle Hämmern seines Herzens an.
    Doch kaum hatte der schwarzhaarige Hüne den Raum betreten, gab er die Sicht auf jene Person frei, welche hinter ihm gestanden hatte und die ihm nun schnellen Schrittes folgte.
    Silas glaubte, seinen Augen nicht zu trauen, als sich der durchdringende Blick des Mannes mit dem schwarzen bodenlangen Umhang in seinen bohrte.
    Ihm stockte der Atem. Sein gesamter Körper verkrampfte sich, während die letzte, noch verbliebene Luft aus seinen Lungen wich.
    Glühende Augen … Klauen statt Fingern … eine abscheuliche Kreatur … riesig … bis an die Decke reichend … Dämon!
    Der Raum drehte sich. Er glaubte zu schrumpfen. Der Boden kam näher und näher. Jeden Moment würden seine Beine unter ihm nachgeben. Die Angst verzehrte ihn. Hielt ihn gefangen.

    Tiefbraune Augen, die menschlich wirkten, es jedoch nicht waren, ließen ihn nicht los, verwandelten sein Innerstes in eine Eiswüste. Dämon!
    Schützend schob er sich vor Emilia. Versuchte, sie so gut es ging vor den Blicken der beiden Eindringlinge abzuschotten. Seine Finger gruben sich tief in die Laken. Krampfhaft klammerte er sich an der Bettkante fest. Oh, Gott! Nein, bitte … Bitte, bitte …nicht! Nicht so! Nicht JETZT!
    „Ah, unser Romeo tut nach wie vor seine Pflicht“, durchbrach Sirius gewohnt abfällig den grausamen Moment der Stille. Dabei warf er seinem Herrn einen amüsierten Blick zu.
    Hektisch blickte Silas hinter sich. Noch immer schlief Emilia tief und fest. Beide Hände unter ihr Gesicht geschoben lag sie da mit angewinkelten Beinen und wirkte mit ihrer zierlichen Erscheinung wie ein Kind, das in dem übergroßen Bett fast verloren ging. Bei ihrem Anblick zog sich Silas der Magen zusammen.
    Wie sehr er sich gewünscht hatte, sie vor einem Zusammentreffen mit Dagon zu bewahren und wie wenig er davon überzeugt war, dies jetzt noch verhindern zu können. Das Gefühl von Hilflosigkeit vermischte sich mit einer schier grenzenlosen Wut zu einer äußerst brisanten Mischung. Ohne die Reichweite seiner Worte zu überdenken und ohne jegliche Rücksicht auf eventuelle Konsequenzen richtete er sich voller Verbitterung an den jungen Mann, in dem wohlweißlich ein Dämon schlummerte.
    „Ihr werdet sie nicht anrühren!“, stieß er herausfordernd hervor, obwohl er ahnte, dass es mehr nach einer flehenden Bitte klang.
    Sirius Miene verfinsterte sich, während er sich aufplusterte. „Was fällt Euch ein …“ Weiter kam er nicht, dann fuhr im Dagon ins Wort.
    „Ruhig, Sirius!“, ermahnte er ihn. Ein unerwartet freundliches Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er besänftigend die Hände hob und sich an Silas wandte.
    „Ich habe von Eurer neu entdeckten Aufmüpfigkeit bereits gehört, mein junger Freund. Und davon, wie überaus fürsorglich Ihr Euch um unsere Gefangene kümmert. Ihr scheint Eure Rolle als ihr Aufpasser wirklich gut auszufüllen. Ich befürchte aber, Eure Dienste werden nicht länger in Anspruch genommen. Also tretet beiseite.“ Er machte eine flüchtige Handbewegung und nickte Silas dabei wohlwollend zu, als ließe ihn dessen provokative Haltung völlig kalt.
    Diese scheinbare Gleichgültigkeit, gepaart mit seiner offenkundigen Überlegenheit, empfand Silas schlimmer als jeder Wutausbruch. Vergeblich suchte er nach einer Spur von Überheblichkeit oder Spott in Dagons Stimme, doch konnte er nichts dergleichen erkennen.
    Dann spürte er, wie sich seine Finger von der Bettkante lösten. Ungewollt setzte er sich in Bewegung, um einen Schritt zur Seite zu treten, während Dagons dunkle Augen sich in ihn hineinbrannten. Sein eigener Wille löste sich in Luft auf und sein Körper schien ihm nicht mehr länger zu gehorchen. Was sollte er tun? Verzweifelt versuchte er, gegen die unsichtbare Macht anzukämpfen, die ihn Stück für Stück von Emilia wegzog und sie somit Dagons Blick auslieferte, der sich nun auf unheilverheißende Weise auf sie richtete.
    Einen kurzen Moment hielt Dagon inne, betrachtete sie aufmerksam, mit schief gelegtem Kopf, so wie ein Museumsbesucher ein Gemälde studierte um es auf sich wirken zu lassen. Dann bewegte er sich in einer fließenden Bewegung auf sie zu und blieb unmittelbar vor ihrem Bett stehen. Neugierig sah er auf das schlafende zusammengerollte Bündel unter der alten verfilzten flickenbesetzten Decke hinab, dessen lange blonde Haare sich wüst auf dem Kopfkissen verteilten. Fast so, als spüre sie im Schlaf seine Anwesenheit, wandte sie sich ihm zu, wie eine Motte, die vom Licht angezogen wurde. Langsam streckte Dagon seine farblose Hand nach ihr aus, sodass seine gespreizten Finger, die aufgrund ihrer Länge an Spinnenbeine erinnerten, nur knapp über ihrem Gesicht schwebten und sie um ein Haar berührten.
    Angewidert und mit vor Schreck geweiteten Augen wurde Silas stummer Zeuge dieser Szene. Am liebsten hätte er laut aufgeschrien und Dagon weggestoßen, doch war er unfähig, sich zu rühren und aus seiner Kehle drang nur ein klägliches Stöhnen. Unbeirrt von den störenden Hintergrundgeräuschen schenkte Dagon seinen Zuschauern keinerlei Beachtung mehr, sondern konzentrierte sich ausschließlich auf Emilia. Kaum wahrnehmbar, bewegten sich seine Lippen und heraus kamen unverständliche, geflüsterte Worte, die in sanftem aber beschwörendem Tonfall direkt in ihr Unterbewusstsein drangen. Fast so, als folge ihr schlafendes Ich seinem stillen Befehl, entspannten sich mit einem Mal ihre Gesichtszüge, ihre Atmung wurde ruhiger und ein erleichtertes Aufseufzen erweckte den Eindruck, als habe sie endlich die lang ersehnte Erlösung gefunden und könne sich erst jetzt in einen erholsamen Schlaf fallen lassen.
    Dagon ließ hörbar die Luft ausströmen und betrachtete zufrieden sein Werk. Dann drehte er sich zu Silas und Sirius herum, als erinnere er sich erst jetzt wieder daran, dass die beiden nach wie vor hinter ihm standen. Den Blick, mit dem er Silas bedachte, hätte am ehesten als einfühlsam beschrieben werden können, wenn man denn davon ausging, dass er zu Gefühlen dieser Art überhaupt imstande war.
    „Keine Sorge, Romeo“, sagte er mit einem Augenzwinkern. „Sie schläft nur tief und fest und wird es auch noch ein Weilchen tun. Außerdem war ich so frei, sie von ihren finsteren Träumen zu befreien. So kann doch kein Mensch schlafen. Diese Verarbeitungsprozesse des Unterbewusstseins können einen wirklich zermartern, wie ich gehört habe.“ Scheinbar entrüstet schüttelte er den Kopf, als nehme er ernsthaft Anteil an Emilias Zustand.
    Am liebsten wäre ihm Silas ins Gesicht gesprungen. Die Tatsache, dass sie von Albträumen geplagt wurde, war einzig und alleine ihm zuzuschreiben und dem von ihm angeordneten Eingriff durch den Seelenfresser. Wie konnte er sich erdreisten, sich nun wie der edle Retter aufzuspielen, der sie gönnerhaft von ihrem Leid erlöst hat. Die Hände zu Fäusten geballt, stand sein ganzer Körper unter Anspannung, als sich Dagon langsam auf ihn zubewegte, den eiskalten Blick aus seinen unergründlichen schwarzen Augen unentwegt auf ihn gerichtet.
    Nach wie vor, kam kein sinnvolles Wort über Silas` Lippen, so als habe man ihm seine Zunge herausgeschnitten. Nur eine Armlänge trennte die beiden noch voneinander, als Dagon zum Stehen kam.
    So nah nebeneinander mussten die beiden jungen Männer, von denen nur der eine menschlicher Herkunft war, ein groteskes Bild abgeben. Obwohl Silas mit seiner Körpergröße nicht gerade als klein und schon gar nicht als schmächtig bezeichnet werden konnte, wirkte er neben der imposanten Gestalt seines Gegenübers wie ein Schuljunge.


    Hier geht`s weiter:

    Kapitel 14.1

  • Mensch, Rainbow - da geht doch noch mehr! Silas ist gefangen zwischen Sorge um Emilia und Selbsthass - dafuer bleibt er viel zu ruhig! Du schilderst das so distanziert, aber die Szene ist eigentlich grosses Psychodrama. Silas ist so eine tolle Figur fuer die Geschichte - geh' nah an ihn ran und lass ihn leiden!

    Der Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass nicht mehr viel Zeit bliebe, bis man erneut den Seelenfresser auf Emilia loslassen würde, um das Prozedere der Gedankenmanipulation zu wiederholen und die geistige Verbindung zu Elias weiterhin zu stören.

    Den roten Teil braucht der Satz nicht um zu wirken - weniger ist manchmal mehr:)


    Die Gedanken darüber, wie er sie hier herausholen sollte, drehten sich unentwegt im Kreis und die überwältigende Müdigkeit, hervorgerufen durch den Schlafentzug der vergangenen Nacht, stellte hierbei ein nicht unwesentliches Handicap dar.

    Dito.

    elbst wenn ihm jemand eingefallen wäre, den er hätte fragen können, so wusste er auch, dass sie nur mit einer Handvoll Menschen sicher nichts gegen diese Übermacht würden ausrichten können und die Befreiungsaktion unterm Strich viel zu viele Opfer kosten würde, ohne, dass es eine realistische Aussicht auf Erfolg gäbe.

    Dito.

    Er schien sichtlich erleichtert darüber zu sein, nun nicht mehr im Fokus von Dagons Interesse zu stehen und die Rolle des eingeschüchterten Untergeben an Silas abgeben zu können.

    Das beobachtet Silas in der Situation? Sollte der nicht mehr mit sich selbst beschaeftigt sein?


    Das ist eine geniale Szene - feil' ein bisschen an der Sprache um ihr gerecht zu werden:)

  • Hey Rainbow :)


    Ich finde Silas als Charakter wirklich mit am spannendsten! Allerdings muss ich Thorsten auch recht geben damit, dass du der Szene noch etwas mehr Pfeffer geben kannst :)


    Das ist schon gut so, wie es ist, aber ich denke, dass da noch mehr geht und ich bin mir auch sicher, dass du das kannst ^^


    Jetzt zur Handlung: genau wie Silas frage ich mich gerade, was Dagon da eigentlich macht. Erst Emilia quälen und dann sozusagen heilen. Der Typ scheint gewisse Probleme zu haben oder einfach nur an irgendwelchen Machtkomplexen zu leiden :pillepalle: ... Ich mag das! (welch Überraschung xD)

    Andererseits scheint dahinter ein ausgeklügelter Plan zu stecken, den Dagon weder Silas noch Sirius anvertrauen will. Mal schauen wohin das führt.


    LG :)

    „Sobald wir ihn finden, wird er seine gerechte Strafe bekommen" - Meister Karak

    "Dann... werde ich ihn töten" - Meister Rüstan


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • Hey Rainbow

    schöner Abschnitt. Dagon scheint mir komplexer zu sein, als nur einfach Böse. Das finde ich gut. Die Interaktion zwischen den Personen ist dir gut gelungen, trotzdem wirkt es hier und da mal etwas steif. Manche Vergleiche würde ich überdenken.



  • Hallo Rainbow

    das hast du wieder super geschrieben und auf sehr hohem Niveau. Ich bin wirklich beeindruckt von deinen interessanten Charakteren und der enormen Spannung, die du aufbaust.

    Silas. ich spüre da im Hintergrund schon den Countdown laufen, wenn Dagon dem die Kehle durchschneidet, und irgendwie, auch wenn er ein A... ist, tut er mir leid.

    Und Dagon. Was ist das denn für einer? Ich begreife überhaupt nicht wie er tickt und doch könnte ich mir vorstellen, dass es so einen Typen geben könnte. Erst fügt er ihr teuflische Qualen zu und dann heilt er sie wieder davon. Vermutlich ist das die Art von Sadismus, die ihm Freude macht. Der ist echt krank. Und genau das, dass er so unberechenbar rüberkommt und nicht einfach stur böse, macht ihn gefährlich und unberechenbar.

    Zu den Kritikpunkten, Thorsten hat es schon recht gut auf den Punkt gebracht, ich könnte mich da nur wiederholen.

    Aber nicht vergessen: Das ist hier echt Kritik auf sehr hohem Niveau.

    Super geschrieben.

  • Ich bin heute quer in deine Geschichte eingestiegen und auf den Geschmack gekommen :). Werde wohl in nächster Zeit die anderen Kapitel nachholen.

    Reflexartig schob er sich mit dem Rücken vor Emilia und versuchte, sie so gut es ging vor den Blicken der beiden Eindringlingen abzuschotten.

    Die Formulierung "schob er sich mit dem Rücken vor Emilia" hat mich irgendwie irritiert. Ich würde den Rücken streichen.


    Eindringlingen


  • Kapitel 14.1


    „Ich befürchte, Ihr werdet Euch nun von ihr verabschieden müssen, mein Lieber“, sagte Dagon schließlich in fast mitleidigem Ton. „Der Ort an den ich sie bringe, ist für Euch leider tabu. Aber seid Euch gewiss, ich werde gut auf sie aufpassen. Schließlich ist sie etwas ganz Besonderes, nicht wahr?“ Ein Schmunzeln umspielte seine Mundwinkel. Silas` Antwort bestand nur aus einem vergeblichen Versuch, gegen die Blockade in seiner Kehle anzuschreien und seine still gelegten Stimmbänder wiederzubeleben. Abgrundtiefe Wut stieg in ihm auf, während sich seine Augen mit Tränen füllten.
    „Ach ja, noch eins“, fügte Dagon ergänzend hinzu. „Ihr habt übrigens ausgezeichnete Arbeit geleistet, indem Ihr sie hierher gebracht habt. Das war unserer Sache sehr dienlich und ohne Eure Unterstützung wäre die Entführung sicher weitaus weniger reibungslos vonstattengegangen.“ Voller Genugtuung vernahm Dagon Silas` tiefen Atemzug, bevor er seinen wissenden Blick auf ihn herabsenkte.
    „Ach, der Verrat! – Eine der schönsten Sünden auf Gottes Erden, wenn Ihr mich fragt.“ Triumphierend zog er eine Augenbraue hoch und entblößte sein makelloses weißes Gebiss zu einem bösartigen breiten Grinsen.
    Ich habe ihm geholfen, verdammt! … Ich war es! … Ich habe ihm Emilia ausgeliefert! … Das ist alles meine Schuld …
    Dagons Worte trafen Silas wie die Splitter einer detonierenden Handgranate und zerfetzten auf grausame Weise sein Innerstes, während der Dämonenfürst genüsslich seine Finger in die klaffende Wunde legte. Mit seinem durchdringenden Blick fixierte er Silas, als könne er mitten in ihn hinein sehen. Und das, was er sah, schien ihm sichtlich zu gefallen.
    „Nun, sei `s drum“, sagte er schließlich als erinnere er sich daran, noch etwas vorgehabt zu haben und schnipste im Umdrehen beiläufig mit den Fingern. Augenblicklich verdrehte Silas die Augen, fiel wie ein nasser Sack völlig haltlos in sich zusammen und schlug unsanft auf dem harten Fliesenboden auf, wo er reglos, mit dem Gesicht nach unten, liegen blieb. Eine blutrote Lache sammelte sich neben seinem Kopf und seine Glieder wirkten seltsam verrenkt.


    Sirius, der nach wie vor in der Nähe der Türe stand und das Spektakel von dort aus als stiller Beobachter verfolgt hatte, zuckte kurz zusammen, fing sich aber schnell wieder. Dagons Vorliebe für spontane Hinrichtungen waren ihm schließlich wohl bekannt, ebenso, wie die Gefühlskälte, mit der er dabei vor ging. Ohne den leblosen Körper noch eines einzigen Blickes zu würdigen, wandte sich Dagon von ihm ab und warf Sirius dabei einen belustigten Gesichtsausdruck zu.
    „Also, ich finde, er gibt einen ausgezeichneten Romeo ab. Die Rolle ist ihm wahrhaftig auf den Leib geschrieben. Der gute alte William Shakespeare hätte seine wahre Freude an ihm gehabt. Zu schade, dass es mit ihm ein so tragisches Ende nehmen muss, findest du nicht auch?“
    Sirius räusperte sich in die vorgehaltene Hand und erwiderte seine Frage schließlich mit einem untergebenen Nicken. „Ist er …“
    „Tot? Nein, … noch nicht ganz“, beendete Dagon für ihn den Satz. „Ich finde, er sollte eine faire Chance bekommen. Mit ein bisschen Glück hält er lange genug durch, bis der Auserwählte hier eintrifft. Dann kann er ihm erklären, dass er bei meiner kleinen Inszenierung eine tragende Rolle gespielt hat. Wenn er den Zorn des Engels überlebt, hat er es sich redlich verdient, an seinem schlechten Gewissen zu Grunde zu gehen.“ Ein spöttisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel, dann klatschte er in die Hände und rieb seine Handflächen aneinander. „Es wird Zeit, dass wir zur Tat schreiten“, sagte er nun wieder in geschäftsmäßigem Ton und schob die Ärmel seines Gewandes ein Stück nach oben, bevor er seine Arme von sich ausstreckte und beide Hände so aneinanderlegte, dass sie ein Dreieck formten. Er murmelte eine bedrohlich klingende Beschwörungsformel und prompt stieß ein orange-gelber Funkenregen aus seinen Fingerspitzen hervor, der zu einer flammenden Leuchtkugel verschmolz.
    Dagon und Sirius wurden von einer starken Windböe erfasst, die an ihrer Kleidung zerrte und ihnen die Haare ins Gesicht wehte. Die Luft an der Stelle, wo sich die zuckenden Lichtblitze vereinten begann zu flimmern und der Raum vor ihnen veränderte sich. Es öffnete sich eine Art Portal – ein Durchgang, der von Flammen gesäumt war und den dahinterliegenden Weg in ein unheimliches düsteres Licht tauchte.
    „Ich bringe sie nach Nasrija“, sagte Dagon über das laute Knistern des lodernden Flammenmeeres hinweg zu Sirius. Sein blasses Gesicht sah im Schein des Feuers noch gespenstischer aus und seine Augen hatten die Farbe glühender Kohlen angenommen.
    „Nasrija?“, wiederholte Sirius ungläubig Dagons Worte. „Die Hauptstadt der Gefallenen? Aber Herr, ist das nicht gefährlich für sie? Ich meine, … das Portal … Der menschliche Körper ist nicht dafür geschaffen in den Dimensionen zu wandeln … Sie würde in dieser Atmosphäre nicht lange überleben. Der Sauerstoffgehalt ist viel zu niedrig, ebenso, wie die Außentemperaturen und….“
    „Schweig, Sirius!“, fuhr ihm Dagon unwirsch ins Wort und hob mahnend seine Hand. „Hör auf, mich zu belehren und lass das meine Sorge sein. Unser Aufenthalt dort wird nur von kurzer Dauer sein und ich werde entsprechende Maßnahme ergreifen, um ihr … unplanmäßiges Ableben zu verhindern.“ Sein Blick wanderte kurz zu Emilia, bevor er mit fester Stimme hinzufügte: „Niemand stirbt, wenn ich es nicht will!“
    „Wie ihr meint, Herr“, stammelte Sirius.
    „Und noch etwas …“, fügte Dagon hinzu. „Du wirst die Stellung halten und dafür sorgen, dass der Rettungstrupp einschließlich ihres Anführers, dieses Auserwählten, gebührend empfangen wird. Ich will über jede Entwicklung umgehend in Kenntnis gesetzt werden und ich erwarte keine weiteren Zwischenfälle.
    „Ja Herr, wie ihr befehlt“, antwortete Sirius und deutete eine Verbeugung an.
    Prompt drehte sich Dagon daraufhin auf dem Absatz um und trat auf das Bett zu, in dem sich Emilia wie ein schlafendes Kätzchen zusammengerollt hatte, die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen. Mit einer einzigen anmutigen Bewegung griff er unter sie, nahm sie mitsamt der Decke hoch und ließ sie vorsichtig in seine Arme gleiten. Leichtfüßig und ohne jede erkennbare Anstrengung trug er Emilia auf das lodernde Portal zu, den versteinerten Blick stur geradeaus gerichtet.
    Das Bild, das sich Sirius bot, wirkte surreal und äußerst bizarr. Dennoch brannte es sich wie ein glühender Schürhaken in seine Erinnerung und sorgte dafür, dass sich seine Nackenhaare aufstellten. Die übergroße, mächtige und furchteinflößende Kreatur, die eine vergleichsweise kleine zierliche schlafenden Person, wie eine Puppe an ihre Brust drückte, um sie vor der Hitze der aufflammenden magischen Eingangspforte abzuschirmen, hinterließ einen unwirklichen Eindruck. Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren oder Sirius auch nur eines Blickes zu würdigen, verschwand Dagon mit Emilia in dem flimmernden Durchgang, welcher sich kurze Zeit später in Luft auflöste und nur noch einen leicht verbrannten Geruch zurückließ.