Samhain (Clíodhna 9)

  • Irgendwie liegt die praktische Realisierung der Folge noch in sehr weiter Zukunft, aber ich hatte schon letztes Jahr angefangen Bilder dafuer zu sammeln wie das Tal im Herbstnebel aussieht und wir hatten das Thema schon hin- und her entworfen - und irgendwie hab' ich grade Lust dran zu arbeiten und das Konzept mal fertig zu stellen. Wir werden eh' lang dafuer brauchen, weil wir verschiedene Jahreszeiten dazu benoetigen...


    Es geht in dieser Folge um den Gegenpunkt von Beltaine im Jahreskreis - das Samhain-Fest und seine Verbindung zur Anderswelt und dem Reich der Toten, und wer den 'Raben' aufmerksam verfolgt hat, wir jetzt (endlich) erfahren was es denn mit dem geheimnisvollen Rabenkoenig aus Rordan's Vision so auf sich hat :D



    Ein Gefühl von Bedrohung, diffus, nicht greifbar...

    Baumwipfel glitten unter ihr hinweg, in grauen Nebel eingehüllt, endlose Reihen von Baumwipfeln wie eine Armee die gegen einen Gegner aufmarschiert war den sie doch nicht sehen konnte. Der Waldboden verschwand in Düsternis, nur ab und an reckte ein Laubbaum seine kahlen Äste dem Himmel entgegen.

    Es war hinter ihr - mit jedem Moment deutlicher werdend, wie ein Druck auf ihren Kopf, das sichere Gefühl, daß da
    etwas war.

    Sie versuchte sich umzuwenden, der Präsenz ins Angesicht zu blicken, aber sie konnte nicht - hilflos schwebte sie weiter, auf ihr unbekanntes Ziel zu. Verbissen konzentrierte sie sich darauf, die Kontrolle zu gewinnen,
    irgend etwas zu tun - aber es war umsonst.

    Es griff nach ihr, und sie schrie auf.


    Clíodhna riß die Augen auf. Für einen Moment wußte sie nicht wo sie war, nur langsam schälten sich die Umrissen von Kräuterbündeln aus dem Dämmerlicht in der Hütte. Sie atmete heftig, und Schweiß bedeckte immer noch ihren ganzen Körper. Die Luft war kalt und feucht - es war die Zeit des Jahres in der der Nebel durch jede Ritze kroch, und das war fast unangenehmer als Schnee der die Hütte im Winter fest einhüllen würde aber wenigstens die Kälte draußen hielt.

    "Wieder einer von diesen Träumen?", fragte Rórdán verschlafen aus dem Haufen an Fellen und Decken neben ihr, und sie fühlte wie seine Hand über ihren Rücken glitt und sanft ihren Haaransatz streichelte, spürte die Geborgenheit die ihr diese Berührung gab. Sie setzte sich halb auf, griff nach dem Krug der neben der Schlafstätte stand, goß sich etwas Wasser in einen Becher und trank.

    "Ja, wieder so ein Traum...", antwortete sie schließlich. Rórdán wischte sich über das Gesicht und blinzelte, dann richtete er sich auch auf.

    "Du glaubst daß sie mehr zu bedeuten haben.". stellte er fest.

    Die Hexe nickte. "Ja - irgend etwas kommt - eine Bedrohung. ich denke es hat mit ihr zu tun. Aber ich weiß nicht was passieren wird." Sie mußte nicht erklären daß mit ihr die andere Hexe im Tal gemeint war, sie hatten den Sommer über oft genug darüber geredet. Sie seufzte tief. "Ich fühle mich so... hilflos. Nichts was ich bisher versucht habe, konnte ihren Einfluß irgendwie brechen..."

    Clíodhna ballte ihre Fäuste. "Sie sollte diese Macht nicht haben - es sollte nur eine Hexe des Tals geben. Und vor allem verstehe ich nicht, warum Fionnula nie etwas von ihr erzählt hat - sie ist alt, sie muß schon zu Fionnula's Zeiten hier gewesen sein! Was für ein Geheimnis ist da verborgen?"

    "Vielleicht... gab es irgend eine Art von Einverständnis zwischen Fionnula und ihr?", meinte Rórdán langsam. Clíodhna zuckte die Schultern. "Vielleicht...", murmelte sie ohne rechte Überzeugung. "Jetzt komm' wieder schlafen.", sagte Rórdán und zog sie sanft an sich. "Du wirst es heute Nacht nicht mehr herausfinden."

    Aber selbst in der vertrauten Sicherheit von Rórdáns Armen, mit seinem Atem der sanft ihren Nacken kitzelte und seiner Wärme an ihrem Rücken, dauerte es noch lange bis sie wieder Schlaf finden konnte.

  • Schön, dass es weitergeht.

    Der Einstieg mit dem Traum ist dir gut gelungen.

    Und auch das anschließende Gespräch zwischen Rhordan und Cliodhna spiegelt wunderbar die beklemmende Atmosphäre.

    Der Kontrast zwischen Unruhe/Besorgnis und dem Gefühl von Geborgenheit, das Rhordans Nähe auf die Hexe ausübt, kommt gut rüber.


    Bin schon gespannt, was sich die andere Hexe diesmal wird einfallen lassen und wie ihr das mit dem Samhaim-Fest umsetzen werdet.

  • Hey, schön dass es weiter geht! Ich lese diese Geschichte sehr gerne.

    Von Samhain habe ich noch nie gehört, bin gespannt was sich da hinter verbirgt.

    Es knüpft hier ja von der Thematik an die Rabengeschichte und die mysteriöse Hexe an, die in der letzten Episode schon aufgetaucht ist. Bis jetzt hört es sich ja so an, als hätte die Hexe persönlichen Groll gegen Cliodhna und wird sicherlich wieder versuchen, sie in irgendeiner Form zu attackieren. Bin neugierig was da kommt.

    Die Szene ist wieder wie immer sehr schön beschrieben, stimmungsvoll und emotionsgeladen. Auf der einen Seite der beunruhigende Traum, den Ciodhna offenbar schon öfter hatte, auf der anderen Seite die innige Beziehung zwischen Rordan und Cliodhna, sehr schön beschrieben.

    Freu mich auf die Fortsetzung!

    Immer wieder ein Genuss!

  • Schoen dass ihr alle wieder dabei seid :)


    Heute treffen wir Líadan wieder (die im Beltainekoenig mit Bregon verheiratet wurde) - ob das im Film auch so sein wird oder ob Ronja Tuovinen dann schon ganz wo anders ist kann ich nicht sagen, aber immerhin in der Geschichte kann ich das ja mal machen.


    Ja - und irgendwie brauche ich noch eine gute Uebersetzung fuer 'spiral castle' - das ist ein Begriff aus der keltischen Tradition fuer Caer Arianrhod, aber auf Englisch ist das irgendwie besser als auf deutsch - mit meiner Variante bin ich nicht ganz gluecklich, falls also jemand eine Idee hat (der Bezug ist - unter anderem - zur Milchstrasse...)


    ***



    Líadan warf noch einen letzten Blick auf das schlafende Kind in der Wiege, lächelte Bregon zu, zog sich die Kapuze über den Kopf und schlüpfte leise aus der kleinen Hütte nach draußen. Es mußte nicht allzu lang nach der Mittagsstunde sein, aber das ganze Tal war düster und grau verhangen, dichter Nebel lag über den frisch gepflügten Feldern und der Wald dahinter war nur schemenhaft zu erkennen. Die Luft roch nach feuchter Erde.

    Für einen Moment betrachtete sie den nebligen, nass glänzenden Dachshügel. Ihre und Bregons Felder, auf denen sie dieses Jahr die erste Ernte eingebracht hatten... Und die nun ihre kleine Familie ernähren mußten. Mehr als einmal hatte sie das Jahr über an die Mahnungen ihres Vaters gedacht als ihr Rücken nach der Feldarbeit geschmerzt hatte, ihr Bauch mit dem Kind zu angeschwollen gewesen war um sich zu bücken oder ihre Hände aufgerieben gewesen waren waren - an seine Warnung daß eine Frau mit einem wohlhabenden Ehemann ein besseres Leben führte. Aber Bregon hatte hart gearbeitet, und jetzt - jetzt war Brennholz für den Winter da, Heu für die Ziegen und genug Getreide um Brot zu backen und Bier zu brauen. Nein - sie würde nicht wie Siofra enden, unglücklich und verbittert. Bregon war anders.

    Ein kurzes Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie den Weg zum Dorf einschlug. Es dauerte nicht lange bis der Nebel sie verschluckte und sich nur noch der schlammige Fußweg vor ihr abzeichnete. Kälte kroch unter ihren Kragen und durch die dünnen Schuhsohlen, und kleine Tröpfchen sammelten sich an ihren Haaren. Dann, endlich, hörte sie die Geräusche des Dorfes, seltsam gedämpft und verzerrt - das Bellen von Hunden und das Schnauben von Pferden, und kurz darauf tauchten die ersten Hütten aus dem Nebel auf. Ein Huch von Nervosität breitete sich in ihrem Magen aus, als sie die Stufen zur Taverne hinaufstieg und an die Tür klopfte.

    Schritte ertönten, und Grainne öffnete die Tür. Anders als sonst war die Besitzerin der Taverne in einen langen, dunklen Mantel gekleidet was sie noch strenger wirken ließ als gewöhnlich. Líadan versuchte ein scheues Lächeln, und Grainne bat sie mit einer Geste herein.

    "Mach dir keine Gedanken und laß mich einfach sprechen - die rituellen Worte müssen gesprochen werden, das ist alles."

    Drinnen war es düster, nur eine einzelne Kerze erhellte einen Tisch, und in ihrem Lichtkreis saßen die anderen Frauen, alle in lange, dunkle Gewänder gekleidet - nur Niamh und Caoimhe konnte sie erkennen.

    "Wen bringst du, um in den Zirkel aufgenommen zu werden?", fragte die blinde Caoimhe mit klingender Stimme.

    Grainne schob Líadan nach vorne und antwortete: "Ich bringe Líadan, eine Schwester die nach der Göttin sucht."

    Líadan fühlte, wie eine Gänsehaut an ihr emporkroch - es waren nicht nur Worte die hier gewechselt wurden, es geschah mehr als das, etwas unsichtbares.

    "Ist sie eine Frau oder ein Mädchen? Versteht sie die Geheimnisse der Göttin in ihr?", kam die rituelle Frage.

    "Sie ist in den Kreis der Frauen aufgenommen worden als der Mond ihren Kelch mit Blut gefüllt hat, sie hat mit einem Mann das Lager geteilt und sie hat ein Kind geboren - sie ist eine Frau und Schwester von uns.", erwiederte Grainne mit ebenso fester Stimme.

    "Dann ist sie willkommen in unserem Kreis.", antwortete Caoimhe und wies auf einen leeren Platz, dann legte sie den Kopf auf ihre charakteristische Weise schief und sagte leise und mit ihrer normalen Stimme: "Willkommen, Líadan."

    Sie setzte sich an den Tisch, versuchte wieder ein scheues Lächeln. Sie kannte die anderen Frauen schon seit sie ein Kind war - aber hier sahen sie so... ernsthaft aus. Erwarteten sie jetzt irgend etwas von ihr? Nein, alle blickten Caoimhe an... Diese schien in eine unsichtbare Ferne zu blicken, bevor sie tief Atem holte und zu erzählen begann:

    "Wie Beltaine das Fest von Leben und Wärme ist, so ist Samhain das Fest von Tod und Kälte. Wir lieben diese Dinge nicht, aber wir respektieren, daß sie zu unserer Existenz gehören müssen, und daß die Göttin mit der einen Hand Leben schenkt und mit der anderen Leben nimmt. Zu Samhain wird die Herrschaft über diese Welt an den Widersacher gegeben, den Rabenkönig, und seine Mächte lassen die letzten Pflanzen und Beeren erfrieren und bringen uns Dunkelheit und Kälte."

    Für einen Moment hielt Caoimhe inne. Alle hingen gebannt an ihren Lippen während die flackernde Kerze ihr Gesicht rätselhaft verschwimmen ließ als würde die Götten selbst durch sie hindurchschimmern.

    "Doch die Göttin weiß um unsere Angst vor der kommenden Zeit, und so gibt sie uns zwei Gaben zu diesem Fest - die Gabe des Orakels um vorbereitet zu sein auf das was kommt, und die Gabe einer offenen Pforte von der Anderswelt in diese Welt, so daß die, die von uns gegangen sind, für eine Nacht bei uns weilen können und der Tod so seinen Schrecken verliert. Daher gedenken wir in dieser Nacht unserer Toten, und wir laden sie ein bei uns zu sein und bieten ihnen Speise und Trank."

    Wieder hielt sie einen Moment inne, dann fuhr sie mit einen seltsamen Ton in der Stimme fort:

    "Der Pfad zum Reich der Toten führt durch Caer Arianrhod, das Haus des Spiralweges, und der Schlüssel zu diesem Pfad ist die Maid des Mondes, die Verkörperung von Arianrhod."

    Ihre blicklosen Augen richteten sich mit unheimlicher Genauigkeit auf Líadan und sie setzte leise hinzu: "Du, Líadan, wirst in diesem Jahr unsere Maid sein."

  • Das gefällt mir wieder sehr gut. Zuerst die kurz gehaltene aber doch prägnante Beschreibung der Landschaft und Jahreszeit, dann Liadans Gedanken über ihre Ehe und zuletzt der geheimnisvolle Frauenzirkel. Das ist ein interessantes Ritual und ich bin gespannt, was die Maid da denn genau zu tun bekommt.


    Zu dem Namen "Haus des Spiralweges" - da klang natürlich Castle schon nobler. Warum willst du es nicht "Burg des Spiralweges" nennen?

  • Heyho Thorsten

    Weil im Deutschen 'Burg' eine Wehrhaftigkeit von einem Zweckbau impliziert die im Englischen so nicht gemeint ist - Neuschwanstein ist auf Deutsch ein Schloss, aber auf Englisch auch ein 'castle'.

    Tscha...wie wär's dann mit dem "weicher" klingenden Wort "Kastell"?

    Ht zwar in der Bedeutung in etwa den gleichen Sinn wie "Burg", verbirgt aber im Klang die Wehrhaftigkeit. Und hat den gleichen Ursprung wie das englische "castle".:)

    Kastell

  • Bei 'spiral castle' bin ich mir leider immer noch unsicher. Ich denke ich muss die Frage sacken lassen...


    Machen wir also mal mit Cliodhna und ihren Selbstzweifeln weiter :)



    Clíodhna seufzte innerlich. Die Runen gaben selten eine deutliche Antwort, aber in diesem Fall gaben sie eher die Frage zurück. Stirnrunzelnd betrachtete sie die drei Runensteine die sie auf den Tisch geworfen hatte.

    Hagalaz - Zerstörung, Unheil, aber auch der Beginn der Neuerschaffung. Irgend etwas würde kommen. So viel hatten ihr die Träume auch schon verraten... Die zweite Rune war Naudhiz, das Notfeuer. In der Reihe der Runen direkt hinter Hagalaz eingeordnet - das was aus der Zerstörung folgte. Ja - sie brauchte etwas, eine Antwort, einen Hinweis - auch das war ihr schon klar gewesen. Und als dritte Rune lag da Laguz - das tiefe Wasser. Das Verborgene, das Geheimnis...

    Die Hexe schüttelte den Kopf. Ja - etwas war verborgen, etwas das Sinn in die ganze Angelegenheit brachte.

    Verräterin an der Berufung einer Hexe, die die Arbeit einer anderen Verräterin fortsetzt hatte die andere Hexe zu ihr gesagt. Sie hatte Fionnula gekannt - etwas anderes konnte nicht gemeint sein. Clíodhna hatte die Verantwortung von Fionnula für das Tal übernommen und damit ihre Arbeit fortgesetzt. Wie es unter Hexen geschah - sie hatte den Ruf gehört, sich auf den Weg gemacht, zu Fionnula gefunden und deren letzte Tage mit ihr verbracht. Und das sollte sie zur Hexe des Tals machen. Zur einzigen Hexe des Tals. Die uralte Magie die eine Hexe an einen Ort rief war unbestechlich - sie, Clíodhna, war hierher gerufen worden, und die Mächte des Tals sollten daher auf ihrer Seite sein.

    Und dennoch - was immer sie in den letzten Monaten getan hatte um den Einfluß der anderen Hexe zu brechen, oder auch nur um mehr über sie herauszufinden - es war nicht genug gewesen. Zweimal war sie nur durch Glück davongekommen, zu ein paar anderen Gelegenheiten hatte sie unter Aufbietung aller magischen Kräfte grade gegen die andere Hexe bestehen können. Unterstützte die Magie des Tals sie wirklich?

    War sie überhaupt die rechtmäßige Hexe des Tals?

    Sie schüttelte den Kopf, aber der Gedanke wollte sich nicht wieder vertreiben lassen. War es ein Fehler gewesen, sich mit Rórdán einzulassen - bewies das nicht ihre Schwäche als Hexe, daß sie oft mehr an ihn dachte als an die Belange des Tals?

    Aber Fionnula hatte sie als die neue Hexe des Tals begrüßt und akzeptiert - konnte Fionnula wirklich auch ungeeignet gewesen sein? Hatte die andere Hexe Fionnula wirklich in Frieden gelassen, obwohl sie sie auch für eine Verräterin an der Berufung einer Hexe hielt?

    Auch das ergab überhaupt keinen Sinn - nein, Fionnula mußte schon früher mit der anderen Hexe aneinandergeraten sein. Aber warum hatte sie nie etwas von ihr erzählt - obwohl sie zu so vielen Dingen im Tal ihren Rat gegeben hatte, egal ob Clíodhna ihn gebraucht hatte oder nicht?

    Sie starrte auf den Tisch. Wenn sie doch nur Fionnula fragen könnte.

    Und dann rann ihr ein Schauder über die Haut. Die Antwort lag da vor ihr. Laguz. Das tiefe Wasser. Das Verborgene. Die Anderswelt.

    Das Totenreich.

  • So, fuer den naechsten Teil muss man eine Aenderung wissen die wir beim Ende des 'Raben' diuskutiert hatten, die's aber noch nicht in den Text geschafft hat - Rordan bittet Cliodhna, ihn, solange sie zusammen sind, aus allen magischen Unternehmungen rauszuhalten, und sie verspricht ihm das - so dass es einfacher fuer ihn ist, ihre Rollen als Frau und als Hexe zu trennen und ausserdem seinem Unbehagen bei Magie und Ritualen entgegenkommt.


    Viel Spass!




    "Hat ausgezeichnet geschmeckt!", sagte Clíodhna während sie die letzten Reste des Eintopfs vom Löffel ableckte.

    Rórdán sah ihr lächelnd zu, verfolgte dabei die störrische Haarsträhne die ihr immer wieder in die Stirn fiel und spürte den plötzlichen Drang, die Strähne zurückzustreichen und dann die Hexe sanft zu küssen. Und dann zu sehen was passieren würde...

    "Freut mich.", sagte er statt dessen nur. "Leider wirst du jetzt eine Weile auf den Genuß verzichten müssen - das waren die letzten Gewürze in meinem Beutel. Und so wie das Wetter aussieht sind die Pässe bald zu - ich werde wohl erst nächstes Jahr wieder in die Stadt auf den großen Markt kommen... Aber dann kann ich einen größeren Beutel mitbringen."

    Clíodhna lachte kurz auf: "Naja, dann mußt du den Winter über eben mit meinen Hexenkräutern auskommen.", stellte sie fest, aber das Lächeln das danach um ihre Lippen spielte erreichte ihre Augen nicht ganz. Er kannte sie inzwischen schon gut genug - da war etwas. Etwas das sie bewegte, das ihr Sorgen bereitete. Nachdenklich betrachtete er sie.

    "Merkt man es?", seufzte sie. Rórdán nickte. Die Hexe starrte für eine Weile auf den Tisch. Der Gehilfe des Schmieds wartete in Schweigen ab bis es allmählich begann, unbehaglich zu werden. Er fragte sich, was genau die schlechte Nachricht sein würde. Dann, endlich holte sie tief Luft.

    "Rórdán... Ich bitte dich nicht gerne darum, und ich weiß ich breche damit das Versprechen das ich dir gegeben habe - aber ich brauche deine Hilfe. Bei etwas Magischem."

    Er schwieg und blickte sie erwartungsvoll an, zwang sich dabei äußerlich zur Ruhe während die Gedanken in seinem Kopf zu kreisen begannen, schneller und schneller. Immerhin - es war nicht eine Hexe kann keinen Mann an ihrer Seite haben - das schwächt sie nur gewesen... Aber sie kannte sein Unbehagen bei Magie, sie wußte daß es ihm Angst machte, Mächte zu spüren von denen er nichts verstand, mitzubekommen wie er sich selbst verlor während etwas anderes durch seinen Körper wirkte - wie damals in der Beltainenacht... Die Erinnerungen daran waren wunderschön und schrecklich zugleich - zu intensiv für ein normales Menschenleben. Etwas was in faszinierte, und doch zurückschrecken ließ.

    "Ich muß mit Fionnula reden.", brach es schließlich aus ihr heraus. "Ich muß von ihr wissen, was es mit der anderen Hexe auf sich hat." Einen Moment zögerte sie, dann setzte sie mit leiser Stimme hinzu: "Ob ich wirklich die richtige Hexe des Tals bin..."

    Aber Fionnula ist tot! war der erste Gedanke der Rórdán durch den Kopf schoß, aber er lebte schon lange genug mit einer Hexe zusammen um ihn nicht auszusprechen. Für sie war das kein Hindernis. "Kannst du ihre Seele nicht in den Rauch rufen und so mit ihr reden?", fragte er statt dessen. "Wozu genau brauchst du mich?"

    Sie seufzte. "Eine Seele kann ich nur auf diese Art rufen wenn sie in dieser Welt ist - etwa weil sie nach dem Tod den Weg in die Anderswelt nicht gefunden hat. Oder weil sie aus freien Stücken zu Samhain wenn die Pforten offener sind für eine Weile in diese Welt kommt um nahe bei denen zu sein, die ihr wichtig waren und den Abschied leichter zu machen. Aber Fionnula war eine Hexe - ihre Seele hat keinen Grund nochmal in diese Welt zu kommen, sie wird ihre Zeit in der Anderswelt nutzen um zu lernen und die tiefen Regionen dort zu erfahren bevor sie sich auf den Weg zum Kessel der Wiedergeburt macht. So einfach kann ich sie nicht erreichen." Sie hielt kurz inne und biß sich auf die Lippen. "Ich muß mich selbst auf den Weg in die Anderswelt machen und sie dort finden - diese Magie ist alles andere als einfach, und dazu brauche ich deine Hilfe."

    Rórdán schüttelte unglücklich den Kopf. "Kannst du nicht eine der Frauen des Zirkels fragen?"

    Clíodhna sah zu Boden, ihre Hand begann, mit dem Finger unsichtbare Muster auf dem Tisch zu malen. "Man kann nicht einfach so ins Totenreich, Rórdán. Die Pfade sind normalerweise gut bewacht, die Torwege verschlossen. Zu Samhain ist der Weg einfacher weil die Göttin den Seelen der Toten gestattet für eine Zeit in dieser Welt zu weilen - aber selbst dann, wenn ich an die Pforte zu Caer Arianrhod komme, dann wird mich ein Wächter abweisen - und keine Magie die ich zur Verfügung habe, kann mir den Eintritt gewähren."

    Sie sah auf, blickte ihn direkt an: "Aber der Wächter antwortet dem Rabenkönig, dem dunklen Widersacher - und wenn der Rabenkönig mit mir an der Pforte steht und dem Wächter befiehlt, mir Einlaß ins Totenreich zu gewähren - dann muß er den Weg freigeben." Die Hexe nahm einen zitternden Atemzug.

    "Ich brauche dich, damit ich den Geist des Rabenkönigs in dich rufen kann und du mich dann auf der Reise in die Anderswelt begleitest. Es muß ein Mann sein in dem sich der Widersacher manifestiert - und außer dir kann ich niemandem so sehr vertrauen daß ich mein Leben in seine Hände legen würde. Es geht nicht anders, Rórdán - ich muß dich in diese Magie hineinziehen. Nur der Rabenkönig kann den Weg öffnen."

  • Hier geht es also tatsächlich um den Eintritt ins Totenreich und Ideen zu dem Thema, was nach dem Tod so passieren könnte. Sehr faszinierend. Ich versuche das Thema in meiner Story auch anzureißen, hab aber bis jetzt nicht gewagt, mich zu sehr darauf einzulassen, damit es nicht unglaubwürdig wird. So wie du es schilderst, klingt es aber sehr fundiert. Vermutlich wird das lebensgefährlich für beide... sehr guter Plot. Bin neugierig, wie das weitergeht!

  • So wie du es schilderst, klingt es aber sehr fundiert.

    ja, wie gesagt, wir haben hier eine kleine Bibliothek an keltischer Mythologie als Quellenmaterial :)


    Meine Sorge ist eher dass das Special-Effects Department (ich...) da mit einer Idee zum verfilmen rueberkommen muss ohne dass es am Ende peinlich wirkt - aber zum Glueck ist ja noch ein bisschen Zeit.:D

  • Hey Thorsten ,


    Ich melde mich auch mal zurück :)


    Also, die Entwicklung gefällt mir sehr gut! Da ist zum einen dieses "Abkommen" zwischen den beiden, welches ja nicht ohne Grund getroffen wurde. Rórdáns Ängste hast du sehr schön beschrieben, wie ich finde und seine Ehrfurcht vor der Magie, von der er nicht viel versteht...zumindest nicht genug, um sich ihr gewachsen zu fühlen. Und nun kommt Clíodhna mit dieser Bitte zu ihm und bringt ihn in die Bredouille ... er wird sie diese gefährliche Reise sicher nicht alleine antreten lassen wollen, doch gleichzeitig heißt das für ihn auch, dass er sich seinen schlimmsten Ängsten stellen muss...sehr gut!


    Bin schon sehr gespannt, wie ihr den Ausflug in das Totenreich filmtechnisch rüberbringen wollt. Sicher gibt es da einige Möglichkeiten, wie man das Material nachträglich bearbeiten kann, um den Szenen etwas Unwirkliches/Bedrohliches zu verabreichen. Storytechnisch birgt das Ganze auf jeden Fall jede Menge Spannung :thumbsup:

  • Thorsten

    Meine Sorge ist eher dass das Special-Effects Department (ich...) da mit einer Idee zum verfilmen rueberkommen muss ohne dass es am Ende peinlich wirkt - aber zum Glueck ist ja noch ein bisschen Zeit.

    Hab' ich dann noch eine Chance auf die Nebenrolle, die Katharina mal angesprochen hat?

    Hätte ich echt Spaß dran.8)

  • Also, dann geht's hier auch mal weiter (momentan ist alles moegliche andere zu tun - an mangelndem Enthusiasmus liegt's nicht...)


    Hier muss man jetzt noch die Vision aus dem 'Raben' im Kopf haben um Rordan's Reaktion am Ende richtig zu verstehen...





    Rórdán nahm die Sache nicht gut auf, Clíodhna konnte seine Anspannung sehen, auch wenn er nichts sagte. Die Art, wie er seinen Becher in der Hand hin und her drehte, oder die kleine Falte auf seiner Stirn verriet ihr schon so viel über ihn... Aber wie konnte er anders reagieren? Wenn er irgendetwas über den Rabenkönig gehört hatte, dann war es vermutlich wenig Gutes gewesen. Für die Dorfbewohner war er nur der Widersacher der Kälte und Tod brachte. Sie mu"ste ihm mehr darüber erzählen.

    Nur - sie konnte nicht. Was der Rabenkönig wirklich war, das gehörte zu den Mysterien des Jahreskreises - und sie mu"sten verborgen gehalten werden, nur wer sie ahnte und direkt danach fragte, dem durfte geantwortet werden. Und doch - wenn sie es Rórdán jetzt nicht erklärte, dann würde er nie einwilligen.

    Wann genau war ihr Leben als Hexe in dieses... Zwielicht geraten in dem sie nur noch etwas erreichen konnte indem sie Regeln brach?

    Clíodhna seufzte. Es hatte keinen Sinn sich was vorzumachen - sie hatte die Entscheidung gefällt in die Anderswelt zu reisen.

    "Es ist nicht so wie du denkst, Rórdán.", begann sie leise.

    Er sah sie scharf an. "Was ist nicht so wie ich denke?"

    "Der Rabenkönig." Sie schwieg - der Moment der Entscheidung war gekommen. Wollte sie wirklich diesen Weg gehen? Es gab einen Grund, da"s die Mysterien nicht leichtfertig weitergegeben wurden.

    "Er ist nötig, Rórdán - genau wir der Beltainekönig.", begann sie, bevor sie es sich anders überlegen konnte. "Es ist der Rabenkönig, der den Beltainekönig tötet - aber das ist kein hinterhältiger Mord, sondern ein Opfer für die Göttin. Der Beltainekönig symbolisiert die Kraft des neuen Jahres - aber der Rabenkönig die Form, die Kontrolle - und nur aus dem Zusammenspiel von beidem kann etwas bedeutungsvolles erschaffen werden. Nur mit einem Schmiedefeuer kannst du keinen Stahl schmieden, dazu braucht es auch den Hammer der die Form gibt, aber nur mit einem Hammer geht es auch nicht. Erschaffung und Zerstörung sind sich ähnlicher als du denkst - sie sind nur zwei Seiten des gleichen Prinzips."

    Die Hexe hielt inne und atmete tief durch. Rórdán sah nachdenklich aus, er blickte in seine Becher und sah sie nicht direkt an.

    "Warum mu"s er sterben? Der Beltainekönig, meine ich."

    Sie spürte, wie sich etwas in ihr löste das verknotet gewesen war - immerhin war er bereit zuzuhören. "Stell dir vor, die Sonne würde immer wärmer und wärmer scheinen. Oder die Sträucher würden wachsen und wachsen, ungehindert. Die Ernte würde verbrennen, oder das Tal überwuchert werden. Eine solche Kraft kann sich nicht ungehindert ausbreiten ohne alles zu zerstören - sie mu"s gestoppt werden bevor das passiert. Das Beltainefeuer mu"s gelöscht werden bevor es das Tal verzehrt. Das ist die Aufgabe des Rabenkönigs - er verhindert die Zerstörung die unweigerlich kommen würde - und er tut es, bevor die Zerstörung für alle sichtbar wird."

    Wieder schwieg sie einen Moment, dann seufzte sie: "Auf eine Art ist auch er ein Held - ein einsamer, denn in den Augen der Welt ist er der Verräter und Widersacher. Aber in den Augen der Göttin ist das, was er tut heilig. Für eine Zeit wird er deswegen der Gefährte der Göttin. Und vergi"s nie - die Göttin gibt das Leben wie den Tod, das eine ist ihr so wichtig wie das andere. Aber ohne die Kraft des Eichenkönigs, des Falken hoch am Himmel, ist auch die Zeit des Rabenkönigs nicht von Dauer - und so wiedeholt sich das Jahr, so wechseln Kraft und Form sich ab um die Schöpfung immer wieder zu erneuern."

    Rórdán hob plötzlich den Kopf und blickte in eine weite Ferne, an Clíodhna vorbei. "Deshalb tötet er ihn... ", formten seine Lippen die Worte. Und dann noch rätselhafter: "Sollte ich das gewesen sein?"

    Sie griff nach seiner Hand: "Ich brauche dich. Grade weil du auch der Beltainekönig des Dorfes warst. Weil du mein Gefährte bist. Bitte Rórdán - hilf mir!"

    Langsam, immer noch tief in Gedanken, nickte er.

  • Thorsten


    Gefällt mir sehr gut, die Darstellung des Rabenkönigs. Dass er nicht abgrundtief Böse ist, wie zuerst angenommen, sondern ihm eine wichtige Funktion zukommt und er quasi sowas wie ein "einsamer Held" ist.


    Es dürfte Rhordan dennoch nicht leicht fallen, das alles so anzunehmen...vor allem, als die Hexe ihm erklärt, dass der Rabenkönig ebenfalls eine Zeit lang der Gefährte der Göttin wird....was auch immer das jetzt konkret bedeutet...denn die Hexe verkörpert doch die Göttin, oder nicht? Zumindest hatte ich es so verstanden.


    Natürlich klingt das alles irgendwie plausibel, was Clíodhna da erzählt, aber abgedreht ist es schon irgendwie. Bin schon gespannt auf Rhordans Reaktion. ^^


    Auf jeden Fall wie immer schön erzählt!

  • Interessant.

    Das ist quasi eine Antwort auf die Frage, warum es den Tod gibt.

    Erschaffung und Zerstörung sind sich ähnlicher als du denkst - sie sind nur zwei Seiten des gleichen Prinzips."


    Finde ich einen guten Gedanken, über den man länger nachdenken kann, weil er der normalen Empfindung widerspricht und trotzdem eine gewisse Logik enthält. Eigentlich sieht man Leben und Tod wohl eher als Gegensätze und nicht als zwei Seiten derselben Medaille. Ja, wirklich interessant.


    Was bedeutet das jetzt für Rordan? Das kann ich mir noch nicht so richtig vorstellen. Wenn er gleichzeitig der Beltainekönig war und jetzt der Rabenkönig sein soll, kann er sich ja nicht selbst umbringen (oder opfern, oder wie auch immer). Vielleicht ist gemeint, dass er eine innere Wandlung durchmachen soll? Genausogut könnte er in Lebensgefahr sein. Die Erklärung von Cliodhna lässt im Grund offen, worauf es hinausläuft. Sie weiss es wohl selbst nicht. Tja, so eine Aufgabe will wohl niemand bekommen, schon gar nicht von der Frau seines Herzens, aber es kann einem passieren, wenn man dazu eine Hexe wählt.

    Bin gespannt, wie es weitergeht! :)

    Ja, und natürlich bin ich besonders neugierig, wie du denn das "Totenreich" darstellen - und wie ihr es filmen wollt. Keine so leichte Aufgabe, aber eine interessante!


    Rordans Worte, "sollte ich das gewesen sein" - verstehe ich im Augenblick noch nicht, aber ich vermute, dass eine Erklärung noch kommt. :)

  • Ich bin hier am Überlegen, ob ich Clíodhna (zumindest im Drehbuch) das alles ein bisschen anders formulieren lassen sollte. Das Prinzip, von dem sie spricht, ist eigentlich ganz simpel: Die Göttin verkörpert die Polarität der Dinge (im Grunde das, was auch die andere Hexe/die "Widersacherin" schon im Rauhnachtfluch gesagt hat: "Hitze und Kälte, Leben und Tod - das ist die Wirklichkeit hinter den Dingen") und der Beltainekönig und der Rabenkönig sind ihre jeweiligen Gefährten im Kreislauf des Jahres. Zwei Mal im Jahr muss der eine durch den anderen abgelöst also besiegt werden. Die Göttin ist auch zugleich Lebenspenderin wie Totenmutter - sie gibt das Leben und sie nimmt es auch wieder, denn nur so kann das Gleichgewicht aufrechterhalten werden. Ohne Dunkel kein Licht, ohne Tod kein Leben...


    Ich glaube, um den Zuschauer (der häufig nicht so viel mythologische und ethnologische Vorbildung hat) nicht noch verwirrter als Rórdán zurückzulassen, muss sie ihre Erklärung hier in wirklich einfache Worte kleiden oder das Prinzip irgendwie veranschaulichen. In einem Buch kann man den Text einfach noch mal in Ruhe lesen, im Film sollte der Zuschauer möglichst gleich verstehen :hmm:

  • Heyho Katharina

    Nur ein Gedankenspiel:

    Ohne Dunkel kein Licht, ohne Tod kein Leben...

    "Im Dunkel das Licht, im Tod das Leben..."