Weird Tales (Thread zum Mitmachen)

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    • Weird Tales (Thread zum Mitmachen)

      Meine lieben Forenfreunde, es dauert nicht mehr lange, dann ist spooky month (Oktober) mit dem abschließenden Totenfest (Halloween).
      Und zu dem Anlass möchte ich diesen Kurzgeschichtenthread eröffnen. Im Idealfall soll das kein Thread für mich alleine werden, andere Beiträge sind erlaubt und erwünscht. Wenn nicht, ziehe ich das alleine durch :P
      Dieser Thread soll dazu dienen, weirde, spooky, gruselige Kurzgeschichten zu veröffentlichen - oder eben das Zeug, das ihr schreibt, wenn ihr eine Schreibblockade habt. Im Idealfall soll das Lesen sogar ein wenig unangenehm sein, auf jeden Fall etwas anderes, etwas, das euch aus dem gewöhnlichen Schreibtrott rausbringt und euch für neue Dinge öffnet.

      Ich starte einfach mal mit meiner ersten Weird Tale:


      Gehst du mit mir?


      „Gehst du mit mir?“, fragte sie, ihre Stimme so hell und voll der Unschuld eines kleinen Mädchens. Und doch starrten ihre Augenhöhlen mich an, dunkel und leer aus der Ruine ihres Gesichtes. Ledrig spannten sich die Überreste ihrer Haut über die hohen Wangenknochen, ihre Lippen zu vertrocknet und geschrumpft, um ihr lückenhaftes Gebiss zu verbergen. Wie ein löchriges Leichentuch umhüllte sie der dreckverschmierte Rest ihres Kleides, flatternd im kalten Abendwind.
      „Ja.“ Noch immer verlangte dieses Wort mir so viel ab, wenn sie auch nicht die erste war, die ich so sah, nicht die erste war, die mich um Ähnliches bat. „Ich gehe mit dir zurück.“
      Gespenstisch langsam strecke sie ihre Hand aus; ihre Muskeln wussten nicht mehr, wie man sich bewegte. Jahre im Waldboden hatten es sie vergessen lassen, Jahre der Fäulnis und des Zerfalls, und auch ihr Schritt, stolpernd und unsicher, kündeten von der langen Zeit im kalten Moos.
      „Sie rennen immer weg, weißt du?“ Die Hand des Mädchens in der meinen griff fester zu, als fürchte sie, dass ich doch noch loslassen würde. Sonderbarerweise fühlte sie sich nicht anders an als die Hand eines Lebenden, und doch musste sie so viel weniger sein, zerfressen von der Zeit. „Alle. Keiner hat mir den Weg nach Hause gezeigt.“
      „Ich bin auch ein wenig anders, weißt du?“ Konnte sie spüren, wie heftig mein Herz schlug? Roch sie meine Angst? Mancher Geist fühlte sich beleidigt, wenn er von der Furcht eines Menschen Kenntnis nahm, andere, die ihr Dasein nicht verstanden hatten, gerieten gar in Panik. Die letztere Sorte, und das wusste ich aus eigener Erfahrung, war die gefährlichste.
      „Ja, das bist du.“ Langsam, stockend griff die andere Hand des Mädchens nach meinem Unterarm. Es fühlte sich nach einer vertrauten Geste an; wen hatte sie einst so umgriffen? Ihre Mutter, ihren Vater, einen Bruder oder einen Freund?
      „Wohin gehen wir?“ Ich hatte bald bemerkt, dass sie begonnen hatte, mich zu führen, weg vom Weg und in das dichte Unterholz des Waldes. Es war nicht immer schlau, einem Geist dorthin zu folgen, wohin er einen führen wollte. War man zu unvorsichtig, velor man zu leicht sein Leben.
      „Nach Hause. Ich konnte den Weg nicht finden, aber jetzt, da du bei mir bist, sehe ich ihn vor mir.“ Zitternd deutete das Mädchen in die Dunkelheit, hinaus in die Ferne, wo ihre leeren Höhlen mehr sahen als meine Augen. „Das Dorf.“
      Mit einem raschen Blick über die Schulter blickte ich zum Mond; sein Stand verriet mir, dass wir wirklich nur in eine Richtung gelaufen waren, und dies noch in die Richtung, in die mein Weg mich geführt hatte. Bisher schien sie mich nicht in die Irre führen zu wollen.
      Gut eine halbe Stunde gingen wir so, bis das Mädchen ihre Finger aus meiner Hand zog. „Hier ist es. Hier habe ich mich schlafen gelegt.“
      Nur unzureichend erhellten Mond und Sterne den Waldboden, und doch erkannte ich den skelettierten Körper des Mädchens, blanker Knochen zwischen den Steinen, in alle Richtungen verstreut. Grau und verblichen Glotzte ihr Schädel mich vom Boden aus an, und gleichzeitig traf mich ihr Blick aus leeren Augenhöhlen von der Seite.
      Egal, welche Gestalt sie mir zeigte, es musste ihr Körper von vor langer Zeit sein.
      „Ich bin in den Wald gelaufen. Ich habe gedacht, ich würde mich nicht verirren.“ Langsam kniete die Tote neben sich selbst nieder. „Es hat so lange gedauert. Mir war so kalt, und ich hatte solchen Hunger. Ich habe das Moos gegessen.“ So als erinnerten sich auch ihre Finger daran, verkrampften sich ihre Hände in das dichte Moos um den Leichnam, zogen daran, bis sich ganze Brocken vom Boden lösten. „Hier habe ich mich schlafen gelegt“, wiederholte sie, als hätte ich es in der kurzen Zeit vergessen.
      „Aber jetzt bringe ich dich nach Hause.“ Das musste ihr Wunsch gewesen sein, der Wunsch, der sie noch immer hier zurückbehielt, sie umklammert hatte wie eine Bärenfalle und sie nicht gehen lassen würde.
      „Wirklich? Es ist so lange her. Ich werde Ärger bekommen.“ Zögerlich trat das Mädchen einen Schritt zurück, der Stoff ihres Kleides in einem Wind aufbauschend, der vor vielen, vielen Jahren geweht hatte.
      „Das wirst du nicht, glaube mir. Es werden alle froh sein, dass du wieder aufgetaucht bist.“ Von mir aus reichte ich ihr die Hand, die sie einige Sekunden anblickte, bevor sie wieder die ihre hineinlegte.
      „Es ist so lange her. So, so lange.“ Ein kurzes Schluchzen entriss sich der schon lange zerfallenen Kehle, doch sofort fing sie sich wieder. „Sie werden sicher glücklich sein.“
      Stunde um Stunde gingen wir, bis wir den Rand des Waldes erreichten; sicher musste sie sich schlimm verlaufen haben, um all diesen Weg in die falsche Richtung gegangen zu sein. Langsam lichteten sich die Bäume, und wir hatten den Lauf eines Flusses erreicht.
      „Wir sind da. Wir sind Zuhause!“ Erleichterung zeigte sich auf dem, was von ihren Zügen übrig geblieben war. „Habt Dank, habt tausend Dank!“
      „Versprichst du, dass du nicht in den Wald zurückkehren wirst?“ Nicht oft ließ sich das Streben eines Geistes einfach erreichen, und so mancher kehrte auch dann noch zu seinem Todesort zurück, wenn sein Wunsch in Erfüllung gegangen war. Und ja, nicht jeder Geist hielt seine Versprechen, und dennoch wollte ich ihrem Wort vertrauen.
      „Nein, niemals. Ich werde niemals wieder Fuß in ihn setzen, das verspreche ich.“
      „Dann geh, und habe noch viel Glück auf deinem Weg.“
      Zart entzog sie sich mir, ging ein paar Schritte, und mit jedem einzelnen schien sich ihr Körper, ihre Kleidung Stück um Stück zu erneuern. Eine Brücke spannte sich über den Fluss, steinern und uralt, und hier drehte sie sich noch einmal zu mir um. Mit Tränen des Glücks in ihrem jungen, schönen Gesicht winkte sie mir, und mit Freude ging sie weiter, verschwand hinter einem Pfeiler – und trat dahinter nicht wieder hervor.
      Lange Momente blieb ich dort stehen, ließ mir durch den Kopf gehen, was so eben geschehen war. Doch dann folgte ich ihr, trat auf die Brücke und überschritt sie, den Blick kurz auf dem Pfeiler verharrend, wo das Mädchen verschwunden war.
      Das Morgengrauen war noch ein paar Stunden entfernt, doch am Ende des Weges vor mir erkannte ich ein großes Dorf und die Lichter, die in ebensolchen Dörfern unentwegt brannten. Vor einem niedrigen Feuer saß ein Schäfer, der zu solch später Stunde noch seinem Broterwerb nachging, und dieser schreckte zusammen, als er meiner gewahr wurde.
      „Entschuldigt, entschuldigt! Ihr habt mir nur einen Schrecken eingejagt.“ Beschwichtigend hob der Schäfer seinen Arm. „Wo kommt Ihr zu so später Stunde noch her?“
      „Ich bin Wanderer, und nahm die Straße durch den Wald“, antwortete ich wahrheitsgemäß.
      „Durch … durch den Wald? Seid Ihr denn von Sinnen? Wisst ihr denn nicht um …“
      „Den Geist? Ja, um den weiß ich, doch er wird euch nicht weiter behelligen. Da habt Ihr mein Wort.“
      Ehrfurchtsvoll blickte mich der Schäfer an. „Ihr habt den Geist gebannt? Aber wie? Seit den Tagen meines Großvaters sucht er uns heim, und viele hundert Fremde hat er mit sich in den Tod gerissen.“
      „Hat denn nie einer versucht, mit ihr zu gehen und ihr den Weg nach Hause zu zeigen?“ Zweifelnd sah ich mein Gegenüber an, doch der Schäfer schüttelte nur den Kopf.
      „Die paar, die ihr entronnen sind, haben gesagt, sie hätten kein Wort an sie gerichtet und seien gerannt, was ihre Beine hergaben. Wir dachten, das sei die einzige Chance, ihr zu begegnen und die Nacht zu überleben.“
      „Es wäre so einfach gewesen. So einfach.“ Seufzend wärmte ich mich an dem Feuer des fremden Mannes. „Wo finde ich denn eine Bleibe für den Rest der Nacht?“
      „Bei mir. Ihr könnt in meiner Hütte schlafen, ich teile mein nächstes Mahl mit Euch.“
      „Ich will Euch keine Umstände bereiten …“, entgegnete ich, doch der Mann winkte ab.
      „Ihr seid ein Glücksbringer. Es ist mir eine Ehre, Euch zu beherbergen. Im Dorf werdet Ihr vor Anbruch des Tages auch niemanden finden, der Euch aufnimmt – wir sind nächtlichen Besuch in dieser Form nicht gewohnt.“
      „Dann lasst bald verkünden, dass die Straßen wieder sicher sind“, antwortete ich. „Und dass die Verlorene wieder heimgekehrt ist.“
      Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
      So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.

      Die Schatten der Magie
    • Lieber @Myrtana222
      Eine schöne Idee und eine klasse Geschichte. Mal ganz anders an die Sache mit den Gespenstern herangegangen. ^^
      Ich nehm den Stab mal auf.

      Der Weidenmann
      In der Blüte meiner Jugend fand ich meinen Liebsten. Meine Haare waren golden und meine Lippen rot.
      Wir trafen uns bei der Bank am Fluss, wo der alte Weidenmann stand. Mein Liebster war sanft und als wir uns liebten, rauschten die Blätter in der Frühlingsluft.
      Aber als es Sommer wurde, erkalteten die zärtlichen Hände. Allein saß ich beim Weidenmann und weinte. Als meine Tränen verebbten, strichen die Blätter tröstend über meine Wangen.
      Komm zu mir“, flüsterte die alte Weide. „Der Herbst naht und einsam ist der Winter.“
      Ja, ich würde mit ihm gehen, wenn das Jahr sich neigte.
      Am letzten Tag des Sommers küsste ich die raue Rinde und stand an der einsamen Bank am Fluss. Meine Hände reckten sich 'gen Himmel. Feines Blattwerk glitt raschelnd aus meinen Fingern. Arme wurden zu Ästen und Füße verbanden sich mit dem Erdreich.
      Jahrein jahraus stand ich nun neben dem Weidenmann. Im Frühling wuchsen mir wunderschöne Blüten. Sie waren golden und rot. Im Herbst trug ich rote Früchte, aber sie schmeckten sauer und bitter.
      Kein Vogel wollte kosten, nicht einmal die alte Krähe.
      Eines Tages, als sich der Frühling lautlos dem Sommer ergab, setzte sich ein Pärchen auf die einsame Bank am Fluss. Es war mein Liebster mit seinem Weibe und sie trug ein Kind unter ihrem Herzen.
      Komm zu mir, schau meine herrlichen Blüten“, flüsterte ich. Die junge Frau bewunderte das Goldene und das Rote meiner Blütenpracht.
      „Wie schön“, sagte sie. Da öffnete ich die Erde unter mir und zog sie hinab in das Wurzelreich. Mein Liebster sprang ihr zu Hilfe, aber ihre Schreie verstummten in feuchter Erde.
      Der Herbst naht und einsam ist der Winter“, hauchte ich und der Weidenmann rauschte zustimmend. Da wurden die Augen meines Liebsten groß und er ertränkte sich im Fluss.
      Im Herbst aber, schmeckten meine Früchte süß wie Honig.
      Und mein Geäst erklang voller singender Vögel.

      Es ist das Eine, aus dem wir kommen und in das wir wieder eingehen. Vor dem Einen war nichts und danach wird nichts sein. Das Eine ist nichts, und indem das Eine nichts ist, wird das Eine offenbar.

      Meister Muoti von Aramea. Im Jahre 102 nach der Divergenz
    • So, zu später (oder früher?) Stunde, also genauer gesagt zur Geisterstunde ist mir auch noch eine kurze Geschichte für diesen Thread eingefallen. Nicht groß überarbeitet, nicht ausgefeilt. Einfach nur so.

      Die Putzfrau

      Sie hörte den Lärm schon, als sie die Treppe heraufstieg. Jedes Mal dasselbe. Und Tim war natürlich wieder der Lauteste. Hatte der Junge denn gar kein Benehmen? Er war immer so ruppig. Nicht wirklich böse, aber manchmal einfach ein wenig gefühllos. Die Mädchen konnten ein Lied davon singen. Wenn er es gar zu schlimm trieb, rannten sie zu der alten Blumenfrau oder zum Knochenkarl. Bei den beiden traute sich Tim nicht, die große Klappe zu haben.
      Sie hatte den oberen Treppenabsatz erreicht und bog nach rechts ab. Am Ende des Ganges lag die kleine Kammer, in der sie ihr Putzzeug aufbewahrte. Das versprach heute wieder anstrengend zu werden. Mit dem Besen unter dem Arm und dem langen Staubwedel und ihrer Tasche in den Händen, gab sie der Tür zur Besenkammer einen Fußtritt und hörte sie ins Schloss fallen. Seufzend lief sie zurück und setzte ihre Sachen ab. Als sie die breite Doppeltür öffnete, brandete ihr der Lärm wie eine Welle entgegen.
      „Guten Morgen!“ Ihr Gruß verhallte, chancenlos, gehört zu werden. Er ging einfach im Füßetrappeln und Poltern unter.
      „Guten Morgen, Brigitte.“ Das kleine Mädchen im geblümten Kleidchen mit schneeweißer Schürze darüber, das jetzt mit auf den Rücken gelegten Händen neben ihr stand, lächelte sie schüchtern an. „Darf ich dir wieder helfen?“
      „Aber ja, Liebes“, gab sie lächelnd zurück und holte einen Staublappen aus der Tasche ihrer geblümten Schürze. „Wie letzte Woche, Emma?“
      Eifrig nickte die Kleine und nahm ihr den Lappen ab. „Wie letzte Woche.“ Und damit rannte sie zu einem der großen Fenster und begann, die Fensterbank abzuwischen.
      Neben Brigitte kamen zwei Jungen schlitternd zum Stehen. Sie rangelten um den Platz direkt vor ihr. „Ich bin heute dran mit kehren!“, knurrte der eine und schob den anderen mit dem Ellenbogen zurück.
      „Ich muss doch sehr bitten“, protestierte der andere. „Diese Aufgabe fällt am heutigen Tage mir zu.“
      „Adrian, du sollst dich doch nicht mit dem Jungen abgeben!“ Eine Dame mit einem strengen Dutt und Goldrandbrille, die in einem bodenlangen und hochgeschlossenen schwarzen Kleid steckte wie ein Schirm in seinem Futteral, war den Jungen gefolgt. Erbost nahm sie den zweiten am Arm beiseite. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass dieser Gossenbengel kein Umgang für dich ist? Und du machst dich ganz schmutzig. Schau dir deinen Anzug an!“ Sie begann, Stäubchen von seiner Schulter zu streichen.
      „Beim Klabautermann, du hässliche schwarze Bohnenstange, lass endlich den Jungen zufrieden! Er will doch nur helfen!“ Der Mann, der sich jetzt zu ihnen gesellte und dessen Worte der strengen Dame ein entrüstetes Schnaufen entlockt hatten, war abenteuerlich gekleidet und trug eine verwaschene blaue Schirmmütze. Seine Haare waren fettig und strähnig und die Haut braun und wettergegerbt. Er nahm eine kalte Pfeife aus dem Mundwinkel und stopfte sie in die Tasche seiner vielfach geflickten Weste. „So, Brigitte, denn will ich mal in die Takelage entern und die Positionslichter wieder zum Leuchten bringen.“
      Sie lachte, während sie aus der mitgebrachten Tasche zwei Glühbirnen hervorholte. „Danke, Piet, da muss ich nicht hochsteigen. Die Leiter ist hinten an dem großen Bücherregal.“
      „Keine Sorge, Mädchen“, grinste er mit zahnlosem Mund, während seine Augen in Lachfältchen verschwanden, „wär ja noch schöner, wenn wir jetzt schon Weibervolk in die Wanten ließen.“ Er tätschelte ihren Arm und trollte sich, um die Leiter zu holen.
      Noch mehr kamen, um ihre Hilfe anzubieten. Sogar Tim war dabei. Sie hatte nicht für jeden etwas zu tun, vertröstete dann auf übermorgen, wenn sie wieder hier sein würde.
      Eine Stunde später war die Arbeit getan. Alles war sauber, kein Stäubchen war mehr zu sehen. Die Stühle standen gerade ausgerichtet um die Tische, die Kissen in den plüschigen Sesseln waren aufgeschüttelt.
      Ein letzter Blick durch den Raum ließ sie zufrieden aufatmen. Noch immer herrschte ziemlicher Lärm, weil besonders die Kinder sich gegenseitig überschrien.
      Ein Blick auf die Armbanduhr zeigte ihr, dass nur noch fünf Minuten blieben. Es wurde höchste Zeit! Brigitte klatschte laut in die Hände.
      „So, Schluss für heute. Es ist fast neun, ihr Lieben. Die Bibliothek öffnet gleich. Jetzt herrscht wieder Ruhe hier! Also ab mit euch, hopp hopp zurück in eure Bücher.“
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


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    • @Sensenbach: Das ist wirklich eine Bilderbuch-Spooky Tale, sehr immersiv und Gänsehauterzeugend.

      @Tariq: Ich hab echt bis zum Schluss gedacht: "Und wann kommt dann jetzt was?" :rofl: bis du es dann mit dem letzten Satz komplett gedreht hast. Coole Idee, die Erwartungshaltung bis zum Schluss aufrechtzuerhalten und dann im letzten Satz den Twist zu bringen.


      Ich hätte gar nicht damit gerechnet, dass sich gleich zwei dem Weird Tale Thread anschließen. Habe auch schon eine neue Idee, muss aber warten, bis ich die Zeit habe, sie niederzuschreiben.
      Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
      So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.

      Die Schatten der Magie
    • So, auch von mir wieder einmal etwas :D mit meinen eigenen Sachen komm ich ja nicht gerade gut vorwärts :S

      Von dem her ist das hier der perfekte Ort, um mich der Krativität neu zu öffnen xD

      Was ich gelesen habe gefiel mir wirklich gut und hat mich selbst motiviert etwas zu schreiben. Ich hoffe es gefällt euch :D

      Amelie

      „Amelie, Amelie komm zu mir, komm nach unten.“

      Schlaftrunken erwachte die kleine Amelie von den Rufen ihrer Mutter. Es war stock dunkel, nur der pinke Wecker gab ein schwaches Schimmern von sich, in dem er 00:13 anzeigte. Das kleine Mädchen konnte sich nicht erinnern, jemals um diese Zeit wach gewesen zu sein.

      „Komm mein Mädchen, ich habe etwas zu Essen gemacht.“

      War heute etwa ihr Geburtstag, oder ein anderer Feiertag? Das mit diesen speziellen Tagen konnte sie sich noch nicht gut merken. Ja, bestimmt war heute ein ganz besonderer Tag. Von plötzlicher Freude ergriffen, kletterte sie aus ihrem Bett, schlüpfte in ihre kuschligsten Finken und tapste zur Türe. Das Mädchen hatte extra einen kleinen Schemel neben die Tür gestellt, um den Lichtschalter und die Klinge erreichen zu können.

      „Amelie wo bleibst du denn, hast du deine Mutter nicht mehr gerne? Komm zu mir.“

      Die Kleine erklomm den Schemel und drückte eifrig den Lichtschalter. Nichts geschah. Amelie versuchte es noch ein Paar Mal.

      „Komm zu mir, du brauchst kein Licht.“

      Da das Licht nicht ging, zog sie an der Klinke. Auch draussen schien das Licht kaputt zu sein. Der Mond erhellte den Gang und die Treppe nach unten nur schummrig, doch Amelie wollte die Überraschung unbedingt sehen.

      „Keine Angst meine Kleine, ich erwarte dich hier. Komm.“

      Zu Amelies Rechter öffnete sich auf einmal die Schlafzimmertür ihrer Eltern. Ihre Mutter stand mit kreidebleichem Gesicht im Rahmen, eilte auf ihre Tochter zu und hielt ihre Hand vor den kleinen Mund.
      Entsetzt fiel ihr Blick zur Treppe, bei der sich der Schein einer Kerze flackernd über die Stufen warf.

      „Komm mein Kind, komm zu mir herunter, ich kann es kaum erwarten dir deine Überraschung zu zeigen…“
      Ein Held. Ein Beschützer ganzer Völker. Geehrt und Bejubelt. Und trotzdem alleine.
    • @Myrtana222 Die ganze Zeit, während ich deine Geschichte gelesen hab, hab ich mich nur gefragt: Man, ob das ne jute Idee ist von dem Prota? Der wird doch gleich abgemurkst ... Aber interessant, dass die Geschichte trotz Gruselatmosphäre nicht mit dem ewarteten Knall geendet ist, sondern so ganz überraschend friedlich :D

      @Sensenbach Deine Geschichte hat mich extrem an dieses eine Lied "ein Baum" von Subway to Sally erinnert:
      Aber ich mochte das makabere wirklich sehr gerne. :thumbsup:

      @Tariq Hui, ich mochte deine Geschichte auch gern. Auch wenn ich nach Myrtis Kommentar kurz versucht war, den letzten Satz zuerst zu lesen xD

      Tariq schrieb:

      „Ich muss doch sehr bitten“, protestierte der andere. „Diese Aufgabe fällt am heutigen Tage mir zu.“
      Ist mit dem Kleinen alles in Ordnung? Der klingt ja, als hätte er aus Versehen den Duden für den schnöseligen Bürger von 1738 gefressen ... aber Schönes Details muss man sagen :D

      @LirayLegend Oh ne, dat arme Kind und die Mutti eh ... Ich will eigentlich gar nicht wissen, wer da durch`s Haus schlurft. Hat wohl jemand seinen Free-Candy-Van vor dem Haus geparkt oder was? :whistling:


      Ich hab natürlich ebenfalls noch eine Geschichte auf Lager. Eigentlich wollte ich die überhaupt nicht hochladen, weil sie hochgradig seltsam ist ... Aber da war der Thread-Name doch zu verlockend.
      Vorweg um die Sache eventuell etwas verständlicher zu machen: es geht um die Einheiten Raum und Zeit und was mit der welt passieren könnte wenn eines davon wegfällt.

      Bald zuvor ...
      „... kam es werden ist und war bleibt werden fern von außerhalb und ist war wird nicht gehen.
      Da wurde aus dem Jetzt und Später plötzlich ein Sein, das durch die Lücke im Gefüge kroch und vor der fahlhäutigen Gestalt zu Boden fiel. Diese blieb ein wenig verwundert noch einen Moment weiter in seltsam krummer Haltung stehen, ehe sie langsam auf die Knie ging, die dürren Arme ausstreckte und mit grotesk großen Klauenhänden den felsigen Grund abtastete.
      Kamst ins Hier bist werden ...“ zischelte die Kreatur dabei erneut scheinbar wirre Worte, bevor sie ruckartig inne hielt. „Ssssss … Da bist du!“
      Die beiden großen runden Augen des Fahlhäutigen öffneten sich und starrten den Neuankömmling an, der den bleichen, von roten Adern durchzogenen Blick über alle Maßen verwirrt erwiderte.
      „Ich bin Urkakruz“, flüsterte die Kreatur mit bösartigem Unterton in der Stimme, während sie den anderen beruhigend tätschelte. „Du bist in meinem Heim, der Höhle in tiefem Grund, mein alleiniges Reich und nur meine Gesetze sollen hier gelten. Also verrate mir, wen ich da beschwor -“
      „Tlicke Tlacke klicke Klacke, Zeit weg!“, schrie das Wesen und wand sich erfüllt von Angst und Schmerz.
      Suchend starrte es die nackten Felswände ringsherum an, die sich weiter oben zu einer ebenso blanken Decke verbanden, die jegliches Licht aussperren würde, wenn jemand in einer Nische nicht ein erbärmlich flackerndes Feuer entfacht hätte. Es war tatsächlich in einer Höhle durch und durch, aber das war falsch. Dort wo es herkam, gab es nur Nichts und erst recht keine modrigen Heime tief im Leib der Erde! Doch in einem solchen befand es sich und erneut schrie das Wesen ob der Erkenntnis gänzlich fehl am Platz zu sein, während die Finsternis ringsherum gegen den Kreis aus schwach glimmenden Licht drängte.
      „Höre, Tlicketlacke, denn so will ich dich rufen: Du wirst mir zur Hand gehen!“ Urkakruzs Stimme war ein gemeines Fauchen geworden und ungeduldig packte er das Wesen, das bei seiner Benennung nur noch lauter kreischte. „Zuhören sollst du, verfluchtes Ding!“
      Fast schon zornig hielt der Fahlhäutige das sich windende Tlicketlacke fest und schleifte es mit sich über den klammen Felsboden.
      Nass war es in der Höhle und auf eine einsame Art und Weise kalt, geradezu bar jeglicher Behaglichkeit. Die einzigen Hinweise, dass Urkakruz hier hauste, stellten das nach wie vor zuckende Feuerchen sowie ein klobiger Holztisch mitsamt Stuhl dar. Auf letzteren stieß der Fahlhäutige nun das sich windende Tlicketlacke.
      „Schweig! Schweig!! Schweig still!!!“ Aber selbst ein noch so bedrohlich zischender Tonfall half nichts. Da besann sich Urkakruz erneut seiner Zauber, mit denen er zuvor schon seinen Gegenüber herbeigerufen hatte: „Schweigst du, wirst du, warst du!
      Und schon hielt das Tlicketlacke still. Bekümmert saß es auf seinem Stühlchen und starrte stumm zu seinem bleichen Peiniger auf, der sich gierig grinsend die Klauenhände rieb.
      „Ich möchte nichts. Nichts, außer Antworten und Wisssen von dir!“ Nach wie vor kam kein Mucks vom Tlicketlacke und so fuhr Urkakruz eifrig fort: „Sage mit als erstes, was tust du? Was ist deine Aufgabe an jenem fernen Ort, von dem ich dich weg rief?“
      Ein gellender Schrei hallte von den felsigen Wänden wieder und verflüchtigte sich zuletzt in der Dunkelheit jenseits des Feuerscheins. Mehrere Atemzüge ließ Urkakruz verstreichen, derweil das Tlicketlacke vor Grauen erbebte. Schließlich wollte der Fahlhäutige schon wieder aufbrausen, da kam es ihm zuvor.
      „Sinn! Du suchst den Sinn in mir! Zwing ihn mir nicht auf! Ich will ihn nicht! Lass mich sinnlos bleiben!“ Tlicketlacke flehte geradezu und wand sich vor dem starren Blick.
      Doch Urkakruz war grausam. Böse fixierten die blutunterlaufenen Augen ihr Opfer und fast schon mit hungrigem Ausdruck in der wahnsinnigen Miene leckte der Fahlhäutige sich die Lippen. Dann sprach er von neuem auf seine seltsame Weise und wob damit den nächsten Zauber der Zeit: „Dein Wirken in der Welt ward, werde will ich wissen!
      Ein gequältes Gurgeln erklang vom Tlicketlacke, als drücke man ihm die Luft ab. Dann stieß es gepresst hervor: „Sitze zwischen war einmal und wird noch sein. Halt vergangenes fest und klammer mich an künftiges.“
      Urkakruz schien bei diesen Worten wieder ruhiger zu werden und strich sich nachdenklich über die lange dürre Hakennase. Zuletzt murrte er etwas vor sich hin und griff unter den Tisch, von wo er eine Truhe aus dunklem Holz hervorholte. Mit zwei Handgriffen ließ der Fahlhäutige die Verschlüsse aufschnappen, woraufhin er den Deckel nur gerade so weit anhob, dass seine linke Klaue hineinpasste. Murmelnd wühlte der seltsam bleiche Hexenmeister so in seinem eigenen Hab und Gut herum, derweil das Tlicketlacke wie erstarrt auf dem Stuhl saß. Nicht einmal Atemzüge waren von dem noch viel seltsameren Wesen zu vernehmen, war es doch auch nicht von dieser Welt, sondern auf gänzlich abartige Weise hierher gezwungen worden.
      Schließlich stießen Urkakruzs Klauenfinger aber auf das Gesuchte und bedächtig förderte er durch den finsteren Spalt ein schmutziges Buch zu Tage, in dem der Fahlhäutige hektisch herumblätterte.
      „Bist wohl kein Wesen, das den Raum betrifft, oder gar in die dritte Tiefe dringt, wo der Verstand nicht hinreicht … Nein, nein, du bist etwas anderes ...“ Begleitet wurden die abwechselnd zischenden oder murmelnden Worte vom unsteten Rascheln der Seiten, bevor ein ulkiger Laut aus Urkakruzs Kehle drang: „Ieh! Ein Geist bist du? Womöglich … Ein Zeitgeist!“
      Und da ging es durch mit dem Tlicketlacke, das plötzlich völlig am Rad drehte. Die Töne, die es von sich gab, glichen dem Klacken eines Uhrwerks, das jedoch mit abnormer Geschwindigkeit rotiert. In diese Kette aus Ticken, Tacken und Klacken reihte sich nach und nach immer öfter schrille Schreie ein, die wieder schwächer wurden, bis das Tlicketlacke bloß stetig das Wort „Zeit“ murmelte und vom Stuhl zu Boden sackte.
      Bedächtige legte Urkakruz sein Buch bei Seite und beugte sich über das leichenhaft darniederliegende Wesen.
      Wirst erstehen musstest werden ...“, raunten die fahlen Lippen und spien braunen Speichel gegen des Tlicketlackes Ohr.
      Gleich einem Stehaufmännchen, dem man mit flinken Fingern neues Leben einhaucht, ruckte und zuckte das Wesen. Unbeholfen zog es sich am Stuhl hoch, klammerte sich an die Felswand dahinter und kam so mit seltsam ungelenken Ruckeln wieder auf die Beine. Da schoss Urkakruzs kalte Klaue vor und packte sein Opfer mit langen dürren Fingern am Kopf. Sogleich erstarben die zuckenden Bewegungen, als der Schock sich des Tlicketlackes bemächtigte und es nurmehr furchtsam auf seinen Peiniger glotzte.
      „Nun, meine Ausssgeburt.“ Er sprach es unheimlich liebevoll aus. „Was ist deine Kraft?“
      „Der Raum ist mein Bruder und gemeinsam sind wir König. Zeit wandelt die Dinge, Raum macht sie wahrhaftig.“
      Die Klauenhand tätschelte den Kopf des Tlicketlacke und zog sich dann zurück. Langsam hinkte Urkakruz zum Stuhl und ließ sich darauf nieder. Sein Kopf suchte zu verstehen und den Sinn der Worte zu erhaschen, derweil sein Mund stumme Silben formte.
      Derweil war das Feuer erstarrt und rührte sich nicht mehr. Die Flammenzungen harrten in der Luft und reckten sich einem Wassertropfen entgegen, der von der Decke fiel, doch ohne sich zu bewegen. Selbst das Licht stand still und erreichte die Augen nicht mehr, sodass die gesamte Höhle in absolute Finsternis stürzte. All das geschah, denn die Dinge wandelten sich nicht länger. Zeit hatte Raum allein gelassen.
      Urkakruz wurde es unangenehm. Die Wahrhaftigkeit der Dinge erdrückte ihn und hinderte den fahlen Hexenmeister am Aufstehen. Doch bevor auch seine Gedanken zu schwer wurden, ließ er das Tlicketlacke gehen. Sodann flackerte das Feuer, zuckte der Schein der Flammen, rannen die Tropfen den Fels herab und erhob sich Urkakruz von seinem Stuhl. Raum und Zeit waren wiedervereint und die blasse Kreatur allein in ihrer Höhle.
      Mit der Vorsicht eines Schlaftrunkenen griff sich Urkakruz sein Buch und warf es in die Tiefen der Truhe zurück. Zitternd zog er den lumpigen Mantel enger um seine knöchernen Schultern und schob sich den Stuhl näher ans Feuer. Sodann ließ sich der verrückte Hexenmeister darauf nieder und folgte dem flackernden Tanz des Feuers mit den Augen. Endlich nickte er verstehend und tippte sich mit einer Kralle gegen die fauligen Zähne.
      „So so … so läuft also die Zeit.“ Urkakruz schwieg einen Atemzug lang, ehe er hustete und kicherte. „Was wohl geschieht, wenn ich den Raum zu mir rufe?“
      Und bei diesem Gedanken lacht er noch heute laut und irrsinnig, dort unten im tiefen Grund, wo seine Höhle liegt.
      "Vem har trampat mina svampar ner?!"

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    • @Xarrot

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      Also der Like ist ... für ... also für den leicht lesbaren und gut erfassbaren Text, die klar ersichtliche Botschaft und die leicht verständlichen Dialoge ... NICHT!
      Der Like ist für eine geniale Aneinanderreihung von Wörtern, die (für mich) keinen Sinn ergeben und den Leser sich wahrscheinlich fragen lassen, ob er vielleicht einen Sprung in der Schüssel hat. :rofl:
      Und der Like ist für deinen Schreibstil. Und den Mut, dich an sowas ranzuwagen. Das aufzuschreiben.
      Ich hab keine Ahnung, worum es da ging. Aber es war toll zu lesen. Von daher - Like!! :thumbup:

      Ach und danke für deinen netten Worte zu meiner Geschichte. Der Junge (und die dazugehörige schwarzgekleidete Dame) gehören zur gehobenen Gesellschaftsschicht und sind wahrscheinlich einem Buch aus der von dir geschätzten Zeit entsprungen. So genau werden wir das wohl nie erfahren. :rofl:
      Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
      (Ricarda Huch)


      :cookie:

      ___________________
    • @Tariq Vielen Dank. Ja ich weiß, die Geschichte ist so ziemlich das weirdeste was ich je geschrieben hab :whistling:
      Im Grunde gings um die beiden Einheiten Raum und Zeit und was passiert wenn irgendein verrückter Zauberer sie voneinander trennt. Aber ich sehe ja selbst ein, dass die Geschichte so ziemlich verworren wirkt xD
      "Vem har trampat mina svampar ner?!"
    • @Xarrot
      Also ich mag Deine Geschichte! Genauso verworrdingst wie sie ist. Denn dieses Thema kann man nicht wohlgeordnet angehen... ich liebe dieses Fetzchen Text! :friends:
      Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
      -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
      Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?
    • Ich bin Anfänger, bitte seid lieb zu mir :saint:



      Selbstporträt

      Der vertraute Geruch von Leinöl und Terpentin liegt in der Luft und gräbt sich wie ein Egel durch meine Luftwege. In fleckigen Einmachgläsern stehen meine benutzten Pinsel. Der Fußboden ist mit schmutzigen Farbklecksen verdreckt, von denen aus meine eigenen Fußspuren wie die eines ungebetenen Gastes durch das Atelier führen. Der Raum ist hell und dennoch trostlos. Er ist das Zentrum meines Daseins, hier verbringe ich den Großteil meiner Lebenszeit.
      In einer Ecke des Raumes stehen dutzende Leinwände. Fertige Werke, die in keiner Galerie hängen und die kein Sammler erstanden hat. Inzwischen habe ich mich an den Anblick gewöhnt, mein beinahe ganzes künstlerisches Schaffen vor meiner Nase verstauben zu sehen. Es ist mir gleichgültig geworden, dass meine Bilder niemanden erreichen. Ich habe daher nicht mehr als einen flüchtigen Blick für sie übrig, während ich an ihnen vorbei gehe und vor meine Staffelei trete. Ein helles Tuch liegt darüber und verdeckt mein neustes Werk, damit kein Staub darauf liegen bleibt. Das Gebilde sieht aus, wie ein Gespenst.
      Als ich das Tuch herunterziehe, sieht mir mein eigenes Gesicht entgegen. Nun, nicht ganz. Es sind meine Augen. Es ist mein Mund. Die Stirn erkenne ich als meine wieder und genau so das Kinn. Jeder, der es betrachtet, wird es zweifelsfrei als mein Selbstporträt erkennen. Aber mir fehlt das ehrliche Lächeln, dass die Visage auf der Leinwand präsentiert. Neben der Staffelei steht ein kleiner Spiegel, den ich als Hilfsmittel bereitgestellt habe. Ich schaue hinein und versuche, den freundlichen Ausdruck meines gemalten Selbst zu imitieren. Dabei scheitere ich kläglich, denn meine Mimik sieht künstlich und erzwungen aus. 'Das letzte Geheimnis der Kunst wird denen immer verborgen bleiben, die die Wahrheit mehr lieben, als die Schönheit', Oscar Wilde. Das Zitat kommt mir spontan in den Sinn und ich wende mich vom Spiegel und der Staffelei ab.
      Obwohl ich keinen Hunger habe, gehe ich zurück zu meinem Zeichentisch, auf dem mein Mittagessen steht: Eine dünne Brühe, zusammengekocht aus ein paar Gemüseresten. Auf dem Weg durch den Raum passiere ich abermals die unverkauften Werke in der Ecke und abermals kann ich keine Enttäuschung empfinden. Desinteressiert stelle ich fest, dass meine Brühe dieselbe brackige, grünliche Färbung hat, wie die verfärbten Lösungsmittelreste in den Gläsern, in denen ich meine Pinsel gereinigt habe.
      Die Brühe ist dünn und geschmacklos. Nicht mal einen pelzigen Belag hinterlässt sie auf meiner Zunge und sie fließt meine Speiseröhre hinab, wie abgestandenes, lauwarmes Wasser. Löffel für Löffel nehme ich sie zu mir und komme mir dabei auf einmal ungewohnt merkwürdig vor. Aus den Augenwinkeln heraus sehe ich zur Staffelei herüber und bemerke, dass mich mein gemaltes Pendant anstarrt. Immer noch lächelnd, hält es mich mit seinem Blick fixiert. Ich versuche, mich auf mein Essen zu konzentrieren. Doch die ganze Zeit über spüre ich die Blicke und komme mir beobachtet vor. Noch einmal sehe ich herüber, fast schon in der Erwartung, das Porträt würde wie ein Mensch unbeteiligt wegschauen. Aber nein. Dreist starrt es mich weiter an. In seinem Lächeln meine ich Spott herauszulesen. Spott über mein erbärmliches Mahl und über den offensichtlichen Beweis meines Misserfolges in jener zugestellten Ecke zwischen uns. Verstimmt lege ich meinen Löffel auf die Tischplatte. Hätte ich Appetit verspürt, wäre er mir nun vergangen.
      Während ich zum inzwischen dritten Mal das Atelier durchquere, bemerke ich, wie mich die Augen meines Bildes verfolgen. Mir ist bewusst, dass dieser Eindruck normal ist und auf genau die gleiche Weise bei jedem zweiten Werbeplakat eintritt, auf dem die abgebildete Person direkt in die Kamera sieht. Trotzdem fühle ich mich provoziert. Das Porträt scheint sich über mich lustig zu machen und zeigt offen seinen Hohn. Das dümmliche Lächeln verharrt wie in Stein gemeißelt in seinem Gesicht. Unweigerlich frage ich mich, ob sich mein gemaltes Ich über mein Versagen amüsiert, oder mich wegen meiner zum scheitern verurteilten Versuche auslacht. Allein das Wissen, dass es nur ein Gemälde ist, hält meine Emotionen im Zaum.
      Indem ich frische Farben mische, versuche ich mich auf meine bevorstehende Aufgabe zu konzentrieren. Einige letzte Details müssen dem Porträt hinzugefügt werden, bevor es in der Ecke zwischen den anderen unbeachteten Bildern landet. Selbst jetzt fühle ich mich beobachtet. Viele Minuten lang kann ich den Drang unterdrücken, mich zur Staffelei umzudrehen. Schließlich halte ich es nicht mehr aus. Zwar sehe ich das Bild dieses Mal aus einem schrägen Winkel, nichtsdestotrotz trifft mich der Blick tief ins Mark. Mit der einen Gesichtshälfte schaut mich mein Bildnis an, mit der anderen deutet es auf die Ecke mit den ungewollten Gemälden. Es ist, als würde es mir damit etwas sagen wollen: 'Auch dieses Bild wird dort landen. Dieses und jedes weitere'.
      Ich muss schlucken, weil ich weiß, dass es Recht hat.
      Mit meinen Farben gehe ich zurück zur Staffelei und lege meine vorbereitete Palette auf dem Hocker ab, auf dem auch der kleine Spiegel steht. Dann hole ich mir einen Überblick über das, was ich an dem Porträt noch ergänzen muss. Ich will es nicht und wehre mich dagegen. Schlussendlich sehe ich dem Bild doch in die Augen. Es ist wie ein Zwang, in die Pupillen aus Farbe zu starren. Ich will mich losreißen, kann es aber nicht. Mein irrationaler Verstand sucht darin Antworten und Emotionen, wo nichts sein kann. 'Was willst du von mir?', will er wissen. 'Was ist dein Problem?', konfrontiert er meinen leblosen Gegenüber. Niemand antwortet. Wie auch? Trotzdem werde ich wütend. Ich spüre den Druck in meiner Brust und die Hitze in meinen Wangen. Für wen hält er sich, mich mit seinen Blicken zu verspotten? Und dieses Lächeln. Dieses unveränderliche, permanente Lächeln. Es beleidigt mich. Es verhöhnt mich! Mich übermannt die Wut und ich hole aus. Ich will ihm das Grinsen aus dem Gesicht schlagen, doch stattdessen schaben meine Fingernägel die Farbe von der Leinwand. Wo eben noch hochgezogene Mundwinkel und amüsierte Lachfältchen zu sehen waren, prangt nun ein verschmierter Streifen aus Braun, Beige und Rosa.
      Ich fühle mich nicht besser. Im Gegenteil. Die Farbe an meinen Fingern ist kalt schmierig. Mir kommt sie allerdings warm vor und feucht. Eine brennende Übelkeit klettert wie mit tausend spitzen Widerhaken an den Füßen das Innere meines Halses hinauf. Meine Vernunft schreit vergeblich, es sei nur Farbe, die mir an den Händen klebt. Der Rest meines Verstands übertönt ihn mit seinem Gebrüll, und macht Blut und Gewebe daraus.
      Erschrocken schaue ich auf. Sogleich werde ich wieder wütend, denn auch wenn dem Widerling die Lippen fehlen, so zeugt der Rest seines Gesichts von dem hämischen Lächeln: Die Augenbrauen freudig hochgezogen, Lachfalten in den Augenwinkeln und eine angehobene Nasenspitze. Das Würgegefühl in meinem Brustkorb verschwindet augenblicklich und wird durch rasenden Zorn ersetzt. Wie kann er es wagen, mich noch immer auszulachen? Plötzlich existiert in mir der Entschluss, dieses abartige Gesicht ein für alle mal aus der Welt zu schaffen. Ich kann nicht erklären, woher diese Entschlossenheit plötzlich kommt und welcher Teil meines Körpers sie aus dem nichts ausgespuckt hat. Im nächsten Moment spüre ich das Metall eines Terpentinkanisters in meiner Hand. Ich drehe den Verschluss auf und lasse ihn achtlos auf den Boden fallen. Dann hole ich aus und verteile den ganzen Inhalt über die Wangen, über die Augen, die Nase und Haar. Von oben bis unten trieft das verhasste Antlitz in Terpentin und auf dem Fußboden bilden sich dunkle, feuchte Flecken. Wie von selbst halten meine Finger plötzlich ein Feuerzeug. Das Zündrad krächzt zwei Mal. Eine Flamme züngelt empor und ich halte sie ohne zu zögern an das in Terpentin getränkte Gesicht. Im nächsten Moment fühle ich die Hitze des Feuers, das sich unbarmherzig durch die vertrauten Gesichtszüge frisst. Gierig leckt es die Terpentintropfen vom Kinn und jagt als Stichflamme über die Haut nach oben, ergreift von den Wangenknochen Besitz und ich verspüre Genugtuung, als sie über den Nasenrücken hinweg nach den Augen giert. Diese verfluchten Augen! Niemals wieder werden sie mich verurteilen können, triumphieren meine Gedanken, während mein Porträt stumm und unversehrt zusieht.
    • Uh! Von dir @Skadi hab ich tatsächlich noch nie eine Geschichte gelesen! Dass du Anfängerin bist, merkt man null. Außerdem würde ich die Schöpferin der skadilösen Highlanderreviews mit Nichten als Anfängerin bezeichnen. :D
      Ich finde den Gedanken ja irgendwie beängstigend, dass ich dort allein in meinem schummrigen Atellier hocke und so ein Bild mich die ganze Zeit über anglotzt ... Ich glaube, der Ich-Erzähler hätte vielleicht doch lieber einen Exorzisten rufen sollen :ninja: Gruselig war es damit auf jeden Fall und ich war irgendwie erleichtert, als dieses Bild abgefackelt war. Nevermind. Irgendwie hab ich den letzten Satz wohl nicht mehr wirklich mit Hirn angeschaltet gelesen ... :whistling:
      Naja, immerhin brennt am Ende irgendwer und es ist vorbei. Hauptsache ich muss mir nicht mehr diese grinsende Portrait-Fratze vorstellen :panik:
      "Vem har trampat mina svampar ner?!"

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Xarrot ()

    • @Xarrot

      Xarrot schrieb:

      ch war irgendwie erleichtert, als dieses Bild abgefackelt war. Man hat die ganze Zeit darauf gewartet, dass gleich etwas übernatürliches passiert oder der Maler sonstwie weglatzt wird. So war es aber eindeutig passender und hat gut zur Gruselatmosphäre beigetragen.
      Dir ist bewusst, dass es nicht das Bild war, das verbrannt ist, ja? :D
      Lies nochmal! xD

      Skadi schrieb:

      während mein Porträt stumm und unversehrt zusieht.

      @Skadi
      ich habs dir ja schon im Chat gesagt, aber ich finde deine Geschichte gelungen :)
      Der Übergang von normalem Alltag (auch wenn der scheiße is xD) über leicht paranoid zu komplett Wahnsinnig ist dir super gelungen :)
      Ich finde es auch einen schönen Twist am Ende :D Auf jeden Fall merkt man, dass du dich in dem Künstler ... wesen? auskennst und weisst wovon du sprichst :D
      Ich finde auch, man merkt nix von Anfänger.

      Chaos mag :D


      @Myrtana222
      Deine hab ich auch noch gar nicht kommentiert :o

      Gefällt mir auch sehr gut :D
      Mal ein anderer Ansatz für die Geister im Wald :hmm: Manchmal hilft nett sein xD Hätte ja auch mal früher jemand drauf kommen können!


      LG Chaos
      "Fürchte nicht die Finsternis. Akzeptiere sie und sei, was in ihr auf deine Feinde lauert. Angst ist eine Waffe, Halvar. Nutze sie zu deinem Vorteil."


    • @Xarrot Bomben Geschichte, irgendwie experimentell und auf jeden Fall ungewöhnlich. Da hast du das Weird in Weird Tales definitiv großgeschrieben.

      @Skadi: Deine Geschichte braucht sich absolut vor keiner anderen verstecken, die ist wirklich verdammt gut, und nicht nur dafür, dass du eigentlich kaum Geschichten schreibst. Der Selbsthass, den der Künstler so auf sein Bildnis projiziert, hat sogar etwas literarisches :hmm:
      Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
      So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.

      Die Schatten der Magie
    • Danke @Xarrot, @Cory Thain, @Chaos Rising, @Myrtana222 ^^

      @Xarrot Ich würde die skadilösen Bücher nicht mit einer Kurzgeschichte vergleichen :hmm: Die skadilösen Bücher schreibe ich runter, wie es mir in den Sinn kommt und achte gar nicht auf Spannungsbögen, Ausdruck und Charakterdarstellung. Muss ich zum Glück auch nicht (tun die Autorinnen ja meistens auch nicht :rofl: ).

      Chaos Rising schrieb:

      Auf jeden Fall merkt man, dass du dich in dem Künstler ... wesen? auskennst und weisst wovon du sprichst
      Ja, meine eigenen Erfahrungen waren in der Hinsicht von Vorteil. Das meinte ich btw. damit, als ich meinte, das Thema wäre für mich naheliegend :rofl:

      Myrtana222 schrieb:

      Der Selbsthass, den der Künstler so auf sein Bildnis projiziert, hat sogar etwas literarisches
      Sehr schön, das wollte ich erreichen ^^ Ich mag Geschichten, die man interpretieren und richtig auseinandernehmen kann :D Ich glaube, ich bin da etwas von Poe geprägt, hihi.

      Jedenfalls freut es mich, dass meine Geschichte gut ankommt :)
    • Eine Mini-Kurzgeschichte

      Es ist das Schlimmste, das passieren kann.
      Das Grausamste, Wiederwärtigste und Unüberwindbarste.
      Es ist das, was Hirngespinste und Wahnsinn hervorrufen kann. Es sind schon viele daran zu Grunde gegangen. Einige rissen sich die Haare aus, bis die Kopfhaut blutig war. Andere begannen zu wüten und alles kurz und klein zu schlagen. Wieder andere schlossen sich ein dunkles Zimmer und ihr Wimmern erfüllt noch heute ganze Häuser. Andere wurden schwer krank und siechten dahin, abwechselnd schwitzend und frierend.
      Noch kein Heilmittel konnte diese Pest vernichten. Nichts Abhilfe schaffen.
      Es gibt jede Menge Tipps und Tricks, Hilfestellungen und Ratschläge, doch sie alle können dieses schreckliche Phänomen nur eindämmen – wenn überhaupt. Früher oder später trifft es alle, die zu viel gewagt haben.

      Spoiler anzeigen

      Das weiße Blatt Papier.
      Hat die Blume einen Knick,
      war der Schmetterling zu dick.




    • So, habe nun wieder Zeit und spontan eine Idee für eine Weird Tale gehabt:


      Das Kratzen

      „Mama!“, rief Tiff in jener Stimmlage, die ihrer Mutter nur zu vertraut war. „Jimmy kratzt schon wieder an den Wänden rum!“
      Entnervt ließ sie die Einkaufstauschen zu Boden gleiten, ging in das Kinderzimmer nebenan.
      „Jimmy, ich hab dir tausend Mal gesagt, dass du das sein lassen sollst! Du machst lauter Löcher in die Wände! Was soll ich denn dem Vermieter erzählen?“
      Als einzige Reaktion erklang ein trotziges, entnervtes Aufstöhnen. Aber sie ließ sich nicht mehr so einfach provozieren. Sie kannte ihn und wusste, dass er nur nach Aufmerksamkeit suchte und alles nur schlimmer werden würde, wenn er durch sein Verhalten mit Aufmerksamkeit belohnt wurde.
      Nicht so ihre Tiff. Jetzt schon konnte man ihr ansehen, was für eine hübsche Frau sie einmal werden würde. Sie war ihr ganzer Stolz. Wäre Tiff nicht, würde Jimmy unbemerkt nur noch mehr anstellen, noch mehr kaputt machen; Tiff war ihr Auge und ihr Ohr, und auch wenn sich die Geschwister nicht immer verstanden, spielten sie doch oft ihre bisweilen eigentümlichen Spiele.
      Der Abend war angebrochen, und sie legte sich in ihr Bett, müde von der Arbeit, müde von ihrem ganzen Tag und besonders von den Kindern. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass sie ihr alle Energie raubten und sie schlussendlich als leere, ausgepresste Hülle zurücklassen würden. Aber sie liebte sie, auch Jimmy, mit all seinen Fehlern und seiner Aufsässigkeit. Deshalb hatte sie ihn auch nicht weggegeben, als er geboren worden war, auch wenn ihre Situation dies kaum zugelassen hatte. Aber sie hatte gekämpft, und sie hatte gesiegt.
      Den Blick ihres Jungen spürte sie, bevor sie ihn sah. Manchmal tat er das, stand einfach nur dort und beobachtete sie. Als er ein kleines Kind war, hatte sie es ihm durchgehen lassen, hatte ihn zuschauen lassen, wie sie schlief. Schließlich suchte ein Kind die Nähe zu seiner Mutter, auch ein solches wie Jimmy, aber jetzt war er einfach zu alt dafür.
      „Jimmy, schau mich nicht an!“ Keine Reaktion. Sie wusste, er wollte dort stehenbleiben, wollte bei ihr sein. Aber sie musste streng mit ihm sein, sonst würde er sich überhaupt nicht mehr kontrollieren lassen. Seufzend kämpfte sie die mütterliche Nachsichtigkeit in sich runter, setzte ihre strengste Stimme auf.
      „Verdammt noch mal Jimmy, geh in dein Zimmer und schlaf endlich ein! Hör auf, mich so anzusehen!“
      Entschuldigendes Murmeln, doch immer noch sah sie die Augen ihres Jungen auf sie gerichtet. Sie fragte sich, wie oft sie es nicht mitbekam, wie oft er nachts dort stand und sie ansah, während sie schlief.
      „Jimmy!“ Ihr Sohn musste erkannt haben, dass ihr Geduldsfaden gerissen war; schleppend entfernten sich seine Schritte, und die Augen, die sie kurz zuvor noch angestarrt hatten, waren verschwunden.
      Zu einem guten Morgen gehörte für sie Kaffee; eines der wenigen Dinge, die sich mit den Kindern nicht verändert hatten. Früher war sie ein Kochmuffel gewesen, doch für die beiden hatte sie gelernt, mit wenig Aufwand gute Mahlzeiten auf den Tisch zu zaubern. Es war Samstag, und wie so häufig hatte sie auch mit dem Frühstück keine Mühen gescheut, doch es war naiv zu glauben, dass ihr dafür von ihren Kindern etwas Ruhe vergönnt blieb.
      „Mama, Jimmy isst sein Frühstück nicht!“
      Seufzend stand sie auf, ihre Kaffeetasse zurücklassend. Hoffentlich war er noch warm, wenn sie sich wieder an den Tisch setzte. Einen Raum weiter saß Tiff auf dem Boden, ihren Teller auf dem Schoß.
      „Jimmy hat doch immer Hunger. Hast du es ihm kleingeschnitten? Du weißt doch, dass er nicht gut kauen kann!“
      Entrüstet hob Tiff den Teller, den sie schräg hinter sich liegen lassen hatte. „Ich hab es ihm kleingeschnitten! Er will einfach nicht!“
      Zorn kochte in ihr auf, als sie auf den Teller mit kleingerupften Pfannkuchen sah. Normalerweise war Jimmy, wenn es ums Essen ging, einfacher als Tiff. Er aß prinzipiell alles und wenn möglich viel. Vielleicht wollte er sie nun dafür bestrafen, dass sie ihn am Abend weggeschickt hatte.
      „Was glaubst du eigentlich, wer du bist, Jimmy? Warum machst du mir immer so viel Ärger? Macht dir das Spaß oder wie?“ Entrüstet hob sie den Teller auf. „Aber wenn du nicht möchtest, dann hast du eben gegessen!“
      Ein entschuldigendes Murren erklang, aber sie war bereits zu zornig. Ohne zu zögern ging sie zurück in die Küche, und sie hörte die Schritte ihres Jungen, als sie in die Küche trat, tabsig und unbeholfen. Umso energischer trat sie auf den Trittschalter ihres Mülleimers und ließ den Inhalt des Telles hineinfallen.
      „Du kannst dir bis zum nächsten Mal überlegen, ob du noch weiter so störrig bist.“ Doch irgendetwas war anders. Jimmy war nicht mehr hier, sie konnte seinen Blick nicht auf sich spüren.
      Dann ein Schrei.
      „Tiff!“ Hastig stürzte sie zurück in das Kinderzimmer, sah Tiff verweint auf dem Boden sitzen, ihren Arm umklammert.
      „Jimmy hat meinen Arm gepackt und mich an die Wand gezogen!“ Klein und angsterfüllt sahen sie die Augen ihres Mädchens an. „Er hat mir weh getan!“
      „Jimmy, was ist in dich gefahren?“ Wütend schlug sie mit der Faust gegen die Wand – und dabei rutschte ihr Ärmel zurück, legte nie Narbe bloß, die Narbe, von der niemand erkannte, dass sie eine Gebissspur zeigte, die einzelnen Zahnspuren schief und verformt und weit auseinanderliegend.
      Und dann sah sie seine Augen, die sie aus den Räumen hinter der Wand anblickten, durch die Löcher, die er in jeden Raum, in jeden kleinen Winkel gestochen hatte, um sie zu beobachten. Als sie in diese Augen blickte, wusste sie, dass sie verloren hatte.
      Donnernd schlugen die Fäuste des Jungen gegen die Wand, und mit jedem Schlag schrie Jimmy erstickt, aber laut auf, in einem so unmenschlichen und unverständlichen Heulen, wie nur er es zu Wege brachte. Sie wusste, diesmal würde sie ihn nicht beruhigen können. Eilig umgriff sie das Handgelenk ihrer Tochter – und rannte.
      Stapfend folgte er ihnen, er und sein Brüllen, und mit Tiff in den Armen stolperte, rappelte sich auf. Tränen der Angst flossen dem Mädchen über die Wangen, aber sie hatte keine Zeit, ihre Tochter zu beruhigen.
      Splitter flogen durch den Raum, als plötzlich eine Pranke durch die Wand schoss und sie umriss. Mächtige Hiebe schlugen durch Putz und Mörtel, bis die entstellte Gestalt des Jungen aus den Überresten der Mauer trat. Unbarmherzig umgriff seine wüste Pranke ihr Handgelenk, und sie wusste, dass sie nichts dagegen tun konnte.
      Jimmy war aus seinem Gefängnis ausgebrochen, um bei seiner Mama zu sein, und Jimmy war nun bei ihr.
      Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
      So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.

      Die Schatten der Magie
    • @Myrtana222 Dieser Jimmy ist ja wirklich ein ganz ... besonderer Junge. Irgendwie tut mir die Muter aber auch echt nicht leid in der Geschichte. Ihr Charakter wurde ja von vorne herein ziemlich unsympathisch dargestellt. Ich mein, wer wirft denn bitte die guten Pfannkuchen einfach so weg? Die hätte ich noch essen können! :doofy:
      Bei Tiff, der kleinen Petze :ugly: hab ich dagegen doch schon Mitleid. Aber naja, Kolateralschäden lassen sich halt nicht ganz ausschließen wenn der "kleine" Jimmy einen Tobsuchtsanfall bekommt. Man fragt sich aber schon, warum die Mutter dermaßen arschig ist, wenn sie doch weiß, dass ihr Sohnemann jederzeit alles kurz und klein hauen könnte ... Echt eh, dei Muddah, Jimmy!
      Ach, und noch so eine Frage die sich mit bei der Geschichte stellt: Wer ist eigentlich Jimmys Vater? Hulk? King Kong? Oder doch Chuck Norris? Aber wie auch immer, sehr gute Geschichte Myrti :D
      "Vem har trampat mina svampar ner?!"
    • Ich glaube, es kommt gar nicht durch, dass Jimmy hinter den Wänden wohnt, oder xD? So ist es eigentlich gedacht.
      Magie hat etwas einzigartiges: Sie berührt alle Sinne. Sie ist wie ein Geruch, der sich nicht wirklich wahrnehmen lässt, wie Sand, der durch Fingerrillen rinnt. Sie ist ein Geschmack auf der Zunge, der sich nicht benennen lässt, und wie ein Lied, dessen Melodie einem nicht im Kopf bleiben will.
      So lernte Aer die flüchtigste aller Künste kennen: Das Weben von Zaubern, das Formen der Magie.

      Die Schatten der Magie