Tariqs Kurzgeschichten

  • Hallo an euch, die ihr hier mal reinschaut. ^^ Willkommen, setzt euch, nehmt euch einen Kaffee oder Tee und legt die Füße hoch.
    Hier findet ihr meine Beiträge zu Schreibwettbewerben und diverse andere kurze Textchen. Danke für euer Interesse!

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    Der Geist und die Tänzerin
    (Schreibwettbewerb Februar/März 2018)


    Die blaugestrichene, mit goldenen Schnörkeln verzierte Tür öffnete sich langsam, und SIE kam zum Vorschein. Es war, als würde mit ihrem Erscheinen die Sonne in seinem Gemüt aufgehen.

    Der Geist seufzte unhörbar. Seit drei Jahrhunderten harrte er in diesem Gemälde aus, das an Scheußlichkeit kaum zu überbieten war.

    Nein, das stimmte nicht. Das Gemälde war außerordentlich gut. Aber das Motiv, das der Maler gewählt hatte, war scheußlich. Mehrmals hatte der Geist hören müssen, wie die Leute darüber tuschelten, und manchmal beobachtete er bitter, wie sie sich schaudernd davon abwandten. Es zeigte ein Wesen, das einer morbiden Fantasie entsprungen zu sein schien. Eine furchterregende, geflügelte Kreatur mit struppigem, schwarzem Fell, glühenden Augen und handtellergroßen Tatzen, die sich aus dem Dunkel schälte und langsam auf den Betrachter zu schlich.

    Es zeigte ihn selbst. Das war er früher gewesen: ein nach Menschenblut dürstendes Monster. Des Nachts hatte er die Dörfer terrorisiert, Schrecken verbreitet und unendliches Leid über die Bewohner gebracht ... bis dieser Magier ihn tötete und seinen Geist hier in dieses Gemälde bannte.

    Die glühenden Augen der gemalten Kreatur waren die Fenster seines Gefängnisses. Dank ihnen konnte er sehen, und dank ihnen hatte er auch schon vieles gesehen. Das Bild war aus dem Haus des Magiers, der es damals mit sich genommen hatte, in die Villa eines Kaufmannes gekommen. Dort entdeckte es ein Kunstsammler, der es erwarb und hier in diesem Raum seines schlossähnlichen Wohnsitzes an die Wand hängte. Das Zimmer strotzte von Sammelstücken, die er - wie das Gemälde - irgendwann einmal erstanden hatte und hier aufbewahrte, um sie ab und an voller Stolz seinen Gästen zu präsentieren.

    Der Geist war verbittert. Fünfhundert Jahre Bann hatte die Strafe gelautet. Waren sie um, würde er erlöst sein und endlich im großen Nichts verschwinden dürfen. Eine winzige Annehmlichkeit hatte der Magier ihm damals gewährt. Es stand ihm frei, innerhalb dieser langen Zeit ein Mal sein Gefängnis zu wechseln. Die Bedingung dabei war, dass es ein toter Gegenstand sein musste, in dem er seine Existenz fortführte. Weder Person noch Tier, auch keine Pflanze. Nur ein lebloses Ding.

    Er hatte nie davon Gebrauch gemacht. Wozu auch? Warum das Bild verlassen, wenn er SIE von hier aus sehen konnte?

    Die Jahre vergingen. Er zählte sie nicht. Für ihn stand die Zeit still. Es kam nur selten jemand in den Raum, um das Sammelsurium abzustauben, und so war jede Abwechslung willkommen.

    SIE war der Lichtblick seiner freudlosen Tage, der Höhepunkt dieser endlosen Stunden, von denen sich jede genauso ereignislos an die eben vergangene reihte, wie diese es schon vor ihr getan hatte.

    Sehnsüchtig richtete er nun seine Augen auf ihre grazile Gestalt. Niemals würde er sich an ihr sattsehen können. Die schlanken Arme hatte sie über sich erhoben und ein wenig angewinkelt, so dass sie fast einen Kreis bildeten. Die Hände waren locker geöffnet, die Finger nicht ganz gestreckt, mit bewegungslosen Spitzen, die in einer zart wirkenden Geste einander zugewandt verharrten. Die rechte Hand stand dabei ein klein bisschen höher. Das lag daran, dass sie den Oberkörper anmutig leicht nach links neigte und auch den Kopf in diese Richtung gewandt hatte. Ihr Blick war auf den Boden neben ihr gerichtet, auf dem sie auf den Fußspitzen stand. Das erkannte er an den winzigen Schuhen, die unter dem tiefreichenden Saum des duftigen, weiten Spitzenkleides hervorlugten.

    Oft schon hatte er sie gesehen, den Blick nicht von ihr wenden können. Sie jedoch hatte ihn niemals angeschaut. Den Kopf mit der perfekten Frisur, die ihre hochgesteckten, ebenholzfarbenen Haare in einen spitzenumhüllten Dutt zwang, drehte sie nie. Stur sah sie an ihm vorbei. Man hätte meinen können, dass sie den Augenkontakt bewusst vermied. Doch er wusste, dass das nicht so war. Sie konnte ihn nicht ansehen.

    Wie immer war vorher leise diese liebliche Tonfolge erklungen. Mit Musik selbst konnte er nicht viel anfangen, aber diese Melodie liebte er, weil es bedeutete, dass sie gleich erscheinen würde.

    Und immer, wenn der kleine, hohe Trillerton erklang, öffnete sich die blaue Tür.

    Doch etwas störte ihn.

    Sie kam nie allein. Stets war ER dabei. Dieser aufgeblasene Gockel. Steif, als hätte er einen Stock verschluckt, und stolz, als sei er das wichtigste Individuum auf dieser Erde, erschien er im selben Augenblick in der roten Tür, in dem sie in der blauen auftauchte. Seinen linken Arm mit der geballten Faust verbarg er leicht angewinkelt hinter dem Rücken, den rechten hatte er vor seiner Brust. In der Hand hielt er eine Rose. Jedes Mal, wenn er kam, trug er eine bei sich. So blutrot, dass sie einen fast schmerzhaften Kontrast zu dem Schwarz seines Gehrockes und dem strahlenden Weiß seiner Hemdbrust bildete.

    Während der eingebildete Lackaffe sich langsam auf sie zubewegte, war sein Blick nur auf die Schönheit vor ihm gerichtet. Keine einzige Sekunde ließ er ihn abschweifen, um so unwichtige Dinge wie die Gegenstände im Zimmer zu betrachten.

    Der Kerl war nichts als ein hochnäsiger Geck. Der Geist hasste ihn. Mit der ganzen Leidenschaft, zu der er fähig war. Voller Genugtuung erkannte er, dass SIE ihr vornehm gekleidetes Gegenüber auch diesmal keines Blickes würdigte, während sie einander näherkamen. Die Augen blieben niedergeschlagen, der Kopf verharrte in der anmutig gebeugten Haltung, die Linie des erhobenen rechten Armes folgte dem sanften Schwung ihres zarten Halses.

    An einem bestimmten Punkt ihres Weges begannen beide, sich zu drehen und bewegten sich dabei zusätzlich um eine unsichtbare Mitte zwischen sich. ER blieb stocksteif, drehte sich nur langsam und stoisch um die eigene Achse.

    SIE tat das auch, fing aber außerdem an, ihren Oberkörper sanft zu neigen. Zuerst nach vorn, wobei sie mit den Armen den weit bauschenden Rock ihres Spitzenkleides berührte, dann nach rechts, hinten und schließlich nach links, um gleich darauf wieder von vorn zu beginnen.

    Sie tanzte.

    Es wirkte so leicht und anmutig, als sei sie schwerelos. Die Drehungen, die ihre Gestalt während dieser Bewegungen vollführte, verstärkten den Eindruck noch. Welch ein Gegensatz zu ihrem Mittänzer, wenn man dessen starre Haltung mit den an den Körper gepressten Armen überhaupt als Tanz bezeichnen konnte.

    So bewegten sie sich zweimal umeinander herum, ohne sich dabei näherzukommen.

    Nachdem sie den zweiten Kreis vollendet hatten, hörten beide wie auf geheime Absprache auch auf, sich um sich selbst zu drehen. Sie erstarrten. Und während die letzten Töne der Musik perlten, zogen sie sich langsam wieder zu ihren jeweiligen Türen zurück. SIE zur blauen, ER zur roten.

    Als sich diese hinter ihnen geschlossen hatten, fiel die Anspannung von dem Geist ab. Wie jedes Mal, wenn ER und SIE sich trafen, hatte er grauenhafte Angst gehabt, dass sie dem Rosenkavalier ihre Aufmerksamkeit schenken würde. Es hätte ihn zutiefst getroffen, denn dann wäre er der Einzige gewesen, der von ihr nicht beachtet wurde. Diesen Schmerz hätte er nicht verkraftet. Er wäre daran zerbrochen. All die Jahre der Einsamkeit hatten das nicht schaffen können, aber ihr hätte es allein dadurch gelingen können, dass sie ihren Tanzpartner ansah.

    Doch es war auch diesmal nichts dergleichen passiert. Und wie immer begann, sobald die Erleichterung bei ihm nachließ, sofort die nagende Furcht zu wachsen, was bei der nächsten Begegnung zwischen den beiden geschah. Würde sie stark bleiben? Würde sie IHN weiter ignorieren mit seiner albernen Rose, die er ihr nicht einmal hinreichte, sondern fest an die Brust drückte, als wäre es ihm gar nicht wichtig, dass Sie die Blume erhielt?

    Eine Stunde musste er nun warten. Eine Stunde lang hoffen, dass der Lackaffe auch beim nächsten Mal unverrichteter Dinge mitsamt seiner Rose wieder verschwand. Eine weitere Stunde ...

    Was gäbe der Geist darum, der Tänzerin ein einziges Mal eine solche Blüte reichen zu können. Oder - was noch viel unvergleichlicher wäre und was er weder zu denken noch zu hoffen wagte - einmal mit ihr zu tanzen. Und sei es nur diese steife Drehung um die eigene Achse, mit der Lackaffe ständig versuchte, sie zu beeindrucken.

    Nur ein Mal. Er könnte ihr nahe sein, mit jeder vollen Stunde. So nah, dass er endlich ihr Gesicht aus der Nähe betrachten und ihr Kleid bewundern konnte, ihr Haar, ihre zarten Hände ...

    Nur ein Mal anstelle des Rosenkavaliers aus der roten Tür kommen ...

    Als die Stunde um war, begann es von vorn. Leise erklang die Musik.

    Die blaugestrichene, mit goldenen Schnörkeln verzierte Tür auf der altertümlichen Uhr öffnete sich langsam, und SIE erschien.

    Die rote Tür, die der blauen genau gegenüberlag, ging ebenfalls auf. Und er kam zum Vorschein. In der Hand trug er die blutrote Rose. Während er sich ihr näherte, ließ er ganz kurz einen Blick hinüberfliegen zu dem Bild an der Wand, in welches er dreihundert Jahre lang gebannt gewesen war. Das Motiv, das der Maler gewählt hatte, war scheußlich. Es zeigte ein Fantasiewesen, eine furchterregende, geflügelte Kreatur mit struppigem, schwarzem Fell, glühenden Augen und handtellergroßen Tatzen, die sich aus dem Dunkel schälte und langsam auf den Betrachter zu schlich.

    Das war er einmal gewesen. Früher, vor langer Zeit, in seiner Vergangenheit.

    Jetzt trug er ein weißes Hemd und einen schwarzen Gehrock. Und gleich würde er tanzen mit der Dame seines Herzens. Zu jeder vollen Stunde, und das noch zweihundert wunderbare Jahre lang.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    2 Mal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Hey @Tariq, hab mir deine Kurzgeschichte mal durchgelesen. Ich habe sie bereits beim Wettbewerb gelesen, und schon vermutet, dass sie von dir, oder @Cory Thain geschrieben wurde.


    Also es ist echt interessant wie der Geist so denkt, und was er von alldem so hält. Auch spannend ist es, was dann der Mann mit der Rose macht :) Hatte damals sogat überlegt, für deine Geschichte zu stimmen, da sie mir ganz gut gefällt, vielleicht habe ich das ja sogar haha ;)



    Fehler habe ich gar keine gefunden :thumbsup: Respekt dafür, ebenso hatte ich nicht bei einer Formulierung was zu meckern. Ich muss echt mal noch mehr von dir lesen :hmm:


    Die Schlussfolgerung lautet also:
    Ein gelungenes Werk! :fan:


  • So. Eine andere Geschichte. Bestandteil von Myrtana222's "Weird Tales" 2018


    Die Putzfrau


    Sie hörte den Lärm schon, als sie die Treppe heraufkam. Jedes Mal dasselbe. Und Tim war natürlich wieder der Lauteste. Hatte der Junge denn gar kein Benehmen? Er war immer so ruppig. Nicht böse, einfach ein wenig gefühllos. Die Mädchen konnten ein Lied davon singen. Wenn er es zu schlimm trieb, rannten sie zu der alten Blumenfrau oder zum Knochenkarl. Bei den beiden traute sich Tim nicht, die große Klappe zu haben.

    Sie hatte den oberen Treppenabsatz erreicht und bog nach rechts ab. Am Ende des Ganges lag die Kammer, in der sie ihr Putzzeug aufbewahrte. Das versprach heute wieder anstrengend zu werden. Mit dem Besen unter dem Arm und dem langen Staubwedel und ihrer Tasche in den Händen, gab sie der Tür zur Besenkammer einen Fußtritt und hörte sie ins Schloss fallen. Seufzend lief sie zurück und setzte ihre Sachen ab. Als sie die breite Doppeltür öffnete, brandete ihr der Lärm wie eine Welle entgegen.

    „Guten Morgen!“ Ihr Gruß verhallte, chancenlos, gehört zu werden. Er ging einfach im Füßetrappeln und Poltern unter.

    „Guten Morgen, Brigitte.“ Das kleine Mädchen im geblümten Kleidchen mit schneeweißer Schürze darüber, das sich mit auf den Rücken gelegten Händen neben sie stellte, lächelte sie schüchtern an. „Darf ich dir wieder helfen?“

    „Aber ja, Liebes“, gab sie lächelnd zurück und holte einen Staublappen aus der Tasche ihrer karierten Schürze. „Wie letzte Woche, Emma?“

    Eifrig nickte die Kleine und nahm ihr den Lappen ab. „Wie letzte Woche.“ Und damit rannte sie zu einem der hohen Fenster und begann, die Fensterbank abzuwischen.

    Neben Brigitte kamen zwei Jungen schlitternd zum Stehen. Sie rangelten um den Platz direkt vor ihr. „Ich bin heute dran mit kehren!“, knurrte der eine und schob den anderen mit dem Ellenbogen zurück.

    „Ich muss doch sehr bitten“, protestierte der Geschubste und richtete den Kragen seiner Matrosenbluse. „Diese Aufgabe fällt am heutigen Tage mir zu.“

    „Adrian, du sollst dich doch nicht mit diesem Jungen abgeben!“ Eine Dame mit straffem Dutt und Goldrandbrille, die in einem bodenlangen und hochgeschlossenen schwarzen Kleid steckte wie ein Schirm in seinem Futteral, war den beiden gefolgt. Erbost nahm sie den zweiten am Arm beiseite. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass dieser Gossenbengel kein Umgang für dich ist? Und du machst dich ganz schmutzig. Schau dir deinen Anzug an!“ Sie begann unsichtbare Stäubchen von seiner Schulter zu streichen.

    „Beim Klabautermann, du hässliche schwarze Bohnenstange, lass endlich den Jungen zufrieden! Er will doch nur helfen!“ Der Mann, der sich zu ihnen gesellte und dessen Worte der schwarzgekleideten Dame ein entrüstetes Schnaufen entlockt hatten, war abenteuerlich gekleidet und trug eine verwaschene, blaue Schirmmütze. Seine fettigen und strähnigen Haare hingen ihm in die Stirn und die Haut war braun und wettergegerbt. Er nahm eine erkaltete Pfeife aus dem Mundwinkel und stopfte sie in die Tasche seiner vielfach geflickten Weste. „So, Brigitte, denn will ich nu mal in die Takelage entern und die Positionslichter wieder zum Leuchten bringen.“

    Sie lachte, wobei sie aus der Schürzentasche zwei Glühbirnen hervorholte. „Danke, Piet, da muss ich nicht hochsteigen. Die Leiter ist hinten an dem großen Bücherregal.“

    „Keine Sorge, Mädchen“, grinste er mit zahnlosem Mund, während seine Augen in Lachfältchen verschwanden, „wär ja noch schöner, wenn wir jetzt schon Weibervolk in die Wanten ließen.“ Er tätschelte ihren Arm und trollte sich, um die Leiter zu holen.

    Es kamen noch andere, um ihre Hilfe anzubieten. Auch der scheue Tim war dabei mit seinem Hündchen. Sie hatte nicht für jeden etwas zu tun, vertröstete dann auf übermorgen, wenn sie wieder hier sein würde.

    Eine Stunde später war die Arbeit getan. Alles glänzte sauber, kein Stäubchen fand sich mehr. Die Stühle standen sorgfältig ausgerichtet um die Tische, die Kissen in den plüschigen Sesseln waren aufgeschüttelt.

    Ein letzter Blick durch den Raum ließ sie zufrieden aufatmen. Noch immer herrschte ziemlicher Lärm, weil besonders die Kinder sich gegenseitig überschrien, wer am meisten geholfen hatte.

    Die Armbanduhr zeigte ihr, dass noch fünf Minuten blieben. Es wurde höchste Zeit! Brigitte klatschte laut in die Hände.

    „So, Schluss für heute. Es ist fast neun, ihr Lieben. Die Bibliothek öffnet gleich. Ich danke euch allen, aber jetzt herrscht wieder Ruhe hier! Also verschwindet, hopp hopp zurück in eure Bücher.“

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    Einmal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Hey @Tariq,


    die Geschichte mit dem Geist in dem Bild ist dir wirklich ganz wunderbar gelungen. Ich hatte schon recht schnell einen Verdacht, wie das Ganze ausgehen könnte, aber das hat mein Lesevergnügen nicht ausgebremst. Eher im Gegenteil! Ich fand die Idee ziemlich cool.
    Also: Daumen hoch! :thumbsup:


    LG,
    Rainbow

  • bis dieser Magier ihn tötete und seinen Geist hier in dieses Gemäldebannte.

    Hier fehlt ein Leerzeichen.


    Die Geschichte (die erste) ist wirklich schön =O
    Man bekommt fast Mitleid mit dem grausamen Geist ...
    Dass es eine Uhr ist, kam mir erst kurz vor Schluss, als es hieß, er müsste nun wieder eine Stunde warten.
    Aber das Ende ist melancholisch schön ...

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald


  • Die Mission
    (Schreibwettbewerb August/September 2018)


    Schneller!

    Sie musste schneller werden.

    Es war bereits jetzt schon unaussprechlich heiß. Keine Wolke gab es am Himmel. Erbarmungslos brannte der Glutball.

    Sie wusste, dass diese Hitze gefährlich für sie war. Wenn sie nicht mehr genug von der Substanz hatte, mit der sie ihren Körper davor schützte, stand ihr Leben auf dem Spiel.

    Ganz früh heute, als gerade der Morgen graute, war alles noch in Ordnung gewesen. Als sie von den anderen Abschied nahm und sich auf den Weg machte, herrschte angenehme Kühle. Nichts deutete auf das hin, in was sie nun geraten war. Wenn sie das Tempo beibehielt, würde sie sehr lange unterwegs sein. Länger als geplant, vielleicht sogar bis zum Abend. Wahrscheinlich hatte sie die Entfernung unterschätzt. Dabei war das Ziel ihr so nahe erschienen.

    Vor ihr breitete sich eine nackte, endlos weite Fläche aus. Das leere Land nannten sie es. Der Name passte, denn hier wuchs nichts. Der Boden war hart und völlig kahl. Aber ganz weit am Horizont leuchtete ein schmaler grüner Streifen. Ihn galt es zu erreichen. Sie musste es einfach schaffen. Schließlich war sie die schnellste Läuferin im Langfuß-Stamm. Ihr schlanker, muskulöser Körper hatte kein Gramm Fett. Nur ihr Bruder war schneller als sie.

    Der Streifen am Horizont versprach Nahrung in Hülle und Fülle. Wo Grün war, wuchs etwas. Und wo etwas wuchs, gab es etwas zu essen.

    Auch zu Hause waren alle satt geworden. Doch das würde nicht so bleiben. Seit dem Frühling wuchsen im Süden ihrer Heimat Bauten in den Himmel, die sie Wolken-Riesen nannten, weil sie fast mit diesen zusammenstießen. Es wurden immer mehr und sie rückten bedrohlich näher. Schon jetzt hatte der Langfuß-Stamm unzählige Flüchtlinge zu versorgen, die aus den Gebieten kamen, wo sich jetzt diese monströsen, glatten Wände erhoben. Sie verdunkelten die Sonne und fraßen ihren Lebensraum auf. Mit jedem Tag wurde er kleiner. Die Stammesältesten hatten das Orakel befragt, was sie tun sollten, und als Antwort ein Bild erhalten. Das, was sie selbst jetzt vor sich sah: ein verzerrtes, flimmerndes Abbild des grünen Streifens am fernen Ende des leeren Landes. Die Ältesten waren zu dem Schluss gekommen, dass dort die Hoffnung ihres Volkes lag.

    Deshalb musste einer den Weg dahin finden. Einen Weg, den auch die Schwachen und Kranken bewältigen konnten, denn keiner sollte zurückgelassen werden. Schon viele vor ihr hatten es versucht. Doch niemand wusste, was sich auf der anderen Seite befand, weil niemals einer zurückgekommen war. Dort musste das Paradies sein.

    Beunruhigt sah sie zur Sonne, die unaufhaltsam höher stieg. Sie merkte, wie ihre Bewegungen langsamer wurden. Wo war ihre Flinkheit geblieben, ihre Geschmeidigkeit, ihr atemberaubendes Tempo?

    Gestern hatten die Ältesten wieder das Los geworfen, um erneut jemanden auszusenden. Fünf Freiwillige waren für die Aufgabe bereit gewesen und ihren Namen hatte es getroffen.

    Deshalb hatte sie sich heute Morgen auf den Weg gemacht. Und sie würde zurückkommen.

    Sie wagte sich nicht zum ersten Mal ins leere Land. Gefährlich war es dort immer. Niemandem hatte sie bislang von den schwarzen Schatten erzählt, die blitzschnell über den Himmel zogen. Oder von den Giganten. So nannte sie die zornig brüllenden Monster, die die Erde erzittern ließen, wenn sie heranstürmten. Noch nie hatte einer von ihnen sie erwischt, obwohl sie gegen deren Tempo chancenlos war. Deshalb vermutete sie, dass die Giganten blind waren, und verharrte absolut still und reglos, wenn einer nahte.

    Jetzt verschnaufte sie einen Augenblick, obwohl es gefährlich war, anzuhalten. Wenn sie hinter sich schaute, sah sie ihre Spur. Unübersehbar zeigte sie den Weg, den sie zurückgelegt hatte. Weit in der Ferne konnte sie den grünen Streifen ausmachen, von dem sie gekommen war. Ihre Heimat, wo die anderen zurückgeblieben waren, ihr nachgesehen hatten und auf ihre Rückkehr warteten.

    „Weiter!“, trieb sie sich an, „lauf schneller!“

    Immer höher stieg die Sonne. Weit und breit gab es nichts, was Schatten spenden konnte. Sie spürte die sengende Hitze auf ihrer Haut. Doch noch hatte sie genügend von der Substanz. Bislang war sie auch nicht übermäßig erschöpft, aber sie wusste, das würde sich ändern. Die Zeit war ihr härtester Gegner, denn es wurde immer heißer. Mit jeder Minute, die verging. Erbarmungslos hüllte die aufgeheizte Luft sie ein und der kahle Boden unter ihr reflektierte die Hitze.

    Sie versuchte schneller voranzukommen, weil sie die Gefahr spürte. Ihr Körper wurde wärmer. Dann würde er mehr von der lebensnotwendigen Substanz benötigen. Nur sie schützte durch die besondere Mischung der geheimnisvollen Zutaten ihre Haut wirksam vor dem Austrocknen in der Hitze. Sie musste sparsam damit sein.

    Kam sie dem grünen Saum am Horizont näher? Er war nur undeutlich zu sehen durch diesen flirrenden Schleier, der ihn seltsam verzerrte und zittern ließ. Dieses Flimmern musste sie erst noch durchdringen. Wie es sich wohl anfühlen würde? Keiner hatte es ihr sagen können.

    Bald würde sie es wissen. Nur immer weiter, nicht nachlassen.

    Ein Schatten huschte über sie hinweg. Erschrocken sah sie nach oben und versuchte instinktiv, sich klein zu machen. Es gab nirgends Deckung, nichts, wo sie sich verbergen konnte. Ein zweiter Schatten, gleich darauf ein dritter. Sie wusste genau: Über ihr war etwas. Nicht mehr nur die Hitze bildete die Gefahr, auch dieses unheimliche schwarze Huschen flößte ihr Furcht ein.

    Und als wäre das noch nicht genug, begann in dem Moment der Boden zu zittern. Ein sachtes Beben, das unaufhaltsam und vor allem rasch näherkam.

    Mühsam rang sie ihre Angst nieder. Sie kannte es. Eines der blinden, brüllenden Monster, ein Gigant, näherte sich. Niemals war ihr einer von ihnen so laut und so bedrohlich nahe erschienen wie dieses Mal! Immer stärker wurde das Zittern, immer lauter das Geräusch. Es verstärkte sich zu einem Brummen und Dröhnen, das alles übertönte, und schien viel näher zu sein als sonst. Wie schon vorhin bei den Schatten erstarrte sie förmlich und versuchte sich so klein wie möglich zu machen.

    Und dann fegte ein heißer Luftzug über sie hinweg. Der war Gigant vorbei. Die riesigen, walzenartigen Beine hatten sie verfehlt. Das Dröhnen wandelte sich wieder in ein Brummen, das immer leiser wurde. So schnell, wie es gekommen war, erstarb es auch.

    Befreit atmete sie auf. Erneut war sie nicht gesehen worden.

    Ihr Herz hämmerte in harten Stößen. Weiter, weiter!! Fort von hier.

    Nur noch durch diesen flirrenden Schleier hindurch, um das Grün zu erreichen. Das Paradies, wo all die anderen waren. Wovon sie bei ihrer Rückkehr erzählen konnte und wohin sie eines Tages ihr Volk führen würde.

    Verbissen strengte sie sich an, verdoppelte ihre Bemühungen. Eine Weile ging es wieder besser voran. Aber dann kamen die Schmerzen. Die Substanz war aufgebraucht.

    Jetzt ging es um nichts anderes als um ihr Leben. Jede Bewegung tat weh und ihre Haut fing an zu brennen.

    Unerbittlich war die Sonne, warf Glut vom Himmel und brachte sie an den Rand der totalen Erschöpfung. Das Brennen auf der Haut wurde heftiger, die Schmerzen bei jeder Bewegung stärker. Der Gedanke, aufzugeben, wandelte sich zum alles beherrschenden Wunsch. Kaum konnte sie der Versuchung widerstehen, ein bisschen auszuruhen.

    Doch das durfte sie nicht. Nicht sie, die schnellste Läuferin vom Langfuß-Stamm. Sie würde nicht aufgeben. Die anderen verließen sich darauf, dass sie das Ziel erreichte.

    Gerade als sie ihre letzten Reserven mobilisierte und sich trotz der Schmerzen schneller bewegte, hörte sie wieder eines der brüllenden Monster näherkommen.

    Einen Moment später fuhr ein LKW über die erschöpfte Schnecke hinweg, die bereits zwei Drittel der Straße überquert hatte.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    3 Mal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Wo war ihre Flinkheit geblieben, ihre Geschmeidigkeit, ihr atemberaubendes Tempo.

    Fragezeichen

    Jetzt verschnaufte sie einen Augenblick


    Bislang war sie auch nicht erschöpft

    Das passt nicht zu beiden oberen Zitaten :hmm:
    Wenn sie nicht erschöpft wäre, dann wäre sie ja noch irgendwie schnell und bräuchte nicht verschnaufen

    Einen Moment später fuhr ein LKW über die erschöpfte Schnecke hinweg, die bereits zwei Drittel der Straße überquert hatte.

    Du hast ein Händchen für deprimierende, überraschende Enden ^^
    Dass es sich nicht um einen Mensch handelt, war mir von Anfang an klar. Ich glaube, ich kenne ich den Spin deiner Geschichten mittlerweile ganz gut ^^ Mit einer Schnecke, die eine Straße überquert, habe ich trotzdem nicht gerechnet.
    Ich hätte der Armen gegönnt, die andere Seite zu erreichen ;(

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Hey @Miri,


    dankeschön für's Lesen, für die Anmerkungen und die netten Worte. Die beiden Textstellen hab ich noch ausgebessert. ^^
    Sorry für die späte Antwort, ich hatte es auf Arbeit in der Pause gelesen und dann das Beantworten zu Hause vergessen. ;(
    LG Tariq

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Hey, @Tariq, schön, dass du hier "Die Mission" nochmal reingestellt hast. Mir hat die Geschichte damals im Wettbewerb sehr gut gefallen. Vor allem weil ich eigentlich bis zum Schluss den Eindruck hatte, dass es sich bei "ihr" um eine menschliche Läuferin handelt. Da war die überraschende Wendung am Ende einfach super überraschend ^^. Und dabei aber gleichzeitig witzig und ein bisschen traurig.

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Hey @Asni,


    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Hallo,


    ich habe nun mal hier angefangen zu lesen. (Weil ich es recht schwierig finde mich in große Geschichten mit 40 Kapiteln reinzulesen ;-) )


    Leider wurde mir in diesem Thread als erstes der Post angezeigt, das es sich in der obigen Geschichte um eine Schnecke handelt. Das wusste ich dann also schon. Ich fand die Geschichte ziemlich schön geschrieben. Nachvollziehbar beschrieben aus dieser kleinen Perspektive, gut gemacht.


    Ein paar Fragezeichen habe ich noch:
    - Irgendwie passen Langfüße und schneller laufen nicht zu einer Schnecke. Ich weiß das Du natürlich auch noch nicht zu viel verraten wolltest und dennoch denke ich das hier vielleicht andere Begriffe stehen könnten.
    - Was sind die Schatten, die über ihr dahin huschen?
    - Ich denke ein bisschen mehr Leben hätte der Straße noch gut getan. Vielleicht ein paar Ameisen, die in der Ferne rumlaufen, Fliegen die dann und wann mal durch die Gegend flitzen. Eine Straße ist auch ein Lebensraum.


    Vielen Dank für die Geschichte!

  • Hallo @Blindseher


    tut mir leid, dass du gespoilert wurdest, und das auch noch von mir selbst. :patsch:
    Dankeschön für deine netten Worte. :)


    Zu deinen Fragen:
    - Schnecken haben tatsächlich einen langen "Fuß", mittels dem sie kriechen. Von daher schien mir der Name nicht sooo abwegig (Danke nochmal an meinen Betaleser an der Stelle). Dass der Name den Leser noch etwas über die wahre Identität der "Läuferin" im Unklaren lässt, war ein netter Nebeneffekt. :)
    - Die Schatten sind Vögel.
    - Der Gedanke ist nicht schlecht. Aber die Kurzgeschichte hatte als Thema, wie mühsam die Überquerung des "Leeren Landes" war und dass es noch niemand aus ihrem Stamm vor ihr geschafft hatte. Hätte ich da jetzt flinke kleine Ameisen reingebracht oder Fliegen, dann denke ich, dass es vom Thema abgelenkt und außerdem wahrscheinlich noch den Leser mit der Nase drauf gestoßen hätte, dass da jemand sehr langsam unterwegs ist. Dasselbe gilt für die Formulierung "schneller laufen". Bei der Verwendung des Wortes "kriechen" wäre die Überraschung verpufft. Es sei mir deshalb verziehen, dass ich die Pointe hier nicht vorweg nehmen wollte. Aber du hast natürlich völlig recht, die Straße ist ein Lebensraum.


    Danke für's Lesen. :)

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Hallo,


    Okay, das wusste ich noch nicht, das sie Einfüssler sind sozusagen. Wieder was gelernt eztala täsdszächlich sogar ;-)
    Vögel also. Geht das irgendwo daraus hervor oder weißt Du es einfach?
    Na gut, ich verstehe die Intention dahinter, dann verzeihe ich Dir also mal :-P


    Gerne Doch, ich werde die anderen auch noch nach und nach lesen.

  • Hallo @Blindseher,


    Ich dachte, es geht aus dem Text hervor, dass es Vögel sind. Besonders nachdem man merkt, dass die Geschichte aus der (zugegeben niedrigen) Perspektive einer Schnecke geschrieben ist.
    Ich habe es grad nochmal gelesen. Du hast recht, ich habe es nirgendwo direkt erwähnt. Aber wenn ich es täte, wäre wahrscheinlich auch das wieder ein Hinweis darauf, dass die Protagonistin ein kleines Tier ist, das Vögel fürchten muss. Von daher würde ich es gern so lassen.
    Danke für dein Verständnis. ;)


    Und nochmal - danke für's Lesen und dein nettes Feedback.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Meine diesjährige urlaubs-inspirierte Geschichte ist zu kurz für einen eigenen Thread, deshalb packe ich sie hier rein. ^^ Viel Spaß! :)

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    Der Preis der Sylphen

    (Teil 1/2)


    Die Sonne kletterte gerade erst auf die Wipfel der Kiefern im spätsommerlichen Rotterforst, als Ida durch den Wald stiefelte. Den Mund hatte die Siebenjährige trotzig verzogen und ihre Schritte verrieten Entschlossenheit. Das Bastkörbchen in der schmutzigen, kleinen Hand war kaum bodenbedeckt mit Brombeeren. Und dabei hatte die Mutter ihr eingeschärft, nicht nach Hause zurückzukommen, bevor das Körbchen voll war.

    Missmutig seufzte Ida. Sie wusste, dass die Beeren morgen auf dem Wochenmarkt verkauft werden sollten und die Familie das Geld dringend brauchte. Pauli, das kleine Brüderchen, war krank und die Medizin hatte drei Taler gekostet. Deshalb musste auch Hannes, ihr großer Bruder, jeden Tag für den Gastwirt Holz hacken.

    Aber heute Morgen hatte sie kaum Brombeeren finden können und beim Überlegen, wo sie es noch versuchen konnte, war ihr die Sylvani-Wiese eingefallen. An deren Rand sollte es viele Brombeerbüsche geben. Doch niemand getraute sich dorthin, weil es Geschichten über den seltsamen Grasflecken mitten im Hochwald gab. Geschichten, die einen schaudern ließen und von Waldgeistern, Feen und Gnomen erzählten. Auch Ida kannte die Erzählungen und die Eltern hatten ihren Kindern verboten, die Wiese zu betreten.

    Doch die Mutter erwartete ein volles Körbchen und nach einem kurzen Augenblick des Zögerns machte sich Ida auf den Weg. Sie wollte herausfinden, ob es dort wirklich Brombeeren gab. Unterwegs sprach sie sich selbst Mut zu, denn ganz wohl war ihr nicht dabei. Ihre Schritte waren zögerlich und als sie über den schmalen Michelbach sprang, verhedderte sie sich in ihrem groben, bodenlangen Leinenrock. Aus der Landung wurde beinahe ein Sturz und sie verlor einen ihrer Holzpantoffel. Während sie den kleinen Fuß wieder hineinschob, huschte ihr Blick über das, was sich ihren Augen bot.

    Der Förstersitz neben dem Bach war für jeden Dörfler der Punkt zum Umkehren, denn jenseits des klaren Rinnsals begann die Wiese. Sie war nicht groß, aber größer als der Anger des Dorfes. Ihren Rand säumten hohe Kiefern und niedrige Büsche und das Gras war üppig und sattgrün.

    Brombeeren, erkannte das Mädchen freudig, als es die dunkelgrünen Blätter entdeckte. Aufmerksam sah es sich um. Es war nichts zu entdecken, was ihm seltsam vorkam. Kein Waldgeist oder Gnom, nicht einmal ein Tier, das sich an dem saftigen Grün gütlich tat. Die Wiese lag still im vormittäglichen Schatten, da die Sonne noch nicht über die Kiefernwipfel schaute.

    Erneut kam ihr das Verbot der Eltern in den Sinn, aber sie ballte entschlossen die Faust und griff den Korb fester. Schnell huschte sie durch das noch taufeuchte Gras zu den Büschen, deren leuchtende Beeren reiche Ernte versprachen. Es dauerte nicht lang, da war das Körbchen voll.

    Ida wollte sofort zurück zum Förstersitz eilen und dort über den Bach springen, doch da nahm sie aus dem Augenwinkel ein Glitzern wahr. Verwundert wandte sie den Kopf. Was war das gewesen?

    Da sah sie es wieder. Etwas glänzte in den Brombeerbüschen. Langsam ging sie darauf zu, kniete sich hin und schob vorsichtig die Hand zwischen die dornigen Triebe. Sie brauchte eine Weile, bis sie das federleichte, glitzernde Etwas erwischte.

    Es war ein Stück Stoff, ein leichtes Gewebe, so zart, wie sie es nie vorher gesehen hatte.

    Ehrfürchtig betrachtete sie es. Es schimmerte in allen möglichen Farben und die Sonne, die den Rand der Wiese inzwischen erreicht hatte, ließ diese immer wieder anders schillern. Man konnte hindurchschauen und es wog nicht mehr als ein Spinnennetz, doch es zerriss nicht, als sie vorsichtig daran zog.

    Der Stoff musste ungeheuer kostbar sein. Wie kam er hierher? Hatte ihn eine Prinzessin verloren? Oder ein reicher Kaufmann?

    Ida beschloss, ihren gefundenen Schatz niemandem zu zeigen, und schob ihn behutsam in die Tasche ihres Rockes. Dann nahm sie ihr Körbchen auf und rannte zum Bach.

    Zu Hause versteckte sie das hauchzarte Gewebe unter ihrer Matratze, gleich nachdem sie ihre Beeren bei der Mutter abgeliefert hatte. In den folgenden Tagen musste sie ständig daran denken. Sie ärgerte sich, weil sie sich nicht weiter umgesehen hatte. Vielleicht war die Prinzessin noch in der Nähe gewesen?

    Ob sie noch einmal zur Wiese gehen sollte? Ihr war ja dort nichts geschehen. Bestimmt hatte man die Geschichten, die über sie erzählt wurden, nur erfunden, um Kinder zu erschrecken.

    Die Entscheidung wurde ihr abgenommen, als die Mutter sie zwei Tage später erneut zum Brombeerpflücken schickte. Die großen, süßen Beeren hatten sich rasch verkauft und die Leute in der Stadt wollten mehr davon. Martha, die jüngere Schwester, sollte sie deshalb begleiten.

    Hastig wehrte Ida ab. Der Weg zu der Stelle mit den tiefschwarzen Früchten sei zu weit für die Fünfjährige, verkündete sie und versprach, dass sie sich früher auf den Weg machen und zwei Körbchen voll pflücken würde.

    Die Mutter gab nach und sobald der Vater das Haus verließ, um zum Kartoffelacker zu gehen, stürmte das Mädchen aus der Haustür. Der Morgen war kühler als vorgestern und die Strahlen der niedrigen Sonne bahnten sich gerade erst den Weg durch die Baumstämme.


    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • (Teil 2/2)


    Ida hastete durch den Wald, um möglichst schnell auf der Wiese anzukommen. Ihre anfängliche Furcht hatte sich gelegt und mutig sprang sie erneut über den Bach. Beim Pflücken war sie nicht recht bei der Sache, immer wieder schweiften ihre Blicke durch die dornigen Ranken auf der Suche nach ... nach was? Sie wusste es nicht und tröstete sich mit dem Gedanken, dass es ein einzigartiger Fund gewesen war, denn Prinzessinnen blieben nicht an jedem Tag im Brombeergestrüpp hängen.

    Als die beiden Körbchen voll saftiger Früchte waren, sah sie sich mit leisem Bedauern noch einmal um und entdeckte plötzlich einen Schuh unter einem der Sträucher. Rasch raffte sie den schweren Rock bis zu den Knien, bückte sich und streckte die Hand aus.

    Es war, als wöge er nichts, als sei er aus Luft gemacht, so leicht lag er in ihrer Hand. Leder und Sohle waren dünn wie der zarte Stofffetzen und die Farbe schwer bestimmbar. Mal schimmerte er hellblau, dann wieder rosa und manchmal glitzerte er wie Tau auf dem Gras.

    Atemlos betrachtete Ida ihren Fund. Er war so klein, dass er ihr passen würde. Doch hineinzuschlüpfen traute sie sich nicht. War die Prinzessin noch einmal hier gewesen? Behutsam strichen ihre Finger über den seidigen Stoff, während sie sich erneut suchend umsah. Wo war der zweite? Sie entdeckte ihn nirgends. Schnell schob sie den Fund in ihre Bluse, griff die beiden Körbe und rannte nach Hause.

    Der Schuh kam zu dem Stoff unter die Matratze. Ab diesem Tag fand Ida keine Ruhe mehr. Ungeduldig wartete sie darauf, dass die Mutter sie erneut in den Wald schickte. Doch das Wetter hatte sich verschlechtert und die Waldwege waren sumpfig geworden. Drei Tage musste sie ausharren, bis sie eines Morgens wieder ihre Körbchen greifen und in den Rotterforst eilen konnte. Schnurgerade führte ihr Weg sie zum Förstersitz und über den Michelbach. Diesmal beeilte sie sich noch mehr mit dem Pflücken, denn das wollte sie zuerst erledigt haben, bevor sie nach neuen Schätzen suchte.

    Es dauerte keine Stunde, da war sie fertig. Die Brombeerbüsche trugen schwer und die Körbe hatten sich rasch gefüllt. Ida stellte sie unter eine Kiefer und begann eifrig zu suchen. Sie wanderte den ganzen Rand der Wiese ab, bis sie wieder am Förstersitz ankam. Doch es schien wie verhext - heute wollte sich nichts finden lassen. Ratlos sah sie sich um.

    Ihr Blick fiel auf einen kleinen, kahlen Busch direkt in der Mitte der Wiese. War der vorhin schon dagewesen? Und glänzte dort nicht etwas?

    Hastig rannte sie hin, um zu sehen, was es war. Ein Schmuckstück hatte sich in den dürren Ästchen verfangen, eine zierliche Kette. Fasziniert starrte sie darauf. Dieser Fund war so wertvoll, dass sie ihn unmöglich behalten konnte. Der Vater würde ihn verkaufen und Medizin für den kleinen Paul ...

    Während dieser Gedanken hatte sie die Hand ausgestreckt, um den zarten Halsschmuck von dem Zweig zu nehmen.

    Da schoss eine andere Hand an ihr vorbei, packte ihren Arm und riss ihn zurück.

    Ida erschrak so sehr, dass sie auf ihrem Allerwertesten im Gras landete. Als sie aufschaute, sah sie direkt in die zornsprühenden Augen ihres großen Bruders.

    „Was tust du da?!“, schrie er. „Das dritte darf man nicht nehmen!“

    „Was?“ Entgeistert starrte Ida Hannes an. Wie kam er hierher und was meinte er mit den rätselhaften Worten?

    „Beinahe hättest du großes Unglück über dich gebracht!“ Die Stimme des Vierzehnjährigen klang zornig, doch auch Sorge schwang in ihr mit. Er reichte Ida die Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen.

    „Den dritten ...“, stammelte sie hilflos. „Woher weißt du ...?“

    „Ich habe gesehen, dass du etwas Glänzendes unter deiner Matratze hast. Als du weg warst, nahm ich es heraus und betrachtete es. Weil ich nicht wusste, was das war, brachte ich den Stoff und den Schuh gestern zur Alten.“

    Ida schluckte. Die Alte war eine Frau im Dorf, deren wahres Alter niemand kannte. Sie war schon immer dagewesen und wusste unheimlich viel über die Markung, die das Dorf und den Rotterforst, den Michelbach und auch die Sylvani-Wiese umfasste. Seltsame Dinge wurden der krumm gehenden Frau nachgesagt, manche flüsterten gar, dass sie eine Hexe war.

    „Und was hat sie ...?“, stammelte Ida furchtsam.

    „Sie fragte, wo ich das herhabe. Ich erzählte ihr, dass du es wohl beim Beerenpflücken gefunden hast. Da wollte sie wissen, wo du gepflückt hast, und das wusste ich nicht. Es seien Sachen, die die Sylvani auf ihrer Wiese auslegen, um unschuldige Kinder zu fangen, hat sie geflüstert. Glänzende, wertlose Gegenstände. Nur das Dritte ist wirklich kostbar. Aber wer den dritten Fund an sich nimmt, zahlt einen hohen Preis. Den holen die Sylvani zu sich, sobald er das sechzehnte Lebensjahr vollendet hat.“

    „Sylvani …?“, stammelte Ida verständnislos. „Wer ist das?“

    „Sylphen! Luftgeister! Die kennst du doch!“ Er atmete tief durch. „Ich nahm mir vor, dich auf keinen Fall noch einmal zur Wiese gehen zu lassen. Aber heute Morgen warst du schon weg, als ich mit dem Füttern der Hühner fertig war. Ich bin dir sofort nachgerannt und wohl gerade rechtzeitig gekommen.“

    Mit offenem Mund starrte Ida den Bruder an. Der dritte Fund … und mit sechzehn … Ihr Blick wanderte zu der glitzernden Halskette, die an dem dürren Zweiglein schaukelte.

    „Komm!“ Hannes, der es sah, ergriff ihren Arm und zog sie rüde hoch. „Nimm deine Körbe. Wir gehen heim. Und lass dir nicht einfallen, noch einmal diese Wiese zu betreten.“

    Benommen kam Ida auf die Füße und gehorchte. Vor ihrem Bruder hergehend sah sie kein einziges Mal zurück, bis sie den Förstersitz erreichten, über den Michelbach sprangen und unter den Bäumen des Rotterforstes verschwanden.

    Ein leises Raunen wisperte durch die Kiefern, säuselte zwischen den Brombeerbüschen hindurch, liebkoste die Grashalme und streichelte den kleinen Busch in der Mitte der Sylvani-Wiese. Mit einem letzten Glitzern leuchtete die Halskette auf, bevor sie sich flimmernd in Nichts auflöste.


    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Was für eine süße Geschichte, Tariq . Fast wie ein Märchen. Aber mit unverhofftem Ausgang, man wird wieder zurück in die ernüchternde Realität gesogen... Erstens, weil die Geschichte vorbei ist und zweitens, weil sich die scheinbar edlen Fundstücke in Täuschungs- und Truggespinste verwandeln... Ich bin fast so enttäuscht wie die kleine Ida, aber nur fast!^^

    P.S. Ida am Michelbach, Brombeeren... klingt fast bisschen wie von Astrid Lindgren inspiriert. ^^

  • Vielen lieben Dank, liebe Stadtnymphe , ich freu mich, dass es dir gefallen hat.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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