Tariqs Kurzgeschichten

  • Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Die Quelle der Musik


    (Schreibwettbewerb Juli/August 2021 "Das Geheimnis der alten Mine")



    Abbauhammer = Druckluftwerkzeug im Bergbau zum Abbau von Kohle, Erzen oder Gestein

    Hauer = Bergmann, der Bodenschätze und Gestein löst und erfolgreich die Hauerprüfung abgelegt hat

    Hunt = vierräderiger Förderwagen im Bergbau, der in Stollen meist auf Schienen von Menschen bewegt wurde

    Karbidlampe = tragbare Gaslampe, die mittels einer chemischen Reaktion Licht erzeugt

    Schlägel = Hammer des Bergmannes mit viereckigem Querschnitt und hölzernem Stiel

    Sohle = im Bergbau ein Höhenniveau (eine meist horizontale Ebene) eines Bergwerks

    Stempel = Stützelement im Bergbau Untertage zum Abstützen der Stollendecke

    Stollen = waagerecht oder leicht ansteigend in einen Berg getriebener Grubenbau im Bergbau als Zugang bis unter Tage für den Abbau von Lagerstätten oder Schürfzwecken.

    Toter Mann = bergmännische Bezeichnung für einen stillgelegten Stollen

    (Quelle der Links: Wikipedia, Erklärungen gekürzt)


    Die Schicht war zu Ende. Mit der Karbidlampe in der einen Hand und dem Ledergriff der mit Gestein gefüllten Erztasche in der anderen machten sich Hans und sein Ausbilder, der Hauer Fred, auf den Weg zum Stollen, der zur Grubenbahn führte. Dort würden sie ihre schweren Taschen, die sie hinter sich her schleiften, ausleeren.
    Das plötzliche Knacken in der Decke ein paar Meter vor ihnen ließ Hans erschrocken nach oben sehen.
    Auch Fred, der vor ihm lief, hob ruckartig den Kopf. „Weg hier!“, brüllte er, fuhr herum und gab Hans einen Stoß. „Zurück in unseren Stollen!“
    Neues Knacken, dann ein länger anhaltendes Knirschen und Schaben und danach ein Geräusch, das Hans noch nie gehört hatte: Der Stein schrie.
    Er spürte Freds Finger, die sich wie eine Klammer um seinen Arm schlossen, als sich der Hauer an ihm vorbeidrängte. „Was stehst du wie ein Ölgötze?!“, dröhnte der Bass des Älteren gegen das Poltern an, das jeden anderen Laut übertönte. „Der Stollen stürzt ein!“
    Die Worte und ein huntgroßer Brocken, der sich von der Sohlendecke löste und herunter krachte, rissen Hans aus der Starre. Er schüttelte die Lähmung ab, die der Schrecken verursacht hatte, und seine Füße setzten sich in Bewegung. Ohne sich umzusehen, hastete er Fred nach, gebückt, die Augen auf den schweißnassen, nackten Rücken des Hauers geheftet. Hinter ihm ging das Knirschen in ein nervenzerreißendes Kreischen über und nach einem mächtigen, unheilverkündenden Donnerschlag folgte ein anhaltendes Poltern. Irgendwann war es still.
    Fred ließ seinen Arm nicht los. „Halt dir was vor den Mund!“, drang es an Hans’ Ohr, dann wurde das Licht ihrer Lampen von einer dichten Staubwolke geschluckt, die sie von hinten überrollte. Er zerrte sein Halstuch vor das Gesicht, kniff die Lider zusammen und versuchte, seinen Hauer trotzdem nicht aus den Augen zu lassen. Der am Boden liegende Luftschlauch des Abbauhammers wies ihm die Richtung. „Weiter!“, hörte er Freds Stimme vor sich. „Bleib nicht zurück! Wir müssen bis zur Kreuzung am 'Toten Mann'! Erst dort ist es sicher.“
    An dieser Stelle gab es eine Gabelung, das wusste Hans. Eine Abzweigung führte in den Gang, in dem sie heute gearbeitet hatten, und eine in den 'Toten Mann', wie die Bergmänner stillgelegte Stollen nannten.

    Das Licht seiner wild schwankenden Karbidlampe fiel auf den Rücken des erfahrenen Hauers. Hans sah die kräftigen Muskeln unter den Hosenträgern arbeiten und hörte seinen keuchenden Atem. Irgendwann hielt Fred an, setzte sich und hustete. Auch Hans würgte und spuckte. Das Tuch vor dem Mund half nicht und der Staub kratzte im Hals. Neben dem Hauer sank er nieder.
    „Hier bleiben wir“, keuchte Fred und sah nach oben. „Der Stein wird halten.“
    „Woher weißt du das?“, krächzte Hans.
    „Das Holz zum Abstützen ist alt und trocken, Junge. Vorn, wo die Decke runterkam, war es jung. Alle haben gewarnt, dass es bricht. Es wurde trotzdem für die Stempel verwendet und der Einsturz war nur eine Frage der Zeit.“
    „Was machen wir jetzt?“ Hans bemühte sich, nicht weinerlich zu klingen, obwohl die Angst sein Herz wie eine eisige Faust umschloss.
    „Warten“, war die ruhige Antwort. „Entweder sie graben uns aus oder sie geben uns auf.“
    „Uns aufgeben? Aber ich will nicht sterben!“
    Fred löschte seine Lampe, setzte sie ab und richtete den Blick auf Hans.
    „Das ist das Risiko hier unten. Niemand will das. Doch es gibt keinen Ausgang. Es sei denn, du willst in den verfluchten Stollen.“ Sein Daumen wies auf die Bretterwand hinter ihren Rücken, mit welcher der Ausgang des 'Toten Mannes' vor langer Zeit verbarrikadiert worden war. „Aber ich sag dir gleich, da musst du allein reingehen.“
    Hans spürte ein Frösteln, obwohl ihm heiß war. Der verfluchte Stollen … Jeder Grubenjunge hörte vor seiner ersten Einfahrt die Geschichten, die sich um ihn rankten. Man hatte ihn in den Stein getrieben, bis einer der Hauer plötzlich Musik hörte. Geigen, Trommeln und Flöten auf der vierten Sohle. Die Männer waren entsetzt davongestürzt und der Stollen wurde versiegelt. Damals, vor rund hundert Jahren, glaubte man noch an Berggeister und Zwerge und niemand wollte mehr dort abbauen. Ein halbes Jahrhundert später erklärten sich zwei mutige Hauer bereit, den Stollen weiterzutreiben, die Quelle der Musik zu finden und der Mär von Festen im Zwergenkönigreich ein Ende zu machen. Sie kehrten nie zurück und keiner traute sich, nach ihnen suchen. Erneut wurde der Stollen verbarrikadiert.
    Unbehaglich starrte Hans die Bretterwand an. „Ich geh da rein“, verkündete er und es klang sicherer, als er sich fühlte. „Vielleicht kommt die Musik von draußen.“
    „Junge, über uns sind drei Sohlen und der Berg mit der Ruine. Wie soll es von der vierten einen Ausgang ins Freie geben?“
    „Keine Ahnung.“ Hans hob seine Lampe und kam auf die Füße. Zentimeterweise leuchtete er die Bretter ab. Probeweise rüttelte er daran, doch sie hielt. „Hilfst du mir?“, bat er Fred.
    Der Hauer seufzte. „Ich bin nicht abergläubisch, aber – bist du sicher, dass du da rein willst?“
    Energisch nickte Hans. „Besser als hier sitzen und warten, bis ich verhungere oder verdurste.“
    Fred erhob sich. Seine kräftige Faust umschloss den Schlägel und er hieb ihn zwischen die Bretter, um eine der Holzplanken heraus zu hebeln. Als eine zweite gelockert war, konnte Hans hindurchschlüpfen.
    Der Hauer reichte ihm die Lampe nach. „Pass auf dich auf. Und du brauchst nicht nach mir zu rufen. Ich werde dir nicht folgen.“ Er hielt ihm den Hammer hin und Hans ergriff ihn dankbar.
    „Du wirst sehen, ich finde heraus, woher die Musik kommt, und dann komme ich zurück und hole dich.“
    Fred nickte nur. „Glück auf, mein Junge. Und Gott schütze dich.“
    Sie nickten einander ernst zu, dann atmete Hans tief durch und betrat den verfluchten Stollen. Der Lichtschein seiner Lampe zeigte nichts Auffälliges und er lief ungehindert. Für Zeit und Strecke hatte er in seiner kurzen Lehrzeit noch kein Gefühl entwickelt, aber es kam ihm endlos vor. Immer wieder blieb er stehen, um intensiv zu lauschen. Und irgendwann hörte er etwas.
    Musik …
    Das Grauen war wieder da. Einem Impuls folgend wollte er sich umdrehen und zurück zu Fred rennen. Doch er bezwang den Fluchtgedanken.
    „Nein!“, sagte er laut zu sich. „Wo Musik ist, sind Menschen. Weiter!“
    Irgendwann wurde es heller vor ihm und der Schimmer wurde – genau wie die Lautstärke der Musik – mit jedem Schritt stärker. Er vernahm Stimmen, Lachen …
    Und plötzlich war vor ihm ein Spalt in der Felswand, aus dem warmes, goldenes Licht fiel. Zögernd blieb er stehen. Am Boden standen zwei verlassene Karbidlampen. Die beiden Hauer fielen ihm ein, die den Stollen erkunden sollten. Wo waren sie?
    Vorsichtig äugte er durch die Felsspalte und glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Er sah einen riesigen, von unzähligen Kerzen erleuchteten Saal voller festlich gekleideter Menschen, die zu der Musik tanzten.
    Verblüfft prallte er zurück. Hier unten? So tief unter der Erde? Ein Festsaal? Und was für seltsame Kleidung die Leute trugen! Wie beim Theater. Frauen in kostbaren, bodenlangen Kleidern, Männer mit wappengeschmückten Umhängen. Manche hatten sogar Schwerter umgebunden!
    Die Neugier siegte über sein Unbehagen und er spähte erneut hinein in das Treiben. Wer auch immer die Tänzer waren – sie mussten irgendwie hereingekommen sein. Also gab es einen Weg hinaus. Entschlossen stellte er seine Lampe neben die beiden anderen auf den Boden und legte Freds Hammer dazu. Dann zwängte er sich durch den engen Spalt.
    Er wurde bemerkt. Ein schlicht gekleideter Mann trat auf ihn zu. Er trug ein Tablett mit kostbaren Glaskelchen. Erst glaubte Hans, dass er fragen würde, woher er kam. Doch der Mann hielt ihm nur das Tablett hin und neigte den Kopf.
    Verdutzt ergriff er ein Glas. Seine Kehle war noch immer staubtrocken. Er stürzte den Inhalt in einem Zug hinunter und stellte es zurück, bevor der andere sich abwenden konnte.
    Neben ihm kicherte jemand. „Du hast wohl Durst?“, fragte eine sanfte Stimme belustigt.
    Erschrocken fuhr er herum. „Ich … suche einen Weg nach draußen“, stammelte er und fühlte, wie seine Ohren rot wurden.
    Das Mädchen, das ihn angesprochen hatte, schüttelte noch immer lächelnd den Kopf, den ein schmaler Goldreif mit einem Edelstein schmückte. „Den gibt es nicht“, verkündete sie.
    „Aber wie seid ihr hier hereingekommen?“
    „Durch den Fluch.“
    Er musste sehr verdattert aussehen, denn sie ergriff seine Hand und zog ihn mit sich zu einer gepolsterten Liege. „Ich erkläre es dir“, meinte sie. „Mein Vater“, ihre Hand wies auf einen schmerbäuchigen Tänzer mit pelzverbrämtem Mantel und einem kostbaren, goldenen Stirnreif, „hat einst während eines Festes eine Zauberin verärgert. Nicht nur. Er hat sie lächerlich gemacht vor seinen Gästen.“ Diesmal schloss ihre Geste alle ein, die hier tanzten. „Jeder hat über sie gelacht. Und je mehr sie lachten, desto schlimmer trieb es mein Vater. Sie geriet furchtbar in Zorn. ‚Du und alle deine hier anwesenden Speichellecker sollen mitsamt diesem Bankettsaal klaftertief in die Erde hinab fahren und keiner von ihnen soll ihn je wieder verlassen und das Tageslicht sehen‘, schrie sie. ‚Bis in alle Ewigkeit müsst ihr tanzen und euch selbst ertragen, ohne einander entkommen zu können.‘ Das ist der Fluch, der uns zwingt, unablässig zu tanzen und zu schwatzen und wieder zu tanzen.“
    Sie sah ihn an und er erkannte die Verzweiflung hinter ihren Worten. Und die Ruine oben auf dem Berg über der Mine fiel ihm ein, das verfallene Schloss ...
    „Ich weiß, wie man von hier aus in das Bergwerk kommt. Vielleicht gräbt man uns aus nach diesem Deckeneinsturz.“ Er war erregt aufgesprungen.
    Sie schüttelte den Kopf. „Vergiss das Bergwerk“, flüsterte sie.
    Das Frösteln war wieder da. Langsam drehte er sich um und starrte auf die makellose, gemusterte Wandverkleidung aus teuren Stoffen. Wo war der Spalt? Erschrocken stürzte er hin und tastete mit beiden Händen nach dem Riss, durch den er sich gezwängt hatte.
    Nichts!
    Der Ausgang war verschwunden.
    „Möchtest du tanzen?“, hörte er sie leise hinter sich fragen und drehte sich um. Er sah ihren traurigen Blick, als sie ihm graziös die Hand reichte.
    Seine Beine waren wie Blei, als er sich hölzern zur Musik bewegte. Er kannte die Schritte nicht und versuchte deshalb, sie bei den anderen Männern abzuschauen.
    Da!
    Zwischen den sauberen Beinkleidern sah er zwei schmutzige Hosenbeine. Sein Blick glitt höher, über einen nackten, dreckigen Oberkörper, bis er direkt in das staubverschmierte, verzweifelte Gesicht eines der seit fünfzig Jahren vermissten Hauer starrte.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    Einmal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Hey Tariq ,

    ich habe den Schreibwettbewerb dieses Mal nicht verfolgt, aber das hier ist wirklich ein exzellentes Beispiel von Spannungsaufbau, fast schon wie ein Drama geschrieben. Wir haben sogar ein retardierendes Moment, in dem wir als Leser glauben, dass alles noch gut wird, aber am Ende wird es sogar noch schlimmer. Ich habe sofort mitgefiebert und war dank der Fachbegriffe und der dichten Atmosphäre gleich mit im Stollen. Dass es ein "schlechtes" Ende ist, finde ich gut, denn so etwas regt viel mehr zum Nachdenken an und rahmt die Verzweiflung der Kurzgeschichte schön ein. Du gehörst in diesem Forum für mich nach wie vor zu den besten Schreiberlingen, daher bin ich immer dankbar für etwas neue Kost.

    Welche Lehre ziehe ich also daraus: den Schreibwettbewerb mehr verfolgen... :dead:

    Liebe Grüße!

    Stadtnymphe

  • Vielen lieben Dank, liebe Stadtnymphe , ich freu mich sehr, dass es dir gefallen hat. Mein größtes Problem war - wie immer - den Text in 10500 Zeichen zu quetschen (an der Stelle nochmal :danke: an Chaos Rising , der mir erlaubt hat, die Legende aus der Zählung auszuklammern).

    Vielen Dank auch für eure Likes, kalkwiese , Kirisha , Novize , Sensenbach und Der Wanderer !

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  • Schönes Stück Text Tariq :thumbup:


    Es liest sich - wie die meisten deiner Kurzgeschichten - wie ein Märchen :)


    Ein bisschen schade ist es ja schon, dass man nicht mehr davon lesen konnte. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie du an der Zeichenvorgabe verzweifelt warst :ugly:


    Ja, leider ist der Wettbewerb diesmal auch an mir vorbeigegangen, weswegen ich die Geschichte jetzt mal gelesen habe :blush:


    LG :)

  • Auch euch beiden ein herzliches Dankeschön, Rainbow und LadyK ! Ich hätte nicht erwartet, so viel Feedback zu bekommen. Freut mich total und macht Lust, es demnächst mal wieder mit einer Kurzgeschichte zu probieren. smilie_pc_013.gif

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  • Liebe Tariq,


    all die lobenden Worte der anderen Leser haben dann auch meine Neugier geweckt und so war deine Kurzgeschichte schließlich dafür verantwortlich, dass mein Frühstückstee kalt geworden ist :D


    Wir bekommen wir eine Geschichte in einem Bergwerk präsentiert, die gar nicht lange fackelt, um die beiden Protagonisten - einen Ausbilder und seinen Lehrling - in eine lebensbedrohliche Situation zu werfen. Es geht also gar nicht darum, die beiden Personen näher kennenzulernen, sondern um das, was sie hier erleben und wie Menschen in ihrer bedrohlichen Lage reagieren. Und das passiert hier - verbunden mit Fachbegriffen zum Setting - sehr glaubhaft, wie ich finde. Beschreibungen werden kreativ in die Handlung eingebunden, sodass man schnell vorangetrieben wird und sich dennoch ein Bild von der Umgebung machen kann. Auch fiel mir positiv auf, dass es bei all den Umschreibungen für Lärm sprachlich nicht redundant wirkte. Die fünf Teilstücke (Einsturz/Flucht/Gefangenschaft/Gang durch den verfluchten Stollen/Festsaal), in die ich die Geschichte für mich untergliedert habe, gingen ohne Längen und Pausen fließend ineinander über und boten keine Stelle, an der man die Geschichte ablegt, um mal einen Schluck Tee zu trinken. Nicht zuletzt gelingt es dem Ende, einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen und greift dabei schön ein Gerücht wieder auf, das im Laufe der Geschichte gestreut wird. Ich war zwar etwas unsicher, ob die plötzliche Integration magischer Elemente in die Geschichte passt, weil es ansonsten auch eine Erzählung aus dem echten Leben hätte sein können - aber für die Wirkung, die entfaltet wird, kann ich damit hier gut leben.



    Zuletzt noch ein paar wenige Stellen, die mich etwas stutzig gemacht haben:


    - An der Stelle "Irgendwann war es still" hatte ich zunächst den Eindruck gewonnen, dass die beiden Protagonisten bereits in Sicherheit waren. Allerdings rannten sie zunächst weiter um ihr Leben -> Für meinen Geschmack hätte man hier noch ein subtilen Knarzen in der Decke oder etwas Ähnliches einbauen können, um die Gefahr zu zeigen, die noch immer im Raum schwebt.


    - Der nächste Punkt betrifft eigentlich die gleiche Stelle. Erst als der Einsturz zum Ende kommt, reißt eine Flut an Staub über die beiden Protagonisten hinweg. Hier hatte ich mich gefragt, ob der Staub durch den Einsturz nicht längst erzeugt wurde und den Stollen erfüllt. ...wir lesen ja vor dem Anrollen des Staubs: "[...] ein huntgroßer Brocken, der sich von der Sohlendecke löste und herunter krachte [...]"


    - Dann wunderte ich mich ein wenig, dass der Ausbilder nach der vermeintlichen Rettung in den Totschacht noch seinen Hammer bei sich trug. Ich hatte hier das Bild vor Augen, dass er eine Art Werkzeugtasche (=Erztasche) mit sich schleppte, die ich bei einer Flucht um mein Leben aufgrund ihres Gewichts wohl rasch abgeworfen hätte. Vielleicht hing das Werkzeug auch einfach nur an einem Gürtel? Da könnte man noch mit einem Satz deutlicher machen, wie sie ihre Erztaschen abwerfen, bevor sie flüchten ..oder hab ich das überlesen? ..hier stellt sich auch die Frage, wie folgende Stelle zu verstehen ist: "Dort würden sie ihre schweren Taschen, die sie hinter sich her schleiften, ausleeren. Das plötzliche Knacken in der Decke ein paar Meter vor ihnen ließ Hans erschrocken nach oben sehen." Mit dem 'würden' meinst du, dass sie er normalerweise gemacht hätten, wenn sie am Zielpunkt angekommen wären oder?


    - Bei der Formulierung "Verblüfft prallte er zurück" würde ich wahrscheinlich eher von zurückweichen sprechen, da er hier ja nicht gegen einen Widerstand prallt oder?


    - Zuletzt würde ich bei der Liste der Fachbegriffe noch "Karbidlampe", "Totschacht" hinzufügen - da musste ich nachschlagen.



    Alles in allem eine tolle Geschichte und die paar Anmerkungen hier sind im Grunde genommen nur kleine Details, die man sich nochmal anschauen könnte :)


    LG Juu

  • Hallo Juu-Ka ,

    vielen Dank für dein Lob und die interessanten Gedanken, die du mir hier aufgeschrieben hast. Fand ich spannend!

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Alles klar, danke für die zusätzlichen Erläuterungen ...und den Tee :D

  • Eine weitere Geschichte, die ich als Beitrag für Myrtana222's "Weird Tales" geschrieben habe. Sie hat leider noch keinen Titel. :pardon:

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    Ein Knacken kündigte es an.

    Er schloss die Augen, um sich ganz auf sein Gehör zu konzentrieren. Vögel zwitscherten und in den Baumkronen säuselte der Wind. Fast glaubte er, sich geirrt zu haben, da vernahm er es wieder. Schlurfen und Rascheln.

    Es kam.

    Seine schweißfeuchten Hände umklammerten Griff und Lauf der Schrotflinte fester. Ruhig, ermahnte er sich, warte, bis es da ist. Übereile nichts!

    Seine Augen tränten, weil er so angestrengt in die Richtung starrte, aus der er das Geräusch gehört hatte. Dieselbe Stelle wie beim letzten Mal. Hier war es gewesen, als er es erstmals erblickt hatte.

    Eine seiner Fallen war ausgelöst worden und er hatte sie wieder aufstellen müssen. Über die Schlinge gebeugt war er erst aufmerksam geworden, als der Wald plötzlich geschwiegen hatte. Er erinnerte sich, alarmiert aufgesehen und sich umgeblickt zu haben.

    Und da war es gewesen.

    Später hätte er nicht mehr sagen können, was er bei dem Anblick empfunden hatte, doch ihm war jede Sekunde und jedes Detail davon im Gedächtnis geblieben:


    Wie paralysiert hockte er über die Falle gebeugt, den Kopf halb nach hinten gewendet, um über die Schulter sehen zu können, und die Hände mit der Drahtschlinge regungslos in der Luft verharrend. Die Augen waren weit aufgerissen und auch sein Mund hatte offen gestanden, während sein Herz vor Aufregung wie rasend hämmerte.

    Nie zuvor war ihm etwas Derartiges vor Augen gekommen. Etwa zwanzig Meter seitlich hinter ihm stand ein Wesen. Kein Mensch, das konnte er auf den ersten Blick sehen. Es war zu groß und hatte Beine, dick wie Baumstämme und mit Rinde umkleidet. Nicht nur sie – den ganzen Körper bedeckte raue, braune Borke, teilweise bewachsen mit dunkelgrünem Moos. Und überall sprossen dünne Zweige heraus, die junge, zartgrüne Blätter trugen.

    Jetzt bewegte sich das Baumwesen. Schwerfällig bückte es sich und sank auf die Knie. Es hatte ihn nicht bemerkt und wenn doch, schenkte es ihm keinen Blick.

    Sein Hals begann zu schmerzen von der unbequemen Haltung, denn er wagte nicht, sich zu bewegen und konnte die Augen doch nicht abwenden. Wie festgeklebt verfolgten sie das Tun des lebendigen Baumes. Gebannt beobachtete er, wie dieser langsam seine Hände hob und sie über etwas im Gras breitete. Eine Weile geschah nichts, dann öffneten sich in der rindenbedeckten Brust des Wesens schmale Risse, durch die ein sanftes, hellgrünes Leuchten nach draußen drang. Es wurde größer und wanderte über dessen Schultern und Arme abwärts, bis es die Handflächen erreichte und von dort aus auf die Wiese übersprang.

    Nein, nicht die ganze Wiese, sondern nur auf eine verwelkte Pflanze. Einen kleinen Busch, dessen Zweige verdorrt und dessen Blätter braun oder bereits abgefallen waren. Und unter dem leuchtenden, grünlichen Schimmer sprossen helle Spitzen aus den dürren Ästchen, die sich zu kräftigen Knospen vergrößerten. Sekunden später entfalteten sich junge Blätter, deren helles Grün in das dunkle des Sommerlaubs wechselte. Der kleine, tote Busch war zu neuem Leben erwacht.

    Er konnte das sattgrün schimmernde Leuchten in der borkenbedeckten Brust des Baumwesens noch immer sehen, doch mit jeder Sekunde wurde es matter und verschwand schließlich hinter den sich wieder schließenden Rissen.

    Der lebendige Baum erhob sich langsam, wandte den Kopf und sah genau in seine Richtung. Ihre Blicke trafen einander und keiner rührte sich. Große, braungrüne Augen musterten ihn und er empfand keine Furcht, weil in ihnen eine nie vorher gesehene Sanftheit lag. Noch einen Augenblick währte der Moment, dann drehte sich das Baumwesen um und stampfte auf seinen stammartigen Beinen in den Wald zurück.

    Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis er sich wieder rühren konnte. Zu unglaublich war, was er da gesehen hatte. Dieses … Ding hatte etwas Totes lebendig gemacht! Mit etwas, das es in seiner Brust trug. Es konnte Leben schenken!

    Seit dieser Begegnung hatte ihn ein Gedanke nicht mehr losgelassen: Er musste es haben! Das Herz dieses Wesens, dieses grüne Leuchten wollte er unbedingt besitzen. Es würde ihm unsagbare Macht verleihen. Wie viel, das wagte er sich nicht vorzustellen. In Gedanken sah er schon Könige und Präsidenten an seine Tür klopfen. Er würde nie wieder Geldsorgen haben.

    Der Plan war schnell gefasst. Das lebensspendende Herz dieses Baumwesens würde ihm gehören. Ihm allein.

    Und er wusste auch schon, wie er es erlangen konnte.

    Heute Morgen war es so weit gewesen. Er hatte seine Schrotflinte aus dem Schrank genommen, war in den Wagen gestiegen und in den Wald gefahren. Mehr Vorbereitungen hatte es nicht gebraucht. Und nun stand er hier und starrte auf den kleinen Busch, den er umgeknickt, und auf den Trieb, den er aus dem weichen Waldboden gerissen hatte. Er wartete. Es war bereits Mittag, doch das störte ihn nicht. Als Jäger war er es gewohnt, viele Stunden im Ansitz auszuharren.

    Bewusst hatte er den Ort gewählt, an dem er seinem potentiellen Opfer damals staunend zugesehen hatte. Die winzige Lichtung. Dort drüben stand der kleine, ehemals tote Busch. Er strotzte vor Leben, trug eine Unzahl gesunder, kräftig grüner Blätter.

    Direkt daneben fand sich das Ergebnis seiner Zerstörung. Würde das Baumwesen kommen und auch diesen Schaden wieder gutmachen? Heilen, wo er getötet hatte? Leben schenken, wo keines mehr möglich war?

    Er bemerkte es erst, als es auf die Lichtung trat. Es blieb vor der herausgerissenen Pflanze stehen und er meinte, so etwas wie Trauer über das borkenbedeckte Gesicht huschen zu sehen. Wie erwartet bückte es sich und genau wie beim letzten Mal begann es unter der Rinde auf seiner Brust zwischen den sich öffnenden Rissen grün zu schimmern.

    Er hielt den Atem an. Sein Finger lag am Abzug, doch es war fast wie ein Zwang: Er musste es noch einmal sehen, dieses Wunder. Danach würde er schießen. Er hatte Zeit.

    Wie durch Zauberhand hob sich der abgeknickte Trieb des kleinen Busches. Die verwelkten Blätter erstarkten und wurden wieder frisch. Als das Wesen seine leuchtenden Hände zurücknahm, war die Pflanze gesund wie vorher.

    Der Zauber war vorüber.

    Langsam richtete er sich auf, die Finger fest um die Waffe geschlossen. Ein Zweig knackte unter seinen Füßen.

    Der lebende Baum hörte es und hob den Kopf. Wie beim letzten Mal trafen sich ihre Blicke, doch diesmal war etwas anders.

    Das Baumwesen erhob sich zögernd, die sanften, braungrünen Augen unverwandt auf ihn gerichtet. Argwohn sprach aus der Körperhaltung … Furcht. Wie in Zeitlupe trat es zwei Schritte zurück, einen dritten und noch einen, bis es sich umwandte und wie gehetzt davonstürzte.

    Einen Fluch ausstoßend jagte er ihm nach. Die Gelegenheit für einen sicheren Schuss hatte er verpasst und es war fraglich, ob er eine zweite erhielt. Wie konnte sich dieses plumpe, stämmige Ding so gewandt bewegen? Ihm zu folgen erwies sich als schwierig. Es hatte die gleiche Färbung und Musterung wie die Bäume und rannte in einem Tempo, das ein Aufholen unmöglich machte.

    Der Wald wurde dichter. Zweige streiften sein Gesicht und er musste während seiner Hetzjagd die Waffe mit einer Hand halten und mit der zweiten den Weg freimachen. Manchmal verlor er sein Opfer kurz aus dem Blick, dann sah er es wieder zwischen den Stämmen rennen.

    Ein Ruck an seinem Fuß ließ ihn straucheln. Verdammte Brombeerranken! Sie wurden immer dichter und ihre winzigen Dornen hängten sich an seine Jeans. Er hatte die Stiefel heute nicht angezogen, das rächte sich jetzt. An denen hätte das Grünzeugs keinen Halt gefunden!

    Eine neue Ranke brachte ihn nicht nur ins Straucheln, sondern ließ ihn stürzen. Heftiges Brennen im Gesicht und an der freien Hand verriet, dass er sich etliche Kratzer dabei zugezogen hatte.

    Erneut fluchend wollte er sich aufrappeln. Doch es schien, als würden die Ranken ihn festhalten. So sehr er sich mühte, sie von den Hosenbeinen zu lösen – sie widerstanden, zogen sich nur noch fester zusammen. Ein starker Druck auf der Brust ließ ihn an sich hinabsehen. Neue Triebe hatten den Weg unter seinen Armen hindurch gefunden und wanden sich langsam, aber unerbittlich um seine Allwetterjacke. Sie wurden stärker, wuchsen auf die Dicke von Fingern und verzweigten sich dabei.

    Als er jetzt auch Brennen an seinem Hals wahrnahm, packte ihn das Grauen. Was passierte hier? Dieses Grünzeug fesselte ihn! Er spürte, wie es an seiner Kleidung zerrte, hörte die Dornen über den derben Stoff kratzen. Der Trieb, der seinen Hals umschlang, zog ihn unerbittlich zu Boden und alle anderen Ranken strafften sich ebenfalls. Inzwischen lag er wie ein Käfer auf dem Rücken und konnte sich kaum mehr bewegen. Längst hatte er die Waffe losgelassen und seine Rechte tastete fahrig nach dem Jagdmesser, das er immer im Stiefel trug. Heute war es nicht dort, sondern in seiner Lederscheide am Gürtel.

    Etwas kratzte über seine suchende Hand und er zischte schmerzerfüllt, um gleich darauf ungläubig die Augen aufzureißen. In seinem Blickfeld erschien eine fingerdicke Brombeerranke, die sich um seinen Messergriff gewunden hatte. Fast triumphierend hielt sie ihm die Waffe vor das Gesicht, die gleich darauf unter unzähligen weiteren wie aus dem nichts hervorschießenden Ranken verschwand. Er hörte das Brechen des Holzgriffes …

    Längst hatte er angefangen zu schreien. Die Dornenranken hatten seinen Kopf umwickelt und fixierten ihn am Boden, zerrten ihn förmlich in den weichen Waldgrund. Er konnte ihn nicht mehr bewegen. Auch seine Brust war so zusammengeschnürt, dass er kaum noch zu atmen vermochte. Wie zum Hohn tauchte jetzt die von dornenbesetzten Trieben umschlungene Schrotflinte in seinem Sichtfeld auf. Aus fingerdicken Ranken wurden armstarke, die die Waffe erst verbogen und dann wie ein Streichholz in der Mitte knickten. Brombeerblätter huschten über sein Gesicht, während die Dornen sich noch straffer zogen und dabei blutige Striemen auf seiner Haut hinterließen. Er kniff gepeinigt die Augen zu.

    Immer fester wurde sein Körper auf den Boden gepresst, immer weicher wurde der Grund unter ihm. Sein anfangs entsetztes Kreischen erstarb und nur noch ab und zu hallte ein ersticktes, gekeuchtes Brüllen durch den sonst totenstillen Forst. Kühle Erde schmiegte sich an seine Wangen, feuchtes Moos an die Schläfen. Als die ersten Krumen Waldboden in seinen Mund drangen, verstummte seine Schreie. Noch einmal riss er die Augen auf und sein panischer Blick hetzte zwischen den Baumkronen umher. Es wirkte, als würden die Bäume um ihn herumstehen und schweigend zusehen, wie er für sein frevelhaftes Verhalten bestraft wurde.

    Seine Augenlider zwinkerten gegen die Erdbrocken an, die auf sie herabrieselten. Immer kleiner wurde der Bereich, den er noch sehen konnte. Das Letzte, was er wahrnahm, war ein rindenbedecktes Gesicht, das sich über ihn beugte, mit sanften, braungrünen Augen, in denen eine unendliche Trauer lag.


    Inspirationsquelle: YouTube

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    An der Stelle auch noch ein herzliches :danke: an Rainbow und Stadtnymphe für die netten Kommis und Likes und ebenso an Asni , Sensenbach und KruemelKakao für's Vorbeischauen und die Likes im "Weird-Tales"-Thread. Hab mich sehr gfreut.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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