Schreibkurs zu Kurzgeschichten

Es gibt 121 Antworten in diesem Thema, welches 17.094 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (25. Oktober 2023 um 21:41) ist von Chaos Rising.

  • weil Urban Fantasy ein Genre ist, das nun mir nicht besonders liegt

    Ja also ... ich hab auch noch nie Urban Fantasy geschrieben. Bin mehr so der High Fantast. Ich habe ehrlich gesagt auch noch nicht mal eine Idee, ob ich aus meiner eigenen Aufgabe wirklich was machen kann, aber wollte mich einfach mal selbst unter Druck setzen. Sonst bringe ich ja nie was zustande ... FInde ich toll, wenn ihr mitmacht! Und wie gesagt, ihr könnt die Vorgaben auch einfach über den Haufen werfen!

    »Im Leben bekommst du nicht viele Chancen. Zugreifen oder sie ist weg«, sagte ich. Den Zusatz: Alte Weisheit einer Straßendiebin – verkniff ich mir vorsichtshalber.

    Murissa in "Fluchbrecher"

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Wow! Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es SO schnell weitergeht :rofl:

    Mensch, Kirisha , da hast du ja echt nicht lange gefackelt. Also, Urban ist schon mal gut! Und erstaunlicherweise habe ich auch direkt ein paar Ideen gehabt, die mir so durch den Kopf gespukt sind. Allerdings werde ich etwas Zeit brauchen...

    Ich freue mich aber schon auf die nächste Runde und bin auch schon gespannt, was für tolle Sachen dabei wieder rauskommen.

  • Auch wenn ich etwas spät dran bin.... Danke, Sensenbach für den Schreibkurs! Mir hat's viel Spaß gemacht und ich hab auch noch das ein oder andere gelernt. Unter anderem an der letzten Hausaufgabe der Mini-Kurzgeschichte, dass dieses Format und Vorgehen für mich überhaupt nicht funktioniert (hat). :pardon:
    Vielleicht probiere ich mich nochmal daran. Das dürfte ja kein Problem sein, wenn hier weiter immer neue Themen gepostet werden. Das finde ich eine gute Idee, btw. :thumbup:

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir nicht zu viele Freiheiten genommen habe und wie gesagt: Urban ist nicht so meins.

    Geschichte

    Während draußen die Sonne bereits untergegangen war, wurden die Stücke der minoischen Ausstellung durch schwache Lampen erleuchtet. Lisa war froh, dass ihr Studium der Archäologie sie in dieses seltsame Museum geführt hatte, welches doch so faszinierende Stücke besaß. Im Internet war es nicht zu finden gewesen, nur den präzisen Wegbeschreibungen ihrer Kommilitonen war es zu verdanken, dass sie hier war.

    Sie schritt an einigen Vitrinen vorbei, welche Bruchstücke einer bronzezeitlichen Rüstung enthielten und ließ ihren Blick weiter schweifen, bis er an einem Fresko hängen blieb. Es zog sie buchstäblich in seinen Bann und sie konnte nicht anders als näherzutreten. Sie war allein im Museum und daher hielt niemand sie auf, als sie die Absperrung überschritt.

    Ohne nachzudenken, ohne ein Gefühl der Scham, ohne Bedauern streckte sie die Hand aus und berührte den kalten, in bunten Farben bemalten Stein.

    Es zeigte einen Mann und eine Frau. Obwohl sie ein Kind in den Armen hielt, wandte er sich von ihr ab. Lisa versuchte die Gesichter der dargestellten Figuren zu erkennen, doch aus irgend einem Grund entzog sich dieser Teil des Freskos ihrer Sicht. Dann schienen sich die Striche, Linien und Flächen zu bewegen. Das Kind wuchs in den Armen der Mutter zu bestialischen Proportionen an.

    Lisa sah, dass es der Minotaurus war, mit gewaltigen Stierhörnern, einem nach Blut lechzendem Maul und animalischen Zorn in den Augen.

    Nun von Angst erfüllt versuchte sie sich abzuwenden und fragte sich was gerade passierte. Doch sie konnte sich nicht losreißen und der Minotaurus begann sich zu bewegen.

    Sie spürte nicht nur Angst, denn ein Gefühl des Hasses mischte sich dazu, welches die Angst zu schierer Panik steigerte. Was passiert hier? Sie schrie und begriff, dass sie damit versuchte den Mann zu warnen, doch er hörte nicht und wurde überwältigt. Mit aufgerissenen Augen sah sie, wie er von der Bestie in Stücke gerissen wurde. Das spritzende Blut bedeckte nicht nur die Szenerie auf dem Bild, sondern auch ihre Hand.

    Während sich zerstörerische Flammen über das Fresko ausbreiteten, erhob sich der Minotaurus. Sie sah, wie eine ganze Stadt von dem Feuer verzehrt wurde und wie vierzehn gebeugte Gestalten der Bestie vorgeführt wurden. Vorgeführt, um gefressen zu werden. Der Stein erhitzte sich und sie spürte wie die Haut an ihrer Hand ebenfalls zu brennen begann. Jetzt schrie sie vor Schmerz, zog und zerrte an ihrem Arm. Ein Finger löste sich, dann ein zweiter, schließlich die gesamte Handfläche. Keuchend fiel sie zurück und landete hilflos auf dem Rücken.

    Was tat sie hier, was war geschehen?

    Sie verließ das Museum und bemerkte erst später, dass etwas rote Farbe und Ruß an ihren Fingern klebten.

  • Hey cool Iskaral !

    Deine Geschichte schreit ja direkt nach einer Fortsetzung. Könnte der Anfang zu einer größeren Story sein oder ein Prolog. Der Minotaurus gefällt mir, das ist mal was Ungewöhnliches!

    Das Ende ist auch gut, weil sie da wieder in ihr Alltagsleben zurückkehrt.

    Ich muss gestehen, dass ich mich selbst momentan noch etwas überfordert fühle und keine Ideen zusammenfügen kann. Bei mir wird alles immer gleich viel zu kompliziert und kommt zu keinem Schluss. Ich habe einfach keine Übung darin, mich kurz zu fassen. Aber ich will es auf jeden Fall versuchen.

    »Im Leben bekommst du nicht viele Chancen. Zugreifen oder sie ist weg«, sagte ich. Den Zusatz: Alte Weisheit einer Straßendiebin – verkniff ich mir vorsichtshalber.

    Murissa in "Fluchbrecher"

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  • Dieser Kurs macht mich echt fertig. :rofl:

    Nachdem ich ein, wie ich fand, schönes Geschichtchen zustande gebracht hatte, musste ich am Ende feststellen, dass es über 800 Wörter waren. Nun habe ich also mindestens ebenso lange, wie ich daran geschrieben habe, dafür gebraucht, um mich von diesen ganzen schönen Textpassagen wieder zu trennen. :patsch:

    Keine Ahnung, wie es sich jetzt liest. Es sind immer noch 541 Wörter. Ich bekomme es kürzer nicht hin. :pardon: ... und an die ganzen zu erfüllenden Auflagen will ich gar nicht denken.

    Ich habe das Gefühl, dass ich all das, was meinen Schreibstil für gewöhnlich ausmacht, mit Gewalt unterdrücken muss. Das einzigst Gute ist, dass man lernt, sich zu fragen, ob man tatsächlich jedes Wort braucht und jede ausufernde Beschreibung einen Mehrwert darstellt.

    Also gut. Ich zeige mal mein Ergebnis:

    Geschichte

    Die Leinwand riss entzwei, als Lisa hindurch preschte. Mit wild klopfendem Herzen sah sie sich um.
    Sie war wieder zurück.
    Ungläubig betrachtete sie die ausgefransten Überreste des Gemäldes, in dessen Mitte nun ein unschönes Loch prangte. Im nächsten Augenblick traf sie ein Schwall eiskalten Wassers, als ihr unerwarteter Begleiter die Barriere überwand und mit lautem Kampfgebrüll unbeholfen vor ihren Füßen landete.
    „Was zur Hölle machst du hier?“ Erschrocken sah sie das kleine schuppige Wesen an. „Das hier ist nicht deine Welt. Sieh zu, dass du wieder zurück kommst!“
    Entrüstet richtete sich der Wasserspeier auf und schüttelte seine ledernen Schwingen. Dabei wickelte er den Schwanz um die Klauen besetzten Füße.
    „Was wäre Gargoyle für ein Torwächter, wenn er nicht dafür Sorge tragen würde, dass du wieder zurück in deine kommst…?“
    „Aber…“
    „Aber...Aber...Aber. Immer müsst ihr Menschen widersprechen“, schimpfte das Wesen aufgebracht. „Um ein Haar hätte dich die Feenkönigin ihren Untertanen zum Fraß vorgeworfen. Wenn der gute alte Gargoyle nicht zur Stelle gewesen wäre, würdest du jetzt kopfüber an einem Spieß baumeln."
    "Willst du mir etwa sagen, das alles wäre meine Schuld? Ich habe es dir doch erklärt, dass ich hier im Museum war, als ich plötzlich in dieses Bild gezogen wurde." Sie deutete auf den Rahmen, der an der Wand hing. Zu ihrem Erstaunen war die Leinwand darin nun wieder unversehrt und zeigte eine sonnenbeschienene Lichtung auf der elfenhafte Wesen einen Reigen tanzten. Die wunderschönen Gesichter vermochten sie nicht mehr täuschen. Sie wusste, dass sich unter dieser Tarnung grauenhafte Wesen verbargen, die ihre Opfer mit Musik und Tanz in eine Traumwelt entführten, um sie bis in alle Ewigkeit gefangen zu halten.
    Gerade, als sie den Blick wieder abwenden wollte, erwachte das Bild zum Leben.
    "Ga-Ga-Gargoyle...", stotterte sie, während die ersten mit Efeu berankten Körper aus dem Gemälde stiegen und ihre messerscharfen Zähne entblößten.
    Mit einer flinken Bewegung ließ Gargoyle einen Strahl aus seiner Krallenhand aufsteigen, der an der Decke explodierte und sich wie ein Funkenregen über das Geschehen legte.
    Lisa glaubte ihren Augen nicht, als sich die bronzene Peter-Pan-Statur neben ihr in Bewegung setzte. Gleichzeitig zersprang das Glas der Vitrinenschränke mit den lebensechten Wachsfiguren der Helden aus den Marvel-Filmen. Immer mehr Horrorgestalten krochen aus dem Rahmen, woraufhin sich ihnen ebenso viele fantastische Wesen aus dem Museumsbestand entgegenstellten. Schwerter klirrten, Pfeile flogen umher, Peitschen knallten... Plötzlich übertönte ein ohrenbetäubender Lärm das Kampfgeschehen. Die Angreifer schrieen auf, bevor sie sich in Staub auflösten und von einem Sog erfasst wieder in das Bild hineingezogen wurden. Das letzte, was Lisa sah, war Gargoyle, der sich in die Lüfte erhob und mit einem lauten Puff in dem Gemälde verschwand. Lediglich ein paar glänzende Partikel, die wie feines Konfetti herabrieselten, erinnerten daran, dass er bis eben noch da gewesen war.
    Ein unangenehmes Rütteln ließ sie zusammenfahren.
    "Mensch, Lisa. Du hast den halben Vortrag verpennt", hörte sie die vertraute Stimme ihrer Tischnachbarin. "Mr. Jones hat uns was über alte Mythen und Legenden erzählt…"
    Mr. Jones? Darum bemüht, die letzten Reste ihres Traums abzuschütteln, sah Lisa zu dem Dozenten mit dem breitkrampigen Hut auf. Bildete sie sich das nur ein, oder hatte sie den Eindruck, dass sich ein wissender Ausdruck auf sein Gesicht legte, während er die Lederpeitsche in seinen Händen zusammenrollte, um sie in seinem Beutel verschwinden zu lassen?

  • Hey Rainbow

    da hast du mal wieder den Vogel abgeschossen. Ungefähr so hatte ich es mir gedacht. Toll!

    Besonders dieser Dialog zwischen Lisa und dem Gargoyle, herrlich! Und das kaputte Bild, das ist sehr gelungen! Auch den Schluss hast du gut hinbekommen mich einer neuen unerwarteten Wendung.

    Wow, da hast du eine Steilvorlage geliefert!!! Gefällt mir sehr!

    »Im Leben bekommst du nicht viele Chancen. Zugreifen oder sie ist weg«, sagte ich. Den Zusatz: Alte Weisheit einer Straßendiebin – verkniff ich mir vorsichtshalber.

    Murissa in "Fluchbrecher"

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  • Spoiler anzeigen

    Sie verließ das Museum und bemerkte erst später, dass etwas rote Farbe und Ruß an ihren Fingern klebten.

    Sehr schön Iskaral Es würde mich nicht wundern, wenn ihre Neugier jetzt geweckt würde und ein weiteres Abenteuer naht.

    „Um ein Haar hätte dich die Feenkönigin ihren Untertanen zum Fraß vorgeworfen. Wenn der gute alte Gargoyle nicht zur Stelle gewesen wäre, würdest du jetzt kopfüber an einem Spieß baumeln."

    Besonders schön finde ich, dass die Feen hier mal die Bösen sind. ich hätte gerne von den Geschehnissen im Gemälde erfahren ;)

    Liebe Kirisha

    Jetzt habe ich mich auch einmal an Urban-Fantasy gewagt und versucht deine Vorgaben umzusetzen. :beer:

    Zusätzlich ein wenig Lovecraft-Style.


    Das schwarze Tor nach Karaktow

    Haakon McFarlane warf einen letzten Blick auf den eirunden Ring aus blasphemisch glänzendem, schwarzen Stein. In dem Oval flackerte es silbrig auf und eine Gestalt löste sich aus der quecksilbrig schimmernden, spiegelhaften Fläche, die den grotesken Eingang in die albtraumhafte Welt der zyklopischen Tentakelwesen von Karaktow darstellte. Julie Anderson taumelte durch das Tor und fiel in die Arme des breitschultrigen Mannes, die junge Frau vergrub das Gesicht schluchzend an seine Brust.

    »Alles gut. Alles ist gut. Wir haben es geschafft!« In der sonoren Stimme des Professors für pandimensionale Erscheinungen an der Miskatonik University zu Arkham, lag dankbare Verwunderung über die gelungene Flucht aus den Fängen der abscheulichen metamorphen Oktopoden. Er zog den Revolver aus dem Gürtel. Die letzte übrig gebliebene Kugel verließ den Lauf mit erlösendem Donner und zerschlug den unheilig funkelnden Kristall am Zenit des Tores. Langsam verblasste der silbrige Schlund in die satanische Welt, es blieb nur toter, kalter Felsen. Die morbiden, gotteslästerlichen Oktopoden, mit ihren archaischen Riten, würden niemals ihr unsagbares Grauen in die Städte rechtschaffener Menschen tragen.

    Haakon McFarlane steckte den Revolver zurück und zog Julie fester an sich. Die blonde, rehschlanke Frau war in den letzten Monaten zu mehr geworden, als die fleißige Assistentin, die ihm Post und Socken ordnete. Ihre Lippen trafen sich mit einer Leidenschaft, wie sie nur knapp dem Tode entronnene zu empfinden vermögen. Ihre Hand strich fordernd über seinen harten Schritt. Allein der kalte Nordwind, der die zerklüfteten Berghänge hinauf fegte, hielt das Paar davon ab, sich gleich vor dem grotesken Tor zu vereinen.

    Das Zelt stand an derselben Stelle, wie sie es verlassen hatten, und harrte der Rückkehr der Forscher. Keuchend fielen die Liebenden auf die klamme Matratze. Niemals zuvor verspürte Haakon einen eiligeren Drang zur geschlechtlichen Verschmelzung. Julies Bluse zerriss unter seinen gierigen Fingern und entblößte die runden, festen Brüste. Die zitternde Hand der jungen Frau umfasste die vibrierende Männlichkeit. Sie bog sich ihm entgegen, dann schlossen sich die schlanken Schenkel um die Hüften des brünftigen Mannes. Als der graue, zähe Nebel aus dem Tal emporquoll, wie der ätzende Geifer des Höllenhundes Kerberos, hallten ungezügelte Schreie der Lust durch die verfluchten Schluchten des frevlerischen Gebirges.

    Dunkle Träume jagten Haakon durch die abscheulichen Wälder von Karaktow.

    »Trrr, Trrr!« Das hohe Singen der sündhaften Tentakelwesen war nicht mehr weit entfernt. Schlimmer noch, jetzt schienen sich jene schlüpfrigen gestaltwandlerischen Boshaftigkeiten von allen Seiten zu nähern.

    »Hier entlang!«, rief McFarlane und zog Julie mit sich. Vor ihnen lag der schmale Weg am Rande der Klippe, dahinter wartete die Rettung. Das schwarze Tor in die Welt der Lebenden. Die Pflastersteine glitzerten nass und tückisch.

    »Trr, Trr‹!« Mit boshafter Intelligenz zogen die obszönen Wesen den Kreis um ihre Opfer enger.

    »Hilf mir!« Julie schrie auf, als sie auf dem abschüssigen Pfad den Halt verlor. Haakons Hand griff ins Leere, der schwarze Abgrund verschlang seine Liebe.

    Sein entsetzter Schrei hallte durch die tiefe Schlucht.

    Haakon erwachte. Er hatte geträumt, aber war es nicht genau so geschehen? Sein Puls raste. Unermessliches Entsetzen erfasste ihn. Im Dämmerlicht der unheilvollen Nebelsonne sah er an sich herab. Grünlich-blaue Tentakel umschlangen seinen nackten Leib, groteske animalische Saugnäpfe hielten ihn wie Schraubstöcke. Der Oktopode öffnete das Auge.

    »Julie«, schluchzte McFaden verzweifelt.

    »Trr, Trr!«

    531 Wörter

    3625 Zeichen

  • Sensenbach

    Wahnsinn, die Geschichte gefällt mir unheimlich gut!

    Besonders das schreckliche Geräusch, ich höre das schon im Hinterkopf ... (Trrr, trrr)

    Die letzte übrig gebliebene Kugel verließ den Lauf mit erlösendem Donner

    hach, so hat wohl noch nie einer den Knall einer Pistolenkugel beschrieben

    Toll! Originelle Ideen und herrliche Beschreibungen!

    Ich glaube inzwischen, bei einer Kurzgeschichte ist das Ende das Wichtigste. Dadurch, das alles so kurz ist, bekommt das ein besonderes Gewicht.

    Mist, jetzt bin ich unter Zugzwang und in meinem Kopf ist bis jetzt nur Chaos.

    »Im Leben bekommst du nicht viele Chancen. Zugreifen oder sie ist weg«, sagte ich. Den Zusatz: Alte Weisheit einer Straßendiebin – verkniff ich mir vorsichtshalber.

    Murissa in "Fluchbrecher"

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Am 24. bin ich meine Reise zu meinen Eltern angetreten und habe dabei endlich die Zeit gefunden, mich der Kurzgeschichte zu widmen. :) Jaaa, ich habe mir ein paar Freiheiten mit den Vorgaben genommen, aber man muss ja irgendwie auch schreiben, was einen zu schreiben juckt. Ich betrachte es ein bisschen als eine Cover-Version. Wer damit nichts anzufangen weiß: Ist nicht schlimm, ich beziehe mich auf ein anderes Buch und man kann ja nicht alles lesen/gelesen haben. :) (Und wer mich kennt, hat vielleicht schon eine Ahnung.)


    Little Drummer Boy

    Die ersten Schritte auf vertrautem Boden seit meiner Reise, meine Lunge atmet bekannten, uringeschwängerten Dunst – Berliner Luft –, alles ist wieder, wie es sein soll. PAM-pam-pam-badattataPAM-pam-pam-badattataPAM-pam-pam-badattataPAM-pam-pam. Nein – nein, nein, nein, ich bin doch gerade erst all den Aalen, Pferdeköpfen, verfluchten Galionsfiguren, beschissenen Nazis und Mitläufern, zerspringendem Glas und der ewigen Ziegelmehlsuppe entkommen. Will der dreijährige Teufel mich jetzt auch noch in meiner Welt verfolgen?
    Ich wende mich um und natürlich steht Oskar hinter mir, das Tor ins literarische Danzig klafft weit offen und lässt auf einen Trauerzug blicken. Lass mich doch einfach in Frieden!, denke ich, aber das Bronskiblau seiner Augen starrt mir tief in die eigenen – und ich befürchte, vielleicht noch tiefer ...
    „Schau mal“, setze ich an, „ wenn du hier bei mir bist, dann kann dein Meister Bebra sein Versprechen gar nicht halten. Du möchtest ihn doch wiedersehen, oder?“ Das beeindruckt Oskar maximal gar nicht. Verdammte Scheiße, Lisa, denk nach, du hast sein Buch doch gelesen! Was könnte diesen Pisser bewegen?
    „Willst du dem kleinen Hochstapler, du weißt schon, dem blöden Jesusknaben in der Herz-Jesu-Kirche, willst du es dem nicht heimzahlen? Ein bisschen den Gips abbrechen, hm?“ Nichts regt sich bei Oskar, nur das ewige PAM-pam-pam-badattataPAM-pam-pam. Mir wird wieder der Trauerzug bewusst. Scheiße, bei dem Kapitel ist er noch gar nicht, es ist doch gerade erst eine Mutter – natürlich!
    Ich atme tief durch, knie mich vor Oskar, den ewig dreijährigen Blechtrommler, und sage: „Oskar, deine Mama kommt nicht wieder, aber ich weiß, dass du wieder jemanden finden wirst, so wie der blöde Jesusjunge seine Maria hat.“
    Mit den letzten Worten erhebe ich mich ...
    „Auf dich wartet auch eine Maria, und deine Roswitha ...“
    Oskars Trommelei kommt, einer Dampflok gleich, langsam zum Stillstand – sind seine Augen etwa feucht?
    ... und gebe dem kleinen Mistkerl einen kräftigen Tritt, der ihn und seine weißrot gelackte Trommel durch das Portal zurück auf den zum Fußende sich verjüngenden Sarg katapultiert.
    Auf Wiedersehen, Oskar, noch ist Polen nicht verloren.
    Ich liebe Literatur.
    Aber in welcher leben will ich nie wieder.

    Häupter auf meine Asche!

  • Danke kalkwiese für deinen Beitrag! Du hast es von einer ganz anderes Seite aufgezogen, aber die Idee, eine Buchfigur zu benutzen, gefällt mir auch sehr gut!

    Ich finde es toll, dass so viele von euch mitgemacht haben, und jetzt habe ich auch endlich selber etwas gebastelt. Da hier schon so viele erstklassige Beiträge gepostet wurden, muss ich mich dafür entschuldigen, dass ich leider an euer Niveau nicht herankomme. Aber vielleicht macht es euch trotzdem Spaß. ALso hier ist meine Geschichte:

    Das Elfenbuch

    Buch der Elfen

    „Bleib dicht neben mir!“ Noch immer hörte Lisa Svondors gellenden Ruf, spürte die sengende Hitze der Feuerriesen, die auf sie zu stürmten. In der Hand das von Raureif überzogene Eisschwert, war sie neben dem Baumelfen vorwärtsgestürmt. Die riesenhaften rotglühenden Gestalten erhitzten die Luft und gaben Lisa das Gefühl, den Dampf eines kochenden Wasserkessels einzuatmen. Aber durch die Furchtlosigkeit Svondors und der anderen Baumelfen ermutigt, stürmte auch Lisa vorwärts und schlug auf den vordersten roten Riesen ein. Ihr eisiger Treffer löschte das Feuer des Feindes. Die vereinigte Kraft der Kältewaffen vereisten den gesamten Waldrand und erstickten die Kraft der Feuerarmee.

    Noch immer erregt durch die Hitze des Gefechtes wanderte Lisa zurück in den Elfenwald, wobei Svondor seinen Arm um ihre Schultern geschlungen hatte und ihr zärtliche Worte ins Ohr hauchte, die sie nicht genau verstand. Diese Elfensprache klang komisch. Ihr Herz schlug seltsam laut, ihre Blicke hingen an Svondors eigenartigen grünlichen Armen und seinen moosartigen Haaren – sie hatte sich Baumelfen etwas anders vorgestellt, es spielte aber nicht so eine große Rolle. Nichts spielte eine Rolle außer dem sehnsüchtigen Ton seiner Worte ... und der mächtigen Eiche, auf welche sie zuschritten und in deren Mitte sich eine Öffnung zeigte.

    Natürlich wohnt er in einem Baum, wo auch sonst, überlegte Lisa und ließ sich staunend in den hölzernen Raum hineinführen, der durch helles, durch Astlöcher hineinströmendes Sonnenlicht erhellt wurde. Im Inneren des Baumes gab es Holzbänke, auf die sie sich setzten. Lisa schien mit ihrem Platz zu verschmelzen. Ihre Hand wuchs in das Holz hinein, wurde eins mit der Eiche, sie spürte die saftige Flüssigkeit durch das Holz fließen, fühlte die Süße der grünen Blätter, die in ihre Adern hineinfloss, sogar den Nektar der Sonne, der von der Baumkrone her durch ihre Kehle rann und fühlte dann die Hand des Elfen auf ihre Schultern wandern und in trunkener Glückseligkeit von ihr Besitz ergreifen ...

    Ein plötzlicher Windstoß riss sie so gewaltsam aus dem Baum heraus, dass es sich anfühlte, als zerrisse er die Wurzeln von ihren Händen. Sie wurde fortgezogen wie mit Orkankraft. Etwas neben ihr blätterte, der Wind der vielen Buchseiten pustete ihr ins Gesicht und zerrte an ihren Gliedern. Polternd fiel sie zu Boden.

    Verwirrt hob sie den Kopf. Sie befand sich im Museum für Phantastik, und neben ihr lag noch das aufgeschlagene Buch, aus dem sie eben herausgefallen war.

    Dabei hatte sie nur ein wenig darin geblättert, bis sie etwas in das Buch hineingezogen hatte und von einem Moment zum anderen war sie mitten in Svondors Heer gelandet, mit einem Eisschwert in der Hand. Es geht also! Sie hatte immer davon geträumt, so in ein Buch eintauchen zu können. Vielleicht war es nicht zum ersten Mal passiert. Sie war wohl schon in einigen Büchern sehr tief drin gewesen.

    Oder war war doch zum ersten Mal passiert. Denn als sie aufstand, erkannte sie neben sich Svondor. In dem künstlichen Licht des großen Raumes, welches die zahlreichen Gemälde an den Wänden beleuchtete, sah seine Haut extrem grün aus. Selbst ein Marsmensch würde sich bei seinem Anblick wohl noch hinter der nächsten Tür verstecken.

    „Was ist das?“, rief er verwirrt und zückte sein Eisschwert, worauf der Boden zu seinem Füßen sich mit einer weißen Schicht aus Raureif überzog. Ob das ein Traum war? Oder sie war immer noch in dem Buch drin? Egal. Umso schöner, wenn sie Svondor behalten könnte! Eilig nahm sie ihre Jacke, die sie unter dem Arm getragen hatte, und zog sie ihm über, wobei sie darauf achtete, seine moosigen Haare unter der Kapuze zu verstecken.

    „Alles gut“, erklärte sie ihm beruhigend, wobei sie hoffte, er würde ihre Worte ungefähr verstehen, „komm mit, ich zeig dir meine WG. Also den ... äh ... Baum, wo ich wohne.“

    Ob Stefan und Susi wohl beim Anblick des Baumelfen die Polizei rufen würden? Aber sie könnte sagen, es wäre so eine Art Halloween-Gag.

    Klappt schon.

    Svondor hörte zwar jetzt auf, mit seinem Schwert zu fuchteln, jedoch ließ er sich auch nicht bewegen, es wieder einzustecken.

    „Wo sind eure Bäume?“, fragte er verunsichert und starrte aus dem Fenster, wo sich der Museumsvorplatz mit den Bushaltestellen und dem Autobahnzubringer befand.

    „Komm“, wies Lisa ihn an und beschloss, am Zentralpark vorbeizugehen und auf dem Weg dorthin am Mediamarkt vorbei, wo eine einsame Buche wuchs. Das würde ihn hoffentlich beruhigen.

    Lisa führte den Baumelfen in den Gang hinaus, vorbei an Räumen, die mit „Zwergenstube“ und „Orkland“ betitelt waren. Es war kein Mensch mehr hier, war sie so lange fort gewesen? Hoffentlich wartete der Bus noch.

    Eine Traube von Menschen kam die Treppe hoch, ihnen entgegen. Die Kommilitonen, mit denen sie gekommen war, ganz vorn erkannte sie ihre Freundin Emma.

    Komisch, dass alle zusammen kommen. Dass Emma so weiß ist im Gesicht.

    Svondor hob sein Schwert.

    „Zurück, es sind Nachtwesen“, fauchte er.

    „Beruhige dich, wir sind in der Menschenwelt“, beeilte sich Lisa zu erklären. „Hier gibt es keine ...“

    Ihr Blick fiel auf den Raum seitlich neben der Treppe mit der Aufschrift „Transsilvanien“.

    Und auf das aufgeschlagene, zerstörte Buch vor der Tür.


    »Im Leben bekommst du nicht viele Chancen. Zugreifen oder sie ist weg«, sagte ich. Den Zusatz: Alte Weisheit einer Straßendiebin – verkniff ich mir vorsichtshalber.

    Murissa in "Fluchbrecher"

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

    Einmal editiert, zuletzt von Kirisha (28. Dezember 2021 um 11:22)

  • „Zurück, es sind Nachtwesen“, fauchte er.

    „Beruhige dich, wir sind in der Menschenwelt“, beeilte sich Lisa zu erklären. „Hier gibt es keine ...“

    Ihr Blick fiel auf den Raum seitlich neben der Treppe mit der Aufschrift „Transsilvanien“. Und das aufgeschlagene, zerstörte Buch vor der Tür.

    Ha! Das Ende hat es wirklich gebracht. Ein sehr schöner Twist :D

  • Heyho Kirisha

    Geile Geschichte!

    Fing für mich völlig bekannt und öde an...aber dann. :) :) :)

    Das mit dem "reingesaugt werden" in ein Buch ist ja nicht gerade neu, das "rausgesaugt werden" ist schon deutlich seltener zu finden.

    Von daher war die Überraschung gelungen - vor allem der Schluß. Da fehlt allerdings noch etwas.

    Und auf das aufgeschlagene, zerstörte Buch vor der Tür.

    Zwei Sätze, zwei Blicke. Dann isses für mich rund.

    Ansonsten :nummer1:

  • Damit wir nicht einschlafen…

    So, ich hätte auf jeden Fall noch Lust eine Kurzgeschichte zu schreiben und nach Sensenbach und Kirisha würde ich diesmal den Anstoss geben.

    Vielleicht kann diesmal jeder etwas mit den Vorgaben anfangen.

    Genre: High Fantasy

    Protagonist: Ein Zauberer/Eine Zauberin

    Ort: Ein Wald/eine Höhle/eine Ruine

    Darüber hinaus maximal zwei Figuren und ein weiterer Ort, etwa 250 Wörter.

    Ich würde mich einfach weiterhin auf das bekannte Schema beziehen. Für die, die nochmal nachlesen wollen: Hier

    Ich hoffe, dass noch mehr Lust haben und dass wieder so gute Geschichten dabei rumkommen, wie die letzten Male :)

    Einmal editiert, zuletzt von Iskaral (4. Januar 2022 um 18:52)

  • Genre: High Fantasy

    Protagonist: Ein Zauberer/Eine Zauberin

    Ort: Ein Wald/eine Höhle/eine Ruine

    Darüber hinaus maximal zwei Figuren und ein weiterer Ort, etwa 250 Wörter.

    Hey Iskaral

    Danke für deine Inspiration, das hat mir gefallen! Ich hab mal versucht, etwas draus zu machen. Eine Höhle habe ich drin, Zauberer leider nicht, außerdem bin ich an der Wortzahl gescheitert - es sind 3800 Wörter geworden. Aber das läuft wohl trotzdem noch unter Kurzgeschichte?

    Ich poste die Story in drei Teilen, damit es nicht zu viel auf einmal wird:

    Wolfsblut

    »Im Leben bekommst du nicht viele Chancen. Zugreifen oder sie ist weg«, sagte ich. Den Zusatz: Alte Weisheit einer Straßendiebin – verkniff ich mir vorsichtshalber.

    Murissa in "Fluchbrecher"

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

    Einmal editiert, zuletzt von Kirisha (7. Januar 2022 um 19:08)