Was lest ihr gerade? (Non-Fantasy)

  • Ich empfehle jedem Interessierten an russischer Literatur erst mal Michail Scholochov's "Geschichten vom Don" oder Ivan Turgenjews "Aufzeichnungen eines Jägers".

    Ohh, was für ein Zufall, Der Wanderer , genau die beiden wurden mir gestern auch empfohlen! Da sich das ja jetzt schon doppelt gewissermaßen, werde ich mal in die Bibliothek aufbrechen.;)

  • Der Wanderer Das schreibe ich mal auf meine Liste. Ich hab sonst nur noch "Der rote Zar" von Paul Watkins gelesen. Aber das ist eher ein Krimi und hat wahrscheinlich nicht so viel Zeitgenössisches ^^

    Prinzipiell find eich Tolstoi auch nicht schwer zu lesen. Er holt halt einfach nur unfassbar weit aus, ehe er mal endlich auf den Punkt kommt, bzw. sich das Drama überhaupt mal zuspitzt :pardon: Das macht mir mehr Mühe als die Namen, der Stil, der Inhalt oder die Story an sich (die ist ja gut :D Zumindest war sie das bei Anna Karenina, aber wie gesagt: Irgendwann hab ich mich halt ernsthaft gefragt, wann er endlich mal die Kurve kratzt XD)

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

    Einmal editiert, zuletzt von Miri ()

  • Puh, durch Krieg&Frieden musste ich mich damals teils auch durchkämpfen, die Namensflut war doch recht groß und an viel kann ich mich leider nicht mehr erinnern. XD

    Austen will ich schon lange mal wieder lesen, beim letzten Mal war wohl mein Englisch noch nicht gut genug um die ganzen Nuancen, Ironie und die Seitenhiebe zu erkennen. Dafür hatte ich bei Dickens damit immer meinen Spaß...
    Ich glaub pride&prejudice könnte ich tatsächlich anfangen, da ich mit Dune grad durch bin. :hmm:

    Le Morte d'Arthur war mir ja echt irgendwann zu hart, seitenlange Aufzählungen wer wen ge-slew-t hat. (vielleicht wäre eine modernere Aufbearbeitung an der Stelle sinnvoller gewesen XD )


    @englische Klassiker: Die Thursday Next - Romane kann ich in dem Zusammenhang echt empfehlen, da lohnt es sich die darin vorkommenden Klassiker zu kennen und (vorab) zu lesen. *g*

  • Le Morte d'Arthur war mir ja echt irgendwann zu hart

    Yep - ist zaeh...


    Bei klassischer englischer Literatur mag ich auch ein paar Amerikaner einwerfen - anlaesslich des Films hatte ich mir damals von Louisa May Alcott 'Little Women' besorgt - das fand ich z.B. auch sehr schoen - und leicht zu lesen (ein bisschen moderner als Austen)

  • Heyho Alcarinque

    Le Morte d'Arthur war mir ja echt irgendwann zu hart, seitenlange Aufzählungen wer wen ge-slew-t hat. (vielleicht wäre eine modernere Aufbearbeitung an der Stelle sinnvoller gewesen XD )

    Bei T.Malory habe ich auch mal irgendwann die Reissleine gezogen, bin dann aber später aber wieder eingestiegen, weil alles um die Artus-Geschichte mein Steckenpferd ist.

    "Moderne" Aufarbeitungen sind meins eher nicht - da geht meistens zuviel von den tatsächlichen Quellen zuungunsten irgend welcher Interpretationen drauf.

    Aber wenn Du es vielleicht kürzer und poetischer magst, empfehle ich die Verse von diesem Herrn hier:

    Alfred Lord Tennyson


    In seinen "Poetical Works" findet man sowohl "Morte d'Arthur" (in dem Tennyson Malory ziemlich "kompakt" zusammenfasst^^) als auch "Idylls of the King in twelve Books", in dem er die gesamte Artussage behandelt. (Das sind in meiner Ausgabe von Macmillan&Co, New York 1899) ungefähr 150 Seiten, wunderschön zu lesen.


    Stadtnymphe

    Ohh, was für ein Zufall, Der Wanderer , genau die beiden wurden mir gestern auch empfohlen!

    Ernsthaft?

    Dann hat der Betreffende einen sehr guten Geschmack.:thumbup:

    Ich bitte unbekannterweise um Grußbestellung.:D

  • Puh, durch Krieg&Frieden musste ich mich damals teils auch durchkämpfen, die Namensflut war doch recht groß und an viel kann ich mich leider nicht mehr erinnern. XD

    Ja, die Namensflut ist schon ernorm und alle so fies zum aussprechen XD Aber in Anna Karenina fand ich es anstrengender, weil die Namen dort teils gefühlt nur aus y und "ski" und "owa" oder noch schlimmer "witsch" bestanden XD

    Aber auf ihre eigene Art haben die Namen einen ganz besonderen der Klang, der gar nicht mal so unästhetisch ist (wenn man sich die Mühe macht sie wenigstens einmal vollständig zu lesen XD)


    Ich hab auch einen Sammelband von Dostojewski mit Kurzgeschichten. Da habe ich aber noch gar nicht reingeschaut. Muss ich aber auch mal unbedingt machen.

    Austen will ich schon lange mal wieder lesen, beim letzten Mal war wohl mein Englisch noch nicht gut genug um die ganzen Nuancen, Ironie und die Seitenhiebe zu erkennen. Dafür hatte ich bei Dickens damit immer meinen Spaß...
    Ich glaub pride&prejudice könnte ich tatsächlich anfangen, da ich mit Dune grad durch bin. :hmm:

    Auf englisch! Das ich nicht lache *bestellt sich das deutsche*
    Ich weiß, dass dabei wahrscheinlich ein paar Wortspiele flöten gehen werden, aber ich glaube nicht, dass mein Englisch gut genug ist, um Austen zu lesen. Ich hab ja nicht mal Harry Potter auf englisch durchgehalten und das ist ja eigentlich nicht schwer ... ^^°


    Einen Dickens hab ich auch rumstehen. "Die Geschichte aus zwei Städten". Soll gut sein ^^

    von Louisa May Alcott 'Little Women'

    Ui, ich wusste gar nicht, dass es dazu ein Buch gibt #Kulturbanause

    War das der Film, in dem Emma Watson mitgespielt hat?

    Das muss ich mir auch auf meine Liste schreiben ... ^^°


    Ohmann! So viele Buch-To-Dos ... Ich hoffe, der Weihnachtsurlaub kommt schnell :D

    Writers aren't exactly people ... they're a whole bunch of people trying to be one person.
    - F. Scott Fitzgerald

  • Ernsthaft?

    Dann hat der Betreffende einen sehr guten Geschmack. :thumbup:

    Ich bitte unbekannterweise um Grußbestellung. :D

    Lieber Der Wanderer , ich kann mich jetzt schon für die Empfehlung wärmstens nur bedanken - Der stille Don ist ja mal wirklich ein Meisterwerk. Ich bin noch nicht so wahnsinnig weit gekommen gestern (gerade: Ausbruch des Krieges), kann das Buch aber kaum noch aus der Hand legen.

    Deswegen -- danke!

  • Identitaet von Francis Fukuyama


    Mal wieder etwas, das mir von der Bibliothekarin meines Vertrauens in die Hand gedrueckt wurde. Den Politologen Fukuyama kennt man ja als Zeitungsleser - 'Das Ende der Geschichte' wird gerne zitiert. Das ist jetzt der erste Text den ich von ihm lese.


    Der erste Eindruck war ein 'Das kann doch nicht sein?!' Die erste Haelfte des Buches geht's darum dass Menschen nicht nur nach Geld und Beduerfnisbefriedigung streben und das rational zu optimieren versuchen wie das die gaengigen Theorien so annehmen, sondern - neue Erkenntnis! - auch nach Anerkennung ihrer Leistung und Werte streben.


    Okay - ich bin jetzt auch an Psychologie interessiert, und als Bild dessen was die Menschen bewegt erscheint mir das erste hoffnungslos laecherlich und die 'neue Erkenntnis' erst mal nicht sehr neu. und dann auch immer noch unvollstaendig - Menschen sind halt kompliziert... Keine Ahnung ob sich wirklich grade erst in der Politologie rumspricht dass Menschen nach Anerkennung streben oder ob das nur ein Kniff des Buches ist.


    Es geht weiter mit einem historischen Ueberblick ueber das aeussere Selbst (das Selbst das in der Gesellschaft gelebt werden kann) und das innere - und der gewagten Behauptung dass Luther diese Unterscheidung in die Welt gebracht hat, indem er den inneren Zugang zum Glauben ueber die aeusseren Rituale gestellt hat. Das Mittelalter kommt in der Erzaehlung weg als eine Karikatur in der gleichgeschaltete Untertanen von der Kirche ein allgemeines Moralsystem verordnet bekommen hatten und der Mensch gar nicht auf die Idee kam sich darueber Gedanken zu machen wer er sein koennte und ob er eine andere Religion haben koennte.


    Fukuyama demonstriert hier eine profunde Unkenntnis des tatsaechlichen Mittelalters - die mittelalterliche Philosophie hatte ja durchaus schon mit Fragen der Vor- vs. Selbstbestimmung zu tun, der mittelalterliche Bauer war kein geknechteter Untertan der demuetig beim Ritter seinen Zehnten ablieferte, sondern ein selbstbewusster Spezialist fuer Urbarmachung von Land der normalerweise bewaffnet unterwegs war - der auch als solcher wertgeschaetzt wurde - und nach der Ablieferung des Zehnten nicht nur erwarten konnte auf einer Party verkoestigt zu werden, sondern auch oft noch mit einem Gegengeschenk nach Hause ging (so steht's zumindest in Texten aus der Zeit). Aufsteiger in den Ritterstand gab es immer wieder mal. Und die 'alte' Religion co-existierte mit der christlichen - fuer manche Dinge ging man eben zum Priester, fuer andere zum Heiler, in finnischen Zauberspruechen wird Jesus gleich neben Ukko angerufen.


    (Die geknechteten Bauern die aus Verzweiflung zum Aufstand greifen und systematische Unterdrueckung anderer religioeser Praxis kennt man aus der Renaissance - als die Fuersten endlich durchregieren konnten und den Feudalismus nicht mehr brauchten, bei der jeder Graf eben auf selbstbewusste Ritter traf, die selbstbewusste Bauern hatten - die alle nach 30 Tagen Vasallendienst nach Hause gegangen sind, egal ob der Krieg fertig war oder nicht...)


    Naja - nach 120 Seiten kommen wir zur Analyse der Gegenwart, und da wird's dann interessanter - es geht um die Frage was 'Wuerde' in 'Die Wuerde des Menschen ist unantastbar' bedeutet, oder den Zielkonflikt zwischen 'eine demokratischen Nation kann ihren Buergern nicht vorschreiben was sie zu denken haben' und 'es muss klar sein wer in einer demokratischen Nation mitbestimmen darf, sonst funktioniert sie nicht', um das Problem dass man eben gemeinsame Werte und einen Weg ueber Erfahrungen zu reden braucht um einen Staat zu bauen, und deswegen nicht weiterkommt wenn man jede Lebenserfahrung als 'authentisch und damit unhinterfragbar' ansieht. Ebenso das Problem, dass wenn man jedem Anerkennung und Wuerde zusprechen will, das dann eben auch fuer Vergewaltiger und Moerder gilt - eine Gesellschaft zum sinnvollen funktionieren aber irgendwie einen Weg braucht, Leistung fuer die Gemeinschaft besonders anzuerkennen.


    Damit dann also die Ueberleitung zu modernen Gesellschaften, der wachsenden Atomisierung in Interessengruppen die keine gemeinsame Sprache mehr finden, der therapeutische Ansatz bei dem das Selbstwertgefuehl des Einzelnen gesteigert werden soll und unloesbare Forderungen an die Politik nach gesellschaftlicher Wertschaetzung jeder Eigenart.


    Hier wird das Buch spannender und liefert wahrscheinlich viel lesenswertes wenn man sich nicht schon (wie Yours Truly) in Diskussionen mit einer guten Freundin philosophisch an dem Thema abgearbeitet hat.


    Insgesamt muss ich aber sagen, dass ich ein bisschen enttaeuscht bin - dafuer dass Fukuyama so ein bekannter Name ist, sind schon recht viele handwerkliche Fehler drin.

  • So, ich habe just "Der stille Don " (Teil 1), wie von Der Wanderer empfohlen, beendet. Hier mein taufrischer Eindruck.

    Scholochow versteht es, Atmosphären zu beschreiben, Landschaften und Gesellschaften nachvollziehbar darzustellen. Hin und wieder ist es sogar ganz amüsant, die Dialoge zu verfolgen. Der Band, den ich besitze, beinhaltet bereits zwei Bände (das mag nun widersprüchlich klingen); im ersten dessen ging es um das traditionelle Landleben der Kosaken und das hat mir gut gefallen. Im Großen und Ganzen eben die Verstrickungen von Familien, Liebe, Verrat, Heirat, Tod. Bis man dann zu Teil 2 kommt, in dem sich alles komplizierter gestaltet. Tatsächlich schwer zu merkende russische Namen überhäufen einander, wir bekommen ein eindrucksvoll lebendig-schreckliches Bild des Ersten Weltkriegs gezeichnet. Sollte sich jemand von euch entschließen, dies zu lesen, kann ich nur empfehlen, wirklich konzentriert bei der Sache zu bleiben. Die vielen Verwicklungen, Frontgeschehnisse, verschiedenen Seiten und Positionen haben es in sich. Scholochow schreckt auch nicht vor den unmenschlichen Seiten zurück, er erzählt sie genauso eindringlich und ungekünstelt. Zwischendrin blühen, metaphorisch stark angereichert, wunderschöne Beschreibungen über die Landschaft und den Fluss Don, Namensgeber des Buchs. Diese Landschaftspanoramen kehren immer wieder zurück und bilden einen Rahmen, der das Grauen innerhalb des Plots reflektiert, z.B. wenn ein zu den Bolschewiken übergelaufener Kosak erschossen, über seinem Grab eine Kapelle aufgebaut wird und in den Zweigen ringsum dann die Vögel nisten - der Inbegriff von neuem Leben, das aus altem entspringt.

    Was ich besonders faszinierend fand zu lesen, war, wie Scholochow Gruppendynamiken beschreibt. Besonders eingängig vollzog sich das an einer Szene, in der die unterlegenen Rotgardisten sich den Kosaken ergeben - beide Gruppen kennen sich aus ihren Dörfern, sind quasi Nachbarn, kennen sich also gut, kämpfen aber gegeneinander. Es ist Ostern, die Rotgardisten wollten sich nicht unbedingt ergeben, sondern die Revolution vorantreiben, sind jedoch in der krassen Unterzahl und umzingelt. Als sie die weiße Fahne schwenken, reagiert ein Großteil der Kosaken erleichtert, nicht gegen sie kämpfen/ sie umbringen zu müssen, und man begrüßt sich fast euphorisch, räumt ein paar alte Vorurteile aus ("Was, ihr glaubt immer noch an Gott? Uns wurde erzählt, die Bolschewiki beten jetzt den Teufel an!") und alles scheint gut --- bis sich die Stimmung innerhalb von Sekunden umwälzt, weil die Rotgardisten ihre Waffen nicht abgeben wollen. Und blitzschnell, tatsächlich handelt es sich nur um eine Seite, kippt alles und die Kosaken brüllen durcheinander, man solle die Bolschewiken erschießen. Was dann auch durchgezogen wird - auch hier scheut Scholochow keine Mühen, alles realistisch und eindringlich zu beschreiben. Derartige Gruppendynamiken tauchen häufig auf, bei Delegationsversammlungen, Familienfeiern, im Schützengraben, Offiziersgesprächen etc, und oft musste ich mir eingestehen: So unlogisch es sich zunächst anhören, der Mensch ist genau so, er ändert schnell die Meinung, wenn sich äußerst entscheidende Grundlagen auch ändern.

    Jedenfalls gibt "Der stille Don" eine interessante Perspektive der Kosaken in der Oktoberrevolution und danach. Bereits vertraute Eckpunkte (der Zar wird abgesetzt und später hingerichtet) werden nur am Rande erwähnt. Teilweise wirkten die Geschehnisse verworren und kompliziert auf mich, waren es mit Sicherheit aber auch wirklich. Kriegswirren hatten es nun so in sich.

    Abschließend kann ich sagen: Dieser Roman hat es in sich, er hat mich nachhaltig beeindruckt, und Plagiatsvorwürfe und Mitgliedschaft in der Partei hin oder her, finde ich den Nobelpreis begründet.

    Man sollte sich "Der stille Don" aber wirklich nur genehmigen, wenn man die harte Kost von Verwirrungen und Verstrickungen auch durchhalten will.

  • Es koennte alles anders sein von Harald Welzer


    Ich mochte schon das erste Welzer-Buch wegen seiner 'can-do attitude' und seinem Humor - bei ihm fuehren die Probleme der Welt halt nicht in Resignation angesichts der (schon wieder nahenden) Katastrophe oder Alarmismus, sondern man bekommt gleich das Gefuehl dass man eben einfach mal anfangen kann was zu machen.


    Es geht also... um einen Entwurf fuer eine bessere Zukunft. Vermengt mit einer Analyse was an der Gegenwart eigentlich gut und was schlecht laeuft. Mit recht viel humorvollen Betrachtungen wie das mit der Gegenwart denn so ist - und Exkursen wie das denn in der Vergangenheit so war was wir heute als ganz selbstverstaendlich hinnehmen.


    Zum Beispiel der Erkenntnis, dass von jedem Menschen heute erwartet wird, dass er nahtlos in verschiedene Rollen schluepfen kann - von Angestellter in der Arbeit zu Vereinsvorsitzendem danach zu Familienvater zu Hause - und dass man jeden Menschen der auf alle diese Situationen mit der gleichen Art antworten wuerde therapieren wuerde, weil ganz offenbar was mit ihm falsch ist. Dass es aber die gleiche Flexibilitaet ist, die es Menschen problemlos ermoeglicht sich erst ueber den Zustand des Klimas zu sorgen und gleich danach eine Kreuzfahrt zu buchen. Weswegen es nichts am Verhalten von Menschen aendert, wenn man sie, nachdem sie besorgt sind, durch noch mehr Information noch besorgter zu machen versucht.


    Ebenso interessant die Beobachtung, dass Menschen wohl nicht das, wonach sie die meiste Zeitt streben, in ihrer Todesanzeige lesen wollten - niemand moechte dass da von ihm geschrieben wird dass er sich einen Porsche leisten konnte und sechs Kreuzfahrten gemacht hat - sogar mal eine auf der Queen Mary - sondern dass man da eben lesen moechte dass man ein fuer andere besonderer Mensch war der vermisst wird. Nur - waere es dann nicht sinnvoller danach streben viel Zeit mit anderen Menschen zu verbringen statt sich um Auto und Kreuzfahrt zu bemuehen?


    Das sind so Analysen von Welzer, und ich kann seine Buecher nur jedem empfehlen der angesichts des Zustandes der Welt gelegentlich zur Depression neigt.

  • Ich habe heute Hundejahre von Günter Grass begonnen. Das ist Teil 3 der sogenannten Danziger Trilogie (Die Blechtrommel, Katz und Maus, Hundejahre), die eigentlich eine Tetralogie ist, weil in den 2000ern noch die Novelle Im Krebsgang dazu kam, die Figuren aus diesen Büchern wieder aufgreift.

    Die drei Bücher der Trilogie entstanden aber in einer relativ zusammenhängenden Schreibphase von 7 Jahren und sind damit also auch vom Stil und der Attitüde sehr ähnlich.

    Nun also Hundejahre. Grass' Prosa bleibt wild und kompromisslos, wie zu erwarten, und es stellt sich die Frage, warum ich sowas überhaupt lese (komme ich gleich drauf zurück). Hundejahre ist in drei Bücher unterteilt (Frühschichten, Liebesbriefe und Die Materniaden) und alle drei haben relativ kurze Kapitel (Die Briefe sind halt Briefe, dort gibt es keine Kapitel).

    Nun habe ich die ersten vier Frühschichten gelesen und stelle fest, dass der Roman ziemlich ambitioniert ist, womit wir wieder zur Prosa kommen. Grass lasst Handlungen parallel passieren. Es gibt also zwei Ortr bzw. Zeitebeben und alternierend im Fliestext hüpft er von einer Handlung zur anderen. Grass sagte mal, er habe viel von Alfred Döblin gelernt und der macht ähnliches wohl auch in Berlin Alexanderplatz, aber das allein macht es nicht anstrengend zu lesen. Denn da sind noch die ewig langen Sätze, die Verweise auf Dinge, die ich einfach nicht kenne (bspw. Gottheiten der Prussen oder Ortsnamen), dann sind da an sich interessante Stilmittel, wie Aufzählungen ohne Kommata, die ich zu schätzen weiß, die heute aber wohl zu recht kaum benutzt werden etc. Es ist viel. Es ist überladen. Die Satze folgen einem Rhythmus, der eigentlich gesprochen werden will und den man dafür erst entschlüsseln muss. So würde ich nicht schreiben wollen.

    Warum lese ich dann sowas? Und auch noch freiwillig? Ja, keine Ahnung. Weil es halt irgendwie cool ist? So ein Ding reißt alle Gewohnheiten ein und zeigt einem kompromisslos: "Guck mal: All das kann man machen. Und all das wurde gemacht."

    Und irgendwie weckt es das Bewusstsein dafür, dass Kunst mal deutlich freier gewesen sein muss als heute.


    Parallel zu diesem Mammut habe ich ein einfacheres Buch im Gepäck: noch immer Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet.

    Da hab ich noch an die 100 Seiten und mein Bücherkonsum hat für die Forenanthologie auch etwas geruht. Jedenfalls nehme ich ein "leichteres" Buch in die Hand, wenn ich das "schwerere" Buch nicht mehr sehen kann ... Lesekonsistenz schlägt Masse an gelesenen Seiten. :)

    [Schlaue, tiefgreifende Lebensweisheit]

  • Ich verleibe mir gerade "STORY" von Robert McKee ein. Wobei man hierzu wohl besser sagen sollte: STORY - Die Prinzpien des Drehbuchschreibens. Obwohl ich beim Anblick von den meisten "Ratgeber" das nackte Grauen empfinde, ist McKees Werk über das Drehbuchschreiben mehr als nur ein Ratgeber. Es ist eine Reise durch die Filmgeschichte, die menschliche Psychologie und eine wunderbar humorvoll aufgemachte Abhandlung über das Sehnen des Menschen nach Unterhaltung.


    Was ist Unterhaltung überhaupt? Wieso erzählen wir Menschen uns seit Anbeginn Geschichten? Wie funktioniert die Fantasie? Welche Impulse sind ausschlaggebend, dass wir Menschen gebannt auf die Leinwand schauen, dass wir gierig ein Buch umblättern und lesen und staunen. Die meisten Menschen haben durch Bücher und Filme Dinge gelernt, die ihnen kein anderer Mensch beibringen konnte - oder wollte. Wir Menschen fühlen Literatur, das Kino und das Theater. Unterhaltung prägt uns. Wir wollen durch fiktive Welten und Abenteuer lernen. Wir wollen, dass uns fiktive Charaktere, in die wir uns einfühlen können, die Welt und ihre sonderbaren Regeln erklären.


    Während dieses Ausflugs in die Welt der Drehbücher und den "WOW!"-Momenten auf der Leinwand (und in Romanen) bringt McKee keine "Tipps", sondern viel mehr Ideen und Anregungen, was ein Autor wissen und vor allem beherrschen muss, wenn er die Leser und Zuschauer begeistern, wenn er Emotionen auslösen und Erstaunen wecken will.


    McKee schreibt wunderbar anschaulich, wieso es so tragisch ist, dass die "Unterhaltung für die Masse" immer mehr abstumpft und auf laute Effekte und "große Namen" setzt, die die Stille der fehlenden Story ausgleichen sollen. Er analysiert die Kunst des Schreibens in einer klaren Sprache, die man gut und vor allem sehr gerne liest.

    Mein persönlicher Tipp für alle, die sich für Filme interessieren, das Drehbuchschreiben und die Kunst des Schreibens an sich. 8)

  • Nykyaikainen Ilmasodankäynti (Moderne Luftkriegsfuehrung) von Pentti Perttula


    Das Genre des populaerwissenschaftlichen Militaersachbuchs war mir in der Form neu - es geht in dem Buch also geradeheraus um diverse Analysen ohne dass Ruecksicht auf Befindlichkeiten genommen werden. Unter anderem um Fragen wie 'Wirken strategische Bombardierungen?' (selten, praktisch nur unter optimalen Umstaenden), 'Wie lange kann man bei einem modernen Krieg damit rechnen Flugzeugtraeger zu haben?' (24 Stunden), 'Wie teuer waere es, China zu bombardieren?' (22 Milliarden US$) oder 'Ist die F-35 ein lausiges Jagdflugszeug?' (Ja, die typische Gefechtsdistanz hat sich auf mehr als 20 km vergroessert, da ist es wichtiger ein fliegendes, Stealth-Datenzentrum zu haben als gute Flugeigenschaften.) oder 'Macht das Deep Strike LRS-B Programm der USA Sinn?' (Eher nicht, fuer den Preis eines Flugzeugs koennte man gut 3000 Marschflugkoerper erwerben die vermutlich eine bessere Wirkung haetten).


    Es werden Szenarien durchgespielt wie sich eine russische Besetzung des Baltikums abspielen koennte, oder wie es im chinesischen Meer weitergehen koennte - generell war mir nicht klar dass die USAF ohne groessere Probleme mit dem vereinigten Rest der Welt in einer Auseinandersetzung um die Lufthoheit fertig werden wuerde... - nicht nur hat die eine numerische Uebermacht, sondern auch die F-22, den einzigen modernen Stealth-Jaeger).


    Wenn man sich also mal dran gewoehnt hat dass der Autor beilaeufig den Einsatz von taktischen Nuklearwaffen gegen Schweden in Erwaegung zieht und so, dann ist es recht erhellend zu lesen.


    Der Ausblick auf die Zukunft ist... spooky. Perttula ist ein grosser Fan von autonomen Flugkoerpern die selbststaendig Aufgaben erfuellen, oder sogar Schwaermen davon die sich spontan organisieren - denn die tun nur was ihnen einprogrammiert wurde. Thorsten hingegen hat zu viel programmiert um sowas zu glauben - Computer tun fast immer alles moegliche andere als man sich so denkt wenn das Programm nur komplex genug ist.

  • Huijauksen anatomia (Anatomie des Betrugs) von Pete Poskiparta und Jose Ahonen


    Ein Handbuch fuer Con-Artists (oder besser, solche die sie erkennen wollen) - wie cool ist das?


    Das Buch ist von zwei Buehnenmagiern die sich mit der Frage beschaeftigen welche Einfallstore man benutzt um Leute zu betruegen und welche Mechanismen dann greifen um Betrug nicht nur moeglich, sondern einfach zu machen. Die beiden haben auch eine Fernsehkarriere in der sie bestimmte Betrugsmaschen live ausprobieren (und danach natuerlich die Beute zurueckgeben) - so dass man auch von Praxisbezug reden kann.


    Bisher habe ich schon erfahren wie man sich eine Playstation aneignen kann ohne dafuer zu bezahlen...


    Eine tolle Inspiration wenn man ueber solche Leute schreiben will ('The Lies of Locke Lamora' ist eine Fantasy-Version von Con-Artists, und eines der interessantesten Fantasy-Buecher die ich kenne...)

  • Missä kaikki ovat? (Wo sind alle?) von Stephen Webb


    50 moegliche Erklaerungen des Fermi-Paradoxons.


    Es geht um die Frage - warum sehen wir keine Ausserirdischen, finden keine Signale von ihnen, sehen keine Spuren von ihren Besuchen? Das ist ein Problem, weil es so wahnsinnig viele Sterne in der Galaxis gibt und es die schon so lange gibt, so dass man selbst unter pessimistischen Annahmen wie oft Intelligenz entsteht mindestens ein paar tausend aktive Zivilisationen finden muesste. Viele koennten schon vor einer Milliarde Jahren aktiv geworden sein, sie hatten also alle Zeit der Welt was auch immer sie an Technik brauchen zu entwickeln, und selbst mit Technologie die in unserer Reichweite waere koennte man die Galaxis in ~10-50 Millionen Jahren besiedeln.


    Das Buch listet 50 Erklaerungsansaetze auf - von 'sie sind schon laengst hier' ueber 'sie sind da draussen, aber die technischen Schwierigkeiten einer interstellaren Reise sind viel hoeher als erwartet' zu 'Kulturen neigen dazu sich umzubringen wenn sie eine bestimmte Technik erreicht haben' zu 'wir sind tatsaechlich alleine'.


    Fuer alles lassen sich Pro- und Con Argumente finden, und eine Loesung gibt es natuerlich nicht, aber es liest sich sehr faszinierend - wie Sensenbach bald merken wird habe ich fuer meine SciFi Geschichten auch sehr viel ueber das Fermi-Paradox nachgesonnen und meine eigene fiktionale Loesung gestrickt.

  • Was ich immer mal wieder gerne rauskrame, ist diese kleine, aber wunderschöne Erzählung von Eric-Emmanuel Schmitt, die er nach seinem gleichnamigen Theaterstück verfasst hat:



    In berührender Weise erzählt Schmitt eine "...religionsübergreifende Parabel über Toleranz, Weisheit, Fatalismus und Herzensgüte. Und über eine ungewöhnliche Freundschaft."


    Daß der "Araber an der Ecke", wie Monsieur Ibrahim auf der ganzen Rue Bleue genannt wird, eigentlich gar keiner ist, findet der junge Moses, der den kleinen Laden anfänglich nur besucht, um dort Konserven zu klauen schnell heraus. Eher ein Weiser, einer, der die Geheimnisse des Glücks und des Lächelns zu kennen scheint, die Moses anfänglich bei den Huren seines Viertels sucht.

    Und der ihm sehr schnell zu einem Freund wird, der ihm in den vielen kleinen Dingen erklärt, worauf es im Leben wirklich ankommt.

    Nachdem sich sein Vater umbringt, wird der Junge kurzerhand von Monsieur Ibrahim adoptiert, der ihm in den folgenden Tagen und Monaten auf einer Art Erziehungs- und Bildungsreise die Schönheiten und die Werte der Welt, den Weg zum Glück und den Sinn für das „richtige“ Leben nahebringt, wie ihn die Leitsätze des Koran wegweisend lehrten.


    E.-E. Schmitt's Geschichte umfasst nur etwa 10.000 Wörter - nicht gerade viel für eine Erzählung von Freundschaft und Coming-of-Age. Aber dafür inhaltlich umso reichhaltiger. Man kann die Geschichte in einer kleinen Stunde gelesen haben.

    Aber man liest sie gerne noch ein zweites Mal. Und ein drittes Mal.


  • Pimeän aineen arvoitus (Raetsel der dunklen Materie) von Tommi Tenkanen


    Ich dachte ich kann mal reinschauen ob's Neuigkeiten aus der Welt der dunklen Materie gibt (das Zeug das unter anderem unsere Galaxie in einem grossen Halo umgibt, das aber nur durch seine Gravitation merkbar ist und ansonsten unsichtbar bleibt weil es mit normaler Materie nicht wechselwirkt - und von dem man immer noch nicht weiss was es eigentlich ist).


    Leider ist das Buch halb eine Ich-Erzaehlung des noch recht jungen Autors 'Wie meine Karriere bisher verlief und was fuer tolle Leute ich bisher getroffen habe' - und... nun ja, die Hochglanzversion davon. Die finnische Teilchenphysikszene ist ja nicht so gross, auch die weltweite kann hoechstens eine Kleinstadt fuellen, von daher kenne ich viele Leute die in dem Buch auftauchen aus eigener Erfahrung.


    Wenn man den Status quo nett zusammenfassen will, dann hat man ein faszinierendes Raetsel an dem ganz viele intelligente Menschen forschen um es bald zu loesen. Wenn man's weniger nett sagen will, dann hat man eine Situation in der keiner eine Ahnung hat in welcher Richtung man ueberhaupt sinnvoll forschen kann, also sind tausende von Theoretikern damit beschaeftigt einen immer-expandierenden Zoo von Modellen zu bauen die weniger durch die wenigen Fakten die man tatsaechlich von dunkler Materie hat als vielmehr durch ihre Fantasie begrenzt sind - und viel Geld wird ausgegeben in der Hoffnung dass sich vielleicht eine dieser Theorien experimentell bestaetigen laesst.


    So ein bisschen wie zu versuchen eine neue Tierart zu finden, aber man weiss nicht, ist es eine Mikrobe oder eher ein Blauwal, wo lebt es eigentlich, was frisst es - koennte das Tier auch auf dem Mars sein?


    Naja, meiner Meinung nach tut's einem Sachbuch nicht gut wenn man erfaehrt dass die Kollegin 'Kathie' gerufen werden durfte und sie ein froehlicher Mensch ist.

  • Heyho Thorsten

    Wenn man's weniger nett sagen will, dann hat man eine Situation in der keiner eine Ahnung hat in welcher Richtung man ueberhaupt sinnvoll forschen kann, also sind tausende von Theoretikern damit beschaeftigt einen immer-expandierenden Zoo von Modellen zu bauen die weniger durch die wenigen Fakten die man tatsaechlich von dunkler Materie hat als vielmehr durch ihre Fantasie begrenzt sind

    Ich verstehe Dein Problem nicht. Wenn tausende Theoretiker unterwegs sind unterstelle ich mal, daß es zumindest einen gibt, der eine praktikable (Hahahaha!) Lösung anschleppt. Falls nicht, ist das eigentlich auch nicht witklich ein Problem: Die meisten Leute finden sich ja nicht mal im Tageslicht (helle Materie) zurecht.

    ^^^^^^

  • Ich verstehe Dein Problem nicht. Wenn tausende Theoretiker unterwegs sind unterstelle ich mal, daß es zumindest einen gibt, der eine praktikable (Hahahaha!) Lösung anschleppt.


    Das haengt an der Erwartung, die man so hat wenn man 'Naturwissenschaft' hoert. Zumindest ich stelle mir dann immer vor dass jemand versucht, was ueber die Natur rauszufinden. Die ist aber hartnaeckig und gibt genaue Erkenntnisse nicht freiwillig preis - da muss man oft ganz viele kleine Komplikationen verstehen und sortieren und Puzzlearbeit machen.


    ***


    Weil's so lustig ist, eine Analogie: Bei einem Historiker, der sich auf die Welt der Wikinger spezialisiert hat, wuerdest Du annehmen dass er sich mit dem, was man ueber die historisch existiert habenden Wikinger wissen kann beschaeftigt, oder?


    Zum Beispiel Mythen - da ist die Quellenlage ja kompliziert. Die Edda wurde erst in christlicher Zeit in Island niedergeschrieben, da hat der christliche Blick vielleicht was veraendert? Andere Quellen sind von Arabern die Wikinger getroffen haben, die haben das vielleicht nicht richtig verstanden. Was auf Runensteinen steht ist oft bruchstueckhaft - etc. Da ist viel Puzzlespiel dabei. Es gibt auch Anomalien - wie dass Odin, der hinterhaeltige und teilweise feige, der oberste Gott in einer Gesellschaft ist die den offenen, tapferen Krieger wertschaetzt. Oder Thor in Frauenkleidern...


    Jetzt ein bisschen Spekulation gehoert schon zum Geschaeft - wenn man aus christlichen Quellen verschienden Schlaglichter lesen kann, dann kann man schon spekulieren - was ist das originale Thema das die versuchen zu beschreiben? Wie koennte die vorchristliche Saga ausgesehen haben?


    Aber was ist damit? Um die Anomalien in einen Kontext einzuordnen postuliert ein Historiker, dass der (bisher nicht erwaehnte) Gott Torfir und sein reicher Sagenzyklus die Erklaerung enthalten, und der Historiker skizziert, wie Torfir's Saga ausgesehen haben koennte. Ein anderer Forscher erklaert Thor in Frauenkleindern indem er die Szene im Kontext eines postulierten Sagenzyklus um Tafr und Safr steckt. Beide Zyklen werden immer weiter ausgearbeitet und detaillierter.


    Dann stellt der Autor des Torfir-Zyklus aber fest dass die ganze Sache irgendwie runder wuerde wenn es Loki nicht gaebe - also entwickelt er die postulierte Saga in einer Welt weiter in der Loki eine brave Erdgottheit ist.


    Nach dem grossen Erfolg mit dem diese spektakulaeren Entdeckungen des Wikingersagenschatzes in der Oeffentlichkeit ankommen versteigt sich der Autor dann zu der Behauptung dass diese Art der historischen Forschung ja schon viel erfolgreicher ist als das oede kramen in alten Dokumenten. Neben Torfir, Tafr und Fafr werden noch drei Dutzend andere Zuklen postuliert - die alle helfen sollen zukunftige archaeologische Funde schnell einzuordnen.


    Verschiedentlich wird postuliert dass sich moeglicherweise Belege fuer die Torfir etc. Saga durch Ausgrabungen auf Malta, Kreta oder Rhodos finden liessen - Expeditionen dorthin bleiben aber ohne Ergebnis.


    Dann aber der ultimative Vorschlag - Asgard koennte unter dem Eis Groenlands liegen, und eine Ausgrabung dort waere der entscheidende Beweis welche der Sagas (Torfir oder Tafr,...) nun die richtige ist. Fuer 5 Milliarden wird also eine Expedition nach Groenland finanziert, mit viel Aufwand an moeglichen Stellen durch das Eis gebohrt - und man findet - nichts.


    Darauf erklaert der Torfir-Historiker, dass es ja nur immer nur eine Moeglichkeit war - aber eine neue Expedition zum Grund des Atlantik koennte endlich klarheit bringen ob Asgard nicht vielleicht das versunkene Atlantis ist.


    ***


    So - ist das alles noch Wissenschaft?


    Der Torfir-Historiker ist eine Analogie auf Ed Witten, der einen Pinoccio-Award in meiner Community dadurch gewonnen hat dass er in einem Interview verkuendet hat dass eine Theorie namens AdS/CFT erfolgreicher als aufwendige Computersimulationen Daten am RHIC-Experiment erklaert. Tatsaechlich ist die Zahl der durch AdS/CFT erklaerten Daten Null (!). Mit der Methode ist es wie... wenn man verstehen will wie der Wind Wasser zu Wellen bewegt, aber dann ohne Computer exakt ausrechnen kann wie sich ein Fluessigkeitstropfen der nicht Wasser ist in einem Vakuum auf einer rotierenden, gewellten Scheibe bewegt - irgendwie niedlich, aber man lernt nicht halb so viel ueber Wellen davon wie man denkt.


    Tafr und Safr hingegen ist auf Lisa Randall gemuenzt, die die Large Extra Dimensions in die Welt gesetzt hat - angenommen in der Welt gibt es mehr als 4 Dimensionen von denen die anderen aber eingerollt sind, und angenommen genau die richtige Anzahl davon ist genau so eingerollt dass man sie am LHC Beschleuniger aufrollen kann - was waeren dann die Konsequenzen? Fuer keine der beiden Annahmen gibt es irgend einen Hinweis, trotzdem wurden die Konsequenzen von tausenden Theoretikern zu Tode gerechnet - mit dem erwartbaren Ergebis dass die LHC-Experimente keinen irgendwie gearteten Hinweis auf LXD gefunden haben. Um genau zu sein hat der LHC keinen irgendwie gearteten Hinweis auf irgendeines der vielen hundert spekulativen Szenarios von 'neuer Physik auf der Teraskala' gefunden - weil die alle auf 'angenommen die Welt ist genau so gestrickt dass wir das Szenario jetzt bald messen koennen' waren.


    Weswegen die Daten fuer die Teilchentheorie schnell uninteressant wurden und inzwischen der naechste, noch viel groessere Beschleuniger gefordert wird.


    Trotzdem sind Torfir und Tafr und Safr sehr populaer - liest sich viel besser als die droege, hartnaeckige Puzzlearbeit der Natur und realen Daten tatsaechlich was abzuringen...