• Hallo Forum :) !


    Über keinen Umstand des Schreibens herrscht wohl mehr Einigkeit als über den wichtigsten sowohl schwierigsten Teil einer Geschichte. Die literarische Hakenleine, mit welcher der Leser eingefangen und gefesselt werden soll, damit er das kostbare, durch Schweiß und Plage gereifte Werk nicht bereits nach wenigen Zeilen kopfschüttelnd aus der Hand legt. Nichts verursacht mehr dämonische Schreibblockaden als das leere Blatt vor den Augen, das man sich entschlossen hat, zur Freude anderer und einem selbst, mit Leben zu erfüllen.
    Genau, ich rede vom pösen, pösen ANFANG!
    Jeder entwickelt so seine eigenen Techniken, mit dem Problem fertig zu werden, vertraut auf sein Gespühr und seine Erfahrung. Mit meist wechselhaftem Erfolg :D . Weil man es tatsächlich nicht lernen noch lehren kann, es ist und bleibt ein Lotteriespiel.
    Sicher ist Euch hier und dort bereits ein Beginn gelungen, auf den Ihr ganz besonders stolz seid und sicher auch schon einmal der eine, bei dem Ihr Euch im Nachhinein die Haare rauftet und fragtet, was Euch da nur geritten haben mag. Krankhaft neugierig, wie ich nun einmal bin, würd ich diese gern kennenlernen ^^ . Nur Mut, her mit Euren Trophäen und Peinlichkeiten, es bleibt ja unter Euresgleichen.



    Um den Anfang zu machen:



    Meine übelste Verlade (Yerkhans Weg)



    "Hose runter," sagte Yerkhan kalt. Er genoss das aufsteigende Gefühl des Triumpfes, dessen er sich sicher war. Endlich hatte er diesen Kerl genau dort wo er ihn haben wollte.
    Kislam schaute ihn erstaunt an, seinen eigenen Ohren nicht trauend. Unsicherheit stahl sich in sein zuvor so selbstsicheres Gehabe. Zischend zog er die Luft ein. "Bist du sicher, dass du das wirklich willst? Jetzt schon?" Yerkhans fester Blick genügte ihm als Antwort. Schicksalsergeben zuckte er mit den Schultern. "Schön, wenn du darauf bestehst. Schau was ich habe und erbleiche!"
    Und nacheinander, während die anderen in dem kleinen Offizierscasino der Stadtmiliz neugierig näher an den Tisch der beiden heranrückten, deckte er das Blatt auf das er auf der Hand hielt: Eremit, Eremit, Eremit und ...



    Ja, hier geht es um ein Kartenspiel. War doch von Anfang an klar, oder :P ?



    Mein übelster Griff ins Klo (Vier Ellen Basiliskenhaut):


    "Ja, du Bester von allen, die ich die Ehre habe zu kennen," sagte Grimvald leichthin, lächelnd, den prall gefüllten Lederbeutel locker schulternd. "Dieses verlorene Nest hat mir genug Zeit meines Lebens gefressen. Ich werde nichts bereuen. Solltest du feststellen, dass du es ohne mich hier nicht mehr aushältst, so finde mich in Cum."


    Damals wusste ich noch nicht die Bedeutung des letzten Wörtchens im Englischen :sack: ...


    Ihr seid am Zug.


    Adler erheben sich in die Lüfte
    aber Wiesel werden nicht in Flugzeugturbinen gesogen

  • Hallo Formorian,


    ich bin selbst auch Geschichtenschreiber, nur hobbymäßig, nichts großes;) Ich werde im Moment noch keine Beispiele von mir posten was einfach den Grund hat, dass ich zuerst meine komplette Geschichte (bzw. den Anfang meiner Geschichte) hier im Forum vorstellen möchte. Naja, ich kann ja trotzdem zu dem Thema: Anfang einer Geschichte mal stellung beziehen.


    Als ich selbst angefangen bin fande ich es wirklich schwer zu entscheiden welche Wortwahl genutzt wird. Habe da immer mit einem Synonymsucher im Internet gearbeitet. Wenn du dich zum Beispiel in einer mittelalterlichen Fantasywelt befindest, sagen wir der Herr der Ringe oder ähnlichem. Hier ein kurzes Beispiel:


    (Es ist ein Unterschied ob ich sage:)


    „Sie war zum angucken schön und trug eine gut polierte und gewaschene Lederhose.“
    oder:
    „Ihr bildhübsches Lächeln verzauberte ihn sofort. Die fein gestrickte Hose machte den Anschein als würde sie eines höheren Standes angehören, zumal sie aus gutem Leder war.“ (auch wenn das mit gestrickt und Leder nicht so gut passt, aber das ist ja auch nur ein Beispiel)


    Statt schön nehme ich da zum Beispiel bildhübsch
    Statt gut poliert und gewaschen zum Beispiel fein gestrickt



    Aber ich persönlich bin jetzt auch kein Fan von zu krassen Verstrickungen wie man sie bei manchen gehobenen Büchern kennt. Da muss ich immer jedes 4te Wort nachgucken was es denn überhaupt heißt und habe teilweise am Ende schon wieder vergessen, worum es am Anfang des Satzes ging. Kennen wir alle. Auch von ellenlangen Ortsbeschreibungen bin ich kein Fan. Ja, man kann sagen:


    „Ihr bildhübsches Lächeln verzauberte ihn sofort. Die fein gestrickte Hose machte den Anschein als würde sie eines höheren Standes angehören, zumal sie aus gutem Leder war. Hinzu kamen die gelbgoldenen Haare auf dem Haupt der Dame, die sich im Wind elegant auf und ab bewegen und ihre zarten Hände die jenen Kindern gehören hätten können, die nun als Sohn und Tochter an ihrer Seite standen.


    Klar, kann man machen. Ich will noch nichtmal sagen dass ich das nicht selbst in meiner Geschichte ab und zu eingebaut habe. Finde ich aber trotzdem nicht so schön.


    Was mir auch am Anfang sehr geholfen hat:
    1. die Ausarbeitung der Hauptpersonen
    Ich kannte meine Protagonisten am Anfang sehr genau was mir im Hinblick auf die Sprachstile und Verhaltensweisen sehr geholfen hat.


    2. klassische Rethorische Mittel
    So sehr ich sie in der Schule auch gehasst habe, und ich habe sie wirklich gehasst, umso mehr helfen sie mir jetzt einigermaßen sprachlich über die Runden zu kommen.


    3. ich habe viel über meine Handlung nachgedacht
    Ich denke da sind wir uns alle einig: Die sprachliche Struktur eines Textes kann noch so gut, brilliant, hervorragend oder absolut atemberaubend sein, das bringt die nix wenn die Handlung schitt ist.


    Zum Ende möchte ich nochmal sagen, dass das keine Tipps von einem Profi sind, der Literatur und oder kreatives Schreiben studiert und sich darin fortgebildet hat. Es kann auch teilweise falsch sein. Jedoch ist es meine persönliche Meinung und die „Tipps“, die mir bei meiner Geschichte geholfen haben.
    :P


    Archer

  • „Ihr bildhübsches Lächeln verzauberte ihn sofort. Die fein gestrickte Hose machte den Anschein als würde sie eines höheren Standes angehören, zumal sie aus gutem Leder war. Hinzu kamen die gelbgoldenen Haare auf dem Haupt der Dame, die sich im Wind elegant auf und ab bewegen und ihre zarten Hände die jenen Kindern gehören hätten können, die nun als Sohn und Tochter an ihrer Seite standen.


    Klar, kann man machen. Ich will noch nichtmal sagen dass ich das nicht selbst in meiner Geschichte ab und zu eingebaut habe. Finde ich aber trotzdem nicht so schön.

    Ich halte es für ziemlich riskant, gleich mit äußerlichen Beschreibungen zu beginnen (vielleicht, weil ich selbst kein Fan kilometerlanger Beschreibungen bin. Da hätte ich echt Angst, dass sich das im weiteren Text munter fortsetzt). Meist beginne ich mit einer rätselhaften Situation oder der Beschreibung von Emotionen, um dem Leser gleich eine oder zwei Unzen Plot in die Hand zu geben.

    Was mir auch am Anfang sehr geholfen hat:
    1. die Ausarbeitung der Hauptpersonen
    Ich kannte meine Protagonisten am Anfang sehr genau was mir im Hinblick auf die Sprachstile und Verhaltensweisen sehr geholfen hat.

    Verstehe ich Dich recht? Das machst Du gleich zu Beginn?


    3. ich habe viel über meine Handlung nachgedacht
    Ich denke da sind wir uns alle einig: Die sprachliche Struktur eines Textes kann noch so gut, brilliant, hervorragend oder absolut atemberaubend sein, das bringt die nix wenn die Handlung schitt ist.

    Absolute Zustimmung.

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  • Zu den Protagonisten:
    Nene, ich meinte nur dass ich mich zwei Monate bevor ich angefangen habe zu schreiben hingesetzt habe und erstmal ein Profil von teilweise 4.000 Wörtern zu meinen Protagonisten geschrieben habe. Ich weiß ja nicht wie das bei anderen ist. Aber mir hat es geholfen und als ich dann angefangen habe zu schreiben, wusste ich mehr über meine Protas als jeder Leser je wissen wird:) daher hab ich das Zepter in der Hand.

  • Hm... ich glaube nicht, dass ich je einen besonders guten Anfang geschrieben habe, außer vielleicht den ersten Post von Ins kalte Wasser. Wobei, jetzt, wenn ich das nochmal lese, fallen mir eine ganze Menge Dinge auf, die ich anders (vielleicht "besser") machen würde :hmm:
    Was ich daran gut fand war, dass ich eigentlich über das mulmige Gefühlt geschrieben habe, eine erste Geschichte im Forum zu posten und viele Formulierungen u.a. der Titel aus einer Unterhaltung im Chat stammen. Das macht für mich den Anfang besonders. Für alle, die das unwissend lesen, wirkt das vielleicht überhaupt nicht. :hmm:

    „Alice, man darf sein Leben nicht nach anderen richten. Du allein musst die Entscheidung fällen.“ [Alice im Wunderland]

  • (Es ist ein Unterschied ob ich sage:)


    „Sie war zum angucken schön und trug eine gut polierte und gewaschene Lederhose.“
    oder:
    „Ihr bildhübsches Lächeln verzauberte ihn sofort. Die fein gestrickte Hose machte den Anschein als würde sie eines höheren Standes angehören, zumal sie aus gutem Leder war.“ (auch wenn das mit gestrickt und Leder nicht so gut passt, aber das ist ja auch nur ein Beispiel)

    Hallihallo!


    Meiner Meinung nach sind diese zwei Geschichten-Fragmente so unterschiedlich, dass ich sie nie und nimmer der gleichen Geschichte zuordnen würde. Die Formulierungen, die Du gewählt hast, beschreiben in gewisser Weise den Protagonisten.


    Im ersten Beispiel ist es (aus meiner Sicht) ein eher kurzdenkender Macho. Er beurteilt sie danach, ob sie was fürs Auge ist...
    Der zweite Prota hingegen sieht ihr Lächeln, und es wirkt auf ihn, er ist bei weitem feinsinniger als Nummero Uno. Er ist in der Lage, mehr als nur ihr "Schön" wahrzunehmen und er läßt sich auch Zeit, das, was er sieht, zu interpretieren.


    Das sind zwei völlig verschiedene Welten, in denen Prota eins und Prota zwei da agieren, oder zumindest, aus denen sie stammen. Eine tiefgründige Romanze kann ich mir im Fall eins nicht wirklich vorstellen, eine prollige Vergewaltigung im Fall zwei nicht. Umgekehrt hielte ich es schon für denkbar...


    -------


    Der Anfang einer Geschichte sollte (zumindest, um mir zu gefallen), mich sofort mittenrein ziehen. Ich mach das Buch auf und bin sofort "dort", wo immer dieses "Dort" auch sein mag. Ich persönlich mag gerne Dialoge, um diese Unmittelbarkeit herzustellen. So, als stünde der Leser auf dem Bahnsteig und hörte ein Gespräch mit an, was das Nachbar-Päärchen führt... Und der Leser entscheidet, ob er mit diesem Päärchen in den gleichen Zug steigt (in die Geschichte eintauchen möchte) oder ob er auf den nächsten Zug wartet...


    Allerdings mach ich diesen Dialog-Anfang nicht auf Deibl-komm-raus. Nur, wo er halt passt, meiner Meinung nach.




    Edit: Auch wenn Du weißt, wie eine Genitiv-Komposition auszusehen hat, ist sie nicht immer am rechten Platz:


    Zitat

    als würde sie eines höheren Standes angehören

    entweder:
    als würde sie eines höheren Standes sein
    oder
    als würde sie einem höheren Stand angehören.

    Der Unterschied zwischen dem, was Du bist und dem, was Du sein möchtest, liegt in dem, was Du tust.
    -------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
    Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?

  • Ich beginne ebenfalls gern und oft mit einem kleinen Dialog. Es signalisiert mMn mehr Lebendigkeit als etwa eine Beschreibung. Sehr gern starte ich aber auch mit einem kleinen Geheimnis, wie etwa in Valerians Gambit:


    Die feste Eichenbohlentür knarrte, als sie kamen, mich zum Schafott zu führen.


    Es geht also um eine Hinrichtung, allerdings wird in der Ich-Form erzählt. Der Prota hat die Sache wohl irgendwie überlebt ...
    Wenn man daraufhin nicht erzählerisch in den Keller fällt, darf man sich seiner "Beute" wohl sicher sein :D .

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    aber Wiesel werden nicht in Flugzeugturbinen gesogen

  • Es geht also um eine Hinrichtung, allerdings wird in der Ich-Form erzählt. Der Prota hat die Sache wohl irgendwie überlebt ...
    Wenn man daraufhin nicht erzählerisch in den Keller fällt, darf man sich seiner "Beute" wohl sicher sein .

    Ich nehme mal an, mit "erzählerisch in den Keller fallen" fallen meinst du qualitativ?
    Weil ehrlich gesagt kann dieser Anfang auch das Gegenteil bewirken und die "Beute" verdreht genervt die Augen so wie ich jetzt :P Ich finde es wirkt immer etwas "unnatürlich" wenn man merkt, dass dieser Satz da mit "Gewalt" platziert wurde, nur damit der erste Satz eben möglichst catchy ist. Ich persönlich mag so konstruierten Text nicht, sondern mag lieber ... natürliche Formulierungen (ist blöd zu beschreiben, ich hoffe, man versteht, was ich meine xD)




    BTT:
    Auf jeden Fall finde ich den absoluten Anfang gar nicht sooo wichtig. Ich gebe einer Geschichte immer mindestens das erste Kapitel, um zu sehen, ob es mir gefällt. Wenn mir das gefällt ist alles in Ordnung (selbst, wenn ich beim ersten Satz die Augen verdrehe :D )
    Aber mir ist lieber, es fängt dezent an und ist inhaltlich gut, als dass ich einen tollen ersten Satz habe, aber der Prolog/das Kapitel an sich mich langweilt oder schon so voll mit pseudoepischen Beschreibungen und Dingen ist, dass es mich nervt.
    Beispiel: Die Zwerge hätte ich beinahe wieder weggelegt, weil der Prolog schon so voller erzwungen epischer Momente und Formulierungen war. Ich hatte nicht das Gefühl, in eine Geschichte gesogen zu werden, sondern eher das Gegenteil.


    Daher würde ich nicht mit aller Gewalt versuchen einen epischen Einstieg zu verfassen. Zb bin ich mir bei Narak noch nicht sicher, ob ich den Prolog so lasse, umschreibe, ersetze oder ganz weglasse - eben weil er genauso episch ist und ich nicht weiß ob es gelungen ist und mr gefällt :pardon: (witzigerweise gibt es nur "sehr gut" oder "brauche ich nicht" bei den Lesern als Feedback, nix dazwischen xD)


    Bei "Zwischen Leben und Tod" war es nie eine Frage, welche Stelle der Geschichte der Prolog wird, da sich diese einfach angeboten hat und der perfekte Aufhänger ist (zumindest für @Jennagon und mich :D Andere mögen das anders sehen xD)


    Wenn die ersten Zeilen eben ruhig sind und langsam in die Geschichte einführen, ohne das ich es merke ist das mindestens genauso gut wie ein klassicher "Eyecatcher" in der ersten Zeile.


    LG Chaos

  • Na, dafuer habt ihr aber einen ziemlich starken Prolog hingelegt...

    Danke :rofl:


    Ich meinte auch den allerersten Satz (und wenn ich lese) :D Das wollte ich mit "absoluten Anfang" ausdrücken xD JA, ich hätte auch einfach "erster Satz" schreiben können :P
    Beim Schreiben versuche ich natürlich schon, einen guten Anfang hinzukriegen, aber ob der erste Satz da jetzt ein Eyecatcher ist oder nicht, ist mir relativ unwichtig - schön, wenn er es (auf "natürliche", nicht konstruierte Art) ist, aber wenn nicht ist es auch ok, solange das Kapitel den Zweck erfüllt und Interesse weckt. Das gilt fürs Schreiben und fürs Lesen gleichermaßen eigentlich :hmm:

  • Der Ich-Erzähler hat ja ohnehin schon das Problem, dass er iwie spoilert weil es quasi nicht möglich ist, dass der stirbt.

    Stimmt, gleich mit einem Spoiler zu starten trifft sicher nicht jedermanns Geschmack :hmm: . Ich verlass mich da einfach auf die Neugier des Lesers, der herausfinden will wie der Typ es eben geschafft hat, aus der Sache rauszukommen. Das kann aber natürlich gewaltig nach hinten losgehen, keine Frage.
    Wie ich oben schon sagte, es ist und bleibt ein Lotteriespiel.

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  • Beim Schreiben versuche ich natürlich schon, einen guten Anfang hinzukriegen, aber ob der erste Satz da jetzt ein Eyecatcher ist oder nicht, ist mir relativ unwichtig - schön, wenn er es (auf "natürliche", nicht konstruierte Art) ist, aber wenn nicht ist es auch ok, solange das Kapitel den Zweck erfüllt und Interesse weckt


    Hm, ich hab' den Verdacht wir meinen was aehnliches, aber ich kann mit der Unterscheidung zwischen 'natuerlich' und 'konstruiert' nichts anfangen - sobald ich irgendwas zu Papier bringe, ist es nicht mehr so wie ich es natuerlich einem Gegenueber im Gespraech erzaehlen wuerde, sondern ich konstruiere an den Saetzen, verwende Synonyme um Wiederholungen zu vermeiden, variiere Satzbau, glaette die Wortwahl zu einer einheitlichen Stilebene...


    Also, ich wuerde es vielleicht so sagen - der Prolog gibt ein Versprechen fuer die Geschichte ab, der erste Satz ein Versprechen fuer den Prolog - daher sollten die idealerweise zu dem Besten gehoeren was die Geschichte zu bieten hat - aber trotzdem zu der Geschichte gehoeren, wenn der Prolog einsam weit ueber der Qualitaet der Geschichte thront und stilistisch ganz anders ist, oder der erste Satz einen brillianten Gedanken ausdrueckt der nie wieder in der Geschichte erreicht wird, dann ist das fatal - ich setze dann typischerweise den Autor wegen 'Etikettenschwindel' auf die 'Never again' Liste.


    (Im Internet gibt's ja diese systematisch als Clickbait designten 'Die 10 tollsten XY' oder '... aber dann geschah etwas ueberraschendes!' - deren Problem ist, dass der geklickte Artikel das dann aber nie hergibt - merkt der Leser auch irgendwann und zieht die Augenbrauen hoch).


    Aber - es kann sein dass der erste Satz so richtig brilliant gefeilt ist - und die Geschichte kann das nachher auch einloesen - die bleibt von Ideen und Tempo so - das funktioniert.


    Bei euch (wenn ich mal aus Zwischen Leben und Tod I zitieren darf):


    Ein eisiger Wind blies Halvar ins Gesicht, während das kleine Beiboot heimlich vom Heck der Aurora zu Wasser gelassen wurde.


    Egal wie Du den geplant hast - das ist ein starker erster Satz. Die Kombination aus 'eisiger Wind', Schiff und 'Wasser' fuehrt sofort zu einem Bild von rauhem Seegang, tiefen, schnell ziehenden Wolken, vielleicht nach einem Sturm, dem Gefuehl von Schaukeln - das setzt die Szene ganz schnell durch eine Assoziationskette. Das 'kleine' Beiboot bringt das Thema von Ausgeliefertsein sein (der geht ja damit in die rauhe See), und das 'heimlich' bringt sofort die Idee von einer gefaehrlichen Aktion - Schmuggel vielleicht, oder etwas aehnliches.


    Die ganze Stimmung ist schon mit dem Satz gesetzt, und den Gegenwind im Gesicht kann man, wenn man mag, auch metaphorisch nehmen. Da sind schon die Haelfte der Themen des Prologs in dem Satz angerissen - ein langsamer Einstieg schaut anders aus :D


    Und - es passt zun Stil des Prologs - es geht so weiter, die Stimmung ist gedrueckt, die Lage unsicher, es ist keine Zeit fuer Brillianz oder Heldentum - insofern loest der Prolog das Versprechen seines ersten Satzes durchaus ein, das passt zusammen und ergibt ein Ganzes.

  • Aber - es kann sein dass der erste Satz so richtig brilliant gefeilt ist - und die Geschichte kann das nachher auch einloesen - die bleibt von Ideen und Tempo so - das funktioniert.

    Eben so wollte ich das "nicht in den Keller fallen" verstanden wissen. Es bringt nichts, einen fetzigen Anmacher vor einen mittelmäßigen Text zu klatschen. Solch eine Mogelpackung wird vom Leser nicht verziehen.


    Es ist schön, dass hier diskutiert wird, aber wo bleiben Eure Beispiele :) ?

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  • [...]wenn der Prolog einsam weit ueber der Qualitaet der Geschichte thront und stilistisch ganz anders ist, oder der erste Satz einen brillianten Gedanken ausdrueckt der nie wieder in der Geschichte erreicht wird, dann ist das fatal - ich setze dann typischerweise den Autor wegen 'Etikettenschwindel' auf die 'Never again' Liste.

    So wie ich @Chaos Rising verstehe, würde genau das unter 'konstruiert' fallen.
    Man erschafft einen Prolog/Beginn, der eigentlich gar nicht dem eigenen Stil entspricht und dessen Qualität anschließend nicht gehalten werden kann bzw. gehalten werden will, da sich der Autor auf lange Sicht u.a. gar nicht damit wohlfühlt.


    Auf Wattpad begegnen mir solche Geschichten jedenfalls zuhauf.
    Es ist gerade ein Phänomen, dass ich bei größtenteils jungen bzw. unerfahrenen Schreibern beobachte.
    Und ja, der Grund hierfür kann in der Tat Clickbait sein. Es wird etwas konstruiert, das nur den Zweck erfüllen soll, Leser zu gewinnen.
    An und für sich ist das ja nichts verwerfliches, aber man sollte m.M.n. schon versuchen "natürlich" bzw. wenn schon, dann "konsistent" in seinem Stil zu bleiben.


    Und nun muss ich doch direkt mal das erste kleine Disagree an @Formorian weiterreichen :D
    Anfänge haben mir noch nie Kopfzerbrechen bereitet oder gar Schreibblockaden verursacht. Im Gegenteil bin ich sogar der Meinung, dass man sich gerade zu Beginn einer Geschichte wunderbar austoben kann und man erst in deren weiteren Verlauf, wenn man sich langsam in ein erzählerisches Korsett begibt, auf (erste) Probleme stößt.


    Wir hatten hier mal ein ähnliches Thema, in dem es im speziellen um "den ersten Satz" einer Geschichte ging. Dort drifteten ja bereits die Meinungen sehr weit auseinander. Auch hier bin ich eher bei Chaos, dass für mich der Anfang nur insofern wichtig ist, um zu sehen, ob ich stilistisch einigermaßen damit klar komme und dann natürlich, ob man mir hier etwas interessantes erzählen möchte.
    Wenn ich also, aufgrund Rechtschreibung und Grammatik, bereits in den ersten Zeilen Augenkrebs bekomme und/oder man mir bspw. eine literarische Exkursion in die Welt der Algebra auftischt, verliert mich die Geschichte so oder so, noch bevor ich mich groß darauf einlassen kann.


    Um noch zu den geforderten Beispielen zu kommen:
    Leider habe ich von mir selbst nur zwei Aktuelle zur Hand, die hier gerne diskutiert/zerrissen werden dürfen. Tobt euch aus! ;) (auch wenn es natürlich ohne Kontext etwas doof ist)


    Wie sollte sie ihn nur töten? Den Speer ins Herz, kurz und schmerzlos? Oder sollte sie ihn mit dem Schwert schneiden? Immer und immer wieder. Mit ihm tanzen, bis er irgendwann den Dreck zu seinen Füßen fressen und anschließend krepieren würde?
    (aus dem Schreibwettbewerb)

    Ein Schatten, welcher langsam von einem Licht verzehrt wurde, hatte sich all die Jahre dort niedergelassen, wo sein alter Freund einst immer auf ihn wartete. Der Ort, den er verließ und vergas, als er alt genug war. In Wirklichkeit jedoch war er nie fortgegangen. Wenn auch sie sich auf hunderte Zungen verteilte, von denen einige nichts weiter als Erscheinungen im Nebel darstellten, die Stimme seines Freundes sprach sein ganzes Leben lang zu ihm. Ein Wispern aus der Dunkelheit, an deren Stelle nun das Licht getreten war.
    (aus einer anderen Kurzgeschichte, die noch hier rumliegt)

    LG Rika

  • Anfänge haben mir noch nie Kopfzerbrechen bereitet oder gar Schreibblockaden verursacht.

    Da bist Du wirklich glücklich zu nennen :) . Wenn ich eine Idee zu einer neuen Story habe, weiß ich sehr genau was alles geschehen soll und auch, warum. Die Initialzündung, die diese Dinge in Gang bringen soll, stellt mich allerdings oft vor die gewaltigsten Probleme ...


    Der Start Deiner "Riesenmilch"-Story hatte mich sofort in die Geschichte reingezogen, und dort blieb ich dann auch :thumbsup: . Der zweite atmet einen Hauch düsterer Poesie, und ich halte ihn künstlerisch für sehr gelungen. Zu meiner Schande muss ich aber gestehen, dass er mich eher abgeschreckt hätte.

    Adler erheben sich in die Lüfte
    aber Wiesel werden nicht in Flugzeugturbinen gesogen

  • Hm, ich hab' den Verdacht wir meinen was aehnliches, aber ich kann mit der Unterscheidung zwischen 'natuerlich' und 'konstruiert' nichts anfangen - sobald ich irgendwas zu Papier bringe, ist es nicht mehr so wie ich es natuerlich einem Gegenueber im Gespraech erzaehlen wuerde, sondern ich konstruiere an den Saetzen, verwende Synonyme um Wiederholungen zu vermeiden, variiere Satzbau, glaette die Wortwahl zu einer einheitlichen Stilebene...


    Also, ich wuerde es vielleicht so sagen - der Prolog gibt ein Versprechen fuer die Geschichte ab, der erste Satz ein Versprechen fuer den Prolog - daher sollten die idealerweise zu dem Besten gehoeren was die Geschichte zu bieten hat - aber trotzdem zu der Geschichte gehoeren, wenn der Prolog einsam weit ueber der Qualitaet der Geschichte thront und stilistisch ganz anders ist, oder der erste Satz einen brillianten Gedanken ausdrueckt der nie wieder in der Geschichte erreicht wird, dann ist das fatal - ich setze dann typischerweise den Autor wegen 'Etikettenschwindel' auf die 'Never again' Liste.

    So wie ich @Chaos Rising verstehe, würde genau das unter 'konstruiert' fallen.
    Man erschafft einen Prolog/Beginn, der eigentlich gar nicht dem eigenen Stil entspricht und dessen Qualität anschließend nicht gehalten werden kann bzw. gehalten werden will, da sich der Autor auf lange Sicht u.a. gar nicht damit wohlfühlt.

    Rika hat das ganz gut zusammengefasst :D
    "Konstruiert" finde ich einerseits, wenn der Stil des Prologs nicht zum Rest der Geschichte passt, sondern einen Standard "anpreist" der dann nicht eingehalten wird. Das kann inhaltlich, sprachlich, "actionmäßig" oder auch Genremäßig sein.
    Andererseits meine ich damit auch, wenn ein Anfang durch übertriebene Formulierungen einfach mit Gewalt episch gestaltet werden soll. (Eventuell würde "erzwungen" besser passen als "konstruiert")
    Um mal arroganterweise bei unserem Prolog zu bleiben :D :

    Ein eisiger Wind blies Halvar ins Gesicht, während das kleine Beiboot heimlich vom Heck der Aurora zu Wasser gelassen wurde.


    Egal wie Du den geplant hast - das ist ein starker erster Satz. Die Kombination aus 'eisiger Wind', Schiff und 'Wasser' fuehrt sofort zu einem Bild von rauhem Seegang, tiefen, schnell ziehenden Wolken, vielleicht nach einem Sturm, dem Gefuehl von Schaukeln - das setzt die Szene ganz schnell durch eine Assoziationskette. Das 'kleine' Beiboot bringt das Thema von Ausgeliefertsein sein (der geht ja damit in die rauhe See), und das 'heimlich' bringt sofort die Idee von einer gefaehrlichen Aktion - Schmuggel vielleicht, oder etwas aehnliches.

    Erstmal danke für das Kompliment :D Der Satz ist schon gewollt stark und schafft ein (hoffentlich) interessantes Bild von Halvar in seiner Nussschale. ABER er unterscheidet sich stilistisch nicht vom Rest der Geschichte. Dahingehend hätte er genausogut aus jeder anderen Seite der Geschichte stammen können. --> Das ist für mich "natürlich".
    Andererseits, als (natürlich maßlos übertriebenes) Beispiel für "erzwungen" (ich will nur zeigen, was ich meine):


    Ein Wind peitschte Halvar mit Todeskälte ins Gesicht, während das marode Beiboot heimlich vom himmelhohen Heck der Aurora in die tosenden Fluten gelassen wurde.


    Ich stelle fest, es ist erschreckend schwer, ein Beispiel zu basteln xD Aber ich hoffe, ihr versteht, was ich meine.
    Mal abgesehen davon, dass es sprachlich fragwürdig ist, finde ich, dass die vielen dramatischen Adjektive eine Gefahr suggerieren, die inhaltlich auch keinen Sinn macht. Bei einem scheinbaren Sturm wird wohl kaum ein (marodes!) Beiboot ausgesetzt werden, da es sofort untergeht etc ...
    Wie gesagt, ich weiß, das ist nicht das beste Beispiel, aber durch die übertriebene Darstellung würde ich eher die Augen verdrehen, als interessiert weiterlesen.


    Die oben angesprochenen Dinge sind auch der Grund, warum ich mir nicht sicher bin, ob ich den Prolog von Narak behalten will. Ich mag ihn grundsätzlich, ich mag die Szene die er darstellt, aber ich mag nicht, dass der Stil so ganz anders ist als im Rest der Geschichte. Normalerweise ist mein Stil sehr klar und deutlich (behaupte ich jetzt mal) aber da eben nicht. Man hat keine Ahnung was da passiert, vollgestopft mit verschiedenen "epischen" Beschreibungen ... Aber ich kann es aus verschiedenen Gründen nicht klarer schreiben. (Spoiler, komplett unbekannte Konzepte etc.) Zudem glaube ich nicht, dass dem Leser was wesentliches fehlen würde, wäre er nicht da :D Da er nur so kurz ist, lasse ich ihn jetzt für das Forum auf jeden Fall mal drin, aber am Ende? Keine Ahnung.
    Weil @Formorian ja Beispiele wollte: Ich kopier ihn euch mal in den Spoiler, falls es jemanden interessiert xD (könnt ihr aber auch getrost als Offtopic ignorieren)


    So, ich hoffe, man versteht, was ich meine :rolleyes:


    Ansonsten kann ich mich Rika noch anschließen: Ich habe auch kein Problem damit, einen passenden Anfang für die Geschichte zu finden
    Ich habe eigentlich immer eine Szene im Kopf, die ein guter Prolog/Einstieg wäre (sein könnte) und hoffentlich die Aufmerksamkeit des Lesers hält. :hmm:
    Also um das klarzustellen: Ich behaupte nicht, dass ich dabei keine Fehler mache :D Nur dass ich kein Problem habe, einen Anfang zu finden xD
    Ob der dann gut ist, ist eine völlig andere Frage (s. Narak)


    LG Chaos

  • Ein Wind peitschte Halvar mit Todeskälte ins Gesicht, während das marode Beiboot heimlich vom himmelhohen Heck der Aurora in die tosenden Fluten gelassen wurde.

    Das ist wirklich ein großartiges never-do!-Beispiel :rofl: ! Doch Du wirst lachen: solche Starts hab ich zur Genüge erlebt, vor allem in den Groschenheftchen meiner Jugendzeit. Man wollte Spannung konstruieren, indem man den Leser mit Superlativen bepflasterte. Heut gelingt dies zum Glück nicht mehr so einfach, der Leser hat gelernt zwischen Talent und Theatralik zu unterscheiden.

    Adler erheben sich in die Lüfte
    aber Wiesel werden nicht in Flugzeugturbinen gesogen

  • Der Anfang ist wie eine Visitenkarte! Ich plane momentan noch die Figuren. Der Plot steht schon grob fest. (Von daher kann ich nichts liefern.) Aber der schlimmste Anfang, den ich gelesen habe, war aus dem Thriller Erebos.
    Der Konflikt wurde erst im zweiten Kapitel vorgestellt. Im ersten Kapitel (spoiler!) ging es wirklich nur darum, dass die Hauptfigur auf den besten Freund wartet, um Basketball zu spielen (spoiler ende!). Ich hab' nur weiter gelesen, weil ich 20€ nicht aus den Fenster werfen wollte. Das Buch hat mir absolut nicht gefallen.


    Aber hier Mal ein kleiner Aufbauplan, den ich oft bei Artikeln über das erste Kapitel lese:
    1. Die Figur wird vorgestellt.
    2. Das Setting wird eingeführt.
    3. Der Konflikt wird klar gemacht.