Zwischen Schatten und Licht

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    • Zwischen Schatten und Licht

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      Hallo Zusammen,

      ich möchte euch hier gerne eine Kurzgeschichte zeigen, die ich vor einiger Zeit mal geschrieben habe.

      Eigentlich ist das ja nicht so ganz mein Metier, wie der eine oder andere vielleicht weiß. Viel lieber beiße ich mir an ausufernden Geschichten die Zähne aus, als dass ich eine Idee auf nur wenige Seiten beschränken könnte. Aber diese Geschichte hier stellt eine Ausnahme dar.
      Ursprünglich hatte ich sie mal als eine Art Schreibübung begonnen, ohne festes Ziel. Vielmehr wollte ich darüber den Kopf frei bekommen, wenn ich in meinem Hauptprojekt gerade mal nicht weiterkam. (Eventuelle Parallelen zu HEAVEN sind deshalb nicht ganz zufällig :pardon: )

      Dann habe ich das Ganze aber eine Weile ruhen lassen und die Idee war schon fast wieder in Vergessenheit geraten, bis sie schließlich von mir wieder aufgegriffen wurde, weil mich jemand dazu inspirierte, die Geschichte in eine völlig andere Richtung weiterzuspinnen.
      Die genauen Hintergründe möchte ich euch gerne am Ende in einen Spoiler packen, weil ich will, dass ihr unvoreingenommen an die Sache herangeht, ohne im Vorfeld schon mit Informationen gefüttert worden zu sein.

      Im Grunde werden es nur zwei Posts…(es ist halt eine wahre Kurzgeschichte) …. Aber ich überlege im Moment ernsthaft, ob ich nicht vielleicht daran weiterschreiben sollte.

      Nun gut. Wir starten mal mit dem ersten Teil. Viel Spaß :D




      Zwischen Schatten und Licht



      Gedankenverloren starrte er auf das Bier, das vor ihm auf dem Tresen stand. Noch nie zuvor hatte er Schaumbläschen dabei beobachtet, wie sie nach und nach zerplatzten, sich langsam auflösten.
      Fasziniert drehte er das Glas in seinen Händen, nahm schließlich einen kräftigen Schluck und spürte, wie ihm die eiskalte Flüssigkeit die Kehle hinunterrann. Ein wahrlich wohlschmeckendes Getränk, wie er zugeben musste. Vielleicht gab es doch das eine oder andere, das man den Menschen zugute heißen konnte.
      Begleitet von einem abfälligen Schnaufen schüttelte er den Kopf, ließ den Blick flüchtig durch den Raum schweifen. An der Bar schräg gegenüber saßen gleich drei dieser niederen Kreaturen, deren sinnloses Geschwätz er nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit mit anhören musste. Nur zu gerne hätte er ihre erbärmliche Unterhaltung ausgeblendet, doch selbst wenn er sich die Ohren zugehalten hätte, wären ihm noch immer ihre einfältigen Gedanken entgegengesprungen. Das war die reinste Folter.
      Mit einem Zug leerte er das Glas. Ein wohliges Gefühl durchströmte seine Glieder, verursachte einen leichten Schwindel. So also fühlte es sich an, wenn der Alkohol seine Wirkung entfaltete, die Sinne berauschte und einen vergessen ließ. Vergessen!
      Wie gerne würde er vergessen, warum er hier war. Aber alles Bier dieser Welt würde nicht ausreichen, seine maßlose Enttäuschung hinfortzuspülen, die Wut auszublenden, die ihn innerlich auffraß. Wie hatte man ihn nur auf so unehrenhafte Weise degradieren können? Ihn ausgerechnet hierher zu schicken, an diesen Ort, wo ihm vor lauter Falschheit ganz schlecht wurde, und ihn obendrein auch noch in eine menschliche Hülle zu stecken, die ihm zu allem Übel nur zur Hälfte gehörte. Die Schmach hallte noch immer in ihm nach wie eine schallende Ohrfeige.
      „Was ist Kleiner? Bekommst du noch eins?“, riss ihn eine monotone Stimme aus seinen Gedanken. Abwartend blickten ihn die ausdruckslosen Augen des Mannes hinter dem Tresen an.
      „Ja, bitte“, hörte er sich selber antworten, während der Wirt bereits nach seinem Glas griff, um es erneut zu befüllen.
      „Kleiner“, hatte er gesagt! Nicht zu fassen! Nur, weil er in dem Körper eines jungen Mannes steckte, und über eine Haut verfügte, die so glatt war, wie die Klinge eines Cherubim-Dolches hielt man ihn für einen Grünspahn. Aber, woher sollte dieses ahnungslose Geschöpf auch wissen, mit wem er es zu tun hatte? Schließlich stand ihm nicht auf die Stirn geschrieben, dass er bereits seit Anbeginn der Zeit existierte und bereits so alt war, dass er sich selber manchmal fragte wie alt. Die Menschen wussten nichts. Rein gar nichts.
      Warum in Aller Herrgottsnamen sollte er sich mit ihren Eigenarten auseinandersetzen? Ihre Wesenszüge studieren, um sie besser verstehen zu lernen? Dass er nicht lachte! Die Menschen waren ihm mindestens ebenso fremd, wie er ihnen. Die oberflächliche Betrachtungsweise und die Art, mit der sie sich Wesen wie ihn vorstellten, kotzte ihn an. Würde auch nur die Hälfte von dem stimmen, was sie sich zusammenreimten, dann müsste er aussehen, wie ein Model aus einem Hochglanzprospekt.
      Bei dem Versuch, sein haltloses Lachen zu unterdrücken, verschluckte er sich an dem Bier und erlitt einen Hustenanfall, der ihm die Tränen in die Augen schießen ließ. Keuchend und noch immer belustigt über seine Feststellung, betrachtete er sein Spiegelbild, das von dem nachschwarzen Hintergrund der Fensterscheibe reflektiert wurde.
      Aus einem Gesicht, wie es jeder haben konnte, umgeben von kurzgeraspelten Haaren, die in einem silbernen Grauton schimmerten, blickten ihm blaue Augen entgegen, die von einem Kranz dichter schwarzer Wimpern eingerahmt waren. Die gedrungene Statur unterstrich seine Durchschnittlichkeit und ließ keinerlei Rückschlüsse auf seine wahre Herkunft zu. So viel stand fest!
      Die Tür schwang auf und die Kälte dieser eisigen Dezembernacht wehte zu ihm herein. Nur beiläufig nahm er die kleine vermummte Gestalt wahr, die an ihm vorbeimarschierte und sich geradewegs auf den hintersten Nischenplatz zubewegte. Dick eingemummelt in einen Mantel, den Schal gleich mehrere Male um den Kopf geschlungen, blitzten nur ein paar rotbraune Locken hervor, in denen sich feine Schneeflocken verfangen hatten.
      Noch ehe er sich ein genaueres Bild von der jungen Frau machen konnte, spürte er die Verzweiflung, die aus ihr herausströmte und ihm regelrecht entgegenschlug, als ob es seine eigene wäre. Die unerwartete Intensität dieses Gefühls traf ihn mit voller Wucht, wie das einschlagende Geschoss eines angreifenden Feindes mitten in die Brust.
      „Ich nehme ein Bier“, rief sie dem Wirt zu, während sie sich aus ihren Sachen schälte. Für einen kurzen Moment streifte ihr Blick den seinen, bevor sie sich hastig von ihm abwandte und sich auf die Sitzbank in der Ecke gleiten ließ, sodass sie aus seinem Sichtfeld verschwand.
      Ihre geröteten Augen ließen nur einen Schluss zu. Sie hatte geweint! Was mochte sie dazu veranlasst haben? Menschen taten das, um dem Gefühl von Trauer, Wut oder Kummer Ausdruck zu verleihen. Manchmal, so glaubte er sich erinnern zu können, taten sie es auch aus Freude.
      „Das Bier für sie geht auf mich“, sagte er schließlich zu dem Wirt. Mit einem Ausdruck von Gleichgültigkeit nickte ihm der Mann hinterm Tresen zu und stellte im nächsten Augenblick zwei gefüllte Gläser vor ihm ab.
      Wollte er das wirklich tun? War er des Wahnsinns, sich hier und jetzt mit einem menschlichen Wesen einzulassen? Noch bevor er den Gedanken zu Ende gedacht hatte, ließ er sich vom Barhocker gleiten. Unsicher suchten seine Füße auf dem Boden festen Halt und kaum stand er aufrecht, glaubte er auch schon, dass sich das Karussell in seinem Kopf in Gang setzte.
      Na das konnte ja heiter werden! Schwankend legte er den Weg bis zu dem Tisch zurück, an dem sie Platz genommen hatte. Mit einer Mischung aus Verwirrung und Ablehnung blickte sie zu ihm auf, als er ihr eines der Gläser hinhielt.
      „Hier“, sagte er freundlich und zog einen Mundwinkel hoch.
      „Danke“, gab sie ihm zur Antwort und griff nach dem Glas während sie ihm einen abschätzenden Blick zuwarf.
      „Was dagegen, wenn ich mich einen Moment setze?“, fragte er und ärgerte sich im nächsten Moment darüber, dass er offensichtlich jeden dritten Buchstaben verschluckt hatte. Er lallte!
      Meine Güte, wenn es das war, was der Alkohol aus einem machte, dann würde er in Zukunft lieber die Finger davon lassen. Wahrscheinlich machte er einen ähnlich jämmerlichen Eindruck, wie die drei Trunkenbolde, die hinter ihm an der Theke inzwischen laut grölend zu singen begonnen hatten.
      Genervt atmete die junge Frau aus. „Zieh` Leine, okay? Ich möchte einfach nur in Ruhe mein Bier trinken, mehr nicht.“
      Trotz der Härte in ihrer Stimme glaubte er eine verborgene Sanftheit heraushören zu können. Scheinbar wurde sie auf einer Frequenz gesendet, die nur er empfangen konnte. Die vielen kleinen Sommersprossen, die sich auf ihrem Gesicht verteilten, sahen lustig aus. Eine verrückte Laune der Natur. Er stellte sich vor, wie sie aussah, wenn sie ihn anlächelte. Wenn ihre Augen vor Glück erstrahlten. Eine schöne Vorstellung.
      „Hallooo!“ Ein schnipsender Finger vor seinem Gesicht riss ihn aus seiner Starre. Unter Aufbringung all seiner Willensstärke versuchte er festen Stand zu bewahren.
      „Geht`s Ihnen nicht gut?“, hörte er ihre Stimme an seinem Ohr, in der nun eine gewisse Sorge mitschwang. Versuchte dieses kleine zierliche Wesen gerade allen Ernstes, sich gegen ihn zu stemmen, damit er nicht vorneüber kippte?
      „Es geht schon wieder“, stieß er hervor und merkte erst jetzt, dass er sich an ihr festklammerte. Mit der freien Hand rieb er sich über die Stirn. Die Umgebung verschwamm vor seinen Augen, fügte sich nur allmählich wieder zu einem scharfen Bild zusammen. Das konnte doch alles nicht wahr sein!
      „Entschuldigen Sie … ich … ich wollte sie wirklich nicht belästigen“, stammelte er und richtete sich mühsam auf, um ihr in die Augen zu blicken.
      „Natürlich nicht!“ Mit einem zischenden Geräusch stieß sie die Luft zwischen den Zähnen aus und schüttelte amüsiert mit dem Kopf. “Ich würde sagen, das hier nehme ich Ihnen besser ab! – Könnten wir hier hinten bitte mal ein Wasser bekommen?“, rief sie dem Wirt zu, während sie das volle Bierglas an sich nahm.
      „Meine Güte, wie viel haben Sie denn intus?“, fragte sie kurz darauf und wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht, als versuche sie, seinen alkoholgetränkten Atem zu neutralisieren.
      „Nur zwei drei Bier“, gab er zurück und erkannte an dem Ausdruck auf ihrem Gesicht, dass sie das für einen schlechten Scherz hielt.
      War es das? Wie lange mochte er schon hier in dieser Spelunke sitzen? Er wusste es nicht mehr. Wenn er ehrlich war, wusste er noch nicht einmal mehr, wie er hier her gekommen war. So war es immer.
      „Wohl eher zwei drei Liter“, sagte sie scherzhaft und durchbrach damit seine Gedanken, bevor sie ihn bei der Schulter fasste. „Kommen Sie, setzen Sie sich.“
      Schwerfällig ließ er sich auf die Bank sinken, während die junge Frau ihm gegenüber auf der anderen Seite des Tisches Platz nahm. Mit einem freundlichen Nicken nahm sie das Wasser entgegen, das der Wirt soeben an den Tisch brachte und reichte es an ihn weiter.
      „Ich bin übrigens Mia!“, sagte sie, als sie ihr Bier hob und es ihm entgegenhielt.
      Verdattert starrte er auf das Glas, bis ihm einfiel, dass es sich hierbei um ein irdisches Trinkritual handelte, welches sie offensichtlich mit ihm zelebrieren wollte. Mit einiger Verspätung tat er es ihr gleich und sie stießen miteinander an.
      Ihr Blick haftete an ihm und das Grün ihrer Augen schimmerte wie die glänzende Oberfläche eines Smaragdsees, wovon es in seinem Reich viele gab. Der Versuch, darin zu lesen und ihre Seele zu ergründen wurde jäh unterbrochen, als sie die Augen abschätzend zusammenkniff und ihn mit schief gelegtem Kopf betrachtete.
      „Haben Sie auch einen Namen? Oder soll ich mir vielleicht einen ausdenken?“, fragte sie herausfordernd, doch mit einem freundlichen Ausdruck im Gesicht.
      „Ehm,…ich… Einen Namen…ich brauche einen Namen… In Windeseile durchforstete er seinen durch den Alkohol benebelten Verstand auf der Suche nach einer Antwort, die ihm unangenehme Fragen ersparen und keine weiteren aufwerfen würde. Leviadin war mit ziemlicher Sicherheit kein gängiger Name unter den Irdischen.
      „John! Mein Name ist John!“, sagte er schließlich mit fester Stimme und hoffte, dass sein Schwindel nicht auffliegen würde. Er war nicht sonderlich gut darin, die Unwahrheit zu sprechen, das lag ganz einfach nicht in seiner Natur.
      „John“, wiederholte Mia und dem zarten Klang ihrer Stimme zu urteilen, gefiel ihr seine Namenswahl.
      „Warum bist du so traurig?“, fragte er sie nun völlig unvermittelt und sprach damit aus, was ihn schon die ganze Zeit über, seit ihrem Eintreten, beschäftigt hatte. „Du hast geweint“, schob er als Erklärung hinterher und deutete auf ihre nach wie vor geröteten Augen, die den ungewöhnlichen Farbton ihrer Iris noch mehr zum Leuchten brachten.
      Sofort bemerkte er, wie sie sich versteifte und sich ein Stück von ihm zurückzog. Offensichtlich waren seine Worte zu direkt und fehlplatziert gewesen.
      Er würde niemals verstehen, warum man erst eine halbe Stunde Konversation betreiben musste, nur um dann endlich zum Punkt zu kommen. Das Leben der Irdischen war ohnehin schon kurz genug. Warum verplemperten sie es dann noch durch sinnfreie Phrasen und unnützes Geplänkel?
      Mia senkte den Blick und fixierte das Bierglas, das vor ihr stand. Dann räusperte sie sich und als sie ihm das nächste Mal in die Augen sah, glaubte er den Schmerz zu erkennen, der in ihr tobte und gegen den sie mit aller Gewalt anzukämpfen versuchte.
      „Männer sind Schweine!“, brachte sie schließlich hervor und versuchte ein Lachen, bevor sie die Lippen aufeinanderpresste und einen Punkt am anderen Ende der Bar fixierte, während sich ihre Augen mit Tränen füllten.
      „Drei Jahre!...“, setzte sie wieder an und schüttelte dabei gedankenverloren mit dem Kopf. „Und dann erwische ich ihn mit dieser sonnenbankgebräunten Tussi aus seinem Philosophiekurs! Dieser blöde Wichser!“
      Einen Moment dachte er darüber nach, was genau sich hinter dieser Aussage verbergen mochte. Er kannte die Gepflogenheiten auf der Erde noch zu wenig, ebenso wie ihm das irdische Balz – und Paarungsverhalten fremd waren. Dennoch kam er zu dem Schluss, dass Mia, in welcher Form auch immer, verletzt worden war.
      Diese Vorstellung versetzte ihm einen tiefen Stich und augenblicklich spürte er, wie eine Woge unerklärlicher Wut über ihn hinweg schwappte.
      Obwohl es laut der ´heiligen Ordnung zum Schutze der Menschen`, - auf die er, ganz nebenbei bemerkt einen Eid geschworen hatte, - seine Pflicht gewesen wäre, jedem Erdling wohlwollend und ohne jeglichen Vorbehalt gegenüberzutreten, verspürte er das unbändige Verlangen, diesem ungehobelten männlichen Exemplar, welches die Schuld an ihrem Zustand trug, einen Besuch abzustatten.
      „Verrat mir, wo ich ihn finde und ich beseitige das Problem für dich!“, schlug er pragmatisch vor und bemühe sich, gegen den inneren Drang anzukämpfen, sein Vorhaben auf der Stelle in die Tat umzusetzen.
      Mit ziemlicher Sicherheit wäre der Hohe Rat nicht begeistert, wenn er einem irdischen Wesen auch nur ein Haar krümmen würde. Seine Aussichten auf eine Strafminderung wegen guter Führung wären in jedem Fall dahin und er würde bis in alle Ewigkeit an diesem Ort verweilen müssen. Aber was machte das schon?
      Nach einem kurzen Moment, den Mia offensichtlich brauchte, um sein Angebot zu überdenken, durchbrach ihr unsicheres Lachen das Schweigen und riss ihn aus seinen Überlegungen.
      „Bist du ein Auftragskiller oder sowas?“, fragte sie und unterstrich die Ironie ihrer Worte mit einem schiefen Grinsen, das ihre Augen aber nicht erreichte.
      „Nicht ganz!“, stieß er hervor und musste über ihren Vergleich schmunzeln. Er hatte noch nie ´beauftragt` werden müssen, um ein anderes Geschöpf zu töten. Wenn man es genau nahm, lag es in seiner Natur und entsprach seiner Bestimmung, wenn auch die Kreaturen, um die es sich hierbei handelte, nicht menschlichen Ursprungs waren.
      Ein dumpfes Piepgeräusch, das aus Mias Handtasche kam, unterbrach seinen Erklärungsversuch und ließ ihn innehalten.
      „Entschuldige“, sagte sie und fing an, in ihrer Tasche zu wühlen. Fasziniert darüber, wie viele Alltagsgegenstände in so einen kleinen Stoffbeutel hineinpassen, beobachtete er, wie Mia den kompletten Inhalt auf dem Tisch auskippte und schließlich fand, wonach sie gesucht hatte: Ihr Mobiltelefon.
      Mit krausgezogener Stirn wischte sie mit dem Finger über das Display und las die eingegangene Nachricht, während sich ihr Gesichtsausdruck zunehmend verdunkelte.
      „Mist, ich muss los!“, sagte sie mit einem Mal und räumte die auf dem Tisch liegenden Sachen wieder zurück in ihre Handtasche.
      „Was ist?“, fragte er und beugte sich ein Stück zu ihr.
      „Meine Tochter … sie sollte heute bei ihrer Oma schlafen … aber sie braucht mich … ich muss gehen.“ Hastig griff sie nach der Jacke, die sie über ihren Stuhl gehängt hatte und warf sie sich über, während sie sich bereits von ihrem Sitz erhob.
      „Du hast eine Tochter?“, fragte er verdattert.
      „Ja! Ich habe eine Tochter! ... Damit hat sich die Frage nach meiner Telefonnummer wohl erledigt, was?“, schnaufte sie und trank den Rest ihres Bieres in einem Zug aus, bevor sie das Glas vor ihm abstellte und ihm in die Augen sah. „Ich wünsch` dir noch einen schönen Abend“, schob sie hinterher und wandte sich bereits zum Gehen.
      „Ehm …“, war alles, was er auf die Schnelle hervorbrachte. Er fragte sich, woher die Verbitterung in ihrer Stimme rührte und noch während er nach einer plausiblen Erklärung suchte, war sie bereits auf dem Weg zur Tür und schob dem Wirt im Vorbeigehen einen Geldschein über den Tresen.
      „Mia … warte!“, rief er ihr hinterher und versuchte sich aus der engen Sitzecke zu befreien. Offensichtlich zeigte der Alkohol nach wie vor seine Wirkung und hinderte ihn an einem schnellen Aufbruch. Nie wieder würde er dieses Teufelszeug anrühren. Nie wieder!
      Mit einem tosenden Geräusch schob er den Tisch beiseite und schwang sich in die Höhe. Zwar war sein Gleichgewichtssinn noch immer beeinträchtigt, doch hatte ihn das kurze Gespräch mit Mia anscheinend ausreichend nüchtern werden lassen, um zumindest in der Senkrechten zu bleiben
      Ohne zu wissen warum, setzte er sich beinahe automatisch in Bewegung und folgte der jungen Frau. So, wie sie zuvor, beglich er seine Rechnung, indem er das Geld über die Theke schob. Mit einer knappen Geste verabschiedete er sich bei dem dickbäuchigen Besitzer mit der roten Knollennase und warf den schwankenden Gestalten, die auf den Barhockern hingen, einen letzten mitleidigen Blick zu.
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      Hier kommt die Fortsetzung.... :)



      Kaum trat er ins Freie, traf ihn die eisige Kälte einer heftigen Windböe, die ihm die herumwirbelnden Schneeflocken ins Gesicht trieb. Tief sog er die kühle Luft ein, die seinen benebelten Verstand wieder klar werden ließ und blickte sich nach allen Seiten um.
      Gerade noch sah er den rötlichen Schimmer ihrer langen Haare in der Dunkelheit aufblitzen, bevor sie um die Ecke bog und von einer Hausfront verschluckt wurde.
      Mit schnellen Schritten setze er sich in Bewegung und überquerte die menschenleere Straße, die bereits von einer dicken Schneeschicht überzogen wurde. Das Knirschen seiner knöchelhohen Boots auf dem weichen Untergrund, wurde durch ein monotones metallisches Geräusch begleitet. Ein herunterhängendes Firmenschild, das lose in der Verankerung hing und von dem Wind gegen das Mauerwerk eines alten Fabrikgeländes geschlagen wurde, weckte seine Aufmerksamkeit. Erst jetzt besah er sich die Umgebung genauer. Wie es schien war er in einer Art Industriegebiet gelandet. Was hatte ihn in diese Gegend verschlagen? Er konnte sich nicht daran erinnern, diesen Weg schon einmal zurückgelegt zu haben.
      Plötzlich vernahm er Stimmen in der Ferne, die mit einem verzerrten Gelächter einhergingen. Obwohl sich die Personen noch seinem Blickfeld entzogen, konnte er ihre niederträchtigen Gedanken bis hier hin hören.
      Ein hoher Schrei ließ ihn zusammenfahren. Augenblicklich stellte sich eine innere Unruhe ein, die ihn antrieb, schneller zu laufen. Als er die Gasse erreicht hatte, in der er Mia zuvor noch hatte verschwinden sehen, pirschte er sich langsam heran und suchte im Schatten einiger herumstehender Müllcontainer Deckung. Vorsichtig lugte er aus seinem Versteck heraus und entdeckte eine Gruppe von Männern, die eine kleine zierliche Gestalt in die Ecke gedrängt hatte. Mia!
      „Jetzt stell dich nicht so an!“, hörte er den einen von ihnen sagen, während die anderen mit grölender Zustimmung reagierten.
      „Vielleicht ist sie noch Jungfrau“, mischte sich ein weiterer Kerl ein, der sich gerade nach vorne schob und einen Schritt auf Mia zumachte.
      „Lasst mich in Ruhe!“, schrie sie verzweifelt und presste sich weiter gegen die Hauswand, die nun keine weitere Rückzugmöglichkeit mehr bot.
      „Habt ihr das gehört?“, meldete sich nun wieder der Erste zu Wort und verzog seine Lippen zu einem gemeinen Grinsen, während er den anderen über die Schulter einen belustigten Blick zuwarf. „Sie will nicht!“
      Wieder schallte das grässliche Lachen durch die schmale Gasse und wurde wie ein verzerrtes Echo von den Wänden zurückgeworfen.
      „Na dann müssen wir sie wohl erst noch überzeugen!“, meldete sich eine weitere Stimme herausfordernd, woraufhin Mia vehement mit dem Kopf schüttelte und sich mit verängstigtem Gesichtsausdruck hilfesuchend umsah.
      Ihr Herzschlag drang wie ein viel zu schneller Bass an sein Ohr. Ihre panische Angst, die sich mit hoffnungsloser Ausweglosigkeit verband, jagte wie ein wildes Tier durch seinen Körper, versetzte ihn in Kampfstimmung. Eine vertraute Ruhe breitete sich in ihm aus, schärfte seine Sinne und brachte jeden Muskel seiner menschlichen Hülle in Alarmbereitschaft.
      Fasst sie an und ihr seid tot!
      Einen tiefen Atemzug nehmend inhalierte er die winterliche Kälte, sog den Sauerstoff in seine Lungen und machte sich bereit. Der abartige Gestank menschlicher Abgründigkeit brannte sich wie Säure durch seine Eingeweide, schürte seinen grenzenlosen Zorn und ließ ihn vergessen, dass er es mit Gottes liebsten Geschöpfen zu tun hatte.
      „Ich finde, wir sollten sie erstmal auspacken! Schließlich ist doch bald Weihnachten“, rissen ihn die provokanten Worte aus seinen Gedanken. Einer der Männer, der sich bislang im Hintergrund aufgehalten hatte, griff nach einer von Mias Locken, die unter ihrer Wollmütze hervorschauten und ließ sie durch seine Finger gleiten, während er genüsslich seine Oberlippe befeuchtete.
      Angewidert drehte sich Mia fort, versuchte, der Berührung zu entkommen und schlug mit ihrer Hand nach dem aufdringlichen Hünen, der sie um mindestens zwei Köpfe überragte. Ein Aufschrei entfuhr ihrer Kehle, als er sie schließlich packte und sie mit festem Griff an sich heranzog.
      Nebel hüllte ihn ein, erweckte sein kämpferisches Naturell zum Leben und löste jegliche Zurückhaltung in Luft auf. Jede Faser seines Körpers wurde durch pure Energie geflutet, als er sich wie eine Raubkatze zum Sprung bereit vom Boden abstieß, mit einer schwungvollen Bewegung durch die Luft glitt, um vor der herumpöbelnden Meute zum Stehen zu kommen.
      Zielstrebig packte er sich den Ersten, der ihm in die Quere kam und schleuderte ihn mit voller Wucht gegen die Fassade des gegenüberliegenden Hauses, während er den Nächsten mit einem präzise gesetzten Tritt in die Weichteile zu Fall brachte.
      Das qualvolle Aufstöhnen und die erschrockenen Ausrufe seiner Gegner drangen nur wie aus weiter Ferne zu ihm durch. Seine gesamte Aufmerksamkeit galt vielmehr Mia, die nach wie vor in den Armen des stattlichen Anführers gefangen gehalten wurde, der sie wie eine Art Schutzschild vor sich hielt. Vergeblich versuchte sie, sich aus ihrer Situation zu befreien, während sie mit verängstigter Miene zu ihm hinüberstarrte.
      „John?“, stieß sie hervor und kniff ungläubig die Augen zusammen, da sie offensichtlich nicht mit seinem Erscheinen gerechnet hatte.
      „Lass` sie los!“, hörte er sich selber mit fester Stimme sagen, ohne den Blick von Mia abzuwenden, während er den Schlag eines weiteren Mannes von der Seite abwehrte. Mit einer einzigen geschickten Handbewegung entwaffnete er den feigen Angreifer, der aus dem Hinterhalt gekommen war und zog ihm den massiven Holzbalken durchs Gesicht. Blut spritzte aus der aufgeplatzten Nase und färbte den Schnee mit roten Sprenkeln. Begleitet von einem schmerzverzerrten Laut, sank der Mann zu Boden und robbte von ihm fort.
      Nun war es nur noch einer!
      Wenige Schritte trennten ihn noch von Mia, als er innehielt und den Blick von ihr abwandte. Langsam schwenkte er den Kopf zu Seite, besah sich das Schlachtfeld, verrenkter Körper und zusammengebrochener Gestalten. Er hatte schon weitaus Schlimmeres angerichtet und dieser unwürdige menschliche Abschaum konnte von Glück reden, dass er ihn nicht komplett zerlegt und ausgeweidet hatte.
      Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, als seine Aufmerksamkeit wieder zu ihm wanderte. Wie ein allesverpestender Gestank hing seine Furcht in der Luft und sorgte dafür, dass ihm schlecht wurde. Er musste sich beeilen, bevor er sich an Ort und Stelle würde übergeben müssen.
      „Lass` sie los, oder…“, wollte er gerade ansetzen, als der Irdische Mia unerwartet von sich stieß. Ungebremst landete sie in einem aufgetürmten Sperrmüllhaufen, der an der Hauswand emporragte und schlug hart mit dem Kopf auf. Sie sackte zusammen und blieb reglos liegen, während der Hüne die Flucht ergriff und wie vom Teufel gejagt, die enge Gasse hinunterlief. Immer wieder blickte er sich über die Schulter, strauchelte, kam wieder auf die Beine und rannte weiter.
      Es wäre ein Leichtes gewesen, ihn zur Strecke zu bringen, doch die Sorge um Mia war größer als jeder Rachegedanke, weshalb er davon absah, den Flüchtenden zurückzuholen, nur, um ihm jeden Knochen einzeln zu brechen.
      Hörbar ließ er die Luft ausströmen und zwang sich selbst zur Ruhe, bevor er sich vor Mia niederließ. Vorsichtig hob er ihren Oberkörper an, wischte mit seinen langen Fingern die rotbraunen Locken aus ihrem Gesicht und strich ihr zärtlich über die vor Kälte geröteten Wangen. Dann zog er sie an sich und wiegte sich mit ihr langsam vor und zurück.
      Nie zuvor hatte er etwas derart Zerbrechliches in den Armen gehalten. Es hatte etwas Friedliches. Eine innere Ruhe nahm von ihm Besitz, erfüllte ihn mit einem unerklärlichen Gefühl tiefer Verbundenheit und weckte in ihm das unbändige Verlangen, sie beschützen zu wollen. Der Moment hätte ewig anhalten können und
      die Vorstellung, sich von ihr trennen zu müssen löste ein Unbehagen in ihm aus.
      Alarmiert durch ein Geräusch, das von der Hauptstraße zu ihm herüber wehte, hob er ruckartig den Kopf und horchte auf. Die näherkommenden Schritte, deren Hall von dem pulvrigen Untergrund fast vollständig verschluckt wurde, vernahm er so deutlich, wie das Turbinengeräusch eines startenden Düsenjets. Er musste von hier verschwinden und zwar schnell.
      Mit Bedauern blickte er auf die junge Frau hinab, die er eigentlich gar nicht kannte und die ihn dennoch auf recht eigentümliche Weise faszinierte.
      Plötzlich überkam ihn ein Übelkeit erregender Schwindel, der dieses Mal jedoch nicht durch den Alkohol hervorgerufen wurde. Mias Bild verschwamm vor seinen Augen und die Laute seiner Umgebung, die er eben noch mit der Präzision eines digitalen Schallsensors wahrgenommen hatte, wurden zu einem undeutlichen verzerrten Rauschen.
      Nein! Nicht jetzt!
      Wut und Verzweiflung stiegen gleichermaßen in ihm auf, vereinten sich zu einem emotionalen Gemisch, das sich wie ein lähmender Bleimantel über ihm ausbreitete. Mit aller Macht versuchte er bei sich zu bleiben, blinzelte gegen den trüben Schleier an, der sich mit der Undurchdringlichkeit eines zähen Nebels über seine Sinne legte und ihn daran hinderte, einen klaren Gedanken zu fassen.
      Hastig sah er sich um und erblickte dabei die Handtasche, die neben Mia in den Schnee gefallen war. Die kurze Momentaufnahme eines mit diffusen Gegenständen überhäuften Tisches schob sich in seinen Geist, die aber umgehend verblasste, als gehöre die Erinnerung nicht ihm selbst. Dennoch griff er mit zitternden Händen nach dem ledernden Beutel und zog ihn an sich, als könne er sich daran festhalten, wie an einen Rettungsanker. Ohne zu wissen, was genau er tat, suchte er darin nach etwas, doch kaum war er fündig geworden, da wurde er auch schon von dem blendenden Lichtkegel einer Taschenlampe erfasst.
      „He, keine Bewegung!“, rief ihm die uniformierte Gestalt entgegen, die am anderen Ende der Gasse aufgetaucht war und offensichtlich eine Art Wachmann darstellte. Sicher war er bei seinem nächtlichen Rundgang von den lärmenden Geräuschen angelockt worden, um nach dem Rechten zu sehen.
      Schwärze breitete sich über ihm aus. Die Welt um ihn herum schwankte und drohte sich Stück für Stück aufzulösen. So, wie jedes Mal, kurz bevor er sich verlor.
      Nicht jetzt! Noch nicht!
      „Was machen sie da? Kommen Sie da weg!“, hallte die erneute Aufforderung zu ihm herüber. Die Stimme des Nachtwächters klang bedrohlich nahe. Wie hatte er es geschafft, sich so schnell zu nähern? In der einen Hand hielt er die Taschenlampe, in der anderen ein Funkgerät, das offensichtlich dazu diente Verstärkung anzufordern, sollte es erforderlich sein.
      Wie aus einem Traum erwacht, blickte er an sich herunter, bevor er merkte, dass seine Finger etwas umschlossen. Es war ein zusammengefalteter Zettel. Wie viele Sekunden mochten ihm fehlen? Es blieb keine Zeit, darüber nachzudenken. Intuitiv verstaute er das Stück Papier in Mias Manteltasche und ließ den Beutel achtlos fallen. Ein letztes Mal strich er ihr behutsam über den Kopf, bevor er sich von ihr löste und sie zurück in den Schnee sinken ließ.
      „Lassen Sie sofort die Frau in Ruhe!“, beendete der mahnende Ausruf des eifrigen Sicherheitsmannes jeden weiteren Abschiedsgedanken.
      Mit einem Satz war er auf den Beinen und drängte sich in den Schatten des Mauerwerks. Auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit, blieb sein Blick an dem Fallrohr hängen, das an der Hauswand bis zum Dach hinauf ragte und eine hervorragende Kletterhilfe bot. Mit Leichtigkeit klomm er daran empor bis er das Flachdach erreichte und schwang sich über die Brüstung.
      Dann spurtete er los, sprang über die angrenzenden Dächer und rannte so schnell er konnte, als würde es ihm gelingen, dadurch wieder einen freien Kopf zu bekommen. Der Schnee peitschte ihm ins Gesicht und der Wind zerrte unbarmherzig an seinen Kleidern. Er lief und wusste nicht einmal mehr, wohin…


      ∞∞∞∞∞∞∞



      Geweckt durch die einfallenden Strahlen der frühen Dezembersonne blinzelte er gegen die unangenehme Helligkeit an, die ihn umgab. Bei dem Versuch, seine Hand zu heben, um das gleißende Licht vor seinen müden Augen abzuschirmen, jagte ein stechender Schmerz seinen Arm hinauf, der ihn schlagartig wach werden ließ.
      Begleitet durch ein gequältes Aufstöhnen, richtete er sich auf und tastete nach der schmerzenden Stelle oberhalb des Handgelenks. Die starke Schwellung ließ auf eine Verstauchung schließen. Na toll! Endlich wieder etwas, das er der Liste kurioser Gegebenheiten zuordnen konnte, die ihn in den vergangen Monaten heimgesucht hatten.
      Der gestrige Abend war ein einziges schwarzes Loch in seiner Erinnerung, aber wenn man wie er, unter einer ´dissoziativen Wahrnehmungsstörung` litt, musste man sich wohl oder übel damit abfinden, dass das Leben jede Menge dieser unwillkommenen Überraschungen für einen bereithielt.
      „Sie werden sich daran gewöhnen!“, hatte ihm der Professor in der Klinik damals gesagt, als die Diagnose gestellt und sein Dasein als Freak somit amtlich besiegelt worden war.
      Trotz der Erleichterung, die er einerseits empfunden hatte, weil man seine Symptome endlich ernst nahm und es nun eine offizielle Bezeichnung für sein Krankheitsbild gab, hätte er diesem Psychodoktor am liebsten ins Gesicht gespuckt.
      Seine überhebliche Arroganz, die aus reiner Unwissenheit resultierte, hatte ihm eine Gänsehaut verursacht und die Vorstellung, wie dieser verständnisheuchelnde Kerl nach Feierabend seinen weißen Kittel an den Nagel hing, um seinen wohlstandsgeformten Hintern in seinen schicken Audi zu schwingen, damit er zeitig zum Abendessen bei seiner Familie sein konnte, verursachte ihm noch jetzt eine aufsteigende Übelkeit. In dieser heilen Welt war kein Platz für Menschen wie ihn. Und genau deshalb würde er sich auch niemals daran gewöhnen können. Niemals!
      Sein Leben war ein einziger Trümmerhaufen, weil sein verdammtes Hirn ein Eigenleben führte und sein Kopf machte, was er wollte.
      Manchmal fragte er sich, was er verbrochen haben musste, um derart bestraft zu werden. Er war damals noch klein gewesen. Zu klein, um Dinge beeinflussen zu können. Sie waren ganz einfach geschehen und hatten etwas aus ihm gemacht, das er nie sein wollte. Und nun musste er dafür bezahlen! Das war verdammt noch mal einfach nicht fair!
      Wie sollte man einen Beruf ausüben, wenn man Dinge tat, an die man sich später nicht mehr erinnerte. Wie sollte man jemals eine Frau kennenlernen, wenn man ständig Gefahr lief, zwischendurch die Kontrolle über sich zu verlieren und wirres Zeug zu reden? Diese Fragen hatte ihm bisher noch niemand beantworten können.
      Hörbar ließ er die Luft ausströmen und fuhr mit beiden Händen durch sein Gesicht, um sich den Schlaf aus den Augen zu reiben.
      Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, war es bereits später Vormittag und dennoch haftete eine bleierne Müdigkeit an ihm, die sich nicht abschütteln ließ. Wann zum Teufel mochte er im Bett gewesen sein?
      Mit einer ruckartigen Bewegung zog er die Decke beiseite und seufzte resigniert auf, als er an sich heruntersah. Er hatte in seinen Sachen geschlafen. War ja klar!
      Einen Moment schloss er die Augen und schüttelte mit dem Kopf, bevor er sich aus dem Bett schwang um sich auf den Weg ins Badezimmer zu machen.
      Das kalte Wasser, welches er sich am Waschbecken ins Gesicht kippte, tat gut und hauchte ihm neues Leben ein. Gedankenverloren nahm er ein Handtuch vom Haken und trocknete sich ab, während er sein Bild im Spiegel betrachtete und sich fragte, ob das er selber war, der ihm da entgegenblickte. Genauso gut hätte es ein Fremder sein können, der in seinen Körper geschlüpft war und einfach nur aussah wie er.
      Die graumelierten Haare, die blauen Augen, das markante Kinn mit den Bartstoppeln. Die Imitation war perfekt, nur konnte er sich selbst darin nicht wiederfinden.
      Wieder drifteten seine Gedanken zu dem gestrigen Abend und er fragte sich, wie viele Stunden ihm fehlen mochten. Das Letzte, an das er sich erinnern konnte war, dass er ziellos durch die Gegend gelaufen war, wie er es öfter tat.
      Ungewollt war er in diesem Industriepark gelandet, um den jeder Mensch, der bei klarem Verstand war, einen großen Bogen gemacht hätte. Was hatte ihn bloß geritten, diese düstere Gegend aufzusuchen?
      Deutlich zeichnete sich ein Bild vor seinem inneren Auge ab, das ein Schild mit der Aufschrift ´Shining` trug. Es hatte oberhalb des Eingangs einer Kneipe gebaumelt, an der er entlang geschlendert war. Plötzlich traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. Natürlich! Er war dort reingegangen!
      Doch an dieser Stelle riss der Film und alles Weitere entzog sich seiner Erinnerung. Es machte keinen Sinn weiter nachzuforschen, denn was einmal vom Sog eines solchen Aussetzers erfasst worden war, kehrte für gewöhnlich nicht wieder in sein Bewusstsein zurück. Es war wie ausgelöscht.
      Mit schmerzverzerrtem Gesicht hielt er seine pochende Hand, während er zu der kleinen Küchenzeile ging, um sich einen Kaffee zu machen. Er drückte den Knopf der Senseo, woraufhin das Wasser im Tank mit einem lauten Rauschen erhitzt wurde. Gerade, als er sich eine Tasse aus dem Schrank nehmen wollte, klingelte es an der Tür. Das ungewohnt schrille Geräusch ließ ihn zusammenfahren.
      Wer mochte das sein? Er erwartete niemanden!
      War er ehrlich zu sich selbst, dann musste er zugeben, dass er schon ewig keinen Besuch mehr empfangen hatte. Es lebte sich deutlich besser, wenn er alleine war, obwohl sich nicht abstreiten ließ, dass er sich manchmal etwas Gesellschaft gewünscht hätte.
      Nur widerwillig näherte er sich der Tür und sah durch den Spion. Nichts zu sehen! Offensichtlich hatte unten jemand geklingelt.
      Einen weiteren Moment ließ er verstreichen und dachte darüber nach, was er tun sollte. Vielleicht war es der Postmann, der ein Päckchen für die Nachbarn abgeben wollte? Schon öfter hatte er Lieferungen für die Leute im Haus angenommen. Aber heute war Sonntag und da wurde keine Post ausgeliefert!
      Ein weiteres hartnäckiges Klingeln durchschnitt seine Gedanken und erinnerte ihn daran, dass er eine Entscheidung treffen musste. Dann gab er sich einen Ruck und betätigte den kleinen Schalter an der Wand. Mit einem summenden Geräusch wurde die Haustür unten geöffnet und leises Stimmengemurmel drang in den Flur. Die Schritte auf der Treppe kamen unaufhaltsam näher, bis sie schließlich vor seiner Wohnung verstummten. Ein zaghaftes leises Klopfen ließ ihn zusammenzucken. Langsam drückte er die Klinke herunter und öffnete die Tür einen Spaltbreit.
      Die kalte Luft aus dem Treppenhaus wehte ihm entgegen und ließ ihn frösteln. Und dann sah er sie.
      Rotbraune wilde Locken … ein sommersprossengesprenkeltes Gesicht … warme grüne Augen. Mia!
      Sein Herz machte einen Satz und mit der Intensität eines Blitzeinschlags zuckte eine kurze Erinnerungssequenz durch seinen Geist. Es war nur der Hauch einer Berührung, die seinen Verstand einen kurzen Augenblick streifte, bevor sie sich wieder in Luft auflöste und dennoch blieb etwas zurück, das er nicht zu erklären vermochte.
      Sprachlos sah er auf die junge Frau hinab, die ihn verlegen anlächelte. An der Hand hielt sie ein kleines Mädchen mit roten langen Zöpfen, das sich halb hinter ihrem Rücken versteckte.
      „Hallo John!“, sagte sie schließlich und erst jetzt bemerkte er das zerknitterte Stück Papier, das sie in der freien Hand hielt. „Ich wollte mich bei dir bedanken … und dir Lisa vorstellen.“



      Hintergrund zur Story


      Eigentlich halte ich ja nicht viel davon, Geschichten zu erklären, aber in diesem speziellen Fall ist es mir wichtig, noch ein paar Worte hinterherzuschieben. ^^


      Nachdem ich mich damals, vor nicht ganz 2 Jahren, in einer Schreibkrise befand und das Gefühl hatte, die Lust an meinem Hobby zu verlieren, brachte mich @Night Sky
      auf eine Idee.
      Er berichtete mir, dass er bereits seit seiner Jugend an einer „dissoziativen Wahrnehmungsstörung“ leidet und gewährte mir Einblicke in die Symptome dieses Krankheitsbildes, welches mir bis dahin völlig fremd war.
      Mehr aus einer verrückten Laune heraus ermutigte er mich dazu, eine Kurzgeschichte über ihn und seine Erkrankung zu schreiben. Schnell waren wir uns einig, dass sich genügend Potenzial dahinter verbarg um ganze Romane zu füllen, aber es sollte ja ausschließlich bei einer Art Schreibübung bleiben, die in erster Linie dafür gedacht war, die Freude am Schreiben zurückzugewinnen.
      Da ich mir dann in den Kopf gesetzt hatte, ihm die Geschichte zu Weihnachten zu schenken, kam ich nachher zeitlich ein wenig in die Bredouille, was man eventuell zum Ende hin merkt. Aber ich wollte sie nun einfach so lassen, wie sie ist.



      Wer sich für die Erkrankung interessiert, und gerne noch einmal nachlesen möchte, was genau sich hinter einer "dissoziativen Wahrnehmungsstörung" verbirgt, der findet weitreichende Informationen dazu im Internet, zum Beispiel hier:



      aerzteblatt.de/archiv/43054/Di…ngen-Haeufig-fehlgedeutet


      Ansonsten freue ich mich natürlich auch über euer Feedback zu der Geschichte. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Intention so wirklich rüberkommt. Deshalb würden mich mal eure Gedanken beim Lesen interessieren. ^^

      Vielleicht hat der eine oder andere ja noch eine Frage zu dem Krankheitsbild oder möchte sich diesbezüglich gerne austauschen. Dann können wir das ebenfalls hier an der Stelle tun.