Das Rasseln

  • Hallo, ihr alle :)

    Ich hab mal was Kurzes für euch, so für zwischendurch. Und sorry, ich kann euch diesmal nicht Viel Spaß! wünschen. X/


    Das Rasseln


    Rasseln.

    Ich kenne das Geräusch. Als ich es zum ersten Male vernommen habe, hat es mir Angst gemacht. Nie zuvor hatte ich so etwas gehört und wusste daher nicht, woher es rührte.

    Jetzt weiß ich es, doch das macht es nicht besser: Es ist mein Atem, der rasselt.

    Sofort schlägt mein Herz schneller. Dumpf wummert es gegen die Rippen. Ich kämpfe darum, gelassen zu bleiben, und verliere den Kampf schon nach Sekunden. Wie immer.

    Das Geräusch wird mit jedem Luftholen stärker. Ich versuche, durch die Nase zu atmen, doch das ändert nichts. Unruhe erfasst mich.

    Sie werden es hören. Es ist jedes Mal so. Wenn das Rasseln zu laut wird, kommen sie. Und das muss ich vermeiden. Ruhe, ermahnt mich eine Stimme tief in mir drin, atme ruhig.

    Doch es ist wie verhext. Mein Herz überschlägt sich fast bei dem Gedanken, dass sie auf mich aufmerksam werden. Und dann ...

    Schritte auf dem Gang. Gummisohlen.

    Ich reiße die Augen auf. Erkennen kann ich nichts, es ist fast vollkommen dunkel im Zimmer. Eine winzige Lichtquelle irgendwo rechts von mir wirft undeutliche Schatten an die Wände. Ich möchte den Kopf heben, mich umsehen.

    Aber es geht nicht. Völlig bewegungslos liegt mein Körper.

    Dass ich liege, habe ich erst nach einer gefühlten Ewigkeit erkannt. Bis dahin ist es mir nicht möglich gewesen, einzuschätzen, in welcher Position ich mich befinde. Orientierungslos in Bezug auf Raum, Zeit und Ort bin ich dahingetrieben.

    Murmelnde Stimmen auf dem Korridor. Eine tiefere und eine hellere. Dann ein Reißen, Rascheln. Alles wie immer. Ich liege stocksteif und versuche krampfhaft, ohne das Rasseln Luft zu holen.

    Licht fällt ins Zimmer, die Schritte kommen herein, begleitet von diesem schmatzenden Geräusch, das ich bisher nicht habe einordnen können.

    Grell flammt die Deckenbeleuchtung auf, entreißt alles in meinem Sichtfeld der Schwärze. Es ist nicht viel, was ich sehen kann, denn ich trage meine Brille nicht. Keine Ahnung, wo sie ist.

    Weiß über mir, vermutlich die Decke des Raumes. Neben meinem Lager, so weit mein Blickfeld erkennen lässt, ist ein metallisches Gestänge.

    Und Grün. Die Gestalt, die sich nähert, ist ein dunkles Grün gehüllt. Trotz meines bewegungsunfähigen Kopfes sehe ich sie kommen. Oder ihn? Ich weiß niemals, wer da kommt, denn die Gesichter sind hinter den hellgrünen Masken nicht erkennbar. Sie sehen alle gleich aus.

    Wo bin ich hier?, möchte ich schreien, doch es kommt kein Laut aus meiner Kehle. Wie bin ich hierhergekommen? Wo ist meine Frau? Warum spricht keiner mit mir?!

    Mein Mund bewegt sich nicht, ebenso wenig Lippen und Zunge. Doch ich spüre, dass sie unversehrt sind, und ich habe keine Schmerzen. Warum also funktioniert es nicht?

    Ein neues reißendes Geräusch, direkt neben meinem rechten Ohr, holt mich aus den Gedanken.

    Gleich fängt es an. Gleich.

    Sieht die grüne Gestalt nicht die Panik in meinem Blick? Erkennt sie nicht die Angst darin?

    Eine blau behandschuhte Hand nähert sich meinem Hals. Ich spüre ein leichtes Rucken, das mich krächzend husten lässt. Das Rasseln meines Atems ist danach noch lauter zu hören.

    Kurz erhasche ich unmittelbar vor meinem Gesicht einen Blick auf den dünnen, durchsichtigen Schlauch in der blauen Hand, dann beginnt nach einem scharfen Klacken das bekannte Zischen.

    Ich will Hand und Schlauch wegschlagen, spanne die Muskeln an, verkrampfe mich regelrecht, doch umsonst. Ich liege wie ein Stein.

    Nichts, gar nichts lässt sich mit dem vergleichen, was jetzt kommt. Quälendes Würgen. Meine Augen tränen davon. Es sind Tränen der Verzweiflung dabei. Ich huste mir die Seele aus dem Leib und kämpfe gleichzeitig gegen übermächtigen Brechreiz. Es dauert endlos an. Einatmen ist unmöglich, weil der Husten es verhindert, und eine Ewigkeit lang glaube ich zu ersticken und mich dabei übergeben zu müssen.

    Würgegeräusche, die aus meinem Hals kommen, Zischen, das von einem ekelerregenden Schlürfen begleitet wird, Angst und Husten, die mir die Luft nehmen. Und das gleichgültige Schweigen und Hantieren der grünen Gestalt.

    Irgendwann sehe ich den Schlauch wieder, das Schlürfen hört auf und nach einem weiteren harten Klack-Geräusch erstirbt auch das Zischen. Die blau behandschuhte Hand drückt auf meine Kehle, neuer Hustenreiz lässt erneut mir Tränen in die Augen schießen. Ich will schreien, doch ich bin stumm.

    Also weine ich.

    Warum tut man mir das an? Warum kann ich mich nicht bewegen? Nicht sprechen, nicht schreien?

    Warum bin ich hier?

    Die Fragen sind immer dieselben. Ich werde keine Antwort erhalten. Längst ist die in grün gehüllte Gestalt mit den blauen Handschuh-Händen und der Maske vor dem Gesicht gegangen. Sie hat das Licht gelöscht.

    Bewegungsunfähig liege ich im Dunkel, versuche mein hämmerndes Herz zu beruhigen und den Hustenreiz zu unterdrücken.

    Ich weiß, ich sollte schlafen. Doch die Angst vor einer neuen Tortur dieser Art hindert mich. Angespannt lausche ich. Höre ich da nicht ein leises Rasseln in meiner Brust?


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    „Also echt mal“, knurrt meine Kollegin, während sie Nitril-Handschuhe und Einwegkittel abstreift, zusammenknüllt und in den Abwurf stopft. „Dass der sich jedes Mal so anstellen muss, wenn er abgesaugt wird. Wir machen das ja nicht aus Spaß oder um ihn zu ärgern. Hätte er vor seinem Unfall nicht gequarzt wie ein Schlot, würde es auch nicht so oft nötig sein. Selber schuld.“ Sie zieht den Mundschutz unter das Kinn, gähnt und schaut zur Uhr, deren Zeiger sich gerade ganz oben auf dem Zifferblatt getroffen haben. „Das nächste Mal gehst du rein”, verkündet sie mürrisch. „Der guckt mich jedes Mal an, als wolle ich ihn umbringen.“

    Kopfschüttelnd marschiert sie ins Dienstzimmer und gleich darauf höre ich den Kaffeeautomaten fauchen.


    ENDE

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Hey Tariq


    Ich starre jetzt schon seit geraumer Zeit den Bildschirm an und weiß nicht, was ich schreiben soll.

    Ich habe gerade tausend Gedanken im Kopf. Zum einen macht es mich natürlich total betroffen, mich in den Mann hineinzuversetzen, der da völlig ausgeliefert diesen immer wiederkehrenden Albtraum über sich ergehen lassen muss. Seine Empfindungen, die Panik und die Hilflosigkeit hast du gut eingefangen, wie ich finde...und dann der krasse Bruch und der Wechsel zur stinknormalen alltäglichen Realität der Pflegekraft, die eine komplett andere Wahrnehmung hat. Das hat gerade kurzzeitig Aggressionen in mir geweckt...wobei ich krampfhaft versuche, Verständnis für die Dame aufzubringen, die es in ihrem Job sicher auch nicht immer leicht hat....aber dennoch finde ich, sollte einem bei allem Stress eine gewisse Menschlichkeit nicht abhanden kommen.


    Ich hoffe sehr, dass das kein Erfahrungsbericht aus deinem beruflichen Alltag ist ;(

  • Heyho Tariq

    Ein dreifacher Chapeau von meiner Seite des Monitors.

    Den ersten für die überaus gelungene Einleitung...

    Ich hab mal was Kurzes für euch, so für zwischendurch.

    ...auch wenn die nichts mit der Geschichte selbst zu tun hat.


    Den zweiten für die Intensität.

    Das liest sich wie selbst erlebt, obwohl ich glaube, daß es nicht Deine persönliche Erfahrung des Erleidens war, die Du da beschrieben hast.


    Und den dritten für das Gesamtbild.


    Hat mich sehr berührt.<3

  • Hallo Tariq,


    das ist die erste Geschichte die ich in diesem Forum lese und ich bin wirklich geflasht. Arbeite selbst als Pflegekraft und habe auch schon abgesaugt. Schon zu beginn dieser Geschichte hatte ich diese Vermutung des Tracheostoma-Patienten.


    Ich hoffe nur das die meisten dementen Patienten es nicht so wahrnehmen wie du es beschreibst. In diesem Augenblick einen klaren Moment zu haben muss wohl wirklich schrecklich sein.


    Ehrlich gesagt weiß ich nicht was ich dazu noch sagen soll .... . Am liebsten würde ich diesen Text ein Paar bekannten zeigen. Es berührt wirklich das Herz.


    Danke für die Darstellung.

  • Noch einmal - herzlichen Dank für's Lesen, für euer Feedback und für eure Likes (auch an Kiddel Fee und Sensenbach !)

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Schaurig gut, kann ich da nur sagen. Da kommt dann wohl kein Horrorfilm ran und das es nah an der Realität ist, macht es kaum besser. Könnte glatt als Schulungsmaterial für Pflegekräfte benutzt werden. Über den Text werde ich sicher noch eine Weile nachgrübeln. Sehr gelungen!


    Für mehr blümchenpflückende Orks, blutrünstige Elfen und vegetarische Drachen!

  • Gut gelungen, Tariq .:thumbsup: Die Emotionen hast du super rüber gebracht, auch die Panik des Patienten. Ich kann mich den anderen nur anschließen und sagen Chapeau. Ich ziehe den Hut vor dieser Leistung.:hi1:


    Da ich auch in dem Bereich arbeite, weiß ich nur zu gut, das demenziell erkrankte Menschen sich manchmal abwesend fühlen und eigentlich nicht wissen was du gerade von ihnen willst. Genauso gibt es leider viel zu häufig Pflegepersonal, die viel zu wenig Ahnung haben wie man mit dieser Erkrankung umgeht. Das macht mich manches Mal wütend aber auch traurig.

    Mehr aus meiner Feder: Gefangen im High Fantasy Bereich.


    Der Tag an dem alles begann findet ihr im Urban Fantasy Bereich auf fleißige Leser. ^^

  • Hey Tariq :)


    Ich habe die Geschichte schon gelesen, aber absichtlich kein Like gegeben.

    Nicht, weil ich deine Geschichte nicht gut fand, sondern weil ich bei sowas sehr sensibel reagiere ... aus mehreren persönlichen Gründen.


    Du hast das jedenfalls sehr eindrucksvoll und emotional geschildert, sodass ich das Gefühl hatte, voll in der Geschichte zu stehen.


    Meine Mama arbeitet auch im Pflegebereich, zwar nicht bei Wachkomapatienten, aber auch sie erzählt an manchen Tagen Horrorgeschichten, bei denen sich mir die Nackenhaare aufstellen - so, wie bei deiner Geschichte!


    Ich ziehe vor dir - und allen anderen Menschen, die in diesem Berufszweig arbeiten - meinen Hut. Danke, dass ihr diese schwere Arbeit macht.


    Vor dir, liebe Tariq, ziehe ich doppelt den Hut. Denn es erfordert ziemlich viel Kraft, sich ernsthaft auch über die Empfindungen und Gefühle, der zu pflegenden Personen hineinversetzen und sich darüber solch tiefsinnige Gedanken zu machen. Diese dann aufzuschreiben, ist wirklich schwer und das bewundere ich gerade sehr!


    Sehr gut gemacht!


    LG ^^

    „Spätestens wenn erneut ein solches Zeichen auftaucht, werden Fragen gestellt. Wir sollten in der Lage sein, sie zu beantworten.“
    - Meister Lukras -


    Meine Geschichte
    Die Kriegerin von Catrellak

  • @Tariq,


    Die Geschichte ist echt krass. Auch ich hatte erst Angst das es um ein persönliches erlebnis gehen könnte, zuma derzeit einige Corona Patienden das vielleicht auch grade erleben. Ich hatte irgendwie damit gerechnet das es um eine Entnahme von einem Beatmungsschlauch gehen könnte. Soviel mal zu meinen ersten eindruck. Der zweite Text zeigt wie Emotionslos manschmal einfach damit umgegangen werden muss, damit man selber nicht in einem Sumpf aus Empfindungen untergeht und auch deine Erklärung das man dann sich selbst oft schwer im Spiegel ertragen kann.

    Meine Schwester arbeitet im Pflege bereich und auch sie ist auf der einen seite sehr sehr empfindsam mit den Patienten, aber auch sehr sehr hart sich selbst gegenüber. Sie macht den Job aber gern und mit viel herzblut, und genau das habe ich auch in diesem Text gesehen.


    Auch ich ziehe den Hut vor dir und deinen Kollegen die derzeit noch mehr schwierige Situationen ertragen möchten und wünsche Euch alle erdenkliche Kraft das weiterhin durchzuhalten. Ihr seit so wichtig in diesem System.

    Fantasy ist ein Werkzeug der Magie,
    wer sie beherrscht,
    besitzt die Kunst
    andere zu verzaubern.
    c Antke 2013

  • Hey Tariq,


    ich habe überlegt, ob ich hier wirklich einen Kommentar verfassen soll (und dann noch als ersten nach einer etwas längeren Abwesenheit meinerseits).

    Mich trifft dieser Text nämlich hart. Als Angehörige, als Tochter, als jemand, der stellenweise auch wütend auf gewisse Auswüchse von Pflege und Personal war.

    Verstehe mich nicht falsch, ich habe eine extrem hohe Achtung vor eurem Beruf, der gerade in der Intensivpflege nicht einfach ist, und habe genug Menschen kennengelernt, die gebrannt haben für die Pflege und bei denen wir uns damals gut aufgehoben gefühlt haben. Und am Ende seid ihr nun einmal auch nur Menschen, die mit mehreren solcher Geschichten konfrontiert werdet. Vielleicht sumpft der ein oder andere dann wirklich so weit ab ...


    Jedenfalls hatte ich bereits nach den ersten Zeilen einen Kloß im Hals. Ich wusste da schon, was noch folgen wird.

    Ich habe mich auch mehrere Male gefragt, wie es wohl sein muss. Muss ja nicht einmal ein Wachkomapatient sein.

    Zum einen orientierungslos, dann fummelt ständig einer an dir rum, ohne dass du dich groß wehren kannst, du selbst verstehst die Welt nicht, weißt gar nicht so recht, wie dir geschieht ...


    Ich ziehe ebenfalls meinen Hut vor dir. Es zeugt von hoher Empathie, sich auch einmal in die Lage der Erkrankten zu versetzen, auch wenn es schwer fällt, weil man ja auch auf der anderen Seite nicht alles mit sich herumschleppen will - und kann.


    Schreibtechnisch kann ich nicht viel anmerken, das wäre vielleicht auch etwas fehl am Platz.

    Aber: Du hast es mit wenigen Details geschafft, die Situation anschaulich und auch beklemmend darzustellen.

  • Hallo Sabrina , Kitsune , Drachenlady2001 , Alexander2213 und LadyK

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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