Unterschiedliche Erzählperspektiven

Es gibt 20 Antworten in diesem Thema, welches 4.898 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag (10. April 2024 um 20:25) ist von Acala.

  • In der letzten Zeit ist mir aufgefallen, dass mit dem Wörtchen »auktorial« recht verschwenderisch umgegangen wird, obwohl oft etwas anderes gemeint ist, wenn man den Kontext berücksichtigt – nämlich narrative Distanz. Da das ein kleines Lieblings-Ärgernis für mich ist, habe ich mich dazu entschlossen, einen (hoffentlich?) informativen Beitrag rund um Erzählperspektiven zu verfassen. Vielleicht gelingt es mir sogar, das ein oder andere Missverständnis zu beseitigen. Ganz ohne theoretische Ausführungen geht das nicht, weswegen ich im Folgenden Franz K. Stanzels Ansatz zu Erzählperspektiven umreißen möchte.


    Typologisches Modell der Erzählsituationen nach Franz K. Stanzel

    Franz K. Stanzels typologisches Modell der Erzählsituationen hat seit den 1950er Jahren weite Verbreitung in der Literaturwissenschaft gefunden und ist eines der gebräuchlichsten Modelle zur Unterscheidung von Erzählperspektiven. (Anmerkung: Freilich gibt es Kritikpunkte, die man gegen Stanzels Ansatz vorbringen könnte und die für die Verwendung eines anderen Modells sprächen. Das würde allerdings den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Bei Interesse an einer näheren Auseinandersetzung mit dem Thema würde ich für den Einstieg einen Blick auf die Erzähltheorie nach Gérard Genette empfehlen – sein Modell findet in der Literaturwissenschaft ebenfalls häufig Anwendung.)

    Bei Stanzel ist der Begriff der »Mittelbarkeit« zentral. Gemeint ist damit, dass die Welt in einer Geschichte nicht unmittelbar, sondern eben mittelbar dargestellt wird – Trägermedium ist dabei die Sprache (oder: der Text).* Die Erzählsituation wird durch die Triade von Modus, Person und Perspektive konstituiert. Für diese drei Konstituenten lassen sich wiederum binäre Oppositionen formulieren.

    *Was den Begriff der »Mittelbarkeit« angeht, möchte ich zu einem späteren Zeitpunkt zusätzlich eine Definition von Gérard Genette einbringen, mit der wir den Aspekt der narrativen Distanz genauer fassen können.


    Konstituens: Modus

    Binäre Opposition: Erzähler/Nicht-Erzähler

    Bedeutung: Reflektor

    Der Erzähler kann verschiedene Haltungen einnehmen, aus denen heraus berichtet wird. Ich finde es hilfreich, mir dabei verschiedene Kameraeinstellungen vorzustellen. Diese Analogie geht nicht zu 100% auf und ich bin nicht sonderlich versiert, was das Medium »Film« anbelangt, dessen bin ich mir bewusst. Es ist nichts weiter als eine persönliche Eselsbrücke – also bitte mit Vorsicht genießen.

    Schwebt die Kamera weit über dem gesamten (!) Geschehen, kann sich aber zu jeder Zeit auf einen Aspekt fokussieren? Auktorialer Erzähler.
    Beispiel: Wir schauen von oben auf Bob, Bobo und Bobette herab, die eine gemeinsame Wanderung unternehmen. Die Kamera kann an jede der drei Figuren heranzoomen oder auch zu Bobline schwenken, die mit einer Erkältung im Bett liegt und bedauert, dass sie ihre drei Freunde nicht begleiten konnte.

    Ist die Kamera hinter einem der Charaktere zentriert? Personaler Erzähler.
    Beispiel: Die Kamera ist hinter Bobo zentriert. Wie weit entfernt sie hinter ihm zentriert ist, wird im Abschnitt »Narrative Distanz« eine Rolle spielen. In jedem Fall sehen wir nur das, was Bobo sehen kann.

    Wird die Kamera von einem der Charaktere geführt (Typus found footage)? Ich-Erzähler.
    Beispiel: Bob hält die Kamera. Auch hier sehen wir nur das, was Bob sehen kann. Er nimmt im Gegensatz zu Bobo aber eine doppelte Funktion ein: Er ist Akteur und Kameramann (oder: Erzähler) zugleich.

    Im Grunde gibt es entweder eine Erzählerinstanz/-figur, die dem Leser die Handlung vermittelt (auktorialer Erzähler oder Ich-Erzähler) oder aber eine Reflektorfigur, die vom Erzähler getrennt ist (personaler Erzähler).

    Ein auktorialer Erzähler ist allwissend – er weiß also alles über die handelnden Figuren, die Orte und die zeitlichen Zusammenhänge in einer Geschichte. Das heißt aber nicht, dass seine Draufsicht auf das Geschehen neutral sein müsste. Ganz im Gegenteil kann der auktoriale Erzähler Werturteile über die Figuren vornehmen und den Verlauf der Handlung kommentieren (manchmal auch mit einer direkten Ansprache des Lesers).

    Ein personaler Erzähler weiß dagegen nicht alles, sondern beschreibt die Geschehnisse aus der Sicht einzelner oder mehrerer Figuren. Diese Point-of-View-Charaktere werden nach Stanzel als »Reflektorfiguren« bezeichnet. Folgerichtig kann der personale Erzähler nur das wissen, was auch die Reflektorfigur weiß (Erzählerwissen = Figurenwissen). Kommentare und Interpretationen hinsichtlich der Handlung können vorkommen, sind aber ebenfalls auf die Perspektive der Reflektorfigur beschränkt.

    Der Ich-Erzähler gibt das Geschehen in der Ich-Form weiter. Diese Erzählhaltung kann wiederum Merkmale der anderen Perspektiven aufweisen (dazu später mehr).


    Konstituens: Person

    Binäre Opposition: Identität/Nicht-Identität

    Bedeutung: Seinsbereiche des Erzählers und der Figuren

    Die Seinsbereiche (oder: Erlebniswelten) von Erzähler und Figuren können miteinander identisch (Ich-Erzähler) oder voneinander getrennt sein (personaler Erzähler oder auktorialer Erzähler). Man könnte auch fragen: Ist der Erzähler zugleich eine der handelnden Figuren? Oder ist er eine separate Instanz, die von dem Geschehenen berichtet, aber nicht aktiv beteiligt ist?


    Konstituens: Perspektive

    Binäre Opposition: Innenperspektive/Außenperspektive

    Bedeutung: Perspektivismus/Aperspektivismus

    Bei einem Bericht aus der Außenperspektive liegt ein auktorialer Erzähler vor, bei einem aus der Innenperspektive ein Ich-Erzähler und bei einer Mischform ein personaler Erzähler.

    Achtung: Diese Einteilung ist nicht normativ zu verstehen! Das Modell ist dazu gedacht, als Werkzeug zur Textanalyse verwendet zu werden. Es geht also darum, die Erzählperspektive zu beschreiben, nicht darum, irgendein Ideal zu postulieren, nach dem sich ein jeder Autor nun richten müsse. Infolgedessen ist es nicht überraschend, dass wir in individuellen Texten Abwandlungen und Mischformen beobachten können.


    Der auktoriale Erzähler

    Ein auktorialer Erzähler ist nicht selbst an der Geschichte beteiligt, die er erzählt – vielmehr ist er ein Urheber und Vermittler, der von außen auf die dargestellte Welt schaut. Dabei ist er allwissend: Er kann zeitübergreifende Zusammenhänge herstellen – etwa mit zukünftigen oder vergangenen Ereignissen –, Kommentare und Bewertungen des Geschehens vornehmen, die zeitgleich erfolgenden Handlungen unterschiedlicher Charaktere an verschiedenen Orten schildern, etc. In der Konsequenz weiß der auktoriale Erzähler mehr als die Charaktere in der Geschichte, denn er kennt die Gedanken und Gefühle aller Figuren (Erzählerwissen > Figurenwissen).

    Tritt der auktoriale Erzähler in seiner reinsten Form auf, ist es für den Leser offensichtlich, dass er Rezipient einer Geschichte ist, die ihm von ebendieser Erzählinstanz geschildert wird. Das ergibt sich daraus, dass auktoriale Erzähler den Leser direkt ansprechen, die Geschichte auf einer Meta-Ebene kommentieren oder auch deutliche Wertungen mit einer starken eigenen Stimme vornehmen können.

    Beispiel: Bob, Bobo und Bobette hatten geglaubt, sie seien auf alles vorbereitet, was die Natur ihnen bei dieser Wanderung entgegenwerfen würde. Wie naiv! Was die drei nämlich nicht ahnten, war, dass nicht die Natur ihnen an diesem Tag zum Verhängnis werden würde, sondern der Mensch. Während sie also selig in ihrem Unwissen durch den Wald staksten, entging ihnen völlig, dass sie beobachtet wurden.

    Nicht jeder auktoriale Erzähler ist allerdings so offensichtlich auktorial. Es gibt knifflige Grenzfälle, bei denen der auktoriale Erzähler nahezu unsichtbar ist und die Stimmen der Charaktere so deutlich durchkommen lässt, dass es den Anschein macht, man habe es mit einem personalen Erzähler zu tun. Wird das auf die Spitze getrieben und nimmt der Leser zu Beginn des Buches fälschlicherweise an, er schaue gerade durch die Augen einer Reflektorfigur, können plötzliche Sprünge in die Köpfe anderer Figuren wie ein Bruch in der Erzählperspektive wirken und die Gabe von Informationen, zu der der (vermeintliche) PoV-Charakter keinen Zugang hat, wie Infodumps daherkommen. Gleichwohl ist es möglich, dass personale Erzähler, die aus einer großen narrativen Distanz heraus berichten, mit auktorialen Erzählern verwechselt werden.


    Der Ich-Erzähler

    Bei einem Ich-Erzähler liegt eine Übereinstimmung von Erzähler und Figur in der Erzählung vor – der Ich-Erzähler ist einer der handelnden Charaktere. Wie sehr dieser Charakter allerdings im Rampenlicht steht, kann variieren. Nicht immer ist der Ich-Erzähler auch der Held der Geschichte – tatsächlich gibt es Fälle (die ich persönlich nicht ganz intuitiv finde, aber hey), in denen der Ich-Erzähler bloß eine Art Beobachter oder Nebenfigur ist.

    Verkompliziert wird diese Konstellation durch die Unterscheidung zwischen dem erzählenden Ich, dem erlebenden Ich oder dem erzählten Ich. Das erzählende Ich ist der Erzähler/die Figur so, wie sie gegenwärtig ist – oft eine erfahrenere und reifere Person, gewachsen an den Geschehnissen in der Geschichte, die geschildert wird. Das erlebende oder erzählte Ich sind die früheren »Versionen« des Ichs bzw. der Entwicklungszustand, in dem es sich zum Zeitpunkt der Geschichte befand. Insofern kann das erzählende Ich retrospektive Urteile und Kommentare vornehmen – ähnlich einem auktorialen Erzähler.

    Das muss aber nicht so sein: Das erzählende Ich kann auch mit dem erzählten Ich übereinstimmen – das ist der Fall, wenn das Geschehen, über das berichtet wird, noch nicht passiert ist, sondern das Ich »mittendrin« steckt. Dann hat das erzählende Ich natürlich weder einen Wissensvorsprung noch eine kritische/nachträgliche Reflexion über das Geschehen.

    Es versteht sich von selbst, dass diese Erzählperspektive eine besondere Nähe zwischen Leser und Erzähler herstellt: Der Leser erlangt das Gefühl, selbst zu erleben, was dem Erzähler/der Figur widerfahren ist.


    Der personale Erzähler

    Der personale Erzähler berichtet in der 3. Person, allerdings aus der subjektiven Sicht der Reflektorfigur(en) heraus. Stanzel zufolge seien die Seinsbereiche von Erzähler und PoV-Charakter(en) dabei jedoch nicht identisch: Der Erzähler sei nicht mit der Reflektorfigur gleichzusetzen. Ich setze hier bewusst den Konjunktiv, weil ich meine, dass der Sachverhalt schon nicht mehr ganz so einfach ist, sobald man den Faktor der narrativen Distanz einkalkuliert (dazu später mehr).

    Ein personaler Erzähler schildert die Geschichte vorwiegend aus der Innenperspektive heraus. Daraus folgt, dass sich das Wissen des personalen Erzählers mit dem der Reflektorfigur deckt. Im Gegensatz zum auktorialen Erzähler ist dem personalen Erzähler also nicht zweifelsfrei bekannt, was zur gleichen Zeit an anderen Orten geschieht oder in anderen Figuren vor sich geht. Wohl aber kann er die diesbezüglichen Vermutungen der Reflektorfigur vermitteln.

    Dies zieht eine spannende Implikation nach sich: Personale Erzähler sind zugleich unzuverlässige Erzähler. Da der Leser nur einen eingeschränkten Einblick erhält – nämlich in die Gefühls- und Gedankenwelt eines jeweiligen PoV-Charakters (oder mehrerer) – sind subjektive Werturteile, bedingt durch die Erfahrungen und die Weltanschauung des Charakters, zu erwarten. Sie durchlaufen keinen Filter, sondern der Leser ist gezwungen, die Position des Erzählers zu hinterfragen und sich selbst ein Urteil zu bilden.


    Narrative Distanz

    Mittelbarkeit spielt in Gérard Genettes Erzähltheorie eine wichtige Rolle – ganz wie bei Stanzel. Gemeint ist bei Genette aber etwas anderes: Genette definiert »Mittelbarkeit« als den Grad der Distanz, den der Erzähler gegenüber dem Erzählten einnimmt. Ist der Erzähler in einer Geschichte präsent bzw. für den Leser wahrnehmbar, liegt nach Genette ein »narrativer Modus« vor. Tritt der Erzähler aber hinter der Figurenrede zurück, so handelt es sich um einen »dramatischen Modus«. Der narrative Modus geht mit mehr telling einher, der dramatische mit mehr showing.

    Weiter oben schrieb ich zu personalen Erzählern, dass man sich narrative Distanz als die Entfernung zwischen dem Charakter und der hinter ihm zentrierten Kamera vorstellen kann. Je weiter die Kamera entfernt ist, desto größer die narrative Distanz. Je näher sie ist, desto geringer die narrative Distanz.

    Das lässt sich auf die Spitze treiben: Es ist möglich, so zu schreiben, dass man als Leser im Kopf des PoV-Charakters ist – ohne dass ein Ich-Erzähler vorliegt. Das ist der Grund, weshalb ich ein gewisses Problem mit Stanzels Postulat habe, die Seinsbereiche von Erzähler und Figur seien bei der personalen Erzählperspektive nicht miteinander identisch. Ich finde, darüber könnte man durchaus diskutieren.

    Wie aber erzeugt man größere oder geringere narrative Distanz?

    Strebt man eine größere narrative Distanz an, kann man:

    • das Handeln von Charakteren so beschreiben, als schaute man von außen zu,
    • Gedanken mit einer entsprechenden Kennzeichnung versehen (Verdammt, dachte er.),
    • Filterwörter verwenden (sehen, hören, riechen, fühlen, wissen),
    • dieselbe narrative Stimme (eher formal) über den gesamten Roman hinweg verwenden – unabhängig vom PoV-Charakter,
    • mehr Fakten als charakterspezifische Vermutungen anbringen, da ein entfernter Erzähler ggf. mehr über das Geschehen weiß.

    (Anmerkung: Nur, weil die narrative Distanz bei einem personalen Erzähler ggf. groß ist, heißt das nicht, dass es sich um einen auktorialen Erzähler handelt. Dazu müssten zusätzliche Charakteristika gegeben sein, die mit der Allwissenheit der auktorialen Erzählhaltung einhergehen.)

    Strebt man eine geringere narrative Distanz an, kann man:

    • das Handeln und die Erfahrungen von Charakteren in ihrer eigenen Stimme und mit ihren eigenen Meinungen sowie Werturteilen beschreiben,
    • Filterwörter streichen,
    • eine informelle narrative Stimme verwenden – etwa mithilfe von Ellipsen, die näher an organischen Gedankenfetzen dran sind als ausformulierte Sätze,
    • mehr Urteile, Annahmen und Vermutungen des PoV-Charakters einbringen.

    Beispiel (personaler Erzähler mit hoher narrativer Distanz):
    Bob öffnete seinen Rucksack, um nach dem Verbandszeug zu wühlen. Er hörte, wie Bobette hinter ihm vor Schmerzen wimmerte. So eine verdammte Scheiße, dachte er.

    Beispiel (personaler Erzähler mit geringer narrativer Distanz):
    Bob riss den Rucksack auf. Das Verbandszeug, schnell! Wo hatte er es hingepackt? In die Seitentasche? Hinter ihm wimmerte Bobette. So eine verdammte Scheiße!

    Müsste ich einen Favoriten auswählen, spräche ich mich ganz klar für den personalen Erzähler mit geringer narrativer Distanz aus. Ich finde diese Erzählperspektive nicht ganz so »vereinnahmend« wie einen Ich-Erzähler, obwohl ich im Kopf des PoV-Charakters sitze und alles aus seiner Sicht mitbekomme. Das ist aber ein sehr subjektives Empfinden und Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.