Es gibt 62 Antworten in diesem Thema, welches 3.121 mal aufgerufen wurde. Der letzte Beitrag () ist von Tariq.

  • Ob es hier auch geistig Behinderte gibt? Oder ist dieses Heim nur für Senioren? Vielleicht werde ich es heute herausfinden, wenn ich mein Zimmer verlassen kann. Es ist schon verrückt, dass ich mich darauf freue, in einen Rollstuhl gesetzt zu werden. Was das wohl für ein Stuhl ist? Ich werde immer jemanden brauchen, der ihn schiebt, denn meine linke Hand hat weder die Kraft noch schafft sie die gezielte Bewegung, die man dazu braucht. Wahrscheinlich werde ich im Kreis fahren, wenn ich es versuche.
    Hoffentlich kann man damit auch ins Freie. Dann könnte ich mit Beate mal eine Runde im Grünen drehen, wenn sie da ist. Das Pflegeheim hat sicher einen Park. Oder sie kann mich den Bürgersteig entlang schieben, bis wir irgendwann umkehren.
    Noch bevor ich beginne, mich auch darauf zu freuen, wird mir klar, dass ich gar nicht weiß, wo ich mich befinde. In welchem Heim bin ich überhaupt? Hat Beate das je erwähnt? Welche Stadt ist das?
    Ich stelle verwundert und auch ziemlich verärgert fest, dass ich tatsächlich keine Ahnung habe, wo ich hier bin. Ich habe mich nie dafür interessiert. Es war ja auch nie ein Thema, über das wir hätten sprechen sollen. Sicher hat Beate es mir gesagt, aber entweder habe ich nicht zugehört oder ich habe es vergessen. Obwohl – so was vergisst man nicht! Oder? Bin ich doch nicht mehr ganz klar im Kopf? Hat der Schlaganfall meinem Verstand geschadet?
    Heißer Schreck durchzuckt mich. Irgendjemand hat mal gesagt, wenn man Demenz hat, vergisst man seine Vergangenheit. Sofort beginne ich im Kopf meinen Lebenslauf zu rekapitulieren und zu meiner unendlichen Erleichterung fallen mir die Namen meiner Kinder und Enkelkinder ein und auch die vielen Dinge aus meiner Kindheit, an die ich mich erinnere, sind klar und keineswegs lückenhaft.
    Kann man vom Schlaganfall überhaupt Demenz bekommen? Warum bin ich nur so schrecklich ungebildet! Fünfundsiebzig Jahre lebe ich jetzt und habe niemals einen wirklichen Gedanken daran verschwendet.
    Ich könnte Karl fragen. Er trocknet gerade mein linkes Bein ab und summt immer noch leise „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“. Kritisch betrachte ich ihn. Ob er lacht, wenn ich ihn frage? Bestimmt. Und wenn ja, werde ich erkennen, ob er mich auslacht oder ob er nur über meine Frage amüsiert ist?
    Er schaut hoch und mir genau in die Augen, als hätte er gespürt, dass ich ihn mustere.
    „Oh weh!“, meint er ernsthaft, „was für schwerwiegende Gedanken wälzen Sie denn gerade? Sie sehen aus, aus suchten Sie nach der Quadratur des Kreises.“
    Ich verziehe das Gesicht. Er hat mich ertappt. Aber jetzt habe ich die Chance zu fragen, denn noch sieht er mich erwartungsvoll an. Schon öffne ich den Mund, da fällt mir ein, dass ich die Frage ganz bestimmt nicht verständlich herausbekomme, er dann wieder nachfragen muss, ich gezwungen bin, mich zu wiederholen ...
    Nein. Das wäre zu viel Text. Ganz so mutig bin ich noch nicht. Das „guten Morgen“ von vorhin muss erstmal reichen. Ich mache den Mund wieder zu und schüttle nur lächelnd den Kopf. Ich werde einfach Beate fragen, wenn sie kommt.
    Himmlisch belebender Franzbranntweinduft zieht durchs Zimmer. Karl hat gerade die Flasche geöffnet und schüttelt ein paar Tropfen in seine hohle Hand.
    „Frau Herzel, Sie können ins Bad. Ich bin jetzt fertig.“
    Er muss wirklich sehr laut sprechen, damit sie ihn hört. Ich höre das plüschige Federbett rascheln und mit dem üblichen Stöhnen erhebt sich meine Bettnachbarin. Ihre Kniegelenke knacken hörbar. Wie alt sie wohl ist? Auf jeden Fall erheblich älter als ich. Eigentlich ist sie vom Äußeren her das, was man sich unter einer Omi vorstellt. Sie hat hunderttausend Falten im Gesicht, silberweißes Haar und geht ziemlich krumm, wobei sie sich auf ihren Gehstock stützt. Meist sitzt sie in ihrem Sessel am Fenster und erhebt sich nur, um zur Toilette oder zum Speisesaal zu gehen.
    Bei dem Gedanken an den Speisesaal durchzuckt mich ein froher Gedanke: wenn ich im Rollstuhl bin, könnte ich vielleicht auch dort essen. Hoffentlich kann ich so lange sitzen!

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Hey Tariq :)


    Vermutlich hast du anhand meiner Likes schon bemerkt, dass ich aufgeholt habe :)


    Ich habe Mal wieder mit großer Freude gelesen und die kleinen Geschichten um Hannche und ihre Freunde zaubern mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Die Geschichte mit Erwin war natürlich nicht so schön, aber mit Sicherheit hat Hannche daraus gelernt :)

    Besonders süß fand ich den kleinen Exkurs zum Blauregen xD Meiner ist nämlich auch nie was geworden und kümmert seit jeher vor sich hin, während meine Nachbarin einen wahren Urwald züchtet xD


    Der Pfleger Karl ist mir sofort symphatisch. Wie er sich um seine Damen kümmert, ganz reizend :blush:


    Die Gedanken, die sich Hannche macht, sind aus meiner Sicht sehr gut nachvollziehbar. Man kann richtig mit ihr mitfühlen (mag vielleicht auch meiner persönlichen Erfahrung liegen).


    Und auch wenn ich die Geschichte bis zu einem gewissen Teil bereits kenne, freue ich mich schon auf den nächsten Part :)


    LG :)


  • Frau Herzels Füße angeln nach den Pantoffeln. Inzwischen kenne ich alle Geräusche, die sie morgens verursacht, und kann sie ihren jeweiligen Aktivitäten zuordnen. Und dieses Geschlurfe sind unverkennbar ihre Pantoffeln, die sie sich zurechtrückt. Einen Augenblick ist Stille, dann sagt sie barsch: „Mein Schuh ist nicht da!“

    Karl, der gerade meine funkelnagelneue Jogginghose aus dem Schrank geholt hat, hält inne.

    „Waren wir heute Nacht auf dem Ball, Aschenputtel?“, fragt er und mustert sie streng.

    Ich gluckse leise. Frau Herzel ist das, was man im Allgemeinen als korpulent bezeichnet und die Vorstellung, dass sie nach durchtanzter Nacht elfenhaft in flatterndem Gewand eine Treppe hinab flüchtet, um dem Prinzen zu entkommen, und dabei einen Schuh verliert, ist einfach zu grotesk.

    Karl hat meine Jogginghose auf das Bett gelegt und sich auf die Knie niedergelassen. Leise ächzend holt er den Schuh unter Frau Herzels Bett hervor.

    „Bitte sehr, meine Gnädigste“, sagt er übertrieben höflich.

    Ich verrenke mir fast den Hals, aber ich kann nichts sehen. Schade, das hätte ich gern beobachtet, wie er – so wie der Prinz aus dem Aschenputtel-Märchen – vor Frau Herzel kniet und ihr den Schuh anzieht. Bei der Vorstellung muss ich schon wieder schmunzeln.

    Frau Herzel steht auf, nimmt ihren Stock, schlurft, ohne sich zu bedanken, ins Bad und Karl zieht mir endlich die Jogginghose an. Beim linken Bein kann ich ihm helfen, aber das rechte liegt steif wie ein Baumstamm und ignoriert stur meinen Befehl zum Anwinkeln des Knies. Resigniert presse ich die Kiefer zusammen.

    Karl hat den Pflegewagen schon vor die Tür gebracht und schiebt jetzt meinen Rollstuhl herein. Einen Augenblick bleibt er mit ihm mitten im Raum stehen, damit ich das Edelteil gebührend bewundern kann. Misstrauisch schaue ich mir das chromglänzende und mit schwarzem Leder überzogene Ding an. Bequem sieht es keineswegs aus, erinnert mich eher an einen ausrangierten Zahnarztstuhl.

    Karl muss mir wohl ansehen, was ich denke.

    „Nur Mut!“, tröstet er mich. „Man kann ganz gut darin sitzen, Sie werden sich daran gewöhnen, versprochen.“

    Sicher werde ich das. Im Drangewöhnen habe ich ja inzwischen Übung.

    Ich nicke verunsichert. Ganz wohl ist mir nicht. Seit Wochen habe ich bis auf ein paar Besuche der Physiotherapeutin im Krankenhaus nur gelegen. Endlich werde ich wieder einmal sitzen.

    Er fährt den Stuhl nahe an mein Bett heran und macht eine Armstütze ab. Dann rollt er mich auf die Seite, so dass ich ganz nahe an der Kante liege.

    Ich erschrecke, denn das Gitter ist herabgelassen und ich habe plötzlich furchtbare Angst, dass ich herausfalle. Fast panisch kralle ich mich am Bettlaken fest.

    „Ganz ruhig.“ Karl nimmt meine linke Hand und legt sie neben meiner rechten Schulter auf die Matratze. „Mit der stemmen Sie sich hoch, wenn ich es sage.“ Dann zieht er meine Füße aus dem Bett und lässt sie herabhängen.

    Habe ich überhaupt Schuhe? Vielleicht hat Beate gedacht, dass ich nun für immer nur im Bett liegen bleibe, und mir deshalb gar keine mitgebracht.

    Aber Karl hat plötzlich Hausschuhe in der Hand, schöne, dunkelrote Schuhe mit einer kleinen Applikation vorn und festen Sohlen. Ruck zuck habe ich sie an den Füßen und sie passen wunderbar.

    „Die hat ihre Tochter gestern Abend spät noch gebracht. Wir haben sie angerufen und ihr gesagt, dass der Rollstuhl geliefert wurde und dass Sie am nächsten Tag mal aus dem Bett sollen und dazu Schuhe brauchen. Sie hat ganz neue gekauft, die die Knöchel gut abstützen und nicht rutschen.“

    Während ich noch darüber nachgrüble, ob Beate wegen meiner neuen Hausschuhe extra aus Hamburg gekommen ist, richtet Karl sich wieder auf.

    „So, nun wird es spannend“, verkündet er. „Ich drehe Sie auf die Seite und werde Ihnen dann beim Aufsetzen helfen. Danach warten wir erstmal gemeinsam, bis das Zimmer aufhört, Karussell zu fahren, in Ordnung?“

    Mein Herz klopft wie verrückt. Ist es Angst? Oder Aufregung? Ich weiß es nicht. Es ist auch egal, denn in dem Moment werde ich auf die rechte Seite gedreht und Karl weist mich an, mich mit der linken Hand vom Bett hochzustemmen, während er meine Beine vollends aus dem Bett herausschiebt. Das geht schneller, als ich geahnt habe. Als ich fast gerade sitze, fasst er mich an den Schultern und richtet mich auf.

    „Kopf hoch“, weist er mich an, „und durchatmen!“

    Ich strahle ihn wahrscheinlich wie ein Kind am Weihnachtsmorgen an, denn er lacht leise.

    „Na bitte“, meint er im Tonfall von 'ich habe es ja gleich gesagt'. Noch immer hält er mich an den Schultern fest und hinter seinem Lächeln sehe ich den prüfenden Blick, mit dem er mich mustert. Und in dem Augenblick beginnt es: In den Ohren rauscht es erst leise, dann immer lauter. Anfangs denke ich, es ist die Klospülung, weil Frau Herzel gerade die Badtür öffnet und etwas zu Karl sagt. Aber es ist komisch - sie spricht unhörbar, sie bewegt nur den Mund. Karl bewegt auch den Mund, er scheint ihr genauso lautlos zu antworten, lässt mich dabei aber nicht aus den Augen. Ich hebe den Kopf, sehe ihm ins Gesicht und registriere verwundert, dass er sich von mir entfernt. Er schaut durch eine lange schwarze Röhre auf mich herab und während ich noch überlege, wie er es wohl macht, dass er mich aus der Entfernung immer noch an den Schultern festhalten kann, reißt der Film.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    Einmal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Jetzt habe ich auch aufgeholt :)

    Ich liebe Karls unerschütterliche Art einfach. Verbunden mit seinem Humor ist er wie gemacht für den Beruf des Pflegers :)

    „Waren wir heute Nacht auf dem Ball, Aschenputtel?“, fragt er und mustert sie streng.

    Ich gluckse leise. Frau Herzel ist das, was man im Allgemeinen als korpulent bezeichnet und die Vorstellung, dass sie nach durchtanzter Nacht elfenhaft in flatterndem Gewand eine Treppe hinab flüchtet, um dem Prinzen zu entkommen, und dabei einen Schuh verliert, ist einfach zu grotesk.

    hier musste ich herzlich lachen :D konnte mir Frau Herzel gut vorstellen, zwar mit flatterndem Gewand, aber ebenso mit grimmigem Gesichtsausdruck :D

  • Lieben Dank, liliancd , für's Dranbleiben und für dein Interesse :) . Ja, ich mag Karl auch sehr und ich mag auch die schrullige, mürrische Frau Herzel. Heute kommt ein kurzer neuer Part und ein neuer Name dazu.

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    Als ich meine Augen öffne, sehe ich das vertraute Stück Zimmerdecke mit dem kleinen Wasserfleck in der Ecke und der Spinnwebe, auf die ich Frau Kehrer schon einmal hinweisen wollte. Gerade habe ich noch gesessen, richtig, Karl hat versucht, mich in den Rollstuhl verfrachten. Und jetzt liege ich wieder, meine Beine sind erhöht gelagert und der Mercedes steht mit der Rückenlehne zu mir in der Ecke neben der Tür, als wäre er beleidigt.

    Ich drehe den Kopf, um herauszufinden, ob Karl noch da ist. Er ist es, ich sehe durch die geöffnete Badtür, wie er bei Frau Herzel am Waschbecken steht und ihr den Rücken schrubbt, den sie krumm macht wie eine Katze, wenn sie sich streckt. Fehlt nur noch, dass sie schnurrt, denke ich missmutig. Jetzt wirft er einen Blick zu mir herüber und lächelt, als er sieht, dass ich die Augen wieder offen habe.

    Ich bin enttäuscht. Das ist nun der erste Versuch gewesen und gleich ordentlich in die Hose gegangen. Und ich habe mich so darauf gefreut. Was für eine jämmerliche Figur ist nur aus mir geworden! Ich kann nicht mal mehr sitzen. Und dabei habe ich eigentlich schon damit geliebäugelt, irgendwann mal wieder gehen zu können.

    Mein Sichtfeld verschwimmt und zu bemerken, dass ich im Begriff bin, in Tränen auszubrechen, vergrößert meinen Ärger noch. Wütend blinzle ich das salzige Nass weg, drehe den Kopf zur Wand und ziehe die Nase hoch. Ein Taschentuch schiebt sich von rechts in mein Blickfeld und als ich danach greife, begegne ich Karls mitfühlendem Blick.

    Wie lange muss man Pfleger sein, bis man sich so in die Menschen hineinversetzen kann? Ich habe manchmal das Gefühl, dass Karl mir direkt in die Seele schaut. Er hat was Väterliches an sich, obwohl er doch vom Alter her mein Sohn sein könnte ...


    Ich weiß noch, wie ich mich freute, als Joachim geboren wurde. Nach dem Mädchen kam nun ein Junge, ganz so, wie es sein sollte. Ich war stolz und Siegfried natürlich genauso. Siegfried war mein Mann und wir waren ein glückliches Paar. Geheiratet hatten wir neunzehnhundertfünfundfünfzig, ich war gerade neunzehn geworden. Und ein Jahr darauf war schon Beate da, die sich zu einem rotbäckigen Wonneproppen entwickelte. Es fehlte uns an nichts, wir lebten damals in einem richtigen Wohlstand. Wenn man bedenkt, dass der Krieg erst seit reichlich zehn Jahren vorbei war, dann waren wir wirklich privilegiert. Siegfried hatte einen sicheren Arbeitsplatz in der Druckerei in Pretzberg und verdiente gut. Unsere Kinder waren adrett gekleidet und hatten schöne Spielsachen.

    Das blieb so, bis Siegfried krank wurde. Es begann mit harmloser Kurzatmigkeit, die erst nur bei Belastung, später dann aber auch in Ruhe auftrat. Er hatte nie geraucht und er war sonst immer kerngesund gewesen. Ich begann mich zu sorgen, doch er wiegelte ab. Er sei nur etwas aus der Form, beschwichtigte er mich, träge geworden durch die Arbeit im Büro. Ich ließ mich beruhigen, wenigstens vorerst. Bis ich es nicht länger ignorieren konnte, weil Husten dazu kam und er nachts immer öfter wegen Atemnot aufwachte.

    Ich schaffte es, ihn zu einem Arztbesuch zu überreden. Als er zurückkam, war er wie immer. Das heißt, dass jemand, der ihn nicht so genau kannte wie ich, das sicher angenommen hätte. Aber mir konnte er nichts vormachen. Ich sah hinter der leutseligen Plauderei die Anspannung, die unterschwellige Gereiztheit, die er zu verbergen suchte.

    Als die Kinder im Bett waren und wir gemeinsam im Wohnzimmer saßen, fragte ich ihn.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Hallo Tariq

    eigentlich bin ich momentan nicht so in der Stimmung, mir traurige Geschichten durchzulesen. aber nun bin ich doch wieder hier gelandet. Du schreibst so herzerwärmend und so kinoreif, dass ich mir das alles genau vorstellen kann und mich deinem Hannche ganz nah fühle. Das Aschenputtel war ja wirklich die Krönung, da musste ich schmunzeln. Aber auch wie du den Ohnmachtsanfall beschrieben hast, unglaublich gut.

    Eine wunderbare Geschichte.

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Hallo Tariq,

    als ausgesprochene Leseratte habe ich hier auch schon so manche Geschichte verschlungen. Eigentlich bin ich von jeher eher so der Abenteuertyp, Lederstrumpf, Tarzan und Zorro, die Helden meiner Jugendzeit lassen grüßen. Deshalb habe ich deine Geschichte zunächst nur flüchtig angelesen. Zunächst, aber dann mit jeder weiteren Texteinstellung, hat sie mich derart berührt, das ich oftmals beim Lesen schlucken musste.

    Es waren nicht die Szenen aus dem Pflegeheim, es waren die Erinnerungen von Hannchen an früher. Die hast du so plastisch wiedergegeben, das ich das Gefühl hatte, vor meinen Augen läuft gerade ein Film über meine Jugendzeit ab. Ich wurde 1957 geboren und wuchs in Burgstall auf. Ein kleines Dorf im Schwabenland mit damals gerade einmal tausend Einwohner, einer katholischen und einer evangelischen Kirche, einem VIVO Markt in dem man Lebensmittel kaufen konnte, VIVO kennt wahrscheinlich heutzutage keine Menschenseele mehr, einem Metzger und einem Bäcker und nicht zu vergessen ein halbes Dutzend Wirtshäuser.

    Es gab dort auch einen Milchladen, genauso wie auf dem Bild das du hier eingestellt hast. Fensehen gab es bei uns Zuhause erst als ich in die Schule kam, vorher sorgte das Radio für Unterhaltung, weshalb mir auch Schlagerstars wie Rudi Schurike oder Fred Bertelsmann noch heute ein ein Begriff sind.

    Es ist einfach unglaublich wie du diese Zeit beschreibst, es ist, als wärst du dabeigewesen. Ich kann nur Danke sagen für diese Geschichte die mich wieder in meine Jugenzeit zurückversetzt hat und hoffe, das du noch viel über Hannchen zu erzählen hast.

  • Hallo Tariq


    Ich bin grade eben über deine Geschichte gestolpert und habe mich direkt erstmal fest gelesen. Ich habe selbst fast zwei Jahre als Alltagsbegleitung in einem Altersheim gearbeitet, sogar auf der Demenzstation. Mir sind da auch viele emotionale und eindrückliche Geschichten in Erinnerung geblieben, die den Erinnerungen von Hannah sehr ähnlich sind.

    Du hast einen tollen Stil, der einen immer tiefer in die Geschichte eintauchen lässt und dafür sorgt, dass man immer weiter lesen möchte. Normalerweise wäre das nicht meine präferierte Art von Thema, aber durch die charmanten Charaktere machst du die eigentliche Schwere der Geschichte wieder wett.

    Hannah ist eine unglaublich liebenswerte alte Dame und auch ihr Umfeld ist ziemlich spannend und interessant (ein großes Herz für Karl!)

    Ich freue mich schon auf den nächsten Teil und dem nächsten Versuch mit dem Mercedes :)

  • Voriger Part


    Er meinte, der Arzt habe ihm einen Luftwechsel vorgeschlagen. Eine Kur an der See, die würde ihm helfen. Ich freute mich, denn das bedeutete ja, dass es ihm bald bessergehen würde, und ich drängte ihn förmlich zu fahren. Er war unentschlossen, zögerlich und ich merkte nicht, dass er nicht wollte. Ich wusste ja auch nicht, was der Arzt noch gesagt hatte.
    Siegfried hatte Lungenkrebs. Er war schon sehr weit fortgeschritten und der Arzt hatte ihm keine Hoffnungen gemacht. Die Kur an der Küste machte meinem Mann Angst, Angst, dass er fern der Heimat und fern von seiner Familie sterben könnte.
    Aber das wusste ich damals nicht. Ich musste ihm furchtbar auf die Nerven gegangen sein mit meinem Betteln, dass er fahren sollte. Endlich stimmte er zu. Fünf Wochen nach besagtem Arzttermin packte ich voller Freude seine Koffer. Ich hatte gewonnen. Schließlich hatte ich es ja nur gut gemeint. Ich wollte noch viele Jahre an seiner Seite erleben. Gesund sollte er sein, wieder leistungsfähig und lebendig, so wie er war, bevor er krank wurde.
    Siegfried verbrachte in den Tagen vor seiner Abreise besonders viel Zeit mit Beate und Joachim. Die Kinder waren damals sechs und acht. Auch um mich bemühte er sich. Es fiel mir damals nicht auf. Erst viel später, als die zermürbende Zeit der abgrundtiefen Trauer langsam einer dumpfen Lethargie und noch später einer tiefempfundenen Dankbarkeit ihm gegenüber wich, da kamen mir diese Dinge wieder in den Sinn.
    Mein Mann starb in der zweiten Kurwoche völlig überraschend in der Nacht. Es war genau das eingetreten, wovor er sich gefürchtet hatte – er starb allein, ohne mich an seiner Seite. Zwei Monate später wäre er dreißig Jahre alt geworden.
    Nach dem Anruf aus Sylt nahm ich den ersten Zug, der zu kriegen war. Die Kinder hatte ich bei meiner Mutter zurückgelassen. Mama lebte mit in unserem Haus, so konnten die beiden in der vertrauten Umgebung bleiben.
    Das Personal der großzügigen, hellen und modern eingerichteten Kurklinik auf Sylt war genauso fassungslos wie wir. Eine mütterlich wirkende Dame führte mich in Siegfrieds Zimmer, wo sie ihn auf seinem Bett aufgebahrt hatten, und ließ mich dann allein. Und ich stand sicher eine ganze Stunde vor diesem Bett, ohne einen Schritt näher zu treten oder meinen Mann zu berühren. Ich weinte auch nicht. Ich war wie erstarrt.
    Als ich im Zug nach Sylt saß, hatte sich die irrwitzige Hoffnung, dass alles ein Irrtum sein könnte, nicht aus meinem Kopf vertreiben lassen. Und jetzt stand ich hier und musste die Endgültigkeit der Tatsache kompromisslos hinnehmen. Aber ich verstand es nicht. Wie hatte das passieren können?
    Siegfried sah sehr verändert aus. Mein Blick glitt über die einst vertrauten Züge, als wollten sie die Hände ersetzen, die ihn doch eigentlich streicheln sollten. Wie verabschiedete man sich von seinem Mann? Sollte ich ihn noch einmal umarmen, ihn ein letztes Mal küssen? Was stimmte nicht mit mir, dass ich das nicht tun konnte? Dass ich nicht das Bedürfnis dazu verspürte? Lag es daran, dass er so anders aussah? Seine Wangen waren eingefallen, die Augen in dem beinahe weißen Gesicht dunkel umschattet. Unsere letzte Begegnung lag nur eine reichliche Woche zurück und jetzt fiel es mir schwer, ihn wiederzuerkennen.
    Ich hatte ihn hierher nach Sylt begleitet, war auf dem Weg zum Bus und auf dem Bahnsteig langsam neben ihm hergegangen und mit ihm stehengeblieben, wenn er um Luft rang. Ein Taxi brachte uns vom Bahnhof zur Kurklinik, das hatten wir uns gegönnte. Ich weiß noch, wie der Bau mich beeindruckte und dass ich unentwegt schwatzte. Ich war so unsagbar froh, weil Siegfried endlich hier war. Dass er selbst kaum ein Wort sprach, bemerkte ich nicht.
    Der Arzt, der Siegfried während der Kur betreute, ließ mir ausrichten, dass ich bitte zu ihm kommen sollte, wenn ich mich von meinem Mann verabschiedet hatte. Ich saß ihm gegenüber, knetete ein blütenweißes Spitzentaschentuch zwischen meinen verschwitzten Händen und hörte mit steigendem Entsetzen von Siegfrieds Krankheit, der schlechten Prognose und der niedrigen Lebenserwartung. Siegfried hatte schon vor diesem Arztbesuch zu Hause unter Schmerzen gelitten, mir aber nie ein Wort gesagt. Er war danach noch mehrere Male beim Arzt gewesen, aber auch das hatte er mir verschwiegen. Eine Operation wurde nicht erwogen, sie erschien schon nicht mehr erfolgversprechend. Als er zur Kur fuhr, nahm er bereits Morphium.
    Nun konnte ich plötzlich verstehen, warum er sich das Ja zur Kur so schwergemacht hatte. Und als der Arzt mir von Siegfrieds Angst vor dem Sterben erzählte, konnte ich endlich anfangen zu weinen.
    Als ich wieder zu Hause war, wuchs in mir eine unsagbare Wut auf meinen Mann. Ich wusste, dass das nicht recht war, aber ich konnte nichts dagegen machen. Was er getan hatte, erschien mir so unglaublich egoistisch und ignorant, dass ich am liebsten mit Fäusten auf ihn eingeschlagen hätte, wenn er da gewesen wäre. Er hatte mich ausgeschlossen, mir nicht erlaubt, sein Sterben mit ihm gemeinsam zu durchleben. Und damit hatte er mir eine unsäglich kostbare Erfahrung vorenthalten – sicher in bester Absicht, aber ich wäre so gern den schweren Weg an seiner Seite gegangen. So hatte er mir die Gelegenheit genommen, mich für das Leben ohne ihn wappnen, und das traf mich nun entsprechend unvorbereitet und mit voller Wucht.
    Wir haben nie über Tod und Sterben gesprochen. Es war ein Tabuthema. In der heutigen Zeit ist das anders. Damals war man froh, dass man Krieg und Aufbaujahre überstanden hatte, und genoss die Zeit des Wirtschaftsaufschwungs. Außerdem waren wir jung, es ging uns finanziell gut, wir machten Pläne. Ein drittes Kind wäre uns willkommen gewesen ...


    „Nicht traurig sein. Wir versuchen es später noch einmal, oder?“
    Die Stimme hilft mir, in die Wirklichkeit zurückzufinden. Gerade noch habe ich die Decke angestarrt und bin in Gedanken in Sylt im Büro dieses Arztes gewesen. Als ich verwirrt zwinkere, bemerke ich die kleinen feuchten Rinnsale auf beiden Schläfen. An Siegfried zu denken, tut mir immer noch weh, auch wenn inzwischen vierzig Jahre vergangen sind.
    Ich räuspere mich ein bisschen verlegen und wende Karl das Gesicht zu. Natürlich ist er es, der hier an meinem Bett steht und mich tröstet. Sicher denkt er, ich weine, weil ich umgekippt bin. Das mag ja auch durchaus zum Heulen sein. Aber aufgeben kommt für mich nicht in Frage. Auf jeden Fall werde ich es noch einmal versuchen.
    „Jetzt?“, quetsche ich heraus.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Hallo, Tariq!


    Eigentlich wollte ich nur mal ein bissel reinlesen, aber dann hab ich die ganze Geschichte bis hierher in eins durchgelesen. Es hat mich einfach gepackt. Du kannst dich unglaublich gut in Hannche hineinversetzen und deine Leser dabei mitnehmen. Das letzte Kapitel hat mich sehr traurig gestimmt, weil ich an meine Oma denken musste. Als mein Opa starb, hat sie sich ins Bett gelegt und ist von jetzt auf gleich zum Pflegefall geworden. Sie wollte nur noch sterben und bei ihrem Mann sein, hat auch jeden Abend darum gebetet, nicht mehr aufwachen zu müssen. Sie hat ihn um gut 10 Jahre überlebt, die sie im Bett verbracht hat.

    Entschuldige, ich schweife ab, aber deine Geschichte und dein mitreißender Schreibstil sind dermaßen emotional, dass mir gar nichts anders übrigbleibt, als mich an jene Zeit zu erinnern.


    Ich freue mich auf mehr von Hannche!


    LG

    Tarani

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    Auf jeden Fall werde ich es noch einmal versuchen.
    „Jetzt?“, quetsche ich heraus.
    „Jetzt? Nein, ich denke, es ist besser, Sie frühstücken erstmal richtig und wir probieren es danach nochmal. Trinken Sie eine Tasse Kaffee mehr, das hilft dem Kreislauf. Dann bleiben Sie das nächste Mal vielleicht schon etwas länger sitzen.“ Er legt mir kurz die Hand auf die Schulter und geht zurück ins Bad zu Frau Herzel, um ihr beim Anziehen zu helfen.
    Dieser Schuft! Was denkt er sich! Bin ich ein Waschlappen? Ich werde kein zweites Mal umkippen! Das wäre ja gelacht!
    Ich brauche etwas zu trinken. Auf dem Nachttisch steht meine Schnabeltasse. Es ist nicht einfach, sie in die Hand zu bekommen, denn ich muss mich dazu halb auf die Seite drehen. 'Immer über die gelähmte Seite hinweg arbeiten' höre ich Sammys Stimme im Kopf. Das hat sie in der Schule gelernt, es ist eine besondere Vorgehensweise bei der Pflege von Schlaganfallpatienten. Den Namen habe ich vergessen, ist auch nicht wichtig. Aber jetzt gerade verfluche ich diese tolle Pflegeweise, denn sie macht es mir echt schwer, an die Tasse ranzukommen. Doch mein Zorn verleiht mir Kraft und – einen langen Arm.
    Als ich sie endlich in den Fingern habe, kommt sie mir verdächtig leicht vor und nachdem ich sie an den Mund gesetzt habe, finde ich meine Ahnung bestätigt – sie ist leer.
    „Karl!“
    Hat er mich gehört? Laut genug war es ja.
    Er hat und er steckt den Kopf aus dem Badezimmer.
    „Was ist?“, fragt er.
    Ich halte ihm meine leere Tasse hin. Aber Karl wäre nicht Karl, wenn er das akzeptieren würde. Ich hätte es besser wissen müssen, das merke ich in dem Moment, als er gespielt ahnungslos mit hochgezogenen Augenbrauen fragt: „Was möchten Sie denn?“
    Also doch ein Schuft! Ich wusste es.
    „Trinken!“ Himmel, es klingt wirklich wie ein Ofenrohr. Vorhin ging das viel besser. „Bitte“, setze ich hastig nach, denn ich merke, dass Karl seine hohe Stirn in Falten legt.
    „Und was möchten Sie trinken?“, forscht er, während er sich die Hände abtrocknet und aus dem Bad herauskommt, nicht ohne vorher noch einen kurzen Blick zu Frau Herzel zu schicken.
    Ich knirsche mit den Zähnen. Heute will er's wirklich wissen.
    „Egal.“ Nein, zu mehr als einzelnen Wörtern kann er mich nicht motivieren. Jedenfalls heute nicht. Das können wir gern morgen versuchen.
    Ein triumphierendes Grinsen huscht über sein Gesicht.
    „Ich bringe Ihnen gleich was“, versichert er und verschwindet wieder im Bad. Kurz darauf kommt Frau Herzel auf ihren Stock gestützt heraus und marschiert zur Tür. Im Vorbeigehen wirft sie einen kurzen Blick auf mich, dann verlässt sie das Zimmer. Und wie immer, wenn ich sie von hinten sehe, kann ich über Karls friseurtechnische Fertigkeiten nur staunen. Aus dem silbrigen Haarknoten lugt keine einzige Strähne hervor. Und in dem Moment, wo sie davongeht, bin ich so fürchterlich neidisch auf sie, dass ich am liebsten sofort einen neuen Versuch mit dem Rollstuhl unternehmen würde.
    Karl hat das Badezimmer aufgeräumt und richtet Frau Herzels Bett. Mit einem Ruck schleudert er die Gardine zur Seite und öffnet das Fenster weit. Tief und dankbar atme ich die hereinflutende frische Morgenluft ein.
    Meine Bettnachbarin macht mich rasend. Sie ignoriert mich so hartnäckig, dass ich sie am liebsten mal schütteln und richtig anbrüllen würde, nur damit sie mich wahrnimmt. Was habe ich ihr getan, dass sie mich so mit Nichtachtung straft? Bin ich ihr wirklich völlig egal? Ich nehme mir fest vor, härter mit der Logopädin zu arbeiten, denn irgendwann einmal will ich Frau Herzel diese Fragen stellen können. Und dann muss sie mir Rede und Antwort stehen!
    Ich könnte auch Karl fragen, aber das würde bedeuten, dass ich meinen Vorsatz, heute nur einzelne Worte zu sprechen, brechen würde. Na schön, dann frag ich ihn eben morgen.
    In einer Hand die schmutzige Wäsche, in der anderen meine leere Tasse macht Karl sich pfeifend davon. Ich schaue ihm nach und fühle mich elend. Das hätte so ein schöner Tag werden können! Warum musste ich auch schlappmachen? Ich könnte jetzt im Rollstuhl sitzen und endlich mal einen Blick auf das Innere vom Heim werfen. Am Einzugstag hatte ich kein Interesse dafür und sowieso die Augen voller Tränen. Wie viele Leute hier wohl wohnen? Ob es auch welche gibt, die keinen Besuch bekommen, die weder Kinder noch eine Erika Schneider haben, die ihre Blumen versorgt und Apfelsaft mitbringt, den sie mit ein bisschen Apfelkorn „verdünnt“ hat.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Manchmal habe ich mit meiner Nachbarin abends 'über den Zaun' einen Apfelkorn getrunken. Ich weiß noch genau, wie das angefangen hat mit uns beiden. Das war kurz nach der Grenzöffnung, neunzehnhundertzwei- oder dreiundneunzig. Frau Schneider hatte sechs Apfelbäume in ihrem Garten und ich fragte sie irgendwann einfach mal, was sie mit den vielen Äpfeln macht.
    „Flüssiges Gold“, antwortete sie schmunzelnd und ich glaubte natürlich, dass sie Most meinte. Der ist ja auch wirklich kein Vergleich mit dem gekauften Konzentrat aus dem Supermarkt. „Möchten Sie mal einen Schluck kosten?“ Sie lächelte ein wenig schelmisch, während sie das Laken, das sie gerade von der Leine genommen hatte, zusammenfaltete und oben auf den Wäschekorb legte.
    Ich dachte, warum eigentlich nicht, und bot deshalb an, dass ich schnell ein paar belegte Brote machen würde und wir gemeinsam zu Abend essen könnten. Frau Schneider willigte sofort ein und jeder von uns ging, seinen Part zu erfüllen.
    Als wir dann an meinem kleinen Gartentisch auf den verschnörkelten, schmiedeeisernen Gartenstühlen saßen mit einer kleinen Kerze auf der karierten Tischdecke, den belegten Broten und einem kleinen Teller Gewürzgurken vor uns, schenkte Frau Schneider mir in mein Saftglas meinen 'Schluck zum Kosten' ein. Ich wunderte mich noch, dass sie nur so wenig ins Glas gab, setzte an und hatte – nach einem kurzen, aber heftigen Hustenanfall – den leckersten Apfelkorn, den ich je auf der Zunge hatte, probiert. Genießerisch stöhnte ich auf, ließ den zweiten Schluck langsam durch meine Kehle rinnen und leckte mir die Lippen. Ja, das war ein Tröpfchen, das der Bezeichnung, die ihm Frau Schneider gegeben hatte, alle Ehre machte. Apfelsaft - auf was für einem Holzweg war ich gewesen! Das war wirklich und wahrhaftig flüssiges Gold.
    „Meine Güte“, flüsterte ich ehrfürchtig, „der hat es aber in sich!“
    Frau Schneider lachte.
    „Den mache ich selbst“, erklärte sie. „Es ist immer das gleiche Rezept, aber jedes Jahr schmeckt er anders. Das liegt an den Äpfeln. Je mehr Sonne sie hatten, desto süßer wird er.“ Sie sagte es ohne jede Selbstgefälligkeit, ohne sich zu rühmen. Dabei hätte sie wirklich Grund dazu gehabt.
    Ich nahm noch einen kleinen Schluck und schmatzte genießerisch.
    Sie lachte wieder und prostete mir zu. „Das können wir gern öfter mal machen.“
    Nach einem dritten Gläschen stand ich auf.
    „Ich hole mal etwas Ungefährliches zum Trinken. Wenn ich den ganzen Abend bei dem Tropfen bleibe, kann ich für nichts garantieren.“
    Auf nicht ganz sicheren Füßen begab ich mich in die Küche, um richtigen Apfelsaft zu holen. Zum Glück hatte ich noch welchen oben, denn sonst hätte ich in den Keller gehen müssen und das schien mir in Anbetracht des leicht schwankenden Bodens doch nicht ratsam.
    Als ich zurück in den Garten kam, hatte Frau Schneider schon wieder nachgeschenkt. Nicht ganz zielsicher stellte ich den Apfelsaftkrug und eine Flasche Mineralwasser daneben und ließ mich wieder auf meinem Stuhl nieder, der auch schon mal ruhiger gestanden hatte.
    „Auf noch viele nette gemütliche gemeinsame Abende!“
    Ich lachte. „Das hätten wir wirklich schon längst mal tun sollen.“ Klingend stießen unsere Gläser zusammen. Die kleinen Gewürzgurken blieben einsam auf dem Tisch zurück. Mir schien, als wären sie keine gute Kombination zu dem edlen Tropfen.
    Man kann es sicher ahnen: Es blieb nicht bei den vier Gläsern. Der Krug leerte sich und ich lachte mit Frau Schneider zusammen so viel wie schon lange nicht mehr. Es war ein wundervoller Abend, warm und gemütlich und wir saßen bis weit nach Mitternacht zusammen. Irgendwie beschlich mich mit steigender Stunde der Verdacht, dass unsere Gläser sich heimlich vermehrten, aber ich zuckte nur die Achseln und griff von da ab immer nach dem linken. Und – was noch merkwürdiger war – sie leerten sich gleichzeitig, obwohl ich immer nur aus einem trank. Die Sterne tanzten einen fröhlichen Reigen zu unserem Gesang und ein Kauz in der Nähe beantwortete unser Gekicher mir einem verhaltenen 'Schuhu', als wolle er sich über die gestörte Nachtruhe beschweren.
    Wir entdeckten viele Gemeinsamkeiten, fanden heraus, dass wir keineswegs unter Einsamkeit litten, obwohl wir beide allein waren. Wir schimpften über Fernsehsendungen und Politiker, über das Gesundheitswesen, die Preise und das Wetter.
    Als die Kerzen heruntergebrannt und der Krug mit dem Apfelkorn genauso leer war wie der mit dem Apfelsaft, beschlossen wir schweren Herzens, den Abend zu beenden.
    „Schaffst du es bis nach Hause?“, fragte ich und kämpfte gegen einen hartnäckigen Schluckauf. Wir waren so gegen Mitternacht beim
    Du angekommen und hatten daraufhin noch ausgiebigst Brüderschaft getrunken.
    „Du liebe Zeit!“, murmelte Erika, als sie aufstand. „Dein Gartenzaun steht nicht still.“
    Wieder kicherte ich, während ich mit einem kritischen Stirnrunzeln verstohlen meine weißen Zaunslatten musterte, und wieder schuhute der Kauz. „Sei still und schlaf!“, rief ich ihm zu.
    Jetzt kicherte Erika. „Himmel, was sind wir albern. Bestimmt haben wir ein bisschen viel getrunken.“
    „Wie kommst du denn darauf?“ Meine Stimme klang ein wenig gepresst, denn ich hatte mir gerade den großen Zeh an einem der unzähligen Beine meines schmiedeeisernen Stuhls gestoßen und mir wäre fast ein derbes Schimpfwort entschlüpft.
    Erika hielt sich an meinem nicht stillstehenden Gartenzaun fest und maß mit einem prüfenden Blick die Entfernung bis zu ihrem Haus.
    „Doch, doch, das schaffe ich schon. Ich weiß zwar noch nicht, ob ich die Treppe zum Schlafzimmer hinauf bewältigen werde, aber zur Not schlafe ich gleich unten auf der Couch. Also dann“, sie straffte sich, „mach's gut. Es war ein toller Abend.“
    „Ja, das war es. Und es war ein toller Apfelkorn. Gute Nacht.“ Ich ließ die vielen Gläser bei den Gewürzgürkchen zurück und visierte die Tür zur Küche an, um mit energischen Schritten darauf zuzusteuern. Kurze Besinnung vor den drei Stufen, dann tief Luft holen und hinauf. Als ich die Tür hinter mir schloss und mich erleichtert mit dem Rücken dagegen lehnte, hörte ich ein letztes 'Schuhu' vom Kauz.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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    Einmal editiert, zuletzt von Tariq ()

  • Die Tür öffnet sich, und ein Tablett wird hereinbalanciert, gefolgt von Ella. Ella ist groß, dunkel, nett und aus Jugoslawien. Eigentlich heißt sie nicht Ella, aber alle nennen sie so, denn ihr richtiger Name ist länger und so schwierig, dass ich ihn mir gar nicht gemerkt habe. Ella ist fürs Grobe zuständig. Sie hat keine pflegerische Ausbildung, aber ein riesengroßes Herz, in das sie jeden ihrer Schutzbefohlenen bedingungslos einschließt.
    „Wie geht es?“, fragt sie lächelnd, stellt das Frühstückstablett auf dem Nachttisch ab und greift nach der Fernbedienung für das Bett.

    Sogleich wappne ich mich für das ruckelige Hochfahren des Kopfteils, denn irgendwie funktioniert das nicht richtig und schüttelt mich so richtiggehend durch.
    Ich wiege den Kopf hin und her und ziehe eine Grimasse.

    Ella grinst.
    „Karl sagt: sollen sprechen!“, radebrecht sie, während sie den Betttisch des Nachtschranks ausklappt und vor meinem Oberkörper platziert.
    Ich funkle sie gereizt an, worauf sie wieder grinst. „Karl sagt auch: will nicht sprechen.“
    Also, da hört doch alles auf! Ist das eine Verschwörung hier? Ich will erst sprechen, wenn es wieder besser geht, wenn ich vor meiner eigenen Stimme nicht mehr erschrecke. Und bis dahin sollten auch die Sprechversuche nur von der Logopädin gehört werden. Wieso wollen plötzlich alle, dass ich spreche?
    Ella legt mir den Kleiderschutz um und stellt Teller und Tasse vor meine Nase.
    „Guten Appetit“, meint sie verschmitzt und bleibt abwartend stehen. Und weil ich ja höflich bin, presse ich ein leises 'Danke' heraus, das natürlich alles Mögliche ist, aber ganz bestimmt nicht leise.
    Sie nickt mir fröhlich zu und verschwindet. Als ich mir ganz sicher bin, dass sie sich nicht umdreht, strecke ich ihr die Zunge heraus.


    Ich sitze im Wintergarten des Ostkorridors und bin voll und ganz damit beschäftigt, meine närrische Freude im Zaum zu halten. Wenn ich mich nicht zusammenreiße, kann es nämlich passieren, dass ich jedem, der vorbei-kommt, ein völlig idiotisches Grinsen schenke. Ich throne hier in meinem Rollstuhl, als wäre ich eine Königin. Vor noch nicht einmal zehn Minuten hat mich Karl hineingesetzt – ohne jemanden zu Hilfe zu holen übrigens. Zum Fürchten habe ich gar keine Zeit gefunden, so schnell ist das gegangen. Und es hat geklappt! Diesmal ist mir nicht schwindlig geworden. Ich hatte zwar wieder das Rauschen in den Ohren, aber nicht so schlimm wie vor dem Frühstück. Siehst du, habe ich in Gedanken zu dem Rollstuhl gesagt, so kommen wir doch noch zueinander.
    Karl hat mir meine Strickjacke angezogen und eine Decke über die Beine gelegt und mich in den Wintergarten gebracht. Vor mir steht eine Tasse mit Tee und daneben liegen mein Tuch zum Speichel abwischen und die Klingel. Ich streiche mit der Hand über die weiche Wolldecke und lächle. Was für eine Errungenschaft. Jetzt geht es aufwärts.
    Als ich den Blick hebe und aus dem Fenster schaue, sehe ich ein Vogelhäuschen außen an der Glaswand hängen. Obwohl es April ist und längst schon kein Schnee mehr liegt, hat irgendjemand Futter hineingetan und es herrscht ein reges Treiben dort.


    Wir hatten zu Hause auch Futterhäuschen für die Vögel. Als wir Kinder waren, haben wir mit Großmutter Meisenknödel und Futterglocken aus Blumentöpfen gemacht. Großvater hat uns später geholfen, sie aufzuhängen. An den kalten Wintertagen knieten wir dann nebeneinander auf der harten Küchenbank und drückten die Nasen an die kalte Fensterscheibe, um den kleinen, hungrigen Gästen bei ihrer Mahlzeit zusehen zu können. Einmal war sogar ein Eichelhäher gekommen. Alle Vögel stoben davon, als er sich auf dem Dach des Futterhäuschens niederließ. Auch wir waren für einen Moment erschrocken zurückgefahren und wir staunten wir über sein wunderschönes Gefieder. Sicher hatten wir schon Eichelhäher im Wald gesehen, aber noch nie von so nahe.
    Da wir ziemlich am Rand des Dorfes wohnten, kamen öfter mal Tiere aus dem Wald ein wenig näher an unser Haus. So hatten wir schon Eichhörnchen auf der Fensterbank, Igel im Garten und einen Fuchs, der mit unverkennbarem Interesse um den Hühnerstall herumschlich und –

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Heyho Tariq

    Hab' mich mal wieder in Deine Erzählung reingewagt und die letzten drei Posts gelesen. Schön...wirklich schön.

    Trotzdem kann ich mir nicht viel davon auf einmal antun...das spült mir jedesmal Erinnerungen hoch.

    Keine schlechten, das meine ich damit nicht.

    Nur eben mehr so traurig-schöne.

    Wie soll ich mich am besten ausdrücken?

    Es sind Erinnerungen, die ich bewahre, an die ich aber aus vielerlei Gründen nicht gerne erinnert werde.


    Anderer Versuch zu beschreiben, was "Hannche" fast jedesmal in mir auslöst:

    Ich sitze verpennt als 24jähriger Zivi um viertel vor Sechs morgens im Teamzimmer, schlürfe einen Becher heißen Kaffee mit viel Zucker und lausche dem Übergabebericht der Nachtwache. Eigentlich will keiner hier raus, aber wir alle wissen, daß ein neuer Tag angefangen hat. Also machen wir uns an die "Arbeit".

    "Guten Morgen Frau B." "Guten Morgen Herr P."

    Und es ist ein guter Morgen, weil auch Herr S. noch atmet und mir auf meinen Gruß antwortet, als ich sein Zimmer betrete.

    • Offizieller Beitrag

    Hat mich jemand gerufen?

    Blinzelnd öffne ich die Augen. Draußen dämmert gerade erst der Morgen.

    Also ich habe den ersten Post gelesen, kann aber noch nicht viel dazu sagen. War ja auch erstmal ein kleiner Einstieg. Aber es ist auf jeden Fall mal was anderes und das finde ich schon nach den wenigen Zeilen bisher interessant.

  • Auf dem Gang werden Stimmen laut. Karl hat mich zum Glück so hingestellt, dass ich sowohl nach draußen als auch den ganzen Korridor sehen kann.

    Leute kommen, ein Mann vornweg, der eine schwere Reisetasche trägt, eine Frau, die ihm folgt. Sie gehen an den Zimmern entlang und schauen nach der Nummer. Dann bleiben sie unschlüssig stehen und sehen zurück.

    Gespannt verfolge ich, was dort geschieht.

    Schwester Monika kommt aus dem Fahrstuhl, schiebt einen Rollstuhl. Drin sitzt ein winziges, zierliches Frauchen mit silberweißen Löckchen. Ganz verloren und verschüchtert kauert sie darin und wischt sich verstohlen mit dem Zipfel ihres Taschentuchs über die Augen.

    Mir wird klar, was dieser Aufmarsch bedeutet. Das scheint eine neue Bewohnerin zu sein, noch dazu eine, die mit der Situation nicht glücklich ist. Plötzlich erinnere ich mich an meinen Einzug hier und spüre heftiges Mitleid mit ihr.

    Monika hat inzwischen die Tür geöffnet, vor welcher der Reisetaschenträger und seine Begleiterin stehen geblieben sind. Nun schiebt den Rollstuhl hinein. Mann und Frau folgen, Tür zu.


    Als wir damals in der sechsten Klasse die Neue bekamen, hatten wir uns fest vorgenommen, sie nicht zu beachten. Und wenn sie hässlich oder gar dumm wäre, dann würden wir sie hänseln. Aber Maria machte einen dicken Strich durch unsere Rechnung. Sie war weder hässlich noch dumm. Immer gleichbleibend freundlich begegnete sie unserer Ignoranz mit stoischer Gelassenheit. Bei Sticheleien und Gemeinheiten gegenüber anderen Schülern hielt sie sich raus. Sie war keine Streberin und hatte trotzdem gute Noten. Sie kratzte sich nicht bei Lehrern ein und bekam auch nie Ärger mit ihnen. Maria war einfach ein Phänomen. Möglicherweise lag es daran, dass sie schon fünfzehn und damit zwei Jahre war älter als wir. Ein Schuljahr hatte sie wegen einer langen Krankheit versäumt und ein zweites, weil sie sich während der langen Krankheit ihrer Mutter um die drei kleinen Geschwister kümmern musste. Vielleicht war sie deshalb so ruhig und hatte so viel Geduld. Wenn man im Unterricht etwas nicht verstanden hatte, war man am besten beraten, Maria zu fragen. Sie half einem immer auf eine Art, dass man sich selbst nicht dumm vorkam, aber sie ließ nie jemanden abschreiben. Und seltsamerweise nahm ihr das auch keiner übel. Nicht einmal die Flegel aus der letzten Bankreihe, zu denen auch Fleischers Maxe zählte, denn alle hatten schon Marias Hilfe gebraucht und bekommen, ohne dass zurückliegende Gemeinheiten dabei von ihr zur Sprache gebracht wurden.

    Ich weiß nicht, was aus Maria geworden ist. Wie wir alle verließ sie die Schule nach der achten Klasse und begann im nahe gelegenen Städtchen Pretzberg eine Ausbildung. Ich habe sie nie wiedergesehen.


    Ob die Neue ein Einzelzimmer hat? Oder muss sie sich auch mit einer Mitbewohnerin abfinden, die sie nicht zur Kenntnis nimmt? Oder vielleicht gar mit einer, mit der sie sich nicht verträgt?

    Ich merke plötzlich beschämt, dass ich es mit Frau Herzel gar nicht so schlecht getroffen habe. Es hätte wesentlich schlimmer kommen können. Es gibt ja Leute, die im Kopf völlig verdreht sind und in fremden Schränken herumkramen und die Sachen verwechseln. Schon bei dem Gedanken, dass jemand anders meine Gebissreinigungsdose verwenden könnte, dreht sich mir der Magen um. Nein, ich will versuchen, mich über Frau Herzel nicht mehr zu beschweren.

    Die Tür öffnet sich wieder, Schwester Monika verlässt das Zimmer, gefolgt von dem Mann. Die Frau ist nicht zu sehen. Wahrscheinlich räumt sie die Reisetasche aus und packt alles in den Schrank.

    Wie ist das bei mir damals gewesen? Mich haben die Krankenfahrer ins Zimmer geschoben mit dieser Trage, von der ich jeden Moment herunterzufallen glaubte. Beate kam gleich hinter mir, wenn ich mich recht erinnere. Und Schwester Monika trug meinen Koffer. Vom Korridor habe ich nicht viel mitbekommen. War mir ehrlich gesagt auch egal, völlig egal. Ich wollte nicht hierher kommen, und wohlfühlen wollte ich mich schon gar nicht. Ich hatte mein Rentnerdasein anders geplant und für ein Pflegeheim war in diesen Plänen kein Platz vorgesehen.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Ich weiß nicht, ob hier noch jemand liest, aber ich poste mal noch einen Teil.

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    In Pretzberg gab es auch ein Pflegeheim. Es stand neben der Kirche und wenn ich vom Einkaufen kam und zur Bushaltestelle ging, habe ich oft über die Hecke geschaut. Bei schönem Wetter saßen die alten Leute auf den Bänken vor dem Haus oder im Rollstuhl. Ein paar von ihnen schliefen mit tief auf die Brust herabgesunkenem Kopf und offenem Mund, einige unterhielten sich. Die meisten starrten stumm und teilnahmslos vor sich hin, die Hände im Schoß oder um den zwischen die Knie gestellten Gehstock gekrampft. Manchmal saßen Angehörige neben den Alten, aber das war selten vormittags, das kam eher nachmittags vor, wenn die Tochter nach der Arbeit schnell nochmal bei Mutti im Heim vorbeischaute, bevor sie zu Mann und Kindern nach Hause eilte.


    Ich merke, dass ich bitter werde. Selbstmitleid spült wie eine große, graue Welle über mich hinweg und lässt mich Beate vermissen. Nicht, dass sie mich zu Hause ständig besucht hätte, nein, aber jetzt vermisse ich sie. Es ist zu dumm, ich kann noch so sehr nachgrübeln, ich weiß nicht, in welchem Ort das Pflegeheim ist. Ich glaube nicht, dass Beate das über mich hinweg entschieden hat. Aber kann man denn so vergesslich sein? Vielleicht bin ich ja in Pretzberg? Vielleicht bin ich in genau dem Heim, an dem ich immer vorbeigegangen bin?
    Misstrauisch spähe ich aus der breiten Fensterfront des Wintergartens. Der Sonne nach müsste der Wintergarten nach hinten raus gehen, also kann ich die bewusste Straße von hier nicht sehen. Und diese große Fabrik, die sich hinter dem Pflegeheim ausbreitet – ist das Pretzberg? Ich schaue von hier oben auf einen halb gefüllten Parkplatz und mehrere fensterlose Gebäude, sicher bin ich mindestens im zweiten Stock. Vielleicht, wenn ich mich ein wenig vorbeuge, um weiter nach rechts und links sehen zu können?
    Verunsichert und auch ein wenig enttäuscht lehne ich mich wieder zurück. Nichts von dem, was ich da draußen sehe, kommt mir bekannt vor. Eigentlich ist es ja auch egal. Ich komme sowieso nicht mehr in meine Wohnung zurück, da kann das Pflegeheim auch von mir aus sonst wo stehen.
    Wieder rollt eine dieser grauen Selbstmitleidwellen über mich hinweg und auf dem Tisch des Rollstuhles vor meinem Bauch landet ein Tropfen, gleich darauf ein zweiter. Es dauert einen winzigen Moment, bevor ich merke, dass ich schon wieder weine. Wütend wische ich mit dem linken Arm ein paar Mal darüber, als müsse jede Erinnerung an meine Schwäche getilgt werden, und hebe dann den Kopf. Ich habe mir fest vorgenommen, nicht mehr zu heulen. Schließlich bin ich kein Jammerlappen, bin es nie gewesen.


    Als Siegfried damals gestorben war, hatte ich nächtelang geweint. Einesteils, weil ich mich so verlassen und allein fühlte, anderenteils, weil ich so zornig auf ihn war wegen der versäumten gemeinsamen Zeit seiner Krankheit, um die ich mich betrogen fühlte. Und ich hatte Angst, würgende, panikmachende Angst vor der Zukunft. Ich war allein mit zwei Kindern. Es waren nicht nur finanziellen Sorgen, die ich erwartete. Mein ganzes Leben würde so, wie ich es bisher kannte, nicht bleiben können.
    Um alles hatte Siegfried sich gekümmert. Schon der Gedanke, an seinen Schreibtisch gehen zu müssen und den dicken Ordner aufzuschlagen, in den er immer alles einzuheften pflegte, ließ mich verzagen. Versicherungen, Rechnungen, überhaupt all das Finanzielle waren Dinge, die bisher nicht in meinem Zuständigkeitsbereich lagen. Für mich zählten Kinder und Haushalt. Ich hatte dafür zu sorgen, dass die Familie sauber und adrett gekleidet war, dass die Wohnung nicht verdreckte und immer etwas Warmes, Leckeres auf den Tisch kam.
    Jetzt brauchte ich eine Arbeitsstelle. Gelernt hatte ich Strumpfwirkerin. Zwei Jahre war ich in der Lehre in der Pretzberger Strumpffabrik gewesen und hatte dann dort gearbeitet bis zu Beates Geburt. Als die Kinder in die Schule kamen, bin ich nicht wieder arbeiten gegangen. Wie schon gesagt, Siegfried brachte gutes Geld nach Hause und es war nicht nötig gewesen, dass ich mitverdiente.
    Aber nach Siegfrieds Tod war es das plötzlich. Ich ging in die Strumpffabrik und saß mit klopfendem Herzen dem Personalchef gegenüber. Meine Ausbildungszeugnisse lagen vor ihm auf dem nach Möbelpolitur duftenden Schreibtisch, und während der kleine Regulator an der Wand gleichgültig die Minuten zertickte, wartete ich bangen Herzens auf ein Wort des streng wirkenden Mannes vor mir.
    „Wie lange, sagten Sie, haben Sie nicht gearbeitet?“, fragte er schließlich, mich über den Rand seiner Brille forschend musternd.
    Ich war nicht sicher, ob meine Stimme mir gehorchen würde, deshalb räusperte ich mich vorsorglich und antwortete dann unbehaglich: „Achteinhalb Jahre sind es im Sommer.“
    Sein Blick richtete sich wieder auf meine Zeugnisse. Mein Herz sank. So viel gab es dort doch gar nicht zu lesen! Die Prüfungen hatte ich mit einem guten Ergebnis bestanden und meine Lehrausbilderin war in meiner Beurteilung voll des Lobes über mich gewesen. Ich hatte den Personalchef im Verdacht, dass er nachdachte, anstatt zu lesen.
    „Und Sie sind sicher, dass Sie den Anforderungen gewachsen sein werden?“
    Wieder dieser prüfende Blick über den Brillenrand. Das beherrschte er wirklich gut.
    Ich atmete tief durch.
    „Ich bin gern bereit, ein, zwei Wochen auf Probe zu arbeiten“, verkündete ich entschlossen anstelle einer Antwort auf seine Frage.
    Er ließ mich noch ein paar Minuten zappeln, dann klappte er meine Unterlagen zu und nickte.
    „In Ordnung, Frau Benedikt. Wir wollen es mit Ihnen
    versuchen.“
    Ich war unendlich erleichtert. Eigentlich hatte ich nicht mehr damit gerechnet. Wir einigten uns auf eine Woche Probearbeiten, auf ein Einstiegsgehalt, falls das Probearbeiten erfolgreich gewesen sein sollte, auf Urlaubsanspruch und Schichtzeiten.
    Beschwingten Schrittes eilte ich die Treppe hinab. Auf dem Heimweg kaufte ich eine Tafel Schokolade für jedes Kind und für meine Mutter und mich eine kleine Pralinenschachtel zur Feier des Tages. Der unerwartete Erfolg hatte mich übermütig gemacht.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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  • Aye@Tariq


    was andre tun, weiß ich nicht. Aber ich lese noch mit. (Wobei ich gerade merke: "noch" ist auch ein Wort, das man besser nicht gebrauchen sollte. Zu negativ konnotiert.

    Aber egal.

    Hannches Geschichte gefällt mir sehr, berührt mich vielfach und macht es mir dadurch auch durch meine persönlichen Erfahrungen schwer, regelmäßig dran zu bleiben.

    Meinen Hintergrund dazu habe ich hier schon erklärt.

    Und irgendwie läßt mich beim Lesen der Verdacht nicht los, daß Hannche entweder eine noch sehr lebende Person ist. Oder aber eine, deren Weg Du sehr lange begleitet hast.

    Wie's nun auch sei, es sollte erzählt werden.

  • Ich möchte diese Geschichte eigentlich gar nicht lesen, weil sie so herzzerreißend und so präsent ist - die Altersheime schießen ja wie Pilze aus dem Boden - und meine "Alten" wohnen alle so weit weg, dass ich sie nie umsorgen könnte. Und zweitens, weil die Geschichte echt an die Nieren geht. Vielleicht ist das ja auch mal meine Zukunft, wer weiß.

    Du erzählst so gekonnt und so mitreißend und das bei einer Geschichte, die eigentlich "nichts" zu erzählen hat!

    Ich sehe da auch nichts, was ich anmerken könnte.

    Also, schreib einfach weiter!

    Meine Geschichten: * Meermädchen * Kriegerkönigin * Dark Prince

  • Hallo Kirisha und Der Wanderer , ich freue mich sehr, dass euch die Geschichte weiterhin anspricht. Selbstverständlich will ich niemanden damit traurig machen. Und ich bemühe mich auch, deutlich zu machen, dass Hannche selber zornig auf sich ist, wenn sie so "durchhängt", also sich vom Selbstmitleid runterziehen lässt.

    Übrigens ist Hannche weder eine lebende Person noch jemand, dessen Weg ich begleitet habe. Ich habe einfach versucht, einer fiktiven Person so viele Eindrücke aus meinem Berufsleben aufzudrücken, wie möglich, und ihr gleichzeitig erlaubt, eine Menge meiner Kindheitserinnerungen (oder die meiner Eltern, die ich erzählt bekommen habe) zu teilen.


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    Der Mann kommt auf den Gang zurück und verschwindet wieder im Zimmer der Neuen. Ich spitze die Ohren, aber es ist nichts zu hören. Was habe ich auch erwartet? Lautes, hysterisches Schluchzen? Wohl kaum. Unsere Generation ist gewohnt, sich in Unvermeidliches zu fügen, das wird auch für die Neue gelten.
    Sie tut mir leid. Ich habe meine Startprobleme selbst noch nicht alle überwunden, aber ich bin immerhin schon ein paar Schritte weiter als sie. Vielleicht kann ich sie einmal besuchen?
    Ich schüttle über mich selbst den Kopf. Wie würde das wohl ablaufen? Soll ich ihr Mut zusprechen – wo ich schon mit dem Pflegepersonal nicht rede? Oder soll ich ab und zu einfach bei ihr auftauchen – wo ich doch immer selber jemanden brauche, der meinen Rollstuhl durch die Gegend schiebt?
    Resigniert seufze ich. Ich muss mal mit Karl darüber sprechen. Und Sammy? Ja, bestimmt würde Sammy mir ebenfalls einen Rat geben. Aber Karl und Sammy haben auch nicht jeden Tag Dienst. Ella könnte vielleicht helfen, aber sie darf keine Entscheidungen treffen, weil sie nur eine Stationshilfe ist. Mit leichtem Grummeln im Bauch denke ich daran, dass ich den anderen mein Anliegen mitteilen muss, also sprechen.
    Ein neuer, tiefer Seufzer. Es nützt nichts, ich muss unbedingt wieder sprechen lernen. Und die Therapeutin kommt nur zweimal in der Woche für eine halbe Stunde. Will ich meine Sprechversuche wirklich darauf beschränken, werde ich nächstes Jahr noch nicht weiter sein.
    Verstohlen sehe ich mich um. Ich bin allein im Wintergarten und in dem langen Korridor ist auch niemand zu sehen. Entschlossen räuspere ich mich und sage leise: „Hallo.“
    Sofort ziehe ich den Kopf ein, als ob ich wegen meiner Vermessenheit einen Klaps befürchten würde. Aber es kommt kein Klaps und das 'Hallo' ist auch ganz gut gelungen. Vielleicht kippt meine Stimme immer nur, wenn ich zu anderen sprechen muss und deshalb aufgeregt bin?
    Ich versuche es noch einmal.
    „Hallo, ich bin Hannah Benedikt.“
    Die Situation entlockt mir ein belustigtes Kichern. Angenehm, ich auch, antworte ich mir in Gedanken und wische mit dem Taschentuch den nie versiegenden Speichelfaden aus dem Mundwinkel. Ich glaube, das setze ich fort. Wenn ich allein bin und mich keiner hört, werde ich mutig sein und üben. Das ist ein guter Platz hier. Ich kann sehen, wenn sich jemand nähert. Und ich kann Karl überraschen, denn er wird wie alle anderen nichts von meinen heimlichen Sprechübungen erfahren. Und wenn ich glaube, dass ich gut genug geworden bin, dann werde ich ihn mit einer richtigen Rede überfallen.
    Wieder muss ich grinsen. Auf sein Gesicht freue ich mich jetzt schon.
    Schritte auf dem Gang lassen mich aufblicken. Ella kommt. Auf dem Arm hat sie einen Stapel frischer Bettwäsche und lacht mir zu. Mit einem fröhlichen Winken in meine Richtung biegt sie links ab und verschwindet im Zimmer neben dem der neuen Bewohnerin.
    „Da war Ella“, verkünde ich den Vögeln am Futterhäuschen und bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis meiner Bemühungen.


    Es ist schon Abend und ich liege wieder in meinem Bett. Dankbar denke ich an die Stunde, die ich habe im Wintergarten verbringen können. Leider sind all die Ameisen, die mir schon den frühen Morgen vergällt haben, wieder unter meinen Po gekrochen. Und obwohl ich versuchte, es stoisch zu ignorieren, habe ich es doch nicht länger als eine Stunde aushalten können, dann musste ich aufgeben.
    Aber der Anfang ist gemacht. Ich bin stolz auf mich und ich zwinkere dem Rollstuhl in der Ecke neben der Tür verschwörerisch zu, als wäre er ein alter Kumpel. Lächelnd erinnere ich mich daran, dass Karl ihn als meinen Mercedes bezeichnet. Als mich der Pfleger am Nachmittag im Bett aufgesetzt hat, habe ich den Stuhl unauffällig gemustert, um den bewussten Stern vielleicht irgendwo zu entdecken. Aber es gibt keinen und ich glaube nun auch zu wissen, was Karl gemeint hat, denn das Gerät ist entgegen meinen Erwartungen wirklich komfortabel. Sein Geruch nach Metall und neuem Leder ist mir inzwischen vertraut, ebenso wie seine chromglänzenden Gestänge und Hebel. Es stimmt, ein wenig erinnert er an einen Zahnarztstuhl, aber ich bin dankbar für seine Kopfstütze und die verstellbaren Beinhalter. Wir beide haben aufregende Zeiten vor uns, jetzt geht es erst richtig los.


    Ich war sechs, als Vater uns ein Fahrrad nach Hause brachte, 1942, ich weiß es noch ganz genau. Es war blau, stellenweise schon ziemlich rostig und klapperte bedenklich, als er damit auf den Hof fuhr. Der Bürgermeister hatte es ausrangiert und sich woher auch immer ein neues besorgt. Und er hatte Vater gefragt, ob er nicht das alte Rad für seine Kinderschar haben wollte.
    Natürlich brach sofort Streit aus, wer zuerst damit fahren durfte. Keiner von uns sechsen hatte je auf einem Fahrrad gesessen, aber das war völlig unwichtig, wichtig war nur, wer es zuerst nutzen durfte. Ich hielt mich heraus, denn als Jüngste schätzte ich meine Chancen denkbar schlecht ein. Erna und Ursel stritten, weil sie die Ältesten waren, und Martin bestand darauf, dass das Recht der Probefahrt allein ihm zustünde, weil er ein Junge war. Die großen Schwestern lachten ihn schlichtweg aus. Bevor der Streit jedoch eskalieren konnte, kam Mutter vor die Tür.
    „Martin, bitte bring das Fahrrad in den Schuppen und mach das Schloss davor“, wies sie ihn kurz an.
    Ursel und Erna, die zu beiden Seiten des Fahrrades standen und jede einen Griff des Lenkers umklammert hatten, staunten sie mit offenem Mund an.
    „Wir wollten aber mal fahren“, protestierten sie.

    Mutter sah sie nur an. Sie hatte manchmal so einen Blick, da konnte einem das Frösteln kommen. Er war nicht bedrohlich oder erbost, er war eher enttäuscht und - naja, verzagt. Und genauso schaute sie jetzt. Die drei Großen schämten sich. Die Mädchen ließen den Lenker los und Martin schob das kostbare Gut mit hängenden Schultern in den Schuppen. Gudrun, Herbert und ich spürten den Kummer und die verlorene Freude und wir hörten auch, wie sich Erna und Ursel gegenseitig flüsternd die Schuld daran gaben und ihren Vorwürfen mit nicht eben sanften Stößen und Püffen Nachdruck verliehen.

    Das Fahrrad ist nie wieder ein Streitpunkt unter uns Geschwistern gewesen. Irgendwie haben wir es immer geschafft, unsere Ansprüche darauf untereinander abzusprechen, und Mutter brauchte nie mehr einzuschreiten. Sie hat ihre Kinder im Griff gehabt, ohne laut werden oder strafen zu müssen. Ja, Mutter ist wirklich etwas Besonderes gewesen, aber ich schätze, dass das wohl jedes Kind von seiner Mutter denkt.

    Wenn wir wüssten, wie kurz das Leben ist, würden wir uns gegenseitig mehr Freude machen.
    (Ricarda Huch)



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